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MeinungFront

und Debatte 11.06.12//Nr.


22.12.16 Nr.299
133//Seite
Seite10
1 / Teil 01
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! NZZ AG

BÖRSEN Carparkplatz
Zürichs UND MÄRKTE

Die Geringschätzung
Investoren wetten auf Lockerungen
Investoren in den USA bringen sich
zurzeit in Position, um von einer wei-
teren quantitativen geldpolitischen

der Busreisenden
Lockerung zu profitieren.
Seite 21

Gastkommentar Welt liegen Busterminals und Bahnhöfe in Zen-


von ANDREAS DIETHELM trumsnähe, wie in Zürich, aber mit dem Unter-
schied, dass hier eintreffende Busreisende auf
Es ist mit dem Geld ein Elend. Je mehr davon zir- einen schäbigen Parkplatz ausgespuckt werden.
kuliert, desto grösser der Notstand in dessen Über- Eine Blamage für die zwischen Grössenwahn und
schwemmungsgebieten. Gleich dem Wasser, das Minderwertigkeitsgefühlen hin- und hergerissene
von der Sonne im globalen Kreislauf gehalten wird, Postkartenstadt.
ruht das Geld nie. Aber es folgt andern Gesetzen, Die Geringschätzung der Busreisenden ist Aus-
solchen, die allein die Launen der Menschen be- druck einer lange etablierten Hierarchie, jener der
schreiben. Der Geldfluss folgt nicht der Schwer- Departure-and-Arrival-Kultur für Reisende der
kraft, die Verteilung gehorcht nicht der Kraft der Luft, der Schiene und der Strasse. Glamour, Soli-
Wärme. Das Geld fliesst vom Meer der Menschen dität und Austerität. In den unbeschwerten siebzi-
via Steuern und Konsum hinauf, der höchsten und ger Jahren konnten sie Luftfahrten in «Your
sichersten Rendite zu. Palace in the Sky» (so ein Werbeslogan) genies-
In Zeiten unbegrenzter Geldschöpfung und von sen. Die Airport-VIP-Lounge hat überlebt, wäh-
Negativzinsen fluten globale Geldströme den Bau- rend der SBB-Erstklasswartsaal mit dem Takt-
sektor. Die Physik spielt zwar eine grosse Rolle bei fahrplan obsolet wurde. Mit dem heutigen Kom-
der Materialisierung der investierten Mittel, nicht fort auf Schiene und Strasse können unterdessen
aber bei ihrer Rückverteilung. Behelfsmässig sucht nur noch wenige Airlines mithalten.
die Gesellschaft den Stau mit Gesetzen aufzulösen, Kein Grund, jenen lukullischen Exzessen nach-
während Pensionskassen, Fonds und Baugewerbe zutrauern, ist es doch vernünftiger, zum Hotel zu
mit Unterstützung der öffentlichen Verwaltung fliegen, als das Hotel herumzufliegen. Solch
nach Grossprojekten zur Nutzbarmachung der anachronistischen Auswüchsen wird heutzutage
Geldschwemme suchen, seien es Strassen, Sport- bloss noch zur See gefrönt, dort dafür in der üppigs-
stadien, Museen, Verwaltungskomplexe, Spitäler ten und müssigsten Form, der (Kreuz-)Fahrt als
oder Spitalquartiere, Kongresshäuser, also grund- Selbstzweck. Die Transporthierarchie der Reisen-
sätzlich mehrheitsfähige Vorhaben: Transport, den mit einem örtlichen Ziel ist flacher geworden,
Spektakel, Kult, Kontrolle, Pflege und Palaver. doch einen Grund, Busreisende in Zürich wie Ge-
Scheitern können solche Projekte bei den Zür- schmeiss zu behandeln, gab es früher so wenig wie
chern bekanntlich, wenn der Eindruck entsteht, es heute.
werde gemauschelt. In letzter Zeit wird ein privates Was die Stadt auf dem Carparkplatz braucht, ist
Kongresshaus-Projekt auf dem Grundstück des be- kein Leuchtturmprojekt, sondern nicht mehr und
stehenden Carparkplatzes beworben. In Zürich ist nicht weniger als einen Ankunfts- und Abfahrtsort
indessen für Kongressbesucher bereits hinreichend mit einer halbwegs menschenwürdigen Infrastruk-
gesorgt. tur. Und wenn der Vertikale dennoch gehuldigt
Wir haben in Oerlikon ein vor elf Jahren für 145 werden soll, dann mit einem Aussichtsturm, der
Millionen umgebautes Hallenstadion für 11 500 den Ankommenden eine erhebende Offline-Orien-
Besucher. Ende Januar wird in Stettbach eine neue tierung über ihr Reiseziel gestatten würde. Dreissig
Eventhalle 3400 Besuchern zur Verfügung stehen. Meter müssten reichen für einen überragenden
Am Flughafen entsteht 2019 ein Komplex für 2300 Rundblick. Und das Flughindernisfeuer könnte die
Besucher. Laut Kongresshaus Zürich AG haben Leuchtturmfraktion unter den Stadtplanern, das
nur etwa 6 Prozent der Kongresse weltweit mehr als Limmatwehr im Rücken und das Tosen des stür-
1000 Teilnehmer, und Grossanlässe mit mehreren zenden Flusses im Ohr, immerhin nächtens von
tausend Besuchern machen laut derselben Quelle heimtückischen Klippen träumen und erschauern
ebenfalls einen kleinen Anteil aus. Die Hochschu- lassen.
len haben entsprechenden Bedarf schon vor Jahren
Andreas Diethelm ist Umweltberater in Zürich.
verneint.
Es geht demnach nicht um ein ausgewiesenes
Bedürfnis, sondern allein um Investitionsgelüste
und Zufütterung des Baugewerbes. Technisch ge-
sprochen: Der Kongresstourismus ist ein Ange-
bots-, kein Nachfragemarkt. Die wenigen noch un-
bebauten Areale der Stadt erlauben keinen solchen
Schabernack mehr. Jetzt, wo das Kongresshaus am
See für 240 Millionen umgebaut und im Sommer
2020 für 2500 Besucher eröffnet werden wird, be-
steht kein Bedarf mehr für ein zusätzliches Kon-
gresshaus in der Stadt, zuallerletzt auf öffentlichem
Boden.
Was die Promotoren ausserdem vergessen: Das
Areal ist keine Brache. In den meisten Städten der

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