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gefangenen info

unsere solidarität gegen ihre repression

gefangenen info unsere solidarität gegen ihre repression | oktober 2009 | preis: 2 € | nr.

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oktober 2009 |

preis: 2 € |

nr. 350

| www.gefangenen.info

Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen und Leser,

2 Vorwort

Seite 3

3 Extraschleife im mg-Prozess Mobilisierung für den TagX

Schwerpunkt

4 Politische Gefangene in den USA

5 Warum der Fall Peltier kein Justizirrtum ist oder: Warum man das FBI festnehmen müsste…

6 Free the Cuban 5 - Schuldig wegen der Verteidigung Kubas

7 Es geht um Mumias Leben

Inland

8

Die Verantwortlichen sind beim Namen zu nennen! Interview zum §129b-Prozess in Düsseldorf

9

Zur Verhaftung von Verena Becker (Teil 1)

10

Interview mit Werner Braeuner (Teil 2)

International

12 Güler Zere muss freigelassen werden - Der Türkische Staat spielt auf Zeit

13 Wir brauchen jetzt nochmal einen neuen Anlauf, um die Gefangenen aus Action Directe, die noch im Knast sind, rauszukriegen.

ihr haltet mittlerweile die Nummer 350 des Gefangenen Infos in euren Händen. Wir möchten uns deshalb bei allen UnterstützerInnen dieser wichtigen Zeitung bedan- ken, dass das Erscheinen bis zum heutigen Tag ermöglicht wurde. In unserer all- täglichen Arbeit stellen wir immer wieder aufs Neue fest, dass die Bewegung ein Medium benötigt, welches eine Brücke zwischen drinnen und draußen aufbaut und und diese Brücke bewahrt. Auch weiterhin werden wir unser Bestes geben, dem Anspruch zu genügen und uns auch perspektivisch gesund weiterzuentwickeln.

Dass das GI den Behörden ein Dorn im Auge ist, wurde in der Vergangenheit bereits etliche Male unter Beweis gestellt. Nun haben wir einen erneuten Beleg dafür: Die Präsidentin des Oberlandesgerichts Düsseldorf hat gegen den presserechtlichen Verantwortlichen unserer Zeitung, Wolfgang Lettow, eine Strafanzeige wegen an- geblicher „Verleumdung“ erstattet. Demnach sei der Artikel „Nuri Eryüksel: Blind in Beugehaft“ (im GI Nr. 348 vom Juli 2009) Gegenstand dieser Anzeige. Wir werden euch über die Entwicklungen in dieser Sache auf dem Laufenden halten und erklären im voraus, dass das gesamte Redaktionskollektiv geschlossen und konsequent hinter ihrem presserechtlichen Verantwortlichen steht und repressive Maßnahmen uns in unserer Arbeit nicht einschüchtern können. Unser Aufruf lautet von daher: Besucht die §129b Prozesse in Düsseldorf und Stuttgart-Stammheim, unterstützt die Angeklagten und macht die Justizfarce öffentlich (näheres hierzu und zu den aktuellen Besuchsverboten auf Seite 8)!

Zum Schwerpunkt dieser Ausgabe, den wir mit einem einleitenden Text auf Seite 4 versehen haben, ist zu sagen, dass die aktuellen Mobilisierungen ausschlaggebend waren und wir diese im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützen und stärken werden. Wir verweisen ein weiteres Mal auf die dringende Situation in Mumia Abu- Jamals Fall: Achtet auf Ankündigungen und bereitet euch für „Mumia 3+12“ vor (nä- heres hierzu auf Seite 7). Eine weitere Mobilisierung stellt der TagX zum Berliner mg-Prozess dar. Dieser Staatsschutzprozess (den wir mit seinen aktuellen Entwicklungen auf Seite 3 do- kumentieren) bedeutet einen Angriff gegen die gesamte linke Bewegung und muss deshalb mit einer geschlossenen Haltung unsererseits erwidert werden. Achtet auf Ankündigungen auf www.einstellung.so36.net und mobilisiert zum TagX.

Da wir interessiert sind, unsere eigenen Diskussionen für die Leserinnen und Leser transparent zu machen, drucken wir seit der letzten Ausgabe (Nr. 349) die Textserie

„IRH/RHI. Zur Geschichte und Aktualität einer Solidaritäts- und Antirepressionsorgani- sation“ ab. In dieser Ausgabe ist der zweite Teil dieser Serie enthalten und befasst sich mit den Kampagnen und Betätigungsfeldern der historischen IRH. Diese Serie werden wir in der kommenden Nummer fortführen.

IRH/RHI Dossier (Teil 2)

14 Die Kampagnen und Betäti- gungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH)

Feuilleton

16

Rebellische Mosaike

16

Paolo Neri-Ausstellung und Veranstaltungsreihe in Berlin

Gefangene / Briefe aus den Knästen

18

Brief von Nurhan Erdem

18

„Folterkammer Amerika“ Broschüre der Roten Hilfe Deutschland

19

Schreibt den Gefangenen aus unserer Bewegung

20

„Folterkammer Amerika“

Abschließend möchten wir das Vorwort noch dazu nutzen, um unsere neue Bankver- bindung bekanntzugeben. Diese ist unterhalb des Vorworts im Impressum abgedruckt. Wir möchten uns bei den solidarischen GenossInnen und FreundInnen bedanken, die sich für die Errichtung des Kontos eingesetzt haben.

In diesem Sinne:

Repression kann uns nicht einschüchtern! Drinnen und Draußen - EIN KAMPF!

Die Redaktion

E-Mail: redaktion@gefangenen.info

Homepage: www.gefangenen.info

Das Gefangenen Info ist aus dem Angehörigen Info her- vorgegangen, welches im Hungerstreik der politischen Gefangenen als Hungerstreik Info 1989 entstand. HerausgeberInnen: Netzwerk Freiheit für alle poli- tischen Gefangenen und FreundInnen. V.i.S.d.P.: Wolfgang Lettow c/o Gefangenen Info, Stadt- teilladen Lunte e.V., Weisestraße 53, 12049 Berlin Nichtredaktionelle Texte spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Beiträge der Redaktion sind entsprechend gekennzeichnet. Eigentumsvorbehalt: Nach diesem Eigentumsvorbe- halt ist die Zeitung solange Eigentum der/des Absen- derIn, bis es den Gefangenen ausgehändigt worden ist. „Zur-Habe-Nahme“ ist keine Aushändigung im Sinne des Vorbehalts. Wird das Info den Gefangenen nicht persönlich ausgehändigt, ist es der/dem AbsenderIn mit dem Grund der Nichtaushändigung zurückzuschicken.

Anschrift: Gefangenen Info, c/o Stadtteilladen Lunte e.V., Weisestraße 53, 12049 Berlin Redaktion: redaktion@gefangenen.info Vertrieb: vertrieb@gefangenen.info Bankverbindung:

Johannes Santen, Ra Treuhandkonto Gefangenen Info

Konto-Nr.10382200

Bankleitzahl: 20010020 Postbank Hamburg Bestellungen: Einzelpreis: 2 €. Ein Jahresabonne- ment kostet 29,90€ (Förderabo 33,20€), Buchläden, Infoläden und sonstige Weiterverkäufer erhalten bei Bestellungen ab 3 Stück 30% Rabatt. Bei Bestellungen erhalten Sie eine Rechnung, die anschließend auf das Konto des Gefangenen Info zu überweisen ist.

2 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Extraschleife im „mg-Prozess“

Extraschleife im „mg-Prozess“ Im Staatsschutzprozess gegen Axel, Flori und Olli, denen die Mitgliedschaft in der

Im Staatsschutzprozess gegen Axel, Flori und Olli, denen die Mitgliedschaft in der klandestinen Gruppierung „militante grup- pe (mg)“ und ein versuchter Brandanschlag auf drei Bundeswehr-LKWs vorgeworfen wird, hat das Kammergericht Mitte Sep- tember alle Anträge der Verteidigung bis auf einen abgelehnt. Insgesamt brachte die Verteidigung 12 politische Beweisanträge, darunter einen Einstellungsantrag, in die Hauptverhandlung ein (nachzulesen un- ter: www.einstellung.so36.net/de/prozess/ beweisantraege). Die AnwältInnen wollten u.a. Ex-Bundeskanzler G. Schröder, sei- nen damaligen Verteidigungsminister R. Scharping, den früheren Außenminister J. Fischer sowie den ehemaligen NATO-Ge- neral Wesley Clark als Zeugen vorladen. Diese sollten bestätigen, dass die BRD durch ihre militärische Präsenz im Kosovo, im Irak und in Afghanistan an Kriegsverbre- chen beteiligt ist und völkerrechtswidrige Angriffskriege führt. Damit sind, so die Ver- teidigung, anti-militaristische Abrüstungsi- nitiativen vom im Grundgesetz verankerten Widerstandsrecht gedeckt. So heißt es in einem der Anträge: „Die Schädigung von ZivilistInnen ist völkerrechtswidrig. Wenn Deutschland sich an völkerrechtswidrigen Handlungen beteiligt und solchen Hand- lungen zuarbeitet, ist Widerstand dagegen legitim. Wenn der Krieg, der hier geführt wird, angegriffen wird, kann das nur als Wi- derstand gegen eine Beteiligung an einem illegitimen Krieg gewertet werden. Die versuchte Sachbeschädigung, um die es in dem Zusammenhang geht, ist als sym- bolischer Angriff auf einen völkerrechts- widrigen Krieg zu begreifen, durch den die Dramatik der tatsächlichen Lage der Ge- sellschaft vor Augen geführt werden soll, frei nach der Devise: ‚Was in Deutschland brennt, kann in Afghanistan keinen Scha- den mehr anrichten.‘“ Der Strafsenat des Kammergerichts wies die Anträge zurück, da sie „für die Ent- scheidung über die Schuldfrage und die Rechtsfolgen aus tatsächlichen Gründen ohne Bedeutung (sind).“ Lediglich ein BKA- Gutachter wurde als Sachverständiger für Druck- und Kopiertechnik geladen. Der sagte inzwischen aus, dass das angeblich bei einem der Angeklagten gefundene und vom BKA der mg zugerechnete „Minihand- buch für Militante“ kein Originalausdruck ist, sondern mindestens eine erste, wenn nicht gar zehnte, Generationen-Kopie ist.

Für die Bundesanwaltschaft (BAW) und den Strafsenat stellt sich somit das Pro- blem, dass ein weiterer Baustein des Kon- struktes der mg-Mitgliedschaft der drei ra- dikalen Linken aus der sog. Anklageschrift brüchig geworden ist. Zumal in dem schrift- lichen Interview mit der mg, das in der ak- tuellen Ausgabe der Untergrundzeitschrift „radikal“ (www.einstellung.so36.net/de/ radi161) abgedruckt ist, ausgeführt wird, dass das ominöse „Minihandbuch“ nicht in ihrer „Schreibstube“ entstanden ist. Dennoch wird von den Prozessbeobachte- rInnen weiterhin davon ausgegangen, dass BAW und Strafsenat insbesondere das Vereinigungsdelikt (§ 129 – Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“) durch- drücken werden, damit das Exempel der mg-Mitgliedschaft statuiert ist. Wenn dieser Präzedenzfall formaljuristisch abgesegnet sein sollte, ist die Grundlage geschaffen, in künftigen Verfahren mit vermeintlichem mg-Bezug eine Verurteilung nach §129 schnell über die Bühne zu bringen.

Mobilisierung für den TagX

Die Urteilsverkündung in diesem Pilotver- fahren wegen angeblicher mg-Mitglied- schaft wird für Anfang November erwartet. Bereits seit einigen Wochen laufen die Mo- bilisierungen für den TagX. In Berlin und Hamburg wird es Kundgebungen bzw. eine Demonstration geben. In dem Bündnisauf- ruf zur TagX-Mobilisierung aus Berlin heißt es u. a., dass der mg-Prozess ein „Prozess gegen uns alle“ ist: „Repressionsschläge gegen einzelne linke AktivistInnen stellen letztlich immer einen Angriff auf die ge- samte Bewegung dar. Dementsprechend müssen wir auch auf Repression reagie- ren. Das Thema geht uns alle an – nicht nur diejenigen, die gerade akut davon be- troffen sind.“ Klargestellt wird auch, dass die Auseinan- dersetzung nicht nur um das Repressi- onsfeld kreisen darf: „Unser Kampf richtet sich aber nicht allein gegen die Angriffe der Repression, sondern ist vor allem auf die Perspektive einer solidarischen und klas- senlosen Gesellschaftsordnung ausgerich- tet. Diese Perspektive sollten wir auch in der Anti-Repressionsarbeit immer deutlich machen. Im politischen Kampf spielt die Solidarität mit den politischen Gefangenen eine wichtige Rolle, da sie Teil der Bewe- gung sind und wir uns jeder Vereinzelung

und Isolierung der Betroffenen entgegen- setzen müssen.“ Und außerdem bleibt die

alte Lehre: „Wer den Kapitalismus abschaf-

fen will, (

Fokus der staatlichen Repressionsorgane.“ Die Angeklagten im mg-Verfahren haben seit März letzten Jahres mit einer Viel- zahl von Veranstaltungen oder Beiträ- gen das Prozessgeschehen und seine politische Dimension referiert. Trotz des parallel laufenden Verfahrens bzw. der langen Prozessdauer bringen sie sich als politische Subjekte in die Debatte um die Organisierung einer politischen Antirepres- sionsarbeit ein. In ihrer Grußbotschaft zur „Freiheit statt Angst“-Demo haben sie sich u. a. dazu geäußert: „Wenn der Strafsenat versucht, uns für eine anti-militaristische Politik und sozial-revolutionäre Haltung zu bestrafen, richtet sich diese Anklage im Grunde genommen gegen alle linken Kräf- te, die sich gegen einen Staat wenden, der in Bezug auf ‚Krieg gegen Terror‘ einerseits

gerät früher oder später in den

)

Krieg führt, tötet und foltert, andererseits möglicherweise befreiende Gewalt, vom Farbbeutelanschlag bis zum Strassenriot als Mittel gesellschaftlicher Auseinander- setzung mit Sanktionen belegt.“ Auch hin- sichtlich ihres künftigen politischen Enga- gements halten die drei Genossen an einer libertären Perspektive fest: „Widerstand ist und bleibt notwendig, denn der globa- lisierte Kapitalismus wird selbst zum Krieg

) (

Kriegskapitalismus. Deshalb arbeiten wir weiter an der Idee einer klassenlosen Ge- sellschaft.“ Ein solidarisches Gegengewicht zur staat- lichen Repression kann aufgebaut und or- ganisiert werden; das ist ein wichtiges Er- gebnis, das bereits vor dem Ende dieses Staatsschutzprozesses festgehalten wer- den kann. Holen wir noch einmal tief Luft, um unsere Genossen aus dem mg-Verfah- ren zu unterstützen, indem wir uns in Be- wegung setzen! (Red.)

Wir organisieren uns weiter gegen den

Mobilisierungen für den TagX

Berlin: Kundgebung um 8h, Kriminalge- richt Moabit, Wilsnackerstr. 4; Demons- tration um 19h, Kottbusser Tor.

Hamburg: Kundgebung, 19h, S-Bhf. Sternschanze.

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 3

Schwerpunkt

Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
Schwerpunkt politische gefangene in den usa Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das
politische gefangene in den usa
politische gefangene in den usa

Wir haben für unsere aktuelle Ausgabe des Gefangenen Infos das Thema „politische Gefangene in den USA“ als Schwerpunkt gewählt. Den Anlass stellten für uns Aktu- alität und Dringlichkeit von drei Fällen dar, die wir mit jeweils einem Beitrag dokumen- tieren und, soweit es uns der Platz erlaubt, vertiefen möchten. Denn während sich die Situation für Mumia Abu-Jamal zugespitzt hat und seine mögliche Hinrichtung bevor- steht, wurde vor kurzem die Bewährung Leonard Peltiers, der seit 1976 inhaftiert ist, abgelehnt. Gleichzeitig fand am 12. September ein internationaler Aktionstag für die Cuban 5 - Gerardo Hernández, René Gonzáles, Antonio Guerrero, Ramon Labañino und Fernando González - statt, die nun seit 1998 wegen der Verteidigung Kubas vor terroristischen Anschlägen in US-Knästen eingesperrt sind.

Befreiungskämpfe mit langer Tradition

Auch wenn wir uns hierbei nur auf drei spe- zifische Fälle konzentrieren, so ist uns doch bewusst, dass unzählige weitere politische Gefangene, auch jene, die sich erst hinter Gittern politisierten, in US-Knästen einge- sperrt sind. Jedoch stehen diese drei Fälle exemplarisch für viele andere und bergen, jede für sich, eine eigene Geschichte von revolutionärem Widerstand und staatlicher Reaktion. Wenn wir uns einen tieferen Ein- blick in die Kämpfe und ihre Ursachen ver- schaffen wollen, so ist es notwendig, in der Geschichte weit zurückzugehen. Wir wer- den dadurch eine jahrhundertelange Konti- nuität und Tradition des Auflehnens gegen die Vernichtungs- und Assimilierungspolitik der indianischen Bevölkerung Amerikas, die Versklavung der afrikanisch-amerika- nischen Bevölkerung, die kolonialistische Unterwerfung Zentral- und Lateinamerikas durch die imperialistischen Regime, allen voran den USA, und die generelle Ausbeu- tung und Unterdrückung der in den USA lebenden Arbeiterklasse erkennen, welche eindeutig an den sozialen Verhältnissen in den USA abzulesen ist. Die Bewegungen, aus denen die heute ein- gesperrten AktivistInnen stammen, stellen mehrheitlich, trotz ihrer analytischen und ideologischen Weiterentwicklung, eine Fortsetzung dieser jahrhundertealten Wi- derstände dar. Diese Weiterentwicklung, die sich maßgeblich im Laufe des 20. Jahr- hunderts vollzog, führte maßgeblich dazu, die Ursachen der Unterdrückung besser zu verstehen und diese in einen breiteren Kontext zu stellen. So erhielten viele, zu-

vor stark antikolonialistisch geprägte und auf nationale Befreiung ausgerichtete Bewegungen, einen sozialrevolutionären Charakter, deren Ausgangspunkt der Klas- senwiderspruch als elementare Erkenntnis beinhaltete.

Nicht Ausnahme, sondern die Regel:

Komplotts und Langzeit-Haftstrafen

Wenn wir heute von politischen Gefange- nen in den USA hören, sind es in erster Li- nie ehemalige Black Panther-AktivistInnen wie Mumia Abu-Jamal oder American Indi- an Movement (AIM)-Mitglieder wie Leonard Peltier, die aus Befreiungskämpen in den USA stammen. Sie stehen stellvertretend für viele andere Gefangene, deren Namen in der BRD leider nur selten auftauchen, wie z.B. die San Francisco 8, von denen zwei, Jalil Muntaqim und Herman Bell, seit 1971 bzw. 1973 eingesperrt sind, oder Ro- bert Seth Hayes, der seit 1974 eingesperrt ist. Sie, wie viele weitere auch, sind ehe- malige Black Panther-Aktivisten, die durch FBI-Komplotts im Rahmen des COINTEL- PRO-Programms verfolgt, diskreditiert und kriminalisiert wurden. Das COINTELPRO- Programm lieferte dem FBI extralegale Befugnisse, Desinformation zu betreiben und, im wahrsten Sinne des Wortes, Terror zu praktizieren. Dieser Verfolgung waren neben den Black Panthers und AIM-Akti- vistInnen viele weitere revolutionäre Orga- nisationen und ihre Mitglieder ausgesetzt. So standen auch antiimperialistische Orga- nisationen wie die Weather Underground, die sich in den 60ern aus der studentischen Bewegung SDS (Student‘s Democratic So- ciety) heraus gebildet hatte oder die Sym- bionesische Befreiungsarmee SLA, welche verschiedene ethnische Gruppierungen in sich vereinte, auf der Zielscheibe des FBI. Auch diese Organisationen, die mittlerweile nicht mehr existieren, hatten bis vor einigen Jahren noch politische Gefangene. Während das FBI das COINTELPRO zur Aufstandsbekämpfung im Inneren nutzte, lieferte die „Doktrin für Auseinanderset- zungen niedriger Intensität“ dem US-Impe- rialismus Methodik und Richtlinien, um die Aufstandsbekämpfung im Äußeren anzu- wenden, ohne eine militärische Okkupati- on durchführen zu müssen. Exemplarisch dafür stehen die US-Interventionen im ge- samten zentral- und lateinamerikanischen Gebiet, wo Putsche unterstützt und Pa- ramilitärs ausgebildet werden. Deshalb stellen die Cuban 5 oder die puerto-rica- nischen politischen Gefangenen eine wei-

tere Kategorie politischer Gefangener dar, da sie sich in den USA politisch betätigten, um ihre Herkunftsländer bzw. die Kämpfe dort zu unterstützen. Carlos Alberto Torres und Oscar Lopez Rivera, denen ihre Ver- folger eine Nähe zu den puerto-ricanischen Bewaffneten Nationalen Befreiungskräften (FALN) zuschreiben, befinden sich seit über 25 Jahren in US-Knästen und ihre Strafen enden 2024 bzw. 2027. Viele der Haftstrafen gleichen Todesurteilen und US-Knäste verwandeln sich in Särge. Einer der bereits erwähnten San Francis- co 8, Albert Nuh Washington, verstarb im Knast. Safiya Asya Bukhari, Richard Wil- liams, Merle Africa, Kuwasi Balagoon, Ted- dy Jah Heath, Eddie Hatcher und Bashir Hameed sind weitere politische Gefange- ne, die den Knast nicht lebend verließen.

Gefange- ne, die den Knast nicht lebend verließen. Den verschiedenen Kampagnen für die politischen Gefangenen

Den verschiedenen Kampagnen für die politischen Gefangenen in den USA wurde anlässlich eines Aufrufs von 1996 ein ge- meinsamer Rahmen für Vernetzung und Zusammenarbeit gegeben. Der Aufruf, der einer Mobilisierung für eine nationale De- monstration 1998 zum Weißen Haus zu- grunde lag, mündete in der Gründung der Jericho Movement, welche alle politischen Gefangenen in den USA und ihre Kampa- gnen umfassen sollte. Die Demonstration 1998 stellte den praktischen Auftakt dieser Vernetzung dar, dem sich über 50 teilneh- mende Gruppen und Komitees anschlos- sen. Die in diesem Prozess formierten Jericho Organisierungskomitees haben die Aufgabe, über die Existenz der politischen Gefangenen und für die Anerkennung ihres Status als politische Gefangene zu kämpfen und existieren heute in den Bun- desstaaten Kalifornien, New York, Mas- sachusetts, Wisconsin, Pennsylvania und weiteren regionalen Komitees der USA.

Wir hoffen, mit diesem kurzen Einlei- tungstext, der wegen seiner Themenviel- falt um ein vielfaches ergänzt und vertieft werden könnte, auch Interesse für die wei- teren politischen Gefangenen in den USA geweckt zu haben und hoffen, dass die anstehenden Mobilisierungen erfolgreich verlaufen werden. (Red.)

Weitere Infos:

www.thejerichomovement.com

4 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Warum der Fall Peltier kein Justizirrtum ist oder: Warum man das FBI festnehmen müsste…
Warum der Fall Peltier kein Justizirrtum ist
oder: Warum man das FBI festnehmen müsste…

von Lara Melin

Die Geschichte mag absurd erscheinen:

Da wird ein Mensch 1976 in Kanada fest- genommen, wegen Verdachts auf Mord an zwei FBI-Agenten. Dieser Mensch heißt Leonard Peltier, doch er hätte auch an- ders heißen können. Der sogenannte Mord hatte bei einer mehrstündigen Schießerei stattgefunden, als vier später verdächtigte, zusammen mit ca. 30 anderen Männern, Frauen und Kindern, von ca. 150 Beamten der US-Polizei und -Armee umstellt waren. Zwei der Verdächtigten werden im Sommer 1976 vor Gericht gestellt. Sie plädieren auf Selbstverteidigung und werden freigespro- chen. Dann wird Peltier von den kana- dischen Behörden ausgeliefert. Sein Pro- zess beginnt im März 1977. Ihm wird nun als „Mord“ in die Schuhe geschoben, wofür zwei seiner Genossen freigesprochen wor- den sind, und dafür wird er zu zweimal le- benslänglich verurteilt. Könnt ihr noch folgen? Denn damit ist die Geschichte nicht etwa zuende. Es stellt sich heraus, dass Beweise vom FBI ge- fälscht worden sind, dass selbiges FBI ent- lastendes Beweismaterial zurückgehalten hat, dass es Zeugen erpresst hat, damit sie Peltier vor Gericht fälschlich belasten. Das ist nicht banal. Spätere Gerichte sehen sich gezwungen, all diese Anomalien ein- zuräumen, und ziehen den Schluss, dass Peltier wohl nicht des Mordes schuldig ist - wohl aber zweimal lebenslänglich verdient. Ich hoffe, ihr könnt immer noch folgen, denn auch hier ist die Geschichte noch nicht zuende. Es folgen Jahrzehnte der juristischen Auseinandersetzung. Anträge über Anträge werden von Peltiers Anwälten gestellt. Immer mehr Manipulationen des FBI und des Gerichts von 1977 werden be- kannt. Es wird beantragt, den Prozess we- gen der veränderten Beweislage wieder- aufzunehmen; es wird beanstandet, dass die vorgeworfene Tat auf dem Boden eines Reservats geschah und damit gar nicht der US-Justiz unterliegt; es wird betont, dass sich ein Genosse Peltiers inzwischen zu den tödlichen Schüssen bekannt hat; es wird auf Leonards immer kritischeren Ge- sundheitszustand verwiesen; es wird Be- währung beantragt. Doch im Jahre 2009, 33 Jahre später, sitzt Leonard immer noch. Und zwar nicht in irgendeinem Knast, son- dern im Hochsicherheitsgefängnis von Le- wisburgh, Pennsylvania, einem Knast, der für seine rassistischen Ausfälle und Schi- kanen US-weit berüchtigt ist (s. a. Kurzmel- dung zu Oso Blanco). Am 21. August dieses Jahres ist Leonards

Antrag auf Bewährung, trotz der weltwei- ten Mobilisierung für ihn, erneut abgelehnt worden. Denn es geht hier nicht um Recht – und noch viel weniger um Gerechtigkeit. Es geht darum, ein wirksames Exempel dafür zu statuieren, dass der US-Staat und seine Diener unfehlbar und somit unantast- bar seien. Das vermeintlich Absurde dieser Geschichte folgt einer perfiden Logik, die aus Peltier keinen Einzelfall macht, son- dern ein anschauliches Beispiel für das Wirken der US-amerikanischen Ordnungs- mächte. Dieses Wirken ist hinreichend in einem FBI-Programm namens COINTEL- PRO dargelegt, das 1971 unbeabsichtigt an die Öffentlichkeit geriet. Unbekannte waren damals in ein Büro der US-Polizei eingebrochen und hatten dort die Doku- mente gefunden, die die Ziele und Vorge- hensweisen des FBI ans Tageslicht för- derten:

Um staatskritische Bürger unschädlich zu machen, entwickelte das FBI Metho- den, die dazu dienen, einzelne Aktivisten oder politische Strukturen zu diskreditie- ren bzw. ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. Dies betrifft sowohl den öffent- lichen wie auch den privaten Bereich der Zielpersonen. Es werden Lügen gestreut, falsche Tatbestände konstruiert, das Le- ben der Menschen bis in die Intimsphäre hinein ausspioniert, um Punkte zu finden, an denen sie verwundbar sind. Ob ein Vor- gesetzter unter Druck zu setzen ist, um je- manden in die Arbeitslosigkeit zu treiben ob ein Ehepartner von der angeblichen Untreue des Betroffenen überzeugt wer- den kann, um die Familie zu zerstören oder ob jemandem eben ein nicht verübter Mord angehängt werden kann, der ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter

alle Mittel sind dem FBI recht, um

bringt

kritischem Denken und Widerstand einen Riegel vorzuschieben. Leonard Peltier war dem FBI wegen seiner Aktivitäten in der American Indian Move- ment (AIM) aufgefallen. Die indianische Bürgerrechtsbewegung war dem Staat schnell ein Dorn im Auge, denn sie war und ist eine Gefahr für die US-Kontrolle über gewisse ressourcenreiche Reservatsge- biete. Besonders die Uranvorkommen in den Black Hills, die den Lakota-Indianern vertraglich zustehen, jedoch von den USA besetzt gehalten und ausgebeutet werden, sind von größtem Interesse für die Verei- nigten Staaten. Dass emanzipatorische Bewegungen und deren Aktivisten krimina- lisiert werden, um hinter der vorgehaltenen

Protestkundgebung in Berlin vor der US-Botschaft
Protestkundgebung in Berlin
vor der US-Botschaft

Hand wirtschaftliche Interessen durchzu- setzen, ist tatsächlich nicht neu. Indem die Aktivisten der Öffentlichkeit als Kriminelle präsentiert werden, gelingt es dem Staat, die Frage der Schuld umzukehren und sei- ne wahren Machenschaften und Ziele zu verschleiern. Leonard Peltier, der als einer der zen- tralen Verantwortlichen der AIM galt, ist nicht Opfer eines kuriosen Justizirrtums, sondern Spielball einer wohldurchdachten Strategie. COINTELPRO findet heute Fort- bestand im Patriot Act, den Obama kürz- lich verlängert hat. In der Notwendigkeit, Solidarität mit Leonard zu demonstrieren, geht es somit um mehr als darum, Gerech- tigkeit für ihn einzufordern oder sich mit dem Kampf der AIM zu solidarisieren. – Es geht darum kundzutun, dass wir die Lügen egal welchen Staates und seiner Repres- sionsorgane nicht schlucken, dass wir ihr Verbot, Dinge kritisch zu beleuchten, nicht akzeptieren, dass wir unser Recht geltend machen, die Welt so zu sehen, wie wir sie wahrnehmen, und nicht so, wie man sie uns glauben machen will. Daher müssen wir auch weiterhin und immer wieder for- dern:

Freiheit für Leonard Peltier und für alle anderen politischen Gefangenen!

Schreibt Leonard Peltier Leonard Peltier # 89637-132, USP-Lewisburg US Penitentiary, PO Box 1000 Lewisburg, PA
Schreibt Leonard Peltier
Leonard Peltier
# 89637-132, USP-Lewisburg
US Penitentiary, PO Box 1000
Lewisburg, PA 17837, USA

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 5

Schwerpunkt

Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Schwerpunkt Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto-
Free the cuban 5 schuldig wegen der verteidigung kubas
Free the cuban 5
schuldig wegen der verteidigung kubas

Die fünf Kubaner Ramón Labañino, Anto- nio Guerrero, Fernando González, Gerardo Hernández und René González sind seit dem 12. September 1998 in US-Gefängnis- sen. Anfang der 90er hatten sie in Florida ansässige exilkubanische Terrororganisati- onen unterwandert, die seit vielen Jahren hauptsächlich von Miami aus operierten. Sie informierten die kubanischen Behörden über deren geplanten Anschläge auf Kuba und konnten so über 170 Anschläge ver- hindern (1999 beklagte Kuba vor der UNO 3478 Tote und 2099 Invaliden aufgrund von Terroranschlägen). Ziel der terroristischen Aktivitäten waren wirtschaftlich wichtige Sektoren wie die Tourismusbranche, die durch Sprengstoffanschläge auf Hotels geschädigt werden sollte. Es gab mehr als hundert Versuche, den kubanischen Präsidenten Fidel Castro zu ermorden. Mit Flugzeugen wurde Propagandamate- rial über kubanischen Städte abgeworfen, um Stimmung gegen die kubanische Re- gierung zu erzeugen. Viele der Anschläge konnten in Kuba durch Festnahmen und Konfiszierung der Waffen und Sprengstoffe verhindert werden. Die kubanische Regie- rung hatte im Juni 1998 ihre Erkenntnisse über exilkubanische Terrororganisationen in Florida der Bundespolizei FBI übermit- telt. Daraufhin verhaftete das FBI 10 Mit- glieder des „Wasp Network“, einem kuba- nischen Agentennetzwerk, darunter auch die fünf Kubaner Ramón Labañino, Antonio Guerrero, Fernando González, Gerardo Hernández und René González. Im Fokus der Ermittlungen standen aber nicht die terroristischen Organisationen, welche die Anschläge gegen Kuba planten, sondern die fünf Kubaner, die die Organisationen unterwanderten, um die Anschläge zu verhindern. Sie wurden für 17 Monate in Isolationshaft gesteckt mit dem Vorwurf US-Geheimnisse ausspionieren zu wollen und in 26 Anklagepunkten der Verschwö- rung zur Spionage und im Fall von Gerardo Hernández auch zur Verschwörung zum Mord angeklagt und verurteilt.

Einige der Widersprüche im Prozess

Einige der Widersprüche im Prozess

Einige der Widersprüche im Prozess Einige der Widersprüche im Prozess

Beweisdokumente, welche zentrale An- klagepunkte untermauern sollten, wurden vom Gericht der Verteidigung gegenüber unter Verschluss gehalten, da sie Staats- geheimnisse der USA berühren sollten. Aussagen hochrangiger Militärs, welche die Angeklagten entlasteten und die Ba- sis ihrer angeblichen Spionagetätigkeiten

gegen die USA entkräfteten, wurden vom Gericht systematisch nicht weiter verfolgt. Gerardo Hernández wurde wegen dem Abschuss zweier Flugzeuge der „Brothers to the Rescue“ (Brüder zur Rettung) durch kubanisches Militär wegen Mord verurteilt (Der Gründer der „Brother to the Rescue“ José Basulto war an der „Schweinebuchtin- vasion“ beteiligt). Gerardo Hernández hat- te nicht den Abschuss der Flugzeuge ver- anlasst. Selbst wenn angenommen wird, dass er durch die Weiterleitung von Infor- mationen den Abschuss verursacht haben soll, wurde der kubanische Luftraum trotz eindeutiger Warnungen durch Kuba von den „Brothers to the Rescue“ verletzt und diese „Verteidigungsrechte“ werden durch das Gericht indirekt aberkannt. In dieses Schema reiht sich ein, dass der Prozess vor dem Bezirksgericht in Miami geführt wurde. In Miami sind antikuba- nische Ressentiments in der Bevölkerung sehr verbreitet, was im Hinblick auf die Jury beachtet werden muss. Zudem fand zeitgleich mit dem Prozess eine massive Medienkampange gegen die fünf Kubaner statt, die einer Vorverurteilung gleich kam. Vor diesem Hintergrund war ein faires Ver- fahren nicht zu erwarten, zudem muss der Prozess auch vor dem Hintergrund des politischen Verhältnisses zwischen den USA und Kuba betrachtet werden. Die Ur- teile: Gerardo Hernández: zweimal lebens- länglich plus 15 Jahre, Antonio Guerre- ro: lebenslänglich plus 10 Jahre, Ramón Labañino: lebenslänglich plus 18 Jahre, Fernando González: Gefängnisstrafe von 19 Jahren, René González: Gefängnis- strafe von 15 Jahren. Den Ehefrauen von René Gonzáles und Gerardo Hernández wurden lange Zeit die Visa zur Einreise in die USA verweigert, um den Besuch ihrer inhaftierten Ehemänner zu verhindern.

Der aktuelle Stand ihrer Verfahren
Der aktuelle Stand ihrer Verfahren

Ramón Labañino, Antonio Guerrero und Fernando González wurden in das Bun- desgefängnis in Miami verlegt und warten auf die Anhörung zur Neuverhandlung ihrer Strafmaße. Am 13. Oktober wird die gleiche Bezirksrichterin, welche die ursprünglichen Strafen 2001 verhängt hat, die Gerichtsver- handlung führen. Momentan sitzen sie wie- der in Isolationshaft, in der gleichen Son- dereinrichtung, in der sie 1998 17 Monate inhaftiert waren. Gerardo Hernández und René González hingegen werden nicht zu einer Neuver-

handlung ihrer Strafmaße zugelassen. Gerardo González war wegen der Ver- urteilung wegen Mord mit Bezug zu den „Brothers to the Rescue“ nicht zu einer Neuverhandlung berechtigt, weil er wegen dieser Anklage schon eine lebenslängliche Strafe erhalten hatte und die Berufungsver- handlung zur Rücknahme dieser Verurtei- lung keinen Erfolg hatte. René Gonzales Strafurteil basiert auf Beschuldigungen, nach denen er nicht das Recht auf eine Berufung hatte. Seine Strafe von fünfzehn Jahren ist nach den Richtlinien des Bundes nicht Gegenstand der Überprüfung, weil es keine Richtlinie für die Verschwörung oder das Handeln als nichtregistrierter auslän- discher Agent gibt.

Internationale Aktionstage am 12. September 2009 zur Freilassung der Cuban 5
Internationale Aktionstage
am 12. September 2009
zur Freilassung der Cuban 5

Anlässlich des elften Jahrestages der Ver- haftung der Cuban 5 fanden weltweit So- lidaritätsaktionen und -veranstaltungen in den USA, Kanada, Mexiko, Guayana, Argentinien, Kolumbien, Honduras, Vene- zuela, Nicaragua, Paraguay, Chile, Kuba, Großbritannien, Belgien, Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Spanien, Schweden, Ukraine, Russland, Libanon, Philippinen, Nigeria, Seychellen und Japan statt. (Red.)

Schreibt den Cuban 5

Fernando González an:

Rubén Campa

#58733-004

FDC Miami, P.O. Box 019120 Miami,FL 33101, USA

Gerardo Hernández Reg. # 58739-004 U.S.P., Victorville, P.O. Box 5300 Adelanto, CA 92301, USA

René González

#58738-004

FCI Marianna, P.O. Box 7007 Marianna, FL 32447-7007, USA

Antonio Guerrero

#58741-004

FDC Miami, P.O. Box 019120 Miami, FL 33101, USA

Ramón Labañino an:

Luis Medina

#58734-004

FDC Miami, P.O. Box 019120 Miami, FL 33101, USA

6 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Kurzmeldungen:

Es geht um Mumias Leben
Es geht um Mumias Leben
Kurzmeldungen: Es geht um Mumias Leben Mumia Abu- Jamal befindet sich in der ge- fährlichsten Lage

Mumia Abu- Jamal befindet sich in der ge- fährlichsten Lage seit seiner Fest- nahme 1981. Der U.S. Supreme Court wird in seiner im Okto- ber beginnenden Sitzungsphase über den Antrag der Staatsanwalt- schaft auf Wiedereinsetzung der Todes- strafe entscheiden. Sollte das Gericht dem stattgeben, gibt es keine juristische Mög- lichkeit mehr, dagegen vorzugehen. Daher geht es jetzt vor allem darum, starken politischen Druck zu erzeugen! Die US-Solidaritätsbewegung versucht seit Monaten, die Obama-Regierung zu einer Stellungnahme für Mumia zu bewegen. Im Juli wurde an US-Justizminister Eric Holder eine Petition übergeben, die eine Untersu- chung über den Rassismus in der Justiz am Beispiel von Mumias Fall fordert. Die- ser Antrag fand während der letzten Wo- chen immer breitere Unterstützung. In den nächsten Tagen wird auch eine Petition von Mumias Verteidigung an Präsident Obama erwartet. Unterdessen läuft die vom Berliner Mumia- Bündnis und der Roten Hilfe konzipierte Infotour bis in den Oktober hinein weiter. Je nach Ort erreichten die Veranstaltungen bislang bis zu 80 Teilnehmer. In den an- schließenden Diskussionen wurden Ideen entwickelt, für deren Umsetzung sich spon- tan Leute fanden. Als Resultat sind neue Mumia-Solidaritäts- bündnisse entstanden, die bereits mit der praktischen Arbeit begonnen haben. In vielen Städten finden mittlerweile selbstor- ganisierte Infoveranstaltungen statt. Auch die Zahl derer, die sich in die e-mail-Listen eintragen, ist seit Mai um ca. 1200 gestie- gen. In Berlin laufen die Vorbereitungen für „Mumia 3+12“. In Bremen wird es vermut- lich am 5. Oktober um 17 Uhr eine Kundge- bung geben.

„Mumia 3+12“

In allen Orten, in denen die Infotour halt machte, sah man die Notwendigkeit, im Falle der Wiedereinsetzung der Todesstra- fe einen dezentralen Aktionstag („Mumia 3+12“) durchzuführen. Wenn die Behörden der US-Justiz Mumia Abu-Jamal erneut mit dem Tode bedrohen, ohne sich dabei

an nachvollziehbare Regeln oder Termine zu halten, sollen sie wenigstens zur Kennt- nis nehmen, dass dies nicht unbeobachtet passiert. Die Solibewegung kündigt daher für diesen Fall am 3. Tag nach der Wieder- einsetzung der Todesstrafe Aktionen und Blockaden vor US-amerikanischen Einrich- tungen an. Die Aktionen sind bis auf Aus- nahmen für 12 Uhr angesetzt. Hiermit wollen wir der Petition an den neu- en Justizminister Eric Holder auf interna- tionaler Ebene Nachdruck verleihen. Der Obama-Regierung muss klargemacht wer- den, dass sie nicht teilnahmslos abseits stehen kann. Selbst wenn niemand so naiv ist, Wahlkampfrhetorik beim Wort zu neh- men, erwartet die US-Öffentlichkeit mehr als Worte im Kampf um veränderte gesell- schaftliche Beziehungen. Zudem soll „Mu- mia 3+12“ zur bundesweiten Mobilisierung – im Falle eines Hinrichtungsbefehls gegen Mumia – nach Berlin dienen. Dort wird es, sollte der Hinrichtungstermin festgesetzt werden, am letzten Samstag davor eine Demonstration zur US-Botschaft geben. (Beginn: 14 Uhr, Oranienplatz).

Vorsicht Presse:

Auch die, die Mumia ermorden lassen wol- len, schlafen nicht. Am 24.08.2009 veröf- fentlichte Der SPIEGEL einen hetzerischen Artikel des rechten Journalisten Michael Smerconish. Wie Mumias Anwalt Robert R. Bryan aufzeigt, enthält dieser Artikel zahl- reiche Unwahrheiten über Mumia selbst sowie über das US-amerikanische Rechts- system. Ein „legal update“ dazu ist zu lesen bei http://mumia-hoerbuch.de. Generell ist dazu zu sagen, dass der Artikel des SPIEGEL einerseits schlecht recher- chiert ist und andererseits dem Spiel der rechtsradikalen Polizeibruderschaft „Fra- ternal Order Of Police“ (FOP) dient. Es scheint den Ordnungshütern dieses Landes und ihrem Staatsschutzverlaut- barungsorgan nicht entgangen zu sein, dass sich momentan sehr viele Menschen mit Mumias Kampf um Leben und Freiheit solidarisieren. Der SPIEGEL versucht hier ganz klar, die Bewegung zu diffamieren und zu verunsichern. Das wird nicht ge- lingen! (Red. / Berliner Bündnis für Mumia Abu-Jamal)

Schreibt Mumia Abu-Jamal Mumia Abu-Jamal AM 8335, SCI Greene Prison, 175 Progress Drive, Waynesburg, PA
Schreibt Mumia Abu-Jamal
Mumia Abu-Jamal
AM 8335, SCI Greene Prison, 175 Progress
Drive, Waynesburg, PA 15370, USA
Prison, 175 Progress Drive, Waynesburg, PA 15370, USA USA: Die Anti-G20-Pro- teste in Pittsburgh, Penn- sylvania,

USA: Die Anti-G20-Pro- teste in Pittsburgh, Penn- sylvania, sind mit gewalt- samen Polizeieinsätzen beendet worden. Auf einem Amateurvideo ist zu sehen, wie sogar Militärs einen Demonstranten festneh- men, was verfassungswidrig ist. Laut offi- ziellen Angaben sind etwa 20 Menschen bei der Demo festgenommen worden, viele wurden jedoch schon im Vorfeld inhaftiert. Die Behörden hatten vorsorglich schon mal über tausend Zellen für G20-Gegner bereit- gehalten bzw. extra freigemacht. (Red.)

USA: Der indianische „Ro- bin Hood“ Byron Chubbuck alias Oso Blanco ist seit seinem Transfer nach Le- wisburgh diversen Schika- nen und Foltermethoden ausgesetzt. Nun ist er auch vollständig von der Außen- welt abgeschnitten: Besuche, Anrufe und Briefverkehr wurden unterbunden, nach- dem er über die Missstände kommuniziert hatte. Genossen starteten einen Notruf, ab dem 5. Oktober massenhaft im Gefängnis anzurufen und die Wiederherstellung des Kontakts zu fordern. (Red.) USA: Infos: www.osoblanco.org Infos: www.osoblanco.org

Kolumbien: Gustavo Gó- mez, Mitglied der Führung der kolumbianischen Ge- werkschaft SINALTRAI- NAL in Dosquebradas, ist mit zehn Schüssen durch maskierte Männer in seiner Wohnung am 21. August 2009 ermordet worden. Er ist für 2009 der zwölfte Arbeiter bei der Lebensmittelfirma Nestlé La Rosa SA in Kolumbien, der seine Gewerkschaftstätigkeit mit dem Leben be- zahlte. In den letzten 23 Jahren sind offi- ziellen Berichten zufolge über 2694 Morde an Gewerkschaftern verübt worden, wovon allein über 40 in diesem Jahr verzeichnet wurden. (Red.) Infos: www.labournet.de

Jahr verzeichnet wurden. (Red.) Infos: www.labournet.de Honduras: Tausende von Menschen haben sich am 23. September
Jahr verzeichnet wurden. (Red.) Infos: www.labournet.de Honduras: Tausende von Menschen haben sich am 23. September

Honduras: Tausende von Menschen haben sich am 23. September 2009 vor der Brasilianischen Bot- schaft versammelt, wo der rechtmäßige Präsident Zelaya Zuflucht gefunden hat. Das Militär griff die Menge brutal an. Die Zahl der Toten und Verletzten ist unklar. 300 Menschen wurden festgenommen. Das Nationalstadion Cho- chi Sosa wurde von den Putschisten in ein Massenlager für Gefangene umgewandelt. Zeugen berichten, dass gefoltert und Ver- letzten medizinische Hilfe verweigert wird. (Red.) Infos: www.amerika21.de, www.rebelion.org, www.aporrea.org

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 7

Die Verantwortlichen sind beim Namen zu nennen! Interview mit Ellen* von der Prozessbeobachtungsgruppe Düsseldorf
Die
Verantwortlichen
sind beim Namen
zu nennen!
Interview mit Ellen* von der
Prozessbeobachtungsgruppe
Düsseldorf über Repression
und Widerstand.
* Name von der Redaktion geändert
Inland

Die Solidaritätsbewegung mit den poli- tischen Gefangenen ist immer wieder der Repression ausgesetzt. Dies betrifft im Moment wieder Menschen, die sich zu der Kriminalisierung türkischer Genoss_innen durch den §129b verhalten und sie im Knast besuchen wollen. Wir wissen von mindestens 2 Aktivist_innen, deren Besuchsanträge bei §129b-Gefange- nen abgelehnt wurden. Offensichtlich soll jeder praktische Ausdruck der Solidarität be- hindert werden. So bestehen Besuchsver- bote bei Faruk Ereren, Mustafa Atalay und Nurhan Erdem. Dass es nicht bei der Ableh- nung von Besuchsanträgen bleibt, zeigt das folgende Interview.

Gefangenen Info: Am 31.08. hast du mit anderen Freunden zusammen vor dem türkischen Generalkonsulat in Düsseldorf spontan eine Mahnwache für die Freilas- sung von Güler Zere veranstaltet. Dort bist du gezielt vom Staatsschutz angesprochen worden. Kannst du uns sagen, wie das ab- gelaufen ist?

Ellen: Aufgrund der sich weiter verschlech- ternden Situation der krebskranken tür- kischen politischen Gefangenen Güler Zere entschlossen wir uns zu einer Mahnwache. Nur drei Minuten nachdem wir uns aufge- stellt hatten, tauchte der Staatsschutz auf. Nach einem verbalen Geplänkel wurde mir von einem Staatsschützer mitgeteilt, dass sie „nicht mehr [meine] Freunde“ seien. Auf meine Erwiderung hin, dass ich sie nicht kenne, sagte einer von ihnen wortwörtlich:

„Aber wir kennen Sie und verschiedene Ak- tionen, bei denen Sie waren. Wenn Sie uns nicht vor Ihren Aktionen informieren, können wir Sie auch nicht schützen!“.

GI: Das klingt ziemlich bedrohlich. Wie hat das Vorgehen der Staatsschützer auf dich gewirkt?

te Besuchserlaubnis ist zu versagen, weil

ein Besuch (

Zweck der Untersuchungshaft gefährden könnte.“ Es wird eine unkontrollierte Kom- munikation zwischen Faruk und mir ge- fürchtet, was lächerlich ist, denn zwischen mir und Faruk ist eine Trennscheibe, man kommuniziert über Telefonhörer, und dabei sitzen zwei Beamte!

bei dem Angeklagten, den

)

GI: Welche gesundheitlichen Folgen hatte die U-Haft bisher für Faruk Ereren?

Ellen: Faruk Ereren ist seit dem 7. April 2007 in Untersuchungshaft, also unter Isolation. Die Isolationshaftbedingungen von Faruk Ereren stellen für ihn eine ganz heimtü- ckische Folter dar, denn Faruk Ereren wur- de in der Türkei, zur Zeit des Militärputsches dort, so sehr gefoltert, dass er nunmehr pa- ranoid ist. Ein weiterer Verbleib von Ereren in U-Haft ist schon allein aus menschen- rechtlicher Sicht nicht zu verantworten. Isolationshaft hat weitere Folgen wie zum Beispiel, erhebliche Beeinträchtigung der Wahrnehmung und der kognitiven Lei- stungsfähigkeit, was insbesondere im Hinblick auf Gerichtsverfahren/Strafver- teidigung Probleme schafft. DAFÜR SIND LEUTE WIE RICHTER KLEIN AM OBER- LANDESGERICHT DÜSSELDORF VER- ANTWORTLICH. Den Richtern dort wäre es am liebsten, wenn sie die Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen könnten, denn es ist ein politischer Prozess, und als Beweismittel greift der 2. Strafsenat am OLG auf Quellen zurück, die fragwür- diger Herkunft sind. Bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Strafverfolgungsbehörden dürfen nach gel- tender Rechtslage keine unter Folter herbei- geführten Aussagen in deutsche Strafver- fahren einfließen. Im Faruk-Prozess finden sich aber in den rund 100 Aktenordnern zahlreiche Foltergeständnisse!

8 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Ellen: Bedrohlich für mich war die Erkennt- nis, dass es beim Staatsschutz Leute gibt, die mir sagen können, wann ich wo bei wel- cher Aktion war und sich im selben Atemzug als meine „Freunde“ bezeichnen. Wenn ich dann daran denke, dass die deutsche Poli- zei und Justiz rechten Totschlägern ihre na- hezu wöchentlichen Aufmärsche ermöglicht, ergreift mich die nackte Wut! Der Staats- schutz hat durch seine Leute bei den Rech- ten das NPD-Verbot verhindert. Dieselbe Behörde stellte sich also uns in den Weg, als wir auf eine sterbende in der Türkei inhaf- tierte Marxistin aufmerksam machten! Und dann geben diese Staatsschützer vor, mich „schützen“ zu wollen!

GI: Dazu kommt ja noch die Ablehnung dei- nes Besuchsantrags bei Faruk Ereren, der zur Zeit mit einer 129b-Anklage in Düssel- dorf vor Gericht steht. Wie wurde diese Ab- lehnung begründet?

Ellen: Der Vorsitzende Richter Klein be- gründete die Ablehnung meines Besuchs- antrages folgendermaßen: „Die beantrag-

GI: Welche Möglichkeiten siehst du, gegen die Behinderung und Kriminalisierung der Soliarbeit vorzugehen?

Ellen: Vor allem sollte das Vorgehen öffent- lich gemacht werden. Das strikte Verbot, Foltergeständnisse zu verwenden, muss eingehalten werden. Menschenrechtsfragen und die Auswirkungen staatlicher Repres- sion gehören ins Rampenlicht. Die dafür verantwortlichen Richter, Staatsanwälte etc. sind beim Namen zu nennen. Es ist die ein- zig vernünftige Antwort auf die Versuche, uns zu kriminalisieren! Gemeinsam mit der „Plattform für die Frei- lassung von Mustafa Atalay“ ist es uns ge- lungen, die Mauer des Schweigens zum Prozess in Düsseldorf zu durchbrechen. Deshalb wird auch versucht, einzelne Ge- noss_innen einzuschüchtern. Wir müssen weiterhin verstärkt Netzwerke ausbauen, die auch solidarisch handelnde Politiker_innen, Intellektuelle und Menschenrechtsaktivist_ innen miteinbeziehen, und immer wieder auf uns und die Gefangenen aufmerksam machen.

Zur Verhaftung von Verena Becker
Zur Verhaftung
von Verena Becker
Wir veröffentlichen diesen Beitrag in zwei Teilen. Der Nächste folgt in der Nr. 351.
Wir veröffentlichen diesen Beitrag in zwei Teilen.
Der Nächste folgt in der Nr. 351.

Verena Becker wurde am 3. Mai 1977 (kurz nach der Erschießung des General- bundesanwalts Siegfried Buback am 7. April) zusammen mit Günter Sonnenberg als Mitglied der RAF in Siegen verhaftet. Da sie sich bei der Festnahme mit Waf- fen wehrten, wurden beide später wegen „mehrfachen Mordversuchs“ an Polizeibe- amten zu lebenslänglich verurteilt.

Die Aktionen der RAF im Jahre 1977 zielten vor allem auf die Befreiung der Gefange- nen ab. Um diesen, in den Medien oft ver- zerrt dargestellten Sachverhalt, in den ent- sprechenden Kontext zu stellen, möchten wir im Folgenden zumindest einige Zusam- menhänge klarstellen:

Die Haftbedingungen, denen die Gefange- nen aus der RAF ausgesetzt waren, wer- den gerne ausgeblendet. Zum einen, weil sie nicht in das „demokratische“ Image der kriegführenden BRD passen, zum anderen, weil sie weiter angewendet werden, wie z. B. gegen türkische Gefangene, die wegen § 129b inhaftiert sind.

Von Anfang an wurden die Gefangenen aus der RAF drakonischen Maßnahmen ausgesetzt, die auch als „weiße Folter“ be- zeichnet werden, weil sie keine sichtbaren physischen Spuren hinterlassen. Selbst die UNO hat die Isolationshaft als Folter geäch- tet. Sie dient der sensorischen Deprivation und sozialen Isolation, die auf das Aushun- gern der Seh-, Hör-, Riech-, Geschmacks- und Tastorgane zielt und dadurch zu le- bensgefährlichen Zuständen führen kann. Diese Sonderhaftbedingungen gehen an keinem der Gefangenen spurlos vorbei, so dass die Betroffenen noch nach Haftende mit den Langzeitfolgen zu kämpfen haben. Die Isolation zielte also auf die Vernichtung der Inhaftierten ab. Die Gefangenen aus der RAF versuchten, sich mit kollektiven Hungerstreiks zu wehren und eine Zusam- menlegung in Gruppen zu erreichen. Die- se sollte auch einen besseren Schutz vor Übergriffen bieten. Insgesamt hat es 10 kollektive Hungerstreiks von Gefangenen aus der RAF gegeben. 9 politische Gefan- gene haben in den Jahren 1974 bis 1981 den Knast nicht überlebt. Allein bis 1977 waren bereits vier Gefangene an den di- rekten oder indirekten Folgen der Isolati- onshaft umgekommen:

Im September 1974 starb Holger Meins in der achten Woche seines dritten Hunger-

streiks infolge der Zwangsernährung.

Bei der Besetzung der deutschen Bot-

schaft in Stockholm, die der Befreiung der noch überlebenden isolierten Gefange- nen dienen sollte, erlitt Siegfried Hausner schwere Verletzungen. Trotz Warnung der schwedischen Ärzte verfügte die Bun- desregierung über einen Transport nach Stammheim, wo die Verletzungen nicht be- handelt werden konnten, so dass Siegfried Hausner ihnen einige Tage später, im Mai 1975, zwangsläufig erlag.

1975 starb auch Katharina Hammer-

schmidt an einem Tumor, der unnormale Ausmaße erreicht hatte, weil ihr in der Un- tersuchungshaft über zwei Monate lang

medizinische Hilfe versagt worden war.

Im Frühjahr 1975 begann der Prozess

gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe in Stutt- gart-Stammheim. Noch vor Prozessende wurde Ulrike Meinhof am 9. Mai 1976 er- hängt in ihrer Zelle aufgefunden. Ihr Tod wurde offiziell als „Selbstmord“ dargestellt, obwohl eine unabhängige Internationale Untersuchungskommision zu einem ge- genteiligen Ergebnis kam.

Soweit der Vorlauf bis 1977. Der gesamte Justizapparat, der dem Nationalsozialis- mus gedient hatte, war nahtlos von der BRD übernommen worden. Auch Siegfried Buback war Mitglied der NSDAP gewesen. In seiner Amtszeit als höchster Ankläger der Republik wurden die Gesetze und die Haftbedingungen verschärft, so dass er für den Tod der ersten vier Gefangenen aus der RAF eine große Verantwortung trug. Vor demselben Hintergrund versuchten die Illegalen aus der RAF auch, das Gebäude der Bundesanwaltschaft anzugreifen sowie den Vorsitzenden der Dresdner Bank Jür- gen Ponto zu entführen und kidnappten schließlich den „Boss der Bosse“ Hanns Martin Schleyer.

Auf alle Desinformationen einzugehen, würde den Platz im Gefangenen Info sprengen, daher seien hier nur einige As- pekte beleuchtet. In der nächsten Ausgabe werden wir noch auf die Rolle der Medien in der erneuten Verhaftung von Verena Be- cker eingehen. (Red.)

Kurzmeldungen:

Kehl: Matthias und Felipe wurden im April, anlässlich des NATO-Gipfels 2009, verhaftet. Felipe wird be- schuldigt, Steine auf Poli- zisten geworfen zu haben. Er wurde am 4. August 2009 nach 4 Monaten Haft freigelassen. Sein Berufungsprozess in Colmar wurde auf den 19. Oktober 2009 vertagt. Matthias wurde am 25. August 2009 nach Kehl/Deutschland abgeschoben und freigelassen. In der Woche davor hatte Matthias noch einen Berufungsprozess, in dem seine Haftstrafe bestätigt und weitere Strafen noch erhöht worden sind (5 Jahre Einreiseverbot, Erhöhung des Schmer- zensgeldes). Derzeit sind noch 3 Genossen weiterhin inhaftiert. (Red.) Kehl: Infos: www.breakout.blogsport.de Infos: www.breakout.blogsport.de

Thüringen: Am 25. August 2009 wurde der VOICE- Aktivist Felix Otto mit einer Air-France-Maschine über Paris nach Douala/Kame- run abgeschoben. Die Ab- schiebung wurde ungeach- tet massiven öffentlichen Protests durchgeführt. Felix war am 30. März 2009 verhaftet und wegen Verletzung Thüringen: der Residenzpflicht, die den Aufenthalt von Asylbewerbern auf den Landkreis des Wohnortes beschränkt, zu der Residenzpflicht, die den Aufenthalt von Asylbewerbern auf den Landkreis des Wohnortes beschränkt, zu einer achtmo- natigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. (Red.) Infos: www.thevoiceforum.org

Berlin: Christian S. ist am 21. August 2009 von der Justiz freigelassen wor- den, nachdem er 43 von 46 Monaten Haft wegen seiner antifaschistischen Aktivitäten abgesessen hat. Die restlichen drei Monate wurden auf drei Jahre zur Bewäh- rung ausgesetzt. Durch den Einsatz vieler solidarischer Menschen wurde auch die Anrechnung von 11 Monaten unrechtmäßig verbüßter Untersuchungshaft auf die Strafe erreicht, so dass Christian insgesamt vier- zehn Monate Knast erspart blieben. (Red.)

insgesamt vier- zehn Monate Knast erspart blieben. (Red.) Berlin: Zwei Schüler, die einen Molotowcocktail auf

Berlin: Zwei Schüler, die einen Molotowcocktail auf Polizisten geworfen haben sollen, stehen seit dem 1. September 2009 vor dem Landgericht. Die Ange- klagten bestreiten die Tat. Als einziger „Augenzeuge“ belastete die beiden ein Polizist, der jedoch einräumen musste, dass weder Benzin- flecken auf der Kleidung noch andere Indi- zien bei den beiden gefunden worden sind. Bis zum 30. Oktober 2009 sind acht weitere Prozesstage festgesetzt. (Red.) Infos: www.yunus-rigo-prozess.de

sind acht weitere Prozesstage festgesetzt. (Red.) Infos: www.yunus-rigo-prozess.de Oktober 2009 | Gefangenen Info | 9
Interview mit Werner Braeuner Teil 2
Interview mit
Werner
Braeuner
Teil 2

10 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Das ist richtig und die Gewerkschaft partizi- piert ebenso, hattest Du auch mal in einem längeren Papier geschrieben. Ich will jetzt auf deine Haftsituation einge- hen: Du bist im Februar 2001 verhaftet wor- den, inzwischen warst Du in vier Gefängnis- sen Niedersachsens, soweit ich das weiß. Nämlich in Verden, Oldenburg, Meppen und jetzt bist Du in der JVA Sehnde. Was ist das für ein Knast? Ist das jetzt ein Hochsicher- heitstrakt und wie sind Deine Bedingungen?

W. B.: Jetzt bin ich in einer normalen Straf- haftstation eines Hochsicherheitsgefäng- nisses. Um das vom Ablauf kurz darzustel- len: ich war zuerst 18 Monate in der U-Haft in Verden und dort war ich unter Bedin- gungen, die direkt als Folter zu bezeichnen sind. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Menschen zu foltern. Ich meine jetzt nicht die so genannte weiße Folter, das was mir geschehen ist, ging weit über weiße Folter hinaus. Ich war in einem Haftraum von 7 ½ Quadratmetern, offene Toilette, 23 Stunden Einschluss, und mit einem zweiten Gefan- genen mußte ich mir die Zelle die ganze Zeit teilen. Das alleine ist schon schlimm genug, wenn es aber dann noch Gefange- ne sind, die schwerst persönlichkeitsgestört sind und regelrecht permanent Terror aus- üben, indem sie unsinniges Zeug reden, sehr laute Musik hören und permanent völ- lig chaotisch agieren, dann begreife ich das als Folter. Ich denke, da wurden auch ganz bewusst Gefangene ausgewählt. Ich habe es auch von meinen Mitgefangenen gehört, die haben mich gefragt: „Wie hältst Du es überhaupt mit diesem Arschloch da auf der Zelle so lange aus?“ Es sollte verhindert werden, dass ich meine widerständige Hal- tung durchsetze, mit dem Ziel, mich weich zu klopfen. Das waren die ersten 9 Monate meiner Haft. Nach 6 Monaten begann die Verhandlung und ich war völlig apathisch gewesen. Kurzum völlig am Ende. Der Staat zeigt, welche große Angst er vor Wider- stand hat, wenn er zu solchen Maßnahmen greift. Das dauerte bis 2002, danach bin ich von der U-Haft aus in die JVA Meppen ver- legt worden. Das ist eine Strafhaftanstalt mit niedriger Sicherheitsstufe und insgesamt war ich da 2 ½ Jahre. Von dort bin ich in die Hochsicherheitsanstalt Oldenburg ver- schubt worden, mit der Begründung im Ver- fassungsschutzbericht für das Jahr 2001 sei ich als „Linksextremist“ aufgeführt. Ich war in Oldenburg im Jahre 2005, in dem Jahr, in dem auch die 1 € Jobs eingeführt worden sind. In Oldenburg gab es einen eklatanten Bruch des Strafvollzugsgesetzes, weil sie dort durchgängig die Post kontrolliert, also die Post mitgelesen und Telefonate mitge- hört haben, was laut Strafvollzugsgesetz in dieser Form gar nicht zulässig ist. Es war praktisch eine Sonderstrafanstalt, ein kleines Guantánamo für Gefangene, die besonders unbeliebt sind. Ich habe es ge- schafft nach 1 ½ Jahren aus Oldenburg wegzukommen, durch eine Kampfmaß- nahme meinerseits. Seit September 2006 bin ich in der JVA hier in Sehnde. Ich hatte auch hier teilweise enorme Schwierigkeiten,

war lange Zeit in der Isolation, habe mich selbst eingeschlossen und hab aber jetzt seit einem Jahr eine relativ gute Situation.

Du hast das eben als Kampfmaßnahme bezeichnet, wie Du von Oldenburg nach Sehnde gekommen bist. Kannst Du schil- dern, wie du das durchgesetzt hast?

W.B.: Ich hab mich geweigert, meinen Haftraum zu verlassen und es auch der Anstalt anheim gestellt, ob sie mir Essen bringen will oder nicht, weil normalerwei- se muss man sein Essen selbst abholen gehen. Dazu habe ich gesagt, das könnt Ihr mir bringen oder nicht, wenn Ihr es mir nicht bringt, dann ist es eben zusätzlich Hungerstreik. Dann haben die eine Rege- lung gefunden, dass mir das Essen an den Haftraum gebracht werden konnte. Das habe ich so mehrere Wochen, ich glaube sieben, acht Wochen durchgehalten und danach waren die endlich bereit, weil ich das ja mit der Forderung verbunden hatte, in eine andere Haftanstalt verlegt zu wer- den, nämlich nach Sehnde. Daraufhin ist es dann also zu dieser Verlegung gekommen.

Wie sind deine Bedingungen in der JVA Sehnde? Wie groß ist der Knast?

W.B.: Es sind dort ungefähr 400 Gefangene in den einzelnen Hafthäusern. Es ist eine sehr moderne Anstalt, die erst vor kurzem in Betrieb gegangen ist und hier wird ein Kleingruppenvollzug praktiziert. Das heißt, es gibt immer einzelne, völlig abgeschot- tete Stationen mit 20 Gefangenen. Und die anderen Inhaftierten auf den anderen Stationen sieht man nur gelegenlich und begrenzt beim Sport. Auf einzelnen Haftsta- tionen werden einige zusammengefasst, die machen gemeinsam Sport und Hof- gang. Es gibt hier drei verschiedene Höfe, so dass die Gefangenen zusätzlich von einander getrennt werden können. Und so herrscht hier doch eine große Isolation, die Eingesperrten wissen nicht, was in anderen Häusern los ist, die können sich nicht koor- dinieren, die können sich nicht gemeinsam irgendwie widerständig verabreden.

Arbeitest Du?

W.B.: Ja, das ist sehr wichtig in der Haft ar- beiten zu können, weil sonst die Haftbedin- gungen extrem schlecht werden. Und zwar in der Form, dass dann nachmittags Ein- schluss ist, dann hat man, wenn man nicht arbeitet, nur vormittags zwei Stunden die Tür auf und kann z.B. duschen gehen oder sich in der Küche was machen. Anschlie- ßend ist den ganzen Tag bis zum nächsten Morgen die Tür wieder zu. Und vor allem hat mensch kein Geld, um die Kabelge- bühren fürs Fernsehgerät und so weiter zu bezahlen, auch zusätzlich was einkaufen, ist nicht möglich. Die Haftverpflegung ist hier nicht so ausreichend, dass man sich davon alleine gesund ernähren könnte und dann treten Mangelerscheinungen auf. Um das zu vermeiden, ist es nur durch das erar-

beitete Geld möglich, durch Zusatzeinkäufe beim Kaufmann in der Anstalt, sich irgend- wie einigermaßen noch gesund zu ernäh- ren. Also ‚gesund‘ heißt wirklich auf einem ganz niedrigen Niveau. Geweckt wird um 6 Uhr, danach wird Kaffe getrunken und um 7 Uhr geht es in die Ar- beitsstätten. Feierabend ist etwa um 15 Uhr und dann geht es zurück auf die Haftstation. Da gibt es von 16 Uhr bis 17 Uhr Hofgang. Wenn einer nicht am Hofgang teilnehmen möchte, dann wird er in seinem Haftraum eingeschlossen. Um 17 Uhr wird die Tür zum Verteilen des Abendessens wieder aufgeschlossen und bleibt bis 19.45 auf. Danach wird die Tür des Haftraums für die Nacht verschlossen. Der übliche Ablauf.

Wie

Sehnde?

sind

die

Besuchsbedingungen

in

W.B.: Umständlich. Es muss mindestens 14 Tage vorher schon der Antrag für den Be- such eingereicht werden und es gibt drei Stunden Besuch im Monat. Der Besuchs- raum ist sehr unwirtlich, da hängen überall Kameras, die Tische sind mit Glasbelägen, so dass die Kameras auch durchschauen können, ob da irgendwelche Dinge über- geben werden. Berührungen sind da nicht möglich, das wird auch nicht erlaubt. Der wachhabende Beamte sitzt praktisch sozu- sagen mittendrin. Der Besuchsraum ist so ein bisschen wie ein Halbrund aufgebaut der und in dem Zentrum dieses Halbrundes ist dann der Ort, wo dieser wachhabende Beamte sitzt. Die Tische stehen recht eng beieinander, so hat man nicht das Gefühl etwas ungestörter miteinander reden zu können.

Du kennst jetzt vier Gefängnisse in Nie- dersachsen. Wozu dient das deiner Ein- schätzung nach? Was hat Knast für eine Funktion? Du hattest im Jahr 2007 einen Brief geschrieben, ich zitiere: „Schon immer war Knast Vorreiter sozialer, politischer und ökonomischer Repression und Reaktion. Letztes und schärfstes Drohpotential der Herrschenden zur Disziplinierung der Be- herrschten.“ Kannst Du zum Ende des Ge- spräches ein Resümee ziehen?

W.B.: Um das schlagwortartig auf den Be- griff zu bringen: Knast ist die Keimzelle dieser Gesellschaft. Denn jeder und jede in dieser Gesellschaft interessiert sich für Knast, es ist bekannt, dass es das gibt, das ist ein Aufreger-Thema. Die Medien bringen viele Berichte, die direkt aus den Knästen heraus zeigen, wie das Leben dort ist. Zum Beispiel gibt es über die JVA Olden- burg einen ganz berüchtigten Beitrag aus dem Jahr 2005 von der ARD. Der heißt:

„Das Alcatraz des Nordens“. Es gibt stän- dig viele vergleichbare Berichte: Über die Ereignisse in Sachsen, mit dem Beinahe- Mord im Jugendgefängnis. Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Siegburg, Nordrhein- Westfalen. Bekannt ist, dass Knast eine sehr unangenehme Situation bedeutet. Das ist der Knüppel, den der Staat in der Hand

hält und der durch die Fernsehgeräte in jedes Wohnzimmer an die Wand projiziert wird – drohend hängt er dann dort. Allen ist bewußt, dass sie sich sehr genau überle- gen müssen, wie weit ihr Widerstandsgeist gehen sollte, um nicht mit dieser Sanktion belegt zu werden und in einen Knast zu kommen. Knast ist nur Theater: Ich glaube die meisten Gefangenen hier sind einfach nur Statisten für dieses Theaterstück. Das eigentliche Publikum sitzt draußen, an die- se ist das Stück gerichtet.

Du meinst, dass das Theater die Menschen draußen abschrecken soll, und das sie sich so immer „brav“ an die Gesetze halten sol- len. Nur wenn sie „Ärger machen“, dann besteht für sie die Gefahr, dass sie auch in den Knast kommen können. Du meinst es soll die Menschen abschrecken?

W.B.: Das ist Einschüchterung der allge- meinen Öffentlichkeit. Mensch weiß, dass die Mütter ihren Kindern vom Knast erzäh- len, wenn sie noch ganz klein sind. Das ist allgemein üblich und da fängt es schon an. Diese Angst ist ganz tief in der Gesellschaft verankert. Daraus folgen weitere Ängste:

„Ich will nichts mit der Polizei zu tun haben. Ich will nichts mit den Gerichten zu tun ha- ben.“ Das hat natürlich den Hintergrund, dass Polizei und Gerichte dafür sorgen, dass Menschen in den Knast gesperrt wer- den. Davor herrscht Angst.

Eine Frage hätte ich noch. Wie ist denn so die Solidarität unter Euch Gefangenen? Kannst Du da was zu sagen?

W.B.: Die meisten, die hier einsitzen, ge- hören nicht gerade zu den privilegierten Menschen in dieser Gesellschaft. Die sind gewohnt, dass sie sich alleine durchs Le- ben schlagen und dass sie sich mit Ellbo- gen durchkämpfen müssen. In solchen Le- benssituationen ist kein Platz für Solidarität, weil Solidarität eine gewisse Organisation voraussetzt und auch eine gewisse Stärke. Ich glaube, die fehlt den meisten. Ich glau- be, für die ist der Knast Ausdruck oder deut- liches Zeichen ihres Scheiterns im Hinblick auf ihre Versuche sich in dieser Gesell- schaft zu integrieren oder sich anzupassen. Die meisten erleben den Knast als wirklich unangenehmes Ergebnis individuellen Ver- sagens. Von daher sind sie auch nicht der Meinung, dass die anderen um sie herum das anders betrachten würden. Von daher fehlt eine positive Bezugnahme für allge- meine Solidarität. Es ist sehr schwierig, im Knast Solidarität zu entwickeln. Der einzel- ne kann jederzeit massiv unter Druck ge- setzt werden, das geht sehr leicht. Es gibt zum Beispiel Stationen, auf denen vermehrt schwer verhaltens- und persönlichkeitsge- störte Gefangene untergebracht sind. Die sind gewalttätig, die sind verrückt und die machen irrsinnige Sachen. Die bedrohen, die belästigen, die wenden Gewalt an. Je- der ist froh, wenn er auf einer Haftstation ist, wo es einigermaßen noch normal zu- geht. Jeder weiß, die Haftanstalt kann aber

jeden, der irgendwie widerständig ist, ohne weiteres auf eine Haftstation verlegen, wo es drunter und drüber geht. Das sind z. B. ganz klare Möglichkeiten, die Gefangenen einzuschüchtern, so dass die keinen Wi- derstand leisten. Hinzu kommt natürlich noch die ganze Thematik mit der vorzei- tigen Entlassung. Nur Gefangene, die sich nicht widerständig verhalten, haben eine Chance auf eine vorzeitige Entlassung. Der Staat verlangt eigentlich Unterwerfung, das ist genau der Punkt, das ist die entschei- dende Frage, wer sich nicht unterwirft, der muss immer damit rechnen, nach Ende der Haftzeit noch in Sicherungsverwahrung ge- nommen zu werden. Das ist eine sehr harte Sanktion - das heißt eine potentiell unend- lich lange Strafe.

Meine letzte Frage. Werner, wie sieht es bei Dir aus? Du bist damals zu 12 Jahren verur- teilt worden. Das heißt, Du müsstest, „wenn alles gut geht“, im Februar 2013 entlassen werden?

W.B.: Die Strafe, zu der ich verurteilt wor- den bin, lautete auf Totschlag und nicht auf Mord. Wenn es Mord gewesen wäre, dann wäre es eine Mindeststrafe von 15 Jahren. Das ist aber Theorie, denn die Mindeststra- fe ist reell 17 Jahre und im Durchschnitt sind es 22 Jahre, die ein zu Mord Verurteilter im Gefängnis zu verbleiben hat. Ich bin aber nicht wegen Mordes, sondern wegen Tot- schlags verurteilt worden. Somit begrenzte sich das Strafmaß auf eine Zeit zwischen 5 und 15 Jahren maximal. Ich habe 12 Jahre erhalten und wenn es mit normalen Dingen zugehen würde, heißt das, dass ich im Fe- bruar 2013 entlassen werden würde. Falls aber irgend etwas dazu kommt, dann werde ich auf unbestimmte Zeit in Sicherungsver- wahrung genommen. Da gibt es ein paar ju- ristische Bedingungen, die da zu beachten sind, aber die in meinem Fall dadurch er- füllt sind, weil der Verfassungsschutz mich nachträglich als Linksextremist angeführt hat, d.h. nachdem mein Urteil rechtskräftig war. Das ist dabei der entscheidende Punkt, der Zeitpunkt. So wäre es für die Justiz also ohne weiteres möglich, mich bis zum Ende meines Lebens, quasi bis zum letzten Atemzug, in Haft zu halten, so weit ich mich widerständig verhalte, wird das dann auch voraussichtlich geschehen. Ich lasse mich aber nicht einschüchtern.

OK, Werner, wir lassen das mal so stehen und wir werden das Gespräch bestimmt noch einmal weiter führen, Tschau!

W.B.: Tschau, bis dann!

(Das Interview wurde im Rahmen der Sendung „Wieviele sind hintern Gittern, die wir draußen brauchen! Politische Gefangene - Sendung zu Repression und Widerstand“ geführt.)

Schreibt Werner Braeuner

JVA Sehnde

Schnedebruch 8

31319 Sehnde

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 11

MUSS FREIGELASSEN WERDEN

GÜLER ZERE

DER TÜRKISCHE STAAT SPIELT AUF ZEIT

„Ob ihr euch neben mir be ndet, einen Schritt von mir entfernt, auf meiner Türschwelle,
„Ob ihr euch neben mir
be ndet, einen Schritt von mir
entfernt, auf meiner
Türschwelle, auf einer Straße,
in irgendeiner Stadt oder vor
der Gerichtsmedizin – ich spüre
euch. Eure Wärme, eure Kraft
und eure Stimmen umfangen
mich. Dadurch gelingt es mir,
den Kopf oben zu behalten,
jedes Mal, wenn der Schmerz
mich einholt.“
(aus einem Brief von Güler
Zere vom 1. September 2009)

Die politische Aktivistin Güler Zere befin- det sich seit 14 Jahren in Haft. Seit sie an Mundhöhlenkrebs erkrankte, ist ihr Leben in akuter Gefahr, weil unter Haftbedingungen keine effiziente Behandlung möglich ist. Am Donnerstag, den 27.08.2009 sollte ein Ge- richt über den Einspruch von Gülers Anwält/ innen gegen einen gerichtsmedizinischen Bericht entschieden und ein endgültiger Beschluss über die Freiheit, und somit über Gesundheit und Leben von Güler, gefasst werden. Doch mit der Begründung, dass noch einige Mängel im Bericht der medizi- nischen Fakultät der Cukurova Universität (Adana) behoben werden müssten, um ein endgültiges Urteil zu fällen, wurde die Ent- scheidung vertagt. Das Gremium versicher- te, dass auf schnellstem Wege ein Urteil gesprochen würde, sobald der Bericht der Cukurova Universität vollständig sei.

Mittlerweile gibt es aber immer mehr Zwei- fel an dieser Aussage. Nach weiteren Ge- sprächen, die der Rechtsanwalt Behic Asci und Mitglieder der Angehörigenorganisation TAYAD mit dem Vorsitzenden des gerichts- medizinischen Instituts am 3. September führten, wurde klar, dass die Verantwort- lichen immer neue Gründe (er)finden, die Entscheidung über Güler Zere hinauszu- schieben. Der Bericht der Cukurova Univer- sität, der sich für eine Freilassung Gülers aussprach, sollte noch einmal geprüft und die mündlichen Aussagen der verantwort- lichen Onkologen schriftlich nachgereicht werden. Den Angehörigen wurde mitgeteilt, dass dies noch 3 Monate dauern könne. Au- ßerdem müssten weitere Untersuchungen erfolgen. Offensichtlich spielen die staatli- chen Stellen auf Zeit. Momentaner Stand der Dinge im juristischen Tauziehen um Güler Zeres Freilassung ist, dass das ge- richtsmedizinische Institut erneut bremst, indem es nach Ende der Radiotherapie die eingereichten Berichte der Onkologen für unvollständig erklärt und auf einen weiteren Versammlungstermin vertröstet. Daraufhin fand am Freitag, den 11. September eine erneute Demonstration mit 1500 Menschen in Taksim/Istanbul statt. Am gleichen Tag gab es ebenfalls Demonstrationen in Bursa und Adana.

Mahnwachen, Kundgebungen und ande- re Aktionen für Güler finden in der Türkei mittlerweile fast jeden Tag statt. Bei einem Freundschaftsspiel zwischen dem tür- kischen Zweitligisten Adana Demirspor und dem AS Livorno, beides Vereine mit einer traditionell linken Fangemeinde, gab es ebenfalls eine Solidaritätsaktion für Güler Zere. Eine politische Jugendgruppe breitete ein Transparent aus, auf dem ihre Freilas- sung gefordert wurde. Daraufhin kam es zu einem Polizeiübergriff und zu mehreren Festnahmen. Diese Aktion scheint aber die

Fans des italienischen Erstligisten so stark beeindruckt zu haben, dass sie beim Liga- spiel gegen die Startruppe vom AC Mailand ebenfalls ein großes Transparent im Stadi- on anbrachten. Dabei forderten die Anhän-

ger von AS Livorno nicht nur Freiheit für Gü- ler Zere, sondern auch für den am 1. April

2004 in Italien verhafteten, wegen Mitglied-

schaft in der DHKP-C angeklagten Avni Er, dem die Auslieferung in die Türkei droht.

In Europa finden insgesamt immer mehr Aktionen statt, die die Forderung nach Freilassung der krebskranken Gefangenen unterstreichen. Plakat- und Transparentak- tionen werden aus Paris, London, Brüssel und Duisburg gemeldet. In Wien findet nun schon seit einigen Wochen regelmäßig Mittwochs nachmittags eine Kundgebung für Güler Zere mit ständig wachsender Teilnehmerzahl statt. Ulla Jelpke schrieb in ihrer Funktion als Bundestagsabgeord- nete der Partei „Die Linke“ einen Brief an den türkischen Justizminister Ergin. In ihm forderte sie eindrücklich die Freilassung der Gefangenen, da das türkische Gesetz im Falle einer schweren Krebserkrankung eine Haftverschonung vorsieht. Falls Güler nicht freigelassen würde, käme dies einer Wiedereinführung der Todesstrafe durch die Hintertür gleich.

Eine Art der Todesstrafe, die wir auch aus dem Umgang des französischen und deut- schen Staates mit an Krebs erkrankten Ge- fangenen aus der Stadtguerilla kennen:

Katharina Hammerschmidt aus der RAF starb am 29.6.1975 in einem Westberliner Krankenhaus an einem Tumor, nachdem dieser in der Haft bis Januar 1974 nicht rechtzeitig behandelt worden war. Auch Joelle Aubron verstarb am 1. März

2006 an Lungenkrebs. Nach der Operati-

on eines Hirntumors 2004 wurde sie nach dem sogenannten Kouchner-Gesetz vorzei- tig aus der Haft entlassen. Auch wenn Jo- elle zum Zeitpunkt ihres Todes nicht mehr inhaftiert war, so waren doch die verhee- renden Haftbedingungen des französischen Staates für ihren Tod direkt verantwortlich.

Auch in der Türkei ist Güler Zere kein Ein- zelfall. Dasselbe Problem betrifft Hunderte von Gefangenen, die irgendwann in die gleiche Situation geraten sind. Es ist die langjährige Politik der Isolationshaft, die für Gülers heutigen Gesundheitszustand verantwortlich ist. Die Isolationshaft, die mit den F-Typ Gefängnissen auch in der Türkei Einzug gefunden hat, hat innerhalb von 7 Jahren 122 Menschenleben gekostet und fordert weiterhin Tote. Güler Zere und alle anderen politischen Gefangenen in den Isolationsgefängnissen und Hochsicher- heitstrakten brauchen unsere Solidarität, überall. (Red.)

12 | Gefangenen Info | Oktober 2009

2 Jahre lang wurde daran gearbeitet, die Bedingungen für den offenen Vollzug zu erfüllen, etliche

2 Jahre lang wurde daran gearbeitet, die Bedingungen für den offenen Vollzug zu erfüllen, etliche Leute kümmerten sich da- rum, der Sozialdienst des Knastes war in- volviert, die Arbeitsstelle, eine städtische humanitäre Einrichtung, die sich bereit er- klärte, Georges einzustellen, obwohl unklar war, ob und vor allem wann er die Arbeit beginnen könnte (und das bei der heutigen Arbeitslosigkeit: Normalerweise ist es eher ein Glücksfall, wenn ein Gefangener drau- ßen eine noch so kleine Arbeit findet. Dieser Glücksfall ist aber gesetzliche Vorausset- zung für den offenen Vollzug und eine spä- tere Entlassung. Viele „Lebenslängliche“ sitzen in Frankreich allein deshalb nach z. T. über 30 Jahren noch, weil sie niemand einstellen will!). Das Gericht im ersten Verfahren hat das alles akzeptiert, im Widerspruchsverfahren wurde, um die Ablehnung zu unterfüttern, Georges zukünftiges Gehalt um ca. 200 Euro niedriger angegeben.

Wir brauchen jetzt nochmal einen neuen Anlauf, um die Gefangenen aus Action Directe, die noch im Knast sind, rauszukriegen.

Am 20. August hat das Gericht im Wider- spruchsverfahren Georges Ciprianis Antrag auf offenen Vollzug (der in Frankreich Vo- raussetzung dafür ist, dass Gefangene die zu lebenslänglich verurteilt sind, rauskom- men) abgelehnt! Georges hatte vor zwei Jahren diesen An- trag gestellt. Während der Antrag lief und seine Voraussetzungen erarbeitet waren, wurden die Bedingungen für bedingte Frei- lassung noch mal verschärft. Gemäß einem neuen Gesetz zur Sicherheitsverwahrung musste Georges sich in Fresnes (einem Knast bei Paris) 6 Wochen lang begutach- ten lassen. Schließlich hat das Gericht in erster Instanz verfügt, dass er den offenen Vollzug antre- ten kann.

Die Staatsanwaltschaft legte sofort Wider- spruch ein und ließ Georges noch mal 2 Monate im Ungewissen.

Die Begründung für die Ablehnung jetzt war im Wesentlichen folgende:

Straßburg als Standort des offenen Voll-

zugs und seiner Arbeitsstelle sei wegen Grenznähe inakzeptabel,

die Arbeit selber auch, da er zu wenig ver- dienen würde um die Nebenkläger zu ent- schädigen,

seine politischen Äußerungen in einem

Beitrag zur Kundgebung vor dem Knast En-

sisheim, worin er sich als „politischen Ge- fangenen aus Action Directe“ bezeichnete (ja als was denn sonst?!)

ein psychiatrisches Gutachten von 2005, das für Georges eine negative Prognose erstellte.

Wir haben die Hauptgründe der Ablehnung einzeln aufgeführt, um die Absurdität dieses Verfahrens darzustellen.

Die Bestimmung, dass der offene Vollzug nicht in Grenznähe stattfinden kann, wur- de jetzt kurzerhand wieder aktiviert. Jean Marc Rouillan und Nathalie Menigon hatten ihren offenen Vollzug in grenznahen Or- ten. Im Widerspruchsverfahren zu Georges entdeckte nun plötzlich die zweite Instanz, dass Straßburg doch tatsächlich an der deutschen Grenze liegt. Das negative psychiatrische Gutachten von 2005 wurde in neueren von 2007 und 2008 längst revidiert. Die Richtlinien sehen vor, dass ein relevantes Gutachten höchstens zwei Jahre zurückliegen darf, aber da es inhaltlich nicht passte, spielten die neuen Gutachten für das Gericht keine Rolle. Was bleibt ist, dass Georges nicht den Mund gehalten hat, sich mit einem Gruß- wort auf der Kundgebung vor dem Knast in Ensisheim im letzten Februar äußerte und dass er kein Deal gemacht hat und sich nicht von seiner Geschichte distanziert. Das wird, wie wir wissen, überall versucht zum Dreh- und Angelpunkt für die Freilas- sung politischer Gefangener zu machen.

Jean Marc (siehe ausführlich letztes Ge- fangenen Info vom Aug./Sept.) ist nach 10 Monaten offenen Vollzug wieder in den ge- schlossenen Knast gekommen, wegen sei- ner Äußerungen in einem Interview.

Das Ganze bedeutet einfach, dass die Ge- fangenen aus Action Directe, Georges und Jean Marc, weiter dringend unsere Unter- stützung brauchen, um rauszukommen, ohne sich diesem Regime von Unterwer- fung und Verleugnung beugen zu müssen und ohne dass sie erst todkrank sind, was oft genug schon der Fall war.

Solidaritätsgruppe zu den Gefangenen aus AD, Frankfurt

Kurzmeldungen:

Griechenland: In Athen wurden bei Razzien der griechischen Anti-Terror- Einheiten am 23. Septem- ber 2009 fünf Personen festgenommen. Die fünf Personen werden der Gruppe „Conspiracy of the Cells of Fire“ zugerechnet. Die Gruppe wird u.a. für Bombenanschläge auf den ehe- maligen Justizminister P. Hinofutis am 12. Juli 2009 und den Vorsitzenden der Partei PASOK Arsenis und Katseli am 2. und 23. September 2009 verantwortlich gemacht. (Red.) Griechenland: Infos: www.abc-berlin.net Infos: www.abc-berlin.net

Brasilien/Italien: Cesare Battisti gehört zu den ehe- maligen militanten Kom- munisten in Italien, denen Frankreich bei Gewaltver- Brasilien/Italien: zicht Zuflucht gewährte. 2004 brach die Raffarin- Regierung mit der Mitte- rand-Doktrin und begann, zicht Zuflucht gewährte. 2004 brach die Raffarin- Regierung mit der Mitte- rand-Doktrin und begann, jene an den Ber- lusconi-Staat auszuliefern. Battisti tauchte unter. 2007 wurde er in Brasilien gefasst. Im Januar 2009 gestand ihm der brasilia- nische Justizminister politisches Asyl zu, doch Italien machte Druck. Nun wird das oberste Gericht über Battistis Status als politischer Flüchtling und damit über seine Auslieferung nach Italien entscheiden. Bat- tisti ist dort 1988 in Abwesenheit zu lebens- länglich verurteilt worden. Die vier Morde, die ihm vorgeworfen werden, hat er stets abgestritten. (Red.)

Irak: Im Gefängnis von Abu Ghraib gab es am 11. September 2009 Gefäng- nismeutereien. Laut Infor- mationen eines irakischen Parlamentariers hatten die Gefangenen den Aufstand begonnen, da sie misshan- delt worden waren. Sie legten Feuer in ih- ren Zellen und versuchten, die Wachen zu überwältigen. Die Gefängnisleitung forderte Unterstützung von der irakischen Armee und US-Hubschraubern, um dem Aufstand beizukommen. Mindestens ein Gefangener kam dabei ums Leben, etwa 40 wurden ver- letzt. (Red.)

kam dabei ums Leben, etwa 40 wurden ver- letzt. (Red.) Indien: Die indische Re- gierung droht,

Indien: Die indische Re- gierung droht, den Kampf gegen die KPI(Maoistisch), die sich für die Befreiung der unterdrückten Land- bevölkerung einsetzt, zu verstärken. Laut Angaben eines lokalen TV-Senders sind in diesem Zuge Mitte September 30 Angehörige der Volksbefreiungsarmee ge- tötet worden und zehn weitere verschwun- den. (Red.)

der Volksbefreiungsarmee ge- tötet worden und zehn weitere verschwun- den. (Red.) Oktober 2009 | Gefangenen Info

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 13

IRH/RHI Dossier Teil 2

IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
IRH/RHI Dossier Teil 2 Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil Mit
Die Kampagnen und Betätigungsfelder der Internationalen Roten Hilfe (IRH) 2. Teil
Die Kampagnen und Betätigungsfelder
der Internationalen Roten Hilfe (IRH)
2. Teil

Mit diesem Beitrag zu den Solidaritätskam- pagnen der IRH setzen wir unsere Serie „IRH/RHI. Zur Geschichte und Aktualität einer Solidaritäts- und Antirepressions- organisation“ (siehe GI, Nr. 349) fort. Im Auftaktbeitrag haben wir uns die Entste- hungshintergründe, Entwicklungsgeschich- te und programmatischen Grundlagen der IRH (1922 bis 1943) angeschaut. In die- sem zweiten Beitrag der Serie geht es um die in die Praxis umgesetzte Programmatik der IRH. Dabei stehen vor allem einzelne Kampagnen und die Zusammenarbeit mit anderen internationalen proletarischen Or- ganisationen, wie z.B. die Internationale Arbeiter-Hilfe (IAH), im Vordergrund. Diesen Beitrag werden wir aufgrund des begrenzten Raums des GI in zwei Teile splitten. Zunächst wollen wir den Einheits- frontansatz, der sich praktisch in den IRH- Kampagnen widerspiegeln sollte, nochmals aufgreifen. Anhand von beispielhaften inter- national getragenen Antirepressionskampa- gnen lässt sich dann die IRH-Politik konkret darstellen. In diesem ersten Kapitel des zweiten Serienbeitrags konzentrieren wir uns auf die Klassenjustiz in den USA und den weißen Terror im revolutionären China.

IRH-Kampagnen im Zeichen des Einheitsfrontansatz

Um der Politik der IRH eine gesellschaft- liche Breite und öffentliche Resonanz ge- ben zu können, organisierte sie in ihrer hauptsächlichen Aktionsphase bis Mitte der 30er Jahre insgesamt ca. 1450 nationale und internationale Kampagnen. In der Anfangszeit der IRH stand neben der Verteidigung der politischen und sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution der Kampf gegen den italienischen Fa- schismus im Vordergrund. Unter anderem wurde eine Freilassungskampagane für den Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci, eingeleitet. Solidaritätskampagnen wurden auch für die kommunistischen Bewegungen in den Balkanländern, vornehmlich in Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien und Griechen- land, durchgeführt. In diesen Ländern kam es Anfang der 20er Jahre zu vielen revo- lutionären Erhebungen der Volksmassen gegen die reaktionären Regime jener Zeit. Diese Kampagnen, die wir im nächsten GI

beleuchten werden, waren Ausdruck des internationalistischen Solidaritätsverständ- nisses und Folge des proletarischen Inter- nationalismus der IRH. Der Ansatz der Einheitsfrontpolitik, mit der eine proletarische Einigung kommu- nistischer, sozialdemokratischer, anarchi- stischer, parteiloser und gar christlicher ArbeiterInnen erzielt werden sollte, war, wie wir im ersten Serienteil skizziert haben, eine zentrale Grundlage der Programmatik der IRH. Die IRH-Kampagnen standen dem- nach im Zeichen dieser Politik der Bildung einer Einheitsfront, um über den massen- organisatorischen Charakter der IRH eine proletarische Massenmobilisierung gegen den weißen Terror und die bürgerliche Klas- senjustiz entstehen zu lassen. Der Komintern-Vorsitzende Georgi Sino- wjew hat zur Notwendigkeit der Bildung

einer proletarischen Einheitsfront auf der Konferenz der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale (KI) im Fe- bruar 1922 ua. referiert: „Die Arbeiter wollen die Einheit, sie wollen gemeinsam gegen die Bourgeoisie kämpfen. Mit dieser Stim- mung nicht rechnen, heißt vom Kommu-

nisten zum Sektierer werden (

) Der Unwil-

le der Arbeiterklasse gegen Spaltungen ist nur zu begreiflich. Das Streben nach Einheit

ist sehr oft, ja fast immer ein revolutionärer Faktor. Die Macht der Arbeiterklasse be- steht darin, dass sie Millionen zusammen- hält, es ist die Macht der Zahl.“ Insbesondere eignet sich die Antirepres- sionsarbeit als Terrain der praktisch wer- denden Einheitsfront. Denn neben der un- mittelbaren materiellen und moralischen Unterstützung politischer Gefangener und des jeweiligen familiären und freund- schaftlichen Umfeldes „führt die IRH“, so ein Beitrag in der 1929 erschienenen IRH-

Broschüre „Des Volkes Blut

Zehn Jahre

weißer Terror“, „einen systematischen, un- ermüdlichen und breit angelegten Kampf gegen den weißen Terror, gegen die bür- gerliche Klassenjustiz und den Faschismus. Das grundlegende Kampfmittel ist die Mo- bilmachung der breitesten werktätigen Mas- sen und der öffentlichen Meinung in den von der IRH durchgeführten Kampagnen.“ Als sich der Nazismus nach 1933 in

Deutschland mehr und mehr durch seine staatsterroristischen Methoden etablieren konnte, rief der IRH-Vertreter Andre Marty in einer Rede auf der II. Plenartagung des

Exekutiv-Komitees der IRH im September 1935 dazu auf, „für eine geschlossene Ein- heitsaktion zur Rettung aller Opfer der Re- aktion und des Faschismus“ einzutreten.

Rassismus und Klassenjustiz in den USA

Die IRH rief in verschiedenen Fällen zu Kampagnen gegen die (rassistische) Klas- senjustiz in den USA auf. Die bedeutendste Solidaritätsaktion galt der Verteidigung der beiden 1920 unter falschen Anschul- digungen inhaftierten gewerkschaftlich und anarchistisch engagierten Arbeiter Ferdinando Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Dieser siebenjährige Kampf um das Leben und die Freiheit von Sacco und Vanzetti konnte sie zwar nicht vor dem elek- trischen Stuhl bewahren, aber die weltweit getragene Kampagne bewies, dass die IRH in der Lage war, eine zeitlich gestreckte Konfrontation mit dem US-Justizapparat zu führen, die weltweit Aufsehen erregte. Was war der Hintergrund? Sacco und Van- zetti waren zwei 1908 aus Italien in die USA eingewanderte Arbeiter, die sich dort zunächst unabhängig von einander der an- archistischen Bewegung anschlossen. Um sich dem drohenden Kriegsdienst zu ent- ziehen, flüchteten sie wie andere Aktive aus dem libertären Spektrum 1917 für einige Monate nach Mexiko. Gegen Sacco und Vanzetti wurden 1921 wegen angeblicher Beteiligung an einem doppelten Raubmord prozessiert. Voraus- gegangen waren dem zwei bewaffnete Raubüberfälle im Dezember 1919 und April 1920. Am 24. Dezember 1919 schlägt eine Enteignungsaktion auf einen Geldtrans- porter fehl. Einige Monate später, am 15. April 1920, wurden zwei Angestellte einer Firma bei der Erbeutung von Lohngeldern erschossen. Polizei und Staatsanwalt kon- struierten einerseits, dass diese beiden Überfälle in einem direkten personellen Zusammenhang stünden und dass ande- rerseits die Verantwortlichen in anarchi- stischen Kreisen zu suchen seien. Über die Ermittlung in eben jenen Kreisen kamen die Repressionsbehörden auf Sacco und Vanzetti als „verdächtige Personen“. Po- lizei und Staatsanwaltschaft hielten trotz fehlender Indizien und Beweise an ihrem Konstrukt fest. Hinsichtlich des ersten, nicht

14 | Gefangenen Info | Oktober 2009

tödlich verlaufenden Überfalls wurde ledig- lich gegen Vanzetti Anklage erhoben. Das Geschworenengericht formulierte

tödlich verlaufenden Überfalls wurde ledig- lich gegen Vanzetti Anklage erhoben. Das Geschworenengericht formulierte einen Schuldspruch wegen Raub- und Mordab- sicht. Der Prozess wegen des doppelten Raub- mordes wurde sowohl gegen den bereits zum Tode verurteilten Vanzetti als auch ge- gen Sacco Ende Mai 1921 eröffnet. Mitte Juli 1921 sprachen die Geschworenen die beiden in allen Anklagepunkten für schul- dig. Fast sechs Jahre später im April 1927 verkündete der Richter das Urteil: Todes- strafe durch den elektrischen Stuhl. Alle Revisionsanträge, die detailliert eine Wie- deraufnahme des Verfahrens rechtfertigten, schlugen fehl, mussten fehl schlagen, damit dieser Justizkomplott Akt für Akt durchge- spielt werden konnte. Die Vollstreckung des staatlichen Mordurteils erfolgte am 22. Au- gust d. J. in Massachusetts. Das Exempel gegen eingewanderte Ange- hörige aus der anarchistischen und Anti- kriegs-Bewegung war damit statuiert. Dem Endpunkt dieses Schauprozesses gingen allerdings massive internationale Proteste

voraus, die die IRH mit ihren Sektionen maßgeblich unterstützte und öffentlich trug. Über ideologische und organisatorische Grenzen hinweg wurde weltweit für Saccos und Vanzettis Leben gekämpft. Noch kurz vor der Urteilsvollstreckung hieß es bspw. in einem flammenden Appell der RHD unter der Überschrift „Entreißt Sacco und Van- zetti den Henkern!“: „Sacco und Vanzetti müssen befreit werden! Sacco und Van- zetti retten, heißt, der Klassenjustiz einen empfindlichen Schlag versetzen. Alle Kräfte dafür herzugeben, die Kräfte noch zu ver- zehnfachen, das ist das dringende Gebot

) (

Diesen Kampf müßt Ihr unter dem Ban-

ner der Roten Hilfe führen, der Organisati- on, die seit Anbeginn im Vordertreffen des Kampfes zur Rettung von Sacco und Van- zetti steht!“ Eine andere wichtige Kampagne der IRH gegen die US-Justiz, die wir an dieser Stel- le nur als Stichpunkt nennen können, war die Rettung der schwarzen Jungen von Scottsboro in Alabama. Die neun Jungen wurden fälschlicherweise beschuldigt, zwei weiße Mädchen vergewaltigt zu haben. Dieser Justizskandal zog sich fast zwei Jahrzehnte hin und endete letztlich 1950 erfolgreich; alle Angeklagten konnten vor der Hinrichtung durch eine weiße Jury be-

wahrt werden. Interessant an diesem Fall ist, dass diese juristische und politische Auseinandersetzung die Existenz der IRH überdauerte.

Unterstützung für das revolutionäre China seit Ende der 20er Jahre

Um die IRH-Kampagnenpolitik im Falle der chinesischen KommunistInnen und Gewerk- schafterInnen sowie der Räte-Bewegung zu verstehen, ist auch hier ein kleiner Ausflug in die Hintergrundgeschichte angebracht. Die von Sun Yat-sen 1912 gegründete Chi- nesische Nationalpartei, die Kuomintang (KMT), trat mit dem Ziel an, die Kaiserdy- nastie von den Machthebeln zu verdrängen und China aus den feudalen Fesseln sowie dem Einfluss von ausländischen Interven- tionisten zu befreien. Die KMT setzte sich aus verschiedenen politisch-ideologischen Strömungen zusammen und repräsentierte bis zur Gründung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) im Jahre 1921 die progressive national-demokratische Oppo- sition. Auf Vermittlung der KI kam es zu zwei Ein- heitsfront-Bündnissen zwischen der KMT und der KPCh. Zwischenzeitlich betrach- tete die KI die KMT als sympathisierende Partei. U.a. weilte Tschiang Kai-schek, der nach Sun Yat-sens Tod 1925 die KMT- Führung übernahm, in der UdSSR, um ein Studium des Marxismus-Leninismus auf- zunehmen und sich mit der Partei-Theorie Lenins vertraut zu machen. Von 1923 bis 1927 agierten beide Kräfte gegen die dy- nastischen Feudalverhältnisse in China, um die „nationale Einheit“ des chinesischen Territoriums u.a. gegen die imperialistische Einflussnahme Japans herzustellen. In dem Zweckbündnis von 1936 bis 1946 sollten die kommunistische und nationalistische Partei gemeinsam die japanische Militär- Aggression auf dem chinesischen Festland abwehren. Beide Versuche, eine stabile Einheitsfront zwischen den disparaten politischen Grup- pierungen zu schaffen, waren rein tak- tischer Natur. Während der ersten Einheits- front gelang es zumindest der KPCh unter dem Schirm der KMT personell und struk- turell stark zu wachsen. Um diesen Wachs- tumsprozess der KPCh zu torpedieren, massierten sich die Übergriffe auf Gewerk-

schafterInnen, KommunistInnen und deren SympathisantInnen. Als die Truppenver- bände Kai-scheks im Frühjahr 1927 Shang- hai, das als kommunistisches Zentrum galt, eroberten, kam es zu umfangreichen Verfol- gungen von KPCh-AnhängerInnen und ak- tiven GewerkschafterInnen mit unzähligen Toten, Verletzten und Eingesperrten. Mit der blutigen Niederschlagung der kom- munistischen Kommune-Bewegung in Kan- ton am 12. Dezember 1927 durch die KMT gelangte die Repression zu ihrem Höhe- punkt. In einem IRH-Aufruf zum „Internati- onalen Tag gegen koloniale Unterdrückung“ zum 12. Dezember 1931 heißt es u.a. zur Dimension der Repressionswelle der KMT:

„Am ärgsten aber wütet der weiße Terror in China. 2 Millionen Ermordete sind die bis-

herige grauenhafte Bilanz des weißen Ter- rors, dessen Hauptträger die blutige faschi- stische Kuomintang-Diktatur ist.“ Folge war, dass die KPCh und ihre AnhängerInnen in eine jahrelange Defensive gerieten und 1934/35 einen strategischen Rückzug, den sog. Langen Marsch, antreten mussten. Im Zuge der Eskalation des anti-japa- nischen, anti-kolonialen Befreiungskrieges drängte die KI 1936 ein weiteres Mal auf die Bildung einer Einheitsfront zwischen der KPCh und der KMT. Dieses Stillhalte- abkommen erwies sich als äußerst fragil, bewaffnete Konflikte wurden insbesondere 1941 ausgetragen. Nach der Kapitulation Japans im Frühling 1946 zerbrach dieses „Bündnis“ endgültig und die KMT-Reaktion samt Anhang verließ nach der Niederlage im Bürgerkrieg und der Gründung der VR China im Oktober 1949 das Festland Rich- tung Formosa (Taiwan). Kaum eine Frage wurde kontroverser in- nerhalb der kommunistischen Weltbewe- gung diskutiert, wie die Frage nach der Einheitsfrontpolitik zwischen der KPCh und der KMT und den teils dramatischen Re- pressions- und Terrorfolgen. Clara Zetkin bringt in der Funktion als IRH-Vorsitzende im Vorwort der oben erwähnten Schrift „Des

Volkes Blut

Zehn Jahre weißer Terror“ die

Situation für die AnhängerInnen des revolu- tionären China Ende der 20er Jahre auf den

Punkt: „Kommunisten sind Freiwild für die demokratische Kuomintang.“

Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 15

Rebellische Mosaike

Paolo Neri

„Das Feuer erlischt nicht“

Ausstellung und Veranstaltungsreihe

Vernissage Sonntag, 18. Oktober 2009, 17 Uhr Mit Beiträgen von Paolo Neri, dem ehemaligen Anwalt von Andreas Baader und Schriftsteller Peter O. Chotjewitz und Gottfried Ensslin, dem Bruder von Gudrun Ensslin.

Kunst als politische Ausdrucksform Dienstag, 20. Oktober 2009, 20.30 Uhr Eine Diskussion anlässlich der Mosaike von Paolo Neri über Kunst als Mittel politischen Ausdrucks. Mit Beiträgen von Paolo Neri, Peter O. Chotjewitz und AktivistInnen, die in diesem Bereich tätig sind.

Film: „Dalle Alpi Apuane“ Donnerstag, 22. Oktober 2009, 19 Uhr Ein Dokumentarfilm von Christina Ramsauer über Widerstandsge- schichte in den Apuanischen Bergen Norditaliens. Im Fokus stehen der an- archistische und der kommunistische Partisanen- und Frauenwiderstand zur Zeit des 2. Weltkrieges. Paolo Neri ist in dieser Region aufgewachsen.

Finissage Freitag, 23. Oktober 2009, 20 Uhr Die Ausstellung endet mit einem gemeinsamen Abend, bei der die KünstlerInnen, TeilnehmerInnen und VeranstalterInnen nochmals zu- sammentreffen und für Fragen und Gespräche zur Verfügung stehen.

Alle Veranstaltungen finden statt im Roten Antiquariat und Galerie Knesebeckstr. 13/14, 10623 Berlin Tel. +49 30/37 59 12 51 galerie@rotes-antiquariat.de

Rezension der Mosaike Paolo Neris von einem politischen Gefangenen aus Italien

Als mich der Schöpfer dieser Mosaike darum bat, mein Urteil abzugeben, mich, der ich im Knast bin, und zwar als revo- lutionärer Gefangener, muss man sagen, als der ich äußerst sensibel und Teil eines revolutionären historischen Bewusstseins bin, das gegen den Status Quo in Stellung gebracht werden muss, war meine Antwort nach kurzem Zögern also positiv. Ich dach- te, wegen ihres künstlerischen Werts und der engagierten Absichten, die dahinter stehen, verdient diese Initiative einen Bei- trag, und sei er auch noch so bescheiden, eine kritische Einführung zur besseren Be- urteilung, und jemand wie ich, der die Kunst liebt oder einfach nur daran interessiert ist, kann hier ihre besondere Bedeutung he- rausstellen, ihre Fähigkeit, durch Form und Inhalt mit antikem Material neue Ziele dar- zustellen. In diesem Sinne werde ich mich auf die künstlerische Ebene beschränken, weil es die zentrale Ebene ist, die alle an- deren repräsentiert, beleuchtet und zusam- menfasst; eine Art Stützbalken, der wenn er gut gelungen ist, alles hält, andernfalls stürzt alles zusammen. Nach dieser kurzen Vorbemerkung will ich gleich zur Sache kommen, und zwar mit einem WARUM?

der revolutionären Geschichte gaben, also eine glänzende Quelle von Ideen, Werten und Bezugspunkten, die man heute wie- der denen gegenüber zur Geltung bringen kann, die sich den unterdrückten Klassen und Völkern anschließen und kämpfen, um sich von der Barbarei, von der imperialis- tischen Herrschaft zu befreien.

Deren Erinnerung darzustellen, wie in diesen acht Mosaiken, ist also kein reiner Gedenkakt oder eine sozusagen museale Veranstaltung, wie es in diesen Fällen auch im künstlerischen Bereich vorkommt, son- dern ein kreatives Handeln, das mit seinen ausgesuchten Formen, Farben, Zeichen und Strukturen als erhellender, aber auch provokanter Faktor der Reflexion, des An- sporns und explosiven Erinnerung auftre- ten kann und in der Lage ist, sich als le- bendige Geschichte einzubringen, die fähig ist, die Gegenwart zu entflammen und die Zukunft zu erleuchten. Deshalb gibt es auf die vielen WARUM schließlich nur eine Ant- wort: DENN DAS FEUER STIRBT NICHT! Um es im Bewusstsein und im Herzen le- bendig zu halten für diejenigen, die für eine Welt der Freien und Gleichen kämpfen, ohne Unterdrückte und Unterdrücker, kann auch die Kunst einen bedeutenden Beitrag leisten, wenn man ihre unmittelbare und faszinierende Sichtbarkeit betrachtet, die Kraft, welche das darstellende Bild hat, um die Sensibilität und die Gefühle, die Gedan- ken und die Erinnerungen zu stimulieren und das mit einer blitzartigen Wirkung.

Das nur im Allgemeinen, doch der Gedan- ke gilt zuallererst einem künstlerischen Schaffen, und umso mehr, als dieses mit einem Klassenbewusstsein ausgestattet ist, mit seinem Werk die Wirklichkeit neu gestalten und verändern will, und das auch tut, anstatt sie zu beschreiben, zu verschö- nern, über sie zu phantasieren oder sie zum Spektakel zu machen wie das nur all- zu oft geschieht. Also eine Kunst, die wie diese Mosaike eine perspektivische Tiefe besitzt und all diese Qualitäten in Form und Inhalt, die dem vielfältigen mensch- lichen, politischen und ideellen Reichtum von Männern und Frauen spezifische Kraft und Dichte verleihen, die ihr Leben gege- ben und den Tod erlitten haben im Kampf gegen die Bourgeoisie und ihr System der Unterdrückung und Entfremdung, gegen den Imperialismus an der Seite der Befrei- ungskämpfe der unterdrückten Völker.

Darin erweist sich die Idee, die Erinnerung durch acht Porträts auf Mosaik wieder auf- leben zu lassen, von denen jedes einzelne die persönlichen Charakteristiken darstellt, die stets als Teil eines genau definierten Ganzen erscheinen, als eine Entschei- dung, die im künstlerischen Umfeld schwer zu vollziehen ist, wo sie im komplexen und

Ein Fragezeichen, das sich angesichts die- ser Serie von Mosaiken stellt, die ein rich- tiges Kunstwerk sind. Sie sind es auf eine Art, die über die rein ästhetische Darstellung hinaus und gegen sie geht, und stattdessen eine komplexe Vielfalt an Aspekten bietet, an Bedeutung mit tief greifenden Inhalten, die größere Kraft und Ausdruck, Kohärenz und engagierte Expressivität finden, und zwar gerade durch diesen ursprünglichen, subversiven Gebrauch der Mosaike, deren typische dekorative oder klerikal-imperiale Funktion in der Geschichte umgekehrt wird. Wie wir dann sehen können, liegt gerade in dieser komplexen und alternativen Art Kunst zu produzieren, Mosaike einzuset- zen, eine erste erklärende Antwort auf die Eingangsfrage.

Auf diese folgt dann das WARUM die Ge- nossinnen und Genossen der RAF und des Widerstands gewählt wurden, die in den siebziger Jahren in den deutschen Knästen gestorben sind. Bei dieser Entscheidung hat sicherlich der 18. Oktober 1977, der 30. Jahrestag des Todes der Stammhei- mer Gefangenen, eine Rolle gespielt, der die Gelegenheit bot, diese unbeugsame Erinnerung und dieses antagonistische Bewusstsein zu aktivieren, die sehr gut vor Augen haben, wie die kritische Umgestal- tung des herrschenden Systems vor sich gehen kann, auch durch die Kenntnis und die Bewertung der Kräfte und Subjektivi- täten die sowohl in Sachen revolutionärer Politik als auch im Hinblick auf den neuen Menschen soviel gegeben haben, und mit ihrer Erfahrung ein leuchtendes Beispiel

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doch grundlegenden Ansatz, eine enge Verbindung zu schaffen zwischen interak- tiver Kraft und Schönheit, zwischen den verschiedenen Qualitäten, die das Werk ausmachen, also zwischen benutztem Ma- terial, Form, Inhalt und Wert, mit dem es charakterisiert werden kann. Das Kunst- werk schafft also eine spannende und sy- nergische Konvergenz zwischen einem widerstandfähigem Material (emblematisch für den „Widerstand“, der dargestellt wer- den soll) solide und haltbar, felsig und doch wertvoll, und der zarten Seele, die Marmor eben ist; die besondere FORM des Mosa- iks, in einer künstlerischen Technik, die ihre Wurzeln in die Zeit versenkt, schon immer fähig, mit ihrer Materialität als komplexem und umfassendem Rahmen eine stark ex- pressive Vision dieser Bilder und ihrer so raffinierten Einheit in der Vielfalt zu vermit- teln; der INHALT des Werks, der fähig ist, die Erinnerung an diese Revolutionäre zu erfassen, damit sie auch weiterhin lebendig und wirklich sind, indem es ihre Figuren un- sterblich macht (was man angesichts des verwendeten Materials allerdings sagen kann); durch die Gesichter, deren hohes und alternatives Profil der Menschen und ihrer Ideen vom artikulierten und mosaikar- tig betonten Ansatz kommt; in unterschied- lichen, aber konvergierenden Zeichen und Sprachen, Zahlen, Worten und Zitaten revolutionären Anklangs; schließlich der einem Kunstwerk innewohnende Wert, der kein Selbstzweck ist, kein rein ästhetischer Vorgang oder eine „Konzept“-Performance, über die man seine Doktorarbeit schreiben kann, sondern eine schöpferische Kraft, die von einem aktiven und kollektiven ge- sellschaftlichen Bewusstsein kommt und nach einer Interaktion mit der Realität und der Geschichte strebt, indem sie der Bewe- gung, die deren Verlauf revolutionieren will, ihren Beitrag zu einem eigenen Manifest gibt, und zwar mit diesem Material (und was für einem Material!) die Zeit und die Zeiten herausfordert und sichtbar den marmornen Widerstand und das lebendige, präzise und kämpferische Bild eines revolutionären hi- storischen Gedächtnisses widerspiegeln will, das es in der Gegenwart am Leben zu halten und mit seiner großen Hinterlassen- schaft an Erfahrungen und Werten in der Zukunft zu verankern gilt.

Wegen diesem Komplex von Motiven und also wegen der kühnen, seltenen Fähig- keit, alle Komponenten dieses Werkes wie in einer Faust zu bündeln, von den struktu- rellsten und zielgerichtetsten bis hin zu de- nen mit größerem gegenständlichem Wert, kann man diese Reihe von acht Mosaiken als Beispiel eines aktiven Werkes betrach- ten, das heißt als vollständige Kunst, die reich ist an Schönheit, Emotionen und Re- flexionen, an Geschichte und Erinnerung, Wut und Revolution. In diesem Sinne ist das, was gezeigt wird, ein hohes künstle- risches Bewusstsein und eine ebensolche künstlerische Praxis, und vor allem gegen dieses in diesem Bereich existierende graue, erstickende Panorama, in dem die

Kunst noch heute im Allgemeinen die Auto- nomie des Denkens und des gesellschaft- lich ausgerichteten, alternativen Handelns offenbar verloren hat, das im Kontakt zur Realität und ihrer Konflikte diese Ideen aufzugreifen und darzustellen vermag, die auf die Kritik und die Überwindung der be- stehenden Ordnung, auf die Suche nach neuen und umfassenderen Perspektiven hinzielen. Während das, was man häufig erlebt, eine Art „Rückkehr zur Ordnung“ ist (was schon die gewagtesten Überschrei- tungen erlaubt, wenn sie formal und kon- sumorientiert sind), in der die Kunst fast immer für jenen Markt funktional ist, der sie als Warenspektakel benutzt, von dem er profitiert und alle Bedürfnisse abdeckt, die

mehr oder weniger vom Genuss von etwas Schönem veranlasst sind, wenn es nur be- ruhigend und idealisiert ist und voller Spezi- aleffekte und nur virtuose Phantasien, also ebenso vergänglich wie ohne jede Tiefe und Inhalte. Ein Warenspektakel, da es auf seine Weise wegen der angenommenen Charakteristiken ihrerseits die der Dege- neration und des Scheiterns eines kapitali- stischen Systems widerspiegelt, das immer tiefer in der Krise ist, auf so erstickende Weise gesättigt und unfähig, die mensch- lichen und Produktivkräfte in gesellschaft- lich nützlicher Weise zu entwickeln, die es stattdessen tendenziell zerstört, so dass es nicht mehr weiterzugehen/weiterzuse- hen weiß, und deshalb eher das Alte in falschen Hüllen vorschlägt, oder einem ein- fach Rauch in die Augen bläst, wie das der Fall ist bei den immer ähnlicher werdenden inhaltsleeren, konformistischen Formen der bildlichen Kunst und Kommunikation, ob in der Werbung oder in den Medien. Wenn die Kunst also noch einen Sinn hat, der gesellschaftlich und schöpferisch etwas wert ist, kann sie bestimmt nicht innerhalb der Räume, Dimensionen und Pseudoin- halte verwirklicht werden, die von diesem historisch erledigten herrschenden System vorgegeben und mit ihm kompatibel sind, sondern wir können sie uns nur außerhalb und gegen dieses System nehmen und

weiterentwickeln

diesen wunderbaren

roten Faden, der das künstlerische Schaf- fen mit der Gesellschaftskritik zu verbinden vermag, die ästhetische Darstellung mit der tiefen Perspektive, die Suche nach neuen Räumen und Sprachen mit der Radikalität, mit der wir in die Zukunft blicken. Wie es bei unserem Paolo Neri und seinen Schö- nen Rebellischen Mosaiken der Fall ist, das Beispiel einer widerständigen Kunst, auch widerständig gegen Beleidigungen und die trügerischen Sirenen dieser schlechten Zeiten, die sie kennt und von denen sie zornig autonom sein und also ihre kreative Kraft verherrlichen will, indem sie sie zum Teil des größten Werkes macht, das die Geschichte kennt, nämlich das revolutio- näre Werk der Emanzipation und Befreiung des Menschen. Eine Kunst, deren Feuer noch präsent ist, und das ist alles.

Carlo Garavaglia

Einleitende Worte der VeranstalterInnen zur Ausstellung und zur Veranstaltungsreihe

Die Ausstellung und Veranstaltungs- reihe, welche eine Fortsetzung der bundesweiten Ausstellungsreise Pao- lo Neris im März diesen Jahres (siehe Dokumentation im Gefangenen Info Nr. 346; Anm. d. Red.) darstellt, wird in Zusammenarbeit zwischen dem Netz- werk Freiheit für alle politischen Ge- fangenen und dem Roten Antiquariat und Galerie organisiert.

Neben dem Anliegen Neris, die Mosai- ke politischer Gefangener, die die Haft in BRD-Knästen nicht überlebten, in Berlin ausstellen zu wollen, spielte für uns der Jahrestag der Stammheimer Todesnacht `77 eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund eröffnen wir die Ausstellung am 18. Oktober.

Während die herrschende Klasse mit ihren hörigen Schreiberlingen in den Medienanstalten - allen voran der Axel Springer Presse - bemüht ist, die re- volutionäre Widerstandsgeschichte in diesem Land anzuschwärzen und zu diskreditieren, stellt die Aneignung dieser Geschichte einen zentralen Faktor für uns dar. Die Vermittlung die- ser Geschichte dürfen wir nicht jenen überlassen, die immer noch das Blut von Genossinnen und Genossen an ihren Händen kleben haben.

Aus diesem Grund sollen die Aus- stellung und die darin integrierte Ver- anstaltungsreihe einen Beitrag zur authentischen Vermittlung und Ausei- nandersetzung mit unserer Geschich- te darstellen.

Darüber hinaus möchten wir einen Bo- gen zur Gegenwart spannen und über die Kontinuität staatlicher Repression diskutieren. Wer glaubt, dass politi- sche Prozesse, Stammheim, Isolati- onshaft oder Folter der Vergangenheit angehören, irrt sich. So wie die Per- spektive von einer befreiten Gesell- schaft, welche die in Neris Werken portraitierten politischen Gefangenen dazu bewegte, den legitimen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrü- ckung aufzunehmen, so sollte diese Perspektive auch heute für unser Den- ken und unser Handeln bestimmend sein.

(Ausstellungsprogramm und Text sind dem Anküdigungsflyer entnommen.)

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 17

Nurhan Erdem auf einem Kongress der Anatolischem Föderation
Nurhan Erdem auf einem Kongress
der Anatolischem Föderation
Brief von Nurhan Erdem vom 21. August 2009
Brief von Nurhan Erdem
vom 21. August 2009

) (

habe, ein Staat, der auch zu den „Mäch- tigen“ gehört. Deshalb können wir die Rolle der BRD nicht ausblenden. Ich wurde ja nicht von einem anderen Staat verhaftet :-) oder wir alle sind ja nicht in einem anderen Land in Isolationshaft gesteckt. Deutsch- land hat über die Türkei eine zwiege- spaltene Meinung. Ich weiß zum Beispiel über Urteile, die darauf hinweisen, dass die Türkei Folter als Methode benutzt und

Die BRD ist, wie ich schon gesagt

deshalb auch nicht demokratisch ist. Aber wir sind wir im Knast, weil wir gegen den türkischen „demokratischen“ Staat etwas gemacht haben. Zwischen der Türkei und der EU gab es im- mer enge Beziehungen. Die USA waren in einer bestimmenden Rolle, aber die EU hat sich niemals ganz herausgehalten.

) (

ropa in die Türkei exportiert. Über hundert Gefangene sind durch das Todesfasten, durch Bomben, durch Verbrennung, durch Schusswaffen gestorben. Was hat die EU gemacht? Zugesehen und kein Kommen-

tar abgegeben. Du siehst, wenn es in Chi- na und Iran irgendeine Menschenrechts- verletzung gibt, wie schnell die reagieren! Der Grund, warum sich die europäischen Staaten fast jeglicher Kritik enthalten, sind durch die vielfältigen wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen mit dem Re- gime zu erklären. Noch ein weiterer, weil die neuen Erdöl- und Erdgaspipelines wer- den ja auch über die Türkei laufen! Die erweiterten Formen der „Terrorge- setze“ sind natürlich nicht akzeptabel. Um was dagegen zu tun, muss man nicht Sozi- alist sein. Mensch sein reicht! Wenn man diese Gesetze aber nur auf die humanistische Seite reduziert, ist es natür- lich leichter, dass die bürgerlichen Medien darüber berichtet. Aber manchmal hat mich

Die Zeitungen be-

das auch geärgert. (

Die F-Typ Gefängnisse wurden von Eu-

)

richteten nach der Urteilsverkündigung im Stammheimer §129b-Verfahren von einem Herzkranken, zwei weiteren kranken Men- schen und sowie von einem Anwalt. Diese verkürzte Darstellung war in vielen Gazet- ten zu finden. Devrim (Güler) wurde ganz selten oder garnicht erwähnt. Den Bericht aus Stuttgart von der interna- tionalen Prozessdelegation vom Juli habe ich auch gelesen und habe mich darüber natürlich geärgert. Wir sind nicht hilflose oder arme Menschen. Wir sind Revolu-

tionäre, die für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen! Für dieses Engagement sollen

) Isolierung ist eine

wir verurteilt werden. (

strenge Form von diesem Theater und das hat natürlich negative Folgen für uns: Erst

14 Monaten nach den Verhaftungen der fünf Freunde begann der Prozess in Stutt- gart und wurde bewusst vom zuständigen

Senat in die Länge gezogen. Es wird bei uns, Ahmet Istanbullu, Cengiz Oban und

) Wir müs-

sen kämpfen, um unsere politische Iden- tität vor dem Gericht zu verteidigen, weil wir Verantwortung gegenüber den unter- drückten Völkern tragen. Unsere Vorstel- lungen müssen wir überall artikulieren, weil wir von Lügen der Anklage und Verzweife- lung umzingelt sind. Es ist nicht nur unse- re Arbeit, die wir verteidigen müssen. Die Staatsanwaltschaft hat eine sehr umfas- sende Anklage erhoben, deshalb können wir darauf nicht nur begrenzt (humanitär) reagieren. Was vor 35 Jahren stimmte ist heute ge- nauso: Folter ist eine Methode, die ange- wendet wird gegen „anders Denkende“. Wir sind nicht wegen Diebstahl eingesperrt, sondern wegen unserer Meinung und we- gen unserer politischen Aktivitäten. Diese Tatsachen sollte mensch nicht vergessen. Zum Schluss betone ich noch einmal, hu- manitäre Arbeit sollte nicht die politischen verdrängen, denn der Grund, warum es zu diesen Gesetzen und Kriminalisierungen gekommen ist, ist relevant: Besonders für linke Organisationen ist es ein wichtiger Punkt. Früher oder später werden sie die Folgen auch am eigenen Leib erfahren. Je mehr man den Kopf in den Sand steckt, de- sto mehr wird er auch von außen, von den „Mächtigen“, in den Sand gesteckt. Bis man daran erstickt und stirbt. Diese Tatsache ist bitter aber leider unsere Realität. Die, die das sehen und nicht den Kopf in den Sand stecken, werden weiterleben. ( )

mir, auch nicht anders laufen. (

Schreibt Nurhan Erdem Nurhan Erdem JVA Köln, Rochusstraße 350 50827 Köln
Schreibt Nurhan Erdem
Nurhan Erdem
JVA Köln, Rochusstraße 350
50827 Köln
Nurhan Erdem JVA Köln, Rochusstraße 350 50827 Köln „Folterkammer Amerika“ Broschüre der Roten Hilfe

„Folterkammer Amerika“ Broschüre der Roten Hilfe Deutschland

Anlässlich der Textserie „IRH/RHI. Zur Geschichte und Aktualität einer Solidari- täts- und Antirepressionsorganisation“, die wir seit der letzten Ausgabe des Gefange- nen Infos abdrucken, und dem aktuellen Schwerpunktthema „politische Gefangene in den USA“ haben wir uns dazu entschie- den, die Rückseite dieser Ausgabe mit dem Titelbild der antiquarischen Broschüre „Fol- terkammer Amerika“ zu versehen. Die Gra- fik wurde von dem Künstler und späteren Filmemacher Peter Pewas für die Rote Hilfe Deutschland entworfen und symbolisiert die Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl in den USA. Die Broschüre wurde 1927 vom MOPR-Verlag Berlin veröffentlicht und the- matisiert das Komplott gegen Sacco und Vanzetti (siehe auch Seite 14 und 15), in deren Konsequenz sie auf dem elektrischen Stuhl zu Tode gefoltert wurden.

Zu Peter Pewas: Er besucht als junger Kunststudent das Weimarer Bauhaus und erhält Unterricht bei Klee, Kardinsky und Maholy-Nagy. Inspiriert von der Arbeiter- bewegung fertigt er Grafiken für die „Roten Naturfreunde“, die „Rote Hilfe“ und Arbei- terverlage an. Während des Nationalso- zialismus setzt er seine künstlerischen Tätigkeiten fort und spezialisiert sich auf das Filmemachen. Klandestin setzt er die Anfertigung von Grafiken für illegalisierte Publikationen fort. In der Folgezeit werden Filmmaterialien von den Nazis konfisziert und der Film „Der verzauberte Tag“ verbo- ten. Nach Ende des Nationalsozialismus setzt er das Filmemachen fort. Da die Broschüre „Folterkammer Amerika“ nur antiquarisch zu beziehen ist, stellen wir interessierten Gefangenen eine Kopie zur Verfügung. (Red.)

18 | Gefangenen Info | Oktober 2009

Schreibt den Gefangenen aus unserer Bewegung!
Schreibt den
Gefangenen aus
unserer Bewegung!

Gefangenenadressen in aktualisierter Form auf www.political-prisoners.net

Ahmet Düzgün Yüksel JVA Stuttgart Stammheim Asperger Str. 60

70439

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Stuttgart

Jose Fernandenz Delgado JVA Rheinbach Aachener Str. 47

53359

Infos: www.escapeintorebellion.info

Rheinbach

 

Lukas Winkler

Ahmet Istanbullu

JVA Ebrach

JVA Wupperal

Marktplatz 1

Simonshöfchen 26

96157

Erbach

42327 Wuppertal

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Alexandra Remus Buchungsnummer 354/09/3 Arkonastraße 56

13189 Berlin

Infos: www.engarde.blogsport.de

Birgit Hogefeld

Obere Kreuzäckerstr. 4

60435 Frankfurt

Cengiz Oban

JVA Bochum

Krümmede 3

44791

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Bochum

Christoph Teige

Buchungsnummer 1855-09-6 JVA Moabit Alt Moabit 12a

10599 Berlin

Infos: www.engarde.blogsport.de

Devrim Güler

JVA Stuttgart Stammheim Asperger Str. 60

70439 Stuttgart

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Infos: www.hausbesetzerinnensoli.de.vu

Marco Camenisch Postfach 3143 CH-8105 Regensdorf Infos: www.rhi-sri.org

Mustafa Atalay JVA Stuttgart Stammheim Asperger Str. 60

70439

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Stuttgart

Nurhan Erdem

JVA Köln

Rochusstraße 350

50827

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Köln

Stephanie Träger JVA München Am Neudeck 10

81541 München

Infos: www.hausbesetzerinnensoli.de.vu

Sven Mauer

JVA München-Stadelheim Stadelheimerstr. 12

81549 München

Infos: www.hausbesetzerinnensoli.de.vu

Thomas Meyer-Falk

Faruk Ereren

JVA Bruchsal, Z. 3117 Schönbornstraße 32

JVA Düsseldorf

76646

Bruchsal

Ulmenstr.95

Infos: www.freedom-for-thomas.de

40476

Düsseldorf

www.freedomforthomas.wordpress.com

Infos: www.no129.info www.political-prisoners.net

Werner Braeuner

JVA Sehnde

Gabriel Pombo da Silva

Schnedebruch 8

JVA Aachen Krefelder Str. 251

31319

Sehnde

52070 Aachen

Infos: www.escapeintorebellion.info

Gefangene
Gefangene

„Conciencia Obrera“ (Arbeiterbewusstsein) Aus den Zeichnungen der Gefangenen aus der GRAPO (Quelle: www.presos.org.es)

der Gefangenen aus der GRAPO (Quelle: www.presos.org.es) jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr auf Radio
jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr auf Radio - FSK - FM 93,0 MHz

jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr auf Radio - FSK - FM 93,0 MHz / 101,4 MHz (im Kabel) livestream: www.fsk-hh.org/livestream

mail: knastundjustiz@fsk-hh.org Telefon: 040 - 432 500 46 Postbox: Redaktion K&J c/o Schwarzmarkt Kleiner Schäferkamp 46 20357 Hamburg

„Wieviel sind hintern Gittern, die wir draußen brauchen!“ Politische Gefangene - Sendung zu Repression und

„Wieviel sind hintern Gittern, die wir draußen brauchen!“ Politische Gefangene - Sendung zu Repression und Widerstand Freundeskreis Lokal-Radio e.V. Zur Bettfederfabrik 3, 30451 Hannover

Jeden ersten Dienstag im Monat von 18 bis 19 Uhr. Zu empfangen per Livestream über:

www.radioflora.de

Oktober 2009 | Gefangenen Info | 19

Titelseite der Broschüre „Folterkammer Amerika!“, herausgegeben vom Zentral-Vorstand der „Roten Hilfe Deutschland“, 1927, MOPR-Verlag, Berlin