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gefangenen info

unsere solidarität gegen ihre repression

feb./märz 2010 nr. 353

preis brd: 2 €

preis ausland: 2,70 €

nr. 353 ► preis brd: 2 € ► preis ausland: 2,70 € ► www.gefangenen.info ► Der

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2 € ► preis ausland: 2,70 € ► www.gefangenen.info ► Der 18. März und die Internationale

Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH)

► Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH) ► Italien: Gefangenenkollektiv „Aurora“ ist

Italien: Gefangenenkollektiv „Aurora“ ist gegründet worden

Gefangenenkollektiv „Aurora“ ist gegründet worden ► Zur Kommunikation mit den Gefangenen / Gefangenenbriefe

Zur Kommunikation mit den Gefangenen / Gefangenenbriefe

vorwort

inhalt dieser ausgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

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Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH)

diese Ausgabe steht wieder im Zeichen des 18. März, dem Tag der politischen Gefangenen. Wir möchten uns an dieser Stelle zunächst bei den Gefangenen bedanken, die uns aus diesem Anlass Briefe geschrieben haben. Diese haben

Mittlerweile wurden wir über den anstehenden Prozess gegen unsere Zei-

Schwerpunkt

wir gerne aufgenommen und abgedruckt. Briefe, die es aufgrund der schi- kanösen Kontrollen noch nicht geschafft haben, in unseren Briefkästen an-

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Die EU-Terrorliste und die Folgen

zukommen, werden wir natürlich in der kommenden Ausgabe unterbringen.

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§129b-Prozesse gegen migrantische Linke gehen weiter

tung in Kenntnis gesetzt. Dieser findet am 21. April 2010 vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin statt. Näheres dazu und zu unserer Mobilisierung gegen

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Freispruch für Scharf-Links

die Einschüchterungs- und Zensurversuche könnt ihr auf Seite 6 nachlesen. Eine erfreuliche Nachricht in diesem Kontext ist der Freispruch der Inter- netzeitung „scharf-links“, die wegen derselben Verleumdungsklage zu 12.000

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Prozess gegen Gefangenen Info am 21. April 2010

Euro Strafe verdonnert werden sollte.

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Staatssterror gegen Migrant_innen

Und ebenfalls im selben Kontext steht der Schwerpunkt dieser Ausgabe. Denn neben den laufenden §129b-Verfahren in Stuttgart-Stammheim und Düssel-

Inland

dorf, der geplanten Auslieferung von Faruk Ereren (sein Bild haben wir auf unserer Titelseite platziert) und der Kriminalisierung der Gegenöffentlichkeit in Form von Verleumdungsklagen beginnt am 11. März 2010 in Düsseldorf ein

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Interview zum Stuttgarter Antifa-Prozess

weiterer §129b-Prozess. Und damit nicht genug; die Solidaritätsbewegung sieht sich mit massiver Repression konfrontiert. Kurz vor unserem Redak-

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Faktisches Gewerkschaftsverbot gegen die FAU

tionsschluss fand erneut eine bundesweite Repressionswelle statt, bei der wieder zwei Personen wegen angeblicher Mitgliedschaft in der DHKP-C ver- haftet wurden. Wir haben versucht, den uns zur Verfügung stehenden Platz

International

mit den wichtigsten Informationen zu füttern.

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Türkei: „Null Toleranz!“?

Aus aktuellem Anlass haben wir dem Appell gegen das Gewerkschaftsver- bot der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAU auf Seite 9 Platz ein-

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Guantanamo/USA: Musikfolter

geräumt. Da im Zuge der sozialen und ökonomischen Krise Arbeitskämpfe an Heftigkeit zunehmen werden, werden sich auch die Repressalien gegen

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Griechenland: Doppelte Bestrafung

(Noch-)Beschäftigte mehren. Diese Entwicklung wollen wir als GI-Redaktion

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Honduras:

im Auge behalten, ohne dass sich allerdings der Charakter dieser Zeitschrift dadurch grundlegend verändern wird. Hinter den Knastmauern sind Arbeits-

Ermordung einer Basisaktivistin

zwang und Niedrigstentlohnung Alltag; Elemente dieses Knastalltags werden offensichtlich mehr und mehr „vergesellschaftet“.

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Österreich: Prozessauftakt gegen die TierrechtlerInnen am 2. März 2010

Neben zwei Texten in unserer internationalen Rubrik, die das Thema Folter behandeln, haben wir aus Italien die erste Erklärung des kommunistischen Gefangenenkollektivs Aurora abgedruckt. Dem Kollektiv gehören die revoluti-

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Italien: Gründung des Gefangenenkollektivs Aurora

onären Gefangenen aus dem PC-pm Prozess an. Des weiteren kündigen wir mit einem Interview den Stuttgarter Antifa-Prozess und mit einem redaktio- nellen Beitrag den Prozess gegen die österreichischen TierrechtlerInnen an.

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Frankreich: Für die Freilassung der Gefangenen aus Action Directe

Wir bedanken uns schließlich noch bei Eva Haule, die uns für unsere Aktivi-

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Kurzbericht zur Baskenland Aktionswoche

täten zum 18. März in Berlin ihre „Fotos gefangener Frauen“ zur Verfügung gestellt hat und die wir auf unserer Seite 20 ankündigen. Wir verbleiben mit herzlichsten, solidarischen Grüßen und beenden unser

Gefangene

Vorwort mit unseren Parolen für den diesjährigen 18. März:

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Zur Kommunikation mit Gefangenen

Knastkampf ist Klassenkampf! Freiheit für alle politischen und sozialen Gefangenen!

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Briefe aus den Knästen

 

Feuilleton

Die Redaktion

 

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Ankündigungen

e-mail: redaktion@gefangenen.info

homepage: www.gefangenen.info

Das Gefangenen Info ist aus dem Angehörigen Info hervorgegangen, welches im Hungerstreik der politischen Gefangenen 1989 als Hungerstreik Info entstand. HerausgeberInnen: Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen und FreundInnen. V.i.S.d.P.: Wolfgang Lettow c/o Gefangenen Info, Stadtteilladen Lunte e.V., Weisestraße 53, 12049 Berlin Nichtredaktionelle Texte spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Beiträge der Redaktion sind entsprechend gekennzeichnet. Bestellungen (Inland): Einzelpreis: 2€. Ein Jahresabonnement kostet 25,20€ (Förderabo 28,00€), Buchläden, Infoläden und sonstige Weiterverkäufer erhalten bei Bestel - lungen ab 3 Stück 30% Rabatt. Bei Bestellungen erhalten Sie eine Rechnung, die anschließend auf das Konto des Gefangenen Info zu überweisen ist. Bestellungen (Ausland): Einzelpreis: 2,70€. Ein Jahresabonnement kostet 28,40€ (Förderabo 31,20€), Buchläden, Infoläden und sonstige Weiterverkäufer erhalten bei Bestellungen ab 3 Stück 30% Rabatt. Bei Bestellungen erhalten Sie eine Rechnung, die anschließend auf das Konto des Gefangenen Info zu überweisen ist. Anschrift: Gefangenen Info, c/o Stadtteilladen, Lunte e.V., Weisestraße 53, 12049 Berlin, Redaktion: redaktion@gefangenen.info, Vertrieb: vertrieb@gefangenen.info Bankverbindung: Gefangenen Info, Konto-Nr.10382200, Bankleitzahl: 20010020, Postbank Hamburg Eigentumsvorbehalt: Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist die Zeitung solange Eigentum der/des AbsenderIn, bis es den Gefangenen ausgehändigt worden ist. „Zur- Habe-Nahme“ ist keine Aushändigung im Sinne des Vorbehalts. Wird das Info den Gefangenen nicht persönlich ausgehändigt, ist es der/dem AbsenderIn mit dem Grund der Nichtaushändigung zurückzuschicken.

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH)

Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH)

In dieser Informations- und Diskussionsveran - staltung wollen wir ein Projekt der weltweit or - ganisierten Linken vorstellen, das seit einigen Jahren auf ein gesteigertes Interesse stößt:

die Internationale Rote Hilfe (IRH).

In dem vorgesehenen Dia-Vortrag werden wir die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der IRH in ihren verschiedenen Etappen vor - stellen und nachzeichnen. Dabei werden wir die Gründung der IRH Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts beleuchten, die vor dem Hintergrund der verstärkten staatlichen Ver - folgung von vor allem kommunistischen Par - teien und proletarisch-revolutionären Bewe - gungen erforderlich wurde. Die Notwendigkeit der Bildung von proletarischen Schutz- und Solidaritätsorganisationen wurde in der Pha - se des weltweiten revolutionären Aufbruchs nach dem Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918) für die radikale Linke existenziell. Die Gründung der IRH fiel in den Zeitraum zweier epochaler Wendepunkte: auf der einen Seite stand der Sturz des Zarismus in Russ - land, der anschließende Bürgerkrieg und die Stabilisierung der proletarischen Rätemacht unter der späteren Führung der Bolschewiki. Auf der anderen Seite keimten vor allem in Südosteuropa klerikal-reaktionäre und fa - schistische Tendenzen auf. Der Aufstieg des italienischen Faschismus mit dem „Marsch auf Rom“ im Oktober 1922 ist dabei nur das bekannteste Beispiel.

Bei unserer Darstellung werden wir zwingend auf das Wechselverhältnis zwischen der sich 1919 konstituierenden Kommunistischen Internationale (Komintern) und der IRH ein - gehen, deren Gründung auf dem IV. Komin - tern-Kongress 1922 beschlossen wurde. Die Komintern, die nach dem Zusammenbruch der Zweiten Internationale aufgrund des So - zialchauvinismus und der Taktik des Burg - friedens der sozialdemokratischen Parteien vor und während des Ersten Weltkrieges als Sammelbecken für die radikale linke Oppo - sition erforderlich wurde, wirkte direkt auf die Politik der IRH ein bzw. zurück. Dementspre- chend war das Ende der Komintern 1943 zu - gleich das Ende der IRH.

Im Rahmen der Veranstaltung versuchen wir die programmatischen und konzeptionellen Grundlagen der IRH zu streifen. Insbesonde- re werden wir das Spannungsfeld zwischen der proklamierten Einheitsfrontpolitik der IRH und der zwischenzeitlichen Sozialfaschismus- rhetorik problematisieren. Ebenso stellten die diversen organisatorischen Schwächen einzelner IRH-Sektionen ein Hindernis in der alltäglichen Antirepressionsarbeit dar.

Des weiteren wollen wir einen Überblick über einzelne international getragene Kampagnen geben, die in direkter Verbindung zu Repres- sionswellen gegen die organisierte Linke in verschiedenen Ländern standen.

Der Anlass dieser Veranstaltung zur IRH ist der Tag des politischen Gefangenen, der 18. März. Dieser wurde auf Beschluss der IRH zu einem alljährlich stattfindenden internationa- listischen Solidaritätstag mit den politischen, revolutionären und proletarischen Gefange- nen in aller Welt erklärt. An diese Tradition knüpfen wir mit dieser Veranstaltung als Netz- werk Freiheit für alle politischen Gefangenen an.

Im Rahmen der Veranstaltung eröffnen wir eine thematisch passende Ausstellung mit Gefangenenportraits, die uns von der Foto- grafin und ehemaligen RAF-Gefangenen, Eva Haule, zur Verfügung gestellt wurden.

Vernissage und Informations-/Diskussi- onsveranstaltung:

Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH) / Eva Haule: Bilder gefangener Frauen

Donnerstag, 18. März 2010, 19.30 Uhr Cafe Kohi/Galerie Kraftwerk Rungestr. 20, 10179 Berlin

Veranstalter:

Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen - Berlin

18. März Aktionskalender

Informationsveranstaltung zu den §129b Pro - zessen in Düsseldorf und Stuttgart

15. März 2010, 19.00 Uhr

Infoladen, Ludwigstr. 37, 06110 Halle

Veranstalter: Rote Hilfe OG Halle, Gefangenen Info

Informationsveranstaltung: Antiknastarbeit

16. März 2010, 21.00 Uhr

AZ Conni, Rudolf Leonhard Str. 39, 01097 Dresden, Veranstalter: Rote Hilfe OG Dresden, Gefangenen Info

Gefangenenunterstützung

17. März 2010, 20.00 Uhr

JG-Stadtmitte, Johannisstraße 14

07743 Jena, Veranstalter: Rote Hilfe OG Jena,

Gefangenen Info

Vernissage und Informations-/Diskussionsver - anstaltung: Der 18. März und die Internationale Rote Hilfe (IRH) / Eva Haule: Bilder gefangener Frauen Donnerstag, 18. März 2010, 19.30 Uhr Cafe Kohi/Galerie Kraftwerk Rungestr. 20, 10179 Berlin Veranstalter: Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen - Berlin

Gefangenenunterstützung 18.März 2010, 20.00 Uhr

LiWi (Lichtwirtschaft), Stockartstraße 11

04277 Leipzig, Veranstalter: Rote Hilfe OG

Leipzig, Gefangenen Info

Diskussionveranstaltung über Grenzen und Möglichkeiten des Hungerstreiks Donnerstag, 18. März 2010, 21.00 Uhr Schnarup-Thumby, Scharnweberstrasse 38 Friedrichshain, 10247 Berlin Veranstalter: ABC Berlin

Vokü- und Infoabend zum bevorstehenden §129b-Prozess gegen anatolische Linke in Düsseldorf Freitag, 19. März 2010, 19.00 Uhr Stadtteilladen „Lunte“ in Neukölln, Weisestr. 53, 12049 Berlin Veranstalter: Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen - Berlin

Die §129b-Gefangenen, ihre Haftbedingungen und die Prozessverläufe Freitag, 19. März 2010, 19:30 Uhr Kölibri, Hein Köllisch Platz 12, 20359 Ham - burg. Veranstalter: Antirepressionsgruppe Hamburg, Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen - Hamburg, Projekt Revolutionäre Perspektive (PRP)

Film: Bambule / Diskussion mit ehemaligen Gefangenen Montag, 22. März 2010, 20.00 Uhr New Yorck 59, Mariannenplatz 2 Kreuzberg, 10997 Berlin Veranstalter: ABC Berlin

Informationsveranstaltung zum §129-Prozess in Düsseldorf Dienstag, 30. März 2010, 19.30 Uhr Linkes Zentrum, Corneliusstraße 108

40215 Düsseldorf

Veranstalter: Rote Hilfe OG Düsseldorf, Alerta Netzwerk

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Die EU-Terrorliste und die Folgen über die Manifestierung

Die EU-Terrorliste und die Folgen

über

die Manifestierung des

Feindstrafrechts in Deutschland

Obwohl „

geht es hierbei nicht um die Gefährdung der inneren Sicherheit Deutschlands. Es geht um die Verteidigung Ankaras in Düsseldorf, einem Folter- und Mörderregime und des - sen Freiheiten. Die gleiche Freiheit oder die „westlichen Werte“ werden auch genauso am Hindukusch verteidigt. So benennen sie ihren “

Krieg

(Cengiz Oban, JVA Bochum)

es ein „Anti-Terror-Verfahren“ ist,

In den politischen Prozessen gegen anato- lische Linke in Deutschland kommt nun ein neuer Paragraph zum tragen, dessen Vor - gabe die sog. EU-Terrorliste ist. Es handelt sich hierbei um eine Liste, die allein auf den Informationen aus den verschiedenen eu - ropäischen Geheimdiensten beruht und in nichtöffentlicher Sitzung vom EU-Ministerrat beschlossen wird.

Menschen, die z.B. Spenden für politische Gefangene oder gar soziale Projekte sam - meln, können so, wie die Angeklagten Cengiz Oban, Ahmet Istanbullu und Nurhan Erdem im demnächst beginnenden Prozeß kriminalisiert werden. Allein ein Umstand wie dieser, im Zu - sammenhang mit dem Vorwurf der Mitglied - schaft in der DHKP-C soll nun reichen, diese Menschen langfristig hinter Gitter zu stecken. Der §4 Abs.4 des Außenwirtschaftsgesetzes stellt genau das unter Strafe. Der Strafumfang kann bei gemeinschaftlichem Verstoß bis zu 15 Jahren Haft betragen. Dies geht somit weit über das Strafmaß hinaus, um dass es bei ei - ner alleinigen Verurteilung nach §129b geht.

So reicht die Tatsache, dass die DHKP-C auf der EU-Terrorliste steht aus, um Menschen denen keine wirkliche Straftat zur Last gelegt

werden kann, einfach wegzusperren. Eine verbindliche rechtliche Prüfung, inwieweit Gruppen und Einzelpersonen „zurecht“ auf der Liste stehen ist nicht vorgesehen. Ge- nauso wie Abwägungen im Sinne des Völker - rechts, ob eine Organisation z.B. sich Mitteln legitimer Selbstverteidigung gegen ein Ter - rorregime bedient. Wie willkürlich solche Zu - schreibungen sind zeigt der Umgang mit dem südafrikanischen ANC und den Irakisch-Kur - dischen Organisationen wir der PUK. Beide Parteien wurden zu Beginn ihrer Aktivitäten international als „terroristisch“ eingestuft und zwischenzeitlich als Befreiungsorganisati - onen geführt. Mittlerweile sind sie an der Re - gierungsmacht in ihren Ländern beteiligt.

Selbst das höchste europäische Gericht, der europäische Gerichtshof, dessen Entschei - dungen für Regierungen und nationale Ge - richte bindend sind, kritisiert das Verfahren der Erstellung der EU-Terrorliste als unde - mokratisch und ausserhalb jeder juristischen Kontrolle. Nationale Gerichte haben keine Möglichkeit gegen die Listung vorzugehen, selbst wenn betroffene Menschen, in ihren elementarsten Menschenrechten beschnitten werden.

Der Sonderermittler des Europarats Dick Mar - ty beschrieb in einer Stellungnahme 2007, was die Aufnahme in die Terrorliste konkret bedeutet: Die Betroffenen wurden nicht ver - ständigt sondern erfuhren davon, wenn sie über ihr Bankkonto verfügen wollten oder eine Grenze überschritten. Es gab keine An - klage, keine offizielle Benachrichtigung, kein rechtliches Gehör, keine zeitliche Begren - zung und keine Rechtsmittel, gegen diese

Maßnahme. Wer einmal auf der Liste steht, hat kaum mehr eine Chance auf ein norma- les Leben. Er ist quasi vogelfrei, wird politisch geächtet, wirtschaftlich ruiniert und sozial isoliert. Dazu kommen Überwachungs- und Ermittlungsmaßnahmen, nicht nur gegen die gelisteten Personen sondern auch gegen deren gesamtes Umfeld. Das kann auch Per - sonen betreffen, die ohne ihr eigenes Wis- sen in geschäftlichen oder privaten Kontakt mit gelisteten Personen oder Organisationen geraten. Die Betroffenen tragen schon heute ein erstmal noch unsichtbares Stigma. Wenn selbst Teile des EU-Apparats wie Herr Marty und der Europäische Gerichtshof kein gutes Haar an der EU-Terrorliste lassen, wie kann es sein dass in Deutschland migrantische Lin- ke auf dieser Grundlage angeklagt werden?

Die Anwort gibt der sog. „Rechtsstaat“, in dem er seine eigenen Prinzipien so offensichtlich über Bord wirft, dass hinter dieser Fassade das zum Vorschein tritt, was diesen Staat ge - schichtlich geprägt hat und was heute wieder mehr und mehr zum Thema wird.

Es wird hier ein Grad politischer Justiz er - reicht, dass dem Feindstrafrecht entspricht. Freund und Feind sind klar auszumachen. Der gemeinsame Kampf mit dem Folterre- gime der Türkei gegen aus guten Gründen nach Deutschland immigrierte Linke wird grenzübergreifend durchexerziert. Die guten Beziehungen zum NATO-Partner Türkei und die gemeinsame wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit werden gepflegt, auch wenn sich der deutsche Staat mit Folterern gemein macht.

Nicht zuletzt werden Folterspezialisten, wie der Chef der Istanbuler Anti-Terror-Abteilung, als Zeugen der Anklage zu den §129b-Prozes - sen in Stuttgart-Stammheim und Düsseldorf eingeladen. Heute geht es erstmal „nur“ um in Deutschland lebende Migrant_innen. Wenn die Bundesanwaltschaft aber mit diesen An- klagepunkten durchkommt, kann demnächst eine Spendensammlung von Internationa- list_innen mit fortschrittlichen oder andern - orts von Repression betroffenen Projekten ausreichen, um lange Jahre weggesperrt zu werden. Jeder Beitrag für die Prozesskosten eines Gelisteten, ob durch eine Spende oder die Veranstaltung einer Soliparty könnte dann kriminalisiert werden. Öffentliche Aktionen wie das Sammeln von Geld für die sandi- nistische Revolution in den 80ern, die damals als „Waffen für El Salvador“-Kampagne unter anderem in der TAZ beworben wurden, wären heute Grund genug alle Beteiligten (inkl. den presserechtlich Verantwortlichen der TAZ) jeder materiellen Lebensgrundlage zu berau - ben. (red.)

„Wenn das von der Bundesanwaltschaft ange - strebte Vorgehen in diesem Prozess in einer Art Präzedenzurteil bestätigt würde, besteht die Gefahr, dass damit jegliche unerwünschte politische Arbeit oder finanzielle Interaktion ohne angemessene juristische und demokra- tische Kontrolle kriminalisiert werden könnte.“ (Auszug aus einer Pressemitteilung der An - wältinnen von Cengiz Oban)

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§129b-Prozesse gegen migrantische Linke gehen weiter

Weitere Infos: www.no129.info

Neuer Prozeß, neues Konstrukt - Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz

Vor den Staatsschutzsenaten der Oberlan - desgerichte in Stuttgart-Stammheim und in Düsseldorf laufen seit 2007 bzw. 2009 zwei §129b-Prozesse gegen migrantische Linke. Den Angeklagten wird die Mitgliedschaft in der in Deutschland und der Türkei verbote - nen DHKP-C vorgeworfen. Seit 2002 steht diese Organisation, die für einen revolutio - nären Umsturz in der Türkei kämpft, auf der „EU-Terrorliste“. Eine Liste die jetzt, zur Er - öffnung des dritten §129b-Prozesses wegen DHKP-C-Mitgliedschaft Mitte März in Düssel- dorf in ein besonderes Blickfeld gerät. Den Angeklagten Cengiz Oban, Ahmet Istanbullu und Nurhan Erdem werden über die Mitglied - schaft in der DHKP-C hinaus strafbare Hand - lungen im Zusammenhang mit dem §34 AWG (Außenwirtschaftsgesetz) vorgeworfen. Die Vorwürfe bezüglich den Verstößen gegen das AWG basieren auf der „EU-Terrorliste“, da den darauf gelisteten Organisationen finan - zielle Transaktionen untersagt sind. Diese Li- ste, auf der sich etwa 50 Einzelpersonen und Organisationen befinden, wird vorwiegend durch Geheimdienstinformationen erstellt und wird vom EU-Ministerrat in nicht-öffent - licher Sitzung abgesegnet (siehe auch S.4). Personen, die sich auf dieser Liste befinden haben keinerlei rechtliche Handhabe dage - gen vorzugehen! Die Einführung des §129b in der BRD bildet in diesem Zusammenhang ein weiteres Mittel zur grenzüberschreitenden Verfolgung politisch mißliebiger Gruppen. Nur auf Entscheidung des Justizministeriums hin werden Ermittlungen nach §129b eingeleitet somit entschieden, ob Personen als „Mit - glieder in einer ausländischen terroristischen Organisation“ verfolgt werden.

Der §129b- Prozess in Stuttgart-Stammheim

Die momentan stattfindenden §129b-Pro - zesse sind gleichförmig von der Willkür des juristischen Personals geprägt. Ähnlichkeiten zur parteilichen Prozessführung der Staats - schutzsenate der siebziger und achziger Jahre, die damals unter anderem die Ge - fangenen aus der RAF aburteilten sind kein Zufall, sondern Systemimmanent. Den be - sondere Bezugsrahmen bilden die deutsch- türkischen Beziehungen. In beiden Verfahren fußen große Teile der Anklage auf Aussagen von Folterern und Gefolterten, die größten - teils schriftlich eingebracht werden oder wie in Stammheim erlebt, auf wenig glaubwür - dig vorgetragenen Einlassungen eines psy - chisch kranken Doppelagenten, der für den türkischen Geheimdienst (MIT), sowie den Verfassungsschutz (VS) tätig war. Unterfüttert werden die Aussagen durch juristisch nicht nachprüfbare, von VS und Geheimdiensten zusammengetragene Materialien, die den

Nachweis erbringen sollen, das die Angeklag - ten Aufgaben in Sinne der DHKP-C ausge - führt haben. Trotz der dünnen Beweislage in den Prozes - sen, kam es letztes Jahr in Stammheim schon zu Verurteilungen auf der Grundlage des §129b. Die drei gesundheitlich, teilweise stark angegriffenen Gefangenen Mustafa Atalay, Il - han Demirtas und Hasan Subasi, die während ihrer ganzen Untersuchungshaftzeit von bis zu 3 Jahren unter Isolationshaftbedingungen verbracht hatten, wurden vom Gericht zu einem Deal genötigt, der ihnen die Möglich - keit gab sich gesundheitlich wiederherzustel - len. Im Falle des herzkranken Gefangenen Musafa Atalay war die Situation lange Zeit le - bensbedrohlich. Durch nichtdenunziatorische Einlassungen, die Gericht und Verteidigung aushandelten, konnte für die Gefangenen ein niedrigeres Strafmaß erreicht werden. Die Ur - teile, auf der Grundlage des §129b lagen zwi- schen 2 Jahren und 8 Monaten und 5 Jahren. Unter Anrechnung der U-Haftzeit wurden die Reststrafen zur Bewährung ausgesetzt. Ge - gen die beiden Angeklagten Ahmet D. Yüksel und Devrim Güler läuft der Prozess in Stamm - heim noch weiter. Mittlerweile wurde zum zweiten Mal un - ter Protest der Anwälte der Leiter der Anti- Terror-Abteilung der Polizei Istanbul Serdar Bayraktutan als Zeuge geladen. Gegen ihn liegen mehrere Anzeigen wegen Folter vor. In einer Presseerkärung vom 18.01.2010 kri - tisierte PRO ASYL die Praxis des Gerichts diesen Zeugen ungeprüft vorzuladen. „Eine Abschöpfung von unter Folter zustande ge - kommenen Informationen darf es in einem Rechtsstaat nicht geben,“ erklärte Marei Pelzer, rechtspolitische Referentin von PRO ASYL. Die deutsche Justiz dürfe Folter nicht legitimieren, indem sie für Folter Verantwort - liche als Zeugen anhöre. Es handele sich um „Früchte eines vergifteten Baumes“, die in einem Rechtsstaat nicht geerntet werden dürfen. Auch die MdB Ulla Jelpke weist in re - gelmäßigen Abständen auf die Aufweichung des grundgesetzlichen Folterverbotes hin. So werden Folterstaaten und deren Folterer wie der Leiter der Istanbuler Polizei noch ermutigt und Foltergeständnisse legitimiert.

Der Prozeß in Düsseldorf - Faruk Ereren droht die Abschiebung in die Türkei

Da Faruk Ereren, Angeklagter im Düsseldor - fer §129b-Prozeß sich auch nach über einem Jahr quälenden Prozeßalltags nicht auf ei - nen Deal einließ und umfangreich von sei - nem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, agiert der 2. Strafsenat des OLG Düs - seldorf auf einer sehr dünnen Beweislage, die wie im Stuttgarter Prozeß auch auf Aussagen von Folterern und geheimdienstlichem „Be -

weismaterial“ basiert. Nun droht Faruk aktuell die Abschiebung in die Türkei! Am 29.1.2010 fasste der 2. Strafsenat des OLG Düsseldorf den Beschluss, dem Auslieferungsersuchen der Türkei zuzustimmen. Am 6.2. 2010 erhielt der Verteidiger von Faruk den Beschluss und es bleibt eine vierwöchige Frist, um Verfas - sungsbeschwerde einzulegen. Bei einer Auslieferung an die Türkei droht Fa- ruk Ereren systematische Folter, menschen - unwürdige Behandlung und lebenslängliche Isolationshaft, welche die Schwelle zur un - menschlichen und erniedrigenden Behand- lung erreicht und daher mit Art. 3 MRK unver - einbar ist. Es gibt sehr viele Urteile in Deutschland ge -

gen türkische politische Aktivisten, deren Aus - lieferung an die Türkei aber stets abgelehnt wurde, mit der Begründung, dass es für sie die Aussetzung unter systematische Folter

in türkischen Gefängnissen bedeuten würde.

Faruk Ereren wörtlich: „Was mich erwartet wenn ich in die Türkei ausgeliefert werden sollte, ist Repression, Folter und Haft bis zum Tod.“ Alle noch inhaftierten türkischen §129b-Ge - fangenen sind weiterhin Isolationshaftbedin - gungen ausgesetzt. Sie verbringen 23 Stun - den auf der Zelle. Ihre Post wird überwacht und zensiert. Der Besuch von Prozeßbeo - bachter_innen und Menschen aus dem solida- rischen Umfeld wird ihnen fast ausnahmslos verwehrt. Faruk Ereren schrieb zur Knastsitu - ation der §129b-Gefangenen: „Das ist weiße Folter, mit dem Ziel uns zu zermürben“.

Neuer §129b-Prozeß in Düsseldorf - Anklage auf Grundlage des Außenwirtschaftsgesetzes (§34 AWG)

Im nächsten Prozeß, der am 11. März in Düs -

seldorf beginnen soll, legt die Bundesstaats -

anwaltschaft noch eins drauf. Den Angeklag - ten Cengiz Oban und Ahmet Istanbullu werden Verstöße gegen §34 AWG in Zusammenhang

mit einer vermeintlichen Mitgliedschaft in der DHKP-C vorgeworfen. Die konkreten Vorwür -

fe betreffen allerdings fast ausschließlich die

Arbeit in legalen Kulturvereinen, Solidaritäts - arbeit zur menschenrechtswidrigen Situation

in türkischen Gefängnissen und finanzielle

Unterstützung politischer Gefangener. Der §34 AWG bestraft jeden Verstoß ge - gen wirtschaftliche Sanktionsmaßnahmen im Zusammenhang mit der „EU-Terrorliste“. Sie wurde die im Zuge des EU-weit verab - schiedeten „Rahmenbeschlusses über den Terrorismus“ eingeführt. Als Argument diente damals, nach „9/11“ der Kampf gegen islami - stische Gruppen. Aber schon von Anfang an standen bewaffnet kämpfende Gruppen wie die FARC und ETA , inkl. vielen mittlerweile verbotenen Organisationen der baskischen Linken, die vom spanischen Staat der ETA zugeschlagen werden und eben die DHKP-C auf der Liste. Die Rechtanwältin Anni Pues

beklagte die Tatsache, dass es bei diesem Anklagekonstrukt nicht mehr den nationalen Strafgerichten obliegt, zu überprüfen ob eine Organisation „terroristisch“ ist oder nicht. Um die Mitgliedschaft von Cengiz Oban, Ahmet Istanbullu und Nurhan Erdem in der DHKP-

C zu beweisen, wurde ebenfalls der Chef

der Istanbuler „Anti-Terror“-Abteilung, Serdar Bayraktuktan, als Zeuge benannt. (red.)

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Freispruch für Scharf-Links

Am 16. Februar 2010 wurde die Online- Redakteurin Edith Bartelmus-Scholich vom Amtsgericht Krefeld freigesprochen. Sie ist die presserechtlich Verantwortliche des On - line-Portals „Scharf-Links“ und hatte wegen eines Artikels auf der Seite ohne jegliche Vo - rankündigung einen Strafbefehl in Höhe von 12.000 Euro erhalten.

Verleumdungsklage des OLG Düsseldorf

Das OLG Düsseldorf warf Edith Bartelmus- Scholich vor, einen Prozessbericht der Roten Hilfe Düsseldorf-Mönchengladbach zum §129b-Verfahren gegen den türkischen Mi - granten Faruk Ereren veröffentlicht zu haben, mit der sich diese zur Beugehaft gegen den Zeugen Nuri Eryüksel äußerte. Der verant- wortliche Richter im Verfahren gegen Faruk Ereren fühlte sich durch den Inhalt des Pro- zessberichts beleidigt und strengte Verleum - dungsklagen gegen die Publikationsorgane „Scharf-Links“ und „Gefangenen Info“ an.

Weitere Infos: www.scharf-links.de

mehrere Jahre in türkischen Gefängnissen inhaftiert war und dort auch gefoltert wurde. Er hat mittlerweile auch als Spätfolge der Fol- ter sein Augenlicht verloren. Die Verhängung der Beugehaft wurde dann 4 Wochen später aufgehoben und vom BGH als rechtswidrig kassiert! Die ProzessbeobachterInnen der Roten Hilfe Düsseldorf-Mönchengladbach schreiben in ihrem Bericht dem zuständigen Richter nach der Verkündung der Beugehaft eine Bemerkung zu, die von vielen Ohrenzeu- gen als zynisch empfunden wurde. Dort soll der Richter mit Verweis auf Nuris Erblindung erklärt haben, dass er vielleicht in der Beu- gehaft zur Besinnung komme. Der Richter bestreitet diese Äußerung. Mehrere Prozess- beobachterInnen, darunter ein Anwalt und ein Vertreter des Komitees für Grundrechte kön- nen sich an eine von ihnen als zynisch emp- fundene Äußerung des Richters erinnern. Im Prozess gegen Bartelmus-Scholich spielte di- ese Frage allerdings (leider) keine Rolle.

Der Prozesstag gegen „Scharf-Links“

„Blind in Beugehaft“

In dem inkriminierten Text „Blind in Beuge - haft“, welcher auch im „Gefangenen Info“ Nr. 348 veröffentlicht wurde, wurde ein Ver - handlungstag im §129b-Prozess gegen Faruk Ereren beschrieben. Nuri Eryüksel hatte es abgelehnt, über die Strukturen der türkischen Exilorganisation Aussagen zu machen, weil er sich dabei selber belasten könnte. Das Ge- richt bestand aber auf seine Zeugenaussage und erließ dann die Beugehaft, die noch im Gerichtssaal vollstreckt wurde. Dieses Vor - gehen sorgte unter den Prozessbeobachte- rInnen für besondere Empörung, weil Nuri

Über 30 solidarische Prozessbeobachte- rInnen konnten mit verfolgen, wie die An- geklagte Edith Bartelmus-Scholich und ihr Anwalt die Verleumdungsklage zerpflückten. Eine Verleumdung im Sinne der Anklage liegt erst dann vor, wenn die verantwortliche Redakteurin wissentlich falsche Aussagen verbreitet hätte. Die angestrengte Verleum- dungsklage über den von allen Seiten als überdimensional bezeichneten Geldbetrag von 12.000 Euro ging ins Leere, da die Be- troffene Online-Redakteurin weder der Ur- sprung der inkriminierten Meldung war, noch selbst bei dem im Bericht behandelten Pro-

zesstermin anwesend war. Selbst die Staats - anwaltschaft kam nicht umhin auf Freispruch zu plädieren. Von dieser Tatsache ausgehend ist es zwar immer noch möglich aber eher un - wahrscheinlich, dass die Staatsanwaltschaft ein Revisionsverfahren anstrebt.

Die Stimme gegen die §129b-Verfahren erheben!

Die §129b-Verfahren werden bisher in vorwie - gend linken Kreisen diskutiert und es existiert darüber hinaus praktisch keine Wahrneh - mung in der Öffentlichkeit. Und doch ging der Prozess gegen Faruk Ereren bisher nicht reibungslos über die Bühne: Es gab enga - gierte ProzessbeobachterInnen, die es sich nicht nehmen ließen, den Gefangenen zu grüßen, auch wenn die Gerichtsordnung es verbietet. Dafür ließ der vorsitzende Richter ein Dutzend ProzessbesucherInnen über eine Stunde in den Zellen des Gerichtsgebäudes einsperren und unternahm später nichts ge - gen die prügelnden Justizpolizisten (siehe GI 348). Ulla Jelpke, in ihrer Eigenschaft als MdB der Linkspartei, besuchte den Prozess und schrieb einen Brief an die verantwort - liche NRW-Justizministerin, in der sie die Auslieferung von Faruk Ereren an die Türkei verhindern will. Genauso sind die Prozessbe - obachterInnen und die Soligruppen, die regel - mäßig Öffentlichkeit herstellen und alle, die den isolierten Gefangenen schreiben, „Sand im Getriebe“. Und darauf können die Gerichte wie im Fall des Prozessberichts „Blind in Beu - gehaft“ empfindlich reagieren. Gerade in die - sem Fall, der kaum Öffentlichkeit erfährt, gab es vom OLG Düsseldorf kein Ansinnen auf eine Gegendarstellung, stattdessen wurden die Publikatiosorgane mit einer saftigen Geld - strafe substantiell angegriffen. Auch wenn im Fall von „Scharf-Links“ ein Freispruch erwirkt werden konnte, macht der Fall klar, das unbe - queme BerichterstatterInnen und solidarische AktivistInnen in den politischen Verfahren schnell selbst von Repression betroffen sein können. Doch von Repression lassen wir uns nicht einschüchtern! (red.)

In eigener Sache:

Prozess gegen das Gefangenen Info am 21.04.2010

Nachdem Edith Bartelmus-Scholich im Ver - fahren wegen der Verleumdungsklage gegen das Online-Portal „Scharf-Links“ freigespro- chen worden ist, ist dem presserechtlichen Verantwortlichen unserer Zeitung, Wolfgang Lettow, der Prozesstermin gegen das „Ge- fangenen Info“ bekannt gegeben worden. Der Prozess findet am 21.04. vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten statt.

Darum werden wir kriminalisiert

Die Gründe der Anklageerhebung sind, wie beim Verfahren gegen „Scharf-Links“, die Verbreitung des Prozessberichts „Blind in Beugehaft“ durch das GI Nr. 348. Eine Pas - sage, die sich auf eine Aussage des vorsit - zenden Richters bezog, wurde darin krimi - nalisiert (siehe Text oben). Wir denken, dass die Kriminalisierung unserer Zeitung auch im

Zusammenhang mit unserer umfassenden Öffentlichkeitsarbeit zu den §129b-Prozes- sen und zur politischen Gefangenschaft im Allgemeinen zu sehen ist und von den Re- pressionsbehörden Möglichkeiten zur Krimi- nalisierung eines solches Publikationsorgans gerne wahrgenommen werden. Seit Beginn der §129b-Prozesse haben wir versucht eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen und den Ge - fangenen eine Plattform zu bieten. Wir sind ständig bestrebt, die uns zur Verfügung ste- henden Möglichkeiten der Vermittlung gezielt und effektiv zu nutzen und wollen den anste- henden Prozess gegen das Gefangenen Info ebenfalls dafür zu nutzen, die politischen An- liegen der Solibewegung stark zu machen.

Das Gefangenen Info behält seinen Kurs

Das Gefangenen Info und seine Mitarbeite-

rInnen werden sich nicht den Mund verbieten lassen. Einschüchterunsversuche, Angriffe und Zensur werden uns nicht davon abbrin - gen, weiter diese und andere Staatsschutz - prozesse zu thematisieren. Im Gegenteil: wir sehen um so mehr die Notwendigkeit, unsere Arbeit zu intensivieren und die Solidarität zu verbreitern. Solidarität wird unsere Antwort auf ihre Repression sein.

Unterstützt das Gefangenen Info!

Wir werden mit verschiedenen Aktivitäten zum anstehenden Prozess mobilisieren und rufen die solidarische Öffentlichkeit dazu auf, dem Prozess kritisch beizuwohnen. Ankündigungen und aktuelle Entwicklungen werden wir über diese Zeitung und die Home - page www.political-prisoners.net bekannt ma - chen. Unsere Solidarität gegen ihre Repres - sion!

Gefangenen Info

Prozesstermin: 21. April 2010, 12.30 Uhr Amtsgericht Tiergarten (Berlin) Turmstr. 91, Raum 769

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Staatsterror gegen Migrant_innen Zwei weitere Verhaftungen

Staatsterror gegen Migrant_innen

Zwei weitere Verhaftungen und Hausdurchsuchungen bei der Anatolischen Föderation

Zu Protesten kommt es derzeit wegen der dro - henden Ausweisung von Faruk Ereren, dem anatolischen Linksaktivisten, gegen den seit über einem Jahr wegen angeblicher Mitglied - schaft in einer »terroristischen Vereinigung im Ausland« vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein Prozess nach Paragraph 129b des Strafgesetzbuches läuft. Bundesweit ha - ben in den letzten Wochen verschiedene Akti- onen stattgefunden, die maßgeblich von dem Freiheitskomitee organisiert wurden. Neben diesen Aktivitäten dauert die wöchentliche Protestkundgebung am Kölner Dom, die vor rund einem Jahr begann, ebenfalls an. Auch in Österreich und Schweden versammelten sich Protestierende vor den dortigen deut - schen Botschaften. Am Morgen des 24. Februar 2010 kam es nun vorwiegend in den Räumen der Anatolischen Förderation in Duisburg, Köln, Dortmund, Nürnberg, Stuttgart, Berlin, Wuppertal, Ham - burg sowie in Schweden und weiteren Nach - barländern zu Hausdurchsuchungen. Begrün - det wurden die Durchsuchungsbeschlüsse mit Rädelsführerschaft. Zwei Personen, denen in einer Pressemeldung des GBA (Generalbun - desanwaltschaft) die Zugehörigkeit zur „Rück - front der DHKP-C in Europa“ zugeschrieben wird, wurden im Rahmen der Razzien ver - haftet. Den Verhafteten Ünalkaplan D. und Alaattin A. wird zudem „schwere räuberische Erpressung“ bzw. „Einschleusen von Auslän - dern“ vorwegorfen. Auch Räume von Privatpersonen wurden durchsucht und zwar die Räumlichkeiten der Personen, deren Personalien von der Polizei bei den Soliaktionen gegen die Abschiebung von Faruk Ereren festgestellt worden waren. Die Räumlichkeiten der Anatolischen Förde - rationen in Wuppertal wurden durchsucht, ohne dass VertreterInnen der Förderation zugegen waren, erst nachdem Polizeibeam - te in das Haus eingedrungen waren, wurden Vereinsmitglieder verständigt. In Wuppertal wurden zwei PC‘s, auf denen ausschließlich Kinderfilme gepeichert waren, und ein Notiz - blatt beschlagnahmt. (red.)

Aus einer Protestnote:

Die Anatolische Föderation ist mit ihren Ver - einslokalen und Kulturzentren in sämtlichen Städten Deutschlands seit Jahren aktiv und amtlich eingetragen, und sie bietet vor allem Menschen aus der Türkei soziale, politische

Sie

war bereits in der Vergangenheit mit den Raz - zien des deutschen Staates, die vollkommen rechtswidrig stattfanden, konfrontiert. Vor über einem Jahr wurden die Vorsitzende der Anatolischen Föderation, Nurhan Erdem, so - wie die beiden Mitglieder Cengiz Oban und Ahmet Istanbullu in Deutschland verhaftet. Ab 11. März beginnt vor dem OLG Düsseldorf der Prozess gegen sie. Sie sind auch angeklagt, weil sie sich für die Rechte der hier lebenden Migranten eingesetzt haben. Sie haben die neuen Ausländergesetze öffent - lich kritisiert und sind gegen Hartz IV aktiv ge - wesen. Die Aktionen beinhalteten Infostände, offene Diskussionsveranstaltungen und De - monstrationen. Mit den erneuten staatlichen Übergriffen wird wieder einmal eine starke Selbstorganisation anatolischer Menschen in Deutschland nahezu für vogelfrei erklärt. Viele anatolische Menschen werden gleich doppelt benachteiligt. Einmal, weil ihre linke politische Identität in Deutschland unterschla - gen wird. Doch zusätzlich noch, wenn sie sich politisch betätigen und sich mit den politisch Verfolgten in der Türkei solidarisieren. Insbe - sondere die Mitgliedsvereine und Mitglieder von der Anatolischen Förderation sind regel - mäßig einer Stigmatisierung durch den Ver - fassungsschutz sowie polizeilicher und ge - richtlicher Verfolgung ausgesetzt. Es muss den hier lebenden anatolischen Mit - bürgerinnen und Mitbürgern endlich ermögli - cht werden, sich ohne das Damoklesschwert der Abschiebung in den Folterstaat Türkei, ohne die Drohung Geld- und Haftstrafen auf demokratische Weise für eine gerechte Türkei einzusetzen. (Quelle: GI-Redaktion; Büro ge - gen Rassismus und Militarismus, Düsseldorf)

und kulturelle Kontaktmöglichkeiten. (

)

Kurzmeldungen bundesweit

Berlin: Christian P. sitzt trotz festen Wohnsitzes und festen Arbeitsplatzes seit dem 1. Mai 2009 - seit mehr als 8 Monaten - in der JVA Moabit in U-Haft. Das sind zwei Monate mehr, als die gesetzlich festgeschriebene maximale Haftzeit für Unter Berlin: - suchungshäftlinge beträgt. Er wurde mit dem Vorwurf, mehrere Flaschen geworfen zu ha - ben - suchungshäftlinge beträgt. Er wurde mit dem Vorwurf, mehrere Flaschen geworfen zu ha - ben trotz spärlicher Beweise in erster Instanz zu zwei Jahren und 6 Monaten verurteilt und wartet auf seine Berufungsverhandlung. Es wird dazu aufgerufen, Protestmails und Post - karten zu schreiben. (red.)

Berlin: Das Verfahren ge- gen Christoph T. wird wie - der aufgenommen. Chri - ge - gen Christoph T. wird wie - der aufgenommen. Chri stoph wurde am 17. Juni stoph wurde am 17. Juni 2009 mit dem Vorwurf der KFZ-Brandstiftung festge - nommen. Nachdem dieser zunächst freigelassen und im Juli 2009 wieder inhaftiert wurde, saß er knapp 100 Tage in U-Haft bis ein chemisches Gutachten ihn entlastete und er zwischenzeitlich freigesprochen wurde. Trotz der Bestätigung des Gutachtens durch ein neueres BKA-Gutachten beginnt am 02. März 2010 um 9 Uhr im Landgericht Berlin ein Verfahren gegen ihn. (red.)

Frankfurt am Main: Am 22. Februar 2010 wurde ein 49-jähriger mit dem Vor - wurf festgenommen, sie - ben Brandanschläge verübt sowie Roland Koch (CDU) eine Bombenattrappe ge - schickt zu haben. Er soll als Einzelgänger unter dem Na - men „Bewegung Morgenlicht“ unter anderem Anschläge auf zwei Bankfilialien, einen Dro- geriemarkt und eine Zeitarbeitsfirma verübt haben. Die Anschläge richteten sich gegen Dumping-Löhne und Zeitarbeit. Mit welcher Anklage gegen ihn ermittelt wird, ist bislang unklar. (red.)

Anklage gegen ihn ermittelt wird, ist bislang unklar. (red.) Flensburg: In Flensburg hat der Prozess gegen

Flensburg: In Flensburg hat der Prozess gegen eine Friedensaktivistin begon - nen. Die Aktivistin hatte sich an die Gleise gekettet, um einen Bundeswehrtrans - portzug aufzuhalten. Die Bahn hatte der jungen Frau 14.000 Euro in Rechnung gestellt, da sie bewusst die Trennung der Gleise in Kauf genommen habe und dadurch die Kosten entstanden seien. Die Aktivistin betonte mehrmals die Verstrickungen der Bahn mit der Bundeswehr und deutete auf die Rolle der Bahn als Transporteur der Bun - deswehr hin. Die Entscheidung des Gerichts wird erst am 10. März 2010 verkündet wer - den. (red.) Weitere Infos: http://www.militarismus-jetzt- stoppen.de.vu/ehen.

(red.) Weitere Infos: http://www.militarismus-jetzt- stoppen.de.vu/ehen. feb./märz 2010 ◄ gefangenen info ◄ 7

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Interview zum Stuttgarter Antifa-Prozess

Weitere Infos: http://www.antifaprozess.blogspot.com

A: Zuerst ist zu sagen, dass der Prozess erst 1 1/2 Jahre nach der Festnahme stattfand. Die Personen denen die Führerscheine entzogen wurden hatten also über diese gesamte Zeit auch keine Fahrerlaubnis.Während der Pro - zesstage, der Beweisaufnahme und der Zeu - genverhöre konnte zu keinem Zeitpunkt eine kräftige Beweiskette, sondern nur Indizien er - stellt werden, die darauf hinführten, dass wir als Antifaschisten und von unserer Vita her eventuell ins Täterbild passen könnten. Im Gegenteil war es eher so, dass die aussa - gekräftigen Beweise, wie zum Beispiel DNA- Abgleiche, uns von der Anklage frei sprachen. So stimmte die DNA unserer Speichelprobe nicht mit der DNA, die an den Sachen am Tat - ort gefunden wurde, überein. Darüber hinaus konnte kein Beweis erbracht werden, dass die Personen, die im Auto, Kilometer weit weg vom Tatort, von der Polizei angehalten wurden - also wir - die selben sein sollen, wie diejenigen, die die Nazis angegriffen hatten. Es konnte noch nicht mal der Beweis erbracht werden, dass überhaupt einer von uns an der Tat beteiligt gewesen war. Trotz alledem wurden wir nach den Aussagen der bekannten NPD-Aktivisten Marcel Hecht, Thorsten Langer, Florian Leitner und Thomas Preß am 22.09.2008 vor dem Amtsgericht Böblingen mit den Worten des Richters: „Ich habe zwar keine Beweise, aber ich bin davon überzeugt, dass Sie an der Tat beteiligt wa - ren“, verurteilt. Konkret wurden drei von uns zu einer Haft - strafe von 16 Monaten und vier von uns auf Bewährung verurteilt (in drei Fällen auf 9 Monate, in einem Fall auf 10 Monate ausge - setzt.) Darüber hinaus kostete uns das Ganze bis jetzt schon im Schnitt pro Person 1400 € an Anwaltskosten.

jetzt schon im Schnitt pro Person 1400 € an Anwaltskosten. Am 19. April 2010 geht der

Am 19. April 2010 geht der Prozess gegen Hansi, Danny, Gökhan, Murat, Hasan, Ali und Erdal vor dem Stuttgarter Landesgericht in seine Revision. Den Antifaschisten wird in zweiter Instanz gemeinschaftliche schwere Körperverletzung vorgeworfen. Wir sprachen mit einem der An - geklagten über den Hintergrund und den ak - tuellen Stand des Verfahrens.

Gefangenen Info: Du bist einer der insgesamt sieben Angeklagten im Stuttgarter Antifa- Prozess. Kannst du uns kurz etwas zu eurer Festnahme und zum Hintergrund der Anklage berichten?

Angeklagter: Am 17.02.2007 fand in der Sta - diongaststätte des VfL Sindelfingen ein NPD- “Faschingskonzert“ mit dem faschistischen Liedermacher Frank Rennicke statt. Ein regi - onales Antifa Bündnis mobilisierte kurzerhand zu Gegenaktivitäten zur Verhinderung des als „nationalen Balladenabend“ angekündigten Nazi-Konzerts. Vor Ort sahen sich die Ge - gendemonstranten einem massiven Polizei - aufgebot gegenüber, wurden durch die Stra - ßen gejagt und bekamen Platzverweise. Später am Abend wurden wir nach einer Ver - folgung durch die Polizei gestoppt, aus dem Auto heraus verhaftet und direkt auf die Wa - che gebracht. Konkret wird uns vorgeworfen an Angriffen gegen 5 Nazis, auf dem Parkplatz vor der Gaststätte in der das Konzert stattfand, be - teiligt gewesen zu sein und ihnen Prellungen, Schürfwunden und eine Platzwunde zugefügt zu haben. Also im genauen Wortlaut: „ge - meinschaftliche schwere Körperverletzung“ und „Vergehen der Gefährdung des Straßen - verkehrs“. Auf der Wache wurden wir nicht über unse - re Rechte aufgeklärt, zwei Personen wurden Speichelproben abgenommen, zwei Autos beschlagnahmt, einer Person direkt, einer anderen wenige Tage später im Zuge einer Hausdurchsuchung widerrechtlich der Füh - rerschein entzogen. Wichtig ist zu sagen, dass bei der Verhaftung und beim Verhör selbst nur drei Personen die Aussage verweigert haben, eine Person hatte sogar umfangreich ausgesagt – und dass bei sieben Angeklagten, die alle aus der linken Szene kommen.

GI: Kannst du uns über den ersten Prozess, der am 8. und 22. September 2009 stattfand, und das Urteil berichten?

GI: Einer der Angeklagten, Murat, saß vor wenigen Monaten bereits im Stammheimer Knast. Gökhan, ebenfalls einer der Angeklag- ten, und sein Freund und Antifaschist Ümit sind bis heute dort inhaftiert. (siehe GI Nr. 352) Kannst du uns etwas zu den Hintergrün- den berichten?

A: Im Oktober letzten Jahres kam es zu An - griffen auf Nazis in Stuttgart-Zuffenhausen. Zwei Wochen (!) nach dem Vorfall wurde morgens die Wohnung von Murat von der Po - lizei gestürmt und er wurde auf direktem Weg nach Stammheim gebracht. Erst nach drei Wochen, am 29.10., wurde er aufgrund feh - lender Beweise gegen eine Kaution von 3000 € freigelassen. Ihm wird schwere Körperver - letzung vorgeworfen. Dazu muss man auch sagen, dass seine An - klage und Inhaftierung auf Aussagen von Na - zis beruht, denen von der Stuttgarter Polizei mehrere Bilder bekannter kurdischer Antifa - schisten vorgelegt wurden. Bei den Genossen Gökhan und Ümit ist der Kriminalisierungsversuch noch fadenschei - niger. Sie wurden mit einer unpolitischen Anklage, aufgrund eines Telefongespräches, inhaftiert und sitzen nun seit dem 11.12.09 im

8 gefangenen info feb./märz 2010

Knast. Bei Gökhan bedeutet dies, dass ein jahrelanger antifaschistischer Aktivist bereits 6 Monate vor Prozessbeginn hinter Gittern gebracht werden konnte.

GI: Nun zum anstehenden Verfahren. Es sind mehr Zeugen geladen und doppelt so viele Verhandlungstage angesetzt. Womit erklärst du dir das besondere Interesse der Staatsan- waltschaft an eurer Verurteilung?

A: Ich habe den Eindruck, dass der gesamte

Prozess gegen uns der Stuttgarter Staatsan -

waltschaft sehr wichtig ist. Dass es ihnen nicht nur um eine Verurteilung von uns, sondern vielmehr um eine öffentliche Verurteilung des militanten antifaschistischen Widerstandes geht. Ich meine als der Prozess gegen uns los ging, waren überall in der regionalen Presse Veröffentlichungen erschienen und darüber hinaus hatte jede und jeder in der linken Sze -

ne davon mitbekommen.

Während der ersten Prozesstage waren auch

im Gerichtssaal sehr viele Leute anwesend,

die sich mit uns solidarisierten und ihren Pro - test gegen unsere Verurteilung nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch durch Kundge - bungen vor dem Amtsgericht und Spontande - monstrationen deutlich machten. Ich denke, man kann schon sagen, dass die gesamte linke Szene ein Auge auf diesen Prozess hatte und auch jetzt haben wird, und dass die Staatsanwaltschaft das genauso gut weiß.

GI: Gibt es jetzt noch etwas, was dir wichtig ist, zu sagen?

A: Was man vielleicht immer leicht vergisst,

ist, dass die Anklage und die Prozesse, auch wenn wir noch nicht endgültig verurteilt sind, bereits jetzt Auswirkungen auf uns hatten. Wenn der Prozess am 19.April beginnt, dann sind bereits 3 Jahre seit unserer Festnahme vergangen. Drei Jahre, in denen die bevor - stehenden Urteile und der etwaige Haftantritt und die Bewährungsstrafen in unseren Hin - terköpfen immer präsent waren. Sei es bei der Frage, inwieweit man sich noch politisch betätigt, weil man sich bei jeder Demo oder anderen Aktionen immer fünfmal überlegt, was ist, wenn man wegen irgend - was mitgenommen wird. Oder sei es bei der persönlichen Lebenspla - nung. Einige von uns haben nicht mehr län - gerfristig geplant, weil sie dachten, sie müs - sen vielleicht eh bald in den Knast. Sei es, dass einer sein Studium abgebrochen hat, oder dass man sich nicht mehr auf persön - liche Beziehungen, Freundin etc. einlässt. Umso wichtiger ist deshalb die Unterstützung und die Solidarität von Genossinnen und Ge - nossen für uns.

GI: Vielen Dank für das Interview.

Prozesstermine: Mo, 19.04, Di, 20.04, Mo, 26.04., Di, 27.04., Mo, 10.05.,

Di 11.05.2010 jeweils um 9 Uhr vor dem

Landesgericht, Urbanstr. 20 in Stuttgart.

Schreibt Gökhan Aygün und Ümit Bal

JVA Stuttgart Stammheim Aspergerstr. 60 70149 Stuttgart

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Faktisches Gewerkschaftsverbot gegen die Freie ArbeiterInnen Union (FAU) in Berlin

Wir betreten als Redaktion des Gefangenen Info (GI) mit diesem dokumentierten Beitrag des „Solidaritätskomitees für gewerkschaft - liche Freiheit“ zum faktischen Verbot der an - archo-syndikalistischen Gewerkschaft FAU in Berlin Neuland. Erfreulich war, dass am 20. Februar 2010 etwa 600 Menschen in Berlin für die Vertei- digung der Gewerkschaftsfreiheit demons - trierten. Ein Zeichen der Solidarität, das sich hoffentlich im weiteren Verlauf der Auseinan - dersetzung verstärken lässt. (red.)

Appell an alle Mitglieder und Funktionäre der Gewerkschaften, an alle Anhänger/ innen des Grundrechtes zur Bildung freier und unabhängiger Interessenorganisati- onen der abhängig Beschäftigten Für die Verteidigung des Koalitionsrechts - Aufhebung des Verbots gewerkschaft- licher Betätigung für die FAU Berlin

In den letzten Jahren haben deutsche Arbeits - gerichte immer wieder versucht, das eh schon beschränkte Koalitionsrecht in Deutschland weiter einzuengen. 2007 traf es die Gewerk - schaft deutscher Lokomotivführer (GdL), der wegen der „enormen Schadenshöhen“ Streiks im Fern- und Güterverkehr verboten wurden. Und wer hat noch den Überblick über all die Fälle, bei denen Unternehmer mit ge - richtlichem Segen versucht haben, durch sog. Verdachtskündigungen die gewerkschaftliche Arbeit im Betrieb zu ersticken? Diese unternehmergefällige Arbeitsrechts - sprechung hat jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht: Gerichte in Berlin haben massiv in einen Tarifkonflikt im Berliner Filmtheater „Babylon“ eingegriffen. Zuerst untersagte das Landesarbeitsgericht der anarcho-syndika - listischen Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union Berlin (FAU) den Aufruf zu einem Boykott ihres Unternehmers, des Kinobetreibers Neue Babylon GmbH. Hier - zu hatten sich die Belegschaftsvertreter im Kampf gegen ihre Hungerlöhne entschlos - sen, nachdem der Geschäftsführer des Kinos jegliche Verhandlungen ablehnte. In einer Einstweiligen Verfügung erklärten die Richter, dieses gewerkschaftliche Kampfmittel stehe der FAU Berlin nicht zur Verfügung, da sie keine Tarifmächtigkeit besitze. Die Einstwei - lige Verfügung des LAG wurde dann in einer neuen Einstweiligen Verfügung auf Antrag des Kinos noch weiter verschärft. Darin ver - bot das Landgericht der FAU Berlin, sich wei- terhin Gewerkschaft oder Basisgewerkschaft zu nennen und sprach damit faktisch ein Ver - bot gewerkschaftlicher Betätigung gegen sie aus. Für den Fall, dass die FAU Berlin nicht in allen ihren Publikationen den Eindruck be - seitige, sie mache gewerkschaftliche Arbeit, drohen ihren Sekretären ein Ordnungsgeld von 250.000 € oder sechs Monate Haft. Die Berliner Arbeitsrechtsentscheide betreffen nicht nur die FAU. Sie gehen alle an. Nach ILO (Internationale Arbeitsorganisation) -Leitlinien und gemäß der Sozialcharta der

EU ist eine Organisation eine Gewerkschaft, wenn sie von abhängig Beschäftigten freiwillig gebildet wurde, Gegner frei und sozialmächtig ist. All dies trifft für die FAU im Konflikt um den Haustarifvertrag im Kino Babylon zu. Eben deshalb hat das Unternehmen auch die Ge - richte bemüht. Wegen fehlender Sozialmäch - tigkeit auf überbetrieblicher Ebene stellt das Gericht jedoch die Gewerkschaftseigenschaft der FAU Berlin in diesem Haustarifkonflikt nun in Frage. Würde eine solche Argumentation zu europäischem Recht, wären wichtige Teile der real existierenden Gewerkschaften in Ita- lien und Großbritannien illegal. Auch alle in Branchen organisierten Gewerkschaften, die nur in bestimmten Betrieben tatsächlich hand- lungsmächtig sind, werden nun bedroht, weil sie auf Branchenebene faktisch nicht durch- setzungsfähig sind. Und die Bildung neuer Gewerkschaften in gewerkschaftlich nicht organisierten neuen Branchen im Kampf von Betrieb zu Betrieb wird damit völlig verhindert. Ebenso die Bildung allgemeiner Gewerk - schaften, deren Tariffähigkeit vielleicht nur in anderen, als den umkämpften Branchen be- steht. In einer Zeit, in der Arbeitsverhältnisse im - mer prekärer werden, der gewerkschaftliche Schutz und die Tarifbindung in vielen Bran- chen oder Regionen schwindet, brauchen die abhängig Beschäftigten jedoch mehr denn je verlässliche Rechte, um sich dieser Entwick- lung kollektiv zu widersetzen. Das Recht, sich in Gewerkschaften eigener Wahl zusammen - zuschließen ist dafür von fundamentaler Be- deutung. Die aktuelle Arbeitsrechtsprechung erweist sich immer mehr als Versuch, dieses grundlegende Recht einzuschränken, seine Ausübung zu erschweren und letztlich zu ver- eiteln. In Deutschland besteht das Gros der arbeits- rechtlichen Normen aus Richterrecht statt aus gesetzlich fixierten Normen, d. h. das Arbeitsrecht entwickelt sich ständig und ist beeinflussbar. Deshalb appellieren wir an die Mitglieder und Funktionäre, an die gewerk - schaftlichen Gliederungen und Vorstände der Gewerkschaften und besonders der DGB- Gewerkschaften; deshalb appellieren wir an alle Anhänger/innen des Grundrechtes zur Bildung freier und unabhängiger Interessen- organisationen der abhängig Beschäftigten:

Verhindert, dass aus dieser Einstweiliger Verfügung endgültiges Recht wird. Übt Soli- darität, auch wenn ihr mit der gewerkschafts- politischen Orientierung der FAU nicht ein- verstanden seid. Es geht um gemeinsame Grundrechte, die nur gemeinsam verteidigt werden können. Unterschreibt und verbreitet diesen Aufruf, mobilisiert eure gewerkschaft - lichen Gremien, meldet euch in Unterneh- men, in Medien und in der Politik zu Wort. Skandalisiert die Urteile der Berliner Gerichte.

Solidaritätskomitee für gewerkschaftliche Freiheit Berlin, 14.02.2010

Kurzmeldungen bundesweit

Gießen: Im Dezember 2009 kam es in der Nähe von Gießen zu einem Anwerbe - 2009 kam es in der Nähe von Gießen zu einem Anwerbe versuch des Verfassungs - schutzes. versuch des Verfassungs - schutzes. Der Betroffene beendete sofort das Ge - spräch. Dieser Versuch reiht sich in mehrere Versuche des VS der letzten Monaten ein, Personen für Spitzeltätigkeiten zu gewin - nen. Mit der Aussicht auf finanzieller Entloh- nung, versuchen die Schergen des Verfas- sungsschutzes immer wieder Personen auf ihre Seite zu ziehen. Lasst euch nicht anquat - schen! (red.)

Berlin: Mitte Februar 2010 kam es in Berlin zu Miss - handlungen durch die Poli- 2010 kam es in Berlin zu Miss - handlungen durch die Poli zei an einem 21 zei an einem 21 Jahre alten Vietnamesen. Die Beamten zerrten ihn in ihr Auto, fuh - ren ihn nach Schöneberg und schlugen ihn auf einem Ackerfeld mehrfach brutal nieder. Während sie ihn rassistisch belei - digten, traten sie ihm mehrfach gegen den Kopf. Die Beamten sagten, er habe sich bei einer missglückten Flucht verletzt. Allerdings konnten zwei Frauen, die den Vorfall beo- bachtet hatten, die Misshandlung durch die Polizei bestätigen. Der Vorfall reiht sich ein in eine Vielzahl von rassistischen Übergriffen seitens der Berliner Polizei. (red.)

Dresden: Im Vorfeld des Naziaufmarsches in Dres - den kam es zu zahlreichen Hausdurchsuchungen ge - gen linke Projekte. Bei Razzien in Dresden und Berlin wurde u.a. das Mo - bilisierungsmaterial gegen den Naziaufmarsch be - schlagnahmt. Auch die Internetseite www. dresden-nazifrei.com wurde durch die Staatsanwaltschaft in Dresden zensiert. Mit der Aktion sollte der Aufruf zur Blockade des Aufmarsches kriminalisiert werden. Letztlich hatte die Aktion der Polizei eher einen mobi - lisierenden Effekt und zahlreiche Solidarisie- rungen zur Folge. Der Naziaufmarsch wurde letzlich erfolgreich blockiert und verhindert. (red.)

wurde letzlich erfolgreich blockiert und verhindert. (red.) Stuttgart: In Stuttgart wur - den zwei Aktivisten vom

Stuttgart: In Stuttgart wur - den zwei Aktivisten vom Amtsgericht Stuttgart zu hohen Strafen verurteilt. Ih - nen wurde vorgeworfen im Kontext des bundesweiten Krisen-Aktionstages am 17. September 2009 Far - beier gegen die Deutsche Bank in Stuttgart geworfen und somit einen Sachschaden von 20.000 Euro verursacht zu haben. Einer der Verurteilten muss 750 Euro (75 Tagessätze), der andere 1350 Euro (90 Tagessätze) bezahlen. Dazu sollen der enstandene Schaden ersetzt und die Pro- zesskosten bezahlt werden. (red.)

enstandene Schaden ersetzt und die Pro - zesskosten bezahlt werden. (red.) feb./märz 2010 ◄ gefangenen info

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen „Null Toleranz!“? Landschaften repressiver

„Null Toleranz!“?

Landschaften repressiver Verhältnisse: Folter und Repression sind weiterhin fester Bestandteil der Politik des Staatsapparates der Türkei.

Nicht selten sehen wir uns hier in der BRD mit Äußerungen seitens der Behörden und Poli - tiker konfrontiert, wonach die Türkei nun ein demokratischer Staat sei und niemand mehr wegen seiner/ihrer politischen Anschauung unterdrückt werde. Seien es Ersuche um po - litisches Asyl oder eben politische Prozesse, wo wir immer wieder aufs Neue gegen jene Auffassung ankämpfen müssen. Aktuell droht die Auslieferung des politischen Gefangenen Faruk Ereren in die Türkei, zu dessen Situ - ation wir auch in dieser Ausgabe näher ein - gegangen sind. Doch wie sieht die Lage in der Türkei tatsächlich aus? Hat sich die „Null Toleranz gegen Folter“-Haltung, die die Re - gierungspartei AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) seit Jahren propagiert, in die Realität umsetzen lassen? Es reicht ein flüchtiger Blick auf die Statistiken und Be - richte sämtlicher Menschenrechtsorganisa - tionen und Zeitungen der Türkei, um festzu - stellen, dass Folter weiterhin praktiziert wird und Folterer nicht zur Verantwortung gezogen werden. Doch müsste das nicht auch den ver - antwortlichen Instanzen in der BRD geläufig sein? Müsste es! Ist es auch, allerdings stellen Ansprüche auf Demokratie- und Menschen - rechtsebene nicht den maßgeblichen Faktor für ihre Zusammenarbeit dar. Denn maßgeb - lich und ausschlaggebend sind gemeinsame wirtschaftliche, militärstrategische Interessen, die dann mitunter dazu führen, dass die re - pressiven Charakterzüge des Folterstaates Türkei sich in in der Gestalt der BRD zeigen.

Politische Justiz besteht fort

Die in den vergangenen Jahrzehnten kriti - sierten DGM‘s (Staatssicherheitsgerichte), die die Militärgerichte der Junta ersetzt hat - ten und hauptsächlich für politische Prozesse zum Einsatz kamen, wurden mittlerweile in einigen Aspekten überarbeitet und bestehen heute als ACM‘s (Schwurgerichte) fort. Auch

wenn offizielle Instanzen behaupten, dass po - litische Prozesse mit den DGM‘s abgeschafft worden seien, sprechen Zahlen und Fakten eine andere Sprache. Was z.B. die DGM‘s von Diyarbakir in 14 Jahren nicht vollbringen konnten, schaffen die ACM‘s in nur 4 Jahren. Laut Tageszeitung „Evrensel“ vom 10. Febru - ar 2010 lag die Zahl der Minderjährigen, die zwischen 1983 und 1997 vor den DGM‘s ver - urteilt werden sollten bei 2.601. Die Zahl der Minderjährigen, die vor den nun seit 4 Jahren bestehenden ACM‘s verurteilt werden sollen, liegt bei über 2.400! Die damals vor den DGM‘s begonnen Verfah - ren wegen Folterfällen werden heute vor den ACM‘s fortgesetzt. Symbolisch für diese Ver - fahren, bei denen die Folterer in Permanenz geschützt werden, steht der Foltermord an Engin Ceber, der am 28. Oktober 2008 wegen einer Kundgebungsteilnahme in Istanbul fest - genommen und innerhalb von nur 10 Tagen zu Tode gefoltert worden war. Exemplarisch für die Auffassung, die Folter praktiziert und Folterer schützt, ist die Aussage des Anwalts eines angeklagten Obervollzugsbeamten in diesem Fall: „Auch wenn Engin Ceber durch meinen Mandanten geohrfeigt worden sein sollte, wie es die Gefangenen behaupten, so fällt dies nicht unter Folter.“ Der CHD (Fort - schrittlicher JuristInnenverband) erklärte dazu, dass „die Regierung sich damit be - gnügt hat, Ratschläge zu geben, anstatt Re - chenschaft von den Folterern zu verlangen. Engin Ceber wurde genau 9 Tage lang von 47 Wärtern und drei Direktoren systema - tisch gefoltert.“ Die Tageszeitung „Hürriyet“ schrieb in einem Artikel mit dem Titel „Im En- gin Ceber-Prozess machen sie sich über uns lustig“ am 23. Februar 2010: „Zuerst sind die Tonbandaufnahmen der Zeugen verschwun - den. Danach waren die Zeugen nicht mehr da. Keiner der 33 beschuldigten Polizisten ist festgenommen worden. Man hat sich damit begnügt, ihnen eine ‚Anti-Aggressions-Schu - lung‘ zu geben.“ Laut Bericht des Inspektors

vom Istanbuler Polizeipräsidium seien Strafen gegen diese 33 Polizisten überflüssig. Ali Tekin, Vater von Engin Ceber, berichtete von permanenter Polizeirepression. Er erklär - te: „Unsere ganze Familie hat ihren Nachna - men ändern lassen. Ich glaube nicht, dass der Prozess zu Ende gehen wird. Ich habe keinen Glauben mehr an die Justiz. Die Polizei übt Repression gegen die Zeugen aus, damit sie nicht zum Prozess erscheinen.“ Das Gerede von „Null Toleranz gegen Folter“ hat sich im Laufe der Jahre zu einer unglaub- würdigen, ja sogar lächerlich anmutenden, hohlen Phrase verwandelt, die nichts mit den realen Verhältnissen in der Türkei zu tun haben kann. Die Einhaltung der Menschen- rechte und der eigenen Rechtssprechung orientiert sich nach den Interessen der herr - schenden Elite innerhalb des Machtgefüges der türkischen Oligarchie. Außer einigen Marionetten und Accessoirs hat sich nichts Fundamentales an dem Sy - stem verändert, als dass sich am Umgang mit der politischen Opposition etwas ändern könnte.

Null Toleranz gegenüber der revolutionären Bewegung

Wenn der Begriff „Null Toleranz“ fällt, dann ist dieser nicht im Zusammenhang mit Folter, sondern im Zusammenhang mit der revoluti - onären Bewegung zu sehen. Die massivsten Angriffe, welche die Ausmaße von Massaker erreichten, fanden immer und gezielt gegen jene statt, die zu unterdrückten und aufstän - dischen Bevölkerungsteilen oder politischen Gegnern des Staates gehörten. Und diese Linie setzt sich ohne Unterbrechungen fort. Angefangen bei der genozidartigen, militä - rischen Niederschlagung des kurdischen Auf - stands in Dersim 1938 bis in die Gegenwart, wo Polizei, Militärs und Konterguerilla Hand in Hand etliche Verbrechen an der Bevölkerung begangen haben. Im Zentrum des Faden - kreuzes standen dabei immer jene Kräfte, die das System an sich in Frage stellten. Die Liste der Verbrechen, die vom Staatsap - parat der Türkei in Auftrag gegeben wurden, ist zu lang, als das wir diese auch nur ansatz - weise hier dokumentieren könnten. Hinwei - sen möchten wir aber abschließend auf die gezielten Ermordungen revolutionärer Gefan - gener in den türkischen Gefängnissen. 1995 wurden drei Gefangene im Buca Ge - fängnis von Izmir, 1996 vier Gefangene im Ümraniye Gefängnis von Istanbul und zehn Gefangene im Diyarbakir Gefängnis, 1999 wiederum zehn Gefangene im Ulucanlar Ge - fängnis von Ankara ermordet. Zwischen 2000 und 2007 sind über 120 Gefangene während und nach der militärischen Erstürmung von 20 Gefängnissen getötet worden und sind bei Hungerstreiks ums Leben gekommen. Gefängnismassaker, die von vorsitzenden Richtern der §129b-Prozesse als „gewöhn - liche Polizeieinsätze“ bezeichnet werden. Uns verwundert die Begriffswahl allerdings nicht. Richter, die Folterer der türkischen Ge - heimdienste vors Gericht zerren und deren Aussagen verwerten, um politische Flücht - linge ihren Henkern auszuliefern, können bei uns keine weitere Verwunderung mehr her - vorrufen. (red.)

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Musikfolter In Spiegel online vom 22. Oktober 2009 findet

Musikfolter

In Spiegel online vom 22. Oktober 2009 findet sich eine Beschreibung der Musikfolter, wie sie in Guantanamo praktiziert wird und woge - gen jetzt prominente US-Musiker wie Pearl Jam und R.E.M. protestieren. Einige Zitate daraus:

„‚Disco‘ hieß der spezielle Ort, an dem die Gefangenen von Guantanamo mit Musik zermürbt wurden. Die Folter bestand in der permanenten Wiederholung verschiedenster Songs in brachialer Lautstärke. Zum Einsatz kamen alle möglichen Genres: Neben Heavy Metal und Pop auch Kinderlieder wie ‚I Love You‘ von Barney the Dinosaur. Text: ‚I love you, you love me/ We‘re a happy family!‘ Aus bisher veröffentlichten Dokumenten und den Aussagen von ehemaligen Guantanamo- Gefangenen geht hervor, dass unter anderem Titel von AC/DC, Britney Spears, den Bee Gees und Marilyn Manson abgespielt wurden, um Terrorverdächtige gefügig zu machen. Auch Häftlinge in Geheimgefängnissen der CIA seien lauter Dauerbeschallung ausge - setzt worden, sagte Jayne Huckerby vom in New York ansässigen Zentrum für Men - schenrechte und weltweite Gerechtigkeit. Aus einem geheimen CIA-Dokument vom Dezem - ber 2005 geht demnach hervor, dass laute Musik oder weißes Rauschen benutzt wurde, um Geräusche zu verschleiern und die Kom - munikation unter Gefangenen zu verhindern. Im Dezember 2008 waren es Musiker wie James Lavelle von U.N.K.L.E., Tom Morel- lo von Rage Against the Machine und Mas - sive Attack gewesen, die auf Konzerten mit Schweigeminuten gegen den grausamen Ein - satz ihrer Lieder protestiert hatten. Jetzt organisiert sich der Musikerprotest noch einmal neu, mit einer gut orchestrierten Kampagne zur Schließung von Guantanamo. Pearl Jam, R.E.M., Trent Reznor von Nine Inch Nails und weitere Künstler schlossen sich der am Dienstag gegründeten National Campaign to Close Guantanamo an. Dauerbeschallung mit extrem lauter Musik ist nicht nur ein effektives Foltermittel, im Krieg dient sie seit Jahrhunderten auch zur Stei - gerung der Aggression und zur Hebung der Truppenmoral. Während man etwa in der Oktoberrevolution Balladen sang, im Zwei- ten Weltkrieg Volkslieder schmetterte oder im Vietnam-Krieg Rock‘n‘Roll hörte, stöpseln in modernen Kriegen die Soldaten ihre iPods in die Musikverstärker ihrer Panzer ein und be - schallen die Schlachtfelder.“

Ob sich der Spiegel in gleicher Weise als Pro - testplattform hergeben würde, wenn es nicht

Dr. med. Ralf Binswanger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Zürich

um Guantanamo und den populären Schlies - sungsvorsatz von Obama ginge, sondern um den ganz normalen Alltag in den imperialis - tischen Superknästen? Dass sich hinter den schönen Reden blanker Zynismus verbirgt, zeigt die Neubestimmung von Guantanamo als Auffang- und Abschiebelager für haitische Erdbebenflüchtlinge, gegen die sich die USA präventiv abschottet.

Tatsächlich wurde seit den 1960er Jahren in den USA und der BRD nicht nur über Reizent - zug (sensory deprivation, perceptual depriva - tion) und ihren Einsatz als Foltermittel gegen Gefangene geforscht, sondern auch über Reizüberflutung. Bekanntlich gibt es gros - se individuelle und kulturelle Unterschiede, welches Maß an Intensität und Variabilität von Sinnesreizen für das psychische Gleich- gewicht von Menschen optimal ist. Die einen brauchen Hintergrundmusik oder einen stän - dig laufenden Fernsehapparat, um sich wohl fühlen und konzentrieren zu können; für ande - re ist das bereits im Alltag eine Zumutung. Es ist bekannt, dass der deutsche Staatsschutz bei Gefangenen aus RAF und Widerstand in- dividuell herauszufinden versuchte, wer eher durch Reizentzug und wer eher durch Reizü - berflutung fertiggemacht werden könnte. Bei der Dauerbeschallung mit lauter Musik wirken verschiedene Faktoren zusammen:

Einerseits handelt es sich natürlich um Fol - ter durch Reizüberflutung. Dazu kommt aber die Monotonie der ständigen Wiederholung gleicher Musikstücke: Dadurch wird nicht nur überflutet, sondern auch die Variation der zugeführten Reize eingeschränkt, was in der Forschung perceptual deprivation ge - nannt wird. Also eine doppelte Manipulation der Reizzufuhr! Abgesehen davon sind für die meisten Menschen bestimmte Musik - richtungen an und für sich eine Zumutung, weshalb die ausgesuchten Musikstücke aus diesem Grund eine zusätzliche Belastung darstellen können. Bei Guantanamo-Häftlin - gen dürfte schliesslich westliche mainstream- Musik auch als ideologischer Angriff auf ihre Kultur und Religion wirken.

Einmal mehr müssen wir feststellen: Den Schützern und Schützerinnen des maroden kapitalistischen Systems ist keine Gemeinheit zu horrend und ausgeklügelt, um nicht gegen tatsächliche oder vermeintliche Staatsfeinde eingesetzt zu werden. Wer immer Gefahr läuft, ins Gefängnis zu kommen, sollte ihre Methoden kennen, um vorbereitet zu sein und sie besser bekämpfen zu können.

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Irland: Die Verwaltung der 26 Counties Süd-Irlands will den Gefangenen der Con - der 26 Counties Süd-Irlands will den Gefangenen der Con tinuity IRA ihren eigenen Flügel im Hochsicherheits tinuity IRA ihren eigenen Flügel im Hochsicherheits - gefängnis von Portlaoise, Co. Laois, verweigern. Dies ist ein weiterer Schritt, den irisch-republikanischen Wi - derstand zu kriminalisieren. Die IRA Gefan - genen kämpfen seit Generationen für das Recht auf Anerkennung des Status als poli- tischer Gefangener/Kriegsgefangener, sowie für einen eigenen Flügel. (red.) Weitere Infos: www.irish-solidarity.net

Serbien: Die seit Septem - ber 2009 inhaftierten sechs GenossInnen der ASI wur - Septem - ber 2009 inhaftierten sechs GenossInnen der ASI wur den am 17. Februar 2010 aus den am 17. Februar 2010 aus der U-Haft entlassen. Ihnen wird vorgeworfen, ei - nen Molotowcocktail gegen die griechische Botschaft in Serbien geworfen zu haben und sich damit einer „kriminellen Handlung im Internationalen Terrorismus“ strafbar ge - macht zu haben. Ungeachtet dessen, dass sich bereits eine andere Gruppe zu dieser Tat bekannt hat, geht ihr Prozess nun am 23. März 2010 weiter. Ihnen drohen Haftstrafen von 3 bis 15 Jahren. (red.) Weitere Infos: www.syndikalismus.tk

Philippinen: Am 1. Febru - ar 2010 wurden auf den Philippinen ungefähr 40 Mediziner und Gesundheits - beamte von 300 schwer be - waffneten Polizeibeamten der Militärpolizei mit Gewalt verhaftet. Die Mediziner nahmen an einer Fortbil - dung auf einem Bauernhof teil. Den Verhaf - teten wird vorgeworfen, sie sollen der Neuen Volksarmee (NPA) angehören, die seit 1969 mit zahlreichen Anschlägen als militärischer Arm der Kommunistischen Partei der Philip- pinen kämpft. Dieser Vorfall reiht sich ein in eine Vielzahl von Repressionsschläge gegen fortschrittliche Kräfte auf den Philippinen. (red.)

gegen fortschrittliche Kräfte auf den Philippinen. (red.) USA: Fred Hampton Jr. Ist frei! Der afro-amerikanische

USA: Fred Hampton Jr. Ist frei! Der afro-amerikanische Journalist Fred Hampton Jr. wurde gestern freigespro - chen. Er hatte 2009 als er - ster über den Mord an dem afro-amerikanischen Oscar Grant durch die Bahnpolizei in Oakland, California, be - richtet. Wenige Tage nach dem Mord hatten sich in der Bay Area militante Proteste gegen diese rassistische Polizeigewalt gebildet. Der linke Journalist wurde daraufhin festgenom - men. Er wurde schwer misshandelt und be- schuldigt, den Riot angestiftet zu haben. Der Polizist Johannes Mehserle, der Oscar Grant ermordete, wurde bis heute nicht verurteilt. (red.)

der Oscar Grant ermordete, wurde bis heute nicht verurteilt. (red.) feb./märz 2010 ◄ gefangenen info ◄

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vorne zu erkennen: Vassilis Xiros

Doppelte Bestrafung

Heike Schrader, Athen

Politischen Gefangenen in Griechenland wird unter Verweis auf “Schwere der Schuld” Hafturlaub verweigert

Das griechische Gesetz ist eindeutig: Wer eine bestimmte, von der Höhe der Strafe ab- hängige Zeit „abgesessen“ hat, hat alle zwei Monate das Recht auf ein paar Tage außer - halb der Knastmauern. Ein entsprechender Antrag kann nur abgelehnt werden, wenn vorauszusehen ist, dass der Beurlaubte sei - ne temporäre Freiheit zur erneuten Begehung von Straftaten oder zur Flucht nutzen wird. Über den Antrag entscheidet ein dreiköpfiges Gremium, bestehend aus zwei Verantwort- lichen der Gefängnisverwaltung und einem Staatsanwalt. Früher wurde über jeden Antrag mit Stimmenmehrheit entschieden. Im Herbst letzten Jahres jedoch beschloss die damals amtierende Regierung der Nea Dimokratia, dass jeder Antrag nur noch mit Zustimmung

des Staatsanwaltes bewilligt werden kann. Seitdem scheint die Ablehnung von Urlaubs - anträgen die Regel geworden zu sein. Im Fall der seit Sommer 2002 in unterirdischer Kleingruppenisolation als Mitglieder der grie - chischen Stadtguerillaorganisation 17N ein - gesperrten Gefangenen wiegt die Verwei - gerung des Rechts auf Hafturlaub doppelt schwer. Für die 6 zu lebenslangem Gefängnis Verurteilten läuft die Knastzeit bis zum Recht auf Antragsstellung zwar erst im Sommer ab. Der Umgang mit den Anträgen ihrer Mitgefan - genen aber lässt darauf schließen, dass auch ihnen das Recht auf ein paar Tage außerhalb der Knastmauern verweigert werden wird. Bis zum Juli 2009 hatte der zu 25 Jahren ver - urteilte Vassilis Xiros vier Anträge auf ein paar

Tage Freiheit bewilligt bekommen. Jedesmal hatte er sich strikt an die Auflagen gehalten und war pünktlich ins Gefängnis zurückge - kehrt. Jeder Antrag war mit den Stimmen der Gefängnisverwaltung gegen die Stimme der Staatsanwaltschaft bewilligt worden. Seine beiden seit der Gesetzesänderung gestellten Anträge dagegen wurden von der Staatsan- waltschaft abgelehnt. Als Begründung hieß es unter anderem, die Natur der von ihm ver - übten Verbrechen lege nahe, dass er seinen Hafturlaub zum Begehen gleichartiger Straf - taten nutzen würde. Eine Unterstellung, die wie der gleichfalls angeführte Zweifel daran, dass seine hochbetagten Eltern für die recht - zeitige Rückkehr ins Gefängnis Sorge tragen können durch das Verhalten von Vassilis Xi - ros bei den vergangenen Hafturlauben wider - legt wird. Der von Vassilis Xiros gegen die staatsan - waltliche Entscheidung eingelegte Einspruch liegt seit über einem Monat beim zuständigen Gericht von Piräus. Sollte auch dies negativ entscheiden müssen zwei Monate vergehen, bis der Gefangene einen neuen Antrag stellen kann. Auch die Aussicht auf eine Verlegung aus den Isolationsbedingungen in ein Land- gefängnis, wo die Gefangenen tagsüber in der Landwirtschaft arbeiten und nur abends in die Zelle zurück müssen, wird Vassilis Xiros so versperrt. Eine positive Entscheidung über die Verlegung aufs Land wird in der Regel vom Verhalten des Antragstellers beim Haft - urlaub abhängig gemacht.

des Antragstellers beim Haft - urlaub abhängig gemacht. Honduras: Ermordung einer Basisaktivistin Am Mittwoch, den
des Antragstellers beim Haft - urlaub abhängig gemacht. Honduras: Ermordung einer Basisaktivistin Am Mittwoch, den

Honduras: Ermordung einer Basisaktivistin

Am Mittwoch, den 24. Februar, kam es in Honduras zu einem Mordanschlag auf die Ba - sisaktivistin Claudia Brizuela. Claudia war in der Gewerkschaft aktiv und die Tochter von Pedro Brizuela, einem Funktionär der Natio - nalen Widerstandsfront (FNRP). Als sie die Tür öffnete, wurden ihr drei Kugeln in den Kopf geschoßen – sie starb auf der Stelle. Claudia hinterlässt zwei kleine Kinder im Alter von zwei und acht Jahren. Der Anschlag ereignete sich im Vorfeld einer von der FNRP organisierten Großdemonstra - tion gegen die sog. Wahrheitskommission, die als Zwischenstation auf dem Weg zur Straffreiheit aller am Staatsstreich und der anschliessenden brutalen Verfolgung beteili- gten Kriminellen gewertet wird. Es ist davon

auszugehen, dass der Anschlag von parami - litärischen Todesschwadronen verübt worden ist, die gezielt von der Regierung eingesetzt werden, um die Opposition blutig niederzu - schlagen. Seitdem Porfirio Lobo am 28. Januar 2010 die Regierung übernommen hat, ist Claudia be - reits die dritte Person, die unter solchen Um - ständen ermordet wurde. Vornehmlich Frauen sind in letzter Zeit von Repression betroffen. So wurden einige Frauen telefonisch bedroht und ihnen der Tod von ihren Kinder oder an - deren Verwandten angekündigt. Eine Frau wurde von einem Fahrzeug verfolgt, während eine weitere so heftig geschlagen wurde, dass sie ein Auge und mehrere Zähne verlor und eine Wirbelsäulenverletzung davontrug.

12 gefangenen info feb./märz 2010

Dabei knüpft die heutige Repression in Hon - duras an eine jahrzehntelange blutige Tradi - tion des Staatsterrorismus an. Während in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts der Staatsterrorismus mit Hilfe von paramilitä - rischen Gruppen kollektive Massaker durch - führte und Führer der Opposition ermordete, richtet sich die Repression heutzutage vor - nehmlich gegen BasisaktivistInnen. Vor allem AktivistInnen der FNRP, aus Ge- werkschaften und anderer Basisorganisati - onen sind Ziel der Repressionsorgane. Die Organisation Rel-UITA schrieb dazu: „Die honduranischen Geheimdienste verfolgen die Strategie, durch die öffentliche, fast medien - gerechte, Tötung von Basisaktivistinnen und –aktivisten Angst und Schrecken zu verbrei - ten, wobei sie – bisher – die bekanntesten Persönlichkeiten der Opposition ausgespart haben. Diese Strategie hat zum einen das Ziel, eine “Jagd niedriger Intensität” zur Ein- schüchterung der Bevölkerung einzuführen, und dabei zum anderen möglicherweise wei - tergehenden nationalen und internationalen Reaktionen, wie sie auf die Tötung von be - kannteren Persönlichkeiten folgen würden, aus dem Weg zu gehen.“

Diese Strategie macht sich in erster Linie in einem weitverbreiteten Angstgefühl innerhalb der Bevölkerung bemerkbar, was durch die gezielte Desinformation der Regierungskreise über die Medien geschürt wird.

Die Organisation REL-UITA ruft die internati - onale Gemeinschaft dazu auf, umgehend en - ergisch zu reagieren und die Ermordungen zu verurteilen. (red.)

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Zum Prozessauftakt am 2. März 2010 gegen AktivistInnen aus der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung in Wien

Ein Rückblick

Der feststehende Prozessauftakt hatte einen längeren Vorlauf: Am 21. Mai 2008 stürmten Spezialeinheiten der Polizei gegen 6 Uhr min - destens 23 Wohnungen bzw. Vereinslokale im gesamten Österreich. Die BewohnerInnen wurden spielfilmreif mit gezogenen Waf- fen aus dem Schlaf gerissen, anschließend machten sich BeamtInnen der Kriminalpolizei an die Durchsuchungen der Wohn- und Ver - einsräumlichkeiten. Als Begründung für die Hausdurchsuchungen und das martialische Auftreten der Repres - sionsbehörden musste der Vorwurf der “Bil - dung einer kriminellen Organisation” gemäß §278a StGB, sowie verschiedene Straftatbe - stände wie Sachbeschädigungen, Brandstif - tungen etc. herhalten. Gegen zehn Personen, bei denen Hausdurchsuchungen stattgefun - den haben, lagen Haftbefehle vor. Begründet wurde der Erlass der Untersuchungshaft mit den juristischen Winkelzügen der „Verdunke - lungsgefahr und Tatbegehungsgefahr“. Die Verhafteten wurden aus ihren Woh - nungen entweder direkt in das Polizeianhal- tezentrum Rossauer Lände überstellt, oder zuvor noch in Polizeistationen festgehalten. Danach wurden alle zehn nach Wiener Neu - stadt verlegt und dort im Laufe von drei Tagen der Haftrichterin vorgeführt. Ohne Mitteilung an die RechtsanwältInnen wurden einige der Inhaftierten am 28. Mai auf zwei weitere Ge - fängnisse in Wien-Josefstadt und Eisenstadt verlegt. Einerseits sollten laut der Staatsanwaltschaft die angeblichen “KomplizInnen” voneinander getrennt und isoliert werden, andererseits wurde hier die Zerstreuung der Proteste und Demos vor den Knästen wohl zumindest ein - berechnet. Die Untersuchungshaft wurde für die Aktivi - stInnen mehrmals verlängert. Angebote von - seiten des Gerichts, durch eine Distanzierung vom Tierrechtsaktivismus oder die Heraus - gabe ihrer PGP-Passwörter freizukommen, wurden von allen Inhaftierten abgelehnt. Der Großteil der Betroffenen verweigert bis heute die Aussage. Am 13. August 2008 kam der erste der zehn Inhaftierten frei, als sich ein Untersuchungs - richter erstmals von der Position der Staats - anwaltschaft entfernte und die “Tatbege - hungsgefahr” in seinem Fall als nicht gegeben ansah. Die Staatsanwaltschaft erhob Rechts - mittel gegen die bedingte Freilassung. In wei- terer Folge musste sie sich allerdings Anfang September 2008 der Weisung der übergeord - neten Oberstaatsanwaltschaft Wien beugen und auch die restlichen neun Inhaftierten frei - lassen. Völlig überraschend stellte diese fest, dass die zu erwartende Haftstrafe “außer Ver - hältnis” zur bereits verbüßten U-Haft stünde. Eine Argumentation, die vor allem in Anbe - tracht der Strafandrohung von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bei einer Verurteilung nach §278a sehr ungewöhnlich scheint. Es darf

spekuliert werden, dass das amtliche Vertrau - en in die vorhandene „Indizien- und Beweis - lage“ für eine Verurteilung nach § 278a StGB nicht allzu ausgeprägt war. Nach 105 Tagen Untersuchungshaft, unzäh - ligen globalen Solidaritätsbekundungen wie Demonstrationen, Tierbefreiungen, Kletter - aktionen etc. befanden sich die AktivistInnen wieder auf freiem Fuß. Selbst in der bürgerlichen Öffentlichkeit wurden kritische Stimmen gegenüber den Haftgründen laut, insgesamt gab es ein er - staunliches und zum Großteil wohlwollendes Medienecho für die ehemals als „Öko-Terro - risten“ titulierten AktivistInnen aus der Tier - rechtsbewegung. Auch die parlamentarische Fraktion der Partei der Grünen stellte sich mitten im Wahlkampf demonstrativ hinter die Gefangenen.

Auf dem Weg zum Prozess

Im August 2009 ist bei den zehn ehemals in - haftierten TierrechtlerInnen der Strafantrag eingetroffen. Und damit ist klar, sie alle wer- den sich vor Gericht wegen der „Bildung und Mitgliedschaft in einer Kriminellen Organisa - tion“ (§ 278a StGB) verantworten müssen. Im Februar wurde durch die Medien bekannt gegeben, dass noch gegen drei weitere Per - sonen Anklage erhoben wird. Zum Prozess sind allein um die 120 Bela - stungszeugInnen geladen. Darunter befinden sich Dutzende Beschäftigte von tierausbeu - tenden Unternehmen, gegen die es in den letzten 15 Jahren Demos oder Aktionen gab. Den Rest der BelastungszeugInnen stellen ErmittlungsbeamtInnen staatlicher Verfol - gungsbehörden. Mit der großen Anzahl an ZeugInnen sorgt der ermittelnde Staatsan - waltschaft dafür, dass der anstehende Pro - zess über ein lange Zeitspanne gehen wird. Dies bedeutet für die Angeklagten nicht nur, dass sie in dieser Zeit keinem geregelten Le - ben nachgehen können. Es bedeutet auch, dass sie unabhängig von dem kommenden Urteil allein wegen der immensen Anwäl - tInnenkosten vor dem finanziellen Bankrott stehen. Am 2. März 2010 wird der Prozess gegen 13 politische AktivistInnen in der Wiener Neustadt beginnen. Er soll (konservativ ge - schätzt) mehrere Monate dauern und an drei Verhandlungstagen pro Woche stattfinden. Zum Prozesstag wird von den unterstüt - zenden Soli-Komitees und Gruppen zu einem globalen Aktionstag aufgerufen. Am Samstag vor Prozessbeginn wird in Wien eine Groß - demonstration erwartet, die ein deutliches Signal setzen soll, dass die Angeklagten über die Prozessdauer hinweg mit einer breiten in - ternationalen Solidarität rechnen dürfen. (Antirep 2008/red.)

Aktuelle Infos unter:

www.antirep2008.lnxnt.org

www.antirep278a.blogsport.de

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USA: US-Terrorliste sorgt für Einreiseverbote. Bereits mehrmals wurde Autoren und Künstlern die Einrei USA: - se in die USA verweigert, die auf einer sogenannten „No-Fly-Liste“ stehen, auf der „Terrorverdächtige“ - se in die USA verweigert, die auf einer sogenannten „No-Fly-Liste“ stehen, auf der „Terrorverdächtige“ ver - merkt sind. Nach Angaben von US-Sicherheitsbeamten betraf dies allein im letzten Jahr 19.000 Menschen. Wer genau darunter fällt, bleibt ebenso unklar, wie die Kriterien, die bei dem Prozedere angewandt werden. (red.)

Frankreich: Das Strafvoll - zugsgericht hat sich für den offenen Vollzug für Georges Cipriani ausgesprochen. George Cipriani war MiliFrankreich: Das Strafvoll - - tanter der Action Directe, der bereits seit 23 Jahren unun - - tanter der Action Directe, der bereits seit 23 Jahren unun - terbrochen im Knast sitzt. Der offene Vollzug ist eine vorgeschriebene Etappe vor einer Strafaus - setzung auf Bewährung. Die Staatsanwalt - schaft hat, wie erwartet, sofort Widerspruch eingelegt. Erst im letzten Jahr wurde für Je - an-Marc Rouillan der offene Vollzug nach nur einem Monat wieder ausgesetzt, nachdem er ein Interview gegeben hatte. (red.)

Frankreich: George Ibrahim Abdallah, der seit 25 Jahren wegen bewaffneter Aktionen für die FARL (Bewaffnete Revolutionäre Libanesische Fraktionen) eingesperrt ist, verweigerte vor Gericht die Abgabe seiner DNS, da er sie schonmal abgegeben habe. Dafür wurde er im Dezember 2009 bereits zu drei Monaten Beugehaft verurteilt. Bei einem erneuten Prozesstag im Februar 2010 sagte er ungebrochen, dass auch nach „26 Jahren Haft seine antiimperialistische Überzeugung intakt“ sei und er die Abgabe verweigere. Die Staatsanwaltschaft forderte erneut drei monatige Beugehaft. Das Gericht wird sein Urteil am 1. April 2010 fällen. (red.)

Gericht wird sein Urteil am 1. April 2010 fällen. (red.) Frankreich: Verhaftungen in Paris. Am Nachmittag

Frankreich: Verhaftungen in Paris. Am Nachmittag des 16. Februar 2010 kam es zu Festnahmen von sechs Personen und zu Haus - durchsuchungen in Paris, bei denen Computer und Flugblätter beschlagnahmt wurden und gezielt nach Kleidungsstücken gesucht wurde. Während des Gewahrsams seien Fragen zu Soliak- tivitäten der letzten zwei Monate gestellt worden. Den mittlerweile nur noch vier In - haftierten wird Sachbeschädigung sowie die „Zerstörung durch Sprengstoff und Brandstif - tung“ vorgeworfen. Sie sollen mit dem Brand des Abschiebeknastes von Vincennes sowie zu Soli-Aktivitäten wie Spaziergängen, Be- setzungen oder Sabotageaktionen in Verbin- dung gebracht werden. (red.)

setzungen oder Sabotageaktionen in Verbin - dung gebracht werden. (red.) feb./märz 2010 ◄ gefangenen info ◄

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Gründung des Gefangenenkollektivs Aurora Mit dem Ende der

Gründung des Gefangenenkollektivs Aurora

Mit dem Ende der Prozessperiode (Prozess u.a. gegen Mitglieder der Kommunistischen Partei politisch-militärisch (PCp-m) in Italien, Anm. GI) erachten wir die Phase als beendet, in der wir, obwohl gefangen, uns zu der drau- ßen geführten politischen Schlacht im Sinne der Bejahung und Kontinuität (des revolutio- nären Kampfes, Anm. GI) verhalten haben. In jener Phase haben wir die bürgerlichen Ge - richtssäle zur Behauptung der allgemeinen Ziele und des Inhalts der Auseinandersetzung benutzt, indem wir den von uns vorangetrie- benen Projektversuch vertreten haben: näm - lich zum Aufbau der Kommunistischen Partei in der zur siegreichen Führung des revolutio- nären Prozesses historisch notwendigen Form und Eigenschaft beizutragen; was im Konzept bzw. in der Praxis der politisch-militärischen Einheit als konkrete Form der revolutionären Politik zusammengefasst wird. Revolutionäre Politik und die Aktion der Partei definieren sich im Rahmen der Entwicklung der Klassenauto- nomie und der politischen Kernauseinander- setzungen und Knotenpunkte. Diese unsere Verantwortungsübernahme hat dann zur politischen Auseinandersetzung um unsere Geschichte geführt: der Operation des Präventions- und Repressionsstaates gegen die revolutionäre Instanz (im Sinne von Initiati- ve, Anm. GI) hat sich ein starkes solidarisches Lager aus der Klassenbewegung entgegenge- setzt. Hunderte von Unterstützungsinitiativen, von einfachen Schriften auf den Mauern der Metropolen und die Organisierung von Soli - daritätsversammlungen und -komitees bis zur Unterstützung von Arbeitern aus den Fabriken, in denen einige von uns gearbeitet haben. Das alles stand uns zur Seite, während wir uns in den bürgerlichen Gerichten zu unserer Identi- tät und Praxis bekannten. Die so entstandene Einheit hat in den Apparaten der Konterrevolu- tion, die auf unsere Kriminalisierung und folg- lich Isolierung setzten, starke Beunruhigung ausgelöst. Zu dieser Einheit haben auch jene Genos- sInnen stark beigetragen, die sich dem ge- meinsamen Feind nicht gebeugt haben, ob- wohl sie nicht zur Organisation gehören und ebenfalls verhaftet wurden. Monat für Monat haben die in der Solidaritätsstruktur vereinten Bewegungsteile durch einen dialektischen Pro - zess mit der revolutionären Instanz (Initiative, Anm. GI) ein politisches Faktum geschaffen:

Dadurch blieb diese (revolutionäre Initiative, Anm. GI), obwohl getroffen, nicht isoliert. Ins- besondere, weil sie die Präsenz des revoluti- onären Weges inmitten des Klassenkampfes erneut bestätigen und auf die Ebenen der De - batte und des Bewusstseins der Klasse einwir- ken konnte.

www.rhi-sri.org

Während der politischen Auseinandersetzung im Gerichtssaal bestand die Notwendigkeit und Priorität in der Bekräftigung der allgemei - nen Ziele und Inhalte des von uns vorangetrie- benen Projektversuchs. Nun geht es uns un- ter der Aufrechterhaltung dieser Angelpunkte darum, den neuen Kontext (der anstehenden jahrelangen Haftzeit, Anm. GI) anzunehmen und unsere Militanz neu auszurichten.Folg- lich haben wir entschieden, uns als Kollektiv Kommunistischer Gefangener zusammen zu schließen. Dieser Entscheid ist kein Ausdruck politischer Diskontinuität, da die allgemeinen Ziele und Inhalte, an denen sich unsere Aktion orientiert, noch immer dieselben sind; vielmehr wurde dieser getroffen, um zur Definierung der Diskontinuität unserer Beitragsweise gelangen zu können. Das Gefängnis ist ein Kontext, der präzise Grenzen setzt, aber nicht als „schwarzes Loch“ begriffen werden darf, wo wir dem Kampf ent - rissen wären. Das Gefängnis ist Teil der Aus- einandersetzung. Vielmehr noch, je schärfer die Auseinandersetzung wird und auf die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen ein- wirkt, umso präsenter wird das Gefängnis. Und sobald sich der revolutionäre Prozess entfaltet, werden Gefängnisse und Repression erst recht zur massiven Erscheinung. Diese Tendenz manifestiert sich mit immer größerer Intensität in dem Maße, in dem die Krise der kapitalistischen Produktionsweise ihre Folgen produziert. Die immer schwereren Einschränkungen, die das imperialistische Bürgertum im Versuch der Überwindung seiner Krise der ArbeiterInnen- klasse und dem Proletariat auferlegt und weiter auferlegen wird, werden immer stärker die mit der Klassenauseinandersetzung zusammen- hängenden Themen beleben. In dieser Ausei- nandersetzung werden sich die AktivistInnen nach und nach von den Ketten der bürger - lichen Legalität befreien; vor allem wird sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit der pro - letarischen Revolution und der Entwicklung der Auseinandersetzung durchsetzen. Nur auf die- sem Terrain des tendenziellen Machtkampfes kann sich erstens das Proletariat vereinen; und können die vielen partiellen Kämpfe (die sonst zur Ohnmacht verurteilt sind) zum Erfolg ge- führt werden. Nur über diesen Weg kann zwei - tens das Bürgertum besiegt werden. Es ist eine Auseinandersetzung, in der Ge- fängnis und Repression zum immer gebräuch - licheren Instrument werden, um die revolu- tionären Instanzen (Initiativen, Anm. GI) zu beugen und zu vernichten, die beabsichtigen sich mit der Klassenbewegung in ein dia- lektisches Verhältnis zu setzen. Auf diesem Terrain sind der Widerstand der gefangenen

Militanten und ihre Verteidigung des revoluti - onären Prozesses der Hauptgegenstand der Auseinandersetzung. Das wird von all den Mit - teln bestätigt, die wir alle kennen und die zur Erpressung von Kapitulation, Verrat und Ver - leugnung eingesetzt werden. Die Bandbreite der repressiven Mittel reicht bis zur psycho - physischen Folter, wie sie im Art. 41. des (ita- lienischen, Anm. GI) Gefängnisregimes festge- schrieben ist. Der Staat stuft die repressiven Mittel als sehr wichtig ein, um die revolutionäre Bewegung von innen zu bekämpfen und zu zerschlagen. Vor allem in einer Phase der Krise, wie in der aktuellen, wo auch kleinere Bezugspunkte (re - volutionärer Politik, Anm. GI) für das Proletariat großen strategischen Wert annehmen können. Für KommunistInnen im Gefängnis wird es im- mer mehr zu einem Imperativ, zu widerstehen, revolutionäre Positionen zu vertreten und sich den Erpressungen und der Repression nicht zu beugen. Wobei es nicht nur um die Sache der Bezeugung der politischen Identität geht, son - dern vielmehr um die konkrete Teilnahme an der Entwicklung des revolutionären Prozesses. Das ist das Hauptziel, weswegen wir uns zum Kollektiv Kommunistischer Gefangener zusammengeschlossen haben. Ein Ziel, das sich in den, wenn auch eingeschränkten, so doch vielfältigen Interaktionen mit der revoluti - onären Bewegung und der Klassenbewegung konkretisiert. Insbesondere werden wir zur Debatte, zur Analyse- und Studierarbeit über die Themen generellen Interesses beizutragen versuchen; auch mit Übersetzungen von Ma- terial aus der internationalen kommunistischen Bewegung und den fortgeschrittenen revolutio - nären Erfahrungen. Dazu beabsichtigen wir uns als Kommunisten auf theoretischer Ebene weiterzubilden, im Versuch, unser Verständnis des Marxismus- Leninismus-Maoismus und der Geschichte der kommunistischen Bewegung zu verbessern, indem wir Studiengruppen und Seminare för - dern werden. Wir erachten es auch als wichtig, uns mit der sogenannten Gefängniswelt aus - einander zu setzen und uns auf ihre Kämpfe zu beziehen. Es gibt viele Gründe, aus ihr ein entscheidendes Glied der Klassenrepressions - maschine, was der bürgerliche Staat eigentlich ist, zu machen. Das alles in Zeiträumen und mit Methoden, die wir nach und nach definieren werden. Folglich werden wir, wie schon getan, die günstigen Gelegenheiten zu erfassen versuchen, um uns mit den möglicherweise entstehenden Kampf- und Protestbewegungen zu solidarisieren. Des weiteren werden wir mit den Initiativen und Kampagnen der Anprangerung, der Gegen - information und Agitation in einen Austausch treten. All das im Bewusstsein, dass die Auseinander - setzung und die Lösung der politischen Kno- tenpunkte, um die Richtung des strategischen Planes neu zu definieren und den revolutio - nären Prozess wieder aufzunehmen, Sache der revolutionären Bewegung, ihrer Avantgar - den sind. Wir versuchen unsere Pflicht zu tun, indem wir widerstehen und die revolutionäre Fahne an der Gefängnisfront hochhalten.

Collettivo Comunisti Prigionieri „L‘Aurora“

Bortolato Davide, Davanzo Alfredo, Latino Claudio, Sisi Vincenzo, Toschi Massimiliano

Siano-Catanzaro 20. Januar 2010

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen Für die Freilassung der Gefangenen aus Action Directe

Für die Freilassung der Gefangenen aus Action Directe

www.action-directe.net

Am Samstag den 20. Februar fanden in Bor - deaux, Fresnes und Toulouse Kundgebungen für die Freilassung der Genossen aus Action Directe statt.

für die Freilassung der Genossen aus Action Directe statt. Freiheit für das Baskenland Für den Sozialismus!

Freiheit für das Baskenland

Für den Sozialismus!

Unter dieser Forderung fand, vom 06.02 bis zum 13.02.2010, die internationale Solidari- tätswoche zum wiederholten Male statt. Dem Aufruf der linken Organisation „Askapena“ folgend, kam es in 18 europäischen und la - teinamerikanischen Ländern zu mehren So - lidaritätsveranstaltungen und Protestkundge - bungen. Grund für die Aktionswoche ist die Verschär - fung des politischen Konfliktes zwischen der linken baskischen Unabhängigkeitsbewegung und der spanischen sowie französischen Re - gierung. Seit dem Sommer letzten Jahres hat die Repression gegen linke AktivistInnen und die politischen Gefangenen zugenommen. Die Illegalisierung der Fotos der Gefangenen, das Verbot von Solidaritätsdemonstrationen, die Verhaftung von linken PolitikerInnen, Ge - werkschafterInnen, JournalistInnen und Ak - tivistInnen aus der Jugendbewegung, sowie deren Misshandlung und die neue Verord - nung zur Durchsuchung der Angehörigen bei Gefangenenbesuchen sind nur einige Bei- spiele dieses Ausnahmezustandes.

In Fresnes versammelten sich ca. hundert DemonstrantInnen vor dem Gefängnis, in dem Jean-Marc Rouillan derzeit inhaftiert ist. Sie kamen aus Nordfrankreich, aus Clermont- Ferrand, Béeziers, Périgeux, Paris und Um - gebung, Belgien und Deutschland. Folgende Gruppen waren vertreten: Libérez- Les, Solidarité et Liberté, Secours Rouge Belgique, Freundinnen und GenossInnen der AD Gefangenen Frankfurt-Paris, NLPF, NPA, Militante aus dem libertären Spektrum, Men -

schen, die seit vielen Jahren Solidaritätsarbeit machen und viele GenossInnen, die kamen, um ihre Solidarität zu zeigen. Die Kundge - bung verwandelte sich in eine Demonstration rund um den Knast, um dahinter auf Fenster - höhe der Gefangenen zu sein. Parolen wurden gerufen: „Libération des Mi - litants d‘Action directe! Freilassung der Mi- litanten aus Action directe! „23 Jahre Knast, 23 Jahre Widerstand! Schluss mit der Erpres - sung zum Abschwören. Bedingungslose Frei - lassung!“, „Lasst Cipriani raus! Lasst Rouillan raus!“, „ Mauer um Mauer, Stein um Stein, zerstören wir alle Gefängnisse!“ Die Gefangenen konnten diese Parolen hören und schrien ihre Revolte zu den Demonstrie - renden hinüber. Die Kampagne für die Frei- lassung der Militanten aus Action Directe geht mit zahlreichen Konzerten, Filmvorführungen,

Kundgebungen,

weiter, die überall in Frank -

reich stattfinden.

Obwohl wir zu wenige waren, war die De - monstration recht kämpferisch und die Polizei hielt sich zurück.

Kurzmeldungen international

Palästina: Ahmad Sa‘adat wurde erneut in ein an - deres Gefängnis verlegt - von einem Isolationstrakt in einen anderen. Sa‘adat wurde 2002 verhaftet und befindet sich seitdem unter strengster Isolationshaft. In den letzten Monaten wurde Sa‘adat bereits mehrmals in andere Gefäng Palästina: Ahmad Sa‘adat wurde erneut in ein an - - nisse verlegt, was für ihn eine - nisse verlegt, was für ihn eine erhebliche Belastung bedeutet. Die PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas) bezeichnete die Verlegung als einen Angriff auf alle Palästi- nenserInnen und verwies darauf, dass seine Befreiung ein Ziel für alle PalästinenserInnen sein müsse. (red.)

Italien: Am 20. Januar 2010 wurden Constantino Virgi - lo und Manolo Morlacchi (Foto) in Rom bzw. Genf festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, Mitglieder der „Neuen Roten Brigaden“ zu sein, die sich 2006 zu einem fehlgeschlagenen Anschlag bekannt hatten. Bereits im Juni 2009 wurden 5 Personen in diesem Zusammenhang fest Italien: Am 20. Januar 2010 wurden Constantino Virgi - - genommen. Nach ihrer Vernehmung wurden die - genommen. Nach ihrer Vernehmung wurden die zwei Verhafteten ins Gefängnis nach San Vittore verlegt. Wann der Prozess gegen sie beginnt ist bislang unklar. (red.)

Italien: Am 23. Februar 2010 kam es in mehreren Städten Italiens zu mehr als 20 Hausdurchsuchungen im anarchistischen Spektrum. Es wurden Informations - materialien wie Flugblätter und ähnliches beschlag - nahmt, sowie die Computer des Radios Black Out in Turin. Grund für die Durchsuchungen waren Angriffe auf Räum - lichkeiten der faschistischen Lega Nord und den Verdacht auf Gründung einer kriminellen Organisation. (red.)

auf Gründung einer kriminellen Organisation. (red.) Baskenland: Im Basken - land reißt die Repressions -

Baskenland: Im Basken - land reißt die Repressions - welle nicht ab. Binnen einen Monats kam es in den Orten Ondarroa, Deba, Mutriku, Villabona, Hernani, Segura, Deusto, Gerona, Algorta, Oiartzun, Getxo und Bilbao zu ca. 25 Verhaftungen und zu mehreren Razzien, wobei von der spa - nischen und französischen Polizei Spreng - stofflager ausgehoben worden seien, die der ETA zugerechnet werden. Ein weiteres Sprengstofflager sei in Portugal entdeckt und ausgehoben worden. Den Verhafteten wird u.a. die Mitgliedschaft in der baskischen Un - abhängigkeitsorganisation ETA vorgeworfen. In mehreren Fällen wurden die Verhafteten während der Incommunicado-Haft gefoltert und erlitten u.a. schwere Verletzungen wie Knochenbrüche. Einige der Gefolterten wur - den bereits in Krankenhäuser verlegt. (red.)

wur - den bereits in Krankenhäuser verlegt. (red.) In diesem Kontext veranstalteten „EH Lagu - nak

In diesem Kontext veranstalteten „EH Lagu - nak - Freundinnen und Freunde des Basken- landes“ und das „Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen“ in Berlin mehrere Veranstaltungen. Die Berliner Solidaritätswo - che begann mit der Vorführung des Filmes „Der permanente Ausnahmezustand“ und einer Vokü mit baskischem Essen. Eine In - foveranstaltung berichtete über die Situati - on der baskischen Gefangenen in den spa - nischen Knästen. Den Abschluß bildete eine Protest- und Solidaritätskundgebung vor der spanischen Botschaft. Bei dieser versammel - ten sich am 12. Februar, bei Schnee und Eis am stillsten Örtchen von Berlin, rund 50 Per - sonen, die ihre Solidarität mit dem Basken- land lautstark demonstrierten. In den gehaltenen Redebeiträgen wurde öf - fentlich die spanische Repressionspolitik angeklagt, die Solidarität mit den politischen Gefangenen zum Ausdruck gebracht und die baskische Forderung nach Selbstbestimmung stark gemacht. Auch die sogenannte „Incommunicado“ Haft wurde problematisiert. Nach spanischem Recht können Festgenommene in der Un - tersuchungshaft für mehrere Wochen isoliert werden, ohne ein Recht auf Besuch oder ei - nen Anwalt. Besonders in dieser Zeit werden, laut Berichten von Betroffenen, die berüch - tigten Foltermethoden wie das Simmulieren von Erstickung u.ä. durchgeführt. Zeitgleich zu der Aktionswoche in Berlin fanden auch in anderen deutschen Städ - ten, wie Düsseldorf, Gießen, Braunschweig, Hamburg, Hannover, Magdeburg, Nürnberg und Stuttgart ebenfalls Solidaritätsveranstal - tungen statt. (red.)

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Zur Kommunikation mit Gefangenen

Antirepressionsarbeit hat viele Gesichter, ob es nun Informationsveranstaltungen, De- monstrationen oder andere Aktionen zum Thema Repression und Eingesperrte sind. Ein wichtiger Gesichtspunkt dieser Arbeit, der direkte Kontakt zu den Inhaftierten, kommt lei - der oft zu kurz. Doch gerade dieses Gebiet ist unheimlich wichtig, zum einen für die Weggesperrten, zum anderen für uns, da der Knast ein weiterer Schauplatz des Klassenkampfes und der Auseinandersetzung mit den Herr - schenden ist. Viele sind hinter Gittern wegen „Eigentumsdelikten“, weil sie sich aufgrund ih - rer Klassenlage und den damit verbundenen Lebensbedingungen „Nebenverdienstmög - lichkeiten“ schaffen mussten oder ohne deut - schen Pass keinen Zugang zu legalen Ein- nahmequellen haben. Andere weil sie aktiv gegen das kapitalistische System kämpfen. Es hat sich zwar ein bisschen was bewegt be- züglich der Notwendigkeit der direkten Ausei- nandersetzung mit Gefangenen, aber trotz - dem ist die Parole „Drinnen und draußen, ein Kampf!“ noch nicht Realität für die (radikale) Linke. Wie sind diese Blockaden aufzulösen? Ich denke, es ist wichtig, auf einige Probleme und Fragen einzugehen. Wir sind zur Zeit mit einer stark zunehmenden Repression konfrontiert. Die Widerstandsbe - kämpfung im Inneren wird also immer weiter ausgebaut und verschärft, um z.B. die deut - schen Kriegseinsätze abzusichern. Genossinnen und Genossen meiden nicht nur Prozesse, da sie Angst vor der Erfassung ha- ben, sondern lehnen Kontakt mit verhafteten GefährtInnen wegen der Erfassung ab. Schauen wir uns diese Beispiele mal genauer an: was ist für die Weggesperrten in solchen Situationen wichtig? Unsere Solidarität! Die Frage für uns ist doch die: wie können wir unsere Verbundenheit mit den Eingekerkerten zeigen? Wie können wir diese Situation für uns alle umdrehen, um unsere Vorstellungen durchzusetzen? Wichtig ist, uns nicht von den Repressions - organen abschrecken und bestimmen zu lassen, sondern von unserem Bedürfnis nach Solidarität auszugehen.

Cengiz Oban, der wegen § 129b wegege-

sperrt ist, schreibt am 31. Juni 2009 dazu:

„Briefe sind für Gefangene nicht wegzuden - ken, auch eine Postkarte, einzig und allein mit einem Gruß ist die kleinste auch größte

Mit der Inhaf -

tierung geht es doch genau darum, nämlich die Solidarität und die Kollektivität zu durch-

brechen. Da, wo die Solidarität herrscht, kann es keinen Egoismus geben. So stark die Kol - lektivität wächst, so schwach wird auch die Konkurrenz “

Freude für den Gefangenen

Wolfgang, Mitarbeiter des Gefangenen Infos

mensch nicht allein vor dieser Situation und so konstituiert sich draußen auch ein kollek- tiver Prozess.

„Genau das ist auch der Schutz und die Bar - rikade vor der Verelendung. In diesem Punkt treten die § 129a/b in Kraft und es ist der Versuch, die Solidarität zu durchbrechen. Un- sicherheit und Angst sollen sich verbreiten. Angst vor Knast und Angst vor Erfassung. So- bald mensch verknastet ist, geht es weiter mit der Isolation. Da, wo doch die Kollektivität ein Medikament für die Krankheitssymptome des Systems ist, so ist es auch ein unverzichtbares Medikament gegen die Isolation.“(Cengiz)

Wir können deshalb Antirepressionsarbeit nicht losgelöst von Gefangenen betreiben, denn das wäre nichts anderes als Stellvertre - terpolitik. Wir müssen vielmehr mit den Ein- gekerkerten zusammenarbeiten und unsere Praxis auch nach ihren Bedürfnissen ausrich - ten. Es muss uns darum gehen, die Stimme der Eingesperrten nach draußen zu tragen und ihnen einen Raum zu schaffen, wo sie sich artikulieren können. Das heißt aber nicht, dass wir alles schlucken, was Gefangene so von sich geben. Wir müs- sen sie kritisch und solidarisch hinterfragen, so wie es in „Freiheit“ unter uns eigentlich auch laufen sollte. Zum Schluss noch was zur Frage, ob wir mit Inhaftierten nur solidarisch sein sollten oder mit ihnen zusammen die tagtägliche Unter- drückung bekämpfen sollten. Es ist natürlich die Entscheidung von jedem Einzelnen, wie sie bzw. er sich entscheidet. Einige Gefangene, die wegen § 129b wegge- sperrt sind, fassen den Begriff der Solidarität weiter: Faruk Ereren, dem die Abschiebung in die Türkei droht, meint sinngemäß, führt den Klassenkampf und dann ändert es auch die Lage im Knast. Oder Nurhan Erdem meint, von den Paragrafen 129 sind alle betroffen, die für eine freie Gesellschaft kämpfen und deshalb ist eine Auseinandersetzung mit ih- nen mehr als nur Solidarität, sondern auch Kampf um die eigene Befreiung.

Hier noch ein paar praktische Tipps:

● Legt auf Veranstaltungen Postkarten und

Adresslisten aus und fordert die Besucher_in -

nen auf, den Gefangenen zu schreiben

● Schreibt Postkarten und Briefe, legt Brief - marken für die Inhaftierten dazu

● Berichtet ihnen in Briefen von Infoveran - staltungen, die ihr macht

● Schickt Grußadressen an die Wegge -

sperrten

● Macht das Schreiben „an die drinnen“ zu

einem Teil eurer Praxis

● Thematisiert das Thema auf Veranstal- tungen und Demos

Wichtig dabei ist, dass die Auseinander - setzungen mit den Gefangenen möglichst gemeinsam vor- und nachbereitet werden. Möglichst Kontakt zu den Angehörigen, An- wältInnen, anderen BriefschreiberInnen auf - nehmen und auch seine eigenen Zusammen- hänge in diese Arbeit einzubeziehen. So steht

Nachbemerkung:

Mir ist bewusst, dass auf Grund der Platzbe - grenzung alle Punkte nur fragmentarisch an - gesprochen werden konnten. Ich stehe aber für Veranstaltungen zur Verfügung, um die Thematik zu vertiefen.

Aus einem Brief von Ahmet Düzgün Yüksel: Der Vogel „Boran“ symbolisiert in der Türkei die
Aus einem Brief von Ahmet Düzgün Yüksel:
Der Vogel „Boran“ symbolisiert in der Türkei die
Widerstandstradition in den Gefängnissen.
Eine Karikatur von Günther Finneisen. Seine Karikaturen, von denen wir bereits einige ab - druckten,
Eine Karikatur von Günther Finneisen. Seine
Karikaturen, von denen wir bereits einige ab -
druckten, gab es auch schon als Postkartenserie
einige ab - druckten, gab es auch schon als Postkartenserie Diesen Brief von Cengiz Oban, der

Diesen Brief von Cengiz Oban, der ein Ton Steine Scherben-Zitat enthält, erhielten einige GenossInnen als Neujahrskarte.

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► seite 3 ► schwerpunkt ► inland Thomas Meyer-Falk: Wehrhafter Widerstand hinter Gittern Beitrag für

schwerpunkt

inland

Thomas Meyer-Falk:

Wehrhafter Widerstand hinter Gittern

Beitrag für Veranstaltungen zum 18. März des Netzwerks Freiheit für alle politischen Gefan - genen

Auch wenn heute größere Aktionen wie An - fang der 90‘er Jahre im bayrischen Straubing, als Gefangene auf das Dach des Zuchthauses kletterten, letztlich nicht mehr vorkommen, gibt es in jedem Gefängnis Einzelne, die sich wehren. In aller Regel ist dieser Widerstand legalistisch, das heißt, er sprengt nicht die gesetzlichen Schranken- aber selbst jene, die sich innerhalb dieser Schranken verteidigen, werden dann oftmals von der Anstalt unter Druck gesetzt: Angefangen bei besonders akribischen Zellenrazzien, anlässlich derer dann wirklich alles entfernt wird, was nur geht (während dem Zellennachbarn all das Zeugs belassen wird, denn dieser schwimmt ja brav im Strom mit).

Fortgesetzt durch wenig subtile Bemer - kungen, wie: „Sagen sie mal, sie wollen doch bestimmt vorzeitig entlassen werden, oder aber Vollzugslockerungen, wenn es soweit ist.!?“ und andere Strategien mehr. Direkte physische Bedrohung dürfte die absolute Ausnahme sein. Das ist heute auch nicht mehr notwendig; aus Chile gibt es Untersu - chungen, daß zu Zeiten der Diktatur der Ein - satz physischer Folter im selben Maße ab - nahm, wie sich psychologische Strategien als mindestens ebenso wirkungsvoll, wenn nicht gar noch wirkungsvoller erwiesen (welche dann noch den Vorteil hatten keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen).

Und so ist auch heute in Deutschland der zu - sammengetretene Gefangene die Ausnahme; Rollkommandos, wie sie noch vor 30 Jahren im Einsatz waren, die dann auch schon we - gen Mordes vor Gericht gestellt wurden, (so geschehen 1975, als Wärter vom Landgericht Mannheim wegen Mordes an einem 25-jäh - rigen Gefangenen verurteilt wurden) sind nur noch ganz partiell im Einsatz. So kann dann der Gefangene auch keine kör - perlichen Wunden als Beweis für seine Miss - handlungen mehr vorweisen, denn psycholo - gische Strategien hinterlassen ihre Spuren in der Seele.

Zu mal heute jede Anstaltsleiterin und jeder Anstaltsleiter schwören würde, daß in der jeweiligen Anstalt jeder Insasse, jede In - sassin „korrekt“ behandelt wird - und in der bürgerlichen Gesellschaft finden Gefangene seltener Menschen die ihnen glauben (und wenn, dann schallt es ihnen entgegen: „Recht geschieht‘s Euch, ihr kriminelles Gesindel“). Und deshalb ist es von solch grundlegender Bedeutung jene Gefangenen die sich wehren zu unterstüzen, sie nicht alleine zu lassen.

Der Tag für die Freiheit der politischen Ge - fangenen sollte auch helfen, den Blick auf all die anderen Gefangenen zu richten, so meine Überzeugung.

Denn was wäre gesellschaftlich gewonnen, kämen zwar alle politischen Gefangenen frei,

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bliebe aber das Heer der übrigen Menschen hinter Gittern? Wäre das dann wirklich eine bessere Gesellschaft in der wir leben?

Herzschlagende und kämpferische Grüße,

Thomas Meyer- Falk www.freedom-for-thomas.de

Schreibt den Gefangenen! Thomas Meyer-Falk, JVA Bruchsal, Z. 3117, Schönbornstraße 32, 76646 Bruchsal

JVA Bruchsal, Z. 3117, Schönbornstraße 32, 76646 Bruchsal Werner Braeuner: Grußwort an die Konferenzen Sehnde, 7.

Werner Braeuner:

Grußwort an die Konferenzen Sehnde, 7. Februar 2010

Als Angehöriger der Bewaffneten Plane - tarischen Streitkräfte/Unidentifizierbare kämpfende Subjekte, möchte ich die Teil - nehmerInnen der Konferenz des Netzwerk Freiheit für alle politischen Gefangenen, die sich zum 18. März und im Gedenken an die Niederschlagung der Pariser Commune ver - sammelt haben, mit größter Herzlichkeit grü - ßen.

Schlagen sie uns nieder, stehen wir auf, wie - der und immer wieder. Mit jedem neuerlichen Aufstand werden wir entschlossener und stär - ker, die kollektive Erinnerung dient uns kämp - fenden Subjekten als Ausbildungslager, wo wir lernen zu obsiegen.

Humangenetiker erzählen von 300.000 Jah - ren, in denen unsere Art, der Homo Sapiens, sich erfolgreich wider mannigfache Schwie - rigkeiten und Katastrophen behauptet hat, kämpfend, im Kampf. Waren jene Schwierig - keiten und Katastrophen allesamt natürlichen Ursprungs, sehen wir uns erstmalig mit einer von unserer eigenen Art herbeigeführten Ka - tastrophe konfrontiert, ihr Name ist Lohnarbeit & Kapital, kapitalistische Produktionsweise. Das von Lohnarbeit & Kapital über den ge - samten Planeten errichtete Terror-Regime bedroht unsere Art, jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns, mit Auslöschung und Ve - nichtung. Auch mit dieser neuartigen Bedrohung wer - den wir fertig werden, ohne Name, Anschrift und Gesicht ist sie letzlich nicht gefährlicher als irgendeine der anderen überstandenen Katastrophen, Kapitalismus ist mitnichten eine übernatürliche Macht. Die verwundbare Stelle des Ungeheurs ist der ihm auferlegte Zwang, menschliche Arbeit mit dem Mittel des Zwangs in Wert zu setzen, in Kapital und Pro - fit zu verwandeln. Gelingt ihm dies nicht, wird es unweigerlich fallen müssen. Kapitalismus ist die Medusa im antiken Mythos, deren Leib, deren Ort der Verwertung aufgeschlitzt wer - den musste, um sie zu töten. Mit der Gefahr erwachsen die Mittel, ihr zu begegnen, und so wachsen unsere Kampfkraft und das Vertrau - en in uns und unsere Art. Es ist wahr, there is no alternative:

Kampf oder Untergang Nieder mit Staat, Zwang und Repression Freiheit für alle, die von Lohnarbeit & Kapital gefangen sind Aufstand, Sturm auf die Bastille Kommunismus jetzt!

Werner Bräuner

Schreibt den Gefangenen! Werner Braeuner, JVA Sehnde, Schnedebruch 8, 31319 Sehnde

Werner Braeuner, JVA Sehnde, Schnedebruch 8, 31319 Sehnde Cengiz Oban: Brief vom 21. Januar 2010 Deinen

Cengiz Oban:

Brief vom 21. Januar 2010

Deinen Brief vom 31.12. habe ich

Dei -

ne Post Nr. 11 vom 19.1. ist beschlagnahmt worden. Die Gründe hierfür wurden mir nicht mitgeteilt, um den Inhalt nicht zu offenbaren. (Anmerkung vom Abtipper: der besagte Brief vom 19.1. enthielt 4 Beilagen: Artikel aus dem ND und jungle world zu §129b, ein Flyer zu einer §129b-Veranstaltung am 21.1. in Ham - burg, sowie eine Abschlussresolution zum Symposium gegen Isolationshaft in London. Und zwei Sätze, aus denen zu entnehmen war, das ein bundesweites Treffen zu §129b in Wuppertal stattfindet und die Bestätigung seiner Post, die erst nach 7 Wochen ankam.) Seit der Anklageerhebung sind offiziell 9 Briefe beschlagnahmt worden. Acht durch den Strafsenat, der den Prozess gegen uns führen wird und einer vom Strafsenat, der für Faruk (Ereren) zu ständig ist. Hinzu kommen noch zwei „verlorene“ Briefe und ein weiterer Brief, von dem ich lediglich eine Kopie erhielt. Hierzu gibt es noch keine offizielle Stellungnahme durch den Senat. Es gibt bestimmt noch mehr Briefe, die beschlag - nahmt wurden oder noch werden. Ich erfahre davon Wochen oder Monate später. Ich habe natürlich eine eigene Meinung zu diesem Ganzen und werde dieses auch nicht tatenlos über mich ergehen lassen. In diesem Brief möchte ich mich jedoch nicht hierüber auslassen, sondern einfach nur durch einige Beispiele aufzeigen, dass Begriffe wie Mei - nungsfreiheit, oder demokratischer und sozi - aler Rechtsstaat nur noch inhaltlose Hüllen sind. Wo auch Wahrheit, Argumente und der Verstand keinen Platz mehr haben, da sie durch autoritäre und willkürliche Haltung ver - drängt werden. Wie du weißt, wurde das „Gefangenen-Info“ 350 wegen eines abgedruckten Briefes von Nurhan (Erdem), nicht ausgehändigt. Begrün - det wurde das damit, dass diese Zeilen mich „beeinflussen“ könnten. Bevor sie etwas beschlagnahmten, verlangten sie eine Stellungnahme, die ich selber schrieb und fristgerecht abschickte. Sie besagte, dass ich den Brief kenne und somit die Beschlag - nahme nicht berechtigt ist. Die Antwort darauf war: Mein Anspruch hätte sich schon erledigt und somit sei das Recht auf Widerspruch gegenstandslos. Ein schönes Beispiel dafür, dass Richter sich aus ihrer Machtfülle heraus über das Recht und über die Grundsätze von Wahrheit und Gerechtigkeit hinwegsetzen. Das ist aber noch nicht alles. Mir sollte die Ko - pie der ganzen Zeitschrift, außer dem Brief, zugeschickt werden. So lautet der richterliche Beschluss. Ich erhielt sie jedoch nicht. Nur die erste und zweite Seite des GI‘s wurden kopiert und mir zugeschickt. Ich bin verärgert. Es kocht in mir. Sie halten sich noch nicht einmal an ihre ei - genen Beschlüsse. Es ist erniedrigend und

Lieber

, am 13.1. samt Beilagen bekommen

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zynisch.

Lieber

,

ihr Isolationsprogramm setzen sie

die Tatsachen. Nichts hiervon ist frei erfunden

Sorry, aber ist das nicht längst normal? Weil

hiervon ist frei erfunden Sorry, aber ist das nicht längst normal? Weil Devrim Güler: Brief zu

Devrim Güler:

Brief zu Thematisierung von

Vier Briefe von mir wurden mit der Begrün - dung, sie könnten über meine „politischen und weltanschaulichen Einstellungen Auf-

ich kenne nicht mal mehr einen, der einen kennt, der 2/3 gekriegt hat; und ich kenne und höre ja so einiges. Gut klar, irgendwo hört

Haftbedingungen

schluss geben“ beschlagnahmt. Das heißt,

man ab und zu, dass es solche Sachen noch

Lieber

,

gewohnheitsgemäß grüße und um -

diese Briefe sind wegen meinen Meinungs - äußerungen einbehalten worden. Dies ist ein Versuch der Einschüchterung und Verhinde - rung von Meinungsfreiheit. In meinem Brief Nr. 4 hatte ich geschrieben, dass ich zum Jahrestag des Massakers in den türkischen Gefängnissen einen viertägigen Hungerstreik machen werde, was ich auch getan habe. Sie haben mit Zwangsernährung gedroht. So wie es in der alten, „guten“ Zeit (während der Hun - gerstreiks der Gefangenen aus der RAF, der Abtipper) üblich war. Heute habe ich einen Beschluss darüber er - halten, dass mir der „Mauerfall“ von Nov/Dez 2009 nicht ausgehändigt wird. Der Inhalt ließe „eine Gefährdung der Ordnung in der JVA be - fürchten“.

nun mit noch mehr beschlagnahmten Briefen, durch Drohungen und Erpressungen fort. Sie werden sich mit diesen Brief vielleicht belei- digt und auch verhöhnt fühlen. Das sind aber

oder erlogen. Es musste einfach raus. Bezüg - lich ihrer Drohungen, das macht mir nichts aus. Im Gegenteil, desto hartnäckiger und entschlossener wird mensch. Das ist auch gut so. Denn es geht nicht um die Strafe, die mensch kriegt. Es geht um viel mehr, um die Freiheit des Willens, um die Würde, um die eigene Selbstachtung, um die politische Iden - tität, um die Gerechtigkeit, um die Wahrheit, um das Recht, um den Sieg und um noch viel

geben soll. Aber das klingt schon so schön wie im Märchen. Eben damit die Hoffnung nicht ausstirbt und das „brave Verhalten“ da - für bleibt. Sicher würde ich keinem raten, es nicht doch zu versuchen, beantragen kann man es ja. Ko - stet ja nichts, man macht eine Stadtrundfahrt zum Gericht, was man ja sonst auch mehr als selten tut, kriegt schriftlich was man für Einer ist usw., das hat doch schon mal was. Jedenfalls meine ich, dass der Festabgang schon mehr als das Normale ist, eben auch im Trend der Zeit, zumal man dann ja eh die Führungsaufsicht obendrauf kriegt und somit weitere Kontrolle ausgeübt wird, wie bspw. bei einer Bewährung versucht wird. Also bei denen die hier bleiben müssen, in diesem Lande. Und wenn es die nicht gäbe, die ab- geschoben werden, da ist kurz vor 2/3 ja noch normal. In Niedersachsen war Abschiebung schon nach der Halbstrafe üblich. Die tabel - larische Durchschnittshaftzeit wäre erkennbar höher, wenn Häftlinge, die zu lebenslänglich verurteilt sind, nicht schon nach 10-12 Jahren abgeschoben werden. Es ist jedenfalls schon was zum Schmunzeln, eben Galgenhumor, wenn hier drinnen Neu - ankömmlinge davon träumen, dass sie nach 15-18 Jahren entlassen werden, obwohl sie zu lebenslänglich verurteilt und mit Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung hier gestrandet sind. Mit hier meine ich diesen Stationsteil im „Si - cherheitsstrakt“, den habe ich seit Monaten

arme ich Dich ganz Den Leserbrief in der „Jungen Welt“ bezüg - lich der Silvesterkundgebung hatte ich in der Zeitung gelesen; es gab auch vor Stammheim eine Kundgebung von FreundInnen. Ich habe sie zwar weder sehen noch hören können, aber die abgeschossenen Raketen haben das Fenster, aus dem ich rausgeguckt habe, erreicht, so dass ich von ihrer Anwesenheit erfuhr. Auf die Gefühle, die man dabei empfin - det, werde ich vorsichtshalber nicht eingehen, da es sonst zu sentimental werden könnte - jedenfalls war es erfreulich, den Gruß der FreundInnen mittels abgeschossener Rake - ten erhalten zu haben Natürlich hast du Recht in dem Punkt, dass die Haftbedingungen, die wahrlich unmenschlich sind und eine hinterhältige Form des Folterns darstellen, ernst genommen werden sollten; meine Bedenken jedoch sind, dass eine per - manente Thematisierung dieses Problems

ohne die erforderlichen (aus welchen Grün - den auch immer) Solidaritätskundgebungen außerhalb der Mauern, zu einem uner - wünschten Bild beitragen könnte. Einem Bild der Gleichgültigkeit der FreundInnen draußen gegenüber ihren gefangenen GenossInnen, denen in diesem Kunstwerk unweigerlich eine ohnmächtige Opferrolle zuteil werden würde. Wenn die Kräfteverhältnisse eine gewich - tige Solidaritätsarbeit nicht hergeben, wie es

derzeit der Fall ist, sollte man sich über die Nützlichkeit einer Dauerthematisierung der

mehr

Um

Kinder, um Frauen, um Männer,

für mich alleine. Weiß gar nicht mehr wie

Isolationsfolter vielleicht mehr Gedanken ma - chen. Ich meine, dass so ein Bild (wie oben

um die Menschlichkeit

lange? War es ein halbes oder ein dreiviertel

geäußert) mehr

zur Distanzierung unter uns

Venceremos,

lieber !

Jahr? Nur zwei Tage war mal jemand hier. Ob - wohl sie noch soviel von der Realität hier im

förderlich sein würde, der hochbeschworenen Solidarität und dem Kampf jedenfalls nicht

zu verurteilen, mit einer „zu erwartenden“

Bis bald

Knast mitkriegen, träumen sie trotzdem wei - ter. Irre, wie das funktioniert.

Deine Kritik zu den Bezeichnungen der Pro - zesse als Farce und Theater scheint Folge

Cengiz Oban

Daher war ja hier auch das Gemotze so groß,

des theoretischen Fensters zu sein, aus dem

Schreibt den Gefangenen! Cengiz Oban, JVA Bochum, Krümmede 3, 44791 Bochum

als Christian (Klar) aus Bruchsal nach 26 Jah - ren wegen „6 Morde“ rauskam, aber sie we - gen einem immer noch drin sind und andere auch schon länger als 26 Jahre drin sind. Ha,

wir traditionsbewusst rauszugucken pflegen. Dieses Fenster kann aber unter Umständen zu eng werden, so dass man sich der Weis - heit „Die Theorie ist grau, der Baum des Le-

Günther Finneisen:

das ist keine Bewertung von mir, sondern nur Beobachtung. Bei sowas ist eben im Knast der Futterneid groß, wieso darf der und ich

bens jedoch grün“ (oder so ähnlich) besonnen fühlen muss. Warum sollten sich Klassenju - stiz und ihre Bezeichnung als Kasperlethe -

Brief vom 10. Januar 2010 in Bezug auf einen Artikel in GI 351

Brief vom 10. Januar 2010 in Bezug auf einen Artikel in GI 351

nicht. Ich habe immer noch meinen K(r)ampf mit Mi -

ater ausschließen, zumal es sich zutreffend um Alibiveranstaltungen gegen linke Kräfte

Moin, moin Na, wie ist es? Hoffe doch sehr gut. Klar habe ich das Info schon genau gelesen. Nicht nur in eigener Sache. Ich habe da meine Meinung nicht geändert wegen der neuen Form. Es ist mehr eine Illus - trierte vom Outfit her. Auch so manche Neue - rungen, wie z.B. die klaren Kurzmeldungen. Ist schon einen Gang anders, als noch zu den Angehörigen Zeiten. Besser, zumal die Infos nach wie vor einen hohen Informationswert haben. Aber ich will jetzt keinen Honig verschmieren, find nur so, dass man das ruhig mal sagen

nisterium und Strafvollzugkammer am laufen. Wegen dem Gutachter, der angeblich vorgibt, die Aufhebung meiner Einzelhaft zu prüfen. Da gibt es was neues, denn sie wollen einen Anderen namens Leygraf von der Uni Duis - burg einsetzen. Ansonsten schicke ich spaßeshalber mal wieder einen Entlassungsantrag raus, der sich auf BGH 1-353/70 beruft; dort heißt es, das es grundsätzlich nicht zu Schutzaufga- be eines modernen Strafrechts gehört, das ein Verurteilter sinnlos seine Strafe absitzen muss. Man gönnt sich ja sonst nix und denen auch nicht

handelt, in denen selbst die eigenen Regeln und Maßstäbe missachtet und verspottet wer - den?! Wie kann ein Prozess, mit dem Ziel, anti- faschistische Kräfte zum Zwecke ihrer Ein - schüchterung und Marginalisierung unbedingt

rechtlich-juristischen Ernsthaftigkeit vonstat - ten gehen? Eine Veranstaltung, bei der es we - der um Wahrheitsfindung noch um Gerech - tigkeitsausübung geht, von der Vertuschung der Wahrheit ganz zu schweigen, sollte man schon nach Belieben benennen dürfen; der diesbezüglichen Kreativität der FreundInnen sollten keine Grenzen gesetzt werden

kann. Ebenso ist es keine Kritik oder sowas, mir fiel nur auf, dass immer mehr betont wird

Also genug gesabbelt bis dann- Finni

Lieber

,

mit herzlichen Grüßen

Devrim

(wie auch gerade du es in meiner eigenen Sache betont hast), dass die 2/3 Entlassung abgelehnt wurde.

Schreibt den Gefangenen! Günther Finneisen, Trift 14, 29221 Celle

Schreibt den Gefangenen! Devrim Güler, JVA Stuttgart Stammheim, Asperger Str. 60, 70439 Stuttgart

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dossier ► gefangene ► feuilleton ► kurzmeldungen §129a/b – Eine zweihundertjährige Rechtswidrigkeit
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§129a/b – Eine zweihundertjährige Rechtswidrigkeit

Broschüre des Tayad Komitees

Nachdem die Broschüre bereits seit einiger Zeit auf türkisch erschienen ist, hat das Tayad-Komitee zusammen mit dem Freiheitskomitee eine Broschüre über die Geschichte und Bedeutung der §§129 auch auf deutsch veröffentlicht. In der Broschüre werden die Paragraphen in einen Kontext in die generelle reaktionäre Entwicklung in Europa gestellt und in Verbindung mit der Prekarisierung von großen Teilen der Gesellschaft gebracht, die das Potenzial des Widerstandes wieder vergrößern. Es wird auf die Frage eingegangen, wel- che Ziele der Staat mit der Kriminalisierung verfolgt und wa - rum in erster Linie die DHKP-C im europäischen Maßstab angegriffen wird. Auch auf die Rolle, die dabei die Bezie - hungen zwischen der Türkei und Deutschland spielen, wird eingegangen. Weitere Schwerpunkte der Broschüre sind neben den Fakten zu den §129, §129a und §129b, auch die Einschränkungen von grund- legenden Rechten, die diese mit sich bringen, sowie die außergewöhnliche Prozeßführung. Alles in allem ein runder Überblick über die Funktionen und die Bedeutung der §§129 mit ei- ner Einbettung in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext. Auch wenn die Analysen bzw. die Schlussfolgerungen aus den Darstellungen sicherlich zu diskutieren sind, liefert die Broschüre ein Grundwissen über die Paragraphen und stellt die Qualität der Repression in einem klaren Licht dar. Zu beziehen ist die Broschüre über gut sortierte Infoladen oder ihr schreibt eine E- Mail an uns und wir vermitteln euch den Kontakt.

eine E- Mail an uns und wir vermitteln euch den Kontakt. Solidarity is a strasbourg prisoners
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Solidarity is a

strasbourg prisoners (Doppel-CD)

- benefit compilation for the

Von vielen Menschen schon vergessen, kümmern sich Solidaritätsgruppen aus Berlin, Dresden und Rostock ge - meinsam mit Politaktivisten aus dem Badischen um Öffent - lichkeitsarbeit und die Betreuung der Gefangenen aus den Nato-Protesten im April letzen Jahres. Mehrere der damals Inhaftierten wurden zu mehrmonatigen Haftstrafen verur - teilt. Noch immer sitzen drei Antimilitaristen in Haft. Auf der Soli-CD finden sich neben einer durchaus span - nenden internationalen Mischung von szenebekannten Hip Hop, Folk, Dancehall, Ska und Punkbands wie Guts Pie Earshot, Irie Revoltes, Across the Border, Yok finden sich, vor allem auf der zweiten CD auch viele unbekannte Bands, die im Rahmen der Mobilisierung und Unterstützung der Proteste Konzerte gaben. Das Propagieren einer selbst- organisierten, radikalen Kultur des Musik-selber-machens und der selbstorganisierten Konzerte ist seit Jahrzehnten ein Baustein des Widerstands gegen politische Missstände.

Im 36-seitigen Booklet kommen bis auf eine kurze Einleitung allein die in Straßbourg inhaf - tierten Gefangenen zu Wort. Sie äußern sich in ihren Texten zu politischen Fragen, über den Gefängnisalltag und die freudigen Reaktionen auf die Solidarität von draußen. Der Gewinn, der beim Verkauf der CD‘s erzielt wird, fliesst vollständig in die wichtige Antirepressionsarbeit. Mehr Informationen zur CD: solidarity.blogsport.de, zu bestellen unter: soli-cd@riseup.net

zu bestellen unter: soli-cd@riseup.net Gegnerbestimmung - Sozialwissenschaft im Dienst der
zu bestellen unter: soli-cd@riseup.net Gegnerbestimmung - Sozialwissenschaft im Dienst der

Gegnerbestimmung - Sozialwissenschaft im Dienst der „inneren Sicherheit“

ISBN: 978-3-89771-499-1 Preis: ca. 13.80 Euro, ca.160 Seiten Erscheint voraussichtlich Mai 2010 beim Unrast Verlag

Die Verfassungsschutzbehörden haben sich nach dem Ver - schwinden der DDR zum Teil neu aufgestellt. Neben ihren Kernaufgaben, dem mit vielfältigen Methoden betriebenen Beschaffen von Gegner-Informationen, mischen sie ver - stärkt in der Forschungs-, Bildungs- und Wissenschafts - landschaft mit. Die hier vorgestellte scheinbare Offenheit impliziert eine Reihe von diskursiven Winkelzügen, mit denen der aktuelle Behördenauftrag mit den Weihen des Akademismus unsichtbar gemacht werden soll. Das vorlie - gende Buch geht einigen dieser gut organisierten Operati - onen nach. Die Autoren Markus Mohr und Hartmut Rübner

zeigen, wie der Verfassungsschutz in Zeiten zufällig knapper Kassen für sozialwissenschaft - liche Fachbereiche an den Universitäten aus Dummheit oder aus Kalkül der so Adressierten neue Bündnispartner für seine Politik gewinnt, die durch seinen gesetzlichen Auftrag festge - schrieben sind.

durch seinen gesetzlichen Auftrag festge - schrieben sind. Spanien/Katalonien: Wandbild mit den Motiven politischer

Spanien/Katalonien: Wandbild mit den Motiven politischer Gefangener.

Wandbild mit den Motiven politischer Gefangener. Hildesheim: Im Rahmen der Kampagne für Mumia Abu-Jamal

Hildesheim: Im Rahmen der Kampagne für Mumia Abu-Jamal entstand dieses Wandbild.

jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr auf Radio - FSK - FM 93,0 MHz

jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr auf Radio - FSK - FM 93,0 MHz / 101,4 MHz (im Kabel) livestream: www.fsk-hh.org/livestream

mail: knastundjustiz@fsk-hh.org Telefon: 040 - 432 500 46 Postbox: Redaktion K&J c/o Schwarzmarkt Kleiner Schäferkamp 46 20357 Hamburg

„Wieviel sind hintern Gittern, die wir draußen brauchen!“ Politische Gefangene - Sendung zu Repression und

„Wieviel sind hintern Gittern, die wir draußen brauchen!“ Politische Gefangene - Sendung zu Repression und Widerstand Freundeskreis Lokal-Radio e.V. Zur Bettfederfabrik 3, 30451 Hannover

Jeden ersten Dienstag im Monat von 18 bis 19 Uhr. Zu empfangen per Livestream über:

www.radioflora.de