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John-F.

-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien


Wintersemester 2010/11
Abteilung Geschichte
Understanding North America (UNA­A)
Dozentin: Eva Bischoff

Diskutieren Sie folgende These: Der Konflikt zwischen Krone und Kolonisten, der schließlich in
die Amerikanische Revolution mündete, basierte ausschließlich auf einer wirtschaftlichen Auseinan-
dersetzung.

Aggressives Wirtschaften
Anhaltende Aggression führt unausweichlich zu offener Gewalt.

[...] only a bomb throwing lunatic would suggest that society


doesn't need to be organized in some way, and there's no pro-
blem with the idea of governance, but this organization that
can basically conduct "business" at the point of a gun is really
problematic and I think that's why we see a lot of the problems
that we see in government.
(Brett Veinotte)

Autor: Norbert A. Lichterfeld
Kontakt: +49­30­8687027020, www.pm.me tno247 @
Matrikelnummer: 4471900
Prüfungsleistung: 10 LP
Abgabe: 19.11.2010; Note 1,7 - nachträglich überarbeitet
Versteht man Wirtschaften als Handeln unter Einbezug von Gewaltanwendung, so gründete der
Konflikt zwischen Krone und Kolonisten, der in die Revolution mündete, ohne Zweifel auf wirt-
schaftliche Auseinandersetzungen. Ist mit Wirtschaften jedoch jenes Handeln gemeint, das Gewalt-
anwendung ausschließt, so ergibt sich ein anderes Bild. Gerne wird übersehen, dass es ein Unter-
schied ist, ob man mittels physischer Gewalt einen Berg abbaut oder ob man unter Anwendung von
Gewalt jemanden zwingt selbiges zu tun. Letzteres bezeichne ich hier als Aggression, da dies beutet
gegen eine andere Person Gewalt anzuwenden—oder auch nur Leid anzudrohen—, ohne dass diese
Person unmittelbar zuvor gewaltsame Mittel gegen den Aggressor aufwendete.
Rechtfertigungen Aggression gegen Andere zu richten, finden sich zu allen Zeiten. Bei genauer Be-
trachtung variieren dabei lediglich die Ausprägungen physischer oder mentaler Gewalt—wobei letz-
tere einer Androhung von Leid entspricht, die mögliche Formen von Betrug oder Täuschung mit
einschließt. Schauen wir uns darum zuerst an, wie sich Handel begründen lässt.
Der dem Handeln zugrunde liegende englische Begriff ist trade, welcher epistemologisch aus tread
entstammt (vgl. Stormonth 1918, S. 924). Vereinfacht bedeutet tread auf oder gegen etwas zu
schreiten (vgl. ebd. S. 930), was sich auf eine Person oder Gruppe bezieht. Das sich daraus entwi-
ckelte trade setzt dagegen die beiderseitige Übereinkunft zweier Handelspartner voraus, die aus-
schließlich Wert gegen Wert tauschen. Von Ayn Rand ist dies trefflich beschrieben mit „[...] A trader
is a man who earns what he gets and does not give or take the undeserved [...]“ (zitiert in Binswan-
ger 1988, S. 504). Die gemeinsame Prämisse ist, ein von beiden Seiten gefundener Kompromiss,
den Wert des anderen anzuerkennen. Droht jedoch ein Partner dem anderen, so wird nicht Wert ge-
gen Wert getauscht, sondern der Wert des einen gegen das Unterlassen der Aggression des anderen.
Eine beiderseitige Übereinkunft kann hier nicht vorhanden sein, da eine existentielle Bedrohung be-
steht—die nur entweder zur Unterwerfung oder zu Gegenwehr nebst Abwendung führen kann (vgl.
Compromise; ebd. S. 82).
Die Kolonien hatten wirtschaftlich betrachtet einen klaren Ausgangspunkt. Sie wurden alle Kraft
Autorität der Krone gelenkt. Entweder war der König direkt die bestimmende Autorität vor Ort (vgl.
Boyer 2007, S. 54), er bestimmte aus der Ferne einen Eigentümer—unter Vorbehalt von „control of
war and trade and [...] laws“ (ebd. S. 55)—was alles existenzielle beinhaltet—oder sie konstituier-
ten „themselves a [...] government, and claimed the land for [the] King [...]“ (ebd. S. 49)—mit der
entsprechenden Konsequenz zunehmender Militarisierung (vgl. ebd.).
Die Tatsache, dass es in Amerika mehrere Jahrtausende vor den besagten Kolonisten Handelsrouten
gab, lässt den aggressiven Habitus vieler Europäer in ungewohntem Licht erscheinen: „Trade linked
the Great Lakes to Florida, the Rockies to what is now New England“ (Loewen 2007, S. 74). Zu-
dem war es schon zu allen Zeiten üblich, dass sich Kulturen, selbst auf engstem Raum, kooperativ,
also aggressionsfrei, entwickelten, wie es Wes Bertrand über das Leben in Städten zusammenfasst:
„[...] cities are primarily about commerce—and commerce involve all kinds of cooperation, col-
laboration, and interdependence, that is, voluntary trading of values [...]“ (Bertrand 2007, S. 37).
Doch entgegen dieser naheliegenden Erkenntnis werden noch heute englische Kolonisten meist
harmlos Siedler genannt. Spanier dagegen werden gerne als Eroberer bezeichnet, und das obwohl
es nachweislich sowohl Eroberer als auch Siedler verschiedenster Ethnien gab, einschließlich indi-
gener Amerikaner. Die Nationalität stellt damit ein denkbar ungeeignetes Kriterium dar, um das je-
weilige Verhalten auf dem amerikanischen Kontinent zu differenzieren (vgl. Loewen 2007, S. 71).
Was alle Eroberer sicherlich gemein hatten, ist die Art des eigenen Wirtschaftens, nämlich die eige-
ne Autorität über jene anderer zu stellen und sich damit anderer Menschen Verdienst ohne deren
Einwilligung zu Nutze zu machen—sofern keine entsprechende Gegenwehr zu erwarten war. Mich
führt das zurück zu der Frage, ob Wirtschaften als beliebige Interaktion ohne gemeinsame Prämisse
aller Beteiligter zu verstehen ist, oder in Abgrenzung zu nicht-wirtschaftlichen Auseinandersetzun-
gen; zu un-wirtschaftlichen. Wo Betteln oder Leidbekundungen lediglich an Andere appellieren, so
nimmt der Einsatz oder die Androhung von Gewalt jenen die Wahl.
Betrachtet man die zugrundeliegende wirtschaftliche Auseinandersetzung also schließlich aus rein
staatlicher Perspektive, so kann sicherlich die Rede von Ausschließlichkeit einer wirtschaftlichen
Auseinandersetzung sein—Gewaltanwendung mit eingenommen. Nimmt man jedoch die Machen-
schaften einflussreicher Beteiligter in den Blick (vgl. hierzu z. B. ideologische Differenzen zwi-
schen Jefferson und Hamilton; Boyer, S. 191 f.; Skousen, S. 424) und unterscheidet dabei aggressi-
onsfreies Wirtschaften von aggressivem Verhalten, so zeichnet sich ein Bild von politischen Intrigen
ab, die in populären Geschichtsbüchern keinerlei Beachtung finden (was ich auch in diesem Essay
nicht weiter ausführen werde). Solche Intrigen hatten (und haben noch heute) unzählige bewaffnete
Übergriffe zur Konsequenz, die anschließend in die vergleichsweise langsame Entstehung einer
neuen—von England unabhängigen—Machtelite mündeten. Überspitzt ließe sich sagen, dass sich
eben jene Machtelite bis heute vom Volk legitimiert sieht, auf Grundlage der damals entstandenen
Amerikanischen Verfassung, dessen Interessen mittels aggressiven Verhaltens zu lenken. Die für
eine solche Behauptung nötigen Beweise sind ohne Zweifel komplex; zu komplex, um auch diese
hier auszuführen. Doch ein Beispiel möchte ich geben mit der augenscheinlichen Tatsache, dass die
von Jefferson formulierten, unveräußerlichen Menschenrechte Aggression gegen Andere niemals
recht machen können, solche Übergriffe jedoch zu allen Zeiten als legitimiert bezeichnet werden—
selbst durch eben jenen Jefferson, der—wie unzählige andere Politiker—scharf zu trennen wusste
zwischen Taten und Worten, seien es geschriebene oder gesprochene; zur Zeit der Unabhängigkeits-
erklärung als Herr über rund 250 Versklavte (vgl. Loewen, S. 147 f.) und später als legitimierter
Vertreter der expandierenden Nation (vgl. Boyer, S. 219 ff.). Das macht Jefferson vielleicht nicht zu
einem schlechten Menschen, doch es zeigt beispielhaft, wie schmal der Grad ist zwischen aggressi-
onsfreiem Wirtschaften und implizierter Aggressivität.

Literatur

Bertrand, W 2007, Complete Liberty, The Demise of the State and the Rise of Voluntary America,
Public Domain, printed in Sweden.

Binswanger, H (ed.) 1988, The Ayn Rand Lexicon, Objectivism from A to Z, Penguin, USA.

Boyer, PS et al 2007, The enduring vision: a history of the American people, 7th edn, Wadsworth,
Boston.

Loewen, JW 2007, Lies My Teacher Told Me, Everything Your American History Textbook Got
Wrong, rev edn, Touchstone, New York.

Skousen, WC 1985, The making of America: The Substance and Meaning of the Constitution, Nat.
Center for Constitutional Studies, Washington D.C.

Stormonth, J & Bayne, W 1918, Etymological and pronouncing dictionary of the English language
including a very copious selection of scientific terms for use in schools and colleges and as a book
of general reference, rev edn, Blackwood, UK.