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Analyse der Vergebung

Einordnung

Vergebung ist eine Bewältigungsform von Leid, das sich Menschen gegenseitig
antun. Sie bezieht sich auf lebensgeschichtlich bedeutsame Bindungs- und
Beziehungsverletzungen, d.h. solche, die man von den eigenen Eltern oder
anderen wichtigen Bezugspersonen erfahren hat.

In einem weiteren Sinn kann Vergebung auch geringfügige Verletzungen im


Beziehungsalltag meinen. Sie wird dann eher als stillschweigende Basis des
Gelingens langjähriger Verbindungen verstanden; diese lassen sich als das
Zusammensein von zwei großen Vergebenden betrachten.

Definition(en):

Vergeben heißt Ärger, Groll und Haß auf einen Menschen, der einen verletzt
oder verraten hat, zu verringern oder aufzugeben und in Mitgefühl und
Verständnis zu verwandeln. Wer vergibt, verzichtet auf den Schuldvorwurf und
auf seinen Anspruch der Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts. Es heißt
nicht, den Täter von den Konsequenzen seiner Tat zu entbinden, diese zu
entschuldigen, zu tolerieren oder zu vergessen (K. Stauss)

Vergebung ist das Einverständnis, mit dem, was ist. Mit ihr werden Hoffnungen
und Illusionen aufgegeben: die Hoffnung, den Sieg über erlittenes Unrecht
davonzutragen, die Hoffnung auf die Befriedigung erhobener Ansprüche, die
Hoffnung, den Ansprüchen an sich selbst durch vermehrte Anstrengung
Genüge zu tun.

Vergebung ist die einseitige Aufkündigung des unerbittlichen


Vertragsverhältnisses zwischen Gläubiger und Schuldner. Es wird dabei
niemandem vergeben, obwohl uns das alltagssprachliche Verständnis des
Begriffes das nahelegt- ich vergebe dir. Das Vergeben ist eine an sich selbst
vollzogene Veränderung. Der Gläubiger fällt vom Glauben ab und ist dann nicht
mehr der gleiche (Retzer).

Vergebung kann nicht verordnet, erzwungen oder erhofft werden. Sie ist die
ureigenste Entscheidung des Opfers, ein innerer Prozeß, der unabhängig von
Einsicht und Reue des Täters geschieht.

Gegenstand der Vergebung

Beschädigung der Ich Beziehung. Das Herz des Opfers ist vergiftet durch
unverarbeiteten Schmerz, Groll, Haß und Bitterkeit

Beschädigung der Du-Beziehung. Durch die Tat ist die Beziehung Täter-Opfer
nachhaltig geschädigt.

Beschädigung der Beziehung zum „Ewigen Du“: Negative Beeinflussung des


Urvertrauens zum Sein selbst

Formen

Selbstvergebung, Vergebung anderer, Vergebung durch Gott, Proaktive


Vergebung (aktiv jemanden um Vergebung bitten, den man verletzt hat)

Hinweise auf die individuelle Notwendigkeit von Vergebung

Anklagendes Verhalten gegenüber einer Person, die uns verletzt hat

Die Existenz eines anhaltend negativen Gefühls gegenüber einer Person aus der
Vergangenheit, das nicht mit den üblichen Bewältigungsmechanismen wie
Nachdenken und Reden aufgelöst werden kann
Vorliegen von Depression und „Verbitterungsstörung“: Beeinträchtigung der
inneren Befindlichkeit

Voraussetzungen/Verlauf
Auseinandersetzung mit unseren bewußten und unbewußten Motivationen,
negativen Gedanken und Gefühlen (Reinigung des Herzens). Versehen der
erlittenen Verletzung mit Sinn.

Beschuldigung (ohne Schuld kann es keine Vergebung geben) und Erhebung


von Ansprüchen

Empathie: Perspektivenwechsel, um sich in den Täter vorurteilsfrei einzufühlen


und sich mit ihm und seinen Motiven probehalber zu identifizieren, ohne damit
das, was er einem angetan hat, gutzuheißen oder gar zu rechtfertigen

Funktion

Vergebung heilt das Opfer. Sie ist also befreiend für den, der vergibt. Er kann
seine emotionale Bürde abgeben.

Vergebung nimmt dem Täter die Macht, die er durch Haßgefühle ausübt.

Vergebung kann der erste Schritt zu einer Versöhnung sein, wenn auch der
Täter sich zu seiner tat bekennt, diese bereut und den Willen zur Veränderung
hat.

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