Sie sind auf Seite 1von 95

Fragenkatalog

I. Einleitung

1) Warum ist der Begriff „Völkerrecht“ möglicherweise nicht ganz exakt?

Völkerrecht ist die Summe aller Rechte und Pflichten der einzelnen Völkerrechtssubjekte
sowie jener Normen, welche die Beziehung zwischen diesen regeln.

Entgegen des Begriffs „Völkerrecht“ sind nicht die Völker als Gesamtheit ihrer Individuen
selbst, sondern vielmehr die Staaten die primären Rechtssubjekte der
Völkerrechtsordnung. Völkern kommt aber im Rahmen des Rechts auf Selbstbestimmung
eine begrenzte Rechtssubjektivität zu.

2) Was sind die Besonderheiten des Völkerrechts im Vergleich zum nationalen Recht?

3) Was sind Quellen, wer die Subjekte des Völkerrechts?

4) Welche primären Mittel der Selbsthilfe gibt es im Völkerrecht?

1. Fehlen eines zentralen Recht- oder Normsetzungsorgans

Im Gegensatz zum innerstaatlichen Recht gibt es im VR kein zentrales Recht- oder


Normsetzungsorgan. Das VR basiert vielmehr auf Verträge oder die Entwicklung aus der
zwischenstaatlichen Praxis.
Art 38 IGH-Status legt fest, dass folgende Quellen zur Auffindung von Normen des VR
anzuwenden sind:
- Völkerrechtliche Verträge
- Völkergewohnheitsrecht
- ARS

→ keine abschließende Aufzählung: VR findet sich auch in Beschlüssen von IO, wie etwa
Resolutionen des UN-Sicherheitsrat oder in einseitigen Rechtsgeschäften, wie von Staaten
abgegebene Versprechen.

Damit ARS und das Völkergewohnheitsrecht leichter identifiziert werden können, können
Lehre und RSP herangezogen werden. Weiters spielen auch eine Reihe rechtlich nicht
bindender Erklärungen und Richtlinien eine wichtige Rolle = soft law

Auffällig ist, dass die Quellen des VR das Ergebnis eines Konsenses zwischen den
Völkerrechtssubjekten sind. Die Staaten selbst nehmen daher Einfluss auf die Entstehung des
Rechts, das sie selbst bindet.

2. Normadressaten

Das nationale Recht bindet die im Staatsgebiet befindlichen natürlichen und juristischen
Personen, während das VR sich an die Staaten selbst untereinander bzw auch zwischen
Staaten und IO richtet.
Es gibt neben Staaten (primäres Völkerrechtssubjekt) und IO weitere Kandidaten für die
Völkerrechtssubjektivität.
→ NGOs, Individuen, MNCs oder TNCs
Diese können aber keine Parteien völkerrechtlicher Verträge sein und auch nicht sonst an
der Entstehung von Völkergewohnheitsrecht und ARS teilhaben. Sie sind vielmehr lediglich
Völkerrechtssubjekte im weiteren Sinn = Träger gewisser völkerrechtlicher Rechte und
Pflichten

IOs und Staaten sind Völkerrechtssubjekte im engeren Sinn = nehmen auch an der Erzeugung
des VR teil

3. Rechtsdurchsetzung

Im Vr gibt es kein Gewaltmonopol, wie im nationalen Recht, welches das Recht durchsetzen
kann. Es gibt zwar internationale Gerichte, diese haben jedoch keine obligatorische
Gerichtsbarkeit. Das Völkerrecht ist auf Selbsthilfe angewiesen.

Es stehen zwei Instrumente zur Rechtsdurchsetzung zur Verfügung:

- Gegenmaßnamen/Repressalien
- Retorsionen

Das VR ist daher:

- Koordinierend (Koexistenz, friedliches Zusammenleben von Staaten →1. Punkt)


- Horizontal (Staat-Staat und nicht Staat-Bürger → 2. Punkt)
- Dezentral (kein Durchsetzungsorgan → 3. Punkt)

5) Warum halten sich Staaten an das Völkerrecht?

Es können Sanktionen drohen:

- Wirtschaftssanktionen
- Ausschluss aus IO
- „Gesichtsverlust“ auf internationaler Ebene → Einfluss auf internationale
Beziehungen, wie Ausweisung von Diplomaten etc

Weiters besteht auch völkerrechtliche Verantwortlichkeit und individuelle völkerrechtliche


Verantwortung des handelnden Organs.

Weiters hat jeder Völkerrechtsbruch Präzedenzwirkung, sodass in Zukunft ein anderer Staat
auch eher denselben Völkerrechtsbruch begehen könnte, sodass man das eher meidet, weil
man ja schon will, dass andere sich an Regeln halten, sodass man sich selber dann auch eher
daran hält.

Ansonsten könnte sonst auch Kritik von Opposition, NGOs etc drohen.
6) Was sind die Prinzipien des Völkerrechts und in welchen substanziellen
Rechtsbereichen sind diese jeweils besonders ausgeprägt?

Das VR basiert auf folgende allgemeine Prinzipien:

- Souveränität
- Reziprozität
- Effektivität

+ Grundsatz von Treu und Glaube (ARS, welcher wichtig ist für friedliche Koexistenz und
wichtiger Grundsatz für Anwendung und Interpretation von Normen)

1. Souveränität

Im Innenverhältnis: höchste Befehlsgewalt eines Staats gegenüber seinen Staatsbürgern


Im Außenverhältnis: Gleichheit mit allen anderen Staaten sowie Unabhängigkeit, also keine
Einflussnahme eines fremden Staats

Dieses Verhältnis von gleichen unabhängigen Staaten nennt man Westfälisches System.

Ausdruck findet die souveräne Gleichheit aller Staaten:

- In UN-GV: one state – one vote


- Grundsatz der Nichteinmischung (Interventionsverbot)
- Mediatisierung des Individuums (Staat notwendig, damit Staatsbürger seine Rechte
durchsetzen kann)
- Act of state Doktrin: UK und USA überprüfen nie die Gültigkeit von Hoheitsakten
fremder Staaten (auf ihrem eigenen Hoheitsgebiet) gerichtlich –Y Ausnahmen
Enteignungen und Menschenrechtsverletzungen

2. Reziprozität

Viele Rechtsvorschriften werden eingehalten, weil Staaten Interesse haben, dass sich auch
der Rest der Staatengemeinschaft so verhält. = Grundsatz der Reziprozität

Ausdruck findet es vor allem betreffend Diplomaten und Konsuln!

3. Effektivität

= bestmögliche Annäherung rechtlicher und faktischer Wirklichkeit

Mächtige Staaten wie USA schaffen oft Situationen, weshalb man das Recht an die realen
Gegebenheiten angleichen muss, da sich das Recht aus den Fakten ergibt. Umgekehrt kann
das Recht sich nicht aus der Ungerechtigkeit erheben, wonach faktische Gegebenheiten
nicht aus einer völkerrechtswidrigen Handlung entstehen kann.

Spielt zB im Staatsbürgerschaftsrecht eine Rolle (genuine link)


7) In welchen großen Schritten entwickelte sich das Völkerrecht, wie wir es heute
kennen?

8) Was ist der Völkerbund? Wodurch unterschied sich dieser von den heutigen VN?
1. Westfälische Frieden von 1648: Nach 30-jährigen Krieg wurde dieser geschlossen
und setzt sich aus drei Friedensverträgen zusammen. Im Mittelpunkt steht die
Entstehung des Territorialstaats sowie das Verständnis aller Staaten sich
gleichwertig gegenüberstehende souveräne Rechtssubjekte (Westfälisches
System) mit einem Gewaltmonopol im Inneren, ein Vorgriff auf den späteren
Grundsatz der Nichteinmischung.
2. Europäisches Mächtegleichgewicht: Kolonialismus
3. Zwischenkriegszeit: Völkerbund 1920 nach 1. WK gegründet. → 1. IO mit
universellem Anspruch. Ständiger Internationaler Gerichtshof gegründet in Den
Haag.
4. Nach 1945: VN gegründeet. Erstmals wurde das Gewaltverbot vertraglich
normiert. VN brachte auch die Entwicklung des Menschenrechtsschutzes sowie
die Dekolonisation einher.

II. Völkerrechtsquellen

1) Welche Rolle spielt Art 38 IGH-Statut im Zusammenhang mit den


Völkerrechtsquellen?

Art 38 IGH-Statut stellt ein Formalkatalog dar, welcher Völkerrechtsquellen bestimmt. Art 38
IGH-Statut regelt eigentlich nur, welche Rechtsquellen der IGH in seiner
Entscheidungsfindung anzuwenden hat. Darüber hinaus wird dieser Bestimmung aber
generell die Bedeutung eines Katalogs der anzuwendenden VR-Quellen beigemessen,
weshalb sie zumeist als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit diesen dient.

Als Quellen werden aufgelistet:

- Völkerrechtliche Verträge
- Völkergewohnheitsrecht
- ARS
= primäre Quellen

Zur Ermittlung jener Quellen nennt Art 38(1)(d) die Entscheidungen von Gerichten sowie die
Lehre als Rechtserkenntnisquellen.

Art 38 IGH-Status ist jedoch nicht taxaktiv und beantwortet auch nicht, die Entstehung der
jeweiligen VR-Quellen. Vor allem besteht hinsichtlich Völkergewohnheitsrecht und ARS hier
noch Konkretisierungsbedarf.

Neben internationalen Abkommen, internationalem Gewohnheitsrecht und ARS existieren


auch einseitige Rechtsgeschäfte und die Beschlüsse von IO als Quellen.

Eine weitere Möglichkeit des IGH wäre es nach art 38(2) nach Billigkeit zu entscheiden,
wobei das bisher noch nie passiert ist.
2) Sind die Völkerrechtsquellen gleichrangig?

Die Rechtsquellen sind formell gleichranging. Dennoch entspringt die Reihenfolge der
Aufzählung wohl dem Gedanken der Spezialität: So sind vertragliche Regelungen meist
spezieller als Nomen des Völkergewohnheitsrecht und dieses wiederum spezieller als die
ARS. Demnach ergibt es Sinn, sich zunächst eventuell anwendbare Verträge anzusehen,
bevor man das anwendbare Völkergewohnheitsrecht prüft. → implizite Normenhierarchie

Es kann aber auch umgekehrt der Falls ein, dass Völkergewohnheitsrecht die speziellere
Norm darstellt als die allgemeine Vertragsbestimmung. Dies wäre daher stets im Einzelfall zu
prüfen.
Ein Sonderfall stellt ius cogens dar, welches aus dem Naturrecht Eingang in das VR gefunden
hat.
Zuletzt können auch spezielle Regelungen durch die Normierung eines Anwendungsvorrangs
faktisch eine Normenhierarchie begründen. Ein Beispiel wäre Art 103 UN-Charta. → besagt,
dass der UN-Charta Vorrang zu geben ist gegenüber anderen internationalen Abkommen,
wenn sich Regelungen widersprechen.

3) Was ist mit den beiden Begriffen „ius cogens“ und „erga omnes“ gemeint?

Unter ius cogens versteht man den Teil der Rechtsordnung, der nicht abbedungen werden
kann.
Definition in Art 53 WVK= Eine Bestimmung, die von der internationalen
Staatengemeinschaft in ihrer Gesamtheit angenommen und anerkannt wird als eine Norm,
von der nicht abgewichen werden darf und die nur durch eine spätere Norm des allgemeines
VR derselben Rechtsnatur geändert werden kann.

Es genießt also eine gewisse quantitative Höherwertigkeit gegenüber anderen Normen. Es


handelt sich um Bestimmungen, denen eine besondere moralische Qualität zukommt, wie
etwa
- das Verbot des Völkermords
- das Gewaltverbot im VR
- Folter
- Sklaverei
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- Apartheid
- Piraterie
- Anwendung von Gewalt und Aggression
- Selbstbestimmungsrecht (umstritten in der Lehre, wie weit das Recht reicht)

Eine Norm, die ius cogens verstößt, ist nichtig. Die Norm, die mit ius cogens in Widerspruch
steht, kann gar nicht entstehen und ist absolut nichtig.

Erga omnes regelt wiederum, wem gegenüber einer Norm gilt bzw wer die Einhaltung der
Norm schuldet Eine Norm kann zB nur einem Staat gegenüber, sämtlichen Vertragsparteien
eines Vertrages oder der gesamten Staatengemeinschaft (erga omnes) geschuldet sein. Ius
cogens hat eine erga omnes Wirkung, aber nicht alle Normen mit einer erga omnes Wirkung
sind ius cogens.
4) Wie stellt man ius cogens fest?

Das lässt sich nicht wirklich beantworten, da sich bisher kein Konsens entwickelt hat, wie
man ius cogens bestimmen kann. Es gibt vielmehr nur in der Lehre einen Katalog, bei
welchem man jedenfalls ausgeht, dass es sich um ius cogens handelt (siehe Aufzählung
oben). Im Barcelona-Traction-Fall hat der IGH auch demonstrativ aufgezählt, was alles ius
cogens ist.

5) Wie ist ein Normenkonflikt im VR zu lösen?

1. Lex superior derogat legi inferiori (zB Verfassungsrecht höher als einfaches Gesetz)
2. Lex posterior derogat legi priori
3. Lex specialis derogate legi generali

Einen Sonderfall stellt eine Normenkollision mit ius cogens dar. Die dem ius cogens
entgegenstehende Norm ist jedenfalls nichtig. (Eigentlich kann es also zu keiner Kollision mit
ius cogens geben, weil jede Norm, die dagegen verstößt, absolut nichtig ist und gar nicht
zustande kommt)

Es können auch vertragliche Anwendungsvorränge vorgesehen werden, wie in Art 103 UN-
Charta.

6) Was ist ein radizierter Vertrag?

Es handelt sich hierbei um gebietsbezogene, also territoriale Verträge.

7) Was kann zur Anwendung kommen, wenn kein völkerrechtlicher Vertrag über eine
Rechtsmaterie besteht?

Exkurs Lückenschließung:
Non liquet Situationen müssen vermieden werden. Falls es im vR ga rkeien regelung gäbe,
müsste auf innerstaatliches Recht zurückgegriffen werden. Es gab in der Rsp tatsächlich
schon eine Non liquet Sitaution im Nuklearwaffen-Gutachten, da hier nach dem IGH noch
nicht gesagt werden konnte, ob ein absolutes Verbot des Einsatzes von Nuklearwaffen auch
dann besteht, wenn sich die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung, um das Überleben eines
Staats zu sichern, ergibt.

Eine planwidrige Lücke wäre durch analoge zu schließen → vor allem Größenschluss und
Umkehrschluss wichtig!

Ansonsten ist allgemein, wenn es keine Regelungen aus dem völkerrechtlichen Vertrag
ergibt, nach Völkergewohnheitsrecht vorzugehen und ansonsten nach den ARS.

8) Was besagt das „Baxter-Paradox“?

Die Identifikation einer Vertragsnorm als Völkergewohnheitsrecht wird mit zunehmender


Zahl an Vertragsparteien schwieriger. Es wird immer weniger ersichtlich, ob sie lediglich die
Vertragsnorm befolgen oder auch davon ausgehen, dass es sich unabhängig des Vertrags um
Völkergewohnheitsrecht handelt.

9) Was ist mit dem objektiven oder subjektiven Element des Völkergewohnheitsrechts
gemeint?
Beim Völkergewohnheitsrecht handelt es sich um nicht-konsensuales und nicht-positives
und ungeschriebenes Recht.
Es müssen zwei Elemente vorliegen (Zwei-Elementen-Lehre):

Völkergewohnheitsrecht setzt sich


- Aus dem objektiven Element, der Staatenpraxis
- Sowie aus dem subjektiven Element, der opinio iuris, also der Ansicht, dass die
jeweilige Praxis aufgrund einer rechtlichen Überzeugung oder Notwendigkeit gesetzt
wurde, zusammen.

Beispiele für Völkergewohnheitsrecht:


- Verrtagsrecht außerhalb des Anwendungsbereichs der WVK
- Staatennachfolge
- Privilegien und Immunitäten
- Gewaltverbot
- Humanitäres Völkerrecht
- Das diplomatische Schutzrecht
- Recht der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit

Staatenpraxis:

→ jegliches Tun oder Unterlassen eines Staates (sowohl Legislative als auch Exekutive und
Judikative

Voraussetzungen:
- Konstant
- (nahezu) einheitlich
- Weitverbreitet

→ Es müssen nicht alle Staaten mitwirken, sondern es genügt, dass die im Wesentlichen
betroffenen Staaten Staatenpraxi setzen und keine gegenteilige opinio iuris oder Protest
durch andere Staaten geäußert wird.

→ Erfordernis einer gewissen Dauer angenommen, aber nicht näher definiert: instant
custom von Lehre abgelehnt

Opinio irus

= Rechtsüberzeugung von Staaten hinsichtlich der zuvor gesetzten Praxis → grenzt von
reiner Courtoisie ab
10) Welche Ausprägungen des Völkergewohnheitsrechts gibt es? Was sind dafür
wesentlichen IGH-Entscheidungen?

1. Universelles Völkergewohnheitsrecht
→ anwendbar auf sämtliche Staatend e rinternationalen Gemeinschaft, aber auch auf
andere Völkerrechtssubjekte wie IP oder im humanitären Völkergewohnheitsrecht auf nicht-
staatliche Akteure in bewaffneten Konflikten

Beispiele:

- Immunität von Staaten und IO und Organen des völkerrechtlichen verkehrs


- Recht der Staatenverantwortlichkeit
- Gewaltverbot

→ Wenn es auch nur einen persistent objector gibt, ist es nur mehr allgemeines
Völkergewohnheitsrecht

2. Regionales/partikuläres Völkergewohnheitsrecht

→ Völkergewohnheitsrecht beschränkt sich auf eine Region oder kleine Anzahl von Staaten

Beispiel Asyl-Fall: peruanische Politiker Haya de la Torre suchte in kolumbianische Botschaft


in Lima Asyl. Der IGH lehnte aber dss Vorliegen von regionalem Völkergewohnheitsrecht ab,
da Peru sich nicht an den diversen regionalen Verträgen mit Bestimmungen zum
diplomatischen Asyl beteiligt hatte. Im Falle regionalen Völkergewohnheitsrechts müssten
dieses nämlich alle Staaten anerkennen.

3. Bilaterales Völkergewohnheitsrecht

→ findet nur auf zwei Staaten Anwendung

Beispiel Durchgangsrecht über indisches Gebiet-Fall: 1960 ging es zwischen Portugal und
Indien um den Zugang zu zwei portugiesischen Enklaven, also von einem anderen Staat
umschlossene Territorien. Ein solches Durchgangsrecht vom Meer aus war bis zur
Verweigerung Indiens 1954 für Zivilpersonen – nicht aber für das Militärpersonal – bereits
seit Kolonialzeiten geduldet worden. Der IGH lehnte das Argument Indiens ab, dass es
zwischen zwei Staaten kein Völkergewohnheitsrecht geben könne.

11) Worum handelt es sich beim „persisent objector“?

Es ist möglich sich unter gewissen Umständen, der Unterwerfung unter einer
völkergewohnheitsrechtlichen Norm, zu widersetzen → solcher Staat ist persisent objector

Es ist hierfür ein offener Widerspruch notwendig:

- Der unmissverständlich
- Zum Entstehungszeitpunkt der Norm zum Ausdruck gebracht wird und
- Auch nachträglich weiterhin aufrechterhalten wird
Wenn ein solcher persisent objector existiert, wird universelles Völkergewohnheitsrecht zum
allgemeinen.

12) Wie kann aus einem multilateralen Vertrag Völkergewohnheitsrecht entstehen?

Ein Teil der Lehre vertritt die Ansicht, dass aus Verträgen Völkergewohnheitsrecht entstehen
kann. → vor allem wenn hohe Zahl bei der Verhandlung beteiligter Staaten und
Vertragsparteien, kann auf opinio iuris geschlossen werden. Dies wurde vom IGH auch in den
Nordseefestlandsockel-Fällen so gefolgt; ein Beispiel kann zB die Genfer Konvention von
1949 sein
Gegenargument: Staaten schließen ja Verträge ab, weil sie der Meinung sind, dass das Recht
kein Völkergewohnheitsrecht ist und nur zwischen den Vertragsparteien zur Anwendung
kommen soll.

13) Wie ermittelt man die allgemeinen Rechtsgrundsätze?

hL: ARS werden durch eine rechtsvergleichende Analyse der unterschiedlichen


Rechtssysteme der einzelnen (zivilisierten) Staaten zu ermitteln sind.

Mindermeinung: bei ARS handelt es sich um naturrechtliche Grundsätze

14) Was sind die Voraussetzungen für die Wirksamkeit eines einseitigen
Rechtsgeschäfts?

Erforderlich ist der Rechtsfolgewillen und weiters sind sie auch empfangsbedürftig.

Wer ist befugt einseitige Rechtsakte zu setzen? Man kann sich an Art 7 WVK orientieren:
Also Staatsoberhäupter, Regierungschefs oder Außenminister

→ nicht formgebunden, weshalb auch mündliche Erklärungen im Rundfunk oder in


Pressekonferenzen einseitige Rechtsgeschäfte sein können

Einseitige Rechtsgeschäfte sind also

- Mündliche oder schriftliche Erklärungen


- Eines zuständigen Organs
- Mit Bindungs- bzw Rechtsfolgewillen
- Auf die sich eine andere Partei verlassen durfte.

15) Welche Bedeutung haben Beschlüsse IO?

Neben völkerrechtliche Verträge und Völkergewohnheitsrecht stellen diese die wichtigste


Quelle zum VR dar.

16) Wie wird ermittelt, ob der Beschluss einer IO verbindlich ist? Sind die Beschlüsse
der VN verbindlich?
Es kommt darauf an, was die Vertragsparteien im Gründungsvertrag vorgesehen haben. In
diesen wird meist geregelt, ob bindende Beschlüsse gefasst werden können und welches
Organ dazu befugt ist und welches Verfahren hierfür eingehalten werden muss.

Grundsätzlich gelten Beschlüsse IO nur gegenüber MS der jeweiligen IO. Zum Teil gibt es
aber Beschlüsse mit direkten Auswirkungen auf Individuen, wie im EU-Recht.
Organisationsrechtliche Beschlüsse regeln die internen Geschäfte IO und können im Bereich
des Dienstrechts IO Rechte und Pflichten sowohl für Individuen als auch für einzelne MS
begründen.

Die GV der VN sind nicht verbindlich und stellen nur soft law dar. Sie können sich aber als
Völkergewohnheitsrecht entwickeln oder Vertragsvorbereitungen darstellen.

Der Sicherheitsrat der SVN kann verbindliche Beschlüsse gegenüber den MS der VN fassen.
Er nimmt dabei sogar Quasi-Gesetzgebungsfunktionen wahr, indem er dies sogar hinsichtlich
einzelner Individuen vornimmt. Hier sind va targeted oder smart sanctions zu nennen
(Kontosperrungen, Einreisebeschränkungen etc)

III. WVK

1) In welchen Fällen ist die WVK nicht anwendbar?

Die WVK regelt die Anwendung von zwischen Staaten geschlossenen schriftlichen
völkerrechtlichen Verträgen, die nach Inkrafttreten der WVK abgeschlossen wurden. Weiters
muss es sich um Staaten handeln, die Vertragsparteien der WVK sind.

Daher ist die WVK nicht anwendbar:


- Für Staaten, die nicht Vertragspartei sind
- Verträge, die vor Inkrafttreten der WVK abgeschlossen wurden
- Mündliche Verträge
- IO (Vorsicht: Gründungsverträge von IO schon erfasst, da diese zwischen Staaten
abgeschlossen werden)

→ hier Völkergewohnheitsrecht anzuwenden (entspricht WVK)

2) Inwiefern handelt es sich bei der WVK um Völkergewohnheitsrecht?

Es handelt sich beim Großteil er Vorschriften um kodifiziertes Völkergewohnheitsrecht.


Ausnahmen bestehen hingegen hinsichtlich Vertragsvorbehalten, ius cogens oder der
Beendigung von Verträgen. Etliche Vorschriften entsprechen auch den ARS oder scheinen
aus dem römischen Rechtvertraut.

3) Gibt es Verträge mit territorial beschränkter Wirkung?

Die Möglichkeit von Verträgen mit territorial beschränkter Wirkung wird in Art 29 WVK
vorgesehen.

4) Wer darf einen völkerrechtlichen Vertrag abschließen?


Falls keine Vollmacht vorliegt noch eine solche aus den Umständen hervorgeht, kennt Art 7
(2) WVK bestimmte Organe, die Kraft ihres Amtes als Vertreter ihres Staats anzusehen sind:

- Staatsoberhaupt
- Regierungschef
- Außenminister

Darüber hinaus besteht eine solche Vollmachtsvermutung auch für Chefs diplomatischer
Missionen hinsichtlich der Annahme von Verträgen zwischen Empfangs- und Entsendestaat
sowie für beglaubigte Vertreter eines Staates bei einer internationalen Konferenz
hinsichtlich der dort geschlossenen Verträge.

5) Wie kommt ein völkerrechtlicher Vertrag zustande?


6) Worin liegt der Unterschied zwischen Unterzeichnung und Ratifikation?

1. Vertrag muss von den beteiligten Staaten angenommen werden → multilaterale


Verträge werden meistens im Rahmen internationaler Konferenzen mit einer
Zweidrittel-Mehrheit angenommen, wenn nichts anderes vorgesehen ist
2. Schlussakt =Beurkundung → hier wird die authentische Fassung des Textes
(=Letztversion des Textes in jener Sprache, in der sie in Kraft tritt) durch
Unterzeichnung festgelegt oder im Schlussakt der annehmen internationalen
Konferenz inkludiert
3. Einstufiges Verfahren: Zustimmung eines Staats erfolgt durch Unterzeichnung,
Austausch von Urkunden, Ratifikation, Annahme, Genehmigung oder Beitritt oder
sonstige vereinbarte Art
4. Zweistufiges Verfahren: Unterzeichnung und Ratifikation: Unterzeichnung drückt
lediglich vorläufige Zustimmung aus, für völkerrechtliche Gültigkeit der Zustimmung
bedarf es der Ratifikation =endgültige Zustimmung zu einem Vertrag, der
üblicherweise ein innerstaatliches Genehmigungsverfahren vorangegangen ist)
5. Ratifikationsurkunde beim Depositär hinterlegt

7) Wie viele Vertragsparteien benötigt ein Vertrag üblicherweise, um in Kraft zu


treten?

Das wird in den Schlussbestimmungen eines Vertrages festgelegt. Falls eine solche
Bestimmung fehlt, tritt der Vertrag in Kraft, wenn alle Vertragsparteien ihn ratifiziert haben.

8) Wie kann ein multilateraler Vertrag geändert werden?

Ein Vertrag kann jederzeit durch Übereinkunft geändert werden. Es handelt sich um keinen
neuen Vertrag, sondern nur um einen aufgrund Änderungsübereinkunft geänderten Vertrag.
Problematisch sit eine Änderung eines multilateralen Vertrags, wenn nicht alle Parteien dem
Änderungswunsch folgen.
Wird eine solche Übereinkunft nur zwischen einzelnen Vertragsparteien geschlossen, nennt
man es inter-se-Abkommen. → das ist KEINE Änderung nach der WVK, sondern
MODIFIKATION. Inter-se-Abkommen sind aber nur zulässig, wenn diese Möglichkeit
vertraglich vorgesehen ist oder icht untersagt ist und die Übereinkunft weder die anderen
Vertragsparteien in ihren Rechten oder bei der Erfüllung ihrer Pflichten beeinträchtigt sowie
nicht dem Ziel und Zweck des Vertrags widerspricht.

Tritt ein Staat nach Inkrafttreten einer Änderungsübereinkunft einem Vertrag bei, so steht
im Verhältnis zu einer Vertragspartei, die nicht Teil der Übereinkunft ist, der ursprüngliche
Text in Geltung. Es steht den Vertragsparteien aber frei, etwas anderes zu vereinbaren.

9) Sind Vorbehalte in jedem Fall zulässig? Was versteht man in diesem


Zusammenhang unter einem integralen Vertrag?

=unselbstständige einseitige Rechtsgeschäfte, mit denen ein Staat ausdrückt, an einen Teil
des Vertrags nicht gebunden sein zu wollen

Vorbehalte dürfen dem Ziel und Zweck des Vertrags nicht widersprechen (Problem Sharia-
Vorbehalte: sehr ungenau – welche Bestimmungen des Vertrags sind in Geltung? Und
menschenrechtstechnisch und mit Ziel und Zweck unvereinbar)
Weiters sind Vorbehalte unzulässig, wenn der Vertrag Vorbehalte nicht zulässt oder
bestimmte Vorbehalte nicht zulässt, worunter der geplante Vorbehalt fallen würde.

Bei integralen Verträgen stellt die Anwendung des Vertrags in seiner Gesamtheit zwischen
allen Vertragsparteien eine wesentliche Voraussetzung für die Zustimmung zum Vertrag dar.
Der Vorbehalt bedarf hier der Annahme aller Vertragsparteien, um gültig zu sein. →
Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge & Antarktisvertrag

10) Wie interpretiert man einen völkerrechtlichen Vertrag?

1- Wort- und Textinterpretation


2- Systematische Interpretation
3- Teleologische Interpretation

→ Gebot nach Treu und Glauben auch anwenden!

Dynamische Interpretation? → vor allem auf Gattungsbegriffe angewandt, die sich über den
Zeitpunkt des Vertragsabschlusses hinaus entwickeln → EMRK living instrument

Völkerrechtliche Verträge, die verschiedene authentische Texte haben, wie die UN-Charta,
müssen bei unterschiedlichen Inhalten nach Ziel und Zweck ausgelegt werden.

11) Welche Anfechtungsmöglichkeiten gibt es?

1. Formelle Willensmängel

= Wurzelmangel, der die innerstaatlichen Voraussetzungen für einen Vertragsabschluss


betrifft
Dieser muss darin begründet sein, dass eine Norm innerstaatlichen Rechts über die
Zuständigkeit zum Abschluss von Verträgen verletzt wurde, sofern dies

- Objektiv erkennbar sein musste


- Und es eine Rechtsvorschrift von grundlegender Bedeutung wohl Verfassungsrecht)
betrifft.
→ Bestimmungen, die die innerstaatliche Zuständigkeit für Vertragsabschluss betreffen,
Verletzung von speziellen Genehmigungsverfahren, Zustimmung eines Staatenvertreters war
beschränkt und dieser handelte ultra vires

2. Materielle Willensmängel
=Wurzelmängel, die im Willensausdruck selbst liegen, der zum Zeitpunkt des VA beeinflusst
wurde

a) Irrtum

→ Wenn es sich auf eine Tatsache bezieht, die eine wesentliche Grundlage für die
Zustimmung einer Vertragspartei bildete und die Partei nicht durch ihr eigenes Verhalten zu
diesem beigetragen hat. → Nichtigkeit ex nunc!

b) Betrug

→ betrügerisches Verhalten eines anderen Verhandlungsstaats → ex tunc

c) Bestehung eines Staatenvertreters/Zwang gegen einen Staatenvertreter

→ stellen auf das verhandelnde oder den Bindungswillen ausdrückende völkerrechtliche


Organ ab → ex tunc

d) Zwang gegen einen Staat durch Drohung mit oder Anwendung von Gewalt
→ stellt auf Gewaltanwendung gem Art 2(4) UN-Charta ab

3. Ius cogens

12) Was sind die Konsequenzen eines material breach?

1. Ordentliche Beendigung

Kündigung= bezieht sich auf bilaterale Verträge


Rücktritt= multilaterale Verträge → Vertrag existiert nach Rücktritt der Partei weiter

Ein Vertrag kann nach Art 54 WVK nach den darin enthaltenen Bestimmungen oder durch
Einvernehmen der Vertragsparteien beendet werden.

Suspendierung= zeitweise Aussetzung des Vertrages → folgt denselben Regeln


Sofern keine Beendigungsbestimmungen im Vertrag enthalten sind, ist hinsichtlich einer
solchen Möglichkeit auf den Parteiwillen abzustellen. Alternativ kann die Natur des
Vertrages relevant sein.

Eine Beendigung ist 12 Monate im Voraus zu notifizieren.

Ein Vertrag kann ebenso durch den Abschluss eines späteren Vertrages über denselben
Gegenstand beendet werden, sofern diese Absicht aus dem Vertrag hervorgeht oder eine
gleichzeitige Anwendung der beiden Verträge unvereinbar wäre.

2. Außerordentliche Beendigung

→ Auflösung des Vertrages ex nunc aus bestimmten Gründen

a) Erhebliche Vertragsverletzung (material breach)

→ erlaubt Beendigung oder Suspendierung des Vertrages entweder im Verhältnis zum


verletzenden Staat oder gegenüber allen Vertragsparteien

Eine erhebliche Vertragsverletzung liegt vor, wenn


- es sich um eine nach der WVK nicht zulässige Ablehnung der Anwendung des
Vertrages handelt oder
- eine für die Erreichung von Ziel und Zweck des Vertrages wesentliche Bestimmung
verletzt wurde.

→ gilt NICHT für humanitäre Verträge und laut Lehre auch NICHT für
Menschenrechtsverträge, da sonst sinnwidrig

b) Nachträgliche Unmöglichkeit der Erfüllung

→ faktische Unmöglichkeit wegen Untergangs des Vertragsobjekts (zB Untergang einer Insel
oder Austrocknung eines Flusses)

Eine bloß vorübergehende Unmöglichkeit kann nur ein Grund für eine Suspendierung sein.
Wenn eine Vertragspartei selbst die Unmöglichkeit herbeigeführt hat, darf sie sich nicht
darauf stützen.

c) Grundlegende Veränderung der Umstände

Voraussetzungen:

- Änderung darf von den Vertragsparteien nicht vorausgesehen worden sein


- Der betreffende Umstand muss eine wesentliche Grundlage für deren Zustimmung
gebildet haben
- Die Änderung muss das Ausmaß der noch zu erfüllenden Verpflichtungen tiefgreifend
umgestalten
Wenn eine Vertragspartei selbst die Veränderung der Umstände herbeigeführt hat, darf sie
sich nicht darauf stützen.

Gabcikovo-Nagymaros-Fall: Ungarn wandte in Bezug auf ein mit der Tschechoslowakei


geplantes Staudammprojekt ein, dass der politische Systemwechsel (von Kommunismus zur
Demokratie) eine grundlegende Veränderung der Umstände darstelle → der IGH bejahte die
mögliche Relevanz solcher Umstände, aber sah in dem Fall keinen unmittelbaren
Zusammenhang

→ findet keine Anwendung auch territoriale Grenzverträge!

d) Abbruch diplomatischer oder konsularischer Beziehungen

→ bildet Beendigungsgrund, wenn das Vorhandensein von diplomatischer Beziehung


Voraussetzung für Vertrag war.

e) Ius cogens superveniens

→ neues ius cogens entsteht, welcher Vertragsbestimmung entgegensteht → fpphrt zur


Nichtigkeit ex nuncs

13) Was versteht man unter Obsoleszenz?

Bei der desuetudo handelt es sich um die faktische Nichtanwendung eines Vertrages. Mit der
Obsoloterklärung wird diese Obsoleszenz formell festgehalten.
Dies hat keinen Eingang in der WVK gefunden.

Beispiel: Obsoloterklärungen einzelner Bestimmungen des österreichischen Staatsvertrags


1955
14) Wer darf für eine IO einen Vertrag schließen?

Kommt auf den Vertrag an. Derjenige, der die Vollmacht dazu hat oder die Absicht der IO
dahingehend aus den Umständen heraus anzunehmen ist.

IV. Völkerrechtssubjekte

1) Wie lassen sich die unterschiedlichen Völkerrechtssubjekte kategorisieren?

- Originär und derivativ


- Unbeschränkt und partiell
- Objektiv und partikulär

1. Originär und derivativ

→ Unterscheidung nach Ursprung der Völkerrechtssubjektivität

Staaten genießen originäre Völkerrechtssubjektivität, also sie entsteht automatisch, ohne


Notwendigkeit zur Setzung eines Rechtsakts
→ andere Völkerrechtssubjekte besitzen lediglich derivative Völkerrechtssubjektivität:
Ihre Völkerrechtssubjektivität beruht auf einen Gründungsakt oder durch vertragliche
Übertragungen von Rechten und Pflichten (von Staaten abgeleitet)

2. Unbeschränkt und partiell

→ Unterscheidung nach Reichweite

Nur Staaten haben unbeschränkte Völkerrechtssubjektivität! Andere Völkerrechtssubjekte


genießen nur insofern Völkerrechtssubjektivität, wie ihnen von Staaten konkrete Rechte du
Pflichten übertragen wurde. =partiell

3. Objektiv und partikulär

→ Unterscheidung nach, wem gegenüber VS gilt

Gilt sie gegenüber sämtlichen Völkerrechtssubjekten, spricht man objektiver


Völkerrechtssubjektivität. → Staaten, teilweise wird argumentiert, dass auch IO objektive
genießen (va große IO wie WTO oder EU)

Besteht die VS nur gegenüber jenen Völkerrechtssubjekten, die diese explizit oder implizit
anerkennen, handelt es sich um partikuläre VS.

2) Wie definiert man Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt?

→ 3-Elemente Lehre:

1. Staatsgebiet

Moderne Staaten sind Territorialstaaten und üben die Kontrolle über auf ihrem Gebiet
befindlichen Personen und Sachen aus.

Es gibt keine Mindestgröße (Mikrostaaten zB) und auch konkurrierende Gebietsansprüche


anderer Staaten oder das Fehlen allgemein anerkannter Grenzen stehen nicht der
Eigenschaft als Staat entgegen.

Beispiel: Albanien wurde vor dem 1. WK trotz strittiger Grenzen von vielen Staaten
anerkannt und im Völkerbund aufgenommen.

Das Staatsgebiet muss auch nicht zusammenhängen → zB fernab vom Kernland gelegene
Inseln oder Gebiete auf anderen Kontinenten oder Enklaven

Die Grenzziehung ergibt sich meist aus historischen oder geografischen Gegebenheiten.
Idealerweise bestehen Grenzverträge. Staaten, die eine Landesgrenze teilen, schließen
unmittelbar aneinander an. Zwischen ihnen gibt es kein Niemandsland, auch wenn in der
Praxis eventuell ein Transitbereich besteht, in dem sich keine Grenzposten, Grenzbeamte,
Militär oder sonstige Behörden befinden.
Bei für die Schifffahrt zugänglichen Grenzflüssen bestimmt sich die Grenze nach dem Talweg.
Der Talweg ist nicht einheitlich definiert. Er bezeichnet entweder die Route, der Schiffe
üblicherweise flussabwärts folgen oder die Aufeinanderfolgende der jeweils tiefsten Stellen.

Bei nicht-schiffbaren Flüssen verläuft die Grenzlinien entlang der Flussmitte.

→ auch andere Vereinbarungen sind zulässig oder auf Grundlage stillschweigender


Zustimmung

Bei zwischen mehreren Staaten liegenden Seen besteht meistens eine Realteilung entlang
der Mittellinie, die genaue Grenze bedarf jedoch einer vertraglichen Vereinbarung.

2. Staatsvolk

= auf dem Staatsgebiet dauerhaft ansässige Bevölkerung

Es ist keine Mindestbevölkerung notwendig (zB Vatikan hat nur 450 Staatsbürger und 800
Einwohner).

3. Staatsgewalt

→ souveräne Staatsgewalt das wichtigste Element: Umfasst ist der Staatsapparat, also die
Regierung sowie Verwaltungsorgane und Organe der Rsp

3) Was ist eine Enklave?

Das sind außerhalb des Kerngebiets gelegene Territorien, die an das Hoheitsgebiet anderer
Staaten angrenzen. Enklave-Staaten werden zur Gänze von einem Staat umschlossen, zB San
Marino von Italien

4) Wie weit reicht das Staatsgebiet in die Höhe?

- Vertikale Dimension:
Nach unten erstreckt es sich bis zum Erdmittelpunkt. Nach oben gibt es mehrere Ansichten:

Es gibt den funktionellen Ansatz, wonach der Luftraum auf Grundlage physikalischer
Gegebenheiten definiert wird, also vor allem bis zu welcher Höhe Flugzeuge fliegen können
→ kann sich im Laufe der Zeit durch technischen Fortschritt auch verändern, Ö folgt dieser
Theorie

Nach dem räumlichen Ansatz reicht der Luftraum bis 100 km in d. Luft. (Australien,
Dänemark folgen dem Ansatz)

5) Wie kommt es zum Erwerb einer Staatsangehörigkeit?

Das wird vom Staat in der Verfassung oder durch Gesetze geregelt. Man unterscheidet aber
den Erwerb durch Geburt oder nachträglichen Erwerb.
Mit der Geburt kann die Staatsbürgerschaft entweder durch Abstammung (ius sanguinis – va
bei Auswanderungsländer wie Ö) oder durch das Geburtsland (ius soli – va bei
Einwanderungsländern wie USA) bestimmt werden.

6) Wann und wieso ist die Anerkennung von Regierungen bedeutsam?

Die Anerkennung von Regierungen ist wichtig, da diese den Staat nach außen vertritt und
über das im Ausland gelegene Vermögen verfügt sowie andere Staaten zu einer Intervention
im eigenen Staatsgebiet einladen darf. Vor allem bei einem verfassungswidrigen
Regierungswechsel oder bei einem nicht-internationalen bewaffneten Konflikt stellt sich die
Frage der Anerkennung von Regierungen.

7) Welche Rolle spielt die Anerkennung von Staaten im Völkerrecht?

Die Anerkennung von Staaten halt lediglich deklarative Wirkung. Ein Staat liegt demnach vor,
wenn die drei Elemente nach der 3-Elemente-Lehre vorliegen. Eine Anerkennung des Staates
durch andere ist daher keine Voraussetzung.

8) Bestehen bei der Anerkennung von Staaten völkerrechtliche Einschränkungen?


Welche Formen des rechtskonformen Gebietserwerbs kennen Sie?

Eine Nichtanerkennung kann verpflichtend sein, wenn der Staat durch eine vorangegangene
schwere Verletzung von ius cogens entstanden ist. Weiters stellt eine verführte
Anerkennung eines Staates im Falle von Sezessionen einen Verstoß gegen das
Interventionsverbot dar.

Originärer Erwerb von Staatsgebiet

1. Okkupation

Es handelt sich um den Erwerb von unbewohnten oder aufgrund von Fehlens staatlicher
Strukturen und Organisation als herrenlos (terra nullius) angesehenem Gebiet.

Voraussetzungen:
- Okkupationswille: durch Hissen einer Flagge zB symbolisch zeigen
- Etablieren von einer gewissen effektiven Herrschaft

2. Anschwemmung

Zu Grenzänderungen durch Anschwemmungen kann es bei natürlich bedingten Änderungen


eines Flussverlaufs kommen. Um dies zu vermeiden können Staaten, die zu einem
bestimmten Zeitpunkt bestehende Grenze vertraglich einfrieren. Eine plötzlich und nicht
graduelle-Verschiebung hat indes keine Auswirkungen auf die Grenzziehung.

Derivativer Erwerb von Staatsgebiet

1. Zession
Die Herrschaft wird von einem souverän an einem anderen übertragen, va in
Friedensverträgen -→ kommt heutzutage nicht mehr wirklich vor

Beispiel: Kauf von Alaska durch USA von Russland

2. Ersitzung

Umstritten und schwer abzugrenzen von Okkupation

3. Annexion

= gewaltsame Aneignung von fremdem Gebiet

→ werde heute völkerrechtlich geächtet, da sich aus dem Unrecht kein Recht ergeben kann:
So wird die Annexion von Nordzypern durch die Türkei nicht anerkannt und nur Türkei
erkennt die türkische Republik Nordzypern an

→ Annexion von ukrainische Halbinsel Krim durch Russland genau so geächtet → Sanktionen
durch USA und EU (wirtschaftliche Isolation der Krim)

9) Wieso ist die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem völkerrechtlich


problematisch?

Jerusalem hat eine starke religiöse Bedeutung – sowohl für Juden als auch für Muslime.
Aufgrund des Teilungsplan der UN-GV sollte für Jerusalem ein Sonderstatus gelten. Die Stadt
sollte entmilitarisiertes und neutrales Gebiet bleiben, also weder Israel noch Palästina
gehören. Der Plan wurde aber nie umgesetzt. Allerdings wurde mehrfach von Israel betont,
dass der Status Jerusalems nur im Einvernehmen mit der Staatengemeinschaft verändert
werden kann. Israel erklärte aber Jerusalem mit einem Gesetz für die Hauptstad, was vom
UN-SR als nichtig erklärt wurde. Es hätten alle Staaten ihre Botschaften verlegen sollen,
sodass eigentlich alle in Tel Aviv sind. USA war das einzige Land, welches Jerusalem als die
Hauptstadt von Israel anerkannte und so hat Trump die Botschaft 2019 nach Jerusalem
verlegt.

10) Was ist der Unterscheid zwischen den einzelnen Formen der Entstehung und des
Untergangs von Staaten?

1. Sezession und Separation

Sezession bedeutet die Entstehung eines neuen Staates auf einem Teil des Gebiets eines
bereits bestehenden Staats. Im engeren Sinn liegt Sezession vor, wenn dies durch
Anwendung von Waffengewalt und somit gegen den Willen des Mutterstaates

Separation= mit Einverständnis des Mutterstaates, wenn das Einverständnis erst nach
Führung eines Unabhängigkeitskrieges erfolgt, handelt es sich trotzdem um Sezession

Es gibt kein aus dem Recht auf Selbstbestimmung erwachsendes Recht auf Sezession, auch
keine remedial secession (Sezession wegen Menschenrechtsverletzungen gegen ein Volk
2. Dismembration

Hier entstehen neue Staaten auf dem Gebiet eines untergehenden, nicht mehr
fortbestehenden Staats. → Untergang Tschechoslowakei

3. Fusion

Hier schließen sich zwei oder mehrere Staaten zu einem neuen Staat zusammen.

4. Inkorporation

Ein Staat tritt hier einem anderen, weiter bestehenden und sich somit vergrößernden Staat
freiwillig bei. → DDR in BRD

11) Wie ist das Ende der Sowjetunion völkerrechtlich zu beurteilen?

Einerseits könnte man die Abspaltung des Baltikums etc als eine Reihe von Sezessionen
erklären und Russland als Teil der Sowjetunion verblieb noch und ist ident mit der
Sowjetunion. → Russland hat auch den Platz um UN-SR eingenommen und alle
Staatsschulden etc übernommen, also würde es für eine Staatenidentität sprechen

Eine andere Ansicht sieht das Ende der Sowjetunion als eine Dismembration, womit
Russland und die übrigen GUS-Staaten neu entstandene Nachfolgestaaten und. Russland
nimmt einen Mittelweg und sieht sich als teilweise identen Fortsetzerstaat.

12) Wieso handelt es sich bei der deutschen Wiedervereinigung um keine Fusion?

Weil es sich um eine Inkorporation handelte. Eine Fusion würde bedeuten, dass die BDR und
DDR beide untergangen werden und so ein neuer Staat entstanden wäre. Es ist vielmehr die
DDR in die BDR aufgenommen worden und lediglich die DDR ist untergegangen.

13) Was passiert bei der Staatennachfolge mit Verträgen und Schulden?

Verträge
Nach Vertragstypen:
- Radizierte Verträge: gegen auf Staatennachfolger über
- Politische Verträge: gehen nicht über, da stark an jeweilige Identität anknüpfen
- Menschenrechtliche Verträge: gehen über
- Sonstige Verträge: sollen gem Kontinuitätsprinzip tendenziell weitergehen

Nach Art der Staatennachfolge:

- Zession
Bei einer Zession werden die im übertragenen Gebiet gültigen Verträge nicht mehr
angewandt und die Verträge des sich dadurch vergrößernden Staats automatisch auf das
neue Gebiet ausgedehnt. → Prinzip beweglicher Vertragsgrenzen
- Dismembration, Separation und Sezession
→ Kontinuitätslösung
Bilaterale Verträge sollen tendenziell übernommen werden und multilaterale Verträge
sollen vom Nachfolgestaat durch ein Optionsrecht übernommen werden.
In der Praxis ist es aber so, dass die Vetragspartein selbst sihc das ausmachen, ob der
Vertrag übergeht oder nicht.

- Fusionen

→ Verträge der sich zusammenschließenden Staaten gelten innerhalb der jeweiligen Gebiete
Cleant state Grundsatz bei dekolonisierten Staaten!

Vermögen

→ idealerweise Einigkeit, ansonsten nach Gebietsbezogenheit und Billigkeit aufgeteilt

Staatsschulden

- Zession, Separation, Sezession und Dismembration

→ Aufteilung nach Billigkeit

- Fusion

→ Schulden gehen auf neuentstandenen Staat über

Radizierte und lokale Schulden sind von dem Staat zu übernehmen, der die Kontrolle über
das betroffene Gebiet ausübt → außer schändliche Schulden

Aktiva

- Bewegliche Aktiva: nach Billigkeit aufgeteilt


- Unbewegliche Aktiva: bleibt in Gebiet, wo es sich befindet. Wenn es sich im Ausland
befindet, bleibt es beim Vorgängerstaat. Wenn es keinen Vorgängerstaat gibt, dann
erfolgt wieder eine Aufteilung nach Billigkeit.

Bewegliches Kulturvermögen

Das Vermögen bleibt bei demjenigen Staat, zu welchem die engste Nahebeziehung besteht

Staatsarchive

→ gehen auf Nachfolgestaat über

Staatsangehörigkeit

→ kein automatischer Wechsel der Staatsangehörigkeit


Es muss jedenfalls die Staatenlosigkeit vermieden werden.
Bei einer Dismembration, Sezession oder Separation stellt man auf die Nahebeziehung zum
Gebiet ab.

Staatenverantwortlichkeit

Neu entstandene Staaten sind nicht verantwortlich für VR-Verletzungen des Vorgängerstaats

Wenn es keinen Vorgängerstaat mehr gibt, kann man sich aber an den Nachfolgestaat
wenden, wenn:
- Gebiet und Bevölkerung direkte Verbindung zu VR-Verletzung aufweisen
- Organ, das Verletzung begangen hat, auch Organ des Nachfolgestaates geworden ist

14) Was ist ein de facto-Regime?

Davon spricht man, wenn über einen längeren Zeitraum effektive, einer staatlichen
Verwaltung entsprechende Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet besteht, ohne dass dieser
Zustand allgemein anerkannt wird. (zB Türkische Republik Nordzypern)

Um der Realität ihrer Kontrollausübung Rechnung zu tragen, genießen sie eine Reihe von
Rechten und Pflichten: Erfassung von Gewaltverbot, Vertragsabschlusskompetenz,
völkerrechtlich verantwortlich sein

15) Ist die OSZE eine IO?

Das ist umstritten. Die OSZE hat keinen richtigen Gründungsvertrag und auch so lässt sich
kein von den MS unabhängiger willen der OSZE erkennen. Außerdem spricht man eigentlich
auch nicht von MS, sondern Teilnehmerstaaten,

16) Wieso wird im Zusammenhang mit der KSZE-Schlussakte von soft law gesprochen?

Es handelte sich um keinen völkerrechtlichen Vertrag, sondern um eine politische


Absichtserklärung, welche nur soft law darstellt. Trotzdem stellen die darin
enthaltenen Grundsätze bereits damals weitgehend bestehen völkerrechtliche
Verpflichtungen dar.

17) Worum ging es im Bernadette Gutachten?

Im Bernadette-Gutachten hat der IGH festgestellt, dass die VN jedenfalls objektive VS


genießen und nicht nur partikuläre.
1949 kam es zur Tötung des von der VN eingesetzten Mediators in Israel. Es war unklar, ob
die VN gegen Israel als möglicherweise völkerrechtlich verantwortlichen Staat vorgehen
können, wenn einer ihrer Mitarbeiter im Rahmen seiner Tätigkeit für die Organisation zu
Schaden kommt. Dies ginge nur, wenn die VN Völkerrechtspersönlichkeit besitzen würden.
Der IGH bejahrte dies, da dies notwendig sei zur Erfüllung der ihnen übertragenen Rechten
und Pflichten. (va objektive VS, da Israel kein MS war und das notwendig war um Anspruch
geltend machen zu können)
18) Was besagt die implied powers-Lehre und in welchen Fällen wurde sie angewandt?

Die Ziele und Aufgaben einer IO sind meist in der Präambel des Gründungsdokuments
ersichtlich. Dazu werden ihr eine Reihe vom Kompetenzen übertragen, die ausdrücklich
festgelegt sein jlnnen oder sich implizit aus den festgelegten Zielen und Aufgaben ergeben =
implied powers Lehre

Durch die implied-powers-Lehre wurde auch im Bernadette-Guthaben der


Wiedergutmachungsanspruch der VN gegen Israel begründet, obwohl es keine explizite
Befugnis in der UN-Charta gab.

In Auswirkungen von Urteilssprüchen-Gutachten bejahte der IGH die Frage, ob die UN-
Generalversammlung ein Administrativtribunal einrichten kann, das für die VN Urteile fällt.
Dabei verwies er insbesondere darauf, dass gerade die VN aufgrund ihrer Zielsetzungen
ihren Mitarbeitern einen entsprechenden Zugang zu gerichtlichen Verfahren in
arbeitsrechtlichen Streitigkeiten zugestehen müssen.

Das Bestimmte Ausgaben der VN-Gutachten von 1962 wiederum ging auf die Weigerung
insbesondere Frankreich und Sowjetunion zurück, die im Zusammenhang mit der
Friedenserhaltende Operation entstandenen Kosten mitzutragen. Sie argumentierten, dass
die PKO nicht in der UN-Charta genannt sind und daher keine Kosten aus dem regulären
Budget sein können. Der IGH stützte sich aber auf die implied-powers-Lehre.

19) Welche Organe haben IO typischerweise?

- Plenarorgane: Treffen sämtlicher Mitglieder in regelmäßigen Abständen, um zentrale


Fragen zu klären zB UN-GV, WTO-Ministerkonferenz, ILO-Konferenz)
- Exekutivorgane: nehmen häufig Aufgaben von Plenarorgangen wahr, aber häufiger
und effektiver. Sie können auch andere Aufgaben haben und die Kompetenz zur
Fassung verbindlicher Beschlüsse haben (zB UN-SR). Die Wahl der Mitglieder erfolgt
meistens im Plenarorgane und folgt der Prämisse möglichst alle Mitglieder
geografisch, ihrer wirtschaftlichen Stärke oder wie im Falle der internationalen
Finanzorganisationen, den Kapitalanteilen entsprechend zu vertreten.
- Verwaltungsorgane/Sekretariate: stellen den laufenden Betrieb der IO klar →
administrative Aufgaben

Weniger verbreitet sind Expertengremien oder parlamentarische und justizielle Organe.

20) Was ist der Unterscheid zwischen einer Suspendierung und einem Ausschluss aus
einer IO?

Bei einer Suspendierung handelt es sich um einen zeitweisen Ausschluss eines Mitglieds bzw
seiner Mitgliedschaftsrechte. Ein Ausschluss ist permanent.

21) Warum und inwiefern genießt der Heilige Stuhl Völkerrechtssubjektivität?


Es handelt sich um eine private, nicht-profitorientierte Organisation nach Schweizer Recht,
der durch die vier Genfer Konvention von 1949 und deren Zusatzprotokolle von 1977 eine
Reihe von Rechten eingeräumt wurde:

- Besuchsrecht bei Kriegs- und sonstigen Gefangenen in internationalen bewaffneten


Konflikten
- Parteien in nicht- internationalen Konflikten humanitäre Dienste anzubieten

→ bei Ausübung ihrer Arbeit genießen sie Völkerrechtssubjektivität

22) Inwiefern genießen NGOs und MNCs Völkerrechtssubjektivität?

NGOs können im Rahmen von internationalen Konferenzen, Vertragsverhandlungen oder als


wachsame Augen bei der Umsetzung internationaler Verpflichtungen eine bedeutende Rolle
spielen. Manche IO räumen ihnen gewisse Rechte, vor allem Beobachterstatus und teilweise
auch Konsultationsfunktionen, ein.

MNC sind in mehr als zwei Länder wirtschaftlich tätige Wirtschaftsunternehmen oder in
mehreren Ländern inkorporierte Unternehmen, die einer gemeinsamen Leitung
unterstehen.
Aufgrund ihrer globalen wirtschaftlichen Bedeutung befinden sie sich verstärkt im Fokus des
VR. → Verantwortung MNC keine Menschrechtsverletzungen zu begehen

→ Völkerrechtssubjektivität eher abgelehnt und sehr eingeschränkt gesehen, wobei sie


trotzdem hohen Einfluss auf internationale Beziehungen haben

V. Vereinte Nationen

1) Worin liegt der Unterschied zwischen den VN und dem Völkerbund?

Die Vorläuferorganisation der VN war der Völkerbund. Ähnlich wie bei den VN galten die
Förderung internationaler Zusammenarbeit sowie die Erhaltung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit als dessen erklärte Ziele. → Gründung in Folge des 1. WK

Mit dem Austritt Deutschlands und Japans 1933, Italiens 1937 und dem Ausschluss der
Sowjetunion nach deren Angriff auf Finnland 1939 hatte der Völkerbund seine Relevanz
größtenteils eingebüßt. Als Forum für Konfliktlösung auf diplomatischem Weg erwies er sich
aus erfolglos.

De iure gesehen sind die VN nicht der Nachfolger des Völkerbunds, wenngleich eine Reihe
von dessen Aufgaben übernommen wurden. So kannte der Völkerbund bereits ein
Mandatssystem inklusive Minderheitenschutz, eine Registrierungspflicht für Verträge und
eine den VN ähnliche Organisationsstruktur.

Der Völkerbund kannte aber NICHT ein umfassendes Gewaltverbot und Beschlüsse der
Völkerbundversammlung und des Völkerbundrats konnten nur einstimmig gefasst werden,
was ein stark strukturelles Defizit darstellte. Die Vermögenswerte des Völkerbunds gingen
jedoch an die VN über. De facto handelt es sich um einen Nachfolger des Völkerbunds.

Aufgelöst wurde der Völkerbund 1946.

2) Ist die WVK auf die UN-Charta anwendbar?

Die WVK trat 1980 in Kraft und ist nur auf Verträge anwendbar, die danach in Kraft getreten
sind. Die UN-Charta ist seit 1945 in Kraft. Daher ist die WVK nicht auf diese anzuwenden.

3) Welche Rolle spielt Art 103 UN-Charta?

Nach dieser Bestimmung gilt ein Anwendungsvorrang gegenüber sämtlichen den


Verpflichtungen aufgrund der UN-Charta entstehenden, früheren und späteren vertraglichen
Verpflichtungen.

4) Woran scheitert eine umfassende Reform der UN-Charta?

Eine Änderung der SVN ist möglich, wenn eine Zwei-Dritte-Mehrheit in der UN-GV
vorhanden ist und durch Zwei-Drittel aller Mehrheit einschließlich der ständigen Mitglieder
des SR eine Ratifikation erfolgt, was schwierig zu erfüllen ist. Bisher wurde sie fünf Mal
adaptiert.

5) Wie wird man UN-Mitglied?

Zunächst müssen folgende Voraussetzungen vorliegen:

- Der Staat will sämtliche Verpflichtungen der UN-Charta erfüllen.


- Der Staat muss friedliebend sein.

Für eine Aufnahme bedarf es der Empfehlung des UN-Sicherheitsrats mit einem
abschließenden positiven Beschluss der UN-GV mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Um den
Beobachterstatus zu bekommen, ist keine Empfehlung des SR nötig. Deshalb konnte
Palästina auch den Beobachterstatus erlangen (USA würde da nämlich nicht zustimmen).

6) Ist ein Austritt aus den VN möglich?

Ein Austritt ist nicht vorgesehen. Bisher kam es auch nur einmal dazu, dass Indonesien
seinen Austritt erklärte. Allerdings haben sie diese Austrittserklärung wieder zurückgezogen,
weshalb es nun als zeitweise Suspendierung der Mitgliedschaft gewertet wird.

7) Was sind die Hauptorgane der VN und was ist deren jeweilige Funktion?

1. Das Sekretariat

→ bewältigt den gesamten Verwaltungsaufwand der VN


Der Generalsekretär ist oberster Diplomat und oberstes v
Verwaltungsorgan der VN. Dieser wird auf Vorschlag den UN-SR von der UN-GV für fünf
Jahre gewählt, wobei eine Wiederwahl zulässig ist.
Der Generalsekretär kann auch im Rahmen der friedlichen Streitbelegung gute Dienste
anbieten und zwischen Streitparteien vermitteln.

2. Die Generalversammlung

= Plenarorgan der VN, tagt einmal jährlich in ordentlicher Sitzung + Sondersitzungen möglich

→ keine parlamentarische Funktion, da die Beschlüsse mit Ausnahme des


Budgetbeschlusses nur Empfehlungscharakter haben!

Es gilt one state – one vote als Ausdruck der souveränen Gleichheit aller Staaten

Grundsätzlich werden Beschlüsse mit einfacher Mehrheit gefasst – außer Beschlüsse zu


wichtigen Fragen, da hierfür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist.

Zu den wichtigen Fragen gehören:


- Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
- Wahl der nichtständigen Mitglieder des UN-SR
- Wahl der Mitglieder des Wirtschafts- und Sozialrat
- Aufnahme neue Mitglieder in die VN
- Suspendierung der Rechte und Privilegien der Mitgliedschaft
- Ausschluss von Mitgliedern
- Budgetfragen

Etc

→ Mitglied verliert sein Stimmrecht, wenn Mitgliedsbeiträge von mehr als zwei Jahren fällig
sind. Man kann trotzdem das Stimmrecht gewähren, wenn dies aufgrund von Umständen
der höheren Gewalt war.

3. Der Sicherheitsrat

Der SR besteht aus 15 Mitgliedern, wovon fünf ständige Mitglieder sind:


- USA
- Frankreich
- UK
- Russland
- China

Die übrigen Mitglieder werden unter Bedacht des geographischen Schlüssels von der GV für
zwei Jahre gewählt. Eine unmittelbare Wiederwahl für eine Periode ist nicht zulässig.

Aufgabe: Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit --< dazu
kann er für die MS verbindliche Beschlüsse fassen

Für einen Beschluss sind 9 Stimmen notwendig.


Den ständigen Mitgliedern kommt ein Vetorecht zu in substantiellen Fragen.
In Verfahrensfragen haben sie allerdings kein Veto. Jedoch stellt die Frage, ob eine Frage
eine Verfahrensfrage oder eine substantielle Frage ist, auch eine substantielle Frage dar, wo
sie auch ein Veto haben. Daher spricht man vom doppelten Veto.

→ Stimmenthaltungen sind aber möglich (gewohnheitsrechtlich herausgebildet)

4. Wirtschafts- und Sozialrat


Er wird aufgrund des geografischen Schlüssels für jeweils drei Jahre von der GV gewählt.

Aufgabe: Koordination der Spezialorganisationen sowie der Fonds und Programme der VN
→ kann Untersuchungen durchführen und Berichte sowie Empfehlungen schreiben

5. Der Treuhandschaftsrat

→ war mit der Verwaltung und Koordination des Treuhandsystems der VN betraut, hat aber
1994 mit Erlöschen des letzten Treuhandgebiets seine Arbeit eingestellt

De iure existiert er noch, wobei vereinzelt vorgeschlagen wird, dass er zum Zweck des
nation-buildings im Kosovo oder Osttimor reaktiviert wird

6. Der IGH

= höchste rechtsprechende Organ der VN mit 15 Richtern, die auf neun Jahre gewählt
werden

8) Können Beschlüsse des SR auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft werden?

Der IGH selbst hat keine Kompetenz, die Beschlüsse des SR auf ihre Rechtmäßigkeit zu
überprüfen. In den Lockerbie-Fällen wurde der IGH von Libyen angerufen, da sie den
Beschluss des SR, wonach Libyen hätte vermeintliche Terroristen ausliefern sollen,
unrechtmäßig nach dem Montrealer Abkommen empfanden. Der IGH verweis auf Art 103
UN-Charta, wonach die Verpflichtungen aus den VN Vorrang haben. Der IGH lehnte auch
nicht explizit die inhaltliche Prüfung der Resolution ab, allerdings wurde der Streit
außergerichtlich geklärt und es kam nicht dazu. Es bleibt offen, ob der IGH jemals auch im
Hauptverfahren eine Resolution inhaltlich prüfen würde.

9) Worin liegt der Unterschied zwischen einem Nebenorgan, einer Spezialorganisation


und einer sogenannten verwandten Organisation?

Bei Nebenorganen der VN handelt es sich nicht um eigenständige internationale


Organisationen, obwohl diese nach außen so auftreten. Mitglieder können hier entscheiden,
ob sie da mitwirken wollen oder nicht – ohne dass man aus den VN austritt (zB USA nicht
mehr im Menschenrechtsrat)

Bei einer Spezialorganisation handelt es sich um eine selbstständige IO, welche die
internationale Zusammenarbeit auf kultureller und sozialer Ebene fördern sollen. Sie stehen
in Beziehung zu den VN, da sie nach Genehmigung der UN-GV gem Art 63 UN-Charta
errichtet werden und werden vom Wirtschafts- und Sozialrat koordiniert.

Verwandte Organisationen stehen mit den VN in Verbindung, die aber nicht wie
Spezialorganisationen gem Art 57 und 63 UN-Charta errichtet wurden.

Beispiele für Nebenorgane:


- UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees)
- Menschenrechtsrat
- International Law Comission
- Wirtschafts- und Finanzausschuss (insgesamt gibt es sechs Ausschüsse)

Beispiele für Spezialorganisation:


- WHO
- Weltbankgruppe
- IWF
- ILO

Beispiele für verwandte Organisationen:


- IAEA (International Atomic Energy Agency, Internationale Atomenergiebehörde)
- WTO
- Organisation für Verbot chemischer Waffen

10) Was sind die Besonderheiten des Verhältnisses zwischen IAEA respektive WTO und
VN?

Es handelt sich um verwandte Organisationen. Im Gegensatz zu Spezialorganisationen, die


vom Wirtschafts- und Sozialrat koordiniert werden, berichtet zB die IAEA direkt an die UN-
GV und bei Bedarf an den UN-SR.
Bei der WTO handelt es sich um eine völlig eigenständige IO, die allerdings in Kooperation
mit den VN und insbesondere dem Wirtschafts- und Sozialrat steht.

11) Was sind Besonderheiten von Programmen und Fonds der VN?

Sie werden vom Wirtschafts- und Sozialrat koordiniert?

12) Welche Instanzen existieren zur Streitschlichtung zwischen den VN und deren
Mitarbeitern?

Aufgrund der Immunität IO unterliegen Streitigkeiten zwischen Mitarbeitern und ihnen nicht
der Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit des Sitzstaates. Im Auswirkungen von Urteilssprüchen-
Gutachten gestand der IGH der UN-GV im Sinne der implied powers Lehre ohne
entsprechende Grundlage zu, ein Administrativtribunal einzurichten.

Streitigkeiten zwischen jenen Parteien kommen vor dem UN Dispute Tribunal und dem UN
Appeals Tribunal als Berufungsinstanz. (Ablösung des UN-Administrative Tribunal 2009,
dessen Urteile nur der IGH überprüfen konnte)
Die Richter des UN-Dispute Tribunal und seiner Berufungsinstanz werden vom interner
Justizrat, der aus drei experten und zwei Mitarbeitern besteht, vorgeschlagen und von der
UN-GV bestellt. Anwendbares Recht sind die Staff Regulations der UN-GV und die darauf
basierenden Staff Rules des Sekretariats.

VI. Das Recht der EU:


DISCLAIMER: Ich habe diesen Themenbereich sehr stiefmütterlich
ausgearbeitet, weil ich keine Lust hatte haha. Ich würde mich also nicht nur
danach richten.

1) Inwiefern unterscheidet sich die EU von klassischen IO?

- Starke Durchdringung der Souveränität der MS


- Unmittelbare Wirkung des EU-Recht und vorrangige Wirkung gegenüber nationalem
Recht
- Übertragung umfangreicher Kompetenzen

= supranationale Organisation (besonders hoher Grad an Integration)

2) Wofür sind die einzelnen Organe der EU jeweils zuständig?

1. Der Europäische Rat

Hier sitzen die Staats- und Regierungschefs. Dieses Organ gibt die politischen Leitlinien und
Impulse für die EU vor. Es wird mit Konsens entschieden.

2. Der Rat der Europäischen Union

→ auch Ministerrat

Setzt sich aus je einem Vertreter der MS auf Ministereben zusammen.

→ wichtig für Gesetzgebung, wo mit doppelter Mehrheit entschieden wird

3. Europäische Kommission

→ „Regierung der EU“ und Hüterin der Verträge

4. Europäisches Parlament

→ Gesetzgebung: mitentschiedungsbefugt oder nur Anhörungs- oder Zustimmungsrecht

5. EuGH
6. Rechnungshof
7. EZB

3) Was unterscheidet den Europäischen Rat vom Europarat?


Beim Europäischen Rat handelt es sich um ein Organ der EU. Der Europarat ist eine
eigenständige IO mit 47 Mitgliedern, die vor allem die EMRK unterzeichnet haben.

4) Wie wird ein Staat EU-Mitglied?

Voraussetzung ist, dass es sich um einen Staat handelt, welcher die Werte der EU nach Art 2
EUV vertritt (Rechtstaatlichkeit, Freiheit, Demokratie etc)

Der Antrag richtet sich an den Rat und muss vom Europäischen Rat genehmigt werden. Es
müssen auch die Kopenhager-Kriterien erfüllt werden. Weiters muss der aquis communitaire
übernommen werden und die EU muss auch aufnahmefähig sein.

5) Kann eine EU-Mitgliedschaft beendet oder suspendiert werden?

Die Möglichkeit der Suspendierung besteht gem Art 7 EUV, wenn ein MS gegen die Werte
der EU verstößt, dass seine Mitgliedschaftsrechte weggenommen werden. Ein Ausschluss ist
nicht möglich.
Nach Art 50 EUV kann ein MS aber selber aus der EU austreten.

6) Wie ist die Kompetenzaufteilung zwischen der EU und ihren MS ausgestaltet?

Es gibt ausschließliche Kompetenzen, geteilte Kompetenzen und unterstützende


Kompetenzen.

7) Was sind gemischte Verträge?

Hier treten die EU und ihre MS als Vertragspartner gegenüber Drittstaaten auf. Da es nicht in
die ausschließliche Kompetenz der EU fällt, müssen die Ms gemeinsam mit der EU den vr
Vertrag abschließen. → CETA

8) Welche Schritte durchläuft ein Rechtsakt während des ordentlichen


Gesetzgebungsverfahrens?

1. Initiative der Kommission


2. 1. Lesung im EP und im Rat, wenn nicht angenommen dann zweite Lesung, wenn
angenommen, kommt der Rechtsakt zustande. Wenn nicht, dann
Vermittlungsausschuss und 3. Lesung.

9) Welche vier Grundfreiheiten bestehen im Binnenmarkt?

1. Warenverkehrsfreiheit
2. Personenverkehrsfreiheit
3. Dienstleistungsverkehrsfreiheit
4. Kapitalverkehrsfreiheit

10) Welche Klagsarten gibt es vor dem EUGH?


1. Vertragsverletzungsverfahren
2. Nichtigkeitsklage
3. Untätigkeitsklage
4. Vorabentscheidungsverfahren
5. Schadenersatzklage

11) Wo ist das auswärtige Handeln der EU geregelt und wer ist dafür zuständig?

12) Welches Problem soll die Frage „Who do I call if I want to call Europe?” zum
Ausdruck bringen?

Damit wird das Problem der uneinheitlichen Außenpolitik Europas beschrieben. Die Frage
wurde vom damaligen US-Außenminister Kissinger gestellt. Die Auflösung des Dilemmas um
das Fehlen eines EU-außenministers als Ansprechpartner ist auch der Hintergrund für die
Schaffung des Amts des Hohen Vertreters.

13) Was ist von der Kompetenz der EU im Bereich der GASP umfasst?

Im Bereich der GASP besitzt die EU keine Zuständigkeit, Gesetzgebungsakte zu erlassen. Die
Handlungsform der EU in diesem Politikfeld sind Beschlüsse noch immer Einstimmigkeit –
intergouvermentaler Charakter). Der ER gibt Leitlinien vor und Beschlüsse werden vom Rat
gefasst.

14) Welche Bereiche umfasst das im AEUV geregelte auswärtige Handeln der EU?

→ Kommission dominiert hier und nicht Rat

Die Beschlüsse werden hier nicht einstimmig, sondern mehrstimmig gefasst (umfasst vor
allem die gemeinsame Handelspolitik)

15) Unter welchen Umständen hat die EU Kompetenz, völkerrechtliche Verträge zu


schließen?

Als Völkerrechtssubjekt kann die EU völkerrechtliche Verpflichtungen eingehen. Sie braucht


aber dafür die entsprechende Kompetenz. Seit dem Vertrag von Lissabon ist die
Vertragsabschlusskompetenz auch ausdrücklich geregelt. Sie kann gem art 216(1) AUEV im
Wesentlichen völkerrechtliche Verträge abschließen, wenn dies

- In den Verträgen oder in einem verbindlichen Rechtsakt explizit vorgesehen oder


- Zur Verwirklichung eines in den Verträgen festgesetzten Ziels erforderlich ist
-
Explizite Zuständigkeitsnormen für den Abschluss vr Verträge finden sich beispielsweise im
Rahmen der gemeinsamen Handelspolitik oder für Assoziierungsabkommen. Neben diesen
asudrücklich in den Verträgen verankerten Vertragsschlusskompetenzen kann die Union
allerdings auch auf Grundlage einer impliziten Kompetenz tätig werden.

16) Was ist Brexit?


Der Austritt der UK aus der EU.

VII. Völkerrecht und Österreich

1) Welche Modelle der Inkorporation des Völkerrechts in nationales Recht gibt es?
2) Wie unterscheiden sich diese Modelle der Adoption und der generellen
Transformation?

Im Wesentliche gibt es zwei Modelle: Die Adoption und die Transformation. Während man
sich im Monismus vermehrt der Adoption bedient, macht man im Dualismus mehr von der
Transformation Gebrauch.
1. Adoption
Bei der Adoption gelten völkerrechtliche Normen aufgrund eines Vollzugbefehls des
nationalen Rechts automatisch im innerstaatlichen Recht. Für die Wirksamkeit einer
völkerrechtlichen Regelung bedarf es deshalb keiner weiteren nationalen
Umsetzungsmaßnahme. Eine solche innerstaatliche Inkorporationsbestimmung ordnet
lediglich den Vollzug der Bestimmung an, transformiert sie aber nicht in nationales Recht. Sie
hat also völkerrechtlichen Charakter und keinen nationalen und verliert ihren Geltungsgrund
nicht. Jede Änderung der völkerrechtlichen Norm wirkt dann auch direkt im nationalen
Recht.

2. Transformation
Hier muss die völkerrechtliche Regelung noch ins nationale Recht umgewandelt werden.
Nach dem Transformationsakt bestehen daher zwei Normen desselben Inhalts parallel, die
völkerrechtliche und nationale Regelung. Von den nationalen Vollzugsorganen wird dabei
nur die nationale Bestimmung angewandt. Das Schicksal der nationalen Bestimmung ist auch
unabhängig vom das der völkerrechtlichen Norm. Wenn also die völkerrechtliche Norm
außer Kraft tritt, gilt die nationale Bestimmung trotzdem weiter bis sie mit einem
entsprechenden Akt aufgehoben wird. Man unterscheidet zwischen:

a) Spezielle Transformation
Hier werden im Einzelfall Vorschriften im nationalen Recht erlassen, die der Ausführung der
völkerrechtlichen Normen dienen. Diese geben entweder den Wortlaut der
völkerrechtlichen Regelung wieder oder nehmen noch Anpassungen oder Konkretisierungen
vor. → notwendig, um Regelungsstruktur des nationalen Rechts Rechnung zu tragen

b) Generelle Transformation
Es wird hier nicht für jeden Einzelfall ein Umsetzungsakt erlassen, sondern die Umwandlung
in nationales Recht wird vielmehr generell durch eine verfassungsgesetzliche oder
gesetzliche Bestimmung angeordnet. Die Transformation wird dann zum Zeitpunkt der
völkerrechtlichen Verbindlichkeit wirksam.
Während bei der Adoption dann nur eine völkerrechtliche Norm besteht, die von den
nationalen Vollzugsorganen angewendet wird, bestehen bei der generellen Transformation
zwei Normen (die völkerrechtliche und nationale) und es wird die innerstaatliche
angewendet. → schwer abzugrenzen und oft nur durch Interpretation zu lösen
Vom Geltungsgrund einer völkerrechtlichen Norm im innerstaatlichen Recht muss die Frage
de unmittelbaren Wirkung unterschieden werden. Bei ersterem geht es um die Frage, ob
eine völkerrechtliche Norm im innerstaatlichen Recht als Rechtsvorschrift anerkannt wird
und bei zweiterem darum, ob eine Berufung auf diese Rechtsvorschrift in eine nationalen
Verfahren möglich ist. Ist eine völkerrechtliche Norm ausreichend bestimmt gem Art 18 B-
VG, ist sie unmittelbar anwendbar (self-executing). Ist sie nicht ausreichend bestimmt, muss
die durch Umsetzung konkretisiert werden. Es kommt also durchaus vor, dass adoptierte
völkerrechtliche Normen zusätzlich einer speziellen Transformation bedürfen.

3) Welche Inkorporationsform verlangt das Völkerrecht von Staaten?

4) Wie wird das Völkerrecht in österreichisches Recht inkorporiert?

Das ist nicht einheitlich geregelt, weshalb gesondert ermittelt werden muss, wie die
entsprechende Norm in das österreichische Rechtssystem inkorporiert wird. Art 9 Abs 2 B-
VG ermächtigt die zuständigen Organe, gewisse hoheitliche Befugnisse an IO zu übertragen.
Deren Beschlüsse werden teils adoptiert, indem sie im Bundesgesetzblatt kundgemacht
werden, und teilweise speziell transformiert (wie RL),
Einseitige Rechtsgeschäfte werden wie StV behandelt oder es wird angenommen, dass sie
wie Völkergewohnheitsrecht und allgemeine Rechtsgrundsätze über Art 9 Abs 1 B-VG
Rechtswirkungen im nationalen Recht entfalten.
5) Wie läuft das Verfahren zum Abschluss völkerrechtlicher Verträge in Ö ab?
6) In welchem Rang stehen völkerrechtliche Verträge im Stufenbau der
österreichischen Rechtsordnung?
7) Kann der Bund völkerrechtlicher Verträge abschließen, die Kompetenzen der
Länder berühren?

Zuständig ist grundsätzlich der Bundespräsident. Politische StV, gesetzesändernde oder


gesetzesergänzende StV und StV, durch welche die vertraglichen Grundlagen der EU
geändert werden, bedürfen der Genehmigung durch den NR. Sie stehen daher innerstaatlich
im Rang einfacher Gesetze, EU-Grundlagen ändernde StV müssen aber trotzdem mit
erhöhten Quoren abgeschlossen werden.

Abkommen im Verordnungsrang bedürfen keiner Zustimmung des NR, aber es muss auf eine
gesetzliche Grundlage gestützt werden.

Der BP kann gem Art 66 Abs 2 B-VG auch sein Recht, solche Abkommen abzuschließen,
delegieren.

Davon wurde auch mit einer Entschließung 1920 Gebrauch gemacht:


- Regierungsübereinkommen können anstelle des BP von der Bundesregierung
abgeschlossen werden
- Ressortübereinkommen (Verträge, die nur für den Bereich einzelner Ressorts
wirksam werden sollen) können vom ressortmäßig zuständigen BM im Einvernehmen
mit dem Außenminister abgeschlossen werden
- Verwaltungsübereinkommen (Verträge, die üblicherweise unmittelbar zwischen
innerstaatlichen und ausländischen Verwaltungseinrichtungen geschlossen werden)
können vom ressortmäßig zuständigen BM alleine abgeschlossen werden.
StV können aber nicht als verfassungsändernd abgeschlossen werden → nur durch
Bundesverfassungsgesetz möglich

Das B-VG sieht aber Sonderregeln für völkerrechtliche Verträge vor, die Kompetenzen der
Bundesländer berühren. Sind durch einen StV Landeskompetenzen betroffen, wirken die
Bundesländer bzw der Bundesrat beim Abschluss der Verträge mit. Wenn bloße
Durchführungsverordnungen der Länder erforderlich wären, haben die Länder ein
Stellungnahmerecht. Wenn es um den selbstständigen Wirkungsbereich geht, muss der
Bundesrat zustimmen.

Zusätzlich können Länder auch eigenständig völkerrechtliche Verträge abschließen, wenn

- Der Vertrag eine Angelegenheit des selbstständigen Wirkungsbereichs betrifft


- Vertragspartner ein Staat ist, der an Ö angrenzt oder ein Teilstaat, eines solchen
Staates

Nach der Lehre nimmt das Völkerrecht einen Rang zwischen einfachgesetzlichen Regelungen
und verfassungsrechtlichen Regelungen ein = Mezzanintheorie
Der VfGH geht von einem einfachgesetzlichen Rang aus.

8) In welchem Verhältnis steht die Republik Österreich zu Österreich- Ungarn?

Nach dem ersten Weltkrieg ging die damalige österreichische Regierung von einer
Dismembration Österreich-Ungarns aus, was hieß, dass die österreichische Reichshälfte
untergegangen ist und ein neuer Staat entstand. (=Diskontinuität) Dies würde auch
bedeuten, dass der neue Staat aufgrund der Diskontinuität nie Kriegspartei war und daher
auch keine Kriegsschulden oder Reparationsleistungen leisten müsse. Die Siegermächte des
1. WK sahen das aber nicht so und regelten im Vertrag von St. Germain, dass Österreich
Nachfolger von Österreich-Ungarn ist und Teilidentität vorliegt (=Kontinuität).

9) Wie wurde der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland


vollzogen?

Die Nationalsozialisten gewannen in den 30-er Jahren immer mehr an Stimmen. Zugleich
radikalisierten die konservativen und marxistischen Lager auch immer mehr. Durch Dollfuß
wurde das demokratische System dann auch noch durch ein autoritäres System ersetzt. Das
Parlament und der VfGH wurden ausgeschalten, Oppositionsparteien wurden verboten
(auch NSDAP) und es fanden Inhaftierungen sowie Ermordungen von Oppositionellen Staat.
Schlussendlich wurde eine neue Verfassung auf Basis des Kriegswirtschaftlichen
Ermächtigungsgesetzes von 1917 erlassen, die am 1. Mai 1934 (Maiverfassung) in Kraft trat.
Es folgte der Übergang zum Ständestaat – diese Periode bezeichnet man als den
Austrofaschismus. Während eines Putschversuches der Nationalsozialisten wurde Dollfuß
ermordet und Schuschnig, der bisherige Justizminister, wurde Bundeskanzler. Später verlor
Österreich auch den Schutz von Italien, da Italien und Deutschland sich immer mehr
annäherten. Im Juliabkommen wurde schließlich die 1000 Mark Sperre aufgehoben und
Deutschland versprach, nicht weiter in Ö innere Angelegenheiten einzugreifen. Im Gegenzug
musste Ö aber 17 000 inhaftierte Nationalsozialisten amnestieren.
1930 folgte das Berchtesgadener Abkommen, in welchem die freie Betätigung der NSDAP in
Ö und die Ernennung des Nationalsozialisten Seyß-Inquart zum Innen- und
Sicherheitsminister festgelegt wurde.

Aufgrund des wachsenden Drucks beraumte Schussnig eine Volksabstimmung ein für den
13.März 1938, in welcher über die Unabhängigkeit Ö abgestimmt werden sollte, aber die nie
stattfand. Am 11. März 1930 trat Schuschnig angesichts des deutschen Drucks als
Bundeskanzler zurück und Seyß-Inquart wurde der neue Bundeskanzler. In der Nacht auf den
12. März 1938 begann ohne militärischen Widerstand von Ö der Einmarsch deutscher
Truppen. Es folgte das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen
Reich. Miklas (der ö BP) trat zurück, weil er dieses nicht beurkunden wollte. Rechtlich wurde
also am 13. März 1938 Ö an Deutschland angeschlossen.

10) Wie ist die Wirksamkeit des Anschlusses völkerrechtlich zu beurteilen?

Es gibt zwei Theorien: Die Okkupations- und Annexionstheorie.


1. Okkupationstheorie

→ hA: Nach dieser Theorie war der Anschluss nicht wirksam, weil das besetze, nicht
handlungsfähige Ö ihm nicht zustimmen konnte. Das Gesetz über die Wiedervereinigung war
verfassungswidrig und daher nichtig. Die Volksabstimmung fand erst nach der Besetzung
statt und unter Umständen, die keine freie Willensäußerung erlaubten. Völkerrechtlich war
der Anschluss daher unwirksam. Nach der Okkupationstheorie ging Ö als Völkerrechtssubjekt
nie unter, sondern ist ident mit der Republik Ö in 1938. Während der Okkupation war Ö nur
handlungsunfähig und damit nicht deliktsfähig. Nach dieser Ansicht bestehen auch keine
Ansprüche gegen Ö auf Wiedergutmachung der im Krieg erlittenen Schäden

2. Annexionstheorie
Auch hier ging man davon aus, dass der Abschluss völkerrechtswidrig war, leitet aber nicht
dessen Unwirksamkeit ab. Ö ist demnach 1938 mit dem Anschluss untergegangen und die
Republik Ö in 1945 ist nicht ident mit jener in 1938. Inwiefern Ö für Kriegsschäden
verantwortlich war, würde von der Frage der Staatennachfolge abhängen.

11) Worauf basiert die österreichische Neutralitätsverpflichtung in rechtlicher Hinsicht?

Die Neutralitätsverpflichtung geht auf das Moskauer Memorandum aus 1955 zurück, in
welchem in Aussicht genommen wurde, dass Ö nach Abzug der truppen der vier
Besatzungsmächte seine immerwährende Neutralität erklären wird. Im Gegenzug sichert die
Sowjetunion Ö zu, den Staatsvertrag zu unterzeichnen. Es handelt sich dabei aber um ein
gentlemen’s agreement.
Am 26. Oktober 1955 beschloss der ö Nationalrat dann das BVG über die Neutralität
Österreichs. Es hat also keine völkerrechtliche Grundlage, weil es nicht in einem
völkerrechtlichen Vertrag, wie zB in Staatsvertrag von 1955, verankert ist.
Ö notifizierte dies den Ländern, mit denen diplomatische Beziehungen existieren, mit der
Bitte, dies anzuerkennen, was auch geschah. Umstritten ist, ob dies deshalb auch
Rechtswirkungen für Dritte hat.
Eine weit verbreitete Interpretation sieht die Notifikation Ö als einseitiges Rechtsgeschäft
des Versprechens, das durch Annahme oder Kenntnisnahme anderer Staaten völkerrechtlich
verbindlich wurde. Nach einer weniger häufig vertreten Ansicht handelt es sich um ein
Verfassungsgesetz ohne Absicht völkerrechtlicher Selbstbindung, das anderen Staaten
lediglich zur Kenntnis gebracht wurde.

12) Was ist von der Neutralitätsverpflichtung umfasst?

1. Korsett-Doktrin
Ö hat sich durch die Nitrifizierung und deren Annahme völkerrechtlich zur Neutralität
verpflichtet. Deshalb bedürfen Änderungen dieser Position ebenso einer Notifizerung.

2. Frank-Sinatra-Doktrin
„I do it my way“-Ansatz, wonach Ö das Auslegungsmonopol hat, was den Inhalt der
Neutralitätsverpflichtung betrifft. → Ö folgt diesem Grundsatz

Umstritten war aufgrund der Neutralität auch Ö Beitritt zur EWG/EG oder zu den VN.
Dem Beitritt zu den VN stand nach der in Ö vorherrschenden Ansicht die
Neutralitätsverpflichtung nicht entgehen. Nach der Verdroß-Doktrin verpflichtet die
vorbehaltlose Aufnahme Ö in die VN den UN-SR und die UN-GV dazu, Ö von allen
neutralitätsverletzenden Maßnahmen auszunehmen. (UN-SR kann nach Art 48 Abs 1 UN-
Charta manche Staaten ausnehmen zur Heranziehung bei der Durchführung von
militärischen und nichtmilitärischen Maßnahmen)
Es setzte sich jedenfalls die Ansicht durch, dass die Neutralität einer wirtschaftlichen
Integration nicht im Wege steht. Die Diskussion lebte m Rahmen der ö Beteiligung an der
GASP der EU wieder auf. Der bereits im Rahmen des EU-Beitritts geschaffene und nach dem
Vertrag von Lissabon leicht modifizierte Artikel 23j B-VG stellt jedoch klar, dass Ö
vollumfänglich an der GASP, mitwirkt. Art 42 Abs 7 EUV sieht eine Beistandsklausel vor,
welche die MS verpflichtet, sich im Falle eines bewaffneten Angriffs sich zu unterstützen. Um
den Bedenken neutraler oder paktfreier Staaten Rechnung zu tragen, wurde die Irische
Klausel beigefügt, wonach die Beistandspflicht den besonderen Charakter der Sicherheits-
und Verteidigungspolitik bestimmter MS unberührt lässt. Ö ist daher von militärischen
Verteidigungsmaßnahmen ausgenommen, die es als neutralitätspolitisch als problematisch
erachtet.

Die Beistandspflicht wurde erstmals 2015 nach den Anschlägen in Paris angewandt. Es
wurde die Unterstützung im Kampf gegen den IS und die Entlastung Frankreichs im Rahmen
internationaler Militäroperationen in anderen Regionen gefordert.
Ö betonte, dass es im Kamp gegen Terrorismus keine Neutralität gäbe, da diese nur bei
einem zwischenstaatlichen Krieg bestehe und nicht bei Terrorgruppen. Allerdings befand
sich die IS in Syrien und es gab kein Einverständnis von Seiten der dortigen Regierung, ihn zu
bekämpfen. Ö drückte schließlich seine politische Unterstützung und entsandte Soldaten zur
Entlastung Frankreichs bei GSVP und UN-Einsätzen in Mali und der Zentralafrikanischen
Republik und bot Frankreich Lufttransportkapazitäten im Rahmen solcher Einsätze an. Da
keine Anträge auf Überfluggenehmigungen gestellt wurden, wurde die Frage nach deren
neutralitätsrechtlicher Vereinbarkeit nicht schlagend.

Im Hinblick auf die insbesondere nach der Wende 1989 sowie dem EU-Beitritt Ö wesentlich
geänderte Situation hat sich in der Zwischenzeit eine von Cede als Avocado-Doktrin
bezeichnete Reduktion auf den harten Kern der Neutralität durchgesetzt.
Der Kernbestand enthält also folgende Verpflichtungen:
- Selbst weder einen Krieg zu beginnen noch sich an einem zu beteiligen
- Keinen militärischen Bündnissen beizutreten (Bündnisfreiheit)
- Die Errichtung militärischer Stützpunkte fremder Staaten auf österreichischem
Staatsgebiet nicht zuzulassen

Als zusätzliche Erfordernisse treten Verpflichtungen hinzu:


Die militärische Verteidigung des Landes zu sichern, um die Neutralität zu verteidigen zu
können
Im Falle eines Kriegs zwischen anderen Staaten des Haager Neutralitätsrecht einzuhalten,
also keine der Kriegsparteien zu unterstützen, Verbote und Beschränkungen im
Zusammenhang mit Kriegsmaterial auf alle Kriegsparteien gleich anzuwenden und
militärische Handlungen auf dem eigenen Staatsgebiet zu verhindern

→ Neutralität wird also in rechtlicher und politischer Dimension in erster Linie militärisch
und sicherheitspolitisch verstanden
NICHT verlangt ist eine politische „Gesinnungsneutralität“. Ö ist daher nicht verpflichtet,
ideologisch neutral zu sein, und darf durchaus den Standpunkt eines Staats eher
befürworten als den eines anderen.
VIII. Immunität

1) Genießen Staaten vor dem IGH Immunität?

Immunität ist die Befreiung von der Gerichtsbarkeit eines fremden Staates. Sie dient im
Grunde dazu, Staaten und IO durch fremde Staaten zu schützen. Während die Immunität
von IO funktionell begründet ist, also aus der Überlegung resultiert, dass diese ihre
Funktionen unabhängig von ungebührlicher Einflussnahme durch Staaten ausüben können
va durch den jeweiligen Sitzstaat), wird die Staatenimmunität aufgrund der souveränen
Gleichheit von Staaten begründet: par in parem non habet imperium
→ Gleiche können keine hoheitsmacht übereinander ausüben

Daraus folgt aber auch, dass vor folgenden Gerichten keine Immunität besteht:
- Den eigenen Gerichten eines Staates sowie
- Internationalen Gerichten und Tribunalen, weil gerade diese genutzt werden sollen,
um Streitigkeiten im Rahmen der internationalen Beziehungen beizulegen.

Daher genießen Staaten vor dem IGH keine Immunität.

2) Genießen Staaten auch für schwere Verletzungen grundlegender Menschenrechte


(etwa bei Verletzung des Folterverbots) Immunität?
3) Was wurde im Deutschland-Italien fall behandelt?

Fraglich ist, ob Staaten und IO Immunität auch für Handlungen genießen, die gegen ius-
cogens verstoßen. Das sind meistens Verletzungen grundlegender Menschenrechte oder des
humanitären Völkerrechts.
Der Grundgedanke besteht darin, dass ius cogens-Normen als qualitativ höherwertig
betrachtet werden und demnach hierarchisch über allen anderen völkerrechtlichen Normen
stehen und daher die Immunität da zurückterten müsste.

Die Ferrini-Entscheidung erlangte besondere Bedeutung in diesem Zusammenhang.


Hintergrund ist die Deportation von Luigi Ferrini am 4. August 1944 von Italien nach
Deutschland, wo er bis April 1945 Zwangsarbeit leistete. Das drittinstanzliche Gericht Italiens
gab dem Begehren staat und lehnte die Staatenimmunität ab, da es sich hierbei um ius
cogens handelte und daher die Immunität dem nicht entgegenstehen kann.

Deutschland erhob 2008 infolgedessen eine Klage gegen Italien vor dem IGH und brachte
vor, Italien habe Deutschland durch das Völkerrecht eingeräumte Immunität missachtet. Der
IGH verwarf das durch Italien aufgegriffene ius cogens Argument.
Derogationszusammenhänge kommen nämlich erst zur Anwendung, wenn ein
Normenkonflikt vorliegt. Zu einer Derogation der Immunitätsbestimmung könnte es erst
kommen, wenn sich diese Normen widersprechen. Einen solchen Normenwiderspruch
verneinte der IGH, weil die Regelungen verschiedene Rechtsebenen betreffen.
(Menschenrecht und Proessrecht)

Nach dem IGH hat der Staat auch bei ius-cogens Verletzungen Immunität und Italien hat
durch die Missachtung der Immunität Völkerrechtsverletzung begangen.
4) Welchen Beschränkungen unterliegt die Staatenimmunität?

Nur der Staats selbst ist geschützt. Ob vom Staat unabhängige Körperschaften oder andere
jP des öffentlichen oder Privatrechts wie etwa Staatsunternehmen davon umfasst sind,
richtet sich der traditionellen Auffassung nach der organisatorischen Zugehörigkeit zum
Staat, dem modernen Verständnis nach, nach der jeweiligen ausgeübten Funktion.

Weiters ist die Staatenimmunität klassischerweise bei einem Verzicht des jeweiligen Staates
(auch bei einer Widerklage wird ein impliziter Verzicht angenommen) und bei Klagen im
Zusammenhang mit Liegenschaften die Immunität ausgenommen.

Weitere Ausnahmen sind:


- Privatwirtschaftliche Rechtsgeschäfte
- Arbeitsverträge natürlicher Personen mit einem Staat, wenn die Arbeit auf dem
Hoheitsgebiet des Gerichtsstaats geleistete wird und der AN nicht hoheitlich tätig
wird
- Personen- oder Sachschäden (Deliktsausnahme) → gilt nicht für militärische
Handlungen (da also Immunität)
- Im Gerichtsstaat gelegenes unbewegliches Vermögen
- Rechte im Zusammenhang mit geistigem und gewerblichem Eigentum
- Verfahren zwischen Staat und einer Gesellschaft, an der er beteiligt ist
- Verfahren im Zusammenhang mit einem Schiff des Staats
- Bestimmte Meinungsverschiedenheiten im Zusammenhang mit einer
Schiedsvereinbarung, der sich ein Staat unterworfen hat

5) Was besagt der Grundsatz der relativen Immunität?

Es gilt die Immunität nur für Akte hoheitlicher Natur und nicht für Akte privatwirtschaftlicher
Natur.

6) Wie wird hoheitliche von privatwirtschaftlicher Staatstätigkeit abgegrenzt?


7) Welche Entscheidungen des OGH sind im Zusammenhang mit Immunität besonders
hervorzuheben?

Maßgeblich ist die Natur der Handlung und nicht Zweck der Handlung.

Iranische Botschaft-Fall:
Der Fall betraf nicht beglichene Kosten von Reparaturarbeiten, die durch ein
Privatunternehmen an der Heizungsanlage der Iranischen Botschaft in Deutschland
vorgenommen wurden. Das Bundesverfassungsgericht stellte unter ausdrücklicher
Bezugnahme auf Hoffmann gegen Dralle fest, dass nach Völkergewohnheitsrechtacta iure
gestionis (privatwirtschaftliche Akte) nicht mehr von der inländischen Gerichtsbarkeit
ausgenommen sind. Es muss auf die Natur des Geschäfts abgestellt werden, da jedes
staatliche Handeln hoheitlichen Zwecken diene und somit bei Abstellen auf den Zweck alles
von der Immunität erfasst wäre. Wichtig ist aber auch die Hoheitlichkeit von Rechtmäßigkeit
zu unterscheiden. Auch ein unrechtmäßiger Akt kann hoheitlich sein und von demher von
der Immunität erfasst sein.
Der OGH hat sich vor allem in diesen Fällen damit beschäftigt:

1. Abholen von Botschaftspost-Fall


Ein Botschaftsmitarbeiter verursachte auf dem Weg zur Abholung der Botschaftspost einen
Verkehrsunfall mit einem Auto der US-Botschaft in Ö- Der Halter des beschädigten Fahrzeugs
klagte die USA auf Schadenersatz. Es stellte sich also die Frage, ob das Abholen der
Botschaftspost eine privatwirtschaftliche oder hoheitliche Tätigkeit darstellt. Der OGH
entschied, dass eben auf die Natur des Geschäfts abzustellen ist und nicht auf den Zweck.
Der Zweck war zwar ein hoheitlicher, nämlich das Abholen der Post der Botschaft, aber das
Autofahren selbst ist eine privatrechtliche Tätigkeit und keine hoheitliche, weshalb die USA
hier keine Immunität genoss.

2. Flughafen Linz- Hörsching Fall

Es ging hier um nicht beglichene Flughafengebühren für Zwischenlandungen der USA am


Flughafen Linz-Hörsching. Diese fand im Rahmen von NATO-Missionen am Balkan statt. Da
Gegenstand des Streits der militärische Einsatz der Luftwaffe der USA war, stellte dies für
den OGH hoheitliches Handeln dar, für das Immunität gewährt wurde.

3. Griechische Banken-Fälle

Fraglich ist die Einordnung der Tätigkeit von Zentralbanken. Der OGH unterscheid zwischen
Wertpapiergeschäften als privatrechtliche Verträge und allgemein währungspolitische
Handlungen. In den Griechische Banken-Fällen bestätigte der OGH, dass auch Anleihen als
Wertpapiergeschäfte acta iure gestionis darstellen.

4. Schweizer Nationalbank-Fall

Die Informationspolitik der schweizerischen Nationalbank wurde als Mittel zur Beeinflussung
des Wechselkurses der eigenen Währung als hoheitlicher Akt beurteilt.

8) Wann genießen Staaten Immunität im Vollstreckungsverfahren?

Neben der Immunität im Erkenntnisverfahren genießen Staaten ebenso Immunität im


Vollstreckungsverfahren. Diese Immunitäten sind jedoch getrennt voneinander zu
beurteilen. Ist eine der oben beschriebenen Ausnahmen der Immunität im
Erkenntnisverfahren anwendbar, heißt es noch nicht, dass dies auch im
Vollstreckungsverfahren vorliegt. Dies betrifft auch Fälle, in welchen im Erkenntnisverfahren
ein Verzicht der Immunität vorlag, da ein Verzicht im Erkenntnisverfahren nicht bedeutet,
dass man auch im Vollstreckungsverfahren darauf verzichtet.

Auch im Vollstreckungsverfahren spielt die Unterscheidung zwischen privatrechtlich und


hoheitlich eine Rolle, zur Beurteilung wird aber nicht das Handeln herangezogen, sondern
der Vermögensgegenstand, in den auf dem Gebiet des Gerichtsstaats vollstreckt werden soll.
Dient dieser Vermögensgegenstand hoheitlichen Zwecken, ist er von der Immunität umfasst
und Zwangsvollstreckung ist verboten. Nach Ansicht des OGH ist ein Konto, das nur teilweise
hoheitlichen Zwecken dient, bereits vom Zugriff im Exekutionsverfahren ausgeschlossen. Nur
in ausschließlich privat genutzte Konten kann Exekution geführt werden. → Exekution in
Botschaftskonten Fall

Die Immunität im Vollstreckungsverfahren ist daher weiter als jene im Erkenntnisverfahren.


Die Immunität besteht nicht, wenn:

- Das Vermögen nicht-hoheitlichen Zwecken dient,


- Der Staat der Anordnung solcher Maßnahmen ausdrücklich zugestimmt hat oder
- Der Staat den vermögensgegenstand eigens zur Befriedigung des
verfahrensgegenständlichen Anspruchs bestimmt hat.

9) Verletzt die Gewährung von Immunität das Grundrecht auf ein faires Verfahren?

Nach Art 6 EMRK hat jeder das Recht auf ein faires Verfahren vor einem unabhängigen
Gericht. Wenn man aber nun gegen einen Staat vorgehen möchte und dieser immun ist,
wird gerade dieses Recht verwehrt, weshalb sich die frage stellt, ob dies grundrechtlich nicht
problematisch sein könnte.

Das Recht auf ein faires Verfahren gilt nicht absolut und kann daher gewissen
Beschränkungen unterworfen werden. Die gewährte Immunität ist rechtmäßig, wenn:

- Diese ein legitimes Ziel verfolgt und


- Dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entspricht.

Da die Gewährung der Immunität der Einhaltung des Völkerrechts dient, wird ein legitimes
Ziel verfolgt. Weiters können die allgemein anerkannten Bestimmungen des VR über
Staatenimmunität nicht als eine unverhältnismäßige Beschränkung des Rechts auf Zugang zu
Gericht angesehen werden, weil die EMRK so weit wie möglich im Einklang mit dem VR zu
interpretieren ist. Wenn die Gewährung von Immunität völkerrechtlich geboten ist, ist dann
die damit zusammenhängende Beschränkung von Art 6 EMRK auch verhältnismäßig.

Der EGMR hat in Fällen von arbeitsrechtlichen Streitigkeiten, in welchen die AN


Botschaftspersonal waren, die keine hoheitlichen Aufgaben wahrnahmen (Telefonist,
Buchhalter, Übersetzer etc) und auch nicht die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Staates
innehatten, die Zurückweisung ihrer Klagen aufgrund von Vorliegen der Staatenimmunität
als Verletzung von Art 6 EMRK qualifiziert. Dies mit der Begründung, dass Art 11 des UN-
Übereinkommen über Staatenimmunität, das nach dem EGMR Gewohnheitsrecht ist, solche
Arten von arbeitsrechtlichen Streitigkeiten von der Staatenimmunität ausnähme.

Der EGMR entschied hingegen, dass es keine Verletzung ist, wenn ein Staat die Immunität
nicht verweigert, selbst wenn schwere Menschenrechtsverletzungen vorliegen. (wie oben)

10) Welchen Beschränkungen unterliegt die Immunität IO?

1. Verzicht
Auch IO können wie Staaten auf ihre Immunität verzichten. Dieser Verzicht kann durch das
zur Vertretung der IO nach außen zuständige Organ abgeben werden, wie durch den
administrativen Leiter einer IP wie dem Generalsekretär der VN. Der Verzicht kann explizit
als auch konkludent durch Verfahrenseinlassung erfolgen.
2. Funktionelle Immunität

Im Gegensatz zu Staaten wird bei IO nicht zwischen hoheitlichem und privatrechtlichem


Handeln unterschieden, sondern sie genießen Immunität, wenn das Handeln zur Erreichung
der Ziele der IO notwendig ist. Bei der VN ist das in Art 105 der UN-Charta verankert.

Da aber IO aufgrund ihrer funktionellen Völkerrechtssubjektivität nur tätig werden können,


wenn dies vom Organisationszweck umfasst ist, ist eigentlich jegliches handeln von IO von
der Immunität erfasst.

Im Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der VN gibt es so keine


Einschränkungen auf funktionelle Immunität.

Fallbeispiele zeigen, dass die Immunität von IO in der Praxis als absolut angesehen wird.

zB Richard Lugner klagte OPEC-Fonds auf Zahlung von Bautätigkeiten, aber OGH stellte fest,
dass Immunität vorliegt, die absolut anzusehen ist

In den Niederlanden klagte die Stiftung Mütter von Srebrenica im Mütter von Srebrenica-Fall
die VN und die Niederlange vor niederländischen Gerichten aufgrund der Säumnis, Personen
in den Schutzzonen vor dem Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 zu schützen. Der OGH
der Niederlande erklärte aber, dass die Niederlande nicht befugt sind über die VN
Gerichtsbarkeit auszuüben, da diese weitreichendste Immunität hat und daher vor kein
nationales Gericht in Vertragsstaaten des Übereinkommens über die Privilegien und
Immunitäten der VN geladen werden. Das Verfahren wurde daher ohne die VN fortgesetzt
(nachdem der EGMR entschied, dass die Einräumung von Immunität nicht gegen Art 6 EMRK
verletzt), sodass die Niederlande für die Verluste der Hinterbliebenen teilweise
verantwortlich erklärt wurde.

11) Müssen IO alternative Rechtswege zur Verfügung stellen, um Immunität zu


genießen?

IO verfügen regelmäßig weder über eigene Streitschlichtungsmechanismen noch unterliegen


sie der Gerichtsbarkeit internationaler Gerichte und Tribunale. Um dieses
Spannungsverhältnis zwischen Immunität und fehlendem Rechtsschutz zu schließen, sehen
manche Instrumente, die IO Immunität einräumen, die Verpflichtung vor, interne
Streitbeilegungssysteme einzurichten. So verpflichtet beispielsweise das Übereinkommen
über die Privilegien und Immunität der Vereinten Nationen diese, Vorkehrungen für die
Belegung bestimmter privatrechtlicher Streitigkeiten zu schaffen.
Solche Streitbeilegungssysteme wurden eher begrenzt eingerichtet, zB für arbeitsrechtliche
Streitigkeiten und teilweise fehlen sie gänzlich.

Beispiel: Cholera Ausbruch in Haita, welcher unter anderem auf die mangelnden
Hygienebedingungen der Unterkünfte der UN-Friedenstruppen zurückzuführen war und bis
2014 9 000 Menschen das Leben kostete und mehr als 100 000 Menschen erkrankten. Die
Opfer der Verbliebenen versuchten vergeblich die VN zur Verantwortung zu ziehen. Ihre
Briefe an die VN wurden immer als „not receivable“ zurückgeschickt. Als eine Klage in einem
Bezirksgericht in NY eingereicht wurde, entschied das Gericht, dass ein Verfahren aufgrund
der Immunität der VN nicht möglich sei.

12) Wofür steht der Waite und Kennedy-Fall?

Vor dem Hintergrund, dass IO weitreichende Immunität besitzen, aber gleichzeitig interne
Streitbeilegungssysteme fehlen, wird in der Lehre zum Teil die Meinung vertreten, dass die
Einräumung von Immunität an IO ungerechtfertigt sei und unter der Bedingung steht, dass
alternative Rechtswege tatsächlich vorhanden sind. Insbesondere wurde vorgebracht, dass
dieser Aspekt notwendig ist, um beurteilen zu können, ob die Gewährung von Immunität an
IO mit dem Recht auf ein faires Verfahren im Einklang steht:

- Dient die Einräumung der Immunität einem legitimen Zweck?


- Ist der Eingriff in das Recht auf ein faires Verfahren durch Gewährung von Immunität
im konkreten Fall verhältnismäßig?
-
In einem richtungsweisenden Grundsatzurteil zu dieser Frage in Waite und Kennedy gegen
Deutschland und im Parallelurteil Beer und Regan gegen Deutschland, beide vom 18. Februar
1999, hielt er fest, dass das Bestehen eines angemessenen alternativen Rechtsweges einen
wesentlichen Umstand bei der Beurteilung der Frage darstelle, ob ein Eingriff in Art 6 EMRK
als verhältnismäßig angesehen wird oder nicht.
Der Fall betraf eine Klage gegen die Europäische Weltraumorganisation in Deutschland
aufgrund einer arbeitsrechtlichen Streitigkeit. Da die deutschen Gerichte der Europäischen
Weltraumorganisation jedoch Immunität gewährten, reichten die Kläger beim EGMR
Beschwerde wegen Verletzung ihres Rechts auf ein faires Verfahren ein. Laut dem EGMR
bestehe ein legitimer Zweck verfolgt wird, nämlich dass IO funktionieren können ohne
ungebührliche Einmischung einzelner Staaten. Verhältnismäßig wäre es, wenn ein
angemessener alternativer Rechtsweg bestünde. Da der EGMR das als erfüllt ansah – ohne
das aber konkret zu prüfen auf den Antragsteller – fand er keine Verletzung in Art 6 EMRK.
Dieser Begründungsansatz wurde von vielen innerstaatlichen Gerichten aufgegriffen. Auch
die Qualität eines alternativen Rechtswegs wurde als Kriterium herangezogen.

In seiner Entscheidung von 2013 im Mütter von Srebrenica-Fall wich der EGMR aber davon
ab und stellte nicht darauf ab, ob ein alternativer Rechtsweg zur Verfügung stand.

IX. Organe des völkerrechtlichen Verkehrs

1) Welche Formen der Immunität völkerrechtlicher Organe werden unterschieden?

Man unterscheidet zwischen der funktionellen Immunität sowie der absoluten Immunität.
Erstere erstreckt sich auf Akte in Ausübung der organschaftlichen Funktion und zweitere auf
sämtliche Handlungen einer Person, die allerdings bloß zeitlich auf die Amtsausübung
beschränkt ist.
2) Worum geht es im Pinochet-Fall? Wie unterscheidet er sich vom Haftbefehl-Fall?

Bei dem Haftbefehl-Fall wandte sich die Demokratische Republik Kongo an den IGH, um die
Aufhebung eines Haftbefehls zu erwirken, nachdem von einem belgischen Gericht ein
solcher gegen den zu diesem Zeitpunkt amtierenden kongolesischen Außenminister in
Hinblick auf Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht erlassen worden war. Der IGH stellte
fest, dass zentrale Organe nach Völkergewohnheitsrecht während ihrer Amtszeit absolute
Immunität und Unverletzlichkeit genießen, auch wenn ein strafrechtlich relevanter Erfolg
bereits vor dieser Amtszeit eingetreten ist. Damit musste der IGH letztlich zum Ergebnis
kommen, dass Belgien die Immunität des kongolesischen Außenministers verletzt hatte und
der Haftbefehl aufzuheben war. Gleichzeitig wurde aber festgestellt, dass dies nicht
notwendigerweise zu Straflosigkeit führe, da die Immunität kein nationales Verfahren im
Heimatland ausschließt und auf die Immunität auch vom Heimatstaat verzichtet werden
kann. Des Weiteres wirkt die Immunität nach Ende der Amtszeit nur funktionell fort und
schon gar nicht mehr hinsichtlich eines strafrechtlich relevanten Erfolgs, der bereits vor der
Amtszeit bereits eingetreten ist. Weiters kann die Gerichtsbarkeit auch von internationalen
Tribunalen noch ausgeübt werden.

Im Pinochet-Fall ging es um ein Verfahren vor einem englischen Gericht, bei welchem es um
die Frage der Immunität hinsichtlich der Verletzung des Folterverbots ging. 1998 wurde ein
England aufgrund eines spanischen Auslieferungsersuchens ein Haftbefehl gegen den
ehemaligen chilenischen Diktator Ponchet erlassen. Da Chile bereits zur Amtszeit Pinochets
Vertragspartei der UN-Folterkonvention war, die explizit die Folter durch Staatsorgane
verbietet, wurde festgestellt, dass Folter niemals eine von dieser Funktion umfasste
Amtshandlung hätte sein können. Eine nach Ende der Amtszeit fortwirkende funktionelle
Immunität Pinochets für solche Handlungen wurde daher abgelehnt. Pinochet wurde jedoch
aufgrund seines Gesundheitszustandes die Rückkehr nach Chile gestattet.

Während im Haftbefehl-Fall der Außenminister Kongos immun war, weil er sich noch in
seiner Amtszeit befand, war im Pinochet-Fall Pinochet nicht mehr immun, da seine Amtszeit
bereits abgelaufen war.

Die Trias (Regierungschef, Staatsoberhaupt und Außenminister) genießen jedenfalls


während der Amtszeit absolute Immunität. Nach ihrer Amtszeit sind sie iSd funktionellen
Immunität nur für Handlungen immun, die im Rahmen von Amtshandlungen gesetzt wurden.
Andere Ressortminister sind nur mit Vollmacht befugt, den Staat nach außen zu vertreten,
wobei sie dann nur funktionell immun sind.

3) Wo ist die Unverletzlichkeit/Immunität von Diplomaten geregelt?

Hinsichtlich der Diplomaten ist es in der WDK (Wiener Diplomatenrechtskonvention) oder


auch das Wiener Übereinkommen über Diplomatische Beziehungen geregelt. Diplomaten
sich nach Artikel 1(e) WDK der Missionschef (Botschafter) sowie das weitere diplomatische
Personal der Mission. → hat Vertretungs- und Berichtsfunktion
Hinsichtlich Konsuln ist es in der WKK (Winer Konsularrechtskonvention) oder auch das
Wiener Übereinkommen über die konsularischen Beziehungen geregelt.
Da es sich hierbei um Kodifikation von Völkergewohnheitsrecht handelt, sind die Regelungen
auch für Nicht-Vertragsparteien anwendbar.

4) Wie unterscheiden sich Unverletzlichkeit und Immunität voneinander?

Unverletzlichkeit schützt vor Zwangsmaßnahmen, also vor faktischem Zugriff → AuvBZ wie
eine Festnahme oder das Betreten eines Gebäudes
Immunität schützt vor dem rechtlichen Zugriff staatlicher Behörden, also die Ausübung der
Gerichtsbarkeit.

5) Unter welchen Umständen könnte die Unverletzlichkeit/Immunität durchbrochen


werden?

Ausnahmsweise in Extremfällen, wie Selbstverteidigung gegen den Diplomaten oder die


Verhinderung eines strafrechtlichen Erfolgs, wenn der Diplomat gerade dabei ist eine
Straftat zu begehen. Es ist aber stets das gelindeste Mittel zu wählen. Weiters darf bei
Vermutung des Rechtsmissbrauchs in dessen Anwesenheit oder des eines Vertreters sein
persönliches Gepäck geöffnet werden.

Es kann aber auch vom Entsendestaat auch die Immunität verzichtet werden. Eine
Widerklage gilt als impliziter Verzicht.

Weiters normiert Artikel 31 WDK eine Reihe von Ausnahmen, auf welche sich die absolute
Immunität nicht erstreckt (zivilrechtliche Ansprüche, die nicht im Zusammenhang mit der
Ausübung der Tätigkeit des Diplomaten stehen):

- Dingliche Klagen in Bezug auf privates, im Hoheitsgebiet des Empfangstaats


gelegenes unbewegliches Vermögen, außer wenn der Diplomat dieses im Auftrag des
Entsendestaats für die Zwecke der Mission benützt
- Klagen im Nachlassverfahren, in denen der Diplomat als Testamentsvollstrecker,
Verwalter, erbe oder Vermächtnisnehmer in privater Eigenschaft und nicht als
Vertreter des Entsendestaats beteiligt ist
- Klagen im Zusammenhang mit einem freien Beruf oder einer gewerblichen Tätigkeit,
die der Diplomat im Empfangsstaat neben seiner amtlichen Tätigkeit ausübt (Achtung
Diplomaten dürfen keine freie oder gewerbliche Tätigkeit ausüben, die auf Gewinn
gerichtet ist!)

6) Kann eine erfolgreiche Klage gegen einen Diplomaten auch vollstreckt werden?

Eine Vollstreckung kann nur hinsichtlich der oben genannten zivilrechtlichen Ausnahmen
erfolgen, wenn diese unter Beachtung der Unverletzlichkeit der Person sowie Wohnung
erfolgt, da die Unverletzlichkeit sich auch auf die Privatwohnung, Korrespondenz sowie
Vermögen des Diplomaten erstreckt.

7) Welche Immunität genießen die Familienmitglieder von


Diplomaten/diplomatisches Verwaltungspersonal/dienstliches oder privates
Hauspersonal?
1. Familienmitglieder des Diplomaten

Sämtliche Immunitäten und Unverletzlichkeiten erstrecken sich ebenso auf seine im


gemeinsamen Haushalt lebenden Familienmitglieder, sofern diese nicht Staatsangehörige
des Empfangstaats sind. Dabei bereiten „nicht-traditionelle“ Formen des Zusammenlebens
Schwierigkeiten in der Anwendung und Interpretation dieser Bestimmung. Eine Reihe von
Ländern verweigert zB die Anwendung dieser Bestimmungen der WDK auf
gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

2. Verwaltungspersonal und deren Familienmitglieder

Sie genießen dieselbe Immunität wie Diplomaten, wenn es sich nicht um Angehörige des
Empfangstaats handelt. Jedoch ist ihre zivilrechtliche Immunität nur eine funktionelle
Immunität!

3. Technisches Personal und deren Familienmitglieder

Genauso wie beim Verwaltungspersonal: Sie genießen dieselbe Immunität wie Diplomaten,
wenn es sich nicht um Angehörige des Empfangstaats handelt, wobei ihre zivilrechtliche
Immunität nur funktioneller Natur ist.

4. Hauspersonal

Nicht dem Empfangsstaat angehörendem dienstlichen Hauspersonal der Mission kommt nur
funktionelle Immunität zu.
Privates Hauspersonal genießt nur soweit Immunität als dies vom jeweiligen Empfangsstaat
vorgesehen ist.

8) Unter welchen Umständen darf das persönliche Gepäck eines


Diplomaten/diplomatisches Kuriergepäck geöffnet werden?

Siehe oben: Bei Vermutung des Rechtsmissbrauchs darf in dessen Anwesenheit oder des
eines Vertreters sein persönliches Gepäck geöffnet werden.

9) Welche Verpflichtungen treffen einen Staat hinsichtlich der diplomatischen


Vertretungen anderer Staaten/IO?

Die Unverletzlichkeit gilt nicht nur gegenüber dem Diplomaten selbst, sondern auch
gegenüber:
- Den Missionsgebäude
- Archive und Schriftstücke der Botschaft
- Amtliche Korrespondenzen
- Dem Kuriergepäck

Die Räumlichkeiten der Mission und sämtliche darin befindlichen Gegenstände sowie die
Beförderungsmittel der Mission genießen Durchsuchungs- und Vollstreckungsimmunität-
Das Betreten des Missionsgebäudes ist lediglich mit ausdrücklicher Zustimmung des
Missionschefs erlaubt. Sogar in Notfällen (wie Brand) gibt es keine Zustimmungsvermutung.
Vielmehr trifft den Empfangsstaat die besondere Pflicht, die Räumlichkeiten vor Eindringen
und Beschädigung zu schützen. → Teheraner Geisel-Fall: Iranische Studierende stürmten die
US-Botschaft und besetzten diese für 444 Tage und nahmen das Personal als Geiseln. Der
Iran setzte keine Schritte, u die Geiselnahme zu beenden und unterstützte diese in weiterer
Folge sogar offiziell. Der IGH stellte hier eine klare Völkerrechtsverletzung des Irans fest.

10) Wie könnte ein Botschaftsflüchtling sicher außer Landes gebracht werden?
11) Wie könnte Empfangsstaat seiner habhaft werden?

Das diplomatische Asyl bietet die Möglichkeit, in einem Missionsgebäude Asyl anzusuchen
und in weiterer Folge bei erfolgreicher Gewährung in den Entsendestaat ausreisen zu
dürfen. Empfangsstaaten, die dieses nicht anerkennen, berufen sich dabei wiederholt auf
das Verbot, die Räumlichkeiten der Mission völkerrechtswidrig zu nutzen, um mit einem
möglichen Betreten des Botschaftsgebäudes zu drohen. Aus der WDK wäre jedoch nur der
Abbruch von diplomatischen Beziehungen denkbar.

→Beispiele Botschaft-Asyl-Fall oder Assange in England

Abseits der Anstrengung rechtlicher Möglichkeiten, die sich möglicherweise aus der WDK
heraus ergeben, erscheint der sicherste Weg zur friedlichen Beilegung von
Auseinandersetzung über das diplomatische Asyl die Verständigung zwischen Empfangs- und
Entsendestaat der diplomatischen Mission. Es sind aber auch kreative Lösungen möglich, wie
als der Diktator Manuel Noriega nach der Militärinvasion Panamas durch die USA im Jahr
1989 in die dortige Apostolische Nuntiatur (diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls)
geflüchtet war, konnte der Opernliebhaber Noriega zehn Tage später unter anderem durch
Dauerbeschallung mit Rockmusik zum Verlassen des Gebäudes bewegt werden.

12) Welche Aufgaben nimmt ein Konsul wahr?

Konsul= Jede Person, die mit der Wahrnehmung konsularischer Aufgaben beauftragt ist,
einschließlich des Leiters der konsularischen Vertretung.

Seine Aufgaben kann man einordnen unter:


- Schutzfunktion
- Förderungsfunktion
- Behördenfunktion

→ Verwaltungsaufgaben

13) Wodurch unterscheidet sich die Immunität von Konsuln von jener der Diplomaten?

Auch Konsuln kommt Unverletzlichkeit als auch erhöhter Schutz zu. Allerdings ist
Unverletzlichkeit bei Konsuln durchbrechbar, wenn schwere Verbrechen begangen werden.
Die WKK hat hierzu keine Definition, aber ein alternativer Entwurf sieht vor, wenn es sich um
ein Verbrechen mit wenigstens fünf Jahre Strafandrohung handelt.
Weiters kann ein Konsul festgenommen werden, wenn eine Entscheidung der zuständigen
Justizbehörde vorliegt. Im Fall einer Untersuchungshaft ist das Verfahren aber innerhalb
kürzester Zeit einzuleiten. Wird ein Mitglied des übrigen konsularischen Personals verhaftet
oder ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet, muss der Empfangsstaat gem Art 42 WKK den
Leiter der konsularischen Vertretung benachrichtigen. Weiters können Konsuln im
Gegensatz zu Diplomaten auch als Zeugen geladen werden.

Konsuln genießen weiters keine absolute Immunität, wie Diplomaten, sondern nur
funktionelle Immunität. Davon erfasst sind auch das Verwaltungs- und das technische
Personal. Ausgenommen sidn jedoch Zivilklagen für Ansprüche, die nicht im Zusammenhang
mit einem Auftrag des Entsendestaats stehen, sowie Schadenersatzklagen aus
Verkehrsunfällen.

Immunität von Gebäuden und konsularischen Gegenständen:

Im Gegensatz zu diplomatischen Räumlichkeiten, können konsularische Räumlichkeiten in


Notfällen, wie Feuer, betreten werden, da hier die Zustimmung des Leiters zum betreten
vermutet werden kann. Es müssen aber sofortige Schutzmaßnahmen notwendig sein.
Der Empfangsstaat hat die Pflicht, die konsularischen Räumlichkeiten vor Eindringen und
Beschädigung zu schützen.
Konsularische Archive und Schriftstücke sowie amtliche Korrespondenzen sind ebenso
unverletzlich. Des Weiteren genießen konsularische Räumlichkeiten, ihre Errichtung, das
Vermögen der konsularischen Vertretung und deren Beförderungsmittel Immunität von
jeder Beschlagnahme für die Landesverteidigung oder das öffentliche Wohl. Im Falle einer
Enteignung für solche Zwecke müssen alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, damit
die Wahrnehmung der konsularischen Aufgaben nicht behindert wird und der Entsendestaat
muss ehebaldigst eine angemessene und wirksame Entschädigung zahlen.

14) Wodurch jene von Mitarbeitern IO?

Die obersten Vertreter IO genießen absolute Immunität. Andere Mitarbeiter einer IO


genießen hingegen lediglich funktionelle Immunität. Es ist jedoch im Einzelfall zu prüfen. Die
Mitarbeiter einer IO sind auch von Steuern und Zöllen befreit. Die IO kann auch die
Immunität verzichten hinsichtlich eines Mitarbeiters.

15) Welche Rechte hat ein ausländischer Staatsbürger, wenn er in einem Land
verhaftet wird, das Vertragspartei der WKK ist?

Er muss vom Staat, in welchem er verhaftet wurde, darüber aufgeklärt werden, dass er das
Konsulat seines Heimatstaates verständigen kann.

Der Generaldirektor des IWF hat beispielsweise aufgrund des IWF Gründungsvertrages
lediglich funktionelle Immunität: DSK-Affäre→ Obwohl dem Generaldirektor aufgrund des
Übereinkommens über die Privilegien und Immunitäten der Spezialorganisationen absolute
Immunität zukäme, war dieses nicht anwendbar, weil die USA nicht Vertragspartei ist. Er
wurde daher in der USA wegen Vorwurfs einer Vergewaltigung festgenommen.

16) Ist ein Diplomat/Konsul im Urlaub immun?


Ein Diplomat genießt während seiner ganzen Amtsdauer absolute Immunität, also bis die
Akkreditierung besteht und daher wäre er auch im Urlaub immun. Allerdings endet diese
Immunität nach Ende der Amtszeit. Konsuln genießen lediglich funktionelle Immunität,
weshalb sie für ihr Handeln im Urlaub nicht immun wären.

17) Wo ist die Immunität von Mitarbeitern IO geregelt?

Es gibt das Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der VN und das
Übereinkommen über die Privilegien und Immunitäten der Spezialorganisationen. Weiters
finden sich Regelungen in den jeweiligen Gründungsverträgen der IO.

18) Welche alternativen Rechtswege stehen zur Verfügung, wenn der Sitzstaat einer IO
deren Mitarbeiter trotz Immunität klagt und diese nichts dagegen unternimmt?

?
19) Was sind SOFA?

Für im Ausland stationierte Truppen und deren Befehlshaber ergibt sich die Reichweite der
Immunität aus den zugrundeliegenden Vereinbarungen. Diese Stationierungsabkommen
werden auch kurz als SOFAs bezeichnet (Status of Forces Agreement). Darin geregelte Fragen
reichen von der selbstständigen Ausübung der (Militärs-)Gerichtsbarkeit durch den
Entsendestaat bis hin zu Ausnahmen und konkurrierender Zuständigkeit. Während es sich
strenggenommen nicht um eine Frage des diplomatischen Verkehrs handelt, betreffen
SOFAs dennoch auch die Frage der Immunität staatlicher Organe im Ausland.

X. Friedliche Streitbeilegung

1) Wo sind die verschiedenen Mittel der Streitbeilegung aufgelistet?

Sofern Staaten zwischen ihnen auftretende Streitigkeiten beilegen, muss dies auf friedliche
Art und Weise geschehen. Dieses Gebot ist an prominenter Stelle in den Zielen und
Grundsätzen (Art 1(!) und Art 2(3) UN-Charta) verankert.
Es gibt eine Reihe von Mitteln und Verfahren, die hierfür zur Verfügung stehen. Art 33 (1)
UN-Charta nennt folgende:

- Verhandlungen
- Untersuchungen
- Vermittlung
- Vergleich
- Schiedsspruch
- Gerichtliche Regelung

1. Verhandlungen

→ einfachste und wichtigste Form


Es sollen die einander widerstreitenden Positionen dargelegt werden und stellt
üblicherweise den ersten Schritt der Streitbeilegung dar oder kann auch zusätzlich zu
anderen Mitteln parallel herangezogen werden. Es ist das einzige Mittel, welches nicht die
Heranziehung Außenstehender erfordert und somit bleibt die Kontrolle bei den involvierten
Parteien. Allerdings erfordert es gegenseitiges Entgegenkommen, weshalb es bei sensiblen
Themen oft scheitert.

2. Untersuchungen
→ dienen der unabhängigen Bewertung einer strittigen Sachlage durch Dritte ohne
Beteiligung an der Verhandlung selbst

3. Vermittlung
= mit Einverständnis der Streitparteien beteiligt sich ein unabhängiger Dritter aktiv am
Verhandlungsprozess. Er bringt auch eigene Lösungsvorschläge ein.

4. Guten Dienste

Zu unterscheiden von Vermittlung! → werden aber nicht eigens in Art 33 UN-Charta


erwähnt

Bei diesen wirkt ein unbeteiligter Dritter entweder lediglich auf die Konfliktparteien ein, um
sie überhaupt an den Verhandlungstisch zu bringen, fungiert als bloßer Übermittler in der
Kommunikation oder als Gastgeber.

5. Vergleich

Beim Vergleich institutionalisieren und formalisieren die Streitparteien die Hinzuziehung


eines Dritten. Dabei wird üblicherweise eine aus mehreren Mitgliedern bestehende
Kommission errichtet, welche sich bemüht im Rahmen eines geregelten Verfahrens durch
das Einbringen von unverbindlichen Vergleichsvorschlägen eine Einigung herbeizuführen
oder auf andere Art und Weise unterstützend tätig zu sein. Dabei können auch
Untersuchungen vorgenommen werden. → Vergleich eher selten angewandt

6. Schiedsspruch

→ bedarf einer Schiedsklausel. Diese kann


- Zukünftige Streitfälle oder
- Anlässlich eines bereits bestehenden Streitfalls ad hoc vertraglich vereinbart werden.

7. Gerichtliche Regelung

→ Gerichte sind auf Dauer eingerichtet, kein Einfluss auf Bestellung der Richter oder
Verfahrensordnung

2) Worin unterscheiden diplomatische von richterlichen Mitteln der Streitbeilegung?

Unter diplomatische Mittel fallen Verhandlungen, Untersuchungen, Vermittlung und


Vergleiche. Richterliche Mittel sind schiedsgerichtliche und gerichtliche Verfahren.
Im Gegensatz zum diplomatischen Verfahren wird hier ein bindendes Urteil gefällt.

3) Worin liegt die Besonderheit gemischter Schiedsgerichte?

Abgesehen von rein zwischenstaatlichen Schiedsgerichten bestehen sogenannte gemischte


Schiedsgerichte, die zwischen Staaten und Individuen oder juristische Personen, vor allem
Multinationale Unternehmen, urteilen. Dadurch wurde zur Durchsetzung von Ansprüchen
gegen fremde Staaten eine Alternative zum diplomatischen Schutzrecht geschaffen. Die
Betroffenen können bei derartigen Gerichten direkt und unabhängig von ihrem Heimatstaat
Klagen einbringen.

4) Welche regionalen Mittel der Streitbeilegung kennen Sie?

Gem Art 52 UN-Charta wird durch keine ihrer Bestimmungen das Bestehen regionaler
Abkommen oder Organe zum Zwecke der Wahrung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit ausgeschlossen.

Im amerikanischen Raum sind der ständige Rat der Organisation Amerikanischer Staaten und
sein speziell zur Unterstützung in derartigen Angelegenheiten geschaffenes Subsidiärorgan,
das Inter-Amerikanische Komitee für friedliche Streitbeilegung, hervorzuheben.

In Afrika besteht mit dem exekutivrat der Afrikanischen Union ein ständisches
Entscheidungsorgan für die Prävention und Beilegung von Konflikten. Zusätzlich wurde hier
auf subkontinentaler Ebene im Rahmen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ein
vergleichbarer Mechanismus geschaffen. Im Rahmen der Arabischen Liga besteht kein
besonderes Streitbeilegungssystem, es kam bislang lediglich zu informellen und meist mäßig
erfolgreichen Vermittlungen.

Ein besonders hoch entwickeltes System friedlicher Streitbeilegung besteht innerhalb der
EU. → Europäische Kommission als Hüterin der Verträge, EuGH als Auslegungsmonopol

Weiters gibt es in Europa den EGMR, der die Einhaltung der EMRK und ihrer
Zusatzprotokolle überwacht. Neben Individualbeschwerden und einem Gutachtenverfahren
besteht gem art 33 EMRK auch die Möglichkeit einer Staatenbeschwerde. Diese wird zwar
selten genutzt, kann aber vor allem in politisch sensiblen Fragen bedeutsam sein, etwa im
Fall Zypern gegen Türkei vom Mai 2001 oder bei der am 13. März 2014 durch die Ukraine
eingereichten Klage gegen Russland aufgrund möglicher Menschrechtsverstöße im
Zusammenhang mit der Annexion der Krim und der Unterstützung von Separatisten in der
Ostukraine.

Neben Europa ist der regionale Menschenrechtsschutz innerhalb der Organisation


Amerikanischer Staaten und der Afrikanischen Union zu erwähnen. Beide sehen ebenfalls die
Möglichkeit des Anforderns von Gutachten sowie des Einbringens von
Individualbeschwerden und Staatenbeschwerden vor. Dazu existiert jeweils ein
zweigliedriges System bestehend aus einer Menschenrechtskommission und einem
Menschenrechtsgerichtshof (der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte bzw
der Afrikanische Gerichtshof für die Rechte der Menschen und der Völker).
5) Wann ist der IGH zuständig?

Er ist für Streitigkeiten rechtlicher Natur zuständig, wobei nur Staaten als Parteien auftreten
können.

Vorbedingung ist, dass der Staat das Status des IGH annimmt. Dies gilt ipso iure für
Mitglieder der VN

Weiters muss sich ein Staat aber auch der Zuständigkeit des IGH unterwerfen. Dies kann gem
Art 36 IGH-Statut auf drei Weisen erfolgen:

- Für einen bestehenden Rechtsstreit,


- Für etwaige zukünftige Streitigkeiten oder
- Durch eine einseitige Unterwerfungserklärung.

1. Unterwerfung für einen bestehenden Rechtsstreit

Die Unterwerfung für ienen bestehenden Rechtsstreit kann auf zwei Weisen erfolgen.
Einerseits geht es durch eine spezielle Vereinbarung der Parteien, auch „compromis“
genannt. Andererseits, indem die beklagte Partei nachträglich, vor allem durch
widerspruchslose Einlassung in das Verfahren, ihr Einverständnis gibt.

2. Zukünftige Streitigkeiten

Die Zuständigkeit für zuständige Streitigkeiten kann durch eine kompromissarische Klausel
erfolgen.

3. Einseitige Unterwerfungserklärung

Hier erkennt ein Staat die Gerichtsbarkeit des IGH für alle Rechtsstreitigkeiten an. →
Fakultativklausel
Derzeit sind 73 derartige Unterwerfungserklärungen in Kraft, worunter auch Ö ist. Sie wirken
allerdings auf Basis der Reziprozität. So liegt die Zuständigkeit des IGH im Einzelfall nur so
weit vor, wie die durch die Streitparteien abgegeben Erklärungen miteinander
übereinstimmen.

→ können aber auch eingeschränkt werden; zB zeitliche Einschränkungen oder beschränkt


auf bestimmte Rechtsbereiche

Fraglich ist hier die Rechtmäßigkeit des Cornally-Vorbehalts der USA, wonach die
Zuständigkeit nicht für innerstaatliche Angelegenheiten gilt → Was fällt darunter?

Einseitige Unterwerfungserklärungen können auch zurückgenommen werden. Dabei ist in


gutem Glauben vorzugehen, weshalb die Fortwirkung eines Vertrauensschutzes
anzunehmen ist.
Bei Nichtbefolgung eines IGH Urteil kann sich die andere Partei gem Art 94(2) UN-Charta an
den UN-SR wenden, der gegebenenfalls eine entsprechende Maßnahme ergreift, um das
Urteil durchzusetzen. Hierzu ist es lediglich einmal gekommen, nämlich im Nicaragua-Fall.
6) Sind Gutachten des IGH verbindlich?

Neben der Funktion als rechtssprechendes Organ kann der IGH auch um die Erstellung von
Gutachten ersucht werden. Diese Möglichkeit steht ausschließlich den fünf anderen
Hauptorganen der VN und ihren 16 Spezialorganisationen offen. Während die UN-
Generalversammlung und der UN-SR ein Gutachten ohne weiteres und zu jeder Rechtsfrage
verlangen können, benötigen die übrigen eine Ermächtigung der UN-GV. Außerdem ist ihre
dahingehende Befugnis auf Fragen beschränkt, die in ihren Tätigkeitsbereich fallen.
Diese Gutachten sind jedoch nicht verbindlich. Sie dienen aber als Rechtserkenntnisquelle.
Sie können jedoch von Staaten oder IO in Verträgen für verbindlich erklärt werden.

XI. Gewaltanwendung

1) Wo und wie ist der Begriff der Gewalt definiert?

Das Gewaltverbot untersagt Staaten die Anwendung direkter und indirekter militärischer
Gewalt. Ebenso verbietet es die Gewaltandrohung. Es ist in Art 2 (4) der UN-Charta geregelt
und steht auch als Völkergewohnheitsrecht in Geltung, weshalb es auch Nicht-UN-Staaten
bindet. Es findet sich auch in zahlreichen Dokumenten, wie die KSZE-Schlussakte aus 1975
oder der Friendly Relations Declaration von 1970.
Beim Verbot der Gewaltanwendung handelt es sich zudem um ius cogens. Die bloße
Gewaltandrohung ist aber noch kein ius cogens.

Begriff:
Der Begriff der Gewalt umfasst militärische und andere Maßnahmen mit vergleichbaren
Auswirkungen, nicht aber politische oder wirtschaftliche Mittel. Erfass sich direkte (durch
den Staat selber durch dessen Streitkräfte oder ihm zurechenbare Akteure) als auch
indirekte Gewalt (Teilnahme eines Staates an der Gewaltanwendung anderer Staaten oder
nicht-staatlicher bewaffneter Gruppen im Ausland) .
Eine nähere Präzisierung des Gewaltbegriffs erfolgte neben der Staatenpraxis und
gerichtlichen Entscheidungen im Rahmen von Resolutionen der UN-GV. Relevant sind:
- Friendly Relations Declaration 1970
- Resolution 3314 (1974) der UN-GV zur Definition der Aggression

Die Friendly Relations Declartion wird oft als authentische Interpretation der Grundsätze der
UN-Charta gesehen. Sie enthält daher auch detaillierte Darstellungen und Beispiele, was
vom Gewaltverbot erfasst ist.

Die Resolution 3314 der UN-GV zur Definition der Aggression stellt eine nähere Definition
des in Art 39 UN-charta verwendeten Begriffs der Angriffshandlung dar. Eine
Angriffshandlung stellt einen der Gründe dar, auf Basis dessen der UN-SR im Rahmen des
Systems der kollektiven Sicherheit tätig werden kann. Da aber auch jede Angriffshandlung
iSd Art 39 auch einen Verstoß gegen das Gewaltverbot darstellt, ist diese Resolution auch für
den Gewaltbegriff relevant.
2) Wie hat sich das Gewaltverbot entwickelt?

Krieg wurde früher akzeptiert und war nicht verboten. Das geht zurück bis in die Antike, dass
es ein Konzept des gerechtfertigten Kriegs gab.

Hugo Grotius legte als Zeuge des dreißigjährigen Kriegs unter anderem die gerechten Gründe
für Kriegsführung näher fest:
- Selbstverteidigung
- Erlangung von Eigentum im weiteren Sinne und
- Bestrafung des früheren Fehlverhaltens.
Dem Verlangen nach ertragsreicherem Land oder der Beherrschung anderer Völker gegen
deren Willen, unter dem Vorwand, dass es zu deren Bestem wäre, stand er hingegen
ablehnend gegenüber.

Im 19. Jahrhundert entstand eine Pazifismusbewegung. Immanuel Kant leistete mit seinem
Werk „Zum ewigen Frieden“ entscheidende Vorarbeit, da dieser einen Art Vertrag enthielt,
mit welchem man sich zum Frieden verpflichten sollte.

Ein weiterer historischer Meilenstein war der Abschluss der Bryan-Verträgen, den 22 Staaten
unterzeichneten. Demnach sollten Streitigkeiten, die sich nicht diplomatisch oder
schiedsgerichtlich beilegen lassen, von eigens eingerichteten Kommissionen untersucht
werden. Ein Krieg solle erst dann begonnen werden, nachdem diese ihren Bericht zirkuliert
hatte.

Entscheidende Schritte folgten danach erst nach Ende des 1. WK. Die Satzung des
Völkerbunds beinhaltete eine Beistandspflicht und eine den Bryan-Verträgen entsprechende
prozedurale Verpflichtung: Eine Streitigkeit war entweder schiedsgerichtlich oder durch den
Rat beizulegen. Die Kriegsführung war erst nach Ablauf einer Beruhigungsphase (cooling off
period) von drei Monaten nach dem Spruch des Schiedsgerichts oder dem Bericht des Rats
erlaubt.

Weiters ist der Briand-Kellogg-Pakt wichtig (der Antikriegspakt) aus 1928. Der Vertrag
ächtete den Krieg und es schlossen sich nach den 15 ersten Vertragsstaaten (worunter auch
Deutschland war) 48 weitere an (auch Ö). Allerdings wurde der Vertrag immer so ausgelegt,
dass als nicht Krieg zu wertende Handlungen oder nicht-politische Kriegshandlungen weiter
erlaubt galten.

Nach der Stimson-Doktrin sind alle Verträge und Veränderungen, die durch Verletzung des
Brian-Kellogg-Pakts herbeigeführt wurden, nicht rechtmäßig.

Während des 2. WK arbeitete man bereits an einer neuen Friedensordnung. Man wollte die
Schwächen des Völkerbunds und des Brian-Kellogg-Pakts beseitigen, was man durch das in
Art 2 (4) UN-Charta normierten Gewaltverbot zu versuchen erreichte.

3) Welche sind die beiden Ausnahmen vom Gewaltverbot?

Die UN-Charta kennt zwei Ausnahmen vom Gewaltverbot:


- Das Recht auf Selbstverteidigung
- Durch den UN-SR im Rahmen des Systems der kollektiven Sicherheit autorisierte
Maßnahmen

4) Was ist das sogenannte System kollektiver Sicherheit?

Man war sich von Anfang an bewusst, dass man es nicht schaffen wird, jegliche Form der
Gewaltanwendung aus der Welt zu schaffen, als man das Gewaltverbot normierte. Daher
war man bestrebt, zumindest gemeinsam über die Gewaltausübung zu entscheiden. Im
Idealfall sollte die ganze Staatengemeinschaft gegen aggressive Mitgliedstaaten der VN
vorgehen.
Im Rahmen des Systems der kollektiven Sicherheit stehen dem UN-SR bei :
- Bedrohung des Friedens
- Friedensbrüchen
- Und Angriffshandlungen
umfangreiche Kompetenzen zu.

Die zentrale Bestimmung in Kapitel VII ist Art 39 UN-Charta. Sofern der UN-SR feststellt, dass
eine Bedrohung des Friedens, ein Friedensbruch oder eine Angriffshandlung vorliegt, kann er
Empfehlungen abgeben oder Maßnahmen zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung
des Weltfriedens ergreifen.

5) Welche Maßnahmen kann der UN-SR im System kollektiver Sicherheit treffen?

Wie oben bereits kurz beschrieben wurde, kann der UN-SR, wenn er feststellt, dass eine
Bedrohung des Friedens, ein Friedensbruch oder eine Angriffshandlung vorliegt, eine
Empfehlung abgeben oder Maßnahmen zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des
Weltfriedens ergreifen. Dabei ist er allerdings ist er hierzu nicht verpflichtet! → egal, wie
schwer der Friedensbruch, Bedrohung des Friedens oder Angriffshandlung auch ist

Die oftmalige Zurückhaltung des UN-SR, das System der kollektiven Sicherheit zu nutzen und
Maßnahmen zu ergreifen ist daher keine rechtliches, sondern ein politisches Problem.

Der UN-SR kann ergreifen:

- Maßnahmen ohne Waffengewalt


- Militärische Maßnahmen

1. Maßnahmen ohne Waffengewalt

→ Art 41 UN-Charta

Die Aufzählung in Art 41 UN-Charta von möglichen Beispielen ist demonstrativ, weshalb
auch andere Schritte gesetzt werden können. Dabei besteht ein weiter Ermessensspielraum.
So wurden anlässlich des Völkermords in Ruanda 1994 und der Jugoslawienkriege der 1990-
er Jahre ad hoc-Straftribunale eingerichtet.
→ Im Tadic-Fall wurde geurteilt, dass seine Errichtung keine außerhalb der Kompetenzen
des UN-SR liegende Maßnahme darstellt. (Seit Schaffung des IStGH wird wahrscheinlich so
eine Maßnahme nicht mehr getroffen werden)
Problematisch sind Handelsembargos, weil dadurch das Volk bestraft wird für das
Fehlverhaltung der Regierung, für welches sie nichts kann. Darum bevorzugt man „targeted
santions“ (auch smart sanctions genannt), die sich gegen einzelne Gruppen oder
Einzelpersonen richten und als Sanktionen Reiseverbote oder das Einfrieren von Konten
verhängt werden. -> Allerdings bestehen hier auch Probleme, da den Betroffenen kein
effektives, den Grundsätzen eins fairen Verfahrens entsprechendes Rechtsmittel zusteht.
Weiters können die Maßnahmen des UN-SR nicht gerichtlich überprüft oder aufgehoben
werden und das auch nicht vom IGH.

2. Militärische Maßnahmen

Wenn nicht-militärische Maßnahmen von Anfang an unzureichend erscheinen oder später


sich als nicht genügend herausstellen, kann der UN-SR gem Art 42 UN-Charta militärische
Maßnahmen ergreifen.
Die UN-Charta sieht vor, dass die Mitgliedstaaten durch eigene Abkommen dem UN-SR
Streitkräfte zur Verfügung stellen. Diese Bestimmung wurde jedoch nie umgesetzt,
weswegen der UN-SR in der Praxis alle MS selbst – durch die Ermächtigung alle
erforderlichen Mittel einzusetzen – zur Vornahme von Gewaltanwendungen autorisiert,
nicht aber verpflichtet.

Es ist bisher einmal zu militärischen Maßnahme gekommen, nämlich 1990 als durch Irak eine
Invasion Kuwaits folgte. Da sind die USA, mit Unterstützung des UK, Frankreich und der
Saudi-Arabiens auf Seiten Kuwaits eingeschritten.

6) Ist der UN-SR nach Kapitel VII nur für zwischenstaatliche Konflikte zuständig?

Der UN-SR hat Art 39 UN-Charta sehr weit ausgelegt und sieht auch nicht-internationale
bewaffnete Konflikte als Bedrohung des Friedens, da diese Konflikte Fluchtbewegungen, das
Übertreten von Grenzen durch Kombattanten oder die Verbreitung von Waffen
Nachbarstaaten oder die gesamte Region destabilisieren. Selbst also wenn ein Konflikt und
seine Auswirkungen ganz auf den Staat begrenzt bleiben, kann er im Hinblick auf den Schutz
der betroffenen Bevölkerung unter Art 39 fallen.

7) An welche Voraussetzungen ist das Selbstverteidigungsrecht geknüpft?

Nach Art 51 UN-Charta dürfen sich Staaten gegen einen bewaffneten Angriff mit Gewalt zur
Wehr setzen.
Zusätzlich zu Art 51 UN-Charta müssen folgende Voraussetzungen vorliegen:

- Gegenwärtigkeit
- Notwendigkeit
- Verhältnismäßigkeit
Das Recht auf Selbstverteidigung kann individuell oder kollektiv ausgeübt werden.
Individuelle Selbstverteidigung bezeichnet die Abwehrhandlung des betroffenen Staats
selbst. Von kollektiver Selbstverteidigung spricht man, wenn andere Staaten dem
betroffenen Staat zu Hilfe kommen. Dafür muss aber der angegriffene Staat seine
Zustimmung erteilen.

Beispiele:
- Art 5 des Nordatlantikvertrags 1949 sieht eine Beistandspflicht vor, der zufolge ein
Angriff auf eine oder mehrere NATO-Mitglieder als ein Angriff gegen sie alle gesehen
wird
- Beistandsklausel in Art 42(7) EUV
- Interamerikanische Vertrag über gegenseitigen Beistand
- Der mittlerweile aufgelöste Warschauer Pakt von 1955, in dem sich die Sowjetunion
und die damals sozialistischen Staaten zusammenschlossen, um ein Gegengewicht
zur NATO zu bilden

Ein Beispiel zum kollektiven Selbstverteidigungsrecht:


I September 2014 begannen Luftangriffe der USA und einiger arabischer Staaten gegen die in
Syrien gelegenen Stellungen des IS. Es handelte sich um eine nicht-staatliche bewaffnete
gruppe, die weite Teile Syriens kontrollierte und von dort aus auch irakisches Gebiet erobern
konnte. Die irakische Regierung bat daraufhin die USA um Unterstützung. Die Luftangriffe in
Irak der USA verletzten nicht das Gewaltverbot, weil das Einverständnis des Iraks vorlag. Die
Luftanschläge in Syrien waren auch legitim aufgrund des kollektiven
Selbstverteidigungsrechts Iraks.

Der UN-SR ist von der Vornahme einer Selbstverteidigungshandlung zu informieren.

1. Gegenwärtigkeit

→zeitliches Naheverhältnis zwischen Angriff und Verteidigungshandlung notwendig

Wenn der Angriff zehn Jahre zurückliegt, wird man sich schlecht auf Selbstverteidigung
berufen können. → Zeit für militärische Vorbereitungen und Verzögerungstaktiken sind aber
zu berücksichtigen

2. Notwendigkeit

→ nur, wenn friedliche Mittel der Streitbelegung nicht erfolgsversprechend erscheinen

3. Verhätnismäßigeit

→ schwer zu beurteil, was verhältnismäßig ist

Einsatz von Nuklearwaffen jemals verhältnismäßig? → in Nuklearwaffen-Gutachten konnte


der IGH diese Frage nicht beantworten

8) Was ist ein „bewaffneter Angriff“ und in welchem Zusammenhang ist das relevant?
Das Recht auf Selbstverteidigung steht nur zu, wenn ein bewaffneter Angriff vorliegt.

Es ist aber zu unterscheiden:

- Art 2 (4) UN-Charta spricht von Gewaltanwendung


- Art 39 UN-Charta spricht von Angriffshandlung
- Art 51 UN-Charta spricht von bewaffnetem Angriff
-
Der bewaffnete Angriff ist also im Zusammenhang des Recht auf Selbstverteidigung relevant.

Neben militärischen Kampfmitteln können auch schadhafte Eingriffe in Computernetzwerke


eines Staates einen bewaffneten Konflikt darstellen.
Der bewaffnete Angriff muss allerdings eine gewisse Intensität aufweisen.

→ nicht jede Verletzung des Gewaltverbot stellt ein Angriff iSd Art 51 dar, aber jeder
bewaffneter Angriff ist Verletzung von gewaltverbot

Gegen kleine Grenzzwischenfälle steht das Selbstverteidigungsrecht ebenso wenig zu wie


gegen Staaten, die Rebellen bei ihrem Kampf fegen eine Regierung mit Waffenlieferung und
Ausbildungsprogrammen unterstützen. Sie verstoßen zwar das Gewaltverbot, sind aber
keine bewaffneten Angriffe.

→ sehr strittig, wann diese Mindestintensität vorliegt, in der Praxis ist daher eher die
Intensitität bei der Beurteilung der Verhältnismäßigkeit einer Selbstverteidigungshandlung
eine Rolle

Accumulation of events-Theorie: → beschäftigt sich mit der Frage, ob kleine vereinzelte


Angriffe, für sich genommen einen bewaffneten Angriff darstellen → ist offen und nicht
geklärt

→ Resolution 3314 oft zur Interpretation herangezogen: genannte Handlungen sind nicht
nur Angriffshandlungen, sondern auch bewaffnete Angriffe

Einige Staaten (wie Australien, USA, Russland, Kanada) vertreten die Ansicht, dass der Schutz
eigener Staatsangehöriger im Ausland durch das Selbstverteidigungsrecht gedeckt ist und
jedenfalls in akuten Bedrohungsszenarien minimal-invasive Rettungsoperationen rechtfertigt

Fraglich ist zudem, ob das Selbstverteidigungsrecht auch gegen nicht-staatliche Akteure oder
lediglich gegen Angriffe durch andere Staaten zusteht.
→ Mauerbau-Gutachten: Hier vertrat der IGH die Ansicht, dass es nur gegen Angriffe durch
Staaten zusteht, was aber viele Richter zu kritischen Reaktionen veranlasste. Jedoch betonte
der IGH in diesem Zusammenhang den Status Israels als Besatzungsmacht. Daher sollte das
Gutachten so verstanden werden, dass der IGH die Berufung auf das
Selbstverteidigungsrecht gegen Angriffe aus besetzten Gebieten ausschließen wollte.
→ Der IGH scheint der Frage aus dem Weg zu gehen.
Gegen eine Einschränkung auf Angriffe durch Staaten spricht der Wortlaut des Art 51, da
dieser sich nicht nur auf diese beschränkt.
Weiters stützte man sich nach 9/11 und den Angriffen der IS auf das
Selbstverteidigungsrecht, weshalb die Al-Khaida in Afghanistan und die Taliban (die damalige
Regierung, die ihnen einen sicheren Hafen baten) gestützt wurden und angegriffen und der
IS in Syrien und im Irak.

USA vertritt die Ansicht, dass man gegen nicht-staatliche bewaffnete Gruppen vorgehen
kann, wenn der betroffene Staat nicht willens oder nicht in der Lage ist, gegen diese
vorzugehen. Diese Ansicht ist aber insofern problematisch, da Terroranschläge sich nie
„immer“ verhindern lassen werden können und man sofort als „nicht in der Lage“ eingestuft
werden würde.

Conclusio: Das Selbstverteidigungsrecht steht jedenfalls gegen solche nicht-staatlich


bewaffnete Gruppen zu, die eine gewisse Gebietskontrolle ausüben. Man kann sich aber
dann nur gegen die jeweilige Gruppe verteidigen und nicht gegen die Regierung des
betroffenen Staates.

Wann steht Art 51 zu?


→ Wenn ein Angriff tatsächlich erfolgt ist oder wenn einer unmittelbar bevorsteht
(präemptive Selbstverteidigung)

9) Dürfen Staaten auf Einladung anderer Staaten auf deren Territorium intervenieren?
Welche Probleme können sich daraus ergeben?

Ja, dürfen sie. Dies stellt ein Sonderfall dar. Da eine Zustimmung der Regierung vorliegt, wird
dadurch die Souveränität und das Gewaltverbot des jeweiligen Landes nicht verletzt.

Im Nicaragua-Fall wurde klar gestellt, dass solch eine Einladung nicht von nicht-staatlichen
bewaffneten Gruppen ergehen kann. Eine Einladung der rechtmäßigen Regierung ist daher
unerlässlich.

Problematisch ist, dass dieses Instrument in der Vergangenheit oftmals missbraucht wurde.
Es ist ja auch nicht immer klar, ob eine Einladung wirklich vorliegt und ob sie von einem dazu
befugten Organ ausgesprochen wurde.

Aktuelles Beispiel: Im Zuge der Krimkrise 2014 präsentierte Russland ein Schreiben des durch
das Parlament abgesetzten ehemaligen ukrainischen Präsidenten Janukowytsch

Es kann zudem dazu kommen, dass Diktaturen ihre Macht durch Hilfe von außen auch gegen
den Willen des Volkes absichern, was das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen
Bevölkerung verletzen würde. → Daher darf in Bürgerkriegen keine Konfliktpartei, also auch
nicht die Regierung, auf Basis einer Einladung unterstützt werden.

10) Was ist eine humanitäre Intervention? Wo liegt der Unterschied zum Prinzip der
Schutzverantwortung?

Bei humanitären Interventionen handelt es um die Vornahme nicht durch den UN-SR
autorisierten und insofern rechtswidrigen militärischen Maßnahmen zum Schutz
fundamentaler Menschenrechte.
→ Es würde auch die Gefahr bestehen, wenn das nicht verboten wäre, dass das missbraucht
wird.

So waren die Luftangriffe der NATO gegen Serbien in 1999, dessen Anlass die
schwerwiegenden Menschenrechtverletzungen im damals zur Bundesrepublik Jugoslawien
gehörenden Kosovo waren, unzulässig. Man sagt sie seien unzulässig, aber legitim.

Das Prinzip der Schutzverantwortung ist ein politisches Konzept, das die Verantwortung von
Staaten gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung betont. Sofern sie diese nicht ausreichend
schützen, geht die Verantwortung auf die internationale Staatengemeinschaft über, die auch
militärische Maßnahmen setzen kann. Dafür ist aber eine Autorisierung des UN-SR
erforderlich → keine zusätzliche Ausnahme zum Gewaltverbot

Der Unterschied liegt also genau darin, dass humanitäre Interventionen unzulässig sein, weil
sie nicht autorisiert wurden und das Prinzip der Schutzverantwortung ist rechtmäßig und
autorisiert. Man nennt es auch R2P (responsibility to protect) → Spannungsverhältnis
Souveränität und Menschenrechte

Die R2P besteht aus drei Säulen:

- Die erste Säule betont die primäre Verantwortung des Staats, seine Bevölkerung vor
Genozid, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnischen
Säuberungen sowie der Anstiftung zu diesen zu schützen.
- Zweitens soll die internationale Gemeinschaft Staaten dazu anregen und dabei
unterstützen, diese Pflichten wahrzunehmen.
- Wenn ein Staat dabei versagt, seine Bürger vor den genannten Verbrechen zu
schützen, geht seine Verantwortung auf die internationale Gemeinschaft über. Diese
hat geeignete diplomatische, humanitäre und andere denkbare Mittel zu ergreifen.
Sie muss dabei auch bereit sein zum Schutz der Bürger im Rahmen der UN-Charta
gemeinsam vorzugehen. Als ultima ratio steht die Anwendung von Waffengewalt im
Rahmen des Systems kollektiver Sicherheit zu.

→ keine zusätzliche Grundlage für Anwendung von Gewalt, sondern diese ist die absolute
Ausnahme

Rechtlich stellt die dritte Säule eine politische Absichtserklärung dar, die insbesondere die
ständigen Mitglieder des UN-SR dazu aufruft, bei Vorliegen eines oder mehrerer der vier
genannten Tatbestände effektiv und zügig zu handeln. Ob es sich auch um im Entstehen
befindliches Recht handelt oder überhaupt handeln soll, etwas, um den ständigen
Mitgliedern in klar gelagerten Fällen den Gebrauch des Vetos zu untersagen, ist höchst
strittig.

11) Was sind Friedenserhaltende Operationen?

Ursprünglich handelte es sich um unbewaffnete Einsätze zur Überwachung von


Waffenstillständen. Mit dem Ende des Kalten Krieges kam es zu einem grundlegenden
Wandel Friedenserhaltender Operationen. → zweite Generation: Es traten diverse
friedensschaffende Aufgaben im Vordergrund, wie die Unterstützung bei der Abhaltung von
Wahlen und dem Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen, die Überwachung
menschenrechtlicher Standards oder gesellschaftliche Wiedereingliederung ehemaliger
Soldaten.
Die dritte Genration der PKO stellte neue Herausforderungen. Sie markierten den Beginn
solcher Einsätze auf Grundlage von Kap VII UN-Charta und fanden nicht nach Beendigung der
Kampfhandlung, sondern noch während laufender Konflikte statt. Es gab keinen zu
gewährleistenden Frieden, sondern sollte erst durchgesetzt werden durch zivile
Komponenten und militärische Aufgaben, wie die Entwaffnung von nicht-staatlichen
Gruppen, die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Ordnung, Begleitschutz bei
Hilfslieferungen und der Schutz von Zivilisten durch zB Errichtung von Sicherheitszonen.

Vierte Generation: Die VN übernahmen in Bosnien-Herzegowina die Umsetzung des


Daytoner Friedensabkommen von 1995 → Aufbau staatlicher Strukturen → 1996 gelangte
Ostslawien (Kroatien) unter vorübergehende Verwaltung, 1999 folgten Osttimor und der
Kosovo

Voraussetzungen sind aber:


- Zustimmung der betroffenen Parteien
- Unparteilichkeit (Unparteilichkeit iS von fair sein, aber nicht Neutralität iS Inaktivität
→ Es ist gegen die friedensstörende Partei direkt vorzugehen)
- Minimum an Gewaltanwendungen, entweder zu Selbstverteidigungszwecken oder
zur Umsetzung des jeweiligen Mandats.

12) Darf Nordkorea Nuklearwaffen herstellen?


13) Was sind die Aufgaben der Vorbereitungskommission der CTBTO?

1. Atomwaffensperrvertrag/Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen/Treaty


on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons

→ 191 Mitglieder

Es handelt sich um einen multilateralen Vertrag, in dem sich die fünf offiziellen
Atomwaffenstaaten (China, Frankreich, Russland, USA und UK) dazu verpflichten, gutgläubig
Verhandlungen über die vollständige Abrüstung in diesem Bereich zu führen. Eine derartige
Verhandlungspflicht wurde vom IGH im Nuklearwaffen-Gutachten auch bestätigt. Außerdem
verpflichten sie sich, keinen anderen Staat bei der Erlangung von Atomwaffen in irgendeiner
Form zu unterstützen. Sie dürfen vor allem Nichtatomwaffenstaaten weder dazu ermutigen
noch ihnen einen Anlass geben.

Nichtatomwaffenstaaten verpflichten sich wiederum von solchen Bestrebungen Abstand zu


halten.

Zur Erreichung dieser Zwecke spielt die in Wien gelegene IAEA (International Atomic Energy
Agency) eine wichtige Rolle. → vereinbart mit Nichtatomwaffenstaaten
Sicherungsmaßnahmen, deren Einhaltung im Rahmen von Sicherheitskontrollen überprüft
wird:
- Zugang zum gesamten Herstellungsprozess inklusive Uranminen oder
Atommüllendlagern
- Umweltproben entnehmen, auch der untersuchten Anlagen
- Kurzfristig angemeldete Überraschungsbesuche
- Unterstützt beim Austausch zur friedlichen Nutzung von Atomenergie

2. Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre im Weltraum


und unter Wasser von 1963

→ unter der Erde aber noch erlaubt außer, wenn sie einen radioaktiven Ausfall außerhalb
des territorialen Bereiches des Staats verursacht, unter dessen Jurisdiktion oder Kontrolle
die Explosion erfolgt

3. Abkommen über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen/Comprehensive


Nuclear-Test-Ban Treaty/CTBT

→ nicht in Kraft, da acht von den 44 Staaten nicht ratifiziert haben

Sobald diese Ratifikation erfolgt sind, wird eine eigene Internationale Organisation für die
Überwachung des Vertrags geschaffen, die Organisation des Vertrags (CTBTO) über ein
umfassendes Verbot von Nuklearversuchen → bis dahin besteht seit 1997 eine
Vorbereitungskommission der CTBTO mit Sitz in Wien → treibt Ratifikation voran und
errichtet ein globales Überwachungssystem mit 321 Messstationen und 16 Laboratorien

4. Vertrag über das Verbot von Kernwaffen


→ Verbote, Nuklearwaffen zu erwerben, zu besitzen oder einzusetzen; Nuklearwaffen sollen
vollkommen zerstört werden

→ trat 22.01.2021 in Kraft und 56 Länder haben ihn ratifiziert, aber es ist nicht zu erwarten,
dass die offiziellen Atomwaffenstatten des Atomwaffensperrvertrags oder der Iran und
Nordkorea in absehbarer Zeit beitreten werden

XII. Humanitäres Völkerrecht

1) Wann kommt das humanitäre Völkerrecht zur Anwendung?

Das humanitäre Völkerrecht bezeichnet jene Rechtsnormen, die ausschließlich im Falle


bewaffneter Konflikte zur Anwendung kommen → ius in bello
Es soll dadurch unnötiges Leid verhindert werden, welches in bewaffneten Konflikten
vorkommt. Sämtlich unmittelbar betroffene Personen, von Soldaten bis hin zu Zivilisten,
sollen möglichst human behandelt werden. Ferner beinhaltet es Regeln zum Schutz von
zivilen Einrichtungen und Gebäuden aller Art bis hin zur Umwelt und Kulturobjekten.

Rechtsquellen sind die vier Genfer Konventionen aus dem Jahr 1949:

- Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten, Kranken und
bewaffneten Kräfte im Felde
- Genfer Abkommen zur Verbesserung des Loses der Verwundeten, Kranken und
Schiffbrüchigen der bewaffneten Kräfte zur See
- Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen
- Genfer Abkommen über den Schutz der Zivilpersonen in Kriegszeiten

+ zwei Zusatzprotokolle (1 präzisiert Regelungen über internationale bewaffnete Konflikte


und 1 behandelt nicht-internationale bewaffnete Konflikte)

Alle UN-MS sind Vertragsparteien der Genfer Konventionen und auch der Großteil der
Staatengemeinschaft gehört den Zusatzprotokollen an.

→ einige Staaten nicht Protokollen beigetreten, aber es hat Völkergewohnheitsrecht-


wirkung

Es gilt keine negative Reziprozität: Keine Partei kann eigene Verstöße gegen das humanitäre
VR mit vorangegangen Verstößen der Gegenseite rechtfertigen.

2) Was besagt die Martenssche Klausel?

Diese ist in der Präambel zum zweiten Übereinkommen der ersten Haager
Friedenskonferenz (die Mantelkonvetion) der ursprünglichen Haager Landkriegsordnung →
Regelungen über Kriegsordnung selbst und nicht wie Genfer Konventionen Regeln zum
Schutz verwundeter Soldaten etc) enthalten und ist eine von 1899 formulierte und auf den
russischen Delegierten in Den Haag zurückgehende Klausel. Sie verweist neben der
Bedeutung des Völkergewohnheitsrechts auf das „öffentliche Gewissen“ und die
„Grundsätze der Menschlichkeit“, womit sie eine Verbindung zwischen positivem Recht und
Naturrecht herstellt. Sie kann vor allem bei der Fortentwicklung des humanitären
Völkerrechts, der Interpretation von Verträgen oder bei Regelungslücken zur Anwendung
kommen. Ihre rechtliche Bedeutung ist aber genauso wie ihr Umfang unklar.

3) Welche Unterscheide und Gemeinsamkeiten bestehen zwischen internationalen


und nicht-internationalen bewaffneten Konflikten?

Ein internationaler bewaffneter Konflikt liegt vor, wenn zwei oder mehrere Staaten
gegeneinander Waffen einsetzen, in der Regel durch bewaffnete Streitkräfte. Fraglich ist, ob
eine gewisse Intensitätsschwelle überschritten werden muss oder jede militärische
Auseinandersetzung, wie isolierte Vorfälle, etwa der Abschuss eines einzelnen Flugzeugs,
zwischen zwei Staaten erfasst ist. Das humanitäre Völkerrecht ist aber auch anzuwenden,
wenn ein Staat in fremde Gebiete einmarschiert und dort auf keine Gegenabwehr trifft.

Nicht-internationale bewaffnete Konflikte sind vom allen vier Genfer Konventionen


gemeinsamen Artikel 3 abgedeckt. Dieser spricht von Konflikten, die keinen internationalen
Charakter aufweisen und auf dem Gebiet von lediglich einem Staat ausbrechen. Erfasst sind
sowohl Konflikte zwischen einer Regierung und nicht-staatlichen bewaffneten Gruppen als
auch solche, die ausschließlich zwischen nicht-staatlichen Gruppen geführt werden.
Notwendig ist ein Mindestmaß an Intensität der Kampfhandlungen. → innere Unruhen und
Spannungen wie Tumulte nicht erfasst
Dieser Artikel 3 ist die einzige Bestimmung der Genfer Konventionen, die in nicht-
internationalen bewaffneten Konflikten zur Anwendung kommt.

Ein Indikator für das Vorliegen eines nicht-internationalen bewaffneten Konflikts wäre der
Einsatz des Militärs im Inneren. Weiters müssen nicht staatliche-bewaffnete Gruppen ein
Mindestmaß an Organisation haben → keine Plünderer oder Einzelkämpfer

Internationale bewaffnete Konflikte sind weitaus stärker geregelt. Auf nicht-internationale


Konflikte sind nur
- der Artikel 3 aus den Genfer Konventionen anwendbar sowie
- Protokoll I. → Anwendungsbereich des Protokoll II aber enger als Art 3, da nur
Konflikte zwischen den staatlichen Streitkräften und nicht-staatlichen Gruppen
erfasst sind, die einen gewissen Organisationsgrad aufweisen und ein Mindestmaß an
Kontrolle über einen Teil des betroffenen Staatsgebiets ausüben; Kampfhandlungen
zwischen nicht-staatlichen Gruppen untereinander nur unter Art 3 erfasst

Zudem hat Protokoll II weniger Regeln. Weiters enthalten Protokoll II und Art 3 keine
Bestimmungen zu Kriegsverbrechen und der strafrechtlichen Verantwortung oder zu den
Methoden und Mitteln der Kriegsführung, weshalb die Regelungen als zahnlos gelten.

-→ problematisch, da nicht-internationale Konflikte seit Ende des 2. WK häufiger sind

Im Zuge des Tadic-Verfahren hielt das ICTY 1995 fest, dass was unmenschlich in
internationalen Konflikten ist, auch als unmenschlich in nicht-internationalen Konflikten
gelten kann

→ IKRK und SR für Angleichung der Regelungen und schließen sich dem an, dass Regelungen
auf beide Konflikte angewendet werden soll

Daher sind die Regelungen, wenn es sinnvoll ist, auch auf nicht-internationale bewaffnete
Konflikte anzuwenden. → manche Bestimmungen, wie die zu Kriegsgefangenen, gelten nur
in internationalen Konflikten

4) Wie ist der Angriff auf militärische Ziele zu beurteilen, wenn dadurch auch
Zivilpersonen und zivile Objekte zu Schaden kommen könnten?

Im Krieg gelten zwei Grundsätze:

- Prinzip der Unterscheidung


- Verbot, Kombattanten unnötiges Leid zuzufügen

Nach dem Prinzip der Unterscheidung muss stets streng zwischen Zivilisten und
Kombattanten bzw zwischen militärischen und nicht-militärischen Objekten unterschieden
werden. Während Zivilisten respektive zivile Einrichtungen niemals direkt angegriffen
werden dürfen, stellen Kombattanten und militärische Objekte legitime Angriffsziele dar.
Nach einer Ansicht können Kombattanten während eines Konflikts überall und jederzeit
angegriffen werden. Das IKRK bestreitet ein derart uneingeschränktes Recht auf Töten.
Genauere Einschränkungen hat es bislang jedoch nicht formuliert. Im Zweifelsfall muss
davon ausgegangen werden, dass es sich bei Personen und Objekten um Zivilisten respektive
zivile Einrichtungen handelt.

In diesem Zusammenhang ist auch das Proportionalitätsprinzip zu beachten: Wenn bei


einem Angriff auf militärische Ziele damit zu rechnen ist, dass er auch zivile Opfer fordern
bzw zivile Gebäude treffen könnte, ist das Verhältnis zum erwartenden konkreten und
militärischen Vorteil zu wahren. Sollte sich unmittelbar davor oder während des Angriffs
herausstellen, dass er das Proportionalitätsprinzip verletzt, muss er abgebrochen werden.
Zudem sind Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um zivile Opfer und Schäden an zivilen
Gebäuden gering zu halten. → zB Warnungen für Zivilbevölkerung, Informationen, wohin
man sich in Sicherheit begeben kann (aus taktischen Gründen kann aber eine Verpflichtung
entfallen).

Was sind aber Zivilisten?

In internationalen bewaffneten Konflikten gilt jeder als Zivilist, der kein Kombattant ist, also
nicht den Streitkräften eines Staats angehört. Heimtückische Handlungen wie das
Vortäuschen eines Zivilistenstatus oder von Kampfunfähigkeit infolge von Verwundungen
sind verboten.
In nicht-internationalen bewaffneten Konflikten ist unklar, ob die Mitgliedschaft in nicht-
staatlichen bewaffneten Gruppen als solche zum Verlust der Zivilistenstatus führt oder nur
jene betroffen sind, die regelmäßig direkt an den Kampfhandlungen teilnehmen. Fest steht,
dass Zivilisten, die direkt an den Kampfhandlungen teilnehmen, legitime Angriffsziele
darstellen. Dies liegt vor, wenn:

- ein gewissen Maß an Schadenszufügung stattfindet,


- ein Kausalzusammenhang zwischen der Handlung oder der Militäroperation, zu der
sie entscheidend beiträgt, und dem wahrscheinlich eintretenden Schaden besteht,
sowie
- die Verfolgung des Ziels, den Schaden zugunsten einer Konfliktpartei und zulasten
einer anderen herbeiführt.

→ Selbstverteidigungshandlungen oder nicht-militärische Tätigkeiten, wie Betreuen von


Webauftritten in sozialen Netzwerken zählen nicht dazu;
Dazu zählt aber zB das Fahren eines mit Kampfmitteln beladenen Lastwagen ins Kampfgebiet
→ hängt nämlich damit zusammen.

Targeted killings (gezieltes Töten von Einzelpersonen) ist nur rechtmäßig – wenn sie im
Anwendungsbereich des humanitären VR geschehen -, wenn die Zielperson für eine nicht-
staatliche bewaffnete Gruppe kämpft, als Kombattant einzustufen ist oder sich direkt an
Kampfhandlungen beteiligt.
Außerhalb von bewaffneten Konflikten sind gezielte Tötungen aus Basis des Rechts auf
Leben zu beurteilen.

Zivile Objekte= nicht-militärische Objekte


Militärische Objekte sind in Art 52 Protokoll I als Objekte definiert, die aufgrund ihrer
Eigenschaften (Standort, Zweck oder Verwendung) einen effektiven Beitrag zu
Kampfhandlungen leisten und deren teilweise oder komplette Zerstörung bzw Eroberung
einen militärischen Vorteil mit sich bringt. → wirtschaftliche Objekte wie Fabriken, die den
gegnerischen Kriegseinsatz unmittelbar unterstützen (zB Herstellung von Stahl zu
Rüstungszwecken), sind daher auch legitime Angriffsziele

5) Wie verhalten sich die Menschenrechte zum humanitären Völkerrecht?

Das humanitäre VR kommt nur in bewaffneten Konflikten zur Anwendung und bezieht sich
nur die damit im Zusammenhang stehenden Menschen, während MR jederzeit und für alle
Menschen gelten. Das humanitäre VR bindet zudem jeden und bei MR ist es umstritten,
inwiefern nicht-staatliche Akteure auch davonverpflichtet werden. In der Lehre setzt sich die
Ansicht immer mehr durch, dass eine derartige Bindung besteht – insbesondere, wenn nicht-
staatliche Akteure territoriale Kontrolle ausüben. In bewaffneten Konflikten gelten daher
beide Rechtsbereiche gleichzeitig. Sie können sich ergänzen, aber auch widersprechen. Es
gilt dann der lex-specialis-Grundsatz, wonach die detailliertere und speziellere Norm gilt.

6) Worum handelt es sich bei der Kommandantenverantwortlichkeit?

Jeder der Genfer Konventionen verpflichtet ihre Vertragsparteien, alle notwendigen


gesetzgeberischen Maßnahmen zur Festsetzung von angemessenen Strafbestimmungen für
solche Personen zu treffen, die schwere Verletzungen der jeweiligen Genfer Konvention
begehen oder zu einer solchen Verletzung den Befehl erteilen.
Staaten haben im verdachtsfall entsprechende Ermittlungen gegen eigene Staatsbürger,
Angehörige ihrer Streitkräfte oder sonstige Personen, die auf ihrem Staatsgebiet
Kriegsverbrechen begangen haben könnten, durchzuführen und gegebenenfalls Verfahren
einzuleiten.

Befehlshaber oder Vorgesetze sind nicht nur auf ihre Anordnung begangene Verletzungen
verantwortlich, sondern auch für solche, von denen sie wussten oder wissen mussten, wenn
sie nicht alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um diese zu behindern bzw die Täter zu
bestrafen. = Kommandantenverantwortlichen
→ trifft nicht nur militärische Befehlshaber, sondern auch zivile (Ober-)Aufseher und nicht
nur bei offizieller, formell übertragener Befehlsgewalt, sondern auch in Fällen, in denen sie
faktisch vorliegt. → Celebici-Fall

XIII. Sonderregime

1) Welche Zonen kennt das Seerecht?


2) Welche Rechte genießen Staaten in den verschiedenen Zonen des Seerechts?

Es gibt:
- Die inneren Gewässer
- Das Küstenmeer
- Anschlusszone
- Ausschließliche Wirtschaftszone
- Festlandsockel
- Hohe See
Alle Zonen werden von der Basislinie berechnet. Diese entspricht der Niedrigwasserlinie,
dem durchschnittlichen Ebbestand des Wassers. Ist der Küstenverlauf jedoch stark
zerklüftet, buchtenreich oder von küstennahen Inseln umsäumt, so können auch gerade
Basislinien gezogen werden. In solchen Fällen besteht die Basislinie aus der kürzesten
Verbindung zwischen Punkten am äußeren Rand der Einbuchtungen oder Inseln. Dabei
dürfen die so gezogenen Basislinien nicht erheblich von der allgemeinen Richtung der Küste
abweichen.

Besondere Herausforderungen bringt auch der Anstieg des Meeresspiegels. Dieser führt
nicht nur zum Verlust von Staatsgebiet, sondern auch zu einer Verlagerung der Basislinien
landwärts. Veränderungen in der Basislinien wiederum haben Einfluss auf die äußere
Begrenzung aller maritimen Zonen. So würde das landwärtige Teil des Küstenmeers zu
inneren Gewässern, der seewärtige Teil des Küstenmeers zu ausschließlicher
Wirtschaftszone usw. → kann zu großen Konflikten zwischen Staaten führen, da mit den
Zonen einzelne Rechte zusammenhänge, wie das Recht der friedlichen Durchfahrt

→ keine Einigkeit darüber, wie man mit dem Problem umgehen soll
- Man könnte die äußere Begrenzung der maritimen Zonen in regelmäßigen
Zeitabständen an die wandernden Basislinien anpassen, was Binnenstaaten
zugutekommen würde, weil sich damit die Hohe See ausbreiten würde.
- Man könnte auch eine rechtliche Fixierung der Basislinien oder der äußeren
Begrenzungen der maritimen Zonen vornehmen, was die Küstenstaaten begünstigen
würde, weil die Meereszonen, in denen ihnen besondere Rechte zustehen,
kontinuierlich wachsen würden.
1. Innere Gewässer

Die landwärts der Basislinie gelegenen Gewässer. Im Bereich der inneren Gewässer genießt
der Küstenstaat volle Souveränität. Schiffe fremder Staaten haben hier grundsätzlich kein
Durchfahrtsrecht. Einen Sonderfall stellen sogenannte Archipelgewässer, die sich aus
mehreren beisammen liegenden Inseln zusammensetzen, wie Indonesien, die Bahamas oder
Philippinen. Sie müssen fremden Staaten die friedliche Durchfahrt gewähren, da sie viel
Archipelgewässer besitzen, da die Basislinie am äußeren Rand der Inseln gezogen wird.

2. Küstenmeer und Anschlusszone

Küstenmeer= höchstens 12 sm von der Basislinie


→ nicht nur die Gewässer selbst, sondern auch der Luftraum darüber sowie der
Meeresboden
→ hier hat Staat volle Souveränität und es gilt das nationale Recht

Im Unterschied zu inneren Gewässern müssen Küstenstaaten im Küstenmeer die friedliche


Durchfahrt der Schiffe anderer Staaten dulden. Dieses Recht auf friedliche Durchfahrt gilt für
alle Handels- und Kriegsschiffe jedes Staats. Unterseeboote sind verpflichtet, im Küstenmeer
über Wasser zu fahren und ihre Flagge zu zeigen.
Die Durchfahrt muss dabei ohne Unterbrechung und zügig erfolgen.

Was ist nicht friedlich?


- Verschmutzung
- Fischen
- Waffenübungen
- Forschungsarbeiten

Ein Sonderregime gilt für Meerengen, die sich im Küstenmeer befinden. Das sind Seewege,
die der internationalen Schifffahrt zwischen zwei Teilen der Hohen See oder ausschließlichen
Wirtschaftszone dienen, wie beispielsweise die Straße von Gibraltar. Fremde Schiffe
genießen hier das Recht der Transfitdurchfahrt.
→ geht über das Recht der friedlichen Durchfahrt hinaus, da zB Unterseeboote unter Wasser
fahren dürfen und der Küstenstaat weniger Rechte in Bezug auf Suspendierung der
Durchfahrt sowie Ergreifung von Zwangsmaßnahmen bei Nichteinhaltung von
Rechtsvorschriften

Alles nach dem Küstenmeer gehört nicht mehr zum Staatsgebiet.

Anschließend folgt die Anschlusszone, die weitere 12 sm breit ist. In diesem Bereich kann der
Küstenstaat Maßnahmen setzen, um bestimmte Rechtsverletzungen, die in seinem
Hoheitsgebiet oder Küstenmeer begangen wurden, zu ahnden oder deren Begehung zu
verhindern. Dies betrifft folgende vier Bereiche:
- Zollgesetze
- Steuergesetze
- Einreisegesetze und
- Gesundheitsgesetze
3. Ausschließliche Wirtschaftszone und Festlandsockel

→ diese Regime der beiden Zonen sprechen Küstenstaat Rechte bezüglich Ausbeutung der
Meeresressourcen zu, ohne diesen Zonen zu Hoheitsgebiet dieser Staaten zu erklären.

Andere Staaten genießen in der ausschließlichen Wirtschaftszone wesentliche Rechte, die


ihnen auch in Bezug auf die Hohe See zukommen, so etwa

- die Freiheit der Schifffahrt,


- das Recht zum Betreten und
- das Recht der Nacheile.

Die AWZ erstreckt sich vom Ende des Küstenmeeres bis höchstens 200 sm von der Basislinie
aus.
Der Küstenstaat hat in dieser Zone das ausschließliche Recht zur Ausbeutung aller
natürlichen Ressourcen, was das Recht des Fischfangs umfasst.
Soweit diese nicht durch die Rechte des Küstenstaats eingeschränkt sind, genießen alle
anderen Staaten in der AWZ die Freiheiten der hohen See.
In Bezug auf die Ausbeutung des Meeresbodens hat der Küstenstaat seine Rechte in der
AWZ im Einklang mit dem Regime des Festlandsockels auszuüben.

Festlandsockel= jenseits des Küstenmeeres gelegener Meeresboden, der die natürliche


Verlängerung des abfallenden Landgebiets darstellt

Er kann weiter als die AWZ reichen weil er sich bis zur äußeren Kante des Festlandrands
erstreckt, von besonderen Umständen abgesehen jedoch höchstens bis zu einer Entfernung
von 350 sm. Er erstreckt sich jedenfalls bis wenigstens 200 sm jenseits der Basislinie.

Im Festlandsockel haben Küstenstaaten das ausschließliche Recht zur Ausbeutung


nichtlebender natürlicher Ressourcen des Meeresbodens und seines Untergrunds sowie
jener lebenden Ressourcen, die den sogenannten sesshaften Arten zugeordnet werden,
nicht jedoch der Lebewesen im Gewässer darüber, also insbesondere die Fischerei.
Sesshafte Arten = verbleiben entweder unbeweglich auf oder unter dem Meeresboden oder
können sich nur in ständigem körperlichem Kontakt mit dem Meeresboden oder seinem
Untergrund fortbewegen (Muscheln, Austern, Korallen) → Ausbeutung nichtlebender
Ressourcen wie Erdöl- und Erdgasvorkommen am wichtigsten

→ Nordseefestlandsockel-Fälle

4. Hohe See und Tiefseeboden

= Teile des Meeres, die nicht zur AWZ, zum Küstenmeer oder zu den inneren Gewässern
eines Staates gehören

→ steht allen Staaten zur Verfügung, egal ob Küsten- oder Binnenstaat


Es gilt die Freiheit der Meere und Okkupationsverbot. Freiheit der Meere umfasst:

- Freiheit der Schifffahrt


- Fischerei
- Freiheit des Überflugs und des Verlegens von Kabeln und Rohrleitungen

→ nur auf friedliche Nutzung beschränkt

Auf Hoher See unterstehen die Schiffe ausschließlich der Hoheit des Flaggenstaats
(Flaggenprinzip). Flaggenstaaten tragen bestimmte Pflichten, mit denen vor allem die
Sicherheit auf See gewährleistet werden soll. Um die Praxis von Billigflaggen zu verhindern,
verlangt Art 91 SRÜ zur Registrierung eines Schiffs durch einen Staat eine echte Verbindung.
→ genuine link

Nur der Flaggenstaat ist befugt, Zwangsmaßnahmen auf Hoher See zu ergreifen.
AUSSER: Kriegsschiffe auf Hoher See dürfen fremde Schiffe betreten, wenn begründeter
Anlass für den Verdacht besteht, dass das Schiff etwa Piraterie (Seeräuberei) oder
Sklavenhandel betreibt oder keine Staatsangehörigkeit besitzt → Recht zum Betreten
Im Falle von Piraterie darf das Schiff sogar besetzt, die Personen an Board festgenommen
und das Vermögen beschlagnahmt werden.

Küstenstaaten ist es zudem erlaubt, fremde Schiffe auch auf Hoher See zu verfolgen, wenn
begründeter Verdacht besteht, dass das Schiff noch im Hoheitsbereich des Küstenstaats
gegen Vorschriften verstoßen hat. Das geht nur, wenn die Verfolgung bereits in den Inneren
Gewässern, im Küstenmeer oder der Anschlusszone begann, sie ohne Unterbrechung
stattfand und dem verfolgten Schiff die Aufforderung anzuhalten zuvor mittels Schall- oder
Sichtsignal übermittelt wurde. → Recht der Nacheile

Tiefseeboden = gemeinsames Erbe der Menschheit → Internationale Meeresbodenbehörde


überwacht und organisiert, insbesondere Verwaltung der Ressourcen
→ nuklearwaffenfreier Raum

Streitbeilegung

→ Internationaler Seegerichtshof in Hamburg


- Besteht aus 21 Richtern, die auf 9 Jahre gewählt werden
- Entscheidet über Interpretation und Anwendung des SRÜ
- Komplex: Parteien können durch schriftliche Erklärungen wählen, ob sie
Streitigkeiten vor dem IGH, vor dem ISGH oder einem Schiedsgericht beilegen wollen

3) Was sie völkerrechtlichen Regelungen hinsichtlich der beiden Polarregionen?


4) Was wird im Antarktisvertrag geregelt?

Arktis= besteht aus (Eis-)Meer, das von Landmasse umgeben ist → Seerecht anwendbar, da
keine Landmasse
Es ist als Hohe See bzw Tiefseeboden zu sehen, da es von Staaten sehr weit weg ist. Daher
dürfen keine Staaten Gebietsansprüche stellen. Aufgrund der in der Arktis vorkommenden
natürlichen Ressourcen haben jedoch mehrere Anrainerstaaten Ansprüche gestellt, die
Arktis in ihre AWZ bzw Festlandsockel einzubeziehen. → Arktische Rat mit Sitz in Tromso,
Norwegen gegründet, in welchem auch die in der Arktis lebenden indigenen Völker
einbezogen werden

Die Antarktis (Südpol) ist eine Landmasse. → verschiedene Staaten stellten


Gebietsansprüche

Daraufhin wurde der Antarktisvertrag 1959 ausgearbeitet, in dessen Rahmen es weder zum
Verzicht noch zur Anerkennung von Ansprüchen kam, sondern die zwölf Vertragsstaaten
einigten sich darauf, ihre Gebietsansprüche ruhen zu lassen bzw einzufrieren.
Man einigte sich darauf, dass die Antarktis der friedlichen Nutzung vorbehalten ist, wie va
wissenschaftliche Forschung. Militärische Nutzung sowie Ausbeutung der Ressourcen sind
hingegen allen Staaten untersagt.

5) Wie unterscheidet sich die Nutzung von Ressourcen im Seerecht von jener im
Weltraumrecht? Gibt es innerhalb dieser räumlichen Sonderregime jeweils
Unterschiede?

Der Mondvertrag spricht davon, dass der Mond als gemeinsames Erbe der Menschheit, was
jedoch höchst umstritten ist. Daher sind auch wenige Staaten dem Mondvertrag
beigetreten. Demnach müsste es eine internationale Organisation geben, die die Verwaltung
übernimmt und das überwacht, wie das hinsichtlich des Tiefseeboden die Internationale
Meeresbodenbehörde macht.

6) Unter welchen Umständen dürfen Staaten ein fremdes Flugzeug abschießen?

Exkurs Luftfahrrecht:

Wichtigste Quelle für grenzüberschreitenden Luftverkehr:


- Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt von 1944 (Chicagoer Abkommen)

Zusätzliche Abkommen für strafbare und terroristische Handlungen in Zusammenhang mit


dem Flugverkehr:

- Abkommen über strafbare und bestimmte andere an Bord von Luftfahrzeugen


begangene Handlungen von 1963 (Tokioter Abkommen)
- Übereinkommen zur Bekämpfung der widerrechtlichen Inbesitznahme von
Luftfahrzeugen von 1970 (Den Haager Abkommen)
- Übereinkommen zur Bekämpfung widerrechtlicher Handlungen gegen die Sicherheit
der Zivilluftfahrt
- Übereinkommen über die Bekämpfung widerrechtlicher Handlungen mit Bezug auf
die internationale Zivilluftfahrt und das dazugehörige Protokoll (beides 2010)

1. Chicagoer Abkommen
→ umfasst nur Privatluftfahrzeuge, keine Staatsluftfahrzeuge, die militärischen oder
polizeilichen Aufgaben beispielsweise dienen

Fünf Freiheiten:
- das Recht, einen anderen Staaten ohne Zwischenlandung zu überfliegen
- das Recht auf Zwischenlandung aus technischen Gründen – etwa um zu tanken –
oder um Passagiere oder Fracht aufzunehmen
- das Recht, Passagiere und Fracht aus dem Staat, dem die Fluglinie angehört, in einem
anderen Staat zu fliegen
- Passagiere und Fracht aus einem anderen Staat zurück in den Staat zu bringen, dem
die Fluglinie angehört
- Der Transport von Passagieren und Fracht zwischen zwei Drittstaaten, der in dem
Staat, dem die Fluglinie angehört, entweder beginnt oder endet

Vier weitere Freiheiten, die nicht multilateral verankert sind und daher nur bestehen, wenn
Staaten sie vertraglich festlegen:
- Recht, Passagiere und Fracht mit einem Zwischenstopp in dem Staat, dem die
Fluglinie angehört, zwischen zwei Drittstaaten zu befördern
- Recht, ohne räumlichen Bezug zum Heimatstaat der Fluglinie Passagiere und Fracht
zwischen zwei Drittstaaten zu befördern
- Recht, einen Flug im Heimatstaat der Fluglinie zu beenden oder zu beginnen, der
innerhalb eines Drittstaats hält, um Passagiere und Fracht zu befördern sowie
- Reine Inlandsflüge innerhalb eines Drittstaats

→ innerhalb EU gelten für alle EU-Fluggesellschaften sämtliche Luftverkehrsfreiheiten samt


Recht auf Inlandsflüge

Weiters ist die Anwendung von Waffengewalt gegen Privatluftfahrzeuge nach dem
Chicagoer Abkommen explizit verboten gem Art 3bis! Staaten können aber die Landung
eines Luftfahrzeugs verlangen, wenn keine entsprechende Bewilligung vorliegt oder es für
den Zielen des Chicagoer Abkommens zuwiderlaufende Zwecke verwendet wird.
Anweisungen von Seiten des überflogenen Staats sind zu befolgen. Beim Abfangen eines
Privatluftfahrzeugs ist dessen Sicherheit zu wahren bzw darf es zu keiner Gefährdung des
Lebens der Passagiere kommen. → missbräuchliche Anwednung durch Belarus in 2021 als
ein Ryanair-Flug von Ahten nach vilnius belorussisches Staatsgebiet überflog, um einen
Oppositionellen festzunehmen mit der Begründung, dass sich angeblich eine Bombe der
Hamsa an Bord befand

Wann ist ein Abschuss aber erlaubt?

Man könnte es rechtfertigen, wie bei einem Fall wie 9/11, da es sich hierbei um einen
bewaffneten Angriff handelt. Das rechtfertigt einen Abschuss. Art 3 bis des Chicagoer
Abkommen sagt auch, dass die UN-Charta Rechte und Pflichten unberührt bleiben.

Internationale Zivilluftfahrtorganisation: ICAO in Montreal → Spezialorganisation

7) Gibt es im Weltraum eine Gefährdungshaftung?


Quellen:
- Weltraumvertrag 1967
- Mondvertrag 1979 (wird als gescheiterter Vertrag betrachtet → ist zwar in Kraft, aber
nur 18 Staaten sind beigetreten)
+ weitere Abkommen
Es gilt das Prinzip der friedlichen Nutzung des Weltraums. Der Weltraum unterliegt keiner
territorialen Zuteilung wie etwa der nationale Luftraum und kann von keinem Staat
angeeignet werden.

Zusätzlich zur völkerrechtlichen Verantwortlichkeit besteht ein verschuldensunabhängiges


Haftungssystem (liabilty) für den Staat, von dem aus ein Weltraumgegenstand gestartet
wird. Dieses System der Gefährdungshaftung hat sowohl in den Weltraumvertrag als auch in
das Weltraumhaftungsübereinkommen Eingang gefunden. Letztere sieht aber nur eine
Haftung für Schäden auf der Erdoberfläche und an Flugzeugen im Luftraum, nicht für
Schäden, die im Weltraum verursacht werden – dies schließt natürlich Schäden an Personen
mit ein, zum Beispiel Astronauten in der Internationalen Raumstation ISS. Hier müsste
Verschulden des Staates vorliegen (responsibilty).

8) Was ist die ICANN?

Um eine problemfreie Funktionalität des Internets gewährleisten zu können, war eine


Instanz notwendig, welche IP-Adressen zuteilt, die einen einzelnen Rechner im Internet
identifzieren. Dazu gehört auch, dass Domainnamen, die Webseiten beherbergen nicht mehr
mehrfach zugeteilt werden. Unter der Regierung von Bill Clinton wurde dafür 1998 mit dem
Joint Project Agreement die Internet Corporation for Assigned Numbers and Names (ICANN)
gegründet. → internationale Organisation sui generis, hat Verflechtungen mit Völkerrecht,
aber Einordnung ins VR unzureichend gelungen → formell ist es eine nach kalifornischem
Recht bestehende Privatstiftung

Sie arbeitet formell unabhängig von Regierung der USA. Dennoch muss es dem
Handelsministerium regelmäßig über seine Entscheidungen berichten.

XIV. Internationales Wirtschaftsrecht

1) Was besagt der Grundsatz der Nicht-Diskriminierung? Welche bedeutende


Ausnahme gibt es im Welthandelsrecht?

Das Prinzip der Nicht-Diskriminierung umfasst:


- das Meistbegünstigungsprinzip (MFN)
- den Grundsatz der Inländergleichbehandlung
Das MFN findet sich für Waren insbesondere in Art I(a) GATT und für Dienstleistungen in Art
II(1) GATS. Es handelt sich um eine der zentralen Verpflichtungen des Welthandelrechts. →
Jede Begünstigung, die ein WTO-Mitglied einem Mitglied oder einem Nicht-Mitglied in Bezug
auf eine bestimmte Ware oder eine bestimmte Dienstleistung zukommen lässt, ist auch allen
anderen WTO-Mitgliedern zu gewähren. Damit wird die bestmögliche Behandlung aller
WTO-Mitglieder gewährleistet. Diskriminierung zwischen einzelnen Handelspartnern ist
untersagt.
Es bestehen aber bedeutsame Ausnahmen:
Zollunionen und Freihandelszonen sind von der Meistbegünstigungsklausel nicht umfasst.
Die Mitglieder einer solchen können sich somit Vorteile einräumen, die gegenüber
Außenstehenden nicht gelten.

Der Grundsatz der Inländergleichbehandlung nach Art III GATT verpflichtet WTO-Mitglieder,
bereits ihr ihrem jeweiligen Markt befindliche ausländische Waren nicht schlechter zu
behandeln als inländische. → Es kommt auf die Gleichartigkeit an. Faktoren dafür sind:
- die Endverwendung im jeweiligen Markt
- die Präferenzen und Gewohnheiten der Konsumenten
- die Eigenschaften und Qualität des Produkts
- die zolltarifliche Kategorisierung von Produkten durch das jeweiliger WTO-Mitglied

Bei der Dienstleistungsfreiheit gilt der Grundsatz der Inländergleichbehandlung nur so weit,
wie sich das jeweilige WTO-Mitglied bei der Freigabe gewisser Bereiche verpflichtet hat.

2) Ist das Einheben von Zöllen erlaubt und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Unter die Regeln des Marktzugangs fallen vor allem Zölle und mengenmäßige
Einfuhrbeschränkungen. Zölle sind erlaubt, wenngleich die WTO-Mitglieder dazu aufgerufen
sind, zum gegenseitgien Vorteil Reduktionen zu verhandeln.
Dazu sollen WTO-Mitglieder gem Art II GATT in einer Liste der Zugeständnisse
Höchstgrenzen festlegen. In der Praxis werden zumeist niedrigere Zölle eingehoben, sodass
ein Spielraum nach oben besteht. Es gilt das Meistbegünstigungsprinzip, womit die
niedrigsten Zölle, die gegenüber einem Handelspartner eingehoben werden, auch für alle
anderen WTO-Mitglieder gelten.

Mengenbeschränkungen jedoch verboten. → betrifft Import- und Exportverbote bestimmter


Güter oder deren zahlenmäßige Beschränkung.
Beschränkungen zur Vorbeugung von kritischen Lagen (bspw drohende
Versorgungsengpässe bei lebensnotwendigen Gütern) oder bei Produktionsüberschüssen
sind ausgenommen. Bei Dienstleistungen gilt die Einschränkung, dass nur jene erfasst sind,
bei denen sich WTO-Mitglieder zur Freigabe verpflichtet haben.

3) Worum geht es beim Schildkröten-Garnelen-Fall?

Es gibt grundsätzlich die Möglichkeit, aufgrund bestimmter Gründe (wie öffentliche Moral,
Schutz von Leben und Gesundheit etc) von den allgemeinen Regeln des Welthandelrechts
abzuweichen. Die Maßnahme ist gerechtfertigt, wenn es sich um eine Ausnahme handelt,
die ausdrücklich in Art XX GATT aufgezählt ist und die in der Einleitungsklausel genannten
Bedingungen erfüllt → also keine willkürliche oder ungerechtfertigte Diskriminierung oder
eine verschleierte Beschränkung des internationalen Handels

Obwohl die Erhaltung der Umwelt auch ein solcher Ausnahmegrund ist, wurde im alten
WTO-Streitbeilegungssystem dem Welthandel die Präferenz gegeben. So bestand in den
Thunfisch-Delphin-Fällen ein Importverbot für Thunfischprodukte, die auf eine nicht
delphinfreundliche Art gefischt wurde. Dies wurde für unzulässig erklärt, da man Sorge vor
Protektionismus im Namen der Umwelt hatte. Im Falle eines Konflikts zwischen Freihandle
und Umwelt, sollte ersterem Vorzug gegeben werden.

Dies änderte sich durch den Garnelen-Schildkröten-Fall von 1998, in dem das US-
Importverbot für Garnelen, die nicht mit schildkrötenfreundlichen Fangmethoden gefischt
wurden, als grundsätzlich erlaubte Maßnahmen angesehen wurde.

4) Wie funktioniert das Streitbeilegungssystem der WTO?

Die WTO ist eine IO mit Sitz in Genf. Ihre Grundlage ist ein im Jahr 1994 durch 111 Staaten
geschlossener Vertrag, der 1995 in Kraft trat. Derzeit gibt es 164 Mitglieder und umfasst
nahezu die gesamte Weltbevölkerung bzw den gesamten Welthandel. #8universelle IO) →
Hauptziel ist Handelsliberalisierung

Die Organe sind:

- Ministerkonferenz (setzt sich aus Wirtschafts- und Handelsministern aller Mitglieder


zusammen) → zentrales Organ
- Allgemeiner Rat (Vertretung durch Botschafter oder gleichrangige Diplomaten aller
MS) → verantwortlich für Tagesgeschäft
- Dispute Settlement Body → Streitbeilegungsorgan
- Reihe anderer Organe wie Sekretariat oder drei spezielle Räte

Eine Streitigkeit entsteht, wenn ein WTO Mitglied der Meinung ist, ein anderes Mitglied
habe das WTO-Recht verletzt. Die WTO hat für solche Fälle ein eigenes
Streitbeilegungssystem, welches für alle Mitglieder verpflichtend ist.

Es gibt drei Phasen:


- Verhandlungen
- Panel-Verfahren
- Appellate Body-Verfahren

Zusätzlich obliegt dem Dispute Settlement Body die Überwachung der Umsetzung seiner
Entscheidungen und allenfalls ihre Durchsetzung.

→ in erster Linie ist zu versuchen, den Streit durch Verhandlungen beizulegen

Wenn dies innerhalb von 60 Tagen zu keinem Erfolg führt oder Verhandlungen verweigert
werden, kann die beschwerdeführende Partei den Dispute Settlement Body anrufe,n, der für
den jeweiligen Rechtsstreit eigene Untersuchungsausschüsse (Panels) einrichtet. Die
Einrichtung eines Panels kann nur durch negativen Konsens verhindert werden. Sie muss
also durch sämtliche WTO-Mitglieder abgelehnt werden.
Sofern sich nur ein Mitglied sich dem Konsens nicht anschließt, kommt ein Panel trotzdem
zustande. Daher lässt sich die Bildung eines Panels nicht verhindern.

Panels:
- Bestehen aus drei (teilweise fünf) Experten aus unterschiedlichen Staaten, die in
Rücksprache mit involvierten Parteien für den konkreten Streitfall bestimmt werden
→ Wenn sie sich nicht einigen können, obliegt es dem Generalsekretär.
- Innerhalb von sechs Monaten wird Bericht verabschiedet zur Vereinbarkeit der
Tatsachenfeststellungen mit anzuwendenden WTO-Recht und geben Empfehlung ab
→ Bericht muss von Dispute Settlement Body angenommen werden innerhalb von
60 Tagen (für die Nichtannahme des Berichts wäre negativer Konsens erforderlich)

Jede Partei kann aber die Annahme des Berichts durch eine Berufung verhindern. Diese
bezieht sich nur auf die Rechtsfragen und nicht auf die Beweiserhebungen. → Berufungen
werden von drei Mitgliedern des Appellate Body behandelt

Der Appellate Body besteht aus sieben unabhängigen Experten aus dem Bereich des
Welthandelsrechts, die für die Dauer von vier Jahren vom Dispute Settlement Body ernannt
werden. Er kann die rechtlichen Feststellungen und Schlussfolgerungen des Panels
aufrechterhalten, ändern oder aufheben (innerhalb von 90 Tagen). Seine Entscheidungen
müssen ebenfalls vom Dispute Settlement Body unter Anwendung des negativen Konsens
angenommen werden.

Der Dispute Settlement Body hat auch die Umsetzung der Berichte zu überwachen, da diese
schnellstmöglich zu befolgen und umzusetzen sind. Braucht die Partei mehr Zeit, kann ihr
eine angemessene Zeit zugestanden werden.

Bei Säumigkeit:
- Akzeptable Formen der Entschädigung mit Parteien zu verhandeln
- Gegenfalls hat Dispute Settlement Body Gegenmaßnahmen zu gestatten, wie
Strafzölle oder Importverbote → zeitlich befristet und betrifft den Bereich, wie die
ursprüngliche Streitigkeit außer es ist aufgrund wirtschaftlicher Gegebenheiten wenig
erfolgversprechend – dann Gegenmaßnahmen auch in andere Bereiche

5) Wie ist der Status des Entwicklungslands in der WTO definiert?

Obwohl Entwicklungsländer eine Reihe von Sonderregelungen genießen, wie dass eine
Zollbefreiung für die ärmsten Ländern trotz der Meistbegünstigungsregel nicht auf die
übrigen WTO-Mitglieder ausgeweitet wird oder sie Verpflichtungen nur in abgeschwächter
Form (zB durch längere Fristen) gelten, gibt es im WTO-Recht selbst keine Definition eines
Entwicklungslands. Vielmehr wird dieser Status von den ursprünglichen Mitgliedern selbst
beansprucht oder im Zuge der Beitrittsverhandlungen zur WTO festgelegt. Eine solche
Erklärung kann von den anderen Mitgliedern im Rahmen des WTO-Streitbeilegungssystems
angefochten werden, wozu es aber bisher noch nie gekommen ist.

6) Wer ist Investor und was ist eine Investition?

Ein Investor ist entweder


- eine natürliche Person, welche die Staatsangehörigkeit eines Vertragsstaats des BIT
besitzt oder
- ein Unternehmen, das entsprechend der Rechtsordnung eines Vertragsstaat
gegründet wurde, oder die zumindest unterliegt, und im jeweils anderen Staat
investiert hat oder zu investieren beabsichtigt.

Als Investition gilt jede Form von Vermögen, die driekt oder indirekt im Eigentum eines der
jeweils anderen Vertragspartei angehörenden Investors steht oder durch diesen kontrolliert
wird. → Unternehmen, Aktienanteile, vertraglich zugesicherte Rechte,
Immaterialgüterrechte oder bewegliche und unbewegliche Güter

7) Was ist der Zweck einer umbrella clause? Inwiefern unterscheidet sie sich von einer
Internationalisierungsklausel?

In Investor-Staat-Verträgen schließen Investoren und Gastgeberstaaten einen Vertrag ab, in


denen Konzessionen, Leistungsvereinbarungen, Kooperationen mit inländischen
Unternehmen, staatliche Privilegien und Zusicherungen oder vom Investor einzuhaltende
Standards geregelt werden. Diese haben aber keinen völkerrechtlichen Charakter und
unterliegen der Rechtsordnung und den Gerichten des Gastgeberstaats. Daraus können sich
für den Investor schwerwiegende Konsequenzen ergeben. Staaten können sich aus
innenpolitischen Gründen dazu veranlasst sehen, Investor-Staat-Verträge nicht einzuhalten
bzw die bestehende Gesetzeslage in einer für Investoren nachteiligen Art und Weise
abzuändern. Auch die Gerichte des jeweiligen Staates sind nicht immer objektiv und fair.

Als Ausweg gibt es solche Stabilisierungsklauseln, die die bestehende Rechtslage im


Verhältnis zum Investor einfrieren. Aber auch hier ist der Investor dem Gastgeberstaat
ausgeliefert.
Damit der Investor über die jeweilige innerstaatliche Rechtsordnung hinaus auf
völkerrechtliche Ebene gegen Vertragsbrüche vorgehen kann, können diese Verträge
internationalisier werden, indem sie die Anwendung des Völkerrechts festlegen.

Als Gegenstück beinhaltet eine Reihe von BITs sogenannte umbrella clausesm die Verstöße
gegen Investor-Staat-Verträge zusätzlich zu Verstößen gegen das BIT und somit zu
Völkerrechtsverletzungen machen.
BITs sind bilaterale Investitionsschutzabkommen zwischen dem Heimatstaat des Investors
und dem Gastgeberstaat, was also ein völkerrechtlicher Vertrag ist.

Während also bei einer Internationalisierung eines Investor-Staat-Vertrags vertraglich die


Anwendung des Völkerrechts vereinbart wird und man so auf völkerrechtlicher Ebene gegen
Vertragsbrüche vorgehen kann, handelt es sich bei umbrella clauses um Bestimmungen, die
in BITs, die völkerrechtliche Verträge sind, enthalten sind und eine Verletzung des Investor-
Staat-Vertrags zu einer Verletzung des BITs machen und so dagegen völkerrechtlich
vorgehen kann.

8) Was verlangt der Standard fairer und gerechter Behandlung von Investitionen?

Hinsichtlich der Behandlung ausländischer Investitionen ist ein dem Völkergewohnheitsrecht


entsprechender objektiver Standard fairer und gerechter Behandlung zu gewährleisten, der
neben dem Verbot der Anwendung von Zwang und willkürlicher Behandlung auch ein
Mindestmaß an Transparenz und den Schutz legitimer Erwartungen des Investors verlangt.
Daneben verlangt die Garantie von vollem Schutz und Sicherheit, das Eigentum des Investors
aktiv vor Fremdeinwirkungen durch nicht-staatliche Akteure zu schützen. In erster Linie zielt
diese Verpflichtung auf gewaltsame Handlungen.

9) Sind Enteignungen erlaubt und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Direkte und indirekte Enteignungen (Maßnahmen, die keine formelle Titelübertragung


bedingen aber de facto dieselbe Wirkung für den Investor haben) sind dem sogenannten
internationalen Minimumstandard zufolge völkergewohnheitsrechtlich zulässig, wenn sie im
öffentlichen Interesse und gegen Entschädigung erfolgen.
Zudem darf die Maßnahmen weder willkürlich noch diskriminierend sein, was wohl auch
einen effektiven Rechtsschutz gegen diese erfordert.

Nach der Hull-Formel müssen Entschädigungen prompt, adäquat und effektiv gewährleistet
werden.

10) Welche Möglichkeit bestehen zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten?

Es ist zu unterscheiden, ob sich zwei Staaten gegenüberstehen oder ein Investor und Staat.
Im Hinblick auf die zwischenstaatliche Streitbeilegung stellt sich das Problem, dass
Investoren gegenüber ihrem Heimatstaat keinen Anspruch auf die Einleitung eines
Verfahrens haben. Auch um diplomatische Beziehungen zwischen Staaten nicht mit
wirtschaftlichen Anliegen Einzelner zu belasten hat sich daher im Investitionsschutzrecht in
besonderem Maße die Möglichkeit der unmittelbaren Streitbeilegung zwischen Investor und
Staat herausgebildet.
Investoren steht zwar der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten des Gaststaats offen,
was aber weniger attraktiv ist.
Investor-Staat-Verfahren durch Schiedsgerichte sind daher mittlerweile die häufigste und
bedeutsamste Methode der Streitbeilegung, Diese gründen ihre Gerichtsbarkeit auf

- Eine Bestimmung in einem völkerrechtlichen Vertrag (primär BIT)


- Eine Klausel in einem Investor-Staat-Vertrag oder eine
- Ad hoc-Einlassung in den jeweiligen Streitfall durch die Parteien durch Vereinbarung

Staaten können auch Tribunale zur Lösung spezifischer Streitigkeiten für einen abgegrenzten
SV einrichten, wie Iran-US Claims Tribunal.

Einrichtung von Schiedsgerichten erfolgt entweder ad-hoc oder es gibt institutionelle


Schiedsgerichte.

11) Wieso hat der EuGH ein Problem mit Schiedsklauseln in Investitionsschutzverträgen
zwischen EU-MS?

Achmea-Fall: Nach Ansicht des EuGH kann die volle Wirksamkeit des Europarechts im
Rahmen seiner Auslegung und Anwendung durch Schiedsgerichte (zumal es hier keine
Einbindung des EuGH bzw keine Berufungsmöglichkeit gibt) nicht gewährleistet werden.
Entsprechende Schiedsklauseln in BITs zwischen EU-MS gefährden daher die Autonomie des
Europarechts und sind damit unionrechtswidrig. Im Jänner 2019 wurde eine gemeinsame
Erklärung der EU-Ms erlassen, dass es zwischen ihnen zu keinen neuen
Investitionsstreitigkeiten vor Schiedsgerichten kommen soll.

Wichtig ist das ICSID – das internationale Zentrum zur Beilegung von
Investitionsstreitigkeiten.

Das ICSID wurde 1965 unter Führung der Weltbank auf Grundlage des Übereinkommens von
Investitionsstreitigkeiten zwischen Staaten und Angehörigen anderer Staaten geschaffen,
das derzeit 155 Vertragsstaaten zählt.
→ wird nicht in der Streitsache selbst vermittelnd oder schiedsgerichtlich tätig, sondern
bietet einen institutionellen und verfahrensrechtlichen Rahmen für die Streitbeilegung durch
für den jeweiligen Streitfall eigens eingerichtete Schiedsgerichte

Für die Zuständigkeit des ICSID muss der Rechtsstreit


- zwischen einem ICSID-Vertragsstaat und einer Einzelperson oder einem
Unternehmen bestehen, die einem anderen ICSID-Vertragsstaats angehören und
- sich direkt aus einer Investition ergeben.

12) Wo liegt der Unterschied zwischen IWF und Weltbank? Wo sind die
Gemeinsamkeiten?

Der IWF ist eine IO mit 190 Mitgliedern Washington D.C., wessen primäres Ziel die
Aufrechterhaltung eines stabilen Währungssystems ist.

Seine Hauptorgane sind:


- Gouverneursrat (sämtliche Mitglieder vertreten – meistens Finanzminister oder
Präsidenten der Nationalbank)
- Exekutivdirektorium (24 köpfig und nimmt Alltagsgeschäfte wahr, dessen Mitglieder
entweder einzelne MS vertreten oder durch Gruppen von Staaten gewählt werden)
- Geschäftsführende Direktor (Vorsitz)

Eine der Hauptaufgaben ist die Bereitstellung von Krediten für Mitglieder, die Problemen mit
der Zahlungsbilanz haben. Die Zahlungen der Mitglieder an den IWF richtet sich an ihre
wirtschaftliche Stellung – os zahlt die USA 16,51 % und Ö 0,81 %.

Die Weltbankgruppe in Washington D.C: besteht aus der Internationalen Bank für
Wiederaufbaue und Wirtschaftsförderung Weltbank) und den vier später unter deren
Führung geschaffenen Institutionen, nämlich:
- Der Internationalen Finanz-Corporation (IFC)
- Der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA)
- Der Multilateralen Investitions-Garantie Agentur (MIGA) und
- ICSID

→ eigenständig und unabhängige Organisationen, die aber miteinander vernetzt isnd und
eng miteinander zusammen arbeiten
Die Weltbank diente ursprünglich dem Wiederaufbau Europas nach dem 2. WK und verfolgt
mittlerweile das Ziel der Förderung des Wirtschaftswachstums durch die Bereitstellung von
Darlehen, Zuschüssen, Beteiligungen, Investitionen und Garantien.
→ Zinsen der Kredite richten sich nach Kreditwürdigkeit der Kreditnehmer und Zwecken, für
die sie aufgenommen werden

➔ Strukturell entspricht es IWF

XV. Internationales Umweltrecht

1) Was sind die bedeutendsten Meilensteine in der Entwicklung des Umweltrechts?

- Ursprünge reichen bis 19. Jh zurück


- Als eigenständiger Teilbereich des VR nach 2. WK entwickelt durch stetig steigendes
Umweltbewusstsein und Notwendigkeit grenzüberschreitender Kooperationen in
den 1970er Jahren etabliert
Hintergrund waren einflussreiche Bücher und Berichte, aber auch umstrittene
Atomwaffentests ab den 1950er Jahren oder die Ölpest in Folge der Havarie des Öltankers
Torrey Canyon 1967.

2) Welche Grundsätze des internationalen Umweltrechts gibt es? Welche davon


allgemein anerkannt, welche eher strittig?

Aufgrund verschiedener maßgeblicher Erklärungen im Rahmen der VN, insbesondere der auf
den Welt-Umweltkonferenzen in Stockholm 1972 und Rio de Janeiro 1992 formulierten
Deklarationen, aber auch richterlicher Entscheidungen lassen sich trotz des dezentralen
Charakters des Umweltrechts einige Grundsätze herausfiltern.

Zwei materielle Grundsätze:


- Verbot der Schädigung von Nachbarstaaten inklusive dem Vorbeugeprinzip sowie
- die faire und angemessene Benützung gemeinsamer Umweltgüter.

Neben dem Vorbeugeprinzip bestehen präventiv wirkende Verhaltenspflichten


- aufgrund des Vorsorgeprinzips und, damit einhergehend,
- die Pflicht zur Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen sowie
- aufgrund des Verursacherprinzips.

Ergänzend bestehen Verhaltenspflichten nämlich


- die Informationspflicht sowie
- die Verhandlungspflicht.

Zusätzlich bestehen drei Leitmaximen für die gemeinsame Vorgehensweise im


internationalen Umweltrecht. Es sind dies
- die Kooperationspflicht,
- das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung sowie, damit zusammenhängend,
- die gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortlichkeit.
Die Ansichten über den völkerrechtlichen Status dieser Grundsätze wie auch über die daraus
erwachsenden Verpflichtungen variieren stark. Die Feststellung, ob eine Norm
völkergewohnheitsrechtlichen Charakter genießt, ist angesichts des uneinheitlichen und
unübersichtlichen Charakters des internationalen Umweltrechts höchst schwierig.
Dementsprechend herrscht hier auch in der Lehre oft keine Einigkeit.

Die beiden materiellen Grundsätze des umweltvölkerrechtlichen Nachbarrechts stellen


jedenfalls Völkergewohnheitsrecht dar. Hinsichtlich des Vorbeugeprinzips wird diese
Einschätzung teilweise bestritten. Der völkergewohnheitsrechtliche Status kann wohl
mittlerweile auch für die Notwendigkeit einer Umweltverträglichkeitsprüfung und die
Informationspflicht vor möglichen oder tatsächlichen erheblichen
Umweltbeeinträchtigungen angenommen werden.

Das Verursacherprinzip und die allgemeine Verhandlungspflicht stehen noch nicht in


universeller völkergewohnheitsrechtlicher Geltung. Bei der Kooperationspflicht, dem
Konzept der nachhaltigen Entwicklung und dem Grundsatz der gemeinsamen, aber
unterschiedlichen Verantwortlichkeiten handelt es sich indes weniger um Rechtsnormen.
Vielmehr sind diese unverbindliche Leitmaxime für das gemeinsame Vorgehen in
Umweltangelegenheiten.

3) Welche Faktoren kommen bei der Beurteilung billiger und fairer Nutzung
gemeinsamer Flüsse in Betracht?

- Geographische, hydrographische, hydrologische, klimatische, ökologische und andere


auf die Natur bezogene Faktoren, also die Beschaffenheit der Gewässer und des
Wassers selbst
- Die sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der betroffenen Staaten
- Die in den einzelnen Wasserlaufstaaten von dem Wasserlauf abhängige Bevölkerung
- Die Auswirkungen der Nutzung oder Nutzungen der Wasserläufe in einem
Wasserlaufstaat auf andere Wasserlaufstaaten
- Bestehende und mögliche Nutzungen des Wasserlaufs
- Erhaltung, Schutz, Entwicklung und Sparsamkeit bei der Nutzung der
Wasservorkommen des Wasserlaufs und die Kosten der zu diesem Zweck ergriffenen
Maßnahmen sowie
- Die Verfügbarkeit gleichwertiger Alternativen für eine bestimmte geplante oder
bestehende Nutzung.

4) Was sind die Folgen der Nichteinhaltung des Kryoto-Protokolls?

Das zuständige Komitee zur Einhaltung ist eine Abteilung zur Unterstützung und eine
Abteilung zur Durchsetzung unterteilt. Erstere gibt Hilfestellung und Ratschläge zur
Umsetzung der Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll. Bei drohender Nichteinhaltung
spricht sie eine Frühwarnung aus. Die Feststellung, ob eine solche vorliegt, liegt bei der
Abteilung zur Durchsetzung. Jegliche Nichteinhaltung wird öffentlich bekanntgemacht. Eine
Überschreitung der Höchstwerte ist durch eine entsprechende Reduktion
wiedergutzumachen, wobei die Vertragspartei ihre festgelegten Höchstwerte um zusätzliche
30 % unterschreiten muss. Darüber hinaus wird sie vom Emissionshandel ausgeschlossen
und hat einen Plan zur Umsetzung ihrer Verpflichtungen vorzulegen.
5) Welche Pflichten beinhaltet das Pariser Übereinkommen?

→ Nachfolgeinstrument des Kyoto-Protokolls

Es beinhaltet einen Aktionsplan, um den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur


deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau zu halten und Anstrengungen zu
unternehmen, um den Temperaturanstieg sogar auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau
zu begrenzen. Sofern erforderlich, müssen die Vertragsparteien alle fünf Jahre strengere
Regeln festgelegen. Weiters besteht die Verpflichtung, regelmäßig über die von ihnen
getroffenen Maßnahmen und Fortschritte öffentlich Bericht zu erstatten sowie ein
Verzeichnis ihrer menschengemachten Treibhausgasemissionen zu übermitteln.

XVI. Internationaler Menschenrechtsschutz

1) Was war der Anstoß für die Entwicklung des internationalen


Menschenrechtsschutzes?

Zunächst gab das VR nicht vor, wie die eigenen Staatsangehörigen zu behandeln sind. Der 2.
WK zeigte jedoch, dass externe Regeln und Kontrolle von Staaten auch hinsichtlich ihrer
eigenen Staatsbürger notwendig sind. Wenngleich der Völkerbund bereits in der
Zwischenkriegszeit wertvolle Arbeit zum Minderheitenschutz geleistet hatte, entwickelte
sich der Menschenrechtschutz auf völkerrechtlicher Ebene vor allem nach 1945.

Mit Ausnahme der Völkermordkonvention entstanden verbindliche Verträge auf universeller


Ebene allerdings erst ab den 1960er Jahren. Der Begriff Menschenrechte fand jedenfalls mit
der UN-Charta Eingang in das VR. Art 1 (3) UN-Charta postuliert deren Förderung ohne
Unterschied von Rasse, Geschlecht, Sprache oder Religion als Ziel der VN. Vor diesem
Hintergrund wurde am 10.12.1948 die erste Erklärung über Rechte, die für alle Menschen
gleichermaßen gelten, mit universellem Geltungsbereich verkündet (AEMR)
In weiterer Folge wurde eine ganze Reihe völkerrechtlicher Verträge und soft law-
Instrumente auf internationaler und regionaler Ebene zum Schutz der MRs erarbeitet.

2) Welche Pflichtentrias trifft Staaten im Hinblick auf alle Menschenrechte?

- Achtungsverpflichtung (obligation to respect) → Eingriffsverbote


- Schutzverpflichtung (obligation to protect) → Staat muss vor Eingriffen durch Dritte
schützen
- Gewährleistungsverpflichtung (obligation to fulfil) → Staat muss Grundbedingungen
für die uneingeschränkte Wahrnehmung der Rechte durch jedes Individuum schaffen

Beispielsweise dürfen Staaten im Zusammenhang mit dem Recht auf Bildung nicht alle
Schulen schließen (obligation to respect), sie müssen geeignete Maßnahmen treffen, damit
Dritte, etwa Eltern, ihre Kinder nicht daran hindern, die Schule zu besuchen, wie durch
Einführung einer Schulpflicht (obligation to protect) und sind gleichermaßen dazu
angehalten, ausreichend Bildungsinstitutionen zur Verfügung zu stellen (obligation to fulfil)
3) Sind internationale Organisationen an Menschenrechte gebunden?

Dies stellt ein Sonderproblem dar, da sie vor allem weitreichende Immunitäten genießen.
Eine Bindung könnte völkergewohnheitsrechtlich zwar konstruiert werden, aber es steht
meistens kein Überprüfungs- oder Durchsetzungsmechanismus für diese zur Verfügung. Die
EU mit ihrem weit entwickelten internen Schutzmechanismus ist eine Ausnahme. Sie will sie
zudem auch einer extern Schutzmechanismus unterwerfen, nämlich dem EGMR.

4) Was sind die zentralen Menschenrechtsverträge im Rahmen der VN und welche


Schutzmechanismen sehen sie vor?

Man unterscheidet zwischen Schutzmechanismen, die auf Basis der UN-Charta errichtet
wurden (Charter-based insturments) und Vertragsorganen (trety bodies), die ihre grundlage
in den jeweiligen MR-Verträgen haben (treaty-based instuments)
Folgende Insturmente kommen in Betracht:

- Staaten- oder Individualbeschwerden


- Staatenberichte
- Untersuchungen oder regelmäßiger Lokalaugenschein

1. Die Allgemeine Erklärung der Menschrechte

→ Resolution der UN-GV aus 1948

Sie enthält im Wesentlichen alle MR der ersten und zweiten Generation wie sie auch in
späteren bindenden MR-Verträgen zu finden sind. Die AEMR ist nicht binden, sondern hat
nur Empfehlungscharakter, aber ist wichtig, da man sich „endlich“ mit MR beschäftigt hat.
Man spricht ihr aber mittlerweile Völkergewohnheitsrechtswirkung zu.

2. UN Menschenrechtspakte

- ICCPR, Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte


- ICESCR, Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte

→ haben bindende Wirkung

Schutzmechanismen:

- Berichterstattung durch MS an den Menschenrechtsausschuss (ICCPR Vertragsorgan,


das aus 18 Menschenrechtsexperten besteht)/ wenn ICESCR anwendbar, dann
Wirtschafts- und Sozialrat
- Staatenbeschwerden

Ein Fakultativprotokoll zur ICCPR sieht auch eine Individualbeschwerde vor, wenn dieselbe
Sache nicht bereits vor einer anderen internationalen Untersuchungs- oder
Ausgleichsinstanz geprüft wird und die Person bereits alle zur Verfügung stehenden
innerstaatlichen Rechtsmittel ausgeschöpft hat.
3. Spezielle Menschenrechtsverträge
Es gibt weiters Kernkonventionen zum Schutz der MR, die sich entweder mit dem Schutz
bestimmter Gruppen oder mit bestimmten Kategorien von Rechten befassen:
- Internationales Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von
Rassendiskriminierung 1966
- Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau 1979
- Übereinkommen gegen Folter, grausame und unmenschliche Behandlung 1984
- Übereinkommen über die Rechte des Kindes 1989

Etc.

→ sehen Berichterstattung an jeweilige Vertrgasorgane vor


Staatenbeschwerden sind – mit Ausnahme des Internationalen Übereinkommen zur
Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung – nicht vorgesehen; fakultative
Zusatzprotokolle sehen die Möglichkeit einer Individualbeschwerde vor

5) Wie funktioniert das 1503-Verfahren (bzw das sogenannte Beschwerdeverfahren)?


6) Worin liegt der Unterschied zwischen den Verfahren vor der
Menschenrechtskommission und dem Menschenrechtsrat?

Die Menschenrechtskommission kannte zwei Verfahren: Das öffentliche 1235-Verfahren und


das nicht-öffentliche 1503-Verfahren.
Das 1503-Verfahren war nicht-öffentlich. Im Rahmen des 1503-Verfahren untersuchte eine
spezielle Expertengruppe individuelle Gesuche von Betroffenen und NGOs um das Vorliegen
schwerwiegender Menschenrechtsverstöße zu ermitteln. Nach eine solche Situation der
Menschenrechtskommission unterbreitet worden war, fand eine nicht-öffentliche Sitzung
mit Vertretern des betreffenden Staats statt. Im Anschluss wurde das Verfahren entweder
abgeschlossen oder festgelegt, dass das Land weiterhin beobachtet werde, gegebenfalls
unter Zuzug eines Sonderberichterstatter oder einer ad-hoc Kommission.

Wenn der Staat weiterhin die Zusammenarbeit verweigerte oder die Situation sich nicht
verbesserte, bestand die Möglichkeit, die Situation im Rahmen eines 1235-Verfahrens
öffentlich zu machen. Dieses Verfahren umfasste die Untersuchung, Beobachtung und
Veröffentlichung von Menschenrechtssituationen in Hinblick auf gewisse Länder und
Regionen oder auf gewisse spezielle Menschenrechtsverletzungen durch einen
Sonderberichterstatter, Experten oder Arbeitsgruppen.

Diese beiden Mechanismen bestehen im Wesentlich weiter fort, nur wird das 1503-
Verfahren nun als Beschwerdeverfahren bezeichnet, wobei eine Frist für die Behandlung von
Beschwerden eingeführt sowie die Zugänglichkeit erleichtert wurde.
Das 1235-Verfahren wird als Spezialverfahren bezeichnet.

7) Welche regionalen Schutzmechanismen existieren außerhalb des Einzugsbereichs


der EMRK?

1. Afrikanische Union
→ 1981 die Afrikanische Erklärung der Menschenrechte und der Rechte der Völker
angenommen, die 1986 in Kraft trat
Zur Durchsetzung existiert ein Gruppen- und Staatenbeschwerdeverfahren vor der
Afrikanischen Kommission für die Rechte der Menschen und der Völker, die ihren Sitz in
Banjul hat.
Seit 2004 existiert innerhalb der Afrikanischen Union der Afrikanische Gerichtshof für die
Rechte der Menschen und der Völker, dem 30 ihrer 55 MS angehören. Klageberechtigt sind
die Afrikanische Kommission für die Rechte der Menschen und der Völker und alle
Vertragsstaaten. Neun Staaten haben darüber hinaus erklärt, Klagen von Individuen und
NGOs mit Beobachterstatus zuzulassen.

2. Organisation Amerikanischer Staaten


→ 1948 Amerikanische Deklaration der Rechte und Pflichten des Menschen verabschiedet
→ 1969 Amerikanische Menschenrechtskonvention

Es bestehen zwei Organe:


- Interamerikanische Menschenrechtskommission mit Sitz in Washington D.C. →
zuständig für Individualbeschwerden von Staatsangehörigen aller Vertragsparteien,
Staatenbeschwerde möglich, wenn ausdrückliche Zuständigkeitserklärung von Seiten
des betroffenen Staats vorliegt
- Interamerikanischer Gerichtshof für MR mit Sitz in San Jose

8) Welche Zulässigkeitserfordernisse müssen Individuen für die Einreichung einer


Beschwerde vor dem EGMR erfüllen?

- Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtsweges


- Opferstatus: Man muss selbst betroffen sein.
- Vier-monatige Frist beginnend nach der endgültigen innerstaatlichen Entscheidung
(seit kurzem so, vorher sechs Monate)
- Durch die Verletzung einen erheblichen Nachteil erlitten

Die Beschwerde darf dabei


- keinen SV betreffen, der bereits entschiedenen oder einer anderen internationalen
Instanz zur Entscheidung unterbreitet wurde,
- nicht offensichtlich unbegründet oder missbräuchlich sein und
- muss mit der Konvention vereinbar sein.

9) Wie hat sich der Grundrechtsschutz innerhalb der EU entwickelt und worauf basiert
er heute?

Es war früher undenkbar, dass eine IO an Menschenrechte gebunden wäre. Es hat sich aber
nach und nach entwickelt. Die EU erkannte diese als allgemeine Grundsätze an und später
kam auch die GRC dazu.

10) Ist die EU an die EMRK gebunden?


Sie gelten als allgemeine Rechtsgrundsätze. Vorgesehen ist auch ein Beitritt der EU zur
EMRK, der sich aber aufgrund des Gutachtend es EuGH in weiter Ferne verschoben hat, da
ein Beitritt der EU zur EMRK kompetenzrechtlich problematisch sein.

11) Wer ist an EU-Grundrechte gebunden?

Die EU selbst, also ihre Organe, und die MS, wenn sie Unionsrecht anwenden.

12) Was ist ein ticking time bomb scenario?

Das Folterverbot gilt absolut. Es darf in keinem Szenario davon abgewichen werden. Dieser
absolute Charakter wird oft anhand des fiktiven ticking time bomb scenario diskutiert: In
diesem Szenario befindet sich eine Person, die weiß, wo eine in kurzer Zeit explodierende
Bombe platziert ist, in Gewahrsam eines Staates. Die Frage, ob Folter ausnahmsweise
zulässig sein soll, um diese Information zu erlangen und damit eine Vielzahl von
Menschenleben zu retten.

13) Welches Spannungsverhältnis kann sich zwischen dem Recht auf ein faires
Verfahren und anderen völkerrechtlichen Regeln ergeben?

Die Gewährleistung des Rechts auf ein faires Verfahren steht in einem Spannungsverhältnis
mit der Einräumung von Immunitäten. Weiters besteht ein Spannungsverhältnis in
Zusammenhang der im Rahmen von Resolution 1267 des UN-SR verhängten targeted
sanctions gegen Individuen, die eine Naheverbindung zu Al-Kaida aufweisen, da diese keine
dem Standard eines fairen Verfahrens entsprechende Möglichkeit, das Einfrieren ihrer
Konten und das Verhängen von Reiseverboten zu verhindern bzw nachträglich zu
bekämpfen.

14) Wie unterscheiden sich das interne und externe Selbstbestimmungsrecht der
Völker?

Internes Selbstbestimmungsrecht= ist innerhalb bestehender Staaten zu gewährleisten →


Dies kann für einzelne Volksgruppen etwa durch die Einräumung von Autonomierechten
oder eine föderale Verfassung geschehen. Im weiteren Sinne bedeutet das interne
Selbstbestimmungsrecht das Recht des gesamten Staatsvolks, sein politisches System frei zu
wählen.

Externes Selbstbestimmungsrecht= Recht eines Volks auf einen eigenen Staat → umstritten,
ob es heute noch existiert

Manche vertreten die These, dass es in Extremfällen ein Recht auf Sezession (remedial
secession) gäbe. → liegt vor, wenn innerhalb eines Staats aufgrund schwerwiegender
vorangegangener Menschenrechtsverletzungen gegen Angehörige eines Volks, in Folge eines
Kriegs oder wegen systematischer Verweigerung der Ausübung des internen
Selbstbestimmungsrechts durch den Staat unzumutbar erscheint

→ IGH hat sich im Kosovo-Gutachten sich nicht näher damit auseinandergesetzt


15) Wer ist ein Flüchtling nach der Definition der GFK?

Flüchtling ist jemand, der sich aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen
Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der
Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewilligt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu
bedienen.

XVII. Völkerstrafrecht

1) Weshalb ist ein internationales Strafrecht im Sinne des Völkerstrafrechts


notwendig?

Es besteht einerseits das Interesse der internationalen Gemeinschaft, eine Gruppe von
Tatbeständen völkerrechtlich unter Sanktion zu stellen sowie andererseits die Existenz einer
völkerrechtlichen Verantwortlichkeit des Individuums.
Die Tatbestände des Völkerstrafrechts können entweder durch nationale oder internationale
Gerichte verfolgt und bestraft werden.

Die wesentlichen Tatbestände des Völkerstrafrechts sind:


- Völkermord
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- Kriegsverbrechen
- Aggression

Es soll die Straflosigkeit hochrangiger Personen, die in dieser Kapazität für die Begehung
internationaler Verbrechen verantwortlich sind, verhindert werden.

2) Was sind transnationale Verbrechen?

Diese sind in völkerrechtlichen Verträgen vordefiniert, aber werden erst im innerstaatlichen


Strafrecht umgesetzt werden müssen, wie Piraterie iSd SRÜ oder terroristische Handlungen,
die in einer Reihe internationaler Verträge behandelt werden). Man spricht auch vom
internationalen Strafrecht im weiteren Sinne.

3) Können Staatsoberhäupter für internationale Verbrechen zur Verantwortlichkeit


gezogen werden?

Dem Individuum kommt im Völkerstrafrecht partielle Völkerrechtssubjektivität zu, weshalb


man diese völkerstrafrechtlich zur Verantwortung ziehen kann. Vor internationalen
Gerichten genießen Staatsoberhäupter keine Immunität, weshalb diese auch zur
Verantwortung gezogen werden können.

Anknüpfungspunkte innerstaatlicher Strafgerichtsbarkeit:


- Territorialitätsprinzip → bezieht sich auf Gebiet, wo die Tat begangen wurde
- Aktives und passives Personalitätsprinzip (passiv: knüpft an Staatsangehörigkeit des
Opfers an/aktiv: knüpft an die Staatsangehörigkeit des Täters an)
- Auswirkungsprinzip → Ort des Schadenseintritts
- Schutzprinzip → Gerichtsbarkeit für die Verletzung bestimmter Rechtsgüter

Darüber hinaus hat sich im Völkerstrafrecht das strittige Universalitätsprinzip entwickelt.


(Weltstrafrechtsprinzip
→ geht davon aus, dass gewisse internationale Verbrechen als delicta iuris gentim
unabhängig jeglicher Anknüpfungspunkte von jedem Staat verfolgt werden können

Eine Reihe von Ländern hat das Universalitätsprinzip in ihren Gesetzen übernommen, so Ö in
§ 64(1)(6) StGB -→ Verfolgung von Handlungen im Ausland zu deren Verfolgung Ö
unabhängig von den Strafgesetzen des Tatorts verpflichtet ist

Kritik: Fälle, in denen kein nationales Interesse gegeben

Fraglich ist, ob innerstaatlich Staatsoberhäupter auch verfolgt werden können. Dies ist
jedoch aufgrund der Immunität, die die genießen, problematisch. Wie oben ausgeführt,
genießen diese keine Immunität vor internationalen Gerichten, jedoch bestehen auch hier
Schwierigkeiten: In der Praxis kommt es vor, dass staaten die Auslieferung von Amtsträgern
an solche Institutionen verweigern.

Der mit dem Universalitätsprinzip in Zusammenhang stehende Grundsatz aut dedere aut
iudicare (entweder ausliefern oder verfolgen) besagt, dass Staaten entweder ausliefern oder
selbst ein Verfahren einleiten müssen. → weder allgemeiner Rechtsgrundsatz noch
Völkergewohnheitsrecht, weshalb es keine Pflicht dazu gibt

4) Worin liegt die Relevanz der Entwicklung des Verbots des Völkermords aus Sicht
der Tatbestandelemente?

Nach dem 2. WK wurden für die sogenannten Nürnberger und Tokioter Prozesse von den
allierten Siegermächten zwei eigene Militärgerichtshöfe eingerichtet. Von besonderer
Bedeutung für die weitere Entwicklung des Völkerstrafrechts war die Arbeit des
Internationalen Militärtribunals in Nürnberg. In dessen Statut wurden, mit Ausnahme des
Völkermords, erstmals die Tatbestände des Völkerstrafrechts formuliert:
- Verbrechen gegen den Frieden (Aggression)
- Kriegsverbrechen
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit
→ dadurch wurden aber nur Verbrechen erfasst, die während Krieg begangen wurden

Als Reaktion auf den Holocaust wurden zudem die VN mit Erarbeitung einer Konvention zum
Verbot des Völkermords betraut, was in der Konvention über die Verhütung und Bestrafung
des Völkermordes von 1948 resultierte.
→ Staaten nun zur Verhütung und Bestrafung des Verbrechens des Völkermords verpflichtet
– auch in Friedenszeiten!
5) Unter welchen völkerstrafrechtlichen Tatbestand fallen ethnische Säuberungen?

Je nach dem Sachverhalt fällt es unter Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit
oder Kriegsverbrechen.

6) Kann ein Individuum direkt aufgrund der Völkermordkonvention zur


Verantwortlichkeit gezogen werden?

Es handelt sich bei der Völkermordkonvention streng genommen nicht um einen


völkerstrafrechtlichen Tatbestand, sondern um eine Verpflichtung, die sich zunächst an die
Vertragsstaaten der Konvention richtet und dessen Verletzung völkerrechtliche
Verantwortung auslösen könnte.

7) Worin unterscheidet sich der IStGH von ad-hoc-Tribunalen wie etwa dem ICTY?

Der ICC ist eine IO, die weder ein ad-hoc- noch Hybridtribunal darstellt. Die ICTY wurde als
Nebenorgan der VN geschaffen durch eine Resolution des UN-SR, speziell um die während
der Jugoslawienkriege begangenen Straftaten zu verfolgen. Das IStGH besteht darüber
hinaus allgemein und nicht nur dafür. Der ICTY ist weiters jetzt abgeschafft seit 2017. Fsd
IRMCTY (International Residual Mechanism for Criminal Tribunals) hat die Abwicklung der
Verfahren des ICTY übernommen.
Außerdem gilt für den ICC das Prinzip der Komplementarität, aber nicht für den ICTY. Dieser
hat Vorrang und konnten auch Verfahren an sich ziehen,

8) Was ist die Besonderheit von Hybridtribunalen?

Es handelt sich um Gerichte und Tribunale, die aufgrund einer Übereinkunft zwischen IO und
dem betroffenen Staat eingerichtet wurden und nicht bloß völkerrechtliche Normen,
sondern auch das nationale Recht der betreffenden Staaten anwenden.

9) Auf welcher Rechtsgrundlage können ad hoc- oder Hybridtribunale geschaffen


werden? Wie wurden ICTY und ICTR geschaffen?

Hybridtribunale werden auf Grundlage des Völkerrechts oder innerstaatlichen Rechts


gegründet. Die ad-hoc-Tribunale ICTY und ICTR wurden durch eine Resolution des UN-SR als
Nebenorgane der UN gegründet.

10) Wie weit reicht die zeitliche/geografische Zuständigkeit des ICC? Gibt es
Ausnahmen dazu?

Staatsangehörige jener Staaten, die das Römische Status ratifiziert haben, können vor dem
ICC belangt werden. Das trifft auch auf andere Personen zu, sofern das Verbrechen auf dem
Territorium eines Vertragsstaats begangen wurde. Wesentlich ist jedoch, dass das
Verbrechen nach Inkrafttreten des Status begangen wurde (Rückwirkungsverbot). Das
Römische Statut ist am 1. Juli 2002 in Kraft getreten. Zusätzlich kann ein Staatsangehöriger
eines Nicht-Vertragsstaats aufgrund eines Beschlusses des UN-SR verfolgt werden.
Das Verfahren kann eingeleitet werden, indem
- ein Vertragsstaat eine Situation dem ICC unterbreitet,
- der UN-SR eine Situation dem ICC unterbreitet oder
- der ICC aus eigener Kraft proprio motu durch die Anklagebehörde tätig wird.

11) Welche Tatbestände kann der ICC verfolgen? Was sind jeweils die
Tatbestandselemente?
12) Welche Elemente umfasst der Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit
nach dem Römischen Statut? Könnten parallel dazu eine Klage hinsichtlich
Kriegsverbrechen erhoben werden?

- Völkermord
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit
- Kriegsverbrechen
- Aggression

1. Völkermord Art 6 Römisches Statut

→ sämtliche Handlungen, di ein der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische,
rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu vernichten (wortwörtlich
von Art II der Völkermordkonvention übernommen)

2. Verbrechen gegen die Menschlichkeit Art 7 Römisches Status


→ Handlungen, die im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die
Zivilbevölkerung und in Kenntnis des Angriffs und in Ausführung oder zur Unterstützung der
Politik eines Staats oder einer Organisation, die einen solchen Angriff zum Ziel hat, begangen
wurden

3. Kriegsverbrechen Art 8 Römisches Statut


→ schwere Verletzungen der Genfer Abkommen von 1949 sowie andere schwere Verstöße
gegen die innerhalb des feststehenden Rahmens des Völkerrechts im internationalen
bewaffneten Konflikt anwendbaren Gesetze und Gebräuche

4. Aggression Art 8bis Römisches Status


5. → jeden der UN-Charta zuwiderlaufenden Gebrauch von Waffengewalt (Tatbestand
erst mit 17. Juli 2018 aktiviert und ab da erst verfolgbar)

Der wesentliche Unterschied zwischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und


Kriegsverbrechen ist, dass ersteres auch in Friedenszeiten anwendbar ist und zweiteres
nicht.

13) Könnte im Fall einer strafrechtlichen Verfolgung zugleich ein nationales Verfahren
hinsichtlich der Tatbestände des Römischen Status staatfinden?

Dem Prinzip der Komplementarität kommt dem ICC zwar Zuständigkeit zu, doch übt er diese
nicht aus, wenn ein nationales Strafverfahren über diese Sache anhängig ist. Die
innerstaatliche Strafgerichtsbarkeit, die der ICC gem Art 1 Römisches Statut lediglich ergänz,
genießt demnach Vorrang. Ist ein Staat aber weder willens noch in der Lage, ein Verfahren
selbst durchzuführen, worüber das ICC selbst entscheidet, übt letzterer Gerichtsbarkeit aus.
Ebenso hindern Scheinverfahren den ICC nicht an der Ausübung der Gerichtsbarkeit. Weiters
gilt

14) Handelt es sich beim Römischen Statut um einen self-executing Vertrag?

Die Bestimmungen des Römischen Status bedürfen der Umsetzung und Konkretisierung
durch die einzelnen MS. Das Status wird demnach von der Lehre als non-self-executing
betrachtet.

XVIII. Völkerrechtliche Verantwortlichkeit

1) Was ist völkerrechtliche Verantwortlichkeit?

Sie bezeichnet das Einstehenmüssen von Staate und IO für von ihnen begangene
Völkerrechtsverletzungen.
→ nur der, der völkerrechtliche Verpflichtungen hat, kann sie verletzen, daher entspringt sie
unmittelbar aus Völkerrechtssubjektivität.

2) Wo finden sich die Bestimmungen zum Recht der völkerrechtlichen


Verantwortlichkeit?

Da es nicht vertraglich geregelt ist, befinden sich die wichtigsten Bestimmungen im


Völkergewohnheitsrecht.
→ ICL hat Kodifikation im ASR übernommen, welcher jedoch formell nicht verbindlich ist
Für IO gibt es ARIO, wobei die völkerrechtliche Verantwortlichkeit von Staaten und IO
denselben Grundsätzen folgt.

→ keine völkerrechtliche Verantwortlichkeit, wenn es lex specialis gibt (wie in


Menschenrechtsverträgen gibt e soft eigene Bestimmungen, wie bei Verletzungen Staaten
zur Verantwortung gezogen werden sollen)

3) Unter welchen Voraussetzungen entsteht völkerrechtliche Verantwortlichkeit?

Völkerrechtliche Verantwortlichkeit entsteht dann, wenn ein Verhalten (Tun oder


Unterlassen) vorliegt, das
- einem Staat zurechenbar ist und
- eine Verletzung dessen völkerrechtlicher Verpflichtungen darstellt, sofern
- kein Rechtswidrigkeitsausschließungsgrund vorliegt.

4) Welche im nationalen Recht üblichen Voraussetzungen für Verantwortlichkeit


müssen im VR nicht erfüllt werden?

Es muss kein Schaden vorliegen. Es wird davon ausgegangen, dass die Rechtsverletzung
selbst das verletzte Subjekt ausreichend schädigt. Jedoch können Primärnormen
(Interventionsverbot, Gewaltverbot etc) an Schaden anknüpfen und weiters ist Ausmaß des
Schadens trotzdem wichtig für das Ausmaß der Wiedergutmachungspflichten.
Weiters ist kein Verschulden erforderlich, da es schwierig wäre nachzuweisen.

5) Wann kann Handeln eines Individuums dem Staat zugerechnet werden?

Nur wenn eine natürliche Person für den Staat tätig wird, die im konkreten Fall im Namen
des Staates gehandelt hat, kommt es zur völkerrechtlichen Verantwortung des Staats.
Es muss also eine gewisse Verbindung zum handelnden Individuum bestehen:

- Personen, die nach nationalem Recht als Organe eingesetzt wurden


- Personen, die ein Staat einem anderen zur Verfügung stellt, auch Organleihe genannt
- Privatpersonen, die rechtlich ermächtigt wurden, hoheitliche Befugnisse auszuüben

In Ausnahmefällen wird Staaten jedoch darüber hinaus Verhalten von Individuen


zugerechnet, die zwar nicht rechtlich mit der Erfüllung von Staatsaufgaben betraut wurden,
zu denen aber ein faktisches Naheverhältnis besteht. Das sind Handlungen, die
- der Staat wirksam kontrolliert
- im Falle der Abwesenheit oder des Ausfalls staatlicher Stellen gesetzt wurden und
solche, die
- von Aufständischen unter bestimmten Umständen gesetzt wurden.

6) Welcher Maßstab ist für die Zurechnung von prima facie Privathandeln
ausschlaggebend?

→ wirksame Kontrolle notwendig: Nicaragua-Fall und Tadic-Fall

7) Was ist derivative Verantwortlichkeit?

Oftmals sind mehrere Staaten gleichzeitig an einer Völkerrechtsverletzung beteiligt. Wenn


beispielsweise mehrere Organe verschiedener Staaten im Zusammenwirken eine
Völkerrechtsverletzung herbeiführen, können sie dafür alle eigenständig zur Verantwortung
gezogen werden. Nicht immer erreicht allerdings der Beitrag jedes involvierten Staats die
notwendige Intensität für eine ihm selbst zurechenbare Völkerrechtsverletzung.
Der Grundgedanke ist, dass ein Beitrag zu einer Völkerrechtsverletzung rechtliche
Konsequenzen nach sich ziehen soll. Diese Form der Begehung setzt also immer eine
Völkerrechtsverletzung durch einen anderen Staat oder IO (nicht Private!, sondern nur
Völkerrechtssubjekte) voraus. → abgeleitete Verantwortlichkeit: derivative
Verantwortlichkeit

8) Wann ist Verantwortlichkeit ausnahmsweise trotz Zurechnung einer


Völkerrechtsverletzung ausgeschlossen?

Wenn ein Rechtswidrigkeitsausschließungsgrund vorliegt:


- Einwilligung
- Selbstverteidigung
- Gegenmaßnahmen
- Höhere Gewalt
- Notlage
- Notstand
9) Was ist der Unterschied zwischen Notlage und Notstand?

Notlage heißt, dass sich eine Person, die dem Staat zurechenbar ist, in einer
Gefahrensituation befindet, die das eigene Leben oder das anderer Personen, die in der
Obhut der handelnden Person stehen, bedroht. Nicht jede Handlung, die in solchen
Situationen gesetzt wird, ist jedoch umfasst. Zusätzlich zum Bestehen einer
Gefahrensituation muss auch belegt werden, dass die handelnde Person keine andere
geeignete Möglichkeit hatte, die bedrohten Menschenleben zu schützen. Im Unterschied zu
höherer Gewalt wäre rechtskonformes Verhalten zwar möglich, vor dem Hintergrund der
Lebensgefahr aber nicht zumutbar,

Ein Staat kann sich auf Notlage berufen, wenn


- die Notlage zumindest teilweise auf das eigene Verhalten des Staats zurückzuführen
ist oder
- die zu rechtfertigende Handlung geeignet ist, eine vergleichbare oder größere Gefahr
herbeizuführen.

→ zB Flugverkehr, wenn aufgrund des Wetters in fremdes Staatsterritorium eingedrungen


werden muss

Auf Notstand kann sich der Staat berufen, wenn die ansonsten rechtswidrige Handlung
- die einzige Möglichkeit darstellt,
- ein wesentliches Interesse des Staats
- vor einer schweren und unmittelbar drohenden Gefahr zu schützen
- und kein wesentliches Interesse des Staats oder der Staaten, gegenüber denen die
Verpflichtung besteht, dadurch ernsthaft beeinträchtigt wird.

Der Unterschied ist also, dass die Notlage eine Gefahr für das Leben der handelnden Person
abwenden soll und der Notstand eine Gefahr für den Staat selbst abwenden soll.

10) Welche Rechtsfolgen zieht völkerrechtliche Verantwortlichkeit nach sich?


11) Welche Pflichten unterliegt der völkerrechtlich verantwortliche Staat?

1. Pflichten des verantwortlichen Staats

- Verpflichtung zur Beendigung der Völkerrechtsverletzung, zur Leistung angemessener


Zusagen und Garantien der Nichtwiederholung
- Verpflichtung zur Leistung voller Wiedergutmachung

Schadenersatz wird nur für finanziell messbare Schaden geleistet. (Ausschluss von
immateriellen Schäden eines Staats)

2. Rechte des verletzen Staats


- Geltendmachung
- Durchsetzung
12) Kann der verletzte Staat zwischen Restitution, Schadenersatz und Genugtuung
wählen?

Nein es besteht kein Wahlrecht. Primär ist der Staat verpflichtet Restitution zu leisten, also
die Wiedereinsetzung in den unverletzten Zustand. Ist dies unmöglich oder
unverhältnismäßig, ist Schadenersatz zu leisten für jeden finanziell messbaren Schaden
(einschließlich entgangenen Gewinns).

Wenn dies auch nicht, ist Genugtuung zu leisten. Dabei wird immaterieller Schaden von
Staaten wiedergutgemacht.

13) Für welche Art von Schaden ist Schadenersatz zu leisten?

Lediglich materielle Schäden.

14) Welche besonderen Rechtsfolgen zieht eine Verletzung von ius cogens-Normen
nach sich?

Sie ziehen zusätzliche besondere Rechtsfolgen mit sich. Die Rechtsfolgen betreffen nicht den
Verletzer selbst, sondern eher Verhaltenspflichten für andere Staaten:

1. Kooperationspflicht

→ alle Staaten müssen zusammenarbeiten, um eine schwerwiegende ius-cogens Verletzung


zu beenden

Es dürfen hierbei aber nur rechtmäßige Mittel ergriffen werden. Gegenmaßnahmen dürfen
also nicht von nicht-verletzten Staaten ergriffen werden.
2. Anerkennungsverbot

Durch ius cogens Verletzungen herbeigeführte Situationen dürfen nicht anerkannt werden
→ zB Annexion Krim
3. Keine Beihilfe oder Unterstützung

15) Wofür ist die Unterscheidung zwischen verletztem und nicht-verletztem Staat
relevant?

Nur der verletzte Staat ist befugt, die völkerrechtliche Verantwortung geltend zu machen.

16) Was ist das diplomatische Schutzrecht?

Das diplomatische ist das Recht eines Staats zugunsten eigener Staatsangehöriger
(juristische oder natürliche Personen), die völkerrechtliche Verantwortlichkeit fremder
Staaten geltend zu machen.
17) Wie kann der verletzte Staat seine Rechte durchsetzen und welchen
Einschränkungen unterliegt er dabei?

Da es keine zentrale Rechtsdurchsetzungsinstanz gibt im VR, ist man auf Selbsthilfe


angewiesen:

- Gegenmaßnahmen
- Retorsionen

18) Unter welchen Voraussetzungen kommen auch nicht-verletzten Staaten Rechte zur
Geltendmachung einer Völkerrechtsverletzung zu?

→ nur besonders betroffene Staaten oder Begünstigte einer integralen Verpflichtung

Das könnte Ihnen auch gefallen