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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME

Author(s): ZEKI VELIDI TOGAN


Source: Central Asiatic Journal, Vol. 1, No. 2 (1955), pp. 144-156
Published by: Harrassowitz Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/41926311
Accessed: 27-06-2016 10:44 UTC

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME
von

ZEKI VELI DI TOGAN


Istanbul

In einem im J. 1947 von Prof. Mükrimin Halil in Istanbul erwor-


benen, handschriftlichen, epischenWerk, zusammengesetzt von einem
özbekischen Beamten namens tmâmî etwa um 1660, zur Zeit des
özbekischen Herrschers 'Abdülaziz Chán, wird zuerst von einer sonst
unbekannten Version der Frühgeschichte der Türken sehr ausführ-
lich erzählt. Nur das letzte Viertel des Werkes enthält eine legen-
däre Geschichte der Tschingiziden. Der Verfasser gehörte zur Um-
gebung Rahim Biy Yabbu's, eines der Großvezire des genannten
Chans der özbeken in Buchara und hatte noch in Schehrisebiz
(Keš) gedient. Er beherrschte das literarische Persisch nicht, konnte
nur tadschikisch schreiben und auch dies nur sehr fehlerhaft.
Firdewsî's Schâhnâme hatte er aber oft gelesen und in den alttür-
kischen, özbekischen, türkmenischen Überlieferungen, sowie in der
Jesewi-Literatur, war er sehr gut bewandert. Für die Zeit der
Tschingiziden hatte er auch den „Ta'rîkh-i Gûzîde" gelesen; für
die früheren Zeiten erwähnt er einen "Ta'rîkh ulu }l-cazm", welchen
Titel er als ungeschulter Dilettant stets nachlässig zitiert

fýjl ^î' jlr jijj. tmâmî hat das ihm zur Ver-
fügung stehende Material sehr frei benutzt, den Namen Özbek will
er auch schon unter den ältesten Stämmen der Türken begegnet
haben. Um sein Buch auch äußerlich dem Schâhnâme anzugleichen,
versäumte er es nicht, die Erzählungen über die Chane mit Legen-
den über Alexander d. Großen, Gog und Magog, sowie Fabeln und
Märchen auszuschmücken. Trotz seiner völligen Unkenntnis der
wahren Geschichte der Türken bewältigte er seine Aufgabe sehr
gut. So entstand das Chân-nâme, als eine Nachahmung des Schâh-
nâme, ein Buch von 878 Seiten, wovon 660 Seiten der Geschichte
der frühen Türken gewidmet sind. Das Buch ist in zwei Versionen
abgefaßt: der Text selbst in Prosa, am Rande dasselbe, aber ver-

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAX-XAME I45

kürzt in Versen. Dem Verfasser war wohl auch die Qutadgu-Litera-


tur bekannt, er schrieb ab und zu Verse in der Qutadgu-Sprache-
und Versart. Es ist jedoch möglich, daß diese schon in dem Buch,
das er als Quelle benutzt hatte, vorhanden waren und daß er zu
diesen Versen vielleicht nur das Wort Özbek hinzugefügt hat, so
wie es auch Navaî in seinem Alexander-Roman gemacht hatte.
Seine so ausführlich dargestellte alte Geschichte der Türken um-
faßt nur die Zeit von 12 Generationen, also eine Zeit von etwa 300
Jahren, umgeformt z i einer regelrechten Geschichte, wo die Herr-
scher ganz normale Lebensdauer und Herrschaftsjahre haben.
Jafeth's Sohn Marut hat den Namen „Türk" bekommen und er
soll die türkische Sprache geschaffen haben. Sein Sohn Külxan
hatte 8 Söhne, aus denen Völker entstanden, die ihre Namen trugen :
Ozgan, Raq, Ilaq, Xazar, Rimari, Ruyin, Tibet, Saqlab. Die Er-
zählungen über diese Völker, die meisten von ihnen kommen auch
in anderen Quellen vor (s. mein Werk ,,Ibn Fadians Reisebericht",
243 - 4,311), waren dem Verfasser in etwas anderer Gestalt be-
kannt. Der Name Xazar in unserer Handschrift j ^ ge- o

schrieben, der Verfasser selbst aber hat ihn zweifellos richtig jy>-
c - -

gelesen, da er in seinen Versen diesen Namen mit den Wörtern


o ^
u. a. reimt. Den in seiner Quelle jy*' geschriebenen Namen
der Uyguren liest der Verfasser tqur; den Namen des özbekischen
Stammes Uygur schreibt er aber . Die Hauptstadt des Reiches
heißt Tuxmaš, daher ist auch der Name des Volkes, auf das sich die
Herrscher aus dem Geschlecht des Ozgan-Xan stützen, „Tuxmaš-
Volk oder das wir sehr oft zusammen mit

dem Volk „Čil-yan" (¿Ul>-), d.h. „Oil's", erwähnt finden. Bei


diesen könnte es sich um die „Čigil" gehandelt haben (vgl.

u.a. bei Gardêzî). Wenn dem so ist, dann könnte auch ¿jL^^ aus
einem ¿?L¿..j£ gelesenen ¿iL entstanden sein. Also kann es sich
hier um die Tuxši und Čigil gehandelt haben. Die îlaq waren neben
den Čigil einer der vier Urstämme der Türken. Neben der Stadt
Tuxmaš wird auch die „Tuxmaš- Steppe erwähnt.
Im Lande der Raq wird das Gebirge Ouruq-tag, also der Kuruk-

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tagh unserer Karten, nördlich des Tarim genannt; auch „ Kol" =


„See", wird hier erwähnt, womit der Bagraš-kol gemeint sein kann.
Das ebenfalls im Lande der Laq erwähnte „Qapu-Land"
ist anscheinend mit dem uns aus der Geschichte gut bekannten
„Temir Qapug" südlich von Bagraš-kol zu identifizieren. Raq ist
m.E. eine iranische Abkürzung des uns hier wohl bekannten Ugraq
oder Ugrax (manchmal für au°h geschrieben, s. Mi-

norsky, Hudüd al-'älam, 195, 277; J 'Jk> für j' jo cf. Yaddastehãn

Qazvïnï I, 80), ähnlich den jj¿,, JV für und


Das Land der Tibeter wrird, wie dies auch in der Geschichte Temurs
und der Tschagataiden der Fall ist, Qarangutag (s. A. Stein, An-
cient Khotan, 129, 130) genannt, d.h. also der nördliche Kun-lun.
Die Chane der Xazaren hatten als ihren Sitz oder Sommersitz den

ihrer Vorfahren (s^l çlîU), den Berg Saba oder Siba. Von dort aus
führten sie oft Kriege gegen die Stämme, die um den Quruqtag
wohnten. Der Siba- See an den Ganges- Quellen (vgl. Sven Hedin,
Southern Tibet , VII, 61) wäre also zu weit. Einer der Herrscher der
Xazaren hatte den Namen Selengay, also einen dem Flusse Selenga
ähnlichen Namen. Einem der Chane der Tuxmaš, Išpara Xan,
wird die Gründung von Išpara, einer dem Autor in der Aussprache
seiner Zeitgenossen als Isfara (s. S. 649) bekannten Stadt in Fer-
gana zugeschrieben ; die anderen Städte des Mâverâûnnehr werden
in diesen Erzählungen des Epos nicht erwähnt. Die Kimari sind,
wie auch im Mugmal al-tavârîx va H-qisas , ein den Qípčaqen nahe
stehendes Volk. Ihr Land liegt bei den „Dunklen Ländern" {o'^)
mit der Stadt Benan (JL>), vielleicht Beyan (¿L»), und mit dem
Berg Čilnik oder Celnik. Auch die Kimari nehmen an den Er-
eignissen beim Quruqtag oft teil. Die Uyguren (tqur) wrohnen eben-
falls nicht weit von diesen Gegenden, also vom östlichen Tien-shan.
Sie werden oft zusammen mit den Tibetern und Xazaren erwähnt,
aber auch mit den Tuxmaš. In ihrem Lande gab es ebenfalls einen
Berg mit ihrem Namen „tqur-Berg" (jyu' Sie stehen auch
den Qípčaqen nahe. Im Lande der nach der Beschreibung viel öst-
licher wohnenden Türkmenen, wird nur die Steppe Seruš erwähnt.
Die anderen geographischen Namen sind, wTie ich mit Hilfe von
Prof. H. Bailey auch aus den khotanischen und tibetischen Urkun-

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME I47

den ersehen konnte, in Ostturkestan zu belegen. Die Namen der


den Tibeto-Xazaren oder mehr noch den Xazaren, manchmal aber
auch den Tuxmaš unterstehenden Völker und Länder sind haupt-
sächlich im Gebiete von Khotan und des Lobnor zu lokalisieren.
Von diesen ist Uzun Qaš zweifellos als Ürüñ Oaš zu lesen; die Um-
schrift jil für (d.h. ^'i von Mahmûd
Kàsgarî) zeugt von der Unkenntnis der Geographie und Geschichte
Ostturkestans durch den Verfasser. Damit wird die Oase von
Khotan bezeichnet. Der Name Khotan wird zwar auch envähnt,
doch nur selten. Kiru und Širu, zwei Ortschaften, die immer neben
Uzun Qaš erwähnt werden, sind zweifellos die östlich von Khotan
gelegenen beiden Oasen Kerya und Cira. Kiru, Kerya wird auch
bei al-Bîrûnî genannt, bei den Chinesen aber Yiiťien (vgl. Sir
Aurel Stein, Ancient Khotan , I, 155, 268, 522). Širu, Cira kommt
in tibetischen Urkunden (F. W. Thomas, Tibetan Documents con-
cerning Chinese Turkestan, 135) und, wie mir Prof. H. Bailey
zeigte, auch in khotanischen Texten als Jila vor. Im Chinesischen
erscheint dafür der Name Sie-la (A. Stein, Khotan , I, 268, 468,
522). Zusammen mit diesen wird im Epos eine Ortschaft Sangïlaq

(jjUíL») oder Sïnaglïq erwähnt, die mit den im Tibeti-


schen (Thomas, I, 265) als Singa-la und in den frühislamischen
Quellen (vgl. Minorsky, Hudüd al-cãlam, 229) in einer persischen
Form als Sanglax vorkommenden Ortschaft identisch zu sein
scheint, und auch in khotanischen Urkunden des 8. - 9. Jhd.
in verschiedenen Versionen genannt wird (die Übersetzung und
Erklärung des von H. Bailey gesammelten Materials ist noch nicht
veröffentlicht). Nach Gardêzî lag die Ortschaft drei Tagesreisen
östlich von Sha-chou. Die außerdem erwähnten Namen Qlvar (^ 3 )

oder Qlvaz Kstire oder Ksire (sehr schwankend geschrieben:

*jw5' jfl jcS) und Knam in den Knam-Bergen {{cSoß")


konnte ich noch nicht feststellen. Prof. W. Henning hält es für
möglich, daß der letztere Name eine Widerspiegelung des alten
Namen von Kaschmir (Kaspira, bei Ptolemäus KaçTTcipaïot, vgl.
Thomas, I, 193, 225, Kašpara) ist. Aber auch der Name Kaschmir
kommt vor, wenngleich nur selten.
Die Ereignisse werden im Rahmen von vier benachbarten, ein-
ander eng verbündeten türkischen Staaten als friedliche oder feind-

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liehe Auseinandersetzungen dargestellt. In der Mitte lag das Reich


der Tuxmašen, Čiliyan, Raq und ílaq; im Süden das der Tibeto-
Xazaren; im Osten das der Türkmenen und im Norden das der
Kimari, Saqlab und Qípčaqen. Die Beziehungen zwischen den
Tuxmašen und Tibeto-Xazaren sind charakterisiert durch die ab-
wechselnde Oberherrschaft zweier Linien einer Dynastie. Zwischen
den Tuxmašen und Kimari bestanden immer freundschaftliche Be-
ziehungen. Die Tuxmašen und Türkmenen waren einander nicht
freundlich gesinnt. Die Türkmenen stammten nach unserem Epos,
wie auch dem Mugmal al-tavârîx va 'l-qisas, nicht von Türk selbst,
sondern von einem anderen Sohn des Yafeth (aber nicht vom bib-
lischen Mnsk) ab. Das Reich der Tuxmašen gründeten Kül-xan,
sein SohnOzgan-xan und der Atalíq dieses letzteren, namens Idhxur-
čaq (vgl. den Namen der Uyguren als Udhxur bei Mahmûd Kâsgarî).
Ozgan-xan zwang erst seine Brüder Laq am Ouruqtag zur Unter-
werfung, dann die Xazaren am Siba-Berge und die Kimari im
Norden, und schließlich die Ruyin in Ruyin Hisâr und die Saqlab,
die zusammen mit den Qípčaq und Baraq zuerst (wie auch im
Oguznâme) als die in den Steppen von Čin wohnenden Jäger- Völker
bezeichnet werden. Nachher treten diese drei Völker aber immer
mit den Kimari zusammen im Westen oder im Nordwesten in den
nach ihnen benannten Steppen auf.
Ozgan-xan1 wird als ein Zeitgenosse Alexanders des Großen be-
zeichnet, dem er sich freiwillig unterworfen haben soll. Sein Reich,
das an tran grenzte, nannte man Turan. Zur Zeit Alp-xans, des
Sohnes des Ozgan-xan, brach ein Krieg zwischen ihm und Ilbecen-
xan, dem Herrscher der Türkmenen in der Steppe Seruš aus, in
dessen Verlaufe der letztere und Bilmen Salur, der Heerführer der
Türkmenen, ergriffen und getötet wurden. An einem Kriege zwi-
schen Alp-xan und dem Herrscher der Xazaren, Kümüs-xan (dem
Sohn des Xazar-xan), der beim Quruq-tag stattfand, nahmen auf
KümüS-xans Seite teil: die Tibeter, die Kiru, Širu, Sïnaglïq, Olvar,
Kstire und die in den Bergen gleichen Namens lebenden Knam.
Kümüs-xans Heerführer waren Baraq und Tugraq (Vgl. die Ort-
schaft Tugraq neben Khotan bei A. Stein, Ancient Khot an, índex).
Auch die Olpčaqen waren in diesem Kriege auf der Seite der Xa-
zaren.

1 „Ozgan" kann eine vulgäre Aussprache des Namens, ,Oguz-Xan" sein, wie
dieser legendäre Chan in der altai-tiirkischen epischen Literatur genannt
wird.

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME I49

Zur Zeit des Toxtamíš-xan (Sohn des Alp-xan) fand ein Krieg mit
den Baraq statt, die die Uyguren und Qípčaqen unterstützten. Die
îquren werden hier als ein starkes Volk geschildert. Einen Teil der
Überlieferungen über die îquren hat der Verfasser bei den Vorfahren
Tschingiz-xans untergebracht (S. 668 - 70, 678, 691); Bugur-xan,
Sohn des îqur-xan, unternahm (zur Zeit der legendären Alan-gua!)
einen Feldzug gegen die Söhne des Alp-xan, d. h. gegen die Herr-
scher von Tuxmaš, um die Stadt Tuxmaš zu erobern. Dabei unter-
stützten ihn die Kiru, Širu, Uzun Qaš, Kstire, Sïnaglïq, Qlvaz,
Tibeter, Xazaren und Kaschmirer. Nach Bugur-xan herrschte sein
Sohn Bekiš-xan über die îquren. Der Name Bugur könnte mit
Bügür, der auch bei Kâsgarî erwähnt wird, in Verbindung gebracht
werden.
An der Thronbesteigungszeremonie des Bektemiš-xan (Sohnes
des Toxtamïsxan) nahmen aber auch die îquren teil. Kümüs-xan,
der Herrscher der Chazaren, benützte die Abwesenheit Bektemiš-
xans, bemächtigte sich des Throns der Tuxmašen und verlegte seine
Residenz vom Siba-Berg nach Tuxmaš. Er herrschte als Chan über
ganzTuran 12 Jahre lang. Aber der Bek der Raq, Dimnaq-Bahadïr,
erhob sich unter der Führung des sich bei den Raq verborgen hal-
tenden Sohnes des Bektemiš-xan, Tüim-xan, gegen KümüS-xan
Xazarî. Dem KümüS-xan blieben nur seine Xazaren treu, sogar die
îquren verließen ihn. Der Kampf fand um den Quruq-tag und in
der ,, Steppe der Raq" (¿Li 'j statt. Da Tilim bei den Raqs
erzogen worden war, nannte man ihn auch ,,Tilim-Raq' ' . Er herrschte
40 Jahre lang und seine Zeit war die glücklichste im Lande Turan.
Zur Zeit seines Sohnes, Zere-xan, brach ein Krieg zwischen die-
sem und dem Herrscher der Xazaren Aytuguš-xan, dem Sohne des

KümiiS-xan in der ,, Steppe Oiyan" (¿Li und im ,, Lande


Qapu" (^15 ¿Mj) aus- ^ere verl°r den Krieg und die Oberherr-
schaft über Turan ging wiederum auf die Chane der Xazaren über.
Aytuguš wählte das Gebirge Ouruq-tag zu seinem Hauptsitz ; ihm
unterstanden außer den Tuxmašen, Raq und îlaq noch die Völker
der Landschaften Kiru, Širu, Uzun Oas, Sïnaglïq, Oïlvar, Kstire,
die Xazaren und auch die îquren. Er herrschte 30 Jahre.
Gegen Aytuguš erhob sich Oumíš-xan, der Sohn des Zere, mit
Hilfe der Raq, in deren Lande er sich lang verborgen gehalten
hatte. In diesen Kriegen waren die îquren und Saqlab mit den

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150 ZEKI VELIDI TOGAN

Xazaren, die Ruyin aber mit den Tuxmašen, Raq und îlaq ver-
bündet. Oumïs-xan herrschte ebenfalls 30 Jahre und seine Zeit
galt als eine der glücklichsten in der Geschichte von Turan. Zur
Zeit Oumis's fand ein Krieg mit dem Chan der Türkmenen, Bügdüz-
xan, dem Sohn des oben erwähnten Bektaš-xan statt. Der Heer-
führer Oumïs's, Čunaq Bahadïr Raq (der Sohn des oben erwähnten
Dimnaq Bahadïr Raq), besiegte den türkmenischen Heerführer
Yíldavuz Turkmen. Oumïs benützte diese Niederlage der Türk-
menen, um sein Land für immer vor den Einfällen dieses Volkes
zu sichern. Er siedelte das ganze türkmenische Volk vom Osten nach
dem Westen aus und zwar in das Land „Tengiz" d. h.
Kaspisches Meer) und ,,Balqan" (d. h. das Balxan Gebirge, östlich
des Kaspischen Meeres). Seither gab es keine Türkmenen im Osten
mehr. Die Untertanen Oumis-xans waren eben diese Tuxmašen,
Raq, tlaq, Rimari, Ruyin, Saqlab, tqur, Tibeter, Xazaren, Kiru,
Siru, Oïlvar, Kstire und Türkmenen. Oumïs feierte seinen Sieg
über die Türkmenen im Lande der Rimari, im Gebiete von Benan
oder Biyan, wo er sich vergnügend einige Zeit verweilte.
Der Chan der Xazaren Anduvïd-xan Ale.), der Sohn des
obenerwähnten Aytuguš, benützte die Abwesenheit Oumïs's, als
dieser einen Feldzug in das Fabelland Cabilqa unternommen hatte,
um das Land der Tuxmašen zu überfallen. Der 96 Jahre alte Qumis
starb aber während dieses Feldzuges in der Steppe Seruš. Anduvïd
soll einer der großen Chane der Xazaren gewesen sein. Er herrschte
36 Jahre lang über Turan. Gegen ihn erhob sich Čolpan-xan, der
Sohn Oumïs-xans. Die Raq, ílaq, Rimari, Ruyin, tqur waren auf
seiner Seite; die höheren Ränge in seiner Armee hatten aber die
Tuxmašen und die tquren inne. Er herrschte 60 Jahre. Er soll ein
grausamer Herrscher gewesen sein; seine Untertanen hingegen er-
freuten sich voller Sicherheit und Ruhe. Er wurde auf einer Jagd
durch einen Pfeil unbekannter Herkunft getötet. Er hatte während
seines Lebens die Mitglieder seiner Dynastie ausgerottet, nur sein
Sohn Bigu-Xan war am Leben geblieben. Aber auch er mußte sich
im Lande der Saqlab verborgen halten. Nach dem Tode seines
Vaters wurde er Herrscher. Er war zwar edelmütig, aber auch
„Kncbil" d. h. untüchtig.
Sein Sohn Tayfu-xan (oder Taygu-xan) regierte über die Länder
der Xazaren und Tibeter. Die Begs Bigu-xans wollten ihn an
Stelle seines Vaters auf den Thron setzen. Tayfu vertraute ihnen.

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME I5I

Als sie dann aber ihre Meinung änderten, schickte ihn Bigu-xan
strafweise nach dem unbevölkerten Ostland, wo er mit seinem Beg
und Schwiegervater, Išxlm-bay, 8 Jahre herrschte und seine Zeit
mit jagen verbrachte. Imâmî läßt ihn in diesem Lande eine Stadt
mit dem arabischen(!) Namen „Ridväniye" bauen. Nach dem Tode
seines Vaters wurde er dessen Nachfolger. Zu seiner Zeit fand ein
Krieg mit dem Chan der Xazaren, Selengay-xan, dem Sohn des
obenerwähnten Anduvid-xan statt. Er lebte im Qarangutag, seine
Untertanen waren die Völker von Tibet, Kiru, Širu, Uzun Oaš,
Kaschmir, Qarangutag, Khotan, Frman (vielleicht Parban, vgl.
Thomas, II, 277). Der Krieg spielte sich im Gebiete des Quruq-tag
ab und wurde von Selengay-xan gewonnen. Tayfu's Sohn tspara-
xan war Herrscher des Ostens, in „Ridväniye". Er unternahm
einen Feldzug gegen Selengay beim Quruq-tag. Er besiegte Selen-
gay-xan, nahm ihn gefangen und tötete ihn. Er baute die nach ihm
benannte Stadt Ispara. Er reorganisierte den Staat, verteilte die
Länder unter seinen Begs : den Osten gab er Išxímbay ; die Länder
Qiyan und Saqurdi einem anderen, namens Pir Arslan (oder Yer
Arslan) ; das Land der Kimari dem Bayun-bahadïr ; das Land Tibet
dem Qunuš-biy; die Stämme(il) der Xazar und tqur dem Ežderi
Arslan, den er zum Oberbefehlshaber seiner Armeen ernannte.
Seine Söhne Ežder und Arslan, die ihm in der Herrschaft folgen
sollten, herrschten über Kiru und Širu. Sie erhoben sich gegen ihren
Vater und griffen die Stadt Tuxmaš an. Išpara-xan begab sich in
die Stadt îspara und blieb dort. Imâmî setzt diese Stadt mit dem
ihm bekannten îsfara in Fergâna gleich. Ežder und Arslan konnten
aber über die Teilung des Landes nicht einig werden. Durch ihre er-
bitterten Kämpfe wurde das Reich der Tuxmašen äußerst ge-
schwächt. Dies nützte der Herrscher der Kimari, Qiyat-xan, aus
und bemächtigte sich des ganzen Landes. Ežder-xan ging nach dem
Westen, zu den Qïrïm und Kepe (Kefe). An die Stelle der Dynastie
desOzgan-xan trat die der Qiyat-xane, die Îmâmî mit der Dynastie
Tschingiz-xans verbindet. Den Namen Ežder will Imâmî mit dem
der Stadt Ežder-xan (Astarxan) in Verbindung bringen.
Hier ist auf manche Einzelheiten der Erzählungen aufmerksam
zu machen. Das Wort ,,Bek" bedeutet nach dem Epos Staatsleiter
und ist nach Imâmî vom Worte „Büyük" abzuleiten, er hat wahr-
scheinlich den Gebrauch des Wortes in diesem Sinne in einem zur
Zeit der Karachaniden verfaßten Buche, wie z.B. dem Qutadgu-
Bilik, gesehen. Er nennt die zwei nächsten Leibgardisten des Oumïs-

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152 ZE KI VELI DI TOGAN

xan „Hâgib" (383, 386) und übersetzt dieses Wort mit dem seiner
eigenen Zeit „Yasavul". Das zur Zeit der Özbeken ungebräuchliche
Wort „Hägib" stand offenbar in seiner Quelle, die zur Zeit der
Karachaniden, die dieses Wort neben dem türkischen „Tayangü"
gebraucht hatten, in Ostturkestan geschrieben sein dürfte. Ein
Detail der Erzählungen über die Türkmenen, nämlich die Erzählung
von Bügdüzman und Tüim-xan, ist mit der Erzählung der Türk-
menen von ihrem Chan Bügdüzman und Yetim-guzan, der den er-
steren, nachdem er ihn besiegt hatte, tötete, identisch. Diese Vari-
ante der Erzählungen von Dede-qurqut, die den Bügdüzman eben-
falls kennen, kommt in einem hundert Jahre vor Îmâmî ebenfalls
in Buchara verfaßten Buche von Hâfiz Dervíš 'Ali ,, Tuhfat di-
sunir" , zur Geschichte der Musik, vor. Auszüge daraus, worunter
diese Erzählung von Bügdüzman und Yetim-guzan, wurden von
A. Fikret veröffentlicht (Özbek musïqisi tarihi, Taschkent, 1924). Der

„Tilim" (^i;) des Chân-nâme und „Yetîm" (^Jû) bei Dervíš cAli
sind nur zwei Lesarten eines und desselben arabisch geschrie-
benen Namens. Tilim wird von Bügdüzman während ihrer Zwei-
kämpfe „Guran" (Ob^-) genannt (S. 345). Jedenfalls handelt es
sich bei und um denselben Namen. Die Schreibart

„Iqur" für „Uygur" kann als ein Überbleibsel eines uygurischen


oder soghdischen Textes betrachtet werden, den der Verfasser des
bis zu Imâmî in persischer Redaktion gelangten Buches, wie etwa des
,,Tayrîx-i xânâri ' (S. 542: * uA '
also <^>'y statt oder ,, Tďrix-i tilu H-€azm"
(S.42:*^ > in der Urquelle
gelesen haben mag. Die Chane, die Îmâmî überall als Muslime zu
schüdern glaubt, waren in Wirklichkeit vielleicht Buddhisten oder
standen unter dem Einfluß der indischen Kultur; der Name ,, tá-
para", der auch bei den Köktürken vorkommt, ist m.E. von dem
indischen „Íšvara" abzuleiten. Die Einzelheit von der Anwesenheit
des Rimari (dieser Name ist vielleicht ,,Kem-eri" zu lesen, kann
eine alte Form des Volksnamens ,, Kimak" gewesen sein) im Gebiete
des Quruq-tag, also im Gebiete der Raq, erinnert an den Bericht
Gardêzî's von der Überwinterung der Kimaken im Lande der
cRaq (j'^ CoVj» s- Edition Barthold, 84; auch Minorsky, Hudûd
al-'âlam, 277).

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME I53

Auf welche Zeit könnte sich nun diese ganze Geschichte beziehen ?
Ich sage „Geschichte", weil sie zweifellos einen Reflex der realen
Geschichte einer Zeit darstellt, wo die Stämme Raq(Ugraq) und
tlaq eine dominierende Rolle im politischen Leben Ostturkestans
spielten; in einer Zeit, wo die Chane noch keine islamischen Namen
trugen, einer Zeit, wo die Bevölkerung des südlichen Ostturkestan
einen Bestandteil des Reiches der Tibeter bildete und mit den Raq
und îlaq im Gebiete des Quruq-tag und Bagras-köl um die Macht
rivalisierte und wo die Uyguren noch keine vorherrschende, son-
dern eine bilaterale Rolle in der Rivalität zwischen Süden und Nor-
den spielten. Hier wird keiner von den zehn Stämmen der westlichen
Köktürken erwähnt und keine Einzelheit von der uns bekannten
Geschichte der Chane derselben gegeben: Die Tuxmašen, Čiliyan,
Raq und Iraq entsprechen vielleicht den Dru-gu der tibetischen
Urkunden (s. Thomas, II, 281 - 7). Raq kann mit dem „Arko" der
tibetischen Urkunden (Thomas, II, 300) und der zu „Ruyin" ge-
stellte Name „Hisar" kann mit dem „Ge-sar" (ein Teil der
Dru-gu) derselben tibetischen Quellen (s. Thomas, II, 287) in Ver-
bindung gebracht werden.
Wie kann man nun aber die Chazaren als Vorposten der Tibeter
gegen Tuxmas-Raq-Ilaq erklären? Könnte dieses Volk bevor es
etwa im Gefolge der Awaren nach dem Westen kam, irgendwo in
Ostturkestan wohnhaft gewesen sein? Hier ist die Angleichung
des Namens „Xazar" an den Namen des mit den Tibetern verbün-
deten Volkes ,, Ha-ža" verlockend.
Die Ha-ža lebten in denselben Gebieten, wo unser Epos (oder sein
Überlieferer Îmâmî) die Xazaren placiert (zwischen Kiru, Širu und
Sïnaglïq-Sangïlax, also im Gebiete des Lob-nor). P. Pelliot und
F. Thomas konnten den Namen Ha-ža nicht erklären. Die tibeti-
schen Zeichen liest der russische Sinologe Vasilyev als ,,Xa-
ša" und hielt sie für die Bezeichnung eines den Türken und Mon-
golen verwandten Volkes (vgl. Pelliot, in JA , 1920, II, 522 - 23).
Pelliot liest Ha-ža und vereinselbigt das Volk mit den den Mongolen
nahestehenden Sien-pi (Sampa) und den ihnen verwandten Tu-yü-hun
(JA, 1914, II, 144; T'oung-Pao, XX, 324). Thomas liest den Namen
ebenfalls Ha-ža, und hat diesem Volk ein besonderes Kapitel in
seinen Documents (II, 1 - 38) gewidmet. Franke nimmt die Les-
arten Ga-ža oder Gar-ža an. Für Thomas sind die Ha-ža ein türki-
sches Volk und sogar bei den ,,Drugm-gu cun", ,, Kleine Drug-gu"
der tibetischen Urkunden handelt es sich vor allem um die Ha-ža

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154 ZEKI VELIDI TOGAX

(. Documents , II, 278, 286, 291). Das Lob-nor Gebiet mit Čarxliq und
Miran bestimmte Thomas als Lebensraum der Ha-ža. Der Name
Ha-ža tritt zurZeit der Eroberung OstturkestansdurchdieTibeter auf
und ist in den Urkunden der ersten Hälfte des 8. Jhd. zu belegen. Einer
ihrer Herrscher aus den J. 625 - 643 trug den türkischen Xamen und
Titel Maga-To-gan Khagan, d. h. Baga Togan Qagan. In den chine-
sischen Quellen tritt die Bezeichnung A-chai für Ha-ža erst in den
Jahren 417 - 643 (Thomas, II, 38) auf. Aber Pelliot bestätigt, daß
dieses Volk schon im 3. Jhd. n. Chr. als ein den Hunnen nahe-
stehendes Volk unter dem Namen Tseu-lon auftritt ( T'oung Pao,
XX, 324; E. Chavannes, Tyoung Pao , 1905, 525). Der Herrscher
der Dru-gu A-no-so (d. h. Enüse) griff das Land der Ha-ža im J.
445 an (Thomas, I, 121). Pelliot stellt den Kontakt der Ha-ža und
Uygurenals benachbarte Y'ölker fest. Während der Jahre 466-470
wurde das Land der Ha-ža von den Awaren besetzt (vgl. Thomas,
I, 121, und A. Stein, Ancient Khotan, I, 170). Auf die Beziehungen
der Xazaren (ich glaube der Oara-Xazaren) zu den Mongolen und
den Awaren im Ostcaucasus habe ich schon vor langer Zeit aufmerk-
sam gemacht (Ibn-F a/lläri s Reisebericht , S. 193, bezüglich der
Worte Barangar und Žuangar). Auch den Ha-ža wird zusammen
mit den Sam-pa (Sien-pi) der tibetischen Urkunden, eine mongoli-
sche Herkunft zugeschrieben, (s. Thomas, II, 285); ihre Nachfolger,
die Tu-yii-hun, (mit dem Hauptsitz beim Kukunor, in d. J. 280-673,
vgl. L. Schräm, The M ongours of the Kansn-Tibetan Frontier, Phila-
delphia, 1954, p. 19) werden ebenfalls zu den Mongolen gerechnet.
Die Ha-ža waren Buddhisten, auch unter den Xazaren im Westen
konstatierten die Araber die Anwesenheit von „Wathaniyun"
(OoJüj), von ,, Götzenanbetern' ' (vgl. Ibn - Fadian , 319), womit
sie meistens die Buddhisten bezeichneten. Den Herrschern der
Tibe ter und der Ha-ža wird die Abstammung von A-si-na zuge-
schrieben (vgl. H. Hoffmann, in Seciilnm, I, 278) ; die Herrscher der
Xazaren stammten nach den Berichten der muslimischen Geogra-
phen ebenfalls von Asina ab (vgl. Íbn-Faãlân , 270, auch schon früher
bei Marquart, Streifzüge , S. 47). Im Falle einer Identität der Xazar-
Ha-Ža könnte man sich die Frühgeschichte der Xazaren so vor-
stellen, daß sie seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. im Gebiete von
Sa-chou-Lob-nor wohnhaft waren und dann zuerst mit den Hunnen
und dann mit den Awaren nach dem Westen auswanderten. Ein
Rest von ihnen blieb noch immer in ihren alten Sitzen zurück, bis
er später in den Tu-yü-hun aufging.

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DAS ÖZBEKISCHE EPOS CHAN-NAME I55

Die Frage der Gleichsetzung Xazar - Ha-za ist aber nicht so ein-
fach. tmâmî, der ein historisches Epos zu einem historischen Roman
ganz frei verarbeitet hatte, hat zweifellos die ihm aus dem iranischen
Epos bekannte Festung „Ruyin-diz" oder ,,I)iz-Ruyin" mit dem
in seiner Quelle „Ruyin Hisàr" gelesenen Xamen gleichgesetzt und
den bei den muslimischen Autoren erwähnten Volksnamen ,, Ri-
mari" mit dem Namen ,, Kimak" identifiziert. Vielleicht hat er auch
den in den islamischen Quellen gelesenen Namen „Xazar" mit
dem in seiner Quelle etwas ähnlich geschriebenen Xamen der
,,Ha-ža" identifiziert. Prof. H. Bailey und W. Henning weisen dabei
auf die Lesart ,, ,A-ža" des Namens Ha-za nach den Stein-Urkunden
hin, die der chinesischen ,,A-chai" entspricht und stellen die Frage,
warum die Tibeter den Auslaut ,,r" auslassen müssen ?. Doch bleibt
bei mir die Frage bestehen: könnte der Name Xazar ursprünglich
nicht aus Xaza- er zusammengesetzt sein ? Manche Gelehrte lassen
ja das Vorhandensein von Spuren der Chazaren sogar in der alten
Geschichte Indiens zu (vgl. V. A. Smith, Early History of India ,
Oxford, 1924, p. 428). Die aus dem özbekischen Epos des 17. Jhd.
zu entnehmenden Kenntnisse können aber nur dann Wert für die
Geschichte Ostturkestans zur Zeit der Herrschaft der Tibeter

haben, wenn wir echte historische Angaben besitzen werden. Viel-


leicht kann man die Erzählung über die türkischen Stämme in
der Frühgeschichte Ostturkestans in diesem Epos mit den Ergeb-
nissen der Ausgrabungen des bucldhistischen( ?) Tempels bei
Pendjekent ( Sovetskaya Archeologia , XVIII, 1953, S. 328 - 9, 333),
die die kulturelle und auch ethnische Gemeinschaft der herrschen-

den Dynastien in Ostturkestan und der im Lande der Soghdier


zeigen (vgl. die Worte A. M. Belenitski's, ibidem , S. 340), in Zu-
sammenhang bringen ?
Das ,,Chân-nâme" will uns von einer Reihe von Herrschern eines
Großreiches, dessen Zentrum sich offenbar im östlichen Tien-shan,
im Gebiete der späteren Uy¿uren befand, berichten, genau so, wie
das ,,Oguz-name", das vielleicht von einer früheren Zeit, der Hun-
nenzeit, und von einer Reihe von Herrschern eines anderen, späteren
Großreiches erzählt, dessen Zentrum im tli-Tal und im Gebiete des
Balchasch-See gezeigt wird. Beide epische Werke berichten nur von
den herrschenden Schichten, keineswegs aber von ihren iranischen
oder anderen indo-iranischen Untertanen. Beide erwähnen nur die

Xamen der Berge und Va vlas, aber nicht die der Flüsse.
Es ist möglich, daß die gebildeten Muhammedaner zur Zeit der

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156 TOGAN, DAS EPOS CHAN-NAME

Karachaniden, ja sogar in der Mongolenzeit, aus den Schriften der


alten nichtmuslischen Autoren der vorislamischen Zeit für die Dar-
stellung der älteren Geschichte der Türken in Ostturkestan und im
Tien-shan-gebiet geschöpft haben könnten. Die Erzählungen über
Afrasyab und seine Hauptstadt Urdukent (so nach Bîrûnî u.a., aber
„Xargah" in iranischer Übersetzung des türkischen „Urdu" bei
Daqîqî-Firdôsî, s. Minorsky, Hitdüd al-'dlam, 280-1) = Käsgar waren
in ihren türkischen Versionen außer an Mahmûd Kâsgarî und Yûsuf
Xâs Hâgib (s. Z. V. Togan, Bi runi' s Picture of the World , 52) auch
an Omar Chayyâm bekannt (Xourûz-nâma, ed. by Mojtaba Minovi,
Tehran, 1933, p. 52), als Rest des vorislamischen Tunga-Kults und
der Tunga- Literatur (vgl. BSOS, VI, 852 - 4; JAOS, LXIII, 202;
Z. V. Togan, Giris, 403). Alle diese Einzelheiten sind Beweise für
die Vielseitigkeit und den Reichtum der historischen Überlieferun-
gen und Heldensagen der vorislamischen Türken Ostturkestans und
des Tien-shan-gebietes.

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