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Textverarbeitung zum Thema

Deutschland
Arbeitszeit: 45 Minuten
Hilfsmittel: einsprachiges Wörterbuch
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Warum wird Deutsch gelernt?


Nach einer Erhebung aus dem Jahr 1964 (nach Muller) liegt Deutsch mit 100
Millionen Muttersprachlern an sechster Stelle der Weltsprachen. Die numerische
Rangordnung nach Grimes von 1984 setzt Deutsch mit 119 Millionen
5 Muttersprachlern an die siebte Stelle, die dargestellte Schätzung aus dem Jahr
1987 ordnet der deutschen Sprache die elfte Stelle zu. Heute sprechen rund
98 Millionen Menschen auf der Welt Deutsch als Muttersprache. Darüber hinaus
gibt es mindestens 80 Millionen Menschen, die die deutsche Sprache als Zweit-
oder Fremdsprache lernen.
10 Die Sprecherzahlen der in den Entwicklungsländern verankerten Sprachen sind in
den letzten Jahrzehnten wegen des schnelleren Bevölkerungswachstums nach
oben gerückt. Deshalb haben allerdings die Sprachen nicht unbedingt an
internationalen Bedeutung gewonnen. Zwar werden Sprachen mit mehr
Muttersprachlern eher als Fremdsprachen gelernt und dann auch international
15 verwendet, jedoch gibt es andere Faktoren, die für den internationalen Rang einer
Sprache noch bedeutsamer sind als die numerische Stärke.
Die Zahl der Staaten, in denen eine Sprache amtlichen Status hat, ist eine weitere
wichtige Grundgröße ihrer Internationalität. Die Verteilung auf mehrere Staaten
fördert die internationale Verwendung, auch die internationale Verwendung im
20 engeren Sinn. Eine solche Sprache hat zum Beispel bessere Aussichten, eine
amtliche Stellung in internationalen Organisationen zu erlangen. Beispiele sind das
Spanische oder das Arabische, die Amtssprachen der Vereinten Nationen wurden,
weil sie staatliche Amtssprachen zahlreicher Länder sind. Durch die bevorzugte
Stellung in einer so wichtigen Organisation wie den Vereinten Nationen wird
25 wiederum die sonstige internationale Stellung der Sprachen gestärkt. Sie spielen
dann zum Beispiel eine größere Rolle in der sprachlichen Ausbildung von
Diplomaten. Deutsch ist in insgesamt sieben Ländern staatliche Amtssprache. In
Deutschland, Österreich und Lichtenstein ist es alleinige nationale (=
gesamtstaatliche) Amtssprache; nationale Ko-Amtssprache, das heißt zusammen
30 mit anderen Sprachen, ist es in der Schweiz (zusammen mit Französisch und
Italienisch) und in Luxemburg (zusammen mit Französisch und Letzeburgisch).
Schließlich ist es regionale Amtssprache in Italien, und zwar in der Provinz Bozen-
Südtirol (zusammen mit Italienisch), und in Belgien, in der deutschsprachigen
Gemeinschaft im Osten des Landes.
35 Im Vergleich mit allen übrigen Sprachen der Welt liegt Deutsch nach der Zahl der
Amtssprach-Staaten (sieben) auf Platz fünf, gleichrangig mit Portugiesisch. Der
Abstand zu den höher platzierten Sprachen (Englisch, 63 Amtssprach-Staaten;
Französisch, 34; Spanisch, 23; Arabisch, 22) ist zum Teil beträchtlich. Weder die
numerische Stärke noch die Bedeutsamkeit als staatliche Amtssprache können
40 erklären, warum Deutsch die am dritt- oder vierthäufigst gelernte Fremdsprache
der Welt ist. Das Gelerntwerden als Fremdsprache ist ein ziemlich guter Indikator
für die internationale Stellung einer Sprache. Für sie spielen also offenbar noch
andere als die bisher betrachteten Faktoren eine Rolle. Der vermutlich wichtigste
45 dieser weiteren Faktoren ist die ökonomische Stärke einer Sprache oder eigentlich
der Sprachgemeinschaft. Sie lässt sich errechnen als das Bruttosozialprodukt aller
Muttersprachler der betreffenden Sprache zusammengenommen. Man addiert die
Daten für alle Länder mit einer nennenswerten Anzahl der betreffenden
Muttersprachler, wobei die mehrsprachigen Staaten anteilsmäßig einbezogen
50 werden.
Nach der ökonomischen Stärke ist Deutsch unter den Sprachen der Welt deutlich
höher platziert als nach den zuvor verwendeten Maßzahlen. Nicht wenige
numerisch vor Deutsch liegende Sprachen rangieren ökonomisch dahinter, wie
zum Beispiel Spanisch, Portugiesisch, Hindi-Urdu, Russisch und auch – wenigstens
55 bisher noch – Chinesisch.
Aus: U. Ammon. Die deutsche Sprache: Lingua franca im Schatten von Englisch?
In: Deutschland. Zeitschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Nr. 12, leicht verändert.

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