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Das Buch der Liebenden

Gespräche zwischen Liebenden

C l e m e n s

V a r g a s

R a m o s

Das Buch der Liebenden Gespräche zwischen Liebenden C l e m e n s V a
Das Buch der Liebenden Gespräche zwischen Liebenden C l e m e n s V a
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Das Buch der Liebenden Gespräche zwischen Liebenden C l e m e n s V a

Das Buch der Liebenden. Gespräche zwischen Liebenden

C l e m e n s

V a r g a s

R a m o s

Zu diesem Buch:

Dies ist eine Sammlung von zusammengehörigen Texten, die dem Buch des Längeren und Kürzeren (http://www.scribd.com/clemens-vargas-ramos)

entnommen wurden. Der erste Text hier entstand im März

2010.

Das Buch enthält zwei Teile, von denen der erste in einer unpersönlichen Form von der Liebe und dem Suchen danach und ihrem Erleben spricht. In diesem Teil ist der Gesprächspartner in der Regel ein höherer Teil des Bewusstseins.

Der zweite Teil enthält Gespräche zwischen den Liebenden in einer persönlichen Form, die sich als ein Mann und eine Frau gefunden und sich gegenseitig als Seelengefährten, als die große Liebe ihres Lebens, erkennen bzw. zu erkennen beginnen.

Diese Texte sind zu einem großen Teil Vorahnungen dieses für beide überwältigenden Ereignisses, in denen manchmal minutiös und auf vollkommene Weise alles vorweggenommen wird, was sich dann wenig später schon als Realität einstellen sollte. Die Wirkung dieser Texte in der Öffentlichkeit war so stark, dass auch andere sich davon angezogen fühlten und ihre eigenen Sehnsüchte in sie hineinzulegen begannen.

Zum Beginn der Liebe zwischen den Seelengefährten kam es dann zu Anfang Mai 2010.

* * *

Das Band der Liebe

Es ist unsichtbar und doch ist es da, allumfassend – erscheint so fern, dabei ist es ganz nah.

Bist du ganz still, kannst du es spüren, nicht greifen – noch halten, nur mit dem Herzen ist es zu berühren.

Du berührst es und es berührt dich, es ist in dir und allem verwoben, lässt ganz wunderbar erblühen dich.

Diese Reinheit gleich einem Kristall, dieser Duft gleich einer Rose, wahrzunehmen immer und überall.

Es erfasst dich ganz unbemerkt, durchtränkt dich ganz zart, ein Hauch, der immer stärker wiederkehrt.

Es ist wie ein Licht, das dich findet, überall und auf allen Wegen erhellend, bis in die Ewigkeit alles und jedes verbindet.

Geschrieben von der Geliebten im Februar 2010

Die Liebe zwischen Seelengefährten ist absolut – d. h., sie können sich nicht in ihrer Liebe irren. Es kann nicht passieren, dass von zwei Seelengefährten der eine sagt:

Ich liebe dich! und der andere: Ich liebe dich aber nicht! Beide lieben sich dann rein, klar und aufrichtig. Vielleicht gibt es Unklarheiten am Anfang, aber nicht sehr lange. Eine Liebe verdient diesen Namen dann, wenn sie erwidert wird und beide miteinander schwingen, und sonst ist sie nur eine nicht erkannte Sehnsucht nach einem anderen Objekt oder Ziel. Es ist dann wohl vielleicht eine echte Liebe, aber ihr Ziel ist ein anderes.

Clemens Vargas Ramos

Inhalt

Dialog zwischen Liebenden

8

Weshalb berührst du mich nicht?

8

Gottheit als Frau

9

Die andere Hälfte des Glücks

10

Ich selbst bin es

10

Hast du mich gehört?

11

Die beste Form der Verehrung

11

Süßer Schmerz

12

Im Lächeln allein

12

Weltentausch

12

Staubkorn

13

Blaue Stunde

13

Weiter zurücktreten

14

Das Ende von allem

14

Wildblumenfeld

15

Die Maus

16

Kammer der Kontemplation

18

Ich-weiß-nicht

19

Entsagung

20

Leben ohne Gaben

22

Kriegserklärung

23

Alles geglaubt

24

Die einfache Übung

24

Ungefasstes Staunen

25

Entzauberung

28

Der größte Schmerz

31

Unterhalten des Feuers

32

Schlammpfütze

33

Nachthimmel

34

Das geheime Wort

35

Geliebte und Geliebter

37

Prolog

37

Für immer

37

Jedes einzelne

37

Erst als sie schlief

37

Wiederfinden

37

Antlitz und Universum

38

Auf seine eigene Art

38

Nie

38

Es selbst sein

38

Entstehen der Schönheit

39

Erlaubnisse

39

Jeden Moment

39

Diesmal nicht gehorchen

39

Noch nie empfangen

40

Der Fremde

41

Der Bericht

42

Die Botschaft

43

Loderndes Feuer

44

Ununterbrochenes Pochen

44

Nicht zulassen

45

Andere Seite der Nacht

45

Niemals entkommen

45

Die stärkste Form

45

Verdächtige Liebe

46

Keine Berge nötig

46

Das vierte Universum

46

Wünschst du dies nicht auch für dich selbst?

47

Die schönste Form der Liebe

47

In die Hand des anderen begeben

47

Das wirklich Süße

48

Kritiker der Liebe

48

Nirgends sicher sein

49

Drei Rosen

49

Ich vertraue dir in allem vollkommen

50

Zusammen fortgehen

50

Dasselbe fühlen

50

Zweifellos

50

Du bist nicht da

51

Die andere Gestalt meiner Seele

51

Epilog

52

Dialog zwischen Liebenden

Weshalb berührst du mich nicht?

„Weshalb berührst du mich nicht?“ „Wenn wir miteinander schlafen und den Alltag zu leben beginnen würden, würde dieser Alltag unser Entzücken schon bald beschädigen und vielleicht völlig zerstören. Wir würden Gewohnheiten entwickeln, und in diese Gewohnheiten würden wir uns verwickeln. Sie würden uns rasch auf die graue, die gewöhnliche Seite des Lebens hinüberführen und uns dadurch ebenfalls grau und gewöhnlich machen. Wir würden die echte Freude aneinander verlieren und nur noch die dürftige Gewissheit in der Hand behalten, einander für immer zu besitzen. Wenn wir aber so bleiben, wie wir jetzt sind – indem wir uns nur anschauen und uns am anderen als eines rätselhaften, geheimnisvollen Geschöpfs eines rätselhaften, geheimnisvollen Schöpfers erfreuen und uns immer wieder anstaunen, leben wir die Wahrheit dieser Welt, die ursprünglich nur für zweckloses Anstaunen, zur Anbetung, geschaffen wurde. Alles hat seine Zeit. Alle Handlungen finden in der ihnen zugemessenen Zeit statt. Eine Handlung, deren Zeit abgelaufen ist, darf nicht über diesen Zeitraum hinaus verlängert werden. Wollten wir einander besitzen, dann würde aber eben dies geschehen – wir würden aus einem im Kosmos als abgeschlossen geltenden Zeitraum heraus den Versuch einer Verewigung der darin eingeschlossenen Handlungen unternehmen und dadurch den ursprünglichen Sinn dieser Zeit verkleinern, verraten und sogar beschädigen. Es ist menschlich, die Lust verlängern und festhalten zu wollen. Lust ist aber nicht dasselbe wie Freude. Aus der festgehaltenen Freude entsteht die gefrorene, im Grunde tote Lust. Natürlich klingt dies unbefriedigend. Daher heißt es, dass das Leben in der Anbetung und in der heißen Sehnsucht besteht, und damit ist gemeint, in einem Feuer zu leben, das beständig seiner Erfüllung entgegenstrebt, während aber diese Erfüllung immer wieder verneint wird,

damit das Feuer weiterbrennen kann. Wenn man dies versteht und leben kann, erhalten die Gesetze des Lebens einen völlig anderen Klang. Ein erfülltes Leben ist abgeschlossen und verbraucht. Willst du, dass wir miteinander abschließen und uns verbrauchen? Du musst versuchen damit zu leben, dass du mich nicht haben kannst, wie ich es ja auch tue. Indem du dies tust, wirst du langsam erkennen können, wie hinter uns beiden etwas anderes steht, etwas Größeres, dem wir mit unserem Verzicht Freude machen. Wir sind Menschen. Wir werden nicht ewig leben. Wir können dieses Spiel daher nicht ewig fortsetzen wie unser Schöpfer. So zu leben, erfordert unsere ganze Kraft, unsere volle Hingabe und unser ganzes Herz. Vielleicht werden wir müde werden und uns dieser gewaltigen Anstrengung nicht gewachsen zeigen. Vielleicht werden wir dann schwächer werden und für uns selbst eine kleine Welt erzeugen, die ein Abbild unserer kleinen Herzen geworden ist, in der wir die alte Fußspur unseres früheren Weges vielleicht noch wiederentdecken können, aber nur als eine Erinnerung. Vielleicht gelingt es uns aber auch. Lass es uns daher mit allen unseren Kräften versuchen, weil es den Einsatz wert ist. Vielleicht bringt es uns auseinander, aber die Lehren dieses gemeinsamen Tanzes zu Füßen des Großen Tänzers werden uns für die uns verbleibende Zeit unbeschreibliches Entzücken bereiten.“

Gottheit als Frau

„Was liebst du an mir?“ „Die Sanftheit und Hingabe deines Herzens, die stille Wachheit deines Geistes. Beides zusammen mit deiner körperlichen Schönheit ergibt ein brillantes, betörendes Bild – als ob die Gottheit wahrhaftig in Fleisch und Blut im Leibe eines Weibes herabgestiegen wäre. Mein Verstand fragt: Wie kann soviel geistige Macht in diesem schwachen, zarten Körper existieren?“ „Liebst du mich als die Gottheit oder als die Frau, die ich bin?“ „Als die Gottheit als Frau. Vielleicht dachtest du bei dieser Frage an dich selbst und deine persönliche

Bedeutung für mich. Uns selbst sollten wir aber nur als etwas Individuelles, nicht als etwas Persönliches, anschauen. Es gibt noch andere wie dich. Daher könnte ich viele so lieben. Es gibt noch andere wie mich, und daher könntest auch du andere so lieben. Der individuelle Ausdruck erschafft die Illusion des Persönlichen und die Seltenheit des vollkommenen Ausdrucks wiederum verstärkt diese Illusion.“

Die andere Hälfte des Glücks

„Weshalb bleibst du nicht für immer bei mir? Weshalb musst du immer wieder gehen? Weshalb weiß ich nie, wie lange du bei mir sein wirst? Weshalb musst du wie ein Besucher sein? “ „Weil wir hier alle Besucher sind. Indem ich mich immer wieder in mein zweites, anderes Leben zurückziehe und darin die Trennung von dir auskoste, erfahre ich mehr über die herannahende, endgültige Trennung zwischen uns beiden. Du weißt, dass sie früher oder später kommen muss. Du kannst nun sagen, dass ich einen Teil meines Lebens aus Angst oder Selbstsucht für mich aufspare, da ich ihn ja nicht mit dir teilen will. Aber so ist es nicht, weil jeder von uns – hinter der Kulisse des gemeinsam erfahrenen Lebens – diesen zweiten Teil des Lebens besitzt. Bevor du mich kanntest, warst du schon da – wenn ich fort sein werde, bist du immer noch da. Denke darüber nach. Dies ist aber nicht das Ergebnis einer klugen Einsicht, sondern eine Erfahrung meiner Kindheit. Damals – inmitten des Schmerzes der Einsamkeit und Verlassenheit – spürte ich den Geschmack von etwas Anderem, Unwahrscheinlichem, Fantastischem. Die Erinnerung daran hat mich nie wieder verlassen. Indem ich von dir fortgehe, kehre ich dorthin zurück. So erfahre ich dann den Schmerz der Trennung von dir, aber auch das Glück der Vereinigung mit diesem Anderen. Gehe ich dann von diesem Anderen fort, erfahre ich den Schmerz der Trennung von diesem, aber das Glück der Vereinigung mit dir. Dir fehlt also nur die eine Hälfte des Glücks, und wir

werden daran arbeiten, dass du sie auch erfährst.“

Ich selbst bin es

„Was ist mit dieser Grenze, hinter der sich die andere Hälfte des Glücks befindet? Können wir diese Grenze nicht gemeinsam überschreiten?“ „Wir können gemeinsam an diese Grenze herantreten, aber sie nicht gemeinsam überschreiten, weil das Eigentümliche dieses Anderen darin besteht, dass es jeden Einzelnen von uns ganz für sich selbst haben möchte. Sobald wir – Hand in Hand – die Grenze passiert haben, wird in uns die Erinnerung an den Anderen ausgelöscht sein – wie man eine Kerzenflamme auslöscht. Wenn du dann noch den Wunsch haben solltest, zu mir zu kommen, dann sei dir bewusst, dass dieses Andere, in dem du dann lebst, diese Verbindung sein wird; dass dieses Andere ich selber sein werde.“

Hast du mich gehört?

„Hast du mich heute gehört?“ „Ich habe Dich gehört. Ich habe gehört, und ich hoffe, nichts überhört zu haben. Schon das Wenige, welches ich von Dir gehört habe, hat mich aber satt gemacht und glücklich, und ich danke Dir dafür. Deine Stimme ist zart, aber sie durchstrahlt Mark und Knochen. Darf ich fragen, weshalb Du so lange Zeit fort warst?“ „Aber ich war nicht fort, die ganze Zeit war ich bei dir – hast du mich nicht atmen gehört?“

Die beste Form der Verehrung

„Manchmal weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe, dass ich jemanden beunruhigt oder gekränkt habe, aber ich empfinde keine Qual deswegen, obwohl Gedanken daran da sind. Ich war immer gewohnt, Buße zu tun, aber so sehr ich jetzt auch suche – es fällt mir schwer, den Gedanken an diesen Fehler zu verlängern. Er ist wie eine Maus – sobald ich ihn zu erwischen versuche, ist er schon in einer Ritze des Geistes verschwunden. Stattdessen ist da ein weiter, schmerzfreier und unschuldiger Raum, in

dem Gedanken auf- und absteigen wie Goldfische in einem Goldfischglas. Was geht da vor sich? Bin ich auf eine perfide Weise abgestumpft, bin ich ein Opfer einer neuen Einbildung, einer weiteren, falschen Selbsteinschätzung?“ „Nein, deine Buße habe jetzt ich übernommen. Du hast in einem bestimmten Kampf den Sieg davongetragen und dein weiterer Weg sieht jetzt anders aus. Davor empfandest du das Leben manchmal wie eine Strafe und daher nahmen manche Ergebnisse deiner Taten die Form einer Strafe an. Aber jetzt machst du die größten Fortschritte nicht länger dadurch, dass du dich mit deinen Fehlern quälst, sondern dadurch, dass du die Früchte deines Sieges genießt und verstehst.“ „Ich sehe in diesem weiten Raum diesen ungehorsamen Körper wandern und sich bewegen, bleibe aber völlig unbeeindruckt von allem, womit er befasst ist und war – wie ein Schlafwandler. Ist das denn gut?“ „Der Körper tut nichts Falsches. Ich wiederhole – kümmere dich nicht weiter um ihn, auch wenn er scheinbar Fehler macht, denn ich werde sie korrigieren. Einer eurer Meister sagte einmal: 'Die beste Form der Verehrung ist der ungedachte Gedanke.' Versuche das zu verstehen, weil es die Antwort auf deine Frage ist.“

Süßer Schmerz

„Ich fürchte mich nicht vor meinem Tod, aber weshalb müssen wir unsere Lieben sterben sehen? Ich möchte nichts kritisieren, aber ist das nicht eine grausame Einrichtung des Lebens?“ „Schmerz ist der andere Körper der Liebe. Er hilft zu verstehen, dass da Liebe ist und was sie ist. Alles, was wirklich verstanden wurde, wird auch geliebt. Durch richtiges Verstehen verwandelt sich der Schmerz in Süße, und was gibt es Süßeres als den süßen Schmerz?“

Im Lächeln allein

„Manchmal möchte ich weinen auf der Straße und mir die Brust zerkratzen. Dann erscheint mir diese Welt in all ihrer Alltäglichkeit im Gewand einer unbeschreiblichen, verborgenen Pracht und Überfülle, im Glanz eines

überirdischen Lichts, aber niemand außer mir scheint es zu bemerken. Wohin soll ich die Empfindungen meines Innern tragen, wem kann ich sie anvertrauen? Weshalb hast Du es so eingerichtet, dass wir mit allem Wahren und Echten immer allein bleiben? Antworte nicht, denn ich verstehe, weshalb Du lächelst.“

Weltentausch

„Ich weiß oft nicht, wo ich bin und wer ich bin. Ich schlafe ein in meinem kleinen Zimmer und erwache in einer Welt, in der die Vögel zwitschern und das Gras duftet, aber ich weiß nicht: Geschieht dies im Garten meines Todes oder in demjenigen vor meinem Haus? Schlafe ich dann wieder ein, nimmt diese Welt aber kein Ende und sie tritt an mich heran und spricht von Dingen, die ich noch nie sah. Schleier der Nacht und des Morgens – von woher seid ihr entstanden, von woher seid ihr gekommen? Welten ziehen an mir vorüber, groß wie Sonnen, klein wie die einer Ameise. Manchmal bin ich die Ameise, manchmal die Sonne. Eine setzt sich an die Stelle der anderen, sie tauschen miteinander. Sie umkreisen einander, sie wirbeln umher oder treiben still in den unendlichen Raum hinaus. Du hast mich oft daran erinnert, dass ich im Vergessen das wahre Wissen finden werde. Ich sehe jetzt: Wissen ist die Maske des Vergänglichen – Vergessen ist das natürliche Kontinuum der Ewigkeit. Dieses Wunder ist so groß, dass ich sogar Dich Selbst vergesse.“

Staubkorn

„Ich verstehe diesen Zustand aber immer noch nicht. Wie kann ich in einer Welt handeln, die beständig meinen Blicken entschwindet oder in der keine meiner Taten eine Fußspur hinterlässt? Früher war ich es gewohnt, in meiner bekannten Welt wiederzuerwachen, aber nun weiß ich abends oft nicht, was mich morgens erwartet. Weshalb sind dann diese Welten überhaupt da?“ „Sie sind nicht immer da. Es gibt Zeiten, in denen du versunken in mir ruhst, und in dieser verschwiegenen Umarmung, von der niemand außer dir und mir weiß, bereiten wir beide – du und ich – das Aufleuchten der

neuen Welten vor. Das Gesetz lautet, dass die Idee zu Fleisch werden muss, und da ich das Urprinzip und der Kraftstoff der Idee bin, hat es niemals einen Zustand ohne mich und meine Welten gegeben, und es wird nie einen solchen geben.“ „Trotzdem frage ich mich, was ich mit kommenden und gehenden Welten zu schaffen habe.“ „Was hättest du mit einer bleibenden Welt zu schaffen? In ihr erwartet dich nur der Tod. 'Tod' ist der Name für ein Staubkorn, das vom Wind davongeblasen wird und aus dem Blick der Menschen verschwindet.“

Blaue Stunde

„Wenn mich nichts mehr berührt, nicht einmal das Wandern der ungeheuren Welten – werde ich dann nicht wie ein intelligenter Kadaver sein, oder wie Holz oder Stein?“

„Ein großer Berg erscheint als leblos, ist aber nicht leblos. Auf einem Felsen kann man sitzen, aber aus allernächster Nähe betrachtet, ist er ein kreisendes Energiefeld aus unzählbaren Bewusstseinsatomen. Festigkeit und Ungerührtheit sind die Illusion eines auf zu weite Distanz eingestellten Blickwinkels. Alles erscheint auf seine Art als fest und dauerhaft, wenn nur die Position entfernt genug ist, die man diesem Ding gegenüber einnimmt. Indem die Einzelheiten verschwimmen und sich im Blickfeld auflösen, beginnen die Welten sich wie Schatten aus den Schleiern des Universalen Geistes herauszuschälen und nehmen feste Gestalt an. Dauerhaftigkeit beruht auf Trägheit.“

„Irgendwie

lässt

mich

dies

aber unbefriedigt, so

beeindruckend

es

als

eine Auflösung mancher

Lebensrätsel auch sein mag.“ „Vielleicht deshalb, weil du in diesen Welten nach einem Standort suchst. Beziehe deinen Standort dort, wo reiner Wille, reine Kraft, reine Absicht, reine Idee und reiner Geist herrschen. Bevor der Morgen dämmert, steht in der blauen Stunde alles still – die Luft weht nicht, die Vögel zwitschern nicht, alles hält den Atem an. Tritt in diese Stunde ein und verbleibe dort für immer.“

Weiter zurücktreten

„Ich spüre meinen Geist als hart und scharf, als fest und massiv wie einen Berg, oder wie einen Lichtstrahl, in dem die Staubpartikel treiben, aber ich weiß nicht, ob dies nicht auch eine Müdigkeit oder Mattigkeit sein kann, in der wir uns ja auch manchmal ungerührt wie ein Stein fühlen.“ „Du befindest dich jetzt genau in der Mitte der auseinanderstrebenden Lebenskräfte. Eine austarierte Waage lässt die winzigsten Ausschläge nach rechts und links leicht erkennen. Ein gewaltiger Balken, der auf seinem Hebelpunkt ruht, kann mit dem kleinen Finger bewegt werden und durchmisst dabei an seinen Enden vielleicht eine Wegstrecke von mehreren Metern. Du befindest dich am Entstehungspunkt der Welt und am Ursprung deiner selbst. Nun trete noch weiter zurück.“

Das Ende von allem

„Ich finde es immer noch seltsam, nicht zu wissen, ob ich wache oder schlafe, ob ich da bin oder nicht. Was gibt es dazu aus Deiner Sicht noch zu sagen?“ „Erinnere dich vielleicht an die Anfänge, da diese aus deinem Blick verschwunden zu sein scheinen: Vor vierzehn Jahren hast du den Gott des Todes aufgesucht und ihn angefleht, dir das Geheimnis des Lebens zu verraten. In dieser Zeit hast du ihm die Blumen deines Geistes und deines Herzens dargebracht, du hast auf deinen Eigenwillen verzichtet, auf niemand anderes Rat als nur den seinen gehört, nie Glaube und Achtung für ihn verloren, ihm zuliebe alle deine Bedenken und Ängste aufgegeben und dich aus Liebe einer Schulung unterworfen, die dich an die Grenze der Lebensgefahr geführt hat. Du warst in der Not geduldig, hast Hunger, Durst und Kälte ertragen und sogar noch anderen dabei geholfen. Du hast deine Versäumnisse wiedergutgemacht und deine Schulden zurückgezahlt. So hat dann wohl auch der Gott des Todes seine Schulden bezahlt und dich freigegeben. Vielleicht konnte er dich aber auch einfach nicht länger bei sich behalten, denn normalerweise wird er nur selten von Menschen besucht, die so lange Kost und Logis bei ihm nehmen. Sei es, wie es sei – du bist nun frei und kannst gehen,

wohin es dir beliebt. Du lebst nun gleichzeitig unter den Lebenden und unter den Toten – nimm es, wie du möchtest. Du verstehst nun, wie du ohne ein Bewusstsein von dir selbst weiterzuexistieren vermagst. Du bist nicht länger von einer persönlichen Welt abhängig. Weil du auf deine persönliche Welt und auf dein persönliches Ich verzichtet hast, bist du zur Welt geworden und die Welt wurde du.“ „Und was soll ich nun tun?“ „Tue, was ich auch tue, nämlich nichts, und erfreue dich mit mir zusammen am endlosen Tun des Nichtstuns. Alle Wesen lieben es im Grunde, Zuschauer zu sein.“ „Und das soll dann das Ende von allem sein? Was ist mit Dir? Bist Du denn nicht das Ende von allem?“ „Wer oder was bin ich denn deiner Meinung nach? Hast du schon Sicherheit in dieser Frage erlangt?“

Wildblumenfeld

„Es ist wahr, dass derjenige rechnen muss und nicht teilen kann, der Mangel empfindet, aber wo ist die Grenze für denjenigen, der in der Überfülle lebt? Der Mensch schafft und erzeugt so seine Welt. Aber dieser hier erschafft nichts mehr und eben dadurch wird alles erschaffen, dadurch taucht das Ungeschaffene auf. Ich habe eine Brücke vom Leben zum Tode gebaut, und als diese Brücke vollendet war, verschwanden die Schluchten von Leben und Tod und es zeigte sich wie ein liebliches Tal das weite, wildblumengeschmückte Feld des wahren Lebens.“

Die Maus

„Irgendwann wurde ich matt und müde und gleichgültig gegenüber allem, was ich bis dahin als das Heiligste betrachtet und verehrt habe. Ich war am Ziel, und alles war nur noch wie ein ferner Nachhall aus den unter mir liegenden Bergen und Tälern meiner alten Verstandes- und Seelentätigkeit. Meine einst geliebten Meister und Meisterinnen wurden mir gleichgültig. Ich ging fort, sie sich selbst überlassend, und auch ihr liebevolles Andenken verlor ich; ich las ihre Schriften nicht mehr, vergaß ihre

Worte und hörte meinen Begleitern auf dem Weg nicht mehr zu. Ich habe alles vergessen, und indem ich alles vergesse, bin ich. Es schien mir so, als würde ein neuer Weltzyklus beginnen, in dem ich bin oder auch nicht bin, und es löste keine Gefühle und Gedanken mehr in mir aus. Da ist nur eine herrliche Freiheit, eine unbegreifliche Freiheit, eine köstliche Freiheit. Was ich sage, ist nur in den Augen anderer von Bedeutung oder Nicht-Bedeutung, für mich sind es nur Klänge, ein Nachhall der aufgespeicherten Erinnerungen. Man glaubt, dass ich lebe und umhergehe, aber sie sehen nur meinen Schatten. Man glaubt mich zu kennen oder nicht zu kennen, aber niemand vermag mich zu kennen. Diese Welt besteht aus Schatten und spricht mit Schatten. Auch ich selbst sehe überall nur belebte Körper, die sich und andere für etwas halten, was keiner von ihnen ist. Was auch immer geschieht – ob es uns bis ins Mark trifft oder Berge einstürzen lässt –, ist nur ein Schwall der Gedanken und Gefühle, der wie ein austrocknender Fluss früher oder später versickert; ein nur endlos erscheinender Strom der Worte und Taten, der schon bald Überdruss und Mattigkeit herbeiführt, selbst wenn er einen Gottesdienst begleitet. Wer dies versteht und lebt – wo gelangt dieser Mensch an? Nur er selber weiß es. Er allein weiß, dass er nichts verloren und in Wahrheit nichts gewonnen hat. Er hat ein Loch in das Gebirge der Worte und Gedanken gebohrt und ist schließlich hinausgetreten in das weite Tal. In der Welt wiederholt sich alles und enttäuscht immer nur, aber in diesem Tal ist immer alles neu, und es lässt sich endlos darüber sprechen. Wenn du auch frei sein möchtest, dann sage dir: Eines Tages werde ich frei sein, und dieser Tag wird heute sein!“ „Bist du fertig? Dann lass uns gehen!“ „Ein Wort noch zum Abschied: Ist es nicht so, dass das eigentlich Faszinierende nicht das Entstehen einer Welt, sondern ihre Beendigung ist? Der Mensch studiert von morgens bis abends die Evolution seiner Welt, aber er studiert nicht ihr Aufhören. Das ist wahrhaftig seltsam, wie schon viele oftmals und mit den unterschiedlichsten Worten festgestellt haben. Er scheint nur schwer zu verstehen, dass die Beendigung einer Sache viel größeren Gewinn und Frieden mit sich bringt als der Aufbruch zu einer neuen Unternehmung, die nur die Nerven erregt und

ein Ausfluss des Immergleichen ist. Der weise Mensch sieht, wie alle Taten sich erschöpfen, wie alle Worte im Sturmwind der Zeit verwehen, wie die Körper jeden Tag weiterverfallen, wie das Dämmerlicht des Sonnenuntergangs eine alternde Welt beleuchtet und im blendenden Licht des Sonnenaufgangs von morgen nichts mehr wiederzufinden sein wird von dem, was einmal war. Wie die Maus geschwind von einer Ecke des Zimmers in die andere in ihr Loch huscht, um den glühenden Blicken der lauernden Katze zu entgehen, so durchquert der weise Mensch mit großen Schritten diese Welten, um der Tatze der Zeit und ihrer Gefolgsleute, dem Eigenwillen und der Weltliebe, zu entgehen. In dem, den die Menschen Tod nennen, sieht er seinen Freund, seinen Geburtshelfer, mit dem zusammen er auf Flügeln die rauchenden Landschaften der vergeblichen Träume, der enttäuschten Hoffnungen, der zwanghaften Ängste und der vergeblichen Illusionen bereist. Die Heiligen sahen ihren Aufenthalt in den menschlichen Welten nicht als Selbstzweck, sondern ausschließlich nur als eine Belehrung über all das an. Sie waren wirklich zufrieden nur dann, sobald jemand Freundschaft mit dem Tod zu schließen und die verwirrenden Kulissen der körperlichen Welt hinter sich zu lassen vermochte. Es gibt manche ehrenhafte Menschen, die dich vielleicht zu einer Aufgabe in dieser Welt überredet haben, aber auch sie sind eines Tages tot, auch ihre Aufgaben sind eines Tages erledigt oder mussten abgebrochen werden. Abbruch ist das Wesen der Welt – nichts in ihr wächst bis zu einem gelungenen Ende aus! Im Sommer blühen die Blumen und auch die schönsten unter ihnen – aufgeblüht oder nicht – werden im Unwetter zerstört. Dein Leben gehört dir – dein Tod gehört dir. Wovor hast du Angst? Schüttele den Gedanken ab, dass dein Leben jemand anderes gehöre und du irgendwem dafür Rechenschaft schuldig seist – lass dich nicht von einer Gesellschaft besitzen, die ewig leben zu können glaubt, aber nicht einmal mit Gewissheit anzugeben weiß, ob sie den heutigen Abend noch erleben wird. Die Welt, in der du zu leben glaubst, ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Wie kann es sich lohnen, sich für eine Welt zu opfern und zu kämpfen, in der in jeder Sekunde ein grober Abbruch deines Lebens stattfinden kann? Sollte dir die

Gleichgültigkeit deines Schöpfers gegenüber deinem körperlichen Leben nicht ein ungemein starker Verweis auf dein wahres Lebensziel sein? Die Getäuschten geben ihr Herzblut für die Verwirklichung ihrer Lebensziele, die Wissenden sehen, wie alle diese Dinge, kaum geschaffen, schon wieder der Vernichtung entgegenwandern. Was hat wirklich Bestand auf dieser Erde? Nur eines – die Erkenntnis, das nichts bleiben wird, wie es war, und dann sich entsprechend zu verhalten und zu leben. Studiere nicht, was du in dieser Welt erlangen und erreichen kannst, sondern studiere, worin ihre Bindung besteht und wie du diese so schnell wie möglich wieder aufgeben kannst. Schließe Freundschaft – enge Freundschaft – mit demjenigen, der dich am Ende deines Weges erwartet und dich fragen wird: „Hast du an mich gedacht? Hast du mich erwartet? Was wirst du nun tun?“ Dir Gleichmut einzureden und diese Frage auf später aufzuschieben, ist ein Rat derjenigen, die die Dinge unterschätzen, und er wird dir nichts einbringen. Diese Art der Freundschaft fordert wahrhaftig dein ganzes Herzblut und nicht nur einen schäbigen Teil davon, dieser Freund wird dich nicht gehen lassen, er wird dich so lange besuchen, bis du eines Tages freiwillig sein Haus betrittst und ihm um den Hals fällst. Nimm ihn als deinen Ratgeber an, wenn du ihn auch nicht lieben kannst. Eines Tages wirst auch du alles verstehen.“ „Lassen wir es dabei bewenden. Lass uns nun gehen, denn es gibt nichts Neues mehr zu sagen.“ „Du hast recht. Die Zeit des Redens ist vorbei.“

Kammer der Kontemplation

„Manchmal spüre ich bei bestimmten Ereignissen einen harten Stich im Herzen, wie einen scharfen Schrecken oder eine heiße, plötzlich aufsteigende Scham, und das Brustbein vibriert.“ „Wie lautet deine Frage, denn du weißt doch, um was es sich handelt?“ „Gewiss weiß ich es, wenn ich mich nur lange genug darin versenke.“ „Das Innere weiß alles und meldet es reifen Seelen unzweideutig. Entferne aus deinem Geist die letzten Reste

von Verdammung, Angriffslust und Fanatismus, von Grobheit, subtiler Maskerade, Politikmacherei und Versteckspiel. Eine reife Seele weiß, dass der Lauscher an der Wand nur weitere Neuigkeiten über seine eigene Schande erfährt. Sie nimmt die Lehre der Beschämung an und zieht sich zusammen mit ihr schweigend in ihre Kammer der Kontemplation zurück.“

Ich-weiß-nicht

„Wie ich es liebe, über Dich nachzudenken, mich an Dich zu erinnern und an Dich erinnert zu werden, Dich bei mir zu tragen! Niemals spreche ich von Dir, alles geschieht nur im Geheimen. In diesem Verborgenen geschieht der Austausch unserer Küsse, unserer Umarmungen, von denen keiner etwas ahnt. Wie seltsam Deine Gesetze in dieser Welt sind, in denen wir mühelos als etwas erscheinen können, was wir nicht sind, in der wir wie bekleidete Puppen umherwandern und die kleinen, unschuldigen Spiele unserer bezaubernden Maskeraden aufführen, in denen wir uns oft genug gegenseitig den Tod geben. Wahrhaftig hast Du – vielleicht ohne Deine Absicht – eine Welt der doppelten Realitäten geschaffen, in der Deine Wesen, ohne es zu ahnen, an seidenen Marionettenfäden über dem gähnenden Abgrund der Unendlichkeit ihre liebenswerten und hassenswerten Schauspiele vollführen. Genießen kann man es, wenn man den Marionettenspieler erblickt, dessen gewaltiges Antlitz sich über diese Schlünde der zeitlosen Bühnen beugt und der mit seinen leuchtenden Blick seine Figuren durchstrahlt. Du weißt, wie lange ich nach Gott geforscht habe. Ich sehe ihn auch heute immer noch nicht, obwohl ich ernsthaft nach Ihm gesucht habe. Ich sehe viele Taten Seinetwegen, ich höre viele Reden über Ihn, aber was davon ist wohl wahr? Ich weiß nicht, was oder wer Gott sein soll – ich weiß nur, dass ich anderes erfahren als erwartet habe. In diesem, was ich fand, verschwinden der suchende Gedanke, der liebende Sinn, das sehnsüchtige Verschmelzen und auch die spitze Sondiernadel der höheren Geisteskraft in einem ich-weiß-nicht. Als ich-weiß- nicht muss ich nichts mehr tun als zu ruhen und zu schauen.

Wie herrlich, nichts zu wissen, nichts zu müssen, nichts zu sein! Ich-weiß-nicht ist mein Fahrzeug, mein Herzschlag, meine Gedankenkraft und mein Lebenspuls. Im ich-weiß-nicht bin ich sogar mit Deinen Sonnen einig, denn auch sie wissen nicht und wollen vielleicht auch nicht wissen, welche herrlichen Dinge sich auf den Welten in ihrem Licht und ihren Strahlen bewegen. Ich-weiß-nicht geht mir Dir spazieren, trinkt von Deinem klaren Wasser, isst von Deinen Früchten, spricht mit Deinen Wesen, atmet mit Dir Seite an Seite Deine Luft, denkt mit Dir zusammen die zahllosen, bisher ungedachten Dinge, lacht mit Dir über Deine köstlich-kosmischen Witze, legt mit Dir zusammen die Stirn in Falten im Sturm der Welt, erschauert mit Dir zusammen in den dunklen Regenschleiern der bösen Taten. Ich-weiß-nicht ist davor, währenddessen und danach; ich-weiß-nicht ist am Anfang, in der Mitte und am Ende. Ich-weiß-nicht ist mein tägliches Brot, der Trank, der mich erfrischt, der Wind, der meinen Kopf kühlt und meine Stirne streichelt, der Blitzstrahl meiner Vernunft, der Schlag meines Herzens, der Zauber meiner Gedichte, die Kraft und der Klang meiner Stimme. Ich-weiß-nicht ist das Mehr und das Weniger, das Kleine und das Große, das Zunehmende und das Abnehmende, das Dunkle und das Helle. Niemand kann ohne ich-weiß-nicht sein und doch halten alle das Gegenteil für wahr – was für ein Wunder ist das!“

Entsagung

„Ich würde gern heute aus Deinem Munde hören, weshalb im Zusammenhang mit dem Weg von 'Entsagung' gesprochen wird. Was ist Entsagung?“ „Entsagung ist der Verzicht auf das Ausleben des Bewusstseins; es ist eine aktive Weigerung oder ein kontrolliertes Innehalten mit dem Ziel, angefangene Gedanken- und Erlebensspuren nicht weiter zu verfolgen, um eine Verwicklung in die dadurch ausgelösten Energien und neu entstehenden Wahrnehmungsformen zu vermeiden. Entsagung ist das Ergebnis der Praxis einer reifen Seele, die erkannt hat, dass ein Schiffchen, welches sich vom Ufer gelöst hat, im Wellenschlag der offenen Gewässer untergehen wird. Sobald eine Erregung im

Bewusstseinsozean auftritt und durch den Ich-Sinn als Suchen oder Streben nach oder Vermeiden von etwas weiter verstärkt wird, entsteht ein Wellenstrudel im Geist, der sich selbst durch Wunsch, Wille, Greifen, Kämpfen und Illusioniertheit beschleunigt und zu einem reißenden Mahlstrom werden kann. Deshalb heißt es:

'Wenn die Aufmerksamkeit auf die Sinnesobjekte gelenkt wird, entsteht Verhaftung. Aus der Verhaftung entspringt das Begehren und aus dem [unbefriedigten] Begehren die Gereiztheit. Die Gereiztheit führt zu Verwirrung, die Verwirrung zum Verlust des Gedächtnisses, der Verlust des Gedächtnisses zur Schwächung der Vernunft, und der Mensch ohne Vernunft rennt in sein Verderben.' (Bhagavadgita, 2, 62-63). Die kontrollierte Beobachtung des Verstandes ergibt, wie dieser beständig von der Brandung seltsamer und verrückter Gedanken und Gefühle bestürmt und umspült und schließlich zu unvernünftigen, unsinnigen, überflüssigen, übertriebenen oder unbefriedigenden Handlungen veranlasst wird. Durch Entsagung wird der Verstand gestillt, seiner Nahrungsgrundlage beraubt und vorbereitet auf die Schau des Bewegungslosen. Weil die damit verbundene Praxis auf einer vorsätzlichen Rücknahme, Behinderung, Verhinderung, Ungültigmachung, Aufgabe, Durchkreuzung und Auflösung von Handlungen bzw. Gedanken und Gefühlen beruht, wird sie nicht von denjenigen befürwortet, die dem Strom des Verstandes folgen möchten, da sie ihn irrtümlicherweise mit einer Art von 'wahrem Leben' verwechseln, während er in Wahrheit nur ein Ausfluss des Sinnlichen in die materielle Welt ist. In dieser materiellen Welt lagern sich dann die Produkte des Verstandes ab, sie versteinern dort, und sie verfaulen auch und beginnen Schaden anzurichten, indem sie das Individuum zur Beschäftigung mit Dingen veranlassen, die ihrer Natur nach tot sind. Eine zielbewusst praktizierte Entsagung führt dazu, dass die nach außen abfließenden Energien wie bei einem Akkumulator im Innern des Individuums aufgespeichert werden und wie ein Dynamo zu wirken beginnen. Eine derart aufgespeicherte Energie nimmt immer weiter zu, und während ein über seine Dehnbarkeit hinaus aufgeblasener Ballon platzen muss, geschieht dies aber mitnichten hier, denn diese Art der aufgespeicherten

Energie hat das Wesen des Selbst. Was bedeutet das? Das Selbst ist reine Potentialität, reine Aktualität, reine Ideenkraft, reiner, ungeformter und ungeschaffener Geist. Durch die Praxis der Entsagung nimmt der Geist dieses Individuums die Form des Selbst an, welches ebenfalls aufgespeicherte Bewusstseinsenergie enthält. Der Geist eines Individuums, der sämtliche Energien bei sich behält und nicht mehr ausagiert – der keine weiteren Erfahrungen mehr anstrebt –, beginnt daher die gewaltigen Mächte und Kräfte des Selbst in sich selbst zu erfahren, aber nicht als konkrete Erfahrung einer Sache, sondern wie die Bewegung eines Gottes in seinem eigenen Innern; als ob sich in seinem Innern viele kräftige Arme rühren und viele große Lichter drehen würden. Es gibt Menschen, die solche Kräfte und Bewegungen als 'Elefant, der in eine Hütte tritt', erfahren und beschrieben haben. Je stärker die Entsagung wird, umso heller, greller, deutlicher und transparenter erscheinen dem Menschen die Wahrnehmungen der Außenwelt und als umso machtvoller und luzider die Wahrnehmungen seiner Innenwelt. Vor allem tritt das Empfinden von 'Ich' und 'Welt' stetig weiter in den Hintergrund und geht über in ein verfließendes, stärkeres Empfinden einer Ichlosigkeit und Weltlosigkeit von allem, in dem Nacht und Tag, Zeit und Raum, Oben und Unten sich gleichartig anzufühlen beginnen, während über allem ein feierliches, starkes, aber nicht blendendes Licht zu liegen scheint. Durch Entsagung wird das gewaltige und schwerfällige Fahrzeug von Körper und Verstand in eine andere Richtung umgelenkt, die seiner ursprünglichen Bewegungsrichtung entgegengesetzt ist. Dieser Prozess dauert lange und wird deshalb als mühsam und auch schmerzhaft empfunden, obwohl es manche Menschen gegeben hat, die buchstäblich im vollen Lauf anhielten, ohne Schaden dabei zu nehmen.“ „Viele Menschen haben Entsagung geübt, sogar oft bis über die Grenze des Erträglichen hinaus, und haben unerhörte Opfer gebracht, scheinen aber trotzdem noch nicht zu Dir gelangt zu sein. Was kann der Grund dafür sein?“ „Letztlich liegt der Grund stets darin, dass diese Personen zwar mich, aber noch nicht den Herrscher ihrer Welt, den Tod, berührt haben. Daher ist ihre Verbindung

mit mir noch nicht dauerhaft und ihre Erkenntnis noch unvollkommen. Die Abmachung zwischen mir und dem Tod besteht darin, dass die Menschen nur über die enge Verbindung und Verschmelzung mit ihm zu mir gelangen sollten. Wenn dies noch nicht geschehen ist, ist die Entsagung noch unvollkommen.“ „Weshalb ist das so?“

„Die Fülle der Welt fließt aus mir, ist aber nicht meine eigentliche Fülle, sondern eine Abart davon. Um diese Fülle der Welt, wie sie in den Individuen lebt, zu entleeren, müssen sie zuerst der Entleerung der Welt und ihrer selbst begegnen, und das ist der Tod. Nach der völligen Entleerung können sie dann in meine Fülle eingehen.“ „Was bedeutet 'mit dem Tod verschmelzen'?“

ohne das Empfinden, zu

sterben, oder in seinen Armen einzuschlafen ohne das Empfinden, nicht wach zu sein.“

„In

seine Arme zu sinken

Leben ohne Gaben

(Nach der Gabenverteilung) „Ich habe heute nichts bekommen!“ „Das ist richtig. Du hast nichts bekommen, weil es nichts für dich gab.“ „Was kann der Grund dafür gewesen sein?“ „Alle anderen sind hierher gekommen, um die Mittel zu erhalten, die sie für ein Weiterleben benötigen. Da du auch jetzt noch hier bist und lebst, obwohl du keine solche Gabe erhalten hast, muss der Grund darin liegen, dass du diese Gabe nicht benötigst. Deine Gabe hast du bereits erhalten.“ „Was für eine Gabe soll das sein, die ich bereits erhalten habe?“ „Du hast Leben erhalten, das keinerlei Gaben benötigt.“

Kriegserklärung

„Ich fühle mich lustlos, matt, erobert von den Kräften des Niedrigen. Was soll ich tun?“ „Tue, worüber wir so oft gesprochen haben und wovon du als der Wahrheit überzeugt bist.“

„Geist und Körper quälen mich und lassen mir keine Ruhe. Sind sie nicht eigentlich Partner, mit denen man rechnen muss und mit denen man Frieden schließen sollte?“ „Nein. Erkläre ihnen den Krieg! Sie sind heimtückisch und verlogen. Befehle dem Geist mit all deiner Willenskraft, sich vor dir niederzuwerfen! Zwinge ihn, dir gehorsam zu sein. Hungere ihn aus. Errichte Stacheldraht um ihn herum, bis die wilden Hunde seiner Verlangen und die giftigen Reptilien seiner wüsten Gedanken ausgerottet sind; bis die Wurzeln seiner unverschämten Lüsternheiten ausgerissen und die Quellen seiner subtilen und offenen Gewaltanwendung versiegt sind. Mache ihm Angst mit der rohen Kraft deines Zorns! Schreie ihn an, bis er wie betäubt vor dir herwankt und lieber tot als lebendig wäre. Erkläre auch dem Körper den Krieg! Nimm ihm alle Spielzeuge seiner Gaumenfreuden weg. Raube ihm den Schlaf und nötige ihn zu ständiger Wachheit! Erlaube ihm keinesfalls zu dösen und zu dämmern. Erschrecke ihn jeden Morgen mit einer Dusche eisigkalten Wassers! Sage ihm klipp und klar: 'Ich werde dir das Wenige geben, dessen du bedarfst, aber dafür wirst du mein williges Fahrzeug sein, oder ich werde dich töten!' Wenn du Geist und Körper auf diese Weise züchtigst, werden sie ihre Gewohnheiten verlieren und gehorsam werden. Dein Geist wird seine Gemeinheit verlieren und sanft und angenehm werden. Er wird lieber nachgeben als kämpfen wollen und wie warmes Wachs in deiner Hand sein. Er wird sich jederzeit deinem Willen, den er als den überlegenen erkannt hat, beugen. Dein Körper wird geschmeidig, kraftvoll, gesund und wach wie der eines gefährlichen Raubtiers werden.“

Alles geglaubt

„Lange, lange Zeit hat mich die Welt gequält. Sie hat mich schikaniert. Sogar Kinder konnten mich in Bestürzung versetzen. Dann änderte ich mein Verhalten – ich trat herrisch auf, begann zu fordern und schließlich die Welt heftig zu schlagen. Zu meiner Verblüffung warf sie sich ohne Widerstand vor mir nieder.“

sie spüren lassen, hast du Rache

genommen?“

„Hast

du

es

„Nein, mir ging es nur um mein Lebensrecht. Danach verlor ich gänzlich das Interesse an der Welt. Irgendwann verschwand sie und wir sind uns nie wieder begegnet.“ „Weshalb hatte sie solche Gewalt über dich?“ „Sie hat mich immer nur schlecht gemacht, und ich habe ihr alles geglaubt.“

Die einfache Übung

„Es heißt immer, dass alles sich von selbst bewege, dass nichts meiner Kontrolle unterworfen sei, dass alles seinen eigenen Gesetzen gehorche und kein 'ich' existiere, das einen Einfluss habe. Wie verhält es sich damit?“ „Es gibt eine einfache Übung, die dies beweist. Am Morgen, wenn du wie gewohnt aufstehen willst, stehe nicht auf, sondern bleibe liegen und warte, bis der Körper von selbst aufsteht. Sage dir, dass du diese Sache jetzt erforschen willst. Du bleibst also liegen und kannst auch ruhig denken 'ich möchte jetzt nicht aufstehen' oder 'ich möchte jetzt aufstehen'. Du beobachtest, was passiert. Nach einiger Zeit solltest du dann bemerken, dass der Körper plötzlich von selbst aufgestanden ist. Was ist dabei geschehen? Du hast den Körper eine Zeitlang durch Willenskraft niedergehalten. Aber dann gab es einen Moment der Unaufmerksamkeit, und während dieser Unaufmerksamkeit konnte 'das Schicksal seinen Lauf nehmen'. Natürlich gehört auch das Entstehen der Unaufmerksamkeit selbst zum 'Lauf des Schicksals'. Übertrage dies auf alles andere in deinem Leben. Auch ohne diese Übung beweist eine andere Tatsache der direkten Beobachtung dasselbe, nämlich dass niemand vorhersagen könnte, wann sein nächster Gedanke entstehen und welchen Inhalt er haben wird.“

Ungefasstes Staunen

„Was ist mit dir? Du erscheinst mir seit Tagen unruhig, aber auch auf eine angenehme Weise bewegt. Was ist geschehen?“ „Du lächelst, und daran sehe ich, wie Du wieder Fragen stellst, deren Antwort Du bereits kennst. Mir ist ein Wesen begegnet, sehr sanft, sehr zart, auf eine bezaubernde

Weise still wie ein waldumstandener, verborgener, tiefer See, so empfindsam wie ein hingehauchtes Blütenblatt, so schweigsam wie eine einsame Gebirgsblume hoch oben unter fliegenden Himmeln, mit Augen schwarz und weit geöffnet vom stummen Fragen und Schauen, mit einer Fähigkeit und Bereitschaft zu Vertrauen und Hingabe abgründiger als ein abgründiger Ozean. Kaum wage ich dieses Geschöpf anzuschauen aus Furcht, dass seine Fragilität unter meinem groben Blick vielleicht zerfällt wie die duftende Asche eines brennenden Räucherstäbchens oder sich auflöst und verweht wie ein frischer, lichter Morgennebel. Wieviele haben schon versucht, den Zauber einer Seele von vollkommener Schönheit zu beschreiben, und wie viele sind darin wohl mit ihren Worten, mit ihrem Geist und mit ihrer Kunst erfolgreich und zufriedenstellend gewesen? Wenn wir beisammen sind, verschwindet die Welt um uns herum, und sogar wir selbst verschwinden in einer Seligkeit des Eintauchens in die tiefen Seen oder weiten Himmel unserer Augen, die alles sehen, alles verstehen und alles am andern mit einem Blick umfassen und umschließen, der von äußerster, fast schmerzhafter Reinheit und Brillanz ist; der sich jenseits all dessen befindet, was man normalerweise mit 'Liebe' bezeichnet, was nur ein bedeutungsloses Wort ist für einen Zustand, in dem wir keinesfalls Dienerin oder Diener, Verehrende oder Verehrender, Liebende oder Liebender des anderen sind, sondern in dem wir vereint den Blick auf etwas richten, was sich gleichzeitig in und jenseits von uns befindet und höher als wir selbst ist, und mit dem wir sprechen und das mit uns spricht, und mit dem wir uns zu dritt erfreuen – aus dem in einem verwirrenden, bestrickenden Wechselspiel eine Eins, eine Zwei und eine Drei und wieder eine Eins wird. Wie vollkommen doch diese Kräfte des Lebens angelegt sind, die in ihren fundamental verschiedenen Formen sich so vollendet aneinander anschmiegen und miteinander verschmelzen und gerade in ihrer Andersartigkeit solche Gipfelpunkte des Erlebens absoluter Einheit, absoluten Einsseins hervorbringen, ohne aber dabei im Geringsten ihre eigene Natur aufzugeben! So leicht lässt es sich hinüber und herüberspringen aus dem Einssein in das Anderssein – aus dem Anderssein in das Einssein! Ist es da

ein Wunder, wenn wir von der körperlichen Manifestation dieses Zaubers verhext sind, wenn wir das mit unseren Händen zu ergreifen und zu berühren versuchen, was das Spiel des Reinen Geistes ist? Schon das Kleinkind langt mit seinen Fäustchen nach allem, was sich vor ihm bewegt – das ist der natürliche Drang aller Lebewesen, den sie auch als Erwachsene nicht ablegen. In der körperlichen Welt beginnt mit dem Ergreifen das Festhalten, aus dem Festhalten wird das Verfestigen, aus dem Verfestigen wird das Erstarrte und aus dem Erstarrten entsteht die Unzufriedenheit. Wird nie ergriffen, entsteht auch keine Unzufriedenheit. Wird immer nur erschaut und im Schauen der leuchtende Blick des Reinen Geistes, der selbst der reine Glanz des Daseins ist, im Menschlichen wiederholt und nachgeahmt, dann steigt dieser Glanz des Daseins in das irdische Reich nieder und tritt durch die Augen der wahrhaft Liebenden wieder aus, und das ist, was ich hier erfahre! In diesem Glanz versetzen sogar die zufälligen Berührungen unserer Hände unseren Herzen die schmerzhaft-köstlichen Stiche der heißen Sehnsucht und der Gewissheit des Herannahens des erfüllten Verlangens – es ist wie ein feuriger, hinreißender und selbstvergessener Rausch, der jedoch nie von der kühlenden Frische und der weit offenen Wachheit unserer liebenden, schauenden Geistesaugen verlassen wird, und es ist dieses immer wieder liebende Versenken in diese unsere Geistesaugen, in dem wir die ganze Unvollkommenheit unserer körperlichen Berührungen aufgehen lassen können; in dem wir sie veredeln. In der gewöhnlichen Welt betrachtet man das Halten der Hände als ein Unterpfand der wechselseitigen Bindung, aber hier ist es das Versprechen einer köstlichen, immerwährenden Freiheit; einer Freiheit, die man nicht für sich selbst und den anderen schafft wie man einen Zaun um sein Heim und alles darin Befindliche errichtet, sondern die wir als ein Reich gemeinsam so betreten, wie man ein fremdes, wildes, aufregendes Land betritt, erforscht, erobert und genießt gemeinsam mit allem darin Befindlichen, wobei das darin Befindliche uns ebenso genießt, wie wir es genießen. Ist es nicht so, dass alles, was wir wahrhaft verehren, uns etwas zeigt, was über das Verehrte weit hinausführt?“

„Wahrhaftig. Du verehrst dieses Wesen also? Du würdest auch dein Leben für sie geben, worin ja der Gipfelpunkt echter Verehrung besteht?“

„Ich würde es ihr schenken, damit sie es nehmen und noch weiter damit gehen kann, um zu ihrem eigenen, wahren Leben zu finden. Dort, wohin sie dann schließlich glücklich gelangt sein mag – dort hoffe ich uns wiederzutreffen. Was ist ein Leben schon wert, das nicht für den Sinn und das Höchste von allem verbracht wird? Es wäre wertlos und nichts als ein Vegetieren, ein Essen und Trinken. In der Welt glaubt man, dass es darin bestimmte Ziele und Zwecke zu erreichen gäbe, und manche Menschen meinen, es ginge dabei um Selbsterkenntnis und -vervollkommnung, aber ich habe herausgefunden, dass die Wirklichkeit allen Sinngebungen dieser Art ins Gesicht lacht. In der Wirklichkeit, wie ich sie als einer Wahrheit sehe, werden die Verbrecher zu Heiligen, die Heiligen wieder zu Verbrechern, die Klugen zu Unklugen und die Unklugen und Schwachen zu Klugen und Starken, bis sich die Dinge erneut umkehren. Ich weiß, dass dies einer Sichtweise widerspricht, die in allem eine beständige Fort- und Höherentwicklung am Wirken sieht, und es kann hier die Gefahr von Irrationalismus und Beliebigkeitsdenken entstehen, aber woran ich nicht zu glauben vermag, sind gewisse menschliche Arten einer Erklärung, auch wenn sie angeblich nicht-menschlichen Ursprungs sein sollen. Keine Erklärung kann meinen Durst nach der Wirklichkeit zufriedenstellen. Ein sinnvoll erklärte Welt mag Fehler vermeiden helfen, aber sie wäre eine unbeschreibliche Leblosigkeit. Schaue ich die Geliebte an, dann erblicke ich nichts anderes als reine Unerklärbarkeit!“ „Du liebst sie also?“ „Ich weiß eigentlich nicht, was 'Liebe' sein soll. Mit

versucht, meine Art der

meinen

Verehrung auszudrücken.“ „Weshalb sprichst du aber nicht von 'Bewunderung'? Ich meine, dass dieses Wort der Art deiner Haltung viel angemessener ist.“ „Wäre sie nicht etwas Vordergründiges?“ „Gar nicht. In der Verehrung schwingt der Gegenstand der Verehrung mit und dieser ist ein Gedankenobjekt, also etwas Totes. Überall da, wo etwas verehrt wird, sind oft

Worten

habe

ich

nicht nur Gruppen und Gemeinschaften im Spiel, die sich gemeinsam der Verehrung widmen, sondern es gibt Dinge, die betrachtet und berührt werden und über die gesprochen und nachgedacht wird. In reiner Bewunderung ist überhaupt kein Gedankenobjekt enthalten, sondern da ist nichts als ungefasstes Staunen, nichts als reine Andacht des Schauens – wie in den Augen eines Kleinkindes. In Bewunderung ist kein Wunsch nach Berührung und Ergreifen-wollen vorhanden. Aus der Verehrung wird ein Gott, und der Gott ist ein Idol, ob er nun in Gemeinschaft oder allein verehrt wird. Aber in der Bewunderung taucht das Fließen einer ungerichteten, objektlosen, freien Energie auf, die nirgendwo einen Halt sucht und wie Wasser durch nichts aufgehalten und verfestigt wird. Gerade ihr naives und unschuldiges, nicht- wissendes und nicht-kennendes Betrachten des Gegenstands vor ihren Augen macht ihre Schönheit aus. Verehren kann man nur, was man kennt, aber bewundern kann man nur ein Mysterium. Staunen entsteht im Anblick des staunenswerten Gegenstandes und Bewunderung ist das Gewahrwerden des Staunens selbst. In dieser Bewunderung stellt sich nicht einmal die Frage danach, euer Leben füreinander zu opfern – ihr seid in eben diesem Moment eins.“

Entzauberung

„Wie ist es deiner Geliebten und dir ergangen, was ist in der Zwischenzeit geschehen? Ich sehe Unruhe in deinen Augen.“ „Viel haben wir gesprochen, aber vielleicht noch mehr geschwiegen. Indem wir einander vertrauter werden, kommen wir uns näher, und indem wir einander näher kommen, beginnen wir zu meinen zu wissen, was der andere als nächstes meinen und sagen wird. Da ist ein unwiderstehlicher Drang und Zwang, das Lebendige in Gewohnheit zu verwandeln und das bewegte, atmende Bild dieses Lebendigen in ein bloßes Abbild dessen. Ich fürchte mich davor, vielleicht dem ersten gedankenlosen Wort, dem ersten gleichgültigen Blick oder der ersten gedankenlosen Geste zu begegnen. Wie kann ich den hauchdünnen Schleier der zärtlichen Achtung und des Zaubers, der über dieser Begegnung liegt, vor Schaden

schützen?“ „Er ist schon beschädigt, da ja bereits die Sorge in eure Herzen eingedrungen ist. Vor der Sorge ist kein Lebewesen sicher – nicht die Kinder, nicht die Tiere und nicht einmal die Bäume. Begehren verwandelt sich in Wille und Wunsch und diese erschaffen die Sorge um das geliebte Objekt. Darin liegt nichts Falsches, solange aus der Sorge nicht der Kampf um das Geliebte, die Angst im Falle des drohenden Verlustes und die Verzweiflung und mentale Störung im Falle des endgültigen Verschwindens des Geliebten werden. Weder soll man versuchen, sich unverwundbar zu machen, was unmöglich ist, noch sollte man sich in die tödlichen Strudel der Leidenschaften begeben, wie sie aus dem unbefriedigten Begehren und dem zwanghaften Drang nach immer neuer Befriedigung entstehen. Es liegt eine Perversion darin zu glauben, dass es einen Ort gäbe, an dem man von der Sorge und ihren Schmerzen nicht erreicht werden könne. Die andere, noch häufigere Perversion besteht in dem Glauben, dass all dieser Krieg und Krampf der menschlichen Leidenschaften ein naturgegebenes Schicksal sei. Es ist ganz normal, Personen auch außerhalb der Krankenhäuser vorzufinden, in denen aus diesem Glauben Gewalt- und Vergeltungsdenken und schließlich Psychose und Sadismus entstanden sind. Solche Personen werden sogar oft bewundert und verehrt. Es scheint, als ob die Menschen die harten Bandagen und den Krieg aller gegen alle lieben würden. In dieser Welt versuchen fortwährend insbesondere die Männer einander mit Messern und die Frauen einander mit Blicken zu töten. Wenn der Krieg der Waffen schweigt, wird er durch den Krieg der Worte fortgesetzt. Gewalt und Neid sind die größten Übel in der Welt. Was euch beide betrifft, so könnt ihr dem nicht entgehen, weil alle diese subtile und offene Gewaltanwendung wie ein schwerer Dunst überall in der Atemluft der Geister schwebt und seine üblen Wirkungen, ob ihr es wollt oder nicht, überall hinträgt. Was ich euch rate, ist, alle eure Sorgen mir zu bekennen und nicht damit aufzuhören, eure Versäumnisse vor mir zu beweinen. Dann werde ich die Sorgen von euch nehmen und euch erfrischen, um euren Mut und eure Kraft aufs Neue zu

stärken und eure Tapferkeit zu würdigen. Aber hütet euch vor den subtilen Gewohnheiten des Denkens und Fühlens – sie würden euch zu lebenden Steinen werden lassen und es euch unmöglich machen, meine Stimme zu hören. Sie werden euch versklaven und euch glauben machen, dass Rohheit Stärke, Gemeinheit Klugheit, Egoismus klares Denken und Sinnenrausch höchste Erfüllung seien.

Durch eure ungebrochene Zärtlichkeit und eure nicht aufhörende Freude aneinander, durch euren heißen Wunsch nach der höchsten Hingabe und dem größtmöglichen Opfer für den Geliebten macht ihr auch mein Herz aufs Neue zärtlich, freudig, hingabe- und opferbereit und veranlasst mich, all dies über euch wie einen Rosenregen herabfallen zu lassen. Liebe, die man in der Welt sucht, wird nur selten und auf unbefriedigende Weise erwidert, aber Liebe, die bei mir gesucht wird, wird immer und mit einem Vielfachen dessen erwidert.“

Wahnsinn, all diese

Schmerzen und diese Gewalt?“ „Der Verstand kennt zwei Modi – den der Innerlichkeit und den der Äußerlichkeit. In dem der Äußerlichkeit denkt er nichts Kluges und Weises, sucht Streit, erfindet unsinnige Gedankenverkettungen, deren Grundlage der Ärger, der Neid, der Zorn und in der Folge die mentale Verdunklung sind, sucht nur nach seiner Lust, isst und trinkt und kopuliert, spricht nur törichte Dinge und fordert auch andere zu törichten Gesprächen auf, sieht in allem nichts als ein Objekt seiner Laune und Begierde, ist scheinheilig, verlogen, falsch, gewalttätig, gierig und schmutzig. Er sucht nie nach einem echten Verstehen seiner selbst, unterscheidet nie zwischen dem Guten und dem Angenehmen und zwischen der Wahrheit und der Unwahrheit, will in allem immer nur seinen Willen durchsetzen und hört nur dann auf andere, sobald sein persönliches Interesse ihm dies rät oder seine Furchtsamkeit ihn dazu zwingt. Er sucht stets nur die Gesellschaft derjenigen, die so wie er sind, da er sich vor jeder anderen Art von Gesellschaft, die ihn an sich selbst erinnern könnte, fürchtet, und gemeinsam mit diesen anderen Getäuschten wandert er immer tiefer in die Reiche seiner unbefriedigten Begehren und Schmerzen hinein. Irgendwann wird er müde und verzweifelt, resigniert und

„Weshalb

gibt

es

all

diesen

niedergeschlagen und beginnt ernstliche geistige und psychologische Störungen zu entwickeln. In ihren sich dem Lebensende nähernden Jahren werden daher viele Männer verbittert und stumm, griesgrämig, feindselig und halsstarrig, während viele Frauen in derselben Lebenszeit eine Rohheit und Grobheit des Denkens und Fühlens entwickelt haben, die sich von der der Männer kaum noch unterscheidet und in der ihre ursprüngliche Anmut von Seele und Geist verlorengegangen ist. Besonders die Frauen verstehen offenbar nicht, dass sie eigentlich ihr Glück in der Verkörperung der zartesten und sublimsten Seiten der Seele finden könnten. Weil alle diese Menschen aus Unwissenheit und Torheit das Leben entzaubert und seines hohen Wertes und Sinnes beraubt und auf eine rein körperliche Existenzweise herabgewürdigt haben, hat das Leben schließlich sie selbst entzaubert und ihres Wertes und ihres Sinnes beraubt, und zum Schluss wird es sie noch ihres Körpers berauben!“ „Was ist der Modus der Innerlichkeit des Verstandes?“ „Dieser ist ein Gegenbild des anderen und verdient eine besondere Würdigung. Wir können jetzt nicht mehr darüber sprechen, denn ich sehe, dass jemand gekommen ist und dich erwartet. Gehe zu ihr und berichte ihr alles. Seid glücklich und sorgt euch um nichts, denn es kann euch nichts geschehen.“

Der größte Schmerz

„Du hast mich nie belogen, nur die Wahrheit gesprochen und niemals übertrieben. Wie lange ist es her, dass du mir 'unfassbares Glück' versprochen hast, wenn ich nur deinen Ratschlägen vertrauen würde, und ist dies nicht heute Wirklichkeit geworden? 'Glück' – das vermochte ich zu glauben und dem zu folgen, aber 'unfassbares Glück' konnte ich weder verstehen noch daran glauben. In der Welt kennt niemand dieses Glück, das niemanden und nichts braucht, in dem es so viel heiße Tränen und innere Rührung gibt, die niemand versteht und die vor allen verborgen werden muss. Ist nicht der Liebende ein Wahnsinniger, ein ernsthaft erkrankter Mensch, der sofortiger Behandlung bedarf und den nicht der Arzt seiner Seele und nichts und niemand retten kann als nur der Anblick des Geliebten? Die Welt spottet über diese Liebe,

sie begreift sie nicht, sie sieht ihren Anlass nicht, sie sieht ihren Gegenstand nicht, sie versteht das Liebesmedium, den Acker, nicht, der so lange vorbereitet werden musste, um den Samen aufnehmen und treiben lassen zu können, der vom Geliebten ausgestreut wurde – an einem Tag voller Stürme und Windbrausen, an einem Tag mit einem Himmel aus schwarzgelben, furchterregenden Farben, Geräuschen und Wolkenspielen. Gibt es ein größeres Glück als die nicht enttäuschte Liebe?“ „Wahrhaftig. Und es gibt keinen größeren Schmerz als die missbrauchte Hingabe und das enttäuschte Vertrauen, wie sie im Missbrauchten und Getäuschten als auch im Missbrauchenden und im Täuscher entstehen. In der Welt glauben die Menschen am Ende ihres Leben angekommen zu sein, wenn sie ihre Verwandten, ihre Lieben und ihre Kinder gequält und gemordet sehen, aber der Schmerz der Enttäuschung und die Qual einer enttäuschten Liebe ist bei weitem größer! Gibt es etwas Schlimmeres, als die zartesten Gefühle und Empfindungen beschädigt und zerrissen sehen zu müssen, vielleicht sogar verhöhnt und ins Lächerliche gezogen; gibt es etwas Entsetzlicheres als den kühlen, rohen, verständnislosen Blick, die grobe Gebärde als Erwiderung einer Geste der Liebe und Hingabe? Haben nicht diejenigen, die nicht begreifen können oder wollen, was vor ihren Augen geschieht und die dem Geist der Rohheit und Fühllosigkeit in sich selbst nicht widerstanden haben, nicht eigentlich den Tod so verdient, wie sie den sie Liebenden den Tod gegeben haben? Man soll kein Mitleid mit solchen Menschen haben, sondern sie gehen lassen, damit sie an einem Ort, der der für sie infrage kommende ist und dem sie entgegengehen werden, auf die ihnen gebührende Art empfangen und behandelt werden; an dem man ihnen die Glieder ihrer Ehrlosigkeit und Gefühllosigkeit abschneiden, die Organe ihrer Gemeinheit und Bösartigkeit sorgfältig herausnehmen, an dem man ihnen den Geist ihrer Wildheit und Unmoral ausbrennen, an dem man ihnen die Zunge ihres üblen und verletzenden Geschwätzes heraustrennen, an dem man ihnen das verseuchte Blut ihrer Falschheit und Unwahrhaftigkeit abnehmen und reinigen wird.“

Unterhalten des Feuers

„Wie seltsam, dass ich niemals einen Freund hatte, aber dann einen Freund fand, der mir alle anderen Freunde leicht ersetzt hat. In der Welt sucht man immer wieder und unaufhörlich nach einem Menschen, der für immer bei einem ist und immer nur das Liebste und Beste für einen tut, und für den man selbst das Liebste und Beste tun kann, wird aber immer nur enttäuscht, denn alle Hoffnungen und Versprechen gelangen allzuschnell an ein Ende, oftmals an ein äußerst bitteres. Was ist der Grund dafür?“ „Heiße Sehnsucht und glühendes Verlangen sind der Motor der Welt. Sogar die Kinder werfen einander schon Blicke voller Glut zu, von denen die Erwachsenen glauben, sie hätten nichts mit der Sehnsuchtsglut der Erwachsenen zu tun. Ein brennendes Feuer muss unterhalten werden, damit es nicht ausgeht, und es muss auf geschickte Weise unterhalten werden. Es benötigt bestimmte Brennstoffe, Luftzug, einen bestimmten Platz, Trockenheit. Es muss bewacht, es muss geschürt, es muss genährt werden. Im Reich der Seele wird ein großes Feuer durch die geschickten Mittel des tiefen, unverstellten Empfindens, der Furchtlosigkeit vor sämtlichen Konsequenzen der sich aus diesem Feuer ergebenden Handlungen, durch Klarheit des Denkens, welches selbst von der Natur des Feuers sein muss, und durch tiefes Zuhören und Hinhören, unaufhörliche, liebevolle Achtung, völliges Zurücktreten hinter und völlige Hingabe an das Ziel, klug verbrachte Zeit und durch Weisheit der Beobachtung unterhalten. Vor allem muss es Langsamkeit in allem geben – eine Empfindung und ein Gedanke können nicht ausgekostet und verstanden werden, wenn sie nicht wahrgenommen werden. Zum Wahrnehmen wird Zeit benötigt. Ein tiefes Empfinden ist wie eine schwierige Passage einer Symphonie – sie benötigt ein bedingungsloses, unabgelenktes, aufmerksames Zuhören und Versenken darin. Die Regung einer Seele erschließt sich nicht sofort – im Gegenteil ist alles, was man an der Seele und am Geist im Alltag glaubt verstanden zu haben, kaum mehr als ein flüchtiges Antasten der obersten Lagen von vielen, vielen weiteren Schichten und Lagen, von denen die ganz zuunterst liegenden die meiste Süße hergeben.

Es darf weder ein Zuviel noch ein Zuwenig geben – ein Zuwenig führt zu einer Ermüdung und einem schwächer werdenden Brand des Feuers. In der Seele und im Geist zeigt sich dies als eine zunehmende Grobheit und Zerstreutheit der Wahrnehmung und in abnehmender Empfindungsfähigkeit. Alles, was sich nicht genügend entzündet und brennt, wird stumpf, schwer, fest und grob, es wird rußig. Gibt es ein Zuviel, dann ist die Kraft des Feuers auf einer niederen Ebene mit dir durchgegangen, d.h., sie ist zu sehr mit Unreinheit, nämlich mit der Grobheit der Körperlichkeit, vermischt. Wenn du deine Geliebte zu fest drückst, ist es vielleicht keine Zärtlichkeit, sondern eine Übertreibung. Es wird vielleicht eine unangenehme Empfindung irgendwo an ihrem Körper geben und sie wird wach für diese Empfindung werden, während sie vorher nur wach für den Raum war, in dem der Körper wie Luft oder gar nicht gefühlt wurde. Alle diese Dinge sind nur schwer zu verstehen für die Zeit und in den Umständen, in denen du lebst, und die aus dem Menschen ein abgerichtetes Plapperwesen gemacht haben; in denen jeder nur eine Kopie der Rohheit des anderen ist. In solch einer Welt denken alle gleich, fühlen alle gleich, reden alle dasselbe, wollen alle dasselbe und wollen alle dasselbe nicht.“

Schlammpfütze

„Ich mag manchmal kaum all diese hässlichen Worte und gemeinen Gespräche anhören, die ich jeden Tag hören muss, und alle diese im Grunde lächerlichen Beschäftigungen des Alltags vollziehen, an denen teilzunehmen ich gezwungen bin. Ich fühle mich leer und tot dabei. Weshalb muss ich immer einsam bleiben? Weshalb schickst Du mich dorthin?“ „Es kürzt deinen Weg ab. Wenn man eine große Schlammpfütze nicht überspringen kann, zieht man die Schuhe aus, schürzt die Kleider und watet mit nackten Füßen hindurch. Dann spült man die Füße mit klaren Wasser ab, bis sie wieder rein sind, richtet die Kleider her, zieht die Schuhe wieder an und setzt seinen Weg fort, als hätte es nie ein Hindernis gegeben. Andernfalls muss die Schlammpfütze umgangen werden. Es gibt viele Wege, die Umwege sind und ihren ganz

eigenen Nutzen und Wert haben. Der schnellste Weg ist immer derjenige durch die Hindernisse hindurch oder über sie hinweg. Menschen begegnen auf dem Weg verschiedensten Hindernissen und erfahren verschiedenste Hilfestellungen dabei, sie zu überwinden. Es gibt Menschen, die einen Schlag ins Gesicht erhalten und auf diese Weise aus ihrem Tagtraum gerissen werden. Es gibt andere, die schon wach sind und nur noch einer gewaltigen Blendung des Geistes und der Seele bedürfen, um in diesem plötzlichen Nicht-mehr-sehen-können das sehen zu können, was sie sehen sollten. Wieder andere schließen sich jahrelang an einsamen Orten ein, um Wort für Wort und Kuss für Kuss ihre persönliche Verbindung mit Geist und Seele hören und kosten zu können. Aber durch die Schlammpfütze müssen sie alle hindurch. Der Weg, den du gehst, ist der der Einsamkeit, Freundlosigkeit und des Durchquerens dieser Schlammpfütze des menschlichen Daseins, weil er der beste für dich ist. Was gibt es Köstlicheres als ein heißes Herz, dem von allen Seiten die Wege seines Überströmens und Überfließens versperrt sind und in dem ein sich beständig ausweitendes und verzehrendes Feuer keinen anderen Weg mehr findet als sich mit dem Licht und der Glut des Geliebten zu vereinigen? Wenn ich nicht dich für diese seltene Art einer Erfahrung gefunden hätte, hätte ich vielleicht jemanden dazu zwingen müssen!“ „Das ist wahr, denn ich sehe, dass diese Erfahrung kein Ende nimmt und immer stärker wird. Ich konnte nicht glauben, dass dies noch zunehmen könnte und gleichzeitig hatte ich Angst, dass es mich vielleicht für immer verlassen würde, wie es so oft passiert. Es wird mich wohl irgendwann zerreißen, aber auch ich will es so, wenn dies der Preis dafür ist, dass Du für immer bei mir bleibst.“

Nachthimmel

„Manchmal kommen mir meine Worte falsch vor. Rede ich nicht zuviel?“ „In der Schwärmerei ist der Geist so unerleuchtet wie eine ausgeschaltete Lampe. Man weiß nicht, woher man gekommen ist. Du aber bist nur gleichzeitig beglückt und erschreckt und weißt noch nicht, ob du mir oder dir oder gar nicht glauben sollst. Du kochst über wie Milch.“

ihrer

Ungeschicklichkeit so liebenswert, so göttlich!“ „Auch diese göttlichen Kinder stehen an einer hauchdünnen Grenze zur Unbeholfenheit, die sie schnell überschreiten. Daher sagte einer einmal: 'Die Lebewesen sind Gott in der Maske eines Tölpels.'“ „Es gab einen Tag in meinem Leben, an dem ich meinen Glauben daran, dass Vögel, Bäume, Gras und Atemluft 'nichts besonderes' seien, völlig verloren habe. Danach konnte ich keinen Schritt mehr tun, ohne mich an mir selbst zu erfreuen. In meinem Geist ist ein Aufsprudeln und Quellen, das vielleicht mehr Aktivität und Tatkraft enthält als alles Steuern kleiner Boote auf ungeheuren Ozeanen. Ich fühle mich von den Kräften des Lebens erfasst und geschüttelt.“ „Es wird in Entspannung übergehen, in bewusste Nicht- Bewusstheit. Das Bewusstsein wird morgens so hell wie der Tag und nachts so klar wie der Mond aufgehen und beide werden nichts voneinander wissen.“ „Wird es dann noch Worte geben?“ „Vielleicht. Aber was bedeuten schon Worte, auch wenn sie Hymnen und Gesänge sein sollten?“ „Hast Du mir bisher eigentlich zugehört?“ „Ich habe immer nur in den Nachthimmel deiner Augen geblickt, in dem die tausend Sonnen brennen. Was deine Worte betrifft, so mag sich dein Verstand damit beschäftigen, oder andere mögen sich damit beschäftigen – ich habe nichts damit zu tun.“

„Kinder

sind

auch

in

ihrem

Stammeln,

in

Das geheime Wort

„Meine Geliebte ist so oft abwesend und in sich gekehrt jetzt; sie hört mir plötzlich nicht mehr zu, spürt nichts mehr von meinen Berührungen, hat meine Worte vergessen und schaut mich manchmal wie einen Fremden an. In solchen Momenten sehe ich sie woanders leben; sie blickt auf etwas, was ich selber nicht erblicken kann; sie träumt etwas, dem ich nicht näher kommen kann; sie lächelt etwas oder jemanden an, von dem ich nichts weiß. Was kann mit ihr sein?“ „Du bist eifersüchtig. Ich verstehe dich gut.“ „Wovon redest du?!“

„Jede Frau hat zu Beginn ihres Lebenswegs einen Kuss von großer Zartheit und Schönheit erhalten und ein geheimes Wort ins Ohr gesprochen bekommen: Sei auf deine Art wie Ich! Mit dem Glanz dieses Kusses und dieses geheimen Wortes versehen wandeln sie hier, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sein sollten. Von diesem Glanz sind ihre Seelen und Körper überschüttet und auch die weniger Empfindungsfähigen unter ihnen fühlen es blind. Eine Frau, die sich des Ursprungs dieses Glanzes bewusst wird, vereinigt sich mit dem Geber des für sie bestimmten Kusses und Wortes.“

*

*

*

Geliebte und Geliebter

Prolog

Der Liebende erforschte die Liebe und ihre Essenz. Er fand, dass drei Universen der Liebe existieren: Das Universum der vielen, die die Liebe vergessen haben und zu ihr erweckt werden müssen; das Universum derjenigen, die jemanden oder etwas suchen, aber noch nicht wissen, wen, was oder wie; das Universum derjenigen, die es wissen und nur warten. Von diesen dreien wissen nur die Liebenden der dritten Art, dass Liebe auf immer unerlöst bleiben wird.

Für immer

Die Geliebte musste weinen, weil der Geliebte sie so liebevoll ansah. Sie fragte bang: Wirst du für immer bei mir bleiben? Der Geliebte sah sie wieder liebevoll an. Sie umschlossen sich mit ihren Blicken, sie umschlossen sich mit ihren Armen.

Jedes einzelne

Geliebter und Geliebte küssten einander und umarmten einander. Sie begannen zu sprechen, nachdem sie lange geschwiegen und sich geküsst und umarmt hatten, und als sie dann sprachen, war jedes einzelne ihrer Worte wahr und nicht falsch; jedes einzelne.

Erst als sie schlief

Der Geliebte empfing die Geliebte wie ein Gastgeber und brachte ihr zu essen und wärmte sie und sorgte für sie. Und erst als die Geliebte schlief, begann er sie zu küssen, und in ihrem Traum begegnete die Geliebte ihrem Geliebten und empfing seine Küsse.

Wiederfinden

Eines Tages fürchtete sich der Geliebte und rief angstvoll aus: Wenn wir uns verlieren oder man uns trennt – wie sollen wir uns dann wiederfinden? In beiden stieg das Entsetzen hoch und begann sie zu würgen. Verzweifelt dachten sie über eine Antwort nach und weinten lange, weil sie keine finden konnten.

Antlitz und Universum

Der Geliebte betrachtete das Antlitz der Geliebten und sagte: Deine Augen sind wie der Nachthimmel; du ersetzt das Universum. Die Geliebte trat in den Nachthimmel ihrer eigenen Augen ein und betrat auch das Universum darin, und dort fand sie ihren Geliebten wieder.

Auf seine eigene Art

Die Liebenden wanderten – Hand in Hand – gedankenschwer dahin und kamen an einem blühenden Baum vorbei. Ein Windstoß fuhr plötzlich in den Baum, und der Baum überschüttete die Liebenden mit einem Regen duftender, zarter Blütenblätter. Überrascht und entzückt lächelten die Liebenden den Baum an, und lächelten einander an, und alle drei freuten sich über all diese Schönheit – jeder auf seine eigene Art.

Nie

Die Liebende fragte: Manches missfällt anderen an mir. Was meinst du? Der Liebende antwortete: Du hast eine schöne Art zu sprechen, dich zu bewegen und alle deine Dinge zu tun. In meinen Augen kannst du nie etwas falsch machen.

Es selbst sein

Geliebte und Geliebter blickten sich an und ihre Augen verdunkelten sich, und indem sie sich im Blick auf ein Unbekanntes zu verschleiern begannen, fanden beide zueinander und schüttelten sich. In dieser Verzücktheit trat

der Geliebte in den Traum seiner Geliebten ein und sah dort keine Geliebte mehr, nur sich selbst. Auch als er ihren Traum verließ, war er immer noch allein. Er fragte sich:

Wie kann sie mich jetzt wiederfinden? Dann sah er, dass er selbst Geliebte und Geliebter war.

Entstehen der Schönheit

Der Geliebte fragte die Geliebte: Wie konnte es geschehen, dass wir uns fanden? Wie wurde der Traum Wirklichkeit? Die Geliebte antwortete: Du fandest mich, indem du nicht suchtest, und ich fand dich, indem ich dich erwartete. Wir folgten der geheimen Regel, die sagt, dass wir gern tun sollen, was man von uns erwartet zu tun. Weil wir beide noch nicht einmal von dieser Regel wussten, aber vertrauten, wurde der Hunger der Liebe schließlich durch das Entstehen der Schönheit beantwortet. Das Kostbarste wird geschenkt, nicht gefunden.

Erlaubnisse

Der Geliebte fragte: Erlaubst du mir, bei dir zu bleiben? Die Geliebte erwiderte: Ich erlaube es dir gern. Der Geliebte fragte: Erlaubst du mir, dich zu berühren? Die Geliebte antwortete: Ich erlaube es dir gern. Der Geliebte fragte: Erlaubst du mir, dich zu küssen? Die Geliebte erwiderte sanft: Du brauchst meine Erlaubnisse nicht dazu. Der Geliebte sagte: Aber ich liebe es, diese Fragen zu stellen und deine Antworten zu hören.

Jeden Moment

Schönheit wird kommen, Liebe wird kommen, Erfüllung wird kommen, Verheißungen werden wahr. Der Liebende hielt Ausschau nach der Geliebten, die Liebende hielt Ausschau nach dem Geliebten. Beide standen schon mit dem Rücken zueinander nahe beieinander. Sie sehnten sich, sie machten die Luft um sich herum glühend. Jeden Moment wird die Aufforderung an sie ergehen, sich nun umzuwenden.

Diesmal nicht gehorchen

Der Geliebte fragte die Geliebte: Wann wirst du wiederkommen? Weshalb verlässt du mich? Wie lange wirst du fort sein? Die Geliebte antwortete: Ich weiß nicht, wann ich wieder bei dir sein kann; wann wir wieder zusammen sein dürfen. Ich gehe, weil man mich auffordert zu gehen, und der mich dazu auffordert, ist jemand, den auch du gut kennst; dessen Wünsche auch du gern erfüllst. Der Geliebte erwiderte: Lass uns ihm für dieses Mal nicht gehorchen – von keinem Menschen darf man erwarten, sein Liebstes auch nur für kurze Zeit aufzugeben; es sei denn, man wollte ihn mit Absicht unglücklich machen. Ich werde dich verbergen – so wird er dich nicht finden, um dich zu holen. Die Geliebte sagte: Er hat mich bereits geholt – mein Körper liegt neben dem deinen, aber mein Geist liegt neben dem seinen. Noch stärker als unsere Liebe ist der Wunsch desjenigen, der diese Liebe geschaffen hat – zu unserer und seiner Freude. Der Geliebte fragte: Wann endlich wird er dich dann freigeben? Die Geliebte antwortete: Niemals – genauso wenig wie du mich jemals freigeben wirst; wie auch ich dich niemals freigeben werde.

Noch nie empfangen

Die Liebende sagte: Sollten wir unsere Liebe nicht verbergen? Ist sie nicht ein Anstoß für andere, eine Irritation, eine Ungehörigkeit, eine Absonderlichkeit? Sollten wir nicht lieber in die Einsamkeit gehen und dort tun, was wir aufgefordert werden zu tun – wonach uns ist? Lebt es sich nicht einfacher in der Entfernung von allem, was uns drückt und drängt; was uns zwingt, anders zu sein als wir sind und fühlen? Der Liebende erwiderte: Sie verstehen ja nichts; sie glauben nur zu verstehen. Ihr Spott ist der Schutzmantel und der Palisadenzaun, den die Götter um uns herum errichtet haben, um unser zärtliches Spiel, unser geheimes Vergnügen und verliebtes Tollen, unsere atemlosen Worte und zahllosen Küsse zu ihrem eigenen Vergnügen beobachten zu können. Indem wir ihnen dies gern

zugestehen und so aus gemeinsamer vervielfachte Freude machen, vergrößern sie den Rausch unseres Zusammenseins ja nur. Wer hat nicht gern Zuschauer, die wie verzaubert all seinen Taten und Worten zu folgen versuchen, wie diese sich immer höher und stets vergeblich in die Gipfel des Liebes- und Sehnsuchtshimmels hinaufzuschrauben versuchen? Indem du das Beste deiner Liebe zu geben versuchst und ich es ebenfalls tue, wandern alle diese anderen zusammen mit uns mit und begleiten uns, und gemeinsam gelangen wir an Orte, die sie allein vielleicht nicht erreicht hätten. Dort sind dann schließlich alle glücklich angelangt und auch glücklich mit sich selbst, und wir beide können uns von ihnen endlich trennen und das Glück finden, welches uns noch weiter oben erwartet – welches niemand außer dir und mir kennenlernen wird. Dort werde ich dir weitere süße Geheimnisse ins Ohr flüstern, die mir die Götter nur für dein Entzücken mitgeteilt haben. Ich werde dich betören – ich werde dich verrückt nach dieser Liebe machen. Ich werde dich verführen, ich werde dir den Verstand rauben. Du wirst Dinge hören, die du noch nie gehört hast – du wirst Berührungen empfangen, die du noch nie empfangen hast. Dir werde ich versprechen, dass diese Freuden kein Ende nehmen werden.

Der Fremde

(Anmerkung: In diesem Text geht es nicht um den Aspekt der „Versklavung durch Liebe“, sondern um den Zauber, der dadurch entsteht, dass zwischen den Liebenden eine Unkenntnis bezüglich der wahren Gestalt der anderen Person vorliegt. Die Liebende gibt sich dem Geliebten hin, der nicht ist, wofür sie ihn hält, während nur er die Wahrheit dieser Begegnung kennt, sie aber nicht mitteilen kann und darf. Es ist ein Gleichnis für eine Begegnung, deren Schönheit nicht auf der Ebene liegt, auf der sie scheinbar stattfindet, sondern auf einer höheren.)

Der Liebende sprach zu sich selbst: Nie darf sie von meiner wahren Liebe erfahren, nie darf sie ahnen, was sie wirklich für mich ist, was ich in Wahrheit für sie bin. Was würde dann geschehen? Würde sie mich nicht mühelos zu

ihrem Sklaven machen können, wenn sie nur wollte? Ich werde es vor ihr verbergen, vor ihr verheimlichen und sorgfältig darauf achten, dass mir kein Blick, kein Wort und keine Gebärde entkommt, die mich verrät. Ich werde mit ihr wie ein Fremder sprechen, ich werde sie nur wie zufällig berühren, ich werde gleichgültig sprechen und unauffällig zu ihr hinschauen. Ich werde in der Gestalt ihres Geschlechts, ihrer Freunde oder ihres liebsten Tiers zu ihr kommen und in ihrer nächsten Nähe sein dürfen, und sie wird nichts ahnen. Sie wird mich kosen, wenn sie ihr Haustier kost, sie wird mich bewundernd betrachten, wenn sie ihre Blumen betrachtet, sie wird mit mir freundlich sprechen, wenn sie mit ihren Freunden spricht, sie wird meinen Körper berühren, wenn sie ihren berührt. Überall und in vielerlei Gestalt werde ich so die Freuden ihrer Gegenwart erfahren, die mich erwärmen und schließlich erhitzen werden. Dann, nachdem sie zart und sorglos geworden ist, werde ich ihren Geist mit dem meinen verschmelzen und so aus meinen Gestaltungen heraustreten, und mich ihr in meiner wahren Gestalt zeigen. Indem ich ihren Verstand verwirre, wird sie sich dem hingeben, den sie zu lieben glaubt. Ich werde die Geliebte in meinen Armen halten, die sich selbst und mich nicht mehr kennt, und sie dorthin tragen, wo sich unsere Geister – verzaubert und verwandelt – wie Traumgebilde aus Schleiern zu lösen und zu spielen beginnen. Dann werde ich sie zurückbringen in ihre Welt und sie fragen: Wo bist du gewesen? Wer hat dich in den Armen gehabt? und sie wird lachen und nichts davon wissen, aber noch eine Ahnung ihres Entzückens in sich tragen und auf reizvolle Weise nach Antworten suchen. Schließlich wird sie mich, den Fremden, verlassen und unruhig auf die Suche nach ihrem Geliebten gehen, als der ich ihr das nächste Mal wieder begegnen werde; schon bald, schon heute, jetzt gleich. So werde ich es machen, so werde ich sie für immer bei mir haben – ich, der Fremde.

Der Bericht

Der Geliebte berichtete der Geliebten: Ich war wieder früh wach und obwohl ich etwas erschrak darüber, da dies schon lange so geht und es offenbar immer frühzeitiger

wird, war ich froh, mich wiedersehen und meine heißen Gedanken aufs neue begrüßen zu können, und von ihnen begrüßt zu werden. Sie fragten mich: Was oder wen wirst du heute lieben? Wo ist deine Geliebte, wo ist deren Geliebter? Wann werden sie zusammen kommen? Ich schloss die Augen und trat in die vielen Brennkammern des feurigen Geistes ein und forschte dort nach der Geliebten. Ich durchsuchte Kammer um Kammer und fand wohl viele Liebende aller Arten und Geschlechter, aber nicht die meine. Nachdem ich dann lange gesucht und sie nicht gefunden hatte, stand ich still und öffnete die Augen, und da fand ich dich neben mir liegen. Ich erkannte dich aber nicht. Daher fuhr ich in deinen Leib und durchsuchte auch ihn nach der Geliebten, und nachdem ich seine Höhlungen und Windungen durchkreuzt, seine Gärten und Täler durchwandert, seine Gewässer und Flüsse durchschwommen und von ihnen getrunken hatte, fuhr ich als nächstes in den Geist dieses Körpers, um auch dort zu suchen. Ich durchreiste die Zeitalter darin, ich befragte seine Gedanken, ich stürzte in die Tiefen seiner Wünsche und Ängste hinab und stieg mit seinen Hoffnungen und Sehnsüchten zusammen wieder hinauf, aber nirgends fand ich dich. Schließlich verließ ich diesen Geist und stand wieder still und öffnete erneut die Augen. Da berührte mich jemand sanft an der Schulter und als ich mich umdrehte, konnte ich niemanden erblicken, aber ein unbekannter, zarter Duft begann mich plötzlich von überall her zu umwehen, große Lichter begannen sich in mir zu drehen und Arme begannen sich in mir zu rühren. Es begann mich zu schütteln und zu Boden zu werfen, und als mich wand und hin und her drehte, kamst du zu mir herab und wandest und drehtest dich hin und her wie ich. Ich wollte gern schreien und weinen, aber ich blieb stumm und sah mit weit geöffneten Augen in ein starkes Licht, das nicht blendete. Da hatte ich dich dann gefunden.

Die Botschaft

Der Geliebte sprach: Ich empfinde es nicht so, dass wir einander dasselbe zu sagen haben, sondern so, als hätte ich dir eine wichtige Botschaft zu überbringen. So lange du diese Botschaft zu erfassen versuchst, so lange darf ich bei dir bleiben. Aber sobald du sie verstanden haben wirst,

muss ich dich sofort verlassen. Die Geliebte fragte: Wer hat dies angewiesen? Der Geliebte schwieg. Die Geliebte frage erneut: Wessen Befehl ist das? Wer hat dies verlangt? Der Geliebte schwieg. Die Geliebte sagte: Nun gut, dann werde ich hören, aber nicht verstehen; erfassen, aber nicht begreifen. Dann wirst du nicht gehen können und neue Arten erfinden müssen, es mir mitzuteilen, und darüber wird viel Zeit vergehen, und vielleicht wird es niemals einen Empfänger dieser Botschaft geben. Der Geliebte erwiderte: Wir können nicht verhindern, was uns geboten wird zu tun. Ich werde die Botschaft aussprechen – du wirst sie verstehen. Ich werde dich verlassen – wir werden sterben vor Kummer. Nach unserem Tode wird eine lange Zeit vergehen, in der diese Botschaft ihre Früchte trägt. Sie wird in sich unsere Körper enthalten und diese weitertragen und sie durch ihren immensen Duft und den in ihr enthaltenen Nektar am Leben erhalten; sie wird sie verjüngen. Dann werden diese Körper wieder zu atmen beginnen und von den Seelen erneut bewohnt werden, die in ihnen einst gelebt haben. Du wirst mich zunächst nicht erkennen, ich werde dich zunächst nicht erkennen. Dann wirst du mich anschauen und eine Ahnung erlangen, wer ich einmal für dich war, und du wirst dich mir nähern und – in der Erregung dieser Ahnung – mich zu berühren versuchen. Dann werde ich dich berühren und indem wir ineinander eintauchen, werden wir beide in unseren Körpern und in unserem Geist die Vergangenheit unserer selbst erfahren. Wir werden zurückreisen – wir werden dann erneut zurückreisen, in das Jetzt. Wir werden nicht weinen, sondern uns nur stumm anschauen und unser Glück nicht fassen können. Dann könnte es geschehen, dass wir erneut meinen sterben zu müssen, vor Glück. Sollten wir wirklich sterben, dann wird die dadurch entstehende Botschaft wieder eine machtvolle Wirkung haben und großes Staunen und große Freude hervorrufen – überall um uns herum, denn es entsteht immer große Freude, wenn Glück zum Tode und der Tod zum Glück

führt. Man wird dann versuchen, uns zu folgen. Durch uns beide werden viele Menschen vom Leben zum Tode, vom Tode zum Leben gelangen. Wäre das nicht herrlich? Möchtest du das? Die Geliebte schwieg. Morgendämmerung erschien über den Bergen, sanftes Licht lag in breiten Strahlen über den Liebenden. Sich an den Händen haltend, ruhten und schlummerten sie, alles vergessend – nur den Geliebten, nur die Geliebte nicht.

Loderndes Feuer

Die Liebende fragte froh: Wie siehst du unser beider Zukunft? Der Geliebte erwiderte tadelnd: Ein loderndes Feuer verzehrt rasch seine Nahrung. Ich werde nicht zulassen, dass aus unserer Liebe ein stinkender Schwelbrand wird. Die Liebende weinte die ganze Nacht.

Ununterbrochenes Pochen

Der Liebende sagte zärtlich: Weine nicht. Er nahm sie in den Arm, berührte sie sanft, küsste ihre Tränen. Er zerstreute behutsam ihre Sorgen, überredete klug ihren widerstrebenden Geist, flößte ihr liebevoll einen Nektar aus unsterblichen Worten und zarten Berührungen ein, der ihr Herz warm machte, der in ihr zu fließen begann. Indem sie alles vergaß außer dem Geliebten, kehrte sie zu ihm zurück, den sie verloren geglaubt hatte und den sie im ununterbrochenen Pochen ihrer beider Herzen wiederfand. Sie schauten auf die Welt, wie sie sich in all ihrer Qual der unerfüllten Liebe wand und dies so verzweifelt in sich bewegte. Nur die Liebenden erfahren dieses Wesen der Welt und sehen, wie eine solche Liebe doch den Anfang und das Ende von allem bildet und unüberwindbar ist und keine Grenzen kennt.

Nicht zulassen

An jedem Morgen, an dem der Liebende die Geliebte schlafend neben sich fand, erhob er sich, zog sich zurück

und sprach: Lass mich auch heute niemals etwas sagen, das sie kränkt. Lass mich auch heute niemals etwas tun, das sie nicht liebt. Lass mich auch heute niemals etwas anderes tun und sagen als nur das, was meine Geliebte erfreut. Lass niemals zu, dass auf diese Liebe durch meinen unverzeihlichen Fehler der kleinste Schatten fällt.

Andere Seite der Nacht

Der Liebende klagte: Jetzt, wo ich fast tot bin, kommst du. Weshalb bist du so spät? Die Geliebte tröstete ihn und erwiderte: Ich komme von der anderen Seite der Nacht her zu dir. Dort gibt es all das nicht, was du hier vor deinen Augen zu sehen glaubst und was dich stört. Ich nehme dich an die Hand und gemeinsam gehen wir dort hin. Dort, in unseren Körpern des Entzückens, werden wir das erfahren, was jenseits von allen Körpern ist; was in uns wohnt, in dem wir selbst wohnen.

Niemals entkommen

in einem Anflug grausamer

Neugierde: Was würdest du empfinden, wenn ich dich verließe? Der Geliebte erwiderte: Es würde mein Herz brechen. Aber ich habe keine Angst davor, denn sogar dieser entsetzliche Schmerz noch würde meine große, große Liebe für dich weiterleben lassen, auf andere Weise. Ich bliebe mit dir vereint, und daher könntest du mir niemals entkommen.

Die

Geliebte

fragte

Die stärkste Form

Der Liebende: Ich spüre meinen Geist oft nach deinem nackten Körper tasten, und ich frage mich, weshalb er das tut. Vielleicht empfindet er das körperliche Zusammensein als die stärkste Form des Zusammenseins, aber ich weiß, dass dies nicht so ist. Die stärkste Form ist in meinem Empfinden absolute Zärtlichkeit in allem; im Sprechen, Gehen, Berühren und im Zusammensein.

Verdächtige Liebe

Die Liebenden: Wir waren überglücklich, als wir unsere Liebe entdeckt, bestätigt und erwidert gefunden haben, und wir konnten dieses Glück nicht fassen. Aber als wir versuchten, auch anderen von diesem großen Ereignis mitzuteilen, mussten wir erleben, dass niemand von dieser Liebe, nach der sich doch alle sehnen, hören wollte. Man machte uns verdächtig, belächelte uns, war verärgert und hasste uns sogar. Diejenigen, die uns zu lieben behaupteten, wandten sich von uns ab, Fremde beschimpften uns.

die

absurde Wahrheit dieser Welt, dass der Anblick einer großen, wahren Liebe Zorn und Verachtung auslöst.

So

erfuhren

wir

als

einen

neuartigen

Schmerz

Keine Berge nötig

Der Liebende: Manche Menschen müssen mühsam Berge erklettern, um großes Glück zu erleben, aber ich erlebe ein weitaus größeres Glück allein dadurch, dass ich in die Augen meiner Geliebten neben mir blicke.

Das vierte Universum

Der Geliebte wurde von der Geliebten in das Haus der Liebe eingeführt und beide begannen es zu bewohnen. In diesem gewaltigen Haus gibt es zahllose Zimmer, von denen einige heißen: Zärtlich, Wohlwollen, Liebevoll, Liebenswürdig, Liebenswert, Warmherzig, Umsorgen, Begeistern, Schönheit, Strahlen, Kuss, Umarmen, Herzen, Verzaubern, Freude. Die Liebenden durchstreiften alle diese Zimmer und die Gänge des Hauses und genossen die Freuden, die jedes dieser Zimmer für sie bereithielt – jedes auf seine Art. Da verstand der Liebende, dass es noch ein viertes Universum der Liebe (siehe Prolog) gab, nämlich das der wahren Liebe, und die drei anderen waren nur Schatten über diesem vierten, einzigen. Ein Eichhörnchen kam und zirpte und sprach zu den Liebenden: Jedem von euch wurde jetzt die Macht übertragen, den anderen nach seinem freien Willen in großes Unglück zu stürzen. Diese Macht wurde gleichzeitig mit dem auserlesenen Geschenk dieser großen Liebe an

euch beide verliehen. Verwendet diese Macht niemals und erzählt allen anderen von diesem Geschenk.

Wünschst du dies nicht auch für dich selbst?

Der Liebende: Ich suche gar nicht nach der Glückseligkeit, ich möchte gar nicht immer glücklich sein. Es gibt zwei Arten von Schmerz – den des Hasses und den der Liebe. Die Schmerzen der Liebe zu empfinden, das möchte ich immer. Unsere Liebe ist so stark, so rein. Andere klammern sich aneinander wie kleine Tiere in einer Winternacht, bewegen sich in den immer gleichen Geleisen einer Alltagswelt, in der nichts Großes gefühlt wird, in der jeder Tag und jede Begegnung wie alle anderen verlaufen, bis man zwischen Menschen, die man zu lieben behauptet, und solchen, die einem gleichgültig sind, im Grunde nicht mehr unterscheiden kann. Wir aber sind immer ganz bei uns, beim andern. Wir sind nie um Worte verlegen, fühlen uns nie gleichgültig, verlieren keine Zeit mit Überflüssigem, empfinden immer Sehnsucht, wünschen uns nie etwas anderes als immer mit dem zu sein, den wir lieben. Wünschst du dies nicht auch für dich selbst?

Die schönste Form der Liebe

Die Liebenden: Die schönste Form der Liebe ist die Begegnung zweier Menschen, die füreinander geschaffen wurden, zweier Seelengefährten, zweier für den anderen und für sich selbst völlig freier Menschen, die sich ohne Überlegung und Zwang, nur aufgrund des für sie bestimmten, wohlwollenden, außergewöhnlich günstigen Schicksals zusammengetan haben.

In die Hand des anderen begeben

Der Liebende: Liebe ist für mich, wenn man sich gern und freiwillig in die Hand des anderen begibt, um ihn zu erfreuen. Und dass man für diese Liebe alle Bedenken und Ängste zurückstellt oder aufgibt oder es ernsthaft

anstrebt. Sollte diese Liebe nicht auf dieselbe Weise erwidert werden, sondern einseitig bleiben, dann ist sie immer noch Liebe, aber sie verändert sich dann – sie wird dann zu einer unerfüllten Liebe.

Das wirklich Süße

Die Liebenden: Wirklich süß ist es zu lieben und alles andere sind nur Umständlichkeiten darum herum. Für diese Liebe spielt noch nicht einmal eine Rolle, ob sie von anderen erwidert wird, denn erwidert wird die Liebe eines wirklich Liebenden immer – so oder so. Durch wen, durch was? Finde es selbst heraus – durch bedingungslose Liebe des blanken Seins, in dem früher oder später die überwältigende Antwort auf deine Liebe auftauchen wird.

Kritiker der Liebe

Die Kritiker: Ihr seid arm. Die Liebenden: Wir sind reich an Liebe. Die Kritiker: Ihr habt kein Zuhause. Die Liebenden: Der Geliebte ist unser Zuhause. Die Kritiker: Ihr seid schutzlos. Die Liebenden: Die Liebe schützt uns. Die Kritiker: Man redet über euch. Die Liebenden: Wir denken über alle so wie über den Geliebten. Die Kritiker: Ihr denkt nur an euch selbst. Die Liebenden: Ja, wir denken nur an den Geliebten, an diese Liebe und ihren großzügigen Geber. Die Kritiker: Ihr seid allein. Die Liebenden: Wir sind zusammen. Die Kritiker: Ihr liebt euch, aber ihr könnt euch nicht helfen. Die Liebenden: Der diese Liebe wie wir liebt, der hilft uns. Die Kritiker: Auch ihr seid nicht vollkommen und kränkt einander. Die Liebenden: Unsere Liebe veredelt unsere Fehler. Die Kritiker: Ihr seid für niemanden von Nutzen.

Die Liebenden: Füreinander sind wir die duftenden Blumen, als die unser hoher Freund uns zu seiner eigenen Freude zusammengetan hat. Was wäre sonst der Nutzen von Blumen? Die Kritiker: Euer Zusammenleben ist ein schlechtes Beispiel für andere. Die Liebenden: Unsere starke, aufrichtige Liebe ist ein gutes Beispiel für andere. Die Kritiker: Niemand kann so lieben wie ihr. Euer Glück macht die Menschen krank vor Sehnsucht und zerstört die Ehen. Die Liebenden: Dann möge es so sein. Mögen wir alle in der Glut dieser Sehnsucht brennen und alle Verzagtheit hinter uns lassen, mögen wir alle in die offenen Arme dieser überwältigenden Liebe fallen.

Nirgends sicher sein

Der Geliebte: Wir werden eines Tages für immer zusammen sein. Dann werde ich dich mit meiner Liebe überschütten. Du wirst nirgends mehr sicher vor dieser Liebe sein, nirgends wirst du meinen Küssen und Berührungen entgehen können. Die Geliebte: Wäre es doch jetzt schon so! Wie sehr sehne ich mich danach, von deiner Liebe verfolgt zu werden, dich immer um mich zu sehen, mich immer in deine Arme werfen zu können und und immer von deinen zärtlichen Blicken begleitet zu werden. Ich werde deine Gefangene sein, und ich werde es gern und von ganzem Herzen sein! Indem die Liebenden einander sich gegenseitig die Gewissheit dieser Hingabe versprachen, schliefen sie, jeder an seinem Ort, ein und gaben einander sehnsuchtsvoll in ihrem süßen Schlaf ihre Hände und Münder.

Drei Rosen

Drei Rosen schenkte der Geliebte seiner Geliebten für jeden Tag, an dem er sie weinen gemacht hatte:

Eine für den Tag, an dem er ihr untreu geworden war.

Eine für den Tag, an dem er sie getadelt hatte. Eine für den Tag, an dem er an ihrer Liebe gezweifelt hatte. Als er seiner Geliebten diese Rosen übergeben und sie zärtlich geküsst hatte, sagte er: In einer echten Liebe stehen sich zweie auf immer mit weit geöffneten Armen und Herzen gegenüber.

Ich vertraue dir in allem vollkommen

Der Liebende sagte zur Geliebten: Meine dunkle Stimmung ist verschwunden und ich fühle mich wieder friedlich und versöhnt und ganz warm und zärtlich mit dir. Ich würde dich so gern glücklich machen, und dies ist wirklich, was ich dir verspreche und nicht nur wünsche, denn es liegt ja in meiner Hand, dich glücklich zu machen. Daher kann es kein Wunsch sein, ein ins Leere gesprochenes Begehren, nicht wahr? Ich mache das ja selbst, nichts Falsches zu sagen und nichts Falsches zu tun, was meiner Geliebten missfallen könnte. Ich weiß, dass du alles verstehst, alles durchdringen und in alles hineingehen und die richtige Interpretation finden kannst. Ich vertraue dir in allem vollkommen.

Zusammen fortgehen

Der Liebende überlegte: Ich bin wach, meine Geliebte schläft. Warum? Sie sollte wach sein und mit mir gemeinsam in die Schönheit der Unendlichkeit hinaustreiben. Ich werde sie wecken und an die Hand nehmen und mit ihr zusammen fortgehen.

Dasselbe fühlen

Die Geliebte: Ich möchte dich vor allem Unglück schützen, vor allen schlechten Gefühlen bewahren. Sage mir bitte, wie ich dies für dich erreichen kann. Der Liebende: Ich möchte mich nicht glücklich fühlen, wenn du dich unglücklich fühlst. Ich fühle mich nur dann glücklich, wenn ich dasselbe fühle wie du.

Zweifellos

Der Liebende: Zweifellos bin ich berauscht durch dieses Leben, dessen Kräfte mich erfasst haben und jeden Tag

aufs Neue schütteln. Meine Geliebte schläft oder ist sie wach wie ich und denkt an mich? Wie süß dieser Gedanke

ist und wie traurig diese Trennung

wieder von dir hören und lesen? In der Getrenntheit fließt das Herz über von all den unbeantworteten Fragen und unerwiderten Sehnsüchten, aber nur eine einzige Berührung, ein liebevoller Blick und ein zärtliches Wort lassen alles Unerfüllte verschwinden.

Wer kann meinen Worten denn schon widerstehen? Diese Glut des Lebens kennt keinen echten Widersacher, kein Gegenargument. Kein böser Blick und kein grobes Wort können diese Glut beschädigen, die alles um sich herum verzehrt, die alle beschämt und verwirrt, die nicht so fühlen können wie ich.

wann werde ich

Du bist nicht da

Der Liebende: Du bist nicht da. Ich habe dich gebraucht, aber du warst nicht da. Weshalb nicht? Haben wir uns nicht so oft versichert, dass wir immer füreinander da sein wollten? Ist es deine Welt, die wichtiger für dich ist als dein Geliebter, oder weshalb warst du denn nicht da? Hast du vergessen, wie sehr ich mich nach dir sehne, deine Augen sehen und deine Stimme hören möchte? Wie kannst du vergessen haben, was ich dir mit jedem Blick, jedem Wort und jeder Berührung als meinen Atem und meinen Geist einzuimpfen versuche – meine zärtliche Besessenheit, meine unaufhörlichen Liebeserklärung an dich, meine Freundschaft mit deinem Geist, der wie der meine ist und mich nie enttäuscht hat, meine Hände, die sich nach dir ausstrecken und deinen Leib ertasten, meine Sehnsucht, die nach dir verlangt wie die Blumen, die nach der Sonne verlangen? Wann wirst du dich von diesem Falschen und Unbefriedigendem lösen können, welches dich wie Schatten und Nebelschleier aus deiner Vergangenheit immer wieder in die Gefilde der Zerrissenheit und der falschen Gefühle hineinzieht? Wann wirst du dich von all deinen Illusionen über das, was du bist und warst, lösen können und dich mir vollkommen hingeben – ohne

Zerstreutheit und Zweifel, ohne falsche Pflichten und falsche Neigungen? Diese unsere Liebe duldet nicht so viele Versäumnisse. Manchmal fühle ich mich allein, denn ich spüre oft das Ende von allem sich nähern, nach dem ich mich manchmal auch sehne, und dann beginne ich mich in diese Räume zurückzuziehen, in denen ich die Dinge des Alltags nicht mehr empfinden muss. Es wäre herrlich, gemeinsam mit dir in diesen Räumen zu wohnen. Ich liebe dich.

Die andere Gestalt meiner Seele

Der Geliebte: Ich liebe dich so brennend, dass ich mich wie eine schmerzende Wunde fühle, wie ein flammender Körper, wie ein ungemein heißer Gedanke, der mich glühend und fast unerträglich empfindlich für dich macht. Du bist die Blume meines Geistes, der Fleisch gewordene feurige Wunsch meiner Sehnsucht, die andere, zierliche Gestalt meiner Seele. Woher bist du gekommen? Aus mir oder von außerhalb von mir selbst? Ich weiß es nicht. Bist du in mir enthalten oder ich in dir? Was hat dich in meinem Herzen wachsen lassen oder was hat mich in deinen Leib gelegt, bis ich aus dir herausgetreten bin und du in meine Arme gefallen bist? Wir sollten an diesem Rätsel forschen und uns willentlich und absichtlich trennen, um zu schauen, was die Götter aus dieser Trennung des nicht zu Trennenden für neue wunderbare Rätsel schaffen werden; welche neue Erkenntnis und neue Ansicht dieser unerklärlichen Liebe sie für uns bereithalten. Die Geliebte: Selbst wenn wir unsere Trennung beschlössen, im Guten oder sogar im Bösen, würden wir doch niemals verhindern können, immer wieder zusammenzukommen; wir würden nie mehr voneinander lassen können; wir müssten uns in Stücke schneiden und auf dem Feuer verbrennen, um die unsichtbaren Arme, die wir einander immer wieder aufs Neue entgegenstrecken, zu zerstören, aber könnten doch niemals den Geist zerstören, der unsere Seelen umfängt und umschließt. Lass uns diese unzerstörbare Liebe leben und uns ihr widerspruchslos und ohne Neugierde ergeben, denn man soll nicht etwas Heiliges in Frage stellen.

Epilog

Die Liebenden: Wir lieben uns sehr, sehr. Diese Liebe ist nun, was ihre Mitteilbarkeit angeht, an ein Ende gelangt und wird nun von uns beiden, den Liebenden, in der Stille weitergelebt, und in diese Stille soll und darf und kann uns niemand folgen. Wir werden eine Zeitlang noch in eurer Umgebung zu sein scheinen und euch durch unsere zärtlichen Handlungen, unsere Taten und Worte erfreuen und anspornen, dies im eigenen Leben selbst zu verwirklichen, aber in unserm Innern schon an dem Ort leben, an dem nur wir beide dem begegnen und das schauen und erfahren, was nur für uns beide bestimmt ist – was für alle diejenigen bestimmt ist, die diese bedingungslose Hingabe empfinden, herbeisehnen und schließlich in ihrer Erfüllung erfahren sollen. Schaut daher schon jetzt nicht länger auf uns, die wir euch nichts weiter mehr als die Erinnerung an unser Beispiel zu geben haben, die wir euch nur einen Abglanz aus der Fülle unserer Herzen und dem Herzen unseres Gönners zukommen lassen konnten, die wir in unverminderter Sehnsucht dem vollständigen Eintauchen unserer feurigen Herzen in das noch unendlich feurigere Herz dieses Gebers dieser Liebe entgegengehen wollen, und gerne entgegen gehen. Wir wollen für immer gehen, gemeinsam und zu zweit, und für alle und für immer verschwinden, weil diese Liebe keine Zuschauer kennt und nur für sich selbst lebt. Darin wollen wir aufgehen und in dem Sich-Selbst-Leben dieser Liebe uns beide leben.

– Ende des Buches der Liebenden –