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(2022 – 2023)

THEORETISCHE GRAMMATIK

THEMA 1
GEGENSTAND DER THEORETISCHEN GRAMMATIK
1. Theoretische Grammatik als Fach
2. Die Wechselbeziehungen zwischen Grammatik, Lexik, Phonetik und
Stilistik
3. Der funktionale Aspekt grammatischer Einheiten (grammatischer Formen)
4. Morphologie und Syntax

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1. Theoretische Grammatik als Fach


Theorie – wissenschaftliche, rein gedankliche Betrachtungsweise,
wissenschaftliches Denken; Erkenntnis von gesetzlichen Zusammenhängen,
Erklärung von Tatsachen.
Griechisch (grch.) Theoria: „das Anschauen, Betrachtung, Untersuchung,
Forschung“ (Wahrich Deutsches Wörterbuch: 3675)

Grammatik behandelt Wortformen, Wortarten und Gesetzmäßigkeiten der


Wortverbindung innerhalb der Wortgruppen, Sätze und Satzgemeinschaft.
Der Gegenstand der Grammatik ist der Sprachbau. Der grammatische Bau
bildet zusammen mit dem Wortschatz (der Lexik) die Sprache im eigentlichen
Sinne des Wortes.
Als ein Fach entstand die Grammatik im Prozess der wissenschaftlichen
Erforschung der Sprache.

Die Aufgabe der Grammatik ist es, die Gesetze der Sprache aufzudecken, den
guten Sprachgebrauch festzustellen.
Die Bedeutung der Grammatik besteht darin, dass sie der Sprache die
Möglichkeit gibt, die menschlichen Gedanken in eine materielle sprachliche Hülle
zu kleiden.
Als das wissenschaftliche Fach kann die Grammatik verschiedene Aufgaben
verfolgen, zum Beispiel: Praktische und theoretische (griechisch „theoria“:
Forschung). Von hier aus unterscheidet man Praktische Grammatik und
Theoretische Grammatik. Beide aber haben den gleichen Gegenstand: Den
grammatischen Bau der Sprache.
Die Praktische (normative) Grammatik stellt vor allem Formen und Regeln
ihres Gebrauchs dar, auch Ausnahmen von Regeln. Die Formen, Regeln und
Ausnahmen dienen der praktischen Beherrschung der Sprache.
Die Theoretische Grammatik versucht, die in der Sprache herrschenden
Gesetze zu überdenken. Sie erklärt die Entstehung, Entwicklung und das
Funktionieren der Formen und ihre Bedeutungen; sie stellt diese Formen und
Bedeutungen als objektive systematische Erscheinungen dar.

2. Die Wechselbeziehungen zwischen Grammatik, Lexik, Phonetik und


Stilistik

Die Grammatik ist schwer, von den anderen Bestandteilen der Sprache zu
isolieren, und zwar: von der Lexik, Phonetik und Stilistik.
2.1. Die Einwirkung der Lexik auf die Grammatik „von innen“ kann man als
inneren lexikalischen Einfluss nennen. Daneben besteht noch der äußere
lexikalische Einfluss: die Bedeutung einer grammatischen Form unterliegt dem
Einfluss der lexikalischen „Nachbarn“: Z.B.: temporale Bedeutungen des Präsens
hängt oft von den lexikalischen Zeitangaben im Satz ab:
Er geht jetzt auf die Eisbahn. – „Das eigentliche Präsens“ (Gegenwart).
Morgen geht er auf die Eisbahn. – „Das zukünftige Präsens“ (Zukunft).
Aus den Beispielen wird ersichtlich, dass der Einfluss der lexikalischen
Umgebung stärker ist als die Bedeutung der grammatischen Form. Zugleich
veranschaulichen diese Beispiele die Vieldeutigkeit (= Polysemie) der
grammatischen Formen (zum Beispiel, der Ausdruck der Gegenwart und der
Zukunft durch eine bestimmte Zeitform).
Die Lexik beteiligt sich am grammatischen Bau auch dadurch, dass die
Hilfswörter eine konkrete grammatische Funktion ausüben. Das sind
Konjunktionen, Präpositionen, Partikeln, Hilfsverben, einige Pronomen
(Personalpronomen, die Pronomen kein, man, es u. a.)

2.2. Die Beziehungen der Grammatik zur Phonetik sind ebenso eng wie zur
Lexik. Die grammatischen Abwandlungen haben materielle Gestalt in Form von
Lauten. Das gesamte grammatische Inventar besteht aus einzelnen Lauten ( e, -s
als Endungen oder Suffixe), Lautverbindungen (-e – als Endung, Suffix oder
Präfix) oder dem Lautwechsel (Umlaut, Ablaut, Vokalhebung).
Außerdem werden in der Grammatik prosodische Erscheinungen ausge-
wertet, unter denen man Betonung, Stimmführung und Pausen versteht. Die
Wortbetonung ist maßgebend bei der Bestimmung der trennbaren oder
untrennbaren Präfixe. An der Satzbetonung erkennt man die Satz -und die
Wortgruppengliederung. Die kommunikative Gliederung findet ihren Ausdruck in
der Satzbetonung: Die kommunikativ reichsten Elemente erhalten die stärkste
Betonung. Die Pausen dienen als Grenzsignale einzelner Sätze. Beide
phonetischen Merkmale gestalten einen Satz, sie sind imstande, einem
Satzfragment die Geltung einer vollständigen Aussage, zu verleihen, z. B.:
Vorwärts! Den Spiegel! Ja, zusammen.
Aus den Beispielen wird eine weitere Funktion der Stimmführung ersichtlich,
die Fähigkeit der Aussagesätze, Ausrufesätze und Fragesätze zu prägen.

2.3. Die Grammatik ist mit der Stilistik verflochten. Vergleicht man Präsens
historicum mit der üblichen Vergangenheitsform – dem Präteritum, so fällt sofort
der stilistische Unterschied auf: das Präteritum empfindet man als eine stilistisch
neutrale Form, das Präsens dagegen als eine stilistisch gefärbte (= kolorierte,
markierte) Form der lebhaften, ungezwungenen, dynamischen Darstellung. Als
Beispiel können die Zeilen aus der von F. Schillers Ballade „Der Handschuh“
dienen:
Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz .

Und wie er winkt mit dem Finger,


Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,


Da öffnet sich behend 2)
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge, ……………………………….. .

Die Stilistik beginnt dort, wo es sich um verschiedene Möglichkeiten zur


Gestaltung desselben Sachverhalts handelt. Beim Ausdruck unserer Gedanken
treffen wir je nach der Situation und der Redeabsicht nicht nur die entsprechende
Wortwahl, sondern wir suchen auch die geeignetste grammatische Gestaltung.
Deutlich tritt dieser Umstand beim Ausdruck einer Willensäußerung zutage:
Entscheidend wirkt bei derselben Wortwahl der grammatische Bau und die
entsprechende Intonation. Zum Beispiel:
Fahren Sie ab! Fahrt ab! Abgefahren Dass du abfährst! Und du abfährst!

4. Morphologie und Syntax


Unsere Gedanken drücken wir durch Wörter und Sätze aus. Und die
Gegenüberstellung von Wort und Satz wurde eine Grundlage für die Gliederung
der Grammatik auf zwei Bereiche: Morphologie und Syntax.
Die Morphologie erforscht den morphologischen Bestand des Wortes, die
Bildung, Bedeutung und Funktion der Wortformen. Die Morphologie studiert die
Wortarten, ihre grammatischen Eigenschaften und grammatischen Kategorien.
Die Syntax untersucht den Bau des Satzes, die Modellierung des Satzes, seine
grammatischen Kategorien. Die Syntax stellt die Regeln dar, laut denen die Wörter
im Satz miteinander verbunden sind.

Die Morphologie und die Syntax bilden eine harmonische Einheit, denn der
grammatische Bau dient der Realisierung der Grundfunktion der Sprache: Sie ist
ein Kommunikationsmittel. Unsere Gedanken drücken wir durch bestimmte
Wörter aus, die entsprechend durch bestimmte sprachliche — morphologische und
syntaktische Gesetze organisiert werden. Zum Beispiel:
ich, bitten (ich bitte); der Junge, (den Jungen); das Buch; ich (Dat. -
mir); bringen (zu bringen) 
Ich bitte den Jungen, mir das Buch zu übergeben.

Fragen zur Selbstkontrolle:


1. Was ist die Grammatik? Was behandelt die Grammatik?
2. Wodurch wird der objektive Charakter der Grammatik erklärt?
3. Worin besteht die Aufgabe / die Funktion der Grammatik?
4. Worin zerfällt die Grammatik?
5. Was gehört in den Bereich der Morphologie / der Syntax?
7. Wie werden die Verhältnisse zwischen der Grammatik, Lexik, Phonetik und
Stilistik realisiert?
LITERATUR:
Admoni W. G. Der deutsche Sprachbau. – Ленинград: Просвещение 1972 – С. 7- 10.
Charitonowa. I. J. Theoretische Grammatik der deutschen Sprache. – Kiev, 1976.
Moskalskaja O.I. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. – Moskau: Hochschule 1979. – S. 42 – 43.
Schendels E. Deutsche Grammatik. Morphologie. Syntax. Text. – Moskau:Vyssaja Skola 1979. – S. 5 – 8.

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