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Physik

Ulrich Harten

Physik
Eine Einführung für Ingenieure und Naturwissenschaftler

7., bearbeitete und aktualisierte Auflage


Ulrich Harten
Hochschule Mannheim
Mannheim
Deutschland
u.harten@hs-mannheim.de

Die Darstellung von manchen Formeln und Strukturelementen war in einigen elektronischen
Ausgaben nicht korrekt, dies ist nun korrigiert. Wir bitten damit verbundene Unannehmlich-
keiten zu entschuldigen und danken den Lesern für Hinweise.

Ergänzendes Material zu diesem Buch finden Sie auf www.springer.com und auf der
Internetseite zum Buch unter www.physik.hs-mannheim.de/physikbuch

ISBN 978-3-662-49753-1    ISBN 978-3-662-49754-8 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8

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V

Vorwort zur 7. Auflage

Diese Auflage wurde komplett neu und in Farbe gesetzt. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, an
vielen Stellen kleine und größere Änderungen vorzunehmen und neue, bunte Bilder einzufügen.
In der Mechanik gibt es nun ein Kapitel, wie sie mal was auf Ihrem Smartphone ausprobieren
können. In der Elektrizitätslehre habe ich das Buch an den üblichen Vorlesungsverlauf (erst
werden die elektrischen Felder behandelt und dann die Stromkreise) angepasst.

Ich danke allen Lesern, die Fehlerhinweise gegeben haben. Die Betreuung dieses Buches beim
Verlag lag wieder in den Händen von Frau Kollmar-Thoni und Frau Hestermann-Beyerle. Ihnen
gilt mein besonderer Dank für die vielfältigen Hilfen.

Ulrich Harten
Frühjahr 2017
VII

Vorwort

Die Naturgesetze galten schon, als die Erde noch wüst und leer war. Verstöße gegen sie werden
nicht bestraft, sie sind gar nicht erst möglich. Wer verstehen will, was um ihn herum passiert
oder gar technische Prozesse oder Maschinen entwickeln will, die auch tun, was sie sollen, der
muss die Naturgesetze kennen. Die fertige Maschine wird sich erbarmungslos an sie halten.

Dieses Buch will Studienanfängern, die sich im Nebenfach mit Physik zu befassen haben, ein
leidliches Verständnis der wichtigsten physikalischen Gesetze vermitteln. Dies ist absichtsvoll
so vorsichtig formuliert, denn leider sind die meisten Gesetze keineswegs einfach zu verstehen.
Quantenphysik und Relativitätstheorie sind weitgehend ausgespart, denn hier kann der, der
sich nur nebenbei mit Physik beschäftigt, nur ein sehr oberflächliches Verständnis erwerben
und für den Ingenieur sind diese Gebiete praktisch ohne Bedeutung.

Die „klassische“ Physik ist schwierig genug. Die Erfahrung zeigt, dass schon die Newton´sche
Mechanik Studienanfängern große Schwierigkeit bereitet. Zu verlockend ist die anschauliche
Mechanik, die noch auf Aristoteles zurückgeht und sich vielleicht so auf den Punkt bringen
lässt: Ein Gegenstand bewegt sich immer in die Richtung, in die er gezogen wird. Das ist selbst
in einfachen Alltagssituationen falsch, und dies zu verstehen erfordert schon einiges Abstrak-
tionsvermögen. Es erfordert außerdem die Bereitschaft, sich auf einige Mathematik einzulassen,
auf die in der Physik nicht verzichtet werden kann.

Es geht mir mit diesem Buch also vor Allem um das Verstehen scheinbar einfacher Dinge. Ein so
relativ kurzes Lehrbuch kann keine Vollständigkeit beanspruchen. Die Stoffauswahl orientiert
sich an dem, was typischerweise an einer Fachhochschule gelehrt wird, ist aber natürlich auch
persönlich gefärbt. Mancher Dozent wird also in seiner Vorlesung auch Themen behandeln,
die in diesem Buch nur knapp erwähnt sind. Besteht dann weiterer Lesebedarf, so gibt es sehr
gute “dicke” Physikbücher, im Springer Verlag den „Gerthsen“ und den „Hering“, die dann
weiterhelfen, sonst aber vielleicht wieder zu viel des Guten sind.

Unentbehrlich beim Lernen sind Rechenbeispiele und Übungsaufgaben. Wenn es schon Physik
sein muss, so hätte der Student sie gerne an Beispielen aus seinem Fachgebiet erläutert. Dies hat
aber Grenzen, denn da wird es schnell zu kompliziert für den Anfang. Ich habe mich bemüht,
anschauliche Beispiele, die vor Allem an Alltagserfahrungen anknüpfen, zu finden.

Viele Zusammenhänge in der Physik lassen sich am besten an bewegten Bildern veranschau-
lichen. Auf einer Internetseite zu diesem Buch (www.physik.hs-mannheim.de/physikbuch) gebe
ich Ihnen ständig aktualisierte Hinweise auf solche Animationen im Internet.
Inhaltsverzeichnis

1 Grundbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  1
1.1 Physikalische Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  2
1.1.1 Physikalische Größen und ihre Einheiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  2
1.1.2 SI Einheitensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  4
1.1.3 Dimensionskontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  5
1.2 Mengenangaben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  6
1.2.1 Masse und Stoffmenge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  6
1.2.2 Dichten und Gehalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  7
1.3 Statistik und Messunsicherheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  8
1.3.1 Messfehler. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  8
1.3.2 Mittelwert und Streumaß. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  9
1.3.3 Messunsicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  10
1.3.4 Fehlerfortpflanzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  11
1.4 Vektoren und Skalare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  12
1.5 Wichtige Funktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  17
1.5.1 Winkelfunktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  17
1.5.2 Exponentialfunktion und Logarithmus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  18
1.5.3 Potenzfunktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  21
1.5.4 Algebraische Gleichungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  21
1.6 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  24

2 Mechanik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  25


2.1 Kinematik (Bewegung). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  27
2.1.1 Fahrstrecke und Geschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  27
2.1.2 Beschleunigung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  30
2.1.3 Überlagerung von Bewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  33
2.1.4 Kinematik der Drehbewegungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  36
2.1.5 Relativ oder Absolut?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  39
2.2 Kraft, Drehmoment, Energie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  40
2.2.1 Kraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  40
2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  43
2.2.3 Reibungskraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  44
2.2.4 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  46
2.2.5 Kinetische Energie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  49
2.2.6 Hebel und Drehmoment. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  51
2.2.7 Die Grundgleichungen der Statik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  54
2.2.8 Gleichgewichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  55
2.3 Dynamik der linearen Bewegung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  58
2.3.1 Die Newton´schen Gesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  58
2.3.2 Kraft = Gegenkraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  61
2.3.3 Bewegungsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  62
2.3.4 Impuls. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  63
IX
Inhaltsverzeichnis

2.4 Dynamik der Rotation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  66


2.4.1 Das 2. Newton´sche Gesetz in neuem Kleid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  66
2.4.2 Dynamik der Kreisbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  67
2.4.3 Trägheitsmoment. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  69
2.4.4 Die Rollbewegung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  70
2.4.5 Drehimpulserhaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  72
2.5 Trägheitskräfte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  74
2.5.1 Linear beschleunigte Bezugssysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  74
2.5.2 Rotierende Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  75
2.5.3 Trägheitskräfte in der technischen Mechanik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  77
2.6 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  80

3 Mechanik deformierbarer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  85


3.1 Die Aggregatzustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  86
3.2 Festkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  87
3.2.1 Struktur der Festkörper. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  87
3.2.2 Verformung von Festkörpern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  88
3.2.3 Viskoelastizität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  90
3.3 Hydrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  91
3.3.1 Stempeldruck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  91
3.3.2 Schweredruck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  93
3.3.3 Auftrieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  95
3.3.4 Manometer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  97
3.3.5 Pumpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  98
3.3.6 Kompressibilität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  98
3.4 Grenzflächen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  99
3.4.1 Kohäsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  99
3.4.2 Adhäsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  102
3.5 Hydrodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  104
3.5.1 Ideale Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  104
3.5.2 Zähigkeit (Viskosität). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  106
3.5.3 Reale Strömung durch Rohre. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  108
3.5.4 Umströmung von Hindernissen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  111
3.6 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  114

4 Mechanische Schwingungen und Wellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  117


4.1 Mechanische Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  118
4.1.1 Alles was schwingt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  118
4.1.2 Harmonische Schwingungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  118
4.1.3 Gedämpfte Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  122
4.1.4 Erzwungene Schwingungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  123
4.1.5 Überlagerung von Schwingungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  125
4.2 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  127
4.2.1 Wellenarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  127
4.2.2 Harmonische Seilwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  128
4.2.3 Intensität und Energietransport. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  132
4.2.4 Stehende Wellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  133
4.2.5 Schallwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  135
X Inhaltsverzeichnis

4.2.6 Schallwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  137


4.2.7 Dopplereffekt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  138
4.3 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  142

5 Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  145
5.1 Die Grundlegenden Größen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  147
5.1.1 Wärme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  147
5.1.2 Temperatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  148
5.1.3 Temperaturmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  149
5.1.4 Wahrscheinlichkeit und Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  151
5.1.5 Die Entropie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  151
5.1.6 Wärmekapazität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  152
5.2 Das ideale Gas.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  155
5.2.1 Die Zustandsgleichung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  155
5.2.2 Partialdruck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  157
5.2.3 Die Energie im Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  158
5.3 Transportphänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  159
5.3.1 Wärmeleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  159
5.3.2 Konvektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  160
5.3.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  161
5.3.4 Diffusion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  163
5.3.5 Osmose. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  165
5.4 Phasenumwandlungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  167
5.4.1 Umwandlungswärmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  167
5.4.2 Schmelzen oder Aufweichen?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  169
5.4.3 Schmelzen und Gefrieren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  169
5.4.4 Lösungs- und Solvatationswärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  171
5.4.5 Verdampfen und Kondensieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  172
5.4.6 Luftfeuchtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  174
5.4.7 Zustandsdiagramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  174
5.4.8 Absorption und Adsorption. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  177
5.5 Wärmenutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  178
5.5.1 Warum kostet Energie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  178
5.5.2 Zustandsänderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  178
5.5.3 Der Ottomotor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  182
5.5.4 „Echte“ Wärmekraftmaschinen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  184
5.5.5 Wärme- und Entropiehaushalt der Erde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  185
5.6 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  189

6 Elektrizitätslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  193
6.1 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  195
6.1.1 Ladung und Strom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  195
6.1.2 Kräfte zwischen Ladungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  196
6.1.3 Elektrisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  198
6.1.4 Feld und Spannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  200
6.1.5 Das elektrische Potential. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  201
6.2 Materie im elektrischen Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  203
6.2.1 Influenz und elektrische Abschirmung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  203
XI
Inhaltsverzeichnis

6.2.2 Der elektrische Strom. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  205


6.2.3 Leitfähigkeit und Resistivität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  206
6.2.4 Die Permittivität (Dielektrizitätskonstante). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  207
6.2.5 Gasentladung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  209
6.3 Der Stromkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  209
6.3.1 Strom und Spannung messen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  209
6.3.2 Leistung und Energie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  211
6.3.3 Elektrischer Widerstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  212
6.3.4 Wärme bei Stromdurchgang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  213
6.3.5 Kondensator. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  214
6.3.6 Feld im Kondensator. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  215
6.3.7 Energie des geladenen Kondensators. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  216
6.3.8 Energie des elektrischen Feldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  217
6.4 Wechselspannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  218
6.4.1 Effektivwerte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  218
6.4.2 Kapazitiver Widerstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  220
6.5 Elektrische Netzwerke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  221
6.5.1 Widerstände in Reihe und parallel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  221
6.5.2 Spannungsteiler. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  223
6.5.3 Innenwiderstände. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  225
6.5.4 Hoch- und Tiefpass. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  226
6.5.5 Kondensatorentladung und e-Funktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  227
6.6 Elektrochemie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  229
6.6.1 Dissoziation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  229
6.6.2 Elektrolyte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  230
6.7 Grenzflächen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  233
6.7.1 Membranspannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  233
6.7.2 Galvani-Spannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  234
6.7.3 Thermospannung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  235
6.7.4 Halbleiter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  236
6.8 Elektrische Unfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  240
6.9 Magnetische Felder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  242
6.9.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  242
6.9.2 Kräfte im Magnetfeld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  245
6.9.3 Erzeugung von Magnetfeldern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  247
6.9.4 Materie im Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  248
→ →
6.9.5 Die Feldgrößen H und D. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  250
6.10 Induktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  250
6.10.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  250
6.10.2 Transformatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  253
6.10.3 Selbstinduktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  254
6.10.4 Induktiver Widerstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  256
6.11 Elektrische Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  257
6.11.1 Der Schwingkreis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  257
6.11.2 Geschlossene elektrische Feldlinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  261
6.11.3 Der schwingende elektrische Dipol. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  262
6.12 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  267
XII Inhaltsverzeichnis

7 Optik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  273
7.1 Elektromagnetische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  275
7.1.1 Der strahlende Dipol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  275
7.1.2 Spektralbereiche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  276
7.1.3 Wellenausbreitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  278
7.2 Geometrische Optik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  280
7.2.1 Lichtbündel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  280
7.2.2 Spiegelung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  282
7.2.3 Brechung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  285
7.2.4 Dispersion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  288
7.2.5 Linsen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  289
7.2.6 Abbildung durch Linsen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  291
7.2.7 Abbildungsgleichungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  293
7.2.8 Dicke Linsen und Objektive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  294
7.2.9 Das Auge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  296
7.2.10 Optische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  297
7.3 Intensität und Farbe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  300
7.3.1 Strahlungs- und Lichtmessgrößen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  300
7.3.2 Optische Absorption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  302
7.3.3 Farbsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  304
7.4 Wellenoptik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  306
7.4.1 Polarisiertes Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  306
7.4.2 Interferenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  309
7.4.3 Kohärenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  311
7.4.4 Dünne Schichten und Beugungsgitter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  312
7.4.5 Beugungsfiguren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  315
7.5 Quantenoptik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  317
7.5.1 Das Lichtquant. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  317
7.5.2 Energiezustände und Spektren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  319
7.5.3 Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  322
7.5.4 Röntgenstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  324
7.6 Elektronenoptik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  326
7.6.1 Elektronenbeugung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  326
7.6.2 Elektronenmikroskope. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  327
7.6.3 Die Unschärferelation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  329
7.7 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  332

8 Atom- und Kernphysik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  335


8.1 Aufbau des Atoms. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  336
8.1.1 Das Bohr´sche Atommodell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  336
8.1.2 Elektronenwolken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  337
8.1.3 Das Pauli-Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  338
8.1.4 Charakteristische Röntgenstrahlung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  339
8.2 Aufbau des Atomkerns. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  339
8.2.1 Nukleonen und Nuklide . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  339
8.2.2 Der Massendefekt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  341
8.2.3 Radioaktivität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  341
8.2.4 Nachweis radioaktiver Strahlung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  343
XIII
Inhaltsverzeichnis

8.2.5 Zerfallsgesetz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  346


8.2.6 Kernspaltung und künstliche Radioaktivität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  348
8.2.7 Antimaterie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  349
8.2.8 Strahlennutzen, Strahlenschaden, Strahlenschutz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  350
8.3 Fragen und Übungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  352

Serviceteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  355
Anhang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  356
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  380
Hinweise zum Gebrauch des Buches

Lernen ist Arbeit. Darum passt ein Schreib- sollte zumindest versucht werden, sie selbst zu
tisch besser zum Lehrbuch als ein Ohrensessel. lösen. Die Übungsaufgaben sind nach Schwie-
Für die Physik gilt das in besonderem Maße, rigkeitsgrad sortiert: (I) leicht; (II) mittel; (III)
denn sie macht Gebrauch von der Mathema- schwer. Weitere Kontrollfragen gibt es auf der
tik. Formeln im Kopf umzuformen und auszu- Internetseite.
rechnen, grenzt an Leichtsinn. Darum hält der Vieles in der Physik lässt sich nicht beant-
Kundige stets Bleistift, Papier, Taschenrechner worten ohne die Kenntnis einzelner Natur-
und Radiergummi griffbereit. und Materialkonstanten. Nur wenige ver-
dienen es, auswendig gelernt zu werden; den
Kleingedrucktes darf der eilige Leser überschlagen,
Rest schlägt man nach. Was der Inhalt dieses
ohne gleich befürchten zu müssen, dass er den Faden
verliert. Er verzichtet lediglich auf etwas Butter zum
Buches verlangt, findet sich im Anhang.
Brot. Zu diesem Buch gibt es eine Internetseite.
Sie enthält Hinweise auf interessante andere
Merke Internetseiten. Manche Zusammenhänge
lassen sich viel besser anhand von bewegten
Was so markiert ist, gehört zum Bildern verstehen, die der Buchdruck nicht
Grundwissen. bieten kann. Deshalb wird in einigen Bild-
unterschriften auf die Internetseite hingewie-
sen („Animationen im Web“). Eine PDF-Seite
Lernen erschöpft sich nicht im Aufnehmen vorge-
druckter Gedankengänge: Es erfordert eigenes Tun.
dort enthält Links zu passenden Animationen,
die frei im Internet verfügbar sind. Außerdem
finden Sie auf der Internetseite Multiple-Choi-
Rechenbeispiel 1.1: Wie geht das? ce-Fragen, die sie zusätzlich zur Lernkontrolle
Aufgabe: Man sollte gleich probieren, verwenden können.
die Aufgabe selbst zu lösen. Sie finden die Internetseite am schnells-
Lösung: Hier wird die Lösung ten, indem sie bei www.Springer.de in die Kata-
ausführlich beschrieben. logsuche die ISBN-Nummer des Buches ein-
geben. Sie gelangen dann auf die Katalogseite
des Buches, auf der sie auf „weitere Informa-
In Kürze tionen“ klicken können oder sie gehen direkt
Diese Lerntabellen am Ende der Kapitel fassen
zur Internetadresse: www.physik.hs-mannheim.
den Inhalt noch einmal zusammen und sollen
insbesondere bei der Prüfungsvorbereitung de/physikbuch
helfen.
Halbwertszeit T1/2 : Zeit, in der die
Hälfte des Wissens
zerfällt [s]

Zunächst einmal sollen die Verständnisfragen


helfen, die Zusammenhänge zu wiederholen.
Dann droht am Ende der Vorlesung in der
Regel eine Klausur. Darum sollen Lösungen zu
den Übungsaufgaben nicht einfach am Ende
des Buches nachgeschlagen werden. Zunächst
XV

Liste der Formelzeichen

a Jahr
A Ampère (Stromeinheit)
A Fläche(-ninhalt)
A0 Amplitude (einer Schwingung)
  
a, b, c Vektoren

a,(a) Beschleunigung, (Betrag)

a ,(a )
z z
Zentralbeschleunigung (bei einer Kreisbewegung)

B,(B) magnetische Flussdichte, (Betrag)
b Bildweite (Optik)

c Phasengeschwindigkeit (einer Welle)


c Stoffmengendichte, spezifische Wärmekapazität (pro Masse)
cm Molalität (Einheit: mol/kg)
cn molare Wärmekapazität
cp molare Wärmekapazität bei konstantem Druck
cV molare Wärmekapazität bei konstantem Volumen
C elektrische Kapazität, Wärmekapazität
C Coulomb (Ladungseinheit; entspricht A∙s)
d Tag
d Abstand, Durchmesser (einer Kugel)
D Dioptien (Optik)
D Federkonstante
dB Dezibel

e Euler´sche Zahl
e0 Elementarladung
E Elastizitätsmodul

E,(E) elektrische Feldstärke, (Betrag)

f Brennweite (einer Linse), Frequenz


f * Grenzfrequenz (eines Hoch- oder Tiefpasses)
F
 Farad (Einheit der elektrischen Kapazität)
F,(F)
 Kraft, (Betrag)
FC Coulomb-Kraft

FG Schwerkraft

FL Lorentzkraft

FN Normalkraft (senkrecht zur Ebene)

FR Reibungskraft
Fz Zentripetalkraft (bei einer Kreisbewegung)

g Fallbeschleunigung
g Gegenstandsweite (Optik)
G Gravitationskonstante, elektrischer Leitwert

v,(v) Geschwindigkeit, (Betrag)

h Stunde
h Höhe, Planck´sches Wirkungsquantum
hcv Wärmeübergangskoeffizient (Konvektion)
∆h Höhenunterschied

H,(H) magnetische Feldstärke
XVI Liste der Formelzeichen

I elektrischer Strom, Wärmestrom, Volumenstromstärke


I Schallstärke, Intensität

J Trägheitsmoment
j Teilchenstromdichte
j Q Wärmestromdichte
J Joule (Energieeinheit)

k Kompressibilität
k, kB Bolzmannkonstante
k(λ) Extinktionskonstante (Optik)
K Kelvin (Temperatureinheit)
kg Kilogramm (Masseneinheit)

l , ∆l Länge, Längenänderung
leff effektiver Hebelarm
L,(L) Drehimpuls, (Betrag)
L Induktivität

m Masse

m magnetisches Moment
m Meter (Längeneinheit)
min Minute
M molare Masse
n Brechungsindex (Optik)
n Anzahldichte, Anzahl der Mole
N Anzahl
N Newton (Krafteinheit)
N A Avogadro-Konstante, Logschmidt-Zahl

p Druck
p D Dampfdruck

p,(p) Impuls, Dipolmoment, (Betrag)
P Leistung
Pa Pascal (Druckeinheit)

Q, q Ladungsmenge
Q Wärmemenge, Kompressionsmodul

r Abstand, Radius
R elektrischer Widerstand, Strömungswiderstand
R C kapazitiver Widerstand
R i Innenwiderstand
R L induktiver Widerstand
R Gaskonstante, Reflexionsvermögen (Optik)
R e Reynold-Zahl

s Sekunde (Zeiteinheit)
s Standardabweichung
s Strecke
s 0 Anfangsort

t Zeit
T1/2 Halbwertszeit
T Schwingungsdauer, Periode
T Temperatur
XVII
Liste der Formelzeichen

T Tesla (Magnetfeldeinheit)

T,(T) Drehmoment, (Betrag)

u atomare Masseneinheit
u(X) Messunsicherheit der Größe X
U elektrische Spannung, innere Energie
Ueff , Ieff Effektivwerte von Spannung und Strom

v 0 Anfangsgeschwindigkeit
V Volt (Spannungseinheit)
V Volumen
V n Molvolumen
V S spezifisches Volumen (Kehrwert der Dichte)

w Energiedichte
W Watt (Leistungseinheit)
W Arbeit
Wel elektrische Energie
Wkin kinetische Energie
Wpot potentielle Energie

Z Kernladungszahl

α linearer Ausdehnungskoeffizient
α Absorptionsvermögen
α, β, γ Winkel
β Volumenausdehnungskoeffizient
βgrenz Grenzwinkel der Totalreflexion
Γ Vergrößerung (Optik)
δ Dämpfungskonstante (Schwingungen)
ε Energiedichte
ε 0 elektrische Feldkonstante
ε r relative Permittivität (Dielektrizitätskonstante)
η Nutzeffekt, Wirkungsgrad, Viskosität
λ Wellenlänge, Wärmeleitfähigkeit, Widerstandsbeiwert (Strömung)
µ elektrische Beweglichkeit
µ 0 magnetische Feldkonstante
µGl Gleitreibungskoeffizient
µ H Haftreibungskoeffizient
µ m Massenschwächungskoeffizient (Röntgenstrahlen)
µ r relative Permeabilität
ρ Massendichte
ρ Reflexionsvermögen (Optik)
ρ spezifischer elektrischer Widerstand
ρ D Dampfdichte
σ elektrische Leitfähigkeit
σ mechanische Spannung, Oberflächenspannung
σ Strahlungskonstante (Optik)
τ Zeitkonstante
Φ magnetischer Fluss, Strahlungsfluss (Optik)
φ 0 Phasenwinkel (gesprochen: fi)
ω = 2π∙f Kreisfrequenz
ω Öffnungswinkel (Optik)
Ω Ohm (Einheit des elektrischen Widerstandes)
1 1

Grundbegriffe
1.1 Physikalische Größen – 2
1.1.1 Physikalische Größen und ihre Einheiten – 2
1.1.2 SI Einheitensystem – 4
1.1.3 Dimensionskontrolle – 5

1.2 Mengenangaben – 6
1.2.1 Masse und Stoffmenge – 6
1.2.2 Dichten und Gehalte – 7

1.3 Statistik und Messunsicherheit – 8


1.3.1 Messfehler – 8
1.3.2 Mittelwert und Streumaß – 9
1.3.3 Messunsicherheit – 10
1.3.4 Fehlerfortpflanzung – 11

1.4 Vektoren und Skalare – 12

1.5 Wichtige Funktionen – 17


1.5.1 Winkelfunktionen – 17
1.5.2 Exponentialfunktion und Logarithmus – 18
1.5.3 Potenzfunktionen – 21
1.5.4 Algebraische Gleichungen – 21

1.6 Fragen und Übungen – 24

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


U. Harten, Physik,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8_1
2 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Die Physik ist eine empirische und quantitative Wis-


1 7.

70
60

0
senschaft; sie beruht auf Messung und Experiment.

50

0
40

0
Daraus folgt eine intensive Nutzung mathemati-

30

0
20

0
scher Überlegungen, denn Messungen ergeben

10

0
0
Zahlenwerte, und die Mathematik ist primär für den 6
Umgang mit Zahlen erfunden worden. Die Natur ist 5
damit einverstanden. Selbst rechnet sie zwar nicht, 4

S3D
aber wenn der Mensch ihre Gesetzmäßigkeiten ein- 3
2
fach und korrekt beschreiben will, dann tut er dies
1
am besten mit Hilfe mathematischer Formeln und
0
Kalküle. 0 10 20 30
40 50 60
9,PRO±

1.1 Physikalische Größen . Abb. 1.1  Druck-Volumen-Zeit-Diagramm für einen


Verbrennungsmotor. Die Abbildung zeigt in einem
1.1.1 Physikalische Größen und ihre perspektivisch dargestellten dreidimensionalen Diagramm
den Verlauf von Druck p, Volumen V und Temperatur T im
Einheiten Kolben eines Otto-Motors (7 Abschn. 5.5.3) bei einem
Kolbenumlauf. Die Fläche, auf der die Kurve liegt, ist die
Als die Pharaonen im alten Ägypten ihre Pyrami- Zustandsfläche p(V,T) eines idealen Gases
den bauen ließen, da mussten viele hundert Sklaven
die Steine Rampen hochziehen. Dabei nutzten sie verstehen, muss man aber erst einmal wissen, was das
durchaus schon die physikalische Erkenntnis, dass ist: Druck, Temperatur, Volumen, Wärme, mechani-
sich Kräfte vektoriell zerlegen lassen (. Abb. 2.25). sche Arbeit. All diese Vokabeln werden hier genau
Die Rampen erleichterten die Arbeit, da nicht die im Sinne der Physik benutzt, sie bezeichnen physi-
gesamte Gewichtskraft des Steines aufgebracht kalische Größen.
werden musste, um den Stein zu heben. Eine üble Eine physikalische Größe ist eine Eigenschaft
Plackerei, die man besser Sklaven überließ, war es eines Gegenstandes, eines Materials, oder auch eines
trotzdem. Will heute jemand ein tonnenschweres Vorgangs (wie zum Beispiel die Arbeitsleistung des
Objekt bewegen, so kann er im nächsten Baumaschi- Automotors). Allen physikalischen Größen gemein-
nenverleih einen Autokran mieten, Muskelkraft wird sam ist, dass man sie messen kann. Die Körpermasse
nur noch zum Umlegen einiger Schalter gebraucht. des Autors dieses Buches ist zum Beispiel eine solche
Dafür hat der Autokran einen Verbrennungsmotor, physikalische Größe. Die Masse des Buches ist eine
der in der Lage ist, die beim Verbrennen von Benzin andere physikalische Größe. Beide Massen gehören
entstehende Wärme in mechanische Arbeit umzu- zur gleichen Größenart, der Masse im Allgemei-
wandeln. Dieses technische Wunderwerk zu erfin- nen sozusagen. Um meine Masse zu messen, kann
den war nicht leicht. Notwendig war dafür vor allem, ich mich auf eine Badezimmerwaage stellen. Diese
Naturvorgänge präzise beschreiben, in Zahlen und wird mir dann eine Zahl, ungefähr 75, anzeigen.
Formeln fassen zu können. Das Ergebnis einer Messung ist also eine Zahl, die
Die . Abb. 1.1 zeigt in solch präziser Weise, was sogenannte Maßzahl. Würde ich mich allerdings in
in einem idealisierten Otto-Motor, dem gängigs- England auf eine Waage stellen, so würde sie wahr-
ten Automotor, geschieht. Aufgetragen sind der scheinlich die Zahl 165 anzeigen. Das bedeutet
Druck, die Temperatur und das Volumen des Gases natürlich nicht, dass meine Masse in England eine
im Kolben der Maschine bei einem Kolbenumlauf. andere ist als in Deutschland. Es bedeutet vielmehr,
Mit dieser Betrachtung lässt sich ermitteln, welcher dass in England eine andere Einheit für die Masse
Wirkungsgrad bei der Umwandlung von Wärme in (das britische Pfund, Kurzzeichen lb) üblich ist als
mechanische Arbeit erreicht werden kann (dies wird hier in Deutschland. In Deutschland verwenden
in 7 Abschn. 5.5.3 geschehen). Um das Diagramm zu wir gemäß dem internationalen Einheitensystem
1.1 · Physikalische Größen
3 1
das Kilogramm mit dem Kurzzeichen kg. Einhei-
. Tab. 1.1  Erweiterung von Einheiten
ten können willkürlich festgelegt werden und dies
geschieht durch Normen und Gesetze. Die Einheit Vorsilbe Kennbuchstabe Zehnerpotenz
Kilogramm ist gegenwärtig noch besonders anschau-
lich definiert. Im internationalen Büro für Maßein- Pico p 10−12

heiten in Paris steht in einem Schrank ein Zylinder Nano n 10−9


aus einer Platin-Iridium Legierung, dessen Masse Mikro µ 10−6
zu 1 kg definiert ist. Wenn man meine Körpermasse Milli m 10−3
mit der Masse dieses Zylinders vergleicht, kommt
Zenti c 10−2
also ein Verhältnis von 75:1 heraus. 2018 wird aber
Dezi d 10−1
wahrscheinlich dieser Zylinder, dieses sogenannte
Ur-Kilogramm, ins Museum wandern, wo sich das Hekto h 102
Ur-Meter, also ein Stab, dessen Länge per Definition Kilo k 103
1 m ist, schon befindet. Man wird nämlich ab 2018 Mega M 106
alle Einheiten konsequent dadurch festlegen, dass Giga G 109
man die Maßzahlen einiger Naturkonstanten, wie
Tera T 1012
zum Beispiel der Vakuumlichtgeschwindigkeit und
der Ladung eines Elektrons, festgelegt. Die Einheiten
ergeben sich dann aus den Naturgesetzen, in denen
diese Konstanten vorkommen. Man wird die Neude- Das kleine kursive m am Anfang ist nach interna-
finition natürlich in der Weise tun, dass sich an den tionaler Konvention der Buchstabe, der als Platzhal-
Einheiten möglichst wenig ändert. Ich werde dann ter in einer Formel für den Wert (genau genommen
also immer noch eine Masse von 75 kg haben. Die für die Maßzahl) einer Masse verwendet wird. Vor
Definition des Kilogramm wird dann aber viel zuver- 7 Kap. 1 und im Anhang des Buches sind alle Buch-
lässiger sein als bisher. Ließe jemand aus Versehen staben für die Größen aufgeführt, die in diesem Buch
in Paris das Ur-Kilogramm fallen, wäre es ja vorbei vorkommen. Da das Alphabet nicht reicht, wird zum
mit der schönen Einheit. Das Planck´sche Wirkungs- Teil das griechische Alphabet auch noch genutzt, und
quantum hingegen, dessen Maßzahl die neue Grund- manchmal wird leider auch derselbe Buchstabe für
lage für die Definition des Kilogramms sein wird, verschiedene Größen verwendet. Nun folgen in der
kann nicht kaputt gemacht werden und man braucht Gleichung verschiedene Maßzahlen, hinter denen
auch nicht nach Paris reisen, um es zu messen. noch Kurzzeichen für die jeweils verwendete Einheit
Würden alle Menschen dieser Welt immer die- stehen. Im Gegensatz zu dem Symbol für die Größe
selben Einheiten verwenden und würden wir auch werden diese Kurzzeichen nicht kursiv geschrieben.
darauf verzichten, Vorsilben wie centi, milli oder Dadurch kann man in Formeln Symbole für Größen
mega (siehe . Tab. 1.1) zu benutzen, so bräuchten und Kurzzeichen für Einheiten besser unterscheiden.
wir uns um die Einheiten nicht mehr zu kümmern Obwohl hier drei verschiedene Maßzahlen stehen,
und wir bräuchten sie nicht zu erwähnen. Da dies schreiben wir ein Gleichheitszeichen dazwischen,
aber nicht so ist, hat es sich in den Naturwissenschaf- weil es immer um dieselbe Größe geht und uns die
ten, der Technik und auch in der Medizin durchge- Kurzzeichen für die Einheiten sagen, mit welchen
setzt, bei der Angabe eines Messergebnisses zu der Faktoren wir diese Maßzahlen ineinander umrech-
Maßzahl auch noch das Einheitensymbol dazu zu nen können. Später in den Übungssaufgaben, die
schreiben. Will ich also das Ergebnis der Messung sie rechnen werden, wird es fast immer so sein, dass
meiner Körpermasse korrekt hinschreiben, so sie erst einmal alle angegebenen Größenwerte in die
schreibe ich folgende Formel: SI-Einheiten umrechnen, bevor sie eine Formel aus-
werten. Das wäre hier also das Kilogramm mit der
m = 75 kg = 7500 g =165 lb Maßzahl 75.
4 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1.1.2 SI Einheitensystem der Verpackung von LED-Leuchtmitteln die Hellig-


1 keit angegeben wird (siehe 7 Abschn. 7.3.1).
Das Buch, dass sie gerade in Händen halten (so sie Bis auf diese etwas aus dem Rahmen fallende
nicht das E-Book verwenden), hat eine Höhe von Candela werden alle Einheiten der Basisgrößen
0,22 m und eine Breite von 0,16 m. Da lässt sich nach zukünftig durch das Festlegen der Maßzahlen von
der Definition in der Physik die Fläche einer Buch- Naturkonstanten definiert. Am präzisesten geht
seite berechnet: das für die Sekunde, die ein gewisses Vielfaches
(das 9 192 631 770 -fache) der Periode einer Mik-
A = 0, 22 m ⋅ 0,16 m = 0, 22 ⋅ 0,16 m ⋅ m = 0, 035 m 2 rowellenstrahlung von Cäsiumatomen ist. Die soge-
nannten Atomuhren sind so genau, dass sie nur 1
(Da das m in dieser Formel nicht kursiv geschrie- Sekunde in ca. einer Million Jahren falsch gehen.
ben wurde, ist es hier nicht das Symbol für Masse, Und in Zukunft sollen sie noch genauer werden. Das
sondern das Kurzzeichen für die Einheit Meter.) In Meter ist die Strecke, die Licht in einem bestimm-
dieser Formel haben wir etwas Interessantes gemacht. ten Bruchteil einer Sekunde (1/299 792 458) zurück-
Wir haben so getan, als wäre zwischen der Maßzahl legt. Damit haben wir den merkwürdigen Effekt,
und dem Kurzzeichen für die Einheit ein Mal-Zei- dass die Maßzahl der Lichtgeschwindigkeit präzise
chen und wir haben Maßzahlen und Einheiten ver- definiert ist, obwohl man auch die Lichtgeschwin-
tauscht. Dadurch haben wir herausgefunden, dass digkeit natürlich nur mit einer begrenzten Genau-
die Einheit einer Fläche sinnvollerweise der Quad- igkeit messen kann. Das ist dann aber eben die
ratmeter ist. Tatsächlich funktioniert es mit Multipli- Genauigkeit, mit der das Meter definiert ist. Diese
kation und Division von Maßzahlen und Einheiten ist auch sehr hoch. Man kann mit optischer Inter-
immer so gut, obwohl streng mathematisch betrach- ferenz Längen von einigen Metern auf Bruchteile
tet die Multiplikation nur für Zahlen definiert ist. eines Atomdurchmessers genau messen. So ähnlich
wie das Meter sind auch die anderen Basiseinhei-
Merke ten definiert über die Festlegung der Maßzahl des
Planck´schen Wirkungsquantums, der Elektronen-
Man sagt: Größenwert = Maßzahl „mal“ Einheit.
ladung, der Avogadro-Konstante und der Boltzmann
-Konstante.
Die Einheiten aller anderen Größenarten nennt
Aus dieser Beobachtung ergibt sich, dass man tat- man abgeleitete Einheiten und man kann sie immer
sächlich nur für einige wenige Größenarten die Ein- als Produkte oder Quotienten der Basiseinheiten dar-
heiten definieren muss, für alle anderen ergeben sie stellen. So ist zum Beispiel die Einheit der Kraft das
sich aus den physikalischen Zusammenhängen. In Newton (N). Es gilt aber:
der international gültigen Norm, man spricht vom
kg ⋅ m
Système International (SI-System, SI-Einheiten), sind 1N = 1 .
s2
die Einheiten für sieben Basisgrößenarten definiert:
55 die Zeit mit der Einheit Sekunde (s) Dies ergibt sich aus dem wichtigsten Gesetz der
55 die Länge mit der Einheit Meter (m) Mechanik, dem zweiten Newton´schen Gesetz,
55 die Masse mit der Einheit Kilogramm (kg) das wir in 7 Abschn. 2.3 besprechen. Alle wichti-
55 die elektrische Stromstärke mit der Einheit gen abgeleiteten Einheiten haben eigene Namen. Sie
Ampère (A) sind in einer Tabelle im Anhang aufgelistet. Beson-
55 die Temperatur mit der Einheit Kelvin (K) ders bekannte solche Einheiten sind das Volt für die
55 die Stoffmenge mit der Einheit Mol (mol) elektrische Spannung, das Ohm für den elektrischen
55 die Lichtstärke mit der Einheit Candela (Cd) Widerstand und das Watt für die Leistung.
Es gibt auch noch einige gebräuchliche Einhei-
Bis auf die Candela sind Ihnen die Größenarten ten, die nicht zum SI-System gehören, zum Beispiel
sicherlich aus der Schule geläufig. Die Candela hängt die Stunde, der Liter oder die Tonne. Auch solche
eng mit der Einheit Lumen zusammen, mit der auf sind im Anhang aufgeführt.
1.1 · Physikalische Größen
5 1
Man spricht im Zusammenhang mit dem Ein- auf beiden Seiten gleich sein. Eine Länge kann man
heitensystem auch von der Dimension einer Grö- nicht mit einer Zeit vergleichen, eine Kraft nicht mit
ßenart. Die Basisgrößenarten haben ihre eigene einer Energie. Daraus folgen einige Rechenregeln
Dimension: Zeit, Länge, Masse, Strom Temperatur, für die Einheiten. Addieren kann man nur Größen-
Stoffmenge, Lichtstärke. Die Dimensionen der abge- werte von gleicher Größenart oder Terme gleicher
leiteten Größenarten ergeben sich aus den Definitio- Dimension: Länge zu Länge, Kraft zu Kraft, Induk-
nen zu Produkten oder Quotienten dieser Basisdi- tivität zu Induktivität. Für Subtraktionen gilt das
mensionen: die Geschwindigkeit hat die Dimension gleiche. Multiplikation und Division sind dahin-
Länge durch Zeit, die Kraft die Dimension Masse gegen erlaubt, wenn es die physikalischen Gesetze
mal Länge durch Zeit ins Quadrat. Für die Dimen- zulassen oder zum Beispiel neue Größenarten ent-
sion ist es dann egal, ob ich als Einheit für die Masse stehen. Eine Wegstrecke durch eine Zeit kann eine
zum Beispiel das Kilogramm oder das britische Geschwindigkeit mit der SI-Einheit m/s und der ver-
Pfund nehme. Wenn ich meine Körpermasse durch kehrsüblichen Einheit km/h sein. Potenzieren wie-
die Masse des Buches teile, kommt eine reine Zahl derum ist nur mit reinen, dimensionslosen Zahlen
(120) heraus. Man nennt dieses Verhältnis auch im Exponenten möglich: Länge2 gibt eine Fläche mit
dimensionslos. Für dimensionslose Größen sind der SI-Einheit Quadratmeter (m2). Eine Abkling-
die Maßzahlen gottgegeben. funktion e−t ist dahingegen unmöglich, jedenfalls
Auch wenn man einen Größenwert durch wenn der Buchstabe t die Zeit bedeuten soll. Um den
seine Einheit teilt, bleibt eine reine Zahl übrig. Das Exponenten dimensionslos zu machen, muss noch
erlaubt, die Achsen von Diagrammen zu Zahlenge- eine „Relaxationszeit“ τ (mit Einheit s) avls Divisor
raden zu machen. Eine Volumenachse wäre dann so hinzukommen (e−t ) oder eine „Zeitkonstante“ λ
τ
zu beschriften, wie die . Abb. 1.2 zeigt. In . Abb. 1.1
(mit Einheit 1/s) als Faktor (e−λ⋅t ) . Gleiches gilt für
ist ein spezifisches Volumen (Volumen pro Stoff-
die Argumente anderer mathematischer Funktionen
menge) aufgetragen, deshalb wird durch die Einheit
wie Sinus und Logarithmus.
Liter pro Mol geteilt. Das vorliegende Buch hält sich
an diese internationale Empfehlung. Arbeitet man Bei einer komplizierteren physikalischen Formel
bei der Erstellung von Diagrammen allerdings mit lohnt eine Dimensionskontrolle: Man notiert auf
eine Tabellenkalkulationssoftware wie EXCEL, so beiden Seiten der Gleichung die Einheiten der betei-
bekommt man das so nur mit großer Mühe hin. Dann ligten physikalischen Größen und reduziert sie auf
schreibt man die Einheit einfach mit eckigen oder die Basiseinheiten. Wenn dann nicht auf beiden
runden Klammern hinter die Größenbezeichnung. Seiten die gleichen Basiseinheiten stehen, ist die
Formel falsch, und man kann gleich auf Fehlersu-
che gehen, bevor man mühsam unsinnige Ergebnisse
1.1.3 Dimensionskontrolle ausgerechnet hat.
Eine Dimensionskontrolle kann einen aber
Bei mathematischen Gleichungen müssen auf beiden auch an physikalische Zusammenhänge erinnern,
Seiten die Zahlen stimmen, bei physikalischen Glei- die man vielleicht vergessen hat. Beispiel: Zu einer
chungen darüber hinaus auch die Kombinationen Geschwindigkeit v gehört die Einheit m/s; die Ände-
der Basiseinheiten (genauer: die Dimensionen) rungsgeschwindigkeit einer Geschwindigkeit heißt
Beschleunigung und bekommt die Einheit:
ms m
1 =1 2 .
0 20 40 60 80 s s
9
Volumen Eine Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung,
cm3 Einheit:
. Abb. 1.2  Beschriftung einer Volumenachse nach m kg ⋅ m
internationaler Empfehlung; die Achse wird dadurch zur 1kg ⋅ =1 2 =1N.
s2 s
Zahlengeraden
6 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Das Produkt Gewichtskraft mal Hubhöhe gibt Alle Materie besteht aus Atomen, die sich, von
1 die Hubarbeit, also eine Energie W. Ihr gebührt wenigen Ausnahmen abgesehen, zu Molekülen
demnach die Einheit: zusammenlegen. Ein natürliches Maß für die Menge
einer Substanz wäre die Anzahl N ihrer Moleküle.
kg ⋅ m m2  m 2
1N ⋅ m=1 ⋅ m=1kg ⋅ 2 =1kg ⋅   Freilich, Moleküle sind klein und entsprechend zahl-
s 2 s s
reich; zu handlichen Mengen gehören unhandlich
Woraus folgt, dass auch das Produkt Masse große Anzahlen, weit über 1020. Um sie zu vermei-
mal Geschwindigkeitsquadrat v 2 die Dimen- den, hat man in das Système International d'Unités
sion einer Energie besitzt. In der Tat gilt für die eine spezielle, zu N proportionale Grundgröße ein-
Bewegungsenergie: gefügt: die Stoffmenge n mit der Einheit Mol („abge-
kürzt“ mol). Die Proportionalitätskonstante heißt
1
Wkin = m ⋅ v 2. Avogadro-Konstante N A = 6, 0220 ⋅1023mol−1.
2
Hier zeigt sich freilich auch eine Schwäche der
Dimensionsanalyse: Reine Zahlenfaktoren wie hier Merke
das ½ vermag sie nicht zu erkennen.
Die Stoffmenge n ist die Anzahl der Mole, ein
Maß für die Anzahl der Teilchen in einer Probe:
1.2 Mengenangaben 1 mol = 6,0220·1023 Teilchen.

1.2.1 Masse und Stoffmenge


Damit ist das Problem aber zunächst nur verscho-
Kein Backrezept kann auf Mengenangaben verzich- ben, denn niemand kann die Moleküle auch nur
ten: ¼ Ltr. Milch, 250 g Weizenmehl, 3 Eier. „Ltr.“ eines Sandkorns abzählen und durch NA dividieren,
steht hier für Liter. Bei Flüssigkeiten lässt sich das um die Stoffmenge zu bestimmen. Man legt weiter-
Volumen am leichtesten messen. Größere Objekte hin seine Substanzproben auf die Waage, misst also
wie die Eier kann man einfach abzählen. Beim ihre Masse m, und rechnet um mit der sog.
Mehl bevorzugt man aber das Gewicht, gemessen
Masse m
mit einer Waage. Jeder Kaufmann, jedes Postamt molare Masse M =
Stoffmenge n
benutzt Waagen. Wie sie funktionieren, wird in
7 Abschn. 2.2.7 beschrieben werden. Dabei wird sich der beteiligten Moleküle (M wird auch Molmasse
herausstellen, dass die Umgangssprache mit dem genannt – die Einheit ist g/mol). Dafür darf die
Wort "Gewicht" die physikalische Größe Masse Probe allerdings aus nur einer einzigen Molekülsorte
meint. Deren Eigenschaften werden in 7 Abschn. 2.3.1 bestehen, deren Molmasse man kennt. Woher? In
genauer behandelt. Jedenfalls ist die Masse eine Natur und Technik gibt es viel zu viele Molekülarten,
Grundgröße im SI und bekommt die Einheit Kilo- als dass man alle ihre Molmassen in einem dicken
gramm (kg). Für den Hausgebrauch wird das Kilo- Tabellenbuch zusammenfassen könnte. Das ist aber
gramm hinreichend genau repräsentiert durch die auch nicht nötig, denn Moleküle setzen sich aus
Masse von 1000 ml Wasser. Atomen zusammen, von denen es nicht allzu viele
Im Gegensatz zum Wasser bringt es ein Kilo- verschiedene Arten gibt, die der rund hundert che-
barren Gold nur auf etwa 50 cm³. Sind die beiden mischen Elemente nämlich. Deren molare Massen
Substanzmengen nun gleich, weil ihre Massen gleich lassen sich auflisten. Dann braucht man nur noch
sind, oder sind sie verschieden, weil ihre Volumina die chemische Formel eines Moleküls zu kennen, um
verschieden sind? Die Frage lässt sich nicht beant- seine molare Masse auszurechnen:
worten, weil der Gebrauch der Vokabel „Substanz- 55 Wasserstoffatom: M(H) = 1 g/mol
menge“ nicht eindeutig definiert ist. Die beiden 55 Sauerstoffatom: M(O) = 16 g/mol
„Stoffmengen“ sind jedenfalls verschieden. 55 Wassermolekül: M(H2O) = 18 g/mol
1.2 · Mengenangaben
7 1
Merke meist in der Einheit Liter/Mol (l/mol) angege-
ben. Man darf sich durch den Namen nicht zu
Die molare Masse M = m mit der Einheit der Annahme verleiten lassen, beim Molvolumen
n handele es sich um ein Volumen, das in m³ oder l
g/mol einer Molekülsorte ist die Summe der
allein gemessen werden könnte.
molaren Massen der das Molekül bildenden
Atome.
Merke

spezifische Größen:
55Massendichte ρ = m (oft angegeben in
1.2.2 Dichten und Gehalte g ) V
cm3
V
55Kehrwert = = spezifisches Volumen
Volumen, Masse und Stoffmenge sind Kenngrößen m
einzelner Substanzproben, eines silbernen Löffels 55Stoffmengendichte = n
V
etwa, eines Stücks Würfelzucker, einer Aspirin-Ta- 55Kehrwert = V = molares Volumen =
blette; sie sind keine Kenngrößen von Substanzen n
Molvolumen
wie Silber, Saccharose oder Acetylsalicylsäure. Vom
Wasser wurde schon gesagt, dass ein Liter eine Masse
von 1000 g hat; beim Silber sind es 10,5 kg und bei der
Saccharose 1586 g. Zwei Liter wiegen jeweils doppelt Für die Verkehrstüchtigkeit eines Autofahrers spielt
soviel und 0,5 l die Hälfte. Der Quotient aus Masse es eine erhebliche Rolle, ob er gerade eine halbe
und Volumen ist substanztypisch. Man nennt ihn Flasche Bier oder eine halbe Flasche Schnaps getrun-
ken hat. Jeder Doppelkorn enthält mehr Alkohol als
Masse m
Dichte ρ = das stärkste Bockbier. Was ist damit gemeint? Spiritu-
Volumen V
osen sind Mischungen, im Wesentlichen aus Alkohol
Manchmal empfiehlt sich der Name Massendichte, und Wasser; die wichtigen Geschmacksstoffe, die
um deutlich von der z. B. Kirschwasser von Himbeergeist unterscheiden,
spielen mengenmäßig kaum eine Rolle. Zur Kenn-
Stoffmenge
Stoffmengendichte = zeichnung eines Gemisches kann einerseits der
Volumen
Gehalt dienen
zu unterscheiden. Wenn man diese mit der Avogad-
Teilmenge
ro-Konstanten multipliziert, erhält man die Gehalt =
Gesamtmenge
Teilchenanzahl
Teilchenanzahldichte = Als Quotient zweier Mengen ist er eine reine Zahl
Volumen
und lässt sich darum auch in Prozent angeben. Beim
Die Kehrwerte der ersten beiden Dichten bekommen Blutalkohol bevorzugt man das um einen Faktor
Namen. Massenbezogene Größen heißen üblicher- 10 kleinere Promille, bei Spuren von Beimengun-
weise „spezifisch“, also gen das ppm; die drei Buchstaben stehen für „parts
per million“, also 10−6. Hochentwickelte Spuren-
Volumen 1
spezifisches Volumen Vs = = analyse dringt bereits in den Bereich ppb ein, „parts
Masse Dichte
per billion“; gemeint ist 10−9, denn im Angelsächsi-
Der Kehrwert der Stoffmengendichte müsste korrekt schen entspricht „billion“ der deutschen Milliarde
„stoffmengenbezogenes Volumen“ genannt werden. (=109) und nicht der Billion (=1012). Die Summe
Das ist zu umständlich, darum spricht man lieber aller Gehalte einer Mischung muss notwendiger-
vom weise eins ergeben.
Auf welche Mengenangabe sich ein Gehalt
Volumen
Molvolumen Vn = , bezieht, ist zunächst noch offen; man muss es dazu
Stoffmenge
sagen. Der
8 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1 Massengehalt =

Masse des gelosten Stoffes
Die Stoffmengendichte des reinen Alkohols ist

Masse der Losung
dann
wird zuweilen als „Gew.%“ bezeichnet, als „Gewichts- g
790
prozent“ – und der n l = 17,18 mol .
=
V 46
g l

Volumen des gelosten Stoffes mol
Volumengehalt =
 g
Volumen der Losun
Im Schnaps ist aber nur 40 % des Volumens
als „Vol.%“, als „Volumenprozent“ also. Der Alkohol, also ist hier die Stoffmengendichte
um den Faktor 0,4 kleiner:
Stoffmenge des

gelosten Stoffes
Stoffmengengehalt = g

Stoffmenge der Losung n
790
l = 6, 87 mol .
= 0, 4 ⋅
ist dem Teilchenanzahlgehalt gleich, denn die Avoga- V 46
g l
mol
dro-Konstante steht im Zähler wie im Nenner, kürzt
sich also weg. Einen Stoffmengengehalt bezeich-
net man auch als Stoffmengenanteil oder als „At.%“
(Atomprozent). ppm und ppb werden üblicherweise
nur bei Stoffmengengehalten verwendet (und nach 1.3 Statistik und Messunsicherheit
neuester Empfehlung am besten gar nicht).
Andererseits gibt es die Möglichkeit, eine Kon- 1.3.1 Messfehler
zentration mit einer Einheit anzugeben, wenn man
gelösten Stoff und Lösungsmittel mit unterschiedli- Kein Messergebnis kann absolute Genauigkeit für
chen Mengengrößen beschreibt. Gebräuchlich ist die: sich in Anspruch nehmen. Oftmals ist schon die
Messgröße selbst gar nicht präzise definiert. Wenn

 c = Stoffmenge des gelosten Stoffes
Molaritat ein Straßenschild in Nikolausberg behauptet, bis
 ungsmittels
Volumen des Losu
Göttingen seien es 4 km, dann genügt das für die
in Mol pro Liter und die: Zwecke des Straßenverkehrs vollauf. Gemeint ist so
etwas wie „Fahrstrecke von Ortsmitte bis Stadtzen-

 b = Stoffmenge des gelosten Stoffes
Molalitat trum“. Wollte man die Entfernung auf 1 mm genau
 gsmittels
Masse des Losung
angeben, müsste man zunächst die beiden Ortsan-
in Mol pro Kilogramm. gaben präzisieren, z. B. „Luftlinie von der Spitze der
Wetterfahne auf der Klosterkirche von Nikolaus-
berg bis zur Nasenspitze des Gänseliesels auf dem
Rechenbeispiel 1.1: Schnaps Brunnen vor dem alten Rathaus in Göttingen“. Der
Aufgabe: Wie groß ist die Stoffmengendichte messtechnische Aufwand stiege beträchtlich und
des Alkohols in einem Schnaps mit 40 Vol.%? Die niemand hätte etwas davon. Insbesondere auch bei
Dichte des Äthylalkohols (C2H5OH) ist 0,79 g/ml. der Genauigkeit eines Messverfahrens muss man
Lösung: Die Stoffmengendichte des reinen Aufwand und Nutzen gegeneinander abwägen.
Alkohols kann zum Beispiel als Anzahl
der Alkoholmoleküle in Mol pro Liter Merke
Alkohol angegeben werden. Dazu muss die
Massendichte durch die Molmasse M des Messfehler: Differenz zwischen Messwert und
Äthylalkohols geteilt werden. Laut Anhang grundsätzlich unbekanntem wahren Wert der
ergibt sich die Molmasse zu: Messgröße.

M (C2H 5OH ) = 2 ⋅ M (C ) + 6 ⋅ M ( H ) + M (O )
≈ 24g / mol + 6g / mol + 16g / mol = 46g / mol Messfehler lassen sich in zwei große Gruppen ein-
teilen: die systematischen und die zufälligen Fehler.
1.3 · Statistik und Messunsicherheit
9 1
Wenn man sein Lineal auf ein Blatt Karopapier legt, innerhalb einer Ernte von einem ganz bestimmten
sieht man zumeist eine deutliche Diskrepanz zwi- Feld streuen die Durchmesser verschiedener Erbsen
schen den beiden Skalen; Papier ist kein gutes Mate- deutlich. Deshalb kann nur nach einer mittleren
rial für Längenmaßstäbe. Wer sich trotzdem auf Größe gefragt werden.
sein Blatt Karopapier für eine Längenmessung ver- Nach alter Regel bestimmt man den Mittelwert
lässt, macht einen systematischen Fehler, weil die <x> einer Reihe von Messwerten xi dadurch, dass
Skala nicht genau stimmt. Grundsätzlich gilt das für man sie alle zusammenzählt und das Resultat durch
jede Längenmessung, für jede Messung überhaupt. ihre Anzahl n dividiert:
Auch Präzisionsmessinstrumente können Eichfeh- n
< x >= (x1 + … + xn) = ∑xi .
1 1
ler ihrer Skalen nicht vollständig vermeiden. Um
n n i=1
sie in Grenzen zu halten, müssen z. B. Händler ihre
Waagen von Zeit zu Zeit nacheichen lassen. Aber Der Index i läuft von 1 bis n, er kennzeichnet den
auch in Messverfahren können systematische Fehler einzelnen Messwert. Nun wird niemand alle zig-
implizit eingebaut sein. Hohe Temperaturen wird tausend Erbsen einer Ernte einzeln ausmessen, um
man oft etwas zu niedrig messen, da der Messfüh- den Mittelwert <dw> des Durchmessers zu bestim-
ler seine Temperatur erst angleichen muss und der men. Man begnügt sich mit einer Stichprobe. Zum
Benutzer vielleicht nicht die Geduld aufbringt, lange Beispiel wurden bei n = 12 willkürlich aus einer
genug zu warten. Tüte herausgegriffenen Erbsen die Quotienten
xi = di/­mm gemessen und in der folgenden Werte-
Merke tabelle zusammengestellt:
x1 x2 x3 x4 x5 x6 x7 x8 x9 x10 x11 x12
Systematischer Fehler: prinzipieller Fehler des
Messverfahrens oder Messinstruments, z. B. 7, 5 7, 9 7, 6 8, 2 7, 4 8, 0 8, 0 7, 9 7, 6 7, 7 7, 2 7, 5
Eichfehler – sie treten immer wieder gleich auf, Daraus errechnet sich der Mittelwert der Stichprobe
sind also reproduzierbar. zu <x> = 92,5/12 = 7,71.

Merke
Systematische Fehler sind schwer zu erkennen; man
muss sich sein Messverfahren sehr genau und kri- Mittelwert = Quotient aus Summe und Anzahl
tisch ansehen. der Messwerte:
Der zufällige Fehler meldet sich selbst, wenn man n
< x >= (x1 + …+ xn) = ∑xi .
eine Messung wiederholt: Die Ergebnisse weichen 1 1
n n i=1
voneinander ab. Letzten Endes rührt diese Streuung
von Störeffekten her, die man nicht beherrscht und
zum großen Teil nicht einmal kennt.

Merke Wie gut stimmt der Mittelwert der Stichprobe mit


dem Mittelwert für alle Erbsen überein? Genau lässt
Zufällige Fehler verraten sich durch Streuung sich das nicht sagen, aber die Wahrscheinlichkeits-
der Messwerte. rechnung hilft weiter. So viel leuchtet ein: Der Mit-
telwert der Stichprobe wird umso zuverlässiger sein,
je größer man den Umfang n der Stichprobe macht,
und je weniger die einzelnen Messwerte streuen. n
1.3.2 Mittelwert und Streumaß hat man selbst in der Hand, seine Größe ist eine Frage
des Aufwandes, den man treiben will. Benötigt wird
Wie groß ist eine Erbse? Diese Frage soll hier auf die aber noch eine Größe, die sagt, wie stark die Mess-
„Erbse an sich“ zielen, nicht auf ein ganz bestimm- werte streuen, ein sogenanntes Streumaß. Die Dif-
tes Einzelexemplar. Dabei spielt die Sorte eine Rolle, ferenzen xi – <x> zwischen den einzelnen Messwer-
der Boden, die Düngung, das Wetter. Aber auch ten und dem Mittelwert können dieses Maß nicht
10 Kapitel 1 · Grundbegriffe

unmittelbar liefern, weil sie positive wie negative Kreise). Weiterhin kann man zu jedem Messpunkt
1 Vorzeichen haben und sich zu Null aufaddieren; so einen Streubalken (der leider meistens unsinniger-
ist letzten Endes der Mittelwert definiert. Die Qua- weise als Fehlerbalken bezeichnet wird) zeichnen,
drate (xi -<x>)² sind aber wie alle Quadratzahlen der die Standartabweichung angibt.
grundsätzlich positiv. Wenn man sie addiert, durch
n-1 teilt und noch die Wurzel zieht, bekommt man
die sogenannte Standardabweichung: 1.3.3 Messunsicherheit

s=
∑ (xi− < x >)2 , Wurde zum Beispiel im Physikpraktikum ein
n −1 bestimmter Messwert x gemessen, so ist die Frage
zu stellen: wie zuverlässig ist der nun? Beantwortet
der Einfachheit halber sind hier die Grenzen der wird diese Frage mit der Angabe einer Messunsicher-
Summe nicht mitgeschrieben worden. Dass durch heit u(x). Damit sagt man folgendes: der unbekannte
n−1 und nicht durch n dividiert wird, liegt daran, wahre Wert der Größe liegt mit hoher Wahrschein-
dass man mindestens zwei Messwerte braucht, um lichkeit zwischen x − u(x) und x + u(x). Deshalb
einen Mittelwert ausrechnen zu können. schreibt man zum Beispiel für eine Längenmessung
Manche Taschenrechner erlauben, s mit einem hin: Der Abstand d beträgt
einzigen Tastendruck auszurechnen.
Die Standardabweichung lässt sich für jede Mess- d = (10, 4 ± 0, 2)cm
reihe angeben. In Diagrammen wie der . Abb. 1.3
wird man zunächst die Mittelwerte auftragen (rote 10,4 cm ist der Messwert und 0,2 cm ist die absolute
Messunsicherheit. Man kann die Messunsicherheit
auch auf den Messwert beziehen und bekommt dann
2,0
die relative Messunsicherheit:
u(d ) 0, 2
= = 0, 019
Elastizität des Blutes /P1

d 10, 4
Diese wiederum kann man in Prozent ausdrücken
1,5 und dann schreiben:

d = 10, 4 ⋅ (1 ± 1, 9%) cm

Merke
1,0

Messunsicherheit: Abschätzung des


1 4 7 Intervalls, in dem der unbekannte wahre Wert
vor Tage nach wahrscheinlich liegt.
Beginn der Behandlung Absolute Messunsicherheit u(x),
relativer Messunsicherheit: absolute Messunsi-
. Abb. 1.3  Diagramm mit Fehlerbalken. Elastizität
cherheit durch Messwert: u(x)/x.
des Blutes während einer Behandlung mit einem
blutverflüssigenden Mittels als Beispiel für ein Diagramm
mit Fehlerbalken (in diesem Zusammenhang spielen
das Messverfahren und die medizinische Bedeutung Sehr oft wird man die Messunsicherheit einfach
der Messwerte keine Rolle). Die Kreise bezeichnen die schätzen: diesen Längenmaßstab kann ich auf etwa
Mittelwerte aus einer Beobachtungsgruppe von 28 Patienten
plus minus ein Millimeter genau ablesen. Besser ist es
und die Fehlerbalken jeweils die Standartabweichung des
Mittelwertes; die ausgefüllten Messpunkte gehören zu zwei
natürlich, wenn der Hersteller des Messgerätes etwas
Mitgliedern der Beobachtungsgruppe: einzelne Messwerte über die Genauigkeit sagt, wie dies bei Präzisions-
können durchaus weit außerhalb des Standardfehlers liegen messgeräten immer der Fall ist.
1.3 · Statistik und Messunsicherheit
11 1
Ist man einigermaßen sicher, dass die Messun- In der Physik und im täglichen Leben macht
sicherheit im Wesentlichen auf zufälligen Messfeh- man sich meist nicht die Mühe, die Standardabwei-
lern beruht, hilft Mittelwert und Streumaß sehr viel chung des Mittelwertes tatsächlich auszurechnen.
weiter. Man kann dann die Messunsicherheit durch Die meisten Messverfahren sind für ihren Zweck
mehrfaches Wiederholen der Messung beträchtlich präzise genug, sodass sich Messwiederholungen
reduzieren und sie mit Hilfe des Streumaßes sehr nicht lohnen. Trotzdem sollte man die Messunsi-
genau abschätzen. cherheit abschätzen und Zahlenwerte grundsätz-
Der beste Schätzwert für den wahren Wert der lich nicht genauer hinschreiben, als man sie hat: die
Messgröße ist natürlich der Mittelwert, der umso letzte angegebene Dezimalstelle sollte noch stimmen.
zuverlässiger wird, aus je mehr Einzelmessungen er Wenn das Schild in Nikolausberg behauptet, bis Göt-
gebildet wird. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung sagt tingen seien es 4 km, dann sollte die tatsächliche Ent-
nämlich folgendes: fernung näher bei diesem Wert liegen als bei 3 km
Sind die Messwerte tatsächlich zufällig verteilt, oder bei 5 km. Darum sollte auch der mittlere Radius
so liegt der Mittelwert <x> mit einer Wahrschein- der Erdbahn zu 149,5·106 km angegeben werden und
lichkeit von 68 % nicht weiter als eine Standardab- nicht zu 149.500.000 km, denn für die fünf Nullen
weichung des Mittelwerts von dem unbekannten kann niemand garantieren. Umgekehrt sollte die
wahren Mittelwert entfernt. Diese Standardabwei- Länge des 50-m-Beckens in einem wettkampfgeeig-
chung des Mittelwertes erhält man dadurch, dass neten Schwimmstadion durchaus 50,0 m, wenn nicht
man die Standartabweichung s durch die Wurzel der gar 50,00 m betragen.
Zahl der Messungen n dividiert:
Merke
s
s(< x >) =
n Man sollte alle Dezimalstellen angeben, die
Im Allgemeinen ändern sich die Standardabwei- man zuverlässig gemessen hat, nicht weniger,
chung nicht, wenn man die Zahl n der Messungen aber auch nicht mehr.
erhöht. Das heißt aber, dass die Standardabwei-
chung des Mittelwertes umgekehrt proportional
zu n kleiner wird. Durch Erhöhung der Zahl der 1.3.4 Fehlerfortpflanzung
Messungen kann also die Messunsicherheit grund-
sätzlich beliebig klein gemacht werden. Nur wächst Oftmals werden Messergebnisse verschiedener
der Aufwand leider quadratisch mit dem Gewinn an Größen kombiniert, um eine abgeleitete Größe aus-
Genauigkeit. zurechnen; dabei reichen sie ihre Messunsicher-
heiten an diese abgeleitete Größe weiter. Im unten
Merke folgenden Rechenbeispiel wird die Dichte aus der
Messung einer Kantenlänge eines Würfels und seiner
Standardabweichung des Mittelwertes: Masse gewonnen. Für die Berechnung der Messun-
Schätzwert der sich aus zufälligen Messfehlern sicherheit der abgeleiteten Größe (im Beispiel der
erbebenden Messunsicherheit. Dichte) hat sich die Bezeichnung „Fehlerfortpflan-
zung“ eingebürgert, obwohl es sich eben eigentlich
um eine Messunsicherheits-Fortpflanzung handelt.
Reicht einem eine Wahrscheinlichkeit von 68 %, das Es gibt zwei wichtige Regeln, mit denen sich die
der wahre Wert im angegebenen Unsicherheitsinter- meisten Situationen meistern lassen:
vall liegt nicht, so kann man für die Messunsicherheit
zweimal die Standartabweichung des Mittelwertes Merke
ansetzen. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit auf
immerhin 95 % erhöht. Das sich so ergebende Inter- Bei der Addition/Subtraktion von Messwerten
vall um den Mittelwert herum bezeichnet man dann addieren sich die absoluten Unsicherheiten.
als das 95 %-Konfidenzintervall.
12 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Gewiss darf man darauf hoffen, dass sich bei einer


1 Addition von Messgrößen die absoluten Messfeh- zu m = (30,0 ± 0,1) g gemessen. Welchen Wert
ler z. T. kompensieren, aber verlassen darf man sich hat die Dichte und mit welcher Messunsi-
darauf nicht. Deshalb muss man immer mit der cherheit ist dieser Wert behaftet?
Addition der absoluten Unsicherheiten abschät- Lösung: Das Volumen des Bauklotzes
zen. Dieser Zusammenhang kann zu hohen relati- berechnet sich zu V = a3 = 41063,625 mm3.
ven Unsicherheiten führen, wenn sich die gesuchte Hier wurden aber sicher unsinnig viele Stellen
Größe nur als (kleine) Differenz zweier (großer) angegeben. Die relative Messunsicherheit für
Messwerte bestimmen lässt. Wie viel Nahrung ein die Kantenlänge ist:
Säugling beim Stillen aufgenommen hat, stellt man u(a) 0, 25mm
= = 0, 0072 . Da zur Berechnung
üblicherweise dadurch fest, dass man ihn vorher und a 34, 5mm
hinterher wiegt, mitsamt den Windeln. Grundsätz- des Volumens a dreimal mit sich selbst
lich könnte man auch die Mutter wiegen, aber dann multipliziert wird, ist die relative Unsicherheit
wäre das Resultat weniger genau. des Volumens nach der zweiten Regel zur
Fehlerfortpflanzung dreimal so groß:
Merke u(V ) u(a)
= 3⋅ = 0, 022.
V a
Bei der Multiplikation/Division von Die absolute Unsicherheit des Volumens ist
Messwerten addieren sich die relativen also u(V ) = 893 mm3. Eine vernünftige Angabe
Unsicherheiten. des Volumens lautet also V = (41 ± 0,9) cm3.
Die Dichte ist ρ = m = 0, 7306 g .
V cm3
Die relative Unsicherheit ergibt sich wieder aus
Die Ableitung dieser nicht sofort offensichtlichen
einer Addition:
Regel soll hier ausgelassen werden. Sie gilt nähe-
u(ρ) u(m) u(V )
rungsweise, wenn die Unsicherheiten klein gegen = + = 0, 0033 + 0, 022 = 0, 0253.
ρ m V
die Messwerte sind. In dem Rechenbeispiel mit der
Die Unsicherheit der Dichte wird also
Dichte wird diese Regel zur Anwendung kommen.
im Wesentlichen durch die Unsicherheit
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass
des Volumens bestimmt. Die absolute
der funktionale Zusammenhang für die abgeleitete
Unsicherheit der Dichte ist nun:
Größe natürlich auch komplizierter sein kann als nur
g g
eine Kombination von Addition und Multiplikation, u(ρ) = 0, 0253 ⋅ 0, 73 3 = 0, 019 3 . So
cm cm
zum Beispiel einen Sinus oder einen Logarithmus erhalten wir das Endergebnis:
enthalten kann. Auch dann gibt es eine Formel für
g . Die Dichte ist also
die Fehlerfortpflanzung. Diese enthält die partiellen ρ = (0, 73 ± 0, 02)
cm3
Ableitungen des funktionalen Zusammenhangs.
kleiner als die von Wasser.

Rechenbeispiel 1.2: Schwimmt der 1.4 Vektoren und Skalare


Bauklotz?
Aufgabe: Es soll die Massendichte eines Wie finden die Männer vom Bautrupp im Bürgersteig
würfelförmigen Spielzeug-Bauklotzes aus Holz den Deckel über einem unterirdischen Hydranten,
bestimmt werden. Dazu wird die Kantenlänge wenn frischer Schnee gefallen ist? Sie suchen deutlich
mit einem Lineal zu a = (34,5 ± 0,25) mm über Kopfhöhe an einem Laternenmast ein Schild
gemessen. Dabei wurde die Ablesegenauigkeit nach Art der . Abb. 1.4 und wissen dann: senkrecht
zu ± 0,25 mm geschätzt. Die Masse wurde zum Schild 1,2 m geradeaus, dann im rechten Winkel
mit einer einfachen digitalen Laborwaage 9,5 m nach rechts; dort hat der Deckel zu sein. Eine
Angabe über die dritte Richtung im Raum, über die
1.4 · Vektoren und Skalare
13 1

U 3
U] U] Â H]
\

U\ U\ Â H\
. Abb. 1.4  Hinweisschild für einen Hydrantendeckel in
der Straße. Der Deckel befindet sich 1,2 Meter vor dem Schild U[ U[ Â H[
und 9,5 Meter nach rechts versetzt

Höhe, ist nicht nötig; Hydrantendeckel schließen [


mit dem Asphalt des Bürgersteiges ab. Bei einem im
. Abb. 1.5  Der Ortsvektor zum Punkt P
Mittelalter vergrabenen Schatz wüsste man aber ganz
gerne noch: 2 Meter tief in der Erde.
Eine Position in der Welt, einen Punkt im Raum Zieht man vom Nullpunkt des Koordinatensys-
kann man nicht absolut festlegen, sondern nur tems einen Pfeil zum Punkt P, so erhält man dessen

relativ zu einem Koordinatensystem. Das kann das Ortsvektor r(P) . Er legt P eindeutig fest. Allgemein
Gitternetz auf den Karten im Atlas sein oder auch wird eine physikalische Größe durch einen Vektor
vom Schild am Laternenpfahl vorgegeben werden. beschrieben, wenn sie eine Richtung im Raum hat,
Das Koordinatensystem darf willkürlich gewählt wie z. B. eine Kraft, eine Geschwindigkeit, eine elek-
werden, aber so vernünftig wie möglich sollte man trische Feldstärke. Im Gegensatz dazu stehen phy-
schon wählen. sikalische Größen, die durch Skalare, denen sich
Der Raum, in dem alles geschieht, was geschieht, keine Richtung im Raum zuordnen lässt, beschrie-
hat drei voneinander unabhängige Richtungen: vorn- ben werden, wie etwa die Masse, die Temperatur,
hinten, rechts-links, oben-unten. Man nennt ihn drei- der elektrische Widerstand. Auch mit Vektoren
dimensional (und benutzt hier das Wort „Dimension“ kann man rechnen, die Regeln müssen aber natür-
in einem ganz anderen Sinn als im 7 Abschn. 1.1.2). lich anders festgelegt werden als bei Skalaren. Darum
Folglich braucht ein räumliches Koordinatensystem malt man in Formeln über die Buchstabensymbole

drei sog. Achsen: sie zeigen in drei Raumrichtungen der Vektoren kleine Vektorpfeile:
 Kraft F , Geschwin-

und schneiden sich in einem Punkt, dem Nullpunkt digkeit v , Feldstärke E , aber Masse m, Temperatur
des System. Üblicherweise ordnet man ihnen die T, Widerstand R.
letzten drei Buchstaben des Alphabets zu: x-Achse,
y-Achse, z-Awchse. Vom Nullpunkt aus kann man Merke
jeden Punkt P im Raum grundsätzlich in drei geraden
Schritten erreichen, ein jeder parallel zu einer anderen Physikalische Größe, die eine Richtung im
Achse. Die Abschnitte auf den Achsen rx, ry , und rz Raum haben: Vektoren
(siehe . Abb. 1.5), die diesen Schritten entsprechen, Ungerichtete physikalische Größen: Skalare.
sind die sog. Koordinaten des Punktes P. Die drei
Achsen müssen nicht senkrecht aufeinander stehen,
aber wenn sie es tun, spart das mancherlei Mühe. Man Vektoren lassen sich durch Pfeile symbolisieren. Sie
spricht dann von kartesischen Koordinaten (René haben nicht nur eine Richtung, sondern auch einen
Descartes, „Renatus Cartesius“, 1596–1650). positiven (skalaren) Betrag, der durch die Pfeillänge
14 Kapitel 1 · Grundbegriffe

symbolisiert wird. Auch gerichtete physikalische keine Lage. Die sie symbolisierenden Pfeile dürfen
1 Größen haben ja neben der Richtung einen Betrag: beliebig auf dem Papier herum geschoben werden –
den Betrag der Geschwindigkeit, die Stärke der Kraft, allerdings nur parallel zu sich selbst, denn das ändert

usw. Ein Vektor a kann als Produkt seines Betrages ihre Komponenten nicht. Eine Ausnahme bildet der
 
a und des Einheitsvektors in seiner Richtung ea Ortsvektor: Er muss beim Koordinaten-Nullpunkt
geschrieben werden. Dabei wird die Einheit der phy- beginnen und darf nicht parallelverschoben werden,
sikalischen Größe immer dem Betrag zugeordnet. denn dann endet er nicht im Punkt P.
Wenn in diesem Buch gelegentlich einfach der Buch- Die Achsen eines Koordinatensystems werden

stabe ohne Vektorpfeil geschrieben wird, so ist dann durch Einheitsvektoren in den Achsenrichtungen ex ,
  
immer der Betrag des Vektors gemeint, also a = a . e y und ez festgelegt. Die Komponenten eines Vektors
Ein Einheitsvektor ist ein dimensionsloser Vektor mit in diesen Richtungen können somit als Produkt
Betrag eins, hat also keine Einheit. Bei der Multipli- dieser Einheitsvektoren mit den Koordinaten des
kation eines Vektors mit einer positiven Zahl wird Vektors geschrieben werden (. Abb. 1.7). Im Falle

sein Betrag um diesen Faktor geändert, seine Rich- des Ortsvektors r(P) sind diese Koordinaten iden-
tung ändert sich nicht. tisch mit den Koordinaten des Punktes P. Es ist zu
beachten, dass die Koordinaten anders als der Betrag
Merke eines Vektors auch negativ sein können. Sie sind aber
auch physikalische Größen, haben also eine Einheit.

Ein Vektor a ist das Produkt aus (skalarem) Ist das Koordinatensystem einmal festgelegt, so ist
 
Betrag a und dem Einheitsvektor ea : der Vektor durch diese drei Koordinaten (im Raum)
vollständig beschrieben.
   
a = a ⋅ ea = ax 2 + a y 2 + az 2 ⋅ ea

Merke

Addiert werden Vektoren durch Aneinanderhängen Komponentendarstellung eines Vektors:


ihrer Pfeile: . Abb. 1.6 entspricht also der Gleichung       
a = a x + a y + a z = a x ⋅ ex + a y ⋅ e y + a z ⋅ ez
  
c = a + b.
ax, ay, az: Koordinaten des Vektors
Diese Regel erlaubt, jeden Vektor in Komponenten
zu zerlegen, deren Summe er darstellt – zwei Kom-
ponenten in der Ebene, drei im Raum (. Abb. 1.7).
D D[  D\  D]
Dabei ist eines zu beachten: Vektoren haben im ]
Allgemeinen wirklich nur eine Richtung im Raum,

F D D] \

E
D\
D F DE D[
[

. Abb. 1.6  Vektoraddition. Vektoren werden zumeist . Abb. 1.7  Vektorzerlegung. Zerlegung des räumlichen

durch einen übergesetzten Vektorpfeil gekennzeichnet. Vektors a in die drei senkrecht aufeinander stehenden
  
Animation im Web Komponenten a x , a y und a z
1.4 · Vektoren und Skalare
15 1
Es ist gebräuchlich, die Koordinaten eines Vektors in Vektoren darf man auch miteinander multiplizie-
eine Spalte untereinander zu schreiben. Dies verrin- ren, und da geschieht Erstaunliches: Die Mathematik
gert den Schreibaufwand: fragt nämlich zurück, was denn bitte herauskommen
solle, ein Skalar oder ein Vektor. Möglich ist beides –
 a 
 x und die Physik beansprucht sogar beide Möglich-
  
a = a y  keiten, denn das mathematische Produkt eines Orts-
 
 az  vektors und einer Kraft (beide Vektoren) kann eine
Energie ergeben, einen Skalar also (7 Abschn. 2.2.3),
Im Prinzip kann man zwei Vektoren mit Bleistift, es kann aber auch ein Drehmoment ergeben, und das
Lineal und Winkelmesser auf dem Papier addieren; ist ein Vektor (7 Abschn. 2.2.5). Was steckt mathema-
in der Praxis wüsste man es freilich oftmals gerne tisch dahinter?
genauer, als auf diesem Wege möglich. Wie addiert Formal kennzeichnet
 man das skalare Produkt S
man zwei Vektoren mit dem Taschenrechner? Dazu zweier Vektoren A und B mit einem Malpunkt zwi-
muss man ihre Koordinaten kennen und es gilt dann: schen ihnen:
      
c = a + b = (ax + bx) ⋅ ex + (a y + by ) ⋅ e y + S = A⋅ B
 a + b  
 x x Die Mathematik wünscht, den Winkel α zwischen A
   
(az + bz ) ⋅ ez = a y + by  und B zu kennen, und bestimmt dann:
 
 a + b     
 z z
S = A ⋅ B = A ⋅ B ⋅ cosα
 
Merke
Daraus folgt für die Grenzfälle: Stehen A und B senk-
recht aufeinander, ist ihr Skalarprodukt null – zeigen
Vektoraddition: sie in diegleiche
 Richtung, ist S das Produkt ihrer
graphisch durch Aneinanderlegen der Beträge A ⋅ B . Im Allgemeinen liegt S also irgendwo
Vektorpfeile; dazwischen. Und was sagt man dem Taschenrech-
rechnerisch durch Addition der Koordinaten. ner? Wenn man die zweimal drei Komponenten der
beiden Vektoren ausmultipliziert, bekommt man
neun Produkte von je zwei Komponenten:
In kartesischen Koordinaten bildet ein Vektor mit        
seinen Komponenten rechtwinklige Dreiecke; das S = A ⋅ B = ( Ax + Ay + Az ) ⋅ (Bx + B y + Bz )
     
vereinfacht quantitative Rechnungen: Man kann = Ax ⋅ Bx + Ax ⋅ By + Ax ⋅ Bz +
sowohl die Winkelfunktionen Sinus und Kosinus als      
auch den Lehrsatz des Pythagoras leicht anwenden; Ay ⋅ Bx + Ay ⋅ B y + Ay ⋅ Bz +
allerdings muss man diesen um die dritte Vektor-      
 Az ⋅ Bx + Az ⋅ By + Az ⋅ Bz
komponente erweitern. Der Betrag a des Vektors

a beträgt Nun stehen in kartesischen Koordinaten aber alle
Komponenten, deren Indizes ungleich sind, senk-

a = ax 2 + a y 2 + az 2 recht aufeinander. Folglich geben ihre skalaren Pro-
dukte null, so dass nur die drei Paare der Diagona-
Die Multiplikation eines Vektors mit einer Zahl len von oben links nach unten rechts übrigbleiben:
ändert seinen Betrag um diesen Faktor. Bei diesem      
S = Ax ⋅ Bx + Ay ⋅ B y + Az ⋅ Bz = Ax ⋅ Bx +
Satz muss man aufpassen: Multiplikation mit einer
negativen Zahl kehrt außerdem die Richtung des Ay ⋅ B y + Az ⋅ Bz
Vektors um.
16 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Merke $
1
Skalares Produkt zweier Vektoren:
    %
S = A ⋅ B = A ⋅ B ⋅ cos α
= Ax ⋅ Bx + Ay ⋅ By + Az ⋅ Bz.

Diese Formel kann auch dazu dienen, den Winkel


zwischen zwei Vektoren zu bestimmen
 (Aufgabe 1.7).
 &
Das
 vektorielle Produkt C zweier Vektoren A
und B muss schon in der Schreibweise vom skala-
ren unterschieden werden; man gibt ihm ein liegen-
des Malkreuz als Multiplikationszeichen und nennt
es darum auch Kreuzprodukt:
. Abb. 1.8  Rechte-Hand-Regel
  
A× B = C
Und was sagt man jetzt dem Taschenrechner?
Wieder wünscht die Mathematik,
  den Winkel α Mit einer ähnlichen Rechnung wie beim Skalarpro-
zwischen den Vektoren A und B zu kennen, und dukt, also mit Hilfe der Komponentenzerlegung,
bestimmt
 dann für den Betrag C des Produktvek- erhält man:
tors C :
Vx = Ay Bz − Az B y,
  
C = A ⋅ B ⋅sin α V y = Ax Bz − Az Bx,
Vz = Ax B y − Ay Bx.
Im Gegensatz zum skalaren Produkt verschwin-
det das vektorielle gerade bei parallelen Ausgangs-
vektoren und nimmt seinen größtmöglichen Wert Merke
an, wenn sie senkrecht aufeinander stehen. Und in
welche Richtung weist der Vektor V ? Er steht  senk-

Vektorielles Produkt zweier Vektoren:
  
recht auf der Ebene, die die beiden Vektoren A und B V = A× B
    
aufspannen, und hält sich dann an die Rechte-Hand-
 mit V = A ⋅ B ⋅sin α und V senkrecht zu A

Regel (. Abb.  1.8): A (Daumen) kreuz B (Zeigefin- und B entsprechend der Schraubenregel. Das
ger) gleich C (gewinkelter Mittelfinger). Das hat
Kommutativgesetz gilt nicht.
eine bemerkenswerte  Konsequenz:
 vertauscht man
die Positionen
 von A und B, d. h. B wird Daumen
und
 A Zeigefinger, so verkehrt sich die Richtung von 

C . Es ist also: Die beiden Seiten a und b eines Rechtecks haben
    Richtungen im Raum, sind also Vektoren. Die vier
A× B = −(B × A). Wände eines Zimmers stehen senkrecht, Boden
und Decke liegen horizontal; alle sechs Seiten
Beim vektoriellen Produkt dürfen die beiden Vekto- haben paarweise unterschiedliche Richtungen im
ren nicht vertauscht werden, das gewohnte Kommu- Raum. Insofern kann man auch Flächen als Vek-
tativgesetz der Multiplikation gilt für das vektorielle toren beschreiben; diese zeigen in Richtung
 der
Produkt zweier Vektoren ausdrücklich nicht. Flächennormalen (. Abb. 1.9). Die Fläche A1 des
1.5 · Wichtige Funktionen
17 1

$
U

Į V
F
U
$
$

E s
. Abb. 1.10  Winkel im Bogenmaß: α =
D r
. Abb. 1.9  Vektorielles Produkt zweier Vektoren; der
Produktvektor (Flächen A) steht senkrecht auf jedem der 
Lange s des Kreisbogens
beiden Ausgangsvektoren (den Kanten der Rechtecke) Winkel α = .
Radius r des Kreises

Rechtecks ist demnach das vektorielle Produkt der Als Quotient zweier Längen ist der Winkel eine
beiden Seiten: dimensionslose Zahl. Trotzdem wird ihm zuweilen
die Einheit Radiant (rad) zugeordnet, um daran zu
  
A1 = a × b erinnern, dass diese Zahl einen Winkel repräsentie-
ren soll. Die Umrechnung von Winkelgrad in Bogen-
maß ist leicht zu merken: 360° entsprechen 2π rad,
1.5 Wichtige Funktionen d. h. 1°= 0,01745 rad (. Abb. 1.11).
Die Funktionen Sinus und Kosinus erlauben,
1.5.1 Winkelfunktionen Schwingungen mathematisch zu beschreiben. Lässt
man einen Punkt auf einer Kreisbahn umlaufen
Bei den Multiplikationen der Vektoren spielen die ( . Abb. 1.12), so kann man den Fahrstrahl, d. h.
beiden Winkelfunktionen Sinus und Kosinus eine die Punkt und Zentrum verbindende Gerade,
Rolle. Der Vollständigkeit halber sei hier an ihre als Hypotenuse der Länge A 0 eines rechtwink-
Definitionen im rechtwinkligen Dreieck erinnert: ligen Dreiecks mit dem Winkel α am Zentrum,
55 Sinus = Gegenkathete/Hypotenuse der Ankathete x2 und einer Gegenkathete mit der
55 Kosinus = Ankathete/Hypotenuse Länge x1 auffassen:
55 Tangens = Gegenkathete/Ankathete
55 Kotangens = Ankathete/Gegenkathete x1(α) = A0 sin α und x2(α) = A0 cos α.

Die Umkehrfunktionen zu den Winkelfunktio- Läuft der Punkt mit konstanter Geschwindigkeit um,
nen werden Arkusfunktionen genannt. Beispiels- so wächst α proportional zur Zeit t:
weise gilt: wenn sin α = a, dann gilt α = arcsin
a. Winkel misst man üblicherweise fernab von α(t) = ω ⋅ t
Dezimalsystem und SI in Winkelgrad : 90° Für
den rechten, 180° Für den gestreckten und 360°
Für den Vollwinkel „einmal herum“. Mathema-
tik und Physik bevorzugen aber das Bogenmaß. Į Į Į
Man bekommt es, indem man um den Schei- Į
tel des Winkels α einen Kreis mit dem Radius r
schlägt. Die Schenkel schneiden aus ihm einen ›
2› = 360˚ › = 180˚ = 90˚ 1 = 57,3˚
Kreisbogen der Länge s heraus ( . Abb. 1.10 ), 2
der sowohl zu α wie zu r proportional ist. Dement- . Abb. 1.11  Zur Umrechnung von Winkelgrad in
sprechend definiert man Bogenmaß
18 Kapitel 1 · Grundbegriffe

[ W Den Kehrwert der Schwingungsdauer bezeichnet


1 man als
$
[ $ Frequenz f =1 / T .
Į
[ Į ȦW Die Konsequenz
ω = 2π ⋅ f
[ W macht verständlich, dass ω auch Kreisfrequenz
genannt wird.

1.5.2 Exponentialfunktion und


$ Logarithmus

Wer die Exponentialfunktion kennt, begegnet ihr


Į ȦW in der Natur immer wieder. Sie ist die Funktion des
(ungestörten) Wachstums, etwa eines Embryos vor
. Abb. 1.12  Drehbewegung. Zusammenhang zwischen der Zelldifferenzierung oder eines unberührten
den Winkelfunktionen Sinus (rechts) und Kosinus (unten) und Sparguthabens mit Zins und Zinseszins; sie ist aber
der Drehbewegung eines auf einer Kreisbahn umlaufenden auch die Funktion (ungestörten) Abbaus, etwa eines
Punktes. Der Radius des Kreises bestimmt die Amplitude Ausgangsproduktes einer chemischen Reaktion oder
A0 der Auslenkung, die Zeit für einen Umlauf bestimmt die
von Atomen durch radioaktiven Zerfall. Bei diesen
Schwingungsdauer T = 2π
ω Beispielen handelt es sich um Funktionen der Zeit.
Mathematische Allgemeingültigkeit verlangt aber,
der e-Funktion zunächst einmal die Zahl x als unab-
mit der Folge hängige Variable zuzuordnen. Zwei Schreibweisen
sind üblich:
x1(t) = A0 sin(ω ⋅ t) und x2(t) = A0 cos(ω ⋅ t).
y(x) = e x = exp(x).
Die Proportionalitätskonstante ω bekommt den
Namen Winkelgeschwindigkeit. Die zweite empfiehlt sich vor allem dann, wenn der
Anschaulich entstehen x 1 durch horizontale physikalische Zusammenhang die Zahl x zu einem
und x2 durch vertikale Projektion des umlaufenden komplizierten Ausdruck werden lässt; die erste
Punktes in . Abb. 1.12. Zeichnet man die Projektio- Schreibweise lässt leichter erkennen, worum es sich
nen auf, so erhält man in beiden Fällen fast identi- eigentlich handelt. Der Buchstabe e steht für eine
sche Graphen einer einfachen Schwingung; sie unter- ganz bestimmte Irrationalzahl, die Euler-Zahl:
scheiden sich lediglich durch den Startwert bei t = 0,
also α = 0: Der Sinus hat dort einen Nulldurchgang, e = 2, 718281828 …
der Kosinus einen Maximalwert. Einen Viertelum-
lauf später (α = π/2) ist es umgekehrt. Nach einem (auch wenn es auf den ersten Blick anders aus-
vollen Umlauf (α = 2π) wiederholt sich das Spiel von sieht: e ist ein nichtperiodischer unendlicher
neuem. Gegen beliebig große Winkel hat die Mathe- Dezimalbruch).
matik ebenso wenig einzuwenden wie gegen nega- Die Zahlenwerte der e-Funktion auszurechnen
tive. Eine Schwingung wiederholt sich nach Ablauf bedarf es eines Taschenrechners. Auf Millimeter-
einer Schwingungsdauer T. Daraus folgt für die papier aufgetragen, liefert ex eine zunächst flach und
Winkelgeschwindigkeit dann immer steiler ansteigende Kurve (. Abb. 1.13).
Sie ist überall positiv, liegt also stets oberhalb der
ω = 2π / T . Abszisse (ex > 0), und schneidet die Ordinate bei
1.5 · Wichtige Funktionen
19 1
\ \
4 4

3 \ H [ 3 \ H±[

2 2

1 1

–4 –3 –2 –1 0 1 2 3 [ –3 –2 –1 0 1 2 3 4 [
–1 –1

. Abb. 1.13  Die Exponentialfunktion . Abb. 1.14  Exponentialfunktion mit negativem


Exponenten

e0 = 1 (jede Zahl, also auch e, gibt in Nullter Potenz


die eins). Nach den Regeln des Potenzrechnens gilt Basis 10, den dekadischen Logarithmus, lg oder log
e−x = 1/ex. Weil ex mit wachsendem x ansteigt, fällt geschrieben:
e−x mit wachsendem x ab; der Graph läuft asym-
ptotisch auf die Abszisse zu, ohne sie je zu errei- wenn y = 10w, dann w = lg y = log10 y.
chen. Auch e−x bleibt stets positiv und schneidet die
Ordinate bei der eins (. Abb. 1.14). Mit positivem Dieser Logarithmus findet in der Messtechnik beim
Exponenten beschreibt die e-Funktion ungestörtes Pegelmaß Anwendung findet (7 Abschn. 4.2.6).
Wachstum, mit negativem ungestörtem Abbau
Beliebige Basis:
Der Logarithmus zu irgendeiner anderen Basis a kann wie
Merke folgt berechnet werden: Definitionsgemäß gilt ja a = exp(ln a),
also auch
Exponentialfunktion ex = exp(x),
w
positiver Exponent: Wachstumsfunktion, y = a w = (eln a ) .
negativer Exponent: Abbaufunktion.
Nun potenziert man eine Potenz durch Multiplikation der
beiden Exponenten:

Eine der beiden Umkehrungen der Potenz ist der y = e w⋅ln a.


Logarithmus (die andere ist die Wurzel). Ganz all-
gemein gilt: Daraus folgt aber

wenn a = bc, dann c = logb a ln y = w ⋅ ln a = log a ( y) ⋅ ln a

(gelesen: „c gleich Logarithmus a zur Basis b“). Zur und


ln y
e-Funktion gehört der Logarithmus zur Basis e; log a y =
ln a
er wird natürlicher Logarithmus genannt und ln
geschrieben: Die beiden Logarithmen unterscheiden sich also nur um einen
Zahlenfaktor

wenn y = e x, dann x = ln y = log e y.


Merke
Auch diese Zahlenwerte müssen mit dem Taschen-
rechner ausgerechnet werden. Dort findet man Der natürliche Logarithmus ist die
neben der Taste für den natürlichen Logarithmus Umkehrfunktion zur e-Funktion.
meist auch noch eine für den Logarithmus zur
20 Kapitel 1 · Grundbegriffe

Aus mathematischen Gründen können Exponenten umrechnen (davon wird in 7 Abschn. 8.2.5 noch
1 nur reine Zahlen ohne physikalische Einheit sein; genauer die Rede sein). Die Eigenschaft, bei vorgege-
analog lassen sich auch nur dimensionslose Zahlen bener Schrittweite unabhängig vom Ausgangspunkt
logarithmieren. Wenn eine Exponentialfunktion nun um einen festen Faktor abzufallen oder anzusteigen,
aber Wachstum oder Abbau beschreiben soll, dann ist Kennzeichen der e-Funktion.
muss die Zeit t mit einer entsprechenden Einheit im
Exponenten erscheinen. Sie kann dies nur zusammen Merke
mit einem Divisor τ, der ebenfalls in einer Zeitein-
heit zu messen sein muss. Je nach den Umständen Kennzeichen der Exponentialfunktion:
werden ihm Namen wie Relaxationszeit, Zeitkons- Änderungsgeschwindigkeit proportional zum
tante, Eliminationszeit oder Lebensdauer gegeben. Momentanwert.
Selbstverständlich darf er durch einen Faktor λ = 1/τ
ersetzt werden:
Eine wichtige Rolle spielt der Logarithmus in
t
y(t) = e τ = eλ⋅t. manchen Diagrammen. Im Anhang findet sich
eine Tabelle für den Dampfdruck pD des Wassers in
Nach Ablauf einer Zeitkonstanten, also nach einer Abhängigkeit von der Temperatur. Trägt man diesen
Zeitspanne Δt=τ, hat sich der Exponent x gerade Zusammenhang in gewohnter Weise, d.h. in linearem
um 1 vergrößert. Die Wachstumsfunktion exp(x) ist Maßstab, auf, so bekommt man das linke Teilbild der
dann auf das e-fache ihres Ausgangswertes angestie- . Abb. 1.16. pD steigt ab 50 °C rasch an, löst sich aber
gen, die Abklingfunktion exp(-x) auf den e-ten Teil bei tieferen Temperaturen kaum von der Abszisse. In
abgefallen. Dieses Verhalten ist nicht auf die Faktoren solchen Fällen empfiehlt es sich, längs der Ordinate
e und 1/e beschränkt. Die Schrittweite x½ = ln 2 hal- nicht die Dampfdrücke pD selbst aufzutragen, sondern
biert den Wert der abfallenden e-Funktion, gleich- die (z. B. dekadischen) Logarithmen ihrer Maßzah-
gültig, von welchem x aus dieser Schritt getan wird len {pD} (. Abb. 1.16, rechtes Teilbild, rechte Skala).
(. Abb. 1.15). Entsprechend lässt sich die Lebens- Nun kann man nicht verlangen, dass jedermann
dauer τ eines radioaktiven Präparates leicht in die die Werte des dekadischen Logarithmus im Kopf hat.
gebräuchlichere Deshalb ist es üblich, nicht sie an die Ordinate zu
schreiben, sondern die Messwerte selbst (. Abb. 1.16,
Halbwertszeit T½ = τ ⋅ ln 2 = 0, 693 ⋅ τ rechtes Teilbild, linke Skala). Man spricht dann von
einer logarithmischen Skala und von einem Dia-
gramm in einfach-logarithmischer Darstellung, im
\
\ a b S'
S' OJ
S' N3D
N3D
N3D
100 2
\ 200
2
10 1
100
\
\ 1 0
2

[ [ [ 0 50 100 ˚C 0 50 100 ˚C
Temperatur
. Abb. 1.15  Charakteristik der e-Funktion. Die
Schrittweite x½ ist eine für den Abfall der e-Funktion . Abb. 1.16  Logarithmischer Maßstab. Dampfdruckkurve
charakteristische Größe: sie halbiert die Ordinate unabhängig des Wassers in linearem und in logarithmischem Maßstab
von dem Punkt, von dem aus der Schritt getan wird (Einzelheiten im Text)
1.5 · Wichtige Funktionen
21 1
Gegensatz zur doppelt-logarithmischen, bei der beide Quadratwurzel, der Fläche AQ des Quadrats und die
Achsen logarithmisch geteilt sind. dritte, die Kubikwurzel, des Würfelvolumens VW :
In einfach-logarithmischer Darstellung wird die 1 1
Dampfdruckkurve des Wassers fast zur Geraden. a = AQ = AQ 2 = 3 VW = VW 3.
Damit signalisiert sie, dass der Dampfdruck fast
exponentiell mit der Temperatur ansteigt. Wieso? Kehrwerte ganzer Zahlen im Exponenten entspre-
Der dekadische Logarithmus einer Exponential- chen Wurzeln. So kann man auch mit gebrochenen
funktion entspricht bis auf einen konstanten Faktor Exponenten rechnen: eine Zahl z mit dem Exponen-
ihrem Exponenten und damit auch dessen unabhän- ten 0,425 = 17/40 bedeutet die 40. Wurzel der 17.
giger Variablen: Potenz:
17
lg eax = 0, 434 ⋅ a ⋅ x. z 0, 425 = z 40 = 40 z17 .

Trägt man aber z = x⋅Konstante linear gegen x auf, so Da muss man schon einen Taschenrechner zu Hilfe
erhält man eine Gerade. Folglich ergibt eine Expo- holen.
nentialfunktion in einfach-logarithmischer Darstel- Nur der Vollständigkeit halber sei hier noch
lung ebenfalls eine Gerade. einmal erwähnt: Negative Exponenten bezeichnen
Wie in einschlägigen Schulbüchern nachzulesen, Kehrwerte:
gilt ganz allgemein für alle Logarithmen, also auch
z−3 = 1 / z 3.
für die natürlichen zur Basis e:
Für die graphische Darstellung einer Potenzfunktion
ln(a ⋅ b) = ln a + ln b; bietet sich die doppelt-logarithmische Auftragung an.
Das geht so: man logarithmiert y = xn auf beiden
einer Multiplikation zweier Zahlen entspricht die Seiten und erhält:
Addition ihrer Logarithmen. Dies ist für Umformun-
gen von Bedeutung. lg y = lg(x n) = n ⋅ lg(x)

Merke Trägt man also lg y gegen lg x auf, so erhält man eine


Gerade deren Steigung gleich der Potenz n ist. Das
Wichtige Rechenregeln für den Logarithmus: kann man mit dem Taschenrechner erledigen oder
ln(ea) = a
mit einem Tabellenkalkulationsprogramm.

Merke
ln(a ⋅ b) = ln(a) + ln(b)

ln(ab) = b ⋅ ln(a) Wichtige Rechenregeln für Potenzen:

a n ⋅ a m = a n+m
m
1.5.3 Potenzfunktionen (a n ) = a n⋅m
1
a−n =
Ein Quadrat der Kantenlänge a besitzt die Fläche an
AQ = a², der entsprechende Würfel das Volumen a
1
n =na
VW = a3. Bei den Potenzfunktionen steht die unab-
hängige Variable in der Basis und nicht im Exponen-
ten wie bei den Exponentialfunktionen. Für die
Potenzen selbst gelten aber die gleichen Rechenregeln. 1.5.4 Algebraische Gleichungen
Generell gibt es zur Potenz zwei Umkehrfunk-
tionen, den bereits besprochenen Logarithmus und Eine Gleichung bleibt als Gleichung erhalten, wenn
die Wurzel. Die Kantenlänge a ist die zweite, die man auf beiden Seiten das Gleiche tut, die gleichen
22 Kapitel 1 · Grundbegriffe

p2
Größen addiert oder subtrahiert, mit den gleichen und addiert die sog. quadratische Ergänzung :
1 Größen multipliziert oder potenziert usw. Nach
4
p2 p2
diesem Schema lassen sich Gleichungen umformen x2 + p ⋅ x + = − q.
4 4
und nach einer gewünschten Größe auflösen. Defi-
nitionsgemäß ist der elektrische Widerstand R der Jetzt kann man nämlich nach dem Schema
Quotient aus elektrischer Spannung U und elektri-
schem Strom I: (a + b) 2 = a 2 + 2ab + b 2

R = U / I. die Gleichung auf der linken Seite umschreiben zu

Multiplikation mit I führt zu 2


 p  p2
 x +  = −q
 2 4
U = I⋅R
und anschließend die Wurzel ziehen
(Auflösung nach U), anschließende Division durch
R zu p p2
I =U / R x+ =± −q
2 4

(Auflösung nach I). Etwas schwieriger wird es, wenn (auch negative Größen liefern positive Quadrate;
die Größe, nach der aufgelöst werden soll, nicht nur Quadratwurzeln sind deshalb beide Vorzeichen
in der ersten, sondern auch in der zweiten Potenz erlaubt). Jetzt lässt sich nach x auflösen:
vorkommt. Eine solche quadratische Gleichung
1 p2
bringt man zunächst in ihre Normalform x =− p± − q.
2 4
x 2 + p ⋅ x + q = 0. Eine quadratische Gleichung hat demnach
55 zwei Lösungen, wenn p² > 4q
Sodann subtrahiert man q: 55 eine Lösung, wenn p² = 4q
55 keine Lösung, wenn p² < 4q (jedenfalls keine
x 2 + p ⋅ x = −q reelle)

. Tab. 1.2  In Kürze

Messunsicherheiten
Messungen sind nie beliebig genau. Weicht der gemessene Wert vom tatsächlichen Wert der Größe bei jeder Messung um
den gleichen Betrag ab, so spricht man von einem systematischen Fehler. Streuen die Messwerte bei wiederholter Messung
um einen Mittelwert, so spricht man von einem zufälligen Fehler. Ein mathematisches Maß für diese Streuung ist die Stan-
dardabweichung s, eine Schätzung für die Messunsicherheit die Standardabweichung des Mittelwertes.
Absolute Messunsicherheit u(x); x: Messwert
Bedeutet: Der wahre Wert der Größe befindet sich sehr wahrscheinlich zwischen
den Werten x − u(x) und x + u(x) .

Relative Messunsicherheit u(x) absolute Messunsicherheit geteilt durch Messwert


x
(dimensionslos)

Fehlerfortpflanzung Regel 1: Bei Multiplikation oder Division von Messwerten addieren sich die relati-
ven Messunsicherheiten.
Regel 2: Bei Addition oder Subtraktion von Messwerten addieren sich die absoluten
Messunsicherheiten.
1.5 · Wichtige Funktionen
23 1

. Tab. 1.2  Fortsetzung

Schätzung des Messwertes bei n


1
vielen Messungen x1, …, xn Mittelwert 〈x〉 =
n ∑ xi
i =1

Schätzung der Messunsicherheit n

1
∑ (xi −〈x〉)2
Standardabweichung des Mittelwertes s(〈x〉) = ⋅ i =1
n n −1

Vektoren
Viele physikalische Größen wie z. B. die Geschwindigkeit oder die Kraft haben nicht nur einen bestimmten Wert, sondern
auch eine Richtung. Solche beschreibt man mathematisch durch Vektoren und man kann sie durch Pfeile im Raum veran-
schaulichen. Die Länge des Pfeils entspricht dem Betrag der Größe. Mit Hilfe eines Koordinatensystems kann man Vekto-
ren durch Zahlen ausdrücken, im dreidimensionalen Fall durch drei Koordinaten. Vektoren kann man mit einer Zahl mul-
tiplizieren. Die Länge des Pfeils (der Betrag) ändert sich dabei um diesen Faktor. Ist der Faktor negativ, so dreht der Pfeil in
die entgegengesetzte Richtung. Man addiert Vektoren durch Aneinandersetzen der Pfeile. Die Vektoraddition e­ rmöglicht
auch, Vektoren in Komponenten zu zerlegen, die zum Beispiel in die Koordinatenrichtungen weisen (s. . Abb. 1.9). Es gibt
zwei verschiedene Möglichkeiten, Vektoren miteinander zu multiplizieren.
Betrag 
a = ax 2 + a y 2 + az 2

Addition  a  b  a + b 


 x   x   x x 
a  + b  =  a + b 
 y   y   y y
 a  b   a + b 
 z  z  z z

Skalarprodukt    
a ⋅ b = a ⋅ b ⋅ cos α = ax ⋅ bx + a y ⋅ by + az ⋅ bz

Vektorprodukt        
a × b = a ⋅ b ⋅ sin α ; a × b steht senkrecht auf a und b

Exponentialfunktion und Logarithmus


Exponentialfunktion y = e a⋅ x a größer Null: y ansteigend
a kleiner Null: y abfallend
Rechenregeln x
e a⋅ x = (e a ) ; e x + y = e x ⋅ e y

Beispiel: N (t) = N 0 ⋅ e−t / τ N: Teilchenzahl


radioaktiver Zerfall t: Zeit [s]
τ : Zeitkonstante [s]
N0: Teilchenzahl bei t = 0 s
Halbwertszeit T1/ 2 = τ ⋅ ln 2 [s]
Nach jeweils der Halbwertszeit halbiert sich die Teilchenzahl

Halblogarithmische Auftragung 1
ln N (t) = − ⋅ t
τ
In der halblogarithmischen Auftragung ergibt sich eine fallende Gerade mit der
Steigung −1/τ.
Logarithmusfunktion (zur Basis e) y = ln x Umkehrfunktion zu ex

Rechenregeln ln(e a ) = a ; ln(a ⋅ b) = ln(a) + ln(b) ; ln(ab) = b ⋅ ln(a)


quadratische Gleichung

p-q-Formel x2 + p ⋅ x + q = 0

1 p2
x1/ 2 = − p± −q
2 4
24 Kapitel 1 · Grundbegriffe

1.6 Fragen und Übungen Vektoren


1 1.5: (II): Bestimmen Sie die Koordinaten des
? Verständnisfragen Punktes Q, der vom Punkt P = (3; 1; −5)
1. Was ist für die statistische Abschätzung  3 
  
der Messunsicherheit maßgeblich: die in Richtung des Vektors a = −5 20
 
Standardabweichung oder die Standardab-  4 
weichung des Mittelwertes?
Längeneinheiten entfernt ist.
2. Ändert sich die seine relative Unsicherheit,
wenn ein Messwert durch drei geteilt wird? 1.6: (I): Wann verschwindet das Vektorprodukt,
3. Zwei Vektoren haben verschiedene wann das Skalarprodukt zweier Vektoren
Beträge. Kann ihre Summe Null sein? unabhängig von deren Beträgen?
4. Wenn die Komponente  des Vektors A in 1.7: (II): Berechnen Sie den Winkel φ, den die
Richtung von Vektor B Null ist, was folgt beiden Vektoren:
daraus für die beiden Vektoren? 3 1 
5. Welche Größen sind Vektoren, welche      
a = −1 und b = 2
nicht: Kraft, Temperatur, Volumen, Die    
 2  4
Bewertung einer Fernsehsendung, Höhe,
Geschwindigkeit, Alter? miteinander einschließen.
1.8: (II): Entspricht der Vektorpfeil der
v Übungsaufgaben kleinsten Quaderfläche in . Abb. 1.9 dem
   
((I): leicht; (II): mittel; (III): schwer) Vektorprodukt a × c oder c × a ?
1.1: (I): Für wissenschaftliche Vorträge gilt eine
beherzigenswerte Regel: rede niemals Exponentialfunktion
länger als ein Mikrojahrhundert. Wie 1.9: (II): 1850 lebten auf der Erde
lange ist das? 1,17 Milliarden Menschen, 1900 waren
1.2: (I): Welches Volumen steht dem es bereits 1,61 Milliarden und 1950
Gehirn eines Menschen so ungefähr 2,50 Milliarden. Entsprechen diese Zahlen
zur Verfügung? Zur Abschätzung sei einer „Bevölkerungsexplosion“, wenn man
angenommen, dass der Schädel eine das Wort „Explosion“ mit exponentiellem
hohle Halbkugel von etwa 20 cm Wachstum gleichsetzt?
Durchmesser bildet.

Messunsicherheit
1.3: (II): Wenn der Zuckerfabrik ungewaschene
Rüben angeliefert werden, zieht sie vom
gemessenen Gewicht einen Anteil als
Erfahrungswert ab. Systematischer oder
zufälliger Fehler, relativer oder absoluter
Fehler?
1.4: (II): Welche der beiden Regeln
der Fehlerfortpflanzung gilt nur
näherungsweise?
25 2

Mechanik starrer Körper

2.1 Kinematik (Bewegung) – 27


2.1.1 Fahrstrecke und Geschwindigkeit – 27
2.1.2 Beschleunigung – 30
2.1.3 Überlagerung von Bewegungen – 33
2.1.4 Kinematik der Drehbewegungen – 36
2.1.5 Relativ oder Absolut? – 39

2.2 Kraft, Drehmoment, Energie – 40


2.2.1 Kraft – 40
2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation – 43
2.2.3 Reibungskraft – 44
2.2.4 Arbeit und Energie – 46
2.2.5 Kinetische Energie – 49
2.2.6 Hebel und Drehmoment – 51
2.2.7 Die Grundgleichungen der Statik – 54
2.2.8 Gleichgewichte – 55

2.3 Dynamik der linearen Bewegung – 58


2.3.1 Die Newton´schen Gesetze – 58
2.3.2 Kraft = Gegenkraft – 61
2.3.3 Bewegungsgleichung – 62
2.3.4 Impuls – 63

2.4 Dynamik der Rotation – 66


2.4.1 Das 2. Newton´sche Gesetz in neuem Kleid – 66
2.4.2 Dynamik der Kreisbewegung – 67
2.4.3 Trägheitsmoment – 69
2.4.4 Die Rollbewegung – 70
2.4.5 Drehimpulserhaltung – 72

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


U. Harten, Physik,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8_2
2.5 Trägheitskräfte – 74
2.5.1 Linear beschleunigte Bezugssysteme – 74
2.5.2 Rotierende Bezugssysteme – 75
2.5.3 Trägheitskräfte in der technischen Mechanik – 77

2.6 Fragen und Übungen – 80


2.1 · Kinematik (Bewegung)
27 2
Seit eh und je bildet die Mechanik die Grundlage brav mit 90 km/h die Landstraße entlang fährt,
der Physik und gehört deshalb an den Anfang eines hat zu rechnen:
Lehrbuches. Sie handelt von den Bewegungen der
Gegenstände und den Kräften, die sie auslösen. Da- km 90 ⋅103 m m
v = 90 = = 25
mit spielt sie in alle Gebiete der Naturwissenschaf- h 3, 6 ⋅103 s s
ten hinein, über die Bindungskräfte der Moleküle in
die Chemie, über die Muskelkräfte in die Medizin, Dieses Schema funktioniert auch bei anderen
über die von Benzin- und Elektromotoren entwi- Umrechnungen.
ckelten Kräfte in die Technik usw. Wenn Kräfte nicht Wer eisern die 90 km/h durchhält, kommt
durch Gegenkräfte kompensiert werden, haben sie demnach in der Sekunde 25 m weit, in der Minute
Bewegungsänderungen zur Folge, Beschleunigun- 60·25 m = 1,5 km und in der Stunde eben 90 km. Die
gen in Translation und Rotation. Dabei wird Energie Länge Δs des zurückgelegten Weges ist der Fahrzeit
umgesetzt; sie ist eine der wichtigsten physikali- Δt proportional (. Abb. 2.1):
schen Größen überhaupt. Dabei ändern sich aber
auch die Größen Impuls und Drehimpuls. ∆s = v0 ⋅ ∆t.

Die Position als Funktion der Zeit ist eine Gerade


2.1 Kinematik (Bewegung) mit konstanter Steigung (. Abb. 2.1). Die Steigung
einer Geraden ist die Geschwindigkeit und man
2.1.1 Fahrstrecke und bestimmt sie mit Hilfe des Steigungsdreiecks, eines
Geschwindigkeit rechtwinkligen Dreiecks, dessen Hypotenuse ein
Stück der Geraden ist und dessen Katheten parallel
Dem motorisierten Menschen ist die Vokabel zu den Achsen des Diagramms liegen. Dabei spielt
„ Geschwindigkeit “ geläufig, vom Tachometer die Größe des Dreiecks keine Rolle, denn der Quo-
seines Autos nämlich; Lastwagen registrieren sogar tient der Katheten, eben die (mathematisch defi-
mit einem Fahrtenschreiber. Wie solche Geräte im nierte) Steigung, ist davon unabhängig. Alle zu der
Einzelnen funktionieren, interessiert hier nicht. Im gleichen Geraden gezeichneten Dreiecke sind einan-
Grunde sind sie Drehzahlmesser: sie vermelden, der „ähnlich“ im Sinn der Mathematik (. Abb. 2.1).
wie oft sich die Hinterachse des Fahrzeugs in der Diese Steigung ist immer die Geschwindigkeit:
Sekunde, in der Minute herumdreht. Physikalisch
∆s
korrekter: Drehzahlmesser messen die v0 =
∆t
∆N
Drehfrequenz f =
∆t
Merke
Anzahl der Umdrehungen ∆N
Konstante Geschwindigkeit

benotigte Zeitspanne ∆t ∆s
v= ;
∆t
55 Einheit 1/s oder 1/min, denn die „Umdrehung“
Fahrstrecke : ∆s = v ⋅ ∆t
ist keine Einheit, sie wird nur gezählt. Bei
jeder Umdrehung kommt das Fahrzeug einen
Radumfang sr weiter. Es fährt deshalb mit der
Das gilt aber nur bei konstanter Geschwindigkeit, in
Geschwindigkeit v = f ⋅ sr der Gleichung durch den Index 0 gekennzeichnet.
Im Verkehr kommt das nicht vor. Dort ändert sich
55 Einheit 1 m/s oder, im Straßenverkehr üblicher, die Geschwindigkeit ständig, sie wird eine Funktion
1 km/h. Die Umrechnung ist einfach: Ein der Zeit: v = v(t). Das Weg-Zeit-Diagramm ergibt
Kilometer hat 103m, eine Stunde 3,6·103s. Wer in diesem Fall eine gekrümmte Kurve (. Abb. 2.2).
28 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

ist als Differentialquotient definiert. In der Mathe-


matik wird Differentiationen oft durch einen nach-
gesetzten Strich (y' = dy/dx) gekennzeichnet. In
2
V

diesem Buch werden wird diese Kurzform aber nicht

V
verwendet.

W Merke

W Ungleichförmige Bewegung
momentane Geschwindigkeit:
. Abb. 2.1  Steigungsdreiecke. Zur graphischen
Ermittlung der Geschwindigkeit: Alle zu der gleichen Geraden ds(t)
v(t) =
gezeichneten Steigungsdreiecke sind einander ähnlich; die dt
Quotienten ihrer Katheten sind gleich

Bei einer gekrümmten Kurve muss man die Stei- Differentiell kleine Dreiecke kann man weder zeich-
gungsdreiecke so klein zeichnen, dass die Krüm- nen noch ausmessen. Die Richtung der differentiell
mung ihrer „Hypotenusen“ nicht mehr auffällt, streng kleinen Hypotenuse stimmt aber mit der Richtung
genommen also unendlich klein. In der Mathematik einer Tangente überein, die am Ort des Dreiecks
spricht man von einer Grenzwertbildung und schreibt: an der Kurve anliegt. Die Tangente ist eine Gerade,
ihre Steigung kann also wie besprochen mit einem
∆s
v = lim Steigungsdreieck bestimmt werden (. Abb. 2.2).
∆t →0 ∆t
Auf diese Weise lässt sich das ganze s(t)-Diagramm
Man kann diesen Vorgang auch so beschreiben: grundsätzlich Punkt für Punkt in seine Ableitung,
man lässt Δt zum unendlich kleiner Differential das v(t)-Diagramm überführen. Die . Abb. 2.3 gibt
dt schrumpfen und Δs schrumpft dann auch zum ein Beispiel hierfür: Ein Vorortzug startet um 7.48
unendlich kleinen ds. Das Verhältnis der beiden Uhr und beschleunigt auf eine Geschwindigkeit von
bleibt dabei aber immer endlich: Der Differenzen- 60 km/h. Um 7.55 Uhr bremst er wegen einer Bau-
quotient Δs/Δt einer zeitlich konstanten Geschwin- stelle ab auf 30 km/h und bleibt um 8.00 Uhr am
digkeit v0 geht in den Differentialquotienten ds/dt nächsten Bahnhof stehen. Das obere Teilbild zeigt
über. Die momentane und zeitabhängige die Position des Zuges als Funktion der Zeit. Das
untere Teilbild geometrisch betrachtet die Steigung
ds(t)
Geschwindigkeit v(t) = des Graphen des oberen Teilbilds zu jedem Zeit-
dt
punkt. Den Verlauf der Geschwindigkeit kann man
im Prinzip ungefähr mit Lineal und Bleistift aus dem
oberen Teilbild ermitteln. Man nennt so etwas gra-
GV phisches Ableiten und manchmal ist das ganz nütz-
GW lich. Will man es genau wissen, muss man natür-
V

lich zur Mathematik und formalen Differentiation


greifen.
Es muss natürlich auch umgekehrt möglich sein,
V
W aus dem Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm auf die
zurückgelegte Strecke zu schließen. Wie das geht, soll
W . Abb. 2.4 verdeutlichen. Besonders einfach liegt der
. Abb. 2.2  Momentanen Geschwindigkeit: die Steigung
Fall im Zeitintervall Δt2, in dem die Geschwindigkeit
einer Kurve ist die Steigung ihrer Tangente; Einzelheiten im konstant 60 km/h beträgt. Die in diesem Zeitintervall
Text zurückgelegte Strecke beträgt:
2.1 · Kinematik (Bewegung)
29 2
NP Im Allgemeinen bezeichnet man eine solche Flä-
chenbestimmung als Integration, sein Ergebnis als
Integral. Im Diagramm wird es repräsentiert durch
die Fläche „unter der Kurve“, die Fläche zwischen
Kurve und Abszisse. Ein konkreter Zahlenwert lässt
sich freilich nur angeben, wenn die Fläche nicht nur
oben und unten begrenzt ist, sondern auch links und
rechts. Das bestimmte Integral
a t1
∆s = s(t1) − s(t0) = ∫ v(t)dt

NPK
Y

t0

liefert die Länge Δs des Weges, der zwischen den


Zeitpunkten t0 und t1, zwischen den sog. Integra-
tionsgrenzen, der mit der Geschwindigkeit v(t)
durchfahren wurde.
Mathematisch kann man auch die Funktion
b
des Weg-Zeit-Diagramms s(t) aus der Funktion des
. Abb. 2.3  Vorortzug. Weg-Zeit-Diagramm (oberes Teilbild) Geschwindigkeit-Zeit-Diagramms v(t) ermitteln.
und Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm (unteres Teilbild) eines Es ist:
Vorortzuges; Einzelheiten im Text (Animation im Web)
t
s(t) = ∫ v(t) ⋅ dt + s(t0)
t0
W W W W W
NPK
Y

Das hier auftretende Integral heißt unbestimmtes


Y
Integral, weil die Obergrenze hier beliebig gewählt
werden kann. s(t) heißt auch Stammfunktion zu v(t).
V Y
V
Merke

W PLQ
Unbestimmtes Integral:
. Abb. 2.4  Graphische Integration zur Bestimmung des t
Weg-Zeit-Diagramms. Einzelheiten im Text F (t) = ∫ f (τ )dτ + F0
t0

F(t) = S tammfunktion, Funktion der oberen


∆s2 = 60 km/h ⋅ ∆ t2 = 60 km/h ⋅ 5 min = 5 km Integrationsgrenze,
F0 = Integrationskonstante.
Graphisch entspricht dies der rot straffierten Fläche
unter dem Geschwindigkeitsgraphen. Der gesamte
Abstand zwischen den Bahnhöfen ergibt sich ent-
sprechend aus der gesamten Fläche unter dem Ein wichtiger Satz in der Mathematik besagt, dass
Geschwindigkeitsgraphen zwischen 7.48 Uhr und die Integration die Umkehroperation zur Diffe-
8.00 Uhr. In dem etwas idealisierten Diagramm der rentiation ist. Man kann also von Differentiations-
. Abb. 2.4 ist sie nicht schwer zu bestimmen. regeln auf Integrationsregeln schließen. Computer
30 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

integrieren aber numerisch. Das funktioniert etwa wie die Geschwindigkeit, so ändert sie nur deren
so, wie wenn man den Funktionsgraphen auf Mil- Betrag, die Geschwindigkeit nimmt zu. Zeigt der
limeterpapier malt und dann die Kästchen unter Beschleunigungsvektor genau entgegengesetzt zur
2 dem Graphen auszählt. Je genauer man die Fläche Geschwindigkeit, so ändert sich ebenfalls nur deren
wissen will, umso kleiner muss man die Kästchen Betrag, sie wird kleiner. In beiden Fällen spricht
machen, umso mehr hat man auch zu zählen. Com- man von einer Bahnbeschleunigung. Im anderen
 
puter können sehr schnell zählen. Extrem steht a senkrecht auf v und ändert als
Nun hat eine Bewegung stets auch eine Richtung Radialbeschleunigung nur deren Richtung, nicht
im Raum, eine Geschwindigkeit ist darum ein Vektor. den Betrag. Jede andere Beschleunigung lässt sich
Bis hierher wurde dies unterschlagen und immer nur als Vektor in eine radiale und eine tangentiale Kom-
der Betrag der Geschwindigkeit betrachtet, der sich ponente zerlegen.
eben aus der Ableitung des Betrages der zurückge-
legten Strecke ergibt. Wer den genauen Verlauf der Merke
Fahrt beschreiben will, muss zum Ortsvektor greifen.
   
Eine Funktion r (t) = rx(t) ⋅ ex + ry (t) ⋅ e y + rz (t) ⋅ ez Beschleunigung: Änderungsgeschwindigkeit
kann den Ort des Zuges zu jedem Zeitpunkt genau der Geschwindigkeit
festlegen. Die Geschwindigkeit ergibt sich dann aus  
 dv d 2s
der Änderung des Ortsvektors mit der Zeit, also aus a= = 2,
dt dt
seiner Ableitung:
 dr (t)  SI-Einheit: m/s2;
 dr (t) drx(t)  dr (t)  
v= = ⋅ ex + y ⋅ e y + z ⋅ ez Bahnbeschleunigung: a parallel oder
dt dt dt dt 
entgegengesetzt zu v ,
 
Radialbeschleunigung: a senkrecht zu v .

2.1.2 Beschleunigung
Das Weg-Zeit-Diagramm des Vorortzuges von
Im Sprachgebrauch des Alltags wird das Wort . Abb. 2.3 oben sagt über Kurven im Bahndamm
„beschleunigt“ meist lediglich im Sinn von „schnell“ nichts aus, also auch nichts über etwaige Radialbe-
verwendet; im Sprachgebrauch der Physik ist jede schleunigungen; ihr kann nur die Bahnbeschleuni-
Bewegung „beschleunigt“, die ihre Geschwindigkeit gung entnommen werden. Grundsätzlich muss man
ändert, ob sie nun schneller wird oder langsamer oder dazu s(t) zweimal nach der Zeit differenzieren oder
auch nur in eine andere Richtung schwenkt. Die physi- das Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm der . Abb. 2.3

kalische Größe Beschleunigung a ist die Änderungs- unten einmal. Das Ergebnis zeigt . Abb. 2.5: in den

geschwindigkeit der Geschwindigkeit v . Sie ist also Bahnhöfen, auf freier Strecke und in der Baustelle ist
der erste Differentialquotient der Geschwindigkeit

nach der Zeit t und folglich der zweite des Weges s :
 
PV

 dv d 2s
D

a= = 2 .
dt dt
Damit liegt auch ihre Einheit fest:
m/s m
1 = 1 2 = 1m ⋅ s−2.
s s

Jede Beschleunigung hat eine Richtung, a ist also
ein Vektor, der sich obendrein noch mit der Zeit zu

ändern pflegt: a(t) . Der allgemeine Fall ist immer
denkbar kompliziert. Es gibt aber einfache Grenz- . Abb. 2.5  Beschleunigungs-Zeit-Diagramm des
fälle. Hat die Beschleunigung die gleiche Richtung Vorortzuges von . Abb. 2.3 (nur Bahnbeschleunigung)
2.1 · Kinematik (Bewegung)
31 2
a = 0, überall dort nämlich, wo sich die Geschwin-

PV
D
digkeit nicht ändert, ob der Zug nun steht oder nicht
(v = konstant). Positiv wird die Beschleunigung nur
in der einen Minute des Anfahrens, negativ nur in
den beiden Bremsperioden vor der Baustelle und vor
dem Zielbahnhof, denn hier nimmt v ab.
Keine Bahnbeschleunigung kann längere Zeit
unverändert anhalten; die Folge wären übergroße a
Geschwindigkeiten. Für ein paar Sekunden geht es

PV
aber schon, beim freien Fall zum Beispiel. Wenn

Y
man die Luftreibung vernachlässigen darf, fallen
alle Gegenstände auf Erden mit der gleichen Erd-
oder auch Fallbeschleunigung g ≈ 9,81 m/s 2 zu
Boden; sie führen eine gleichförmig beschleunigte
Bewegung aus.

b
Merke

Gleichförmig beschleunigte Bewegung:



P

a = konstant
V

Bei der Betrachtung des freien Falls wird meistens


die Richtung senkrecht nach oben positiv genom-
men und nach unten negativ. Die Beschleunigung c WV
ist dann – g, die Fallgeschwindigkeit v(t) ist dann
auch negativ. Ihr Betrag wächst linear mit der Zeit, . Abb. 2.6  Freier Fall, Einzelheiten im Text
er wächst sogar proportional zur Zeitspanne t nach
dem Loslassen, wenn der Stein wirklich nur losge-
lassen und nicht geworfen wird. Bei v = 0 zum Zeit- Integral ist die Fläche zwischen Funktionsgraph
punkt t = 0 gilt und t-Achse. In . Abb. 2.7 hat sie zwischen t = 0 und
t = 1 s offenbar den Flächeninhalt:
v(t) = −g ⋅ t
−10 m/s ⋅1 s
s(1 s) = = −5 m
2
(. Abb. 2.6, oberes und mittleres Teilbild).
Um die Position als Funktion der Zeit zu finden, Wir hätten auch die mittlere Geschwindigkeit
müssen wir, wie im 7 Abschn. 2.1.1 gesagt, die −5 m/s, die gerade die Hälfte der Geschwindigkeit
Geschwindigkeit über die Zeit integrieren, den die nach einer Sekunde ist, mit einer Sekunde multipli-
Geschwindigkeit ändert sich ja: zieren können. Das Integral bringt uns also gerade
t0 t0 einen Faktor ½ hinein. Also allgemein:
1
s(t0) = ∫ v(t) ⋅ dt = ∫ − g ⋅ t ⋅ dt = − g ⋅ t0 2 1
2 s(t) = − g ⋅ t 2.
0 0 2
Da sich die Geschwindigkeit linear mit der Zeit Graphisch ist das eine Parabel mit dem Scheitel bei
ändert, ist hier keine große Integrierkunst von Nöten, s = 0 und t = 0 (. Abb. 2.6, unteres Teilbild): Die
wie die . Abb. 2.7 zeigen soll. Sie entspricht dem mitt- Messlatte für die Fallstrecke wird beim Startpunkt
leren Teilbild 2.6. Das angelegt.
32 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

s0 bezeichnet die Position, bei der man den Stein


6
losgelassen hat. Die drei Graphen der . Abb. 2.8
PV

stellen einen Wurf senkrecht nach oben dar, und


9

2 zwar mit v0 = 7,5 m/s.

Rechenbeispiel 2.1: Fall vom Turm


Aufgabe: Mit welcher Geschwindigkeit trifft
ein Stein, der von einem 10 m hohen Turm
fallengelassen wird, am Boden auf?
W V Lösung: Bei konstanter Beschleunigung
und Startgeschwindigkeit Null gilt für den
. Abb. 2.7  Integration für die Strecke beim freinen Fall
Betrag der Geschwindigkeit v = g·t. Zunächst
muss also die Fallzeit berechnet werden:
Selbstverständlich müssen die hier aufgestell- 2⋅ h 2 ⋅10m
t= = = 1, 43 s . Die
ten Behauptungen experimentell überprüft werden. g 9, 81 m/s 2
Die heutigen technischen Mittel erlauben das mit Geschwindigkeit ist dann: v = 9,81 m/s2=1,43
guter Genauigkeit schon für den Schulunterricht. s = 14,0 m/s.
Galilei hatte es da schwerer; er besaß keine Stopp-
uhr, schon gar nicht eine elektrisch steuerbare. Ein
Stein durchfällt die ersten 2 m in 0,64 s. Das war im
Mittelalter gar nicht zu messen. Deshalb benutze
Galilei eine schiefe Ebene, auf der eine Kugel hin- Rechenbeispiel 2.2: Wurf vom Turm
unterrollt (7 Abschn. 2.4.4). Das geht wesentlich Aufgabe: Statt den Stein einfach
langsamer von statten. fallen zu lassen, soll er nun mit einer
Die bisher aufgestellten Gleichungen gelten nicht Startgeschwindigkeit von v0 = 7,5 m/s fast
allgemein, weil die bei der Integration der Beschleu- senkrecht nach oben geworfen werden und
nigung und der Geschwindigkeit grundsätzlich erst, wenn er wieder herunterkommt, den Turm
auftretenden Integrationskonstanten v 0 und s 0 herunterfallen. Mit welcher Geschwindigkeit
unterschlagen, d. h. gleich null gesetzt wurden. Kor- trifft er nun am Boden auf?
rekterweise muss man ja Lösung: Wie . Abb. 2.8 nahelegt, kommt der
Stein beim Herunterfallen mit dem gleichen
t
Geschwindigkeitsbetrag wieder beim Werfer
v(t) = ∫ (−g ) ⋅ dτ + v(0) = −g ⋅ t + v0
vorbei, mit dem er geworfen wurde. Addieren
0
sich diese 7,5 m/s also einfach zu den eben
und demzufolge auch berechneten 14 m/s? Nein! Denn die Fallzeit
längs des Turms ist nun kürzer. Wir müssen
t t schon genau rechnen. Dazu legen wir zum
g Beispiel den Nullpunkt unserer Koordina-
s(t) = ∫ (−g) ⋅ τ ⋅ dτ + ∫ v0 ⋅ dτ + s(0) = − t 2 + v0 ⋅ t + s0
2 tenachse in den Boden am Fuße des Turms
0 0
und nehmen nun wieder die Richtung nach
schreiben. Die Integrationskonstante v 0 hat hier oben positiv (die Fallbeschleunigung ist dann
eine handfeste Bedeutung: Es ist die Anfangsge- negativ). Für den Ort als Funktion der Zeit
schwindigkeit bei t = 0. Man muss den Stein ja nicht erhalten wir nun:
einfach fallen lassen, man darf ihn auch werfen.
2.1 · Kinematik (Bewegung)
33 2
2.1.3 Überlagerung von Bewegungen
g
s(t) = s0 + v0 ⋅ t − t 2 = 10m
2 Wer im Boot einen breiten Fluss überqueren will,
m 9, 81 m s2 muss dessen Strömung berücksichtigen: Sie treibt ihn
+ 7, 5 ⋅ t − ⋅ t 2.
s 2 flussab. Bei den vielen Möglichkeiten, die der Steuer-
mann wählen kann, gibt es zwei Grenzfälle:
Nach der gesamten Flugzeit t1 kommt der 55 der Steuermann hält sein Boot ständig quer
Stein am Boden an: s(t1) = 0. Das liefert zum Strom und lässt es abtreiben (. Abb. 2.9,
uns eine quadratische Gleichung für t1, linkes Teilbild)
die wir lösen müssen (7 Abschn. 1.5.4). 55 der Steuermann „hält gegen den Strom“, und
Heraus kommt t1 = 2,39 s. Die quadratische zwar so, dass sein Boot das andere Ufer „auf
Gleichung hat auch noch eine negative gleicher Höhe“ erreicht (. Abb. 2.9, rechtes
Lösung. Diese ist für uns nicht relevant, da Teilbild).
wir nur positive Zeiten betrachten. Nun
ergibt sich die Aufschlaggeschwindigkeit zu: Welcher Weg ist der schnellere? Mit welcher
v(t1) = v0 − g ⋅ t1 = 7, 5 m/s − 9.81 m/s 2 ⋅ 2, 39 s Geschwindigkeit fährt das Boot in beiden Fällen
= −15, 9 m/s. „über Grund“? Um welchen Winkel muss das Boot
im zweiten Fall „vorhalten“, um welchen wird es im
Die resultierende Geschwindigkeit ist negativ, ersten Fall abgetrieben? Die Antworten erhält man
da nach unten gerichtet. Wir hätten auch durch Vektoraddition. Aus eigener Kraft beschafft
zunächst die Wurfhöhe berechnen (sie ist 
sich das Boot eine Relativgeschwindigkeit vb gegen-
s = 2,87 m) und dann den einfachen Fall von über dem Wasser des Flusses. Dieses läuft mit oder
dort betrachten können. 
ohne Boot mit der Strömungsgeschwindigkeit v f des
Flusses; sie soll der Einfachheit halber auf der ganzen
Flussbreite als gleich angenommen werden. Für den
Beobachter am ruhenden Ufer, und damit auch über
PV

Grund, addieren sich die beiden Geschwindigkeiten


D

vektoriell.
Wie man am linken Teilbild der . Abb. 2.9 sieht,

steht die Eigengeschwindigkeit vb des Bootes im
PV
Y

9I 9I

9E E 9E 9J
9J
P
V

. Abb. 2.9a, b  Vektorielle Addition von



Geschwindigkeiten: Ein Boot mit der Eigengeschwindigkeit vb

 einen Fluss (Strömungsgeschwindigkeit v f ,
überquert
Breite b ). a Der Bootsführer lässt sich abtreiben; b Der

WV Bootsführer „hält vor“. Die Geschwindigkeit vg lässt sich mit
Hilfe der Winkelfunktionen und mit dem Satz des Pythagoras
. Abb. 2.8  Senkrechter Wurf, Einzelheiten im Text berechnen
34 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

ersten Fall senkrecht auf der Strömungsgeschwindig-



keit v f des Flusses. Ihre Vektorpfeile sind Katheten in Zwei sich überlagernde Geschwindigkeiten
einem rechtwinkligen Dreieck mit der Geschwindig- müssen nicht konstant sein. Die Kugel, die

2 keit vg über Grund als Hypotenuse. Nach dem Satz ein Sportsfreund stößt oder eine Kanone
des Pythagoras hängen deshalb die drei Beträge fol- schießt, fällt zu Boden, aber nicht im freien Fall
gendermaßen miteinander zusammen: senkrecht nach unten, wie am Ende des vorigen
Kapitels beschrieben, sondern im hohen Bogen
vg 2 = v f 2 + vb 2. eines schiefen Wurfes und längs einer sog.
Wurfparabel nach Art der . Abb. 2.10. Wie
 
Den Driftwinkel α zwischen vg und vb liefert die lässt sich diese formal beschreiben?
Winkelfunktion Tangens:
v
tan α = f . Die Kugel verlässt die Hand des Athleten mit einer
vb 
Anfangsgeschwindigkeit v0 , die unter einem Winkel
In diesem Fall hat die Strömung des Flusses keinen α gegen die horizontale x-Richtung schräg nach oben

Einfluss auf die Zeit T, die das Boot zum Überqueren zeigt (. Abb. 2.11). v0 hat demnach eine
benötigt. Die Flussbreite b ist durchfahren in horizontale Koordinate v0x = v0 ⋅ cosα
und eine
b
T= . vertikale Koordinate v0z = v0 ⋅ sin α .
vb
Gäbe es keine Schwerkraft und keine Luftrei-
Damit folgt für den Betrag x der Strecke, um die das bung, flöge die Kugel kräftefrei nach dem 1. New-
Boot abgetrieben wird, ton´schen Gesetz (siehe 7 Abschn. 2.3.1) mit kon-
stanter Geschwindigkeit
 immer geradeaus. Da die
x =T ⋅vf. Schwerkraft Fg senkrecht nach unten weist, merkt die
horizontale Koordinate vx(t) der Geschwindigkeit der
Hält der Bootsführer vor, um senkrecht zur Uferli- Kugel tatsächlich von ihr nichts. Nur die Luftreibung
nie überzusetzen, so ergibt sich seine Geschwindig- führt zu einer Abbremsung in horizontaler Richtung.
keit gegen Grund aus einer entsprechenden Über- Die Kugel eines Kugelstoßers oder der mittelalterli-
legung (. Abb. 2.9, rechtes Teilbild). vg ist in diesem chen Kanonenkugel aus Stein ist aber schwer und
Fall kleiner. relativ langsam. Dann kann die Luftreibung gegen
die Schwerkraft vernachlässigt werden und man kann
für die Zeit des Fluges in guter Näherung behaupten:
Rechenbeispiel 2.3: Wie weit müssen wir
vorhalten? vx(t) = v0x = konstant
Aufgabe: Der Fluss fließe mit vf = 1 m/s. Das
Boot fährt mit vb = 3 m/s relativ zum Wasser. Es
will genau senkrecht übersetzen.
Lösung: Wir schauen auf das rechte Teilbild
der . Abb. 2.9. Der Winkel, um den relativ
Y
zur senkrechten Fahrtrichtung vorgehalten D
werden muss, berechnet sich zu:
vf
sin α = = 0, 33 ⇒ α = 19, 5°
vb
Die Geschwindigkeit gegen Grund ist:
vg = vb2 − v 2f = 2, 83 m/s . 
. Abb. 2.10  Wurfparabel. Geschwindigkeit v und

Beschleunigung a haben verschiedene Richtung. Animation
im Web
2.1 · Kinematik (Bewegung)
35 2

=
wurde ( . Abb. 2.11). Den höchsten Punkt ihrer
Bahn erreicht sie zu dem Zeitpunkt t1, in dem die
Geschwindigkeit in z-Richtung gerade verschwindet:

9 W  9[ vz (t1) = v0z − g ⋅ t1 = 0.


U] W

D J Daraus folgt t1 = v0z/g. Die gesamte Flugzeit ist wegen


9
9] der Symmetrie der Flugbahn offenbar doppelt so
lang. Aus der Flugzeit lässt sich die Flugweite s in x-
Į Richtung ganz leicht berechnen, da ja die Geschwin-
9[ U[ W ; digkeit in dieser Richtung konstant ist
6 v0x ⋅ v0z
s = rx(2 ⋅ t1) = 2v0x ⋅ t1 = 2 .
. Abb. 2.11  Zerlegung. Die Wurfbewegung kann man g
sich aus einer horizontalen Bewegung mit konstanter
Geschwindigkeit und einer vertikalen mit konstanter All diese Betrachtungen beruhen darauf, die Wurf-
Beschleunigung zusammengesetzt denken. Animation im Web. bewegung sich aus einer horizontalen Bewegung
mit konstanter Geschwindigkeit und einer vertika-
In x-Richtung bewegt sich die Kugel also ganz len Fallbewegung mit konstanter Beschleunigung
stur mit der konstanten Geschwindigkeit v0z, die zusammengesetzt zu denken. Das funktioniert, weil
Beschleunigung in dieser Richtung ist Null. Die ver- gleichzeitig ablaufende Bewegungen eines Gegen-
tikale Komponente vz unterliegt aber wie beim freien stands sich tatsächlich nicht gegenseitig beeinflussen.
Fall der Fallbeschleunigung az = –g; sie muss hier ein
negatives Vorzeichen bekommen, weil sie nach unten Merke
zeigt, und das positive Vorzeichen bei v0z schon für
Gleichzeitig ablaufende unterschiedliche
„nach oben“ festgelegt worden ist:
Bewegungen eines Gegenstands beeinflussen
vz (t) = v0z − g ⋅ t. sich gegenseitig nicht. Resultierende Größen
ergeben sich durch Vektoraddition.
Die Gesamtgeschwindigkeit der Kugel ist die
Vektorsumme
Die Vernachlässigung der Luftreibung ist bei einer
  
v (t) = v0x ⋅ ex + (v0z − g ⋅ t) ⋅ ez schweren und nicht sehr schnellen Kugel noch zuläs-
sig, bei Regentropfen beispielsweise aber nicht.
Für den Ort der Kugel gilt demnach: Würden sie im freien Fall aus der Wolke fallen, so
schlügen sie mit etwa 700 km/h auf Passanten ein. Das
1
rx = v0x ⋅ t und rz = v0z ⋅ t − g ⋅ t 2. wäre allenfalls in einer Ritterrüstung zu ertragen. Tat-
2
sächlich werden Regentropfen aber durch die Reibung
Löst man die erste Gleichung nach t auf und setzt sie der Luft so stark abgebremst, dass sie schließlich mit
in die zweite ein, so erhält man rz als Funktion von rx: einer konstanten Geschwindigkeit von etwa 30 km/h
v0z g am Boden ankommen. Schwere Tropfen fallen schnel-
rz = ⋅r − r2
v0x x 2 ⋅ v02x x ler als leichte (7 Abschn. 3.5.2). Unter idealisierenden
Annahmen kann man das rechnen, aber es ist mühsam
Dies ist tatsächlich die Formel einer nach unten und lohnt hier nicht. Soviel ist sicher: Die Wirkung
geöffneten Parabel, eben der Wurfparabel. der Reibung wächst mit der Geschwindigkeit und ver-
Mit diesen Überlegungen lassen sich allerlei schwindet in der Ruhe. Darum fällt der Tropfen zu
Fragen an die Flugbahn beantworten. Hier soll als Beginn so, als falle er frei. Mit steigender Geschwindig-
Beispiel nur eine Formel für die Flugweite s einer keit wächst aber die Reibungskraft bis sie die Schwer-
Kugel abgeleitet werden für den Fall, dass sie in der kraft kompensiert und deshalb v schließlich konstant
gleichen Höhe aufschlägt, in der sie abgeworfen wird. Folglich geht die Beschleunigung a(t) gegen null,
36 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

D W
v0x = v0 ⋅ cos 30° = 13 m/s , die
Startgeschwindigkeit in senkrechter Richtung
2 ist
v0z = v0 ⋅ sin 30° = 7, 5 m/s . In der senkrechten
Richtung haben wir also genau die gleiche
Situation wie im Rechenbeispiel 2.2. Der
senkrechte Anteil der Auftreffgeschwindigkeit
Y

ist also vz = −15, 9 m/s . Für die gesamte


Auftreffgeschwindigkeit muss nun noch die
konstante horizontale Komponente vektoriell
hinzuaddiert werden:

v = v02x + vz2 = 20, 5 m/s.

Der Auftreffwinkel zur Horizontalen ist:


vz
V

tan α = = −1, 22 ⇒ α = −50, 7°.


v0x

Übung: Wie weit vom Turm landet der Stein?


(Antwort: 31,1 m)

. Abb. 2.12  Fall unter Reibung, qualitativ; Einzelheiten im


Text (Animation im Web)
2.1.4 Kinematik der Drehbewegungen

während s(t) nach anfänglicher Krümmung in eine Eine reine Bahnbeschleunigung at hat die gleiche

ansteigende Gerade übergeht (. Abb. 2.12). Richtung wie die Geschwindigkeit v und ändert

Im Falle eines schiefen Wurfs hat die Luftrei- darum nur deren Betrag v , nicht deren Richtung.
bung noch zusätzlich den Effekt, dass die horizontale Der freie Fall lieferte ein Beispiel. Alle Teile eines
Geschwindigkeit nicht mehr konstant ist, sondern starren Gegenstands bewegen sich mit der gleichen
abnimmt. Die Kugel fliegt nicht mehr so weit und Momentangeschwindigkeit und darum auf paralle-
steigt auch nicht mehr so hoch. . Abbildung 2.13 zeigt len Geraden; der Gegenstand verschiebt sich parallel
einen Vergleich zwischen einem Wurf ohne Luftrei- zu sich selbst. Man nennt das Translation. Sie muss
bung und einen Wurf mit gleicher Startgeschwindig- nicht beschleunigt ablaufen.
keit, aber mit Luftreibung. Man sieht sehr deutlich,
dass die Flugbahn nun keine Parabel mehr ist.
]

Rechenbeispiel 2.4: Noch ein Wurf vom Turm


Aufgabe: Nun werde der Stein mit v0 = 15 m/s
unter einem Winkel von 30° zur horizontalen
nach oben von unserem 10 m hohen Turm
geworfen. Mit welcher Geschwindigkeit und
unter welchem Winkel trifft er auf den Boden?
Die Luftreibung sei vernachlässigbar. [
Lösung: Die konstante Geschwindigkeit . Abb. 2.13  Wurf unter Reibung. Vergleich der
in horizontaler Richtung ist: Wurfparabel ohne Reibung (blau) mit der Flugbahn mit
Reibung (rot)
2.1 · Kinematik (Bewegung)
37 2

Eine reine Radialbeschleunigung ar steht senk- 360°, also von 2π im Bogenmaß, dem Verhältnis

recht auf der Geschwindigkeit v und ändert darum von Umfang und Radius bei Kreis (7 Abschn. 1.5.1).
nur deren Richtung, nicht deren Betrag. Sie muss Darum definiert man analog zur Frequenz f = 1/T die
sich, wenn sie Radialbeschleunigung bleiben will,
 2π
exakt mit dem Vektor v mitdrehen, um stets senk- Kreisfrequenz ω = = 2π ⋅ f
 T
recht auf ihm zu stehen. ar kann als Vektor also nicht
konstant bleiben, sondern allenfalls einen zeitlich ebenfalls mit der Einheit 1/s, die hier aber, im Gegen-

(aber nicht räumlich) konstanten Betrag ar besit- satz zur Einheit der „echten“ Frequenz, nicht Hertz
zen. Alle Teile eines starren Körpers bewegen sich genannt wird.
dann auf Bahnen konstanter Krümmung, d. h. auf Der allgemeine Sprachgebrauch verbindet mit
konzentrischen Kreisbahnen um eine gemeinsame dem Wort „Frequenz“ gern die Vorstellung von einem
Drehachse herum. Diese kann weit außerhalb, aber sich wiederholenden, tunlichst periodisch wiederho-
auch innerhalb des Gegenstands liegen und fest im lenden Vorgang; das Rad einer Wassermühle dreht sich
Raum stehen. Man nennt eine solche Bewegung stundenlang. Unbedingt notwendig ist das aber grund-
Rotation. Auch bei konstanten Beträgen und raum- sätzlich nicht. Wenn alle Teile eines starren Körpers
fester Achse ist sie eine beschleunigte Bewegung. für einen vollen Umlauf um den Winkel 2π gemein-
Technisch lassen sich reine Rotationen leicht sam die Zeit T = 2π/ω brauchen, werden sie den klei-
dadurch erzwingen, dass man, wie etwa bei den neren Drehwinkel Δφ gemeinsam in der Zeitspanne
Flügeln einer Windmühle oder bei dem Kettenka- Δt = Δφ/ω zurücklegen. Winkel und Zeitspanne
russell der . Abb. 2.60, die Drehachse einfach durch dürfen auch differentiell klein sein. Das erlaubt, ω als
Konstruktion vorgibt. Alle Teile des Karussells ein-

schließlich der Fahrgäste holen sich die zur Rotation Winkelgeschwindigkeit ω =
dt
notwendigen Radialbeschleunigungen von Zentripe-
talkräften, die das Achslager aufbringt, was aber erst zu definieren. Die Winkelgeschwindigkeit braucht
in 7 Abschn. 2.4.2 besprochen wird. aber nicht konstant zu sein: Ihr ist eine
Drehbewegungen können aber auch wesentlich

komplizierter ablaufen, wenn die Drehachse selbst Winkelbeschleunigung α =
dt
wandert und eine sogenannte momentane Drehachse
ist. Die Rollbewegung, die im 7 Abschn. 2.4.4 bespro- mit der SI-Einheit 1/s2 durchaus erlaubt.
chen werden wird, ist ein wiederum relativ einfaches
Beispiel für so einen Fall. Die dann recht komplizier- Merke
ten Zusammenhänge müssen nur von einen Maschi-
nenbauingenieur beherrscht werden. Zunächst soll Translation: Parallelverschiebung; alle Teile
hier nur der einfachere Fall einer raumfesten Dreh- eines starren Gegenstands bewegen sich mit

achse besprochen werden. der gemeinsamen Geschwindigkeit v , d. h. auf
Bei der Translation bewegen sich alle Teile eines geraden und parallelen Bahnen.
starren Körpers mit der gemeinsamen Bahnge- Rotation: Kreisbewegung um eine Drehachse;
 
schwindigkeit v . Bei der Rotation nimmt v mit dem alle Teile eines starren Gegenstands bewegen
Abstand r von der Drehachse zu. Was haben die Teile sich mit der gemeinsamen Kreisfrequenz =
hier gemeinsam? Sie brauchen alle für einen vollen Winkelgeschwindigkeit ω auf konzentrischen
Umlauf die gleiche Zeit T, sie haben die gemeinsame Kreisbahnen.
Drehfrequenz f = 1/T. Sie wird zuweilen auch Dreh-
zahl genannt, nicht ganz korrekt, denn sie ist keine
dimensionslose Zahl, sondern eine reziproke Zeit mit Ein Teil des starren Gegenstands, der sich im Abstand
der SI-Einheit 1/s. In der Technik wird oft die Einheit r von der Drehachse befindet, hat die Geschwindig-
1/min bevorzugt und zuweilen etwas umständlich keit v = 2π ⋅ r / T = ω ⋅ r , denn 2π r ist ja die Strecke,
sogar „Umdr. pro Min.“ geschrieben. die er in der Umlaufzeit T zurücklegt. Entspre-
Eine vollständige Umdrehung „einmal rum chend ist die Tangentialbeschleunigung dieses Teils
um die Achse“ entspricht einem Drehwinkel von at = α ⋅ r .
38 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper


Die Winkelgeschwindigkeit ω und die Winkel- Welche Radialbeschleunigung braucht ein Mas-

beschleunigung α können auch als Vektor definiert senpunkt, der auf einer Kreisbahn mit konstanter

werden. Welche Richtung bleibt zum Beispiel bei Kreisfrequenz umlaufen soll? Radiusvektor r und

2 einer Rotation eines Gegenstands mit konstanter Bahngeschwindigkeit v stehen senkrecht aufeinan-

Winkelgeschwindigkeit konstant? Radiusvektor und der, rotieren also mit der gleichen Kreisfrequenz ω .
Bahngeschwindigkeit eines Teils ändern ja ständig Beide drehen sich in der (kleinen) Zeitspanne Δt um

ihre Richtung. Konstant bleibt aber die Richtung den gleichen (kleinen) Winkel Δφ (. Abb. 2.15). Um r
der Drehachse. Sie wird deshalb als Richtung für die in seine neue Lage zu bringen, muss ihm das (kleine)

Winkelgeschwindigkeit gewählt, und zwar so, dass Wegstück ∆s vektoriell addiert werden. Es steht im

die Rotation im Uhrzeigersinn läuft, wenn man in die Wesentlichen senkrecht auf r ; es tut dies sogar streng,
 
Richtung der Winkelgeschwindigkeit ω sieht. Dies wenn man es differentiell klein werden lässt ( ds ).
entspricht wieder der Rechtsschraubenregel. Win- Dann fällt es mit dem ebenfalls differentiell
 
kelgeschwindigkeit ω , Radiusvektor r und Bahn- kleinen Kreisbogen zusammen, so dass man seinen

geschwindigkeit v stehen demnach in einer Weise Betrag
senkrecht aufeinander, wie die . Abb. 2.14 dies per-
 
spektivisch darzustellen versucht. ds = r ⋅ dϕ
Formal hängen sie über das Kreuzprodukt
   schreiben darf. Ganz analog braucht die Bahnge-
v = ω×r 
schwindigkeit v eine zu ihr senkrecht zu addierende

miteinander zusammen. Entsprechend wird auch Zusatzgeschwindigkeit dv mit dem Betrag

die Richtung der Winkelbeschleunigung α so defi-
 
niert, dass sich bei ungleichförmiger Rotation für die dv = v ⋅ dφ
Tangentialbeschleunigung

dv ist radial nach innen, also antiparallel zum
   
at = α × r Radiusvektor r gerichtet. Die genauso gerichtete
Radialbeschleunigung ist
ergibt. 
 dv
Wie eingangs erwähnt, ist eine ständig auf das ar = .
dt
Zentrum der Kreisbahn gerichtete und zeitlich, aber

nicht räumlich konstante Radialbeschleunigung ar
Ursache und Voraussetzung einer Kreisbewegung
(sie darf nicht mit der tangentialen Beschleunigung

at aus der letzten Formel verwechselt werden). Wie 9
sich eine rotierende Masse diese Zentralbeschleu-
nigung besorgt, muss an im Moment noch offen
bleiben. Auf jeden Fall ist eine Kreisbewegung auch V
U
dann eine (ungleichförmig) beschleunigte Bewe-
gung, wenn sie „mit konstanter Geschwindigkeit“
erfolgt. Nicht die Bahngeschwindigkeit ist konstant,
sondern die Winkelgeschwindigkeit.
. Abb. 2.15  Zur Kreisbewegung. Der Gegentand läuft
gegen den Uhrzeiger und befindet sich auf seiner Bahn rechts

(„3 Uhr“). Der Vektor v der Bahngeschwindigkeit zeigt nach

Ȧ oben und steht senkrecht auf dem Radiusvektor r . Beide
drehen sich in der (kleinen) Zeitspanne Δt um den (kleinen)
Y  
Winkel Δφ. Dazu müssen  zu r das (kleine) Wegstück Δ s
mit Δs = r·Δφ und zu v die (kleine) Zusatzgeschwindigkeit
U 
Δ v mit Δv = v·Δφ vektoriell addiert werden. Für kleiner

werdendes Δφ steht die Geschwindigkeitsänderung Δ v (der
. Abb. 2.14  Der Vektor der Winkelgeschwindigkeit weist Übersichtlichkeit halber im Bild nicht eingezeichnet) immer

in Richtung der Drehachse senkrecht zur Bahnebene genauer senkrecht auf v
2.1 · Kinematik (Bewegung)
39 2
Für ihren Betrag gilt: 2.1.5 Relativ oder Absolut?

 v ⋅ dϕ v2
ar = = v⋅ω = , Vermutlich sind Sie stolzer Besitzer eines Smart-
dt r
phones. Damit haben sie ein bemerkenswertes Mess-
v gerät für Bewegung. Zunächst einmal können Sie
da ja ω = .
r eine App herunterladen (zum Beispiel Google Maps
oder Ähnliches), mit der sie ihre Position feststellen
Merke können. Das geht aber nur draußen, denn sie brau-
chen GPS-Empfang. Wir lernen daraus: eine Position
Drehbewegung (um eine raumfeste Achse): kann man nur relativ zu einem Koordinatensystem
Drehwinkel φ angeben. In diesem Falle liefern die GPS Satelliten ein
Winkelgeschwindigkeit ω = dφ/dt mit der Erde verbundenes Koordinatensystem mit
Winkelbeschleunigung α = dω/dt Breiten- und Längengraden. Sie können auch eine
 
die Vektoren ω und α zeigen in Richtung der App herunterladen, die ihnen die Geschwindigkeit
Drehachse ihres Smartphones angibt (solche Apps heißen typi-
  
Bahngeschwindigkeit im Abstand r: v = ω × r , scherweise Tachometer-App). Auch hier müssen
v = ω⋅r sie draußen sein und ein GPS-Signal empfangen,
Tangentialbeschleunigung im Abstand r : damit das funktioniert. Denn auch Geschwindig-
  
at = α × r , at = α ⋅ r keiten können nur relativ zu einem Koordinatensys-
v2
Radialbeschleunigung im Abstand r: ar = tem oder Objekt (hier die Erde) angegeben werden.
r
Es gibt auch eine App für die Beschleunigung ihres
Smartphones (schön ist: 3D Compass (Android)
bzw. Magnetmeter (IOS) von plaincodeTM; zeigt
Rechenbeispiel 2.5: Beschleunigt Beschleunigung und Magnetfeld als Vektor).
Aufgabe: Wie groß ist die Winkelge- Und nun passiert etwas Sonderbares: diese App
schwindigkeit der Erde? Welche Radialbe- funktioniert ohne GPS. In ihrem Smartphone gibt
schleunigung erfährt ein Mensch am Äquator? es einen Sensor, genauer gesagt drei Sensoren für
(Radius der Erde: 6,38⋅106 m) die drei Raumrichtungen, die die Beschleunigung
Lösung: Die Erde dreht sich mit konstanter direkt messen. Beschleunigung ist also etwas Abso-
Winkelgeschwindigkeit einmal am Tag um ihre lutes, dass nicht relativ zu etwas anderem angegeben
Achse. Die Winkelgeschwindigkeit entspricht wird. Warum das so ist, wissen die Physiker nicht.
also der Kreisfrequenz: Dass es so ist, ist aber wesentliche Voraussetzung für
die Newtons Theorie der Mechanik, die wir im Fol-
2π 2π
ω= = = 7, 27 ⋅10−5 s−1. genden besprechen. Einen Haken hat der Beschleu-
24 h 86400 s
nigungssensor aber: er zeigt auch etwas an, wenn
Daraus ergibt sich eine das Smartphone gar nicht beschleunigt ist. Er misst
Bahngeschwindigkeit am Äquator von nämlich auch die Schwerkraft und dafür ist er über-
v = ω ⋅ r = 464 m/s = 1670 km/h. Die Radialbe- haupt im Gerät. Er sagt den Gerät, wo unten ist, und
v2 damit, wie es das Display orientieren muss. Warum
schleunigung ist also ar = = 0, 034 m/s 2 . kein Messgerät zwischen Schwerkraft und Beschleu-
r
Sie ist zum Glück viel kleiner als die nigung unterscheiden kann, wissen die Physiker
Fallbeschleunigung g. Wäre sie größer als g, so auch nicht. Diese Tatsache ist wesentliche Grund-
würde man davonfliegen (7 Abschn. 2.5.2). lage der allgemeinen Relativitätstheorie von Ein-
Bevor Newton seine Mechanik entwickelt hatte, stein, die wir in diesem Buch aber nicht besprechen.
galt es als schwerwiegendes Argument gegen Dann gibt es noch eine App, die die Winkelgeschwin-
eine Drehung der Erde, dass man bei so hohen digkeit ihres Smartphones angibt, also anzeigt, wie
Geschwindigkeiten doch wegfliegen müsste. schnell es sich dreht. Und wieder brauchen wir dafür
das GPS-Signal nicht. Der entsprechende Sensor
40 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Muskelkraft seiner Arme gegen die Gewichtskraft


des Buches ein. Beide Kräfte müssen sich genau kom-
pensieren, wenn das Buch in der Schwebe bleiben,
2 wenn es zu keinen Bewegungen kommen soll:
Kraft + Gegenkraft = 0 im Gleichgewicht.
Jede Gewichtskraft zieht nach unten; eine sie
kompensierende Gegenkraft muss mit gleichem
Betrag nach oben gerichtet sein. Kräfte sind demnach
Vektoren. Wie misst man ihre Beträge?
Wer sich ins Bett legt, braucht seine Gewichts-
kraft nicht mehr selbst zu tragen; er überlässt es den
Stahlfedern der Matratze, die nötige Gegenkraft auf-
zubringen, irgendwie. Je nach Konstruktion tun sie
dies durch Stauchung oder durch Dehnung, auf jeden
Fall also durch Verformung. Solche Verformun-
gen bleiben oft unerkannt. Wer sich auf eine Bank
setzt, biegt sie nicht merklich durch, aber er biegt sie
durch, und mit einigem messtechnischen Aufwand
lässt sich das auch nachweisen. Wenn man aufsteht,
federt die Bank wieder in ihre Ausgangslage zurück:
. Abb. 2.16  Beschleunigungsvektor. Screenshot einer Die Verformung war elastisch, im Gegensatz zu der
App für den Beschleunigungssensor eines Smartphones bleibenden, der plastischen Verformung von Butter
(Programmierer: Peter Breitling) oder Kaugummi. Vater Franz biegt die Bank stärker
durch als Töchterchen Claudia; elastische Verfor-
heißt üblicherweise Gyroskop-Sensor, ist nur in mungen liefern ein verwendbares Maß für angrei-
etwas teureren Geräten und wird für Videospiele fende Kräfte. Besonders bewährt haben sich Schrau-
gebraucht. Auch Rotation ist also etwas Absolutes. benfedern (. Abb. 2.17).
Der berühmte englische Physiker Newton (1642– Wer einen Kraftmesser kalibrieren will, braucht
1726) hatte zwar noch kein Smartphone, aber auch ein Verfahren zur Erzeugung definierter Kräfte; wer
er wusste schon von dem absoluten Charakter der ihn obendrein noch eichen will, braucht zusätzlich
Beschleunigung und der Drehung. Er führte den eine Krafteinheit. Es liegt nahe, für beides die all-
Begriff des absoluten Raumes ein, gegen den Gegen- gegenwärtige Schwerkraft zu benutzen. Vier Liter
stände beschleunigt sind und rotieren.

2.2 Kraft, Drehmoment, Energie

2.2.1 Kraft ,

Der Mensch weiß aus Erfahrung, ob er sich einen


Kartoffelsack aufladen kann oder ob er dies besser
lässt; er hat ein recht zuverlässiges Gefühl für Kraft ,
seiner Muskeln. Hier verwendet der Sprachgebrauch
des Alltags das Wort Kraft genau im Sinn der Physik. )
An eine allgegenwärtige Kraft hat sich jedes
irdische Leben anpassen müssen: an die Schwer-
. Abb. 2.17  Schraubenfeder, schematisch. Eine Kraft
kraft, die Kraft des Gewichtes, die jeden materiel- F dehnt eine Feder der Ausgangslänge l0 um Δl. Lineares
len Gegenstand nach unten zieht. Wer ein Buch vor Kraftgesetz herrscht, wenn Δl und F zueinander proportional
sich in der Schwebe hält, um darin zu lesen, setzt die sind: F = D·Δl (D = Federkonstante)
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
41 2
Wasser wiegen gewiss doppelt so viel wie zwei Liter
Wasser, und die Gewichtskraft eines Liters Wasser
ließe sich grundsätzlich als Einheit verwenden. Das
hat man früher auch getan und ihr den Namen Kilo-

,
pond (kp) gegeben. Den Anforderungen moderner
Messtechnik genügt diese Einheit aber nicht mehr, ,
denn leider erweisen sich Gewichtskräfte als ortsab-
hängig: In Äquatornähe wiegt ein Liter Wasser etwas
weniger als in Polnähe. Die SI-Einheit der Kraft heißt
Newton, abgekürzt N. Ihre Definition kann erst in )
7 Abschn. 2.3.1 besprochen werden. Bis dahin muss
. Abb. 2.19  Lineares Kraftgesetz II. Graph für eine
genügen, dass es in Newton geeichte Kraftmesser zu Schraubenfeder mit linearem Kraftgesetz: linearer
kaufen gibt. Zusammenhang zwischen Federlänge l und Kraft F
Eine Schraubenfeder
 der Länge l0 dehnt sich
unter einer Zugkraft F mit dem Betrag F um Δl auf
l(F) = l0+Δl(F). Geeichte Federwaagen folgen dabei sondern nur ein linearer Zusammenhang. Er gibt im
dem linearen Kraftgesetz Diagramm ebenfalls eine Gerade; sie läuft aber nicht
durch den Nullpunkt, besitzt vielmehr einen Achsen-
F = D ⋅ ∆l abschnitt (. Abb. 2.19).
Die Schwerkraft (Gewichtskraft) zieht immer
oder auch nach unten; so ist „unten“ definiert. Durch Seil
und Rolle kann ihre Wirkung aber leicht in jede
F
l(F ) = l0 + . gewünschte Richtung umgelenkt werden, wie
D
. Abb. 2.20 zeigt. Kräfte sind eben Vektoren. Zwei
Hier bezeichnet D die Federkonstante, eine Kenn- entgegengesetzt gleiche horizontale Kräfte, nach
größe der jeweiligen Schraubenfeder. Ihre Längen- . Abb. 2.21, erzeugt durch zwei gleiche Gewichte an
änderung Δl und ihre Dehnung Δl/l0 sind also über den Enden eines Seiles, heben sich auf; das System
die Federkonstante D der angreifenden Kraft F pro- bleibt in Ruhe, es herrscht Gleichgewicht . Das
portional; im Diagramm gibt jede Proportionalität System bleibt auch dann in Ruhe, wenn man das
eine Gerade durch den Nullpunkt des Achsenkreuzes
(. Abb. 2.18). Zwischen F und der gesamten Länge
l der Feder besteht hingegen keine Proportionalität,
,

) )*
)*
)

. Abb. 2.18  Lineares Kraftgesetz I. Graph für eine


Schraubenfeder mit linearem Kraftgesetz: Proportionalität
zwischen Längenänderung Δl und damit auch zwischen . Abb. 2.20  Umlenkrolle. Umlenken der Gewichtskraft FG
Dehnung Δl/l0 und Kraft F. Grundsätzlich kann eine durch Seil und Rolle in eine beliebige Richtung. Der Betrag der
Schraubenfeder auch gestaucht werden (gestrichelter Teil) Kraft bleibt unverändert
42 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

) )
)K

±)
)*
)K

. Abb. 2.21  Kraft = Gegenkraft ±)

)*
)K )
. Abb. 2.23  Vektoraddition
 der Kräfte am Beispiel der
 −F werden durch die Gegenkraft
Abb. 2.16. Die Kräfte FG und
der Halterung der Rolle Fh kompensiert

dass sich nichts bewegt, lässt sich demnach kurz und


allgemein schreiben als

∑ Fi = 0.
i
)* Bei unglücklicher Geometrie müssen auch geringe
Kräfte durch relativ große Gegenkräfte gehalten
. Abb. 2.22  Gleichgewicht. Erzeugung der zum
werden. Musterbeispiel ist die Wäscheleine: je straffer
Gleichgewicht notwendigen Gegenkraft Fh durch
Verformung von Haken und Wand man sie spannend, umso größer müssen die Kräfte
in der Leine seien, damit ihre Vektorsumme (rot) die
Gewichtskraft des Handtuchs noch kompensieren
eine Gewicht durch einen Haken in der Wand ersetzt kann (. Abb. 2.24). Zum Klimmzug greift man ver-
(. Abb. 2.22). Jetzt müssen Haken und Wand die zum nünftigerweise in Schulterbreite an die Reckstange;
Gleichgewicht nötige Gegenkraft aufbringen, durch wer die Arme spreizt, muss sich mehr anstrengen.
elastische Verformung. Mehrere Kräfte auf einen Gegenstand kann
Seile lassen sich nur auf Dehnung beanspruchen, man sich zu einer Gesamtkraft addiert denken. Um
nicht auf Stauchung. Infolgedessen können sie Kräfte
nur in ihrer Längsrichtung übertragen. Werden sie
wie in . Abb. 2.20 über eine Rolle geführt, so muss
die Halterung der Rolle die Sektorsumme
 der beiden
 )*
dem Betrag nach gleichen Kräfte FG und – F auf-
nehmen und durch eine Gegenkraft Fh kompensie-
 
ren (. Abb. 2.23). Die drei Kräfte FG , – F und Fh
bilden aneinander gesetzt ein geschlossenes Dreieck,
sie summieren sich also zu Null, wie es im Gleichge-
wicht eben sein muss.
Auch mehr als drei Kräfte können sich die Waage
halten, dann nämlich, wenn sich ihr Kräftepolygon
. Abb. 2.24  Wäscheleine. Eine straffe Wäscheleine
 steht
schließt: zeichnet man die Kraftpfeile hintereinander, unter hoher Spannung, damit die Gewichtskraft FG von
so muss die Spitze des letzten mit dem Anfang des der Vektorsumme (rot) der Kräfte in der Leine kompensiert
ersten zusammenfallen. Die erste Bedingung dafür, werden kann. Animation im Web
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
43 2
Ursache aller Gewichtskräfte ist die Gravitation,
eine in ihren Details noch nicht völlig erforschte
Eigenschaft der Materie, nur mit deren Masse ver-
knüpft, also mit der in Kilogramm gemessenen phy-
sikalischen Größe, und nicht mit der chemischen
) Natur der Materie oder mit ihrem Aggregatzustand.
)*
Die Gravitation beherrscht die Himmelsmechanik,
)
den Lauf der Planeten um die Sonne, den Lauf der
Sonne um das Zentrum der Milchstraße, den Lauf

. Abb. 2.25  Schiefe Ebene. Nur die Komponente F1 der

der Wettersatelliten um die Erde. Ihre Wirkung sind
Gewichtskraft FG muss beim Schieben überwunden werden; durch nichts beeinflussbare Kräfte, mit denen sich
die Komponente F2 wird von der Latte übernommen
alle materiellen Gegenstände gegenseitig anziehen.
Das Gravitationsgesetz besagt: Zwei Massen
gekehrt ist es oft hilfreich, sich eine Kraft als Summe m1 und m2 im  Abstand r ziehen sich gegenseitig mit
mehrerer Kräfte vorzustellen. Man nennt dies Kräfte- einer Kraft F parallel zu der Verbindungslinie zwi-
zerlegung. Das Paradebeispiel hierfür ist die schiefe schen den Massen an, die zu beiden Massen propor-
Ebene. Das kann zum Beispiel eine breite Holzlatte tional ist und umgekehrt proportional zu r2:
sein, auf der ein Bauarbeiter seine Schubkarre hoch-
m1 ⋅ m2
schiebt (. Abb. 2.25). Er kann dadurch die Schub- FG = G .
r2
karre zu einem höheren Platz bringen, auch wenn sie
für ein senkrechtes Anheben viel zu schwer wäre. Das Hier erscheint die
kann man sich leicht klar machen, indem man sich Gravitationskonstante G = 6,68·10−11 Nm2/kg2.
die Gewichtskraft
 der Schubkarre FG in eine Kom- Lässt sich kein einheitliches r ansetzen, etwa weil
ponente F2 senkrecht
 zur schiefen Ebene und eine die Gegenstand zu ausgedehnt sind oder auch mehr
Komponente F1 parallel zur schiefen Ebene zerlegt als zwei, so muss über alle Masseteilchen integriert
denkt. Die senkrechte Komponente F2 wird durch werden. Bei Kugeln, also auch bei Erde und Mond,
die Latte kompensiert (die sich etwas verformt). Nur reicht r von Mittelpunkt zu Mittelpunkt.
die parallele Komponente F1 muss vom Bauarbeiter
aufgebracht werden. Je flacher die Latte liegt, umso Merke
weniger Kraft muss der Arbeiter aufwenden, um die
Karre hochzuschieben. Gravitation: Massen ziehen sich an
(Naturgesetz).

2.2.2 Gewichtskraft und Gravitation


Die Gravitation der Erde wirkt weit hinaus in den
Die Behauptung, eine Federwaage kompensiere Weltraum, sie wirkt aber auch auf alle Gegenstände
mit der elastischen Kraft ihrer Schraubenfeder die im Lebensraum des Menschen. Dadurch wird jeder
Gewichtskraft der angehängten Last, sagt nur die Stein, jeder Mensch, jeder Kartoffelsack von der Erde
halbe Wahrheit. Um eine Feder zu dehnen, muss mit seiner jeweiligen Gewichtskraft FG angezogen
man an beiden Enden ziehen. Die Federwaage funk- und zieht seinerseits die Erde mit der gleichen Kraft
tioniert nur, wenn sie am oberen Ende festgehalten an! Genauer: mit einer zu FG antiparallelen Kraft glei-
wird. Dort überträgt sie ihre Federkraft (plus eigene chen Betrages. Sie ist die Gegenkraft, die zu Beginn
Gewichtskraft) auf die Halterung. Diese stützt sich des Kapitels gesucht wurde.
ihrerseits über Gestell, Tischplatte, Fußboden und Die Gewichtskräfte, an die der Mensch sich
Mauerwerk auf den Baugrund, überträgt also mit all gewöhnt hat, werden durch Masse und Radius der
den zugehörigen Gewichtskräften auch die der Last Erdkugel bestimmt und sind, dem Gravitationsge-
an der Federwaage auf die Erde. Woher nimmt die setz zufolge, der Masse m des Probekörpers streng
jetzt die Gegenkraft? proportional. Allgemein darf man
44 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

FG m Merke
= 9, 81 2
m s
Reibung behindert Bewegungen;
2 setzen. Arten der Reibung: Haftreibung, Gleitreibung,
Wäre die Erde eine mathematische Kugel mit rollende Reibung, innere Reibung.
homogen verteilter Massendichte, so wäre die letzte
Gleichung überall auf der Erdoberfläche mit dem
gleichen Zahlenwert gültig. Tatsächlich gilt aber in
Djakarta FG/m = 9,7818 m/s² und am Nordpol FG/m Verschiedene Reibungsarten können gleichzeitig
= 9,8325 m/s². Wer das Kapitel, das den freien Fall auftreten. Ein Auto lässt sich nur deshalb lenken,
behandelte (s.7 Abschn. 2.1.2), noch gut in Erinne- weil seine Räder in Fahrtrichtung rollen, quer dazu
rung hat, dem sollten diese Zahlenwerte bekannt vor- aber von der Haftreibung in der Spur gehalten
kommen: sie sind die der (in m/s2 gemessenen) Fall- werden. Tritt der Fahrer so heftig auf die Bremse,
beschleunigung g. Das lässt einen Zusammenhang dass die Räder blockieren, dann gibt es nur noch
vermuten. In der Tat gilt Gleitreibung ohne Vorzugsrichtung, und das Fahr-
zeug bricht aus.
FG = m ⋅ g. Da Reibung auf einer komplizierten Wech-
selwirkung der Moleküle an der Grenzfläche der
Nur macht diese Gleichung im Moment noch Schwierigkeiten Reibpartner beruht, gibt es keine so ganz präzise
bei den Einheiten. Das 7 Abschn. 2.3.1 wird sie lösen.
formulierbaren Gesetzmäßigkeiten für Reibungs-
kräfte. Ungefähre gibt es aber schon; sie sollen
hier am Beispiel der Reibung zwischen zwei festen
2.2.3 Reibungskraft Oberflächen betrachtet werden. Eine Kiste möge
auf einer Rampe stehen, die langsam mit wach-
Eine im Alltag lebenswichtige Kraft ist die Reibungs- sendem Winkel φ gekippt wird (. Abb. 2.26). Auf
kraft. Gehen kann der Mensch nur, wenn seine Füße die Kiste wirken zwei Kräfte: die Schwerkraft, die
fest genug am Boden haften, um die zur Bewegung man sich am Schwerpunkt angreifend denken kann
notwendigen Kräfte zu übertragen. Übersteigen sie (Schwerpunktsatz, 7 Abschn. 2.3.1), und die Kraft,
die Kräfte der Haftreibung, so gleitet der Mensch aus. die die Rampe auf die Kiste ausübt. In . Abb. 2.26
Gebiete verminderter Haftreibung gelten geradezu sind beide Kräfte jeweils zerlegt in Komponenten
sprichwörtlich als Gefahrenzonen: Man kann jeman- parallel und senkrecht zur Rampe. Dies ist sinn- 
den „auf 's Glatteis führen“. voll, weil sich die senkrechten
 Komponenten FN
Ist die Haftreibung einmal überwunden, so (Schwerkraft) und FU (Rampe) immer gerade kom-
meldet sich beim ausgleitenden Menschen die (etwas pensieren. Sonst würde die Kiste entweder in der
geringere) Gleitreibung. In der Verkehrstechnik Rampe versinken oder davonfliegen. Wesentlich
ersetzt man sie, um Antriebskraft zu sparen, durch sind also die parallelen
 Komponenten, die Hang­
die (noch geringere) rollende Reibung der Räder auf abtriebskraft F
 H (Schwerkraft) und die Haftrei-
Straße oder Schiene. Schmiermittel schließlich legen bungskraft FR (Rampe). Zunächst bleibt die Kiste
einen Flüssigkeitsfilm zwischen Achse und Achsla- auf derRampe in Ruhe, weil FR die Hangabtrieb-
ger und tauschen dort die Gleitreibung ein gegen die skraft FH kompensiert (. Abb. 2.26 a)). Irgendwann
innere Reibung in Fluiden wie Öl und Fett. Beson- ist aber ein Grenzwinkel φg erreicht, bei dem die
ders gering ist die innere Reibung in Gasen; die Gleit- Kiste ins Rutschen kommt. Dann erreicht nämlich

bahn der . Abb. 2.48 nutzt dies aus. Reibung hindert die Haftreibungskraft den größten Wert FRH , der
Bewegungen. Sie erzeugt eine Reibungskraft, die bei zwischen Kiste und  Rampe auftreten kann. Es
der Haftreibung der angreifenden Kraft entgegen- leuchtet ein, dass FRH von der Beschaffenheit der
steht und mit ihr wächst, und bei den anderen Rei- Rampenoberfläche und der Kiste abhängt. Insbe-
bungen der Geschwindigkeit entgegensteht und mit sondere hängt FRH aber von der Kraft ab, mit derdie
dieser wächst. Kiste auf die Rampe gedrückt wird, also von FN ,
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
45 2
Haftreibungskoeffizient wie erwartet stark von der
)8 Beschaffenheit der Oberflächen abhängt, bemer-
kenswerter Weise aber praktisch gar nicht von der
)5 Größe der Auflagefläche.
)+
Hat sich die Kiste erst einmal gelöst, so rutscht sie
)* beschleunigt herunter,
 den nun wirkt nur noch Gleit-
)1 reibungskraft FRGl (. Abb. 2.26 b)). Für sie gilt eine
ganz ähnliche Beziehung wie für die Haftreibung:
ij
D  
FRGl = αGl ⋅ FN

Der Gleitreibungskoeffizient µGL ist im Allgemeinen


etwas kleiner als der Haftreibungskoeffizient. Bemer-
kenswert: Er hängt fast gar nicht von der Gleitge-
D
schwindigkeit ab.
)5*, Anders ist dies bei der inneren Reibung in Flüs-
sigkeiten und Gasen. Für grobe Abschätzungen darf
)+
man so tun, als sei die Reibungskraft in Flüssigkei-
ten so ungefähr proportional zur Geschwindig-
keit, in Gasen proportional zur Geschwindigkeit ins
E Quadrat. Wenn ein Auto anfährt, dann
 wird die vom
Motor entwickelte Antriebskraft FA zur Beschleu-
. Abb. 2.26  Schiefe Ebene. a) Der Klotz bleibt auf
 nigung des Wagens verwendet. Mit wachsender
 da die Reibungskraft FR
der schiefen Ebene in Ruhe,
F
die Hangabtriebskraft H ausgleicht. b) Bei größerem Geschwindigkeit
 wächst aber die Luftreibungskraft
Winkel überschreitet die Hangabtriebskraft die maximale FR und lässt immer weniger Beschleunigungskraft
Gleitreibungskraft und der Klotz gleitet beschleunigt hinab. 
Animation im Web FB übrig:

  
der Komponente der Gewichtskraft senkrecht zur FB = FA − FR
Rampe. Es gilt näherungsweise:
  Auf freier Strecke, bei konstanter Geschwindigkeit,
FRH = αH ⋅ FN kompensiert der Motor nur noch die Reibung. Beim
Regentropfen
 ersetzt die Gewichtskraft den Motor.
µ H heißt Haftreibungskoeffizient. Man kann ihn Weil
 FG rascher mit dem Durchmesser wächst als
leicht aus dem Grenzwinkel
 αg ermitteln, bei dem FR , fallen dicke Tropfen schneller als kleine (Sto-
die Hangabtriebskraft FH gerade gleich der maxi- kes´sches Gesetz, 7 Abschn. 3.5.2).
malen Haftreibungskraft ist. Wegen
 
FH = FG ⋅ sin αg = µH ⋅ FN = µH ⋅ FG ⋅ cos αg Rechenbeispiel 2.6: Haftreibung zwischen
Rad und Straße
gilt Aufgabe: Wie groß muss der Reibungsko-
effizient zwischen unserem Kleinwagen aus
µH = tan αg Beispiel 2.9 und der Straße mindestens sein,
um die der Motorleistung entsprechende
Ein typischer Wert ist µH ~ 0,4, entsprechend φg ~ Beschleunigung auch wirklich zu erreichen?
22°, wie jeder leicht mit zum Beispiel einem Lineal Lösung: In Beispiel 2.10 hatten wir die
und einem Radiergummi im Schreibtischexperi- notwendige Kraft berechnet (2570 N). Das
ment nachprüfen kann. Versuche zeigen, dass der
46 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Gewicht des Autos beträgt 1000 kg g = 9810 N.


Also gilt für den minimalen Reibungskoef-
2 fizienten α =
3633 N
9810 N
= 0, 37 . Der tatsächliche
Reibungskoeffizient ist bei trockener Fahrbahn
höher. Ein doppelt so schnell beschleu-
nigender Porsche braucht ja auch ein doppelt    
so großes µ.

Rechenbeispiel 2.7: Kiste auf der Rampe


Mit welcher Beschleunigung rutscht eine Kiste
eine Rampe mit einem Neigungswinkel von 30° )
herunter, wenn der Gleitreibungskoeffizient
K
zwischen Kiste und Rampe µ = 0,3 ist?
Lösung: Masse mal Beschleunigung
gleich resultierende Kraft:
)*
m ⋅ a = m ⋅ g ⋅ sin 30° − µ ⋅ F
N

(
= m ⋅ g sin 30° − µ ⋅ cos 30° ) . Abb. 2.27  Flaschenzug (Einzelheiten im Text)

= m ⋅ g ⋅ 0, 24 ⇒ a = 2, 36 m/ss2
W = FG ⋅ ∆h

Hebt man die Last mit einem Flaschenzug an


2.2.4 Arbeit und Energie (. Abb. 2.27), so spart man Kraft, Arbeit spart man
nicht. Zwar ist die Kraft F, mit der gezogen werden
Es macht Mühe, eine Last zu heben; herunter fällt muss, aufgrund der trickreichen Rollenkonstruk-
sie von allein. Aber auch, wenn die Last wieder her- tion geringer als die Gewichtskraft FG, aber das Seil
unterfällt, war doch die Mühe des Anhebens nicht muss auch die längere Strecke h2 gezogen werden.
ganz vergebens, denn beim Herunterfallen kann Das Produkt aus beidem bleibt gleich:
etwas bewirkt werden und sei es nur, dass die Last
kaputtgeht. Die Physik beschreibt diese Vorgänge W = F ⋅ h2 = FG ⋅ h1
mit den Größen Arbeit und Energie. Mensch oder
Kran leisten beim Heben der Last Arbeit, genauer Im Flaschenzug verteilt sich die Gewichtskraft FG der Last gleich-
mäßig auf die n Teilstücke des Seiles. Die Gegenkraft F2 braucht
Hubarbeit, die von der Last als potentielle Energie
deshalb nur die Teilkraft FG/n zu kompensieren. Zum Heben der
gespeichert wird. Beim Herabfallen, -rollen oder Last um Δh muss freilich jedes Teilstück des Seiles entsprechend
-gleiten wird dann diese Energie wieder freigesetzt. verkürzt werden, das gesamte Seil also um s = n·Δh.
Der Begriff Arbeit ist in der Physik eine recht klar
und einfach definierte Größe und wird viel enger ver- Die durch das Heben der Last hinzugewonnene
standen als in der Umgangssprache. Die zu leistende potentielle Energie ΔWpot entspricht gerade dieser
Hubarbeit ist umso größer, je höher die Hubhöhe geleisteten Hubarbeit. Man kann also auch schreiben:
Δh ist, um die Last gehoben wird. Das Heben einer
schwereren Last mit größerer Gewichtskraft F G ∆Wpot = FG ⋅ ∆h.
bedarf auch einer größeren Arbeit. Es liegt also
nahe, die Hubarbeit W als das Produkt aus beidem Arbeit und Energie haben die gleiche Einheit und
festzulegen: sind eng verwandt.
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
47 2

Merke Energie. Immer wenn die Kraft auf einem Gegen-


stand nur vom Ort des Gegenstandes abhängt, geht
Hubarbeit = Gewichtskraft mal Hubhöhe; die am Gegenstand verrichtete Arbeit in potentielle
Hubarbeit erhöht die potentielle mechanische Energie. Ein zweites wichtiges Beispiel ist die in einer
Energie. gespannten Feder gespeicherte potentielle Energie.
Im Fall der Feder ist die Kraft F nicht konstant wie die
Gewichtskraft FG beim Heben, sondern eine Funk-
Aus diesem Zusammenhang folgt, dass die Energie tion F (s) der Position s. Eine einfache Multiplika-
in der Einheit Newtonmeter (Nm) gemessen werden tion zur Berechnung der Arbeit genügt nicht mehr;
kann. Sie wird auch Joule (J) genannt und ist per defi- es muss integriert werden:
nitionem gleich der Wattsekunde (Ws), der Einheit s2
der elektrischen Energie. Für den modernen Alltag W = ∫ F (s) ⋅ ds
ist sie zu klein; dort benutzt man lieber die Kilowatt- s1
stunde (kWh = 3.600.000 J). Sie hat einen Kleinhan-
delswert von etwa 20 Cent. Bei der Schraubenfeder mit ihrem linearen Kraftge-
setz F(s) = D·s (s. 7 Abschn. 2.2.1) ergibt sich damit
Merke die potentielle Energie (elastische Energie) der
zusammengedrückten Feder nach dem gleichen
SI-Einheit der Energie: Newtonmeter = Joule = mathematischen Schema wie beim freien Fall (s.
Wattsekunde. 7 Abschn. 2.1.2):
s1
1
W pot (s1) = ∫ D ⋅ s ds = D ⋅ s12
Anders als Arbeit ist Energie ein recht komplizier- 2
0
ter und sehr vielschichtiger Begriff in der Physik.
Energie hat die bemerkenswerte Eigenschaft, in Dabei haben wir am Ort s = 0 (entspannte Feder)
mancherlei unterschiedlichen Formen auftreten zu die Energie Null gesetzt. Als Graph kommt also eine
können und sich von der einen in die andere über- Parabel heraus (. Abb. 2.28).
führen zu lassen; insofern ist sie wandelbar. Sie kann Die von der Mathematik vorgeschriebenen Inte-
aber weder geschaffen noch vernichtet werden; inso- grationskonstanten haben physikalische Bedeutung:
fern ist sie unwandelbar, ihr Betrag bleibt konstant. Sie kennzeichnen die Randbedingungen eines Prob-
Ohne elektrische Energie, leicht zugänglich lems, die das Integral selbst nicht erfassen kann. Beim
bereitgestellt von jeder Steckdose, kann sich mancher Wurf waren dies die Anfangsbedingungen zur Zeit
ein Leben gar nicht mehr vorstellen. Gewonnen wird t = 0, die Anfangsgeschwindigkeit v0 nämlich, mit der
sie überwiegend aus chemischer Energie, durch abgeworfen wird, und die Ausgangsposition s0, von
Verbrennung von Kohle und Erdöl nämlich. Auch der aus geworfen wird. Für die potentielle Energie hat
Mensch und Tier decken den Energiebedarf ihres das eine merkwürdige Konsequenz: Wpot lässt sich
Organismus aus chemischer Energie, enthalten in der
Nahrung. Pflanzen haben sie vorher gespeichert, aus
Z

von der Sonne stammender Strahlungsenergie. Die


Sonne bezieht sie aus Kernenergie, die grundsätzlich
bei jeder spontanen Umwandlung von chemischen
Elementen durch Radioaktivität, Kernspaltung oder
Kernfusion frei wird. Im Gedankenversuch auf dem
Papier lässt sich Energie aus jeder Form vollständig
in jede andere Form überführen; in der Praxis bleibt
. Abb. 2.28  Potentielle Energie einer Feder. Zum linearen
freilich stets mehr oder weniger Wärmeenergie übrig. Kraftgesetz einer Schraubenfeder (. Abb. 2.17) gehört eine
Die eben besprochene potentielle Energie beim parabolische Abhängigkeit der potentiellen Energie von der
Heben ist nur eine mögliche Form potentieller Dehnung (Stauchung gestrichelt)
48 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

überhaupt nur definieren bis auf eine willkürliche


additive Konstante W0; es ist grundsätzlich gleichgül-
tig, ob man den Nullpunkt der potentiellen Energie
2 der angehobenen Last auf die Oberkante des Labor-
tisches, auf Meereshöhe, auf das Zentrum der Erde
oder auf sonst ein Niveau bezieht. Änderungen der
potentiellen Energie werden von der Wahl des Null-
punkts nicht beeinflusst.
Kräfte sind Vektoren, die Energie ist ein Skalar. . Abb. 2.30  Keine Arbeit: Wer einen Mehlsack horizontal
Wer sich nach Art der . Abb. 2.29 vor einen Wagen über den Hof trägt, leistet keine mechanische Arbeit gegen
spannt, zieht um den Winkel α schräg nach oben. Mit die Schwerkraft
der vertikalen Komponente seiner Zugkraft F entlas-
tet der lediglich die Vorderachse seines Wagens; nur Ohne Weg keine Arbeit! Als „Weg“ zählt aber nur
die horizontale Komponente mit dem Betrag dessen Komponente in Richtung der Kraft. Wer sich
einen Mehlsack auf die Schultern lädt, leistet Arbeit,
Fh = F ⋅cosα Hubarbeit nämlich. Wer den Sack dann aber streng
horizontal über den Hof trägt (. Abb. 2.30), leistet im
dient dessen Bewegung. Sie allein zählt bei der Sinn der Mechanik keine Arbeit mehr. Dass er trotz-
Berechnung der geleisteten Arbeit: dem ermüdet, ist seine Ungeschicklichkeit: Hätte er
einen Wagen gebaut und sorgfältig alle Reibung ver-
W = F ⋅ ∆s ⋅ cos α. mieden, so hätte er den Sack, einmal aufgeladen, mit
dem kleinen Finger über den Hof schieben können,
Diese Formel lässt offen, ob man die Komponente der ohne Arbeit, weil (praktisch) ohne Kraft. Weg und
Kraft in Richtung des Weges in sie eingesetzt hat oder Gewichtskraft stehen senkrecht aufeinander, ihr ska-
die Komponente des Weges in Richtung der Kraft. lares Produkt ist null, weil cos 90° dies auch ist.
Mathematisch handeltes sich um das skalare Produkt Reine Haltebetätigung leistet keine mechani-

der beiden Vektoren F und s (s. 7 Abschn. 1.4). Sind sche Arbeit; der Weg fehlt. Für sie Energie einzu-
F und α nicht konstant, muss integriert werden. setzen, ist Verschwendung, kann aber aus mancher-
lei Gründen durchaus vernünftig sein. Hierfür ein
Merke technisches Beispiel: Ein Kran verlädt Eisenschrott
mit Hilfe eines Elektromagneten. Für die Hubar-
Mechanische Arbeit: beit braucht er einen Elektromotor, der elektrische

r0
   Energie umsetzt; das ist unvermeidlich. Zusätz-
W = ∫ F (s ) ⋅ ds (skalares Produkt ), lich setzt aber auch der Magnet elektrische Energie

r1 in Wärme um (der elektrische Strom erwärmt den
„Arbeit = Kraft · Weg“. Magneten), und das ist prinzipiell unnötig; ein Per-
manentmagnet hielte den Eisenschrott ja auch fest.
Nur ließe er ihn nicht wieder los. Allein der Flexibili-
tät wegen wird hier Energie zum (vorübergehenden)
Festhalten eingesetzt.
Ähnliches gilt für Muskeln, wenn auch in ganz
)K
anderem Mechanismus. Sie können sich unter Kraft-
Į
entwicklung zusammenziehen und dabei mechani-
) sche Arbeit leisten, beim Klimmzug etwa oder beim
Aufrichten aus der Kniebeuge. Ein Muskel muss aber
auch dann Energie umsetzen, wenn er sich lediglich
. Abb. 2.29  Ziehen: Nur die horizontale Komponente der von einer äußeren Kraft nicht dehnen lassen will. Die
Zugkraft leistet Arbeit Natur hat Mensch und Tier so konstruiert, dass im
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
49 2
Allgemeinen nur wenig Muskelarbeit für reine Hal- dW J
Leistung P = , SI-Einheit = Watt = W .
tebetätigung eingesetzt werden muss. Wer aufrecht dt s
steht, den trägt im Wesentlichen sein Skelett. Wer
aber in halber Kniebeuge verharrt, dem zittern bald Um die Reaktionen des menschlichen Organismus
die Knie. auf körperliche Belastung zu untersuchen, benutzt
So wandelbar die Erscheinungsformen der der Sportarzt gern das sog. Fahrradergometer. Man
Energie sind, so unwandelbar ist ihr Betrag. Der setzt sich auf den Sattel eines stationären „Fahrrades“
„Satz von der Erhaltung der Energie“, der Energie- und hält die Tretkurbel in Gang. Die dem Sportler
satz also, gilt zuverlässig. dabei abverlangte Leistung wird von einer Elektro-
nik auf voreingestellten Werten konstant gehalten.
Merke 20 W, einer Zimmerbeleuchtung entsprechend, sind
leicht zu leisten; 100 W, notwendig zum Laden eines
Energiesatz: Energie kann weder ins Nichts Laptops, machen schon einige Mühe. 500 W für
verschwinden noch aus dem Nichts entstehen, einen Toaströster kann der Mensch nur für kurze
sie kann lediglich von einer Energieform in Zeit liefern. Wollte man die so gewonnene elektri-
eine andere umgewandelt werden. sche Energie verkaufen, so käme man allenfalls auf 2
Cent Stundenlohn; der Mensch ist zu wertvoll, um als
reine Muskelkraftmaschine verschlissen zu werden.
Keinem Naturgesetz ist so viel Aufmerksamkeit Übrigens kann man auch ohne Ergometer die Leis-
gewidmet, keines so oft und so sorgfältig überprüft tungsfähigkeit seiner Beine überprüfen: Man muss
worden wie der Energiesatz. Schon bevor er ent- nur mit der Stoppuhr in der Hand eine Treppe hin-
deckt wurde, haben zahlreiche Erfinder vergeblich auflaufen (. Abb. 2.31).
versucht, ihn durch die Konstruktion eines Perpe-
tuum mobile experimentell zu widerlegen. Darum
darf man sich von häufig benutzen Vokabeln wie Rechenbeispiel 2.8: Kleinwagen
„Energieerzeugung“ oder „Energieverbrauch“ nicht Aufgabe: Ein flotter Kleinwagen wiege 1000 kg
irreleiten lassen. Insgesamt kann Energie weder und habe eine maximale Motorleistung von
erzeugt noch verbraucht werden. Freilich, des von 66 kW (entspricht 90 PS). Wie schnell kann
der Technik verwöhnten Menschen liebste Energie- er günstigstenfalls einen 500 m hohen Berg
form ist die elektrische, und die kann schon „ver- hinauffahren?
braucht“ werden, umgewandelt in Licht, Wärme usw. Lösung: Die zu leistende Arbeit ist
Dazu muss sie ständig erzeugt werden, umgewan- W = h ⋅ m ⋅ g = 500 m ⋅1000 kg ⋅ g = 4, 9 ⋅106 J .
delt zumeist aus der chemischen Energie von Erdöl, Leistet das Auto konstant 66 kW, so braucht es
Kohle und Erdgas, aber auch aus Kernenergie, seit eh
für diese Arbeit die Zeit t = 4, 9 ⋅10 J = 74, 3 s .
6

und je aus der wenig ergiebigen Energie von Wind 66 kW


und Wasser, kaum aus der Strahlungsenergie der
Sonne. Verschwenderischer Umgang mit Energie
schafft Lebensqualität und treibt Raubbau an den
fossilen Energievorräten, die von der Natur in Jahr- 2.2.5 Kinetische Energie
millionen angelegt wurden.
Wer arbeitet, leistet etwas; wer schneller arbei- Lässt man einen Stein (der Masse m) fallen, so ver-
tet, leistet mehr. Nach diesem Satz leuchtet die fol- liert er potentielle Energie. Wo bleibt sie, da Energie
gende Definition der physikalischen Größe Leistung doch nicht verschwinden kann? Lässt man einen

unmittelbar ein: Stein fallen, so gewinnt er Geschwindigkeit v ; zu ihr
gehört
Energied W
Leistung P= ,
Zeitspanne dt 1
kinetische Energie Wkin = m ⋅ v 2.
2
SI-Einheit ist Joule/Sekunde = Watt = W.
50 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2
K

. Abb. 2.32  Energieerhaltung beim Fadenpendel und


Fangpendel. Die Umkehrpunkt die liegen immer auf gleicher
Höhe Δh über der Ruhelage, auch wenn ein Hindernis im
Weg ist
. Abb. 2.31  Leistung beim Treppensteigen

Hinter der Ruhelage wandelt sich kinetische Energie


Begründung: Dass diese Definition zumindest insofern ver-
nünftig ist, als sie sich mit Energiesatz und Fallgesetz ver- wieder in potentielle um, und zwar so lange, bis
trägt, sieht man leicht: Nach der Fallzeit Δt hat der Stein die die Pendelkugel in ihrem Umkehrpunkt zur Ruhe
Geschwindigkeit v = g·Δt erreicht, die Strecke Δs = ½g·Δt2 kommt. Sie tut dies auf der Höhe Δh über dem Tiefst-
durchfallen und die potentielle Energie punkt. Von nun an wiederholt sich das Spiel perio-
m·g·Δs = m·g·½·g·Δt2 = ½·m·g2·Δt2 = ½·m·v2 in kinetische
disch. Auf die Höhe Δh steigt die Kugel auch dann,
Energie umgesetzt.
wenn man ihrem Faden ein Hindernis in den Weg
stellt (Fangpendel – . Abb. 2.32).
Merke
Dies ist ein Beispiel für die Erhaltung der so
genannten mechanischen Energie, die als Summe
1
KinetischeEnergie Wkin = m ⋅ v2 aus kinetische und potentielle Energie definiert ist.
2

Merke
Ein Musterbeispiel für ständige Umwandlung kine-
tischer Energie in potentielle und umgekehrt liefert mechanische Energie: Wmech = Wpot + Wkin
das Fadenpendel (. Abb. 2.32). Die erste Auslenkung bleibt bei vernachlässigbarer Reibungen
von Hand hebt den Schwerpunkt der Kugel um die erhalten
Hubhöhe Δh an, erhöht also die potentielle Energie um

∆Wpot = m ⋅ g ⋅ h. Die Geschwindigkeit v0, mit der das Pendel durch


seine Ruhelage schwingt, hängt nur von der Hubhöhe
Dieser Betrag ist dann voll in kinetische Energie Δh ab, nicht von der Masse, nicht von der Faden-
umgewandelt worden, wenn das Pendel durch seine länge, nicht von der Form der Bahn. v0 stimmt mit
Ruhelage schwingt; es tut dies mit der Geschwindig- der Geschwindigkeit eines Gegenstands überein,
keit v0: der die Strecke Δh aus der Ruhe frei durchfallen
hat. Hier zeigt sich der Vorteil einer so allgemein
1
Wkin = m ⋅ v 2 = ∆Wpot. gültigen Beziehung wie der des Energiesatzes: das
2
Kind auf der Schaukel, der Skispringer am Schan-
Daraus folgt zentisch, der Wagen der Achterbahn, der Apfel, der
∆Wpot vom Baum fällt: für alle Geschwindigkeiten gilt das
v0 = 2 ⋅ = 2 ⋅ g ⋅ ∆h gleiche Gesetz …
m
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
51 2
… sofern man die Reibung (7 Abschn. 2.2.3) ver-
nachlässigen darf. Auch gegen eine Reibungskraft Rechenbeispiel 2.10: Ein letzter Wurf vom
wird Arbeit geleistet; früher oder später zehrt sie Turm
die kinetische Energie jeder sich selbst überlassenen Nun haben wir noch eine andere Art kennen
Bewegung auf und wandelt sie in Wärme um. Auch gelernt, wie wir im Rechenbeispiel 2.4 (schiefer
zur Wärme gehört kinetische Energie, die der unge- Wurf vom Turm mit v0 = 15 m/s) die Auftreff-
ordneten Bewegung einzelner Atome und Moleküle geschwindigkeit auf den Boden berechnen
nämlich. Diese Unordnung hat aber eine so grund- können. Es geht auch mit dem Energiesatz.
sätzliche Bedeutung, dass die Wärme mit vollem Wie?
Recht als eigene Energieform angesehen wird. Lösung: Der Stein startet mit der
Kinetische Energie wandelt sich freiwillig in kinetischen Energie 1 m ⋅ v02 . Beim
2
Wärme um, immer und unvermeidlich: Vollkommen Fallen vom Turm wird zusätzlich noch die
lässt sich Reibung nicht ausschalten. Zuweilen wird potentielle Energie m ⋅ g ⋅10 m in kinetische
sie sogar dringend gebraucht, z. B. dann, wenn ein Energie umgewandelt. Die gesamte
schnelles Auto plötzlich abgebremst werden muss, kinetische Energie beim Auftreffen ist also:
um eine Karambolage zu vermeiden. Dann soll sich Wkin = 1 m ⋅ v 2 = 1 m ⋅ v02 + m ⋅ g ⋅10 m . Daraus
2 2
viel kinetische Energie rasch in Wärme umwandeln: ergibt sich für die Geschwindigkeit v beim
Die Bremsen werden heiß. Gelingt dies nicht schnell Auftreffen:
genug, so entsteht die restliche Wärme bei plastischer
v 2 = v02 + 2g ⋅10 m ⇒ v
Verformung von Blech. Nicht jeder Autofahrer hat
ein sicheres Gefühl für Geschwindigkeit und schon = (15 m/s) + 2g ⋅10 m = 20, 5 m/s.
2

gar nicht für deren Quadrat. Wer bedenkt schon,


wenn er mit 160 km/h über die Autobahn braust, Das hatten wir auf etwas umständlichere
dass er im Fall eines Falles das Zehnfache an kineti- Art schon einmal herausbekommen. Der
scher Energie wegbremsen muss gegenüber 50 km/h Abwurfwinkel geht in dieser Rechnung
im Stadtverkehr und fast das Dreißigfache gegenüber gar nicht ein. Die Auftreffgeschwindigkeit
den erlaubten 30 km/h in seinem Wohngebiet? ist tatsächlich von ihm unabhängig. Nicht
Auf freier, gerader, ebener Strecke arbeiten die unabhängig vom Winkel ist natürlich die
Motoren der Fahrzeuge nur noch gegen die Reibung, Wurfweite. Bei ihrer Berechnung hilft der
sie leisten Reibungsarbeit. Beim Anfahren müssen Energiesatz nicht.
sie zusätzlich kinetische Energie produzieren, d. h.
Beschleunigungsarbeit leisten.

2.2.6 Hebel und Drehmoment


Rechenbeispiel 2.9: Beschleunigung des
flotten Kleinwagens Die Skelette der Wirbeltiere bestehen aus einer Viel-
Aufgabe: Unser Kleinwagen (m = 1000 kg, zahl von Hebeln. Dazu gehört auch der linke Unter-
Motorleistung 66 kW) beschleunige aus arm des Menschen (. Abb. 2.33). Hält man ihn hori-
dem Stand 10 Sekunden lang mit maximaler zontal, in der Hand eine Hantel, so versucht deren
Leistung. Welche Geschwindigkeit hat er Gewichtskraft, das Ellbogengelenk zu öffnen. Der
dann erreicht? Reibung wollen wir in dieser Bizeps kann das aber verhindern. Weil er dicht neben
Abschätzung vernachlässigen. dem Ellbogen am Unterarm angreift, muss seine
Lösung: Die vom Motor geleistete Arbeit Muskelkraft allerdings deutlich größer sein als die
erhöht die kinetische Energie des Autos: Gewichtskraft der Hantel; der Bizeps „sitzt am kür-
1 2 ⋅ 66 kW ⋅10 s zeren Hebelarm“. In seiner einfachsten Form lautet
m ⋅ v 2 = 66 kW ⋅10 s ⇒ v =
2 1000 kg das Hebelgesetz:
= 36, 3 m/s = 130, 8 km/h
Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm.
52 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2 )

)

. Abb. 2.34  Hebel 1. Die Federwaage kompensiert die


Gewichtskraft, ob der Hebel nun da ist oder nicht

O
O

. Abb. 2.33  Arm und Bizeps als einarmiger Hebel:


Kraft und Last greifen, auf die Drehachse (Ellbogengelenk)
bezogen, auf der gleichen Seite an; der Hebelarm des Muskels
(l1~30 mm) ist wesentlich kleiner als der Hebelarm (l2~30 cm)
der Hantel

Es liegt nahe, die Gewichtskraft der Hantel als „Last“


zu bezeichnen und die Muskelkraft des Bizepses als
„Kraft“. Umgekehrt geht es aber auch. Länge des
Hebelarms ist der Abstand zwischen dem Angriffs-
punkt der jeweiligen Kraft und der Drehachse. Für . Abb. 2.35  Hebel 2. Hängt man die Last auf halben
Hebelarm, so braucht die Federwaage nur die halbe Kraft
den Bizeps sind das ungefähr 30 mm, während der aufzubringen. Die andere Hälfte liefert das Lager
Unterarm etwa 30 cm lang ist.

Merke muss so oder so die Gewichtskraft übernehmen. Man


kann aber auch sagen, Kraftarm und Lastarm seien
Einfachste Form des Hebelgesetzes: gleich, und darum müssten es Kraft und Last eben-
falls sein. Halbiert man den Lastarm (. Abb. 2.35),
Kraft mal Kraftarm = Last mal Lastarm.
so kommt die Federwaage mit der halben Kraft aus.
Umgekehrt muss sie die doppelte Kraft aufbringen,
wenn man ihren Hebelarm halbiert (. Abb. 2.36).
Empirisch lässt sich das Hebelgesetz z.B. mit einer
Stange untersuchen, die am linken Ende drehbar
gelagert ist und in Längsrichtung verschiebbare
Haken besitzt, nach unten zum Anhängen von
Gewichtsklötzen, nach oben zum Einhängen von
Federwaagen. Im Gedankenversuch soll der Hebel
zwei Bedingungen erfüllen, die sich im realen Expe-
riment nur näherungsweise verwirklichen lassen:
Der Hebel soll einerseits starr sein, sich also weder
dehnen, noch stauchen, noch verbiegen lassen, und
andererseits masselos, also keine Gewichtskraft
haben.
Dann spielt der Hebel in einer Situation, wie sie . Abb. 2.36  Hebel 3. Wird der Kraftarm halbiert, so muss
.  Abb. 2.34 darstellt, keine Rolle: die Federwaage die Kraft verdoppelt werden
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
53 2
Das Spiel lässt sich auf vielerlei Weise variieren. Was
immer man tut, im Gleichgewicht gilt das Hebelge-
setz, das sich jetzt auch mathematisch formulieren
lässt. Nennt man die Beträge der Kräfte von „Kraft“
und „Last“ F1 und F2 und die zugehörigen Hebel-
arme l1 und l2, so ist

l1 ⋅ F1 = l2 ⋅ F2
. Abb. 2.38  Hebel 4. Auch die Federwaage kann schräg
am Hebel angreifen
die Bedingung des Gleichgewichts, die Bedingung
dafür, dass der Hebel ruhig bleibt und sich nicht
bewegt.
Die letzte Gleichung ignoriert, dass Kräfte und
Hebelarme Vektoren sind; sie kann sich das leisten,
weil sie nur einen Sonderfall
 zu beschreiben braucht: )Y
horizontale
 Hebelarme l und vertikale Gewichts-
  ))
kräfte F , also rechte Winkel zwischen l und F .
Beim Unterarm gilt das nicht; selbst wenn er waage-
ȕ
recht gehalten wird, zieht der Bizeps, abhängig von
der Position des Oberarms, im Allgemeinen schräg )K
nach oben (. Abb. 2.37). Im Modellversuch kann
. Abb. 2.39  Komponentenzerlegung der Federkraft
man diesen Fall dadurch nachbilden, dass man die
FF; nur die Vertikalkomponente Fv hat Bedeutung für das
Federwaage ebenfalls schräg nach oben ziehen lässt,
Hebelgesetz
mit einem Winkel ß zwischen ihr und dem Hebel-
arm (. Abb. 2.38). Dann hat nur
 die vertikale Kom-
ponente Fv der Federkraft F Bedeutung für das Fv = FF ⋅ sin ß; Fh = FF ⋅ cos ß.
Hebelgesetz,
 während die horizontale Komponente
Fh lediglich den Hebel zu dehnen versucht und Dadurch bekommt das Hebelgesetz die Gestalt
letztlich vom Achslager aufgefangen werden muss
(. Abb. 2.39). Das Kräftedreieck ist rechtwinklig und l1 ⋅ Fv1 = l2 ⋅ Fv2
erlaubt darum, die Beträge der Komponenten mit
den Winkelfunktionen Sinus und Kosinus unmittel- und ausmultipliziert die Form
bar auszurechnen:
l1 ⋅ F1 ⋅ sin ß1 = l2 ⋅ F2 ⋅ sin ß2.

Man kann den Sinus des Winkels zwischen Kraft


und Hebelarm auch anders deuten, nämlich durch
die Definition eines sog. effektiven Hebelarms leff.
Er ist der kürzeste Abstand zwischen der Drehachse
und der Kraftwirkungslinie (. Abb. 2.40), steht also
senkrecht auf beiden:

leff = l ⋅sin ß.

In dieser Interpretation schreibt sich das Hebelgesetz


. Abb. 2.37  Bizeps. Im Allgemeinen greift der Bizeps schräg
am Unterarm an leff 1 ⋅ F1 = leff 2 ⋅ F2,
54 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Merke
O ȕ
Allgemeine Form des Hebelgesetzes:

2 OHII ∑T = 0 .

Mechanische Energie und Drehmoment werden


. Abb. 2.40  Effektiver Hebelarm. Zur Definition des
effektiven Hebelarms leff und der Kraftwirkungslinie
beide in Newtonmeter gemessen, denn sie sind beide
Produkte von jeweils einer Kraft und einer Länge,
dem Schubweg bzw. dem Hebelarm. Der Einheit
was ausmultipliziert zu dem gleichen Ergebnis führt. sieht man nicht an, dass es sich beim Drehmoment
Mathematisch spielt es keine Rolle, ob man den Sinus um ein vektorielles, bei der Energie aber um ein ska-
der Kraft zuordnet (Komponentenzerlegung) oder lares Produkt zweier Vektoren handelt. Die Namen
dem Hebelarm (effektiver Hebelarm); nur darf man Joule und Wattsekunde bleiben aber der Energie
nicht beides zugleich tun. vorbehalten.

Merke
Rechenbeispiel 2.11: Oktoberfest
In der einfachsten Form des Hebelgesetzes Aufgabe: Welche Kraft muss der Bizeps einer
stehen entweder „Kraft“ und „Last“ für deren Kellnerin auf dem Oktoberfest ungefähr
Komponenten senkrecht zum Hebelarm oder entwickeln, wenn sie in jeder Hand sechs volle
„Kraftarm“ und „Lastarm“ für die effektiven Maßkrüge trägt? Ein voller Krug hat eine Masse
Hebelarme. von etwa 2 kg. Die Maße der Arme entnehme
man . Abb. 2.33.
Lösung: Der Bizeps sitzt am kürzeren Hebel
Unabhängig von diesen beiden Deutungen bietet die und muss die zehnfache Gewichtskraft
Mathematik ihr vektorielles Produkt zweier Vektoren aufbringen:
an. Die Physik folgt dem Angebot und definiert eine
⋅12 kg ⋅ g = 1177 N
neue physikalische Größe, das 30 cm
F=
   30 mm
Drehmoment T = l × F
 
Es steht senkrecht auf l und F und liegt demzufolge
parallel zur Drehachse.
2.2.7 Die Grundgleichungen der Statik
Merke
Die Überlegungen des vorigen Kapitels unter-
Drehmoment: Vektorprodukt aus Hebelarm stellen als selbstverständlich, dass die Position
und Kraft der Achse, um die sich ein Hebel drehen kann, im
   Raum unverrückbar festliegt. Wie man das tech-
T = l ×F nisch erreicht, wurde nicht gesagt, in den Zeichnun-
gen nur angedeutet. Mit etwas Phantasie kann man
etwa . Abb. 2.35 Folgendes entnehmen: Zwei quer
Soll der Hebel nicht beschleunigt sein, so müssen am linken Ende des Hebels befestigte Achsstummel
sich Drehmoment und Gegendrehmoment gegen- stecken drehbar in passenden Löchern des Lager-
seitig kompensieren: klotzes, der selbst über eine nicht gezeichnete Hal-
 terung zunächst vermutlich mit einem Tisch, am
∑ T = 0 Ende aber mit dem Erdboden starr verbunden ist.
Versucht nun eine von außen angreifende Kraft den
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
55 2
Hebel wegzuziehen, so hält der Lagerklotz den Hebel 2.2.8 Gleichgewichte
dadurch fest, dass er durch winzige elastische Verfor-
mungen auf die Achsstummel die dort erforderliche Regen Gebrauch vom Hebelgesetz macht zunächst
Lagerkraft ausübt. Warum aber war es im vorigen einmal die Natur, etwa bei den Skeletten der Wir-
Kapitel erlaubt, diese Lagerkraft mit keinem Wort beltiere und den zugehörigen Muskeln; regen
zu erwähnen? Gebrauch macht aber auch die Technik, z. B. bei den
Wichtigste physikalische
 Größe beim Hebel ist Balkenwaagen, die zwei von massenproportionalen
das Drehmoment T , im vorigen Kapitel  als Kreuz- Gewichtskräften erzeugte Drehmomente miteinan-
produkt
   aus Hebelarm l und Kraft F beschrieben: der vergleichen. Die Waage der Justitia, auch Apo-
T = l × F . Der Hebelarm reicht von der Drehachse thekerwaage genannt (. Abb. 2.41), besitzt einen
bis zur Kraftwirkungslinie. Nun greift eine Lagerkraft genau in der Mitte gelagerten zweiarmigen Hebel,
allemal an der Achse an. Folglich liefert sie mangels den Waagebalken. Die Gleichheit der Hebelarme ist
Hebelarm kein Drehmoment; folglich kann das hier unerlässlich; jede Abweichung würde zu einem
Hebelgesetz ohne Lagerkräfte formuliert werden. systematischen Fehler führen. Das Wiegegut wird
Damit der Hebel aber auch wirklich im statischen dann mit passenden Stücken aus einem Gewichts-
Gleichgewicht ist, muss auch noch das gelten, was in satz verglichen. Moderne Waagen freilich zeigen
7 Abschn. 2.2.1 formuliert wurde: die Summe aller ihren Messwert elektronisch an und verraten nicht,
an den Hebel angreifenden Kräfte muss Null sein. wie sie das machen.
Die Summe der Kraft, die das Gewicht ausübt und Im Gleichgewicht geht die Apothekerwaage in
der Kraft, die die Federwaage ausübt, sind aber in Ruhestellung, Waagebalken horizontal. Unbelastet
. Abb. 2.36 keineswegs Null, da die Kraft der Feder- tut sie dies auch. Wieso eigentlich?
waage doppelt so groß ist. Also muss das Lager mit
einer nach unten gerichteten Kraft, die hier genauso
groß ist, wie die Kraft des Gewichts, für den Aus-
gleich sorgen. Täte das Lager dies nicht, so würde der
Hebel nach oben weg schlagen.
Entsprechend sind in den . Abb. 2.35 bis 2.38
die Lagerkräfte eingezeichnet. Nur in der Situation
von . Abb. 2.34 hat das Lager nichts zu tun (außer
natürlich den Hebel zum Teil zu tragen, aber dessen
Gewicht sollte ja vernachlässigbar sein).
Bei Kräften und Drehmomenten denkt man
instinktiv immer auch an Bewegungen, die sie ja
grundsätzlich auslösen können, die in der Statik
aber ausdrücklich ausgeschlossen werden. Häuser
und Brücken sollen schließlich stehen bleiben und 
nicht einstürzen. Dazu müssen sich alle Kräfte F
und Drehmomente T gegenseitig aufheben:
 
∑F = 0 und ∑ T = 0.

Merke


Die Bedingungen der Statik:

∑ F = 0;
∑T = 0 .
. Abb. 2.41  Einfache Balkenwaage
56 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Hängt man irgendeinen Gegenstand nacheinan- Ein Waagebalken nimmt seine Ruhestellung auch
der an verschiedenen Punkten auf, und zieht man dann ein, wenn beide Waagschalen gleiche Lasten
von jedem Aufhängepunkt eine Gerade senkrecht tragen und mit ihnen entgegengesetzt gleiche Dreh-
2 nach unten, so treffen sich alle Geraden in einem momente erzeugen. Hat aber z. B. die linke Waag-
Punkt, dem Schwerpunkt (. Abb. 2.42). Bei der schale ein Übergewicht (. Abb. 2.44), so neigt sich
Gewichtskraft darf man so tun, als sei die gesamte der Waagebalken auf ihrer Seite und schiebt seinen
Masse eines Gegenstands in seinem Schwerpunkt Schwerpunkt nach rechts heraus. Das bedeutet effek-
konzentriert; man bezeichnet ihn deshalb auch als tiven Hebelarm, Gegendrehmoment und neues
Massenmittelpunkt. Er kann außerhalb des Gegen- Gleichgewicht. Durch seine Schräglage zeigt der
stands liegen, z. B. beim Hufeisen. Der Mensch kann Waagebalken aber „Ungleichgewicht“ im Sinne von
seinen Schwerpunkt sogar durch Körperbewegun- „Ungleichheit der Gewichte“ in den beiden Waag-
gen verlagern, auch nach außen. Einem vorzüglichen schalen an. Lenkt man den Waagebalken durch
Hochspringer gelingt es möglicherweise, ihn unter kurzes Antippen aus, so führt ihn das rücktrei-
der Latte hindurch zu mogeln (. Abb. 2.43); das spart bende Gegendrehmoment wieder in die Ausgangs-
Hubarbeit. lage zurück, ob horizontal oder schräg. Man spricht
Wenn es die Halterung erlaubt, versucht jeder immer dann von einem stabilen Gleichgewicht,
Schwerpunkt von sich aus, unter den Unterstüt- wenn Störungen „von selbst“ rückgängig gemacht
zungspunkt zu kommen. Dann hat die Gewichtskraft werden.
keinen effektiven Hebelarm mehr und erzeugt kein Ganz anders verhält sich ein Spazierstock,
Drehmoment. Der Waagebalken der Balkenwaage den man auf seine Spitze zu stellen versucht.
wird deshalb so konstruiert und aufgehängt, dass er
dieses Ziel zu erreichen erlaubt und sich dabei waa-
gerecht stellt. Dazu muss der Unterstützungspunkt 8
über den Schwerpunkt gelegt werden. 6

$ %

% $

6
. Abb. 2.44  Apothekerwaage. Außerhalb des
Gleichgewichtes liegt der Schwerpunkt S des Waagebalkens
nicht unter dem Unterstützungspunkt U und erzeugt deshalb
ein rücktreibendes Drehmoment. Der Ausschlag der Waage
. Abb. 2.42  Schwerpunkt. Der Schwerpunkt und damit ihre Empfindlichkeit sind umso größer, je leichter
S eines frei hängenden Gegenstands begibt sich der Balken, je länger die Hebelarme und je kleiner der
unter den Aufhängepunkt Abstand des Schwerpunktes vom Unterstützungspunkt sind

. Abb. 2.43  Fosbury-Flop. Bei einem optimal ausgeführten Fosbury-Flop rutscht der Schwerpunkt des Springers knapp unter
der Latte hindurch
2.2 · Kraft, Drehmoment, Energie
57 2

V
6

. Abb. 2.46  Indifferentes Gleichgewicht. Beim Rollen


bewegt sich der Schwerpunkt S exakt horizontal: kein Umsatz
potentieller Energie
. Abb. 2.45  Labiles Gleichgewicht. Der Schwerpunkt S
fällt, wenn er nicht exakt über dem Unterstützungspunkt liegt:
Abgabe potentieller Energie
6

Grundsätzlich müsste es möglich sein, seinen


. Abb. 2.47  Stabiles Gleichgewicht. Der Schwerpunkt S
Schwerpunkt so exakt über den Unterstützungs- liegt zwar über den Unterstützungspunkten, muss aber beim
punkt zu bringen, dass auch jetzt mangels effektiven Kippen angehoben werden (Bahnen gestrichelt): Erhöhung
Hebelarms kein Drehmoment auftritt (. Abb. 2.45). der potentiellen Energie
Hier genügt aber die kleinste Kippung, der kleinste
Lufthauch, um ein Drehmoment zu erzeugen, das die
Auslenkung vergrößert: labiles Gleichgewicht; der Möbel stehen fest; offensichtlich befinden sie sich
Stock fällt um. Umfallen braucht allerdings Zeit. Mit in stabilem Gleichgewicht, obwohl ihr Schwer-
der nötigen Geschicklichkeit lässt sich der Unterstüt- punkt wie beim Spazierstock über dem Fußboden
zungspunkt deshalb rechtzeitig nachführen; ein Jon- liegt. Wichtig: Sie berühren ihn in mehreren Berüh-
gleur kann ein volles Tablett auf einer Stange balan- rungspunkten, mindestens drei. Hier empfiehlt es
cieren und ein Seelöwe einen Ball auf seiner Nase. sich, mit Hilfe der Hubarbeit zu argumentieren.
Auf der Grenze zwischen labilem und stabilem Wer eine Kommode kippen will, muss ihren Schwer-
Gleichgewicht liegt das indifferente Gleichgewicht, punkt anheben (. Abb. 2.47), also Hubarbeit leisten,
das man durch eine „Auslenkung“ gar nicht verlässt. und mit ihr die potentielle Energie der Kommode
In ihm befindet sich z. B. eine Kreisscheibe oder eine erhöhen. Das gilt auch für den Waagebalken. Es
Kugel auf exakt horizontaler Ebene. Symmetrische ist das Kennzeichen des stabilen Gleichgewichts.
Massenverteilung vorausgesetzt, liegt der Schwer- Beim Spazierstock liegt demgegenüber der Schwer-
punkt im Zentrum und damit genau über dem punkt im Gleichgewicht so hoch wie möglich. Die
Unterstützungspunkt, dem Berührungspunkt mit potentielle Energie besitzt ihr Maximum und wird
der Ebene (. Abb. 2.46): kein effektiver Hebelarm, beim Kippen teilweise freigesetzt: Kennzeichen des
kein Drehmoment, Gleichgewicht. Daran ändert sich labilen Gleichgewichts. Die Kugel kann auf ihrer
auch nichts, wenn man die Kugel zur Seite rollt. Sie horizontalen Ebene herumrollen, ohne die Höhe
kehrt weder in die Ausgangslage zurück, noch läuft ihres Schwerpunktes zu ändern: kein Energieum-
sie weg. satz, indifferentes Gleichgewicht. Dahinter steht ein
ganz allgemeines Naturgesetz: Jeder Gegenstand,
Merke jedes „System“ möchte potentielle Energie, wenn
möglich, loswerden.
Gleichgewichte:
55stabil: Verrückung erfordert Energiezufuhr Merke
55labil: Verrückung liefert Energie
55indifferent: Verrückung lässt Energie Jedes „System“ versucht, potentielle Energie
unverändert abzugeben.
58 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.3 Dynamik der linearen Bewegung Um nun das 1. Newton´sche Gesetz auf der Erd-
oberfläche experimentell zu verifizieren, muss man
2.3.1 Die Newton´schen Gesetze zunächst die Gewichtskraft des Probekörpers exakt
2 kompensieren, ohne seine Bewegungsfreiheit allzu
sehr einzuschränken. Das gelingt mit einer geraden
„Unten“ ist die Richtung der Fallbeschleunigung Fahrbahn, die sich genau horizontal justieren lässt,
ebenso wie die der Gewichtskraft. Sollte zwischen sodass von der Gewichtskraft keine Komponente
beiden ein ursächlicher Zusammenhang bestehen? in Fahrtrichtung übrig bleibt. Ferner muss man die
Dann dürfte es kein Privileg der Schwerkraft sein, bremsenden Kräfte der Reibung vernachlässigbar
Beschleunigungen auszulösen; andere Kräfte klein machen, indem man gut schmiert. Bewährt hat
müssten dies, parallel zu ihren eigenen Richtun- sich ein hohler Vierkant als Fahrbahn; er wird auf
gen, ebenfalls können. Dann brauchte aber auch eine Kante gestellt und bekommt in festen Abständen
ein kräftefreier Gegenstand nur auf Beschleuni- feine Löcher in beiden oberen Flächen (. Abb. 2.48).
gungen zu verzichten und nicht, wie in der Statik, Luft, in den am andern Ende verschlossenen Vierkant
auf jede Bewegung überhaupt. Eine gleichför- eingepresst, kann nur durch diese Löcher entweichen
mige mit konstanter Geschwindigkeit bliebe ihm und hebt einen lose aufgelegten Metallwinkel so weit
gestattet. an, dass er den Vierkant nirgendwo berührt: er gleitet
praktisch reibungsfrei auf einem Luftpolster. Um
Merke seine Bewegungen auszumessen, postiert man längs
der Gleitbahn an meherern Positionen (die wir mit
1. Newton´sches Gesetz: s bezeichnen wollen) Lichtschranken, die mit elek-
Ein kräftefreier Gegenstand behält seine trischen Stoppuhren die Zeitpunkte t feststellen, zu
Geschwindigkeit unverändert bei. denen der Gleiter bei ihnen vorbeikommt.
1. Beobachtung: Wie immer man den Gleiter
im Einzelfall angestoßen hat, man findet
Δs~Δt, also konstante Geschwindigkeit, in
Dies wird allerdings nur der Beobachter bestätigen, Übereinstimmung mit dem 1. Newton´schen
der sich selbst mit konstanter Geschwindigkeit durch Gesetz.Um eine konstante Antriebskraft auf
den in 7 Abschn. 2.1.5 erwähnten absoluten Raum den Gleiter auszuüben, lenkt man eine kleine
bewegt. Man sagt: der Beobachter befindet sich dann Gewichtskraft über Faden und Rolle in Gleit-
in einem Inertialsystem. Was es damit genauer auf richtung um (. Abb. 2.48). Dabei muss man die
sich hat, besprechen wir erst in 7 Abschn. 2.5. Wenn Reibung im Rollenlager niedrig halten
wir auf der Erdoberfläche stehen, sind wir so einiger-
maßen in einem Inertialsystem. Eigentlich bewegen
wir uns mit der Erddrehung einmal am Tag im Kreis
herum. Damit ist aber eine so kleine Beschleunigung
verbunden, dass man genauer messen müsste, als es
nun beschrieben werden soll, um die Auswirkungen
dieser Beschleunigung festzustellen. Vorsorglich sei
aber hier schon festgestellt:

Merke

Die Newton´schen Gesetze gelten nur für


einen Beobachter, der gegenüber dem . Abb. 2.48  Luftkissenfahrbahn. Aus den Löchern der
absoluten Raum nicht beschleunigt ist. hohlen Schiene wird Pressluft geblasen; sie hebt den Gleiter
ein wenig an.
2.3 · Dynamik der linearen Bewegung
59 2
2. Beobachtung: Wie immer man den Versuch Merke
im Einzelnen durchführt, wenn man den
Gleiter aus der Ruhe startet, findet man für die 2. Newton´sches Gesetz, Grundgleichung der
Abstände Δs und die Zeitspannen Δt ab Start Mechanik:
 
die Beziehung Δs~Δt2. Nach den Überlegungen F = m⋅ a
zum freien Fall entspricht das einer konstanten Kraft = Masse mal Beschleunigung.
Beschleunigung
∆s
a=2 ,
∆t 2
Auch der freie Fall hält sich an die Grundgleichung:
also einer gleichförmig beschleunigten 
Bewegung. FG = m ⋅ g
3. Beobachtung: Wechselt man die Gewichte für
die Antriebskraft F systematisch aus, so findet Weil die Fallbeschleunigung g keine Naturkons-
man eine Proportionalität zwischen a und F. tante ist, sondern ein wenig vom Ort auf der Erd-
4. Beobachtung: Erhöht man die Masse m des oberfläche abhängt, ist das veraltete „Kilopond“, die
Gleiters, indem man ihm zusätzliche Lasten zu Gewichtskraft eines Kilogramms, keine gute Einheit.
tragen gibt, so bemerkt man eine Trägheit der Auf dem Mond wiegt sowieso alles weniger und fällt
Masse: Der Gleiter kommt umso „schwerer“ langsamer.
in Bewegung, je „schwerer“ er ist (das Wort
„schwer“ in unterschiedlicher Bedeutung Merke
verwendet). Quantitativ findet man bei
konstanter Kraft F eine umgekehrte Proportio- Gewichtskraft = Masse · Fallbeschleunigung.
nalität zwischen Beschleunigung und Masse,
also a~1/m.
Warum aber hat die Masse eines fallenden Gegen-
Alle Beobachtungen lassen sich zusammenfassen zu stands keinen Einfluss auf die Fallbeschleunigung?
a~F/m oder auch F~m·a. Die Proportionalitätskons- Jede Masse ist schwer; m steht im Gravitationsgesetz
tante lässt sich ausmessen; sie muss mit ihrer eigenen und erhöht die Gewichtskraft:
Einheit zwischen denen der beiden Seiten vermitteln.  m⋅ME
Freilich, die angenehmste aller Proportionalitätskons- FG = G ⋅
rE2
tanten ist die dimensionslose eins, denn sie macht aus
der Proportionalität eine Gleichung. In der Tat darf (ME, rE: Masse und Radius der Erde).
man schreiben: F = m·a. Man erklärt damit lediglich Jede Masse ist aber auch träge; m steht in der
die Kraft zur abgeleiteten Größe des Maßsystems und Grundgleichung der Mechanik und vermindert die
ordnet ihr die Einheit kg·m/s2 zu, die Newton genannt Beschleunigung. Beide Wirkungen heben sich bei
wird. Damit bekommt dann z. B. die Gravitationskon- der Fallbeschleunigung gegenseitig auf:
stante G von 7 Abschn. 2.2.2 die Einheit kg–1 m3s–2, 
ohne ihren Zahlenwert zu wechseln. FG M
g= = G ⋅ 2E
m rE
Das 2. Newton′sche Gesetz
 Dass in dem Gravitationsgesetz und in der Grund-

Kraft F = Masse m ⋅ Beschleunigung a gleichung der Mechanik tatsächlich die gleiche Masse
 m steht, wurde von Albert Einstein (1879 – 1955) in

gilt vektoriell: F und a haben gleiche Richtung. Es ist seiner allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde
von so grundlegender Bedeutung, dass man es auch gelegt. Hier kann nur festgehalten werden, dass dem so
Grundgleichung der Mechanik nennt. ist. Gemessen wird die Masse so oder so in Kilogramm.
60 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Y bewusst erzeugt. Dann bewegt sich aber jeder Teil


des Balles mit einer anderen Geschwindigkeit und
). D
)* Beschleunigung. Was tun? Alles bisher Gesagte
2 D
stimmt wieder, wenn statt von „der“ Geschwindig-
keit und „der“ Beschleunigung des Gegenstands
)* von der Geschwindigkeit und Beschleunigung
seines Schwerpunktes gesprochen wird. Es gilt der
. Abb. 2.49  Kanone. Solange die Kanonenkugel noch im sogenannte
Rohr steckt, wird sie in Schussrichtung beschleunigt. Sowie sie
das Rohr verlassen hat, weist die Beschleunigung senkrecht
Merke
nach unter in Richtung der Schwerkraft.

Schwerpunktsatz:
Der Schwerpunkt eines Gegenstands bewegt
Mit der Grundgleichung der Mechanik im Kopf sich so, als wäre die gesamte Masse in
kann man nun auch nach den wirksamen Kräften ihm vereinigt und als würden alle auf den
bei dem in 7 Abschn. 2.1.3 besprochenen schiefen Gegenstand wirkenden Kräfte in ihm angreifen.
Wurf fragen, vorsichtshalber allerdings nicht nach
dem komplizierten Muskelspiel des Kugelstoßers.
Als Beispiel soll eine Steinkugeln schleudernde Das 2. Newton´sche Gesetz erhält also die genau-
Kanone aus alter Zeit genügen (. Abb. 2.49). Vor ere Form:
dem Schuss steckt die Kugel im Kanonenrohr; ihre  
Gewichtskraft FG wird von der Kanone und ihrem ∑ Fi = m ⋅ as
i
Gestell übernommen. Wenn die Treibladung explo-
diert, übt der Druck der heißen Verbrennungsgase  Die Kräftesumme ist die uns schon aus der Statik
zusammen mit dem Kanonenrohr eine Kraft FK ( 7   Abschn. 2.2.1 ) bekannte resultierende Kraft

auf die Kugel aus, die dieser eine Beschleunigung und as  ist die Beschleunigung des Schwerpunk-

a in Richtung der Rohrachse  erteilt, zusätzlich tes. Dass die Bewegung des Schwerpunktes nicht
aber auch
 die Gewichtskraft F G kompensiert. Die davon abhängt, wo die Kräfte am Gegenstand
Kraft FK der Kanone und Beschleunigung liegen angreifen, ist keineswegs selbstverständlich. Dass
also nicht parallel, wie . Abb. 2.49 etwas übertrie- es so ist, liegt am 3. Newton´schen Gesetz, von dem
ben darstellt. Sobald die Kugel aber das Rohr ver- jetzt die Rede sein soll. Auf eine Herleitung des
lassen hat, verteilt sich der Explosionsdruck nach Schwerpunktsatzes soll in diesem Buch verzich-
allen Seiten, die Kanone gibt auch keine Unterstüt- tet werden.
zung mehr und die Kugel unterliegt (Luftreibung
vernachlässigt) wieder nur noch der Schwerkraft:

Die Beschleunigung a dreht (ziemlich schlag-
artig) ihre Richtung von schräg nach oben in senk- Rechenbeispiel 2.12: Die Kraft auf den
recht nach unten. Die hohe Geschwindigkeit folgt Kleinwagen
dem nur gemächlich, die Kugel folgt einer flachen Aufgabe: Unser Kleinwagen aus Beispiel 2.9
Wurfparabel. (m = 1000 kg) beschleunigt in 10 Sekunden
Der Einfachheit halber wurde bisher angenom- von Null auf 130,8 km/h. Welche Kraft wirkt
men, dass die Kanonenkugel oder ein Ball eine reine dabei auf ihn?
Translationsbewegung im Sinne von 7 Abschn. 2.1.3 Lösung: Nach der Grundgleichung der
absolvieren: alle Teile bewegen sich mit der glei- Mechanik ist:
chen Geschwindigkeit und Beschleunigung. Das
wäre ein seltener Glücksfall. Tatsächlich wird ein 130, 8 km/h 36, 3 m/s
F = m⋅ a = m⋅ = m⋅ = 3633 N
10 s 10 s
Ball praktisch immer auch rotieren und zuwei-
len wird im Sport ein solcher „Drill“ des Balles
2.3 · Dynamik der linearen Bewegung
61 2
2.3.2 Kraft = Gegenkraft ist eine Reibungskraft, die eine hinreichende Rauigkeit
von Boden und Schuhsohle voraussetzt. Es mag nun
Wenn ein Gegenstand auf einen anderen eine Kraft überraschen, das die Kraft, die das Männchen auf den
ausübt, gibt ihm das keine Vorrechte; der andere Wagen ausübt, genau so groß ist wie die Kraft, die der
Gegenstand übt nämlich auf den einen auch eine Wagen auf das Männchen ausübt (die schrägen Pfeile),
Kraft aus, mit gleichem Betrag, aber in entgegenge- obwohl doch das Männchen den Wagen zieht und
setzter Richtung. Man sagt dazu: nicht umgekehrt. In diesem speziellen Fall können
wir das aber sogar aus dem 2. Newton´schen Gesetz
Merke ableiten. Das geht so: Wir bezeichnen die Kräfte mit
Nummern; also zum Beispiel die Kraft, die die Straße
3. Newton´sches Gesetz: Kraft gleich auf
 das Männchen ausübt (vorderster roter Pfeil), ist
Gegenkraft (actio = reactio): Die von zwei F31 und die Kraft, die der Wagen auf das Männchen
Gegenständen aufeinander ausgeübten ausübt, ist F21 . Genauer soll das hier nur die horizon-
Kräfte sind gleich groß und einander tale Komponente sein, denn wir wollen nun Gleichun-

entgegengesetzt. gen für die nach vorn gerichtete Beschleunigung a
von Wagen und Männchen aufstellen. Die Beschleu-
nigung ist für beide gleich, da sie miteinander verbun-
Für Drehmomente gilt das übrigens auch. den sind. Nach dem 2. Newton´schen Gesetz gilt nun
Dieses Gesetz bereitet erfahrungsgemäß Schwie- für das Männchen:
rigkeiten, da es in vielen Fällen der Intuition wie-   
derspricht. Wir betrachten noch einmal das Männ- F31 + F21 = m1 ⋅ a
chen, das in . Abb. 2.29 einen Bollerwagen zieht und  
schauen uns die Kräfte genauer an (. Abb. 2.50). Die F31 ist größer als F21 (horizontale Komponente) und
Abbildung zeigt die wichtigsten Kräfte auf den Mann, deshalb ist die Summe der beiden Kräfte nach vorn
der zieht (rote Pfeile) und die Kräfte auf Bollerwagen gerichtet wie die Beschleunigung. Für den Wagen gilt:
und Straße. Im Bild wegelassen sind die senkrechten   
Kräfte: die Schwerkraft auf den Mann und eine senk- F12 + F32 = m2 ⋅ a.
recht nach oben gerichtete Kraft, die die Straße auf den 
Mann (und den Wagen) ausübt, sodass diese nicht im F32 ist die Summe der Reibungskräfte, die die Straße
Boden versinken. Der Mann zieht am Seil und dieses auf die Räder ausübt. Für Männchen und Wagen
überträgt eine Kraft auf den Wagen, der sich daraufhin zusammengenommen gilt noch:
in Bewegung setzt. Aber auch der Wagen übt über das   
Seil auf den Mann eine Kraft aus. Kappte man das Seil, F31 + F32 = (m1 + m2) ⋅ a .
so fiele er vornüber. Die Kraft zum ziehen des Wagens
muss sich der Mann wiederum von der Straße besor- Diese letzte Gleichung sagt uns die entscheidende
gen. Stünde er auf Glatteis, so bekäme er den Wagen Bedingung, die erfüllt sein muss, damit das Männ-
nicht vom Fleck. Diese Kraft auf den Fuß des Mannes chen den Wagen beschleunigen kann: die Reibungs-
kraft, die die Straße auf das Männchen ausübt, muss
größer sein als die Reibungskraft, die die Straße auf
die Räder des Wagens ausübt. Das geht nur, weil der
Wagen auf Rädern rollt. Wären die Bremsen des
Wagens angezogen, sodass das Männchen den Wagen
hinter sich her schleifen müsste, so hätte es keine
Chance, wenn der Wagen schwerer als es selbst ist.
Wir können nun einmal die ersten beiden Glei-
. Abb. 2.50  Kraft und Gegenkraft. Die wichtigen Kräfte
chungen addieren:
auf den Mann (in rot) und die jeweiligen Gegenkräfte auf den     
Wagen und den Boden (in schwarz) F31 + F21 + F12 + F32 = (m1 + m2) ⋅ a.
62 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Diese Gleichung muss nun aber gleich der dritten halten, und die schreiben ihm das so vor. Dieser Tat-
Gleichung sein. Das geht nur, wenn tatsächlich gilt: bestand wird mathematisch mit einer sog. Bewe-
  gungsgleichung beschrieben. Sie ist eine Gleichung

2 F21 + F12 = 0. für den Ortsvektor r (t) des Balles (genauer gesagt:
dessen Schwerpunkt), die dieser zu jedem Zeitpunkt
Damit haben wir nachgerechnet, das jedenfalls die t erfüllen muss. Lösungen der Bewegungsgleichung
horizontalen Komponenten der Kräfte zwischen sind also Funktionen der Zeit. Das Rezept zum Auf-
Wagen und Männchen entgegengesetzt gleich sein stellen einer Bewegungsgleichung ist im Prinzip
müssen, wie es das 3. Newton´sche Gesetz behaup- einfach: Mannehme die Grundgleichung der Mecha-

tet. Das gilt aber auch für alle anderen Kräfte und ihre nik m ⋅ a = F und setze die Kraft als Funktion des
Gegenkräfte im Bild. Ortes hinein:
Die Erde zieht den Mond mit einer Kraft an, die  
d2 
ihn auf seiner Bahn hält. Aber der Mond zieht auch m⋅ r (t) = F (r (t))
dt 2
die Erde mit einer (entgegengesetzt gleichen) Kraft

an, der beispielsweise das Wasser der Meere nach- Dies ist eine Gleichung für die Funktion r (t), in der
gibt und so Ebbe und Flut produziert. Auch hier gilt auch eine Ableitung, in diesem Fall die zweite, der
Kraft gleich Gegenkraft. Das kann nun aber nicht aus Funktion vorkommt. Man nennt sie Differentialglei-
dem 2. Newton´schen Gesetz abgeleitet werden. Das chung. Wie man mit Differentialgleichungen fertig
3. Newton´sche Gesetz ist ein Gesetz aus eigenem wird, ist Sache der Mathematik und braucht darum
Recht. Wir werden noch lernen, dass es eng mit dem hier nicht besprochen zu werden. Die Lösungen der
Impulserhaltungssatz zusammenhängt, den wir in wichtigsten Differentialgleichungen der Physik kann
7 Abschn. 2.3.4 kennenlernen werden. man nachschlagen.
Für den Ball hängt die Gewichtskraft gar nicht
vom Ort ab. Das macht die Bewegungsgleichung
Frage: Was übt eigentlich die Kraft aus, besonders einfach. Bei genauerem Hinsehen sind es
die unseren Kleinwagen aus Beispiel 2.12 ja drei Gleichungen, für jede Koordinate des Orts-
beschleunigt? vektors eine, nämlich:
Dumme Frage! Der Motor natürlich. Oder?
d2
Der Motor ist ja Teil des Autos und fährt mit. m⋅ r (t) = 0
dt 2 x
Würde er die das Auto beschleunigende Kraft
ausüben, wäre das so wunderbar wie der Graf
d2
Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus m⋅ r (t) = 0
dt 2 y
dem Sumpf zieht. Die Kraft muss schon von
außen kommen, also von der Straße. Der Motor
d2
übt über die Räder eine Kraft auf die Straße m⋅ r (t) = −m ⋅ g
dt 2 z
aus. Die Gegenkraft beschleunigt das Auto. Sie
beruht auf der Reibung zwischen Rädern und Die Gewichtskraft wirkt nur senkrecht nach unten
der Straße. Auf eisglatter Fahrbahn nützt der und das Koordinatensystem wurde hier so gewählt,
stärkste Motor nichts. dass dies die zur z-Achse entgegengesetzte Richtung
ist. Die Mathematik sagt, dass die ersten beiden Glei-
chungen nur durch Funktionen erfüllt werden, die
entweder gar nicht oder linear von der Zeit abhängen.
2.3.3 Bewegungsgleichung Die dritte Gleichung wird nur durch ein Polynom
2. Grades erfüllt, also durch eine Parabelfunktion;
Wirft man einen Ball, so wird dieser nie zick-zack daher die Wurfparabel. Die Bewegungsgleichung(en)
durch die Luft sausen, sondern immer brav auf einer schreibt dem Ball durchaus nicht genau vor, wo er
Wurfparabel entlang fliegen. Er kann nicht anders, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zu befinden
denn er muss sich an die Newton´schen Gesetze hat. Nur wenn auch noch die Anfangsbedingungen
2.3 · Dynamik der linearen Bewegung
63 2
festliegen, wenn bekannt ist, wo und mit welcher immer seine Bewegung ändern will, muss etwas
Geschwindigkeit sich der Ball zum Zeitpunkt t = 0 haben, wovon er sich abstoßen kann.
bewegt, ist die weitere Flugbahn durch die Bewe- Für quantitative Überlegungen eignet sich der
gungsgleichung eindeutig vorgegeben. in . Abb. 2.51 skizzierte Versuch. Zwei Wägelchen
In dieser Betrachtung wurde, wieder einmal, mit den Massen m1 und m2 stehen (reibungsfrei)
die Reibung vernachlässigt. Ihre Berücksichtigung auf ebener Bahn, eine gespannte Sprungfeder zwi-
würde die Bewegungsgleichung und ihre Lösun- schen sich. Diese drückt auf die beiden Wagen mit
gen deutlich komplizierter machen. Ferner ist die betragsgleichen, aber entgegengesetzt gerichteten
Gewichtskraft nur näherungsweise vom Ort unab- Kräften:
hängig. Auf dem Sportplatz gilt das vorzüglich, bei  
einem Satelliten, der um die Erde läuft, aber ganz F1 = −F2
und gar nicht. Für ihn steht auf der rechten Seite der
Bewegungsgleichung das Gravitationsgesetz: Ein Zwirnsfaden hält die Wagen zusammen; er liefert
 die Gegenkräfte, die das ganze System in Ruhe halten.
d2  m⋅ME r
m ⋅ 2 r (t) = −G ⋅ Brennt man den Faden mit der Flamme eines Streich-
dt r2 r
holzes durch, so fahren die Wagen auseinander, für
Dies ist ein System von drei voneinander abhängigen kurze Zeit beschleunigt, bis die Feder entspannt
Differentialgleichungen. Seine Lösungen sind Ellip- herunterfällt:
sen- oder Kreisbahnen. Alle Satelliten und Planeten  
 
halten sich daran. m1 ⋅ a1 = F1 = −F2 = −m2 ⋅ a2
Die Diskussion der wichtigen Bewegungs-
gleichungen schwingender Gegenstände folgt in Die Kräfte fallen rasch auf null; gleiches gilt für die
7 Abschn. 4.1.2. beiden Beschleunigungen. Doch wie deren zeitliche
Verläufe auch immer aussehen, sie führen zu einer
Endgeschwindigkeit
2.3.4 Impuls t t
1 1 
  1
v = ∫ a(t) dt = ⋅ ∫ F (t) dt.
Wer vor Freude in die Luft springt, gibt der Erde m
t0 t0
einen Tritt. Das macht ihr nichts aus, denn sie besitzt 
die größte Masse, die in der Reichweite des Men- Das Integral über F wird Kraftstoß genannt. Auf
schen überhaupt vorkommt. Ein startendes Flug- einen Gegenstand der Masse m überträgt es den
zeug kann sich nicht von der Erde abstoßen; es saugt  
mechanischen Impuls p = m ⋅ v
Luft aus der Umgebung an und bläst sie in gerichte-
tem Strahl nach hinten weg. Eine Mondrakete findet mit der Einheit kg·m/s; er ist ein Vektor.
keine Luft mehr vor; sie verwendet für den gleichen Solange eine Kraft andauert, ändert sie den Impuls
Zweck die Verbrennungsgase ihres Treibstoffs. Wer des Gegenstands mit der „Änderungsgeschwindigkeit“

. Abb. 2.51  Zum Impulssatz P P


(Einzelheiten im Text) ) )

Y Y
64 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

  trommeln auf die Wände ihres Gefäßes (Gasdruck,


dv
m⋅ = F, s. 7   Abschn. 5.2.1 ). Bei zwei Billardkugeln ist es
dt
mühsam den Impulssatz zu bestätigen. Impulse sind
2 das ist einfach das 2. Newtonsche Gesetz. Bleibt die ja Vektoren, die in ihre Komponenten zerlegt werden
Masse m konstant (und nur dann!) kann man das wollen. Man spart deshalb Rechenarbeit, wenn man
auch so schreiben: sich auf den zentralen Stoß beschränkt, bei dem nur
 eine einzige Bewegungsrichtung vorkommt. Experi-
dp 
= F. mentell lässt sich dieser Fall hinreichend genau durch
dt
zwei Stahlkugeln repräsentieren, die als lange Faden-
Da im Versuch der . Abb. 2.51 die auf die beiden pendel nebeneinander hängen, und zwar an Doppel-
Wägelchen wirkenden Federkräfte zu jedem Zeit- fäden, die sich nach oben V-förmig spreizen. Aus der
punkt bis auf das Vorzeichen gleich waren, gilt dies Blickrichtung der . Abb. 2.52 ist dies nicht zu erken-
für die Impulse ebenfalls: nen. Jedenfalls erlaubt die Spreizung den Kugeln nur
    eine Bewegung in der Zeichenebene.
p1 = m1 ⋅ v1 = − p2 = −m2 ⋅ v2 .
Im einfachsten Fall bestehen die Kugeln aus
Die Summe der beiden Impulse ist also null: gehärtetem Stahl und haben die gleiche Masse.
  Lässt man jetzt die eine Kugel auf die andere, vorerst
p1 + p2 = 0
in Ruhe belassene, aufschlagen, so vertauschen sie
Vor Beginn des Versuchs war sie das auch, denn ihre Rollen: Die stoßende bleibt stehen, die gesto-
da befanden sich beide Wägelchen in Ruhe. Hinter ßene fliegt weg. Sie hat den Impuls der ersten Kugel
dieser Feststellung steht ein Naturgesetz, der Satz voll übernommen. Eine freundliche Spielerei liefert
von der Erhaltung des Impulses (Impulssatz); er die Pendelkette der . Abb. 2.53. Sie erlaubt, mehrere
besagt: In einem abgeschlossenen System kann sich Kugeln zur Seite zu ziehen und aufschlagen zu lassen.
die Summe aller Impulse, der Gesamtimpuls also, Die Kugeln am anderen Ende wissen genau, wie
nicht ändern. viele es waren: sie springen nach dem Stoß in glei-
cher Anzahl ab. Das ist kein Wunder. Man hat ja nur
Merke das erste Experiment mit einer einzigen stoßenden
Kugel mehrmals rasch hintereinander ausgeführt.
 
Für den mechanischen Impuls p = m ⋅ v gilt Die Zeitspanne, in der sich zwei Stahlkugeln beim
ein Erhaltungssatz; er wird Impulssatz genannt.

Als „abgeschlossen“ bezeichnet man ein System, auf


das keine äußeren Kräfte wirken: Aus
 
dp
∑ ∑ dt = 0
F =

folgt

∑ p =konstant
Die Mitglieder eines abgeschlossenen Systems
können zwar Impuls untereinander austauschen, sie
können aber Impuls weder schaffen noch vernichten.
Impuls wird bei jedem Stoß ausgetauscht, und
Stöße gibt es viele in der Welt, nicht nur beim Boxen . Abb. 2.52  Stoßpendel. Haben beide Kugeln gleiche
und beim Fußball. Elektronen stoßen mit Mole- Masse, so übernimmt die gestoßene von der stoßenden
külen (Gasentladung, s. 7 Abschn. 6.2.5), Moleküle Impuls und kinetische Energie vollständig
2.3 · Dynamik der linearen Bewegung
65 2
Teilen der zweiten Gleichung durch die erste führt zu
v + u = V + U .
Einsetzen in den Impulssatz ergibt dann für die
beiden Geschwindigkeiten nach dem Stoß:
v(m − M ) + 2 ⋅ M ⋅ V
u= ,
m+M

V (M − m) + 2 ⋅ m ⋅ v
U= .
m+M
. Abb. 2.53  Pendelkette. Auf der einen Seite fliegen stets
ebenso viele Kugeln ab, wie auf der anderen Seite auftreffen Nach der Rechnung sind bei elastischem Stoß zweier
(gleiche Kugelmassen vorausgesetzt) Gegenstände die Endgeschwindigkeiten eindeu-
tig durch die Anfangsgeschwindigkeiten und die
Stoß berühren, liegt in der Größenordnung Millise- Massen festgelegt. Haben beide Gegenstände gleiche
kunden; sie ist so kurz, dass mehrere Stöße allemal Massen (m = M) und befindet sich der eine vor dem
nacheinander erfolgen. Stoß in Ruhe (V = 0), so überträgt die erste Kugel in
Dass die beiden Stahlkugeln der . Abb. 2.52 den der Tat ihren Impuls beim Stoß vollständig auf die
Impulssatz erfüllen, leuchtet unmittelbar ein. Der zweite:
wäre freilich auch zufrieden, wenn die Kugeln nach u = 0 und U = v.
dem Stoß beisammen blieben und sich gemein-
sam wegen ihrer jetzt doppelten Masse mit halber Ungleiche Stoßpartner ergeben ein komplizierteres
Geschwindigkeit zur Seite bewegten. Warum tun Ergebnis; erst bei extrem ungleichen Massen wird
sie das nicht? Stoßpartner müssen nicht nur auf die es wieder einfach: Der Ball, der beim Squash gegen
Erhaltung des Impulses achten, sondern auch auf die die Wand gedonnert wird, kommt wegen m ≪ M
Erhaltung der Energie. Stahlkugeln tun dabei etwas mit (praktisch) der gleichen, aber entgegengesetzt
Übriges: Sie sorgen sogar dafür, dass die vor dem Stoß gerichteten Geschwindigkeit zurück (V = −v).
vorhandene kinetische Energie auch nach dem Stoß Wie schon erwähnt, stellt der elastische Stoß einen
kinetische Energie bleibt. Dieser sog. elastische Stoß idealisierten Grenzfall dar. Streng genommen gibt es
stellt einen Grenzfall dar, der ein wenig idealisiert ihn nicht, denn auch bei den besten Stahlkugeln geht
ist und sich darum relativ leicht durchrechnen lässt. im Stoß immer noch ein wenig kinetische Energie in
Um die Schreibarbeit etwas zu erleichtern, sollen Wärme über. Das nennt man inelastischen Stoß. Er
die Massen zweier stoßender Kugel mit m und M lässt sich nur dann berechnen, wenn der Verlust an
bezeichnet werden, ihre Geschwindigkeiten in x- kinetischer Energie genau bekannt ist. Einfach wird
Richtung vor dem Stoß mit v und V und nach dem es erst wieder in dem anderen Grenzfall, dem sog.
Stoß mit u und U. Dann verlangt der Impulssatz vollständig inelastischen Stoß (oder unelastischen
Stoß), bei dem die Stoßpartner aufeinander kleben
m ⋅ v + M ⋅V = m ⋅ u + M ⋅U
bleiben – experimentell realisierbar beispielsweise
und der auf die kinetische Energie reduzierte durch ein Stückchen Kaugummi dort, wo sich die
Energiesatz beiden Kugeln berühren. Dann wird ihre gemeinsame
Geschwindigkeit vom Impulssatz bestimmt:
m(v 2 − u 2) = M (V 2 − U 2).
m ⋅ v + M ⋅V
Umstellen der Glieder liefert u =U =
m+M
m(v − u) = M (V − U )
Der Energiesatz legt dann fest, wie viel Wärme durch
und plastische Verformung des Kaugummis entwickelt
wird. Dieser Stoß heißt vollständig inelastisch, weil
m(v 2 − u 2) = M (V 2 − U 2).
bei ihm am meisten Wärme entwickelt wird.
66 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Frage: Was ist schlimmer? Mit 50 km/h gegen Kraft gleich Masse mal Beschleunigung (des Schwer-
die Wand fahren oder frontal mit einem mit eben- punkts). Da liegt nun die Vermutung nahe: Wenn
falls 50 km/h fahrenden gleich schweren Auto man eine Rotation aus der Ruhe anwerfen
 will, dann
2 zusammenstoßen? braucht man ein Drehmoment T (7 Abschn. 2.2.6).
Antwort: Nehmen wir an, es handele sich in Und was dann passiert, sagt ein Gleichung:
beiden Fällen um einen unelastischen Stoß. Das Auto  
bleibt dann an der Wand stehen und die gesamte T = ? ⋅ α,
kinetische Energie des Autos entfaltet ihre zerstöre- Drehmoment gleich Irgendwas mal Winkelbeschleu-
rische Wirkung. Aber auch die beiden frontal zusam- nigung. Für welche physikalische Größe steht das
menstoßenden Autos bleiben stehen. Da sie sich mit Fragezeichen?
gleicher Masse und Geschwindigkeit entgegengesetzt Um diese Frage zu beantworten, soll zunächst nur
bewegt haben, war der Gesamtimpuls vor der Kol- ein kleiner Teil des rotierenden Gegenstands betrach-
lision Null. Also muss er es danach auch noch sein. tet werden, der die Masse Δm haben möge. Dieser Teil
Für das einzelne Auto ist die Wirkung also genau die- befinde sich im Abstand r von der Drehachse und
selbe. Schlimmer ist der Frontalzusammenstoß nur, zufällig soll gerade auf diesen Teil eine resultierende
weil zwei Autos betroffen sind. Kraft F wie in . Abb. 2.54 wirken. Das bedeutet dann
einerseits, dass er tangential beschleunigt wird:
 
F = ∆m ⋅ at,
Rechenbeispiel 2.13: Zorniges Kind  
Aufgabe: Ein Kleinkind, welches in da F senkrecht zum Ortsvektor r steht. Andererseits
einem leichtgängigen Kinderwagen sitzt wirkt auf Δm ein Drehmoment mit Betrag T = r ⋅ F .
(Gesamtmasse Kind plus Kinderwagen: 10 kg) Es darf auch geschrieben werden:
werfe seine volle Nuckelflasche (250 g) mit
T = r ⋅ F = r ⋅ ∆m ⋅ at = r 2 ⋅ ∆m ⋅ α
vN = 2 m/s in Fahrtrichtung aus dem Wagen.
Wenn der Kinderwagen zunächst in Ruhe war, denn für die Winkelbeschleunigung α gilt at = r ⋅ α,
welche Geschwindigkeit hat er nun? wie in Abschn. 2.1.4 besprochen. Für diesen Teil des
Lösung: Der Gesamtimpuls war vor dem Gegenstands ist also das Fragezeichen r 2 ⋅∆m , und
Wurf Null, also muss er es danach auch für jeden anderen Teil natürlich auch. Es bleibt nur,
noch sein. Der Wagen wird sich also alle zusammenzuzählen. Für einen Gegenstand mit
entgegengesetzt zur Wurfrichtung mit einer kontinuierlicher Massenverteilung bedeutet dies
Geschwindigkeit vW bewegen, für die gilt: eine Integration über infinitesimal kleine Massen-
0, 25 kg
elemente dm:
250 g ⋅ vN = −10 kg ⋅ vW ⇒ vW = ⋅v
10 kg N T = α ⋅ ∫ r 2 ⋅ dm
= 0, 05 m/s.
wobei T nun das resultierende Drehmoment auf den
Gegenstand ist. Die Winkelbeschleunigung α kann vor
das Integral, weil sie für alle Teile des starren Gegen-
2.4 Dynamik der Rotation stands gleich ist. Das Integral bekommt einen Namen:
Tragheitsmoment
 J = ∫ r 2 ⋅ dm.
2.4.1 Das 2. Newton´sche Gesetz in
neuem Kleid

) P
Wenn man eine lineare Bewegung des Schwerpunk-
tes aus der Ruhe anwerfen
 will, braucht man eine
U
resultierende Kraft F . Was dann passiert, sagt das
2. Newton´sche Gesetz:
 
F = m ⋅ as, . Abb. 2.54  Dynamik der Rotation (siehe Text)
2.4 · Dynamik der Rotation
67 2
Im Detail erweist es sich als eine etwas vertrackte gilt, kann nach alledem nicht mehr verwundern.
physikalische Größe; darum soll ihm ein eigenes Für den oben betrachteten Teil Δm des rotierenden
7 Abschn. 2.4.3 gewidmet werden. Gegenstands gilt ja:
Man darf in vielen wichtigen Fällen das Ganze als
1 1
Vektorgleichung schreiben: ∆Ekin = ∆m ⋅ v 2 = ∆m ⋅ r 2 ⋅ ω 2.
2 2
 
T = J ⋅α Integration über den ganzen Gegenstand liefert dann
 die obige Gleichung.

Die Vektoren T und α zeigen dann gemeinsam in
Richtung der Drehachse. Merke
Diese Grundgleichung der Rotation ist nichts
anderes als das 2. Newton´sche Gesetz. Es hat nur ein Die wichtigsten Analogien sind in der
anderes „mathematisches Kleid“ bekommen, das für folgenden Tabelle zusammengestellt:
die Behandlung von Drehbewegungen besser geeig- lineare Bewegung Rotation
net ist. Wegstrecke s Drehwinkel φ
Die Analogie zur linearen Bewegung kann noch Geschwindigkeit v
 
Winkelgeschwindigkeit ω
etwas weiter gerieben werden. Mit der Definition des Beschleunigung a

Winkelbeschleunigung α

 
Impulses p = m ⋅ v ließ sich dort die Grundgleichung  
   dp Kraft F Drehmoment  T
F = m ⋅ a umschreiben zu F = (wenn die Masse Masse m Trägheitsmoment J
dt    
konstant ist). Es liegt deshalb nahe, für die Rotation Impuls p = m ⋅ v Drehimpuls L = J ⋅ ω
 
einen   dp   dL
F = m⋅ a = T = J ⋅α =
  dt dt
Drehimpuls L = J ⋅ ω
1 1
Wkin = m ⋅ v 2 Wkin = J ⋅ ω2
2 2
zu definieren, der dann der Bedingung
 
 dω dL
T =J⋅ =
dt dt
folgt (wenn J konstant ist). Ohne äußeres Drehmo- 2.4.2 Dynamik der Kreisbewegung
ment bleibt der Drehimpuls demnach konstant. Im
abgeschlossenen System gilt deshalb neben dem Im Weltraum gibt es fast schon „Gedrängel“, aller-
schon bekannten Impulssatz auch ein Drehimpuls- dings nur in einem schmalen Ring rund 36.000 km
erhaltungssatz. Er hat zuweilen recht überraschende über dem Äquator: dort versammeln sich alle Nach-
Konsequenzen, von denen einige in den nächsten richten- und Wettersatelliten der Erde. Man nennt
Kapiteln besprochen werden sollen. sie geostationär, weil ein jeder senkrecht über seinem
Punkt auf der Erde stehen bleibt, d. h. mit der glei-
Merke chen Winkelgeschwindigkeit um die Erde läuft, mit
 der sich diese selber dreht. Warum Äquator, warum

Drehimpuls L = J ⋅ ω 3,6·107 m?
Grundgleichung der Rotation:
 Wer auf einer Kreisbahn laufen will, braucht eine
  dL 
 Zentripetalbeschleunigung az , die ständig zum
T = J ⋅ α oder T =
dt Mittelpunkt des Kreises zeigt, sich also mitdreht.
7 Abschn. 2.1.4 hatte für ihren Betrag

v2
Dass für die in einer Rotation enthaltene kinetische az = ω 2 ⋅ r =
r
Energie die Formel
ergeben (ω = Winkelgeschwindigkeit, v = Bahnge-
1
Ekin = J ⋅ ω 2 schwindigkeit, r = Radius der Kreisbahn). Nach der
2 
Grundgleichung der Mechanik muss az von einer
68 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

ebenfalls ständig zum Mittelpunkt des Kreises zei- nur Zugkräfte in ihrer eigenen Richtung übertra-
genden Kraft geliefert werden. Sie heißt Zentripetal- gen (. Abb. 2.60). Die Passagiere brauchen für ihre
kraft und hat den Betrag Kreisbahn eine horizontale Zentripetalkraft Fz ;
2 v2
die Ketten müssen sie liefern, mit der waagerech-
Fz = m ⋅ az = m ⋅ ω 2 ⋅ r = m . ten Komponente ihrer Zugkraft. Diese Kompo-
r
nente existiert nur, wenn die Gondeln nach außen
Der Hammerwerfer auf dem Sportplatz muss sie mit schwenken, und die Ketten schräg nach oben ziehen
seinen Muskeln aufbringen und über das Seil des (. Abb. 2.60, rechtes Kräftedreieck). Gerade unter
„Hammers“ auf diesen übertragen. physikalischen Laien ist es sehr gängig zu sagen:
auf die Passagier wirkt eine nach außen gerichtete
Merke Zentrifugalkraft, die die Gondeln nach außen zieht.
Eine sorgfältige Betrachtung zeigt leider, dass diese
Kreisbahn: Zur Zentripetal(Zentral) an sich so anschauliche Vorstellung ihre Tücken hat.

beschleunigung az gehört eine zum Zentrum Tatsächlich ist ja nichts und niemand da, der diese
hin gerichtete Kraft ausübt. Die Zentrifugalkraft ist eine sogenannte
Zentripetalkraft mit Betrag Trägheitskraft oder Scheinkraft, die es strenggenom-
Fz = m ⋅ az = m ⋅ ω 2 ⋅ r . men nur in beschleunigten Bezugssystemen gibt. Das
wird in 7 Abschn. 2.5.2 besprochen.
Auch alle Teile eines rotierenden Gegenstands
Die geostationären Satelliten können sich ihre Zent- bewegen sich auf Kreisbahnen und müssen von
ripetalkraft nur von der Gravitation holen. Die aber Zentripetalkräften auf ihnen gehalten werden. Der
zeigt zum Zentrum der Erde; deren Mittelpunkt ist Gegenstand muss genug Festigkeit haben, diese Zen-
Mittelpunkt der Kreisbahn, ob der Satellit nun über tripetalkräfte aufbringen zu können. Bei sehr schnell
die Pole läuft oder anderswo. Geostationär kann er rotierenden Turbinen ist das keine Selbstverständ-
sich freilich nur in einer Äquatorbahn aufhalten; alle lichkeit. Hat das Turbinenrad ernsthafte Material-
anderen Bahnen überstreichen verschiedene geogra- fehler oder wurde es falsch berechnet, kann es aus-
phische Breiten. einander fliegen wie eine Bombe.
In Satellitenhöhe darf man für die Fallbeschleu-
nigung nicht mehr den erdnahen Wert g ansetzen,
man muss das Gravitationsgesetz F = G·m·M/r2 Rechenbeispiel 2.14: Geostationäre Bahn
bemühen (s. 7 Abschn. 2.2.2, G = Gravitationskon- Aufgabe: Sind geostationäre Satelliten wirklich
stante, M = Masse der Erde). Vom geostationären 36000 km über dem Äquator? (Nutzen Sie die
Satelliten wird die Kreisfrequenz ωE = 2π/24 h ver- Tabellen im Anhang.)
langt, mit der die Erde rotiert. Daraus folgt für den Lösung: Die oben angegebene Gleichung für
Betrag der Zentripetalkraft: die Zentripetalkraft lässt sich nach r3 auflösen:
m⋅M G⋅M
Fz = m ⋅ ωE2 ⋅ r = G . r3 = .
r2 ωE2

Es ist: ωE = = 7, 27 ⋅10−5 s−1 ; G = 6,68 ⋅
G ist eine Naturkonstante, M und ωE sind fest vorge- 24 h
geben, also kann die Bedingung „geostationär“ nur 10-11 m³/kg⋅s; M = 5,97 ⋅ 1024 kg. Damit ergibt
von einem einzigen Bahnradius erfüllt werden. Die sich: r³ = 7,54 ⋅ 1022 m³ und r = 4,22 ⋅ 104 km.
Satelliten müssen sich drängeln. Will man die Höhe über dem Äquator wissen,
Mit weniger Aufwand als eine Raumfähre muss man noch den Erdradius von rE = 6,38 ⋅
dreht ein Kettenkarussell seine Passagiere im Kreis 103 km abziehen und kommt tatsächlich auf
herum. Dabei schwenken die Gondeln nach außen; 3,58 ⋅ 104 km.
die Ketten, an denen sie hängen, können wie Seile
2.4 · Dynamik der Rotation
69 2
2.4.3 Trägheitsmoment Der Rechentrick besteht darin, sich den Zylinder aus
lauter Rohren in der Art einer Zwiebel zusammen-
Das Trägheitsmoment J eines vorgegebenen gesetzt zu denken. Jedes dieser Rohre mit Radius r
Gegenstands lässt sich nicht als einfacher Messwert und infinitesimaler Wandstärke dr hat eine Masse
angeben, denn es hängt nicht nur von der Gestalt
des Gegenstands ab, davon, wie er seine Masse im dm = 2π ⋅ r ⋅ dr ⋅ l ⋅ ρ
Raum verteilt, sondern auch von der Lage und der
Richtung der Drehachse. Dadurch wird J formal zu wobei l die Länge des Rohres und ρ die Dichte des
einem Tensor mit neun Komponenten und einem Materials ist. Das Trägheitsmoment ist:
besonderen Thema für Lehrbücher der Mathematik.
Der Physiker hält sich am besten zunächst einmal dJ = r 2 ⋅ dm = 2π ⋅ r 3 ⋅ dr ⋅ l ⋅ ρ
an übersichtliche Sonderfälle. Der einfachste ist
eine punktförmige Masse m die auf einer Kreisbahn Nun muss nur noch ein einfaches Integral über die
mit Radius R umläuft. Definitionsgemäß hat sie ein Radiusvariable r von 0 bis zum Zylinderradius R aus-
Trägheitsmoment J = m ⋅ R 2 . Die gleiche Formel geführt werden, die
ergibt sich auch für ein Rohr, das um seine Längs-
1 1
achse rotiert, denn auch bei ihm befindet sich die J = π ⋅ R 4 ⋅ l ⋅ ρ = m ⋅ R 2. .
2 2
ganze Masse im gleichen Abstand von der Mittel-
achse, nämlich dem Radius des Rohres. Bei einem liefert, da die Masse des Zylinders m = π ⋅ R 2 ⋅ l ⋅ ρ ist.
homogen mit Masse gefüllten Zylinder, der ebenfalls Man könnte den Zylinder natürlich auch um eine
um die Mittelachse rotiert, muss das Trägheitsmo- Querachse rotieren lassen. Dann ist die Rechnung
ment niedriger sein, da ja hier die Masse im Mittel viel schwieriger und es kommt eine andere Formel
näher an der Drehachse ist. Hier gilt es, das Integral: heraus. Die Tabelle . Abb. 2.55 gibt einige Formeln
für einfache Gegenstände und verschiedene Achsen,
J = ∫ r 2 ⋅ dm die durch den Schwerpunkt des jeweiligen Gegen-
stands gehen.
tatsächlich auszurechnen. Im allgemeinen Fall ist das Ist die Drehachse aus dem Schwerpunkt heraus
ein keineswegs triviales Problem der Mathematik. Das parallelverschoben um einen Abstand a, so muss zu
Integral ist für den Zylinder mit einen Trick relativ diesen Werten für das Trägheitsmoment noch ein
leicht zu lösen. Es kommt heraus, dass das Trägheits- Term m ⋅ a 2 dazuaddiert werden (Satz von Steiner).
moment gerade halb so groß ist wie beim Rohr, also: Das ist plausibel, denn dann läuft auch noch der
Schwerpunkt auf einer Kreisbahn um die Drehachse
1
J = m ⋅ R 2 . herum.
2

' 5
-VP5 -VP5 -VP5 -VP/ -VP/

-V P 5 / -V P 5 / -VP/

. Abb. 2.55  Trägheitsmomente einiger symmetrischer Gegenstandbezüglich verschiedener Achsen durch den Schwerpunkt
70 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.4.4 Die Rollbewegung


Rechenbeispiel 2.15: Töpferscheibe
Aufgabe: Eine Töpferscheibe mit Es ist nicht schwer, sich einen Zylinder vorzustellen,
2 m = 500 g und einem Radius von der eine schiefe Ebene herunterrollt (. Abb. 2.56). Um
R = 15 cm soll in 5 Sekunden auf 3 welche Drehachse dreht er sich eigentlich? Dumme
Umdrehungen pro Sekunde gebracht Frage, könnte man meinen: natürlich um seine durch
werden. Welches Drehmoment muss dazu den Schwerpunkt gehende Längsachse (Symmet-
ausgeübt werden? Die Töpferscheibe kann rieachse). Das ist aber nur eine mögliche Betrach-
als homogene Zylinderscheibe angenommen tungsweise. Sie setzt voraus, dass man sich die Roll-
werden. bewegung aus zwei Bewegungen zusammengesetzt
Lösung: Am Ende rotiert die Scheibe mit der denkt: aus einer linearen Bewegung des Schwerpunk-
Winkelgeschwindigkeit ω = 2π ⋅ 3 s-1 = 18, 8 s-1. tes und einer Rotationsbewegung um den Schwer-
Die geforderte Winkelbeschleunigung punkt. Beim schiefen Wurf (7 Abschn. 2.1.3) hatte es
ω 2π ⋅ 3 s-1
beträgt: α = = = 3, 77 s-2 . Das
sich ja als nützlich erwiesen, die Bewegung längs der
t 5s Wurfparabel aus einer horizontalen Bewegung mit
Trägheitsmoment berechnet sich gemäß:
konstanter Geschwindigkeit und einer vertikalen
J = 1 m ⋅ R 2 = 0,25 kg ⋅ (0,15 m)2 Bewegung mit konstanter Beschleunigung zusam-
2
= 5,6 ⋅10-3 kg ⋅ m 2. menzusetzen. Will man die Winkelbeschleunigung
Das notwendige Drehmoment ist also: des Zylinders berechnen, geht es aber schneller, wenn
T = J ⋅ α = 0, 021 Nm . man die Rollbewegung als reine Drehbewegung ohne
lineare Bewegung auffasst. Wie geht denn das?
Die Drehachse ist ja nach 7 Abschn. 2.1.4 dieje-
nige Achse, bezüglich der alle Teile des rotierenden
Gegenstands die gleiche Winkelgeschwindigkeit
Rechenbeispiel 2.16: Ein Klecks auf die haben. Das bedeutet insbesondere, dass der Gegen-
Töpferscheibe stand am Ort der Drehachse ruht. Und das tut der
Aufgabe: Auf die Töpferscheibe, die nun mit Schwerpunkt beim herunterrollenden Zylinder nun
der oben berechneten Winkelgeschwindigkeit sicher nicht. Hier ruht der Zylinder vielmehr längs
rotieren möge, falle nun ein Klecks Ton mit der Linie, längs der er die schiefe Ebene berührt, der
einer Masse von 20 g auf den Rand. Aufgrund Zylinder rollt und rutscht nicht. Er ruht dort natür-
des Drehimpulserhaltungssatzes vermindert lich nur für einen beliebig kurzen Moment, denn im
sich daraufhin die Winkelgeschwindigkeit. Auf nächsten Moment ist die Berührlinie schon wieder
welchen Wert ω´? ein Stück weitergewandert, sowohl auf der schie-
Lösung: Der Klecks erhöht das fen Ebene als auch auf der Zylinderoberfläche. Die
Trägheitsmoment der Scheibe. Wenn er Berührlinie ist die Drehachse, um die sich der Zylin-
so klein ist, dass wir ihn als punktförmige der dreht. Diese Drehachse ist aber nicht raumfest,
Masse betrachten können, um sondern eine sogenannte momentane Drehachse,
∆J = m ⋅ R 2 = 20 g ⋅ (0,15 m)2 = 4, 5 ⋅10-4 kg ⋅ m 2. die ständig ihren Ort wechselt. Das macht die Sache
Der Klecks bringt keinen Drehimpuls etwas unübersichtlich und unanschaulich. Das
mit, rotiert nun aber mit der Scheibe mit. Berechnen der Winkelbeschleunigung geht nun aber
Mangels eines äußeren Drehmoments ganz schnell. Dazu muss man sich das Drehmoment
bleibt der Gesamtdrehimpuls aber und das Trägheitsmoment besorgen. Das Drehmo-
erhalten: L = J ⋅ ω = (J + ∆J ) ⋅ ω′ . Die ment liefert die im Schwerpunkt angreifende Han-
Töpferscheibe verlangsamt sich also auf: gabtriebskraft  FH  (Komponente der Schwerkraft
ω′ =
J
ω = 17, 4 s-1 . parallel zur schiefen Ebene, . Abb. 2.56):
J + ∆J
T = R ⋅ FH
2.4 · Dynamik der Rotation
71 2

m ⋅ aS = FH − FR
)8
Die Normalkomponenten F N und F U kompen-
sieren sich ja weg wie bei der Kiste auf der Rampe
)+
)5 (7 Abschn. 2.2.3). Für die Winkelbeschleunigung ist
nun Drehmoment und Trägheitsmoment bezüg-
)1
lich der Symmetrieachse durch den Schwerpunkt
)* zuständig:
T R ⋅ FR
α= S =
J S 1 mR 2
. Abb. 2.56  Rollender Zylinder. Kräfte auf einen
2
herabrollender Zylinder. Je nachdem, wo man sich die
Das Problem liegt nun darin, dass die Reibungskraft
Drehachse hindenkt, liefert die Reibungskraft oder die FR unbekannt ist. Zwei Gleichungen für die drei
Hangabtriebskraft das Drehmoment auf den Zylinder Unbekannten aS, α und FR reichen nicht. Das Wissen,
dass es eine Rollbewegung ist, liefert aber noch einen
Zusammenhang zwischen aS und α:
Drehachse ist ja die Berührlinie. Die dort angreifende
Reibungskraft FR trägt nicht zum Drehmoment bei. aS = α ⋅ R
1
Zu dem Trägheitsmoment laut Tabelle m ⋅ R 2 ist
2 Stöpselt man diese drei Gleichungen zusammen, so
gemäß Steiner´schem Satz ein Term m ⋅ R 2 dazu zu kommen natürlich dieselben Gleichungen für α und
addieren. Die Winkelbeschleunigung ist dann: als heraus, die in der ersten, eben etwas schnelleren
Betrachtung gewonnen wurden. Dies zu prüfen, sei
T R ⋅ FH 2 FH
α= = = dem Leser als Übung überlassen.
J 3
m⋅ R 2 3 m⋅ R
Die Rollbewegung ist zwar schon deutlich kom-
2
plizierter als die einfache Drehung um eine raum-
Der Schwerpunkt befindet sich im Abstand R von feste Achse, aber die Bewegung eine starren Gegen-
der momentanen Drehachse und erfährt die (Tan- stands kann noch viel komplizierter sein. Man denke
gential-)Beschleunigung an die Pleuelstange in einem Kolbenmotor. Welche
wilden Bewegungen hier die momentane Dreh-
2 FH
aS = α ⋅ R = . achse macht, muss nur der Maschinenbauingenieur
3 m
wissen und das lernt er (hoffentlich) in der Techni-
Würde der Zylinder nicht rollen, sondern reibungs- schen Mechanik.
frei rutschen, so wäre seine Beschleunigung gerade
F
aS = H . Rollend ist er langsamer, da die Drehbe-
m Rechenbeispiel 2.17: Wettlauf zwischen
wegung gegen die Trägheit des Trägheitsmomentes Rohr und Walze
beschleunigt werden muss. Wäre das Trägheitsmo- Aufgabe: Beim Wettlauf gewinnt die Walze, da
ment größer, wäre die Beschleunigung noch gerin- sie bei gleicher Masse und Radius das kleinere
ger. Dies wird in einem beliebten Vorlesungsversuch Trägheitsmoment hat. Um welchen Faktor ist
demonstriert, in dem man einen homogenen Zylin- die Winkelbeschleunigung der Walze größer?
der und ein Rohr gleicher Masse und gleichen Radius Lösung: Das Trägheitsmoment der Walze
auf einer schiefen Ebene miteinander um die Wette 3
bezüglich der Berührlinie ist m ⋅ R 2 , das des
rollen lässt. Wer gewinnt? 2
Rohres  2m ⋅ R 2. Das Trägheitsmoment der
Natürlich lässt sich alles auch mit der Idee der
zusammengesetzten Bewegung (lineare Bewegung Walze ist also um einen Faktor 3 4 kleiner, ihre
plus Rotation um den Schwerpunkt) ausrechnen. Winkelbeschleunigung also um 4 3 größer.
Auch das soll geschehen: Für die Beschleunigung des
Schwerpunktes liefert der Schwerpunktsatz:
72 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.4.5 Drehimpulserhaltung

Warum segelt ein Frisbee (. Abb. 2.57) so elegant


2 durch die Lüfte? Von allein tut es das nicht; der
gekonnte Schlenker mit der Hand gehört beim
Abwurf unbedingt dazu. Man lernt ihr durch eifri-
ges Üben im Freien und nicht im stillen Kämmer-
lein durch Büffeln des Drehimpulserhaltungssatzes,
obwohl der eine ganz wichtige Rolle spielt. Es gehört
zu den Geheimnissen der Naturgesetze, dass man sie NJP NJP NJP
nutzen kann, ohne sie zu kennen.
Bei jedem aerodynamischen Flug, Flugzeug oder . Abb. 2.58  Eistänzerin Trägheitsmomente des Menschen
in verschiedenen Körperhaltungen bei Drehung um die
Frisbee, hat der Anstellwinkel, der Winkel der Trag-
vertikale freie Achse (Anhaltswerte)
fläche gegenüber dem Luftstrom, gegenüber der
Flugbahn besondere Bedeutung. Der Pilot kann ihn
Drehimpuls verschafft. Diesen übernimmt sie in
während des Fluges einstellen, das Frisbee nicht. Es
einer Stellung mit hohem Trägheitsmoment (drittes
kann nicht mehr tun, als seine anfängliche Orien-
Teilbild der . Abb. 2.58) und relativ kleiner Winkel-
tierung in der Luft einigermaßen beizubehalten –
geschwindigkeit. Wenn sie sich jetzt aufrichtet und
mit Hilfe des Drehimpulses. Der gekonnte Schlen-
die Arme an den Körper und damit an die vertikale
ker beim Abwurf lässt das Frisbee um eine Achse
Drehachse heranholt, nimmt ihre Winkelgeschwin-
senkrecht zu seiner Hauptebene und senkrecht zum
digkeit merklich zu, denn anders kann der Dreh-
Anfang seiner Flugbahn rotieren. Im Flug bleibt der
impuls bei vermindertem Trägheitsmoment nicht
Drehimpuls weitgehend erhalten, behält die Drehim-
erhalten bleiben. Ähnliches tut der Kunstspringer
pulsachse weitgehend ihre Richtung, bekommt das
beim Salto, nur rotiert er um eine horizontale Achse.
Frisbee durch die Krümmung der Wurfparabel einen
Nach dem Absprung geht er in die Hocke, um J zu
Anstellwinkel und segelt nun mit aerodynamischem 
verringern und ω zu erhöhen; am Ende des Sprunges
Auftrieb deutlich über die Wurfparabel hinaus. Die 
streckt er sich wieder, um bei kleinerem ω mit den
alten Griechen kannten den Effekt auch schon und
Händen zuerst sicher in das Wasser einzutauchen.
nutzten ihn beim Diskuswerfen.
Dort gibt er dann seinen Drehimpuls an die Erde
Ob sie ihn nun kennen oder nicht, auch Eistänze-
zurück, von der er ihn beim Absprung vom Turm
rinnen und Kunstspringer nutzen den Drehimpuls-
ausgeborgt hatte.
erhaltungssatz auf recht raffinierte Weise. Achsen-
ferne Massen tragen ja in weit höherem Maß zum Für den nicht so sportlichen Physikprofessor im
Trägheitsmoment bei als achsennahe; der Radius r Hörsaal steht vielleicht ein Drehschemel zur Verfü-
geht quadratisch ein. Deshalb kann der Mensch sein gung, ein Stühlchen, das sich in einem fest auf dem
Trägheitsmoment (im Gegensatz zu seiner Masse) Hörsaalboden stehenden Gestellt reibungsarm um
beträchtlich verändern, wie . Abb. 2.58 an drei Bei- eine vertikale Achse drehen kann. Rücken- und Arm-
spielen zeigt. Will nun die Eistänzerin eine Pirouette lehnen, dazu eine mitrotierende Fußbank erleichtern
drehen, so besorgt sie sich zunächst mit dem Fuß die Versuche, sind aber nicht unerlässlich. Wie kann
 sich der ruhende Professor mitsamt dem Schemel
  dL
ein Drehmoment T , das ihr wegen T = einen in Drehung versetzen, wenn man alle Gegenstände
dt
des Hörsaals aus seiner Reichweite entfernt? Er kann
eine Hand hoch strecken und den ganzen Arm auf
einem Kegelmantel kreisen lassen. Damit erzeugt er
einen vertikalen Drehimpuls und die Drehimpuls-
erhaltung verlangt eine Gegendrehung von Mensch
. Abb. 2.57  Frisbee. Aufgrund des stabilen Anstellwinkels und Schemel, denn der gesamte Drehimpuls war zu
gleitet das Frisbee weiter als ein Ball Beginn null und muss es bleiben. Die Gegendrehung
2.4 · Dynamik der Rotation
73 2
stoppt, sobald der Professor seinen Arm wieder bleibt nur eine freie Achse. Beim Rad des Autos soll
stillhält. Hat sich der Professor irgendwie anders in sie mit der Mechanikerachse zusammenfallen.
Drehung versetzt und zwei schwere Hanteln genom- Menschliches und tierisches Leben ist Bewegung.
men, so kann er sie dicht am Körper halten oder Wer sich aber bewegt, muss den Impuls- und den
weit von sich strecken. Er ändert damit deutlich sein Drehimpulserhaltungssatz einhalten. Auf der Erde
Trägheitsmoment und wird schneller (Hanteln am macht das keine Schwierigkeiten, solange man mit
Körper) oder langsamer (Hanteln gestreckt). Er tut den Füßen auf dem Boden bleibt: Die Erde ist groß
dann genau das gleiche wie die Eiskunstläuferin, hat genug, um alle Impulse und Drehimpulse mensch-
es aber bequemer. licher Größenordnung spielend aufzufangen. Astro-
nauten bewegen sich nicht ganz so bequem, vor allem
All diese Beispiele zeigen übrigens eins: Die Gleichung: weil ihnen der durch Haftreibung sichere Kontakt mit
 dL
 
dω dJ 
der Raumstation fehlt. Doch was immer sie tun, der
T= =J⋅ + ⋅ω Schwerpunkt, den sie gemeinsam mit ihrer Raum-
dt dt dt
fähre haben, zieht unbeirrt seine von der Gravitation
gilt anders als die entsprechende Gleichung bei linearer Bewe- und Anfangsgeschwindigkeit bestimmte ballistische
gung auch dann, wenn das Trägheitsmoment nicht konstant
Kurve um die Erde, zum Mond oder irgendwohin.
ist, sondern sich aufgrund einer Formänderung des Gegen-
standes wandelt. Auch ohne äußeres Drehmoment kann so
Er liegt aber nur dann ortsfest in der Raumstation,
eine Winkelbeschleunigung entstehen. wenn alle Astronauten schlafen. Bewegen sie sich, so
schubsen sie ihr Gehäuse mit allem, was daran fest-
Wer einen Salto springt, rotiert um eine sog. freie geschraubt ist, hin und her. Das schließt Experimente
Achse, im Gegensatz zum Geräteturner, der sich bei echter „Schwerelosigkeit“ in der Kapsel aus; man
bei einer Riesenwelle die Reckstange als Dreh- erreicht dort nur eine „Mikrogravitation“.
achse vorgibt. Freie Achsen müssen immer durch
den Schwerpunkt laufen, denn täten sie es nicht, so
durchliefe der Massenmittelpunkt eine Kreisbahn: Rechenbeispiel 2.18: Eistänzerin
eine Zentrifugalkraft wäre die Folge. Die aber kann Aufgabe: Eine Eistänzerin starte ihre Pirouette
nur von einer festen Achse aufgefangen werden (bei mit ω = 6,28 s-1 (. Abb. 2.58, rechtes Teilbild).
einer Riesenwelle biegt sich die Reckstange ja auch Welche Winkelgeschwindigkeit erreicht
ganz schön durch). Jedes Rad eines Autos muss durch sie, wenn sie sich aufgerichtet hat? Um
eine kleine Zusatzmasse „ausgewuchtet“ werden welchen Betrag hat sich dann ihre kinetische
(. Abb. 2.59), bis sein Schwerpunkt auf der konst- Energie erhöht? Wo kommt diese zusätzliche
ruktiv vorgeschriebenen „Mechanikerachse“ liegt. Energie her?
Andernfalls „schlägt“ das Rad und reißt an seinem Lösung: Der Drehimpuls bleibt
Lager. Der Springer im Salto hat kein Lager, ihm beim Aufrichten in etwa konstant:
L = J ⋅ ω = 8 kg ⋅ m 2 ⋅ 6, 28 s-1 = 1, 2 kg ⋅ m 2 ⋅ ω′ .
Damit folgt für die Winkelgeschwindigkeit nach
dem Aufrichten: ω' = 41,9 s-1. Die kinetische
1, 2 kg ⋅ m 2 ′ 2
Energie ist dann: Wkin = ω = 1052 J.
2
Beim Start der Pirouette waren es nur
8 kg ⋅ m 2 2
Wkin = ω = 158 J. Die Tänzerin muss,
2
wenn sie ihre Körperteile zum Schwerpunkt
heranzieht, mit der Zentripetalkraft, die
die Radialbeschleunigung bewirkt, Arbeit
leisten. Diese erhöht die kinetische Energie.
Anschaulicher ist es, zu sagen: die Eistänzerin
. Abb. 2.59  Auswuchten. Zusatzgewicht zum Auswuchten
muss ihre Körperteile gegen die nach
eines Autorades
74 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

Wenn ein Auto gegen einen Baum gefahren ist, dann


außen gerichtete Zentrifugalkraft an sich liest man zuweilen in der Zeitung, die Insassen (nicht
heranziehen. Die aus der Umgangssprache angeschnallt!) seien durch die Wucht des Aufpralls
2 geläufige Zentrifugalkraft ist aber eine
Trägheitskraft; und was es mit diesen auf sich
aus dem Wagen herausgeschleudert worden – gerade
so, als habe sie eine plötzlich auftretende Kraft von
hat, darum geht es nun. ihren Sitzen gerissen. Dies entspricht auch ihrem sub-
jektiven Empfinden. Ein Augenzeuge am Straßen-
rand könnte aber glaubhaft versichern, zunächst sei
das Auto mit hoher Geschwindigkeit auf den Baum
2.5 Trägheitskräfte zugefahren, dann sei es plötzlich stehen geblieben,
die Insassen jedoch nicht. Nach dieser Darstellung
2.5.1 Linear beschleunigte sind sie gerade deshalb aus dem Wagen geflogen, weil
Bezugssysteme keine Kraft auf sie wirkte, um sie zusammen mit dem
Auto anzuhalten. Was ist nun „wirklich“ geschehen?
Ein Mensch, der im Bett liegt und schläft, meint, er Existierte eine Kraft auf die Insassen, ja oder nein?
sei in Ruhe. Tatsächlich rotiert er aber mit samt der Die Antwort lautet: nein, da ist keine Kraft auf
Erde um deren Achse und läuft mit ihr um die Sonne. die Insassen. Zu einer Kraft gehören nämlich immer
Diese wiederum macht die Drehung der Milch- zwei: einer, auf den sie wirkt und einer, der sie ausübt.
straße mit, die als Ganzes vermutlich auf eine andere Vor den Insassen ist aber nichts, was eine Kraft
Galaxis zuläuft. Eine „wahre“ Bewegung, eine „abso- ausüben würde. Trotzdem, im Bezugssystem Auto
lute“ Geschwindigkeit gibt es nicht - und zwar grund- sind die Insassen nach vorn beschleunigt. Da muss
sätzlich nicht. Die Messung einer Geschwindigkeit sie doch eine Kraft nach vorne ziehen? Der Schuss
setzt eine Ortsbestimmung voraus und diese ver- wäre richtig, wenn im Bezugssystem Auto das 2.
langt ein Koordinatenkreuz als Bezugssystem. Jeder Newton´sche Gesetz gälte; das tut es aber nicht.
Beobachter bevorzugt das seine und behauptet gern,
er befände sich mit ihm in Ruhe. Der Mensch neigt Merke
dazu, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten –
in der Physik ist das in Grenzen sogar erlaubt: Koor- Die Newton´schen Gesetze gelten nur in
dinatensysteme, die sich im absoluten Raum mit Inertialsystemen.
konstanter Geschwindigkeit geradlinig gegenein-
ander bewegen, sog. Inertialsysteme, haben keine
Vorrechte voreinander; von jedem darf jemand Man kann aber auch in beschleunigten Bezugssyste-
behaupten, es sei in Ruhe. Wenn sich die Geschwin- men mit den Newton´schen Gesetzen rechnen, wenn
digkeit eines Bezugssystems aber ändert, wenn man Trägheitskräfte (auch Scheinkräfte genannt)
es z. B. rotiert, ist es kein Inertialsystem und dann einführt. Das ist aber nur ein Trick.
kann der, der dieses Bezugssystem benutzt, nicht Der Gedanke mag ausgefallen erscheinen, aber
so einfach mit den Newton´schen Gesetzen weiter- man kann auch in einem Fahrstuhl die Gewichts-
arbeiten. Dahinter steckt unsere Beobachtung mit kraft eines Menschen mit einer Federwaage aus dem
dem Smartphone (7 Abschn. 2.1.5): Beschleunigung Badezimmer feststellen. Fährt der Fahrstuhl an, und
kann der Beschleunigungsmesser absolut messen. zwar aufwärts, so muss auch der Passagier auf die
Mit dem Smartphone kann ich feststellen, ob ich in Fahrstuhlgeschwindigkeit beschleunigt werden.
einem Inertialsystem bin. Dazu bedarf es einer nach oben gerichteten Kraft,
die nur über die Waage auf ihn übertragen werden
Merke kann. Prompt zeigt sie diese Kraft an, zusätzlich
zu der des Gewichtes, die von der Waage ja auch
Ein Inertialsystem ruht oder bewegt sich mit durch eine nach oben gerichtete Federkraft kom-
konstanter Geschwindigkeit, also ohne jede pensiert werden muss. Hat der Fahrstuhl seine volle
Beschleunigung. Geschwindigkeit erreicht, so verschwindet mit der
Beschleunigung auch die Zusatzkraft, und die Waage
2.5 · Trägheitskräfte
75 2
meldet wieder das normale Gewicht. Beim Bremsen die Bremsung durch Luftreibung beginnt. In der Zwi-
im Obergeschoss wird der Fahrstuhlkorb verzögert, schenzeit „fallen“ sie mitsamt ihrer Raumkapsel um
d. h. nach unten beschleunigt – und der Passagier die Erde herum, mit einer so hohen Geschwindigkeit
auch. Die dazu notwendige Kraft lässt sich mühelos in der „Horizontalen“, dass ihre Bahn die Erde nicht
von seiner Gewichtskraft abzweigen; die Waage zeigt erreicht und zur Ellipse um deren Zentrum wird.
entsprechend weniger an. Sobald der Fahrstuhl steht, Alles in der Kapsel, ob lebendig oder nicht, bewegt
ist alles wieder beim alten. So beschreibt ein Physiker sich mit (praktisch) gleicher Geschwindigkeit und
den Vorgang, der ihn zumindest in Gedanken von (praktisch) gleicher Beschleunigung auf (praktisch)
außen, aus einem Inertialsystem heraus, beobachtet. parallelen, gekrümmten Bahnen. Im Bezugssys-
Was aber sagt jemand, der im Fahrstuhl dabei tem der Kapsel fällt nichts zu Boden, es gibt gar kein
gewesen ist und, weil der geschlossen war, nicht her- „Unten“: Kennzeichen der Schwerelosigkeit. Das
ausschauen und die Bewegungen seines Bezugssys- heißt keineswegs, dass Raumschiff und Inhalt der
tems gar nicht feststellen konnte? Er kennt nur die irdischen Schwerkraft entzogen wären; alles bewegt
vorübergehend geänderten Anzeigen der Waage und sich lediglich so, dass sich Gewichts- und Trägheits-
muss sie deuten. Grundsätzlich wäre denkbar, dass kräfte genau kompensieren. Beim Start war das ganz
da eine fremde große Masse mit ihrer Gravitation im anders. Dort zeigte die Beschleunigung nach oben,
Spiel war, dass sie erst unter dem Fahrstuhl erschien, die Trägheitskräfte addierten sich zu den Gewichts-
die Gewichtskraft erhöhend, und dann über ihm, kräften (und übertrafen sie um etwa das Dreifache).
die Gewichtskraft erniedrigend. Sehr wahrschein-
lich klingt das nicht, darum wird der Beobachter im
Fahrstuhl seine physikalischen Kenntnisse zusam- Rechenbeispiel 2.19: Wiegen im Aufzug
menkratzen und sagen: „Wie ich gelernt habe, tritt Aufgabe: Wir steigen tatsächlich mit der
in einem Bezugssystem, das sich aus irgendwelchen Personenwaage unterm Arm in einen Aufzug

Gründen mit einer Beschleunigung a durch die und wiegen uns. Die Waage zeigt eine Masse
Gegend bewegt, eine Massen-proportionale an (70 kg), obwohl sie die Gewichtskraft
  misst. Der Hersteller hofft, dass der
Tragheitskraft
 FT = −m ⋅ a
Umrechnungsfaktor von 9,81 kg·m/s2 schon
auf. Vermutlich waren die veränderten Angaben stimmen wird. Nun fährt der Aufzug nach oben
der Waage auf diese Trägheitskraft zurückzuführen, und beschleunigt dazu für kurze Zeit mit a =
vermutlich haben wir uns einem beschleunigten 1 m/s2. Auf welchen Wert erhöht sich für diese
Bezugssystem befunden. Dessen Beschleunigungen Zeit die Masse scheinbar?
kann ich sogar ausrechnen.“ Lösung: zu der Gewichtskraft m ⋅ g tritt noch
eine Trägheitskraft mit Betrag m ⋅ a hinzu. Die
Merke Waage rechnet aber natürlich unverändert
mit ihrem Umrechnungsfaktor, sodass sie eine
Trägheitskräfte existieren nur in scheinbare Masse von m′ = (g + a)m = 77,1 kg
beschleunigten Bezugssystemen, nicht in anzeigt. g
Inertialsystemen, und werden darum zuweilen
Scheinkräfte genannt.

2.5.2 Rotierende Bezugssysteme


Könnte man einen Fahrstuhl frei fallen lassen, so wäre
a = g, und die Trägheitskraft höbe die Gewichtskraft Ein Kettenkarussell dreht seine Passagiere im Kreis
auf: Der Passagier fühlte sich „schwerelos“. Astro- herum. Dabei schwenken die Gondeln nach außen,
nauten erleben diese Schwerelosigkeit tage- und damit die Ketten, an denen
 sie hängen, die notwen-
monatelang, von dem Moment an nämlich, in dem dige Zentripetalkraft FZ , die für die Radialbeschleu-

das Triebwerk der Trägerrakete abgeschaltet wird, nigung ar der Kreisbewegung gebraucht wird, mit
bis zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, wenn der waagerechten Komponente ihrer Zugkraft liefert
76 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

. Abb. 2.60  Kettenkarussell.


Links: Kräftedreieck aus der Sicht
des Passagiers; die Ketten zeigen
in Richtung der Resultierenden

2 aus Zentrifugalkraft
 Ff und )I
Gewichtskraft FG . Rechts:
Kräftedreieck aus der Sicht des
Zuschauers; die Kettenkraft liefert )*
mit ihrer Horizontalkomponenten
die zur Kreisbewegung
 notwendige
Zentripetalkraft Fz (© Schulz-Design –
Fotolia.com) )]

(7 Abschn. 2.4.2). Diese Komponente existiert nur, Bezugssystem selber vor. Aber da ist er der einzige
wenn die Gondeln nach außen schwenken, und die im ganzen Stadion. Alle anderen müssen sagen: Da
Ketten schräg nach oben ziehen (. Abb. 2.60, rechtes hält einer mit seinen Muskeln den Hammer auf einer
Kräftedreieck). Der Passagier hingegen kann nun Kreisbahn, und plötzlich lässt er los; folglich fliegt der
folgendes sagen: Ich sitze in einem rotierenden, also Hammer mit seiner momentanen Bahngeschwindig-
beschleunigten Bezugssystem, auf mich wirkt außer keit ab, tangential zum Kreis – wie die Funken von
meiner vertikalen Gewichtskraft FG eine horizontale einer Schleifscheibe (. Abb. 2.61).

Trägheitskraft, die Zentrifugalkraft Ff = −m ⋅ ar . Von den Fliehkräften rotierender Bezugssysteme
Beide addieren sich zu einer schräg nach unten und macht die Technik eifrig Gebrauch. Ein Beispiel ist
außen gerichteten Gesamtkraft, der die Kette
 folgen  die Zentrifuge. Die Bestandteile einer Suspension
muss (. Abb. 2.60, linkes Kräftedreieck). FZ und Ff lassen sich im Schwerefeld der Erde voneinan-
haben die gleichen Beträge, nach der gleichen Formel der trennen, wie z. B. die Blutsenkung beim Arzt
zu berechnen. Von der Zentrifugalkraft darf nur der zeigt. Das braucht aber Zeit und lässt sich wesent-
mitbewegte Beobachter im rotierenden Bezugssys- lich beschleunigen, wenn man für seine Probe die
tem reden, der Zaungast im ruhenden Bezugssystem Gewichtskraft durch die Fliehkraft einer Zentrifuge
sieht nur die Zentripetalkraft. ersetzt. Auch sie ist massenproportional. Mit hohen
Drehzahlen können durchaus handliche Geräte
Merke

Zentripetalkraft: nach innen gerichtete


Zentralkraft der Kreisbewegung;
Zentrifugalkraft: nach außen gerichtete
Fliehkraft im rotierenden Bezugssystem.

Wenn man die beiden Bezugssysteme nicht ausei-


nander hält, kann man Fehlschlüssen aufsitzen. In
welcher Richtung fliegt der „Hammer“ weg, den
der Hammerwerfer erst im Kreis herumschleudert
und dann los lässt? Radial nach außen, in Richtung . Abb. 2.61  Keine Kreisbewegung ohne Zentripetalkraft.
der Zentrifugalkraft – der Werfer darf das in der Tat Von einer Schleifscheibe tangential abfliegende Funken (©
sagen; er dreht sich ja mit, er gibt sein rotierendes pictonaut – Fotolia.com)
2.5 · Trägheitskräfte
77 2
Radialbeschleunigungen von mehr als 1000 g erzie- Zunächst werden alle an einem Gegenstand
len. Die eingesetzten Reagenzgläser stehen dann bei angreifenden Kräfte hingemalt (siehe zum Beispiel
laufender Zentrifuge horizontal – und sind nicht . Abb. 2.56). Diese Kräfte werden eingeprägte Kräfte
ganz ungefährlich. 1000 g bedeuten tausendfa- oder Zwangskräfte genannt.  Dann wird im Schwer-

che Gewichtskraft; da darf es keine mechanischen punkt eine Trägheitskraft FT = −m ⋅ aS aufgetragen,

Schwachstellen geben, sonst fliegt die Zentrifuge aS ist die Beschleunigung des Schwerpunktes. Des
auseinander. Weiteren wird angenommen, dass  auf den Gegen-

stand ein Trägheits-Drehmoment TT = −J S ⋅α wirkt

(Js : Massenträgheitsmoment; α : Winkelbeschleuni-
Rechenbeispiel 2.20: Kettenkarussell gung des Gegenstands). Nun wird gesagt, dass für all
Aufgabe: Mit ungefähr welcher Winkelge- diese Kräfte und Drehmomente die Grundgleichun-
schwindigkeit rotiert das Kettenkarussell in gen der Statik gelten, also:
. Abb. 2.60?    
Lösung: Im Druck ist der zuschauende FT + ∑ Fi = 0 und TT + ∑ Ti = 0
Familienvater etwa 23 mm hoch. Wenn er i i

tatsächlich 1,80 m groß war, beträgt der Das wird zuweilen auch Prinzip von d´Alembert
Abbildungsmaßstab ungefähr 1: 80. Im Bild ist genannt. Das dynamische Problem ist damit auf ein
eine Gondel etwa 36 mm von der vertikalen Problem der Statik zurückgeführt. Das erfreut den
Drehachse entfernt, das entspräche in der Maschinenbauer, denn in der Statik kennt er sich
Natur einem Bahnradius von ca. 3 m. Da aber sehr gut aus. Die erste Gleichung liefert die Beschleu-
der Vater näher an der Kamera stand als das nigung des Schwerpunktes und die zweite die Win-
Karussell, dürfte die Annahme r ≈ 4 m korrekter kelbeschleunigung. Damit weiß man alles, was man
sein. Aus der Schräglage der Gondel ergibt über die Beschleunigung des Gegenstands wissen
sich für das Verhältnis von Zentripetalkraft zu kann.
Fz 17 Und wie ist das nun mit dem beschleunigten
Gewichtskraft = = 1, 2 . Das ist auch
FG 14 Bezugssystem, das zu jeder Trägheitskraft gehört?
das Verhältnis der dazugehörigen Beschleu- Der Ingenieur kümmert sich nicht darum, denn
nigungen. Die Radialbeschleunigung ist also seine Regel funktioniert auch, wenn er nicht über
ca. ar = 12 m/s 2. In 7 Abschn. 2.1.4 haben Bezugssysteme nachdenkt.
v2
wir gelernt, dass ar = = r ⋅ ω 2 . Damit Da dies ein Physikbuch ist, soll aber einmal
r darüber nachgedacht werden. Das ist auch gar nicht
ergibt sich für die Winkelgeschwindigkeit:
schwer. Bei genauerem Hinsehen verfährt der Inge-
a
ω = r = 1, 7 s-1 . Das entspricht etwa 16
r
nieur nämlich genau so wie in der zweiten Betrach-
Umdrehungen pro Minute. tung der Rollbewegung in 7 Abschn. 2.4.4. Er denkt
sich die Bewegung aus einer Translation des Schwer-
punktes und einer Rotation um den Schwerpunkt
zusammengesetzt und schreibt für jede Teilbewe-
2.5.3 Trägheitskräfte in der  
gung die Bewegungsgleichungen für aS bzw. α hin.
technischen Mechanik Man sieht das gleich, wenn man die Grundgleichun-
gen für das dynamische Gleichgewicht ausschreibt:
Der Ingenieur muss Probleme lösen, zuweilen recht    
komplizierte. Da hilft es ihm, feste Regeln zu haben, −m ⋅ aS + ∑ Fi = 0 und − J S ⋅ α + ∑ Ti = 0.
wie Probleme anzugehen sind. Für die Berechnung i i
der Dynamik eines starren Körpers (der Maschinen- Nur wird hier statt von Newton´schem Gesetz
bauer spricht von Kinetik), besteht diese Regel in der und Bewegungsgleichung von d´Alembert´schem
Formulierung eines dynamischen Gleichgewichts; Prinzip und dynamischem Gleichgewicht geredet.
und das geht so: Jede Profession pflegt ihr eigenes Fachchinesisch.
78 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

. Tab. 2.1  In Kürze

Lineare Bewegung

2 Im einfachsten Fall kann die Bewegung eines Körpers in einem Weg-Zeit-Diagramm dargestellt werden (. Abb. 2.3 oben).
Die Geschwindigkeit des Körpers entspricht dann der Steigung des Graphen in diesem Diagramm (. Abb. 2.3 unten).
Man berechnet sie durch Differenzieren des Weges s(t) nach der Zeit t. Umgekehrt kann man aus der Geschwindigkeit v(t)

durch Integrieren den zurückgelegten Weg ermitteln. Die Geschwindigkeit ist genau genommen ein Vektor v (t),
da sie nicht nur einen Betrag, sondern auch eine Richtung hat. Bei der Berechnung von Relativgeschwindigkeiten muss
man daher oft zur Vektoraddition greifen (. Abb. 2.9). Wenn die Geschwindigkeit von der Zeit abhängt, ist der Körper

beschleunigt. Die Beschleunigung a berechnet sich durch Differenzieren der Geschwindigkeit nach der Zeit und ist auch
ein Vektor. Die Beschleunigung ist immer in Richtung der sie verursachenden Kraft gerichtet. Diese Richtung stimmt in
vielen Fällen (z. B. schiefer Wurf, Kreisbewegung) nicht mit der Richtung der Geschwindigkeit ü
­ berein.
Konstante Geschwindigkeit ∆s s: Weg [m]
Weg v= t: Zeit [s]
∆t
v: Geschwindigkeit [m/s]
s(t) = v ⋅ t + s0
s0: Anfangsort [m]
Konstante Beschleunigung ∆v a: Beschleunigung [m/s²]
Geschwindigkeit a= v0: Anfangsgeschwindigkeit
∆t
Weg [m/s]
v(t) = a ⋅ t + v0

a 2
s(t) = t + v0 ⋅ t + s0
2

Kreisbewegung mit konstanter Geschwindigkeit


Winkelgeschwindigkeit 2π ω: Winkelgeschwindigkeit [1/s]
Bahngeschwindigkeit ω= T : Umlaufzeit [s]
T
Radialbeschleunigung r : Radius [m]
v = ω⋅r
Zentripetalkraft v: Bahngeschwindigkeit [m/s]
v2 ar: Radialbeschleunigung [m/s²]
ar =
r Fz: Z entripetalkraft [N], nach innen
v2 gerichtet.
Fz = m
r

Zentrifugalkraft Im beschleunigten Bezugssystem ist die Zentrifugalkraft entgegengesetzt gleich der


Zentripetalkraft.
Kräfte
Jegliche Beschleunigung wird durch Kräfte verursacht und ist proportional zur resultierenden Kraft. Die wichtigsten Kräfte
in der Mechanik sind: Kontaktkräfte zwischen berührenden Körpern (das sind letztlich elektromagnetische Kräfte), ins-
besondere: Reibungskräfte, die Bewegung zu bremsen suchen und Auftriebskräfte in Flüssigkeiten (7 Abschn. 3.3.3); die
Gravitationskraft zwischen Massen; und Verformungskräfte wie zum Beispiel die Federkraft. Es gilt immer: Übt ein Körper
A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus, so beruht dies auf Gegenseitigkeit: B übt eine gleich große, aber entgegenge-
setzte Kraft auf A aus (3. Newton-Gesetz).
Schwerkraft FG = m ⋅ g FG: Schwerkraft [N, Newton]
m: Masse [kg]
g = 9.81 m/s² : Fallbeschleunigung
Federkraft F = D ⋅ ∆l D: Federkonstante  N 
 m 
∆l : Auslenkung der entspannten Feder
Reibungskraft (zwischen Festkör- FR = µ ⋅ FN FR: Reibungskraft
pern) FN: Normalkraft
µ: Reibungskoeffizient
2.5 · Trägheitskräfte
79 2

. Tab. 2.1 Fortsetzung

Drehmoment
Eng mit dem Begriff der Kraft verwandt und bei Drehbewegungen wichtig ist das Drehmoment T „gleich Kraft mal Hebel-
arm“. Soll ein starrer Körper um eine Achse in Rotation versetzt werden, so kommt es nicht nur darauf an, welche Kraft F
man ausübt, sondern auch in welchem Abstand von der Drehachse (mit welchem Hebelarm l) die Kraft angreift.
Drehmoment T = F ⋅ leff T:
 Drehmoment [Nm]
l:V ektor von der Drehachse zum Angriffs-
  
T = l ×F punkt der Kraft
leff: e ffektiver Abstand des Angriffspunktes
der Kraft von der Drehachse [m]
„Last mal Lastarm gleich Kraft mal F1 ⋅ leff = F2 ⋅ leff F1: Last-Kraft [N]
Kraftarm“ 1 2
leff : Lastarm [m]
1

F2, leff : Kraft, Kraftarm


2

Gleichgewicht Die Vektorsumme aller Kräfte und Drehmomente muss Null sein
Grundgleichung der Mechanik
Zentral in der Mechanik ist das 2. Newton´sche Gesetz: Ist die Vektorsumme aller Kräfte ungleich null, so wird er beschleu-
nigt. Die Beschleunigung hat also immer genau die Richtung der resultierenden Kraft und hängt auch noch von der Masse
m ab.
Jede Beschleunigung erfordert eine   
F = m⋅ a F : Kraftvektor [N]
resultierende Kraft
m: Masse [kg]

a : Beschleunigungsvektor
[m/s]
Arbeit
Der Begriff der Arbeit ist wesentlich für das Berechnen von Energiewerten
Arbeit gleich Kraft mal Weg W = F ⋅ ∆s W: Arbeit [J, Joule]
F: Kraft [N]

s1
  Δs: Weg [m]

W= ∫ F (s ) ⋅ ds
s2

Energie
Eine wichtige Größe in der Physik, deren Bedeutung weit über die Mechanik hinausreicht, ist die Energie. Energie wird
nicht erzeugt und nicht verbraucht, sie bleibt erhalten (Energieerhaltungssatz). Die Summe aus potentieller und kineti-
scher Energie in der Mechanik bleibt aber nur dann konstant, wenn keine Reibungskräfte wirken. Reibung wandelt kine-
tische Energie in Wärmeenergie um, weshalb alle mechanischen Geräte eines Antriebes bedürfen, um nicht stillzustehen.
Der Antrieb führt dem Gerät laufend eine gewisse Energie pro Zeit zu. Dies wird angegeben als Leistung

kinetische Energie m 2 W: Arbeit, Energie [J, Joule]


(Bewegungsenergie) Wkin = v Wkin : kinetische Energie
2

potentielle Energie Wpot = m ⋅ g ⋅ ∆h Wpot : potentielle Energie


(Lageenergie)
(im Schwerefeld der Erde) D: Federkonstante [ N ]
m
1
Wpot = D ⋅ ∆l 2 Δl: Dehnung der Feder
2
(Schraubenfeder)
Leistung dW
P= P: Leistung [ J = W , Watt]
dt s
80 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

. Tab. 2.1  Fortsetzung

Impuls

2 Bei der Betrachtung von Stößen ist der Impuls von Interesse. Wirken keine äußeren Kräfte, so bleibt er in einem System
von Kugeln zum Beispiel erhalten (Impulserhaltungssatz). So kann man verstehen, was bei Stößen passiert.
Impuls p = m⋅v
p: Impuls   kg ⋅ m 

 s 
Impulserhaltung  dp 
F= ; Impulserhaltung: ohne äußere Kraft F bleibt der Impuls erhalten.
dt
Rotation starrer Körper
Für Drehbewegungen kann das 2. Newton´sche Gesetz auch mit Drehmoment, Winkelbeschleunigung und Trägheitsmo-
ment formuliert werden (s. 7 Abschn. 2.4.1). Das Trägheitsmoment hängt von der Form und Massenverteilung im Körper
ab und von der Lage der Drehachse (. Abb. 2.55).
Winkelbeschleunigung dω
α= ω: Winkelgeschwindigkeit [ 1 ]
Tangentialbeschleunigung dt s
r: Radius
at = α ⋅ r
Trägheitsmoment J: Trägheitsmoment[kg·m2]
J= ∫ r 2 ⋅ dm ;
spezielle Formeln in . Abb. 2.55
Steinerscher Satz J A′ = J A + m ⋅ a2 a: Distanz, um die die Achse
parallelverschoben wird
m: Gesamtmasse des Körpers
JA, JA´: Trägheitsmoment vor
und nach dem
Verschieben der Achse
Grundgleichung   
T = J ⋅α T : Drehmoment [N·m]
Drehimpuls   
L = J ⋅ω L: Drehimpuls [ kg ⋅ m ]
2

Drehimpulserhaltung 
 dL
T= ; ohne äußeres Drehmoment bleibt der Drehimpuls erhalten.
dt

2.6 Fragen und Übungen 4. Ein Stein wird von der gleichen Höhe
fallengelassen, von der ein Ball horizontal
? Verständnisfragen geworfen wird. Wer hat die höhere
1. Die mittlere und die momentane Geschwindigkeit beim Auftreffen auf den
Geschwindigkeit sind meist verschieden. Boden?
Für welche Bewegung sind sie gleich? 5. Weil es in Ruhe ist, wirken keine Kräfte auf
2. Kann ein Auto um die Kurve fahren ohne das Auto. Was ist falsch an dieser Aussage?
beschleunigt zu sein? 6. Sie sägen einen Besen im Schwerpunkt
3. Sie werfen einen Ball geradewegs nach durch. Sind die beiden Teile gleich schwer?
oben in die Luft. Welche Werte haben die 7. Wenn Sie von einem Stuhl aufstehen,
Geschwindigkeit und die Beschleunigung müssen Sie sich erst etwas nach vorn
im höchsten Punkt der Bahn? beugen. Warum geht es nicht anders?
2.6 · Fragen und Übungen
81 2
8. Warum muss man vorsichtig bremsen, 0 auf 200 km/h. Wie ungefähr verhalten
wenn man auf einer rutschigen Fahrbahn sie die Motorleistungen der Autos
fährt? zueinander?
9. Warum muss man beim Anfahren mit dem 17. Ein Wagen auf einer Luftschiene bewegt
Fahrrad stärker in die Pedale treten, als sich mit 0,5 m/s, als die Luft plötzlich
wenn man mit konstanter Geschwindigkeit abgeschaltet wird. Der Wagen kommt nach
fährt? einem Meter zum Stehen. Das Experiment
10. Wer übt auf wen eine größere Kraft aus: die wird wiederholt, aber nun bewegt
Erde auf den Mond oder der Mond auf die sich der Wagen mit 1 m/s, als die Luft
Erde? Wer ist stärker beschleunigt? abgeschaltet wird. Wie lang ist der
11. Eine konstante Kraft wird auf einen Bremsweg nun?
Wagen ausgeübt, der sich anfänglich 18. Stellen Sie sich vor, Regen fällt vertikal in
in Ruhe auf einer Luftschiene befindet. einen offenen Wagen, der auf geradem
Die Reibung zwischen dem Wagen und Weg mit zu vernachlässigender Reibung
der Schiene sei vernachlässigbar. Die eine horizontale Strecke entlang rollt.
Kraft wirkt in einem kurzen Zeitintervall Ändert sich seine Geschwindigkeit?
und bringt dem Wagen auf seine 19. Eine Person versucht mit einem Ball
Endgeschwindigkeit. Wie lange muss einen großen hölzernen Bowlingkegel
eine halb so große Kraft auf den Wagen umzuwerfen.
ausgeübt werden, um die gleiche Die Person hat zwei Bälle gleicher Größe
Geschwindigkeit zu erreichen? und Masse – einer ist aus Gummi, der
12. Betrachten Sie eine Person, die sich in andere aus Knete. Der Gummiball springt
einem nach oben beschleunigenden zurück, während der Knetball am Kegel
Fahrstuhl befindet. Ist die nach oben hängen bleibt.
gerichtete Kraft, die vom Fahrstuhlboden Welcher Ball kippt den Kegel am
auf die Person ausgeübt wird, größer, wahrscheinlichsten um?
kleiner oder gleich der Gewichtskraft der 20. Ist es möglich, dass ein Körper Impuls,
Person? aber keine kinetische Energie hat? Oder
13. Wenn eine Rakete startet, steigt sowohl umgekehrt?
ihre Geschwindigkeit als auch ihre 21. Ist ein Stoß zwischen zwei Körpern
Beschleunigung bei konstanter Schubkraft denkbar, bei dem die gesamte Kinetische
der Triebwerke. Warum ist das so? Energie verloren geht?
14. Warum ist es einfacher, einen Berg einen 22. Ein Lehmklumpen wird gegen eine Wand
Zickzack-Weg hoch zu wandern als einfach geworfen und bleibt dort kleben. Was
gerade hoch zu gehen? passiert mit seinem Impuls? Gilt der
15. Ein Block, der sich anfänglich in Ruhe Impulserhaltungssatz?
befindet, wird losgelassen, um eine 23. Wie groß ist die Winkelgeschwindigkeit des
reibungslose Rampe hinunter zu Sekundenzeigers einer Uhr?
rutschen. Am Boden erreicht er eine 24. Muss ein resultierendes Drehmoment
Geschwindigkeit v. wirken, wenn ein Körper rotiert?
Um am Boden eine doppelt so hohe 25. In einem Seifenkistenrennen rollten Autos
Geschwindigkeit (2v) zu erreichen, um wie ohne Antrieb einen Hügel hinunter. Wie
viel Mal so hoch müsste eine neue Rampe sollten die Räder optimaler Weise sein?
sein? Groß oder klein, leicht oder schwer? Oder
16. Ein Auto beschleunigt von 0 auf 100 km/h ist es egal?
in 15 s. Ein anders beschleunigt in 15 s von
82 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

26. Eine Eiskunstläuferin steht auf einem Punkt 2.7: (III): Ein Stein fällt in 0,3 s an einem 2 m
auf dem Eis (Annahme: keine Reibung) hohen Fenster vorbei. Aus welcher Höhe
und dreht sich mit ausgestreckten Armen. über der Fensteroberkante wurde der
2 Wenn sie ihre Arme anzieht, verringert Stein fallen gelassen?
sie ihr Massenträgheitsmoment, und ihre
Winkelgeschwindigkeit erhöht sich, so dass zusammengesetzte Bewegung
ihr Drehimpuls erhalten bleibt. Wie ist es 2.8: (I): Wie muss der Bootsführer in . Abb. 2.9
mit der kinetischen Energie? steuern, wenn er möglichst schnell ans
andere Ufer kommen will?
v Übungsaufgaben 2.9: (II): Regentropfen, die auf die
((I): leicht; (II): mittel; (III): schwer) Seitenfenster eines fahrenden Zugs
Beschleunigung treffen, hinterlassen eine schräg
2.1: (I): Ein rasanter Sportwagen kommt in 6 laufende Spur auf dem Fenster. Ein
Sekunden „auf Hundert“ (100 km/h). Wie durchschnittlicher Regentropfen fällt
groß ist die mittlere Beschleunigung im senkrecht mit etwa 8 m/s und die Spur
Vergleich zum freien Fall? auf dem Fenster habe einen Winkel von
2.2: (I): Sie lassen einen Stein in einen Brunnen 60° zur Senkrechten. Wie schnell fährt der
fallen und hören es nach 2 Sekunden Zug, Windstille vorausgesetzt?
„platschen“. Wie tief ist der Brunnen? 2.10: (II): Wie viel weiter als auf der Erde kann
2.3: (I): Aus welcher Höhe muss man einen eine Person auf dem Mond springen, wenn
Dummy zu Boden fallen lassen, wenn sie mit gleichem Absprungwinkel und
man den Aufprall eines Motorradfahrers gleicher Absprunggeschwindigkeit springt?
simulieren will, der mit 50 km/h auf eine Die Fallbeschleunigung auf dem Mond ist
Mauer fährt? etwa ein Sechstel derjenigen auf der Erde.
2.4: (I): Ein Auto beschleunigt in 6 s von 2.11: (II): Mit welcher Anfangsgeschwindigkeit
12 m/s auf 25 m/s. Wie groß ist die v0 muss ein „Hammer“ unter 45°
Beschleunigung? Welche Strecke legt das abgeworfen werden, wenn er 72 m
Auto in dieser Zeit zurück? weit fliegen soll? (Luftreibung darf
2.5: (II): Ein stehendes Polizeiauto nimmt vernachlässigt werden).
die Verfolgung eines mit konstanten 2.12: (II): Ein Känguru auf der Flucht macht 6 m
110 km/h zu schnell fahrenden weite und 1.5 m hohe Sprünge. Wie groß
Autos in dem Moment auf, in dem ist die horizontale Fluchtgeschwindigkeit?
das Auto am Polizeiauto vorbeifährt.
Nach 700 m hat die Polizei das Auto Kraft
eingeholt. Angenommen, die Polizei 2.13: (I): Der statistische Einheitsmensch wiegt
hat konstant beschleunigt: wie groß „70 Kilo“. Wie groß ist seine Gewichtskraft?
war die Beschleunigung? Wie lang hat 2.14: (I): Wie viel Kraft spart die schiefe Ebene
die Aufholjagt gedauert? Mit welcher der . Abb. 2.25 quantitativ?
Geschwindigkeit erreicht das Polizeiauto 2.15: (II): Angenommen, die Gewichtskraft
das andere Auto? des Flaschenzuges von Abb. 2.27 könnte
2.6: (II): Ein Mensch gleitet aus und schlägt gegenüber den 10 kN der Gewichtskraft
mit dem Hinterkopf auf den Boden. Dem F1 der Last vernachlässigt werden.
Wievielfachen der Erdbeschleunigung ist a. Welche Kraft F belastet die Decke,
der Schädel ausgesetzt? Zur Abschätzung wenn das freie Ende des Seiles
sei angenommen: freier Fall aus 1,5 m senkrecht nach unten gezogen wird?
Höhe; konstante Verzögerung beim b. Wird die Decke stärker belastet, wenn
Aufschlag auf einer Strecke von 5 mm. man, wie gezeichnet, schräg zieht, oder
weniger stark?
2.6 · Fragen und Übungen
83 2
2.16: (II): Durch welche konstruktiven (60 N) beschleunigt. Welche Arbeit W
Maßnahmen lässt sich die Empfindlichkeit verrichtet die Kraft im Zeitraum zwischen
einer Balkenwaage erhöhen? der 5. und der 10. Sekunde (jeweils
2.17: (I): Ist Super-Reibung mit einem Reibungs- inklusive)?
koeffizienten größer als eins möglich? 2.25: (II): Jane, nach Tarzan Ausschau haltend,
2.18: (II): Ein Kind rutscht eine Rutsche mit 28° rennt so schnell sie kann (5,6 m/s), greift
Winkel zur Horizontalen genau mit der sich eine senkrecht herunterhängende
halben Beschleunigung herunter die Liane und schwingt nach oben. Wie hoch
es ohne Reibung hätte. Wie groß ist der schwingt sie? Spielt die Länge der Liane
Reibungskoeffizient zwischen Kind und eine Rolle?
Rutsche? 2.26: (II): Ein 17 kg schweres Kind rutscht eine
2.19: (II): Ein Seil liegt auf einem Tisch. Dabei 3,5 m hohe Rutsche und kommt unten
hängt ein Ende des Seils an der Tischkante mit einer Geschwindigkeit von 2,5 m/s an.
herab. Das Seil beginnt zu rutschen, wenn Wie viel Wärmeenergie wurde aufgrund
der herabhängende Teil des Seils 20 % der der Reibung freigesetzt?
gesamten Seillänge ausmacht. Wie groß 2.27: (III): Wenn Sie auf Ihrer Personenwaage
ist der Reibungskoeffizient zwischen Seil stehen wird die Feder in ihr um 0,5 mm
und Tisch? zusammengedrückt und die Waage
2.20: (II): Ein Fahrradfahrer fährt auf einer zeigt eine Gewichtskraft von 700 N. Nun
abschüssigen Straße (5° gegen die springen Sie aus 1 m Höhe auf die Waage.
Horizontale) mit konstanten 6 km/h. Was für einen maximalen Ausschlag zeigt
Angenommen, die Reibungskraft die Waage jetzt? Tipp: benutzen Sie den
(Luftwiderstand) ist genau proportional Energiesatz.
zur Geschwindigkeit, also FR = k ⋅ v , wie
groß ist dann die Konstante k? Die Masse zum Impulssatz
des Fahrradfahrers samt Fahrrad sei 80 kg. 2.28: (I): Was ist „schlimmer“: gegen
eine Betonwand fahren, oder mit
Energie und Leistung einem massegleichen Auto frontal
2.21: (I): Wie viel Zeit hat man, um seine 70 kg zusammenstoßen, dass mit der gleichen
die 16 Stufen je 17 cm eines Stockwerkes Geschwindigkeit fährt?
hoch zu schleppen, wenn man dabei 2.29: (II): Bei einem Verkehrsunfall fahren
500 W umsetzen will? Wer leichter ist, zwei massegleiche Wagen aufeinander.
muss schneller sein. Wie viel Energie wird bei unelastischem
2.22: (I): Auch ein sparsamer Haushalt setzt Stoß durch verbogenes Blech in Wärme
heutzutage leicht 200 kWh elektrische umgesetzt, wenn
Energie im Monat um. Wie viele Sklaven a. der eine Wagen auf den stehenden
hätte ein alter Römer halten müssen, anderen auffährt?
wenn er sich diese Energie über b. beide Wagen mit gleichen Geschwin-
Fahrradergometer bei einem 12-Stunden- digkeiten frontal zusammenstoßen?
Arbeitstag und 100 W mittlerer Leistung 2.30: (III): Ein Polo (Masse 1000 kg) fährt auf
pro Sklave hätte besorgen wollen? einen S-Klasse Mercedes (2200 kg) auf, der
2.23: (I): Welchen Kleinhandelswert hat die mit angezogenen Bremsen auf der Straße
kinetische Energie eines Tankers von steht. Dadurch werden beide Autos
rund 200.000 Tonnen, der 15 Knoten zusammen 2,8 m nach vorn geschoben.
läuft? (1 Knoten = 1 Seemeile/Stunde, 1 Der Reibungskoeffizient zwischen den
Seemeile = 1,852 km) Rädern des Mercedes und der Straße sei
2.24: (II): Eine zur Zeit t = 0 ruhende Masse 0,7. Mit welcher Geschwindigkeit ist der
(2 kg) wird von einer konstanten Kraft Polo aufgefahren?
84 Kapitel 2 · Mechanik starrer Körper

2.31: (II): Eine Explosion lässt ein Objekt in zwei 2.37: (I): In Rechenbeispiel 2.10 wurde
Teilen auseinander fliegen, von denen ausgerechnet, dass die Kraft zum
eines 2 mal so schwer ist wie das andere. Beschleunigen eines Kleinwagens 2750 N
2 Wenn insgesamt eine Energie von 6000 J beträgt. Welches Drehmoment muss der
freigesetzt wurde, wie viel kinetische Motor auf jedes Rad ausüben, wenn der
Energie bekommt jedes Teil mit? Raddurchmesser 66 cm beträgt.
2.32: (II): Zwei gleiche Schlitten mit Masse 2.38: (II): Die drei Rotorblätter eines
m1 = m2 = 20 kg stehen direkt Hubschraubers sind jeweils 3,75 m
hintereinander im Schnee. Eine lang und 160 kg schwer. Sie sind
Katze (mK = 5 kg) springt mit einer näherungsweise dünne Stangen. Wie
Geschwindigkeit (relativ zur Erde) groß ist das Trägheitsmoment des Rotors?
von 6 m/s von dem einen Schlitten Welches Drehmoment muss der Motor
auf den anderen. Infolgedessen ausüben, wenn der Rotor in 8 s von
bewegen sich die Schlitten auseinander Null auf 5 Umdrehungen pro Sekunde
(Reibung vernachlässigt); Mit welchen gebracht werden soll?
Geschwindigkeiten? 2.39: (II): Eine Walze mit einer Masse von 2 kg
und einem Durchmesser von 20 cm rollt
Trägheitskräfte mit einer Schwerpunktsgeschwindigkeit
2.33: (I): Wie reagiert der Abgleich einer von 1 m/s. Wie groß ist ihre kinetische
Balkenwaage auf die Trägheitskräfte eines Energie?
beschleunigten Bezugssystems? 2.40 (II): Ein Karussell mit 4,2 m Durchmesser
2.34: (II): Ein Passagier in einem Flugzeug, das rotiert mit einer Winkelgeschwindigkeit
gerade auf Starterlaubnis wartet, nimmt von 0,8 s-1. Es hat ein Trägheitsmoment
seine Armbanduhr an einem Ende und von 1760 kg⋅m2. Vier Personen, jede mit
lässt sie senkrecht herunterbaumeln. Das einer Masse von 65 kg, stehen neben
Flugzeug bekommt die Starterlaubnis und dem Karussell und steigen plötzlich auf
beschleunigt. Dabei schwenkt die Uhr aus den Rand. Wie groß ist die Winkelge-
der senkrechten um ca. 25° nach hinten. schwindigkeit jetzt?
Nach 18 Sekunden mit etwa konstanter
Beschleunigung hebt das Flugzeug ab.
Wie groß ist seine Startgeschwindigkeit?

Drehbewegung
2.35: (I): Welche Drehfrequenz und
welche Kreisfrequenz, welche
Bahngeschwindigkeit und welche
Winkelgeschwindigkeit hat die Erde auf
ihrer Bahn um die Sonne? (Erdbahnradius
im Anhang).
2.36: (II): Tarzan will, an einer Liane hängend,
über einen Abgrund schwingen. Er kann
sich maximal mit einer Kraft von 1400 N
an der Liane festhalten. Welche maximale
Geschwindigkeit am tiefsten Punkt
seines Flugs kann er aushalten ohne
abzustürzen? Tarzan habe eine Masse von
80 kg und die Liane sei 4,8 m lang.
85 3

Mechanik deformierbarer
Körper

3.1 Die Aggregatzustände – 86

3.2 Festkörper – 87
3.2.1 Struktur der Festkörper – 87
3.2.2 Verformung von Festkörpern – 88
3.2.3 Viskoelastizität – 90

3.3 Hydrostatik – 91
3.3.1 Stempeldruck – 91
3.3.2 Schweredruck – 93
3.3.3 Auftrieb – 95
3.3.4 Manometer – 97
3.3.5 Pumpen – 98
3.3.6 Kompressibilität – 98

3.4 Grenzflächen – 99
3.4.1 Kohäsion – 99
3.4.2 Adhäsion – 102

3.5 Hydrodynamik – 104


3.5.1 Ideale Strömung – 104
3.5.2 Zähigkeit (Viskosität) – 106
3.5.3 Reale Strömung durch Rohre – 108
3.5.4 Umströmung von Hindernissen – 111

3.6 Fragen und Übungen – 114

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


U. Harten, Physik,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8_3
86 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Der „starre Körper“ ist eine Fiktion: Auch der härteste zusammenschließen können. Wie sie dies tun,
„feste Körper“ lässt sich noch verbiegen und mit der warum sie dies tun, ist Thema der Chemie. Deren
nötigen Gewalt auch zerbrechen. Demgegenüber Formeln sagen, welche Atome in welchen Anzah-
passt eine Flüssigkeit ihre Form dem Gefäß an, in len welche Moleküle bilden. Die zugehörigen Bin-
dem sie sich befindet; sie behält aber ihr Volumen dungskräfte sind weit schwächer als die Kernkräfte.
bei und bestimmt danach ihre Oberfläche. Ein Gas Bei chemischen Reaktionen wird deshalb auch weit
3 schließlich füllt (unter Laborbedingungen, nicht weniger Energie umgesetzt als bei Kernreaktionen.
in astronomischem Maßstab) sein Gefäß vollstän- Kohlekraftwerke müssen wesentlich mehr Brenn-
dig und gleichmäßig aus. Eben weil Flüssigkeiten stoff verfeuern und entsorgen als Kernkraftwerke.
und Gase keine eigene Form besitzen, lassen sie Moleküle sind klein, selbst Billionen liefern noch
sich etwa durch Strömung in Röhren relativ leicht keine sichtbaren Krümel. Makroskopische Gegen-
transportieren. stände entstehen nur, weil sich Moleküle zu großen
Komplexen zusammenlegen können. Die dabei auf-
tretenden Bindungskräfte sind freilich so schwach,
3.1 Die Aggregatzustände dass man sie mit Hammer und Meißel oder auch
mit reiner Temperaturerhöhung überwinden kann.
Die Materie dieser Erde besteht aus Atomen. Jedes Wenn Wasser verdampft, treten einzelne Moleküle
Atom besitzt eine lockere Elektronenhülle, die seinen durch die Oberfläche der Flüssigkeit in den Dampf-
Durchmesser bestimmt, und einen vergleichsweise raum über. Auch diese Phänomene tragen zur Viel-
kleinen Atomkern, der seine Masse bestimmt. Der falt der Substanzen bei. Ob Nebel oder Regen, ob
Kern enthält Protonen und Neutronen. Protonen Hagelkorn, Tropfen oder Schneeflocke, ob Pfütze,
sind positiv elektrisch geladen, Elektronen negativ Raureif oder Glatteis, immer handelt es sich um
und Neutronen sind ungeladen (neutral); der Kern die gleichen H2O-Moleküle, nur in verschiedenen
kann demnach seine Hülle durch elektrische Kräfte Aggregatzuständen. Ein Festkörper ist formsta-
an sich binden, denn Ladungen entgegengesetzten bil; verbiegt man ihn nur leicht, so kehrt er elas-
Vorzeichens ziehen sich an. Diese Kräfte würden tisch in seine Ausgangsform zurück. Überfordert
aber die positiven Protonen auseinander treiben, man seine mechanische Festigkeit, so zerreißt, zer-
denn Ladungen gleichen Vorzeichens stoßen sich bricht, zerkrümelt er. Eine Flüssigkeit besitzt keine
ab. Es gibt aber noch stärkere Kernkräfte zwischen eigene Form; sie passt sich dem Gefäß an, in das
Protonen und Neutronen, die die Atomkerne doch sie eingefüllt wurde. Wasser braucht dazu allen-
zusammenhalten. Balance kann nur in bestimm- falls Sekunden, Kochkäse Stunden, antiken Gläsern
ten Kombinationen erreicht werden; Atome, Atom- haben zweitausend Jahre noch nicht genügt, wider
kerne existieren nur von den rund hundert chemi- den Augenschein ist ein Glas kein Festkörper in der
schen Elementen. strengen Definition der Aggregatzustände (s. dazu
Bis zum Element Nr. 83, dem Wismut, gibt auch 7 Abschn. 5.4.2). Eine vorgegebene Flüssigkeits-
es stabile Atomkerne, ab Nr. 84 (Polonium) zer- menge kennt ihr Volumen und behält es bei, wenn
fallen alle Kerne nach einer gewissen Zeit in klei- man sie umgießt. Die Molekülabstände liegen in
nere, sind also radioaktiv. Elemente bis Nr. 92, der gleichen Größenordnung wie bei Festkörpern,
dem Uran, kommen in der Natur vor, die Trans- die Dichten also auch. Ein Gas füllt dagegen jedes
urane müssen künstlich hergestellt werden. Stabile Volumen gleichmäßig aus, das man ihm als Gefäß
Atomkerne überdauern Jahrmilliarden; die schwe- anbietet (jedenfalls gilt das im Meter-Maßstab,
ren Elemente der Erde sind irgendwann einmal solange die Schwerkraft keine nennenswerte Rolle
im Innern eines Sternes oder durch Sterneexplo- spielt). Im Gas treffen sich die Moleküle nur noch
sion entstanden. Die Vielfalt der Substanzen ist nur selten, Kräfte zwischen ihnen können sich kaum aus-
möglich, weil sich die wenigen Atomsorten in den wirken. Die Abstände sind groß, die Dichten norma-
unterschiedlichsten Kombinationen zu Molekülen lerweise um Zehnerpotenzen geringer.
3.2 · Festkörper
87 3

Merke

Aggregatzustände:
55fest: formstabil bis zur Festigkeitsgrenze
55flüssig: nicht form-, wohl aber
volumenstabil
55gasförmig: weder form- noch volumenstabil

So ganz befriedigen kann die Einteilung in genau


drei Aggregatzustände nicht. Was macht man mit
Haut und Haaren? Sie sind weder richtige Festkörper
. Abb. 3.1  Kristallgitter des NaCl (Kochsalz). Die dicken
noch richtige Flüssigkeiten. Als man die Aggregatzu- Cl–-Ionen und die kleineren Na+-Ionen liegen dicht an dicht
stände erfand, meinte man noch, Physik und Chemie
brauchten und dürften sich nur mit toter Materie
befassen, denn „das Leben“ habe eine völlig andere ihre Vorzüge. Sie sind Kristallmodellen nachemp-
Qualität. Insofern war es eine Sensation, als Friedrich funden, die man aus Holzkugeln und Metallstäbchen
Wöhler 1828 mit dem Harnstoff zum ersten Mal eine zusammenbastelt, um Symmetrien anschaulich dar-
den lebenden Organismen zugeordnete Substanz in stellen zu können. Nur darf man sich nicht täuschen
der Retorte herstellte. Aber da gab es die Aggregat- lassen: Die Bausteine eines Kristallgitters sind wirk-
zustände schon. lich keine kleinen Kugeln, die von Stäben auf Distanz
gehalten werden.
Im NaCl-Kristall liegen die Würfel der Elemen-
3.2 Festkörper tarzelle dicht an dicht; das Gitter wiederholt sich
identisch in allen drei Kantenrichtungen. Aber auch
3.2.1 Struktur der Festkörper bei einer Drehung um eine Würfelkante landen
nach 90° alle Gitterplätze wieder auf Gitterplätzen;
Festkörper sind formstabil: Wenn man sie vorsich- viermal bis zur vollen Drehung. Die Kristallographen
tig verbiegt, kehren sie hinterher in ihre alte Form bezeichnen sie als vierzählige Symmetrieachsen und
zurück. Das liegt an ihrer kristallinen Struktur. Im reden von einem kubischen Gitter.
Kristallgitter herrscht Ordnung; jedem Gitterbau- Die Atome des Kohlenstoffs bilden gern 6er-
stein wird ein fester Platz zugewiesen. Kochsalz bei- Ringe. Mit chemisch gebundenem Wasserstoff gibt
spielsweise besteht aus elektrisch positiv geladenen
Ionen des Natriums und aus den negativen Ionen des
Chlors. Im NaCl-Gitter sind sie so angeordnet, dass
jedes Na+-Ion sechs Cl–-Ionen als nächste Nachbarn
hat und umgekehrt. Das führt zu einer würfelförmi-
0,563 QP
gen Elementarzelle des Gitters, wie sie . Abb. 3.1 &O
±

schematisch darstellt. Sehen kann man einen solchen


Würfel nicht; dazu ist er zu klein. Seine Kantenlänge
beträgt gerade ein halbes Nanometer. 1D
Zeichnungen dieser Art stellen Gitterbausteine
als Kugeln dar, die sich gegenseitig berühren. Das ist
halbwegs realistisch, aber nicht sehr übersichtlich, . Abb. 3.2  Kubisch-flächenzentriertes Gitter (NaCl);
weil man nicht in das Gitter hineinschauen kann. Modelle dieser Art markieren nur die Lagen der Zentren der
Insofern haben Zeichnungen nach Art der . Abb. 3.2 Gitterbausteine ohne Rücksicht auf deren Größe
88 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

das die ringförmigen Moleküle des Benzols, ohne eines Drahtes unter Zug. Man darf ein lineares Kraft-
jeden Bindungspartner die 6-zählige, hexagonale gesetz erwarten (s. . Abschn. 2.2.1): Proportionali-
Kristallstruktur des Graphits (. Abb. 3.3 rechts). tät zwischen Längenänderung Δl und angreifender
Graphit ist schwarz und so weich, dass man mit ihm Kraft F. Weiterhin wird Δl mit der Ausgangslänge l0
schreiben kann. Kohlenstoff kann aber auch kubisch zu- und mit der Querschnittsfläche A des Drahtes
kristallisieren. Dann ist er glasklar durchsichtig und abnehmen. Also:
3 härter als jedes andere Mineral; man kann Glas mit
1 l0
ihm ritzen. Aus einleuchtendem Grund bezeich- ∆l = ⋅ ⋅F
E A
net man die zugehörige Struktur als Diamantgitter
(.Abb. 3.3 links). Der Quotient Δl/l0 bekommt den Namen Dehnung,
Die Eigenschaften eines Festkörpers hängen der Quotient F/A=σ heißt (mechanische) Spannung.
nicht nur von der Natur seiner Bausteine ab, sondern Sind Spannung und Dehnung einander proportional,
auch von der Struktur des Kristallgitters. Dessen so erfüllen sie das Hook´sche Gesetz
Bausteine müssen keine Atome sein wie beim Dia-
∆l
manten oder Ionen wie beim Kochsalz, ganze Mole- σ = E⋅ ,
l0
küle sind ebenfalls erlaubt, wie beispielsweise bei Eis
und Schnee. Auch die großen Moleküle des Insulins die Proportionalitätskonstante E heißt Elastizitäts-
kann man mit einiger Mühe zu Kristallen zusam- modul.σ und E haben die gleiche Einheit N/m2, denn
menlegen und sogar Viren, die im Grenzbereich zur die Dehnung ist eine dimensionslose Zahl. Die Elas-
lebenden Materie angesiedelt sind. tizitätsmodule gängiger Metalle liegen in der Grö-
ßenordnung 1011 N/m2.

3.2.2 Verformung von Festkörpern


Merke
Auch die starken Bindungskräfte im Kristall halten
55Mechanische Spannung
die Gitterbausteine nicht unverrückbar auf ihren
Kraft F
Plätzen fest, ein fester Körper ist noch kein starrer σ= =

Querschnittsflache A
Körper. Er kann auch durch relativ schwache äußere
∆l
Kräfte verbogen werden. Allerdings lassen die Bin- 55Dehnung = relative Längenänderung =
l0
dungen zunächst nur geringe Verschiebungen zu und
holen die Gitterbausteine sofort in ihre Normallage 55Hooke-Gesetz: Dehnung zu Spannung
zurück, sobald die äußere Kraft nachlässt: Die Verfor- ∆l
proportional: σ = E ⋅
mung ist elastisch und verschwindet spurlos. Leicht l0
untersuchen lässt sich ein Sonderfall, die Dehnung

0,1QP
a b

. Abb. 3.3  Diamant (links) und Graphit (rechts); zwei unterschiedliche Kristallmodifikationen des Kohlenstoffs
3.2 · Festkörper
89 3
20
Hooke'scher
107 1P2

Bereich
15
ı

10
Spannung

0
0 1 2 3 ∙10–3 4
¨O
Dehnung . Abb. 3.5  Stufenversetzung. In den oberen Teil des
O
Kristalls hat sich, vier Gitterabstände weit, eine zusätzliche
Netzebene vertikal eingeschoben; unter ihrem Ende ist das
. Abb. 3.4  Spannungs-Dehnungs-Diagramm vom Kupfer
Gitter dadurch ein wenig aufgeweitet worden. Oberhalb
und unterhalb der Zeichenebene setzt sich die Versetzung in
gleicher Weise im Kristall fort: sie zieht sich wie ein Schlauch
Erhöht man die Spannung über die sog. Elastizitäts-
durch den Kristall hindurch. Springen die beiden markierten
grenze hinaus, so nimmt die Dehnung überpropor- Gitterbausteine nach rechts, so verschiebt sich die Versetzung
tional zu (. Abb. 3.4): Der Draht beginnt zu fließen um einen Netzebenenabstand nach links
und kehrt nach Entlastung nicht zur alten Ausgangs-
länge zurück, er hat sich plastisch gedehnt. Dem sind
aber Grenzen gesetzt; irgendwann reißt der Draht. nennt das eine Stufenversetzung). Hier kann eine
Manche Substanzen lassen sich fast gar nicht plas- ganze Atomreihe senkrecht zur Zeichenebene relativ
tisch verformen; wird ihre Elastizitätsgrenze über- leicht, z. B. nach rechts, in die Lücke hineinspringen
schritten, so brechen sie wie Glas. Man nennt sie und so die Versetzung um einen Atomabstand nach
spröde. links verschieben. Ist nach diesem Mechanismus
eine Stufenversetzung quer durch den Kristall hin-
Merke durchgewandert, so ist dessen unterer Bereich gegen-
über dem oberen um einen Atomabstand abgeglitten.
Elastische Verformungen sind reversibel Zur plastischen Verformbarkeit gehören demnach
(umkehrbar), plastische irreversibel bewegliche Versetzungen. Diese können sich aber an
(unumkehrbar). anderen Gitterfehlern wie Fremdatomen oder Ein-
schlüssen festhaken: Gusseisen ist spröde, es enthält
mehrere Prozent Kohlenstoff; schmiedbarer Stahl
Bei plastischer Verformung müssen ganze Bereiche dagegen meist weniger als 0,1 %.
eines Kristalls gegeneinander verschoben werden. Die Bruchfestigkeit hängt nicht nur von den
Das geht nur, wenn Gitternachbarn sich voneinan- Eigenschaften des Materials selbst ab. Schon winzige
der trennen und mit neuen Nachbarn wieder zusam- Kerben in der Oberfläche können sich verhängnis-
menlegen, ein schier unmöglicher Vorgang, wäre voll auswirken, weil nämlich die oberflächenna-
der Kristall perfekt gebaut, hätte also ausnahmslos hen Anteile einer Zugkraft ein Drehmoment auf die
jeder Gitterbaustein wirklich alle Nachbarn, die ihm Kerbenspitze ausüben (. Abb. 3.6a). Es wächst auch
nach der Struktur zustehen. Tatsächlich springt ein noch, je weiter es die Kerbe einreißt. Dünne Stäbe,
Baustein innen nur in eine benachbarte Leerstelle, auf Stauchung beansprucht, knicken ein. Wieder
in einen aus irgendwelchen Gründen gerade nicht wirkt ein Drehmoment auf die Knickstelle; wieder
besetzten Gitterplatz. wächst es, je weiter das Material nachgibt, weil dann
Besondere Bedeutung haben hier linienförmige der effektive Hebelarm größer wird (. Abb. 3.6b).
Anordnungen gleichartiger Leerstellen der Art, Knickung bedeutet Biegung. Ein gebogener Stab
wie sie . Abb. 3.5 etwas schematisch skizziert (man wird auf der Außenseite gedehnt, auf der Innenseite
90 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

) (. Abb. 3.10). Liegen seine Fasern längs oder quer zur


Kraft, so besitzt er eine recht hohe Festigkeit. Sie ist
deutlich geringer, wenn die Fasern einen Winkel von
45° bilden, denn jetzt können die einzelnen Lagen
des Holzes relativ leicht gegeneinander abgeschert
O werden wie schlecht verleimte Brettchen. Unter 45°
3 erzeugt die stauchende Kraft eine besonders hohe
Schubspannung, hier also in Richtung der Fasern.
a b
Die dazu senkrechte Komponente der Kraft führt zur
Normalspannung, die vom Holz leichter aufgenom-
. Abb. 3.6 a, b  Instabilität durch Hebelwirkung beim
men werden kann.
Bruch. Das Drehmoment (effektiver Hebelarm l mal Kraft F),
das auf die Spitze der Kerbe (a) oder die Knickstelle (b) wirkt,
nimmt zu, je weiter die Kerbe einreißt bzw. der Stab einknickt
Rechenaufgabe 3.1: Mensch am Draht
gestaucht. Dazwischen liegt die neutrale Faser, die Aufgabe: Welchen Durchmesser muss ein
ihre Länge nicht ändert (. Abb. 3.7). Zur Biegesteifig- Kupferdraht mindestens haben, wenn er ohne
keit eines Stabes tragen die von der neutralen Faser plastische Verformung einen Menschen tragen
am weitesten entfernten Teile am meisten bei; man soll? Beachte . Abb. 3.4.
spart Material, wenn man sie auf Kosten des Mittel- Lösung: Das Ende der Hooke´schen
teils verstärkt. Technisches Beispiel: der Doppel-T- Geraden befindet sich etwa bei der
Träger (. Abb. 3.8). Liegt die Richtung der Biegebe- Grenzspannung σg = 13 ⋅107 N/m2 . Wenn
anspruchung nicht von vornherein fest, so empfiehlt der Mensch ein Gewicht von 690 N hat
sich ein kreisrundes Rohr mit relativ dünner Wand. (entspricht 70 kg), so ergibt sich für die
Grashalme sind nach diesem Prinzip konstruiert, minimal erforderliche Querschnittsfläche:
aber auch die hohlen Knochen der Vögel. F
Amin = G = 5, 3 ⋅10−6 m2 = dmin
1 2
⋅π .
Dehnung und Stauchung sind nicht die einzigen σg 4
mechanischen Belastungen, denen festes Material Also ist der minimale Durchmesser
ausgesetzt sein kann. In . Abb. 3.9 wird ein Buch −3
d min = 2, 6 ⋅10 m = 2, 6 mm .
mit einer horizontalen Kraft der Hand geschert.
Wegen der gegeneinander verschiebbaren Seiten ist
eine solche Scherung des Buches um einen bestimm-
ten Scherwinkel mit einer relative kleinen Scherkraft
möglich. Das Schermodul beschreibt den Wider- 3.2.3 Viskoelastizität
stand, den ein Material einer Scherung entgegenstellt.
Schließlich: die mechanischen Eigenschaften Leben ist an Wasser gebunden; es ist in den Weltmee-
mancher Materialien sind nicht einmal isotrop, das ren entstanden und hat sich in seiner Entwicklung an
heißt gleich in allen Richtungen. Als Musterbeispiel dessen Zusammensetzung angepasst. Auch mensch-
kann ein Holzklotz dienen, der gestaucht werden soll liches Leben braucht Wasser; der Salzgehalt des

te r
ksei e
Druc rale Fas
t
neu ite
se
Zug

. Abb. 3.7  Neutrale Faser. Bei der Biegung ändert die neutrale Faser ihre Länge nicht
3.3 · Hydrostatik
91 3
)
) )

. Abb. 3.10  Faseriges Material. Gegenüber gerichteter


Belastung hängt die Festigkeit faserigen Materials von der
Richtung der Fasern ab

Chemie zu größeren Komplexen, die dann viele Tau-


. Abb. 3.8  Doppel-T-Träger; das von der neutralen sende von Atomen umfassen können. Manche haben
Faser am weitesten entfernte Material trägt am meisten zur fadenförmige Struktur, sind in sich selbst biegsam
Biegefestigkeit bei
und lagern sich verhakelt und verknäult ihrerseits
zusammen. Dabei bleiben sie oftmals in weiten
Blutes ist dem der Meere nicht unähnlich. In gewis- Grenzen gegeneinander verschiebbar, dürfen ihre
sem Sinn haben die Tiere, als sie an Land gingen, Knäuel aufziehen, sich lokal voneinander trennen
ihre alte Umgebung mitgenommen, nur mussten sie und umlagern. Die Körper, die sie bilden, sind weder
nun sorglich einhüllen, was vorher Umwelt gewesen so formstabil wie Kristalle noch so beweglich wie
war. Der starre Panzer der Insekten hat konstruk- echte Flüssigkeiten. Man nennt sie viskoelastisch,
tive Nachteile, z. B. beim Wachsen, man muss sich denn sie können beispielsweise einer mechanischen
häuten. Wirbeltiere verlegen darum ihr tragendes Beanspruchung momentan und elastisch folgen,
Skelett nach innen, brauchen nun aber eine Haut, die danach aber viskos weiterkriechen. Manche ändern
schlagfest und wasserdicht ist und trotzdem beweg- ihre Form unter konstanter Belastung noch nach
lich und biegsam. Die technische Lösung heißt Hoch- Minuten und Stunden. Hört die Belastung plötz-
polymere. Die chemische Industrie hat sich ihrer in lich auf, so kehren sie auf ähnlichem Weg mehr oder
großem Umfang angenommen. weniger genau in ihre Ausgangsform zurück, wie dies
Unter Polymerisation versteht man das Zusam- . Abb. 3.11 recht grobschematisch andeutet.
menlagern relativ "kleiner" Moleküle der organischen

3.3 Hydrostatik

3.3.1 Stempeldruck

Jede plastische Verformung eines Festkörpers beruht


auf Abgleitungen nach Art verleimter Brettchen.
Durch die Struktur des Kristalls sind Gleitebenen
vorgebildet, die Schubspannungen einen vergleichs-
weise geringen, aber immer noch beträchtlichen
Widerstand entgegensetzen. Flüssigkeiten und erst
recht Gase haben, zumindest im Idealfall, gar keine
Schubfestigkeit, weil sich ihre Moleküle grundsätz-
. Abb. 3.9  Geschertes Buch. Durch eine bestimmte
lich frei gegeneinander verschieben können: Flüs-
Kraft nach rechts wird das Buch um einen gewissen Winkel sigkeiten sind nicht formstabil. Deshalb kann der
geschert Arzt ein flüssiges Medikament aus der Ampulle in
92 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Merke

Kraft F
Last )

Druck p=

Flache A

SI-Einheit: Pascal = Pa = N/m2


3 Zeit W

Der Druck in einer ruhenden Flüssigkeit, der hyd-


rostatische Druck, ist allseitig gleich (solange man
Längenänderung ¨

Gewichtskräfte vernachlässigen kann). In einer


Injektionsspritze zum Beispiel wird er durch äußere
Kraft auf den Kolben, den „Stempel“ erzeugt. Deshalb
nennt man ihn auch Stempeldruck. Seine Allseitig-
keit erlaubt der hydraulischen Presse, große Drücke
zu erzeugen; . Abbildung 3.12 zeigt das Schema.
Schiebt man den kleinen Kolben (Fläche A1) mit der
Zeit W Kraft F1 um die Strecke s1 in seinem Zylinder vor,
so pumpt man ein Flüssigkeitsvolumen V = A1·s1
. Abb. 3.11  Viskoelastizität. Längenänderung eines mit dem Druck p = F1/A1 in den großen Zylinder
viskoelastischen Stabes unter wechselnder Last, idealisiert
hinüber. Dessen Stempel rückt um die Strecke s2 =
V/A2 vor. Auf ihn wirkt die Kraft
die Spritze saugen und dann durch die enge Kanüle
A2
seinem Patienten injizieren. F2 = p ⋅ A2 = F1 ⋅ .
A1
Die Injektion erfordert eine Kraft, als Muskel-
kraft vom Daumen auf den Kolben der Spritze aus- Sie ist um das Verhältnis der beiden Kolbenflächen
geübt. Der Kolben muss „dicht“ schließen, d. h. größer als F1. Energie lässt sich so selbstverständlich
die Querschnittsfläche der Spritze voll ausfüllen, nicht gewinnen, denn was der große Kolben an Kraft
und trotzdem einigermaßen reibungsarm gleiten. gewinnt, verliert er an Schubweg:
Dadurch gerät das flüssige Medikament unter den V V
W2 = F2 ⋅ s2 = p ⋅ A2 ⋅ = p ⋅ V = p ⋅ A1 ⋅ = F1 ⋅ s1.
Kraft F A2 A1
Druck p= .

Flache A
Der Beziehung „Arbeit = Kraft mal Weg“ entspricht
Hier steht die Kraft immer senkrecht
 auf
 der Fläche, bei Fluiden die Beziehung „Arbeit = Druck mal
als Vektoren haben demnach F und A die gleiche
Richtung und brauchen darum nicht vektoriell
geschrieben zu werden: Der Druck p ist ein Skalar
(deshalb stört nur wenig, dass er den gleichen Buch-
 $
staben trägt wie der Impuls p). 9
V
Der Druck ist eine abgeleitete Größe mit der $
leider recht kleinen SI-Einheit
V )
N
1Pascal=1Pa=1 2 . $
m
)
Schon der normale Luftdruck am Erdboden liegt in
der Nähe von 100000 = 105 Pa. Meteorologen messen
auf ein Promille genau und darum in Hektopascal
(hPa = 100 Pa). . Abb. 3.12  Hydraulische Presse (Einzelheiten im Text)
3.3 · Hydrostatik
93 3
. Abb. 3.13  Pumpspeicherwerk.
Nachts wird überschüssige elektrische
Energie als Hubarbeit gespeichert;
sie kann in der Leistungsspitze
am Tag durch Volumenarbeit des
Wassers wieder in elektrische Energie
zurückverwandelt werden, freilich nur
mit begrenztem Nutzeffekt

Volumen“; sie wird Volumenarbeit genannt. Das kleinen) Gewichtskraft dFG. Hat der Zylinder die
Herz des Menschen leistet Volumenarbeit. Querschnittsfläche A, so gehört zu der Schicht das
55 Volumen dV = A·dh,
Merke 55 die Masse dm = ρ ·dV = ρ ·A·dh (ρ = Dichte der
Flüssigkeit) und die
V1 55 Gewichtskraft dFG = g·dm = g·ρ·A dh
Volumenarbeit W = ∫ p(V )dV (g = Fallbeschleunigung). Die Kraft erzeugt den
V0 (differentiell kleinen)
55 Druck dp = dFG/A = g ·ρ ·dh.

Volumenarbeit wird auch von den Turbinen eines Mit steigender Wassertiefe summieren sich alle Bei-
Pumpspeicherwerkes geleistet (. Abb. 3.13), wenn sie träge zum Druck der einzelnen Schichten. Grund-
in der Nacht, wo die Kapazität des Kraftwerkes nicht sätzlich muss man nun damit rechnen, dass die
ausgelastet ist, überschüssigen „Strom“, überschüs- Dichte ρ selbst vom Druck abhängt und darum mit
sige elektrische Energie also, dazu benutzen, Wasser der Wassertiefe h zunimmt: ρ = ρ(h). Der Zusam-
in ein hochgelegenes Becken zu pumpen. Die dabei menhang zwischen Druck p und h kann deshalb all-
als Volumenarbeit geleistete Hubarbeit kann in der gemein nur als Integral geschrieben werden:
Verbrauchsspitze am nächsten Nachmittag wieder in
elektrische Energie zurückverwandelt werden (aller- p(h) = g ⋅ ∫ ρ (h) dh
dings nicht ohne einige Reibungsverluste).
Wasser ist freilich praktisch inkompressibel; es
ändert seine Dichte mit dem Druck fast gar nicht.
3.3.2 Schweredruck Dann verkümmert das Integral zum Produkt

Pumpspeicherwerke nutzen den Druck aus, den p(h) = r ⋅ g ⋅ h,


Wasser durch seine Gewichtskraft erzeugt; er heißt
Schweredruck und nimmt mit der Wassertiefe zu. Fläche$
Insofern bedarf der Satz von der Allseitigkeit und 
Gleichheit des hydrostatischen Druckes einer Prä- K
zisierung: der Satz gilt nur für den Stempeldruck im
TiefeK

Zustand der Schwerelosigkeit. Sobald Gravitations- ¨K


oder Trägheitskräfte eine Rolle spielen, überlagert
sich der Schweredruck. Dessen Abhängigkeit von
der Wassertiefe h lässt sich für den Sonderfall eines
senkrecht stehenden zylindrischen Gefäßes relativ Druck3
leicht ausrechnen (. Abb. 3.14). Jede Wasserschicht . Abb. 3.14  Schweredruck. Zur Herleitung der Formel:
der (differentiell kleinen) Dicke dh drückt auf die bei einer inkompressiblen Flüssigkeit (ρ konstant) steigt er
unter ihr liegenden Schichten mit der (differentiell proportional zur Wassertiefe h an
94 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

der Schweredruck nimmt linear mit der Wassertiefe )


zu (. Abb. 3.14, rechtes Teilbild). In einer geschlosse-
nen Dose überlagert sich ihm ein etwa noch vorhan-
dener Stempeldruck ps. Der Gesamtdruck pg ist dann 0

pg(h) = r ⋅ g ⋅ h + ps
3

TiefeK
(. Abbildung 3.15). In offenen Gewässern erzeugt schon
die Lufthülle der Erde einen solchen Stempeldruck.
Etwas anders verhält es sich mit dem Schwere-
druck in Gasen, zum Beispiel mit dem Luftdruck 3VDruck3
in der Erdatmosphäre, der ja auf dem Gewicht der . Abb. 3.15  Stempeldruck. Dem Schweredruck überlagert
Atmosphäre beruht. Da anders als bei Flüssigkei- sich ein etwa vorhandener Stempeldruck ps additiv
ten die Dichte eines Gases stark druckabhängig ist,
variiert mit der Höhe beides: Druck und Dichte. Durchblutung; folglich muss ein Regelsystem dafür
Das führt dazu, dass der Druck nicht linear mit der sorgen, dass Druckschwankungen im Kopf, wie sie
Höhe abnimmt, sondern exponentiell (Barometri- Lageänderungen zunächst hervorrufen, in wenigen
sche Höhenformel). Sekunden aufgefangen werden. Krankhafte Störun-
Wer taucht, registriert den Schweredruck des gen können die Einstellung des Solldrucks merklich
Wassers als Überdruck gegenüber dem Atmosphä- verzögern oder gar Regelschwingungen auslösen
rendruck von rund 105 Pa, den er an Land gewohnt (. Abb. 3.16)
ist. Die Atemmuskulatur muss mit dem Überdruck Ideale Flüssigkeiten besitzen keine Scherfestig-
fertig werden, solange der Sportler mit „Schnorchel“ keit. Infolgedessen müssen ihre freien Oberflächen
taucht, die Atemluft also unter Normaldruck dicht immer horizontal stehen. Täten sie es nicht, bekäme
über der Wasseroberfläche ansaugt. Das geht nur in die Gewichtskraft eine Komponente parallel zur
geringer Tiefe. Wer weiter hinunter will, muss eine Oberfläche, der die Flüssigkeit nachgeben müsste.
Pressluftflasche mitnehmen und vorsichtig wieder Dies gilt auch, wenn in kommunizierenden Röhren
auftauchen, denn sonst bekommt er Schwierigkeiten die Oberfläche durch Gefäßwände unterbrochen ist:
mit bei höherem Druck zusätzlich im Blut gelöster Eine ruhende Wasseroberfläche liegt immer senk-
Luft (Henry-Dalton-Gesetz, siehe 7 Abschn. 5.4.8). recht zu der angreifenden Schwerkraft. Insofern
Immerhin steigt der hydrostatische Druck im Wasser bilden die Meere keine ebenen Oberflächen aus,
alle zehn Meter um rund 105 Pa. sondern Ausschnitte aus einer Kugeloberfläche. See-
leute wissen das: Von einem entgegenkommenden
Merke Schiff tauchen zuerst die Mastspitzen über der Kimm
auf, und der Mann im Mastkorb entdeckt sie früher.
Schweredruck:
von der Gewichtskraft einer Flüssigkeit (Dichte
ρ) erzeugter Druck; er steigt mit der Tauchtiefe Rechenbeispiel 3.2: Wasserturm
h: p(h) = ρ ·g·h. Aufgabe: In flachen Gegenden sieht man
zuweilen einen Wasserturm in der Landschaft
stehen. Er enthält im oberen Teil einen großen
Auch die Blutgefäße des Menschen bilden eine Wassertank. Zweck der Konstruktion ist es, am
„geschlossene Dose“ im Sinn der Überlagerung von Fuße des Turms in den umgebenden Häusern
Schwere- und Stempeldruck. Steht der Mensch auf- einen Überdruck des Wassers am Wasserhahn
recht, so ist der Blutdruck in den Füßen notwendiger- zu erzeugen. Wie hoch muss der Turm in etwa
weise höher als im Kopf; liegt er horizontal, so sind sein, damit der Überdruck das Dreifache des
beide Drücke ungefähr gleich. Das Gehirn braucht Luftdrucks beträgt?
für seine Funktion aber unbedingt eine gleichmäßige
3.3 · Hydrostatik
95 3
3.3.3 Auftrieb
Lösung: Es gilt die Faustformel: alle 10 m
Wassertiefe steigt der Druck um ein Bar bzw. Jeder Gegenstand wird, wenn man ihn unter Wasser
1000 hPa. Genaues Nachrechnen liefert: taucht, von allen Seiten zusammengedrückt. Weil
∆p = ρw ⋅ g ⋅10 m = 1000 kg/m3 ⋅ 9, 81 m/s2 ⋅10 m aber der Schweredruck mit der Wassertiefe zunimmt,
übt er von unten eine größere Kraft auf den Gegen-
= 9, 81⋅10 4 Pa = 981 hPa.
stand aus als von oben: die Differenz liefert den Auf-
Der Wasserturm muss also etwa 30 m hoch trieb, eine der Gewichtskraft entgegen, also auf-
sein. Man kann den Druck am Wasserhahn aber wärts gerichtete Kraft FA. Ihr Betrag entspricht der
auch mit einer Pumpe aufrechterhalten. Heute Gewichtskraft g·mf der vom Tauchkörper verdräng-
sind die Wassertürme fast alle außer Betrieb. ten Flüssigkeit (archimedisches Prinzip), ist also
Den Druck mit elektrischen Pumpen aufrecht seinem Volumen Vk und ihrer Dichte ρf proportional.
zu erhalten ist anscheinend günstiger. Dies soll hier ohne Begründung einfach nur festge-
stellt werden. Für geometrisch einfache Sonderfälle
lässt es sich leicht nachrechnen; es allgemein herzu-
12 leiten, bedarf allerdings einer Integration.
Torr
80 Merke
10
70
Auftrieb FA = g ⋅ m f = Vk ⋅ ρf ⋅ g
a
8 60

100
Ein Gegenstand, der mehr wiegt als die von ihm ver-
Blutdruck SN3D

12 90 drängte Flüssigkeit, sinkt unter: Der Auftrieb kann


das Gewicht nicht tragen, wenn die (mittlere) Dichte
80 des Gegenstands größer ist als die der Flüssigkeit. Ist
10 sie dagegen kleiner, so schwimmt der Gegenstand; er
b 70
taucht gerade so tief ein, dass die verdrängte Flüssig-
keit ebenso viel wiegt wie er selber: Ein leeres Schiff
110 liegt höher im Wasser als ein beladenes. Außerdem hat
14 es auf hoher See einen etwas geringeren Tiefgang als
100 im Hafen, denn der Salzgehalt gibt dem Meerwasser
eine höhere Dichte. Die Tauchtiefe eines Aräometers
12 90 (. Abb. 3.17) misst die Dichte der Flüssigkeit, in der es
c schwimmt. Man muss das Gerät nicht in g/cm³ eichen;
80
teilt man es in „Grad Öchsle“, so misst es als „Gleukome-
0 10 20 30 40 50 60 70
ZeitWV ter“ das Mostgewicht zukünftiger Weine; es heißt „Lak-
tometer“, wenn man mit ihm den Fettgehalt der Milch
. Abb. 3.16 a-c  Regelstörungen beim Blutdruck.
bestimmt, und „Urometer“ bei den entsprechenden
Die Versuchsperson wird auf einer horizontalen Liege
festgeschnallt und ohne eigene Muskelarbeit in die Vertikale Fachärzten. Jede Branche entwickelt ihre Fachsprache.
gekippt. Dadurch nimmt der Blutdruck im Oberkörper Wer schwimmen will „wie ein Fisch im Wasser“,
zunächst ab („das Blut sackt in die Füße“). Beim Gesunden muss seine mittlere Dichte der Umgebung genau anpas-
wird der Druck im Gehirn in weniger als einer halben Minute sen, sonst treibt er auf oder geht unter. Fische besitzen
wieder auf den Normalwert eingeregelt (a). Ein krankhaft
dafür eine Schwimmblase, die sie mehr oder weniger
gestörter Regelkreis kann aber durch diese Belastung in eine
gedämpfte (b) und sogar in eine nahezu ungedämpfte (c) weit mit Gas aufblähen können. Damit ändern sie
Regelschwingung geraten Volumen und Auftrieb, nicht aber Masse und Gewicht.
96 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

bzw. die Schwerkraft durch die Zentrifugalkraft


ersetzt (s.7 Abschn. 2.5.2). Diese kann mehr als 1000-
mal höher sein. Dann geht es 1000-mal schneller.

3 Rechenbeispiel 3.3: Mondgestein


Aufgabe: Ein Geologe findet heraus, dass
ein Mondstein mit einer Masse von 8,2 kg
eingetaucht in Wasser nur noch eine
scheinbare Masse von 6.18 kg hat. Wie groß ist
die Dichte des Steins?
Lösung: Die Auftriebskraft ergibt sich aus der
Differenz zwischen realer und scheinbarer
Masse und ist FA = 2, 02 kg ⋅ g = 19, 8 N.
Damit ergibt sich sein Volumen:
FA 2, 02 kg
V= = = 2020 cm3
ρWasser ⋅ g 0, 001 kg/cm3
m
und die Dichte zu ρ = = 4, 06 g/cm3 .
V
Frage: Die Krone des Hiëron
Der Sage nach hat Archimedes mit Hilfe
seines Prinzips den Goldschmied des Betruges
. Abb. 3.17  Aräometer. Es taucht umso tiefer ein, je überführt, bei dem König Hiëron von Syrakus
geringer die Dichte der Flüssigkeit ist eine Krone in Auftrag gegeben hatte. Hiëron
ließ dafür einen abgewogenen Klumpen reinen
Der Mensch besteht im Wesentlichen aus Wasser; Goldes aus seiner Schatzkammer holen und
seine mittlere Dichte liegt nur wenig über 1 g/cm3. überzeugte sich später durch Nachwiegen,
Das erlaubt ihm, mit geringen Schwimmbewegungen dass die fertige Krone das richtige Gewicht
den Kopf über Wasser zu halten. Der Auftrieb trägt besaß. Trotzdem hatte der Schmied einen
den Körper und entlastet das Rückgrat. guten Teil des Goldes für sich behalten und
Blut ist eine so genannte Suspension. In der durch zulegiertes Silber ersetzt; der Krone sah
Grundflüssigkeit Wasser befinden sich viele nicht man das nicht an. Archimedes wusste, dass
gelöste Bestandteile wie zum Beispiel die Blutkör- Silber „leichter“ ist als Gold, d. h. eine geringere
perchen. Blut bleibt deshalb gut durchmischt, weil Dichte besitzt. Er wies den Betrug nach mit
sich die Dichten dieser Bestandteile und des Wassers einer Waage, einem hinreichend großen,
nicht allzu sehr unterscheiden. Auftriebskraft und wassergefüllten Bottich und einem zweiten
Schwerkraft halten sich in etwa die Waage. Aber Klumpen Gold, der so schwer war wie die
nicht ganz. Blutkörperchen haben eine etwas höhere Krone. Wie machte er das?
Dichte und sinken deshalb ganz langsam nach unten Antwort: Klumpen und Krone haben
(Blutsenkung beim Arzt). Will man die Bestandteile gleiche Masse und bringen eine Waage ins
des Blutes schnell trennen und nicht lange warten, Gleichgewicht. Die Krone hat wegen des
so bedient man sich einer Zentrifuge. Die Sinkge- Silbers eine kleinere Dichte und ein größeres
schwindigkeit vs ist proportional zur Dichtedifferenz Volumen; folglich ist ihr Auftrieb im Wasser
Δρ und der Fallbeschleunigung: größer. Taucht man Klumpen und Krone,
während sie an der Waage hängen, ins Wasser,
vs ~ ∆ρ ⋅ g
so kommt die Waage aus dem Gleichgewicht:
In der Zentrifuge wird nun die Fallbeschleunigung die Krone erscheint leichter.
durch die Radialbeschleunigung der Drehbewegung
3.3 · Hydrostatik
97 3
3.3.4 Manometer

Der Schweredruck erlaubt die Konstruktion tech-


nisch besonders einfacher Druckmesser, der Flüs-
sigkeitsmanometer. Steht Wasser in einem zum U
gebogenen Glasrohr, so wie . Abb. 3.18 zeigt, muss
der Gasdruck über dem linken Meniskus höher sein
als über dem rechten, und zwar um einen Betrag Δp,
der genauso groß ist wie der Schweredruck einer
Wassersäule der Höhe Δh:

∆p = ρ ⋅ g ⋅ ∆h.

Ein Flüssigkeitsmanometer lässt sich mit dem Lineal


ablesen; in die Eichung gehen dann noch die Dichte
ρ der Manometerflüssigkeit und die Fallbeschleuni-
gung g ein. . Abb. 3.19  Quecksilber-Barometer
Schließt man den einen Schenkel des Flüssig-
keitsmanometers und hält man ihn luftleer, so misst
man den vollen Gasdruck auf der anderen Seite. senkrecht stehen und können auslaufen. Darum
Wäre dies normaler Luftdruck, so stiege Wasser verwendet man lieber dünnwandige Hohlkörper,
rund 10 m hoch. Mit seiner großen Dichte ver- die sich verbiegen, wenn eine Druckdifferenz zwi-
kürzt Quecksilber die Steighöhe auf 760 mm (. schen innen und außen besteht. Die Verbiegung wird
Abb. 3.19). Erfunden wurde das Quecksilber-Baro- dann mechanisch oder auch elektrisch übertragen
meter 1643 von Evangelista Torricelli. Von ihm hat und gleich als Druck(differenz) angezeigt. . Abbil-
die Druckeinheit "Torr" ihren Namen, die praktisch dung 3.20 zeigt ein Beispiel einer mechanischen
mit der Einheit „mmHg“ übereinstimmt. Beide sind Übertragung der Verbiegung. Für eine elektrische
keine „guten“ Einheiten, weil die Fallbeschleuni- Übertragung wird ein sogenannter Dehnungsmess-
gung vom Ort abhängt und die Dichte des Queck- streifen auf die Membran geklebt. Das ist eine Folie
silbers von der Temperatur. mit einem aufgedampften Metallstreifen, der bei Ver-
Flüssigkeitsmanometer lassen sich zwar leicht formung seinen Widerstand geringfügig ändert. Das
herstellen, sind aber unhandlich; sie müssen wird dann gemessen.

¨K

. Abb. 3.20  Dosenbarometer: Der äußere Luftdruck biegt


den gewellten Deckel durch und staucht die Schraubenfeder;
. Abb. 3.18  Flüssigkeitsmanometer; auf dem linken nach ähnlichen Prinzipien lassen sich auch Manometer für
Schenkel lastet ein Überdruck hohe Drücke herstellen
98 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

3.3.5 Pumpen ist gering, denn die Massendichte lässt sich durch
äußeren Druck nur geringfügig erhöhen; sie liegt
Mit einer Kammer, die periodisch ihr Volumen ändert, in der Größenordnung von einigen Tonnen/
kann man pumpen; zwei Ventile braucht man auch Kubikmeter.
noch dazu. Technisch einfach ist die Kolbenpumpe Ganz anders bei einem Gas. Seine Dichte liegt
(. Abb. 3.21), die abgesehen von notwendigen Dich- leicht um drei Zehnerpotenzen niedriger (normale
3 tungen ganz aus Metall gefertigt werden kann. Die Zimmerluft: ca. 1,2 kg/m3). Die Moleküle halten
Ventile haben den zunächst nur pendelnden Strom großen Abstand voneinander und treffen sich
der Flüssigkeit oder des Gases in eine Vorzugsrich- in ihrer thermischen Bewegung nur kurz. Zwi-
tung zu steuern. Dazu muss ihre Bewegung mit der des schen ihnen ist viel Platz. Daraus folgt eine hohe
Kolbens koordiniert werden, zwangsweise durch eine Kompressibilität.
entsprechende Mechanik oder eleganter dadurch, dass Gasmoleküle bewegen sich thermisch, ohne eine
die entsprechend konstruierten Ventile vom Strom des Richtung zu bevorzugen. Auf Gefäßwandungen, die
Fördergutes im richtigen Takt mitgenommen werden. ihren Bewegungsdrang einschränken, üben die einen
Jeder Kolben braucht eine Dichtung gegenüber Druck dadurch aus, dass sie bei jedem Stoß auf die
seinem Zylinder, ein technisch keineswegs einfach zu Wand Impuls übertragen. Das geschieht umso öfter,
lösendes Problem. Darum ersetzt man zuweilen den je mehr sie sind, je größer ihre Anzahl N, genauer:
Kolben durch eine biegsame Membran, die hin und ihre
her gebogen wird (Membranpumpe, . Abb. 3.22).
Anzahl N
Nach ähnlichem Prinzip arbeiten Herzen, nur ver- Anzahldichte n =
Gasvolumen V
wendet die Natur weitaus raffinierteres Baumaterial:
Muskeln, die sich auf Kommando zusammenziehen. ist. Jeder Einzelimpuls ist aber auch der Masse m
des einzelnen Moleküls proportional. Zusammen-
genommen bedeutet das eine Proportionalität des
3.3.6 Kompressibilität Druckes p zur Massendichte ρ des Gases und eine
umgekehrte Proportionalität zu dessen spezifischen
Die Moleküle der Festkörper und Flüssigkeiten Volumen Vs = 1/ρ. Das lässt sich auch so schreiben:
kommen sich bis zur Berührung nahe; freien Platz
zwischen ihnen gibt es kaum. Die Kompressibilität p ⋅ Vs = const.

Dieses sog. Gesetz von Boyle-Mariotte gilt aller-


dings nur bei konstanter Temperatur; anders gesagt:
die Konstante ist temperaturabhängig. Außer-
dem gilt das Gesetz nur für sog. ideale Gase (s.
7 Abschn. 5.2.1), zu denen Zimmerluft aber gehört.
Die inkompressible Flüssigkeit und das hoch-
kompressible ideale Gas markieren zwei mathema-
. Abb. 3.21  Kolbenpumpe, schematisch
tisch einfache Grenzfälle, zwischen denen sich die
realen Substanzen herumtreiben. Bei ihnen muss
man empirisch bestimmen, um welchen Betrag ΔV
das Ausgangsvolumen V abnimmt, wenn man den
äußeren Druck um Δp erhöht. Eine Proportionalität
Ventile zu V darf man erwarten, eine zu Δp nicht unbedingt.
Es ist deshalb vernünftig, die
1 dV

Kompressibilitat k =− ⋅
V dp
. Abb. 3.22  Membranpumpe, schematisch
3.4 · Grenzflächen
99 3
differentiell zu definieren (negatives Vorzeichen,
weil V mit p abnimmt). Der Kehrwert wird Kom-
pressionsmodul Q genannt. Für den Grenzfall des
inkompressiblen Fluides gilt k = 0.

Merke

dp
Kompressionsmodul Q = −V ⋅
dV
. Abb. 3.24  Kohäsion. Die zwischenmolekularen Kräfte
wirken im Innern der Flüssigkeit allseitig, behindern aber
bereits das Eintreten eines Moleküls in die letzte Lage unter
der Oberfläche und vor allem den Übertritt in den Gasraum
3.4 Grenzflächen

3.4.1 Kohäsion möchten, sie behindern schon deren Eindringen


in die letzte Moleküllage (. Abb. 3.24). Moleküle
meiden darum die Oberfläche und halten sie so
Wenn ein Kristall schmilzt, nimmt normalerweise klein wie möglich: Die natürliche Form des Trop-
die Dichte ab, aber nicht sehr. Auch in der Schmelze fens, der keinen äußeren Kräften unterliegt, ist die
liegen die Moleküle noch „dicht an dicht“; die zwi- Kugel. Gießt man Quecksilber aus einem feinen
schenmolekularen Kräfte existieren nach wie vor, Röhrchen in ein Uhrglas, so bildet es zunächst viele
nur ist die Wärmebewegung so heftig geworden, dass winzige Tröpfchen; sie schließen sich aber rasch
sich die Bindungen auf feste Gitterplätze nicht länger zu größeren zusammen, bis nur ein einziger übrig
aufrechterhalten lassen. Die Moleküle sind jetzt frei bleibt, denn dadurch verringern sie ihre gemeinsame
verschiebbar; die Flüssigkeit hat keine Schubfestig- Oberfläche. . Abbildung 3.25 zeigt diesen Vorgang in
keit, für eine Zerreißfestigkeit reichen die Kräfte der einigen Momentaufnahmen. Die Kräfte der Kohä-
Kohäsion aber noch. Ein Ölfilm zwischen zwei Alu- sion wirken auf die Moleküle wie eine sie einschlie-
miniumplatten von etwa 20 cm Durchmesser vermag ßende, gespannte Haut. Für kleine Insekten kann sie
ein Kilogramm zu tragen (. Abb. 3.23); herzlich lebensgefährlich werden; nicht alle sind stark genug,
wenig, wenn man an den Kupferdraht der Frage 3.2 sich aus einem Wassertropfen zu befreien, der sie
denkt. benetzt hat. Umgekehrt können Wasserläufer sich
Am deutlichsten verspüren die oberflächenna- auf der Oberfläche halten, indem sie die „Haut“ ein
hen Teilchen die zwischenmolekularen Kräfte der wenig eindellen (. Abb. 3.26).
Kohäsion, denn diese versuchen nicht nur, Mole- Wer eine Seifenblase herstellen will, muss
küle zurückzuhalten, die in den Gasraum ausbrechen pusten. In der Blase herrscht ein Überdruck, wenn
auch kein großer. Gegen ihn muss Volumenarbeit
geleistet werden, wenn der Durchmesser der Blase
vergrößert werden soll. Dabei vergrößert sich
naturgemäß auch die Fläche der Seifenhaut. Einige
Moleküle, die sich anfangs noch im Innern auf-
halten durften, müssen in die Oberfläche gebracht
werden. Das bedeutet Arbeit gegen die Kräfte der
Kohäsion; für jedes neue Flächenelement ΔA eine
bestimmte Energie ΔW. Ein Molekül, das sich in die
Oberfläche drängelt, kann nicht wissen, wie groß
. Abb. 3.23  Zerreißfestigkeit eines Ölfilms zwischen
die Oberfläche schon ist; es wäre unwahrschein-
zwei Metallplatten. Die obere trägt einen Randwulst, um ein lich, wenn der Quotient ΔW/ΔA von A abhinge.
Abgleiten der unteren zur Seite zu verhindern Vernünftigerweise schreibt man deshalb weder
100 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Differenzen- noch Differentialquotient, sondern


0s definiert eine „flächenbezogene Oberflächenener-
205 Tropfen gie“ WA/A; sie wird

Oberflachenenergie WA

Oberflachenspannung σ=
10 s Oberflache A

3 78 Tropfen
genannt und bekommt die SI-Einheit J/m2 = N/m
= kg/s2.
20 s 
Oberflachenenergie WA
29 Tropfen 
Oberflachenspannung σ=

Oberflache A

30 s Um die Oberflächenspannung zu messen, kann man


15 Tropfen einen leichten Ring an einer Federwaage aufhängen
(. Abb. 3.27) und in die zu untersuchende Flüssigkeit
40 s eintauchen. Zieht man ihn nun mitsamt der Waage
5 Tropfen vorsichtig nach oben, so zieht er einen Flüssigkeits-
film hinter sich her. Dieser hat die Form eines Zylin-
50 s dermantels und hält dank seiner Oberflächenspan-
2 Tropfen nung den Ring fest, mit einer Kraft F, die zusätzlich
zur Gewichtskraft von der Waage angezeigt wird.
65 s Man liest ihren Grenzwert Fσ in dem Moment ab, in
1 Tropfen der die Kraft der Waagenfeder den Ring aus der Flüs-
sigkeit herausreißt.
. Abb. 3.25  Oberflächenspannung. Hg-Tropfen Der Ring hat z. B. den Durchmesser d, also den
verringern ihre gemeinsame Oberfläche, indem sie Umfang d·π. Zieht er die zylindermantelförmige
sich zu einem einzigen Tropfen zusammenschließen.
Momentaufnahmen in 10 Sekunden Abstand; der Vorgang
Flüssigkeitshaut um das Stückchen Δx weiter nach
wird durch ein Gemisch von Wasser und Glyzerin verlangsamt. oben heraus, so vergrößert er deren Oberfläche um
Große Tropfen können unrund erscheinen, wenn sie im
Moment der Belichtung noch schwingen, weil sie kurz zuvor ∆A = 2π ⋅ d ⋅ ∆x.
einen kleinen Tropfen aufgenommen haben (nach R. W. Pohl)

. Abb. 3.26  Wasserläufer. Die Wirkung der . Abb. 3.27  Messung der Oberflächenspannung mit
Oberflächenspannung erscheint wie eine Haut auf dem Hilfe eines eingetauchtes Ringes und einer Federwaage;
Wasser, die das Insekt trägt (© focus finder – Fotolia.com) Einzelheiten im Text
3.4 · Grenzflächen
101 3
Der Faktor 2 rührt daher, dass die Haut eine Haut
ist: sie hat nicht nur eine Oberfläche „nach außen“,
sondern auch eine zweite (praktisch ebenso große)
„nach innen“, d. h. mit Blickrichtung zur Zylinder-
achse. Die zur Schaffung der neuen Oberfläche ΔA
. Abb. 3.29  Der „Tropf“. Die Oberflächenspannung hält
nötige Energie ΔW beträgt
einen Tropfen am Röhrchen fest, weil dieser beim Abfallen
zunächst zusätzlich Oberfläche für einen Zylinder vom
∆W = σ ⋅ ∆A = 2π ⋅ σ ⋅ d ⋅ ∆x. Röhrchendurchmesser schaffen müsste

Für die Waage bedeutet dies eine Zusatzkraft Wodurch wird sie bestimmt? An einem Röhrchen
mit den Außendurchmesser d kann sich ein Tropfen
∆W
Fσ = 2π ⋅ σ ⋅ d = . festhalten, weil er beim Abfallen erst einmal zusätz-
∆x
liche Oberfläche schaffen muss, und zwar für einen
Die Messung von Fσ erlaubt also, die Oberflächen- Zylinder mit dem Umfang d·π (. Abb. 3.29). Dazu
spannung σ zu bestimmen. Die Rechnung zeigt gehört die Kraft
zugleich, dass sich eine gespannte Flüssigkeitsla-
melle nicht so verhält wie eine Gummihaut oder eine Fσ = π ⋅ d ⋅ σ
Feder: Fσ ist unabhängig von x, die Kraft wächst nicht
mit der Dehnung. (hier tritt der Faktor 2 der Seifenblase nicht auf, denn
Bei Patienten, die „ihre Tropfen nehmen“oder im Gegensatz zu ihr ist der Tropfen „massiv“; das
eine Infusion bekommen, dient die Oberflächen- beim Abfallen erzeugte Stückchen Zylinder hat nur
spannung zur Dosierung von Medikamenten eine Oberfläche, die nach außen). Der Tropfen reißt
(. Abb. 3.28). Dabei verlässt man sich darauf, dass ab, sobald sein Volumen VT so groß geworden ist,
alle vom Schnabel der Flasche fallenden Tropfen dass seine Gewichtskraft
zumindest so ungefähr die gleiche Größe haben.
FG = ρ ⋅ g ⋅ VT

(ρ=Dichte der Flüssigkeit) die haltende Kraft Fσ


erreicht hat. Ein vorgegebenes Volumen V0 der Flüs-
sigkeit bildet also n = V0/VT Tropfen:
g ρ
n= V
π⋅d 0 σ
Kennt man ρ und d, so kann man auf diese Weise
auch die Oberflächenspannung bestimmen (Stalag-
mometer). Bei alledem wird die Tropfengröße ent-
scheidend vom Rohrdurchmesser d bestimmt: Eine
Tropfflasche mit beschädigter Tülle dosiert falsch.
In einem Tropfen vom Radius r erzeugt die Ober-
flächenspannung einen Binnendruck
2⋅σ
p= ,
r
. Abb. 3.28  Infusion. Der Schweredruck aus der
hochgehängten Infusionsflasche drückt die Infusion in die
was hier nicht abgeleitet werden soll. In einer Seifen-
Blutbahn. Wie schnell das geht, lässt sich mit den Tropfen aus blase ist er doppelt so hoch. Allgemein gilt: Je kleiner
dem Schnabel erkennen und kontrollieren (. Abb. 3.29) Tropfen oder Blase, desto größer der Binnendruck.
(© tungphoto – Fotolia.com)
102 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

Beim Tauchen ist das freilich hinderlich. Fischfang-


Rechenbeispiel 3.4: Binnendruck ende Landvögel fetten darum ihr Gefieder meist
Aufgabe: Wie groß ist der Binnendruck in nicht ein und müßen es dann von Zeit zu Zeit in der
einem kugelförmigen Wassertropfen mit einem Sonne trocknen. Wasserläufer stehen auf der Ober-
Zentimeter Radius? Die Oberflächenspannung flächenspannung wie auf einer Membran, denn ihre
sauberen Wassers ist ca. 72 mN/m. Ist der Füßchen sind hydrophob. Umgekehrt müssen Öle
3 Binnendruck in einer gleichgroßen Seifenblase darauf gezüchtet werden, dass sie Kolben, Zylinder,
kleiner oder größer? Zahnräder und Achslager gut benetzen. Ähnliches
Lösung: Die Oberflächenspannung trägt einen gilt für Klebstoffe.
144 ⋅10−3 N/m Ob eine Flüssigkeit benetzt oder nicht, sieht man
Anteil: pσ = = 14, 4Pa bei.
0, 01m an der Form ihrer Oberfläche: zieht sie sich an einer
Dazu kommt aber natürlich noch der äußere Gefäßwand hoch, so überwiegt die Adhäsion; wird
Luftdruck von ca. 1000 hPa. Bei der Seifenblase die Oberfläche heruntergedrückt wie beim Queck-
trägt die Oberflächenspannung zwar doppelt silber, so ist die Kohäsion stärker (. Abb. 3.30). Sind
bei, da sie eine innere und eine äußere Benetzung oder Nichtbenetzung vollkommen, so
Oberfläche hat. Durch die Seife im Wasser kommt die Oberfläche asymptotisch an die Gefäß-
ist aber die Oberflächenspannung auf etwa wand heran, wenn nicht, so stoßen beide in einem
30 mN/m herabgesetzt, so dass in der Summe bestimmten Winkel aufeinander (. Abb. 3.31).
der Binnenüberdruck in der Seifenblase Stehen sich zwei Gefäßwände auf hinreichend
niedriger ist. Deshalb geht das Seifenbla- kurzem Abstand gegenüber, so kann sich eine benet-
sen-Blasen mit reinem Wasser sehr schlecht: zende Flüssigkeit an beiden zugleich hinaufhangeln
der Binnenüberdruck ist viel höher und die und so der Regeln von den kommunizierenden
Blase platzt zu leicht. Röhren (s. 7 Abschn. 3.3.2) widersprechen. Beson-
ders wirksam funktioniert dies in feinen Röhren:
Bäume transportieren mit Hilfe der Kapillarwirkung
Wasser von den Wurzeln zu den Blättern. Wie groß
3.4.2 Adhäsion kann die Steighöhe h werden? Für eine kreisrunde
Kapillare mit dem Innendurchmesser 2 r lässt sich h
Jedes Gerät zur Bestimmung der Oberflächenspan-
nung enthält einen Bauteil aus einem festen Material,
an dem die Flüssigkeit haftet: sie muss ihn "benet-
zen". Eine Flüssigkeit benetzt, wenn die Kräfte,
die ihre Moleküle aufeinander ausüben, geringer
sind als die Kräfte gegenüber den Molekülen in der
festen Oberfläche: die Adhäsion muss die Kohäsion a b
übertreffen.
Das tut sie oft, aber keineswegs immer. Man . Abb. 3.30 a, b  Benetzung. Benetzende (a) und
nichtbenetzende (b) Flüssigkeit an einer Gefäßwand
braucht eine Glasplatte nur hauchdünn einzufet-
ten und schon perlt das Wasser, das vorher noch
benetzte, in dicken Tropfen ab: die zunächst hydro-
phile Oberfläche ist hydrophob geworden. Gewis-
senhafte Autofahrer machen den Lack ihrer Lieblinge
unempfindlich gegen Wind und Wetter, indem sie ihn
regelmäßig mit Hartwachs einreiben. Schwimmvö- ij
gel wie die Enten besitzen Talgdrüsen eigens zu dem
Zweck, das Gefieder hydrophob zu erhalten; dann
bleibt der Bauch trocken und warm, und die einge- . Abb. 3.31  Unvollkommene Benetzung. Die Flüssigkeit
schlossene Luft trägt auch noch beim Schwimmen. bildet einen Winkel φ mit der Gefäßwand
3.4 · Grenzflächen
103 3
U U Wenige Tropfen eines modernen Spülmittels
genügen, um Wasser so zu „entspannen“, dass es ein
Weinglas gleichmäßig benetzt, also keine Tropfen
K
bildet und damit beim Verdunsten auch keine Tropf-
ränder. Eine Ente, in entspanntes Wasser gesetzt,
wundert sich sehr, weil sie nicht schwimmen kann:
K das Wasser drängt sich zwischen ihre sorgsam gefet-
teten Bauchfedern und vertreibt dort das Luftpols-
ter, dessen Auftrieb die Natur bei der Konstruktion
der Ente einkalkuliert hat. Spülmittel im Abwasser
sind nicht unbedingt umweltfreundlich, Spülmittel,
. Abb. 3.32  Kapillaranhebung und -depression vom Teller in die Nahrung gelangt, nicht unbedingt
(Einzelheiten im Text) gesundheitsfördernd.

leicht angeben. Angenommen, das Wasser benetze Merke


vollkommen, dann bildet seine Oberfläche in der
Kapillare im Wesentlichen eine Halbkugel mit dem 55Kohäsion: Wirkung zwischenmolekularer
Radius r (. Abb. 3.32). Die Folge ist ein Druck mit Kräfte in einer Flüssigkeit
Kräften in Richtung Kugelmittelpunkt, erzeugt von 55Adhäsion: Wirkung zwischenmolekularer
der Oberflächenspannung σ: Kräfte zwischen Flüssigkeit und Festkörper
55Benetzung: Adhäsion überwiegt
2⋅σ
p= .
r
An ihm kann sich der Flüssigkeitsfaden solange auf-
hängen, wie sein Schweredruck
Rechenbeispiel 3.5: Loch im Blatt
ps = ρ ⋅ g ⋅ h Aufgabe: Bäume saugen Wasser aus den
Wurzeln in die Blätter, wo es tagsüber in die
unter pσ bleibt. Die Steighöhe vermag also einen Luft verdampft. Ein großer Baum verdampft
Grenzwert nicht zu überschreiten: leicht 200 l pro Stunde. Der Saugdruck
wird durch Kapillareffekt erzeugt: In
2⋅σ
h< Zellzwischenräumen (den Stomata) bildet
r⋅ρ⋅ g
sich ein Wasserfilm, dessen Oberfläche
einen hinreichend kleinen konkaven
Der Durchmesser einer Kapillare braucht nicht konstant zu
Krümmungsradius (wie in . Abb. 3.32, linkes
sein. Was zählt, ist allein das r an der Oberfläche der Flüssig-
keit, an der Grenze zur Luft. Darunter verlässt sich ein Baum
Bild) aufweisen muss. Wie klein muss er sein
auf die Zerreißfestigkeit des Wassers, das er freilich sorgfältig bei einem 10 m hohen Baum?
entgast: ein noch so kleines Luftbläschen könnte durch seine Lösung: Die Oberflächenspannung muss ein
Kerbwirkung gefährlich werden. pσ von etwa 1000 hPa aufbringen. Bei reinem
Wasser hieße das für den Krümmungsradius:
Benetzt die Flüssigkeit nicht, so kommt es zu einer 2 ⋅ 72 mN/m
Kapillardepression (. Abb. 3.32, rechtes Teilbild). Auf r< = 1, 4 ⋅10−6 m = 1, 4 µm .
105 N/m 2
sie muss man achten, wenn man ein Quecksilberma- Da im Pflanzensaft Stoffe gelöst sind, die die
nometer abliest. Oberflächenspannung herabsetzen, muss
Bestimmt wird die Oberflächenspannung von der Radius eher noch kleiner sein. Diese
den vergleichsweise wenigen Molekülen, die sich Abmessung entspricht in etwa der Größe der
wirklich in der Oberfläche herumtreiben. Manche Zellen im Blatt.
Molekülsorten haben sich darauf spezialisiert.
104 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

3.5 Hydrodynamik Löschpapier strömte. Ob eine Strömung laminar


oder turbulent ausfällt, kann mit der Reynoldszahl
3.5.1 Ideale Strömung abgeschätzt werden, wie im übernächsten Kapitel
beschrieben wird.
Die Strömung von Flüssigkeiten und Gasen ist Wenn eine Strömung nicht durch Pumpen
meistens sehr komplex, nämlich turbulent . Sie oder Gefälle angetrieben wird, so kommt sie früher
3 enthält dann viele Wirbel und schnell wechselnde oder später zum Erliegen. Das liegt an der inneren
Bewegungen, so wie es das Foto des aus einem Was- Reibung in Flüssigkeiten. Wie jede Reibung bremst
serhahn fließenden Wassers in . Abb. 3.33 rechts sie die Bewegung ab. Auch das macht die Berechnung
zeigt. Luftwirbel hinter Masten lassen Fahnen im einer Strömung komplizierter.
Winde flattern; Strudel in Flüssen bringen Gefahr Einige Grundtatsachen sollen deshalb hier erst
nicht nur für Schwimmer; Zyklone können ganze einmal an idealer Strömung klargemacht werden,
Landstriche verwüsten. Solch eine Strömung im Strömung, die laminar ist und in der die innere
Computer nachzurechnen, fällt selbst ausgeklügel- Reibung vernachlässigt werden kann.
ter Spezialsoftware schwer. Besser ist es mit glatter, Außerdem soll die Flüssigkeit inkompressibel
laminarer Strömung, in der die Flüssigkeit ruhig sein, also ihr Volumen mit dem Druck nicht ändern.
entlang glatter Linien strömt. Beim Wasserhahn Für Flüssigkeiten ist das immer eine gute Annahme,
gibt es diese Art von Strömung, wenn man ihn fast aber sogar bei Gasen kann man das annehmen, wenn
zudreht (. Abb. 3.33 links). die Strömungsgeschwindigkeiten hoch sind.
Die . Abb. 3.34 zeigt solche laminare Strömung Eine solche Flüssigkeit ströme nun durch ein
entlang Stromfäden bei der Umströmung einer Rohr mit variablem Durchmesser (. Abb. 3.35). Die
Platte. Diese Bilder entstanden, indem eingefärb- Strömung kann zunächst mit der Volumenstrom-
tes Wasser per Kapillareffekt sehr langsam durch stärke I beschrieben werden, der angibt, wie viel
Flüssigkeit pro Zeit durch das Rohr fließt:

 I = dV = A ⋅ vm
Volumenstromstarke
dt
Dabei ist A die Querschnittsfläche des Rohres und vm
die mittlere Strömungsgeschwindigkeit. Die Einheit
der Volumenstromstärke ist m³/s. Da dieser Volu-
menstrom überall im Rohr gleich sein muss, strömt
die die Flüssigkeit dort, wo die Querschnittsfläche
kleiner ist, schneller. Die Strecke Δx (. Abb. 3.35),
die die Flüssigkeit in einer Zeit t zurücklegt, ist
entsprechend größer. Es gilt die so genannte
Kontinuitätsgleichung:

vm1 ⋅ A1 = vm2 ⋅ A2

Interessantes passiert bei der Querschnittsverklei-


nerung mit dem Druck in der Flüssigkeit. Da die
Flüssigkeit schneller werden muss, muss sie mit
a b einer resultierenden Kraft beschleunigt werden.
Diese kommt aus einer Differenz des Druckes vor
. Abb. 3.33  Laminar und Turbulent. Wasser aus dem
Wasserhahn: bei fast zugedrehtem Hahn ist die Strömung und hinter der Verengung. Das kann man sich ganz
laminar (links); dreht man stärker auf, so wird sie turbulent gut anschaulich machen, wenn man sich vorstellt,
(rechts). dass in beiden Enden des Rohres Kolben stecken.
3.5 · Hydrodynamik
105 3

. Abb. 3.34  Stromfäden laminarer Strömung um ein Hindernis (nach R. W. Pohl).

Der eine fährt in das Rohr hinein und drückt mit Teilen durch ΔV liefert eine Druckdifferenz:
einer Kraft F1 = p1 ⋅ A1 in das Rohr. Er leistet dabei
1 1
die Volumenarbeit ∆p = p1 − p2 = ρ ⋅ vm2 2 − ρ ⋅ vm12.
2 2
W1 = p1 ⋅ A1 ⋅ ∆x1 = p1 ⋅ ∆V Umstellen liefert eine Summe, die an beiden Rohr-
enden gleich ist:
Am anderen Ende wird der Kolben gegen die Kraft
1 1
F2 = p2 ⋅ A2 herausgedrückt und die Flüssigkeit p1 + ρ ⋅ vm12 = p2 + ρ ⋅ vm2 2
2 2
leistet an ihm die Arbeit
Diese Formel sagt etwas Bemerkenswertes: Dort, wo
W2 = p2 ⋅ A2 ⋅ ∆x2 = p2 ⋅ ∆V die Geschwindigkeit hoch ist, also das Rohr eng, ist
der Druck klein, und dort, wo die Geschwindigkeit
(. Abbildung. 3.36). Ist hineingesteckte und heraus- klein ist, der Druck hoch. Da man es intuitiv viel-
kommende Arbeit gleich? leicht umgekehrt vermutet hätte, wird dies das Hyd-
Nein! Denn da das Rohr verengt, muss die Flüs- rodynamische Paradoxon genannt (. Abb. 3.37).
sigkeit schneller werden, ihre kinetische Energie wird Wird der Querschnitt wieder größer und die Flüs-
größer. Diese kinetische Energie muss von der Volu- sigkeit langsamer, so steigt der Druck auch wieder
menarbeit geliefert werden, sodass weniger Arbeit an. Man kann auch allgemeiner sagen:
(aber mehr kinetische Energie) herauskommt, als
1
hineingesteckt wurde: p + ρ ⋅ v 2 = konstant entlang eines Stromfadens.
2
W1 − W2 = ∆Ekin = (ρ ⋅ ∆V ) ⋅ (vm2 2 − vm12 )
1
Dies gilt nicht nur für Strömung in einem Rohr,
2
sondern für jede beliebige Strömung und nennt
sich der Bernoulli-Effekt . Der Zusammen hang
9P wird zuweilen auch so formuliert: Der Druck p wird
¨9
9P

)
$ )
$
3
$ $
3
¨ [ ¨ [

¨ [ ¨ [

. Abb. 3.35  Schneller an der Engstelle. Ein . Abb. 3.36  Bernoulli-Effekt. Wo die Strömung schneller
Volumenelement ΔV strömt durch ein Rohr. Ist das Rohr ist, ist der Druck kleiner.
enger, so strömt es schneller.
106 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

sie werden durch den Unterdruck im Luftstrom


zusammengedrückt.
S S S Das p + 1 / 2ρ ⋅ v 2 entlang der Strömung kons-
tant bleibt, stimmt nur, solange die innere Reibung in
der Flüssigkeit vernachlässigt werden kann. Reibung
entnimmt der Strömung mechanische Energie und
3 $ $ $ wandelt sie in Wärme um. Auch dies führt dazu, dass
. Abb. 3.37  Hydrodynamisches Paradoxon: In der
die am einen Rohrende hineingesteckte Arbeit nicht
Querschnittsverengung nimmt der statische Druck ab (die ganz am anderen Ende ankommt und deshalb der
Zeichnung unterstellt, dass die innere Reibung der Flüssigkeit Druck auch bei einem Rohr mit konstantem Quer-
vernachlässigt werden kann). Animation im Web schnitt sinkt. Die innere Reibung wird durch die
Materialgröße Zähigkeit oder Viskosität beschrie-
statischer Druck genannt und der Term 1 / 2ρ ⋅ v 2 ben. Darum geht es im nächsten Kapitel.
wird Staudruck genannt. Der Gesamtdruck p0 =
statischer Druck p + Staudruck 1 / 2ρ ⋅ v 2 bleibt in
reibungsfreien Flüssigkeiten konstant. Den Namen Rechenbeispiel 3.6: Staudruck am
Staudruck macht das Staurohr verständlich. Flugzeug
. Abbildung 3.38 zeigt es schematisch im Schnitt, Aufgabe: Welchen Staudruck wird ein Staurohr
der Luftstrom komme von links. Dann herrscht an an einem Passagierflugzeug, das mit 900 km/h
den seitlichen Öffnungen nur der statische Druck fliegt, in etwa anzeigen?
p. Vorn am Staurohr wird aber die Strömungsge- Lösung: Wir müssen die Dichte der Luft
schwindigkeit auf null abgebremst, dort steht also der wissen. Diese ist in verschieden Höhen
Gesamtdruck p0. Das Flüssigkeitsmanometer zeigt sehr unterschiedlich, den diese Dichte ist
als Differenz den Staudruck an. Flugzeuge können proportional zum Luftdruck (Gasgesetz,
so ihre Geschwindigkeit messen. 7 Abschn. 5.2.1). Der Luftdruck ist ein
Der Bernoulli-Effekt kann in einem Handexperi- Schweredruck, der mit zunehmender Höhe
ment leicht demonstriert werden: man nehme zwei exponentiell abnimmt. In 5 Kilometer Höhe
Blatt Papier und hänge sie sich an spitzen Fingern ist die Luftdichte etwa 0,5 kg/m3 und der
mit etwa 10 cm Abstand voneinander vor den Mund: 1
Staudruck p = ρ ⋅ v 2 = 156 hPa .
pusten treibt sie nicht etwa auseinander, sondern 2

3.5.2 Zähigkeit (Viskosität)

Folge der zwischenmolekularen Kräfte in einer


Flüssigkeit ist die innere Reibung. Ohne ständig
treibendes Druckgefälle kommt eine strömende
Flüssigkeit bald zur Ruhe: Von der Strömung wird
Volumenarbeit in Reibungswärme übergeführt.
Die Vorgänge der Reibung aber sind komplex,
unübersichtlich im Detail und Modellvorstellun-
gen nur schwer zugänglich. Darum fasst man sie
für Flüssigkeiten zu einer recht summarischen
Größe zusammen, Zähigkeit oder auch Visko-
. Abb. 3.38  Staurohr. Das Manometer misst den
sität genannt. Sie ist eine Materialkenngröße,
Staudruck als Differenz von statischem und Gesamtdruck; das
umgebende Medium strömt von links an. Der Staudruck ist die zumeist deutlich mit steigender Tempera-
ein Maß für seine Strömungsgeschwindigkeit. tur abnimmt. Ihre Definition merkt man sich am
3.5 · Hydrodynamik
107 3
leichtesten anhand eines Gedankenexperimentes, Ihre SI-Einheit ist Ns/m 2 ; deren zehnter Teil
das sich auf dem Papier ganz einleuchtend darstellt, wird als Poise (P) bezeichnet (nach J.L. Poiseuille,
praktisch aber nur in abgewandelter Form durch- 1799–1869).
zuführen ist. Gemessen wird die Zähigkeit in Viskosime-
Gegeben seien zwei ebene Platten im Abstand tern, technischen Geräten, zu denen der Hersteller
d, zwischen ihnen die Flüssigkeit in einer solchen Gebrauchsanweisung und Eichung mitliefert. Dem
Menge, dass sie auf beiden Platten die Fläche A Gedankenversuch sehr nahe kommt ein Kreiszylin-
benetzt. Hält man nun die untere Platte fest und der, der in einer Röhre mit etwas größerem Durch-
zieht die obere mit einer Kraft F zur Seite, so gleitet messer koaxial rotiert. Die zu untersuchende Flüs-
diese ab, ganz am Anfang beschleunigt, bald aber sigkeit kommt in den Hohlraum zwischen beiden.
wegen der inneren Reibung im Flüssigkeitsfilm nur Primär werden das Drehmoment und die mit ihm
noch mit einer konstanten Geschwindigkeit v0. Als erzielte Drehfrequenz gemessen. Meist lässt man
Folge der Adhäsion haftet der Film an beiden Platten: aber ein vorgegebenes Volumen durch eine präzise
unten bleibt er demnach in Ruhe, oben bewegt er sich Kapillare laufen und stoppt die dafür benötigte
mit v0. Dazwischen gleiten ebene Flüssigkeitsschich- Zeit. An kleine Zähigkeiten kommt man mit einer
ten aufeinander und bilden ein lineares Geschwin- Kugel heran, die in einem flüssigkeitsgefüllten Rohr
digkeitsprofil aus: v steigt proportional mit dem nur wenig größeren Durchmessers zu Boden sinkt.
Abstand x von der unteren Platte an, bis es bei x = Gute Viskosimeter besitzen einen Wassermantel zur
d den Wert v0 erreicht. Es stellt sich ein konstantes Thermostatisierung.
Geschwindigkeitsgefälle
Merke
dv v0
=
dx d
Zähigkeit = Viskosität; Maß für die innere
ein (. Abb. 3.39). Ändert man in einer Messreihe Reibung eines Fluids; Messung in geeichten
lediglich den Plattenabstand d, so wird man eine Pro- Viskosimetern; Einheit: Ns/m2.
portionalität zwischen v0 und d finden. Die benötigte
Kraft F ihrerseits wächst proportional zur benetzten
Kleine Kugeln (Radius r), sinken, wenn sie sich gegenseitig
Fläche A und vor allem zur Zähigkeit η der Flüssig- nicht stören, mit der Geschwindigkeit
keit: F = η·A·v0/d. Auflösen nach η gibt die Defini-
2r 2
tionsgleichung für die Zähigkeit: v0 = g ⋅ ∆ρ
9⋅η

F ⋅d
η= (Stokes-Gesetz) – hier ist F der Anteil der Gewichtskraft, den
v0 ⋅ A das archimedische Prinzip (s. 7 Abschn. 3.3.3) den Kugeln
wegen ihres Dichteüberschusses Δρ gegenüber der Flüssig-
Y keit noch lässt.
)
Man kann es niemandem verargen, wenn er Glas
als Festkörper bezeichnet. Der Augenschein spricht
dafür und der allgemeine Sprachgebrauch ebenfalls.
G
Trotzdem handelt es sich streng genommen um eine
Flüssigkeit, wenn auch um eine extrem zähe. Kristal-
lographen stellen keine kristalline Struktur fest. Mit
weniger Aufwand kann man sich aber auch selbst
. Abb. 3.39  Viskosität. Gedankenversuch zur überzeugen, indem man einen Glasstab erhitzt: Er
Definition der Zähigkeit η für einen (übertrieben dick
wird weicher und weicher, lässt sich schon bald plas-
gezeichneten) Flüssigkeitsfilm, der zwischen zwei parallelen
Platten eine Fläche A ausfüllt. Eine Scherspannung
tisch biegen, danach zu einem dünnen Faden aus-
F/A führt zu einem linearen Geschwindigkeitsgefälle ziehen und beginnt schließlich wie eine richtige
dv / dx = v0 / d = F / (η ⋅ A) Flüssigkeit zu tropfen. Mit steigender Temperatur
108 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

nimmt die Zähigkeit kontinuierlich ab. Ein Festkör- Als Folge ihrer Viskosität entwickelt jede strö-
per aber schmilzt: bei einer ganz bestimmten Tem- mende Flüssigkeit Reibungskräfte gegen die Strö-
peratur bricht sein Kristallgitter plötzlich zusammen, mung, die diese bremsen; eine Pumpe muss die Rei-
die Substanz wechselt am Schmelzpunkt abrupt vom bungskräfte kompensieren, indem sie einen erhöhten
festen in den flüssigen Aggregatzustand und kehrt Eingangsdruck aufrecht erhält. Ein Druckabfall Δp
später beim Abkühlen genauso abrupt wieder in den längs der Röhre wird gebraucht, um die Volumen-
3 festen Zustand zurück. stromstärke I gegen den
∆p

Stromungswiderstand R=
3.5.3 Reale Strömung durch Rohre I
aufrechtzuerhalten (Einheit Ns/m5). Den Kehrwert
Das Gedankenexperiment des vorigen Kapitels ist 1/R bezeichnet man als Leitwert.
so übersichtlich, weil die einfache Geometrie für
ein lineares Geschwindigkeitsprofil sorgt. Schon Merke
bei der Strömung durch Rohre wird es komplizier-
ter: Auch hier haftet die Flüssigkeit an der Wand Druckdifferenz ∆p
Strömungswiderstand R =
und fließt dann konsequenterweise am schnellsten Volumenstromstärke I
in der Rohrmitte. Im kreisrunden Rohr nimmt das
Geschwindigkeitsprofil die Form eines Rotations-
paraboloides an, wenn die Strömung laminar ist, Im Fall laminarer Strömung ist R oft vom Druck
das Profil ist abgeflachter bei turbulenter Strömung unabhängig. Dann ist I proportional zu Δp und es
(. Abb. 3.40). besteht eine formale Analogie zum ohm´schen
Wirbel und Fluktuationen schaffen gegenüber Gesetz der Elektrizitätslehre (s. 7 Abschn. 6.3.3).
laminarer Strömung zusätzliche Reibungsflächen Einen elektrischen Widerstand, definiert als
zwischen Flüssigkeitsschichten und setzen so ver- Quotient von elektrischer Spannung und elektrischer
mehrt kinetische Energie in Wärme um. Turbulente Stromstärke, nennt man ohmsch, wenn er von Strom
Strömung wird durch die Viskosität also stärker und Spannung unabhängig ist. Flüssigkeiten, die das
gebremst und ist deshalb in Rohren ungünstiger. ohmsche Gesetz der Hydrodynamik erfüllen, heißen
newtonsch. Manche Flüssigkeit wie zum Beispiel
Dispersionen, in denen feste Teilchen eingemischt
sind (Farben, Blut), sind nicht newtonsch. Bei ihnen
wächst Δp überproportional zu I an.
In zwei Punkten unterscheiden sich die wan-
dernden Teilchen in der Flüssigkeitsströmungen
allerdings markant von den Elektronen im elektri-
schen Strom: Elektronen sind sehr viel kleiner als
Moleküle, und es gibt nur eine Sorte von ihnen. Auf
ihrem Marsch durch den Draht stoßen die Elektro-
nen so gut wie gar nicht mit Artgenossen zusammen,
sondern weit überwiegend mit den Gitterbausteinen
des Metalls. Flüssigkeitsmoleküle stehen sich immer
nur gegenseitig im Weg. Das hat zwei Konsequen-
zen: Erstens hängt ein elektrischer Widerstand von
einer Materialkenngröße des Drahtes ab, in dem die
. Abb. 3.40  Geschwindigkeitsprofil einer in einem
Elektronen laufen (von der Resistivität nämlich), ein
kreisrunden Rohr strömenden Flüssigkeit. Oben: bei
laminarem Strom ein Rotationsparaboloid, dessen ebener
Strömungswiderstand aber nicht von einer Material-
Schnitt eine Parabel ist. Unten: bei turbulenter Strömung eigenschaft der Röhre, sondern der Flüssigkeit (von
flacht das Profil ab der Viskosität nämlich). Zum andern driften im
3.5 · Hydrodynamik
109 3
Draht alle Elektronen mit der gleichen Geschwindig- ernsthaft für einen Betrunkenen in kalter Winter-
keit (ebenes Geschwindigkeitsprofil); die elektrische nacht, denn Alkohol erweitert die Blutgefäße, wirkt
Stromstärke ist darum der Elektronenanzahl direkt also dem physiologischen Regelprozess entgegen.
proportional und damit auch der Querschnittsflä- Das Gesetz von Hagen-Poiseuille gilt freilich nur
che des Drahtes, unabhängig von dessen Form; Flüs- für laminare Strömung. In der Technik sind Strö-
sigkeitsmoleküle haften an der Wand und driften mungen überwiegend turbulent. Ob eine Strömung
umso schneller, je weiter sie von ihr weg sind: die laminar oder turbulent sein wird, kann mit der Rey-
Strömungsgeschwindigkeit wächst mit dem Wand- nolds-Zahl Re abgeschätzt werden:
abstand, d. h. mit dem Rohrdurchmesser.
ρ ⋅ vm ⋅ 2r
Im einfachen Fall eines Rohres mit der Länge l Re =
η
und einer kreisförmigen Querschnittsfläche vom
Radius r gilt bei laminarer Strömung das Gesetz von Hierin ist ρ die Dichte der Flüssigkeit. Liegt diese
Hagen-Poiseuille dimensionslose Zahl Re für die betrachtete Strömung
über ca. 2200, so ist mit turbulenter Strömung zu
πr 4 ∆p A2 ∆p
I= ⋅ = ⋅ rechnen. Die Strömung von Öl in einer Hydraulik
8η ∆l 8π ⋅ η ∆l
oder von Blut im Blutkreislauf ist eher laminar, denn
Die Gleichung leuchtet ein. Es kann nicht überra- die Flüssigkeit sind zäh und die Rohrdurchmesser
schen, wenn die Volumenstromstärke direkt pro- und Strömungsgeschwindigkeiten eher klein. Die
portional zum Druckgefälle ist und umgekehrt pro- Strömung von Luft in einer Klimaanlage oder von
portional zur Zähigkeit. Weiterhin wächst die im Wasser in einer Kühlung ist turbulent, denn die Vis-
Rohr vorhandene Flüssigkeitsmenge proportio- kosität ist klein, Rohrdurchmesser und Strömungs-
nal zu dessen Querschnittsfläche und somit zum geschwindigkeit eher groß.
Quadrat des Radius. Genau so wächst, des paraboli- Bei turbulenter Strömung durch ein Rohr (Länge
schen Geschwindigkeitsprofils wegen, aber auch die l; Radius r) ist der Strömungswiderstand überhaupt
maximale Strömungsgeschwindigkeit in der Rohr- nicht mehr von dem Volumenstrom unabhängig.
mitte und mit ihr die mittlere Geschwindigkeit. Hier gibt man üblicherweise die Druckdifferenz Δp
Beide Effekte zusammen liefern einen Anstieg der als Funktion der mittleren Strömungsgeschwindig-
Stromstärke mit dem Quadrat der Fläche und mit keit vm an und bekommt einen in etwa quadratischen
der vierten Potenz des Radius. Den Zahlenfaktor Zusammenhang:
bekommt man allerdings nur durch mathematisch-
l 2
formale Integration. ∆p = λ ⋅ ⋅ ρ ⋅ vm
4⋅r
Die vierte Potenz im Zähler signalisiert eine
ungemein starke Abhängigkeit der Stromstärke und Der Zusammenhang ist nur in etwa quadratisch,
des Widerstandes vom Radius der Röhre: Nur 20 % denn der Widerstandsbeiwert λ des Rohrs enthält
Aufweitung verdoppeln schon Strom und Leitwert! alle Kompliziertheiten der turbulenten Strömung
Das erlaubt der Natur, mit kleinen Änderungen des und kann auch etwas von der Strömungsgeschwin-
Durchmessers von Adern die Durchblutung eines digkeit abhängen. Insbesondere hängt er aber von der
Organs wirksam zu steuern. Bei der Haut ist das für Rauhigkeit der Rohrwände ab, denn diese beeinflusst
die Regelung der Körpertemperatur wichtig. Die vom wesentlich die Ausbildung der Turbulenzen. Schreibt
Organismus entwickelte Wärme muss ja unbedingt man das Gesetz von Hagen-Poiseuille für die lami-
an die Umgebung abgegeben werden, und zwar exakt nare Strömung in gleicher Form, so ergibt sich:
und nicht nur einigermaßen, denn auf längere Zeit
8⋅η ⋅l
kann der Körper keine Wärme speichern. Darum ∆p = v
r2 m
ziehen sich die Blutgefäße der Haut bei Kälte ein
wenig zusammen, vermindern kräftig die Durch- Δp proportional zu vm ist das „ohmsche“ Verhal-
blutung und senken so mit der Oberflächentempe- ten der laminaren Strömung. Δp proportional zu
ratur die Wärmeabgabe. Täten sie es nicht, könnte 1/r2 ist die oben diskutierte starke Abhängigkeit des
der Mensch erfrieren. Diese Gefahr besteht ganz Strömungswiderstandes vom Radius, die auf das
110 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

parabolische Geschwindigkeitsprofil bei laminarer


Strömung zurückzuführen ist. Bei turbulenter Strö- transportiert etwa 6 Liter Blut pro Minute.
mung ist der Druckabfall in etwa proportional zu 1/r. Wie schnell strömt durch sie das Blut (mittlere
Das kommt von dem flachen Geschwindigkeitspro- Strömungsgeschwindigkeit)?
fil bei turbulenter Strömung (. Abb. 3.40, unteres Lösung: Die Querschnittsfläche der Aorta
Teilbild) beträgt: A = π ⋅ (1 cm)2 = 3,14 ⋅ 10-4 m2. A mal
3 der Strecke s, die das Blut in einer Sekunde
Merke zurücklegt, ist das Volumen, das in einer
Sekunde durch die Aorta fließt. Für den
ds
Für kreisrunde Röhren (Radius r, Länge l) gilt: Volumenstrom gilt also: I = A ⋅ = A ⋅ vm
dt
bei laminarer Strömung das Gesetz von und für die Geschwindigkeit:
Hagen-Poiseuille: 10−4 m3/s
vm = = 32 cm/s.
3,14 ⋅10−4 m2
πr 4 ∆p 8⋅η ⋅l
I= ⋅ bzw. ∆p = 2 ⋅ vm
8η l r
bei turbulenter Strömung:
Rechenbeispiel 3.8: Viele kleine Rohre
l 2
∆p = λ ⋅ ⋅ ρ ⋅ vm Aufgabe: Wenn ein kreisrundes Rohr
4⋅r
vorgegebener Länge und Querschnittsfläche
wobei der Widerstandsbeiwert λ insbesondere aufgeteilt wird in 100 parallel geschaltete,
von der Rauhigkeit der Rohrwände abhängt. ebenfalls kreisrunde Röhrchen gleicher Länge,
gleicher Gesamtquerschnittsfläche und mit
untereinander gleichen Einzelquerschnitten,
Die Druckdifferenz entsteht aufgrund der inneren um welchen Faktor steigt der Strömungs-
Reibung in der Flüssigkeit, die zu einem Verlust an widerstand gegenüber einer newtonschen
mechanischer Energie in der Strömung führt. Die Flüssigkeit bei laminarer Strömung?
Pumpe, die die Strömung antreibt und aufrechterhält, Lösung: Nach Hagen-Poiseuille ist der
muss diese Energie nachliefern. In 7 Abschn. 3.5.1 Strömungswiderstand umgekehrt proportional
wurden schon Energiebetrachtungen angestellt. Die zur Querschnittsfläche ins Quadrat: R~ 1/A2.
Differenz zwischen der am Rohreingang hineinge- Die Querschnittsfläche des Einzelröhrchens
henden Arbeit W1 und der am Rohrausgang heraus- ist 100-mal kleiner als die des Rohrs, sein
kommenden Arbeit W2 ist: Strömungswiderstand also 10.000-mal größer.
100 Röhrchen parallel haben dann einen
W1 − W2 = p1 ⋅ ∆V − p2 ⋅ ∆V 100-mal höheren Strömungswiderstand als das
Rohr.
Teilt man diese Gleichung durch die Zeit, so erhält
man den Zusammenhang zwischen Volumenstrom I
und der von der Pumpe zu erbringenden Leistung P:
Rechenbeispiel 3.9: Zähes Öl
∆W
P= = ( p1 − p2 )⋅ I = ∆p ⋅ I Maschinenöl (Viskosität η = 0,20 Pa∙s) strömt
t
durch ein dünnes Rohr mit einem Durchmesser
von 2,0 mm und einer Länge von 10 cm.
Welche Druckdifferenz an den Rohrenden
Rechenbeispiel 3.7: Wie schnell strömt das ist notwendig um eine Volumenstromstärke
Blut? von 5,6 ml/min aufrecht zu erhalten? Ist die
Aufgabe: Die Hauptarterie im Körper Strömung laminar? Die Dichte des Öls betrage:
hat einen Durchmesser von ca. 2 cm und 500 kg/m³.
3.5 · Hydrodynamik
111 3

Lösung: Die Reynoldszahl


Zunächst geben wir die Volumenstromstärke 1000
kg m
⋅1, 91 ⋅ 0,1m
in SI-Einheiten an: Re = m3 s = 191000 ist viel
kg
10-3
m3 m⋅s
= 9.33 ⋅10−2 = 9, 33 ⋅10−8
ml ml
I = 5, 6 .
60s s s größer als 2200.

Um zu prüfen, ob die Strömung Druckdifferenz:


laminar ist, berechnen wir die mittlere
l
Strömungsgeschwindigkeit: ∆p = λ ⋅ ⋅ ρ ⋅ vm
2
4⋅ r
2
m3 10 m kg  m
9, 33 ⋅10−8 = 0, 02 ⋅ ⋅1000 3 ⋅ 1, 91  = 3648 Pa
I m  s
= 2, 97 ⋅10−2 .
s m 0.2 m
vm = =
A π ⋅ (0, 001m)2 s
Leistung der Pumpe:
Jetzt können wir die Reynoldszahl ausrechen: m3
P = ∆p ⋅ I = 3648 Pa ⋅ 0, 015 = 54, 7 W
s
⋅ 2, 97 ⋅10−2 ⋅ 0, 002 m
kg m
500
Re = m3 s = 0,15
kg
0, 2
m⋅s
Die Strömung ist also klar laminar. Jetzt 3.5.4 Umströmung von Hindernissen
können wir das Gesetz von Hagen-Poisseuille
anwenden: Umströmung von Hindernissen tritt praktisch vor
kg allem dann auf, wenn sich ein Fahrzeug durch Luft
8 ⋅ 0, 2 ⋅ 0,1 m
8⋅ η ⋅ l ⋅s m3 oder Wasser bewegt. Um Energie zu sparen, wäre
∆p = ⋅I = m ⋅ 9, 33 ⋅10−8
π ⋅ r 4 π ⋅ (0, 001 m ) 4 s es hier wünschenswert, wenn möglichst geringe
= 4750 Pa Luftreibung aufträte. Ganz verhindern lässt sie sich
wegen der inneren Reibung nie. Wesentlich für den
Luft- bzw. Wasserwiderstand sind aber vor Allem
Turbulenzen hinter dem Fahrzeug, die mechanische
Rechenbeispiel 3.10: Wasserrohr Energie vernichten; wie viel, das kann man durch
Durch ein Rohr (Länge 10 m; Radius 5 cm) die Form beeinflussen. Denn die Bildung von Tur-
sollen 15 Liter Wasser in der Sekunde fließen. bulenzen hängt sehr wesentlich von der Geometrie
Welche Druckdifferenz muss die Pumpe hierfür der Strömung ab. Darum können Vögel, Fische, Ver-
aufrechterhalten und welche Leistung muss kehrsflugzeuge und manche Autos durch Stromli-
sie erbringen? Diese Strömung ist turbulent nienform Energie fressende Wirbelbildung am Heck
(überprüfen Sie die Reynoldszahl!). Für den vermindern (. Abb. 3. 41).
Widerstandsbeiwert des Rohres sollen typische Flugzeuge wollen zwar auch durch Reduktion der
λ = 0,02 angenommen werden. (Wasser: η = Wirbelbildung den Luftwiderstand vermindern, für
10-3 kg/ms; ρ = 1000 kg/m3) das Fliegen brauchen sie aber unbedingt eine Wirbel-
Lösung: bildung am Anfang.
mittlere Strömungsgeschwindigkeit Wird eine Tragfläche rein laminar umströmt
(.  Abb. 3.42 erstes Teilbild), wie es in den ersten
m3
I
0, 015 Sekundenbruchteilen nach Bewegungsbeginn noch
vm = = s = 1, 91 m
A π ⋅ (0, 05m)2 s der Fall ist, so tritt gar keine nach oben gerichtete
Auftriebskraft auf. Bei einer solchen Potentialströ-
mung müssen die Stromlinien an der Hinterkante
112 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

3
a b

. Abb. 3.41  Stromlinienförmig. Der Bereich turbulenter Strömung ist hinter einem Ball (oben) größer als hinter einem
stromlinienförmigen Gegenstand (unten)

der Tragfläche aber scharf nach oben abknicken. trotzdem, die der Übersichtlichkeit halber in der
Scharfes Abknicken der Stromlinien bedeutet Zeichnung weggelassen wurde. Entscheidend ist,
einen hohen Druckgradienten senkrecht zu den dass nun die Luft im Bereich der Tragfläche nach
Stromlinien. Dieser Druckgradient liefert die für unten abgelenkt wird. Der Rückstoß treibt das Flug-
das Umlenken der Luft notwendige Kraft. Weit zeug nach oben. Der nun vorhandenen Auftriebs-
weg von der Tragfläche herrscht Luftdruck. An kraft entsprechen die Druckverhältnisse an der Trag-
der Hinterkante der Tragfläche herrscht wegen des fläche. Ein gekrümmter Stromlinienverlauf erfordert
Druckgradienten also starker Unterdruck. Unter- wie gesagt ein Druckgefälle senkrecht zur Strömung,
druck bedeutet hohe Strömungsgeschwindigkeit das die Kraft zum Umlenken der Luft aufbringt. An
(der Bernoulli-Effekt rückwärts sozusagen). Auf- der Außenseite der Krümmung ist der Druck höher
grund der inneren Reibung kann die Luft so nah als an der Innenseite. Die Oberseite der Tragfläche
an der Tragfläche aber gar nicht so schnell strömen liegt an der Innenseite der Stromlinienkrümmung.
und dies führt zum Einrollen eines Anfahrwirbels Der Druck oben an der Tragfläche ist deshalb kleiner
(. Abb. 3.42 mittleres Bild). Ein solcher Wirbel hat als der umgebende Luftdruck. An der Unterseite, die
einen Drehimpuls, den er mit sich fort trägt. Da der außen an der Krümmung liegt, ist der Druck höher.
Drehimpuls bei der Wirbelentstehung aber erhalten Das passt auch mit dem Bernoulli – Effekt zusam-
bleiben muss, bildet sich gleichzeitig ein entgegen- men, denn oberhalb der Tragfläche strömt die Luft
gesetzt rotierender Wirbel, der die ganze Tragflä- schneller als unterhalb: das ergibt der Wirbel um
che umströmt und damit das ganze Stromlinienbild die Tragfläche. Weiter hinten hinter der Tragfläche
um die Tragfläche herum grundlegend verändert und schon außerhalb der Zeichnungen in . Abb.
(. Abb. 3.42 rechtes Bild). Nun kann die Luft an der 3.42 krümmen sich die Stromlinien wieder zurück
hinteren Tragflächenkante glatt abströmen. Eine nach oben in ihre alte Bahn vor der Tragfläche. Man
gewisse kontinuierliche Wirbelbildung gibt es dort kann also sagen, dass die Luft das Flugzeug „trägt“.

. Abb. 3.42  Fliegen. Das Ablösen eines Anfahrwirbels verändert drastisch die Strömung um die Tragfläche und bedingt den
Auftrieb
3.5 · Hydrodynamik
113 3

. Tab. 3.1  In Kürze

Elastische Verformung eines Festkörpers


Um einen Festkörper zu verformen, muss man eine mechanische Spannung (Einheit: Kraft durch Fläche) ausüben. Das
führt zu einer Dehnung des Festkörpers. Ist der Festkörper elastisch, so gilt das Hooke-Gesetz: Spannung und Dehnung
sind proportional zueinander. Dehnt man einen Körper zu stark, so wird er plastisch, d. h. dauerhaft verformt oder er reißt.
Δl: Längenänderung [m]
∆l
Mechanische Dehnung l0: Anfangslänge [m]
l0 σ: mechanische Spannung 
N

F: Kraft auf A [N]  m 2 
F
Mechanische Spannung σ= A: Querschnittsfläche [m2]
A
E: Elastizitätsmodul  N 
∆l  m 2 
Hooke´sches Gesetz σ = E⋅
l0

Druck
Druck kann durch einen Stempel (Kolben) in einer Pumpe erzeugt werden, entsteht aber auch durch das Eigengewicht
der Flüssigkeit (Schweredruck). Je tiefer man im Wasser taucht, umso höher wird der Schweredruck. Für Wasser gilt: je
10 m Wassertiefe bewirken etwa 1 bar Schweredruck. Bemerkenswerterweise hängt der Schweredruck nicht von der Gefäß-
form ab.
Druck
F
p: Druck
N 
p=  2 = Pa, Pascal
A  m 
105 Pa ≈ 1 bar = 760 mmHg F: Kraft [N]
A: Stempelfläche [m2]
Schweredruck p = ρ⋅g⋅h  
kg
ρ: Dichte der Flüssigkeit  3 
 m 
 
g: Fallbeschleunigung  m 
 s 2 

h: Tiefe unter Oberfläche [m]


Auftrieb
Schweredruck ist auch die Ursache für die Auftriebskraft, die auf alle Körper in einer Flüssigkeit oder einem Gas wirkt. Hat
der Körper eine ähnliche Dichte wie die umgebende Flüssigkeit, so kompensiert diese Kraft fast die Gewichtskraft.
Auftriebskraft F : Auftriebskraft [N]
F = VK ⋅ ρfl ⋅ g
(gleich dem Gewicht der verdräng- VK: verdrängtes Volumen [m3]
ten Flüssigkeit) kg  
ρfl: Dichte der Flüssigkeit  3 
 m 
 
g: Fallbeschleunigung  m 
 s 2 

Strömung
Soll eine Flüssigkeit durch ein Rohr strömen, so muss sie mit einer Druckdifferenz Δp zwischen den Rohrenden durch
das Rohr gedrückt werden. Dies liegt an der inneren Reibung in der Flüssigkeit, die ihr eine Zähigkeit η verleiht. Es gelten
ähnliche Beziehungen wie im elektrischen Stromkreis. Wird ein Rohr dünner, so erhöht sich dort die Strömungsgeschwin-
digkeit (Flüssigkeiten sind praktisch inkompressibel) und zugleich sinkt dort der Druck (Hydrodynamisches Paradoxon).
Überschreitet die Strömungsgeschwindigkeit eine bestimmte Grenze, wird die Strömung turbulent und der Strömungswi-
derstand steigt stark an.
Volumenstromstärke  3
∆V I: Volumenstromstärke  m 
I=  s 
∆t
114 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

. Tab. 3.1  Fortsetzung

Gesetz von Hagen-Poiseuille l: Rohrlänge [m]


π ⋅ r 4 ⋅ ∆p
Laminare Strömung durch ein Rohr I= r: Rohrradius [m]
8⋅ η ⋅l
η: Viskosität
 Ns 
oder  2
 m 
3 ∆p =
8⋅l ⋅ η
r2
vm Δp: Druckdifferenz [Pa]
vm: mittlere Strömungsgeschwindigkeit

turbulente Strömung durch ein Rohr λ: Widerstandsbeiwert


l
∆p = λ ⋅ ⋅ ρ ⋅ vm
2
ρ: Dichte der Flüssigkeit
4⋅ r
Strömungswiderstand
∆p
R: Strömungswiderstand
 Ns 
R=  5
I  m 
Für Strömungswiderstände gelten die gleichen Regeln wie für elektrische: Addition
bei Reihenschaltung, Addition der Kehrwerte bei Serienschaltung
Gesetz von Bernoulli Gesamtdruck gleich statischer Druck plus Staudruck
pges: Gesamtdruck [Pa]
1
pges = p0 + ρ ⋅ v 2 p0: statischer Druck [Pa]
2  
kg
ρ: Dichte  3 
 m 
v: Strömungsgeschwindigkeit
[m/s]
Oberflächen und Grenzflächen
An der Oberfläche einer Flüssigkeit werden die Moleküle nach innen gezogen. Deshalb bedarf es mechanischer Arbeit und
damit Energie, die Oberfläche einer Flüssigkeit zu vergrößern. Ein Maß hierfür ist die Oberflächenspannung σ (Energie
pro Fläche). Auch im Inneren der Flüssigkeit halten die Moleküle zusammen. Man spricht von Kohäsion. Es bestehen auch
anziehende Kräfte zwischen einer Flüssigkeit und der Gefäßwand (Adhäsion). Ist die Adhäsion stärker als die Kohäsion, so
wird die Gefäßwand benetzt und es kann zum Beispiel zur Kapillarwirkung kommen. Ist die Kohäsion stärker, so benetzt
die Flüssigkeit nicht.
Kohäsion Kräfte zwischen den Molekülen der Flüssigkeit
Adhäsion Kräfte zwischen Flüssigkeit und Wand
Oberflächenspannung  
WA
σ= σ: Oberflächenspannung  J2 
 m 
A
WA: Oberflächenenergie [J]
A: Oberfläche [m2]

3.6 Fragen und Übungen Ziegelstein B in größerer Tiefe befindet. Ist


die Auftriebskraft bei beiden Ziegelsteinen
? Verständnisfragen gleich?
1. Warum sind Grashalme röhrenförmig? 4. Zwei identische Gläser sind bis zur
2. Die horizontale Querschnittsfläche Ihres gleichen Höhe mit Wasser gefüllt. Eines
Kopfes sei 100 cm². Wie groß ist das der beiden Gläser enthält Eiswürfel, die
Gewicht der Luft über Ihrem Kopf? im Wasser schwimmen. Welches Glas
3. Stellen Sie sich vor, sie halten zwei wiegt mehr? Wenn die Eiswürfel nun
identische Ziegelsteine unter Wasser. schmelzen, in welchem Glas steht dann der
Ziegelstein A befindet sich genau unter Wasserspiegel höher?
der Wasseroberfläche, während sich
3.6 · Fragen und Übungen
115 3
5. Ein Boot, das einen großen Felsblock trägt, Blutstrom längs der Adern vernachlässigt
schwimmt auf einem See. Der Felsblock werden könnte?
wird über Bord geworfen und sinkt. Ändert 3.5: (II): Ein Geologe findet heraus, dass ein
sich der Wasserspiegel des Sees (in Bezug Mondstein mit einer Masse von 8,2 kg
auf das Ufer)? eingetaucht in Wasser nur noch eine
6. Stellen Sie sich einen Gegenstand vor, scheinbare Masse von 6.18 kg hat. Wie
der in einem Wasserbehälter schwimmt. groß ist die Dichte des Steins?
Ändert sich seine Position, wenn der 3.6: (II): Die Dichte von Eis ist 917 kg/m3 und
Behälter in einem Fahrstuhl platziert wird, die von Seewasser 1,025 kg/m3. Wie viel
der nach oben beschleunigt? Prozent des Volumens eines Eisberges
7. Kleine Seifenblasen sind immer genau schaut aus dem Wasser heraus?
rund. Große Seifenblasen können durch 3.7: (II): Ein Eimer Wasser wird mit 3,5-mal
Wind oder anpusten verformt werden. der Fallbeschleunigung nach oben
Warum? beschleunigt. Wie groß ist die
8. Wenn man in die Seite eines mit Wasser Auftriebskraft auf einen 3 kg - Granitstein?
gefüllten Behälters ein Loch macht, dann Wird er schwimmen? Die Dichte von
fließt Wasser heraus und folgt einer Granit ist 2,7 g/cm3.
parabolischen Bahn. Was geschieht mit 3.8: (II): Nimmt die Anzahl der Quecksil-
dem Wasserstrom, wenn der Behälter im bertropfen in . Abb. 3.25 exponentiell
freien Fall fallengelassen wird? mit der Zeit ab? Wenn ja: Zeitkonstante?
9. Der Wasserstrahl aus einem Wasserhahn 3.9: (II): Ein Aluminiumring (50 mm
wird nach unten hin dünner (. Abb. 3.33). Durchmesser, Masse 3,1 g) wird
Warum? entsprechend der . Abb. 3.27 in Wasser
10. Rauch steigt in einem Schornstein getaucht und herausgezogen. Im
schneller auf, wenn ein Wind über den Moment, in dem der Wasserfilm reißt,
Schornstein weht. Warum? zeigt die Waage 53 mN an. Wie groß ist die
Oberflächenspannung des Wassers?
v Übungsaufgaben 3.10: (II): Wenn die “Füße” eines Insekts einen
zur Elastizität Radius von 0,03 mm haben und das Insekt
3.1: (I): Wie groß ist der Elastizitätsmodul des 0,016 g wiegt, würden Sie erwarten,
Kupfers? Siehe . Abb. 3.4 dass es mit seinen sechs Beinen auf der
3.2: (I): Eine 1,6 m lange Klaviersaite aus Stahl Wasseroberfläche stehen kann (wie ein
habe einen Durchmesser von 0,2 cm. Wasserläufer)?
Vie groß ist die Zugspannung, wenn 3.11: (III): Muss man die Gleichung p = 2σ/r für
sich die Saite um 3 mm beim Spannen den Binnendruck eines Tropfens glauben
dehnt? Das Elastizitätsmodul von Stahl oder kann man sie auch herleiten?
sei 2 ⋅ 1011 N/m2. 3.12: (II): Welche mittlere mechanische
Leistung muss das Herz eines Menschen
zur Hydrodynamik liefern, wenn es bei einem Druck am
3.3: (II): In einer Injektionsspritze muss der Auslauf (Aorta) von 174 hPa eine mittlere
Kolben 15 mm vorgeschoben werden, um Blutstromstärke von 6 l/min aufrecht-
1 ml zu injizieren. Der Arzt drückt mit 15 N erhalten soll? Das Blut kommt aus der
auf den Kolben. Mit welchem Druck wird Vene ohne nennenswerten Druck
injiziert? zurück.
3.4: (I): Um wie viel Prozent müsste der 3.13: (II): Wie hoch stehen die Flüssigkeitssäulen
Blutdruck eines aufrecht stehenden in den Röhrchen der Abbildung, wenn
Menschen in den Füßen höher sein als eine zähe Flüssigkeit von links nach rechts
im Kopf, wenn der Druckabfall durch den durch das untere Rohr strömt?
116 Kapitel 3 · Mechanik deformierbarer Körper

3 $ $
2$ $ (Querschnittsflächen)
$

3.14: (III): Wasser fließe mit 0,65 m/s


durch einen Schlauch mit dem
Innendurchmesser 3 cm. Der
Durchmesser einer Düse am Ende des
Schlauches betrage 0,3 cm. Mit welcher
Geschwindigkeit tritt das Wasser aus der
Düse aus? Die Pumpe auf der einen Seite
und die Düse auf der anderen Seite des
Schlauches befinden sich auf gleicher
Höhe, sodass der Wasserfluss nicht durch
einen Schweredruck unterstützt wird.
Der Druck auf der Ausgangsseite der
Düse ist gleich dem Luftdruck. Welchen
Druck muss dann die Pumpe erzeugen
(reibungsfreie Strömung angenommen).
3.15 (II): Mit welcher Geschwindigkeit steigt
eine kleine Luftblase im Sprudel auf, wenn
sie einen Durchmesser von 0,5 mm hat?
(Stokes-Gesetz; Wasser: η = 10−3 kg/ms; ρ
= 1000 kg/m3; Luft: ρ = 1,29 kg/m3)
3.16 (II): In ein Wohnhaus kommt Wasser durch
ein Zuleitungsrohr mit 4 cm Durchmesser
bei einem Druck von 4 · 105 Pa im Keller
an. Eine Leitung mit einem Durchmesser
von 2 cm führt in den zweiten Stock 5 m
höher ins Badezimmer. Die Strömungs-
geschwindigkeit im Zuleitungsrohr am
Erdboden betrage 2 m/s. Wie groß ist
dann im Badezimmer
a) die Strömungsgeschwindigkeit?
b) die Volumenstromstärke?
c) der Druck in der Leitung?

Berücksichtigen Sie für c) die Druckän-


derung aufgrund des Schweredruckes, des
Bernoulli-Effekts und der innere Reibung.
Die Strömung ist turbulent und der Wider-
standsbeiwert sei λ = 0,02. (Wasser: η = 10−3
kg/ms; ρ = 1000 kg/m3)
117 4

Mechanische Schwingungen
und Wellen

4.1 Mechanische Schwingungen – 118


4.1.1 Alles was schwingt – 118
4.1.2 Harmonische Schwingungen – 118
4.1.3 Gedämpfte Schwingungen – 122
4.1.4 Erzwungene Schwingungen – 123
4.1.5 Überlagerung von Schwingungen – 125

4.2 Wellen – 127


4.2.1 Wellenarten – 127
4.2.2 Harmonische Seilwellen – 128
4.2.3 Intensität und Energietransport – 132
4.2.4 Stehende Wellen – 133
4.2.5 Schallwellen – 135
4.2.6 Schallwahrnehmung – 137
4.2.7 Dopplereffekt – 138

4.3 Fragen und Übungen – 142

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


U. Harten, Physik,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8_4
118 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Der Mensch informiert sich über den momentanen Zehntelsekunde falsch geht, ist gar nicht mal so sehr
Zustand seiner Umwelt mit Hilfe seiner 5 Sinne. Die gut. Aber sie hält ihren relativen Fehler bei ~10–6. Ein
beiden am besten entwickelten Sinne benutzen zur Zollstock von 1 m Länge müsste bei gleicher Präzi-
Informationsübertragung Wellen: der Gesichtssinn sion auf ein Tausendstel Millimeter genau sein.
die elektromagnetischen des Lichtes, das Gehör die
mechanischen des Schalls. Wellen transportieren
Energie, aber keine Materie. Ein Empfänger nimmt 4.1.2 Harmonische Schwingungen
diese Energie auf und beginnt dann zu schwingen.
4 Ein besonders einfach zu verstehendes schwingungs-
fähiges Gebilde in der Mechanik ist das Federpen-
4.1 Mechanische Schwingungen del der . Abb. 4.1a. Es besitzt einen Klotz mit der
Masse m, der längs einer Schiene (beispielsweise
4.1.1 Alles was schwingt
$0 $0
Das Pendel einer alten Standuhr kann schwingen,
eine Klaviersaite auch; beide sind dafür gebaut. Ein [
Dachziegel ist das nicht. Trotzdem kann er sich
lockern und, wenn er im Wind klappert, eine Art
von Schwingung ausführen. Die Vielfalt all dessen,
was da schwingen kann, ob es das nun soll oder nicht,
ist so groß, dass man bei allgemeinen Betrachtungen
) '[
gern auf die farblose Bezeichnung schwingungsfähi-
ges Gebilde oder Oszillator ausweicht.
Das Pendel der Standuhr kann man schwingen
sehen. Eine Quarzuhr und auch Computer bekom-
men ihren Takt von einem kleinen schwingenden
Quarzkristall vorgegeben. Der ist gut verpackt und
nicht zu sehen. Aber nicht nur Gegenstände können
schwingen, sondern auch zum Beispiel der Luftdruck
in einer Schallwelle oder das elektromagnetische Feld
in einer Lichtwelle. Die Physik der Schwingungen
kann durchaus kompliziert werden.
Ein schwingungsfähiges Gebilde kann schwin-
gen, muss aber nicht. Ein jedes besitzt eine Ruhe-
lage, in der es beliebig lange verharrt, wenn es nicht
gestört wird. Wird es gestört, so muss es seine Ruhe-
lage in mindestens einer Richtung verlassen können,
meistens sind es aber zwei: rechts-links, oben-unten,
vorn-hinten, hoch-tief, stärker-schwächer, hin und
zurück. Manchen Pendeln sind noch mehr Richtun-
gen erlaubt.
Wenn ein Pendel schwingt, kommt es in regel-
mäßigen Zeitabständen an seiner Ruhelage vorbei.
Die Bewegung wiederholt sich periodisch, die Zeit-
abstände der Wiederholung heißen Periode der
Schwingung. Uhren werden auf Konstanz dieser
Zeitabstände hin gezüchtet, mit beachtlichem Erfolg. . Abb. 4.1  Federpendel; Ablauf einer Schwingungsdauer;
Eine Armbanduhr, die am Tag um nicht mehr als eine Animation im Web
4.1 · Mechanische Schwingungen
119 4
nach Art des Luftkissenfahrzeugs der . Abb. 2.48 von Eine Schwingungsdauer T ist abgelaufen. Von nun
7   Abschn. 2.3.1) „reibungsfrei“ streng horizontal ab wiederholt sich der ganze Vorgang periodisch,
gleiten kann, dies aber zunächst nicht tut, weil er d. h. in immer der gleichen Weise, in immer glei-
von einer Schraubenfeder in seiner Ruhestellung chen Zeitspannen.
x = 0 gehalten wird. Dort kann er bleiben, kräftefrei, Diese Bewegung der Masse kann mit einer Sinus-
denn die Feder ist entspannt, und die Gewichtskraft funktion beschrieben werden:
wird von der Schiene aufgefangen.

Um das Pendel in Gang zu setzen, kann man den x(t) = A0 ⋅ sin ( ⋅ t + ϕ0) = A0 ⋅ sin (ω ⋅ t + ϕ0),
T
Klotz per Hand zur Seite ziehen (. Abb. 4.1b), ihm
also eine Auslenkung x (hier = A0) verpassen. Dabei (. Abbildung 4.2). Man könnte auch die Kosinus-
spannt man die Feder. Sie soll dem linearen Kraft- funktion nehmen. Eine solche Bewegung, die durch
gesetz des 7 Abschn. 2.2.1 gehorchen, also entspre- Kosinus oder Sinus beschrieben wird, nennt man
chend ihrer Federkonstanten D den Pendelkörper harmonische Schwingung.
mit der Kraft
Merke
F (x) = −D ⋅ x
Die Winkelfunktionen Sinus und Kosinus
in Richtung Ruhelage zurückziehen. Die Kraft beschreiben harmonische Schwingungen.
bekommt ein negatives Vorzeichen, da sie immer
entgegen der Auslenkung x wirkt: sie ist eine rück-
treibende Kraft. Lässt man den Klotz bei der Aus- Für die Schwingungsdauer T eines Pendels ist es
lenkung A0 los, so verlangt die Grundgleichung gleichgültig, ob man sie von Umkehrpunkt zu
der Mechanik, also das 2. Newton´sche Gesetz (s. Umkehrpunkt (auf der gleichen Seite), von Null-
7 Abschn. 2.3.1.), dass sich der Klotz nach links in durchgang zu Nulldurchgang (in gleicher Richtung)
Bewegung setzt, und zwar mit der Beschleunigung oder irgendeiner Auslenkung dazwischen zur nächs-
ten gleichen danach zählt. Den Kehrwert der Schwin-
F ( A0) −A0 ⋅ D
a0 = = . gungsdauer f = 1/T nennt man die Frequenz der
m m
Schwingung. Sie gibt an, wie viel Perioden in einer
Folge: Die Auslenkung x wird kleiner, der Betrag Sekunde ablaufen und hat die SI-Einheit 1/s = s–1.
der rücktreibenden Kraft F(x) auch. Aber die nach Es ist üblich, diese Einheit Hertz zu nennen und mit
links gerichtete Geschwindigkeit v(t) wird größer, Hz abzukürzen.
bis der Klotz seine Ruhelage x = 0 erreicht. Dort
bleibt der Klotz aber nicht stehen, sondern läuft, für Merke
den Moment kräftefrei, mit momentan konstanter 1
Einheit der Frequenz: 1 Herz = 1 Hz =
Geschwindigkeit weiter nach links, als Folge seiner s
Trägheit (. Abb. 4.1c). Von da ab wird die Schrau-
benfeder gestaucht, x und F wechseln ihre Vorzei-
chen, und die Kraft bleibt, jetzt nach rechts gerichtet,
rücktreibende Kraft. Sie bremst den Pendelkör-
7
per ab, bis er im linken Umkehrpunkt der Schwin-
[

gung, also bei –A0, momentan zur Ruhe kommt $


(.  Abb. 4.1d). Dort hat die Kraft ihren (momen-
tanen) Höchstwert und beschleunigt den Pendel-
körper, jetzt nach rechts. Wieder läuft er kräftefrei 7
durch die Ruhelage (. Abb. 4.1e) hindurch, jetzt
weiter nach rechts, und dehnt die Feder, bis deren
rücktreibende Kraft ihn im rechten Umkehrpunkt . Abb. 4.2  Harmonischen Schwingung mit der Amplitude
bei + A0 momentan zur Ruhe bringt (. Abb. 4.1f). A0 der Auslenkung x(t) und der Schwingungsdauer T
120 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Da die Mathematiker der Sinusfunktion eine Periode Definitionsgemäß ist beim Federpendel die
von 2π gegeben haben, steht in der Klammer der Beschleunigung a gleich der zweiten Ableitung
Sinusfunktion nicht einfach die Frequenz vor der d2x/dt2 der Auslenkung nach der Zeit. Die Formel
Zeitvariable t, sondern Frequenz mal 2π: ω = 2π⋅f; für die rücktreibende Kraft F = −D ⋅ x führt zusam-
sie wird Kreisfrequenz genannt. Der Name kommt men mit der Grundgleichung der Dynamik (2. New-
daher, dass eine Kreisbewegung mit Winkelge- ton´sches Gesetz) auf die Gleichung:
schwindigkeit ω, auf eine Bewegungsrichtung pro-
d 2x F D
jiziert, eine Schwingung mit Kreisfrequenz ω ergibt = = − ⋅ x(t)
4 (. Abb. 1.14). Vor der Sinusfunktion steht die Amp-
dt 2 m m
litude A0. Sie entspricht gerade der maximalen Aus- Eine Gleichung, die neben der Variablen (hier x) auch
lenkung aus der Ruhelage x = 0, den die Sinusfunk- einen ihrer Differentialquotienten enthält, heißt Dif-
tion wird maximal eins. In der Klammer steht noch ferentialgleichung. Tatsächlich ist diese Gleichung
der Phasenwinkel φ0, der bestimmt, wo die Schwin- nichts anderes als die Bewegungsgleichung von
gung bei der Zeit t = 0 startet. Meistens interessiert 7 Abschn. 2.3.3 für dieses Federpendel. Die Lösung
dieser Phasenwinkel nicht. einer solchen Gleichung ist nicht einfach eine Zahl,
sondern eine Funktion x(t). Diese Lösungsfunktion
Merke beschreibt eben gerade die Bewegung des Pendels.
Der Mathematiker löst eine Differentialgleichung
Kenngrößen der Harmonischen Schwingung: mit Scharfsinn, Phantasie und festen Regeln; der
55Amplitude = Maximalausschlag mathematische Laie, auch der Physiker, schlägt die
55Schwingungsdauer T Lösung in entsprechenden Büchern nach. Im vorlie-
1 genden Fall geht es um die Schwingungsdifferential-
55Frequenz f =
T gleichung in ihrer einfachsten Form. Sie wird durch
55Kreisfrequenz ω = 2π ⋅ f
eine Sinusfunktion x(t) = A0 ⋅ sin(ω ⋅ t) gelöst (es darf
auch der Kosinus sein und es darf auch noch ein Pha-
senwinkel φ0 in der Klammer stehen). Davon über-
Die Amplitude, mit der das Federpendel schwingt, zeugt man sich durch Ableiten und Einsetzen. Es gilt:
kann man offenbar frei wählen. Man startet die wenn
Bewegung eben mit einer mehr oder weniger starken
x(t) = A0 ⋅ sin(ω ⋅ t)
Auslenkung. Auch der Startpunkt der Schwingung,
also der Phasenwinkel, kann frei gewählt werden. dann
Die Schwingungsdauer sucht sich das Pendel aber
dx(t)
selbst. Wie lange dauert nun eine Schwingungsdauer = v(t) = A0 ⋅ ω ⋅ cos(ω ⋅ t)
dt
T? Soviel kann man sich denken: Je größer die Masse
m des Pendelkörpers ist, desto langsamer kommt sie und
in Bewegung und wieder heraus. In einer Formel
d 2 x(t)
für T wird man m über dem Bruchstrich erwar- = a(t) = −A0 ⋅ ω 2 ⋅ sin(ω ⋅ t) = −ω 2 ⋅ x(t)
dt 2
ten. Umgekehrt, je stärker die Feder, desto schneller
die Schwingung: In der Formel für T wird man die Den Faktor ω bei jeder Ableitung schleppt die Ket-
Federkonstante D unter dem Bruchstrich vermuten. tenregel der Differentiation herein.
Dass freilich In der letzten Gleichung muss nun nur noch
ω 2 = D / m gesetzt werden, und die Schwingungs-
m
T = 2π ⋅ differentialgleichung steht da. Also löst die Sinus-
D
funktion die Differentialgleichung wenn
herauskommt, kann man sich auf solche Weise nicht
2π D
überlegen; da muss man rechnen. ω= = ω0 =
T m
4.1 · Mechanische Schwingungen
121 4
gesetzt wird. ω0 nennt man die Eigenkreisfrequenz harmonisch und eine Rechnung entsprechend der
oder charakteristische Kreisfrequenz des Pendels. obigen liefert:
Das Federpendel schwingt gemäß einer Sinus-
g
funktion, also harmonisch, weil die rücktreibende ω0 =
l
Kraft proportional zur Auslenkung ist. Ohne dieses
funktioniert die ganze Rechnung nicht. Eine Schwin- Bemerkenswerterweise hängt die Kreisfrequenz also
gung kann immer noch herauskommen, aber keine nur von der Pendellänge l und der Fallbeschleuni-
harmonische. gung g ab, aber nicht von der Masse m.
Eben deswegen ist das technisch so einfache In einem Experiment kann man sich leicht über-
Fadenpendel, also ein mit langem Faden irgendwo zeugen, dass die Schwingungsdauer bei großen Aus-
aufgehängter Stein, genau betrachtet, kein har- lenkungswinkeln aber auch noch von der Amplitude
monisch schwingendes Gebilde. Das Fadenpen- abhängt. Dies ist ein untrügliches Zeichen für eine
del zweigt seine rücktreibende Kraft F von der nicht harmonische Schwingung, denn bei der Sinus-
Gewichtskraft F G der Pendelmasse ab, und da funktion sind Amplitude und Frequenz völlig unab-
besteht keine Proportionalität zum Auslenkwin- hängig voneinander.
kel α, sondern zu dessen Winkelfunktion sin(α)
(. Abb. 4.3). Bei sehr kleinen Winkeln macht das
Rechenbeispiel 4.1: Fahrwerksfeder
freilich nichts aus; sin(4,4°) = 0,076719 ist gegen-
Aufgabe: Eine vierköpfige Familie mit einer
über 4,4° im Bogenmaß (= 0,076794) erst um
Gesamtmasse von 200 kg steigt in ihr Auto mit
ein Promille zurückgeblieben, da darf man noch
einer Masse von 1200 kg. Das Auto senkt sich
sin(α) = α setzen, vorausgesetzt, man drückt den
um 3 cm. Wie groß ist die Federkonstante der
Winkel α in Bogenmaß aus ( . Abb. 1.11 ). Für
vier Fahrwerksfedern zusammengenommen?
kleine Winkel schwingt das Fadenpendel doch fast
Mit welcher Frequenz beginnt das Auto zu
schwingen, wenn es durch ein Schlagloch
fährt?
Lösung: Die zusätzlich Gewichtskraft beträgt
200 kg ⋅ 9,81 m/s2 =1962 N. Die Federkonstante
1962 N
ist also: D = = 6, 54 ⋅ 104 N/m.
3 ⋅ 10-2 m
Į Bei einer Gesamtmasse von 1400 kg
ist dann die Eigenfrequenz des Autos:
O
1 D
f0 = = 1,1Hz.
2π m

Rechenbeispiel 4.2: Trägheitskraft im Auto


)
)* P J Aufgabe: Nehmen wir an, unser Auto schwingt
[ Į O mit einer Amplitude von 10 cm. Mit wie
Į
viel Prozent der Gewichtskraft wird dann
 ein Insasse maximal zusätzlich in den Sitz
. Abb. 4.3  Fadenpendel. Die Gewichtskraft FG kann in
gedrückt?
zwei zueinander senkrechte
 Komponenten zerlegt werden,
von denen die eine ( F ) rücktreibend wirkt und die andere
Lösung: Die Beschleunigung berechnet sich
vom Faden aufgefangen wird. Bei kleinen Ausschlägen aus der zweiten Ableitung der Ortsfunktion:
kann sin α = α gesetzt werden. Dann schwingt das Pendel d 2 x(t)
a(t) = = −A0 ⋅ ω 2 ⋅ sin(ω ⋅ t)
harmonisch mit der Schwingungsdauer T = 2π ⋅ l /g ; dt 2
Animation im Web
= −ω 2 ⋅ x(t) = −a0 ⋅ sin(ω ⋅ t).
122 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

man erwarten, dass es zwischendurch nicht anders


a0 = A0 ⋅ ω 2 ist die maximal auftretende ist und sich Wpot und Wkin bei jeder momentanen
Beschleunigung, in unserem Fall: a0 = 4,8 m/s2. Auslenkung x(t) ständig zum gleichen WS0 addieren:
Das sind immerhin fast 50 % der
1
Fallbeschleunigung, die der Passagier als WS0 = Wkin (t) + Wpot (t) = m ⋅ v0 2
2
zusätzliche Trägheitskraft empfindet. Das
1
ist unangenehm. Deshalb sind alle Autos = D ⋅ A0 = konstant
2
2
mit Stoßdämpfern ausgestattet, die die
4 Schwingung möglichst gleich wieder Mit anderen Worten:
wegdämpfen.
Merke

Beim harmonisch schwingenden Oszillator


4.1.3 Gedämpfte Schwingungen wechselt die volle Schwingungsenergie
ständig zwischen der potentiellen Energie
Wie sieht es mit der mechanischen Energie bei der Feder und der kinetischen Energie des
einer Schwingung aus? Wenn eine Masse m mit der Pendelkörpers hin und her.
Geschwindigkeit v läuft, besitzt sie die kinetische
Energie Wkin = 1 / 2m ⋅ v 2 .Wenn eine Feder mit der
Federkonstanten D um das Stück x gedehnt oder Die harmonische Schwingung hält ihre Amplitude
gestaucht wird, ändert sich die potentielle Energie A = A0, der harmonische Oszillator seine Schwin-
um Wpot = 1 / 2D ⋅ x 2 . Folglich besitzt ein Federpen- gungsenergie Ws eisern konstant, auf immer und
del eine Schwingungsenergie Ws, die sich irgendwie ewig. Das ist graue Theorie. In der Wirklichkeit
aus Wkin und Wpot zusammensetzt. Wie? schwingt ein Pendel aus, wenn die Uhr abgelaufen
Beim Nulldurchgang ist die Feder momentan ent- ist: jede folgende Amplitude bleibt um ein Stückchen
spannt: Wpot = 0. Folglich muss der Pendelkörper die ΔA kleiner als die letzte, die Schwingung ist gedämpft
Schwingungsenergie ganz allein tragen. Das kann er und verliert Schwingungsenergie. Das darf man so
auch, denn er ist ja auf seiner Höchstgeschwindigkeit sagen, obwohl Energie als solche selbstverständlich
±v0. Die geht quadratisch in Wkin ein, folglich spielt nicht verloren gehen kann. Das verbietet der Ener-
die Richtung der Geschwindigkeit keine Rolle. In giesatz. Es wird lediglich Schwingungsenergie in eine
den Umkehrpunkten ist der Pendelkörper momen- andere Energieform umgewandelt, üblicherweise
tan in Ruhe: Wkin = 0. Folglich muss die Feder die durch Reibung in Wärme. In die Schwingungsdiffe-
Schwingungsenergie ganz allein tragen. Das kann sie rentialgleichung muss dann also noch ein Term für
auch, denn sie ist ja mit der Amplitude ±A0 maximal die Reibungskraft FR eingefügt werden:
gedehnt oder gestaucht. A0 geht quadratisch in Wpot
d 2 x(t) D F
ein, folglich spielt das Vorzeichen keine Rolle. Für die = − ⋅ x(t) + R
d 2t m m
vier genannten Positionen darf man also schreiben
Die sich dann ergebende Differentialgleichung kann
1 1
Schwingungsenergie WS0 = m ⋅ v0 2 = D ⋅ A0 2. schon recht schwer zu lösen sein. Eine einigermaßen
2 2
leicht zu lösende Schwingungsgleichung ergibt sich
Das stimmt wirklich, denn: dann, wenn die Reibungskraft geschwindigkeitspro-
portional angenommen wird:
D
m ⋅ v0 2 = m ⋅ (ω ⋅ A0) 2 = m ⋅ ⋅ A 2 = D ⋅ A0 2
m 0 dx
FR = −µ ⋅ .
dt
Eine harmonische Schwingung erreicht immer
wieder die gleiche Amplitude A 0; demnach hat FR ist negativ, da sie der Bewegung wie die Federkraft
die Schwingungsenergie Ws zumindest alle halbe entgegenwirkt. µ ist ein Reibungskoeffizient. Dann
Schwingungsdauer den genannten Wert. Da darf lautet die Differentialgleichung:
4.1 · Mechanische Schwingungen
123 4
Weg in die Ruhelage zurückkehrt. Das ist der so
d 2 x(t) D µ dx
= − ⋅ x(t) − ⋅ . genannte aperiodische Grenzfall, um den sich die
d 2t m m dt
Stoßdämpfer im Auto und auch die Instrumenten-
Wie man sich durch Einsetzen überzeugen kann, bauer bemühen. Eine Waage soll ihren Messwert ja
lautet eine Lösung nun: möglichst rasch anzeigen und nicht lange um ihn her-
umpendeln. Die Instrumente im Armaturenbrett des
x(t) = A0e−δ⋅t ⋅ cos(ω ⋅ t). Autos müssen grobe Erschütterungen ertragen. Darum
dämpft man sie bis in den sog. Kriechfall, in dem sie
Die Dämpfungskonstante δ ergibt sich zu: nur betont langsam auf den Messwert zumarschieren.
Ein Kind, zum ersten Mal auf eine Schaukel
µ
δ= . gesetzt, muss angestoßen werden und nach wenigen
2⋅ m
Schwingungen wieder. Es lernt aber bald, durch
Die Amplitude A(t) und die Schwingungsenergie geschickte Bewegung des Oberkörpers und der
WS(t) nehmen exponentiell mit der Zeit ab, und zwar Beine, die Schaukel in Gang zu halten, also verlorene
A mit der Dämpfungskonstanten –δ: Schwingungsenergie durch Muskelarbeit zu ersetzen,
ohne im Geringsten zu verstehen, wie das eigentlich
A(t) = A0e−δ⋅t funktioniert.
Die rhythmische Energiezufuhr muss nicht
und Ws, weil dem Amplitudenquadrat proportio- gefühlsmäßig oder gar durch Nachdenken besorgt
nal, mit –2δ: werden, eine rein mechanisch oder auch elektrome-
chanisch vom Pendel selbst ausgelöste Selbststeue-
WS(t) = WS0 e−2δ⋅t. rung tut es auch, wie alle Uhren beweisen. Was bei
ihnen Ziel der Konstruktion ist, kann bei Regel-
. Abb. 4.4 zeigt eine in dieser Weise gedämpfte kreisen ausgesprochen stören. Ist er zu schwach
Schwingung graphisch. Ihre Formel gedämpft, so fängt er an, um den Sollwert zu schwin-
benutzt zwar weiter die Winkelfunktion Kosinus, gen. . Abbildung 3.16 brachte ein medizinisches
um eine harmonische Schwingung handelt es sich Beispiel (Regelung des Blutdrucks). Wichtiges, wenn
aber nicht mehr, nicht einmal um einen periodischen auch nicht einziges Mittel zur Abhilfe, bildet eine
Vorgang. Erhöhung der Dämpfung.
Mit wachsendem δ kommt das gedämpfte Pendel
immer schneller zum Stillstand, bis es schließlich, ohne
auch nur einmal durchzuschwingen, auf schnellstem 4.1.4 Erzwungene Schwingungen

[ Die regelmäßige Energiezufuhr für eine unge-


$ dämpfte Schwingung muss nicht vom Pendel selbst
ausgelöst werden, sie kann auch von einem unabhän-
$ įW gigen Erreger ausgehen. Wird z. B. das linke Ende der
Pendelfeder in . Abb. 4.5 von irgendeiner Mechanik
periodisch hin und her gezogen, so schwingt der Pen-
delkörper auch jetzt ungedämpft, allerdings nicht mit
W seiner Eigenfrequenz f0, sondern mit der Frequenz
fE des Erregers: Das Pendel führt eine erzwungene
Schwingung aus. Dabei hat es seine Eigenfrequenz
freilich nicht vergessen; zumeist schwingt es nämlich
mit umso größerer Amplitude, je näher fE und f0 bei-
. Abb. 4.4  Gedämpfte Schwingung. Die rot gezeichnete
einander liegen. Nicht selten klappert ein altes Auto
Kurve läuft durch die Maximalausschläge der Schwingung bei einer ganz bestimmten Geschwindigkeit beson-
und ist eine Exponentialfunktion ders laut: irgendein Stück Blech hat sich gelockert,
124 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

stabiler stationärer Zustand ein, in dem das Pendel


harmonisch schwingt. Wird die anregende Kraft
wieder abgeschaltet, so schwingt das Pendel in einer
gedämpften Schwingung aus. Im stationären Zustand
hängen Amplitude und Phase der Pendelschwingung
. Abb. 4.5  Erzwungener Schwingung. Das linke
Ende der Feder wird mit vorgebbarer Frequenz und von der Erregerfrequenz ab (. Abb. 4.7):
Auslenkungsamplitude sinusförmig hin- und herbewegt; F0
Animation im Web A0(ωE ) =
4 m 2(ω02 − ωE 2) 2 + µ 2 ⋅ ωE 2,
ist dadurch schwingungsfähig geworden und gerät µ ⋅ ωA D
in Resonanz, wenn seine Eigenfrequenz vom Motor tan ϕ(ωE ) = ,ω = .
m(ω02 − ωE 2) 0 m
getroffen wird.
Die Schwingungsdifferentialgleichung erhält nun Bei kleinen Frequenzen folgt der Oszillator dem
noch einen weiteren Term: die periodisch anregende Erreger unmittelbar, beide erreichen ihre Maximal-
Kraft: F (t) = F0 ⋅ sin(ωE ⋅ t) : ausschläge zum gleichen Zeitpunkt: Sie schwingen
in Phase, ohne Phasenverschiebung also, d. h. mit
d 2 x(t) D µ dx F
= − ⋅ x(t) − ⋅ + 0 sin(ωE ⋅ t). dem Phasenwinkel φ = 0. Erhöht man die Frequenz
d 2t m m dt m
des Erregers, so wächst im Allgemeinen die Ampli-
Komplizierte Differentialgleichungen haben kom- tude des Oszillators. Sie erreicht ihren Höchstwert so
plizierte Lösungen. Wird an dem zunächst ruhenden ungefähr bei dessen Eigenfrequenz und geht von da
Pendel die anregende Kraft plötzlich eingeschaltet, ab asymptotisch auf null zurück. Erreger und Pendel
so gibt es einen komplizierten Einschwingvorgang schwingen schließlich in Gegenphase (φ = π). In
(. Abb. 4.6). Nach einer Weile stellt sich aber ein unglücklichen Fällen kann die Resonanzamplitude

. Abb. 4.6  Einschwingvorgänge brauchen nicht weniger Zeit als das Ausschwingen. (a) schwache Dämpfung; (b) nahezu
aperiodische Dämpfung (hier ist die Amplitude um den Faktor 5 überhöht gezeichnet)
4.1 · Mechanische Schwingungen
125 4
Der Phasenwinkel φ schiebt die zugehörige Teil-
schwingung in die richtige Position auf der Zeit-
achse. Am besten lässt man sich die Summe von
$
einem Computer nicht nur ausrechnen, sondern
gleich als Kurve auf den Bildschirm aufzeichnen.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine mathe-
matische Spielerei; die Überlagerung von Schwin-
$ gungen hat durchaus praktische Bedeutung, wie sich
noch herausstellen wird.
In besonders einfachen Fällen kann man auch
ohne Rechnung herausfinden, was bei einer Über-
$ lagerung von Schwingungen herauskommen muss,
etwa bei der Addition zweier Sinusschwingungen
› gleicher Amplitude und Frequenz, d. h. bei

› x(t) = A0 {sin(ω ⋅ t) + sin(ω ⋅ t + ϕ)}.

Hier darf der Phasenwinkel φ auf keinen Fall ver-


gessen werden; er spielt eine entscheidende Rolle.
I I
Bei φ = 0 sind beide Schwingungen in Phase, ihre
Auslenkungen stimmen zu jedem Zeitpunkt nach
. Abb. 4.7  Resonanzkurven eines Oszillators mit der Betrag und Vorzeichen überein. Demnach ist auch
Eigenfrequenz f0 (sie ist zugleich Einheit der Abszisse). die Summe mit beiden Schwingungen in Phase, hat
Einheit der Ordinate ist die Amplitude A0 der Auslenkung aber doppelte Amplitude (. Abb. 4.8b); man spricht
bei kleinen Frequenzen. Mit stärkerer Dämpfung nimmt
hier von konstruktiver Interferenz. Bei φ = π = 180°
die Resonanzüberhöhung ab und die Phasenverschiebung
zwischen Erreger und Resonator zu. Das Maximum der
Resonanzkurve verschiebt sich zu kleinen Frequenzen [

so groß werden, dass der Oszillator dabei zu Bruch


geht. Durch seinen Blechtrommler Oskar Matzerath, W
der gläserne Gegenstände aller Art „zersingen“ kann,
[
hat Günter Grass der Resonanzkatastrophe zu litera-
rischem Ruhm verholfen. Weingläser kann man mit
entsprechend starken Lautsprechern tatsächlich zu W
Bruch bekommen. Um Schaden zu vermeiden, muss
der Oszillator hinreichend gedämpft sein. [[

4.1.5 Überlagerung von


Schwingungen
W

Wenn man die momentanen Auslenkungen mehre-


rer gleichzeitig ablaufender Schwingungen addiert,
so spricht man von einer Überlagerung von Schwin-
gungen. Rein mathematisch geht es also um die . Abb. 4.8 a-c  Überlagerung zweier Schwingungen
mit gleicher Frequenz und Amplitude der Auslenkung.
Summe
(a) Auslöschung bei Gegenphase, destruktive Interferenz;
(b) Amplitudenverdopplung bei Überlagerung in Phase,
x(t) = ∑ An ⋅ sin(ωn ⋅ t + ϕn). konstruktive Interferenz; (c) mittlere Amplitude und
n Phasenlage bei Fällen zwischen den beiden Extremen
126 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

befinden sich die beiden Schwingungen in Gegen- [


phase; ihre Auslenkungen stimmen nur noch im
Betrag überein, haben aber entgegengesetzte Vor-
zeichen. Folglich ist die Summe zu jedem Zeitpunkt W
null; die Schwingungen löschen sich gegenseitig
aus: destruktive Interferenz (. Abb. 4.8a). Jeder [
andere Phasenwinkel führt zu einem Ergebnis zwi-
schen diesen beiden Grenzfällen; . Abb. 4.8c zeigt
4 ein Beispiel. W
Bemerkenswert ist die Überlagerung zweier
Schwingungen von nicht genau, aber fast gleicher [[
Frequenz: Sie führt zur Schwebung (. Abb. 4.9). Ver-
stärken sich die beiden Schwingungen zu irgendei-
nem Zeitpunkt, weil sie gerade gleiche Phase haben,
so wird ein Weilchen später die eine Schwingung der
W
anderen um genau eine halbe Schwingungsdauer
davongelaufen sein: beide geraten in Gegenphase und
löschen sich aus. Dieses Spiel wiederholt sich regel-
mäßig und zwar mit der halben Differenzfrequenz,
. Abb. 4.10  Überlagerung zweier Schwingungen gleicher
der halben Differenz der beiden Einzelfrequenzen. Auslenkungsamplitude im Frequenzverhältnis 1:2. Die
Etwas schwieriger zu übersehen ist die Über- Phasenbeziehung ist wesentlich
lagerung zweier Schwingungen im Frequenzver-
hältnis 1:2. Auch hier hängt das Resultat wesentlich
von der Phasenlage ab (. Abb. 4.10). Natürlich kann überlagern. Treibt man es weit genug, so kann man
man auch mehr als zwei Schwingungen einander grundsätzlich jeden periodisch ablaufenden
Vorgang, jede noch so komplizierte Schwingungs-
[ form aus einzelnen Sinusschwingungen zusam-
mensetzen (Fourier-Synthese) oder auch in sie zer-
legen (Fourier-Analyse). In mathematischer Strenge
W lässt sich beweisen: Die Frequenz f0, mit der sich ein
beliebiger Vorgang periodisch wiederholt, erscheint
[ in der Analyse als Frequenz der Grundschwingung.
Ihr überlagern sich Oberschwingungen, deren Fre-
quenzen ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz
f0 sind. Über die Phasenwinkel dieser sog. Harmo-
W
nischen lässt sich Allgemeines nicht aussagen, sie
hängen vom Einzelfall ab. Dies gilt auch für die
[[
Amplituden, die allerdings normalerweise mit stei-
gender Frequenz schließlich einmal monoton gegen
null gehen. So lässt sich zum Beispiel das Profil einer
Frau, das man sich allerdings periodisch fortgesetzt
W denken muss, durch Überlagerung von Sinusfunktio-
nen synthetisieren (. Abb. 4.11 und 4.12). Oft genügt
es, über die Amplituden der vorkommenden Sinus-
funktionen Bescheid zu wissen. Dann bietet es sich
. Abb. 4.9  Schwebung: Überlagerung zweier
an, ein Spektrum in Histogrammform darzustellen.
Schwingungen mit gleicher Auslenkungsamplitude und Die . Abb. 4.13 gibt Beispiele solcher Spektren für
nahezu gleichen Frequenzen; Animation im Web drei verschiedene Schwingungsverläufe.
4.2 · Wellen
127 4
einer bestimmten Amplitude. Das Wasser um den
Finger herum macht etwas Komplizierteres. Die
Wasseroberfläche hebt und senkt sich im Takt des
Fingers, aber dieses Heben und Senken findet nicht
nur direkt am Finger statt, sondern es breitet sich
aus. Wurde die Wasseroberfläche durch die Bewe-
gung des Fingers gerade etwas angehoben, so breitet
sich nun diese Anhebung mehr oder weniger gleich-
mäßig in alle Richtungen mit einer bestimmten
Geschwindigkeit aus. Da dieser Vorgang periodisch
wiederholt wird, entsteht so eine kreisförmige perio-
dische Welle.
Diese Welle hat die gleiche Frequenz wie die
Bewegung des Fingers. Die Amplitude, also wie
stark sich die Wasseroberfläche hebt und senkt,
hängt von der Amplitude des Fingers ab. Die
. Abb. 4.11  Fourier-Analyse. Auch die Grenzkurve eines Geschwindigkeit, mit der sich die Welle ausbrei-
(geeigneten) Scherenschnittes kann in Sinusschwingungen tet, hat aber nichts mit dem Finger zu tun, sondern
zerlegt werden (sofern man sich diesen periodisch wiederholt
vorstellen darf ). Die Fourieranalyse des gezeichneten Profils
ist eine Eigenschaft der Wasseroberfläche. Auf dem
lautet: Foto von dem Vorgang sieht man eine räumlich
periodische Struktur mit einer charakteristischen
y = 0,9432 1,0402 sin (x − 1,02) +
Länge, den Abstand von Wellenberg zu Wellenberg.
0,1531 sin (2x − 1,89) + 0,2800 sin (3x − 3,09) +
0,1198 sin (4x + 1,24) + 0,1088 sin (5x + 1,39) + Dies ist die Wellenlänge λ der Welle. Was breitet
0,0951 sin (6x − 1,06) + 0,0043 sin (7x − 2,96) + sich da eigentlich aus? Die Wassermoleküle bleiben
0,0455 sin (8x − 1,93) + 0,0324 sin (9x + 2,21) + im Wesentlichen am Ort. Läuft die Welle an ihnen
0,0105 sin (10x − 3,04) + 0,0302 sin (11x + 0,76) + vorbei so bewegen sie sich auf Kreisbahn herum
0,0112 sin (12x − 1,20) + 0,0086 sin (13x − 2,63) +
(. Abb. 4.15). Materie wird also nicht transportiert,
0,0092 sin (14x − 1,36) + 0,0129 sin (15x + 2,79) +
0,0045 sin (16x + 1,65) + 0,0008 sin (17x + 2,87) + aber Energie. Findet an einer Stelle am Meeresbo-
0,0052 sin (18x + 0,46) + 0,0043 sin (19x − 0,52) + den ein Erdbeben statt, so erzeugt dies eine riesige
0,0068 sin (20x − 2,60) + 0,0007 sin (21x − 0,59) + Welle (Tsunami), die so viel kinetische Energie mit
0,0053 sin (22x + 3,11) + 0,0044 sin (23x + 1,36) + sich trägt, dass sie am Ufer leicht ein ganzes Dorf
0,0029 sin (24x − 0,71) + 0,0003 sin (25x + 2,67)
zerstören kann.

Merke Merke

Nicht harmonische Schwingungen können als Wellen transportieren Energie, aber keine
Überlagerung harmonischer Schwingungen Materie.
aufgefasst werden.

Wasserwellen kann man sehr gut sehen und ihre


Ausbreitung anschaulich studieren (siehe auch
4.2 Wellen 7   Abschn. 7.1.3). Das gilt für die meisten Wellen
nicht. Wenn wir miteinander sprechen, senden
4.2.1 Wellenarten und empfangen wir Schallwellen. Das sind periodi-
sche Druck- und Dichteschwankungen in der Luft
Steckt man einen Finger ins Wasser (. Abb. 4.14) (. Abb. 4.16). Auch sie transportieren Energie, die
und bewegt ihn periodisch auf und ab, so schwingt im Ohr das Trommelfell zu Schwingungen anregt.
die Finger, mit einer bestimmten Frequenz und Schallwellen sind gut hundertmal schneller als
128 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

. Abb. 4.12  Fourier-Analyse und Synthese. Oberes Teilbild: Zeichnungen der ersten 26 Fourier-Glieder des vorgegebenen
Profils; unteres Teilbild: Synthese – die Fourier-Glieder werden nacheinander von rechts nach links aufaddiert. (Computer-
Rechnung und -Zeichung von W. Steinhoff ); Animation im Web

Wasserwellen. Wie schnell eine Welle läuft, hängt 4.2.2 Harmonische Seilwellen
vom Medium ab, in dem sie sich ausbreitet.
Schallwellen und Wasserwellen sind mechani- Nehmen wir ein Seil oder einen Gummischlauch,
sche Wellen. Für unsere Sinneswahrnehmung noch binden ein Ende irgendwo fest, spannen es etwas,
ganz wichtig sind Lichtwellen. Das sind elektro- und lenken das andere Ende kurz seitlich aus, so läuft
magnetische Wellen, in denen nichts mechanisch diese Auslenkung das Seil entlang zum angebunde-
schwingt, sondern elektrische und magnetische nen Ende, wird dort reflektiert und kommt wieder
Felder (. Abb. 4.17). Das ist schon viel abstrakter zurück. Das ist eine rudimentäre Seilwelle. Wie sie
und wird im 7 Kap. 6 und 7 näher erklärt. entsteht, versteht man am besten, wenn man sich das
Vielleicht noch abstrakter ist die Welle, die in Seil als Abfolge von Federn und Massen vorstellt, wie
.  Abb. 4.18 zu sehen ist. Es handelt sich um eine in . Abb. 4.19 dargestellt.
Aufnahme einer Metallkristalloberfläche mit Die Massen können ihre Ruhelage in Richtung
einem Rastertunnelmikroskop. Auf der Oberfläche des Seils verlassen (. Abb. 4.20 oben) oder senkrecht
ist ein Kreis von Atomen angeordnet. Im Inneren dazu (. Abb. 4.20 unten).
dieses Kreises sieht man ringförmige Wellen. Diese In beiden Fällen gibt es eine in die Ruhelage rück-
Wellen entsprechen der Aufenthaltswahrschein- treibende Kraft. Ist die Masse senkrecht zum Seil aus-
lichkeit von Leitungselektronen an der Kristall- gelenkt (man nennt dies auch eine transversale Aus-
oberfläche. In der Quantenmechanik haben auch lenkung), so wird sie von der Zugspannung im Seil
Teilchen wie Elektronen Wellencharakter. Diese zurückgezogen. Da die Masse aber träge ist, wird sie
quantenmechanischen Wellen beschreiben die nicht nur bis zur Ruhelage zurücklaufen, sondern wie
Aufenthaltswahrscheinlichkeit an verschiedenen bei einer Schwingung darüber hinaus. So entsteht
Orten. In 7 Abschn. 7.6 und 8.1.2 werden wir darauf die Welle. Ist die Masse in Richtung des Seils aus-
zurückkommen. gelenkt (man spricht auch von einer longitudinalen
Wellen aller Wellenarten werden durch ihre Auslenkung), so treibt sie die Federkraft der benach-
Amplitude, Frequenz, Ausbreitungsgeschwindigkeit barten Federn wieder in die Ruhelage. Auch so ent-
und Wellenlänge beschrieben und folgen den glei- steht eine Welle im Seil, eine so genannte longitu-
chen mathematischen Regeln. Um diese kennen zu dinale Welle (Auslenkung in Ausbreitungsrichtung
lernen, betrachten wir nun eine ebenfalls gut sicht- die Wellen). Die Welle mit transversaler Auslenkung
bare mechanische Welle, die Seilwelle. heißt transversale Wellen (Auslenkung senkrecht
4.2 · Wellen
129 4
8
Spannung

a)
Amplitude

I I I I I I I I


Frequenz
8
Spannung

. Abb. 4.14  Oberflachenwelle. Der Finger wird auf und ab


W bewegt und erzeugt eine kreisförmige Wasserwelle

b) zur Ausbreitungsrichtung der Welle). Es sind natür-


lich auch Mischformen denkbar. Die Wassermole-
Amplitude

küle in der Wasserwellen der . Abb. 4.15 werden auf


ihrer Kreisbahn gleichzeitig transversale und longi-
tudinal ausgelenkt.
I I I I I I I I I I I I I I I
Frequenz
8 Merke
Spannung

Longitudinale Welle: Oszillatoren schwingen in


Ausbreitungsrichtung;
W Transversale Welle: Oszillatoren schwingen
senkrecht zur Ausbreitungsrichtung.
Man spricht auch von longitudinaler oder
c)
transversaler Polarisation der Wellen
Amplitude

Bleiben wir aber erstmal bei der transversalen Welle


auf dem Seil. Lenken wir das eine Seilende periodisch
seitlich aus, so entsteht eine sinusförmigen Welle mit
I I I I I I I I I I I I I
Frequenz Bergen und Tälern. Das klappt allerdings nicht sehr
lange, denn wenn die Welle das festgebunden Ende
. Abb. 4.13  Spektren verschiedener
erreicht, wird sie reflektiert und die rücklaufende
Schwingungsformen. Das Rechteck (a) enthält nur
ungradzahlige Oberschwingungen (in gleicher Phase),
Welle überlagert sich mit der einlaufenden Welle zu
der Sägezahn (b) alle ganzzahligen Oberschwingungen einer so genannten stehenden Welle. Über stehende
(abwechselnd) in Phase und Gegenphase, im EKG (c) fallen Wellen wollen wir aber erst in 7 Abschn. 4.2.4 reden
die Amplituden der Oberschwingungen nicht monoton und denken uns das Seil erst einmal sehr lang. Die auf
ab. Schneidet ein Tiefpass die hohen Frequenzen eines
dem Seil entlanglaufende Welle wird mathematisch
Spektrums ab, so verzerrt er den Verlauf der Schwingung.
durch folgende Formel beschrieben:
 2π 
u(x, t) = u0 ⋅ sin ω ⋅ t − ⋅ x + ϕ0 
 λ 
130 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

. Abb. 4.15  Wasserwelle: die Wassermoleküle bewegen sich auf Kreisbahnen

Mit u bezeichnen wir die Auslenkung aus der Ruhe-


4 lage und mit u0 die Amplituden. Die Auslenkung ist
hier eine Funktion von zwei Variablen: der Zeit t und
dem Ort x auf dem Seil. Eine solche Funktion mit zwei
Variablen können wir zum Beispiel wie in . Abb. 4.21
darstellen, indem wir die Auslenkung als Funktion des
. Abb. 4.16  Schallwelle in der Luft als periodische Ortes untereinander für verschiedene Zeiten zeichnen.
Dichteschwankung. Die Luftmoleküle schwingen beim ω ist die uns bekannte Kreisfrequenz und T die
Durchlaufen der Welle in Ausbreitungsrichtung hin und her
dazugehörige Periodendauer:
2⋅ π
ω= .
T
Auch in Richtung der Ortsvariable x ist die Welle
periodisch, und zwar mit der Periodenlänge λ. Wie
( wir ihn . Abb. 4.21 sehen, schreitet die Welle in einer
Periodedauer T gerade um eine Periodenlänge λ in
positiver x – Richtung fort. Daraus ergibt sich die
Geschwindigkeit der Welle:
%
λ
. Abb. 4.17  Elektromagnetische Welle mit senkrecht c= = λ ⋅ f = WellenlangemalFrequenz
 .
T
aufeinander stehendem elektrischem und magnetischem Feld
Das ist die wichtigste Grundformel für Wellen.

Merke

Ausbreitungsgeschwindigkeit = Wellenlänge
mal Frequenz
c =λ⋅ f

Damit können wir die Formel für die Welle auch


noch anders hinschreiben:
 ω 
u(x, t) = u0 ⋅ sin ω ⋅ t − ⋅ x + ϕ0 .
 c 
. Abb. 4.18  Wahrscheinlichkeitswelle: Auf einer
Kristalloberfläche sind Atome im Kreis angeordnet. φ0 ist übrigens wie bei den Schwingungen ein Pha-
Im Inneren des Kreises sieht man die stehende senwinkel, die die Auslenkung u bei t = 0 und x = 0
Materiewelle von Oberflächenelektronen. Das
festlegt.
verwendete Rastertunnelmikroskop macht die
Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Elektronen
Die Ausbreitungsgeschwindigkeit c der Welle
(Elektronendichte) und damit auch einzelne Atome sichtbar auf dem Seil wird durch die Eigenschaften des Seils
(D. Eigler, IBM) bestimmt und durch ihre Polarisation. Die Formeln
4.2 · Wellen
131 4

. Abb. 4.19  Modellbild eines Seils

. Abb. 4.20  Longitudinale und transversale Welle, „Momentaufnahmen“; Animation im Web

für die Ausbreitungsgeschwindigkeit auf einem Seil Wir sehen: je schwerer das Seil, umso langsamer die
mit der Zugspannung F0, der Querschnittsfläche A, Wellen; je höher die Zugspannung oder das Elastizi-
der Massendichte ρ und dem Elastizitätsmodul E tätsmodul umso schneller ist die Wellen.
seien hier nur ohne Ableitung angegeben: Es gibt auch Situationen, da hat eine Welle zwei
verschiedene Geschwindigkeiten. Das tritt dann auf,
F0
transversaleWelle : ct = , wenn die oben beschriebene Ausbreitungsgeschwin-
A⋅ ρ
digkeit auch noch von der Frequenz beziehungsweise
der Wellenlänge abhängt. Das ist zum Beispiel bei
E
longitudinaleWelle : cl = . einer Wasserwelle der Fall:
ρ
g ⋅λ
cWasser = mit g = Fallbeschleunigung.
Ȝ 2π
Man spricht dann von Dispersion. Sie wird in der
W Optik noch sehr wichtig, denn auch bei Lichtwel-
[ len in Glas tritt diese Wellenlängenabhängigkeit
die Ausbreitungsgeschwindigkeit auf. Dort wie hier
W 7 nimmt die Ausbreitungsgeschwindigkeit mit stei-
[
gender Frequenz (sinkender Wellenlänge) ab. Einen
interessanten Effekt hat diese Wellenlängenabhän-
W 7 gigkeit bei kurzen Wellenzügen („Wellenpaketen“).
[
. Abbildung 4.22 Zeigt ein solches Wellenpaket, das
auch nicht näherungsweise durch eine Sinusfunk-
W 7
[ tion beschrieben werden kann, denn eine Sinus-
funktion reicht ja von minus unendlich bis plus
W 7 unendlich.
[ Ähnlich wie bei der Fourier-Analyse, die wir
bei den Schwingungen kennen gelernt haben, kann
Ȝ F 7 man sich das Wellenpaket aber aus vielen Sinus-
. Abb. 4.21  Welle. Eine Welle läuft in der
funktionen (harmonischen Wellen) verschiede-
Schwingungsdauer T um eine Wellenlänge λ weiter: ner Frequenz und Wellenlänge zusammengesetzt
Fortpflanzungsgeschwindigkeit c = λ·f denken. Diese vielen Wellen haben wegen der
132 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

4.2.3 Intensität und Energietransport

Ein ganz wichtiger Aspekt von Wellen ist, dass sie


Energie transportieren. Bei einer Seilwelle kann dies
einfach durch eine Leistung, also Energie pro Zeit,
beschrieben werden: an einer bestimmten Stelle auf
dem Seil läuft in einer gewissen Zeit eine gewisse
Energie vorbei. Schwieriger wird das, wenn wir es mit
4 einer Welle auf einer Oberfläche (Wasserwellen) oder
einer Welle im Raum (Schallwellen) zu tun haben.
Deren Form müssen wir erst einmal klar beschrei-
ben. Das tut man mit so genannten Phasenflächen.
Das sind Flächen im Raum, auf denen die Phase der
Welle konstant ist. Als Phase bezeichnet man das,
was im Argument der Sinusfunktion steht:
§ S ·
X [ W X ˜ VLQ ¨ Z ˜ W  ˜ [  M ¸ 
© O
. Abb. 4.22  Wellenpaket mit unterschiedlicher

¹
Phasengeschwindigkeit c und Gruppengeschwindigkeit cgr 3KDVH
Solche Phasenflächen sind für spezielle dreidimen-
sionale Welle in der . Abb. 4.23 dargestellt.
Dispersion verschiedene Geschwindigkeiten. Dies Am besten stellt man sich die Flächen als Position
führt zu einer Verformung des Wellenpaketes und der Wellenberge vor. Die einfachste Struktur hat eine
vor allem dazu, dass das Wellenpaket deutlich lang- ebene Welle, bei der die Phasenflächen Ebenen sind.
samer läuft, als die im Wellenpaket sichtbaren Wel- Die Ausbreitungsrichtung der Welle ist überall im
lenberge und –Täler. Man unterscheidet zwischen Raum gleich und steht überall senkrecht auf den Pha-
der Phasengeschwindigkeit c der Wellenberge im senflächen. Das die Ausbreitungsrichtung an jedem
Wellenpaket und der Gruppengeschwindigkeit cgr Ort senkrecht auf der Phasenfläche steht, ist auch bei
des Wellenpaketes. Die Gruppengeschwindigkeit den anderen abgebildeten Wellenformen so und gilt
ist dabei immer kleiner als die Phasengeschwindig- für alle Wellenformen fast immer.
keit. Nur ein bewegtes Bild kann diesen Unterschied Den Energietransport in einer solchen Welle
wirklich anschaulich machen. Auf der Internetseite beschreibt man mit einer Art Dichte. Wir stellen
zum Buch finden Sie einen Link zu einer solchen uns vor, dass wir ein kleines Flächenstück senkrecht
Animation. zur Ausbreitungsrichtung in die Welle hinein stellen.
Wir fragen nun, wie viele Energie in einer Sekunde
durch dieses Flächestück hindurchtritt. Das hängt
natürlich von dem Flächeninhalt des Flächenstücks
Rechenbeispiel 4.3: Was für eine Welle? ab. Deshalb bekommen wir eine Größe, die uns die
Aufgabe: Welche Ausbreitungsge- Stärke des Energietransports der Welle beschreibt,
schwindigkeit hat eine Welle mit einer indem wir die Energie E durch den Flächeninhalt A
Frequenz von 1010 Hz und einer Wellenlänge und die Zeit t teilen:
von 3 cm?
E J W
Lösung: c = λ ⋅ f = 3 ⋅ 108 m/s . Das ist eine I= ; Einheit :1 2 = 1 2
A⋅ t m ⋅s m
ziemlich hohe Geschwindigkeit, tatsächlich die
höchste, die es gibt: die von Licht im Vakuum. Diese Größe I wird präzise mit Energieflussdichte
Es handelt sich wohl um eine elektromag- bezeichnet, viel häufiger aber mit Intensität.
netische Mikrowelle (7 Abschn. 7.1).
Energie W
 =
Intensitat ; Einheit :1 2
 ⋅ Zeit
Flache m
4.2 · Wellen
133 4
Punkt gleichmäßig in alle Richtungen ausgeht. Die
Punktquelle sendet mit einer gewissen Leistung, die
sich mit zunehmendem Abstand auf zunehmend
größere Phasenflächen verteilt. Die Intensität nimmt
also in dem Maße ab, in dem der Flächeninhalt der
Phasenflächen zunimmt. Die Oberfläche einer Kugel
wächst mit dem Radius r ins Quadrat, die Intensität
sinkt also mit eins durch den Radius ins Quadrat:
1
I~ .
r2
Man nennt dies das quadratische Abstandsgesetz
für die Intensität von Wellen, die von Punktquellen
ausgehen. Man kennt dies aus dem Alltag von dem
Licht einer Lampe, das mit zunehmendem Abstand
schwächer wird, oder von der Stimme eines Spre-
chers, die mit zunehmendem Abstand leiser wird.
Auch bei der von einer Linienquelle ausgehenden
zylinderförmigen Welle (. Abb. 4.23, unteres Bild)
nimmt die Intensität mit dem Abstand r von der
Quelle ab, hier aber nur proportional zu 1/r.
Insbesondere in der Lichtmesstechnik gibt es
noch andere Größen, die den Energietransport und
die Helligkeit einer Welle beschreiben. Das wird in
7 Abschn. 7.3.1 besprochen.

Rechenbeispiel 4.4: Erdbebenstärke


Aufgabe: Die Intensität einer Erdbebenwelle
100 km von der punktförmigen Quelle entfernt
sei I1 = 1,0 ⋅106 W/m2. Wie hoch ist sie 400 km
von der Quelle entfernt?
Lösung: Die Intensität sinkt mit eins
durch Abstand ins Quadrat, also:
 100 km 2 6
I 2 =   ⋅ 10 W/m 2 = 6, 2 ⋅ 104 W/m 2
 400 km 

. Abb. 4.23  Phasenflachen für eine ebene Welle, eine 4.2.4 Stehende Wellen
Kugelwelle und eine Zylinderwelle

Bei der Besprechung der Seilwellen wurde es schon


Bei der ebenen Welle ist die Intensität überall gleich erwähnt: läuft die Welle gegen das festgebundene
und verändert sich auch nicht mit Fortschreiten der Ende des Seils, so wird sie reflektiert. Einlaufende
Welle, es sei denn, das Medium, in denen sich die und reflektierte Welle überlagern sich dann zu einer
Welle ausbreitet, absorbiert einen Teil der Energie. sogenannten stehenden Welle. . Abbildung 4.24 will
Anders ist dies bei der Kugelwelle, die von einem das verdeutlichen.
134 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Edelste Form der Musikerzeugung ist die mit der


Geige. Ihre Saiten schwingen in der Form stehen-
der Seilwellen. Da eine Saite an beiden Enden fest
eingespannt ist, müssen dort Schwingungsknoten
liegen. Sie haben den Abstand einer halben Wel-
lenlänge und liefern damit den einen bestimmen-
den Faktor (Saitenlänge l) zur Grundfrequenz f 0 der
Saitenschwingung:
4 c c 2c
f0 = = =
λ l/2 l
Diese Frequenz lässt sich erhöhen, wenn man die
wirksame Länge der Saite verkürzt: so werden Geigen
gespielt. Die Grundfrequenz steigt aber auch, wenn
man die Saite straffer spannt, denn damit erhöht
man die Ausbreitungsgeschwindigkeit c der Seil-
welle: so werden Geigen gestimmt. Die Forderung
nach Knoten an den Enden der Saite verbietet nicht,
dass weitere Knoten auftreten, z. B. einer genau in der
Mitte oder zwei auf je einem Drittel der wirksamen
Länge (. Abb. 4.25). Unterteilen können die Knoten
ihre Saite aber nur in ganzzahligen Bruchteilen; die
zugehörigen Frequenzen sind demnach ganzzahlige
Vielfache der Grundfrequenz. Derartige Obertöne
erzeugt jedes Musikinstrument, sie machen seine
. Abb. 4.24  Stehende Welle. Zwei gegenläufige Klangfarbe aus.
Wellen mit gleicher Auslenkungsamplitude und Auch in einer Blockflöte gibt es stehende Wellen;
gleicher Frequenz geben eine stehende Welle mit hier sind es Druckwellen (. Abb. 4.26). Die Blockflöte
ortsfesten Schwingungsknoten (Ruhe) und ortsfesten ist an beiden Enden offen: dort ist der Druck immer
Schwingungsbäuchen (maximale Amplitude der Auslenkung);
gleich Umgebungsdruck. In der Mitte der Flöte
Animation im Web
schwingt der Druck hingegen, hier liegt der Schwin-
gungsbauch der stehenden Schallwelle. Wieder ist
Die Summen der beiden gegenläufigen Wellen die Wellenlänge gleich der doppelten Flötenlänge.
ist rot gezeichnet. An manchen Stellen bleibt das Welche Frequenz zur Wellenlänge gehört, bestimmt
Seil ständig in Ruhe, sie liegen in Schwingungskno- die Schallgeschwindigkeit in der Luft; bläst man eine
ten; andere Stellen sind in maximaler Bewegung, sie Blockflöte mit Wasserstoff an, steigt ihre Tonhöhe um
liegen in Schwingungsbäuchen. Der Abstand zwi- mehr als eine Oktave.
schen benachbarten Knoten oder Bäuchen beträgt
eine halbe Wellenlänge, der zwischen Knoten und
Bauch ein Viertel. Diese Schwingungsstruktur bleibt
ortsstabil, deshalb „stehende“ Welle.

Merke

Zwei gegenläufige Wellen gleicher Amplitude


und Frequenz liefern eine stehende Welle mit
ortsfesten Schwingungsbäuchen und -knoten. . Abb. 4.25  Geigensaite in ihrer Grundschwingung und
den beiden ersten Oberschwingungen
4.2 · Wellen
135 4


ȥ

Û Û

ȥ  ȥ
S

Û Û

ȥ
1

. Abb. 4.26  Offene Pfeife (Blockflöte). Der Luftdruck


p hat an beiden Enden einen Knoten und schwankt
im Schwingungsbauch ein ganz klein wenig um den +
Barometerdruck p0 +
+

. Abb. 4.28  Molekülorbital. Es wird die


Aufenthaltswahrscheinlichkeit der Bindungselektronen
dargestellt. Die Form des sp3-Orbitals von Stickstoff (oben)
bestimmt die Struktur des Amoniakmoleküls NH3 (unten)
(nach Demtröder)

wir das schon gesehen. Auch die Elektronenwolken


um die Atomkerne herum sind stehende Wellen
und können komplizierte Formen bilden. . Abbil-
dung 4.28 zeigt die Form eines bestimmten Orbitals
im Stickstoff – Atom. Diese Form bestimmt wiede-
rum die tetraedrische Struktur des Ammoniakmo-
. Abb. 4.27  Cladi´sche Klangfigur. Schwingungsknoten-
leküls (NH3), das darunter abgebildet ist.
linien auf einem mit 8780 Hz schwingenden Aluminiumblech

4.2.5 Schallwellen
Es gibt nicht nur eindimensionale stehende
Wellen. Im Hörsaal werden gerne die „Chladni- Druckwellen in Luft, aber auch in anderen Gasen, in
schen Klangfiguren“ gezeigt (. Abb. 4.27). Ein qua- Flüssigkeiten und Festkörpern bezeichnet man als
dratisches Blech ist mit einer Schraube in der Mitte Schall. In Gasen und Flüssigkeiten sind das immer
an einem schwingungsfähigen Elektromagneten longitudinale Wellen, so wie es die . Abb. 4.16 zeigt.
befestigt. Wird dieser mit passenden Frequenzen Im Festkörper können Schallwellen auch transver-
angeregt, so bilden sich auf dem Blech komplizierte sal sein.
Schwingungsstrukturen aus. Die Schwingungskno- Schallwellen im Frequenzbereich von etwa 16 Hz
ten können mit aufgestreutem Sand sichtbar gemacht bis etwa 16 kHz kann der Mensch hören; man nennt
werden, der sich an ihnen sammelt. sie Hörschall. Schwingungen kleinerer Frequenz
Es gibt auch dreidimensionale stehende Wellen, werden als Bewegungen empfunden, unterhalb von
unter anderem in einem Bereich, wo man sie viel- 3 Hz lassen sie sich unmittelbar abzählen; in der
leicht nicht erwartet. Da in der Quantenphysik die Akustik nennt man sie Infraschall. Die obere Hör-
Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Teilchen auch grenze hängt vom Lebensalter ab und geht mit den
Wellencharakter hat, kann auch sie stehende Wellen Jahren zurück. Schall, dessen Frequenz über der Hör-
ausbilden. In . Abb. 4.18 in 7 Abschn. 4.2.1 hatten grenze liegt, heißt Ultraschall.
136 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Merke Stimmen von Mensch und Tier zu imitieren und alle


Musikinstrumente. Dazu wird eine meist konische
Hörschall: Frequenzen zwischen ca. 16 Hz und Membran aus starkem Papier von einem Elektroma-
ca. 16 kHz, gneten gewaltsam hin und her gezogen, und zwar im
Ultraschall: Frequenzen über dem Hörbereich. Takt eines Wechselstromes, den ein elektronischer
Verstärker liefert. Bewegt sich die Membran momen-
tan nach rechts, so schiebt sie dort Luftmoleküle
Die Schallgeschwindigkeit wird durch die Elastizität zusammen, erzeugt also einen (geringen) Überdruck;
4 und die Dichte ρ des Mediums bestimmt. Für Gase entsprechend führt eine Bewegung in Gegenrichtung
gilt: zu einem Unterdruck. Über- wie Unterdruck breiten
sich mit Schallgeschwindigkeit aus:
Q
c=
ρ
Merke
mit dem Kompressionsmodul Q (7 Abschn. 3.3.6).
Bei Festkörpern oder Flüssigkeiten wäre hier das Schallwellen in Gasen und Flüssigkeiten sind
Elastizitätsmodul einzusetzen. Die Schallgeschwin- Druckwellen.
digkeit in Luft beträgt ungefähr 340 m/s. Heliums-
gas hat eine viel geringere Dichte, in ihm beträgt
die Geschwindigkeit 980 m/s. Die Schallgeschwin-
digkeiten in Wasser (1480 m/s) und in Aluminium Die für den Menschen wichtigste Form der Schaller-
(5 km/s) sind viel höher, da die Materialien viel steifer zeugung ist die mit dem Kehlkopf. Dieser besitzt zwei
sind als Gase. Im Prinzip breiten sich Schallwellen Stimmbänder, die er über den Stellknorpel willkür-
nach den gleichen Gesetzen aus wie sichtbares Licht: lich anspannen kann. Durch die Stimmritze zwischen
Welle ist Welle. Schallwellen zeigen alle Erscheinun- ihnen wird beim Sprechen und Singen Luft gepresst.
gen der Beugung, Brechung und Interferenz, die Die in Grenzen einstellbaren Eigenfrequenzen der
im 7Abschn. 7.4 für Licht ausführlich besprochen Stimmbänder bestimmen die Tonlage, nicht aber den
werden; nur verlangen die vergleichsweise großen Laut, der den Mund verlässt. Hier spielen Unterkie-
Wellenlängen größere Apparaturen. Für die Schall- fer und vor allem die bewegliche Zunge die entschei-
reflexion des Echos nimmt man am besten gleich denden Rollen: Sie legen die momentane Form des
eine ganze Bergwand; für echten Schattenwurf sind Rachenraumes fest und damit die Eigenfrequenzen
normale Häuser schon zu klein. Immerhin dringt der dieses Hohlraumes, die von den Stimmbändern zu
tiefe, d. h. langwellige Ton der großen Trommel einer Resonanz angeregt werden können.
Blaskapelle leichter in Seitenstraßen ein als die hohen Der Mensch zwar nicht, aber Fledermäuse und
Töne der Querflöten. Delphine können Schallwellen wie Radar einsetzen.
Alles, was sich in Luft bewegt, erzeugt Schall; Sie senden kurze Laute aus, und hören dann wann
bewegt es sich periodisch und im Bereich des Hör- und aus welcher Richtung Echos zurückkommen. So
schalls, so erzeugt es einen Ton oder einen Klang; nehmen Sie Hindernisse oder auch Beute war und
bewegt es sich nichtperiodisch, so gibt es nur bestimmen auch deren Entfernung. U-Boote mit
ein Geräusch. Die Zähne einer Kreissäge greifen ihrem Sonargerät können das auch. Etwas harmlo-
periodisch ins Holz und kreischen dementspre- ser kommen Werkstoffprüfer daher, die nach Ultra-
chend; die Tonhöhe sinkt, wenn es dem Motor schallreflexen von Rissen und Defekten in Bauteilen
Mühe macht, das Sägeblatt durchzuziehen. Auch fahnden. Während sich Werkstoffprüfer meistens
Drehbewegungen sind periodische Bewegungen; mit einfachen Laufzeitmessungen in senkrechte
der Bohrer des Zahnarztes singt penetrant und Richtung zur Bauteiloberfläche zufrieden geben,
drehzahlabhängig. erzeugen Mediziner mit Ultraschallreflexen Abbil-
Vielseitigste Form der Schallerzeugung ist die dungen von inneren Organen oder noch nicht gebo-
mit der Membran eines Lautsprechers: Sie vermag renen Kindern (. Abb. 4.29).
4.2 · Wellen
137 4
Membran und Elektronik schwingungsfähige Gebilde
mit Eigenfrequenzen und der Neigung zu Resonanz-
überhöhungen. Die technischen Tricks, mit denen
man gute und teure, oder auch nicht ganz so gute,
dafür aber billigere Mikrophone herstellt, brauchen
hier nicht besprochen werden.
Der Überschallknall der Düsenjäger ist zumin-
dest unangenehm. Als ein Warnsystem, das auch im
Schlaf nicht abgeschaltet wird, hat das Gehör seine
Empfindlichkeit bis an die Grenze des Sinnvollen
gesteigert; noch ein wenig mehr, und es müsste die
thermische Bewegung der Luftmoleküle als per-
manentes Rauschen wahrnehmen. Zum Hörschall
normaler Sprechlautstärke gehören Druckschwan-
kungen, Schalldruck oder auch Schallwechseldruck
. Abb. 4.29  Ultraschallaufnahme des Kopfes eines
ungeborenen Kindes (Aufnahme: Prof. Dr. M. Hansmann,
genannt, deren Amplituden in der Größenordnung
Bonn) Zentipascal (10–2 Pa) liegen. Sie bedeuten Schwin-
gungen der Moleküle mit Amplituden im Bereich
10 nm und mit Geschwindigkeitsamplituden von
0,1 mm/s. Wie jede Welle transportiert Schall
Rechenbeispiel 4.5: Echolot Energie. Wie viel, das sagt die Energiestromdichte mit
Aufgabe: Delphine benutzen Schallwellen, um der Einheit W/m2, die auch Schallintensität genannt
ihre Beute zu lokalisieren. Ein 10 cm großes wird und den Buchstaben I bekommt. Sie ist ein rein
Objekt kann er so auf 100 m Entfernung physikalisches, vom menschlichen Gehör unabhän-
wahrnehmen und diese Entfernung aus der giges und darum auch für Ultraschall verwendbares
Laufzeit des Reflexes bestimmen. Wie lange Maß für die Leistung, die ein Mikrophon oder auch
war eine Schallwelle zum Objekt und zurück Ohr mit seiner Empfängerfläche aufnehmen kann.
dann unterwegs? Geräte zur Messung von Schallintensität benö-
Lösung: die Schallgeschwindigkeit im Wasser tigen grundsätzlich ein Mikrophon, einen Verstär-
beträgt etwa 1500 m/s. Für 200 m braucht ein ker und einen Anzeigemechanismus. Die Eichung
Schallpuls also etwa 0,13 Sekunden. in W/m 2 macht im Prinzip keine Schwierigkei-
ten. Dem Arbeitsphysiologen aber, der sich für den
Krach in einer Kesselschmiede interessiert oder
die Störung der Nachtruhe durch den nahe gelege-
4.2.6 Schallwahrnehmung nen Flugplatz, ist damit wenig gedient. Schall stört
nur, wenn man ihn hört: Ultraschall macht keinen
Das Organ, mit dem der Mensch Schallschwingun- Lärm (was nicht heißt, dass er harmlos ist). Auch
gen in Nervensignale überführt, ist das Corti-Organ, im Hörbereich wertet das Ohr Schall verschie-
mechanisch gekoppelt an das Trommelfell, einer dener Frequenzen höchst unterschiedlich. Seine
dünnen, schallweichen Haut, die quer im Gehörgang höchste Empfindlichkeit liegt bei 3 kHz; nicht ohne
steht. Dem Prinzip des schallweichen Trommelfells Grund brüllen Babys bevorzugt auf dieser Frequenz:
folgen auch die Membranen technischer Mikrophone. Hier hört die Mutter bereits eine Schallstärke von
Diese Geräte haben die Aufgabe, ankommende Schall- 10–12 W/m2. Schon bei 1 kHz erfordert die Hör-
schwingungen so getreu wie möglich in synchrone schwelle zehnfache Intensität. Den Frequenzgang des
elektrische Schwingungen zu übertragen, die dann normalen menschlichen Gehörs versucht man durch
elektronisch weiterverarbeitet werden. Vollkommen eine neuen Messgröße zu berücksichtigen, durch die
kann das nie gelingen, denn notwendigerweise bilden Lautstärke mit der Einheit Phon.
138 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Im empfindlichsten Bereich des Gehörs liegen – Blätterrauschen 10 Phon


zwischen Hör- und Schmerzschwelle ungefähr 12 – Flüstern 20 Phon
Zehnerpotenzen der Intensität. Kein Gerät mit linea- – Umgangssprache 50 Phon
– starker Straßenlärm 70 Phon
rer Skala kann einen derart großen Bereich überde-
– Presslufthammer in der Nähe 90 Phon
cken. Das gilt auch für Sinnesorgane. Folglich reagie- – Motorrad in nächster Nähe 100 Phon
ren sie logarithmisch, das postuliert jedenfalls das – Flugzeug Motor 3 m entfernt 120 Phon
Weber-Fechner-Gesetz. Es hat bei der Festlegung der
Phonskala Pate gestanden, der das in der Technik Lautstärken über 120 Phon schmerzen. Eine Laut-
4 übliche Pegelmaß zugrunde liegt. Es wird in Dezibel stärke ist übrigens nur für den Ort des Empfängers
(dB) angegeben. definiert, nicht etwa für eine Schallquelle.

Wem das Dezibel nicht geläufig ist, dem kann es Kummer


Merke
bereiten. Der Name lässt eine Einheit vermuten, tatsäch-
lich handelt es sich aber eher um eine Rechenvorschrift. Ist
eine Energie W1 im Laufe der Zeit auf irgendeine Weise auf
Die Lautstärke mit der Einheit Phon ist
W2 = 0,01 W1 heruntergegangen, so beträgt der Unterschied ein an die spektrale Empfindlichkeit des
der beiden Pegel 20 dB. Um das herauszufinden, bildet man menschlichen Gehörs angepasstes und
zunächst den Bruch W1/W2, logarithmiert ihn dekadisch und im Wesentlichen logarithmisches Maß der
multipliziert anschließend mit 10. Das Ergebnis ist der Pegel-
Schallintensität.
unterschied in Dezibel:

W1/W2 = 100; lg 100 = 2; 10 ⋅ 2 = 20;

also 20 dB Pegelunterschied. Die Phonskala birgt Überraschungen für jeden,


dem der Umgang mit Logarithmen nicht geläufig
Ein „Unterschied“ der Pegel von 0 dB bedeutet W1 = W2, weil ist. Knattert ein Moped in einiger Entfernung mit 62
lg1 = 0 = 10 ⋅ lg 1 ist.
Phon, so schaffen vier vom gleichen Typ zusammen
nicht mehr als 68 Phon. Umgekehrt kann der Her-
Bei linearem Kraftgesetz der Schraubenfeder ist die Schwin- steller von Schalldämmstoffen schon ganz zufrieden
gungsenergie W des Federpendels dem Quadrat der Amplitu-
sein, wenn es ihm gelingt, von 59 Phon auf 39 Phon
de A proportional:
herunterzukommen, denn das bedeutet die Reduk-
W1/W2 = A12 /A22. tion der Schallstärke auf 1 %.

Daraus folgt
4.2.7 Dopplereffekt
( ) ( ) ( )
2
10 lg W1/W2 = 10 lg A1/A2 = 20 1g A1/A2 .
Normalerweise hört das Ohr einen Ton mit derje-
Man kann das Pegelmaß also auch aus dem Amplitudenver- nigen Frequenz, mit der ihn die Schallquelle aus-
hältnis bestimmen, aber dann verlangt die Rechenvorschrift
gesandt hat. Das muss aber nicht so sein. In dem
einen Faktor 20 zum Logarithmus.
Moment, in dem die Feuerwehr an einem vorbei-
Echt logarithmisch wie das Pegelmaß ist die Phons- fährt, sinkt die Tonhöhe des Martinshorns, für den
kala allerdings nur für den Normalton von 1000 Hz: Passanten auf der Straße, nicht für die mitfahren-
Hier wird der Hörschwelle der Messwert 4 Phon den Feuerwehrmänner. Die Ursache dieses Dopp-
zugeordnet; jede Zehnerpotenz in der Schallstärke ler-Effekts liegt in der Relativbewegung der Schall-
bringt dann 10 Phon mehr. Damit liegt eine Ver- quelle gegenüber Luft und Hörer. Fährt die Quelle
gleichsskala fest. Versuchspersonen müssen nur auf einen zu, so treffen die Druckmaxima das Ohr
noch sagen, bei welcher Schallstärke sie Töne anderer in rascherer Folge, als sie vom Horn ausgesandt
Frequenzen gleich laut wie einen Normalton hören: werden, denn der Schallweg wird immer kürzer
Beiden Tönen wird dann die gleiche Lautstärke zuge- (. Abb. 4.30). Folge: man hört einen zu hohen Ton.
ordnet. Einige Anhaltswerte zur Phonskala liefert die Das Umgekehrte tritt ein, wenn sich die Schallquelle
folgende Aufstellung: fortbewegt.
4.2 · Wellen
139 4
Damit können wir das Ergebnis recht einfach so
schreiben:
∆v
∆f = f 0 ⋅
c
wobei Δv positiv zu nehmen ist, wenn die Quelle auf
mich zukommt und negativ, wenn sie sich wegbe-
. Abb. 4.30  Doppler-Effekt. Wenn sich die Schallquelle auf wegt. Die gleiche Formel ergibt sich, wenn die Schall-
den Beobachter B zu bewegt, registriert dieser eine erhöhte quelle ruht, der Hörer sich aber auf sie zu oder von
Schallfrequenz; Animation im Web ihr weg bewegt.
Das kann man so verstehen: wenn der Hörer in
Die Formeln dazu: So kann man nachrechnen, Ruhe ist, kommen in der Zeit ∆t f 0 ⋅ ∆t Wellen-
wie groß der Effekt ist: Die Schallquelle sendet ein maxima bei ihm vorbei und er hört die Frequenz f0.
Wellenmaximum in der Zeit T0 = 1 / f 0 . Dieses Wenn der Hörer sich mit Geschwindigkeit v auf
breitet sich mit der Geschwindigkeit c aus. Daher die Quelle zu bewegt, kommen zusätzlich noch ∆t ⋅ v
haben die Wellenmaxima den Abstand λ0 = c ⋅ T0 λ0
wenn die Quelle ruht. Bewegt sich die Quelle, so wird Wellenmaxima vorbei und er hört die Frequenz:
der Abstand vor der Quelle um v ⋅ T0 kürzer und v  v
hinter der Quelle um v ⋅ T0 länger. Also haben wir f = f0 + = f 0 ⋅ 1 + ,
λ0  c
vor der Quelle:
denn die gehörte Frequenz ist:
λ = c ⋅ T0 − v ⋅ T0 = λ0 − v ⋅ T0,
ZahlderWellenmaxima
f = ;
∆t
und hinter der Quelle:
c
λ0 = ist die Wellenlänge.
f0
λ = c ⋅ T0 + v ⋅ T0 = λ0 + v ⋅ T0.
Entfernt sich der Hörer, so bekommen wir ent-
Also ist die Frequenz vor der Quelle sprechend ein Minus – Zeichen:

  v  v
 f = f0 − = f 0 ⋅ 1 − 
c c 1  1  1 λ0  c
f = = = ⋅  = f0 ⋅
λ c ⋅ T0 − v ⋅ T0 T0 1 − v  1−
v
 
c c
Merke
und hinter der Quelle:
  Als Doppler-Effekt bezeichnet man

c c 1  1  1
f = = = ⋅  = f0 ⋅ die Frequenzverschiebung, die ein
λ c ⋅ T0 + v ⋅ T0 T0 1 + v  1+
v
  Wellenempfänger bei einer Relativge-
c c
schwindigkeit zwischen Wellenquelle und
Ist v /c sehr viel kleiner als eins, so kann man diese Wellenempfänger wahrnimmt.
Terme in eine Taylorreihe entwickeln und erhält
näherungsweise:
1  v
f = f0 ⋅ ≈ f 0 ⋅ 1 +  Delphine können mit der „Schall – Radar“ -Methode
v  c
1− nicht nur die Position eines Objektes feststellen, sie
c
und können auch die Doppler Verschiebung des reflek-
1  v tierten Schallsignals wahrnehmen und damit grob
f = f0 ⋅ ≈ f 0 ⋅ 1 − , die Geschwindigkeit bestimmen. Kardiologen
v  c
1+
c können das gleiche mit ihrem Ultraschallgerät: es
140 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

Rechenbeispiel 4.6: Dopplerverschiebung


Aufgabe: Die Beute bewege sich mit 3 m/s
F W auf unseren Delphin zu. Welche Frequenzver-
schiebung ergibt das im reflektierten Signal,
wenn die Schallwelle eine Frequenz von
5000 Hz hat?
Lösung: Tatsächlich gibt es hier zwei
4 Dopplerverschiebungen: An der Beute hat
die Welle eine höhere Frequenz, da die
Y W Beute sich auf die Quelle zu bewegt. Die
Beute reflektiert die Welle auch mit dieser
. Abb. 4.31  Kopfwelle eines mit der Geschwindigkeit v
nach links fliegenden Überschallflugzeuges (c = Schallge-
höheren Frequenz. Sie ist dann selber
schwindigkeit). Die Kopfwelle ist die Einhüllende der vom Flug- wieder eine bewegte Quelle, deren Signal
zeug ständig ausgesandten Kugelwellen; Animation im Web am Ort des Delphins frequenzerhöht war
genommen wird. Also bekommen wir:
3 m/s
∆f = 2 ⋅ f0 ⋅ = 20, 3 Hz.
kann die Blutstrom – Geschwindigkeit an verschie- 1480 m/s
denen Stellen des Herzens messen.
Wer mit mehr als Schallgeschwindigkeit durch
die Luft fliegt, kann nach vorn keinen Schall mehr
abstrahlen. Dafür erzeugt er einen Druckstoß,
den er als kegelförmig sich ausbreitende Kopfwelle
hinter sich her zieht ( . Abb. 4.31). Eine plötzli-
che Druckänderung empfindet das Ohr als Knall.
Überschallflugzeuge lösen mit ihrer Kopfwelle
einen zumindest lästigen Überschallknall aus, und
zwar nicht in dem Moment, in dem sie die Schall-
geschwindigkeit überschreiten („die Schallmauer
durchbrechen“), sondern von da ab. Sie ziehen eine
Knallschleppe hinter sich her, solange sie schneller
sind als der Schall.
Im Bereich des Druckstoßes ist die Dichte der
Luft erhöht und damit auch ihr Brechungsindex für
Licht. Mit einem speziellen Abbildungsverfahren
kann man das sichtbar machen. . Abbildung 4.32
zeigt die Kopfwellen von zwei Gewehrkugeln in fast
schon künstlerischer Qualität.

. Abb. 4.32  Druckfront. Eine Aufnahme zweier fliegender


Gewehrkugeln. die spezielle Aufnahmetechnik macht
Dichteschwankungen in der Luft sichtbar (Aufnahme: G. S.
Settles, PSU)
4.2 · Wellen
141 4

. Tab. 4.1  In Kürze

Harmonische Schwingungen
Harmonische Schwingungen werden durch eine Sinusfunktion oder Kosinusfunktion beschrieben. Nichtharmonische
Schwingungen können mathematisch immer als eine Überlagerung solcher sinusförmiger Schwingungen aufgefasst wer-
den. Mechanische Schwingungen sind praktisch immer durch Reibungskräfte gedämpft (. Abb. 4.4). In einfachen Fällen
klingt die Amplitude exponentiell ab. Durch periodisches Anstoßen des schwingenden Systems kann diese Dämpfung
kompensiert werden. Der Oszillator führt dann eine erzwungene Schwingung mit der Frequenz aus, mit der er angestoßen
wird. Entspricht diese Frequenz seiner Eigenfrequenz, so liegt Resonanz vor und der Oszillator schwingt besonders stark
(. Abb. 4.7).
Harmonische Schwingungen   A0: Amplitude [m]
x(t) = A0 ⋅ sin  2π ⋅t  f: Frequenz [Hz (Hertz)]
T 
= A0 ⋅ sin(2π ⋅ f ⋅ t) T = 1/f: Schwingungsdauer,
Periodendauer [s]
= A0 ⋅ sin(ω ⋅ t)
ω =2π ⋅ f: Kreisfrequenz [1/s]
gedämpfte Schwingung δ: Dämpfungskonstante [1/s]
x(t) = A0 ⋅ e−δ⋅t ⋅ sin(ω ⋅ t)

Tritt bei der Schwingung ein Energiever-


lust ein, so liegt eine gedämpfte Schwin-
gung vor (. Abb. 4.4)

Pendel
Welche Schwingungsdauer sich einstellt, hängt beim harmonischen schwingenden Oszillator nur von seiner Bauart ab.
Beim Federpendel wird die Schwingungsdauer von der Masse und der Federkonstante bestimmt.
Federpendel ω0: charakteristische Frequenz
D
Fadenpendel ω0 = D: Federkonstante [N/m]
m m: Masse
g: Fallbeschleunigung
g l: Fadenlänge
ω0 =
l
Harmonische Wellen (Schall, Licht)
Mechanische Wellen breiten sich in einem Medium (Luft, Wasser, Festkörper) aus. Dabei transportieren sie Energie, aber
keine Materie. An jedem Ort in der Welle schwingen die Teilchen des Mediums. Schwingen sie senkrecht zur Ausbreitungs-
richtung der Welle, so spricht man von einer transversalen Welle, schwingen sie in Ausbreitungsrichtung, so spricht man
von einer longitudinalen Welle. Die Frequenz f der Welle wird von der erzeugenden Quelle bestimmt. Die Ausbreitungs-
geschwindigkeit c hingegen, mit der Wellenberge und -täler fortschreiten, ist für das Medium charakteristisch. Der Ener-
gietransport der Welle wird durch die Intensität beschrieben, die proportional zum Quadrat der Amplitude ist. Präzise
gesprochen ist sie eine Energiestromdichte und gibt an, wie viel Energie in einer bestimmten Zeit durch eine bestimmte
Fläche senkrecht zur Ausbreitungsrichtung hindurch tritt. Ist die Quelle der Welle punktförmig, so sinkt die Intensität um-
gekehrt proportional zum Abstand r von der Quelle ins Quadrat
I ~ 1/r2.
Phasengeschwindigkeit c =λ⋅ f m
c: Phasengeschwindigkeit  
 s 
λ: Wellenlänge [m]
f: Frequenz [Hz]
Polarisation Transversal – Auslenkung senkrecht zur Ausbreitungsrichtung der Welle
Longitudinal – Auslenkung parallel zur Ausbreitungsrichtung der Welle
Intensität
Intensität I einer Welle: Energiestromdichte
 J 
 2 
 m ⋅ s 
142 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

. Tab. 4.1  Fortsetzung

quadratisches Abstandsgesetz
1
I ~ 2 , r: Abstand von einer punktförmigen Quelle
r

Schall
Schall ist eine longitudinale Druckwelle (Ausbreitungsgeschwindigkeit: in Luft ca. 330 m/s; in Wasser: ca. 1500 m/s). Das
menschliche Ohr ist empfindlich für Frequenzen etwa zwischen 16 Hz und 16 kHz und kann Schallintensitäten über ca.

4 12 Größenordnungen hinweg wahrnehmen. Dieser gewaltige Intensitätsbereich ist möglich, da das Ohr in etwa logarith-
misch reagiert. Entsprechend wird die Lautstärke im logarithmischen Pegelmaß angegeben. Eine Erhöhung der Intensität
um einen Faktor 100 (das bedeutet eine Erhöhung der Amplitude des Schalldrucks um einen Faktor 10) entspricht einer
Pegelerhöhung um 20 dB.
Schallwellen haben in Medien unterschiedlicher Dichte und Härte unterschiedliche Ausbreitungsgeschwindigkeiten. Tritt
eine Schallwelle von einem in ein anderes Medium über, so wird deshalb ein Teil von ihr an der Grenzfläche zwischen den
Medien reflektiert. Dieser Effekt ist die Basis der Sonographie, die mit Hilfe reflektierter Ultraschallwellen (nichthörbarer
Schall hoher Frequenz) ein Bild vom Inneren eines Werkstücks oder des Körpers erzeugt. Bewegen sich Schallquelle, Emp-
fänger oder auch eine reflektierende Grenzfläche, so treten Frequenzverschiebungen auf (Doppler-Effekt). Auch dies kann
technisch genutzt werden, um zum Beispiel die Strömungsgeschwindigkeit von Flüssigkeiten in Rohren oder von Blut im
Körper zu messen.
Schallpegel Für die Schallausbreitung gilt weitgehend L: Schallpegel [dB (SPL)]
das Gleiche wie in der Optik für Licht  
I: Intensität  J 
(Brechungsgesetz, Reflexionsgesetz).  m 2⋅s 
Aber: Schall ist eine longitudinale Welle.
I
L = 10 ⋅ lg -12
10 W/m 2

Lautstärke Mit der Ohrempfindlichkeit gewichteter [Phon]


Schallpegel
Pegelmaß (Dezibel) Eine Intensitätserhöhung um den Faktor 100 entspricht einer Erhöhung des Pegels
um 20 Dezibel (dB).
Dopplereffekt Näherungsformel: Δf: Frequenzänderung
∆v f0: Frequenz des Senders
∆f = f0 ⋅ Δv: R elativgeschwindigkeit Sender –
c
Empfänger
c: Schallgeschwindigkeit
Bewegen sich Quelle und Empfänger aufeinander zu, so erhöht sich die Frequenz
beim Empfänger, entfernen sich beide voneinander, so erniedrigt sich die Frequenz.

4.3 Fragen und Übungen und Beschleunigung; Auslenkung und


Geschwindigkeit; Auslenkung und
? Verständnisfragen Beschleunigung?
1. Eine an einer Feder aufgehängte Masse 3. Ein Objekt hängt bewegungslos an einer
schwingt auf und ab. Gibt es einen Feder. Wenn das Objekt nach unten
Zeitpunkt, an dem die Masse ruht aber gezogen wird, wie ändert sich dann die
beschleunigt ist? Gibt es einen Zeitpunkt, Summe der elastischen potentiellen
an dem die Masse ruht und auch nicht Energie der Feder und der potentiellen
beschleunigt ist? Energie der Masse des Objekts?
2. Können bei einer Schwingung die 4. Beim der Formel für die Eigenfrequenz des
folgenden Größen gleichzeitig in dieselbe Federpendels wurde angenommen, dass
Richtung gehen: Geschwindigkeit die Feder selbst näherungsweise masselos
4.3 · Fragen und Übungen
143 4
ist. Wie ändert sich die Frequenz, wenn die 4.4: (II): Eine kleine Fliege (0,15 g) wird
Masse der Feder doch zu berücksichtigen in einem Spinnnetz gefangen. Dort
ist? schwingt sie mit etwa 4 Hz. Wie groß
5. Eine Person schaukelt auf einer Schaukel. ist die effektive Federkonstante des
Wenn die Person still sitzt, schwingt die Netzes? Mit welcher Frequenz würde
Schaukel mit ihrer Eigenfrequenz vor und die ein Insekt mit einer Masse von 0,5 g
zurück. Wie ändert sich die Frequenz, schwingen?
wenn stattdessen zwei Personen auf der 4.5: (II): Zwei Federpendel haben gleiche
Schaukel sitzen? Masse und schwingen mit der gleichen
6. Ein Fadenpendel hängt in einem Aufzug Frequenz. Wenn eines die 10-fache
und schwingt. Ändert sich seine Frequenz, Schwingungsenergie hat wie das andere,
wenn der Aufzug nach oben oder unten wie verhalten sich dann ihre Amplituden?
beschleunigt ist? 4.6: (II): Auf dem Ende eines Sprungbretts
7. Die Schallgeschwindigkeit hängt nicht von im Schwimmbad liegt ein Backstein. Das
der Frequenz des Tones ab. Können Sie das Sprungbrett schwingt mit einer Frequenz
aus Ihrer Erfahrung belegen? von 3,5 Hz. Ab welcher Schwingungs-
8. Warum gibt es in einem Gas nur amplitude fängt der Stein an, auf dem
longitudinale Wellen? Brett zu hüpfen?
9. Warum nimmt die Amplitude einer 4.7: (I): Muss Resonanz zu Resonanz-
kreisförmigen Wasserwelle mit überhöhung führen?
zunehmendem Radius ab?
10. Selbst bei ruhiger Hand kann es einem Wellen
leicht passieren, dass bei gehen der 4.8: (I): Die Schallquellen der Ultraschallgeräte
Kaffee im Becher, den man trägt, heraus beim Arzt arbeiten meist bei Frequenzen
schwappt. Was hat das mit Resonanz in der Größenordnung 1 MHz. Wie groß ist
zu tun und was könnte man dagegen die zugehörige Wellenlänge im Gewebe?
unternehmen? (Zur Abschätzung darf die Schallge-
schwindigkeit im Gewebe der des Wassers
v Übungsaufgaben gleichgesetzt werden). Nur Objekte, die
Schwingungen größer sind als die Wellenlänge, können
4.1: (II): In welcher Beziehung müssen Kraft von einer Welle gut wahrgenommen
und Auslenkung zueinander stehen, werden.
damit es a) überhaupt zu Schwingungen 4.9: (II): Sie gehen mit einer Tasse Kaffee
kommen, b) zu harmonischen (Durchmesser der Tasse: 8 cm) die
Schwingungen kommen kann? Treppe hinauf und machen dabei in
4.2: (II): Die Amplitude einer ungedämpften jeder Sekunde einen Schritt. Der Kaffee
harmonischen Schwingung betrage schaukelt sich in der Tasse auf und nach
5 cm, die Schwingungsdauer 4 s und der ein paar Schritten kleckert er Ihnen auf
Phasenwinkel π/4. Welchen Wert besitzt die Schuhe. Welche Geschwindigkeit
die Auslenkung und die Geschwindigkeit haben die Oberflächenwellen auf Ihrem
zum Zeitpunkt t = 0. Welche maximale Kaffee?
Beschleunigung tritt auf? 4.10: (II): Was ergibt 0 dB + 0 dB ?
4.3: (I): Als Sekundenpendel bezeichnet man 4.11: (II): Wenn jeder der 65 Sänger eines
ein Fadenpendel, das genau eine Sekunde Chores für sich allein den Chorleiter
braucht, um von einem Umkehrpunkt mit 65 Phon „beschallt“, mit welcher
zum anderen zu kommen. Wie groß ist Lautstärke hört der Chorleiter den ganzen
seine Pendellänge? Chor?
144 Kapitel 4 · Mechanische Schwingungen und Wellen

4.12: (II): Sie stehen zwischen zwei Musikern,


die beide den Kammerton A spielen. Einer
spielt ihn richtig mit 440 Hz, einer falsch
mit 444 Hz. Mit welcher Geschwindigkeit
müssen Sie sich auf welchen Musiker zu
bewegen, um beide Töne mit gleicher
Tonhöhe zu hören?
4.13: (I): Angenommen, eine Schallquelle
4 bewegt sich gerade genau im rechten
Winkel zur Sichtlinie zu Ihnen. Tritt in
diesem Moment Dopplereffekt auf?
4.14: (I): Welchen Öffnungswinkel hat der Kegel
der Kopfwelle eines Flugzeuges, das mit
„Mach 2“, also mit doppelter Schallge-
schwindigkeit fliegt?
145 5

Wärmelehre
5.1 Die Grundlegenden Größen. – 147
5.1.1 Wärme – 147
5.1.2 Temperatur – 148
5.1.3 Temperaturmessung – 149
5.1.4 Wahrscheinlichkeit und Ordnung – 151
5.1.5 Die Entropie – 151
5.1.6 Wärmekapazität – 152

5.2 Das ideale Gas. – 155


5.2.1 Die Zustandsgleichung – 155
5.2.2 Partialdruck – 157
5.2.3 Die Energie im Gas – 158

5.3 Transportphänomene. – 159


5.3.1 Wärmeleitung – 159
5.3.2 Konvektion – 160
5.3.3 Wärmestrahlung – 161
5.3.4 Diffusion – 163
5.3.5 Osmose – 165

5.4 Phasenumwandlungen. – 167


5.4.1 Umwandlungswärmen – 167
5.4.2 Schmelzen oder Aufweichen? – 169
5.4.3 Schmelzen und Gefrieren – 169
5.4.4 Lösungs- und Solvatationswärme – 171
5.4.5 Verdampfen und Kondensieren – 172
5.4.6 Luftfeuchtigkeit – 174
5.4.7 Zustandsdiagramme – 174
5.4.8 Absorption und Adsorption – 177

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


U. Harten, Physik,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-49754-8_5
5.5 Wärmenutzung – 178
5.5.1 Warum kostet Energie? – 178
5.5.2 Zustandsänderungen – 178
5.5.3 Der Ottomotor – 182
5.5.4 „Echte“ Wärmekraftmaschinen – 184
5.5.5 Wärme- und Entropiehaushalt der Erde – 185

5.6 Fragen und Übungen – 189


5.1 · Die Grundlegenden Größen.
147 5
Materie besteht aus Atomen und Molekülen und die
sind ständig in Bewegung. Die Wärmelehre handelt
von dieser thermischen Bewegung und der Energie,
die in ihr steckt. Die Temperatur ist ein Maß für die
Stärke der Bewegung. Die Wärmelehre ist im Prinzip
Mechanik, aber doch anders: da es um die Mecha-
nik sehr vieler Moleküle auf einmal geht, kommt
die Statistik und Wahrscheinlichkeiten ins Spiel.
Daher laufen hier viele Prozesse immer nur in einer
Richtung hin zum wahrscheinlicheren Zustand ab.
Wärme strömt freiwillig von warm nach kalt, nicht
umgekehrt. a

5.1 Die Grundlegenden Größen.

5.1.1 Wärme

Zu unseren Sinnen gehört der Sinn für warm und


kalt. In der Haut haben wir sogar zwei verschiedene
Nervensensoren, einen für warm und einen für kalt.
Aber was registrieren diese Sensoren?
Sie registrieren die Bewegung der Atome und
Moleküle in der Haut. Alle Atome und Moleküle
in jedwedem Gegenstand führen eine thermische b
Bewegung aus. Man kann diese schon mit einem
einfachen Kindermikroskop sehen, wenn man
sich einen Tropfen Milch damit anschaut. In der
höchsten Vergrößerung sind gerade schon die Fett-
tröpfchen in der Milch zu sehen. Diese zittern im
Gesichtsfeld herum, da sie ständig von den Was-
sermolekülen, die im Mikroskop natürlich nicht
sichtbar sind, herumgeschubst werden (Brown-
sche Molekularbewegung). Albert Einstein hat als
erster diese Bewegung theoretisch analysiert und
damit auch die letzen Skeptiker von der Existenz
der Atome überzeugt. Die . Abb. 5.1 soll eine Idee
von dieser thermischen Bewegung der Atome für die c
verschiedenen Aggregatzustände geben. . Abb. 5.1  Spurbilder der thermischen Bewegung von
Die Bilder zeigen die Spur der Bewegung in einer Atomen in Festkörper (oben), Flüssigkeit (Mitte) und Gas
Computersimulation. Im Festkörper bewegen sich (unten). Simulation für einen Argonkristall mit MOLDYN.
die Atome um ihre Gleichgewichtslage, die ihnen Animation im Web
die Kristallstruktur zuweist, herum. Wird die Bewe-
gung zu heftig, so lockern die chemischen Bindun- Bindungskräfte vollständig auf und die Flüssigkeit
gen und der Festkörper schmilzt. In der Flüssig- verdampft. Im Gas fliegen die Atome oder Moleküle
keit bleiben die Atome noch beieinander, haben frei herum, stoßen aber natürlich noch aneinander.
aber keinen festen Platz mehr und wandern herum. Mit dieser thermischen Bewegung ist Energie
Wird die Bewegung noch heftiger, so reißen die verbunden: kinetische Energie der Bewegung, im
148 Kapitel 5 · Wärmelehre

Festkörper und in der Flüssigkeit auch noch poten- des Gegenstands und seiner inneren Beschaffen-
tielle Energie in der Abweichung aus der Gleichge- heit abhängt, muss hier ein besseres Maß gefun-
wichtslage. Diese Energie wollen wir in diesem Buch den werden. Letztlich geht es darum, die „Stärke“
thermische Energie oder genauer thermische innere der thermischen Bewegung anzugeben. Es hat sich
Energie U dieses Gegenstandes nennen. Die gesamte herausgestellt, dass dafür die Energie schon das
innere Energie eines Gegenstandes umfasst auch richtige Maß ist, aber nicht die des ganzen Gegen-
noch die Bindungsenergie oder chemische Energie. standes, sondern die mittlere Energie der einzelnen
Zuweilen wird die thermische Energie auch Wärme, Atome oder Moleküle. Genauer gesagt: Die absolute
Wärmeenergie oder Wärmeinhalt genannt. Das führt Temperatur T ist proportional zur mittleren kineti-
leicht zu Verwirrung. Denn streng genommen (und schen Energie der Schwerpunktbewegung der ein-
5 so soll es auch in diesem Buch sein) ist die Wärme zelnen Moleküle. In der thermischen Bewegung
Q jegliche Energie, die von einem Gegenstand auf tauscht jedes Molekül laufend kinetische Energie
einen anderen übertragen wird, außer es handelt sich mit den Nachbarn aus, deshalb muss zeitlich gemit-
dabei um mechanische Arbeit. Das ist eine durchaus telt werden. Als Formel geschrieben:
etwas verworrene Begriffsbildung, an die man sich
3 m
gewöhnen muss. Klar ist aber: alle Begriffe bezeich- k ⋅ T = 〈 v 2〉
2 b 2
nen Energien und werden in Joule gemessen. Die
thermische innere Energie des Menschen beträgt Hier bezeichnet die spitze Klammer eine zeitliche
bei einer Masse von 75 kg etwa 10.000 kJ, voraus- Mittelung und m die Masse des Moleküls. Die abso-
gesetzt, er hat die normale Körpertemperatur. Man lute Temperatur wird in Kelvin (Einheitszeichen: K)
könnte ihn auch so weit abkühlen, ihm Wärme ent- gemessen und nicht in Joule, deshalb taucht in der
ziehen, bis sich die Moleküle nicht mehr bewegen. Formel ein Umrechnungsfaktor, die Boltzmann-
Dann befände er sich am absoluten Temperaturnull- Konstante kb auf. Die typische Zimmertempera-
punkt und die thermische Energie wäre null. tur beträgt knapp 300 Kelvin, die mittlere kinetische
Auch wenn der Mensch nur ruhig im Bett liegt, Energie eines Moleküls ist wegen seiner geringen
liefert sein Stoffwechsel weitere Wärme an den Masse sehr klein. Deshalb hat auch die Boltzmann-
Körper, die der Mensch durch Wärmeleitung, Schwit- Konstante einen sehr kleinen Wert:
zen und Wärmestrahlung laufend wieder abgeben
J
muss, um seine Temperatur und seine innere Energie kb = 1, 38 ⋅10−23
K
konstant zu halten. Dieser Grundumsatz unseres
Normmenschen beträgt etwa 80 W, also 80 Joule in Dass vor der Boltzmann-Konstante noch ein Faktor
jeder Sekunde, soviel wie eine helle Glühbirne. 3/2 steht, hat praktische Gründe, die wir später ver-
stehen werden.
Merke
Merke
Der Begriff thermische Energie oder
thermische innere Energie (U) bezeichnet Die absolute Temperatur T ist ein Maß für
die Energie, die in der thermischen die Stärke der thermischen Bewegung. Sie
Wimmelbewegung der Atome und Moleküle ist proportional zur mittleren kinetischen
steckt. Mit Wärme (Q) bezeichnet man Energie, Energie der einzelnen Moleküle. Die Einheit
die von einem Gegenstand auf einen anderen heißt Kelvin (1 K). Am absoluten Temperatur-
übertragen wird nullpunkt T = 0 K gibt es keine thermische
Bewegung mehr. Kälter geht es nicht.

5.1.2 Temperatur
Sie werden nun vielleicht einwenden, dass es in
Wie warm oder wie kalt ein Gegenstand ist, kann ihrem Zimmer nur 20 Grad warm ist und nicht
an seiner thermischen inneren Energie bemes- 300 Grad heiß. Im täglichen Leben wird die Tem-
sen werden. Da diese aber auch von der Größe peratur in Grad Celsius gemessen, in einer Skala,
5.1 · Die Grundlegenden Größen.
149 5
die schon älter ist und sich an den Eigenschaften 5.1.3 Temperaturmessung
des Wassers orientiert (0 °C: schmelzen; 100 °C:
kochen). Die absolute Temperatur mit der Kelvin- Die kinetische Energie eines Moleküls kann man
Skala orientiert sich direkter an der Physik dahin- nicht im Mikroskop nachgucken. Wie misst man also
ter. Am absoluten Temperaturnullpunkt bei 0 K Temperatur? Man nutzt aus, dass bestimmte Mate-
gibt es gar keine thermische Bewegung mehr, kälter rialeigenschaften von der Temperatur abhängen. Der
geht es nicht, negative absolute Temperaturen gibt Klassiker ist die thermische Ausdehnung. Ein Metall-
es also nicht. In Grad Celsius gemessen liegt der stab der Länge l0 zum Beispiel ändert seine Länge ein
absolute Temperaturnullpunkt bei −273,15 °C. wenig um Δl, wenn sich seine Temperatur ändert:
Praktischerweise haben aber beide Temperatur-
skalen die gleiche Gradeinteilung, eine Tempera- ∆l = α ⋅ l0 ⋅ ∆T
turdifferenz von 1 °C ist also auch eine Temperatur-
differenz von 1 K. Man kann deshalb beide Skalen Hierbei ist α der lineare Ausdehnungskoeffizient des
leicht in einander umrechnen: wenn T die abso- Materials. Der Effekt ist klein, der Ausdehnungsko-
lute Temperatur und t dieselbe Temperatur in Grad effizient in der Größenordnung von 10−5 K−1. Ein
Celsius ist, so gilt: 1 Meter langer Stab würde sich also bei einem Grad
Temperaturerhöhung nur um ein hundertstel Milli-
K °C
T =t⋅ + 273,15 K und t = T ⋅ − 273,15°C meter ausdehnen. Will man daraus ein Thermome-
°C K
ter machen, so nimmt man eine Flüssigkeit in einem
kleinen Glasbehälter, auf den eine feine Kapillare auf-
Merke gesetzt ist, in der die Flüssigkeit hochsteigt, wenn sie
sich ausdehnt. So werden auch kleine Volumenän-
Die Kelvin-Skala zählt vom absoluten derungen gut sichtbar.
Nullpunkt der Temperatur aus. Man erhält ihre
Volumenänderung: Bei einer Volumenänderung dehnt sich die
Maßzahl, indem man die der Celsius-Skala um
Flüssigkeit in alle drei Raumrichtungen aus, der Volumenaus-
273,15 erhöht. dehnungskoeffizient ist deshalb dreimal so groß wie der lineare:

∆V = 3 ⋅ α ⋅ V0 ⋅ ∆T

Lässt man eine schöne heiße Tasse Kaffee stehen, Ein anderer Trick ist es, zwei Streifen aus verschiede-
so wird der Kaffee kalt. Genauer: Er hat nach einer nen Metallen mit verschiedenen Ausdehnungskoeffi-
Weile die gleiche Temperatur wie das Zimmer drum- zienten aneinanderzukleben. Dieser Bimetallstreifen
herum. Dies ist eine zentrale Eigenschaft der Tem- ist bei der Temperatur, bei der er zusammengeklebt
peratur: innerhalb eines Gegenstandes und zwischen wurde, gerade, verbiegt sich aber zur einen oder
Gegenständen, die irgendwie miteinander in Kontakt anderen Seite, wenn die Temperatur kleiner oder
sind, gleicht sich die Temperatur über kurz oder lang größer wird (. Abb. 5.2).
an. Die thermische Bewegung sorgt dafür, dass sich
die thermische Energie gleichmäßig auf alle Atome
und Moleküle verteilt. Wie lange dieses Angleichen
der Temperatur dauert, hängt davon ab, wie schnell
sich die Wärme in einem Gegenstand und zwischen
Gegenständen ausbreitet. Diesen Wärmetransport
besprechen wir in 7 Abschn. 5.3.

Merker
7 7 7

Gegenstände, die in thermischem Kontakt . Abb. 5.2  Ein Bimetallstreifen biegt sich bei Änderung
sind, gleichen ihre Temperatur an. der Temperatur wie gezeichnet, wenn sich das linke Metall
stärker ausdehnt als das rechte
150 Kapitel 5 · Wärmelehre

Das ist ein recht starker Effekt, der genutzt Infrarotlichts. Zur genauen Temperaturmessung
werden kann, Ventile zu betätigen (Thermostat- muss man noch einen Faktor für die Strahlungs-
ventil am Heizkörper) oder elektrische Schal- eigenschaften der Oberfläche eingeben. Kennt man
ter zu schließen (Thermostaten in Zimmern oder diesen nicht, so wird die Messung ungenau. Es gibt
Waschmaschinen). in der Technik noch einige weitere Messverfah-
Die Ausdehnungsthermometer sind bis auf die ren, deren Besprechung wir uns hier aber schen-
Bimetallvariante eher selten geworden, denn meis- ken wollen.
tens möchte man gern eine elektronische Anzeige
der Temperatur. Dann verwendet man zur Tempe-
raturmessung die Temperaturabhängigkeit der elek- Rechenbeispiel 5.1: Stahlbrücke
5 trischen Leitfähigkeit von Metallen oder Halbleitern. Aufgabe: Der freitragende Teil einer
Man wickelt also zum Beispiel einen feinen Metall- Stahlbrücke sei bei 20 °C 200 m lang. Wie
draht auf eine kleine Spule und misst seinen elektri- viel Längenspiel müssen die Konstrukteure
schen Widerstand. Mit steigender Temperatur steigt einplanen, wenn die Brücke Temperaturen
sein Widerstand, da die stärkere thermische Bewe- von – 20 °C bis + 40 °C ausgesetzt ist? Der
gung den Fluss der Elektronen behindert. Über einen Ausdehnungskoeffizient von Eisen beträgt
weiten Temperaturbereich ist der Zusammenhang 12 ⋅ 10−6 K−1.
zwischen Temperatur und Widerstand linear. Aber Lösung: Da die Kelvinskala die gleiche
wie bei der thermischen Ausdehnung ist der Effekt Gradeinteilung hat wie die Celsiusskala,
klein. Man braucht eine recht empfindliche Elektro- könnte man die Einheit des Ausdehnungs-
nik. Bei einem Halbleiterelement ist die Tempera- koeffizienten auch in C−1 schreiben. Die
turabhängigkeit des Widerstandes viel stärker und Schrumpfung der Brücke im kältesten Fall
umgekehrt: mit steigender Temperatur nimmt der wäre: ∆l = α ⋅ 200 m ⋅ (-20°C) = -4, 8 cm , die
Widerstand ab. Der Zusammenhang ist leider gar Ausdehnung ∆l = α ⋅ 200 m ⋅ 40°C = 9, 6 cm.
nicht linear, sodass hier ins Thermometer noch ein Es muss also insgesamt ein Spielraum von
Mikroprozessor zum Umrechnen hinein muss. 14,4 cm eingeplant werden.
Eine interessante, aber teurere Methode der
Temperaturmessung ist die Messung der Wärme-
strahlung (7 Abschn. 5.3.3). Jeder Gegenstand, der
nicht gerade am absoluten Temperaturnullpunkt
ist, strahlt elektromagnetische Wellen im Infraroten
ab. Wie stark er strahlt und welche Wellenlängen die
Wellen haben, hängt von der Temperatur ab. Mit
einem Empfänger, der das messen kann, kann man
also die Temperatur bestimmen. Diese Messung geht
berührungslos und sehr schnell, da man gar nicht
mehr warten muss, bis das Thermometer seine Tem-
peratur an die des Gegenstandes angeglichen hat.
Die Messung hat aber auch ihre Tücken, auf die in
7 Abschn. 5.3.3 eingegangen wird.
. Abbilldung 5.3 zeigt drei Thermometer, die
die drei besprochenen Messmethoden verwenden.
Das linke Ausdehnungsthermometer mit einge-
färbtem Alkohol wird kaum noch verwendet. In der
Mitte sieht man ein typisches Industriethermome-
. Abb. 5.3  Thermometer: klassisches
ter, das einen elektrischen Widerstand in der Sen- Flüssigkeitsthermometer (links), elektrisches
sorspitze hat. Das rechte Thermometer misst die Widerstandsthermometer (Mitte) und
Intensität des von einem Gegenstand ausgestrahlten Strahlungsthermometer (rechts)
5.1 · Die Grundlegenden Größen.
151 5
5.1.4 Wahrscheinlichkeit und Aber wie ist es mit dem Menschen? Der ist doch
Ordnung ein hoch komplex organisiertes System von Mole-
külen, also sehr unwahrscheinlich? Der Mensch hat
An einer heißen Kaffeetasse kann man gut die Hände einen Trick: er nimmt ständig Energie in sehr geordne-
wärmen, den Wärme fließt bereitwillig von heiß nach ter Form (zum Beispiel Schwarzwälder Kirschtorte) zu
warm. Dass man aber mit seien Händen den Kaffee sich und gibt sie in sehr ungeordneter Form wieder ab.
wieder zum Kochen bringt, wird niemals passieren. Damit ist weniger das Resultat auf der Toilette gemeint,
Der Energiesatz hätte nichts dagegen, aber trotzdem sondern mehr die Wärmeenergie, die der Mensch
fließt Wärme nie von warm nach heiß. Warum? ständig abgibt (100 bis 200 Joule pro Sekunde). Diese
Es liegt an der Wahrschevinlichkeit. Alles strebt Energie bezieht er aus der Schwarzwälder Kirsch-
in den Zustand mit der höchsten Wahrscheinlich- torte. Dadurch erhöht der Mensch die Unordnung
keit. So ist die Wahrscheinlichkeit definiert. Jeder der Umgebung, um bei sich selbst die hohe Ordnung
kennt es von seinem Schreibtisch: Unordnung ist aufrecht zu erhalten oder noch zu erhöhen. Mensch
wahrscheinlicher als Ordnung. Das gilt auch in und Umgebung zusammengenommen bleiben aber
der Natur: ein System aus vielen Teilen wird sich tatsächlich auf dem Weg zu höherer Unordnung.
so lange wandeln, bis es den wahrscheinlichsten Wärme ist kinetische Energie in ungeordneter
Zustand, und das ist der Zustand höchsten Unord- Form. Sie lässt sich nicht ohne weiteres in geordnete
nung, erreicht hat. Dann befindet es sich im ther- Bewegung, so wie sie ein Motor zur Verfügung stellt,
modynamischen Gleichgewicht und verändert umwandeln. Auch der Motor muss dazu Energieträger
sich nicht mehr. Auf dem Weg ins thermodynami- in einer geordneteren Form, wie zum Beispiel Benzin,
sche Gleichgewicht gibt es keinen Umweg zurück verwenden. Einfach nur der Umgebung Wärme ent-
in einen unwahrscheinlicheren Zustand. Das ist das ziehen und daraus mechanische Arbeit gewinnen geht
Gesetz der großen Zahl. Ein System mit wenigen nicht. Ein solcher Motor könnte dann ja zum Beispiel
Teilen, sagen wir zwei Würfel, mit denen gewür- eine Klimaanlage betreiben, die Wärmeenergie endlos
felt wird, kann auch mal in einen unwahrschein- von kalt nach warm transportiert und damit alles vom
lichen Zustand kommen; dass zum Beispiel beide wahrscheinlicheren Zustand wegtreibt.
Würfel die gleiche Zahl zeigen. Würfelt man mit
zehn Würfeln, so müsste man schon an die zehn
Millionen mal würfeln, um eine reelle Chance zu 5.1.5 Die Entropie
haben, dass alle Würfel einmal die gleiche Zahl
zeigen. Würfelt man mit einer Million Würfeln, kann Die Wahrscheinlichkeit des Zustandes eines Systems
man sicher sein, dass das wahrscheinlichste Ergeb- ist also eine sehr wichtige Größe, wenn man den
nis, dass nämlich alle Zahlen in etwa gleich oft vor- Ablauf thermischer Prozesse verstehen will. Deshalb
kommen, immer eintritt. Die Gegenstände unserer wird ihr eine eigene physikalische Größe gewidmet:
Umgebung bestehen aus mindestens 1020 Atomen. die Entropie. Sie ist ein Maß für diese Wahrschein-
Da kann man völlig sicher sein, dass sie zielstrebig lichkeit. Es würde über den Rahmen dieses Buches
ihrem wahrscheinlichsten Zustand entgegengehen. hinausgehen, wenn hier genau erklärt wurde, wie
Ein wichtiger Punkt ist, dass im thermodynami- man Wahrscheinlichkeiten eigentlich misst oder
schen Gleichgewicht die Temperatur überall gleich berechnet, um dann eine neue physikalische Größe
ist. Deshalb wird der Kaffee auf die Dauer die Tem- definieren zu können. Hier seien nur die wichtigsten
peratur der Hände haben und nicht wieder anfangen Eigenschaften der Entropie aufgeführt:
zu kochen. Wie lange es aber dauert, bis Kaffee und 55 die Entropie eines Gegenstands steigt mit der
Hände im thermodynamischen Gleichgewicht sind, Wahrscheinlichkeit seines Zustandes. Ein von
das hängt von den Details ab; wie gut zum Beispiel der Umwelt völlig isolierter Gegenstand strebt
die Kaffeetasse isoliert. Es kann sehr lange dauern. in den Zustand mit höchster Wahrschein-
Seit dem Urknall sind schon 14 Milliarden Jahre ver- lichkeit, seine Entropie steigt also an. Sie
gangen und trotzdem ist das Weltall noch lange nicht sinkt niemals. Hat sein Zustand die höchste
im wahrscheinlichsten Zustand. Wahrscheinlichkeit erreicht, so ist er im
152 Kapitel 5 · Wärmelehre

thermodynamischen Gleichgewicht und seine In leidlicher Näherung ist die erzielte Tempera-
Entropie bleibt konstant. turerhöhung ΔT (zu messen in Kelvin) der zugeführ-
55 Die Entropie ist als mengenmäßige Größe ten Wärme Q (zu messen in Joule) proportional. Die
definiert. Macht man den Gegenstand doppelt Beziehung
so groß, ohne ihn sonst wie zu verändern,
Q = C ⋅∆T
verdoppelt sich seine Entropie. Deshalb kann
man sagen: der Gegenstand enthält eine definiert die Wärmekapazität C eines bestimmten
gewisse absolute Menge Entropie. festen, flüssigen oder auch gasförmigen „Gegenstands“.
55 Unordnung ist wahrscheinlicher als Ordnung. Zu ihr gehört die Einheit J/K. Je mehr Atome ein
Die Entropie flüssigen Wassers ist höher als Gegenstand enthält, umso größer ist seine Wärmeka-
5 die Entropie von zu Eiskristallen gefrorenem pazität, denn man braucht mehr Energie, wenn mehr
Wasser, denn in der Flüssigkeit sind die Atome Atome in stärkere Bewegung versetzt werden sollen.
ungeordnet. Ein Elefant ist größer als ein Kaninchen; für die Wär-
55 Überträgt man Wärme von einem Gegenstand mekapazitäten der beiden gilt das auch. Bezieht man
auf einen anderen, so wird auch Entropie C auf die Masse m des Gegenstands, so erhält man die
übertragen. Zugeführte Wärme verstärkt die
atomare Wimmelbewegung und erhöht damit   c = C
spezifischeWarmekapazitat
m
die Unordnung und die Entropie. Genau gilt:
J
eine Wärmemenge Q, die einem Gegenstand, Einheit : 1 ;
der die Temperatur T hat, zugeführt wird, kg ⋅ K
erhöht dessen Entropie um bezieht man C auf die Stoffmenge n, erhält man die
Q C
∆S = molare Warmekapazitat
  cn =
T n
Den Umstand, dass im isolierten System die Entro- J
Einheit : 1 .
pie (also die Wahrscheinlichkeit des Zustandes) nicht mol ⋅ K
sinken kann, bezeichnet man als zweiten Hauptsatz
der Thermodynamik, also: Die beiden werden zuweilen nicht ganz korrekt, aber
kürzer „spezifische Wärme“ und „Molenwärme“
∆S ≥ 0 im isolierten System.
genannt. Diese sind bei Elefant und Kaninchen in
Mit der Größe Entropie kann man sehr handfest etwa gleich, da beide aus ähnlichem Körpergewebe
arbeiten und rechnen. Das tun vor allem die Chemi- bestehen.
ker, die wissen wollen, wie Stoffe miteinander che-
misch reagieren. Auch dies bestimmt die Entropie. Merke
In diesem Buch wird die Entropie bei den Phasen-
übergängen wieder auftauchen, denn die sind auch 55 Wärmekapazität
chemische Reaktionen; und beim Wirkungsgrad von
Q J
Dampfturbinen. C= Einheit :1
∆T K

55 spezifische Wärmekapazität
5.1.6 Wärmekapazität
C J
c= Einheit :1
m kg ⋅ K
Ein Tauchsieder soll Wasser erwärmen, also dessen
Temperatur erhöhen. Dazu holt er elektrische 55 molare Wärmekapazität
Energie „aus der Steckdose“, setzt sie in thermische
Energie um und gibt sie an das Wasser weiter, in dem C J
cn = Einheit :1
n mol ⋅ K
sie mikroskopisch betrachtet als kinetische Energie in
der Wimmelbewegung der Atome gespeichert wird.
5.1 · Die Grundlegenden Größen.
153 5
Wärmemengen bestimmt man im Kalorimeter ; O
indem man die Temperaturänderung einer Subs-
tanz mit bekannter Wärmekapazität misst. Favori-
8
sierte Kalorimetersubstanz ist das Wasser, in abge-
messener Menge eingefüllt in ein Gefäß mit guter
Wärmeisolierung. Bewährt haben sich die Dewar-
Gefäße (sprich: Djuar), doppelwandige Glasflaschen
mit evakuierter Wandung (. Abb. 5.4): Als thermi-
sche Bewegung von Molekülen ist Wärme an Materie
gebunden, Vakuum unterbindet jede Wärmelei-
tung. Im Haushalt bezeichnet man Dewar-Gefäße
als Thermosflaschen.
In keinem Physikpraktikum fehlt ein Kalorime-
terversuch. In der Regel wird die Wärmekapazität
einer Substanz bestimmt. Entweder wird elektrisch
mit einem Tauchsieder eine bestimmte Wärmemenge
zugeführt und die Temperaturerhöhung gemessen.
Oder es wird eine Mischungstemperatur bestimmt. . Abb. 5.5  Kalorimeter. Zur Bestimmung der spezifischen
Für alle Messungen braucht man ein gut gegen Wärmekapazität des Wassers (Einzelheiten im Text)
Wärmeaustausch isoliertes Gefäß, ein Kalorimeter.
Auch bei guter Isolation hat das Kalorimeter (+ Ther- I0 und setzt (wie in 7 Abschn. 6.3.2 erläutert werden
mometer + Rührer) selbst eine bestimmte Wärme- wird) die elektrische Energie
kapazität CW, die bei der Rechnung berücksichtigt
W = U 0 ⋅ I 0 ⋅ ∆t
werden muss.
Es gibt dann zwei Messmethoden: in die Wärmemenge Q um. Diese heizt die Flüssigkeit
1) Man führt einer Flüssigkeit (Masse mFl) mittels entsprechend ihrer spezifischen Wärmekapazität cFl
eines Tauchsieders (elektrischen Widerstandes) eine bis zur Endtemperatur T1 auf:
bestimmte elektrische Energie zu wie in . Abb. 5.5
Q = mF1 ⋅ cF1 ⋅ (T1 − T0).
dargestellt.
Legt man für die Zeitspanne Δt eine elektrische Allerdings hat das Kalorimeter selbst (Gefäß + Ther-
Spannung U0 an den Tauchsieder, so fließt der Strom mometer + Heizwendel) auch eine gewisse Wärme-
kapazität CW, die bei genauer Rechnung berücksich-
tigt werden muss:
Q = (mF1 ⋅ cF1 + CW ) ⋅ (T1 − T0).
Im Rechenbeispiel 5.2 wird das am Beispiel des
Wassers durchgerechnet.
2) Ermittelung einer Mischtemperatur
Ist die spezifische Wärmekapazität des Wassers,
nämlich
c(H 2O) = 4,18J/(g ⋅ K),
bekannt, so können die Wärmekapazitäten anderer
. Abb. 5.4  Dewar-Gefäß (Thermosflasche), Substanzen nach folgendem Schema ausgemessen
doppelwandiges Gefäß mit guter Wärmeisolation. Der
werden: Man hängt zum Beispiel einen Kupferring
Zwischenraum zwischen den beiden Wänden ist evakuiert,
um Wärmeverluste durch Wärmeleitung zu reduzieren; die
(Masse mK) zunächst in siedendes Wasser (Tem-
Wände sind verspiegelt, um Wärmeverluste durch Strahlung peratur T3) und bringt ihn dann in kälteres Wasser
zu reduzieren. Dewar-Gefäße können „implodieren“ und in einem Kalorimeter; dessen Temperatur steigt
gehören deshalb in einen stabilen Behälter dadurch von T1 auf T2. Die dafür notwendige Wärme
154 Kapitel 5 · Wärmelehre

muss der Ring durch Abkühlung geliefert haben. Der Grundumsatz mit einer Geschwindigkeit von etwa
Kupferring liefert also die Wärmemenge: 1 K pro Stunde aufheizen. Viel schneller kann Fieber
aus rein wärmetechnischen Gründen nicht steigen.
QK = mK ⋅ cK ⋅ (T3 − T2).
Mensch und Tier beziehen die zum Leben not-
Wasser und Kalorimeter erhalten die Wärmemenge: wendige Energie aus der Nahrung, also aus kompli-
zierten organischen Molekülen. Diese bestehen aber
QW = (m (H 2O) ⋅ c(H 2O) + CW ) ⋅ (T2 − T1)
im Wesentlichen aus Atomen des Kohlenstoffs (C)
Wegen der Energieerhaltung (wenn das Kalorimeter und des Wasserstoffs (H). Letzten Endes werden sie
hinreichend gut isoliert) sind diese beiden Wärme- in Kohlendioxid (CO2) und in Wasser (H2O) über-
mengen gleich: geführt, d. h. mit Sauerstoff (O) aus der Atmung
5 QW = QK
oxydiert. Der Weg der chemischen Umsetzung ist
kompliziert und läuft in vielen Einzelschritten ab; zu
Das lässt sich dann nach der spezifischen Wärmeka- jedem gehört eine Energieumwandlung. Schließlich
pazität von Kupfer ck auflösen: und endlich wird aber immer thermische Energie
daraus, und zwar insgesamt genau so viel wie bei
(c(H 2O) ⋅ m(H 2O) + CW ) ⋅ (T2 − T1)
ck = . schlichter Verbrennung in einem Ofen; auf den Ener-
mk (T3 − T2)
giesatz ist Verlass. Deshalb kann man ganz unabhän-
Die Mischtemperatur T2 berechnet sich gemäß: gig von einem lebenden Organismus den Brennwert
von Nahrungsmitteln im Laboratorium messen, den
ck ⋅ mk ⋅ T3 + (c (H 2O) ⋅ m (H 2O) + CW ) ⋅ T1 Betrag der chemischen Energie also, die bei der Oxy-
T2 = .
ck ⋅ mk + c (H 2O) ⋅ m (H 2O) + CW dation z. B. eines Pfeffersteaks frei wird; Beispiele:
2300 kJ bei 100 g Schokolade, 188 kJ bei 100 g Bier.
Rechenbeispiel 5.3 gibt ein Beispiel zum Einsatz
dieser Formeln.
Im Zusammenhang mit Wärme und der in Rechenbeispiel 5.2: Nachgemessen
Lebensmitteln enthaltenen Energie taucht zuweilen Aufgabe: Wasser wird mit einem Tauchsieder
noch eine alte Energieeinheit auf, die an die spezifi- im Dewar-Gefäß aufgewärmt. Im Experiment
sche Wärme von Wasser angepasste Einheit Kalorie wurden die folgenden Werte ermittelt:
(cal), definiert zu: m=200 g, U0=10 Volt, I0=4,7 Ampere, Δt=50 s,
T1=18,3 °C, T2=21,1 °C. Kommt der Wert für die
1 cal = 4,1840 J.
Wärmekapazität des Wassers c(H2O) tatsächlich
Sie gehört nicht zu den SI-Einheiten und verschwin- wie oben angegeben heraus? Der Wasserwert
det deshalb allmählich von der Bildfläche. des Kalorimeters sei vernachlässigbar.
Leben braucht Energie; es setzt Energie um und Anmerkung: Ein Volt mal Ampere entspricht
das nicht nur, wenn man sich bewegt, also mecha- einem Watt.
nische Arbeit produziert. Auch im Schlaf hat der Lösung:
Mensch noch einen Grundumsatz von etwa 80 W, Q U ⋅ I ⋅ ∆t 47 W ⋅ 50s
c(H 2O) = = 0 0 =
also ungefähr 80W ⋅ 24 ⋅ 60 ⋅ 60 s=6, 91MJ pro Tag m ⋅ ∆T m (T2 − T1) 200 g ⋅ 2, 8 K
oder auch 1650 kcal/Tag. Er ist erforderlich, um = 4, 2
J
lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Herz- g⋅K
schlag, aber auch die Körpertemperatur aufrechtzu-
erhalten. Der Mensch besitzt ferner eine Wärmeka-
pazität; da er im Wesentlichen aus Wasser besteht,
darf man bei 70 kg Körpermasse getrost schreiben: Rechenbeispiel 5.3: Kalorimeter
Aufgabe: Eine Probe mit einer Masse von mP =
C(Mensch) ~ 70 kcal/K ~ 0, 3 MJ/K.
46 g und einer Temperatur von TP = 100 °C
Das heißt nun wieder: Könnte man einen Men- wird in ein Kalorimeter, dass 200 g Wasser bei
schen völlig wärmeisolieren, so würde ihn sein
5.2 · Das ideale Gas.
155 5

20 °c enthält, geworfen. Der Behälter ist aus Rechenbeispiel 5.5: Im Saloon


Kupfer und hat eine Masse von 100 g. Es stellt Aufgabe: Ein Cowboy schießt mit seiner
sich eine Mischtemperatur von 23,6 °C ein. Wie Pistole eine 2 g -Bleikugel mit 200 m/s
groß ist die spezifische Wärmekapazität cP der in die Holzwand, wo sie stecken bleibt.
Probe? Angenommen, die freiwerdende Energie bleibt
Sie brauchen die spezifischen vollständig in der Kugel. Wie heiß wird sie
Wärmekapazitäten von Wasser (4,18 J/gK) und dann? (Wärmekapazität von Blei: c(Pb) = 0,13
von Kupfer (0,39 J/gK) J/g⋅K)
Lösung: Die von der Probe abgegebene Lösung: Die freiwerdende Energie
Wärmemenge muss gleich der von Wasser und 1
ist m ⋅ v 2 = 40 J. Wir bekommen
Behälter aufgenommenen Wärmemenge sein, 2
also die Temperaturänderung:
also
Q 40 J
∆T = = = 154 K . War die
cP ⋅ mP ⋅ (TP − TM ) = cP ⋅ 46 g ⋅ 76, 4 K m ⋅ c 2g ⋅ 0,13 J/g ⋅ K
=200 g ⋅ 4,18 J/gK ⋅ 3, 6 K+100 g ⋅ 0, 39 J/gK ⋅ 3, 6 K Zimmertemperatur 20 °C, so bedeutet dies
=3139 J 174 °C.

Nach cP auflösen ergibt:

3139 J
cP = = 0, 893 J/gK. 5.2 Das ideale Gas.
46g ⋅ 76, 4 K

Das könnte Aluminium sein. 5.2.1 Die Zustandsgleichung

Thermische Energie ist die Energie in der Wimmel-


bewegung der Atome und Moleküle. Diese Wim-
Rechenbeispiel 5.4: Schlankwerden auf die melbewegung gehorcht natürlich den Gesetzen der
harte Tour Mechanik, die wir in Kapitel zwei besprochen haben.
Aufgabe: Ein Student isst ein Mittagessen, Deshalb sollte es also grundsätzlich möglich sein, die
dessen Brennwert mit 2000 Kilokalorien mit der thermischen Energie zusammenhängende
angegeben worden ist. Er will das wieder Eigenschaften aus diesen Gesetzen der Mechanik
abarbeiten, indem er eine 50 Kg – Hantel abzuleiten. Am besten geht dies für Gase, in denen
stemmt. Sagen wir, er kann sie 2 m hoch die Atome und Moleküle Pingpong-Bällen ähnlich
heben. Wie oft muss er sie heben, um die durch die Luft fliegen. Sie stoßen zuweilen aneinan-
2000 kcal wieder los zu werden? Dabei ist der oder mit den Wänden des Gefäßes. Durch die
zu beachten, dass der Mensch keine sehr Stöße mit den Wänden entsteht dort ein Druck, also
effiziente mechanische Maschine ist. Er muss eine Kraft auf die Wand. Die Stöße gehorchen dem
etwa fünfmal mehr Energie verbrennen als zweiten Newtonschen Gesetzen und dem Impuls-
die mechanische Arbeit, die er leistet. Sein erhaltungssatz. Und alles gehorcht natürlich dem
Wirkungsgrad ist nur etwa 20 %. Energieerhaltungssatz. Besonders einfach ist die
Lösung: 2000 kcal = 8,37 ⋅ 106 J. Der Situation dann, wenn die anziehenden Kräfte zwi-
Student leistet bei N – mal Stemmen die schen den Atomen vernachlässigt werden können.
Arbeit W = N ⋅ m ⋅ g ⋅ h und verbrennt Man spricht dann von einem idealen Gas. Die Luft,
fünfmal so viel Energie. Also ist: die wir atmen, ist zum Beispiel praktisch ein solches
8, 37 ⋅106 J
ideales Gas. Natürlich gibt es zwischen ihren Mole-
N= = 1706 . külen doch schwache anziehende Kräfte. Diese
5 ⋅ 50 kg ⋅ 9, 81 m/s 2 ⋅ 2 m
führen dazu, dass Luft bei ca. -200°C flüssig wird.
Von dieser Temperatur sind wir aber normalerweise
156 Kapitel 5 · Wärmelehre

N
so weit entfernt, dass diese anziehenden Kräfte ver- p = kB ⋅ ⋅ T.
V
nachlässigt werden können.
Bei einem idealen Gas wird außerdem noch Eine genauere Rechnung (siehe zum Beispiel:
angenommen, dass das Volumen der Pingpong- ­Gerthsen: Physik, Springer-Verlag) zeigt, dass die
Bälle viel kleiner ist als die Zwischenräume zwischen Proportionalitätskonstante gerade die Boltzmann-
ihnen. Auch das ist bei Gasen meistens erfüllt. Für Konstante kB ist.
dieses ideale Gas kann nun eine wichtige Zustands- Damit das so hinkommt, stand in der Definition
gleichung gefunden werden. Das geht so. der Temperatur in 7 Abschn. 5.1.2 der Faktor 3/2.
Verdoppelt man die Zahl N der Moleküle des Man schreibt die so gewonnene Gleichung übli-
Gases in einem Behälter mit Volumen V, verdoppelt cherweise etwas anderes hin. Für die Stoffmenge gibt
5 man also die Gasmenge im Behälter, so verdoppelt man die Zahl der Mole n an statt der Zahl der Teil-
sich auch die Häufigkeit, mit der die Moleküle an chen N. Das Volumen schreibt man auf die andere
die Wände des Behälters trommeln. Damit verdop- Seite. So erhalten wir:
pelt sich auch die mittlere Kraft auf die Wände, also
der Druck. Das gleiche passiert auch, wenn man das p ⋅V = kB ⋅ N A ⋅ n ⋅ T = R ⋅ n ⋅ T .
Volumen bei gleicher Molekülzahl halbiert, denn
dann haben die Moleküle kürzere Wege von Wand zu Boltzmann-Konstante mal Avogadro-Konstante
Wand. Der Druck p ist also proportional zur Anzahl- (Zahl der Teilchen in einem Mol) nennt man die uni-
dichte N/V der Moleküle im Gas: verselle Gaskonstant R:

N J
p~ . R = kB ⋅ N A = 8, 31
V mol ⋅ K
Verdoppelt man die mittlere Geschwindigkeit der
Moleküle im Gas, so passiert zweierlei. Zum einen Merke
stoßen die Moleküle doppelt so häufig mit den
Wänden, da sie doppelt so schnell durch den Behäl- Gasgesetz (Zustandsgleichung der idealen Gase)
ter sausen. Zum anderen werden die Stöße heftiger.
p ⋅ V = N ⋅ kB ⋅ T = n ⋅ R ⋅ T
Doppelter Impuls (das ist Masse mal Geschwin-
digkeit) bedeutet doppelte Kraft bei einem Stoß, so kB = Boltzmann-Konstante = 1,38·10–23 J K–1
lehrt uns das zweite Newton´sche Gesetz. Durch R = allgemeine Gaskonstante = 8,31 J mol–1 K–1
beide Effekte zusammen wird der Druck insgesamt
viermal so groß, er ist also proportional zur mittleren
Geschwindigkeit ins Quadrat:
Der Quotient V/n ist das Molvolumen Vn. Unter Nor-
p ~ v 2. malbedingungen, d. h. einem Druck p = 101,3 kPa
und der Temperatur T = 0 °C, beträgt das Molvolu-
Die mittlere Geschwindigkeit ins Quadrat ist aber men eines idealen Gases 22,4 l/mol, bei Zimmertem-
wiederum proportional zur mittleren kinetischen peratur etwa 24 l/mol.
Energie der Moleküle und damit proportional zur Hat man ein Gas nicht auf Normalbedingun-
absoluten Temperatur T des Gases: gen, so kann man mit dem Gasgesetz leicht auf diese
umrechnen, denn es verlangt bei einer abgeschlosse-
p ~T nen Gasmenge, dass p·V proportional zu T, dass also
p·V/T konstant sein muss. Daraus folgt zum Beispiel
Der Druck ist also einerseits proportional zur für die Umrechnung des Volumens in zwei Zustän-
Anzahldichte und andererseits proportional zur den 1 und 2:
Temperatur T. Das bedeutet, der Druck ist propor-
T2 p1
tional zum Produkt aus beidem: V2 = V
T1 p2 1
5.2 · Das ideale Gas.
157 5
Wichtig für alle Berechnungen mit der Zustandglei-
chung ist: in der Gleichung steht die absolute Tempe- wir zwei Dinge tun: die Temperaturen in
ratur in Kelvin. Ist die Temperatur zunächst in Grad absolute Temperaturen umrechnen (273 K
Celsius gegeben, so muss sie erst noch umgerechnet addieren) und zum Überdruck den Luftdruck
werden. (101 kPa) addieren, um auf den Gesamtdruck

Reales Gas: Nicht ganz so ideale Gase folgen der Zustands- zu kommen. Dann bekommen wir:
gleichung von van der Waals (Johannes Diderik van der 313 K
p2 = ⋅ 301 kPa = 333 kPa . Das entspricht
Waals, 1837–1923) 283 K
dann wieder einem Überdruck von 233 kPa.
( p + a/V 2) ⋅ (V − b) = n ⋅ R ⋅ T .
Das ist ein Anstieg um immerhin 15 %. Deshalb
Sie berücksichtigt mit der Materialkenngröße a die anzie- soll man Reifendrücke immer im kalten
henden Kräfte, die auch zwischen Gasmolekülen auftreten
Zustand messen.
und auf diese ähnlich wirken wie eine Erhöhung des äuße-
ren Druckes. Der Einfluss wächst, wenn die Moleküle dich-
ter zusammenrücken, wenn also das Molvolumen abnimmt.
Andererseits steht dieses Molvolumen der thermischen Bewe-
gung der Moleküle nicht voll zur Verfügung; sie sind ja keine
5.2.2 Partialdruck
ausdehnungslosen Punkte im Sinn der Mathematik, sondern
kleine Kügelchen mit einem Eigenvolumen. Mit der zweiten Dass sich Luft im Wesentlichen aus Stickstoff und
Materialkenngröße b wird es von V abgezogen. Mit sinken-
aus Sauerstoff zusammensetzt, dass diese Elemente
der Dichte der Gasteilchen verlieren beide Korrekturglieder
an Bedeutung: Das van-der-Waals-Gas nähert sein Verhalten
zweiatomige Moleküle bilden, die Atome der Edel-
immer mehr dem des idealen Gases an. gase aber für sich allein bleiben, kümmert das Gasge-
setz nicht: Ihm sind alle Moleküle gleich, und Atome
hält es auch für Moleküle. Ihm geht es nur um deren
Rechenbeispiel 5.6: Wie viele Moleküle in Anzahl N. Bei einem Gasgemisch aus n Kompo-
einem Atemzug? nenten darf man deren Molekülanzahlen N1 bis Nn
Aufgabe: Ungefähr wie viele Moleküle atmet darum einfach aufaddieren:
man bei einem 1 Liter – Atemzug ein? n
Lösung: Luft unter Normalbedingungen p ⋅V = (N1 + N 2 +…+ N n) ⋅ kBT = kBT ⋅ ∑ Ni
ist in guter Näherung ein ideales Gas. i=1
Das Molvolumen (6,02 ⋅ 1023 Moleküle) Auch das Produkt aus Druck p und Volumen V auf
ist also 22,4 l. Man atmet also etwa der linken Seite der Gleichung darf man den Kom-
11 ponenten zuordnen. Dies tut man vor allem für den
⋅ 6 ⋅1023 = 2, 7 ⋅1022 Moleküle ein.
22, 41 Druck:
n
( p1 + p2 +…+ pn) ⋅V = kBT ⋅ ∑ Ni
i=1
Rechenbeispiel 5.7: Reifendruck Jeder Molekülsorte steht das gesamte Volumen V zur
Aufgabe: Ein Reifen ist bei 10 °C auf einen Verfügung; also trägt jede Komponente mit dem Par-
Überdruck von 200 kPa aufgepumpt. tialdruck pi ihren Anteil zum Gesamtdruck p bei:
Nachdem das Auto 100 km gefahren ist, ist die n
Reifentemperatur auf 40 °C gestiegen. Welcher p = p1 + p2 +…+ pn = ∑ pi .
Überdruck herrscht nun im Reifen? i=1
Lösung: Das Volumen des Reifens bleibt in Definitionsgemäß stehen die Partialdrücke unter-
p p einander in den gleichen Verhältnissen wie die
etwa konstant. Wir haben also: 1 = 2 .
T1 T2 Molekülanzahlen:
Um diese Formel nutzen zu können, müssen
p1 : p2 : p3 = N1 : N 2 : N3.
158 Kapitel 5 · Wärmelehre

5.2.3 Die Energie im Gas

Die thermische Energie in einem idealen Gas steckt


praktisch vollständig in der kinetischen Energie der
Moleküle. Das ist zunächst einmal die kinetische
Energie, die in der Schwerpunkt-Bewegung steckt.
Das ist die geradlinige Bewegung der Moleküle
durch den Behälter. Natürlich bewegen sich nicht
alle Moleküle mit der gleichen Geschwindigkeit.
Die . Abb. 5.6 zeigt die Geschwindigkeitsverteilung
5 im thermodynamischen Gleichgewicht für zwei ver-
. Abb. 5.7  Zweiatomiges, hantelförmiges Molekül besitzt
schiedene Temperaturen.
zwei Achsen, zwei Freiheitsgrade, in denen es Rotationsenergie
Die grundlegende Form (Maxwell´sche unterbringen kann
Geschwindigkeitsverteilung) ist für alle Gase und
alle Temperaturen gleich.
Moleküle können jedoch mehr als nur herum- Die Rotation liefert zwei zusätzliche Freiheitsgrade,
fliegen. Sie können sich auch noch drehen und sie zusammen fünf.
können schwingen. Es ist wichtig, diese weiteren Dreiatomige Moleküle können sich um Achsen
Bewegungsmöglichkeiten aufzuzählen. Dazu gibt in allen drei Raumrichtungen drehen, haben also drei
es in der Physik den Begriff der Freiheitsgrade. Die Freiheitsgrade der Rotation: zusammen sechs. Kom-
Aufzählung geht so: plizierter wird es, wenn ein Molekül auch noch in
Atome können sich geradlinig in die drei Raum- sich schwingt; jede Möglichkeit bringt gleich zwei
richtungen bewegen. Man sagt: sie haben drei Frei- Freiheitsgrade, einen für die kinetische, einen für die
heitgrade. Die zweiatomigen Moleküle des Stick- potentielle Energie der Schwingung. Das gilt dann
stoffs (N2) bilden hingegen Hanteln, die auch noch auch für die Schwingungen der Gitterbausteine eines
um zwei zueinander senkrechte Achsen rotieren Kristalls: Atome im Kristall haben sechs Freiheits-
können (. Abb. 5.7); Drehung um die Hantelachse ist grade für die Schwingung in drei Raumrichtungen.
aus quantenmechanischen Gründen nicht möglich. Die Quantenmechanik legt fest, dass für Rotation
und Schwingungen bestimmte Mindestenergien
gelten. Ist die Temperatur zu niedrig, werden diese
1 Mindestenergien nicht erreicht und das Molekül
rotiert oder schwingt nicht. Man nennt dieses das
VP
+

„Ausfrieren“ von Freiheitsgraden. Ist aber ein Frei-


heitsgrad aktiv, so trägt er im thermodynamischen
Gleichgewicht immer die mittlere kinetische Energie
1
〈Ekin〉 = kb ⋅ T .
2
Y Das sagt der wichtige Gleichverteilungssatz: durch
PV die Stöße der Moleküle miteinander verteilt sich die
. Abb. 5.6  Maxwell-Geschwindigkeitsverteilung.
thermische Energie im Mittel gleichmäßig auf alle
Verteilung der thermischen Geschwindigkeiten von Freiheitsgrade und deswegen ist auch die Tempera-
Stickstoffmolekülen für zwei Temperaturen. Als Ordinate tur überall gleich.
ist die Häufigkeit H aufgetragen, mit der Moleküle in einem Die thermische Energie eines Gases, das aus
Geschwindigkeitsintervall der Breite Δv zu erwarten sind.
einem Mol einzelner Atome besteht, ist demnach:
Stecken in dem Intervall ΔN Moleküle, so haben die an der
Gesamtanzahl N den Anteil ΔN/N und die Häufigkeit H = ΔN/ 1 1
(N·Δv). Wegen des Geschwindigkeitsintervalls unter dem U th = 3 ⋅ N A ⋅ ⋅ kB ⋅ T = 3 ⋅ R ⋅ T ,
2 2
Bruchstrich kommt der Häufigkeit hier die Einheit s/m zu
5.3 · Transportphänomene.
159 5
da die Atome in ihm ja drei Freiheitsgrade haben. Merke
Für die molare Wärmekapazität eines einatomigen
Gases heißt das: Wärmeleitung: Wärmetransport ohne
Materietransport.
3
cn = R.
2
Für Luft sind es zwei Freiheitsgrade der Rotation Durch die thermische Bewegung wird eine
mehr: Wärmemenge Q,
gemessen in Joule, von einem Ort zu einem
5
cn(Luft)= R. anderen gebracht. Das entspricht einem
2
J
Die Wärmekapazität der Luft ist also höher als die 
Warmestrom I Q = dQ / dt Einheit : 1 = 1Watt,
s
des Edelgases Argon, da es für die Luftmoleküle
mehr Bewegungsmöglichkeiten gibt als für die er repräsentiert eine Leistung. Der Wärmestrom ent-
Argonatome. steht, wenn die Temperatur von Ort zu Ort verschie-
den ist. Er wird also angetrieben durch eine Tem-
Im Kristall: In Metallen zum Beispiel schwingen die Atome im peraturdifferenz ΔT. Schon Newton hatte erkannt,
Kristallgitter in drei Raumrichtungen: macht zwei Freiheits- dass der Wärmestrom proportional zur Temperatur-
grade pro Richtung, also insgesamt sechs. Die molare Wärme- differenz ist. Den genauen Zusammenhang wollen
kapazität ist dann: cn = 6 R (Regel von Doulong-Petit). wir uns an einer Fensterscheibe klar machen. Dabei
2
denken wir nicht an eine moderne doppelglasige
Termopane-Scheibe, sondern an ein einglasiges
5.3 Transportphänomene. Fenster. Der Wärmestrom durch dieses Fenster wird
also mit steigender Temperaturdifferenz zwischen
5.3.1 Wärmeleitung drinnen und draußen steigen. Außerdem ist er natür-
lich umso größer, je größer die Fläche A der Fens-
terscheibe ist. Ist die Glasscheibe dicker, so ist die
Lange bevor sich ein Gasmolekül in der thermischen Temperaturänderung pro Länge (man spricht vom
Bewegung ernsthaft von seinem Ausgangspunkt ent-
fernt hat, ist es schon mit unzähligen Artgenossen
unter Austausch von Energie und Impuls zusammen-
gestoßen. Die Gitterbausteine des Kristalls können
thermische Energie sogar weitergeben, ohne ihren
Platz zu verlassen.
Steckt man Stäbe aus verschiedenen Materia-
lien in heißes Wasser, so kann man mit der Wärme-
bildkamera sehr schön verfolgen, wie schnell die
Wärme die Stäbe hochsteigt (. Abb. 5.8). Die fünf
Stäbe in der Abbildung sind von rechts nach links aus
Kupfer, Aluminium, Messing, Graphit und Kunst-
stoff. Das Wasser im flachen Behälter ist ca. 40 °C
warm. Der Kupferstab ist nach einer Minute schon
gleichmäßig etwa 30 °C warm, während man den
Kunststoffstab praktisch noch gar nicht sieht, weil er . Abb. 5.8  Wärmeleitfähigkeit. Dieses Wärmebild
zeigt die Temperatur in unterschiedlichen Grautönen. Fünf
noch auf Umgebungstemperatur ist. Kupfer hat von
Stäbe stecken seit einer Minute in warmem Wasser. Der
den Materialien die höchste Wärmeleitfähigkeit, die Kupferstab (rechts) ist schon recht warm. Dann kommen
anderen Stäbe sind nach sinkender Wärmeleitfähig- mit abnehmender Wärmeleitfähigkeit: Aluminium, Messing,
keit sortiert. Graphit und Kunststoff
160 Kapitel 5 · Wärmelehre

Temperaturgradienten) kleiner. Das reduziert auch


den Wärmestrom. Und natürlich spielt die Material- Glasdicke 3 mm), wenn an der Innenseite eine
eigenschaft des Glases, seine Wärmeleitfähigkeit λ, Temperatur von 15 °C und auf der Außenseite
eine Rolle. Alles zusammen ergibt folgende Formel: eine Temperatur von 14 °C herrscht. Die
Wärmeleitfähigkeit von Glas ist etwa 1 W/m⋅K.
∆T
IQ = λ ⋅ A ⋅ . Lösung: Durch die Scheibe wird eine Leistung
d
von P = 1 W/mK ⋅ 2 m ⋅1 K = 667 W
2

Dabei ist A Fläche der Glasscheibe und d ihre Dicke. 0, 003 m


Die Wärmeleitfähigkeit λ wird in W/(m·K) gemes- transportiert. Da muss ein kräftiger
sen und hängt oft auch noch etwas von der Tempe- Heizstrahler gegen heizen. Also lieber
5 ratur ab. doppelt verglasen, denn das Gas zwischen
den Scheiben eines typischen Termopane-
Merke Fensters hat eine Wärmeleitfähigkeit von nur
0,023 W/ mK.
Wärmeleitungsgleichung:
Wärmestrom:
∆T
IQ = λ ⋅ A ⋅
d
5.3.2 Konvektion
mit der Wärmeleitfähigkeit λ.
Misst man zum Beispiel mit einem Strahlungsther-
mometer die Temperatur einer Fensterscheibe auf der
Auch die Elektronen, die im Metall den elektrischen Innenseite und auf der Außenseite, so stellt man fest,
Strom transportieren, nehmen an der Wärmebe- dass die Fensterscheibe im Winter auf der Innenseite
wegung teil. Gute elektrische Leiter wie Silber und kälter und auf der Außenseite wärmer als die umge-
Kupfer sind deshalb auch gute Wärmeleiter; Koch- bende Luft ist. Tatsächlich muss die Wärme, die durch
löffel fertigt man seit alters her aus dem elektrischen das Fenster strömt, ja auch zum Fenster hin und vom
Nichtleiter Holz, damit man sich nicht die Hand Fenster weg gelangen. Dies geschieht durch Konvek-
verbrennt. Gase haben schon wegen ihrer gerin- tion. Die Luft strömt an der Fensterscheibe entlang
gen Dichte auch nur geringe Wärmeleitfähigkeit. und gibt dabei Wärme an die Scheibe ab, wenn sie
Deshalb sind Fenster fast immer aus doppelglasigen wärmer ist als die Scheibe, oder sie nimmt Wärme auf,
Scheiben mit einem Gasraum zwischen dem Schei- wenn sie kälter ist. Die Luftströmung wird durch Auf-
ben. Je schwerer die Gasatome sind, umso langsa- trieb verursacht. Im Winter wärmt die Fensterscheibe
mer bewegen sie sich und transportieren Wärme zunächst durch Wärmeleitung die Außenluft an ihrer
entsprechend schlechter. Besonders gute Termopa- Oberfläche an. Diese warme Luft steigt wegen ihrer
ne-Scheiben haben das schwere Edelgas Xenon zwi- geringeren Dichte nach oben und transportiert damit
schen den Gläsern. Bei normalen Scheiben ist es in die thermische Energie vorm Fenster weg.
der Regel Argon. Am besten wäre es natürlich, zwi- Auf der Innenseite des Fensters sinkt entspre-
schen den Gläsern wäre gar nichts (Vakuum). Das chend kältere Luft an der Scheibenoberfläche nach
funktioniert aber nur bei Thermosflaschen. Fenster- unten und transportiert so wärmere Luft zum Fenster
scheiben würden wegen der großen Fläche dem Luft- hin. Der Wärmetransport ist hier also mit Materie-
druck nicht standhalten. transport verbunden.
Auch für den Temperaturhaushalt des Menschen
ist Konvektion wichtig. . Abbildung 5.9 zeigt die mit
Rechenbeispiel 5.8: Wärmeverlust durchs einer besonderen Schattentechnik sichtbar gemachte
Fenster aufsteigende warme Luft bei einer Frau. Besonders an
Aufgabe: Welcher Wärmeverlust entsteht der warmen Hand steigt die Luft, während die Kon-
an einem 2 m² großen Fenster (einglasig, vektion an der kühleren Blusenoberfläche schwä-
cher ist.
5.3 · Transportphänomene.
161 5
Merke

Wärmeübergang mit Konvektion:


Wärmestrom

I Q = A ⋅ hcv ⋅∆T

mit Wärmeübergangszahl hcv.

Der Eisbär muss die Konvektion an seiner Hautober-


fläche unterbinden. Eben dazu dient sein Fell, und
der Mensch zieht sich warm an. Im Vakuum gibt es
weder Konvektion noch Wärmeleitung. Die Ther-
mosflasche nutzt das aus.
. Abb. 5.9  Konvektion. Aufsteigende warme Luft bei
einer Frau. Man kann auch erkennen, dass sie gerade durch
die Nase ausatmet. Durch eine spezielle Schattenwurftechnik
werden kleine Unterschiede im Brechungsindex der Luft Rechenbeispiel 5.9: Frierender Mensch
sichtbar gemacht (Aufnahme: G. S. Settles, PSU) Aufgabe: Der Mensch hat eine Oberfläche von
etwa 1,5 m². Wie groß wäre sein Wärmeverlust
durch Konvektion, wenn er nackt in einem 15
Wie beim Menschen ist meistens der Wärme- °C kalten Raum stünde?
transport durch Konvektion viel effektiver als reine Lösung: Die Temperatur der
Wärmeleitung. Die notwendige Strömung kann Hautoberfläche wird nicht ganze 37 °C
natürlich auch aktiv angetrieben werden. Der Kühler sein, vielleicht nur 33 °C. Dann ist ca.
eines Autos tut dies gleich zweimal: ein Ventilator W
bläst die kühlere Umgebungsluft durch einen Wär- P = 5, 5 ⋅1, 5 m 2 ⋅ (33°C −15°C) = 149 W .
m2 ⋅ K
metauscher („Kühler“), durch den wiederum das Das ist schon etwas mehr Leistung als die, die
Kühlwasser zum Motor gepumpt wird. Im Wär- der Stoffwechsel eines ruhenden Menschen
metauscher und im Motor muss die Wärme aber erzeugt. Daher zittert der Mensch, um seinen
wieder durch Wärmeleitung vom Kühlwasser zur Stoffwechselumsatz zu erhöhen.
Luft gelangen.
Die Wirkung der freien, durch Auftrieb erzeug-
ten thermischen Konvektion korrekt auszurechnen,
ist nahezu unmöglich, dazu sind die Strömungsver- 5.3.3 Wärmestrahlung
hältnisse viel zu kompliziert. Unabhängig von den
Details wird aber der Wärmestrom im Großen und Vakuum unterbindet jeden Temperaturausgleich
Ganzen proportional zur Differenz der Tempera- durch Wärmeleitung oder Konvektion; das gilt für
turen von Luft und fester Oberfläche sein. Es gilt die Doppelwand des Dewar-Gefäßes und für den
ungefähr: Weltraum. Trotzdem bleibt eine Form des Wärme-
austausches möglich: der durch Wärmestrahlung
I Q = A ⋅ hcv ⋅ ∆T nämlich. Ohne diese elektromagnetische Strahlung
gäbe es auf der Erde kein Leben; seine Energiequelle
hierbei ist A der Flächeninhalt der umströmten ist die Sonne, durch den leeren Weltraum von ihm
Fläche und hcv ein Wärmeübergangskoeffizient. Für getrennt.
Zimmerluft gibt es brauchbare Erfahrungswerte: eine Elektromagnetische Strahlung entsteht immer,
horizontale warme Fläche bringt es auf hcv ~ 9 W/ wenn sich geladene Teilchen beschleunigt bewegen.
(m2·K), eine vertikale auf hcv ~ 5,5 W/(m2·K). Atome bestehen aus geladenen Teilchen und
sind immer in thermischer Bewegung (außer am
162 Kapitel 5 · Wärmelehre

absoluten Temperaturnullpunkt). Daher strahlt alles, die Wellenlänge 10 µm heraus. Das liegt im „fernen
was wärmer als 0 K ist, elektromagnetische Wellen, Infrarot“. Solches Licht kann man mit Wärmebildka-
also Licht im weitesten Sinne, ab. Und elektromagne- meras fotografieren (. Abb. 5.11). In normalen Digi-
tische Wellen transportieren Energie. Daher spricht talkameras sind auf einem etwa 5 × 4 mm großen Sili-
man von Wärmestrahlung. Unsere Augen sind auf ziumchip einige Millionen lichtempfindliche Dioden
das Sonnenlicht adaptiert, also auf die Strahlung eines (siehe auch 7 Abschn. 6.7.4) angeordnet. In Wärme-
5800 K heißen Gegenstandes. Die Wellenlänge dieses bildkameras (man spricht auch von Thermogra-
sichtbaren Sonnenlichtes liegt bei 0,5 µm. Genauer phie), die meist für Infrarotlicht mit Wellenlängen
ergibt sich eine Wellenlängenverteilung, ein Spekt- zwischen 8 µm und 13 µm empfindlich sind, geht es
rum, das die . Abb. 5.10 zeigt. Je niedriger die Tempe- viel komplizierter zu. Auf dem Silizium-Chip werden
5 ratur des Gegenstandes ist, umso größer sind die Wel- durch Ätztechnik etliche Quadratmikrometer große
lenlängen, mit denen er strahlt. Die . Abb. 5.10 zeigt, freistehende Brücken aus einem leitfähigen Material
dass eine 3000 K heißer Glühdrahtes in einer Glüh- gebaut, die von der Infrarotstrahlung erwärmt ihre
birne am stärksten um eine Wellenlänge von 1 µm Leitfähigkeit ändern (Mikrobolometer). Auf einem
strahl, also jenseits des sichtbaren roten Lichtes im Chip sind aber bestenfalls 100000 solcher Brücken,
sogenannten Infrarot. Daher ist die Glühbirne ein so die Auflösung einer Wärmebildkamera ist also viel
ineffizienter Spender sichtbaren Lichtes, kann aber schlechter. Durch Glas geht diese Infrarotstrah-
gut als Infrarotleuchte einen steifen Hals erwärmen. lung gar nicht hindurch, deshalb ist die Objektiv-
Es gibt einen sehr einfachen Zusammenhang zwi- linse aus dem Halbleiter Germanium gefertigt. Das
schen der Temperatur und der Wellenlänge, bei der alles macht Wärmebildkameras zehn- bis hundert-
ein Gegenstand am stärksten strahlt, das mal teurer als Kameras für sichtbares Licht. In der
Technik eingesetzt werden sie vor allem auf Baustel-
2898 µm ⋅ K
Wien − Verschiebungsgesetz λmax = . len zur Kontrolle der Wärmeisolation von Gebäuden
T
und in Fabriken zur Kontrolle elektrischer Strom-
Setzt man nun hier die Oberflächentemperatur kreise auf Überhitzung.
eines Menschen ein, also ca. 300 K, so kommt für Die . Abb. 5.11 zeigt ein Falschfarbenbild,
jedem Farbton ist eine Temperatur zugeordnet. Die
Kamera sieht eigentlich nur Helligkeitsstufen, die
von der Elektronik in Temperaturen umgerechnet
werden. Dahinter steckt das wichtigste Gesetz für die
/

. Abb. 5.11  Wärmebild des Autors. Die Brille ist relativ kalt,
die Infrarotstrahlung von den dahinter liegenden wärmeren
Augen dringt nicht durch das Glas. Der Mund ist auch relativ
. Abb. 5.10  Spektrum der Wärmestrahlung für drei kalt, weil ich gerade eingeatmet habe. Die Skala zeigt an,
verschiedene Temperaturen. Animation im Web welcher Grauton zu welcher Temperatur gehört
5.3 · Transportphänomene.
163 5
Wärmestrahlung, das Stefan-Boltzmann-Gesetz. Es
gibt an, welche Strahlungsleistung einen Gegenstand durch die Weiten des Weltalls schwebt. Das 15 °C
bei einer bestimmten Oberflächentemperatur insge- kalten Zimmer strahlt ja auch auf ihn zurück,
samt abstrahlt: und zwar mit: P = 1, 5 m 2 ⋅ σ ⋅ (288 K )4 = 585 W.
Nur die Differenz von 161 W lässt den
P = ε ⋅ A⋅ σ ⋅T 4
Menschen frieren. Diese Verlustleistung
Hier ist A die Oberfläche des Gegenstandes und σ eine entspricht recht genau den 149 W,
Naturkonstante, die Stefan-Boltzmann-Konstante: die durch Konvektion verloren gehen
(Rechenbeispiel 5.9)
σ = 5, 67 ⋅10−8W/m 2 ⋅ K 4.

ε ist der Emmissionskoeffizient der Oberfläche, der


üblicherweise bei 0,95, also nahe bei dem größten 5.3.4 Diffusion
Wert eins liegt. Eine wichtige Ausnahme sind silbrige,
spiegelnde Oberflächen. Bei ihnen ist der Emissions- Die thermische Bewegung wirbelt die Moleküle eines
koeffizient nahe null, sie strahlen also fast gar nicht. Gases ständig durcheinander und verteilt sie gleich-
Deswegen sind die Innenoberflächen in Thermos- mäßig im Gelände, auch und vor allem dann, wenn
kanne und Dewar-Gefäßen immer verspiegelt. Auch mehrere Molekülsorten gleichzeitig herumschwir-
dem Bergsteiger hilft es, wenn in seinem Schlafsack ren: Sie werden auf die Dauer homogen durch-
eine Silberfolie mit ein genäht ist, denn dann strahlt er mischt. Im Gedankenversuch kann man ein Gefäß
kaum noch etwas ab. Tatsächlich gibt ein Mensch nor- durch eine herausnehmbare Trennwand untertei-
malerweise etwa die Hälfte der thermischen Energie, len und z. B. auf der linken Seite Sauerstoff, auf der
die sein Stoffwechsel ständig produziert, in Form von rechten Stickstoff einfüllen, beide Gase unter gleichem
Wärmestrahlung ab (siehe Rechenbeispiele 5.9 und Druck (. Abb. 5.12a). Entfernt man die Trennwand, so
5.10). Das wichtigste am Stefan-Boltzmann-Gesetz werden im ersten Augenblick nur Sauerstoffmoleküle
ist aber die gewaltig starke Temperaturabhängigkeit die alte Grenzfläche von links überqueren, einfach weil
der Strahlungsleistung mit T4. Die . Abb. 5.10 machte rechts keine vorhanden sind. Auch eine Weile später
dies schon deutlich. Wegen dieser starken Tempe- werden sie dort noch in der Minderzahl sein und
raturabhängigkeit kann die Wärmebildkamera die deshalb überwiegend von links nach rechts diffundie-
gemessene Helligkeit gut in Temperaturen umrech- ren (. Abb. 5.12b). Erst wenn sich die Anzahldichten
nen. Die Genauigkeit wird nur dadurch begrenzt, der beiden Molekülsorten nach längerer Zeit völlig
dass der Emissionskoeffizient doch von Oberfläche angeglichen haben, werden sich auch die Anzahlen
zu Oberfläche ein klein wenig schwanken kann. der Grenzgänger in beiden Richtungen angleichen.

Merke
Rechenbeispiel 5.10: Der Mensch friert
noch mehr
Diffusion: Transport von Molekülen durch
Aufgabe. Außer durch Konvektion verliert der
thermische Bewegung.
nackte Mensch Wärme auch durch Strahlung.
Wie viel?
Lösung: Die meisten Menschen sind zwar
Letztlich gibt es immer dann Diffusion, wenn ein
nicht schwarz, aber doch in guter Näherung
Konzentrationsgefälle vorliegt, Moleküle an einem
ein schwarzer Strahler. Die Stefan-Bolzmann-
Ort häufiger sind als am Nachbarort. Man beschreibt
Gleichung kann also direkt angewendet werden:
das wie bei einer Temperatur mit Konzentrations-
P = 1, 5 m 2 ⋅ σ ⋅ (306 K ) = 746 W . Diese
4
änderung pro Länge (einem Konzentrationsgra-
gewaltige Strahlungsleistung lässt den dienten) ∆c / ∆x . Und entsprechend wie bei der
Menschen aber nur erkalten, wenn er einsam Wärmeleitung ist der Teilchenstrom der Diffusion
proportional zu diesem Konzentrationsgradienten
164 Kapitel 5 · Wärmelehre

Mit steigender Temperatur wird die thermische


Bewegung immer heftiger; kein Wunder, dass mit
ihr auch der Diffusionskoeffizient zunimmt. Leichte
Moleküle sind bei gegebener Temperatur schnel-
ler: Kein Wunder, dass der Diffusionskoeffizient
von Wasserstoff größer ist als der von Sauerstoff
oder Stickstoff. Dieses Faktum lässt sich sinnfäl-
lig demonstrieren; man braucht dazu einen hohlen
und porösen Tonzylinder, an den unten ein gläserner
Stutzen mit einem Wassermanometer angeschmol-
5 zen ist (. Abb. 5.13). Stülpt man jetzt ein mit gas-
förmigem Wasserstoff gefülltes Becherglas von oben
über den Zylinder, so signalisiert das Manometer
Überdruck: H2 diffundiert schneller in den Zylin-
der hinein als Luft heraus.
Was den Gasen recht ist, ist den Flüssigkei-
ten billig und vor allem auch den in ihnen gelösten
Stoffen. Deren Moleküle haben aber in ihrer thermi-
schen Bewegung sehr viel kleinere freie Weglängen
und darum auch sehr viel kleinere Diffusionskoeffi-
zienten als die Moleküle der Gase. Füllt man einen
meterhohen Zylinder zur Hälfte mit Wasser, schich-
tet man vorsichtig unter sorgsamer Vermeidung von
Wirbeln Tinte darüber, lässt man das Ganze ruhig
stehen und schaut nach einem Jahr wieder nach,
so ist die scharfe Grenzfläche zwar durchaus um
. Abb. 5.12  Diffusion im molekularen Bild, schematisch. einige Zentimeter auseinander gelaufen, aber von
Im ersten Moment nach Entfernen der Trennwand können
einer homogenen Durchmischung kann auch nach
die beiden Molekülsorten nur jeweils von einer Seite aus
die alte Grenzfläche überschreiten. Erst wenn sich die
Konzentrationen ausgeglichen haben, verschwinden auch die
Nettoströme der Teilchen

und auch zur durchströmten Fläche A. Das Diffu-


sionsgesetz für den Teilchenstrom IT sieht der Wär-
meleitungs – Gleichung sehr ähnlich:

∆c
IT = D ⋅ A ⋅
∆x

mit dem Diffusionskoeffizienten D. Seine SI-Einheit


ist m2/s, oft wird er aber in cm2/s angegeben.

Merke

Diffusionsgesetz: Teilchenstrom proportional


. Abb. 5.13  Versuch zur Diffusion von Gasen. Das
zum Konzentrationsgradienten
Becherglas wird von unten mit Wasserstoff gefüllt. Da er
∆c schneller in den porösen Tonzylinder diffundiert als Luft
IT = D ⋅ A ⋅
∆x hinauskommt, entsteht im Zylinder vorübergehend ein
Überdruck
5.3 · Transportphänomene.
165 5
100 Jahren noch nicht die Rede sein. Wer Milch in Gegenstrom durch eine selektivpermeable Membran,
den Kaffee gießt, trinkt gern ein leidlich homoge- die nur Teilchen einer Sorte hindurch lässt, ver-
nes Gemisch. Im Grunde braucht er nur zu warten, hindert wird. In Gasen gibt es so etwas fast nicht.
die Diffusion wird es schon besorgen. Besser ist es Anderes gilt in Flüssigkeiten. Gerade lebende Orga-
umzurühren, d. h. die Diffusion durch Konvektion nismen setzen in unglaublicher Vielfalt selektivper-
zu ersetzen. meable Membranen ein, Membranen also, die z. B.
Die geringe Diffusionsgeschwindigkeit in Flüs- Wassermoleküle hindurch lassen, gelöste Zucker-
sigkeiten hat erhebliche Konsequenzen für die Kons- moleküle aber nicht (man spricht auch von „semi-
truktion von Mensch und Tier. Die von Muskeln und permeablen“ Membranen; dieser Name ist nicht
Organen benötigten Nährstoffe können zwar vom unbedingt glücklich gewählt worden, denn „semi-
Blutkreislauf durch Konvektion „vor Ort“ angelie- permeabel“ bedeutet in wörtlicher Übersetzung
fert werden, das letzte Stückchen des Weges müssen „halbdurchlässig“). Im einfachsten Fall darf man
sie aber durch Diffusion zurücklegen. Dieses Stück- sich eine solche Membran als ein Sieb mit mole-
chen soll nach Möglichkeit klein sein und die Quer- külfeinen Poren vorstellen (. Abb. 5.14): Die gelös-
schnittsfläche des Diffusionsstromes nach Möglich- ten Moleküle sind einfach zu dick, um hindurch zu
keit groß. Darum ist das System der Blutgefäße so kommen. Spezialisierte Membranen entwickeln
unglaublich fein verästelt, darum sind die Lungen- allerdings eine Fülle von Fähigkeiten der Selektion,
bläschen so winzig und so zahlreich. die sich so einfach nicht erklären lassen; manche
lebenden Membranen können sogar nicht nur sor-
tieren, sondern auch aktiv pumpen, also von sich aus
Rechenbeispiel 5.11: Hechelndes Insekt? einen Konzentrationsunterschied auf ihren beiden
Aufgabe: Ein Insekt atmet nicht, der Sauerstoff Seiten aufbauen.
diffundiert hinein.
Sauerstoff diffundiert von der Oberfläche
eines Insekts durch kleine Röhren, die man K
Tracheen nennt. Diese seien 2 mm lang und
hätten eine innere Oberfläche von 2 ⋅ 10−9 m².
Angenommen, die Sauerstoffkonzentration im
Insekt ist halb so groß wie in der Luft, welcher
Sauerstofffluss geht durch die Trachea? Die
Sauerstoffkonzentration in der Luft ist etwa 8,7
mol/m³ und die Diffusionskonstante D = 10−5
m²/s.
Lösung: Der Sauerstofffluss ist
∆c 4, 35 mol/m3
I = A⋅ D ⋅ = 2 ⋅10−9 m 2 ⋅ D ⋅
∆x 0, 002 m
= 4, 36 ⋅10−11 mol/s.
Bei einer Lungeninnenfläche von ca.
70 m² kommt der Mensch „nur“ auf einen
Sauerstofffluss von etwa 3∙10−4 mol/s.
. Abb. 5.14  Osmose. Einfache Modellvorstellung
zur Entstehung des osmotischen Druckes. Die feinen
Poren der Membran lassen nur die kleinen Moleküle des
5.3.5 Osmose Lösungsmittels hindurch, nicht aber die dicken der gelösten
Substanz. Demnach kann nur das Lösungsmittel seinem
Konzentrationsgefälle folgen und in die Lösung diffundieren
Der Teilchenstrom aufgrund von Diffusion kann und zwar grundsätzlich so lange, bis der dort entstehende
zu einem Überdruck dort führen, wo er hin fließt. Überdruck ( Δh) einen Rückstrom durch die Membran
Dies geschieht dann, wenn ein entsprechender auslöst, der den Diffusionsstrom kompensiert
166 Kapitel 5 · Wärmelehre

Merke sich höchstens die Differenz der beiden osmotischen


Drücke ausbilden.
Osmose: Diffusion durch eine selektiv-
permeable, für verschiedene Moleküle Merke
unterschiedlich durchlässige Membran.
van´t-Hoff-Gleichung für den osmotischen
Druck:
Notwendigerweise ist die Anzahldichte der H2O- n
posm = R ⋅ T
Moleküle in einer Zuckerlösung geringer als in des- V
tilliertem Wasser. Sind beide Flüssigkeiten durch
5 eine nur für Wasser durchlässige selektiv-­permeable
Formal stimmt die van´t-Hoff-Gleichung mit dem Gasgesetz
Membran getrennt, so diffundiert Wasser durch die überein (s. 7 Abschn. 5.2.1). Dies kann zu der falschen Deu-
Membran hindurch in die Lösung, versucht also, tung verleiten, nur die gelösten Moleküle trommelten auf die
diese zu verdünnen. Dadurch erhöht sich dort der für sie undurchdringliche Membran wie Gasmoleküle auf die
Druck, und zwar grundsätzlich bis zu einem Grenz- Gefäßwand, während die Moleküle des Lösungsmittels quasi
frei durch die Membran hindurchschlüpften. Warum sollte
wert, der osmotischer Druck genannt wird.
dann aber das Lösungsmittel in die Lösung einzudringen und
sie zu verdünnen suchen? Das Bild ist falsch.

Merke
Lösungsmittel können Fremdmoleküle beträcht-
lich dichter packen als Gase unter Normalbedin-
Osmotischer Druck: durch Osmose über einer gungen; osmotische Drücke sind entsprechend
selektiv-permeablen Membran mögliche hoch. Lebende Organismen müssen ihrer selek-
(potentielle) Druckdifferenz. tiv-permeablen Membranen wegen auf die Dichten
der osmotisch wirksamen Teilchen in ihren ver-
schiedenen Gefäßen achten und der Arzt zuwei-
len auch. Wollte man einem Unfallpatienten, weil
Es kann lange dauern, bis sich dieser Grenzwert posm gerade nichts Besseres zur Hand ist, seinen Blut-
wirklich einstellt; zudem platzt die Membran nicht verlust durch Leitungswasser ersetzen, so brächte
selten vorher. Insofern kann man posm als „poten- man ihn auf der Stelle um: Die roten Blutkörper-
tiellen“ Druck bezeichnen, der oft gar nicht erreicht chen sind die Zusammensetzung des Blutplasmas
wird. Trotzdem lohnt es sich, nach einer Formel zu gewohnt, ihr eigener Inhalt hat die entsprechende
suchen, die ihn auszurechnen erlaubt. Dabei zeigt Konzentration. Kommen sie in reines Wasser, so
sich überraschenderweise, dass es letztendlich nur dringt dies durch ihre Oberflächenmembran ein
auf die Stoffmengendichte (Molarität) n/V (oder die und bringt sie zum Platzen. Umgekehrt werden
Anzahldichte N/V) der gelösten Moleküle ankommt, sie von einer zu konzentrierten Lösung ausge-
nicht auf deren Natur und auf die der Moleküle des trocknet. Bei mikroskopisch kleinen Zellen geht
Lösungsmittels auch nicht (nur muss die Membran das schnell. Blutersatzmittel müssen deshalb iso-
beide Sorten voneinander unterscheiden können). tonisch zum Blut sein, d. h. die gleiche Stoffmen-
Aus quantitativer Rechnung, die hier nicht vor- gendichte osmotisch wirksamer Teilchen haben.
geführt werden soll, folgt als gute Näherung die Für den osmotischen Druck ist es allerdings gleich-
van´t-Hoff-Gleichung gültig, welche Moleküle ihn erzeugen, sofern sie
die Membran nur nicht durchdringen können. Die
n
posm = R ⋅T Haut der roten Blutkörperchen vermag z. B. die
V
Ionen des Kochsalzes von Wassermolekülen zu
Sie liefert den potentiellen osmotischen Druck einer unterscheiden. Deshalb kann die berühmte phy-
Lösung gegenüber reinem Lösungsmittel. Stehen sich siologische Kochsalzlösung im Notfall als Blut-
an der Membran zwei Lösungen gegenüber, so kann ersatz dienen
5.4 · Phasenumwandlungen.
167 5
Schnee kann schmelzen (Übergang von fest nach
Rechenbeispiel 5.12: Kochsalzlösung flüssig), Wasser zu Eis erstarren (Übergang von
Aufgabe: Wie groß ist der osmotische flüssig nach fest); Wasser kann verdampfen (Über-
Druck der physiologischen Kochsalzlösung gang von flüssig nach gasförmig) und Wasserdampf
(0,9 Gewichtsprozent NaCl) bei kann kondensieren (Übergang von gasförmig nach
Körpertemperatur? Holen Sie sich die flüssig). Wer gut beobachtet, sieht aber auch, dass
notwendigen Daten für die molare Masse von Schnee an sonnigen Wintertagen verschwindet, ohne
NaCl aus dem Anhang. zu schmelzen: Er sublimiert (Übergang von fest nach
Lösung: Wir wenden die van-t´Hofft-Gleichung gasförmig). Auch der Übergang in Gegenrichtung
n wird Sublimation genannt.
an: posm = ⋅ R ⋅ T .
V Die Alchimisten des Mittelalters waren bitter
R = 8, 31 J/(mol ⋅ K); T = 37°C = 310 K. enttäuscht, als sie bei dem Versuch, viele kleine Dia-
wir brauchen die molare Masse: manten zu einem großen zusammenzuschmelzen,
M(Na) = 23,0 g/mol; M(Cl) = 35,5 g/mol; also wertlose Krümel von Graphit erhielten. Kohlenstoff
M(NaCl) = 58,5 g/mol. kommt ja in diesen beiden Kristallisationsformen vor
Die physiologische Kochsalzlösung (s. 7 Abschn. 3.2.1) und kann grundsätzlich von der
enthält 0,9 Gewichtsprozent NaCl in einen in die andere übergehen (in die des Diamanten
H2O. Da ein Liter Wasser recht genau ein allerdings nur unter extrem hohem Druck). Analoges
Kilogramm Masse hat, bedeutet das 9 g/ gilt für viele andere Substanzen auch. Alle diese einer
Liter Kochsalz. Dann ist die Molarität: Substanz möglichen Erscheinungsformen bezeichnet
n(NaCl)
=
9 g/Liter
= 0,154 mol/Liter .
man in der Thermodynamik als Phasen. Zwischen
V M (NaCl) ihnen gibt es Phasenübergänge; die wichtigsten sind
Es sind aber beide Ionensorten osmotisch die Wechsel der Aggregatzustände.
wirksam, was den Wert für die Osmose Die anziehenden Kräfte zwischen den Molekülen
n(Ionen) reichen nicht weit. In Gasen spielen sie der großen
verdoppelt: = 0, 308 mol/Liter . Damit
V Molekülabstände wegen nur eine untergeordnete
folgt:
Rolle. Wenn sie als gar nicht vorhanden angesehen
posm = 793 J/Liter = 7, 9 ⋅105 J/m3 = 0, 79 MPa . werden dürfen, spricht man vom idealen Gas. Mole-
Das ist achtmal höher als der Luftdruck. küle einer Flüssigkeit spüren dagegen die Kräfte
Spült man sich die Nase mit Leitungswasser, der Kohäsion sehr deutlich und bilden ihretwegen
bekommt man diesen hohen Druck sehr Tropfen. In Festkörpern geben sie den Gitterbaustei-
unangenehm zu spüren. Man nimmt also besser nen sogar feste Plätze vor, um die sie nur ein wenig
eine Salzlösung. Im Körper kompensieren sich schwingen dürfen. Bei der Sublimation werden Mole-
die osmotischen Drücke weitgehend. küle gegen diese Kräfte voneinander getrennt. Das
kostet Energie; sie muss als Sublimationswärme von
außen zugeführt werden. Bei späterer Kondensation
5.4 Phasenumwandlungen. zu Wasser und anschließender Kristallisation zu Eis
wird sie in zwei Schritten wieder frei. Umwandlungs-
5.4.1 Umwandlungswärmen wärmen (auch latente Wärme genannt) treten bei
allen Phasenübergängen in der einen oder anderen
Richtung auf. . ­  Abbildung 5.15 nennt ihre Namen.
H2O kommt in der Natur in allen drei Aggregat-
zuständen vor, als Eis oder Schnee, als Wasser und Merke
als Wasserdampf. Dies weiß jeder. Allenfalls muss
man erwähnen, dass Wasserdampf ein unsicht- Zu Phasenumwandlungen gehören
bares Gas ist. Wolken und Nebel enthalten bereits Umwandlungsenergien (. Abb. 5.15).
flüssiges Wasser, zu kleinen Tröpfchen kondensiert.
168 Kapitel 5 · Wärmelehre

Eine ganz wichtige Anwendung finden diese


Umwandlungswärmen in Kühlschränken und
Klimaanlagen. . Abbildung 5.16 zeigt eine
Modellanordnung.
Ein Arbeitsstoff (in der Regel eine Fluorverbin-
dung) wird durch Änderung seines Drucks laufend
kondensiert und wieder verdampft. Das Verdamp-
fen findet bei niedrigem Druck im Kühlschrank statt
(im Bild linkes Manometer und Rohrwendel), so dass
der Stoff dort Umwandlungswärme aufnimmt und
5 diese Energie im gasförmigen Zustand nach außen
transportiert. Mit einem Kompressor (im Bild unten
links) wird das Gas dann auf hohem Druck gebracht,
wobei es wieder kondensiert und die Umwandlungs-
wärmen in einem Wärmetauscher an die Umgebung
abgibt (rechtes Manometer und Rohrwendel). In
flüssigem Zustand strömt dann der Stoff zurück in
. Abb. 5.15  Die Aggregatzustände und ihre den Kühlschrank. Durch ein Drosselventil (im Bild
Umwandlungswärmen
längliches Teil zwischen den Rohrwendeln) wird der

. Abb. 5.16  Wärmepumpe. Ein Kühlmittel wird vom Kompressor (links) auf hohen Druck gebracht und gibt beim
Kondensieren Wärme ab (rechts). Es strömt dann durch ein feines Loch, verliert Druck und nimmt beim Verdampfen Wärme auf
(links). Links wird es kalt, rechts warm.
5.4 · Phasenumwandlungen.
169 5
Druck der Flüssigkeit dort wieder abgesenkt und der Je tiefer also die Temperatur, umso größer die Ent-
Stoff verdampft erneut. So wird ständig Wärme aus ropieänderung in der Umgebung durch die Zufuhr
dem Kühlschrank heraus gepumpt und innen kann der Umwandlungswärme. Bei einer ganz bestimmten
sich eine niedrige Temperatur halten. Temperatur, eben 0 °C, ist beim Erstarren die Entro-
pieerhöhung in der Umgebung gerade genauso groß
wie die Entropieabsenkung im Wasser. Unter 0 °C
5.4.2 Schmelzen oder Aufweichen? erstarrt Wasser, denn dann wird dadurch insgesamt
die Entropie erhöht. Über 0 °C bleibt Wasser flüssig,
Ein Glasbläser sitzt neben einem etwa 1100 °C heißen denn ein Erstarren würde die Entropie insgesamt
Ofen. In dem Ofen befindet sich ein Behälter mit absenken und das erlaubt die zweite Hauptsatz der
orange glühendem zähflüssigem Glas. Mit einem Thermodynamik nicht. Deswegen ist für Wasser 0 °C
Rohr-Ende nimmt der Glasbläser einen dicken eine ganz besondere Temperatur, bei der eine Pha-
Tropfen Glas und kann nun durch Blasen in das Rohr senumwandlung stattfindet.
zum Beispiel eine Flasche formen. Das geht, weil Na gut, und warum wird das Glas dann langsam
das Glas beim Kälterwerden langsam immer fester fest? Die Moleküle im Glas bleiben auch beim Erstar-
wird, bis es bei knapp 800 °C seine endgültige Form ren ungeordnet. Glas ist ein so genanntes amorphes
erreicht. Mit Wasser ginge das nicht. Wasser bleibt bis Material. Glas besteht im Wesentlichen aus Sili-
0 °C dünnflüssig und erstarrt dann schlagartig zu Eis. ziumoxid SO2. Diese Moleküle wollen eigentlich
Eigentlich leuchtet das Verhalten des Glases mehr auch einen Kristall bilden, einen Quarzkristall. Die
ein: mit sinkender Temperatur nimmt die thermi- Bildung eines Quarzkristalls ist aber ein sehr lang-
sche Bewegung kontinuierlich ab und die anziehen- samer Prozess. Das Abkühlen beim Glasbläser geht
den Kräfte zwischen den Molekülen können diese zu schnell. Deswegen bleiben dort die Siliziumoxid
immer fester aneinander binden. Warum erstarrt – Moleküle auch beim Erstarren in einem ungeord-
Wasser so plötzlich? neten Zustand. Im thermodynamischen Gleichge-
Das hat etwas mit der Entropie zu tun. Wie wir wicht wäre Siliziumoxid bei Zimmertemperatur
in 7 Abschn. 5.1.5 gelernt haben, ist die Entropie ein einen Kristall. Glas ist also nicht im thermodynami-
Maß für die Wahrscheinlichkeit des Zustandes eines schen Gleichgewicht sondern in eine