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Magisterarbeit

zur Erlangung des akademischen Grades Magister Artium (M.A.)

an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Institut für Politische Wissenschaft

Corporate Social Responsibility und Social Entrepreneurship als Lösungsansätze der Problematik struktureller Arbeitslosigkeit in Deutschland

Betreuer:

Prof. Dr. Uwe Wagschal

Zweitgutachter:

Prof. Dr. Manfred Schmidt

vorgelegt von:

Peter Baumgärtner Ilse-Krall-Str. 49 69124 Heidelberg Matrikel: 2357483 Heidelberg, 02.04.2009

Corporate Social Responsibility und Social Entrepreneurship als Lösungsansätze der Problematik struktureller Arbeitslosigkeit in Deutschland

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

4

Abbildungsverzeichnis

4

 

1. Einleitung

5

2. Strukturelle Arbeitslosigkeit in Deutschland – Definition und Status Quo

7

2.1. Qualitative Definition

7

2.2. Quantitative Definition

13

2.3. Teilerfolge

16

2.4. Strukturelle Probleme

17

 

2.5. Fazit

22

3. Soziale Arbeit und Soziale Wirtschaft – Eine Systematik verschiedener Lösungsansätze

23

3.1. Soziale Arbeit

23

3.2. Soziale Wirtschaft

28

3.2.1. Gemeinwesenökonomie

29

3.2.2. Social Entrepreneurship

33

3.2.3. Social Business

40

3.2.4. Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility

41

3.3.

Fazit

49

4. Empirische Lösungsansätze :Corporate Social Responsibility

49

4.1.

Fallstudien

53

4.1.1. Breer Gebäudedienste GmbH

53

4.1.2. E.ON AG

57

4.1.3. Randstad Deutschland

60

4.1.4.START Zeitarbeit NRW GmbH

65

 

4.1.5.

TRIGEMA GmbH & Co. KG

69

4.2.

Theoretische Würdigung

72

4.2.1. Interessenstrukturen von Unternehmen

72

4.2.2. Kommunikation von Unternehmen

73

4.2.3. Innovationskompetenz von Unternehmen

74

2

4.2.4.Fazit

75

!

5. Empirische Lösungsansätze: Social Entrepreneurship

77

5.1.

Fallstudien

78

5.1.1. ArbeiterKind.de

79

5.1.2. BiSS - Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V

83

5.1.3. Job Factory Basel AG

87

5.1.4. Stattauto München

91

5.2.

Theoretische Würdigung

94

5.21.

Kleinteilige Lösungen und Skalierung

95

5.2.2

Kommunikation

95

5.2.3.

Innovation: Veränderung sozialer Muster

96

5.2.4.

Fazit

98

6. Schlussfolgerungen

99

6.1. Arbeitsteilung

101

6.2. Kommunikation

103

6.3. Politische Strategien

106

7. Anhang

110

Abbildungen 1-9

110

Anhang 1: Frageleitfaden CSR

117

Anhang 2: Frageleitfaden Social Entrepreneurship

119

8. Bibliographie

120

3

Abkürzungsverzeichnis

AAMP

Aktive Arbeitsmarktpolitik

Abb.

Abbildung

ALG

Arbeitslosengeld

ARGE(n)

Arbeitsgemeinschaft(en) von Arbeitsamt und Sozialamt

BfA

Bundesagentur für Arbeit

BMAS

Bundesministerium für Arbeit und Soziales

CC

Corporate Citizenship

CR

Corporate Responsibility

CSR

Corporate Social Responsibility

EU

Europäische Union

NAIRU

Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment

OECD

Organisation for Economic Cooperation and Developement

PR

Public Relations

s.u.

Siehe unten

SE(s)

Social Entrepreneur(s)

SEP(s)

Social Enterprise(s)

SES

Social Entrepreneurship

SGB

Sozialgesetzbuch

IAB

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Langzeit- und Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland

110

Abb. 2.: Langzeitarbeitslosigkeit absolut

111

Abb.: 3: Anteil Langzeit- an Gesamtarbeitslosigkeit (in %)

111

Abb. 4: Anteil Langzeit- an Gesamtarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich

112

Abb. 5.: Jugendarbeitslosigkeit 1991 – 2005

113

Abb. 7: Typologie Ansätze Soziale Wirtschaft

114

Abb.: 8: „Opportunity Creation Process“ von Social Entrepreneurship

115

Abb.: 9: Corporate Citizenship und Corporate Responsibilities

116

4

1. Einleitung

Eines der Hauptprobleme der deutschen Arbeitsmarkts- und Beschäftigungspolitik ist ein rigider Sockel struktureller Arbeitslosigkeit, der sich trotz erheblichen fiskalischen und organisatorischen Aufwands kaum aufheben zu lassen scheint. Er entsteht vor dem Hintergrund der äußerst dynamischen Technologisierung und Internationalisierung der deutschen Wirtschaft, die nationale politische Anpassungsreaktionen der Arbeitsmarkt- Wirtschafts- und Bildungspolitik weit hinter sich lässt. Der Produktionsfaktor Wissen wird am deutschen Arbeitsmarkt immer wichtiger als Arbeitskraft im traditionellen Sinn. Momentan kann daher noch nicht gewährleistet werden, dass alle in Deutschland lebenden Menschen an einer solchen Wissensgesellschaft partizipieren können. Durch Wegfallen und Verlagerung von industriellen Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Erhöhung der Anforderungen an das Bildungsniveau von Arbeitnehmern im Dienstleistungsbereich finden mehr und mehr gering qualifizierte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Beschäftigung. Staatliche Sozialpolitik steuert sie – um soziale Exklusion zu vermeiden - in Bereiche des staatlich geförderten zweiten Arbeitsmarkts oder versucht ihnen unter Zuhilfenahme eines aufwändigen Instrumentariums aktiver Arbeitsmarktpolitik bessere Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu verschaffen. Wie wir schon heute erkennen können, ergibt sich hieraus eine Segmentierung des Arbeitsmarktes, die immer stärker auch die Bedrohung einer Parallelität von Arbeits- und Lebenswelten darstellt. Hartz-IV-Empfänger und eine internationalisierte wissensbasierte Wirtschaft werden so zu Antagonisten, in deren Auseinandersetzung sich die Politik immer mehr um Ausgleich bemühen muss. Doch ist es sinnvoll, im Bereich der strukturellen Arbeitslosigkeit vor allem auf sozialstaaliche Problemlösungsmechanismen zu setzen? Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass es sich um Probleme auf einem Arbeitsmarkt handelt, auf dem – bei allen Möglichkeiten der Regelsetzung durch die Politik – doch die Logik des Marktes herrscht. Systemische Inkompatibilitäten (wie beispielsweise Bildungsmaßnahmen für Arbeitslose, die diesen auf dem Arbeitsmarkt keine besseren Chancen verschaffen) sind voraussehbar und werden auch immer wieder kritisiert. Im Folgenden soll das Phänomen strukturelle Arbeitslosigkeit qualitativ (2.1.) und quantitativ (2.2.) und für Deutschland skizziert werden. Erklärungen für die Probleme bei der Bearbeitung von struktureller Arbeitslosigkeit werden hierbei in ausgewählten systemischen Problemen identifiziert. Für den Status Quo der Bearbeitung dieser werden Teilerfolge (2.3.) und weiter

5

bestehende strukturelle Probleme (2.4.) aus den Bereichen „Struktur des deutschen Arbeitsmarktes“ und „Bildung“ dargestellt. Aus dem Bezug auf strukturelle Faktoren im Bereich der Funktionslogiken gesellschaftlicher Sektoren speist sich eine methodologische Verordnung verschiedener Ansätze sozialer Problembewältigung (3.) Sie stellt hierzu Ansätze staatlicher Sozialer Arbeit (3.1.) und Ansätze Sozialer Wirtschaft (3.2.) gegenüber. Die Arbeit zeigt hierfür die Entstehungsgeschichte und Entwicklungstendenzen der Ansätze Gemeinwesenökonomie (3.2.1.), Social Entrepreneurship (3.2.2.), Social Business (3.2.3.) und Corporate Citizenship/ Corporate Social Responsibility (3.2.4.) auf und verordnet diese anhand theoretischer und pragmatischer Parameter. Die theoretischen Erwartungen an zwei dieser Ansätze - Corporate Social Responsibility und Social Entrepreneurship - werden dann durch empirische Fallstudien abgeprüft. Hierbei werden 5 Unternehmen mit CSR-Aktivitäten in für die Problematik struktureller Arbeitslosigkeit interessanten Bereichen als interviewbasierte Fallstudien (4.1.) präsentiert. Die hier gewonnen Ergebnisse werden den theoretischen Schwerpunkten der Ansätze gegenübergestellt und auf mögliche Probleme überprüft(4.2.). Dieses Verfahren wird im Anschluss auf Ansätze aus dem Bereich Social Entrepreneurship angewendet. Hierfür werden 4 Unternehmungen mit arbeitsmarktrelevanten Zielsetzungen wiederum als Fallstudien präsentiert (5.1.). Auch hier erfolgt ein theoretisch-empirischer Abgleich einschließlich einer Verordnung von Chancen und Risiken dieser Ansätze im Bezug auf strukturelle Arbeitslosigkeit (5.2.). Der Schluss der Arbeit (6.) zeigt politische Möglichkeiten auf, wie die in den Fallstudien betrachteten Ansätze in größerem Umfang in die Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit eingebracht werden können.

6

2. Strukturelle Arbeitslosigkeit in Deutschland – Definition und Status Quo

Strukturelle Arbeitslosigkeit ist weiterhin eines der zentralen Probleme des deutschen Arbeitsmarktes, da ihr Fortbestehen in eine immer tiefer gehende strukturell feste Segmentierung des Arbeitsmarktes führt. In politischen Diskursen tritt das Phänomen jedoch immer weiter hinter Überlegungen zum Problem der ‚Langzeitarbeitslosigkeit’ zurück. Dies hat pragmatische Gründe, die auch im Folgenden berücksichtigt werden müssen. Gleichsam entsteht hieraus jedoch auch eine gefährliche Verkürzung und Veränderung der Diskussion des Problems. Auf Basis einer qualitativen (2.1.) und quantitativen Definition (2.2.) soll im Folgenden die Problematik der strukturellen Arbeitslosigkeit sowie Aspekte des Status Quo der Bearbeitung im Hinblick auf Teilerfolge (2.3.) und weiterhin bestehender strukturelle Probleme (2.4.) verordnet werden.

2.1. Qualitative Definition

Strukturelle Arbeitslosigkeit, auch als Sockelarbeitslosigkeit oder Bodensatzarbeitslosigkeit bezeichnet, konzeptualisiert Arbeitslosigkeit, welche auch nach einer hypothetischen vollkommenen Erholung der Konjunktur weiter bestehen würde. 1 Das Konzept bezieht sich somit auf strukturelle Probleme des deutschen Arbeitsmarktes, wie beispielsweise geringe Arbeitsmarktflexibilität, die eine Schaffung neuer Arbeitsplätze in Deutschland zu gering ausfallen lassen, als dass ein fester Sockel von Arbeitslosigkeit (ältere Schätzungen nennen bis zu 85% der Gesamtarbeitslosigkeit 2 ) aufgebrochen werden könnte. Im Jahr 2008 konnte die Sockelarbeitslosigkeit – vor dem Hintergrund des äußerst üppig ausgefallenen konjunkturellen Aufschwungs erstmals wieder gesenkt werden 3 . Diese positive Entwicklung wird sich im nächsten Jahr aufgrund der Wirtschaftskrise sicher nicht weiter fortsetzen. Da strukturelle Arbeitslosigkeit nicht in absoluten Zahlen quantifizierbar (sondern nur durch den Indikator der NAIRU intranational vergleichbar, s.u.) ist, müssen auch in der folgenden quantitativen Beschreibung statistische Erhebungen der Langzeitarbeitslosigkeit im Vordergrund stehen.

1 OECD 2002a

2 Fehn 2002

3 Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie 2008, S. 11.

7

Letztere wird in Deutschland durch §18 des Dritten Sozialgesetzbuches definiert:

„Langzeitarbeitslose sind Arbeitslose, die ein Jahr und länger arbeitslos sind“. 4 Dies ist die international verwendete Definition, nach der auch OECD 5 , EuroStat 6 und ILO 7 ihre Erfassungen vornehmen und organisieren. Gleichzeitig sind Langzeitarbeitslose definiert als Personen, die nicht dem Rechtskreis der Leistungsbezieher von Leistungen nach SGB II angehören 8 . Es handelt sich somit um arbeitsfähige und –suchende Menschen, die aufgrund verschiedener unten zu eruierender Faktoren keine Arbeit bekommen können. Die durch zeitliche Verweildauer verstärkte Beständigkeit von Sockelarbeitslosigkeit lässt sich durch die Entwertung von Humankaptial 9 über längere Zeiträume hinweg erklären. Der hieraus entstehende Mechanismus einer zyklisch zunehmenden Wahrscheinlichkeit des

Verweilens in Langzeitarbeitslosigkeit 10 und die stetig zunehmende Gefahr, dass Langzeitarbeitslosigkeit sich zu Sockelarbeitslosigkeit konsolidiert stellen die Begründung des politischen Handlungsbedarfs bei diesem Problem dar. Die hier in den Vordergrund gerückte auf dem zeitlichen Verfall von Humankapital basierende Definition weißt auf die akteursimmanenten Faktoren hin, die für diesen Bereich der Arbeitslosigkeit verantwortlich sind. Neben systemischen Variablen wie wirtschaftlichen Unzulänglichkeiten (dem fehlenden Bedarf an Arbeitskräften durch Technologisierung) sowie politisch und wirtschaftssystemischen Problemen (z.B. Rigiditäten im Arbeitsrecht, geringer Arbeitsmarktflexibilität und hohem Kündigungsschutzniveau) sind es somit oft gerade Anpassungsprobleme der betroffenen Arbeitnehmer, welche diese von der Nachfrage des Arbeitsmarkts ausnehmen. Strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht durch Probleme in den Bereichen:

- Fehlender soziale Kompetenzen

- Nicht (mehr) arbeitsmarktadäquate Bildung und Ausbildung sowie

- Gesundheitliche Probleme der Betroffenen wie chronische Krankheiten, Suchtprobleme usw. Mängel bei der Bearbeitung dieser Probleme werden immer wieder als großes Defizit der staatlichen Bekämpfung von struktureller Arbeitslosigkeit genannt. Obwohl sich hierbei schon

4 SGB III, §18.

5 OECD 2002b

6 Eurostat 2007

7 Siehe „Long term unemployment“ in: ILO 2007

8 Sachverständigenrat 2007, S. 336; Sachverständigenrat 2008, S. 279; Bundesagentur für Arbeit 2009

9 Siehe hierzu: Gangl 2005. 10 Gangl 2005.

8

jetzt deutliche Verbesserungen eingestellt haben (2.2.1.), bleibt ein Mangel an gezielter Förderung einzelner Betroffener ein zentrales Problem. Die Entwicklung standardisierter Verfahren ist – vor dem Hintergrund der Anzahl der Betroffenen - sicher unumgänglich. Aufgrund der stark unterschiedlichen Gründe von Sockelarbeitslosigkeit ergibt sich die sehr technische Verwaltung von Personengruppen in verschiedenen Rechtskreisen mit gesetzlich definierten arbeitsmarktpolitischen Mitteln und Maßnahmen. Diese wird verstärkt zum Problem für Beschäftigungspolitik, da sie als gesichtsloses System ohne Rücksichtnahme auf individuelle Probleme und Bedürfnisse aufgefasst wird. Die sich aus dem Verfügen über Erwerbsarbeit ergebenden gesellschaftlichen Cleavages zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ 11 werden zudem immer mehr zur Zerreißprobe gesellschaftlichen Zusammenhalts. Diese Arbeit nimmt an, dass die Integration in Erwerbsarbeit – möglichst nahe am 1. Arbeitsmarkt – das übergeordnete Ziel von Beschäftigungspolitik sein sollte. Sozialstaatliche Maßnahmen der Beschäftigung in ‚Maßnahmen’ sowie Transferleistungen – mit oder ohne Gegenleistung - sollten dann genutzt werden, wenn erstere Formen von Arbeit für die Betroffenen Arbeitnehmer auszuschließen sind. Diese These ist nicht unproblematisch, da sie postuliert, dass die Erreichung des Lebensunterhalts durch Erwerbsarbeit weiterhin die Norm ist und sein sollte. Dass diese Annahme auch in breiten Bereichen der Politik und der Gesellschaft zustimmungsfähig zu sein scheint, kann nicht über eine einsetzende Hinterfragung dieser These 12 und Überlegungen zu arbeitsmarktentfernten Lösungen des Problems der Sockelarbeitslosigkeit (im Sinne einer Akzeptanz ihrer Nichtauflösbarkeit), wie beispielsweise Modelle bedingungsloser Grundeinkommen 13 , hinwegtäuschen. Eine wirkliche Problematisierung dieses Verständnisses muss jedoch vor dem Hintergrund einer bisher zumindest nicht in der Breite erfolgten philosophischen Neuausrichtung des Arbeitsverständnisses geschehen. Die weiter unten vorgestellten Ansätze sozialen Wirtschaftens (3.2.) können hierzu zwar in Teilen Beiträge leisten. Jedoch ergibt sich aus ihnen – zumindest im mittelfristigen Zeitrahmen - keine Transformation sondern vielmehr eine Adaption des kapitalistischen Arbeitsverständnisses auf die neuen Anforderungen. Die quantitative Betrachtung struktureller Arbeitslosigkeit gestaltet sich - wie die statistische Erfassung des deutschen Arbeitsmarktes allgemein - sehr schwierig. Beispielhaft zeigte sich

11 Siehe hierzu Thode und Eichhorst 2003

12 Sie hierzu Werner 2006, S, 26, dagegen argumentierend: Kauder 2001.

13 Siehe hierzu bspw. Gorz 1994

9

dies im 2002 vorgefallenen – und die Hartz-Reformen motivierenden - Statistik-Skandal 14 bei der damaligen Bundesanstalt für Arbeit. Obwohl im Zuge einer hierauf folgenden Komplettneuausrichtung deutscher Arbeitsmarktpolitik deutliche Klärungen stattfanden, lassen sich auch im aktuellen Gesetzestext weiterhin erhebliche Potentiale für „Verschiebebahnh[öfe]“ 15 , die vielmehr eine Redefinition als eine wirkliche Bearbeitung struktureller Arbeitslosigkeit darstellen, entdecken:

„(2) Für Leistungen der aktiven Arbeitsförderung, die Langzeitarbeitslosigkeit voraussetzen, bleiben folgende Unterbrechungen der Arbeitslosigkeit innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren unberücksichtigt:1. Zeiten einer aktiven Arbeitsförderung, 2. Zeiten einer Krankheit oder eines Beschäftigungsverbots nach dem Mutterschutzgesetz, 3. Zeiten der Betreuung und Erziehung aufsichtsbedürftiger Kinder oder der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger, 4. Beschäftigungen oder selbständige Tätigkeiten bis zu einer Dauer von insgesamt sechs Monaten, 5. Zeiten, in denen eine Beschäftigung rechtlich nicht möglich war, und 6. kurze Unterbrechungen der Arbeitslosigkeit ohne Nachweis.“ 16 Der Status der Langzeitsarbeitslosigkeit wird durch diese Tatbestände von dem jeweiligen Betroffenen temporär verlassen. Gleichsam ist zu erwarten, dass sie oder er, wenn keine Eingliederung in den 1. Arbeitsmarkt erfolgt – weiterhin stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen und damit immer mehr von struktureller Arbeitslosigkeit gefährdet ist. Wenn nun als politisches Ziel die Senkung der Langzeitarbeitslosigkeit gesetzt wird 17 , so liegt es für die für Vermittlung von Arbeitslosen und die Erstellung der Statistik Zuständigen recht nahe, die Erfüllung der obigen Tatbestände zu überprüfen, bzw. zum Eintreten zu bringen. Die sprunghafte Zunahme der Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik (AAMP) zwischen 2003 und 2005 (s. 2.1.2.) war eine klare Folge der politischen Bestrebung, die Zahlen bei Langzeitarbeitslosen zu drücken. Schon vor der Evaluierung der Hartz-Reformen in den darauf folgenden Jahren kam es – nicht nur in wirtschaftsliberalen Kreisen - zu einer starken Diskreditierung weiter Teile des diesbezüglichen Instrumentariums, was die Faktoren Kosten, Wirksamkeit, Bürokratie und Flexibilität betraf 18 . Diese Probleme versuchte die

14 Beutler et. al. 2002; Spiegel Online 11.02.2002; Bertelsmann-Stiftung 2003, S. 49.

15 Sachverständigenrat 2007, Seite 214.

16 SGB III, §18.

17 Siehe hierzu SGB III, §6.

18 Siehe Caliendo und Steiner 2005, S. 33.

10

Bundesregierung durch das am 01.01.2009 in Kraft getretene Gesetz zur Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente 19 zu beheben. 20 An der – statistisch sinnvollen – flexiblen Definition von Langzeitarbeitslosigkeit und den damit verbundenen, für Laien kaum überschaubaren Rechtsnormen setzt weiterhin viel Kritik an der Bundesagentur für Arbeit und deutsche Arbeitslosenstatistiken insgesamt an. Arbeitsbeschaffungs-, Eingliederungs- und Jobqualifikationsmaßnahmen werden oft als politisches Korrektiv für eine (aus systemisch-inhärenten Gründen entstehende) schlechte Bilanz der Beschäftigungspolitik wahrgenommen. Dass dieser Eindruck nicht gänzlich falsch ist, scheint durch das drastische Herunterfahren von AAMP nach den oben genannten Evaluationen bestätigt zu werden. 21 . Gerade die fachlichen Schwierigkeiten statistischer Datenerhebung und wissenschaftlicher Grundsatzfragen stellen jedoch weiterhin ein erhebliches Potential für Dateninterpretationen in verschiedenste Richtungen und den Gebrauch von Daten als Legitimierungswerkzeug dar. Indikatoren zum Arbeitsmarkt sind in hohem Maße abhängig von politischen Entscheidungen und sich hieraus ergebenden Entwicklungen. So kann mit dem Jahresgutachten des Sachverständigenrates für die Langzeitarbeitslosenquote (der Anteil Langzeitarbeitsloser an zivilen Erwerbspersonen) ein deutlicher Rückgang zwischen 2006 und 2008 konstatiert werden 22 . Dabei muss jedoch beachtet werden:

„Im Zuge der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe und der Einführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende im Jahr 2005 wurde das Ausmaß der versteckten Arbeitslosigkeit im System der Sozialhilfe offen gelegt. Infolgedessen sind die Langzeitarbeitslosenquoten vor der Hartz IV-Reform nur eingeschränkt mit denen danach vergleichbar. Für eine Analyse des gesamten Ausmaßes der Langzeitarbeitslosigkeit und deren Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg wurde von der Bundesagentur für Arbeit ab dem Jahr 2005 die Langzeitarbeitslosigkeit im Rechtskreis des SGB II geschätzt, da nach Dauer differenzierte Angaben von den zugelassenen kommunalen Trägern der Bundesagentur noch nicht vorliegen. Daher weichen die hier verwendeten Ergebnisse zur Langzeitarbeitslosigkeit von den veröffentlichten Angaben in der monatlichen

19 Deutscher Bundestag 21.12.2008

20 Siehe bspw. BDA 2008 für kritische Positionen hierzu.

21 Sachverständigenrat 2008, S. 280, Tabelle 26.

22 Sachverständigenrat 2008, S. 267; ILO 2007 (eigene Berechnung, s. 7 Anhang, S. )

11

Berichterstattung der Bundesagentur für Arbeit ab, die ausschließlich auf Auswertungen aus den IT-Fachverfahren beruhen.“ 23 Die nicht unerhebliche Problematik verschiedener Brüche in der Statistik (gerade im Zusammenhang der Wiedervereinigung und der Reorganisation der Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch die Hartz-Reformen), weist auch ein politisches Problem aus. Die durchaus lobenswerte wissenschaftliche Ausrichtung von Arbeitsmarktpolitik, die sich beispielsweise in der Begleitung und Evaluation der der Hartz-Reformen zeigte, wird im politischen Alltagsleben nicht selten dazu benutzt, individuelle politische Forderungen und Interessen mit dem entsprechenden Datenmaterial zu belegen. Ein weiteres Problem der wissenschaftlichen Beurteilung von Sockelarbeitslosigkeit findet sich in den benutzten Indikatoren. Der klassische Indikator für strukturelle Arbeitslosigkeit ist die so genannte Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment (NAIRU) 24 . Das aus der Phillips-Kurve abgeleitete Konzept lässt sich auf Deutsch als ‚inflationsstabile Arbeitslosigkeit’ beschreiben und wird beispielsweise auch im Jahresgutachten des Sachverständigenrats verwendet:

“Die inflationsstabile Arbeitslosenquote steht für diejenige Arbeitslosenquote, bei der vom Arbeitsmarkt kein zusätzlicher Lohndruck ausgeht und die Inflationsrate einer Volkswirtschaft insofern konstant bleibt.” 25 Gleichsam ist der Indikator nicht Teil der European Employment Strategy 26 , woraus sich nicht unerhebliche Probleme ergeben. Robert Salais spricht von einer „Dekonstruktion“ von Arbeitslosigkeit, die in der Tatsache begründet liegt, dass bei der statistischen Messung eine implizite normative Bewertung von Arbeitslosigkeit erfolgt. Diese macht die betroffenen Arbeitslosen zum alleinigen Ansatzpunkt der Analyse. Eine Strategie des „making unemployment illegitimate“ 27 hätte dabei die Hinterfragung der Probleme der Struktur in Richtung einer ausschließlichen Suche der Probleme bei den Akteuren ersetzt. Diese statistische Modellierung politisch-normativer Inhalte findet, wie wir weiter unten (3.1.) sehen werden, auch deutlichen Ausdruck in der Qualität sozialstaatlichen Handelns zur Bearbeitung struktureller Arbeitslosigkeit.

23 Sachverständigenrat 2008, S. 279.

24 Pichelmann und Schuh 1997, Turner et. al. 2001, Anwendungsbeispiele und –probleme siehe Sacheverständigenrat 2008, S. 284 sowie Hein 2003.

25 Sachverständigenrat 2008, S. 284, 285.

26 Salais 2008, S. 388.

27 Salais 2008, S. 378

12

2.2. Quantitative Definition

Der oben zur Schau gestellten Skepsis gegenüber Statistiken zum Trotze will diese Arbeit das Thema Sockelarbeitslosigkeit (in Form von Langzeitarbeitslosigkeit) kurz quantitativ umreißen. Hierbei greift sie auf Zahlen von OECD, ILO, und Bundesagentur für Arbeit, sowie Publikationen verschiedener Wirtschaftsforschungsinstitute und des Sachverständigenrats zurück. Seit der Bereinigung der Arbeitsmarktstatistik im Jahr 2005 ließ sich bei der Langzeitarbeitslosigkeit – wie auch der Arbeitslosigkeit insgesamt – ein deutlicher Rückgang in absoluten Zahlen 28 . und im Verhältnis zu den Erwerbspersonen 29 beobachten. So konnte die Zahl von ca. 2,468 Millionen Langzeitarbeitslosen im Jahr 2005 auf 1,994 Millionen im Jahre 2007 um fast eine halbe Million gesenkt werden 30 . Diese Entwicklung wird neben einem ‚Greifen’ der arbeitsmarktpolitischen Reformen 31 vor allem dem positiven Wirtschaftsklima der letzten Jahre zugerechnet. Dass hier aufgrund der sich nunmehr in alle Bereiche der Wirtschaft übertragende Finanzkrise in Zukunft eine deutliche Trendwende eintreten wird, ist – trotz erheblicher staatlicher Investitionen und Hilfestellungen für die Wirtschaft – absehbar. Schon zum Ende des Jahres 2008 kam es so zu einer deutlichen Trendumkehr der sich seit 2006 positiv entwickelnden Erwerbstätigkeit 32 , die sich bis auf weiteres fortsetzen wird. Aus Sicht einer nachhaltigen Lösung des Problems der Sockelarbeitslosigkeit haben von Politikern immer wieder gerne benutzte absolute Zahlen jedoch nur geringe Aussagekraft. Spannend – gerade vor dem Hintergrund wie der Fragestellung der Sozialen Exklusion 33 und der Problematik Zunahme von Sockelarbeitslosigkeit durch die zeitliche Länge von Arbeitslosigkeit – sind jedoch vor allem relative Zusammenhänge wie das Verhältnis der Langzeit- zu Gesamtarbeitslosigkeit, sowie die Entwicklung der durchschnittlichen Dauer von Arbeitslosigkeit.

Langzeitarbeitslosigkeit anteilig an Gesamtarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich

28 Siehe Abb. 1: „Langzeit- und Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland“, S. A1; Abb. 2. „Langzeitarbeitslosigkeit absolut“, Seite A2.

29 Sachverständigenrat 2008, S. 278.

30 Siehe Abb. 1: „Langzeit- und Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland“, S. A1

31 BMAS 07.04.2008

32 Sachverständigenrat 2008, S. 268.

33 Siehe hierzu: Castellucci 2008

13

Im Verhältnis der Langzeit- zur Gesamtarbeitslosigkeit scheint sich eine deutliche Entwicklung der Zunahme von Langzeitarbeitslosigkeit im Verhältnis abzuzeichnen. Trotz günstiger Wirtschaftsentwicklung ist laut ILO-Daten 34 seit 1991 ein deutlicher Anstieg von 31,55% auf über 57% im Jahr 2006 zu verzeichnen, wobei es 2007 einen leichten Rückgang um 1% auf 56,63% gab 35 . Diese Daten erscheinen jedoch – wahrscheinlich aufgrund einer ungenügenden Einbeziehung der Rechtskreisunterscheidung sowie der oben angesprochenen strukturellen Veränderungen - sehr hoch. Die Bundesagentur für Arbeit weist (auf Basis des oben skizzierten Schätzungsverfahrens des IAB) den Anteil der Langzeitarbeit an allen Arbeitslosen mit 40% aus 36 . Die Aussagekraft dieses Verhältnisses über den Erfolg von Beschäftigungspolitik ist zunächst gering: So kann auch eine positiv einzustufende Absenkung der Gesamtarbeitslosigkeit einen hohen, beziehungsweise steigenden Anteil von Langzeitarbeitslosigkeit an der noch bestehenden Arbeitslosigkeit erklären. Andererseits kann konstatiert werden, dass Deutschland – obwohl es im innereuropäischen Vergleich bei saisonal bereinigter Arbeitslosigkeit durchaus im Mittelfeld liegt 37 –bei der Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit am wenigsten Erfolg ausweisen kann. 38 Dies zeigt deutlich, dass Arbeitslosigkeit als Lebensrisiko in Deutschland weiterhin ein Problem besonderer Schwere darstellt. Die starke „Segmentierung“ 39 des Deutschen Arbeitsmarktes sorgt zudem dafür, dass Risiken wie Chancen am Arbeitsmarkt stark heterogen verteilt sind. Hieraus wiederum ergibt sich die Entstehung, beziehungsweise Konsolidierung der oben genannten Cleavage zwischen ‚Gewinnern’ und ‚Verlierern’.

Unterschiedliche Betroffenheit am Beispiel der Jugendarbeitslosigkeit

Verschiedene Personengruppen sind in höchst unterschiedlichem Maße von Langzeitsarbeitslosigkeit betroffen und somit von Sockelarbeitslosigkeit gefährdet. Jugendarbeitslosigkeit ist in diesem Zusammenhang ein zentrales Problem und soll - gerade weil hier im Blick auf die Zukunft am meisten Entwicklungsmöglichkeiten und dringender

34 Siehe Abb.1: Langzeit- und Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland, S. A1.

35 Siehe Abb. 3: Anteil Langzeit- an Gesamtarbeitslosigkeit (in %), S. A2.

36 BfA 2009, S. 14.

37 Eurostat (2009), o.N.

38 Siehe Abb. 4: Anteil Langzeit- an Gesamtarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich, S. A3; Sachverständigenrat 2008, S. 280, 281.

39 Sachverständigenrat 2008, S. 312.

14

Handlungsbedarf bestehen - hier als stellvertretendes Beispiel eines sich deutlich komplexer gestaltenden Problems angeführt werden. Dass im letzten Jahr ein Ausbildungsplatzüberhang von über 5000 Arbeitsplätzen entstehen konnte 40 und die Bundesregierung seit August 2008 mit einem Ausbildungsbonus 41 , den inzwischen ca. 11000 Jugendliche in Anspruch genommen haben 42 versucht, gerade benachteiligten Jugendlichen einen Einstieg in die Ausbildung zu ermöglichen, sind äußerst positive Tendenzen. Trotzdem ist zu erwarten, dass sich bei der problematisch hohen Jugendarbeitslosigkeit erst mittelfristig robuste Verbesserungen ergeben werden. Hier war ab dem Jahr 2000 (8,4%) wieder ein deutlicher Anstiegstrend zu verzeichnen. Für das letzte verfügbare Jahr 2005 weisen die auf OECD-Daten basierenden Zahlen der ILO einen Anstieg auf 15,6% aus 43 . Dieser Trend konnte in den Jahren 2006 und 2007 deutlich umgekehrt werden. Gleichsam kann festgestellt werden, dass das Problem Jugendarbeitslosigkeit quantitativ fortbesteht und besondere Dringlichkeit beansprucht. Jugendliche sind zunächst weniger stark von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht als andere Risikogruppen. Dies liegt unter anderem daran, dass ihnen aufgrund forcierter Förderung und stärkerer persönlicher Flexibilität besser durch beschäftigungspolitische Maßnahmen geholfen werden kann 44 . Gleichsam scheinen sie besonders betroffen von der Problematik der Segmentierung des Arbeitsmarktes beim Einkommen und unsicherer Beschäftigung in geringfügigen Arbeitsverhältnissen. 45 Wenn sie hierdurch von der Erlangung beruflicher Qualifikationen ausgenommen sind, besteht für sie ein besonderes Risiko, strukturell arbeitslos zu werden. Ähnliche Tendenzen eines höheren Risikos der Betroffenheit von Sockelarbeitslosigkeit lassen sich auch bei anderen Gruppen (ältere Menschen, Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund) deutlich beobachten. Sie können hier jedoch nicht diskutiert werden. Auch hier kann jedoch beobachtet werden, dass schon jetzt eine erhebliche Flexibilisierung beschäftigungspolitischer Werkzeuge zur Adressierung dieser Probleme stattgefunden hat. Arbeitlosen einen möglichst individuell passenden und nachhaltigen Weg aus struktureller Arbeitslosigkeit zu ermöglichen wird jedoch, wie wir unten sehen werden, immer mehr zu einem Belastungs- und Kostenproblem für staatliche Akteure in der Beschäftigungspolitik.

40 Sachverständigenrat 2008, S. 281.

41 Sachverständigenrat 2008, S. 283.

42 Bundesagentur für Arbeit 2009, S. 31.

43 Siehe Abb. 5: „Jugendarbeitslosigkeit 1991-2007“, S. A4.

44 DGB 2008, S. 3.

45 DGB 2008, S. 7.

15

Abgang in einzelne Arbeitsmarksegmente

Bei den Zahlen der Abgänge aus Langzeitarbeitslosigkeit scheint keine Trendwende der Reintegration in den 1. Arbeitsmarkt 46 anzustehen. Die deutliche Kappung von Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik seit 2004 sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arbeitsverhältnisse abseits des 1. Arbeitsmarktes weiterhin zunehmen. Zusammen mit der Steigerung des Anteils geringfügiger Beschäftigung und der wachsenden Anzahl der hieraus entstehenden Aufstocker (1,33 Mio.) 47 kann nicht die Rede davon sein, dass eine substanzielle Verbesserung der Eingliederung von Menschen in den 1. Arbeitsmarkt und eine damit verbundene nachhaltige Entlastung des Sozialstaats im Bereich der Beschäftigung erreicht wurde. Dies bestätigt nochmals deutlich die Problematik eines sich zeitlich verstärkenden Absinkens der Beschäftigungschancen im 1. Arbeitsmarkt durch Arbeitslosigkeit und das hohe Risiko struktureller Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die zahlenmäßig positiven Entwicklungen der letzten Jahre scheinen vor diesem Hintergrund teuer erkauft zu sein.

2.3. Teilerfolge

Bei der Bekämpfung von Sockelarbeitslosigkeit sind durchaus auch Erfolge zu erkennen. Die Bundesagentur für Arbeit (BfA) konnte durch individuellere Betreuung von Arbeitslosen bei Vermittlungsbilanz und Servicequalität (für die die Bewertung der Kundenzufriedenheit einen Anhaltspunkt darstellt) deutliche Verbesserungen für sich verbuchen 48 . Dies kann zwar nicht über einen immer noch relativ schlechten Ruf der früheren Arbeitsbehörde und der jetzigen ‚Dienstleister’ hinwegtäuschen; es zeigt jedoch, dass ein radikales Umdenken eingesetzt hat. Die BfA adressiert verstärkt die schon mehrfach erwähnte Problematik der Segmentierung von Personengruppen. So konnte beispielsweise am 21. Mai durch die Durchführung eines „Tages des Ausbildungsplatzes“ 16.9000 Ausbildungsstellen von Unternehmen eingeworben werden 49 . Dieser Erfolg ist nur ein Beispiel für die scheinbar immer besser werdende Kooperation mit Unternehmen, die sich auch – mit einer Ausnahme – auch in den Fallstudien (4.1., 5.1.) deutlich widerspiegelte.

46 Siehe Abb. 6: „Abgang in Arbeitsmarktsegmente“, S. A4 47 Zahlen vom Mai 2008 aus: Sachverständigenrat 2008, S. 322.

48 BfA 2007a, S. 10.

49 BfA 2007a, S. 8.

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Gezielte Angebote wurden auch für andere besonders stark von struktureller Arbeitslosigkeit gefährdete Menschen, wie beispielsweise Ältere Arbeitnehmer gemacht. 50 Bei der internen Organisation der Bundesagentur für Arbeit zeigt sich immer mehr die Wirksamkeit einer kleingliedrigeren Organisation. Modellversuche 51 von Optionskommunen haben zwar rein zahlenmäßig weiterhin Exotenstatus; gleichsam zeigt sich deutlich, dass auch hier deutliche Umorientierung stattgefunden hat und eine stärker subsidiär orientierte Entwicklungsrichtung vorgegeben ist.

2.4. Strukturelle Probleme

Leider werden diese Teilerfolge von deutlichen strukturellen Problemen überschattet, die eine weitere Bearbeitung des Problems Sockelarbeitslosigkeit zunehmend schwierig werden lassen. Erhebliche strukturelle Rigiditäten auf dem Arbeitsmarkt und ein qualitatives wie quantitatives Bildungsdefizit sind – gerade in einer globalisierten wissensbasierten Wirtschaftswelt und in einer sich immer stärker differenzierenden Gesellschaft - sicher nur zwei – wenn auch prominent wichtige – Themenkomplexe. Sie werden – um die enorme Komplexität des Themas einzuschränken - in den folgenden Betrachtungen im Mittelpunkt stehen.

Arbeitsmarktstrukturen

Der Ausbau des Niedriglohnsektors scheint sich, was die in ihn gesetzten Hoffnungen eines leichteren Zugangs zum und einer langfristigen Integration von Langzeitarbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt betrifft, immer mehr als Sackgasse herauszustellen. Auf den ersten Blick war die Senkung von Lohnkosten vor allem durch einen staatlichen Verzicht auf Sozialversicherungsbeiträge im Hochlohnland Deutschland ein konsequenter Schritt. Immer mehr wird jedoch zum Problem, dass Mini- und Midijobs oftmals nicht ausreichen, um den Mindestbedarf der jeweiligen Arbeitnehmer zu decken 52 . Zu einem recht festen Sockel von Beziehern von Leistungen nach SGB II und III kommen aus dieser Gruppe deswegen auch

50 Siehe hierzu beispielsweise BfA 2007b

51 Siehe hierzu Görner 2006 für den Modellversuch AhA im Saarland: und das Projekt „Alltagsengel“ von Randstadt (3.1.3.); zur Bewertung siehe Jäckle, Müller et. al 2008.

52 Bosch, Kalina et. al. 2008.

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noch die immer zahlreicher werdenden Aufstocker 53 , welche Lohnzusatzleistungen vom Staat benötigen, obwohl sie erwerbstätig sind. Die positiven Effekte der Kostensenkung für Unternehmen und somit auch für die Berufschancen von strukturell Arbeitslosen werden so von Sozialstaatskosten aufgefressen – mit dem Nebeneffekt, dass sozialversicherungspflichtige, „gute“ 54 , oder sogar „anständige“ 55 Arbeitsplätze in diesen Sektor verloren gehen. Seit mehreren Jahren fordert der Sachverständigenrat neben der Aufgabe der ‚Subventionierung’ der oben genannten geringfügigen Beschäftigungen daher ein Kombilohnmodell, welches durch höhere Zuverdienstmöglichkeiten und einen von einem anfänglich hohen Niveau absinkenden SGB-II-Satz 56 zur Aufnahme von Arbeit aktiviert und den Arbeitnehmern gleichzeitig Spielraum zur Anpassung an neue Lebenslagen gibt. Ein in dieser Richtung veränderter Bezugsrahmen könnte dann auch die intendierte Funktion von Mini- und Midijobs als ‚Türöffner’ in ein ordentliches sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis Wirklichkeit werden lassen. Hierfür notwendige Veränderungen – wie beispielsweise ein Kombilohn – stehen jedoch weiterhin aus. Das in der Regierungsvereinbarung der Großen Koalition vereinbarte Ziel der Prüfung eines Kombilohns 57 wird vor dem Hintergrund zukünftiger Konjunktureinbrüche und anderen konfliktreichen arbeitsmarktpolitischen Themen auf der Agenda vor der Bundestagswahl wohl nicht mehr Realität werden. Eine immer konkreter werdende Mindestlohndebatte und der erhebliche Arbeitsdruck, der durch die vom Bundesverfassungsgericht angeordneten Restrukturierung der Arbeitsgemeinschaften von Arbeits- und Sozialämtern (ARGEn) 58 auf den Koalitionspartnern lastet, stellen hier – gerade vor dem Hintergrund des einsetzenden Wahlkampfs und der Notwendigkeit programmatischer Differenzierung der Parteien – zu große Konfliktpotentiale dar. Inwiefern die nächste Bundesregierung größere Änderungen hieran vornehmen wird bzw. können wird, bleibt vor allem vor dem Hintergrund der zukünftigen fiskalischen Reformspielräume kritisch abzuwarten. Deutschland kann sich im Bereich der ‚Flexicurity’ im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten weiterhin nicht für eine deutliche Präferenzsetzung für eines der beiden Strukturmerkmale ‚hohes soziales Sicherungsniveau’ bzw. ‚starker Kündigungsschutz’ 59

53 Zahlen vom Mai 2008, aus: Sachverständigenrat 2008, S. 322.

54 Siehe DGB 2009

55 In Gewerkschaftskreisen und im Rahmen ILO wird immer häufiger das Konzept „decent work“ benutzt.

56 Sachverständigenrat 2007, 2008

57 CDU CSU SPD 2005, S. 32.

58 BVerfG 2007.

59 Siehe hierzu Gangl 2005.

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entscheiden. Vielmehr leistet es sich weiterhin in beiden Bereichen ein jeweils sehr hohes Niveau, was gerade in der Situation einer Krise für die Bevölkerung sehr angenehm ist; gleichsam schon jetzt erhebliche Schatten auf folgende Bundeshaushalte wirft. Eine Mehrheit innerhalb des Sachverständigenrats 60 , die OECD 61 und vor allem auch ein Großteil der Wirtschaftsforschungsinstitute fordern hierzu seit längerem eine klare Entscheidung. Die nicht erfolgende ‚Ausrichtung’ Deutschlands an einem Merkmal sorgt nach ihrem Verständnis dafür, dass Lohnneben- und Lohnstückkosten trotz jüngster Stabilität im Gegensatz zum europäischen Umfeld auf einem hohen Niveau bleiben. Dies behindert generell die Schaffung von Arbeitsplätzen. Für gering qualifizierte Arbeitnehmer ergibt sich hieraus ein hohes Bedrohungsrisiko, in strukturelle Arbeitslosigkeit einzutreten. Dies lässt sich beispielsweise am Zusammenhang zwischen diesem hohen und breiten Niveau sozialer Absicherung und der Höhe von Langzeitarbeitslosigkeit recht eindeutig empirisch belegen. 62 Auch bei der Arbeitsvermittlung bestehen weiterhin erhebliche Defizite. Bei ständig steigenden Personalhaushalten und wachsender Belegschaft der Bundesagentur 63 ist eine absolute Verbesserung der Vermittlungsleistung nicht verwunderlich. In der relativen Perspektive ist ein anhaltendes Vermittlungsdefizit nicht zu übersehen. Dies wird in der diesbezüglichen wissenschaftlichen Literatur 64 wie auch in Gesprächen mit ‚beschäftigungspraktisch Tätigen’ 65 immer wieder auf das Fehlen von Individualität bei Vermittlungs- und Fortbildungsleistungen der Bundesagentur zurückgeführt. Es scheint an den genannten und noch folgenden strukturellen Problemen zu liegen, dass sich hier – trotz Umdeklarierung zu ‚Dienstleistungsunternehmen’ und ‚Fallmanagern’ - kaum nachhaltige Verbesserungen einstellen konnten. Das Personal der BfA sieht sich – je länger die betroffenen Arbeitnehmer arbeitslos sind – immer komplexeren Vermittlungsprozessen und Qualifikationsverfahren gegenüber. Hinzu kommt immer stärker die Bedrohung durch die rechtliche Unklarheit. Diese Faktoren schränken den Spielraum der jeweiligen Fallmanager erheblich ein; daher ist äußerst fraglich, ob ‚nur’ durch eine Verbesserung der Betreuungsintensität (durch mehr Fallmanager) eine bessere Vermittlung möglich gemacht werden kann.

60 Sachverständigenrat 2008, S.12-13.

61 OECD 2006, S. 2.

62 Sachverständigenrat 2008, S.309.

63 Siehe Bundesagentur für Arbeit 2007c, S. 11: „Personalausgaben“.

64 Tergeist und Grubb 2006, S. 39.

65 Siehe 4.1. und 5.1.

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Dass sich nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 20.12.2007 66 ganze Personengruppen in einem verfassungswidrigen Rahmen bewegen, ist hierbei weiterhin ein erhebliches Problem, welches hoffentlich mit einer baldigen Klärung der Situation der ARGEn aus der Welt geschafft wird. Auch im Bereich der Statistik ist eine Neuausrichtung und Klärung der Situation äußerst wünschenswert. Sie lässt sich am besten durch klare Definitionen und Abgrenzungen von einzelnen Rechtsräumen erzielen. Da sich im Zuge der Reorganisation von ARGEn wieder ein deutlicher institutioneller Bruch ankündigt, sollte auf auch auf eine sinnvolle Neuausrichtung der Statistik besonders Wert gelegt werden.

Bildung

Deutschland hat – trotz Erkenntnis und Bearbeitung des Problems – weiterhin ein quantitatives und qualitatives 67 . Bildungsdefizit. Dieses kann einerseits statistisch recht einfach durch absolut und relativ niedrige Bildungsausgaben im privaten wie öffentlichen Sektor 68 nachgewiesen werden. Obwohl dieser Missstand durch eine deutlich weniger sparsame Bildungspolitik und erhebliche Investitionen in Bildung im Rahmen des Konjunkturpakets I 69 in Zukunft Besserung erfahren dürfte, sollte gleichsam schon jetzt klar sein, dass Geld alleine die Probleme nicht lösen kann, vor allem wenn es falsch investiert wird 70 . Investitionen in Bildung werden zudem erst in der Zukunft ihre Wirkung entfalten können. Dringend benötigte Infrastruktur- und Personalinvestitionen sind zudem noch stark an langfristige Entscheidungs- und Durchführungsprozesse gekoppelt. Die fehlende Sicherheit langfristiger staatlicher Investitionen kommt als verunsichernder Parameter hinzu. Klassisches Beispiel hierfür ist beispielsweise die durch Kündigungsschutzrigiditäten äußerst stotternd in Gang kommende Einstellungspolitik an Hochschulen. Als wichtiges Element für Bildung werden auch immer mehr Mängel bei „weichen Faktoren“ wie Humankapital und professioneller Ausbildung der Lehrerschaft 71 , das Interesse der Eltern an der Bildung Ihrer Kinder, und der soziale Stellenwert von Bildung als solcher genannt. Bei allem handelt es sich um kulturell verwurzelte Präferenzen, welche über längere Frist und weniger durch staatliche Verordnung als durch eine profunde Änderung sozialer Muster

66 Bundesverfassungsgericht 20.12.2007.

67 OECD 2006, S. 2; OECD 2008a, S:2.

68 Siehe Schmidt et. al. 2006.

69 Bundesregierung 2009.

70 Siehe Koufen 2009.

71 Siehe hierzu: Wrangel 2009.

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geändert werden können. Im empirischen Teil (5.1.1) wird ein viel versprechender Ansatz hierzu präsentiert. Von zentraler Bedeutung scheint die Forderung durch wirkliche Subsidiarität Experimentierfreude und Innovation zurück ins Bildungssystem zu bringen. Hierbei ist die Entwicklung der Kultusministerkonferenz (neben ihrer demokratietheoretischen Problematik) durchaus auch aus Perspektive einer effektiven Bildungspolitik äußerst kritisch zu beobachten 72 . Die weiter bestehende Agenda-Setting-Power dieser Institution läuft klar der Intention der Föderalismusreform I, durch eine klare Verlagerung der Bildungskompetenz an die Länder mehr Wettbewerbsföderalismus im Bildungssystem zu etablieren, zuwider. Die wenig überzeugenden Argumente, die weiterhin für eine möglichst einheitliche Bildungslandschaft vorgebracht werden – wie beispielsweise die Vergleichbarkeit von Noten als Garant sozialer Kohäsion – sind vor allem für eine breite Mittelschicht, die ohnehin schon über ausreichende Bildungschancen verfügt, von erheblichem Interesse. Immer mehr zeigt sich jedoch, dass das fehlende Eingehen auf die Bedürfnisse gerade der Schwächeren im Bildungssystem mit dem Hintergrund einer möglichst ‚egalitären’ Bildungspolitik für diese Menschen besonders katastrophal ist. Auch ohne dies moralisch zu bewerten kann ‚utilitaristisch’ konstatiert werden, dass sich der Staat als Hauptträger (gerade schulischer) Bildung durch die Nichtwahrnehmung der unterschiedlichen Chancen seiner Bürger diese nicht nur unzureichend fördert, sondern doppelte Kosten verursacht, die eine zyklische Segmentierung der Gesellschaft durch unterschiedliche Bildungsniveaus weiterhin verschlimmern. Ein weiteres systemisches Problem, welches sich in diesem Umfeld beobachten lässt ist die äußerst starre Beschaffenheit deutscher Bildungsbiographien. Die hier entstandenen Rigiditäten und Inflexibilitäten 73 sind wiederum für Schwächere eine hohe Hürde. Dabei mutet es immer wieder als äußerst zynische Vertretung von Insider-Positionen an, wenn die (durchaus vorhandene) Qualität deutscher Bildungsabschlüsse als Einwand gegen eine Anpassung auf veränderte Rahmenbedingungen fungiert. Auch in diesem Bereich konnte im empirischen Teil ein interessanter Lösungsansatz dieser Problematik gefunden werden (3.1.1.). Gerade im Hinblick auf das Problem struktureller Arbeitslosigkeit müssen dynamischere Bildungs- und Arbeitsbiographien deutlich stärker als bisher im Bildungssystem berücksichtigt werden. Hierbei kommt es vor allem darauf an, durch sichere und gleichzeitig

72 Siehe bspw. Behrens, 2006. 73 Meifort 2003, S. 40ff.

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flexible Rahmenbedingungen bei Beschäftigten die Angst vor Veränderung durch eine begründete Hoffnung auf sich hieraus ergebende Chancen zu ersetzen.

2.5. Fazit

In der stark unterschiedlichen Gefährdung von Erwerbspersonen durch strukturelle Arbeitslosigkeit liegt am deutschen Arbeitsmarkt ein zentrales Problem, welches den sozialen Frieden aufs erheblichste bedroht. Die statistische ‚Dekonstruktion’ systemischer Probleme durch eine rein akteurszentrierte 74 und temporale Betrachtung von Arbeitslosigkeit verstärkt diese Entwicklung, weil hierdurch eine Entsolidarisierung mit den von Langzeit- und struktureller Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen stattfindet. Ähnliche Tendenzen der Entsolidarisierung und einer Fokussierung auf bestimmte quantitative Faktoren (unabhängig von deren qualitativer Relevanz) lassen sich auch immer stärker in staatsnahen Versuchen der Bearbeitung des Problems der Sockelarbeitslosigkeit im Rahmen der Sozialen Arbeit nachweisen. Im Folgenden sollen diese Entwicklungstendenzen durch eine systemtheoretische Betrachtung Sozialer Arbeit im Vergleich mit neuen Formen Sozialer Wirtschaft aufgezeigt werden.

74 Salais 2008, s.o.

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3. Soziale Arbeit und Soziale Wirtschaft – Eine Systematik verschiedener Lösungsansätze

In diesem Kapitel sollen Soziale Arbeit und Soziale Wirtschaft als Kategorien von Ansätzen

der Lösung sozialer Probleme betrachtet werden. Die hierzu notwendige, recht willkürliche,

theoretische Einteilung in die Gesellschaftssektoren ‚Staat’ und ‚Wirtschaft’ ist nicht

unproblematisch, da sie sich antithetisch zum unten angenommenen Wirklichkeit einer

Entgrenzung gesellschaftlicher Sektoren verhält. Der hieraus entstehende Widerspruch

zwischen Theorie und Empirie ist jedoch methodologisch gerechtfertigt. Die einzelnen

Ansätze werden nämlich als Idealtypen mit der Funktion, einzelne konstitutive Elemente

isoliert zu betrachten, präsentiert. Dabei ist eine starke Vereinfachung und Kategorisierung

notwendig, um die komplexen Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Sektoren und

einzelnen Ansätzen durch vereinfachte Darstellung plastischer werden zu lassen. Hierbei

können dann zunächst spezifische Probleme in Funktionslogiken identifiziert werden, die

einen geringen Erfolg bei der ‚staatlichen’ Bearbeitung von struktureller Arbeitslosigkeit

erklären können (3.1.). In einem zweiten Schritt soll dann geprüft werden, ob Ansätze Sozialer

Wirtschaft über Funktionslogiken verfügen, die diese Probleme adressieren können (3.2.).

3.1. Soziale Arbeit

Die Bestimmung des auf den ersten Blick einfachen Begriffs der Sozialen Arbeit ist bei

näherer Betrachtung äußerst komplex. Dies liegt zum einen daran, dass mit dem Begriff

Staatstätigkeit („Sozialpolitik“), ein sehr breit definiertes Berufsfeld und sowie die diese

Bereiche informierende Wissenschaft („Sozialarbeitslehre“) 75 beziehungsweise „Profession“ 76

(mit der deutlichen Betonung des Anwendungsaspekts) gemeint sein können. Zudem handelt

es sich – speziell in Deutschland – um einen sehr jungen Begriff, was zum einen mit einer erst

spät erfolgenden Koordination proaktiver bzw. prophylaktischer („Sozialpädagogik“) und

reaktiver Ansätze („Sozialarbeit“) der Bearbeitung sozialer Probleme, zum anderen mit der

erst 2001 erfolgten Anerkennung des Faches durch die Hochschulrektorenkonferenz

75 Siehe hierzu Wendt 04.12.2006. 76 Bakic, Diebäcker et al. 2007, S. 1.

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zusammenhängt. Eine kompakte, wenn auch recht breite, Definition von Sozialer Arbeit findet sich in den ethischen Standards der International Federation of Social Workers:

“The social work profession promotes social change, problem solving in human relationships and the empowerment and liberation of people to enhance well-being. Utilising theories of human behaviour and social systems, social work intervenes at the points where people interact with their environments. Principles of human rights and social justice are fundamental to social work.” 77 Dies geschieht jedoch vor dem Hintergrund erheblicher „Ambivalenzen“ 78 sowie „challenges and dilemmas“ 79 der Sozialen Arbeit in theoretischer wie pragmatischer Hinsicht. Diese bestehen unter anderem in:

“The fact that the loyalty of social workers is often in the middle of conflicting interests. The fact that social workers function as both helpers and controllers. The conflicts between the duty of social workers to protect the interests of the people with whom they work and societal demands for efficiency and utility. The fact that resources in society are limited.” 80 Aus dem letztgenannten Dilemma der Knappheit gesellschaftlicher Ressourcen entsteht immer stärker eine Debatte um „Ökonomisierung“ 81 Sozialer Arbeit. Deren Tragweite geht weit über den Arbeitsmarkt hinaus und stellt eine Diskussionen von Sozialstaatlichkeit, beziehungsweise Staatlichkeit generell dar. Dabei entwickelten sich Ansätze Sozialer Arbeit vor Bismarck zunächst staatsfern aus „bürgergesellschaftlichem Engagement“ 82 im Bereich der kommunalen Armenpolitik 83 . Damals engagierten sich neben konfessionellen auch private Träger wie Standes- und Berufsgruppen, die auch heute noch die Trägerstruktur Sozialer Arbeit bilden. Nach dem 2. Weltkrieg kam es in einem Klima des ungebremsten wirtschaftlichen Aufschwungs zu einer quantitativen und qualitativen Expansion 84 des deutschen wie europäischen Wohlfahrts- beziehungsweise Sozialstaats. In dieser „Blütezeit“ 85 kam es gerade in Deutschland zur ‚Verstaatlichung’ der Sozialen Arbeit in Form einer Anbindung aller Akteure Sozialer Arbeit an staatliche Verwaltungs- und politische Willensbildungsprozesse

77 IFSW 2004, S. 1.

78 Kleve 2007.

79 IFSW 2004, 2004, S. 1.

80 IFSW 2004, 2004, S. 1

81 Bakic, Diebäcker et al. 2007; Buestrich und Wohlfahrt 2008.

82 Nikles 2008, S. 20.

83 Siehe hierzu Kaelble 2007.

84 Dahme 2008, S. 11.

85 Hockerts 2008, S. 4.

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auf verschiedenen Ebenen. Dies erfolgte vor dem Hintergrund einer Veränderung staatlicher Selbstbegründung aus dem Bereich des „[N]ationalen“ in Richtung des „[N]ational- sozialen“ 86 . Selbst in der ab der Mitte der 70er Jahren einsetzenden Phase der Kritik und des „Rückbaus“ sozialstaatlicher Strukturen 87 und einer allmählich einsetzenden „Subjektivierung des Sozialen“ 88 konnte für die Soziale Arbeit in den vergangenen Jahren kein erheblicher quantitativer Rückgang, sondern vielmehr ein „Aufstieg im Schatten des Wohlfahrtsstaates“ diagnostiziert werden 89 . Zahlenmäßig lässt sich dieser an Indikatoren wie Sozialleistungsquote oder dem Anteil der Beschäftigten in Berufen der Sozialen Arbeit illustrieren. Somit kam es zu einem unintendierten und auf den ersten Blick paradox erscheinenden Ausbau der Sozialen Arbeit im Rahmen von Rückbauversuchen des Sozialstaats, der sich auch in anderen Ländern beobachten ließ 90 . Die Gründe hierfür sind vor allem in finanziellen und personellen Investitionen, die für Neuausrichtung und Transformation sozialstaatlicher Institutionen und Sozialer Arbeit getätigt wurden, zu vermuten. Auch die Neuausrichtung des deutschen Sozialstaats in Richtung eines ‚aktivierenden’ Modells scheint die intendierten Ergebnisse einer Reduzierung Sozialer Arbeit bei gleichzeitiger Steigerung von Effektivität schuldig zu bleiben. Vor dem Hintergrund der oben genannten Problematik ihrer relativen Undefiniertheit versuchen Ansätze Sozialer Arbeit sich deutlich von anderen gesellschaftlichen Institutionen, Subsystemen und deren spezifischer Aufgabenstruktur abzugrenzen. Da sie jedoch durch ihre Zielsetzung einer möglichst umfassenden Bearbeitung sozialer Probleme in Austauschrelationen mit verschiedenen Subsystemen stehen, ist dies nicht ohne weiteres möglich. 91 Hierdurch entsteht sich die enge Beziehung von Sozialer Arbeit und Sozialstaatlichkeit. Neben Ressourcen- und Trägerstruktur Sozialer Arbeit 92 spielt hierfür vor allem ein dreifaches Mandat (Klient, Staat, Kodex Sozialer Arbeit) der Sozialen Arbeit und die sich hieraus definierten Bezugsverhältnisse eine wichtige Rolle. Zudem ist „[d]ie Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen[…]im Wesentlichen staatlich gestiftet“ 93 . Soziale Arbeit wird daher weiterhin – vor dem Hintergrund einer immer stärkeren Bindung an ökonomische Parameter (s.u.) - in hohem Maße durch institutionell-politische

86 Hockerts 2008, S. 13.

87 Hockerts 2008, S. 3.

88 Lessenich 2003.

89 Züchner 2007.

90 Züchner 2007, S.81ff.

91 Nikles, S. 21.

92 Züchner 2007, S. 112.

93 Buestrich und Wohlfahrt 2008, S. 18.

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Willensbildungsprozesse bestimmt und verändert. Dieses „sozialstaatliche[s] Verständnis Sozialer Arbeit“ 94 scheint sich auch international durchzusetzen und selbst bei privater Trägerschaft der jeweiligen Tätigkeiten immer mehr zur Norm zu werden 95 . Grund hierfür ist die erfolgreich verfolgte politische Zielsetzung einer möglichst festen Inkorporation verschiedener öffentlicher wie privater Akteure in feste Arrangements Sozialer Arbeit. Soziale Arbeit definiert sich selbst in der Bearbeitung von der sozialen Norm „Abweichende[n] Verhalten[s]“ 96 und dem damit verbundenen Begriffspaar der Konformität und Devianz 97 . Die hieraus folgende – sicherlich nötige und fachlich berechtigte Unterscheidung – von Bürgern in ‚Stark’ und ‚Schwach’ ist für Wahrnehmungsstrukturen Sozialer Arbeit konstitutiv. Eine immer stärker werdende Segmentierung der Gesellschaft anhand der Parameter: ‚Verfügen über Erwerbsarbeit’ einerseits und ‚Abhängigkeit von sozialstaatlichen Transfers’ andererseits kann jedoch auch durch die dieses Verhältnis konstituierende Wahrnehmung erklärt werden. Die politische Vermittlung dieser Problematik in einer Klassen- 98 beziehungsweise Prekariatsdiskussion 99 scheint dabei eher zu einer Verhärtung solcher Strukturen als zu Lösungsansätzen für das Problem zu führen 100 . Im Bereich der Beschäftigung übernimmt staatsnahe Soziale Arbeit eine immer wichtiger werdende Rolle: „Durch die jüngste Neuausrichtung der Sozialpolitik hin auf eine Aktivierung arbeitloser Menschen und auf den Einsatz vielfältiger Instrumente der Arbeitsmarktintegration ist sowohl hinsichtlich der Klienten als auch der Maßnahmen das Spektrum der Maßnahmen breiter geworden, an denen die Soziale Arbeit [beteiligt ist]“. 101 Dabei haben beschäftigungsbezogene Bereiche Sozialer Arbeit eine „Vorreiterrolle“ einer Entwicklung die als „Ökonomisierung des Leistungsempfängers“ Sozialer Arbeit 102 diskutiert wird. Im Gegensatz zur ausdrücklich begrüßten Ökonomisierung der Leistungserbringer, die zu einer Dynamisierung und Verbesserung Sozialer Arbeit beitragen kann 103 , stellt die Ökonomisierung von Leistungsempfängern ein nicht unerhebliches Problem dar, da sie zur Redefinition des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit zu führen scheint. Dies hat wiederum

94 Zürchner 2007, S. 116.

95 Zürchner 2007, 116.

96 Bohle, 1987.

97 Kleve 2007, S. 200.

98 Siehe hierzu bspw.: AG Alternative Wirtschaftspolitik 2007.

99 Siehe hierzu: FES 2006; BPB 2008.

100 Kessl et. al. 2007.

101 Nikles 2008, S. 68.

102 Buestrich und Wohlfahrt 2008, S. 21.

103 Wendt 1998, Buestrich und Wohlfahrt 2008.

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strukturelle Gründe, da es bei Trägern Sozialer Arbeit zur betriebswirtschaftlichen Umstrukturierungen kommt, welche durch Stellenabbau und Vereinheitlichung von Förderungsmaßnahmen die Qualität Sozialer Arbeit gefährden 104 . So wird das ursprüngliche Mandat der Herstellung von „well-being“ nach und nach durch eine wirtschaftlich effektive ‚Bearbeitung von Fällen’ ersetzt. Solidarität wird zudem stark an Aktivität des Hilfesuchenden geknüpft, was sich beispielsweise in Regelungen zur Annehmbarkeit von Arbeitsverhältnissen und Kürzungen von Sozialleistungen äußert. Dabei ist die Entwicklung von Sanktionierungsmechanismen, die sich den Ausschluss aus der Solidargemeinschaft als ultima Ratio vorbehalten, äußerst kritisch zu betrachten. 105 . Kritiker sprechen hier von einer Entwicklung zu „sozialer Subjektivität“, welche durch die Implementierung neo-liberaler Handlungsrationalitäten von einer „versicherungsförmigen Vergesellschaftung individueller Risiken“ zur „‚unternehmerische(n) Entsicherung des Individuums’“ und den Übergang in eine „neo-soziale“ Form der „Regierung von Gesellschaft“ 106 führe. Die Ökonomisierung der Adressaten beschäftigungspolitischer Ansätze der Sozialen Arbeit stellt somit ein erhebliches Problem für nachhaltige und effektive gesellschaftliche Integration dar. Besonders schwer benachteiligte Personen sind wiederum deutlich viel stärker betroffen, was zu einer weiteren Segmentierung von Arbeitsmarkt und Gesellschaft beiträgt. Zudem ergeben sich Probleme der Stigmatisierung durch Soziale Arbeit, Sozialtransferabhängigkeit und einer starke Arbeitsmarkt- und Gesellschaftssegmentierung. Hinzu kommt der erhebliche Kostendruck, der auf Ansätzen der Sozialen Arbeit lastet und von diesen scheinbar nur schwer bearbeitbar ist. In der Summe werfen diese Probleme die Frage auf, ob andere Ansätze sozialer Problemlösung keine attraktiveren Modelle bereitstellen, um – zumindest für Teile der von Sockelarbeitslosigkeit gefährdeten Menschen - den Konflikt sozialer Inklusion durch und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit von Erwerbsarbeit besser auflösen können. Im Folgenden sollen hierzu einige neuere Ansätze Sozialer Wirtschaft, die als ‚Sozialisierung der Ökonomie’ und somit als Gegenbewegung zur ‚Ökonomisierung des Sozialen’ verstanden werden können, analysiert werden.

104 Buestrich und Wohlfahrt 2008, S. 22.

105 Kantel 2008, S. 75ff.

106 Lessenich 2003, S. 81.

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3.2. Soziale Wirtschaft

Das Entstehen von Ansätzen Sozialer Wirtschaft erfolgt vor dem Hintergrund einer doppelten Krise von Kapitalismus und (Sozial-)staat: Beide schaffen es scheinbar nicht, Armut zu verhindern und gesellschaftliche Inklusion zu gewährleisten. Hieraus stellt sich die Frage, ob und wie ökonomische Abläufe verändert werden können, um bessere Ergebnisse der sozialen Inklusion zu erzielen. Interessante Chancen hierzu scheinen sich durch das immer stärkere Verschwimmen der Grenzen zwischen sozialen Sektoren zu ergeben. So ist beispielsweise im Verlauf einer „Politisierung der Lebenswelten“ 107 zu beobachten, dass ‚politische’ Systemlogiken – wie ‚Gerechtigkeit’ oder ‚Demokratie’ verstärkt Einzug in Unternehmen 108 und generell: Wirtschaftsabläufe Einzug halten. Diese Tendenz speist sich aus einer immer stärkeren Wahrnehmung von globaler wie lokaler Ungleichheit und Ungerechtigkeit 109 , die im Zuge von globaler Vernetzung, einem immer einfacheren und breiteren Zugang zu Massenmedien und Wachstum des dritten Sektors 110 entsteht. Wirtschaftsunternehmen und ökonomische Gesellschaftssektoren generell werden dabei immer mehr in die Verantwortung genommen, sich an der Lösung der Probleme der Welt zu beteiligen und „Teil der Lösung statt Teil des Problems“ 111 zu sein. Im Folgenden sollen einige Ansätze solcher ‚neuer’ Formen Sozialer Wirtschaft vorgestellt und gegeneinander verordnet werden. Dass es sich hierbei teilweise um ‚alte’ bzw. ‚innovativ- reaktionäre’ Ansätze handelt und ihre ‚künstliche’ Trennung von Ansätzen Sozialer Arbeit, sind klare Einschränkungen einer solchen Typologie. Sie soll dazu dienen, spezifische Funktionsweisen, deren Vorteile und Innovationen sowie mögliche Probleme solcher Ansätze zu verordnen und Entwicklungstendenzen aufzuzeigen. Hierzu werden die Konzepte ‚Gemeinwesenökonomie’, ‚Social Entrepreneurship’, ‚Social Business’ sowie ‚Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility’ herangezogen. Die Kriterien 1. Theoretischer Schwerpunkt, 2. Handlungsebene 3. Wertschöpfungsverständnis 4. Zielsetzung und 5. Mittel stellen dabei die Bezugspunkte der Verordnung dar. Aus ihrer Gegenüberstellung ergibt sich eine Matrix (siehe Abb. 7: Typologie Ansätze Soziale Wirtschaft, S. A5), die zur Positionsbestimmung bestimmter Ansätze dienen kann. Im

107 Siehe Beck 1998; Weiß 2002.

108 Siehe hierzu Weiß 2002, S. 65ff.

109 Margolis and Walsh 2003, S. 268.

110 Drayton 2002, S. 122; Drayton 2008, S. 48.

111 E.ON 2007.

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Folgenden sollen die einzelnen Ansätze anhand dieser Kriterien vorgestellt und diskutiert werden.

3.2.1. Gemeinwesenökonomie

Die aus Überlegungen der Gemeinwesenarbeit entstandenen Ansätze der Gemeinwesenökonomie, welche hier stellvertretend für ähnliche Konzepte wie beispielsweise „Solidarökonomie“ 112 präsentiert werden sollen, verstehen sich als deontologischer Gegenentwurf zur momentanen Arbeits- und Wirtschaftswelt. Als „wertorientierte“ bzw. […] „moralische“ [i.O.]“ Ansätze lokaler Ökonomie 113 verstehen sie sich als Handlungsanleitung zu einem alternativen Verständnis Sozialer Arbeit und Korrektiv für ein (Welt- )Wirtschaftssystem, welches die Vertreter 114 des Ansatzes vor allem durch das Problem der Spaltung der Welt in Arm und Reich in einer tiefen Krise sehen. Diese Entwicklung ist aus Sicht der Vertreter die Auswirkung einer gefährlichen Ausrichtung aller Lebensbereiche auf „Kapitalinteressen“ 115 , die auch in die Substanz des deutschen Sozialstaats vorgedrungen ist. Die sich hieraus ergebenden Erscheinungen einer neoliberalen Individualisierung von Gesellschaft und der „Enteignung des Gemeinwesens” 116 versuchen sie durch eine Neuausrichtung wirtschaftlicher Abläufe entgegenzutreten. Hierdurch soll die aus Sicht der Vertreter solcher Ansätze verloren gegangene „lebensdienliche“ 117 Qualität von Wirtschaftsprozessen wieder hergestellt werden. Dafür bedarf es aus Sicht von Susanne Elsen, die in Deutschland für die Entwicklung und Verbreitung des Ansatzes als federführend bezeichnet werden kann “eine[s] erweiterten Blick[es] auf gesellschaftlich sinnvolle Tätigkeit, die Nachbarschaftshilfe, Familienarbeit, Eigenarbeit, Tausch, Subsistenz, Kooperativarbeit, Erwerbsarbeit und Formen bürgerschaftlichen Engagements umfasst.” 118 Diese Perspektive solcher Ansätze zeigt deutlich, was mit ‚innovativ-reaktionär’ gemeint sein soll. Gemeinwesensökonomische Ansätze setzen einer als Problemverursacher diagnostizierten Wirtschaftskultur der Neoliberalisierung und Globalisierung bewusst eine ‚alte’ (durch den wirtschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream der letzten Jahre als

112 Giegold und Embshoff 2008.

113 Birkhölzer 2006, S. 5.

114 Siehe beispielsweise Elsen, 2004, 2005, 2007; Douthwaite und Diefenbacher 1998.

115 Elsen 2005, o.N.

116 Elsen 2004, 2007, S. 15.

117 Elsen 2005, o.N

118 Elsen 2005, o.N.

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überkommen definierte) Kultur des Wirtschaftens entgegen. Hierbei werden auch ‚ältere’ Organisationsformen wirtschaftlicher Kollaboration, wie beispielsweise die – in Deutschland nur wenig präsente Form der Sozialgenossenschaft 119 - neu entdeckt und als zentrale Mittel solcher Ansätze definiert. 120 Ausdrückliches Ziel gemeinwesensökonomischer Ansätze ist es, „sukzessive Teilsektoren und Lebensbereiche den Kapital- und Wachstumszwängen zu entziehen und sie bedarfswirtschaftlich, bzw. genossenschaftlich zu organisieren“ 121 . Hierdurch soll den Systemcodes ‚Kapital’ und ‚Wachstum’ ihre Eigenschaft als ‚Wert an sich’ entzogen werden. Wirtschaft soll auf „Empowerment“ 122 Einzelner mit starkem Bezug auf das Gemeinwesen ausgerichtet werden. Auch werden übliche Handlungsprinzipien des modernen Kapitalismus (Arbeitsteilung, Konkurrenz, Optimierung, Hierarchisierung) durch die „Handlungsprinzipien:

Freiwilligkeit, Solidarität, Kooperation, demokratische Organisation, Assoziation, Selbstorganisation und Gemeinwohlorientierung.“ 123 ersetzt. In dieser Auftragsbeschreibung gemeinwesensökonomischer Ansätze finden sich klare Entsprechungen mit der ethischen Selbstdefinition Sozialer Arbeit und eine deutliche Kritik der oben beschriebenen betriebswirtschaftlichen Redefinition derselben im Deutschen Sozialstaatswesen. Entscheidend für den Erfolg einer solchen alternativen Wirtschaft ist aus Sicht gemeinwesenökonomischer Ansätze eine Strategie der „Lokalisierung“ 124 , als (Rück-)Verlagerung wirtschaftlicher Prozesse auf kommunale oder kleingliedrige Ebenen mit der Zielsetzung einer „größere[n] Unabhängigkeit der Gemeinwesen vom weltwirtschaftlichen Prozess“ 125 . Nachhaltigkeit im oben genannten Sinn eines lebensdienlichen und auf das Gemeinwesen ausgerichteten Wirtschaftens lässt sich aus Sicht lokalökonomischer Ansätze auf dieser Ebene am besten gewährleisten 126 , da hier eine recht unmittelbare Beeinflussbarkeit von wirtschaftlichen Abläufen gegeben sei. Zudem werde der Abfluss von regionaler Wirtschaftskraft vermindert und durch teilweise geschlossene Wirtschaftskreisläufe 127 vor Ort akkumuliert. Dieses auf lokalökonomischen Konzepten der Stadtentwicklung 128 aufbauende

119 Siehe hierzu: Burghard 2003.

120 Elsen 2005, o.N, Elsen 2007, S: 256ff

121 Elsen 2005, o.N.

122 Elsen 2005, o.N.

123 Elsen 2005, o.N.

124 Elsen 2005, o.N.

125 Elsen 2005, o.N.

126 Birkhölzer 2000, S. 4.

127 Siehe: Douthwaite 1996

128 Birkhölzer 2000, S. 6.

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Verständnis versucht einen Teufelskreis immer weiter schreitender Benachteiligung strukturschwacher Gebiete und der in ihnen lebenden Menschen zu durchbrechen. Eine auf Subsidiarität ausgerichtete Organisation von Wirtschaftsabläufen führt durch die Überwindung von Anonymität und durch Herstellen einer ethischen und identitären Beziehung der Marktteilnehmer zu ‚ihrem Markt’ zu einer Veränderung der Rolle des Individuums: „[A]ls WirtschaftsbürgerInnen sind sie zugleich Wirtschaftssubjekte und moralische Personen, die ihre staatsbürgerschaftliche Verantwortung im Wirtschaftskontext nicht abstreifen“ 129 . Somit sind gemeinwesenökonomische Ansätze auf die Produktion lokalen Sozialkapitals angelegt, das vor allem in seiner Funktion des „Bonding“ 130 , also der oben genannten Herstellung eines identitären Gemeinwesensbezugs von Wirtschaft dient. Praktisch möglich werden solche lokalen Wirtschaftsabläufe einerseits durch eine gezielte Förderung lokaler ökonomischer Infrastruktur. Beispiele hierfür sind Bürgerfonds, Genossenschaften oder auch Soziale Unternehmen und Betriebe. Gerade in großen Städten mit sozialen Brennpunkten scheinen sich letztere Modelle – bisher in der Beteiligung staatlicher Akteure - mit zunehmender Tendenz zu etablieren 131 . Als Instrumente haben gemeinwesenökonomische Ansätze die Herausbildung von Alternativwährungen und Tauschbeziehungen erkannt. Beispiele in Deutschland finden sich in regionalen Tauschkreisen, die sich nach dem Vorbild der britischen Local Exchange and Trading Systems (LETS) 132 entwickeln. Hier können Dienstleistungen und Waren durch die eine vermittelnde Währung („Zeit“ 133 , „Talente“ 134 ) unabhängig von Finanzkapital ausgetauscht werden. Diese in anderen Staaten schon stark entwickelten Formen institutionalisierter „barter econom[ies]“ 135 und Nachbarschaftshilfen 136 scheinen auch in Deutschland immer populärer zu werden. Zudem scheinen sie gerade im Rahmen der Wirtschaftskrise in Großbritannien eine gewisse Renaissance zu erleben 137 . Ein ähnliches Instrument stellen Modelle regionaler Währungen 138 dar. Diese sind zwar weiterhin monetär fundiert und überkommen nicht die Kopplung an Finanzkapital. Auch sie sind jedoch auf die Etablierung einer lokalen

129 Elsen 2004, S. 45.

130 Schnurbein 2009; Westle 2008.

131 Siehe hierzu: BEST 2007 und BAG 2009.

132 Thorne 1996, Williams1998; Für eine Übersicht von LETS und Tauschkreisen siehe Werner 2007.

133 Siehe bspw. LETS Tauschnetz München 2009.

134 Siehe bspw. Talent Tauschkreis Schwäbisch Hall/ Hohenlohe 2009.

135 Williams 1998.

136 Siehe beispielsweise Myneighborhood.net 2009.

137 Sullivan 2009.

138 Siehe Hermann 2008.

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Wertschöpfungskette ausgerichtet, mit der das Abfließen von Ressourcen und Wohlstand aus dem betreffenden Gemeinwesen verhindert werden soll. Gemeinwesenökonomische Ansätze verstehen sich nicht als Alternative zum Sozialstaat; vielmehr wollen sie in der Zukunft eine unterstützende und korrigierende Funktion übernehmen. Interessant ist – gerade mit Blick auf das vorliegende Problem der Sockelarbeitslosigkeit und der Suche nach Alternativen zu einer nachhaltigen Bearbeitung - dass ein komplexeres, nicht mehr ausschließlich auf Erwerbsarbeit abzielendes Verständnis wirtschaftlicher Abläufe auf die Zwischenebene des Gemeinwesens, also: zwischen Gemeinschaft und Individuum verlagert wird. Durch einen starken Bezug auf Subsidiarität können individuelle und in der lokalen Umwelt existierenden Umgebungsvariablen in Entwürfe gemeinwesensökonomischer Strukturen einbezogen werden. Dies geschieht zudem nicht auf der Basis einer ‚anonymen’ Gewaltstruktur des staatlichen Forderns sondern durch eine Balance demokratischer Mitbestimmung des Einzelnen und der Zuteilung einer Rolle im Gemeinwesen. Die Herstellung von persönlichen Beziehungen und Interdependenzen zwischen den lokalen Marktteilnehmern hat hierbei ein erhebliches Potential der Vermeidung von Insider-Outsider-Problemen. Eine stringente Implementation gemeinwesensökonomischer Ansätze ist in Deutschland bisher nicht zu erkennen. Einzelne Faktoren, die aus dem Verständnis gemeinwesensökonomischer Ansätze eine Redefinition von Wirtschaft begünstigen, treten verstärkt auf, konnten bisher jedoch noch nicht die gewünschte Redefinition von Wirtschaft und Sozialer Arbeit erwirken. Bei der Frage der zukünftigen Entwicklungschancen wird dabei neben einigen deutschen Vorzeigeprojekten (Genossenschaft am Beutelweg in Trier 139 , Herten-Fonds 140 ) vor allem auf Entwicklungen in anderen Ländern verwiesen. Hier seien im Gegensatz zu Deutschland neben ‚kommerziellen’ auch ‚soziale’ Genossenschaften entstanden 141 . Auch wird in der Literatur immer wieder auf das Potential der Bewältigung volkswirtschaftlicher Krisen durch das Entstehen gemeinwesenökonomischer Strukturen hingewiesen. Beispiel hierfür ist „[d]ie ökonomische Selbstorganisationsfähigkeit der argentinischen Bevölkerung nach der Staatspleite im Dezember 2001“, welche zu einer „Ökonomie von unten“ 142 geführt habe. Auch in der Europäischen Union seien in den 1990er Jahren Gedanken

139 WoGeBe 2007.

140 Hertenfonds 2009.

141 Obwohl theoretische Literatur und auch praktische Projekte diesbezüglich existieren scheinen diese nur wenig – und nicht unter dem Begriff der Genossenschaft bekannt zu sein.

142 Elsen 2005, o.N.

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gemeinwesensökonomischer Ansätze unter dem Begriff der ‚economie sociale’ diskutiert worden 143 . In Deutschland hätten sich diese Ansätze Elsen zufolge jedoch aufgrund des „etatistischen Systems“ 144 , welches keinen Mittelweg zwischen ‚Wirtschaft’ und ‚Sozialstaat’ zulasse, nicht etablieren können. Gemeinwesenökonomische Ansätze stehen Ansätzen von Corporate Social Responsibility die unten diskutiert werden, kritisch gegenüber. Da sie strukturelle Probleme des Wirtschaftssystems für soziale Probleme verantwortlich machen, halten sie Ansätze, mit denen Unternehmen sich innerhalb dieses Systems ‚sozialer stellen wollen’ für Stabilisierungsversuche eines korrupten Systems, die selten über die Qualität von „PR- Aktionen“ 145 hinausgehen. Deutliche Berührungspunkte scheinen sich hingegen mit Social Entrepreneurs (bzw. „bürgerschaftlichen Entrepreneurs“ 146 ) zu ergeben. Diese seien die geeigneten Initiatoren gemeinwesenökonomischer Projekte. Ihre spezifischen Eigenschaften und Verfahren gesellschaftlicher Problemlösung sollen im Anschluss dargestellt werden.

3.2.2. Social Entrepreneurship

Die folgenden Darstellungen werden sich soweit möglich auf das englische Vokabular ‚Social Entrepreneur’ (SE; Akteur), ‚Social Entrepreneurship’ (SES; als Konzept und Wissenschaftsdisziplin) sowie ‚Social Enterprise’ (SEP; als Wertschöpfungsmodell und Aktivität von Social Entrepreneurs) beschränken. Dies hat methodologische Gründe, die im Bezug der Operationalisierung des Begriffs des Entrepreneurs beispielsweise bei Josef Schumpeter 147 und Peter Drucker 148 , sowie einer schon bestehenden Operationalisierung des Begriffs in Bereichen der Politischen Wissenschaft liegen. So finden sich beispielsweise Akteure als „Norm Entrepreneurs” im Bereich der Theorie der Internationalen Beziehungen. 149 Außerdem stehen Social Enterprises in Deutschland viele „Soziale Unternehmen“ 150 und „Soziale Betriebe“ 151 gegenüber, welche jedoch bis auf Ausnahmen grundsätzlich im oben abgesteckten staatsnahen Raum der Sozialen Arbeit operieren und sich

143 Elsen 2004, S. 43.

144 Elsen 2005, o.N.

145 Elsen 2004, S. 43.

146 Elsen 2005, o.N.

147 Schumpeter 2005.

148 Drucker 2006.

149 Siehe bspw. Finnemore und Sikkink 1998.

150 Siehe hierzu 4.1.2.

151 Siehe hierzu 4.1.4.

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aus einer kritischen Haltung dem Konzept gegenüber ausdrücklich nicht als Social Entrepreneurs verstehen. Im Deutschen steht zwar mit dem Begriff des Sozialunternehmers 152 ein Ausdruck zur Verfügung, der zumindest bei genauerem Hinsehen als eindeutig bezeichnet werden kann, da die Komposition von ‚sozial’ und ‚Unternehmer’ aus sich selbst heraus auf eine veränderte Semantik des Begriffes hinweist. Er wird im Folgenden jedoch nur aus Gründen sprachlicher Korrektheit („sozialunternehmerisch“ als Wiedergabe der Attribute von Social Entrepreneurs) verwendet. Social Entrepreneurship (SES) benennt akteurszentrierte Ansätze der Generierung sozialen Wandels. Historische Beispiele verweisen auf Individuen (wie zum Beispiel Florence Nightingale 153 , Maria Montessori, Jane Adams oder William Lloyd Garrison) 154 , die durch ihre Einflussnahme auf Gesellschaften zu profunden Veränderungen und Behebung sozialer Missstände beigetragen haben. Solche Initiatoren sozialen Wandels werden als Social Entrepreneurs (SEs) bezeichnet. Ihr Handeln ist ‚unternehmerisch’ im Sinne der Schumpeterschen Definition der „kreativen Zerstörung“ 155 . Sozial wird es, wenn es gesellschaftsdienliche Wertschöpfung durch die Überwindung gesellschaftlicher Probleme zum Ziel hat. Gesellschaftliche Probleme werden dabei – gerade im angelsächsischen Raum – als „market failure“ 156 aufgefasst, welches es durch unternehmerische Vorgehensweisen zu beheben gilt. Das kreativ-zerstörerische Moment dieses Prozesses liegt in der Überwindung sozialer Muster durch sozialkonstruktivistische Umgestaltung ihrer Wahrnehmungsstruktur sowie der Redefinition wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Handlungsabläufe und einer hieraus folgenden Umgestaltung der materiellen Handlungsstruktur von Gesellschaften. Dabei werden neue Wege der sozialen Problemlösung etabliert, die sich selbst den Anspruch ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit auferlegen. Das Konzept erfährt momentan gerade durch gezielte Kommunikationsstrategien von Multiplikatoren und Förderern von SES wie beispielsweise Ashoka, Schwab Foundation oder der Skoll Foundation 157 , eine erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Die weltweite Integration des ‚Faches Social Entrepreneurship’ 158 in akademische Curricula – gerade im Bereich der

152 Siehe bspw. Achleitner 2007.

153 Siehe Bornstein 2007, Kapitel 4.

154 Drayton 2002, S. 121.

155 Schumpeter 2005; Dees 2001 S.1, S. 214; Wolk 2007, S. 153; Alvord, Brown, Letts, 2004, S. 262.

156 Wolk 2007, S. 171.

157 Ashoka 2009a; Schwab Foundation 2009; Skoll Foundation 2009.

158 Die Frage, ob es sich dabei um eine eigene akademische Disziplin handelt, wird zwar in Mair und Marti 2005 angestoßen, hat nach Kenntnisstand des Autors jedoch keine abschließende Diskussion erfahren.

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angelsächsischen Business Schools 159 , jedoch auch immer mehr im deutschen Sprachraum 160 – hat zudem einen wahren Boom wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit innovativen Ansätzen der Lösung gesellschaftlicher Probleme erzeugt. Mit nochmaligem Verweis auf die oben genannten historischen Beispiele für SEs kann konstatiert werden, dass es sich bei SES um ein schon lange existierendes Feld handelt. Eine gezielte Erforschung von SES findet jedoch erst seit wenigen Jahren statt. Technologische Innovationen bei Kommunikation, jedoch auch in Bereichen der Produktion von Waren und Dienstleistungen 161 , sowie eine starke Information der Thematik durch Management- und Kommunikationstheorien, haben zudem zu einer erheblichen Dynamisierung, Professionalisierung und strategischen Ausrichtung von SES geführt. Auch findet SES immer mehr vor dem Hintergrund eines stetig wachsenden dritten Sektors auf einer breiten gesellschaftlichen Basis statt. In diesen Punkten unterscheiden sich heutige Ansätze erheblich von den oben genannten historischen Beispielen. Bei der Definition von SES sind verschiedene Schwerpunktsetzungen und unterschiedliche Operationalisierungen der konstitutiven Elemente (unternehmerisches Handeln, Innovation, Wertschöpfungsverständnis) 162 ein Grund dafür, dass schon jetzt erhebliche Unübersichtlichkeit besteht und verschiedene Vorstellungen von SE miteinander konkurrieren. Dies ist nicht nur ein methodologisches, sondern auch pragmatisches Problem, da die Gefahr besteht, dass der Begriff durch mangelnde Trennschärfe zu einem inhaltsleeren ‚Label’ verkommt. Um dies zu vermeiden wird SES hier mit einer klaren Betonung der Herstellung gesellschaftlicher Innovation hin ausgelegt werden. Social Entrepreneurs in diesem Sinne sind laut Ashoka:

„[I]ndividuals with innovative solutions to society’s most pressing social problems. They are ambitious and persistent, tackling major social issues and offering new ideas for wide- scale change. Rather than leaving societal needs to the government or business sectors, social entrepreneurs find what is not working and solve the problem by changing the system, spreading the solution, and persuading entire societies to take new leaps. Social entrepreneurs often seem to be possessed by their ideas, committing their lives to changing

159 Für eine Übersicht siehe Nicholls 2008, S. 8-9.

160 Wie zum Beispiel das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen Heidelberg.

161 Beispiele sind Kommunikation und soziale Vernetzung auf Basis des Internet, sowie Kostensenkungen und Innovation bei biologischen, chemischen und medizinischen Technologien sowie im Bereich des Personen- und Warenverkehrs.

162 Für eine Übersicht siehe: Mair und Marti 2005, S. 4.

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the direction of their field. They are both visionaries and ultimate realists, concerned with the practical implementation of their vision above all else.” 163 Ein Bedarf an gesellschaftlicher Innovation ergibt sich aus dem oben genannten Handlungsbedarf gegenüber sozialen Problemen. Dieser wird in internationalen und nationalen politischen Aufgabenstellungen und Strategien, wie zum Beispiel den Millennium Developement Goals 164 oder nationalen Handlungsstrategien zur Vermeidung von Armut, Verbesserung von Bildung 165 , oder Inklusion Benachteiligter formuliert und somit für SEs identifizierbar. Viel öfter wird Handlungsbedarf jedoch durch persönliche Erfahrungen 166 oder Betroffenheit Einzelner identifiziert. Als plastisches Beispiel sei hier Carolyn LeCroy genannt, die ihr bei den CNN-Hero-Awards 2008 167 prämiertes Messages-Projekt 168 zur Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen Haftstrafen verbüßenden Eltern und Ihren Kindern in der Reaktion auf eigene Erfahrungen während einer Haftstrafe initiierte. Unabhängig von der letztendlichen Begründung ihrer Motivation werden SEs in der gesamten Literatur als von ihren Projekten begeisterte, beziehungsweise besessene Personen 169 oder sogar (ironisch) als „unreasonable people“ 170 identifiziert, die über ein hohes Maß an persönlicher Integrität 171 verfügen. Daher erklärt sich auch, dass „[b]urnout is not uncommon. Social Entrepreneurs must have the same commitment and determination as a traditional business entrepreneur, plus a deep passion for the social cause, minus an expectation of significant social gains“ 172 . Diese (im Sinne eines klassischen Kapitalismus) eher unattraktiven Rahmenbedingungen verschaffen SEs jedoch auch ein hohes Level an Legitimität, das, wie wir unten sehen werden, eine Schlüsselressource für die Bearbeitung sozialer Probleme darstellen kann. Social Entrepreneurs wollen Soziale Probleme nicht als solche akzeptieren und mit ihnen leben. Vielmehr versuchen Sie, Probleme als Chancen zu redefinieren. In einem ‚unternehmerischen’ Abgleich von „societal needs“ und „societal asssets“ 173 werden dann Lösungen gesucht, um diese Chancen in Erfolge zu verwandeln. Ihren Anspruch, die Welt zu

163 Ashoka 2009b.

164 Siehe Seelos und Mair 2005, S. 242

165 Wie die Initiative ‚Aufstieg durch Bildung’ des Bundesministeriums für Finanzen; siehe BMBF 2009.

166 Guclu et. al. 2002, S. 2.

167 CNN 2009.

168 The Messages Project 2009.

169 Bornstein 2007, S. 1.

170 Siehe Elkington und Hartigan 2008.

171 Drayton 2002, S. 124; Alvord et. al. 2004, S. 271.

172 Guclu et. al. 2002, S.13.

173 Guclu et. al. 2002, S. 2.

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verändern, realisieren SEs durch die Implementation einer „klar definierte[n] Kernidee“ 174 , die sie – durch ihre oben genannten persönlichen Eigenschaften und durch unternehmerischen Mitteleinsatz - zunächst in ihrem unmittelbaren Umfeld verfolgen und dann auf weitere Bereiche anpassend ausdehnen, also „skalieren“ 175 . Dabei sollte eine erfolgreiche „Expansion[…]nur nahe am Kerngeschäft erfolgen und[…]dieses stärken“ 176 . Dieses Kerngeschäft wird mit unternehmerischen Mitteln und Strategien bearbeitet, die sich als „Opportunity Creation Process“ modellieren lassen (siehe Abb.: 8: „Opportunity Creation Process“ von Social Entrepreneurship, S. A6). ‚Unternehmerisch’ an diesem Prozess ist die im 2. Schritt erfolgende Bearbeitung des sozialen „Business Model“ in der Kombination des Entwurfs einer ‚sozialen Wertschöpfungskette’, die einzelne Schritte der Implementierung sozialen Wandels plant. Hinzu kommt, dass zur Verfügung stehende Ressourcen auf ihre Effektivität hin überprüft werden und dann zum richtigen Zeitpunkt und Ort mit dem Ziel eines möglichst profunden „Social Impact“ zum Einsatz gebracht werden 177 . SEs haben hierbei grundsätzlich eine positive, wirtschaftsliberale Einstellung gegenüber Ökonomie und Globalisierung, die deren Chancen betont, aber auch deren Probleme erkennt und bearbeitet. Jedoch ist Social Enterprise nicht an eindeutige Aussagen über Profitorientierung und Finanzierung der Aktivitäten von Social Entrepreneurs gebunden. SEPs können sowohl for profit, not-for-profit als auch non-profit sein; Modelle ihrer Finanzierung sind - abhängig davon welches ‚Marktsegment’ sozialer Problemstellungen sie adressieren 178 - mehr oder weniger stark von ‚externem Kapital’ der öffentlichen Hand oder aus Spenden abhängig. Unabdingbar ist für SEs jedoch der ‚Produktionsfaktor’ Sozialkapital 179 . SEs sind aufgrund ihrer oben genannten persönlichen Disposition besonders gut in der Lage, dieses zu akkumulieren und für ihre Projekte zu nutzen. „Bonding“ durch Sozialkapital hat dabei vor allem im organisatorischen Bereich hohe Relevanz, da es das Sammeln verschiedener Ressourcen (Spenden, Expertenwissen; etc.) ermöglicht. Auch die Funktion des „Bridging“ wird von SEs jedoch gezielt und erfolgreich verfolgt: Das Rollenverständnis von SEs als ‚Mittler’ zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren, Klassen, Gemeinwesen etc. spielt für den Erfolg von SES eine entscheidende Rolle.

174 Naujoks und Schöning 2007, S. 47.

175 Alvord et. al. 2004, S.275; Elkington und Hartigan 2008, S. 179-196.

176 Naujoks und Schöning 2007, S. 47.

177 Siehe Guclu et al. 2002, S. 8.

178 Wolk 2007, S. 168.

179 Siehe hierzu Coleman 1990, Putnam 1995, Schnurbein 2009, Westle 2008.

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Aus politikwissenschaftlicher Sicht lässt sich fragen, ob die verstärkte Tätigkeit von Social Entrepreneurs – gerade wenn verschiedene soziale Ziele gegeneinander abzuwiegen sind 180 nicht auch ein demokratisches sowie ein legitimatorisches Dilemma darstellen kann. So wäre hypothetisch denkbar, dass Social Entrepreneurs aus der Position einer demokratischen Minderheit heraus etablierte und von einer demokratischen Mehrheit begrüßte Muster (wie zum Beispiel die Norm der Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften), denen Sie kritisch gegenüberstehen, zu überwinden versuchen. Gleichsam wäre der Versuch, (noch) nicht von einer Mehrheit vertretene ‚soziale Innovationen’ durchzusetzen (man denke bspw. an die Diskussion um Sterbehilfe in Deutschland) durchaus denkbar. Die Frage der Setzung gesellschaftlicher Normen und Ansichten über die besten Wege und Mittel um diese zu etablieren kann – vor allem dann wenn ‚hybride Ansätze’ von SE durch öffentliche Mittel gefördert werden oder sich Lösungen sozialer Probleme gegenseitig ausschließen - im Bezug auf stark individuelles Vorgehen von Social Entrepreneurs zum Problem werden 181 . Gleichsam bestehen in einer Mittlerposition zwischen gesellschaftlichen Sektoren, starker „embeddedness“ 182 von SEs in allen diesen sowie eine starke Abhängigkeit Social Entrepreneurs von möglichst breiter Unterstützung ihrer Projekte gute gesellschaftliche Kontrollmechanismen, um Auswüchse zu verhindern. Gerade im Vergleich zu gemeinwesensökonomischen Ansätzen ist ihr Bezug auf globale Zusammenhänge und möglichst weite Skalierung eine effektive Selbstkontrolle gegen nicht intendierte Effekte lokaler Lösungsansätze, die auf anderen gesellschaftlichen Ebenen zu Wechselwirkungen führen können. Ein weiteres ‚politisches’ Problem ergibt sich aus Eigenschaften von Sozialkapital, welches von SEs produziert wird, jedoch auch eine im Voraus notwendige Ressource für den Erfolg von Social Enterprise darstellt. Sozialkapital generiert sich aus gegenseitigem Kennen und der Entwicklung von Vertrauensverhältnissen. Anonymität ist hierbei ein zu vermeidendes und durch SEs zu bearbeitendes Problem. Gerade bei Menschen in prekären Lebenslagen könnte jedoch ein Interesse an Anonymität, und ‚Gleichbehandlung vor dem Gesetz’ unabhängig von persönlichen Ressourcen (bspw. Legitimität des Hilfsanspruchs) oder einer breiten öffentlichen Wahrnehmung ihrer Probleme bestehen. Anonymität lässt sich dabei am ehesten in bürokratisch organisierten Gesellschaftsbereichen finden. Social Entrepreneurs entscheiden

180 Guclu et. al. 2002, S. 14.

181 Guclu et. al. 2002, S. 14.

182 Mair und Marti 2005, S. 9ff.

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zudem bei der Bearbeitung sozialer Probleme über Exklusion und Inklusion ohne demokratische Legitimation erfahren zu haben. Die Begründung ihrer Ansätze folgt jedoch vor allem einer unternehmerischen Logik, auch weil sie sich die Frage stellen müssen „whether a particular opportunity [of social change] is, in an absolute sense, worth the investment of energy and resources that would be required to pursue it.“ 183 Diese notwendige soziale Kosten-Nutzen-Analyse ist sicher ein Grund, warum Social Entrepreneurship gerade in europäischen Wohlfahrtsstaaten oftmals nicht unkritisch betrachtet wird und sich kulturellen Barrieren gegenübersieht. Da betriebswirtschaftliche Nutzenanalysen jedoch auch immer stärker in zentrale Bereiche des Wohlfahrtstaats vordringen, stellt sich die Frage, ob eine Aufgabenteilung zwischen staatlichen Ansätzen Sozialer Arbeit (mit einem eindeutigen Schwerpunkt auf einer rein ethischen Orientierung) und dem Vorgehen von Social Entrepreneurs (die eine effektive Benutzung vorhandener Ressourcen ins Auge fasst) nicht sinnvoll wäre. Hieraus könnte sich eine Balance aus sozialer Sicherung und Experimentieren mit sozialen Ressourcen ergeben:

„Given the challenges - and frequent failures - of attempts to innovate, social entrepreneurs supply a second valuable benefit to government. […] ‘Experimentation is the value of social entrepreneurship to government. How do you break a logjam? Social entrepreneurs are often successful in figuring it out.’“ 184 Besondere Wichtigkeit in solchen experimentellen Phasen hat die von Social Entrepreneurs verfolgte Strategie kleinteiliger Lösungen und einer darauf folgenden Skalierung. Durch ein solches Vorgehen, kann das Risiko eines ‚Totalausfalls’ von sozialpolitischen Reformen deutlich verringert werden. Problemlösungsansätze werden nur dann implementiert, wenn sie unter den entsprechenden Umgebungsvariablen auch funktionieren. Social Entrepreneurship stellt somit eine erhebliche Chance einer effektiveren Nutzung von gesellschaftlichen Ressourcen dar. Wenn soziale Probleme das Potential einer sozialunternehmerischen Problembearbeitung aufweisen, könnten SEs maßgeblich an ihrer Lösung beteiligt werden; Probleme, die nur geringe ‚social business opportunities’ aufweisen, könnten dann durch einen konzentrierten Einsatz freigewordener staatlicher Ressourcen bearbeitet werden. Die Chancen einer solchen ‚Arbeitsteiligkeit’ werden unten (5.2./6.) nochmals aufgenommen und diskutiert.

183 Guclu et. al. 2002, S. 14. 184 Wolk 2007, S. 182.

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3.2.3. Social Business

Social Business bezeichnet Ansätze der Redefinition wirtschaftlichen Handelns, welche sehr eng mit sozialen Projekten im Rahmen der Mikrofinanzbewegung identifiziert werden. Mit Mohammed Yunus kann stellvertretend für die von ihm gegründeten Grammen Bank und den ihr entstandenen Projekten als Galionsfigur einer Kultur des Social Business beschrieben werden. Social Business umreißt einen alternativen Ansatz des Wirtschaftens mit einem sich nicht auf finanziellen Profit beschränkenden Wertschöpfungsverständnisses. Kapitalistische Wertschöpfung wird vielmehr mit der Bearbeitung sozialer Probleme in verschiedensten Bereichen (Umwelt, Gleichberechtigung, Bildung etc.) verknüpft. Dabei trauen Ansätze von Social Business ausdrücklich dem Kapitalmarkt – eine Veränderung des Verständnisses von Konsum und Investition vorausgesetzt – die Lösung von sozialen Problemen auch auf globaler Ebene zu. Auch wenn immer mehr warengebundene Social Businesses von kleinster bis mittlerer Größe entstehen (hierbei handelt es sich um die Auswirkungen der Investitionen in Social Business) ist das Konzept von Social Business stark an Finanzmärkte gebunden; ‚soziale Banken’ 185 und von Ihnen aufgelegte Investmentfonds 186 sind klassische Beispiele. Durch sie erhoffen sich Vertreter dieser Ansätze eine möglichst zeitnahe und effektive Bearbeitung sozialer Probleme. Hieraus ergibt sich ein äußerst positiver Blick auf die Globalisierung und deren Chancen. Dies liegt auch in einer globalen Zielsetzung von Social Business, die laut Muhammad Yunus in einer „Welt ohne Armut“ 187 liegt. Social Business definiert sich wie folgt:

“Social businesses seek to profit from acts that generate social improvements and serve a broader human development purpose. A key attribute of social businesses is that an increase in revenue corresponds to an incremental social enhancement. The social mission will permeate the culture and structure of the organization and the dual bottom lines – social and economic – will be in equal standing with the firm pursuing long-term maximization of both.” 188 Social Business als Konzept bezeichnet somit eine neue Kultur des Wirtschaftens in Form eines doppelten Wertschöpfungsverständnisses. Eine solche Umbewertung wirtschaftlichen

185 Siehe als Beispiel für Deutschland GLS Bank 2009; international: Grameen Bank 2009.

186 Siehe Socialfunds.com 2009.

187 Yunus 2006.

188 Fleischer 2001, S. 14.

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Handelns hängt dabei stark vom Engagement von Social Entrepreneurs ab – so kann Muhammad Yunus als ‚Social Entrepreneur, der mit der Grameen Bank und anhängenden Projekten ein Social Business realisiert hat’ bezeichnet werden. Gleichzeitig bezeichnet Social Business die Zielorientierung Sozialen Wirtschaftens, wohingegen Social Entrepreneurship Strategien zu Erreichung dieses Ziels aufzeigt. Da beides stark voneinander abhängig ist 189 , ist eine klare Trennung in den meisten Fällen nicht möglich – und auch wenig sinnvoll. Dennoch sollte betont werden, dass keine gleichwertige Abhängigkeitsbeziehung besteht. Während ein Social Business ohne Ansätze von Social Enterprise nicht bestehen kann (hierbei würde es sich dann eher um eine Form von Corporate Social Responsibility handeln, s.u.), können Social Entrepreneurs – nach der oben erfolgten Einordnung – durchaus auch ohne ‚Business’, also ohne Ankopplung an ein Wirtschaftsunternehmen tätig sein. Die spezifische Qualität von Social Business wird vor allem im Abgleich mit gemeinwesensökonomischen Ansätzen deutlich. Während bei letzteren Kapital aufgrund seiner Tendenzen der Entfremdung als suboptimales Mittel gesellschaftlicher Organisation und Problembearbeitung betrachtet und durch alternative Mittel ersetzt wird, setzen Ansätze von Social Business deutlich auf die Mechanismen des Kapitalmarktes und versuchen diese durch eine Redefinition von Gewinnen in Richtung sozialer Wertschöpfung für eine bessere Welt zu nutzen. Diese Entwicklung ist auch bei ‚gewöhnlichen’ Unternehmen immer stärker zu beobachten. Hierbei erfolgt eine stärkere Orientierung wirtschaftlicher Abläufe an gesellschaftlichen Ansprüchen im Rahmen der Verbreitung der Ansätze Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility.

3.2.4. Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility

Unter dem Konzept Corporate Citizenship (CC) wird in jüngster Zeit eine Tendenz der Involvierung von Unternehmen in gesellschaftliche Prozesse diskutiert. Unternehmen versuchen demnach bewusster und effektiver Schnittstellenposition in gesellschaftlichen Kontexten besetzen, idem sie als Bürger, Regierung und Arena 190 von bürgerschaftlichem Engagement fungieren. Gesellschaftliches Engagement im Sinne von CC ergibt sich dabei aus

189 Und somit auch in der Literatur kommentarlos miteinander verknüpft wird, siehe beispielsweise Fleischer

2001.

190 Moon, Crane et. al. 2008, S: 58-63.

41

dem Anspruch des Unternehmens, sich in „dialogische“ 191 soziale Prozesse einzubringen und Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Eine sich hieraus ergebende ethische Orientierung des Unternehmens führt zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Interessen und Ansprüche an das Unternehmen und einer dementsprechenden Neuausrichtung seiner internen wie externen Geschäftsprozesse. Die bisher dominierende Ausrichtung an den Interessen von Shareholdern (also: finanziell am Unternehmen beteiligten Akteuren) wird dabei durch eine

komplexere Orientierung an Stakeholdern ersetzt. Stakeholder werden von wirtschaftsethisch informierten Unternehmenstheorien eher weit als „groups and individuals who benefit from, or are harmed by, and whose rights are violated or respected by, corporate actions“ 192 definiert. Durch diese Veränderungen findet auch eine Umbewertung der Unternehmenskultur statt. Hierbei ergibt sich ein Wandel:

1. „Vom separativen zum integrativen Verständnis“ wirtschaftlicher und gesellschaftlicher

Ansprüche an das Unternehmen,

2. „Vom privatistischen zum republikanisch-ethischen Verständnis“ der Rollenaufteilung

zwischen staatlichem und privatem Sektor sowie

3. „Vom funktionalistischen zum prinzipiengeleiteten Verständnis” 193 der Begründung der

Übernahme sozialer Verantwortung. In diesem Prozess kommt es auch zu einer Neuausrichtung des Kerngeschäfts, die sich in einem „Management von Selbstbindungen“ 194 niederschlägt. Unternehmen, die sich an CC ausrichten, begeben sich intentional in Abhängigkeits- und Verantwortungsverhältnisse innerhalb der Gesellschaft, weil dies für sie einen unternehmerischen Mehrwert in Form der Sicherung langfristiger Involvierung in gesellschaftliche Prozesse darstellt. Unternehmen wie

Gesellschaft haben „ein vermehrtes Interesse an Transparenz, Kontrolle und Einbezug“. Dieses entsteht aus einem „neuartigen Abhängigkeitsverhältnis von den Leistungen von Unternehmen“ 195 . Weil Wertschöpfung in und durch Unternehmen immer mehr die Lebensgrundlagen von Gesellschaften darstellt, geraten jene diesen gegenüber in einen immer stärkeren Legitimationsdruck, dem sie durch eine stärkere Ausrichtung ihrer Geschäftsprozesse auf gesellschaftliche Anforderungen begegnen müssen 196 .

191 Beschorner 2008, S. 68.

192 Freeman 1994, S. 41.; Langtry 1994.

193 Siehe hierzu Ulrich 2008.

194 Beckmann 2008, S. 105.

195 Wieland 2008, S. 91.

196 Beckmann 2008, S. 101.

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CC wird dabei oft in einer engen Beziehung zum Konzept von Corporate Social Responsibility (CSR) diskutiert. CSR bezeichnet konkrete Maßnahmen, wie Unternehmen auf soziale Anforderungen ‚antworten’ und sich auf die Anforderungen von gesellschaftlichen Stakeholdern einstellen, um hierdurch eine bessere Einbindung sozialer Faktoren und Probleme in ihr Kerngeschäft eine „triple bottom line“ 197 , also: Wertschöpfung im Bereich von Ökonomie, Ökologie und Humankapital (bzw. Sozialkapital, s.u.) zu realisieren. CSR kann dabei durchaus auch proaktive und prophylaktische Formen annehmen, wenn Firmen sich gegen zukünftige Risiken und Unsicherheiten abzusichern versuchen. Es bezeichnet somit die konkreten Handlungen des Unternehmens, welche dieses besser auf die Anforderungen der Gesellschaft ausrichten und hierdurch für das Unternehmen und die Gesellschaft gesamt einen Mehrwert produzieren. Der fundamentale Unterschied zwischen CC und CSR besteht in ihrer Auswirkung auf das Selbstverständnis des jeweiligen Unternehmens. Während es bei einer Orientierung in Richtung CC zu einer allmählichen Redefinition von Unternehmen zu „kollektiven Bürgern“ 198 kommt, stellt CSR eine auf strategischen Erwägungen basierende Implementation von „good management practices“ 199 in Form eines „problemgetriebenen Wertemanagementkonzepts“ 200 dar. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung soll hier eine Verordnung sozialen Engagements von Unternehmen in Form eines Kontinuums vorgeschlagen werden (siehe Abb. 9: Corporate Citizenship und Corporate Responsibilities, S. A7). Dieses erstreckt sich zwischen den Polen „Compliance“ im Sinne von Beachtung gesellschaftlicher Gesetzen und Normen als Mindestforderung für Unternehmen und dem Selbstverständnis als „Corporate Citizen“ im oben genannten Verständnis einer vollständigen und aktiven, also: ‚republikanisch- bürgerlichen’ Integration des Unternehmens in die Bürgergesellschaft. Unterschiedlich weitgehende Formen von CSR verordnen sich dann – unterscheidbar durch den Grad der Institutionalisierung und die temporale Dauer von Selbstverpflichtung zu sozialem Engagement – zwischen diesen Polen. So haben im Unternehmen verankerte Institutionen (Abteilungen, Regeln, Prozeduren) beispielsweise für Stakeholderkommunikation eine andere Wertigkeit als bloße schriftliche Beschlusslagen zu CSR; ebenso verweist die Einrichtung einer Unternehmensstiftung deutlicher auf Intentionen eines langfristigen Engagements als einmalige Spenden an gute Zwecke. In einer angepassten Anordnung verschiedener

197 Elkington 1994.

198 Wieland 2008.

199 Leisinger 2007, S. 122.

200 Wieland 2008, S. 90.

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„Corporate Responsibilities“, die auf einer Darstellung von Klaus M. Leisinger 201 basiert, entsteht somit eine Schematik, in der sich Bemühungen von Unternehmen, soziale Verantwortung zu übernehmen, verordnen lassen. Die Form der Pyramide verweist dabei auf die Wahrscheinlichkeit des empirischen Vorkommens und die Tatsache, dass sich Firmen der Charakteristik eines ‚idealtypischen’ Corporate Citizen auch in Zukunft höchst selten finden lassen werden. Als mögliches Beispiel sei jedoch die im Anhang enthaltene Fallstudie zu START NRW 202 genannt. Hier könnte aufgrund des Entstehens des Unternehmens ‚aus der Bürgergesellschaft heraus’ und der das Kerngeschäft ausmachenden sozialen Aufgabenstellung der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen von einem Corporate Citizen gesprochen werden. Für die Zukunft ist vor allem im Raum zwischen ‚ambitionierte CSR’ und ‚Corporate Citizenship’ eine erhebliche Dynamik zu erwarten, da Unternehmen sich hier positive Effekte erhoffen, ohne sich selbst ‚komplett’ in gesellschaftliche Einflussbereiche begeben zu müssen. Es ist davon auszugehen, dass viele Unternehmen aufgrund antizipierter positiver Effekte für das Unternehmen versuchen, sich möglichst stark auf soziales Engagement im Sinn von CC hin zu bewegen. Gleichsam scheint die endgültige Erreichung dieses Ziels – gerade bei großen Konzernen, die in verschiedene kulturelle Kontexte eingebettet und alleine aufgrund ihrer schieren Größe nur schwer als ‚Bürger’ vorstellbar sind – äußerst fraglich. Konkrete Maßnahmen von CC und CSR, mit denen Unternehmen anderen Gesellschaftsbereichen interagieren, lassen sich in den Bereichen „strategische[n] Partnerschaften, Lobbying, Regierungsbeziehungen“ 203 , „Corporate Giving“ 204 , „Strategische Unternehmenskommunikation“ 205 sowie „Corporate Volunteering“ 206 kategorisieren. Bei allen kann konstatiert werden, dass sie für das Unternehmen erhebliche Vorteile und Gewinnmöglichkeiten darstellen. Dafür, dass sich soziales Engagement für Unternehmen generell lohnt, also den ‚Business Case’ von CSR spricht sich inzwischen ein großer Anteil der Literatur aus. Auch ehemalige Kritiker des Konzepts –wie beispielsweise der Economist 207 erkennen die Relevanz des Themas für einen nachhaltigen Erfolg von Unternehmen immer mehr an. Empirische Studien

201 Leisinger 2007, S. 122, Figure 1: The Hierarchy of Corporate Social Responsibilities.

202 Siehe 4.1.4.

203 Speth 2008.

204 Mecking 2008.

205 Biedermann 2008.

206 Bartsch 2008.

207 Economist 2008, S. 3: „This newspaper has argued that [CSR] is often misguided, or worse.”

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können zwar keinen direkten Zusammenhang von CSR und finanziellem Nutzen 208 herstellen, da sich der oftmals erst mittelbar entstehenden Nutzen, den Firmen aus CSR-Aktivitäten ziehen - im Gegensatz zu deren Kosten – nur schlecht operationalisieren lässt. 209 Doch kann der Verdacht, dass CSR für Unternehmen schädlich sein könnte, anhand der vorliegenden Daten als ausgeräumt betrachtet werden 210 . Der direkte Zusammenhang zwischen finanziellem Erfolg und sozialem Engagement scheint für Unternehmen zudem mehr und mehr an Relevanz zu verlieren. So lässt sich aus Umfragen 211 immer mehr der Schluss ziehen, dass Unternehmen gerade im Bereich der Sicherung ihres Kerngeschäfts und der Kommunikation mit Akteuren aus anderen Gesellschaftssektoren Anreize für soziales Engagement entdecken. Beide Konzepte bleiben weiter stark umstritten. Milton Friedmans Aufsatz „The Social Responsibility of Business is to increase its Profits“ 212 stieß eine Diskussion an, deren Themen auch heute noch relevant sind. CSR, so Friedman, sei entweder ein gutes Geschäft für das Unternehmen und seine Shareholder; dann sei die Diskussion um soziale Verantwortung jedoch obsolet. Wenn CSR kein gutes Geschäft sei, stelle es eine Beraubung der Shareholder zugunsten der Vernachlässigung staatlicher Pflichten oder eine unternehmerische Fehlallokation von Ressourcen, also: Versagen des Managements dar. Aus diesem antagonistischen Verständnis der Beziehung von Unternehmen und Gesellschaft hat sich eine Kritik von CC und CSR ergeben, die sich in der Diskussion um ein falsches Verständnis oder gar Missbrauchs beider Ansätze durch Unternehmen niederschlägt. Dabei wird CSR-Ansätzen unidirektionale Unternehmenskommunikation im Sinne von Public Relations (PR) 213 sowie die Zielsetzung einer langfristigen Deregulierung durch kurzfristiges freiwilliges soziales Engagement unterstellt. Beide Vorwürfe scheinen mit Blick auf Quantität und Qualität des Engagements deutscher Unternehmen – gerade vor dem Hintergrund immer stärkerer Regulierung - wenig begründbar 214 . Eine objektive Betrachtung scheitert hier jedoch oft an einem „(sozial-)staatlich geprägte[n] Verständnis von Gesellschaft, das Unternehmen eine staatlich definierte Rolle zuweist“ 215 . Gerade kleinere Unternehmen engagieren sich seit langen und unabhängig von der Verbreitung des Konzepts CSR stark in ihrem unmittelbaren

208 Margolis und Walsh 2003; Economist Intelligence Unit, 2005, 2008, Leisinger 2007, S. 125.

209 Siehe hierzu Leisinger 2007, S. 125; Hamann 2007.

210 Siehe in der Übersicht in: Margolis und Walsh 2003, S. 277.

211 Economist Intelligence Unit 2005, 2008; siehe Übersicht in Polterauer 2008, S. 176.

212 Friedman 1970.

213 Siehe hierzu theoretisch: Economist Intelligence Unit 2008, S. 4; Habisch 2003, S. 51; Ulrich 2008, S. 94; starke Kritik solcher Entwicklungen übt beispielsweise Christian Aid 2004.

214 Siehe hierzu Polterauer 2008.

215 Backhaus-Maul et. al. 2008, S. 16.

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sozialen Umfeld. Da sie dies zudem auch relativ mehr tun als große Unternehmen 216 tragen sie noch mehr zu einer Win-Win-Situation 217 für das gesellschaftliche Umfeld und das eigene Unternehmen bei. Diesen eindeutig positiven Entwicklungen zum Trotz scheinen grundlegende Probleme von und Ambivalenzen bezüglich CSR fort zu bestehen. Weiterhin kommt es so beispielsweise vor, dass Unternehmen, obwohl sie in umfassendem Maße soziale Verantwortung übernehmen, erhebliche Verfehlungen im Bereich ihrer Compliance bezüglich grundlegender gesellschaftlicher Institutionen aufweisen. Als Beispiel seien die im Global Compact engagierte Banken genannt, die durch fahrlässige Missachtung ihrer sozialen Verantwortung (gerade im Bereich der Transparenz von Produkten und Verantwortung gegenüber dem ihnen anvertrauten Eigentum) und in vielen Fällen sogar durch eklatante Verstöße gegen geltendes Recht eine Finanzkrise verursacht haben, die nunmehr weite Teile der Weltbevölkerung negativ betrifft. Dies ist nicht nur für die verantwortlichen, sondern auch für andere Unternehmen und CSR als Konzept freiwilliger Selbstverpflichtung als äußerst problematisch einzustufen, da das oben erwähnte Verdachtsmoment einer Instrumentalisierung zur Vermeidung von Kontrolle hierdurch bestätigt zu werden scheint. Fälle, in denen es zu groben Verstößen gegen Compliance kommt, erfahren zudem eine ‚mediale Überbelichtung’ im Vergleich zu erfolgreicher Übernahme von sozialer Verantwortung durch Unternehmen, was diesen Effekt deutlich verstärkt. Dabei ist zu befürchten, dass CSR-Maßnahmen vor dem Hintergrund von Compliance-Fehlern sogar negative Auswirkungen haben können, da sie eine journalistisch interessante Kontrastierung von Anspruch und Wirklichkeit unternehmerischen Verantwortungsbewusstseins geradezu herausfordern. Gerade ein ambitioniertes Verständnis von CSR, vor allem was die Transparenz unternehmerischen Handelns betrifft, scheint dieses Risiko jedoch erheblich mindern zu können. Fehler im Bereich Compliance lassen sich gerade in sehr großen Unternehmen nur sehr schwer komplett ausschließen. Daher haben gerade diese ein großes Interesse an einer möglichst frühzeitigen Einräumung, Korrektur und Einrichtung von Mechanismen zur Vermeidung dieser Fehler. Hiermit kann am ehesten sichergestellt werden, dass Gesellschaften in denen Unternehmen operieren, diesen trotz solcher Fehler weiterhin Vertrauen entgegenbringen. Vor dem Hintergrund, dass Unternehmen erkennen, dass das Risiko einer negativen Beeinflussung ihrer gesellschaftlichen Umgebung selbst bei

216 Polterauer 2008, S. 167. 217 Siehe Habisch 2003, S. 55.

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ausdrücklicher Bestrebung einer Minimierung weiterhin vorhanden ist, wird eine langfristige und auf Transparenz angelegte Inklusion sozialer Prozesse in Unternehmensprozesse immer attraktiver. In ihrem 2001 verabschiedeten Grünbuch „Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen“ definierte die Europäische Kommission CSR 2001 als „freiwillige Verpflichtung der Unternehmen, auf eine bessere Gesellschaft und eine sauberere Umwelt hinzuwirken.“ 218 Dieses freiwillige Engagement wurde 2006 deutlicher definiert, indem Unternehmen „als den Antriebskräften für Wirtschaftswachstum, Schaffung von Arbeitsplätzen und Innovation[…]bei der Realisierung der Lissabonner Ziele und des Ziels der nachhaltigen Entwicklung eine Schlüsselrolle“ 219 zugesprochen wurde. Auch im nationalen und regionalen Bereich wird immer stärker eine aktive Einbeziehung von CSR-Aktivitäten in politische Gestaltungsprozesse angestrebt. Beispiele im Bereich des deutschen Arbeitsmarktes sind Netzwerke im Rahmen der Initiative für Beschäftigung 220 , die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme durch Unternehmen zu etablieren versuchen. CSR-Aktivitäten finden zudem immer stärker vor dem Hintergrund verschiedener nationaler und internationaler Richtlinien und Abkommen 221 sowie Zertifizierungen – als Beispiel sei die ISO-Norm 26000 für Soziale Verantwortung 222 genannt – statt. Diese Entwicklungen sind Ausdruck einer zunehmenden juristisch-politischen Ausrichtung der Anforderungen an CSR. Die hieraus entstehenden Regimes haben zwar eher allgemeinen Charakter und können gerade in der Ermangelung ‚harter’ 223 Sanktionsmechanismen nur wenig Bindungskraft entfalten. Auch politische Akteure beschränken sich bisher – beispielsweise durch Preisverleihungen 224 - weitgehend auf die Setzung von positiven Anreizen für CSR. Dennoch scheint der politische Anspruch einer teilweisen ‚Steuerung’ durch die oben genannten Normierung unternehmerischer Selbstverpflichtung auf zukünftiges Konfliktpotential zu verweisen. So wurde von Interviewpartnern im Bereich von CSR (4.1.) auf die zentrale Wichtigkeit der

218 Europäische Kommission 2001, S. 4.

219 Europäische Kommission 2006, S. 3.

220 Siehe hierzu: Castellucci 2008.

221 Als Beispiele seien der UN Global Compact von 2000 (UN 2009), die Trilaterale Erklärung zu multinationalen Unternehmen und zur Sozialpolitik des Internationalen Arbeitsamts IAO (2001) und die OECD Leitlinien für Multinationale Unternehmen (OECD 2008) genannt.

222 Siehe hierzu ISO 2009.

223 Gerade bei verbraucherorientierten Unternehmen und im Hinblick auf eine immer dynamischere Nutzung von Massenmedien sollten jedoch auch ‚weiche’ Maßnahmen wie negative Berichterstattung nicht unterschätzt werden.

224 Wie zum Beispiel die ‚Preise für Deutschlands beste Arbeitgeber’ des Great Place to Work Institute in Kooperation mit dem BMAS, siehe GPWI 2009 und BMAS 13.02.2009.

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Freiwilligkeit von CSR verwiesen; ‚Rahmengesetzgebung’ zu gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen hingegen wurde als äußerst kritisch beurteilt. In Zukunft werden auch Zertifizierungsprozesse, firmeninterne Audits zur sozialen Performanz und Rating von CSR eine große Rolle bei der Beurteilung von CSR spielen. 225 Die Unternehmen selbst und immer stärker auch externe Akteure (Stakeholder, Shareholder, politische Akteure) haben hieran ein starkes Interesse, da sich hierdurch Vergleichswerte erschließen lassen und Vorreiter bei CSR identifiziert werden können. Aufgrund der immer solider werdenden Beweislage eines positiven Zusammenhangs von sozialem Engagement und generellem Erfolg von Unternehmen trifft dies auch für Shareholder immer mehr zu. Auch im Bereich ihres gesellschaftlichen Engagements stehen Unternehmen immer mehr im Wettbewerb mit anderen Unternehmen. Damit Gesellschaften hiervon profitieren können ist die Vergleichbarkeit verschiedener Engagements von höchster Bedeutung. Analysen, die Momentaufnahmen der jeweiligen sozialen Aktivitäten von Firmen liefern (zum Beispiel auf der Basis von CSR-Reports der jeweiligen Unternehmen 226 ), sind schon heute realisierbar. Forschungsansätze, die ‚Impacts’ – also: langfristige Auswirkungen sozialer Engagements von Unternehmen - darstellen können, sind jedoch erst im Entstehen begriffen 227 . Diese Arbeit will im empirischen Teil zu CSR (4.1.) auf Basis einer deskriptiven Darstellung hierzu weitere Impulse geben. Neben einer Erforschung von Impacts sollte jedoch schon möglichst früh damit begonnen zu werden, politische Ansprüche an beabsichtigte Auswirkungen von (und gerade nicht: konkrete Inhalte von) CSR zu formulieren. Dies scheint viel versprechend, da politische Akteure somit mehr ihre Rolle der ‚Regelsetzer’ mit starkem Bezug auf Ergebnisse einnehmen würden, ohne zu stark in unternehmerische Entscheidungen der Mittel- und Verfahrenswahl einzugreifen. Gerade aus wirtschaftsliberalen Unternehmenskreisen ist diese Forderung immer wieder vernehmbar. Hinzu kommt, dass eine klare Zielsetzung ex ante auch die Messung und Kommunikation von CSR ex post erleichtern würde: Eine objektivere Beurteilung gesellschaftlicher Performanz von Unternehmen wäre hierdurch besser möglich.

225 Siehe Schäfer 2008.

226 Siehe hierzu bspw.: E.ON 2007; Randstad 2008; Arcandor 2008.

227 Hamann 2007.

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3.3. Fazit

Die oben präsentierten Ansätze zeigen, dass politische Funktionslogiken in Wirtschaftsabläufe Einzug halten. Dies kann durch einen Strategie- und Mitteltransfer stattfinden, der bei SES beobachtbar ist. Oftmals ergibt sich hieraus eine profunde Hinterfragung und Umbewertung der Zielsetzung wirtschaftlicher Abläufe. In beiden Bereichen stellen verschiedene Formen von Sozialkapital immer wichtigere Ressourcen dar, die über den Erfolg ‚klassischer’ (CSR) wie ‚sozialer’ (SE) Unternehmungen entscheiden. Im Folgenden soll die Relevanz der hier identifizierten Funktionalitäten beider Ansätze generell und im Bezug auf ihre Relevanz für eine erfolgreichere Bearbeitung der Problematik struktureller Arbeitslosigkeit überprüft werden.

4. Empirische Lösungsansätze :Corporate Social Responsibility

Der nun folgende Teil der Arbeit soll illustrieren, wie sich deutsche Unternehmen auf freiwilliger Basis im Bereich der Bearbeitung von Problemstrukturen der Sockelarbeitslosigkeit engagieren. Zur empirischen Erhebung wurde dafür ein Ansatz verfolgt, der sich an der Form eines „verstehenden Interviews“ 228 orientierte. Hierzu wurde ein Weg zwischen der persönlichen und detaillierten ‚Tiefe’ einer Einzelfallstudie und der statistischen ‚Breite’ einer anonymen Studie mit hoher Fallzahl gewählt. Zur Auswahl der respektiven Unternehmen wurde auf ein möglichst niedriges Einstiegsqualifikationsniveau als Chance für die von Sockelarbeitslosigkeit betroffenen Menschen geachtet. Bestimmte Branchen (produzierendes Gewerbe, Einzelhandel, Zeitarbeit) wurden hierdurch besonders fokussiert. Dies gilt auch für Firmen, die Ihre Ansätze von CSR besonders stark kommunizieren. Diese stachen aus der unübersichtlich großen Menge an Unternehmen hervor und gerieten damit in den Vordergrund. Gleichzeitig bestätigte sich bei einigen der untersuchten Unternehmen sich der Befund, dass auch viele Unternehmen, die sich auf keine CSR-Strategie festgelegt haben beziehungsweise diese nicht kommunizieren sich - auch im Bereich von Arbeitsmarktproblemen - sozial engagieren. Für zukünftige Analysen (und einer zunehmenden Verbreitung von CSR bei Unternehmen) wäre daher die Konzentration auf einzelne Branchen ein sinnvoller Ansatz weiterer Untersuchungen. Eine weitere Möglichkeit, verschiedene

228 Kaufmann 1999.

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Engagements kompakter abzufragen, könnte zudem in Analysen von CSR- Rahmenprogrammen, die sich immer mehr im Rahmen der Unternehmerverbände entwickeln, liegen. Der nicht unerhebliche Aufwand, der betrieben wurde, um in verschiedensten Firmen Ansprechpartner zu identifizieren (telefonisch und per Email) und zu kontaktieren, hat sich - ausgenommen die unten präsentierten Unternehmen - nur bedingt ausgezahlt. Sofern eine begründete Absage erfolgte, wurde die erhebliche Menge an Anfragen als Begründung für die Nichtteilnahme an der Umfrage genannt. Bei vielen Firmen kam es trotz erheblichen Bemühungen nicht einmal zu einem Erstkontakt oder einer sich auf die Anfrage beziehenden Absage. Dies ist sowohl aus theoretischen Erwägungen von CC als auch aus pragmatischen Anforderungen an CSR nicht unproblematisch – schließlich wird ein möglichst umfassender Dialog mit Stakeholdern und eine Maximierung der Transparenz nach außen von theoretischer Literatur wie von Praktikern 229 als zentrale Komponente von CSR-Strategien identifiziert. Auch – und vielleicht durchaus gerade - bei Firmen mit extrem schlechter öffentlicher Reputation scheint wenig Interesse an solchen Stakeholderdialogen zu bestehen. Die teilnehmenden Unternehmen wurden im Voraus durch ein Abstract der Arbeit sowie einen einheitlichen Interviewleitfaden 230 über den intendierten Rahmen des Gesprächs informiert. Dies hat klare Nachteile, da zu befürchten ist, dass Gesprächspartner sich auf das Interview vorbereiten und sich somit beispielsweise recht eng an ‚Sprachregelungen’ halten, wodurch nur in einem gewissen Rahmen ein Einblick in die praktizierte Unternehmernskultur möglich wird. Die Vorabinformation der Gesprächspartner stellte jedoch ein ‚notwendiges Übel’ dar, da bei ersten Anfragen gegenüber CSR- und Unternehmenskommunikationsabteilungen grundsätzlich eine Gesprächsvorlage vorab gefordert wurde. Im Vergleich zu einer anonymen statistischen Erhebung ist dennoch zu beobachten, dass interessante Nuancen und persönliche Stellungnahmen der Gesprächspartner erhebliches Auskunftspotential bezüglich der CSR- Kultur im jeweiligen Unternehmen aufweisen. Durch ein flexibles und empathisches Frageverhalten, welches durch den Frageleitbogen strukturiert wurde, kam es zu persönlichen und offenen Gesprächssituationen. Die Suche nach Unternehmen mit Engagement im Bereich der Sockelarbeitslosigkeit gestaltete sich als schwierig. Neben der starken Dominanz von Ansätzen sozialer Arbeit in diesem Bereich (s.o.) ergibt sich dies aus dem Umstand, dass viele in Deutschland ansässige

229 Siehe hierzu bspw. E.ON 2007, Arcandor 2007 230 Siehe Anhang 1: Frageleitfaden CSR, S. A8-9.

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Unternehmen in bildungsintensiven Bereichen arbeiten, entsprechend hohe Anforderungen an potentielle Arbeitnehmer stellen und ihre Aktivitäten im Bereich der Human Resources (bspw. durch Outsourcing von Tätigkeiten, die nur geringe Qualifikation benötigen) darauf ausrichten. Viele CSR-Aktivitäten deutscher Unternehmen scheinen sich zudem auf den traditionellen Bereich der Umwelt zu beschränken. Diese Faktoren und auch die durch die Form der Arbeit vorgegebene Beschränkung möglicher Fallstudien führten zu einer Beschränkung auf 5 Unternehmen. Dabei wurden 2 große Kapitalgesellschaften (Randstad Deutschland, E.ON Deutschland) mit internationalen Mutterkonzernen, sowie 3 mittelständische Unternehmen (Breer Gebäudedienste, START NRW, Trigema) befragt. Aus dem Umstand, dass zwei Unternehmen in derselben Branche (Zeitarbeit) tätig waren, ergaben sich interessante Vergleichsmöglichkeiten (s.u.). Auch die Gegenüberstellung der mittelständischer Betriebe und Kapitalgesellschaften, gerade was die strategische Planung von CSR betrifft, ließ interessante Schlüsse zu. Mit 2 ‚Exoten’ konnten zudem eine klare Kritik des Themas CSR (‚Trigema’) sowie ein Beispiel für soziales Engagement als Kerngeschäft (‚START NRW’), also eine Hybrid-Form zwischen staatlicher Beschäftigungspolitik und Corporate Citizenship kontrastierend betrachtet werden. Die Formulierung eines theoretischen Bezugrahmens und eine Überprüfung war aufgrund der grundverschiedenen Ansätze und Konzeptualisierungen durch die Unternehmen nicht möglich 231 . Auch eine quantitative Bewertung der einzelnen Maßnahmen ist aufgrund weniger Vergleichsgrößen nur sehr subjektiv möglich. Die Fälle werden somit in der Form einer explorativen Studie präsentiert um ein ‚Kontinuum’ aufzuspannen, an welchem sich verschiedene Phänomene von CSR und ihre mögliche Relevanz für eine Bearbeitung von Problemen der Sockelarbeitslosigkeit abtragen lassen. Hierdurch können die oben theoretisch verordneten Aspekte der einzelnen Ansätze gefunden und auf ihre Bedeutung überprüft werden. Der Leitfragebogen sollte die Interviewpartner vor allem auf die Thematik einstimmen und zum Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge anregen. Im Interview selbst wurde den Partnern möglichst wenig Struktur vorgegeben; die Ergebnisse wurden dann nochmals anhand des auf konzentrierte Fragenkomplexe vereinfachten Fragebogens angeordnet (s.u.). Die Länge der Interviews, welche zwischen 18 und 47 Minuten stark variierten, lag bei einem Durchschnitt von knapp 24 Minuten (s.u.). Die Interviews wurden – bis auf E.On, wo dies auf

231 Auch bisher bestehende Studien müssen hierbei erhebliche Kompromisse eingehen; siehe Übersicht in Polterauer 2008, S. 176.

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Wunsch der Gesprächspartnerin unterlassen wurde aufgezeichnet. Die Vor- und Nachbereitung der Interviews erfolgte auf der Basis von Internetrecherchen und Kenntnisnahme der jeweiligen CSR- 232 sowie Geschäftsberichte 233 . Unklarheiten und offen gebliebene Fragen konnten durch erneuten telefonischen oder Email-Kontakt mit den Ansprechpartnern ausgeräumt werden. Nach erneuter Vorlage der fertigen Fallstudie wurde diese von den Gesprächspartnern (teils mit geringfügigen stilistischen Änderungen) zur Veröffentlichung freigegeben. Die nun folgenden Fallstudien präsentieren nach einer kurzen Übersicht zum „Kerngeschäft“ der jeweiligen Unternehmen deren Strategien im CSR-Bereich, und Positionen, die von Gesprächspartnern zu CSR bezogen wurden („CSR“). Hieran schließt sich dann jeweils eine Darstellung des beschäftigungspolitischen Engagements („Was sind konkrete Maßnahmen“) und was an den jeweiligen Aktivitäten als innovativ bewertet wurde („Was ist hieran innovativ?“) an. Der Komplex der gesellschaftlichen Austauschbeziehungen, in denen Unternehmen stehen, wird mit den Fragen „Wie wurde die Vernetzung mit staatlichen Akteuren bewertet?“ und „Wie wurde die Vernetzung mit sonstigen Akteuren bewertet?“ abgedeckt. Die Relevanz der Maßnahmen für von Sockelarbeitslosigkeit betroffene Menschen wurde unter „Welcher Impact auf die Zielgruppe ist zu antizipieren?“ verordnet. Die Korrelation von sozialer und wirtschaftlicher Wertschöpfung wird unter der Frage „Liegt ein Business Case vor?“ überprüft. Bei den Fallstudien zu START NRW und Trigema wurde in einigen Punkten von dieser Systematik abgewichen, um die Gesprächsinhalte adäquater präsentieren zu können. Die dahinter stehenden Fragestellungen blieben davon unberührt.

232 E.ON 2007, Randstad 2008. 233 START NRW 2007.

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4.1. Fallstudien

Unternehmen

Gesprächspartner

Interviewdauer

Breer Gebäudedienste

Karl Breer

0:44:27

E.ON Deutschland

Bianca Dönicke

0:25:00

Randstad Deutschland

Hanna Daum

0:47:16

START NRW

Wilhelm Oberste-Beulmann

0:29:26

Trigema

Wolfgang Grupp

0:18:37

 

Gesamtdauer alle Gespräche

2:00:19

 

Durchschnittliche Dauer

0:24:04

4.1.1. Breer Gebäudedienste GmbH

Gesprächspartner: Karl Breer Junior, Geschäftsführer Gesprächszeitpunkt: 21.01.2009, 17:00 Uhr Gesprächsart: Persönliches Interview Gesprächsdauer: 44:27 Minuten

Kerngeschäft Das Unternehmen besteht in der 4. Generation. Es beschäftigt ca. 1100 Mitarbeiter in mehreren Tochterunternehmen. Tätigkeitsfelder sind “Unterhaltsreinigung, Glasreinigung, Steinflächenveredelung, Bauabschlussreinigung, Gebäudemanagement, Klinikdienstleistungen, Hotelservice und Sonderdienste.” 234 Sich selbst versteht das Unternehmen wie folgt: “Jede unsere Leistung entspricht einem Prinzip: Breer verfolgt keine Standards, Breer setzt sie. Als eines der ältesten Gebäudereinigungsunternehmen Europas waren wir immer an der Spitze, wenn es darum ging, gemeinsam mit unseren Partnern eine Lösung zu erarbeiten.” 235

234 Breer 2007.

235 Breer 2007.

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CSR Soziale Verantwortung als Unternehmen kommt laut Gesprächspartner „aus der familiären Tradition und christlicher Überzeugung“. Das Unternehmen verstehe sich als „Familie“, was sich plastisch daran zeigen lasse, dass es Mitarbeiter gebe, die auch in der 3. Generation im Unternehmen tätig seien. Ein Konzept hätte man für die Teilnahme am Heidelberger Wettbewerb „Nachhaltiges Wirtschaften“ 236 mit Hilfe eines „Coachs“ erstellt; ansonsten ergäben sich Handlungen in diesem Feld aus strategischen und pragmatischen Entscheidungen. Die Ausbildung und Einstellung gehandicapter Jugendlicher sei aus akutem Personalmangel entstanden. Hierfür sei das durch den Berufstitel „Gebäudereiniger“ reputativ wenig „verankerte“ Gewerbe der Gebäudereineinigung verantwortlich gewesen. Aus dieser „Not“ heraus seien Kooperationen mit Förderschulen (Robert-Koch-Schule in Heidelberg) entstanden. Die Schule sei hierbei auf das Unternehmen zugekommen. Um eine möglichst niedrige Einstiegsmöglichkeit für lernbehinderte Jugendliche zu schaffen, habe man in Kooperation mit dem Handwerksverband ein Ausbildungsberuf unterhalb des Gesellenbriefs geschaffen („Gebäudereinigerhelfer“). Die hierbei erfolgten Auseinandersetzungen mit Innung und Gewerkschaften bezeichnete der Gesprächspartner als langwierig, da diese eine „Abwertung des Gesellenbriefs“ befürchtet hätten. Auch im Bereich älterer Arbeitnehmer übernehme das Unternehmen soziale Verantwortung durch die Einstellung und individuelle Betreuung von Personen, die ‚Problemgruppen’ angehören. Der Gesprächspartner nannte hierbei die Kooperation mit ‚Frauen helfen Frauen Heidelberg’, einer Organisation, die „gewaltbetroffenen [sic] Frauen” 237 Hilfe bietet. Letzteren biete man einen direkten Einstieg in das Berufsleben des 1. Arbeitsmarktes an. Als weiteren problemgruppenbezogenen Teil der Unternehmenskultur nannte der Gesprächspartner das Thema Diversity. Im Unternehmen seien Personen aus 58 Nationen tätig; für fast alle seien auf Führungsebene Ansprechpartner mit längerer Berufs- und Unternehmenserfahrung vorhanden. So sei es ganz selbstverständlich, dass man Mitarbeitern bei sprachlichen – jedoch auch bei organisatorischen, familiären juristischen oder sonstigen Problemen außerhalb des Berufs - helfe. Zudem verwies der Gesprächspartner auf Informationsveranstaltungen mit Hauptschulen. Hierbei versuche man, das Berufsbild gerade auch Lehrern vorzustellen und als solches überhaupt „wahrnehmbar“ zu machen.

236 Stadt Heidelberg 2009. 237 Frauen helfen Frauen Heidelberg e.V. 2008.

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Was sind die besonderen Vorteile dieser Maßnahmen? Was ist hieran innovativ? Ein klarer Vorteil besteht in der Arbeitsmarktnähe. Die Mitarbeiter werden direkt in ein normales Arbeitsverhältnis am 1. Arbeitsmarkt übernommen. Schwächen und Probleme würden durch eine möglichst unmittelbare Betreuung bearbeitet beziehungsweise vermieden. Hier gebe es natürlich Grenzen, was das Unternehmen leisten könne. Gerade bei älteren Mitarbeitern, die länger arbeitslos gewesen seien, ließen sich entstandene soziale Probleme wie fehlende Hygiene, Unpünktlichkeit oder Alkoholkonsum während der Arbeit nicht immer vom Unternehmen beheben. Dennoch könne man Mitarbeitern bei vielen Problemen helfen. So organisiere das Unternehmen beispielsweise für lernbehinderte Jugendliche schwerpunktmäßige Nachhilfe und Betreuung durch den Jugendlichen bekannte Lehrer.

Wie wurde die Vernetzung mit staatlichen Akteuren bewertet? Die Kooperation mit ARGE Heidelberg wurde negativ bewertet. Veranstaltungen, in denen die Firma Ihr Berufsbild und die Arbeitsplätze ALG II-Beziehern vorstellte, führten nur zu geringen Vermittlungserfolgen und nicht zu längerfristigen Beschäftigungsverhältnissen. Dies wurde vor allem auf die sehr hohe Quote von Schwarzarbeit in der Branche der Gebäudereinigung und bei haushaltsnahen Dienstleistungen in Privathaushalten zurückgeführt. Die Kontrolle von Wiedereingliederungsversuchen und Arbeitswilligkeit insgesamt wurde als schlecht eingestuft. Hier mache sich vor allem die hohe Betreuungszahl einzelner Fallmanager bemerkbar. Gepaart mit der Bedrohung rechtlicher Anfechtung von Bezugskürzung sei es für Fallmanager rein zeitlich kaum möglich, ihre Kunden zu betreuen. Aus diesen Gründen entstünden scheinbar auch langfristige Arrangements mit Bildungsträgern. Diese würden Eingliederungsförderungen in Anspruch nehmen, ohne dass es zu einer nachhaltigen Eingliederung komme. Bereits zur Veröffentlichung von Eingliederungsmaßnahmen seien deren Mittel schon fest vergeben gewesen. Betriebe, die eine nachhaltige Integration in den 1. Arbeitsmarkt mit paralleler Qualifizierung der Mitarbeiter anböten, würden hier nicht als Ansprechpartner erwogen. Im deutlichen Kontrast hierzu wurden die privaten Arbeitsvermittler genannt, mit denen das Unternehmen kooperiere. Diese hätten durch unmittelbare Betreuung und genaue Kenntnis des Unternehmens sowie dessen Anforderungen passendes Personal vermittelt. Gleichsam gäbe es auch sichtbare Verbesserungen bei der ARGE zu verzeichnen. Beispielsweise würden „Key-Accounter“ als feste Ansprechpartner angestrebt. Hier seien aus

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Sicht des Gesprächspartners jedoch noch deutliche organisatorische Verbesserungen möglich und nötig. Positiv bewertet wurde die Ausschreibungspolitik der Stadt Heidelberg. Dabei würden auch soziale Faktoren (wie die Ausbildungsquote) in die Auswahl von Unternehmen mit einbezogen. Dies sei ein gutes Anreizmodell für mehr soziale Investitionen durch Unternehmen. Die hierbei schon vorhandenen Möglichkeiten müssten jedoch deutlich besser kommuniziert und häufiger angewandt werden.

Wie wurde die Vernetzung mit (sozial-)wirtschaftlichen Akteuren bewertet? Insgesamt bestehe in Heidelberg eine sehr gute Kooperation zwischen Politik, Medien und Wirtschaftsunternehmen. Hierbei seien lokale „Vorreiter“ im Bereich CSR und Philanthropie („Hopp[…], Lautenschläger,[…]Tschira“) auch ein qualitativer und quantitativer Maßstab, der ein sehr hohes Niveau etabliert habe.

Welcher mögliche ‚Impact’ auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Die Gebäudereinigungsbranche ist eine Wachstumsbranche, die selbst in Krisenzeiten relative Stabilität bewiesen hat. Selbst bei niedriger Einstiegsqualifikation lässt sich ein relativ hohes Lohnniveau erzielen. Steuerfreie Zuschläge, Qualitätsprämien, Trinkgelder und Dienstwagen sind interessante Anreize für Arbeitnehmer. Zudem ist im Zuge immer komplexerer Reinigungsverfahren und –vorschriften für den Arbeitgeber ein hoher Anreiz der Weiterbildungsförderung gegeben. „Learning on the Job“ wird – gerade bei Schulabgängern – mit gezielter Förderung von Schwachstellen und der Bearbeitung von Lernstörungen kombiniert. Bis zu einem gewissen Grad können auch soziale Probleme vom Unternehmen bearbeitet werden. Durch einen flexiblen Einsatz der Mitarbeiter mit Einstieg in einfache Tätigkeiten bei gleichzeitiger Unterstützung durch fortgeschrittenere Mitarbeiter könne man hier auf individuelle Förderbedürfnisse eingehen. Auch die klare Ausrichtung auf die Zielgruppe Nichtmuttersprachler ist interessant. Die Kombination von Weiterbildungsmaßnahmen und dem Angebot der Kommunikation und Hilfestellungen in der jeweiligen Muttersprache (Rechtsberatung etc.) sind wegweisend.

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Liegt ein Business Case vor? Es liegt ein klarer Business-Case vor. Die Einstellung/ Qualifizierung von Minderqualifizierten entstand „aus der Not“, eines mangelhaften Arbeitskräfteangebot auf dem 1 Arbeitsmarkt. Dieses kann das Unternehmen durch sein soziales Engagement nachhaltig ausgleichen. Gleichzeitig habe sich bemerkbar gemacht, dass speziell geförderte Mitarbeiter eine überdurchschnittliche Verweildauer im Unternehmen und eine sehr gute Arbeitsmoral aufwiesen.

4.1.2. E.ON AG

Gesprächspartnerin: Bianca Dönicke; Corporate Responsibility Referentin/ Manager Gesprächszeitpunkt: 30.01.2009; 14:00 Uhr Gesprächsdauer: Ca. 25:00 Minuten Gesprächsart: Telefonisches Interview ohne Aufnahme (auf Wunsch der Interviewpartnerin)

Kerngeschäft “Mit Leistung und Engagement sind wir auf dem Weg, unsere Vision Wirklichkeit werden zu lassen: E.ON wird das weltweit führende Strom- und Gasunternehmen. Bereits jetzt sind wir mit knapp 69 Mrd. EUR Umsatz und fast 88.000 Mitarbeitern der größte private Energiedienstleister.” 238 Der Inhalt der Corporate Responsibility-Strategie des Unternehmens sei hierbei laut Gesprächspartnerin gleichsam die Selbstverpflichtung zu verantwortungsvollem Handeln wie Garant für einen Unternehmenserfolg in finanzieller Hinsicht.

C(S)R Die CR-Strategie der E.ON AG sei der Gesprächspartnerin zu Folge nur mittelbar mit der Bestrebung der Verbesserung von Unternehmenskommunikation verbunden. Vielmehr werde die Integration von „Corporate Responsibility“ in das Kerngeschäft angestrebt. Hierbei verstehe man sich sowohl „global Citizen“ als auch als „guter Nachbar vor Ort“. Diese Ziele ließen sich durch Transparenz und dialogische Kommunikation mit Stakeholdern (Investoren, Mitarbeiter, Kunden, NGOs, Kommunen, regionale Gemeinwesen, etc.) realisieren. E.ON lege

238 E.ON 2009a.

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besonders viel Wert darauf, durch die Kommunikation mit Stakeholdern zu lernen und gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Eine „Materiality-Analyse“ 239 , und regelmäßige „Stakeholderdialoge“ 240 , die die Bedeutung einzelner Themen für E.ON und seine Stakeholder verordneten, würden hierbei zur Orientierung dienen. Die Schaffung von Vertrauen bei den Stakeholdern sei dabei zentrales Ziel von CR. Die Verwendung von Corporate Responsibility (statt Corporate Social Responsibility) sei auf ein breites Verständnis von „social“ im Sinne der Verantwortung gegenüber gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen hindeuten, das im Deutschen Sprachgebrauch nicht selbstverständlich sei. Hierbei sei der Umweltbereich für ein Energieunternehmen ein vorrangiger Anatzpunkt. Der CR-Ansatz werde in den Untergliederungen von verschiedenen Abteilungen verfolgt. Die CR-Abteilung per se sei vor allem im Bereich Beratung und Evaluation tätig und unterstützte die einzelnen Abteilungen.

CR und Beschäftigung Das Unternehmen bilde laut Gesprächspartnerin grundsätzlich über Bedarf aus. E.ON sei in bundesweite Initiativen wie dem Bündnis für Arbeit und die Ausbildungsinitiative mit Projekten im Bereich Einstieg in die Arbeitswelt (Eida), und Gleichstellung von behinderten Auszubildenden („Gleiche Chancen für alle“) 241 involviert. Im direkten Bezug auf die Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen engagiere sich das Unternehmen mit seinem Projekt „Mit Energie dabei“ für die Herstellung von Ausbildungsfähigkeit bei benachteiligten Jugendlichen. Hierbei nutze E.ON seine Kontakte zu Betrieben vor Ort sowie sein Know-how um 550 Jugendlichen durch eine 3-monatige Lehrgangsphase und ein 7-monatiges Betriebspraktikum eine Übernahme in ein Ausbildungsverhältnis zu ermöglichen. Die Übernahmequote des Projektes wurde mit 80% als äußerst erfolgreich bewertet. Auch im Bereich der Ausbildungsorientierung habe man sich mit dem Projekt „Kraftpaket Ausbildung“ 242 durch Informationsveranstaltungen an Schulen stark engagiert. Diese und weitere Ausbildungsmaßnahmen von Untergliederungen würden zudem finanziell unterstützt.

239 E.ON 2007, S. 2.

240 E.ON 2009b.

241 E.ON 2009c.

242 E.ON 2009d.

58

Was sind die besonderen Vorteile dieser Maßnahmen? Was ist hieran innovativ? Die Maßnahmen finden – durch die Kooperation mit Betrieben – nahe am 1. Ausbildungsmarkt statt. E.ON übernimmt dabei vor allem die Rolle eines Mittlers, da es an seinen Standorten über gute Unternehmenskontakte, erhebliches Know-how und finanzielle Ressourcen verfügt.

Wie wurde das Verhältnis zu sonstigen Akteuren charakterisiert? Das Verhältnis zur Politik wurde von der Gesprächspartnerin als positiv gewertet. Als DAX- Unternehmen werde E.ON zu politischen Entscheidungs- und Durchführungsverfahren gehört (beispielsweise zum Konjunkturpaket der Bundesregierung); Politiker würden wiederum vom Unternehmen zur Berichterstattung oder Veranstaltungen eingeladen. Entscheidend im Verhältnis von Politik und Wirtschaft sei eine adäquate Rollenverteilung und für beide Seiten der Anspruch, flexibel und innovativ zu handeln. Im Bezug auf Corporate Responsibility schienen die Bundesministerien laut Gesprächspartnerin immer mehr Interesse an diesem Thema zu zeigen; dabei sei die Koordination zwischen einzelnen Ressorts noch ausbaufähig. Generell mangele es manchmal in der politischen Diskussion an Trennschärfe zwischen wirklicher CSR und Öffentlichkeitsarbeit. Eine gezielte staatliche Förderung von CSR sei genau zu überlegen; dabei müsse sehr stark auf Qualität geachtet werden (gerade im Bereich von Preisverleihungen etc.); wirtschaftspolitische Maßnahmen (wie Steuervorteile für sozial verantwortungsvolle Unternehmen) wären ein möglicher Ansatz; Dabei müsse jedoch auf Nachhaltigkeit durch Langfristigkeit sozialer Engagements und die Vermeidung von Ausweichreaktionen geachtet werden. Eine möglichst liberale Wirtschaftspolitik sei für E.ON die beste Möglichkeit, sich auf eine möglichst ausgedehnte CR zu konzentrieren. Die Aufgaben und Projekte seien zwar zu großen Teilen abhängig von der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens. Gleichsam sei der Unternehmenserfolg als solcher und damit auch die finanzielle Situation des Unternehmens stark vom Erfolg der CR-Strategie abhängig. Die Vernetzung mit anderen wirtschaftlichen Akteuren im CR-Bereich charakterisierte die Gesprächspartnerin äußerst positiv. Im Rahmen verschiedener Organisationen und Initiativen (UN Global Compact 243 ; econsense 244 ; Initiative für Beschäftigung; Deutsche Gesellschaft für Personalführung) hätten sich produktive Foren

243 UN 2009.

244 Econsense 2009.

59

ergeben,

austausche.

in

denen

man

sich

über

die

Bearbeitung

beschäftigungspolitischer

Themen

Welcher mögliche ‚Impact’ auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Das Unternehmen engagiert sich besonders stark für die Gruppe der Jugendlichen. Hier werden jedoch (gerade für ein höchst technologisches Unternehmen) äußerst ambitionierte Ziele verfolgt. E.ON nutzt seine Kontakte im Standortumfeld, um Ausbildungsfähigkeit herzustellen und geht hiermit über die Zielsetzung politischer Initiativen (die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen für ausbildungsfähige Jugendliche) hinaus. Somit ist es möglich einer Personengruppe, bei der bisher stark auf intensive Förderung durch Soziale Arbeit gesetzt wird, durch private Hilfestellung Grundbefähigungen für eine Integration in den 1. Ausbildungsmarkt und eine deutlich bessere Perspektive für den 1. Arbeitsmarkt zu verschaffen.

Liegt ein Business Case vor? Ja, aber nicht immer direkt. Das Unternehmen kann aus seinen Aktivitäten zur Verbesserung von Ausbildungschancen keinen unmittelbaren Profit generieren. Gleichsam zeigt das Unternehmen, dass es – weit über eine bloße Finanzierung hinaus – auch bei einem für das Kerngeschäft nicht unmittelbar wichtigem Problem - soziale Verantwortung übernimmt. Hieraus ergeben sich im Rahmen der Aktivitäten wertvolle Verbindungen in gesellschaftlichen Bereich wie Schulen und Partnerbetriebe mit denen das Unternehmen deutliche Gewinne im Bereich ‚Vertrauen/ Reputation’ und ‚Zukunftssicherheit’ erzielen kann.

4.1.3. Randstad Deutschland

Gesprächszeitpunkt: 09.02.2008, 10:00 Uhr Art des Gesprächs: Telefoninterview Dauer des Gesprächs: 47min. Gesprächspartnerin: Hanna Daum, National Coordinator CSR

Kerngeschäft

Das

Kundenbedürfnissen“, nämlich einerseits

60

Kerngeschäft

wurde

von

der

Gesprächspartnerin

Kundenbetrieben

als

„Matching

von

andererseits

und

Zeitmitarbeitnehmern identifiziert. Detaillierte Kenntnis beider Märkte sei für Randstad der Schlüssel erfolgreicher und professioneller Arbeit. Zudem konzentriere sich Randstad auch auf die „Optimierung“ der Anforderungen und Kompetenzen beider Seiten. Dabei sei die „Entwicklung von Talenten“ auf der Seite der Zeitarbeitnehmer der Schlüssel für ein möglichst passgenaues Eingehen auf die Kundenbedürfnissee. In Verbindung mit einer gezielten Analyse des Marktes liege hierin auch die nachhaltige Sicherung des Geschäfts. Hierbei sei gerade die zeitliche Dimension entscheidend. Das Wissen darum, was in 5 Jahren am Markt nachgefragt werden werde, wurde hierbei als entscheidender Vorteil beurteilt.

CSR Das Mission-Statement von Randstad wurde von der Gesprächspartnerin als „Wir entwickeln Talente in Wirtschaft und Gesellschaft“ identifiziert. Die Corporate Social Responsibility- Strategie sei in einem Management-Beschluss verankert. Sie sei durch Marktrecherche und Workshops mit Mitarbeitern erarbeitet worden. Anschließend habe man die Strategie und ihre Ziele klar kommuniziert; Randstad wolle sich als Marktführer auch hieran messen lassen. Im Bereich der Regimebildung zur Selbstverpflichtung ist die Randstad Holding nv Mitglied im Global Compact. Dessen Bestimmungen haben somit für alle Untergliederungen Gültigkeit. Randstad Deutschland ist Unterzeichner der Charta der Vielfalt 245 , die Nicht-Diskriminierung als Unternehmensziel festlegt. Zertifikate und Regimes müssten jedoch laut Gesprächspartnerin auch zum Unternehmensbild passen. Dabei seien auch nationale Kontexte von starker Relevanz. Eine zielgerichtete Organisation von Selbstverpflichtung sei in weniger regulierten Arenen [„China“] sicher sinnvoll, im deutschen (Arbeits-)Markt jedoch eher obsolet. Versuche politischer Einflussnahme auf die Standardisierung von CSR wurden äußerst kritisch bewertet. Die Gesprächspartnerin bezeichnete Randstad als „Teil der Gesellschaft“. Als solcher stelle man sich die Frage, was das Unternehmen tun könne, um gesellschaftliche Probleme mit zu bearbeiten. Randstad wolle „Markt- und Meinungsführer“ sein. Randstads Engagement gehe daher deutlich über das anderer Marktteilnehmer hinaus. Hieraus ergebe sich beim Thema CSR ein inhaltlicher Vorsprung. Innovationen wie die Randstad-Stiftung untermauerten diese Strategie. Das Unternehmen verfolgt die Integration von CSR ins Kerngeschäft 246

245 Jablonski 2009. 246 Randstad 2009, S. 2.

61

CSR und Beschäftigung Zeitarbeitsunternehmen übernähmen, so die Gesprächspartnerin, inzwischen Teile der Berufsausbildung, da Betriebe sich nicht in der Lage sähen, dies zu tun. Gerade im Bereich der Aktualisierung/ Adaption der Qualifikationen an den aktuellen Arbeitsmarkt seien Zeitarbeitsunternehmen Spezialisten. Daher sehe sie große Chancen auch bei der Beschäftigungsförderung von älteren Arbeitnehmern, die über am Markt nicht mehr nachgefragte Kenntnisse verfügten. Die verschiedenen Niederlassungen verfolgten unterschiedlichste lokal nachgefragte Einzelprojekte 247 , gerade im Austausch mit lokalen ARGEN und Bildungsträgern. Mit der 2005 gegründeten Randstad-Stiftung versuche das Unternehmen Arbeitsmarktforschung ins Geschäft einzubringen. Hieraus sei beispielsweise das Projekt ‚Alltagsengel’ in Kooperation mit der Optionskommune Wiesbaden entstanden. Im inzwischen von der Arbeiterwohlfahrt fortgeführten Projekt würden von Langzeitarbeitslosen haushaltsnahe Dienstleistungen erbracht. Hierdurch würden diese in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse gebracht und die in diesem Bereich stark verbreitete Schwarzarbeit verringert. Das durch das IFO-Institut München wissenschaftlich begleitete Projekt konnte sehr gute Übernahmequoten und Reintegrationschancen darstellen 248 . Randstad habe es weiteren Optionskommunen zur Verfügung gestellt. Auch bei der Adressierung von Jugendarbeitslosigkeit ist Randstad mit den Projekten „‚Du bist ein Talent‘ – Hauptschulpatenschaften“ sowie „Job Coach“ (an Berufschulen) aktiv 249 . Die Praxisnähe des Unternehmens und Kenntnisse über lokale Arbeitsmärkte seien zwei wichtige Elemente. Die Lehrer, deren Kompetenz der Arbeitsplatz- und Ausbildungsplatzberatung von Schülern oft nicht akzeptiert würden, könnten hierdurch entlastet werden, was ein sehr positives Echo erzeuge. Gleichsam ergebe sich für Randstad ein Werbeeffekt als attraktiver Arbeitgeber. Ein weiterer Baustein der Strategie des Unternehmens sei konsequentes „Lernen im Job“: Durch Qualifizierung und Zertifizierung der Arbeitnehmer während der Arbeit im Kundeneinsatz könne ein hohes Ausbildungsniveau und hohe Übernahmeraten in Kundenbetriebe erzielt werden. Zudem kooperiere man mit Microsoft beim Projekt IT-Fitness (Vermittlung von Computerkenntnissen). Hier sei man auf nationaler Ebene mit 9 Partnern aktiv. Da das Thema

247 Siehe hierzu Randstad 2009, S. 15ff.

248 Siehe hierzu Jäckle et. al. 2008.

249 Randstad 2009, S. 16.

62

für die Zukunft zentral sei, habe man es als Schwerpunkt herausgegriffen. Man habe sich auf ein 4-jähriges Engagement festgelegt.

Wie wurde die Kooperation mit staatlichen Akteuren bewertet? Die Kooperation mit staatlichen Akteuren der Beschäftigungspolitik wurde als durchweg positiv bewertet. Dies liege an der traditionellen Kooperation der 530 lokalen Niederlassungen mit lokalen Arbeitsagenturen. Die Pflege und der Ausbau dieses partnerschaftlichen Verhältnisses sei ein zentraler Unternehmenswert und werde beispielsweise durch Veranstaltungen und regelmäßigen Austausch im „Arbeitsmarktdialog“ 250 auf verschiedenen Ebenen aktiv gefördert.

Wie wurde die Vernetzung mit sonstigen Akteuren bewertet?

Politik Die Branche der Zeitarbeit verfüge in Deutschland weiterhin über wenig gesellschaftliche Akzeptanz. Dies habe auch Einfluss auf das Verhältnis zur Politik. Kommunikation mit Politik werde vom Unternehmen als Wissenstransfer verstanden, weniger als Lobbying. Randstad erlebe ein großes Informationsdefizit bei Politik und Medien. Dass Zeitarbeitgeber „konventionelle Arbeitgeber“ mit den in Deutschland üblichen Verpflichtungen seien, würde kaum wahrgenommen. „Unwissen über Zeitarbeit“ – in Hinsicht auf ihre Funktionsweise wie gerechtigkeitstheoretische Erörterungen - sei in Deutschland sehr konstant, was nicht zuletzt an einer gegenüber der Zeitarbeit sehr kritikfreudigen Medienlandschaft liege. „Schwarze Schafe“ der Branche bestimmten vergleichsweise stark und lange die öffentliche Darstellung der Branche. Als Grund vermutete die Gesprächspartnerin eine gewisse „Sozialromantik“, die sich im Streben nach „Verteilungsgerechtigkeit“ äußere. Das Zunehmen von Randbelegschaften werde dabei stark überbetont und sei faktisch nicht belegbar. Die Stornierung von Kundenaufträgen in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs werde als etwas Schlechtes dargestellt, obwohl Zeitarbeitnehmer ins Zeitarbeitsunternehmen zurückkehren, wo sie dann bezahlt und weitergebildet würden. Die Gewerkschaften seien in vielen dieser Fragen einerseits ein starker Partner, aber auch ein starker Gegenspieler. Sie fänden aus Sicht der Gesprächspartnerin keine

250 Randstad 2009, S. 47.

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schlüssige Haltung zur Zeitarbeit und seien generell wenig innovativ, was Fragen wie den Erhalt von Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitglieder beträfe. Gleichsam fände eine produktive Auseinandersetzung sowie intensive Zusammenarbeit mit Gewerkschaften statt. Randstad bemühe sich zum Beispiel, tarif- und arbeitsrechtliche Forderungen besonders früh zu adressieren.

Wirtschaftsakteure Die Gesprächspartnerin empfand den Austausch zwischen verschiedenen Unternehmen im Bereich CSR als sehr offen. Im Vergleich mit früheren Tätigkeiten in anderen Bereichen beurteilte sie diese Offenheit als fast unbeschränkt. Auch „was [im eigenen Unternehmen im Bereich CSR] nicht funktioniert“ werde offen ausgetauscht und besprochen. Die Firmen scheinen ein großes Interesse zu haben, im Austausch miteinander Best Practices zu identifizieren und zu entwickeln. Auch im Bereich theoretischer Diskussion (Labelling, Zertifizierungen etc.) werde intensiv diskutiert. Reger Austausch mit Kunden sei aus den oben genannten Gründen selbstverständlich.

Welcher mögliche ‚Impact’ auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Die zu erwartende Wirkung ist sehr hoch, vor allem in der Zukunftsperspektive. „Arbeitsfähigkeit und –willigkeit“ muss bei den Adressaten jedoch vorhanden sein; die „Wahrnahme arbeitsrechtlicher Verpflichtungen“ ist ein absolutes Muss. Die Gesprächspartnerin wies darauf hin, dass wirtschaftliche Gesichtspunkte hierfür ausschlaggebend seien – man sei ein Wirtschaftsunternehmen und kein „gemeinnütziger Verein“. Der Erfolg des Wiesbadener Modells sei gerade auf die Einbeziehung Randstads bei der Auswahl geeigneter Kandidaten auf Basis der oben genannten Parameter zu erklären. Vor dem Hintergrund dieser Einschränkungen bestätigte die Gesprächspartnerin jedoch, dass im Bereich soziale Integrationsleistungen sicher Entwicklungspotential für die Zukunft liege. Eine weitere Definition des Mission-Statements „Förderung von Talenten“ sei hierbei sicher überdenkenswert. Die ambitionierte Strategie, die bis ins Jahr 2010 geplant ist, setzt auf Ausbau und Kontinuität der laufenden Projekte zum Thema Bildung & Qualifizierung, demographischer Wandel und die Verringerung von Emissionen. Randstads „beschäftigungspolitischer Ansatz“ hat – aus unternehmerischen Interessen heraus- starke Zukunftsorientierung, während politische Maßnahmen oftmals aktuelle Themen bearbeiten müssen. Erhebliches gesellschaftliches Engagement nahe am Kerngeschäft verspricht

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kompetente und nachhaltige Bearbeitung der selbst gestellten Aufgaben. Hierdurch verringert sich die Gefahr, dass CSR zum bloßen Instrument von Unternehmenskommunikation in Form von PR verkümmert. Gleichsam ist gesellschaftliches Engagement damit stark abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens. Gerade im Bereich Geringqualifizierter Arbeitsnehmer könnte dies bei einer verstärkten Abwanderung solcher Arbeitsplätze ins Ausland zum Problem werden. Gleichsam scheinen viele Bereiche, in denen solche Arbeitsplätze entstehen könnten noch unzureichend bearbeitet (z.B. personennahe Dienstleistungen, s.o.). Ein stärkeres Engagement weiterer Anbieter wäre aus äußerst wünschenswert, weil hierdurch eine noch bessere Flächendeckung und die Qualität steigernder Wettbewerb etabliert würde.

Liegt ein Business Case vor? Der Business-Case lässt sich in mehreren Kategorien deutlich nachweisen. Soziale Engagements führen zu besserer Kenntnis des Marktes und durch weite gesellschaftliche Vernetzung zu deutlichen Vorteilen im Vertrieb. Partnerschaften zu und die Verfestigung des Kontaktes mit Kundenbetrieben sowie gute Zusammenarbeitsstrukturen mit lokalen ARGEN wurden hier als Beispiele genannt. Auch gegenüber Zeitarbeitnehmern könne sich Randstad als attraktiver Arbeitsgeber präsentieren und Branding betreiben. Hier seien als Beispiel Partnerschaften mit Haupt- und Berufschulen genannt. Die CSR-Strategie ist zudem eine klare Sicherheitsstrategie; gerade im Hinblick die Zukunft sichert eine aktive Involvierung in gesellschaftliche und politische Prozesse das Unternehmen gegen Unwägbarkeiten der Zukunft ab. Die Einhaltung und Verbesserung sozialer Standards macht das Unternehmen attraktiv und sorgt für eine bessere Mitarbeitermotivation.

4.1.4.START Zeitarbeit NRW GmbH

Gesprächspartner: Wilhelm Oberste-Beulmann, Vorsitzender der Geschäftsführung Gesprächszeitpunkt: 14.01.2009, 11:00 Uhr; 18.02.2009; 09:30 (Nachfragen zum 1. Interview; ohne Aufnahme) Art des Gesprächs: Telefoninterview Dauer der Gespräche: 19:26 Minuten + ca. 10 Minuten (Nachfragen).

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Kerngeschäft und CSR START NRW ist ein privatwirtschaftliches Zeitarbeitsunternehmen (Rechtsform: GmbH), welches durch eine Initiative des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Arbeit, Soziales und Gesundheit zusammen mit mehreren am Arbeitsmarkt tätigen Akteuren 251 (Städtetag, Städte- und Gemeindebund, DGB; LAGV Metall NRW…) nach Aussage des Gesprächspartners „auf breiten Füßen“ gegründet wurde. “START beschäftigte 2007 im Jahresdurchschnitt ca. 2.700 Zeitarbeitnehmerinnen und Zeitarbeitnehmer sowie 160 interne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Niederlassungen und der Zentrale.” 252 Die Hybridität der Form (Staatliche Gründung, aber keine staatlichen Mittel) gibt auch der Qualität unternehmerischer Verantwortungsgestaltung eine besondere Bedeutung. Dadurch, dass Kerngeschäft und CSR-Aktivitäten möglichst weitgehend deckungsgleich sein sollen, ergibt sich ein spezieller Ansatz zwischen „Sozialem Unternehmen” und „Corporate Citizen”. Das Kerngeschäft besteht in der Einbeziehung der Integration von Langzeitarbeitslosen in den 1. Arbeitsmarkt über Zeitarbeit. Dabei ist ein intendierter „Drehtüreffekt“, also: die möglichst schnelle Integration des Zeitarbeitnehmers in einen Kundenbetrieb zentrales Merkmal der Arbeitsweise: „Von der Gründung des Unternehmens 1995 bis zum 31. Dezember 2007 hat START 25.941 zuvor Arbeitslose als Zeitarbeitnehmer eingestellt. Davon gehörten 15.908 einer Zielgruppe an. Das entspricht einem durchschnittlichen Zielgruppenanteil von 61,3 Prozent. Die Übernahmequote lag in diesem Zeitraum bei durchschnittlich 44,6 Prozent“ 253 . Bei einer Übernahme in den Kundenbetrieb fielen dabei keinerlei Vermittlungsgebühren an. Als intendiert privat gegründetes Wirtschaftsunternehmen müsse das Unternehmen sich am Markt behaupten und gleichzeitig die selbst gesetzte soziale Mission erfüllen. Innovation sei hierbei ein zentrales Alleinstellungsmerkmal. START NRW sei laut Gesprächspartner das erste Zeitarbeitsunternehmen gewesen, das einen einheitlichen Tarifvertrag für Zeitarbeitnehmer und interne Mitarbeiter aufgelegt habe. Das Design der Lohngruppen und über dem Branchendurchschnitt liegende Verdienstmöglichkeiten seien für Arbeitnehmer attraktiv. Für das Unternehmen selbst seien sie eine Absicherung gegen etwaige Unsicherheiten am Markt, wie die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal sei ein beidseitiger Qualifizierungsanspruch, der ein besonderes Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und –geber konstituiere und für die vormals

251 Siehe START NRW 2007, S. 4, „Gesellschafter“ für eine komplette Übersicht.

252 START NRW 2009.

253 START NRW 2007, S. 6.

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Langzeitarbeitslosen eine deutliche Verbesserung der Chancen am 1. Arbeitsmarkt darstelle, da diese mit hochwertige Weiterbildungsdienstleistungen erhielten. Mit der Vermittlung von inzwischen 360 Ausbildungsplätzen (15% Ausbildungsquote) in nordrhein-westfälische Partnerbetriebe, die alle über Bedarf ausbilden, versuche das Unternehmen Jugendlichen mit Berufseinstiegsproblemen eine Berufsausbildung und die Perspektive auf einen Berufseinstieg über die Zeitarbeit zu ermöglichen. Für Partnerbetriebe ergebe sich der Vorteil nur 50% der Ausbildungsvergütung zahlen zu müssen. START NRW übernehme zudem zahlreiche administrative sowie ausbildungsbegleitende Maßnahmen. Auch im für die Zukunft äußerst wichtigen Themenkomplex der Gesundheitsförderung und Erhaltung von Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitern sehe sich START NRW als Vorreiter; gerade bei Langzeitarbeitslosen seien diese Aspekte für eine nachhaltige Integration besonders wichtig. Soziale und psychologische Probleme könne das Unternehmen jedoch nicht bearbeiten. „Arbeitsfähigkeit und –willigkeit“ seien Vorraussetzung. Eines der wichtigsten Merkmale sah der Gesprächspartner in der Kommunikation mit Arbeitnehmern und Kunden. Hierbei werde geachtet auf: Vorstellung der Mitarbeiter beim Kunden; Betreuung der Kunden, sowie dem Abbau von Berührungsängsten und Defiziten. Gerade bei Langzeitarbeitslosen sei eine intensive Begleitung des Wiedereinstiegs von besonderer Wichtigkeit, in der Branche jedoch keine Selbstverständlichkeit. Aus der zunächst aufwändigen Betreuung ergebe sich für das Unternehmen gleichzeitig der Nutzen, dass besser auf Kundenwünsche eingegangen, Nachqualifizierungen vorgenommen oder Probleme frühzeitig ausgeräumt werden könnten.

Was sind die besonderen Vorteile dieser Maßnahmen? Was ist hieran innovativ? START NRW schafft es, Langzeitarbeitslose mit qualifikatorischen Vermittlungsproblemen ohne zusätzliche öffentliche Ausgaben nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Innovativ hierbei ist, dass die Flexibilität von Zeitarbeit durch tarifliche Absicherung und intensive Betreuung verbunden wird. Bei der Gruppe der Jugendlichen, die länger als 1 Jahr auf einen Ausbildungsplatz warten, sind Gruppen mit besonderen Schwierigkeiten überdurchschnittlich vertreten (30% mit Migrationshintergrund), was auf die Bearbeitbarkeit auch besonders schwieriger Fälle hindeutet. Die intensive Betreuung von Langzeitarbeitslosen und die gleichzeitige Nähe zum Markt schaffen es, nicht unerhebliche Bereiche struktureller Arbeitslosigkeit ohne zusätzlichen Kosten zu adressieren.

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Wie wurde die Kooperation mit staatlichen Akteuren bewertet? Die Positionierung als „Unternehmung, die es allen [Politik, Gewerkschaften, Kundenunternehmen] recht macht” sorge nach Aussage des Gesprächspartners für ein sehr harmonisches Verhältnis nach allen Seiten. Kritisch gesehen wurde jedoch die Betreuungssituation bei ARGEn und Optionskommunen. Hier sei es Mitarbeitern aus Zeitgründen nicht möglich, beispielsweise Rahmenbedingen von Arbeitsplätzen und die Eignung für den jeweiligen Arbeitnehmer zu prüfen oder Langzeitarbeitslose weiter zu betreuen. Für (nachhaltige) Vermittlung seien nahe am Markt operierende Institutionen somit besser geeignet. Dies zeige sich plastisch an der nicht zufrieden stellenden Entwicklung der Personal-Service-Agenturen. Hier würde zu breit, ohne Kontrolle und ohne Konzentration auf eine bestimmte Zielgruppe gefördert, was zu unbefriedigenden Vermittlungsergebnissen und einem „Verpuffen“ der eingesetzten Mittel führe.

Wie wurde die Vernetzung mit sonstigen Akteuren bewertet? Die Vernetzung mit Kunden sei sehr gut. Die Generierung von Sozialem Kapital 254 gehe von der „Überzeugung von Kunden zur Zeitarbeit“ aus. Durch die oben genannten Alleinstellungsmerkmale würden Kunden langfristig gebunden. Gleichzeitig komme es zu einem regelmäßigen Austausch, was Anforderungen der Mitarbeiter, Qualifikation der Mitarbeiter, Anforderungen der Kunden etc. betrifft.

Welcher mögliche ‚Impact’ auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Der Gesprächspartner wies deutlich darauf hin, dass START NRW durch die oben genannten Einschränkungen nur einen „Beitrag“ zum Abbau der Sockelarbeitslosigkeit in bestimmten Gruppen leisten könne. Dass bisher keine Skalierung des Ansatzes auf andere Bundesländer erfolgt sei liege, laut Gesprächspartner, in deren Auffassung, „den Ansatz nicht zu brauchen“ begründet.

Liegt ein Business Case vor? Die Frage trifft dadurch, dass sozial verantwortliches Handeln das Kerngeschäft darstellt, nur bedingt zu. Das Verkaufsargument „soziales Engagement“ würde laut Gesprächspartner als

254 START NRW 2007, S. 4.

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solches nicht benutzt. Auch Kundenbetriebe würden nicht mit der sozialen Ausrichtung von START NRW als Partner werben. Somit profitiert START NRW nicht unmittelbar von seinem sozialen Engagement. Gleichsam ergeben sich durch den Zwang zu Innovation aus den oben genannten Gründen einer doppelten Mandatierung sozialen und geschäftlichen Erfolgs deutliche Vorteile für das Unternehmen im Bereich der Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit. Auch das Element der Zukunftssicherung durch frühzeitige Etablierung von sozialen Standards wurde vom Gesprächspartner als wichtiger Wettbewerbsvorteil genannt.

4.1.5. TRIGEMA GmbH & Co. KG

Gesprächspartner: Wolfgang Grupp (Inhaber) Gesprächszeitpunkt: 10.02.2009. 10:00 Uhr Gesprächsdauer: 18:37 Art des Gesprächs: Telefoninterview

Kerngeschäft “Obwohl die Textilbranche in den letzten 30 Jahren mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, sind wir stolz, diese Jahre erfolgreich gemeistert zu haben. Wir konnten nicht nur die Arbeitsplätze halten, sondern haben diese in den letzten Jahren auf 1200 erhöht. Ich betrachte es als meine Pflicht, meine Mitmenschen in den Arbeitsprozess einzubeziehen und unsere Arbeitsplätze auch in Zukunft zu sichern. Wir dürfen nicht noch mehr Arbeitsplätze abbauen, verdiente Mitarbeiter auf die Straße schicken und der Jugend keine Perspektiven mehr bieten. Der Arbeitslohn ist auch in Deutschland nicht zu teuer, wenn Arbeitskraft richtig eingesetzt wird, wenn die Arbeitnehmer motiviert sind und die Leistung in ein verkaufbares Produkt eingeht. Bedingungen dafür zu schaffen ist die Aufgabe von uns Unternehmern. Nicht Macht, Marktanteile und Größe dürfen für unser Handeln bestimmend sein, sondern Solidität, Verantwortung für die Mitmenschen, Gerechtigkeit und Beständigkeit. So sehe ich es als meine erste Aufgabe, auch in den kommenden Jahren die Verantwortung für unsere große Betriebsfamilie zu tragen, um in der Zukunft unsere Arbeitsplätze garantieren zu können. Ich darf Ihnen versichern, dass ich alles tun werde, was diese meine Aufgabe von mir verlangt. Wolfgang Grupp, Inhaber der Trigema GmbH & Co. KG” 255

255 Trigema 2009.

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CSR Aus Sicht des Gesprächspartners beschränke sich die soziale Verantwortung von Unternehmen in der Erzeugung von Gewinn. Dabei gebe es eine klare Aufgabenteilung: Unternehmer müssten Ihre Mitarbeiter mit Arbeit versorgen. Diese müssten wiederum möglichst gute Leistungen erbringen. Sein Unternehmen verstehe sich als Miteinander einer „Familie“. Eine Arbeitsplatzgarantie für Kinder von Mitarbeitern ergebe sich neben dieser Vorstellung vor allem aus pragmatischen Gründen. Nach dem Prinzip „der Apfel fällt nicht weit vom Baum“ könne man davon ausgehen, dass man so gute Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen identifizierten, bekomme. Dies sei eine alte Tradition, die früher auch in großen Unternehmen („Daimler“, „Bosch“) praktiziert wurde, durch die Globalisierung von Unternehmen jedoch verloren gegangen sei. Soziale Verantwortung gegenüber Mitarbeitern oder auch Umwelt sei ein reiner Business- Case. Unternehmer seien aus rein pragmatischen Gründen verpflichtet, sich diesen sozialen Problemen zu stellen und ihre Bearbeitung in innovative Produkte einzubeziehen. Das positive Verhältnis zu Mitarbeitern („Betriebsfamilie“) werde als Werbung wirksam, weil es sich hierbei in Deutschland um ein relatives Unikat handele.

Wirtschaftliche Akteure Der „Größenwahn“ einer globalisierten Wirtschaft verursache dem Gesprächspartner zu Folge „Egoismus“ und „Anonymität“ in Unternehmen und Wirtschaftsbeziehungen. Das Hochlohnland Deutschland verlange innovative Produkte von Unternehmern. Nur so könnten diese am Markt bestehen. Die Autoindustrie als Beispiel zeige deutlich, dass hier erhebliche Probleme bestünden. Die Fixierung auf Marktanteile sei gerade bei den Autobauern eine klare unternehmerische Fehlentscheidung gewesen, deren Auswirkungen sich im Rahmen der Finanzkrise deutlich zeigten.

Staatliche Akteure Politik sei laut Gesprächspartner für die Aufstellung und Überwachung von Spielregeln zuständig. Hier habe es in letzter Zeit erhebliche Verwerfungen gegeben, weil die Einheit von Freiheit und Verantwortung im Wirtschaftsbereich auf die Dimension Freiheit verkürzt missbraucht worden sei. Die Individualisierung von Gewinnen bei einer Sozialisierung der Verluste bezeichnete der Gesprächspartner als „verbrecherisch“. Hier versage die Politik bei der Aufstellung und Sanktionierung von Spielregeln.

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Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit ergebe sich aus falschen Anreizen und schlechter Unternehmensführung. Outsourcing von Arbeit bei vorhandener Arbeitskraft sei ein Fehler, der sich bei Unternehmen und auch auf der staatlichen Ebene beobachten ließe. Der deutsche Staat müsse sich um eine bessere Organisation der Einbeziehung von Arbeitslosen in Arbeits- und Produktionsprozesse kümmern, da die Wertschöpfung aus diesen Prozessen für Sozialstaatsausgaben aufgewendet würde. Somit müsse eine Auslagerung von Arbeitsplätzen bei gleichzeitigem Bestehen von Arbeitslosigkeit durch politische Anreizsetzung verhindert werden. Die hohen Lohnnebenkosten, die in Zeiten rarer Arbeitskraft von Arbeitskraft nachfragenden Arbeitgebern in Kauf genommen wurde, seien ein zentrales Problem. Der Gesprächspartner kritisierte, dass eine Überfälligkeit der Senkung der Lohnnebenkosten lange erkannt sei; politisch werde jedoch das genaue Gegenteil getan. Auch in anderen Bereichen sozialer Sicherung (Mutterschutz) finde eine zusätzliche Belastung der Unternehmen mit Kosten und Risiken statt, die von Einstellung von Mitarbeitern abschrecke. Versuche, Unternehmen zu „zwingen sozial zu sein“ seien von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Welcher mögliche Impact auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Der Gesprächspartner verschließt sich – dem bekannten Argument Friedmans 256 folgend einer „Beschäftigungspolitik“ durch Unternehmen. Dabei kritisiert er Öffentlichkeitsarbeit im Bereich CSR als „Sozialsäuslertum“. Sein ‚veraltetes’ Geschäftsmodell scheint jedoch eine Renaissance zu erleben – was Beispiele wie das US-amerikanische Modeunternehmen American Apparel 257 oder der Laufschuhhersteller Lunge 258 aus der gleichen Branche zeigen. Dass sich solche Unternehmen in Netzwerken wie „Wir Produzieren Deutschland 259 zusammenschließen, gibt ihrem Geschäftsmodell eine klare strategische Ausrichtung, die Anklänge an lokalökonomische Theorien aufweist. Das Unternehmen ist somit stellvertretend als Beispiel für alternative Umgänge zum Verständnis von sozialer Verantwortung von Unternehmen und dem Umgang mit Globalisierung sehr spannend.

256 Friedman 1970.

257 American Apparel 2009.

258 Lunge 2009.

259 Wir produzieren Deutschland 2009.

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4.2. Theoretische Würdigung

Um ein Fazit aus den Fallbeispielen ziehen zu können werden diese nun unter Bezugnahme auf die in 3.2.4. erfolgte Definition von CSR miteinander abgeglichen. Dabei werden die Vorteile gegenüber etablierten Formen der Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit in folgenden Bereichen ausgewiesen: Interessensstrukturen von Unternehmen (4.2.1.); Kommunikationsvorteile von Unternehmen (4.2.2.); Innovationskompetenz von Unternehmen (4.2.3.). Diesen positiven Befunden werden dann im Fazit (4.2.4.) den Probleme und Limitierungen, die im Rahmen der Fallstudien identifiziert wurden, gegenübergestellt.

4.2.1. Interessenstrukturen von Unternehmen

Die oben dargestellten Fälle zeigen klar, dass Unternehmen durchaus einen aus Ihren Interessenstrukturen entstehenden Grund haben können, soziale Verantwortung für von struktureller Arbeitslosigkeit betroffene oder von ihr gefährdete Menschen zu übernehmen. Hierbei zeigt sich deutlich, dass bei kleineren Unternehmen direkte wirtschaftliche Gründe (Breer: Auffindung von Arbeitnehmern; Trigema: Bindung bestehender Arbeitskräfte) eine deutlich wichtigere Rolle spielen, als Strategien der Unternehmenskommunikation, Imagepflege und Herstellung von gesellschaftlichem Vertrauen durch soziales Verhalten (E.ON, Randstad). Auch letztere – so die eindeutige Einschätzung der Gesprächspartner bei E.ON und Randstad zahlen sich jedoch mittel- bis langfristig auch finanziell für die Unternehmen aus. Die Befunde der Fallstudien unterstreichen die Einschätzung, dass Unternehmen in vielen Fällen besser als staatsnahe Formen der Sozialen Arbeit geeignet sind, um eine Integration von Sockelarbeitslosen in den 1. Arbeitsmarkt zu erwirken. Dies liegt vor allem daran, dass sie ihre Ansätze zuerst an Ihren Ressourcen und dann an ethisch-moralischen Überlegungen ausrichten: Die Unternehmen wiesen deutlich auf die Limitierung ihrer Ansätze hin und konnten ihre Möglichkeiten recht genau beziffern und einschätzen. Dieses Bewusstsein verhindert Versuche, eine Integration in den Arbeitsmarkt zu erreichen, wo diese ökonomisch nicht sinnvoll oder vom Betroffenen nicht zu leisten ist. Wenn Integrationsmaßnahmen erfolgen, werden diese schon vorab auf möglichst weitgehende ökonomische Nachhaltigkeit

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ausgerichtet. Dabei ist der Faktor einer möglichst praxisnahen Qualifikation der Mitarbeiter ‚on the job’ eine wichtige Voraussetzung (Breer, Randstad, START NRW). Ein deutlicher Vorteil von Unternehmen ist hierbei ihre Marktnähe. Während Institutionen einer staatlichen Integrationspolitik Daten über Nachfrageverhalten am Markt und zukünftige Entwicklungen immer nur vermittelt zur Kenntnis nehmen können, ist es für Unternehmen imperativ, möglichst direkt in diese Entwicklungen involviert zu sein (E.ON, Randstad, START NRW) oder sie abschätzen zu können (Randstad Stiftung). Hieraus ergibt sich erhebliches zweckgebundenes Expertenwissen, welches gezielt für Integrationsmaßnahmen genutzt werden kann. Marktnahe Ansätze der Integration kommen zudem ohne zusätzliche finanzielle Förderung der Beschäftigungsverhältnisse aus. Dies hebt die Problematik einer Stigmatisierung von Arbeitnehmern in geförderten Beschäftigungsverhältnissen auf und redefiniert den in Ansätzen der Sozialen Arbeit vorzufindenden Status des ‚Klienten’ oder ‚Kunden’ in Richtung einer Positionierung als ‚Mitarbeiter’, welcher neben klar definierten Pflichten (Randstad, START NRW) auch klare Ansprüche hat (START NRW). Unternehmen haben zudem ein sehr starkes Interesse daran, dass in Mitarbeiter getätigte Investitionen eine langfristige Rentabilität aufweisen. Die immer wieder unterstrichene Wichtigkeit von Personalentwicklung (Breer, Randstad, START NRW) im Prozess und auch nach einer geglückten Arbeitsmarkt- beziehungsweise Ausbildungsmarktintegration sind hierbei deutliche Vorteile gegenüber Ansätzen Sozialer Arbeit, bei denen eine über die Integration hinausgehende Unterstützung der Betroffenen aus rechtlichen Gründen nicht möglich ist oder als ‚Ausgabenposten’ und nicht als Investition gesehen werden muss, da sich hierdurch nur vermittelt Gewinne erzielen lassen.

4.2.2. Kommunikation von Unternehmen

Im Bereich der strategischen Unternehmenskommunikation zeigt sich eine innovative Veränderung der Adressatenbetreuung (Infoveranstaltungen in ARGEn, Hauptschulpartnerschaften, Informations- und Unterstützungsangebote für Lehrer) mit entsprechend aktuellen Inhalten (IT-Fitness bei Randstad). Hier verfügen auch staatliche Ansätze der Beschäftigungsförderung – gerade durch einen guten Zugang zu Medien über gute Kompetenzen. Unternehmen scheinen jedoch aufgrund ihrer Marktnähe als deutlich kompetenter und vertrauenswürdiger als sozialstaatliche Akteure beurteilt zu werden.

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Hierdurch sind Unternehmen in der Lage, im staatlichen Bereich bestehende Kommunikationsdefizite (Schüler und Lehrerinformation bei Breer, Randstad) auszugleichen zu helfen. Schließlich sei an dieser Stelle die von allen Befragten äußerst positive Vernetzung ihrer Unternehmen in verschiedenen Foren und Interessengruppen zu nennen. Auch mit Blick auf lokale Geschäftsbeziehungen kann hier ein erhebliches Potential für eine Erweiterung von Ansätzen durch Einbeziehung von Kundenbetrieben (START NRW, Randstad), Kooperationen mit Zulieferern und Geschäftspartnern (E.ON) oder sogar die Vernetzung verschiedener Unternehmen in langfristigen Projekten (Randstad: IT-Fitness) erfolgen. Durch ihr soziales Engagement haben Unternehmen gleichzeitig den Vorteil, sich kommunikativ als zuverlässiger Geschäftspartner etablieren zu können.

4.2.3. Innovationskompetenz von Unternehmen

Wie wir oben gesehen haben ist Innovation eines der definierenden Merkmale von Unternehmertum. Innovatives Umgehen mit der jeweiligen Problemstruktur konnte in allen Fällen nachgewiesen werden. Diese kann in internen Prozessen im Unternehmen – zum Beispiel bei Kommunikationsprozessen mit Mitarbeitern (Coaching bei Breer, Arbeitszeitmodelle bei Randstad, Betreuung der Mitarbeiter bei START NRW) und deren fortlaufender Optimierung und Anpassung liegen. Hierbei haben Unternehmen einen deutlich größeren Gestaltungsspielraum als staatliche Akteure. Letztere müssen politisch gesetzte Lösungswege, auch wenn sich diese als suboptimal erweisen sollten, zumindest bis zur Veränderung dieser Entscheidung befolgen. Da gerade kleinere Firmen weniger dem Problem der Rigidität von Pfadabhängigkeiten unterliegen, haben sie besonders viel Potential, sich auf veränderte Umgebungsvariablen einzustellen. Auch in ihren Außenbeziehungen mit verschiedenen Stakeholdern stellten sich die betrachteten Unternehmen als überaus innovativ heraus: So konnte durch eigene Initiative einen Veränderungsprozess im sonst äußerst rigiden Bereich der Ausbildungszertifizierung von Innungen angestoßen werden (Breer), der Sockelarbeitslosen den Einstieg ins Berufsfeld erleichtert. Bei START NRW und Randstad sei in diesem Zusammenhang vor allem die Einbeziehung von politischen Interessen (BMAS, Arbeitnehmervertreter) und eine frühzeitige

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Positionierung gegenüber gesellschaftlichen Fragen (Tarifverträge/ Mindestlöhne bei START NRW und Randstad) hervorgehoben. Hinzu kam bei Randstad eine gezielte Implementation wissenschaftlich fundierten Expertenwissens in ein regionales Arbeitsmarktprojekt (Alltagsengel). Alle Unternehmen konstatierten, dass sie durch innovatives Handeln eine bessere Positionierung am Markt sowie verbesserte Planungssicherheit bezüglich zukünftiger Entwicklungen erreichen konnten. Die großen Unternehmen legten besonderen Wert darauf ihre diesbezügliche Performanz deutlich kommunizieren. Die Befragten im Mittelstand gaben an, aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen auf die Generierung von Innovation zu setzen und weniger Wert auf Außenkommunikation sozialer Verantwortungsübernahmen zu legen.

4.2.4.Fazit

Die vorgestellten Ansätze zur Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit durch Unternehmen unterliegen auch erheblichen Beschränkungen. So war in allen Fällen das Bestehen von (zumindest eines gewissen Niveaus von) Arbeitsfähigkeit und –willigkeit Vorraussetzung für eine Förderung beziehungsweise Einstellung der Adressaten (Breer, START NRW, Randstad). Dabei ist anzunehmen, dass mit einer fortschreitenden Bearbeitung des Problems inzwischen vor allem Menschen mit erheblichen sozialen und gesundheitlichen Problemen zur Gruppe der von Sockelarbeitslosigkeit betroffenen gehören. Die Lösung dieser Probleme wurde von den Befragten als Aufgabe für Ansätze der Sozialen Arbeit angesehen, auch wenn dieses Manko in einem Fall (Randstad) von der Gesprächspartnerin als mögliches CSR-Projekt der Zukunft erkannt wurde. Ein weiteres mögliches Problem ist die starke Abhängigkeit sozialer Engagements von wirtschaftlichen Umgebungsvariablen. Obwohl CSR-Aktivitäten für Unternehmen ein erhebliches Potential des Zukunfts- und Risikomanagements darstellen, handelt es sich bei den konkreten Maßnahmen in erster Hinsicht um ausgabenintensive Projekte. Gerade im Hinblick auf den Aspekt der ‚Freiwilligkeit’ von unternehmerischen Engagements lauern hier nicht unerhebliche Gefahren. So kann argumentiert werden, dass eine stärkere Verlagerung auf Problemlösungsprozesse im Bereich der Sockelarbeitslosigkeit in Richtung Unternehmen in einer wirtschaftlichen Krise fatale Folgen haben könne, wenn diese sich nicht in der Lage sehen, die von Ihnen eingegangenen Engagements zu würdigen. Auch wenn dieser Faktor mit

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in diesbezügliche Überlegungen einfließen muss, ist gleichsam darauf verwiesen, dass die Unternehmen soziale Engagements im Voraus auf deren Tauglichkeit zur Verbesserung des Unternehmens sowie ihre wirtschaftliche Nachhaltigkeit überprüfen. So ist damit zu rechnen, dass – stärker als dies aufgrund von systemischen Gründen (wie der Relevanz von Sozialpolitik als Machtfaktor 260 ) bei staatsnahen Formen der Sozialen Arbeit möglich ist – mögliche Probleme mit in die Planung einbezogen werden. An der Fallstudie zum Unternehmen START NRW zeigt sich jedoch deutlich, dass auch durch staatliche Initiative (bei Einbeziehung der relevanten Akteure am Arbeitsmarkt) gesellschaftlich verantwortungsvolle und gleichsam wirtschaftlich arbeitende Unternehmen etablieren lassen. Dabei sollte nochmals betont werden, dass es sich hierbei nicht um einen Ansatz Sozialer Arbeit, sondern vielmehr um die Integration sozialer Verantwortung in den Bereich einer wirtschaftspolitisch orientierten Beschäftigungspolitik handelt. Die Rolle staatlicher Akteure als Initiatoren einer ‚neuen Unternehmensform’, die als Impulsgeber und Innovator im Bereich der Zeitarbeit bewertet werden kann, ausdrücklich zu begrüßen. Durch ein solches Vorgehen kann die Setzung sozialer Standards durch Aufzeigen deren wirtschaftlicher Tragbarkeit und Nutzen bewerkstelligt und die Integration einer ethisch- sozialen Motivation im Sinne von CC ins unternehmerische Kerngeschäft vorgelebt werden. Hierdurch finden Prozesse der Veränderung sozialer Muster und Normen statt, die bei der nun folgenden Betrachtung von Lösungsansätzen auf der Basis von Social Entrepreneurship im Zentrum stehen.

260 Siehe hierzu Leibfried und Wagschal 2000, S. 14; Schmidt 2005, S. 12.

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5. Empirische Lösungsansätze: Social Entrepreneurship

Der folgende Teil der Arbeit sollte zeigen, wie Social Entrepreneurs in Deutschland sich an der Lösung der Probleme von Sockelarbeitslosigkeit beteiligen. Trotz intensiver Recherchen wurde dabei wurde nur ein Projekt gefunden, dass sich selbst ausdrücklich als Social Enterprise versteht (Jobfactory, 5.1.3.) und auch wirklich ein auf die Zielgruppe zugeschnittenes Konzept zur Bekämpfung von struktureller Arbeitslosigkeit vertritt. Zudem ist dieses auch noch in der Schweiz ansässig. Gleichsam scheint die Vorgehensweise ohne größere Probleme auf Deutschland übertragbar zu sein. Die 3 weiteren untersuchten sozialen ‚Unternehmungen’ weisen zwar deutliche Elemente von SE (Innovation im Sinn der Redefinition von Problemen zu Chancen, Veränderung sozialer Muster, kleinteilige nachhaltige Lösungen, Skalierung) auf. Gleichsam verstanden sich die zwei im Bereich struktureller Arbeitslosigkeit tätigen Projekte nicht als Social Entrepreneurs, sondern als Soziales Unternehmen (BiSS, 5.1.2.) beziehungsweise Sozialer Betrieb (Stattauto München, 5.1.4.). Das 4. Projekt (ArbeiterKind, 5.1.1.) wies – obwohl die Gesprächspartnerin nur bedingt mit der Konzeptualisierung von SE vertraut war – zwar deutliche Charakteristika eines Social Enterprise auf (hier sind vor allem eine aktive Generierung von Vernetzung und Sozialem Kapital interessant). Gleichsam hat es mit Gymnasiasten eine völlig andere Zielgruppe als die hier zu Untersuchende. Vor dem Hintergrund, dass Social Entrepreneurship ein in Europa wie Deutschland erst langsam Fuß fassendes Konzept ist, ist dies nicht weiter verwunderlich. Das Bestehen aufwändiger Strukturen der staatsnahen Problembewältigung durch Soziale Arbeit, hierdurch stark limitierte Spielräume für innovative Problemlösung sowie ein – zumindest im internationalen Vergleich – relativ geringer Problemdruck haben Deutschland für Social Entrepreneurs bisher nur wenig interessant erscheinen lassen. Dennoch gibt es zahlreiche Projekte, die sich mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen Problemlagen beschäftigen und sozialunternehmerische Lösungen für sie finden. Die hier untersuchten Unternehmungen sollen aufzeigen, dass noch erhebliche Potentiale für günstige und nachhaltige Integrationslösungen auch für erheblich in ihrer Erwerbs- und Arbeitsfähigkeit eingeschränkte Personen bestehen. Bei allen Befragten wurde dabei recht schnell deutlich, dass die Begeisterung für und Überzeugung von der eigenen Idee ein treibender Faktor hinter allen Projekten ist. So dauerten

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die Gespräche mit im Schnitt knapp 34 Minuten auch deutlich länger als die Firmeninterviews. Wie im Bereich CSR wurden den SEs ein Frageleitfaden und das Abstract zur Arbeit 261 im Voraus zugesandt; nach den Gesprächen, die wie die Unternehmensgespräche aufgebaut wurden, sich jedoch deutlich ‚persönlicher’ und weniger ‚professionell’ gestalteten, wurden wiederum Freigaben für die Gesprächsprotokolle eingeholt. Im Fall von Stattauto München wurde hierauf – nach Abstimmung mit dem Gesprächspartner - verzichtet. Letzterer sah zwar an einigen Stellen Änderungsbedarf, konnte und wollte diesen jedoch aus zeitlichen Gründen nicht adressieren. Die einzelnen Portraits wurden wiederum nach den Parametern „Kerngeschäft“; Verständnis von „Social Entrepreneurship“; „Was sind die konkreten Maßnahmen?“; „Was sind die besonderen Vorteile der Maßnahmen?“; „Was ist hieran innovativ?“ ausgerichtet. Die Bildung von Netzwerken und Sozialem Kapital wurde durch die Fragestellungen „Wie wurde die Kooperation mit staatlichen Akteuren bewertet?“; „Wie wurde die Kooperation mit sonstigen Akteuren bewertet?“ abgedeckt. Die Beurteilung der jeweiligen Ansätze bezüglich ihrer Potentiale als Lösungsansatz für die Problematik struktureller Arbeitslosigkeit erfolgte im Rahmen der Punkte „Was ist das „sozialunternehmerische Element?“ und „Welcher mögliche Impact auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren?“

5.1. Fallstudien

Unternehmung

Gesprächspartner

Interviewdauer

ArbeiterKind

Katja Urbatsch Jürgen Tesch

 

0:23:33

Stattauto München

0:40:16

Jobfactory

Robert Roth

0:42:38

BiSS

Johannes Denninger

0:28:38

 

Gesamtdauer der Gespräche

2:15:05

r

Durchschnittliche Dauer

0:33:46

261 Siehe Anhang 2: Frageleitfaden Social Entrepreneurship, S. A 10

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5.1.1. ArbeiterKind.de

Gesprächspartnerin: Katja Urbatsch, Initiatorin Gesprächszeitpunkt: 30.01.2009, 11:00 Gesprächsdauer: 23:33 Minuten Art des Gesprächs: Telefoninterview

Kerngeschäft

“ArbeiterKind.de

NonProfitOrganisation):

versteht

sich

als

SOZIALES

UNTERNEHMEN

(NPO

/

ArbeiterKind.de verfolgt ausschließlich soziale und/oder gemeinwesenbezogene Zielsetzungen.

ArbeiterKind.de wird von Bürgen organisiert, die andere mit Dienstleistungen oder Gütern versorgen.

Die Arbeit dient sozialen Zwecken, und die Erträge werden nicht privat angeeignet.

Das unternehmerische Handeln ist kollektiv und kooperativ organisiert.

ArbeiterKind.de engagiert sich und produziert Dienstleistungen nicht für den anonymen Markt, sondern für einen konkret benannten Kreis

ArbeiterKind.de handelt sozial verantwortlich und betreibt daher soziales Marketing und Management; außerdem mobilisiert es soziales Kapital (unbezahlte Arbeit auf Gegenseitigkeit).” 262

Die Initiatoren des Projektes organisieren ein Netzwerk, welches Kindern aus nicht- akademischer Familien Hochschulzugang erleichtern und sie bei der erfolgreichen Beendigung des Studiums unterstützen soll. Die Initiative habe bislang keine Rechtsform und arbeite auf ehrenamtlicher Basis. Die Rechtsform einer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) würde jedoch in Kürze realisiert. Finanzieren würde sich ArbeiterKind bisher nur aus Spenden. Das Projekt ergebe sich dabei stark aus individuellen Erfahrungen der Initiatoren (alle stammten aus einem nicht akademischen Hintergrund) sowie auch deren akademischer Ausbildung (die Gesprächspartnerin verwies auf ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften).

262 ArbeiterKind 2009a.

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Social Entrepreneurship Die Gesprächspartnerin bezeichnete die Kombination von unternehmerischen Verfahrensweisen (Ausrichtung auf wirtschaftliche Effizienz, innovatives Handeln) und sozialer Zielsetzung als klare Merkmale von ArbeiterKind. Mit dem Konzept Social Entrepreneurship habe sie sich bis jetzt auch wenig theoretisch auseinandergesetzt. Die Generierung von gesellschaftlichem Wandel bestätigte sie jedoch ausdrücklich als Ziel des Projekts. Im Vergleich zu Sozialer Arbeit bearbeite man ehrenamtlich deutlich weniger drastische Probleme; so sei die Gefährdung der Zielgruppe (aufgrund deren guter Bildung etc.) im Vergleich zu Zielgruppen von Sozialer Arbeit durchaus überschaubar.

Was sind die konkreten Maßnahmen? ArbeiterKind organisiert Informationsveranstaltungen an Schulen, die für die Aufnahme einer akademischen Laufbahn werben und über Möglichkeiten der Finanzierung aufklären. Hierzu würden Argumentationshilfen für die Aufnahme eines Studiums, Kontaktvermittlung zu Stiftungen, Informationsangebote zur Studienfinanzierung, Hilfestellungen beim Abbau von Hürden und Berührungsängsten, Hilfestellungen bei der Studienorientierung sowie Unterstützung im Studium vor Ort angeboten. Diese Leistungen werden von einem Netzwerk von Mentoren vor Ort geleistet.

Was sind die besonderen Vorteile dieser Maßnahmen? Was ist hieran innovativ? Das Projekt adressiert das Problem starker Abhängigkeit akademischer Ausbildung vom sozialen Milieu und den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Innovativ ist, dass quasi ohne finanzielle Mittel über eine von der Universität Hamburg zu Verfügung gestellte Kommunikationsplattform in 9 Monaten 800 Mentoren an 74 deutschen und 9 europäischen Hochschulstandorten 263 aktiviert werden konnten. So hat sich im Rahmen einer sehr lockeren Organisation und ohne politische oder wirtschaftliche Förderung eine äußerst schnell wachsende Gemeinschaft zur Bearbeitung eines gesellschaftlichen Problems entwickelt.

263 ArbeiterKind 2009b.

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Wie wurde die Kooperation mit staatlichen Akteuren bewertet? Das Hautproblem staatlicher Bildung liegt laut Gesprächspartnerin in einem Mangel an Breite von Kommunikation. So würden Stipendien beispielsweise vor allem in Publikationen für bildungsnahe Menschen publiziert; hierdurch würden die Chancen von Kindern aus bildungsferneren Familien, ein Stipendium zu erhalten, deutlich sinken. Staatliche Institutionen könnten jedoch nur ein gewisses Maß an Kommunikation der von Ihnen bereitgestellten Bildungsmöglichkeiten und der damit verbundenen Infrastruktur kommunizieren. Die Gesprächspartnerin bewertete den Kontakt mit staatlichen Akteuren eher negativ. Obwohl das Projekt am 31.01.2009 zum „Ort im Land der Ideen“ 264 erklärt wurde, sei es politisch eher umstritten. Die Gesprächspartnerin hatte den Eindruck, dass Ihr Projekt oftmals – aufgrund des provokant auf einen sozialen Missstand hinweisenden Titels - als politisch inkorrekt empfunden würde. Auch hätte es - mit dem Hinweis auf fehlende Fördermöglichkeiten durch nicht bestehende Programme – bisher keine Unterstützungen oder Informationen vonseiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gegeben. Die Gesprächspartnerin bekundete Ihr Unverständnis hierüber – schließlich bearbeite man ein Problem (Fachkräftemangel), dass sehr weit oben auf der politischen Agenda stehe. Die im Titel enthaltene Provokation sei zudem ein klarer Vorteil des Projekts. Neben starker Aufmerksamkeit durch die Medien habe man– gerade wegen der Adressierung dieser ‚unschönen Wahrheit’ auch aus der Bevölkerung erheblichen Zuspruch erfahren.

Wie wurde die Vernetzung mit sonstigen Akteuren bewertet? Die Vernetzung mit Akteuren aus der SE-Szene wurde als gut bewertet. Durch die Teilnahme am Wettbewerb Start Social 265 habe das Führungsteam ein Coaching gewonnen, um den eigenen Ansatz zu überprüfen und etwaige Probleme bei der Implementierung zu eruieren. Mit anderen Initiativen und Förderinstitutionen von SE (Ashoka, Schwab) stehe man laut Gesprächspartnerin im Austausch. Gleichsam wies die Gesprächspartnerin darauf hin, dass sich die Initiative mehr durch die „Beschäftigung mit sich selbst“ verspreche. Zu viel Networking sei durchaus eine Gefahr; davon werde man mehr von Kerngeschäft abgelenkt, als man profitieren könne.

264 Land der Ideen 2009. 265 Start Social 2009.

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Die Gesprächspartnerin räumte der dem Internet als Werkzeug der Vernetzung bürgerschaftlichen Engagements eine wichtige Rolle ein. Plattformen wie betterplace.org 266 würden deutlich zeigen, dass die Bearbeitung sozialer Missstände in hohem Maße ein organisatorisches Problem sei, welches sich mitunter recht einfach beheben ließe.

Was ist das „sozialunternehmerische Element“? Das sozialunternehmerische am Ansatz ist die gezielte Veränderung von Denk- und Handlungsmustern in der Deutschen Gesellschaft. Das Problem der geringen Anteiligkeit von Studenten aus bildungsferneren Familien lasse sich vor allem auf Kommunikationsfehler, Informationslücken und Berührungsängste zurückführen, die sich am besten durch kleingliedrige Organisationen bearbeiten ließen.

Welcher mögliche Impact auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Der Impact dieses Ansatzes auf die Zielgruppe ist relativ gering. Der Anteil von Menschen mit akademischem Bildungsgrad in der Problemgruppe der Langzeitarbeitslosen ist verschwindend gering 267 . Das Modell zeigt jedoch, mit welchen einfachen Mitteln sich gesellschaftliche Muster hinterfragen lassen und Reformversuche initiiert werden können. Gerade das Modell des Mentorenprogramms scheint aus beschäftigungspolitischer Sicht viel versprechend zu sein. Die bei den anderen Fallstudien identifizierte möglichst direkte und persönliche Betreuung wird hier auf pragmatische Art und Weise organisiert. Die Initiative ist somit ein Modell, wie einfach durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit und den gezielten Aufbau von sozialem Kapital die Bearbeitung sozialer Probleme organisiert werden kann. Dass es sich bei der Zielgruppe von ArbeiterKind um wenig ‚gefährdete’ Personen handelt, ist eine klare Einschränkung des Ansatzes.

266 Better Place 2009. 267 Siehe hierzu DeStatis 2008, S. 5/6.

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5.1.2. BiSS - Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V.

Gesprächspartner: Johannes Denninger

Gesprächsdatum: 02.02.2009; 16:00 Uhr

Gesprächsdauer: 28:38 Minuten

Art de Gesprächs: Telefoninterview

Kerngeschäft

BiSS e.V. unterstützt „Bürger in Sozialen Schwierigkeiten“. Bisheriges Kerngeschäft hierbei ist die Produktion der gleichnamigen ‚Obdachlosenzeitung’ und der Vertrieb derselben durch oben genannte Zielgruppe. In der Zukunft ist der Betrieb eines Hotels der gehobenen Klasse (4 Sterne) zur Arbeitsmarktintegration von Berufseinsteigern geplant 268 . Der Verein operiert ohne öffentliche Förderung (des Vereins selbst, die Geförderten sind oftmals Bezieher von ALG II). Nach Aussage des Gesprächspartners sei der zentrale Auftrag von BiSS die Herstellung eines exzellenten Produkts, und hierdurch die Optimierung der Herstellung sozialer Integration von Menschen in sozialen Notlagen. Diese können im Rahmens eines Kombinationsmodell von Sponsoring und Arbeitsfördermaßnahmen durch den Verkauf von Zeitungen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und erfahren so eine Sinn gebende Integration in den Erwerbsprozess. Hierbei verfolge man grundsätzlich den Anspruch „Alles für die Zielgruppe“ zu tun.

Social Entrepreneurship

Der Gesprächspartner kritisierte Social Entrepreneurship als inhaltloses, gerade in Mode gekommenes ‚Label’. Bei BiSS hingegen handele es sich um ein inzwischen 15 Jahre bestehendes Konzept der freien Wohlfahrtspflege. Der Gesprächspartner konnte nach eigener Aussage das ‚Novum’ an Social Entrepreneurship nicht erkennen. Man verstehe sich jedoch – gerade auch mit dem Blick auf das Hotelprojekt - durchaus als soziales Unternehmen bzw. als

268 BiSS 2009.

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„Social Business“ 269 . Das Element gesellschaftlicher Innovation als ‚Unterscheidungsmerkmal’ von Social Entrepreneurship stehe bei BiSS nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es um die Bearbeitung des konkreten Problems der Armut und mangelnden sozialen Inklusion der Zielgruppe. Man sei auch weniger an einer Rolle als Förderer bürgerschaftlichen Engagements interessiert. Diesbezügliche Anfragen würde man an andere Stellen weiterleiten. Sowohl Zeitung als auch Hotel beschrieb der Gesprächspartner als „Mittel zum Zweck“.

Was sind die konkreten Maßnahmen?

Zeitung

Im Bereich der vormaligen „Obdachlosenzeitung“ sei das klare Ziel die Produktion eines sehr guten in der Herstellung günstigen Produkts mit Fokussierung auf „das Wesentliche“, um die Wertschöpfung für die Zeitungsverkäufer zu optimieren. Hiervon hänge die Erfüllung der sozialen Zielsetzung letztendlich ab. Der Gesprächspartner wies darauf hin, dass vergleichbare Produkte hierbei weniger konsequent und daher auch weniger erfolgreich am Markt und für die Zielgruppe seien.

Mit dem Zeitungsverkauf richte man sich vor allem an eine ältere Personengruppe von Menschen in sozialen Notlagen. Das Angebot könne jedoch auch von jüngeren und weniger schwer vermittelbaren für eine „kurzfristige finanzielle und gesundheitliche Sanierung“ in Anspruch genommen werden. Hier würde sich BiSS je nach Situation des Betreffenden jedoch um eine zeitnahe Entwicklung ‚aus dem Verkauf heraus’ (in den 1. Arbeitsmarkt oder die Teilnahme an Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen) einsetzen. Die Methodik des Vorgehens gegenüber den Verkäufern bezeichnete der Gesprächspartner als „klassische Personalentwicklung“. Der Vertrieb durch die einzelnen Verkäufer sei hierzu äußerst flexibel gestaltet. Es könne von 325 bis zu 1200 Exemplaren pro Monat zwischen verschiedenen Modellen gewählt werden. Die Verkäufer erhielten hierdurch eine mehr oder weniger geförderte feste Anstellung. So könne man hohe Flexibilität gewährleisten und auf Probleme, Stärken und Schwächen einzelner Zeitungsverkäufer eingehen.

269 Denninger 2007, S. 5.

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Hotel

An ein jüngeres Klientel richtet sich das geplante Hotel BiSS. Hierbei soll in einem Hotel der gehobenen Klasse mit Spitzenpersonal Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz eine attraktive Berufsausbildung zukommen. So soll diesen eine problemlose Integration in den 1. Arbeitsmarkt im Bereich des Gastgewerbes ermöglicht werden. Die Branche sei besonders attraktiv, weil sie relativ niedrige Einstiegshürden darstelle und allgemein „außerordentlich begehrt“ sei. Im ‚freien Markt’ würden immer bessere Qualifikationen für einen Ausbildungseinstieg in die Branche verlangt.

Soziale Betreuung

Neben diesen sozialen Geschäftsmodellen bietet BiSS eine Vielzahl von sozialen Dienst- und Beratungsleistungen an. Die Soziale Betreuung von Verkäufern wird als ganzheitlicher Ansatz- in Verbindung mit möglichst subsidiärer Handlungsweise – verstanden. Wichtig hierbei seien: Die Beschaffung von Wohnung, Wiederherstellung oder Sicherung von Gesundheit, Entschuldungen (Schulden werden übernommen und dann vom Verkäufer teilweise abbezahlt) sowie Hilfestellungen bei Amtsgeschäften. Da BiSS einen großen Teil der Ausgaben hierfür (vor-)finanziere, sei auch Fundraising ein wichtiger Bereich. Hier habe man sich allein durch Patenschaften für Verkäufer eine solide Finanzierungsbasis von 190.000 Euro organisiert.

Wie wurde das Verhältnis zu staatlichen Akteuren bewertet?

Überaus positiv. Neben einer optimalen Kooperation und Arbeitsteilung mit ARGE und sonstigen Ämtern wurde auch auf optimale Kommunikation und Zusammenarbeit beispielsweise mit Polizei hingewiesen. Die Transparenz des Vereins, Fachkundigkeit und ein gewisses Maß an „Unverschämtheit“ bei der Durchsetzung legitimer Ansprüche seien hierzu Schlüssel. Auch was die Kommunikation mit Kommunal- und Landespolitik betrifft, seien „kurze Wege“ und eine gute Kooperation selbstverständlich.

In München führe eine Struktur vieler kleiner Projekte im 2. Arbeitsmarkt (ohne „große Dampfer, die alles niederreißen“) in der Verbindung mit einer lokalen Affinität zu wirtschaftlich nachhaltigen Lösungsansätzen zu einer speziellen Szene.

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Wie wurde das Verhältnis zu sonstigen Akteuren bewertet?

Die positive Verbindung zur Wirtschaft zeige sich beispielsweise bei Anzeigenkunden der Zeitung. Unternehmen hätten die Möglichkeit einfach und preisgünstig an die von Ihnen gewünschte Zielgruppe heranzutreten. Auch die Unterstützung von Projekten durch Firmen bewirke für diese einen äußerst positiven und ummittelbaren Werbeeffekt. Als sehr öffentlichkeitskundiges Unternehmen sei BiSS hierzu ein äußerst attraktiver Partner. Als schlecht stelle sich jedoch die Zusammenarbeit mit großen Handelsketten des Einzelhandels dar. Hier seien trotz erheblicher Bemühungen keine Kooperationen (zum Vertrieb der Zeitung auf Verkaufsflächen) zustande gekommen. Gerade im Bereich der Finanzierung des Hotels hoffe BiSS weiterhin auf eine noch bessere Unterstützung mit Eigenkapital oder Bürgschaften.

BiSS e.V. ist in das große Netzwerk sozialer Projekte in München bestens integriert. Als Beispiele wurde die von BiSS mit gegründete Wohnungsgenossenschaft wogeno e.G. und Betriebe der Münchener Arbeitsförderungsinitiativen (Magafi) genannt. Man habe sich in München ein sehr flexibles Netzwerk an Kontakten aufgebaut, welches man zur Organisation von Leistungen für die jeweiligen Verkäufer benutze. Der Gesprächspartner verwies jedoch auch darauf, dass die Konzentration aufs Kerngeschäft wichtiger sei als Networking. Soziales Kapital und Marke ergäben sich nicht aus einem vorgefertigten Plan sondern aus der Entwicklung des Projekts heraus.

Was ist das „sozialunternehmerische Element“?

Die mediale Strategie von BiSS kann durchaus als sozialunternehmerisches Projekt gedeutet werden. Durch die Vermittlung der Probleme von Menschen in Armut wird in der Gesellschaft zur Diskussion angeregt und Problembewusstsein geschaffen. Auch wenn sich viele der jetzt bestehenden Strategien und Strukturen von BiSS eher zufällig entwickelt haben, ist eine tief greifende Änderung gesellschaftlicher Muster zumindest als Beiprodukt des Vorgehens von BiSS erkennbar. Beispielsweise wird BiSS durch das Zusammenbringen von Paten und Hilfebedürftigen als Organisator einer bürgergesellschaftlichen Hilfskultur aktiv.

Weiterhin von Interesse ist zudem die im höchsten demokratische und subsidiäre Struktur der Unterstützung. Die Empfänger von Hilfeleistungen können sich weite Teile ihrer Autonomie erhalten und laufen deutlich weniger Gefahr, in Abhängigkeitsverhältnisse zu geraten.

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Welcher mögliche Impact auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren?

Das Projekt bietet erhebliche Integrationschancen für verschiedene Personengruppen, die von Sockelarbeitslosigkeit betroffen sind. Eine klare ‚Instrumentenaufteilung’ (Ältere -> Zeitung; Jüngere -> Hotel) ermöglicht die Integration sowohl einer sehr weit vom ersten Arbeitsmarkt entfernten Zielgruppe als auch einer noch eher marktnahen Zielgruppe der Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz. Aufgrund der sehr persönlichen Fördermöglichkeiten ist auch im Bereich der 1. Gruppe eine Integration in den ersten Arbeitsmark möglich und wurde laut Gesprächspartner schon oft realisiert. Die Unterstützung durch das Projekt kann so auch im „Anschieben“ einer Integration in den 1. Arbeitsmarkt liegen. Durch die vom Geförderten selbst zu wählende Menge an zu verkaufenden Zeitungen hat dieser erhebliche Einflussmöglichkeiten auf sein Arbeitspensum und erhält sich persönliche Autonomie. BiSS realisiert so ohne zusätzliche öffentliche Mittel eine nachhaltige Integration von schwer Vermittelbaren. Dabei wird versucht, die Chancen einer Reintegration in den 1. Arbeitsmarkt für den jeweiligen zu optimieren.

5.1.3. Job Factory Basel AG

Gesprächspartner: Robert Roth, Gründer und Geschäftsführer Gesprächsform: Telefoninterview Gesprächszeitpunkt:

Gesprächsdauer: 43:38 Minuten

Kerngeschäft Die Jobfactory Basel AG „[e]rbringt Leistungen zu normalen marktwirtschaftlichen Bedingungen in den Bereichen Produktion, Dienstleistung und Verkauf und generiert dadurch Arbeits- und Ausbildungsplätze für Jugendliche ohne Lehrstelle.“ 270 Das Unternehmen beschäftigt 250 Auszubildende („Juniors“) und 85 Festangestellte. Das Projekt wird mit ca. 2 Mio. CHF öffentlicher Gelder gefördert; diesen stehen 9 Millionen Franken Umsatz des Unternehmens gegenüber. Der Gesprächspartner hielt eine mittelfristige Senkung der staatlichen Zuwendungen auf 1 Mio. CHF und eine langfristige Einstellung öffentlicher

270 Jobfactory 2009.

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Förderung für möglich. Hiermit habe man ein Fördermodell entwickelt, das gleichzeitig im wirtschaftlichen Bereich nachhaltig und konkurrenzfähig sei. Die öffentlichen Mittel flößen dabei komplett in Bildungsmaßnahmen der betreuten Jugendlichen und seien somit ‚außerhalb des wirtschaftlich operativen Kapitals’ angesiedelt.

Social Entrepreneurship Social Entrepreneurship stelle aus Sicht des Gesprächspartners ein traditionelles ganzheitliches Verständnis von Unternehmertum dar. Unternehmerisches Handeln sei „an Ressourcen und Wirtschaftlichkeit orientiert“. Somit stehe es in direkter gesellschaftlicher Verantwortung; ein Unternehmer sei aus seiner Sicht ein „Mensch, der dem Menschen Möglichkeiten gibt“, am globalen Auftrag des “kreativen Imperativ[s]” zu partizipieren. Die „Spaltung“ der Gesellschaft in verschiedene ‚Systeme’ und ‚Funktionslogiken’, die sich in der Finanzkrise beispielhaft darstelle sei unnatürlich und gefährlich. Sie habe sich aus einem auf kurzfristige Optimierung beruhenden Fehlverständnis von Ökonomie ergeben. Ökonomen müssten sich wieder als „Haushalter“ verstehen, die ihre Aktivitäten an Erwägungen der Nachhaltigkeit orientierten. Die Entwicklung der europäischen Wohlfahrtsstaaten sei dem Gesprächspartner zu Folge eng mit diesen Entwicklungen verknüpft. So habe sich hieraus die Möglichkeit ergeben, die traditionelle Einheit von „Freiheit und Fürsorge“ aufzuteilen. Die Wirtschaft habe sich nur noch auf die Freiheit konzentriert und die Übernahme von Fürsorge an den Sozialstaat delegiert. Eine der Hauptaufgabe von Social Entrepreneurs sah der Gesprächspartner darin, das Auseinanderstreben dieses Begriffspaars und die sich hieraus ergebende Segmentierung von Gesellschaften durch ein Zusammenbringen verschiedener Lebenswelten „in Richtung Mitte“ zu überwinden. Aus der Perspektive der Globalisierung habe dies für Europa besondere Bedeutung, da Europa als Vorbild und Gestalter in der Verantwortung sei.

Was sind die konkreten Maßnahmen? Durch Praktika kann Jugendlichen Orientierungshilfe bei der Suche eines Ausbildungsplatzes angeboten werden. Hinzu kommen vielfältige Informationsangebote. Bei der Ausbildung von Jugendlichen im Betrieb können diese durch die äußerst günstige Betreuungssituation hierbei sehr individuell gefördert werden. Das Unternehmen fordere zwar von Jugendlichen ein Grundmaß an „Pünktlichkeit, Ordentlichkeit und Grundkompetenzen“;

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im Bereich von Lernproblemen und auch sozialen Problemen könnten jedoch, abhängig von der Zahl der Auszubildenden und den jeweiligen Bedürfnissen, Hilfestellungen erfolgen. Es wird soziales und finanzielles Kapital gesammelt. Die Skalierung des Ansatzes auf andere regionale Bereiche ist dabei ein ausdrückliches Ziel. So fungiert die „Stiftung Job Factoriesals „Stiftung zur Förderung der Jobfactory-Multiplikation in anderen Städten” 271

Was ist hieran innovativ? Die Positionierung des Unternehmens am 1. Arbeitsmarkt führt zu einer direkten Integration der Jugendlichen. Diese Integrationsmaßnahmen werden zudem zu großen Teilen aus Unternehmensgewinnen realisiert – auf lange Sicht könne so eine Unabhängigkeit von

öffentlichen Mitteln hergestellt werden. Der relativ klar umrissenen sozialen Zielsetzung wird eine sehr umfassende Strategie des Marketing und Branding hinzugefügt. Die Produkt- und Dienstleistungspalette ist weit gestreut (Digitaldruck, Informatik und Internet, Markenküchen,

Industriemontage, Verpackungsarbeiten, Gitarrenwerkstatt,

innovative und attraktive Produkte abzusetzen. Ein klares Ziel des Ansatzes ist die Vermeidung der Stigmatisierung durch Fördermaßnahmen der Sozialen Arbeit: Die Jugendlichen würden im Unternehmen als Partner gesehen und als „Juniors“ bezeichnet. Dies sei ein deutlicher Unterschied zum Status als ‚Leistungsempfänger’.

272 ) und versucht, sich durch

Wie wurde das Verhältnis zu staatlichen Akteuren bewertet? Der Gesprächspartner stellte das Verhältnis von Staat und Social Entrepreneurs gerade in sozialstaatlichen Bereichen als äußerst kritisch dar. So sehe sich eine „Staatsindustrie“ durch Social Entrepreneurs eher in ihrer Existenz bedroht, als dass sie deren Ansätze als Chancen sehe. Hier müsse der Staat vor allem eine ermöglichende Funktion übernehmen und nicht blockieren. Wirtschaftliche Akteure dürften sich gleichsam ihrer Verantwortung nicht mit bloßem Hinweis auf ihre Steuerlast entziehen. Dies sei aufgrund der totalen Überlastung sozialer Sicherungssysteme, die vor komplett anderen historischen Situationen (Vollbeschäftigung, Versicherungsfall als Ausnahme) gegründet worden seien, notwendig.

271 Jobfactory 2009.

272 Jobfactory 2009b.

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Bei Ansätzen sozialer Arbeit diagnostizierte der Gesprächspartner eine kritische Einstellung gegenüber Wirtschaftsthemen. Hierin läge aus seiner Perspektive einer der Gründe, warum Integrationsversuche des Sozialstaates weniger Marktnähe erreichen könnten. Der Gesprächspartner kritisierte zudem, dass sozial Schwächere in bisherigen Ansätzen der Arbeitsmarktintegration für Tätigkeiten rekrutiert würden „die sonst niemand machen“ wolle (beispielsweise im Recyclingbereich). Stattdessen könne man aus staatlich gewonnenem Wissen (staatliche Universitäten) soziale Unternehmen entstehen lassen, die Innovation und soziale Integration miteinander verbünden. Hierdurch ergebe sich auch wieder eine ‚faire’ Investitionspolitik des Staates, die allen Bereichen der Gesellschaft nütze. Bereiche der Wirtschaftspolitik könnten so sozialpolitisch genutzt und Wirtschaftsförderungsprogramme auf sozial Schwächere zugeschnitten werden.

Wie wurde das Verhältnis zu sonstigen Akteuren bewertet? Der Gesprächspartner bestätigte, dass Austausch mit einigen anderen SEs stattfinde; gleichsam konzentriere man sich stark auf das eigene „Tagesgeschäft“. Ein Engagement als Ashoka-Fellow habe er aus Zeitgründen ablehnen müssen. Der geringe Anteil von europäischen Projekten in Organisationen wie Ashoka oder der Schwab Foundation zeige, dass SEs in Europa weiterhin dünn gesät seien. Dies liege vor allem an starker Staatstätigkeit in sozialen und sonstigen Bereichen sowie einem verhältnismäßig niedrigeren Problemdruck. Am Konzept von Job Factory bestehe erhebliches Interesse von verschiedensten Seiten. Gerade im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit könne er sich für die Zukunft interessante Projekte vorstellen.

Was ist das sozial-unternehmerische Element? Aus Sicht des Gesprächspartners ist die „mittelnde Funktion“ von Social Entrepreneurs zentral. Es gehe darum aufzuzeigen, dass „stark und schwach“ kein unüberwindbares Spannungsverhältnis sei, sondern vielmehr in jedem Einzelnen wie auch in Gesellschaften ein zusammengehörendes Ganzes darstelle. Die künstliche Trennung zwischen Starken und Schwachen müsse durch Zusammenarbeiten zur Überwindung von Schwächen überwunden werden. Gleichsam betreibe man eine bewusste Redefinition des Ausbildungsmarktes. Auszubildende müssten von Unternehmen wieder als Chance und Investition statt Kostenstelle wahrgenommen werden. Die Jobfactory zeige durch ihr wirtschaftlich erfolgreiches Handeln,

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dass die Unternehmen durch eine falsch Verstandene Philosophie von „lean and clean“ an Jugendarbeitslosigkeit mit Verantwortung trägen und auch sich nun auch an der Lösung des Problems beteiligen müssten. Welcher mögliche Impact auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Gerade im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen ist das Projekt äußerst viel versprechend. Die Beschränkung auf eine klar definierte Zielgruppe hat zwar klare ‚Vorteile’, was die Komplexität des Problems betrifft (bei Jugendlichen ist am ehesten eine erfolgreiche Integration zu erwarten), sie führt jedoch auch zu einer klaren strategischen Ausrichtung des „sozialen Geschäfts“ und zu einer Generierung von Know-how. Gerade durch die angestrebte Skalierung und die finanzielle Nachhaltigkeit bei vergleichsweise geringem Mitteleinsatz ist das Projekt sehr viel versprechend. Durch die Einbindung von Personen am Rand der Gesellschaft in innovative und attraktive Produktions- und Dienstleistungsprozesse zeigt das Unternehmen einen Ausweg aus der Segmentierung des Arbeitsmarkts in ‚geförderte’ und ‚normale’ Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse auf.

5.1.4. Stattauto München

Gesprächspartner: Jürgen Tesch, Gründer Gesprächszeitpunkt: 14.01.2009, 13:00 Uhr Gesprächsdauer: 40:16 Minuten Art des Gesprächs: Telefoninterview

Kerngeschäft und Soziales Stattauto ist der führende Anbieter von Carsharing in München. Die Marktführerschaft in München hat das Unternehmen sich „fast ohne Werbung“ aufgebaut und diese behauptet. Hierbei spielt die Empfehlung durch Bestandskunden die Hauptrolle. Als Zweckbetrieb einer gemeinnützigen Körperschaft stellt das Unternehmen eine ‘hybride’ Unternehmensform dar. Das Unternehmen versteht sich laut Gesprächspartner als sozialer Betrieb. Hiermit ist die Integration von sozialen Integrations- und Ausbildungsmaßnahmen in das ‚normale Geschäft’ des Carsharing gemeint. Das Unternehmen profitiert durch die Anerkennung als gemeinnützige Einrichtung von Steuervergünstigungen bei Körperschafts- Umsatz- und Mehrwertsteuer führt das Unternehmen jedoch Integrations- und

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Fortbildungsmaßnahmen durch, die jedoch nur zu ca. 10% aus öffentlichen, zu 90% aus Unternehmensmitteln bezahlt werden. Wirtschaftliche Vorteile werden somit direkt in die soziale Aufgabenstellung des Betriebs eingebracht. Aus Sicht des Gesprächspartners ist diese Integration von ‚sozial’ und ‚Betrieb’ eine schon länger bestehende Form. Dem aus seiner Sicht nur scheinbar ‚neuen’ Konzept Social Entrepreneurship stand der Gesprächspartner äußerst kritisch gegenüber; hierbei handele es sich um ein ‚Label’, dass die sozialen Probleme in Deutschland auf einen bloßen Mangel an wirtschaftsliberalem Denken verkürze. Stattauto will ein ‚identitären Produkt’ verkaufen. Hierzu werde von Anfang an der Dialog mit den Kunden gesucht. Konkret bedeute dies, dass die Kunden gebeten würden, persönlich zum Vertragsabschluss zu erscheinen. So werde ein gegenseitiges Kennen lernen möglich. Den Kunden wird zudem das Konzept des Betriebs vermittelt.

Was sind die konkreten Maßnahmen? Hauptmaßnahme ist soziale Integration der Mitarbeiter durch Mitarbeit im Betrieb bei Wartung und Reinigung der Fahrzeuge. Das Unternehmen stelle „entfristete Arbeitsplätze“ nach SGB II, §16 zur Verfügung. Hierdurch werde eine soziale Eingliederung durch Arbeiten im Betrieb möglich; dabei könne in erheblichem Maße Rücksicht auf die jeweiligen Probleme und Möglichkeiten der Geförderten genommen werden. Diese Leistungen der Eingliederung könnten zudem – je nach Kandidat – mit verschiedenen Trainingsmaßnahmen kombiniert werden; hierbei erfolge eine enge Abstimmung mit der ARGE. So sei ein breites Spektrum zwischen Eingliederung und Aktivierung möglich.

Was sind die besonderen Vorteile dieser Maßnahmen? Was ist hieran innovativ? Klarer Vorteil des Unternehmens ist, dass es relativ nahe am 1. Arbeitsmarkt arbeitet und gleichzeitig erhebliche Integrationspotentiale auch für Menschen mit erheblichen sozialen und gesundheitlichen Handicaps bietet. Obwohl er sich eng an Zielen und Maßnahmen der Sozialen Arbeit orientiert, funktioniert der Betrieb – zu großen Teile inklusive der sozialen Komponente – als privatwirtschaftliches Unternehmen. Der Verzicht auf Steuereinnahmen durch kommunale staatliche Institutionen lässt sich durch die hohe Reinvestition von Unternehmenseinnahmen in Maßnahmen sozialer Integration rechtfertigen.

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Wie wurde die Vernetzung mit staatlichen Akteuren bewertet? Der Gesprächspartner beschrieb die Kooperation mit der ARGE München als äußerst positiv. Das Unternehmen erhalte optimale Unterstützung. Der Gesprächspartner hob hervor, dass er seinen Ansatz als Beitrag zu, nicht Ersatz für sozialstaatliches Handeln, sehe. Jedoch habe Stattauto der kommunalen Verwaltung das Konzept vorgelegt und somit Initiative ergriffen. Berufsförderungsprogramme auf staatlicher Basis („Kurse“) durch Bildungsträger betrachtete der Gesprächspartner sehr kritisch. Hierbei handele es sich oftmals um „Nullnummern“. Für die Zukunft der Bearbeitung des Problems der Sockelarbeitslosigkeit sei ein „konzertiertes sozialpolitisches Handeln“ der verschiedenen Akteure im Bereich der Beschäftigungspolitik nötig. Eine klare Arbeitsteilung würde hierbei zur Steigerung von Effizienz beitragen.

Was ist das „sozialunternehmerische Element“? Auch bei deutlicher Ablehnung des Konzepts durch den Gesprächspartner unterstreicht das Beispiel Stattauto Spezifika von Social Entrepreneurship. Dabei ist die Besonderheit, dass sich der Zweckbetrieb in einer äußerst dynamischen Branche zum Marktführer entwickelt hat und erhebliche Gewinne ausweisen kann zwar relevant, jedoch nicht ausschlaggebend. Interessant erschien dem Verfasser vor allem die besondere Beschaffenheit von Kunden- und Arbeitnehmerbeziehungen (auch und nachgerade mit geförderten Personen), die das Unternehmen zielstrebig verfolgt. Hierdurch kommt es – im Bereich des Carsharing – zu einer ‚Einbindung des Unternehmens’ in die lokale Bürgergesellschaft. Die gezielte Akkumulation von überbrückendem Sozialkapital zwischen Kunden, Unternehmen und Langzeitarbeitslosen verändert dabei das soziale Muster der gesellschaftlichen Segmentierung durch den Faktor der Erwerbsarbeit. Inklusion entsteht so durch gegenseitiges Kennen lernen, wobei das Unternehmen als Mittler fungiert.

Wie wurde die Vernetzung mit sonstigen Akteuren bewertet? Da sich der Gesprächspartner seit langem in verschiedenen Fördervereinen und Gremien für soziale Betriebe engagiert und federführend für deren programmatische Arbeit zuständig ist, besteht ein sehr guter Austausch mit sozialen Betrieben in der Umgebung von München. Gleichsam wies der Gesprächspartner auf den „Exotenstatus“ von Stattauto innerhalb dieser Gruppe hin, der aus der besonderen Rechtsform und der Verbindung von wirtschaftlichem und sozialem Erfolg des Betriebs herrühre.

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Welcher mögliche ‚impact’ auf die Zielgruppe lässt sich antizipieren? Nach Aussage des Gesprächspartners hat der soziale Effekt des Unternehmens gerade im Bereich der Arbeitsmarktinklusion durch eine sehr positive Wirtschaftsentwicklung in München und deutliche Verbesserung sozialer Leistungen in den letzten Jahren abgenommen. Hierzu kommt, dass in München viele weitere Initiativen und Institutionen in diesem Bereich arbeiten. Gleichsam scheint das Konzept gerade für ‚schwierige Fälle’ von Menschen mit erheblichen Problemen, deren Nichteingliederung in den Arbeitsmarkt nicht nur an Organisationsproblemen liegt, von erheblichem Interesse. Es demonstriert, dass auch solche Personen durch eine bloße Beteiligung an sinnvollen Arbeitsprozessen in einem auf Integration ausgerichteten betrieblichen Umfeld in normale Gesellschaftsbereiche integriert werden können und dass dies - gerade durch eine gezielte Einsetzung ‚indirekter’ Förderung (Steuervergünstigungen)– marktnah (im Bezug auf den Betrieb) und ohne aufwändige finanzielle Investitionen möglich ist. Gleichsam bleiben – je nach den individuellen Möglichkeiten und Problemen des geförderten Arbeitnehmers – Übernahmen in den 1. Arbeitsmarkt möglich und in der Vergangenheit gelungen. Hierin zeigt sich deutlich, dass eine sehr kleingliedrig organisierte Integrationspolitik aufgrund der Möglichkeit individueller Förderung und Begleitung viel versprechend ist.

5.2. Theoretische Würdigung

Um ein Fazit aus den Fallbeispielen ziehen zu können, werden diese nun in Bezugnahme auf den in 3.2.2. definierten Aspekte von SE miteinander abgeglichen. Hierbei sollen die Mittel eines sozial-unternehmerischen Vorgehens im Sinne der Auffindung kleinteiliger Lösungsansätze und einer sukzessiven Skalierung dieser auf weitere Bereiche (5.3.1.) sowie gezielter Kommunikation (5.3.2) im Sinne der Vernetzung mit anderen Gesellschaftssektoren und der Generierung von Sozialem Kapital verglichen werden. Dem schließt sich eine Betrachtung des oben als zentral herausgearbeiteten Aspekts der Zielsetzung der Innovation (5.2.3.) im Sinne der Veränderung sozialer Muster an. Das Kapitel schließt wiederum mit einem Fazit (5.2.4.), das Probleme benennt und einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zu geben versucht.

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5.21.

Kleinteilige Lösungen und Skalierung

Wie wir oben gesehen haben, erarbeiten Social Entrepreneur intelligente Lösungen für Probleme mit einer engen Begrenzung des Kerngeschäfts, um diese dann in möglichst weite gesellschaftliche Bereiche hinein zu skalieren. Gerade im Bereich der Sockelarbeitslosigkeit scheint dies eine interessanter Ansatz zu sein. Bei ArbeiterKind (Schüler aus bildungsfernen Familien; regionale Skalierung), Jobfactory (jugendliche Sockelarbeitslose; ausdrückliches Ziel der Skalierung über die Stiftung), sowie BiSS (früher: Obdachlose; jetzt:

Langzeitarbeitslose; Expansion in Richtung einer anderen Personengruppe im Rahmen des Hotels) ließen sich beide Faktoren klar feststellen. Die Konzentration auf eine Kernidee (Integration von Langzeitarbeitslosen in den Betrieb) war – auch wenn keine Skalierung angestrebt wird – auch bei Stattauto ausschlaggebend.

5.2.2 Kommunikation

Alle Befragten betonten einen äußerst positiven Austausch und gute Arbeitsbeziehungen mit Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen. In zwei Fällen wurde dies eingeschränkt. Die von ArbeiterKind erfahrene Skepsis vonseiten staatlicher Akteure ist – vor dem Hintergrund der äußerst dynamischen Entwicklung des Projektes – zu verstehen. Gleichsam deutet sich hierin ein potentieller Konflikt mit Institutionen des Sozialstaats an, vor allem wenn deren Integrationsleistungen von SEs hinterfragt oder kritisiert werden (Jobfactory). Die besondere Bindungsfähigkeit von Social Entrepreneurs aufgrund ihrer ‚neutralen’ Position konnte bei allen Fallbeispielen nachgewiesen werden. So nannten alle deutschen Akteure ihre politische und ökonomische Ungebundenheit und vollen Einsatz für die Sache und Zielgruppe als Quelle von Legitimation und Ansehen im Austausch mit anderen gesellschaftlichen Akteuren (ARGEN, Kommunal- und Landespolitik bei Stattauto und BiSS; Kontakt mit Schülern und Studenten bei ArbeiterKind). Als Richtung weisend im Bereich der Änderung sozialer Muster durch mediale Kommunikation kann BiSS bezeichnet werden. Sein journalistisches Know-how und Kontakte in der Medienlandschaft Münchens werden hier gezielt zur Durchführung des Kerngeschäfts und Sicherung der Finanzierungssituation des Unternehmens (Anzeigekunden, Paten) genutzt.

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Die Beurteilung der Wichtigkeit von (nicht direkt zweckgebundenem) Networking wies deutlich auf einen möglichen Konflikt zwischen den wichtigen Parametern ‚Schöpfung von Sozialkapital’ und ‚Konzentration aufs Kerngeschäft’ hin. Alle Befragten verwiesen deutlich darauf, dass die Durchführung des Tagesgeschäfts höchste Priorität habe. Teilweise mussten aus diesem Grund selbst viel versprechende Möglichkeiten für Förderung und Öffentlichkeitsarbeit ausgeschlagen werden (Jobfactory). Dies ist für den Anspruch einer möglichst weiten Skalierung sozialunternehmerischer Ansätze zunächst als Dilemma zu werten. Jedoch ist zu erwarten, dass SEs sich mittelfristig stärker miteinander vernetzen werden und eine deutliche Spezialisierung und damit auch gezielter Austausch unter Akteuren mit homogenen Interessen stattfinden wird. Momentan scheinen die in SE-Kreisen geführten Diskurse jedoch noch eher generell zu sein. Damit sind sie für unter Zeitdruck stehende Praktiker, die sich auf möglichst konkrete und auf ihr jeweiliges Projekt zugeschnittene Informationen konzentrieren bisher noch relativ wenig interessant zu sein.

5.2.3. Innovation: Veränderung sozialer Muster

Bei allen 4 Fallbeispielen konnte die Absicht eine Änderung sozialer Muster konstatiert werden. Bei ArbeiterKind soll schon der provokanten Namen des Projekts zum Nach- und Umdenken anregen. Die Problematik, dass Kinder aus bildungsferneren Familien schlechtere Chancen bei Hochschulzugang und Erfolg im Studium haben, soll durch ein gezieltes Informationsangebot behoben werden. Dabei werden auf der Basis einer ‚lediglich Kommunikation koordinierenden’, quasi selbstständig wachsenden und daher schnell auf weite Teile der Bundesrepublik skalierten Organisation durch ehrenamtliches Engagement staatliche Kommunikationsdefizite, die dieses Muster verursachen, behoben. Bei den Münchener Unternehmungen (Stattauto, BiSS) erfolgte die Etablierung des wirtschaftlichen Kerngeschäfts im Rahmen der Münchener Bürgergesellschaft. Bei Stattauto zeigt sich die Veränderung eines gesellschaftlichen Musters geglückten Kombination eines wirtschaftlich erfolgreichen Betriebes und der kerngeschäftlichen Zielsetzung sozialen Integration. Somit konnte Stattauto die von Social Entrepreneurship angestrebte Position im Zwischenraum zwischen Wirtschaft (Carsharing), Staat (Durchführung von Integrationsmaßnahmen des SGB) und Bürgergesellschaft (Herstellung überbrückenden

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Sozialen Kapitals für Kunden und Mitarbeiter) einnehmen und seinen Teil zur erfolgreichen Integration der Bereiche hin erreichen. BiSS setzte durch gezielte mediale Kommunikation das Problem Obdachlosigkeit auf die Münchener Politikagenda und trug so einen erheblichen Teil zu Ansätzen der Lösung des Problems durch Zusammenarbeit von Bürgergesellschaft und Politik bei. Die Änderung des sozialen Musters bestand hier vor allem darin, Obdachlosen ein Medium der Kommunikation mit der sie umgebenden Gesellschaft zu geben. Da das Problem in München immer besser angegangen wird, widmet sich BiSS nunmehr verstärkt Menschen, die zwar über Obdach verfügen, sich jedoch weiterhin in sozialen Schwierigkeiten befinden. Dies zeigt, dass sich die gewonnenen Kenntnisse innovativer Lösungsansätze sozialer Probleme sich durchaus auf veränderte soziale Situationen und andere Zielgruppen übertragen lassen und unterstreicht die besonderen Chancen von Skalierung sozialunternehmerischer Ansätze. Am stringentesten lässt sich die Strategie der Innovation sozialer Muster beim als solches geplanten ‚Social Enterprise’ Jobfactory nachweisen. Ein unternehmerisches Selbstverständnis der Positionierung als ‚Mittler’ gesellschaftlicher Sektoren und ‚Ermöglicher’ der Generierung wirtschaftlichen und sozialen Wohlstands wurde vom Gesprächspartner in den klassischen Begriffen von Social Entrepreneurship vertreten. Die Umbewertung des ‚Problems’ der Jugendarbeitslosigkeit zur Chance eines – momentan hybrid operierenden, jedoch finanzielle Unabhängigkeit anstrebenden – Social Enterprise erfolgt nach den ‚klassischen Mitteln’ der Konzentration aufs Wesentliche mit dem Ziel einer möglichst weiten Skalierung des Ansatzes. Die organisatorische Vielfalt des Unternehmens (ein Unternehmen, drei Stiftungen) zeigt, dass eine kreative Adaption an sich ändernde Umgebungsvariablen bei der Verfolgung der jeweiligen sozialen Geschäftsidee ein wichtiges Element ist. Selbst kleinere Details, wie die ‚Umbenennung’ von ‚Teilnehmern einer Fördermaßnahme’ oder ‚Auszubildenden’ zu ‚Juniors’ weißt zudem das vom Gesprächspartner stark betonte und durch SE-Ansätze propagierte Streben nach der Integration verschiedener gesellschaftlicher Sektoren und Lebensbereiche mit dem Ziel einer Kommunikation auf Augenhöhe aus. Durch diese demokratischen Verfahren der werden Lösungsansätze für soziale Probleme weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert und weisen daher tendenziell höhere Nachhaltigkeit als durch Sozialpolitik gesetzte Normen und mit ihr verbundene Programme auf.

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5.2.4. Fazit

Da es sich bei SE um ein sehr neues Konzept handelt und konkrete Projekte – gerade in Deutschland – erst im Entstehen begriffen sind, lassen sich mögliche Probleme nur schwer verordnen. Die im theoretischen Teil angesprochenen Probleme im Bereich von Individualität und Sozialkapital scheinen, was die oben präsentierten Projekte betrifft, nur wenig relevant zu sein; dies liegt einerseits daran, dass die Problemlagen (gerade im internationalen Vergleich) begrenzt sind und die Betroffenen (gerade weil sie in Wohlstandsgesellschaften leben, jedoch nicht an diesen partizipieren können) als legitime Adressaten von Hilfe durch SEs akzeptiert sind. Andererseits besteht jedoch ein deutlicher Unterschied zu einem politisch gesetzten Anspruch der Betroffenen auf Soziale Leistungen. Alle Unternehmungen behalten sich die Auswahl der von ihnen Geförderten vor und handeln im Bereich ihrer Programme (gerade weil diese nicht durch politische Setzung und Finanzierung durchgeführt werden) zunächst unabhängig von externer Kontrolle und Beurteilung. Ob dies als mögliche Problemquelle oder besonderer Vorteil von SE zu bewerten ist, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden; das Element der individuellen Entscheidungsfindung bei SEs wird somit zu einem interessanten Feld von Forschung und Kritik, welchem Ansätze von SE sich aus reinem Eigeninteresse verstärkt stellen sollten. Schon jetzt über mögliche Kritik und Probleme in diesem Bereich nachzudenken stellt auch für einzelne SEs eine Sicherung ihres Geschäftsmodells dar. Dem Moment individuell-unternehmerischer Entscheidungsfindung stehen jedoch – wie im theoretischen Teil besprochen – hohe persönliche Integrität, gesellschaftliche Verwurzelung und bidirektionale, demokratische Kommunikation mit Adressaten von SE gegenüber:

Entscheidungen über Förderung und Nichtförderung werden so beispielsweise bei BiSS immer mit dem Betroffenen abgestimmt; die Entwicklung von ArbeiterKind zeigt zudem, wie schnell sich Projekte ‚über die Initiatoren hinaus’ entwickeln und somit eine breite demokratische Kontrollfunktion etablieren, ohne dass dies sozialunternehmerische Kerninhalte verwässert. Bisher scheinen ‚wirkliche’ Ansätze von SE (ArbeiterKind; Jobfactory) noch als ‚experimentell’ einzustufen. Gerade durch eine erfolgreiche Skalierung von Ansätzen wird jedoch eine regionale Verbreitung solcher Ansätze zur Bearbeitung sozialer Probleme immer wahrscheinlicher. Entscheidend für Skalierung ist jedoch der Parameter der Kommunikation. Hier ist in naher Zukunft mit einem Ausbau und einer Konsolidierung der Infrastruktur eine deutlich bessere Vernetzung als die von den Befragten beschriebene zu erwarten. Dabei

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sollten Akteure aus dem Bereich der Sozialen Arbeit, Social Entrepreneurs und sozial engagierte Unternehmen frühzeitig in Kommunikationsprozesse eintreten, um etwaige Konkurrenzverhältnisse auszuräumen und sich frühzeitig über sinnvolle Strategien der Arbeitsteilung, Kommunikation und Politischer Maßnahmen der Setzung eines juristischen und finanziellen Rahmens zu verständigen. Gerade im Bereich der Bearbeitung struktureller Arbeitslosigkeit kommt der Politik eine besondere Rolle als Koordinator zu. Im nun folgenden Schluss sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie die richtige Ausgangsposition für eine stärkere Einbeziehung der in den letzten zwei Kapiteln dargestellten Ansätze bewirkt werden kann.

6. Schlussfolgerungen

Das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit kann aufgrund der erheblichen Heterogenität der betroffenen Personen nur durch ein Bündel von Maßnahmen mit unterschiedlichen Ansatz- und Schwerpunkten angegangen werden. Die oben präsentierten Fallstudien haben deutlich gezeigt, dass neue Formen Sozialer Wirtschaft zu einem solchen Maßnahmenpaket erhebliche Beiträge leisten können. Zumindest mit Blick auf CSR scheint dies in der Politik teilweise angekommen zu sein, wie die oben diskutierte Agendasetzung von Europäischer Kommission, Bundesregierung und regionalen politischen Akteuren deutlich belegt. Für Deutschland kann gleichsam konstatiert werden, dass wirtschaftliche, beziehungsweise unternehmerische Ansätze der Bearbeitung von Arbeitslosigkeit weiterhin selten sind, wenig wahrgenommen werden (CSR) beziehungsweise Exotenstatus (SE) haben. Die bisher erfolgten Versuche, ‚mehr Markt’ in staatliche Formen der Beschäftigungsförderung zu bringen konnten bisher nur in geringem Umfang Verbesserungen bringen. In vielerlei Hinsicht haben sie vielmehr – bei gleich gebliebenem oder gestiegenem administrativen und finanziellen Aufwand für staatliche Institutionen und nichtstaatliche Leistungserbringer zu einer Verschlechterung der Servicequalität und einer Vertiefung gesellschaftlicher Cleavages geführt. Ansätze im Rahmen von CSR sind somit besonders interessant, weil sie nahe am Markt stattfinden und gerade bei ‚leichteren Fällen’ (Anpassung von beruflichen Kompetenzen; strukturelle Vermittlungsprobleme) eine (Re-)Integration in den Arbeitsmarkt ohne zusätzliche Kosten für den Sozialstaat ermöglichen.

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Ansätze von SE sind weniger (aber auch) wegen ihrer ökonomischen Günstigkeit als vielmehr durch ihr innovatives Potential, was das ‚Neudenken’ bürgerschaftlichen Engagements gegenüber sozialen Problemen betrifft von Interesse. Somit haben sie ein erhebliches Potential, schwierige soziale Reformprozesse und deren Probleme zu identifizieren, sozial zu vermitteln und geeignete Vorgehensweisen hierfür vor zu schlagen. Gerade erheblich in ihrer Erwerbsfähigkeit eingeschränkte Personen könnten so in Zukunft eine deutlich bessere Integration ins Arbeitsleben erfahren. Die Beispiele Stattauto und BiSS zeigen hier durchaus auch für größere Personengruppen gangbare Wege auf. In ihrer Kombination bieten solche Ansätze die Chance, Ressourcen für weiterhin notwendige Ansätze Sozialer Arbeit frei zu setzen und Risiken einer nicht zur Systemlogik Sozialer Arbeit passenden Ökonomisierung der Klienten Sozialer Arbeit zu vermeiden. Um dies möglich zu machen erfordert es jedoch zunächst einer veränderten Arbeitsteilung (6.1.) zwischen sozialwirtschaftlichen und staatlichen Ansätzen der Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit, Ersteren muss hierbei eine klare Rolle, die über bloßes Ausführen staatlicher Programme hinausgeht, zugesprochen werden. Eine neue Strategie zu effektiverer Arbeitsteilung muss dann im Rahmen einer veränderten Kommunikation (6.2.) gesellschaftssektoraler Zusammenhänge klar vermittelt werden; dabei ist vor allem entscheidend, dass möglichst viel wirtschaftliche und bürgerschaftliche Akteure in sozialpolitische Diskurse einbezogen werden, die bisher mehrheitlich oder ausschließliche im Bereich des Sozialstaats angeordnet sind; eine solche Einbeziehung muss ausdrücklich mehr als bloße Beitragszahlungen bedeuten. Das hohe Sozialabgabenniveau in Deutschland scheint sowohl bürgerschaftliches Engagement als auch Lösungsansätze sozialer Wirtschaft in ‚klassisch sozialstaatlichen Bereichen’ wie der Beschäftigungspolitik eher zu verhindern, da Transferzahlungen als ‚Ersatz’ für weiteres Engagement angesehen werden. In vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen zeigt sich deutlich, dass bürgerschaftliches Engagement (beispielsweise im Sport oder Umweltschutz) in Deutschland Tradition hat und funktioniert. Forschung und Politik kommt in Zukunft die Aufgabe zu, die hierfür relevanten Faktoren zu analysieren und gezielt in eine auf bürgerschaftliches Engagement ausgerichtete Agenda einzubeziehen. Neben diesen zwei wichtigen Faktoren kommt hinzu, dass staatliche Akteure noch mehr die Aufgabe Setzung politischer Rahmenbedingungen (6.3.) für mehr bürgerschaftliches Engagement und konkret: CSR und SE ins Auge fassen müssen.

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6.1. Arbeitsteilung

Im Bereich der Beschäftigungspolitik macht sich der Mangel an Arbeitsteiligkeit auf höchster Ebene in der Zusammenlegung von ‚Arbeit und Sozialem’ im entsprechenden Bundesministerium und der zugehörigen Mammutbehörde Bundesagentur für Arbeit bemerkbar. Diese integrierte Struktur hat sich nunmehr im Bereich der ARGEn mit dem deutschen Föderalismus und dem Grundgesetz nicht vereinbar erwiesen 273 . Mehr Subsidiarität, Vereinfachung, Bürokratieabbau, bessere Erfolge bei der Arbeitsmarktintegration, Abbau der Schwarzarbeit – auch die meisten Ziele der Hartz-Reformen erweisen sich im Rahmen dieser Strukturen immer mehr als nicht realisierbar. Vielmehr wird immer mehr Personal benötigt, um kaum zurückgehende Vermittlung in den 2. Arbeitsmarkt und AAMP zu organisieren und immer komplexer werdende Grundsicherungssysteme am Laufen zu halten. Hinzu kommt, dass viele Bereiche des deutschen Sozialstaats auch 4 Jahre nach der Reform weiterhin rechtlich äußerst fragwürdig sind. Staatliche Institutionen sehen sich weiterhin – vor allem im Bereich des SGB II einer „Klagewelle“ 274 gegenüber, die erheblichen Verwaltungsaufwand produziert. Gleichsam ist sie deutlicher Ausdruck dafür, für wie wenig fair das deutsche Grundsicherungssystem erachtet wird. Leidtragende dieser Situation sind neben Leistungsempfängern, die einer undurchsichtigen Verwaltungsbürokratie gegenüberstehen, auch die im Bereich der Sozialen Arbeit tätigen Beamten und Angestellten im Öffentlichen Dienst. Letztere geraten immer mehr zwischen die Fronten staatlicher Forderungen nach mehr Effizienz und geringeren Kosten und der Ansprüche der Klienten. Generell scheint sich der deutsche Sozialstaat immer mehr zu übernehmen. Auch in anderen Bereichen (Gesundheit, Rente, Familienpolitik) kommt es mit zunehmender Tendenz zur schon oben angesprochenen neosozialen Redefinition von Regierung 275 . Obwohl weite Bereiche deutscher Sozialpolitik verstärkt in scheinbar ‚wirtschaftliche’ Zusammenhänge gestellt werden, etablieren sich gleichzeitig staatliche Institutionen als Kontrollinstanzen und Verwalter dieser Entwicklung. Im Zuge dessen kommt es auch immer mehr zum neoliberalen Paradox eines nicht intendierten Anwachsens von Bürokratie und Ausgaben. So erklärt sich, dass erhebliche Reform- und Investitionsbemühungen nur kleine Erfolge verbuchen und sich gleichzeitig nicht enden wollender Kritik an einer stetigen Teuerung bei immer schlechter

273 BVerfG 2007.

274 Spiegel Online 2005, 2006, Aden 2007, Spiegel Online 2008.

275 Lessenich 2003, s.o.

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werdenden Leistungen gegenübersehen. Sozialstaatliches Handeln kommt so immer mehr in Begründungsnot und muss auf möglichst positive Darstellungen der jeweiligen Aktivitäten durch Statistiken und Öffentlichkeitsarbeit zurückgreifen. Auch hierdurch kommt es immer mehr zu erheblichen Veränderungen, was die Wahrnehmung 276 , Einschätzung und Bearbeitung von Problemen betrifft. Das bisher etablierte System der Arbeitsteilung zwischen Sozialstaat, Privaten und bürgerschaftlichen Trägern kann erstere hierbei kaum noch entlasten. Dies liegt daran, dass letztere weiterhin fast ausschließlich im ausführenden Bereich beteiligt werden. Die stetige Kritik, die beispielsweise Wohlfahrtsverbände 277 deutscher Sozialpolitik entgegenbringen, zeigt, dass ein Mangel an zielführender Kooperation zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren vor allem einer mangelhaften Miteinbeziehung letzterer bei Planung und gesetzgeberischer Umsetzung zuzurechnen ist. Staatliche Institutionen geben weiterhin soziale Bedürfnisse, hierfür zur Verfügung stehende Ressourcen und Handlungswege vor; wirtschaftliche und bürgergesellschaftliche Akteure sollen ausführen und kosteneffektiv sein. Wenn bürgergesellschaftliche Akteure sich in Zukunft stärker in die Bearbeitung von Sockelarbeitslosigkeit einbringen sollen, müssen ihnen hierzu mehr Ressourcen und Handlungsspielraum zugestanden werden. Diese liegen nicht einmal primär im Bereich der Finanzierung. Wie die obigen Portraits gezeigt haben, bringen sie diese entweder selbst mit (CSR) oder benötigen sie nur in geringem Umfang (SE). Vielmehr geht es um Gestaltungsspielraum, der nur durch eine deutliche Rücknahme staatlicher Institutionen im Bereich der Handlungswege erzielt werden kann. Staatlichen Institutionen kommt weiterhin die Aufgabe zu, die Ergebnisse Sozialer Wirtschaft zu beurteilen und gegebenenfalls zu korrigieren. Gestaltungs- und Finanzierungshoheit in der Sozialpolitik stellen für staatliche Akteure jedoch immer weniger ein Machtpotential als vielmehr eines Beschneidung ihres Gestaltungsspielraums dar. Ein deutlicher Rückzug aus der Durchführung bei gleichzeitiger Übertragung diesbezüglicher Verantwortung an bürgergesellschaftliche Akteure würde staatliche Institutionen deutlich entlasten. Gleichzeitig würden hierdurch Kapazitäten für eine schwerpunktmäßige Bearbeitung von nicht durch Ansätze der Sozialen Wirtschaft lösbaren Problemen frei. Hierin liegen auch erhebliche Chancen für eine dringend notwendige langfristigere Ausrichtung von Sozialpolitik, die im momentanen System oft zu kurz kommt. Entscheidend für den Erfolg einer solchen Aufgabenteilung ist, dass bürgerschaftliche

276 Salais 2008, s.o. 277 Siehe beispielsweise DGB, AWO et. al 2006.

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Strukturen deutlich im Voraus der Reform sozialstaatlicher Strukturen geschaffen werden. Sonst ist davon auszugehen, dass diese nur als ‚neoliberaler Überbau’ wahrgenommen werden. Dies ist zwar in höchstem Grade unsinnig, weil schon jetzt weite Teile deutscher Sozialpolitik von bürgergesellschaftlichen Akteuren erbracht werden. Gleichsam zeigt sich jedoch an der Wahrnehmung der bis jetzt erfolgten Reformen, dass Fragen der gesellschaftlichen Wahrnehmung von sozialstaatlichen Reformen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen und schon frühzeitig in Planungsprozesse einfließen müssen. Gerade der im Sozialwesen prominent wichtige Faktor der ‚Gerechtigkeit’ von Reformen scheint dabei weiterhin erheblichen Vermittlungsproblemen zu unterliegen, wie die 2007 durchgeführte Befragung von Bürgern und Politikern zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ nahe legt. 278 Was die Veränderung der Arbeitsteilung zwischen den gesellschaftlichen Sektoren betrifft, muss in Deutschland ein politischer Kosens gefunden werden, der sich auf eine Problemdiagnose und möglichst weit auf einen richtigen Weg (vor allem im Sinne der hieran zu beteiligenden Akteure bzw. gesellschaftlichen Sektoren) zur Lösung der Probleme des Sozialstaats einigen kann. Hierfür ist eine deutliche Veränderung der politischen Kommunikation der Beziehung zwischen gesellschaftlichen Sektoren, von Soziastaats- und Beschäftigungsproblemen und schließlich auch des hieraus entstehenden Reformdrucks unabdingbar.

6.2. Kommunikation

Es ist zu erwarten, dass die bisher nur geringe Aktivität von CSR und SE im Bereich der strukturellen Arbeitslosigkeit zu gleichen Teilen dem sozialstaatlichem Verständnis sozialer Arbeit und einem Mangel der Kommunikation von Problemen und einer aktiven Werbung um Beteiligung von (gerade auch mittleren und kleineren) Unternehmen und Social Entrepreneurs geschuldet ist. Seit einiger Zeit sind hier klare Veränderungen zum Besseren zu erkennen; momentan scheinen politische Akteure die Beteiligung von Unternehmen und Social Entrepreneurs an sozialer Problemlösung jedoch noch vor allem als gutes Instrument der Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen. So werden immer mehr Preise ausgelobt und Wettbewerbe ins Leben gerufen; diese wurden von den Befragten jedoch sehr differenziert gesehen, da eine inflationäre Preisverleihungspraxis den Mechanismus deutlich abwerte.

278 Siehe hierzu Bertelsmann Stiftung 2007.

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Entscheidend ist, dass politische Akteure auf verschiedenen Ebenen ein möglichst qualitativ hochwertige und somit auch in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte Modi der Vermittlung finden und die Verantwortung, die beispielsweise Wirtschaftsunternehmen in Deutschland übernehmen, immer wieder betonen und plastisch zu machen. Gleichsam ist es auch entscheidend, dass Fälle, in denen sich Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung entziehen, möglichst klar als solche identifiziert werden. Die Beziehung zwischen Deutscher Politik und deutscher Wirtschaft scheint jedoch genau in diesem Punkt nicht unproblematisch zu sein. Wie auch in den Fallbeispielen deutliche Unterschiede zwischen einem sozialstaatlichen Handlungsanspruch des Betriebs (Stattauto) und einer rigoros wirtschaftsliberalen Auffassung des Unternehmens (Trigema) deutlich wurden, zeichnet sich auch in der Landschaft deutscher Parteienpolitik (trotz deutlicher Änderungen in jüngster Zeit) ein klares Bild: Einerseits scheinen weite Teile von CDU und SPD und Grünen und qua definitionem Die Linke immer stärker dem oben beschriebenen sozialstaatlichen Verständnis von Sozialer Arbeit zu verschreiben. Auf der anderen Seite stehen wirtschaftsliberale Kräfte – vor allem in CSU, CDU und FDP, die ein deutliches Zurückfahren des deutschen Sozialstaats (durch Steuersenkungen, Kürzungen von Sozialleistungen etc.) im Interesse der Wirtschaft fordern. In beiden Fällen kann somit eine (positive wie negative) Staatszentrierung bei der Adressierung gesellschaftlicher Probleme konstatiert werden, die letztendlich zu einem Antagonismus zwischen Wirtschaft und Staat führt. Gleichsam werden hierdurch andere, für die Beseitigung von sozialen Problemen elementare Bereiche der Gesellschaft unterbelichtet. Hieraus ergibt sich eine Trennung von Freiheit und Verantwortung, die sich in Deutschland in der Opposition von Wirtschaft und Sozialstaat wieder spiegelt. Dieser falschen Auffassung muss ein integratives Verständnis von Wirtschaft und Sozialem entgegengesetzt werden, dass sich auf die immer größer werdenden Schnittmengen gesellschaftlicher Sektoren konzentriert. Da ein solches Verständnis schon in vielerlei Hinsicht bei den Bürgern angekommen ist, wird es dringend Zeit, dass auch die politischen Parteien sich hierzu positionieren. Die Neuausrichtung weiter Teile des Wirtschaftssystems im Rahmen der aktuellen Finanzkrise stellt hierfür ein klares ‚window of opportunity’ dar. Auch bei Arbeitsstatistiken sollten kommunikative Überlegungen eine stärkere Rolle spielen. Die weit verbreitete Skepsis gegenüber Arbeitslosenzahlen könnte relativ leicht aufgehoben werden, indem transparente Konzepte kommuniziert würden (registrierte Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit gesamt, geschätzte verdeckte Arbeitslosigkeit) und von allen Akteuren eine differenziertere Darstellung des Problems angestrebt würde, die nicht nur der

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Untermauerung der jeweiligen eigenen Position dient. Zudem sollte dringend geprüft werden, welche Annahmen und Positionen durch bestimmte Indikatoren entstehen und ob dies politisch gewünscht und sinnvoll ist. Zu prüfen wäre auch, ob eine stärkere Unabhängigkeit der Arbeitsmarktstatistiken von der Bundesagentur für Arbeit zu erreichen ist. Wirtschaftsprüfungsunternehmen mussten in jüngster Zeit zwar deutliche Ansehensverluste hinnehmen. Dennoch würde es ein interessantes Signal darstellen, wenn die BfA ihre Arbeit von außen bewerten lassen würde. Dies kann zwar einen erheblichen Kostenfaktor darstellen; jedoch ist zu erwarten, dass sich statistische und verwaltungsspezifische Arbeitsabläufe mit externer Hilfe deutlich verbessern ließen. Zudem wären solche Mittel sicher besser angelegt als in großflächigen Werbekampagnen, die versuchen, die Bundesagentur als Lifestyle- Produkt zu verkaufen. Ein „Gesetz zur Verbesserung des bürgergesellschaftlichen Engagements“ sollte zudem mehr sein als ein Bündel von finanzrechtlichen Anpassungsmaßnahmen. Wenigstens in Form einer Präambel hätte man die Ergebnisse der Enquêtekommission Bürgergesellschaftliches Engagement, die das Thema immerhin 5 Jahre bearbeitet hat, deutlich machen können. Eine relativ weitgehende Festlegung, wie in Deutschland bürgerschaftliches Engagement – gerade auch von Unternehmen - verstanden und positioniert werden soll, sollte trotz den oben dargestellten Differenzen zwischen Parteien und Ideologien möglich sein. Die (nächste) Bundesregierung sollte versuchen durch eine nationale Diskussion und die Findung eines möglichst für alle Bürger zugänglichen Ergebnisses die politisch-kulturellen Rahmenbedingungen für einen weiteren Ausbau bürgerschaftlichen Engagements voranzutreiben. Mindestens ebenso wichtig wie ein Wille zu besserer Kommunikation vonseiten der Politik ist eine deutliche Steigerung der Transparenz von Unternehmen und dialogischem Austausch mit Stakeholdern. Die in den Fallbeispielen betrachteten Firmen leisten hier Pionierarbeit und zeigen Mitbewerbern und Firmen in anderen Branchen, dass sich hieraus für sie deutliche Vorteile in der Ausführung ihres Geschäfts ergeben. Die erhebliche Vernetzung über Spitzenverbände und Geschäftsbeziehungen wird dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass in Zukunft mehr Unternehmen sich ähnlich positionieren werden. Ein anderes Bild zeichnet sich bisher noch bei den Ansätzen, die im Bereich Social Entrepreneurship dargestellt wurden. Hier sind Strukturen zur Vernetzung erst im Entstehen begriffen; Stiftungen für Social Entrepreneurship, jedoch auch klassische Stiftungen aus wirtschaftlichen, politischen und philanthropischem Hintergrund könnten sich hier in Zukunft

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mehr und mehr als Organisatoren sozialen Kapitals zu etablieren. 279 In der Logik von SE konzentrieren sich viele Projekte jedoch sehr stark auf ihre eigenen Belange und haben daher nur wenig Zeit für Kommunikation. Selbst bei viel versprechenden Ansätzen, die auf staatlicher Initiative basieren (Start NRW, AhA) und erhebliche Potentiale der Verringerung von Langzeitarbeitslosigkeit durch strukturelle Veränderungen des Dienstleistungs- und damit Arbeitsmarktes bieten (Alltagsengel) lässt sich daher beobachten, dass bisher nur wenig Skalierung erfolgt ist. Hier müssen politische Akteure die wichtige Funktion als Kommunikatoren von Konzepten und Projekten übernehmen und versuchen, erfolgreiche kleinteilige Lösungsstrategien stärker in politische Programmatik einzubeziehen.

6.3. Politische Strategien

Eines der wichtigsten Ziele, um Ansätze Sozialer Wirtschaft für die Bearbeitung struktureller Arbeitslosigkeit zu nutzen, liegt im Abbau des Antagonismus zwischen ‚Wirtschaft’ und ‚Politik’. Diese Arbeit hat versucht, deutlich zu machen, dass eine solches Oppositionsverhältnis eine äußerst problematische Unterstellung ist, da es soziale Realität verkennt. Die Finanzkrise führt deutlich vor Augen, dass die Demokratisierung von Wirtschaft und das Einfordern sozialer Verantwortung diesen Antagonismus jedoch auch verstärken können. Die momentane Krise der Ökonomie kann in vielerlei Hinsicht auch als Renaissance der Politik und konkret: dem Glaube an Steuerung durch Politik verstanden werden. Die Neuentdeckung langer Zeit als überholt betrachteter keynesianischer Wirtschaftstheorien und eine nunmehr erfolgende Regulierung wirtschaftlicher Zusammenhänge (‚Managergehälter’) zeigen, dass politische Akteure sich nunmehr in der Aufgabe sehen, politischen Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen. Hierbei macht sich auch wieder der in Deutschland starke Antagonismus zwischen Wirtschaftsliberalismus und Sozialstaatlichkeit bemerkbar, der oftmals weniger an sachlichen als vielmehr rhetorischen Leitlinien orientiert ist. Die Frage, ob der Staat der bessere Unternehmer ist oder nicht ist vor dem Hintergrund einer starken gegenseitigen Durchdringung von gesellschaftlichen Sektoren eher als sinnlos zu betrachten. Weitaus wichtiger ist die Frage, wie eine Redefinition der jeweiligen Rollen gesellschaftlicher Sektoren ausgestaltet werden kann, um ein Oszillieren zwischen Extremen (Neo-Liberalismus, Etatismus) in Richtung einer balancierten Gesellschaft aufzulösen.

279 Siehe hierzu: Schnurbein 2009.

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Für mehr Balance wird man – gerade im Bereich der strukturellen Arbeitslosigkeit - von Lösungen auf der obersten Ebene Abstand nehmen müssen. Hierfür muss der verfassungsrechtliche Grundsatz der Subsidiarität gerade im Bereich der Beschäftigungspolitik wieder stärker etabliert werden. Die Frage: ‚Bund oder Länder?’ wird hierbei eine deutlich weniger wichtige Rolle spielen als die Frage: ‚lokale Bürgergesellschaft oder lokale staatliche Institutionen?’. Diese schwierige Frage lässt sich nur mit Blick auf die Kapazitäten des einzelnen Betroffenen beantworten. Hier finden Ansätze Sozialer Wirtschaft deutlich bessere und oftmals kostenneutrale Lösungen. CSR und SE müssen daher gezielt auf möglichst lokaler Ebene gefördert werden. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen können sich in ihrer nächsten Umgebung am besten in soziale Gestaltungsprozesse einbringen und hieraus Nutzen für sich und die Gesellschaft ziehen. Eine stärkere Förderung lokalen sozialen Engagements ist jedoch im höchsten Maße abhängig von Handlungsspielräumen subsidiären Handelns. Diese werden jedoch nicht unerheblich durch europäische, bundesstaatliche und föderale Strukturen eingeschränkt. Neben finanzföderalistischen Problemen der Ressourcenallokation stellt hier beispielsweise auch das europäische Ausschreibungsrecht vorrangig eine Beschränkung der Förderung lokaler CSR dar. Daher muss auf verschiedensten politischen Ebenen versucht werden, subsidiäre Elemente zu erhalten, wo diese mit anderen wichtigen politischen Ansprüchen im Konflikt zu treten scheinen. Eine stärkere Verlagerung arbeitsmarktpolitischer Entscheidungsprozesse auf die europäische Ebene ist dabei in der Zukunft mehr als wahrscheinlich. Gleichsam sollte sie durch eine kritische Hinterfragung der oben dargestellten Ansätze Sozialer Wirtschaft erfolgen. Verantwortung zu aber auch Ressourcen für Beschäftigungspolitik müssen auf der niedrigsten sinnvollen Ebene angelagert werden. Die oben genannten Beispiele aus München (BiSS, Stattauto) zeigen deutlich, dass hierdurch eine äußerst lohnenswerte Kooperation zwischen allen Beteiligten entstehen kann. Die bisher wenig stattzufinden scheinende Koordination einer aktiven Einbeziehung von unternehmerischen CSR-Initiativen durch die einzelnen Bundesressorts könnte durch eine klare Zuteilung an das Wirtschaftsministerium behoben werden. Hiermit könnte das Ministerium wieder eine deutliche Aufwertung erfahren, gerade wenn in der Zukunft Außenhandelsbelange immer stärker in europapolitische Bereiche ausgelagert werden. Gleichsam könnte hierdurch in Deutschland ein klares Signal für eine Wirtschaftspolitik der Verpflichtung von Unternehmen auf soziale Verantwortung gesetzt werden.

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Mehr Social Entrepreneurship im Bereich der strukturellen Arbeitslosigkeit erfordert eine bessere Infrastruktur bürgerschaftlichen Engagements. Hierbei mangelt es oftmals an Kapital für Social Enterprises 280 . Durch eine nochmalige Überarbeitung der steuerpolitischen Dimension des Gesetzes zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements sind hier noch deutliche Verbesserungen von Seiten der Politik möglich. Beispielsweise könnten im Hinblick auf eine sehr wahrscheinliche erneute Überarbeitung des Erbschaftsteuergesetzes eine deutliche Anreizsetzung für die Etablierung gemeinnütziger Stiftungen gesetzt werden. Auch im Stiftungsrecht scheint es noch deutlichen Reformbedarf zu geben. Dieser wurde zwar in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU, SPD und CSU festgestellt 281 , nach Kenntnisstand des Autors bisher jedoch nicht in legislative Initiativen übersetzt. Auch für eine effektivere aktive Einbeziehung von Social Entrepreneurs in die staatlich initiierte Bearbeitung struktureller Arbeitslosigkeit lassen sich politische Handlungsmöglichkeiten identifizieren. 282 Zunächst ist eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit und eine Professionalisierung solcher Ansätze Sozialen Wirtschaftens durch eine noch stärkere Integration ins Bildungssystem ein wichtiger erster Schritt. 283 Gleichsam sind Förderprogramme für Anschubfinanzierung; beispielsweise als zinsfreie Darlehen denkbar. Dabei muss darauf geachtet werden, die geförderten Social Entrepreneurs möglichst wenig in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken, da sonst zentrale Elemente der Attraktivität solcher Ansätze verloren gingen. Dies stellt vor dem Hintergrund einer öffentlichen Finanzierung und einer zumindest für Deutschland nur schwer einschätzbaren Wirkungskraft solcher Ansätze natürlich ein nicht unerhebliches Legitimitätsproblem dar. Mehr als Kapital benötigen Social Entrepreneurs oftmals – gerade in Deutschland – Hilfestellungen und Beratung im juristischen Bereich. Hier könnten staatliche Institutionen durch Freistellung von Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst Projekte durch Beratungsgespräche, Vortragsveranstaltungen oder Workshops unterstützen. Ein deutlicher Vorteil ergibt sich hierbei aus einer bidirektionalen Vermittlung von Wissen, von der beide Seiten profitieren 284 . Eine ähnliche Kommunikationsweise sollte sich auch in einer umfassenderen Einbeziehung von CSR-affinen Firmen und Social Entrepreneurs in Ausschussarbeit ausdrücken. So wäre es denkbar, Unternehmen und SE durch Einladungen zu Expertenanhörungen und besseren

280 Siehe Vollmann 2007, S. 76.

281 CDU, SPD, CSU 2005, S. 128.

282 Für eine ausführliche Übersicht siehe Vollmann 2007, S. 75-78.

283 Vollmann 2007, S. 73; Anderson and Dees 2008, S. 158.

284 Siehe hierzu Wolk 2007, S. 194.