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/Editorial/

Neues Jahr, alte Debatte


/GameStar/dev/start
Unrasiert und fern der Heimat Gunnar Lott

In wenigen Tagen ist es mal wieder so weit: Die


GGDC findet statt, mit all ihrer; Unterkonferen-
¡st Chefredakteur
zen von GDC Mobile bis zum Serious Games von GameStar und
Summit. Wer von der internationalen Entwick- /GameStar/dev
lerszene Geld im Fortbildungs- oder Reisebudget
K illerspiele« ? Wir können eigentlich nicht
mehr: Wir haben mit Pädagogen gespro-
und ein paar Tage Platz im Projektplan findet,
pilgert nach San Francisco. Wir sind, wie immer,
Andre Horn

chen, mit Politikern aller Couleur. Wir haben im ebenfalls vor Ort und freuen uns auf ein Treffen
Femsehen ausführliche Statements abgegeben, mit Ihnen, unseren Lesern und Autoren -es ge-
¡st Chefredakteur
die dann im Bericht auf drei Wörter gekürzt wur- hört zu den größeren Absurditäten des Journa- von GamePro und
den. Wir haben an Podiumsdiskussionen teilge- listenberufs, dass wir manche geschätzten deut- /GameStar/dev
nommen, wir haben versucht, hinter den Kulissen schen Kollegen nur auf amerikanischen Events
zu wirken. Wir haben auch, in unseren Endkun- treffen, nicht aber in der Heimat, wo die Hotels Heiko Klinge
denmagazinen GameStar und GamePro, neben billiger und die Wege kürzer wären.
der differenzierten Berichterstattung ein bisschen Wo wir gerade beim Treffen sind, letztes Jahr
ist Redakteur von
Stimmungsmache betrieben, mit einem vorfor- hat Michael Hengst eine Art »Deutschen Abend«
GameStar
mulierten Brief an Abgeordnete, Was das ganze organisiert, ein lockeres Abendessen ohne wei- und Projektleiter von
Engagement genutzt hat. ist letztendlich fraglich - tere Verpflichtungen, wo sich eine ganze Reihe /GameStar/dev
die Debatte um die so genannten »gewalthalti- von Leuten eingefunden hat. Neben Deutschen
gen« Spiele hat zwar die Boulevardpresse verlas- und Österreichern waren auch ein paar Ameri-
sen, tobt aber in den politischen Gremien und, viel kaner dabei, etwa der allgegenwärtige Bob Bates,
wichtiger, in den Familien noch unvermindert. aber auch Noah Falstein und Ron Gilbert. Dieses
Daher nehmen wir in /GameStar/dev das Thema Jahr wollen wir uns wieder treffen, die Organi-
nochmal unter einem leicht anderen Aspekt auf sation übernehmen Bob Bates, Ralf C. Adam und
und untersuchen die Mechanismen des Jugend- Erik Simon - wer dabei sein will, möge sich bei
schutzes und die Argumentation der »Spiele-Kil- Ralf melden: ralf@_tigerteam-productions.de.
ler«. Und wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Am Rande: Weil eine Teilauflage dieser Ausgabe
testhalberund ausnahmsweise an den Kiosk geht,
sieht das Cover ein wenig anders aus als sonst. Die Die Debatte um die so genannten »gewaithaltigen« Spiele
hübsche Titel-Illustration ist übrigens von eboy.de, hat zwar die Boulevardpresse verlassen,
wir verwenden sie mit großzügiger Erlaubnis der tobt aber in den politischen Gremien und,
Berliner Pixelkünstler - vielen Dank. Jungs! viel wichtiger, in den Familien noch unvermindert!

01/2007 /GameStar/dev /Editorial/ 3


/Tltelstoty/Debatte

IBBBBBJ

Jugendschutz
Kai Schmidt erklärt die
Mechanismen beim deutschen
Jugendschutz.
Seite 12

Try

[#• Argumentation
'S Christian Schmidt und Gunnar
H Lott analysieren die Argumente
i der »Spiele-Killer«.
1 Seite 18

Titelstory "¡
Killerspiele: H i—I-'^BJ' *^S5

Tatsachen gegen
• a ^ J B T

Designer-Umfrage

Propaganda Welche moralische Verantwor-


tung haben Spiele-Designer!
Sieben Entwickler antworten.
Seite 22

IVI achdem es bislang nur Ankündigungen überlässt oder zugänglich macht oder
I gab. wurde Anfang Februar vom Freistaat CS herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbie-
Bayern der »Entwurf eines Gesetzes zur Verbesse- tet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder
rung des Jugendschutzes« eingereicht. In einer auszuführen unternimmt, um sie Im Sinne der
der nächsten Bundesratssitzungen wird der Ent- Nummern 1 bis 3 zu verwenden oder
wurf dann ausführlich behandelt werden. Grund einem anderen eine solche Verwendung zu er-
genug fur uns. sich des Themas »Killerspiel«-De- möglichen.«
batte in diesem Heft noch einmal anzunehmen.
Geändert werden soll unter anderem §131a des
Strafgesetzbuchs, der in der neuen Form folgen-
Außerdem gibt es auch Anderungswünsche
beim Verfahren mit Erziehungsberechtigten.
Gamer-Interview
Fabian Siegismund befragt
einen Spieler, der Angst hatte,
P
m
des beeinhaltet: War es früher der eigenen Entscheidung über-
»Virtuelle Killerspiele«: lassen, welche Inhalte Eltem ihren Kindern zei- so zu sein wie Sebastian B.
Seite 26
Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit gen dürfen, sieht der Entwurf folgendes vor:
Geldstrafe wird bestraft, wer Spielprogramme, ii Es besteht kein legitimes Bedürfnis für Erzie-
die grausame oder sonst unmenschliche Ge- hungsberechtigte, exzessive Gewaltdarstellun-
walttätigkeiten gegen Menschen oder men- gen Jugendlichen oder gar Kindern zugänglich
schenähnliche Wesen darstellen und dem Spie- zu machen. Das Erzieherprivileg wird daher er-
ler die Beteiligung an dargestellten Gewalttätig- satzlos aufgehoben.«
keiten solcher Art ermöglichen. Ein krasser Eingriff in die Freiheit des Einzel-
Q verbreitet, nen, der so vom Grundgesetz nicht gedeckt sein
ES öffentlich zugänglich macht. dürfte. Wir sehen mit Spannung und Sorge auf
Q einer Person unter achtzehn Jahren anbietet. die weiteren Entwicklungen

01/2007 /GameStar/dev /Titelstory/


/Titelstory/Debatte

-'V.v'

Der Status Quo


Jugendschutz in )
Deutschland / W:
Wie
Wie arbeiten USK
USKund
undBPjM?
BPjM? f
Was sind die rechtlichen Grundlagen?
Welche Kriterien gelten für die
unterschiedlichen Altersfreigaben?
Fragen, die in der »Killerspiele«-
Debatte viel zu selten gestellt werden.
Unser Report gibt die Antworten.

:f.Lt' [zensiert]
r

Kai Schmidt \ A / er hat sich nicht schon über speziell für haltungssoftware Selbstkontrolle) ist nach der
_ J den deutschen Markt angepasste Versio- Neuregelung des Jugendschutzes vom 1. April
nen »härterer« Spiele geärgert? Grünes Blut, Ro- 2003 zu einer sehr wichtigen Einrichtung für die
boter statt Menschen, geschnittene Zwischense- Hersteller von Computer- und Videospielen ge-
ist Fiedakteur bei quenzen - klarer Fall von Zensur! Oder etwa nicht? worden, da eine Freigabe durch diese Institution
GamePro. Rechtssicherheit garantiert und das Einschreiten
Laut Artikel 5 des Grundgesetzes (Absatz 1) findet
eine Zensur nicht statt. Was hat es dann aber mit der BPjM verhindert. Die USK-Prüfung läuft nach
gekürzten Spielen und Indizierungen auf sich? Im S14 und % IS des Jugendschutzgesetzes ab, in de-
folgenden Artikel bringen wir Licht in die Hinter- nen die Kriterien zu den einzelnen Freigabestu-
gründe des Jugendschutzes und zeigen anhand fen sowie indizierten Medien dargelegt werden.
von Fallbeispielen die Mechanismen auf, nach de- Der Freigabeprozess funktioniert folgenderma-
nen USK und BPjM funktionieren. ßen: Der Hersteller reicht diefinaleVersion sei-
nes Titels ein, woraufhin die Tester der USK das
U5K und BPjM Spiel spielen und sich Notizen machen. Der Titel
Die USK-Freigabeplaketten kennt wohl jeder, der wird schließlich einem Prüferkomitee vorgeführt
sich mit Videospielen befasst. Die USK (Unter- und erläutert. Das Komitee spricht eine Freigabe-
Empfehlung aus, die dann noch vom Vertreter
Edmund Stoiber Ministerpräsldenl von Bayern der Obersten Landesjugendbehörden bestätigt
werden muss. Eine genaue Schilderung des Prüf-
» Killerspiele gehören in Deutschland verboten. vorgangs und der Zusammensetzung der Gre-
Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten. mien finden Sie im entsprechenden Schaubild.
Das sind völlig unverantwortliche und
Verweigert die USK die Freigabe für ein Spiel, wie
indiskutable Machwerke, die in unserer
unlängst etwa bei Microsofts Gears of War ge-
Geseilschaft keinen Platz haben dürfen.«
schehen, kann dieses indiziert werden.

12 /Titelstory/ /GameSt.ir/dev 01/2007


/Titelstory/Debatte

Wieder die »Killerspiele«


Argumentationsleit-
faden für die Debatte
Wir nehmen uns die häufigsten ATgumente der »Killerspiele«-
Gegner vor und vergleichen Vorurteile und Realität.

r^*\ Gunnar Lett


Argument: Diese Spiele sind doch widerlich, da lang. Im gleichen Interview gibt Herr Schüne-
mann übrigens folgendes zu: »Ich habe nicht ge-

J~ J
bekommt man Punkte für besondere Brutalität.
Analyse: »Sie müssen auf einen Knopf drücken. spielt, sondern ich habe mir diese Szenen aus
Dadurch wird etwa ein Arm mit einer Kettensä- mehreren Spielen zeigen lassen.«

-¿1
¡st Chefredakteur
ge abgetrennt. Diese Handlung wird zudem po-
von GameStar
und /GameStar/dev sitiv bewertet, wenn man sein Opfer zuvor Argument: Wer Gewalt spielt, der übt auch Ge-
quält. Fürs Arm-Abtrennen gibt es 100 Punkte, walt im täglichen Leben aus.
fürs Kopf-Abtrennen 1.000 Punkte.« Und es wird Analyse: »Das ist eine voreilige Schlussfolge-
Christian Schmidt
»gefoltert und getötet«, sogar »in brutalster rung, die impliziert, dass die bloße Übung einer
Form«. All das sagte Uwe Schünemann, Innen- Handlung bereits dazu führt, dass man diese
minister von Niedersachsen, in einem Interview Handlung danach auch real ausführt. Demist
mit dem Stern. Schlimm wäre das, wenn's denn natürlich nicht so. Ob man in einer Weise han-
ist Leitender Redakteur
von GameStar stimmen würde. Stimmt aber nicht. Wir kennen delt, wie man es vorher geübt hat, hängt von
kein in Deutschland frei erhältliches Spiel, in vielen Faktoren ab.« (Peter Vorderer, Diplom-
dem derlei Dinge passieren. Deutschland hat Psychologe, Berkeley)
seit vielen Jahren strengere Maßstäbe als andere
Länder, die Hersteller sind sensibilisiert, der Argument: Die USK ist zu lasch, das ist ja im
Handel hat Angst vor schlechter Presse - die Lis- Grunde nur ein Schutzveranstaltung, ein Feigen-
te der Spiele, die beispielsweise in der Schweiz blatt der Spieleindustrie.
erscheinen, in Deutschland aber nicht, die ist Analyse: In der Debatte um das Aussortieren von
jugendgefährdenden Spielen ist es vor allem die
USK, die Prügel bekommt. Die Kontrollen seien
zu lax, polterte etwa Innenminister Uwe Schüne-
a Himno, 22. Nomen 2006
mann, in TV-Kommentaren wurde das System
Der Amoklauf von Emsdetten Der Amoklauf von Emsdetten als »Lachnummer« abgefertigt. Schuld daran mö-
gen teilweise Missverständnisse sein, etwa um
Die 5 erfolgreichsten den Begriff der Selbstkontrolle (das Gremium ist
„Ego-Shooter"-Sj)ie!e unabhängig von der Spieleindustrie) oder dem
ESnrieti¡LLTif vnrnsr £•'» itirjJüffT und rtaSaiischa Unterschied zwischen Altersfreigabe (USK) und
•}•<.: ••.-! Uli,-
I WaWmñmwm
H J _Lk)c<B" JfjM> mt I 1 "
Indizierung (Bundesprüfstellen^ jugendgefähr-
M W * Sf- > Otar«, ("i m dende Medien, BPjM). Bei den Zweiflern stößt
lli>tn»H.J
tmm i l M k A * CVvi>.li
i l i h l Doan .\tttlut-
aber vor allem eine Regelung auf Unverständnis:
Bekommt ein Spiel ein Prüfsiegel, kann es nicht
mehr indiziert werden, selbst wenn sich Jugend-
. - • ] - J . P » n . i - j v -

rwirmijj, »t-r l>** I\nl


Eki a.ari u kiOOtim, ia tea ämter beschweren sollten. Den Kritikern gilt das
oúlimtlíiriDidn
r ^ n í Hcib.wca »oi kl Bollwerk Indizierung damit als durchlöchert.
-fKbf«- m n r i V t f r H
Die USK verteidigt sich: Der europäische Ver-
lmt£¡tím\
gleich zeige, dass der Jugendschutz in Deutsch-

Wie gefährlich irTTuJD^ctV


W (Ittfi: r W r B »
land wesentlich restriktiver reagiere als in allen
Nachbarstaaten. Diese Meinung wird auf der
Fachebene (und wenn die Kameras aus sind)
sind Ballerspiele? l.nUiU.-*( H t <eu:rnc*
»HS, durchaus geteilt. Als Wolf-Dieter Ring, der Präsi-
dent der Kommission für Jugendmedienschutz,
Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen Ende November auf einer Podiumsdiskussion in
r w w J i - . - v s w . L . am«
illU
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»-JÍ ¿V OtWtMxMiEKlwn
Ja Strict, inlna nmnn
Berlin vehement das System der Selbstkontrolle
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>|K (trtmiic*!* wVf f K [ l Tisch - Michaela Noll (CDU), Hans-Joachim Otto
uZniUmAl irw« L>n«i»l«i (tuuLe.
(FDP), Christa Stewens (CSU) - keiner. Das wäre
TZ München, im November 2006: typisch, wie die Boulevardpresse mit dem Thema umgeht. auch inkonsequent, denn die USK ist durchaus

13 /Titelstory/ /G.imuStar/iiev 01/2007


/Titelstory/Debatte

triktive Maßnahmen seien »am ehesten bei jün- Nachdem damals Robert Steinhäuser im Guten-
geren Kindern sinnvoll, während sie bei älteren berg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst
kontraproduktiv wirken können,« Denn was ver- getötet hatte, forderten Sozialexperten und Leh-
boten sei, ergänzt der Psychologe Peter Vorderer, rer kleinere Klassen, mehr Personal, Ganztages-
»das macht uns grade scharf.«. Die Gesellschaft betreuung, Schulpsychologen. Denn der Lebens-
für Medienpadagogik und Kommunikationskul- frust, der sich in Menschen wie Sebastian Bosse
tur befürchtet durch ein Verbot gar »eine mögli- und Robert Steinhäuser explosiv verdichtet,
che Kriminalisierung von Mitarbeitern in der Ju- speist sich zu einem guten Teil aus schulischem
gendhilfe, die über Spiele wie Counterstrike den Versagen und Ausgrenzung. Vier Jahre nach Er-
Kontakt zu Jugendlichen suchen.« Dies sei eine furt zieht der Lehrerverbands-Präsident Josef
wichtige Methode, »Jugendliche, die sich durch Kraus Bilanz: »Das einzige, was wir erreicht ha-
ihr Spielen isolieren, wieder zu erreichen.« ben, sind Evakuierungspläne für die Schulen.«
Ein Verbot würde denn auch »wenig bewir- Ansonsten seien alle Forderungen unerfüllt ge-
ken«, glaubt der CDU-Politiker Thomas larzom- blieben. Inzwischen kommt in Deutschland auf
bek. Der Fraktionschef der Grünen im Bundes- 12.500 Schüler ein Schulpsychologe; in Europa ist
tag, Volker Beck, konstatiert nüchtern: »Dass die Quote nur in Malta noch schlechter.
man das Problem durch ein Verbot aus der Welt
schaffen kann, ist in Zeiten des Internets und Argument: Diese brutalen Machwerke haben in
Schwarzbrennens ein frommer Wunsch.« Er Deutschland nichts verloren, die verderben bloß
schließt die Mahnung an die Spieler an, sich die Kinder.
selbstkritisch zu hinterfragen: »Die Jugendlichen Analyse: Die Mehrheit der deutschen »Gamer«
müssen sich damit auseinandersetzen, was ih- dürfte erwachsen sein, das Durchschnittsalter
nen an solchen Spielen Spaß macht. Sie müssen der Leser unserer Schwesterzeitschrift GameStar
aber auch erkennen, was so brutal ist, dass sie es liegt bei 24,5 Jahren. Ein Verbot bestimmter Spie-
in der Realität nicht wiederholen dürfen.« le wäre ein schwerwiegender Eingriff in das
Selbstverstimmungsrecht erwachsener Spieler.
Argument: Ein Verbot von Killerspielen würde Wenn gewalthaltige Spiele in Deutschland nicht
eine wesentliche Ursache der Schulgewalt be- mehr produziert und vertrieben werden dürfen,
seitigen. konnte das auch wirtschaftliche Folgen haben.
Analyse: »Wenn solche Katastrophen passieren, Der Entwickler Crytek, mit dem Shooter-Projekt
sind von der Politik immer Handlungsfähigkeit Crysis derzeit das Aushängeschild der deutschen
und Konzepte gefragt«, erklärt der CDU-Politiker Branche, beschäftigt nach eigenen Angaben 130
Thomas Jarzombek. »Da gibt es durchaus Leute, Leute und investiert 14 Millionen Euro. Wenn
die dem Reflex nachgeben, schnelle und einfa- Spiele wie Crysis verboten würden, sagte der Fir-
che Lösungen zu präsentieren.« Dass eine davon menmitgründer Cevat Yerli in einem Beitrag
ist, Gewaltspiele mit Amoklauf gleichzusetzen, von Focus TV, »dann gibt es Crytek in Deutsch-
hat die Politik schon nach der Tragödie In Erfurt land vielleicht nicht mehr. Das heißt, wir wür-
2002 erprobt. den raus hier, auswandern.« Allerdings: Crytek
ist mit Abstand das bedeutendste Beispiel, denn
Deutschlands Entwicklerszene ist dem Baller-
Entwicklung der Jugendkriminalität spiel traditionell wenig verbunden. Schwerer
dürfte es den Handel treffen. Zwischen drei und
Schaubild K4.1-1: Entwicklung der polizeilich registrierten tatverdachtigen (TVBZ) fünf Prozent beträgt der Anteil der Spiele in
Jugendlichen und Heranwachsenden für verschiedene Delikte 1987-2005 Deutschland, die eine Altersfreigabe ab 18 Jah-
ren bekommen.
luijendhche Heramvachtende

Argument: Die Gewalt an den Schulen nimmt


seit Jahren zu, das liegt doch auf jeden Fall an
den Gewalt-Medien.
Analyse: Kurz nach der Tragödie von Emsdetten
und dem daraus entstanden Medien-Sturm hat
stern.de eine repräsentative Umfrage veranstal-
tet. Ergebnis: 72 Prozent der Stern-Befragten
glauben, brutale Spiele seien ein Grund für die
zunehmende Gewalt an Schulen. Dagegen ste-
hen die Erkenntnisse des »Periodischen Sicher-
heitsberichts« des Bundesministerium des In-
nern, Zitat: »Weder für die Gewalt an Schulen
noch für die Gewalt junger Menschen im öffent-
lichen Raum sind Zuwächse zu erkennen. [...] An-
s: í S ä S 8 5 8 8 2 8 8 S 8 S S S Í S S 8 8 8 8 8 8
— - ~ w ~ — — r - r v r i W r t r v * * w ~ — — *- — _ f* IM ri IM w haltspunkte für eine BrutaUsierung junger Men-
schen sind weder den Justizdaten noch den Er-
-einfache! Oielntohl —»-LaJendieblMM - Gtwjltknminalitat kenntnissen aus Dunkelfeldstudien oder den
-Diogpndi'tiHe » einfache Koiperveitetzung - icbwíreí Diebstahl Meldungen an die Unfallversicherer zu entneh-
men. Es zeigt sich vielmehr im Gegenteil, dass in

20 /Titelstory/ /GameStar/dev 01/2007


/Titelstory/Debatte

Moralische Verantwortung?
Das sagen die Designer
Welche moralische Verantwortung haben Spiele-Entwickler? Sieben be-
kannte nationale und internationale DesigneT stellen sich bei uns dieseT
Gewissensfrage und kommen zu völlig unterschiedlichen Antworten.

»Gewalt als Krücke«


Wir bei Ensemble Studios hatten nie den Ein- ger Unterhaltung und daraus resultierendem
druck, als Spielentwickler besondere ethische gewalttätigen Verhalten hergestellt. Psycholo-
Ensemble Sludios cdermoralische Verantwortung zu haben. Wir gen können erklären, warum sich Menschen
folgen unseren alltäglichen, persönlichen Ver- von Gewalt angezogen fühlen - und ob diese
haltensstandards als Staatsbürger. Die meisten Anziehung unbedingt etwas Schlechtes sein
Bruce Shelley gilt als einer der besten Strategie-
spiel-Designer. Zu seinen Werken zählen Railroad von uns machen die Spiele, die sie selbst spielen muss oder nicht. Gewalt als Unterhaltungsge-
Tycoon, Civilization und die Age-of-EmpIres-Serie. wollen. In unserem Fall waren das hauptsäch- genstand scheint eine kommerzielle Reaktion
lich Programme, die auf der Geschichte der auf diese Anziehung zu sein; und Spiele sind nur
Menschheit basieren. der letzte Eintrag in einer langen Liste von Me-
Ich möchte keine Spiele machen, die die Gren- dien, die diesem Bedürfnis Rechnung tragen.
zen dessen überschreiten, was als ethisch oder Wenn Menschen Gewalt wenigerfaszinierend
moralisch angesehen wird. Aber ich fühle mich fänden, dann würden gewalthaltige Spiele ver-
unwohl dabei, anderen das Recht abzusprechen, schwinden. Der Umkehrschluss funktioniert
• genau das zu tun. Ich glaube an persönliche Frei- nicht: Auf gewalthaltige Spiele (oder ähnliche
Ich möchte keine Spiele heit und freie Märkte, die darüber bestimmen, Medien) zu verzichten, wird die Menschen nicht
machen, die die Grenzen ob ein Produkt den Geschmack der Kunden trifft davon abhalten, Gewall attraktiv zu finden.
dessen überschreiten, und zum Erfolg oder Flop wird. Es ist schwierig. Menschen erfolgreich zu
was als ethisch Die Gesellschaft beschäftigt sich seit langem unterhalten. Deshalb ist es nur natürüch. dass
oder moralisch mit Gewalt als Unterhaltungsgegenstand (im manche Unterhalter zur Gewalt als Krücke grei-
angesehen wird. Theater, der Oper, in Büchern, Filmen, Nachrich- fen. Spieleentwickler haben die Gelegenheit,
ten, im Fernsehen etc.), aber meines Wissens wunderbare interaktive Unterhaltung zu er-
nach haben die Forscher bis heute keinen zwin- schaffen -und es gibt keine Pflicht, den kurzen
genden Zusammenhang zwischen gewalthalti- Weg dorthin zu nehmen.

Simon Bradbury
»Nieder mit der moralischen Zensur!«
Eine ausgezeichnete Frage! Meine spontane sonders unangenehmer Titel. Aber es liegt in der
Bauchgefühl-Antwort wäre: Er hat keine Verant- Hand der Medienwächter, also einer externen In-
wortung! Wir sind eine Branche mitten in ihrer stanz, zu entscheiden, ob sich ein Spiel für die Öf-
Firefly Studios
Evolution, eine gerade erst flügge gewordene fentlichkeit eignet oder nicht (genau wie in der
Kunstform, sogar ein soziales Experiment! Als sol- Filmindustrie). Spieldesigner machen ihr Spiel so,
Simon 1st der geistige Vater von gleich drei erfolg- ches sollte das Genre der Computerspiele Gelegen- wie sie es fürrichtighalten. Jemand anders ent-
reichen 5trategiesplel-Serien: Caesar, Lords of Ihe
heit zu Experimenten haben - und die Freiheit, scheidet dann, wer es spielen kann.
Realm und zuletzt Stronghold.
Fehler zu machen. Kunst, Musik und Romane ha- Eine mindestens ebenso interessante und leb-
ben im Lauf der Geschichte geschockt und morali- hafte Diskussion lässt sich über Onlinc-Rollenspie-
sche Empf indlichkeiten aufgewühlt Würden wir le und die Frage führen, wie Menschen sich darin
heutzutage die Bibel, Shakespeare oder den Punk- verhallen dürfen. Ich denke aber, dass die Lösung
Rock verbieten?! Also »Nieder mit moralischer auch hier darin liegt, diese Welten zu überwachen,
Zensurl« und »Nein!« an all jene, die Spieleent- anstatt sie von vornherein zu beschneiden.
wicklern mit Kompromissen und »politischen« Meiner Meinung nach sollte sich ein Spielede-
Designentscheidungen Fesseln anlegen wollen! signer all denen gegenüber ethisch verhalten,
Würden wir heutzutage Gut, ich gebe zu, dass es Spiele gibt, gab und ge- mit denen er zusammenarbeitet, von der Presse
die Bibel, Shakespeare ben wird, die eine starke Hand vertragen könnten, bis zum Publisher. Er hat moralische Verantwor-
oder den Punk- weil sie eine Grenze überschreiten. Manhunt war tung für seine Kollegen und seine Firma. Aber er
Rock verbieten? für mich zum Beispiel wegen seiner lebens verach- hat keine Pflicht, ein Spiel zu machen, das die Er-
tenden Einstellung und morbiden Gewalt ein be- wartungen der Gesellschaft erfüllt.

22 /Titelstory/ /Game5tar/dcv 01/2007


/Titelstory/Debatte

/dev-Talk
Angst, zu sein
wie Sebastian B.
GameStar sprach m i t einem Internet-Bekannten von Sebastian B. darüber,
was in jungen, computerspielenden Männern vorgeht.

Fabian Siegismund
D er Amokläufer von Emsdetten mag ein
Einzelgänger gewesen sein, mit seinen
mir in Modding- und Softair-Foren unterwegs,
wo sich unsere Wege öfters gekreuzt haben.
Hobbys war er aber sicher nicht allein: Die Begeis- Aber er war nicht auffällig oder anders als wir
terung für Actionspiele und Waffen ist unter anderen. Und das macht mir irgendwie Angst.
ist Redakteur bei männlichen Jugendlichen weit verbreitet. Alexan- /GameStar/dev Über was haben Sebastian B.
GameStar und du in den Foren gesprochen?
der Diehlmann (20)' kannte Sebastian B. aus Waf-
fen- und Modding-Foren. GameStar-Redakteur Fa- Alexander Unter anderem über Softair-Waffen.
bian Siegismund sprach mit ihm über seine Ge- Das sind halbwegs realitätsgetreue Nachbildun-
meinsamkeiten mit Sebastian B. und darüber, was gen echter Waffen, mit denen meist 6 Millimeter
in jungen, computerspielenden Männern vorgeht. große Plastikkugeln verschossen werden - auf alte
CDs. Kartons oder andere Softairspieler. Bei dem
/GameStar/dev Alexander, du bist ein alter Be- Thema waren wir einer Meinung, zum Beispiel,
kannter der GameStar-Redaktion. Die Umstän- dass Optik und Präzision sehr wichtig sind. Wir
de, unter denen wir uns getroffen haben, sind schworen auf denselben japanischen Hersteller.
allerdings ein wenig... ungewöhnlich. /GameStar/dev Warum faszinieren dich Waffen?
Alexander Könnte man so sagen. Damals, mit 16 Alexander Das habe ich mich auch lange gefragt
oder 17, war ich auf der Suche nach Menschen, und ein leicht mulmiges Gefühl vor dieser Faszi-
die so sind wie ich. Und nachdem ich welche ge- nation gehabt. Aber für mich, so weiß ich heute,
funden hatte, die mich jeden Monat in Form der geht es dabei in erster Linie um Industriedesign.
GameStar-CD besuchten, wollte ich die unbe- Im Gegensatz zum Grafikdesign geht es bei einer
dingt kennenlernen. Also bin ich nach München Waffe um die Gebrauchsfähigkeit und nicht um
gefahren, habe in der Jugendherberge gepennt das Aussehen - und trotzdem sieht sie gut ausl
Nimm einen und sieben Tage lang vor der Redaktion gelauert Deshalb redet man in Softair-Foren auch viel über
wie mich damals und mach ihn - Fotos gemacht, Redakteure angelabert. Bis den realistischen Look einer Replik. Und deshalb
systematisch fertig. mich eines Abends Petra mal in die Redaktion ist für viele Waffenfans Softair auch interessanter
Das muss doch früher oder eingeladen hat und mir zeigte, dass die Realität als Paintball -so wohl auch für Sebastian.
später schiefgehen! im Raumschiff GameStar viel mit Schreibtischen /GameStar/devTatsächlich schrieb er in einem
und wenig mit Blastem zu tun hat. Forum, er habe sich gegen Paintball und für Soft-
/GameStar/dev Mit Petra hast du noch Kontakt. air entschieden, weil es dort mehr Waffenaus-
Alexander Ja, und ich würde sogar behaupten, wahl gäbe. Er wolle aber unter keinen Umstän-
sie hat an einer Stelle in meinem Leben eine be- den als »Hobbyrambo« gelten.
deutende Rolle gespielt. Nach der Realschule Alexander So ist es ja auch, denn es ist schwer,
und 40 erfolglosen Bewerbungen war mein ein Hobby zu verteidigen, bei dem man die
Weltbild neu gezeichnet. Und damit meine ich Nachbildung eines Sturmgewehrs geil findet.
kein schönes Bild. Mein Kumpel und ich lagen Viele Softair-Fans hätten sicher gerne echte Waf-
nachts besoffen auf Spielplätzen herum, haben fen, wollen aber nicht noch negativer auffallen,
den Sternen beim Drehen zugeschaut und das als sie es ohnehin schon tun. Eigentlich hätte ich
System verflucht. Ich habe dann ein Praktikum auch gern im Team im Gelände gespielt, aber da-
als Fachinformatiker angefangen und dabei ge- zu hatte ich keine Gelegenheit. Es blieb bei ei-
dacht, dass man es sich wohl nicht aussuchen nem einzigen schüchternen und nervösen Ver-
kann, was das Leben mit einem macht. Petra hat such, aUein mit meiner Softair-MP5 im Wald auf
mir gezeigt, dass es nicht so ist: Ich habe auf ihr Bäume zu schießen, ohne von Spaziergängern
Zusprechen hin den Job hingeschmissen, mich entdeckt zu werden. Dabei kam ich mir aber
umgeschaut und plötzlich etwas entdeckt, was schnell blöd vor, inzwischen habe ich auch mei-
zu mir passt. Inzwischen bin ich selbstständiger ne ganze Munition weggeworfen. Denn auch
Mediengestalter. Und höchst zufrieden damit. Softair-Waffen sind gefährlich, man denke nur
/GameStar/dev Kanntest du Sebastian B.? an Kinder oder besonders witzige Kumpels, die
Alexander Nur aus dem Internet. Das wurde mir mit einer Pistole gestikulieren wie mit einer
klar, als sein Online-Spitzname »ResistantX« Bierdose. Weil es außerdem schwer ist, Leuten
nach dem Amoklauf bekannt wurde. Er war mit klar zu machen, dass man Waffen wegen des
' HJ rrt vcn dt r Siia ktion geändirt

26 /Titclstory/ /GameStar/dev 01/2007


/GameStar/dev

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