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Arbeitskreis 'Dialoge'

Die Welt wird viele Zentren haben, nicht nur


eines. Sie wird heterogen sein. Die Vielzahl
gemischter Identitäten jenseits der Identität
tritt an die Stelle der Homogenität. Berlin – Leipzig – Halle
Abdelwahhab Meddeb

Stellungnahme zur angekündigten Schließung des öffentlich-rechtlichen


Programms „Radio Multikulti“ (21.09.08)

„Erfolge in der Integrationspolitik sind entscheidend für Berlins Zukunft. Als


Einwanderungsstadt lebt Berlin davon, die Kompetenzen der Einwanderinnen und
Einwanderer als Ressource für Zukunft und Gegenwart zu erkennen und zu nutzen.
Die Vielfalt der Stadtgesellschaft zu fördern und gleichzeitig das gemeinsame
Fundament zu stärken - dieses Leitmotiv prägt das Berliner Integrationskonzept, mit
dem der Berliner Senat 2005 die Grundsätze einer umfassenden und strategisch
ausgerichteten Integrationspolitik formulierte.“
So steht es unter dem Titel „Vielfalt stärken - Zusammenhalt fördern“ treffend und
überzeugend in einer Broschüre des Beauftragten für Integration und Migration bei der
Senatsverwaltung für Migration, Arbeit und Soziales vom Juni 2007. Gerade der Sender
„Radio Multikulti“ ist von grundlegender Bedeutung für das Gelingen dieser ehrgeizigen
Pläne. Die Sendungen in fast allen Muttersprachen der zahlreichen Berliner
Einwanderergruppen, die redaktionelle Mitarbeit hunderter Menschen verschiedener
Herkunft zeugt von der bereits erfolgten Anerkennung ihrer Kompetenzen „als Ressource
für Zukunft und Gegenwart“.
Das Pflegen der eigenen kulturellen oder auch nationalen Identität, sicherlich
entscheidend forciert durch alltägliche Diskriminierungserfahrungen und eine verfehlte
oder nicht-existente Integrationspolitik in den letzten Jahrzehnten, verhindert die
Anerkennung politischer und kultureller Werte der deutschen Gesellschaft oder anderer
migrantischer Gruppen, was Integrationsbemühungen zugegen läuft. Das inhaltlich
ausgewogene, journalistisch hochwertige Programm auch in den
Fremdsprachensendungen des Senders „Multikulti“ steuert hier dagegen: Nicht nur
dürften die Beiträge in türkischer, arabischer, russischer, polnischer, serbischer,
kroatischer Sprache (und in vielen anderen) zu den ausgewogensten und
journalistischen Prinzipien größtmöglicher Objektivität am stärksten verpflichteten
gehören, die den MigrantInnen zur Verfügung stehen. Die Forcierung von Nationalismen
und religiöser bzw. kultureller Überheblichkeit durch die Konsumierung des zumeist
einseitigen Presseangebotes aus den Heimatländern, in einem „besseren“ Fall der
nationalistischen „Hürriyet“, in einem schlechteren des radikalislamistischen Senders „Al-
Manar“ der Hisbollah, ist ein von Politik und Zivilgesellschaft zu wenig beachtetes Thema.
Gerade der Sender „Multikulti“ ist jedoch seit Jahren Garant für ein ausgewogenes,
demokratisches und kosmopolitisches Programm eben z.B. auf Arabisch und Türkisch,
muss in diesem Zusammenhang also als bedeutender Gegenpol angesehen werden. In
Zeiten zunehmender Gefährdung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung u.a.
durch religiöse und politische Extremisten, die ihre Mitglieder in den migrantischen
Communities zu rekrutieren versuchen, ist die Einstellung des Sendebetriebs von
„Multikulti“ unverständlich, da migrantische Hörergruppen zwangsläufig zu subjektiven,
wenn nicht extremistischen Medien wechseln werden, da kein mit „Multikulti“
vergleichbares Format existiert.
Ein bedeutender Teil des Programms besteht aus Sendungen in deutscher Sprache, in
denen die musikalische Vielfalt der Welt - und das ist nicht übertrieben - von den
verschiedensten ModeratorInnen präsentiert wird. Die Tatsache, dass migrantisch-
stämmige ModeratorInnen das Programm in deutscher Sprache moderieren, zeigt
migrantischen Hörern des Senders, dass es andere - der vermeintlich oder tatsächlich
ausgegrenzten „Wir“-Gruppe zugehörige - Personen geschafft haben, nicht nur die
deutsche Sprache auf hohem Niveau zu beherrschen, sondern auch in ihrer Modera-
torInnen- oder Redaktionsfunktion zu beachtlichem sozialen Prestige zu kommen. Die
massive motivatorische, im hier betrachteten Zusammenhang also integrative Funktion
der Sendungen von „Radio Multikulti“ muss unbedingt gewürdigt werden.
Aus unserer Sicht ist auch eine andere Funktion des Senders von zentraler Bedeutung.
Einige bei uns aktive StudentInnen und zahlreiche Kommilitonen und Freunde von uns
hören das Fremdsprachenprogramm des Senders im Rahmen privaten, schulischen und
akademischen Fremdsprachenerwerbs. Das hohe Sprachniveau der muttersprachlichen
ModeratorInnen macht die Sendungen, die allesamt im Internet nachgehört werden
können, zu festen Bestandteilen in der Ausbildung von Sprachkompetenz hunderter,
wenn nicht mittlerweile tausender Studenten. So ist uns persönlich aktuell z.B. bekannt,
dass StudentInnen der Arabistik und Islamwissenschaften aus Berlin regelmäßig die
arabische und türkische Sendung einschalten, aus dem privaten Bereich sind uns
deutschsprachige StammhörerInnen anderer Fremdsprachensendungen bekannt. Nicht
nur wird so, wie im Integrationskonzept des Senats angemahnt, die Kompetenz der
Zuwanderer genutzt, der Gewinn für den Bildungs- und Wissenschaftsstandort Berlin ist in
einigen Bereichen erheblich.
Es ist, so scheint es uns, gerade zu Zeiten wiedererstarkenden Rassismus und
Antisemitismus weltweit einmalig, dass ein bekannter Moderator arabischer Herkunft
einer türkischen Hörerin eine Konzertkarte für einen israelischen Sänger schenkt, der
wiederum der äthiopischen Musikkultur verpflichtet ist, wie vor einigen Tagen bei
„Multikulti“. Nirgendwo sonst läuft in arabischen und türkischen Läden israelischer Pop,
weil ein Sender des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingeschaltet ist, hören
Menschen verschiedenster Kulturen in verschiedensten Sprachen Musik, die dem
Namen des Senders „Multikulti“ des rbb alle Ehre macht - „world music only“, d.h.
multikulturelle und kosmopolitische Töne klingen bis jetzt noch aus zehntausenden
Berliner Radios.
Die Schließung des Senders wird begründet mit einer Hörerumfrage in Sendegebieten, in
denen der Sender nur teilweise zu empfangen ist, nur unter BRD-BürgerInnen. Das wäre,
wenn die rbb-Verantwortlichen nicht verlogenen Ernst machen würden, ein Witz, doch
das nur nebenbei.
Die Schließung steht in krassem Widerspruch zu den Integrationsvorhaben des Berliner
Senats. Für den Abbau von Vorurteilen und Ängsten und das angestrebte respektvolle
Miteinander ist der Sender von zentraler Bedeutung, ebenso für die Förderung von
Akzeptanz und Anerkennung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der
Kultur einer kritischen, aktiven Zivilgesellschaft. Das Aufzeigen der Komplexität und
Widersprüchlichkeit verschiedenster Kulturen innerhalb des Kultur- und
Musikprogramms, die sehr objektiven Nachrichtensendungen in verschiedenen
Sprachen - das alles hilft, Stereotypen abzubauen, wirkt Nationalismen, Xenophobie und
religiösem Fundamentalismus entgegen.
Die Schließung dieses einmaligen Senders ist unbedingt abzulehnen. Sie torpediert
den Integrationsprozess und verschärft die bereits akuten Probleme in Berlin. Der
Ausbau der Förderung des Senders scheint vielmehr dringend geraten.
Arbeitskreis 'Dialoge'
Hagen Illmann, Mira Lange Kontakt: akdialoge@gmx.de
(SprecherInnen) myspace.com/ak_dialoge