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DIE „ESTENSISCHEN MUSIKALIEN" DER ÖSTERREICHISCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

Author(s): Herbert Seifert


Source: Studien zur Musikwissenschaft , 2002, 49. Bd., Festschrift Leopold M. Kantner
zum 70. Geburtstag (2002), pp. 413-423
Published by: Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmalern der Tonkunst in Osterriech

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Herbert Seifert (Wien)

DIE „ESTENSISCHEN MUSIKALIEN" DER


ÖSTERREICHISCHEN NATIONALBIBLIOTHEK

Wenn man einen Blick auf den Plan des dritten Wiener Gemeindebezirks
wirft, fühlt man sich fast nach Modena versetzt: Man findet dort den Mo-
denapark, den Esteplatz und, als des Rätsels Lösung, die Beatrixgasse.
Diese ist nach Maria Beatrice ďEste benannt, die dort ein Palais gekauft
hatte, damals in der Rabengasse im Vorort Landstraße gelegen. Als Toch-
ter von Herzog Ercole III. war sie Erbin des Herzogtums Modena. 1771
hatte sie Erzherzog Ferdinand geheiratet, ein Sohn von Kaiserin Maria
Theresia. Als Ercole 1803 starb, fiel die Erbschaft deshalb an den Famili-
enzweig Habsburg-Lothringen-Este, damals wegen Napoleons Besetzung
des Herzogtums in Wien ansässig.
Als Ferdinand drei Jahre später auch starb, entschloß sich Maria Beatrice,
sich dauernd in Wien niederzulassen, kaufte das erwähnte Sommerpalais
mit seinem großen Park und ließ es 1810 im Stil des frühen 19. Jahrhun-
derts umbauen1. All das ist Teil der komplizierten und teilweise mysteriö-
sen Geschichte der sogenannten „Estensischen Musikaliensammlung", die
heute als relativ kleiner, aber mit Unikaten und Rarissima hochbedeutender
Sonderbestand mit der Signaturgruppe E.M. in die Musiksammlung der
Österreichischen Nationalbibliothek integriert ist.
Zusammen mit einer ebenfalls bedeutenden Kunst- und Musikinstru-
mentensammlung war sie im späten 18. Jahrhundert von Marchese Tom-
maso degli Obizzi, dessen Familie sich von den Este ableitete, in seinem
Schloß Catajo bei Padua angelegt worden. In seinem Testament von 1803
setzte er Ercole III. ďEste zu seinem Erben ein, oder, falls dieser vor ihm
sterben sollte, einen von dessen Enkeln. Ercole starb, wie gesagt, im Jahr
des Testaments; Tommaso degli Obizzi hingegen lebte zwei Jahre länger.
Ercoles Enkel Francesco, der 1814 Herzog von Modena werden sollte,
erbte nun die Sammlungen, und sein Sohn, Francesco V. von Modena,
übertrug die Instrumente, Musikalien und einige andere Objekte in sein
Wiener Sommerpalais Modena, als ihn eine Revolution 1859 zwang, sein
Herzogtum zu verlassen. Leider wurde dieses Palais 1917 zerstört.

1 Leo Planiscig, Die Estemische Kunstsammlung 1. Wien 1919; Edgard Haider, Verlorenes
Wien. Wien 1984, S. 96-102.

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Da Herzog und Erzherzog Francesco V. kinderlos war, beerbte ihn Erz-
herzog Franz Ferdinand von Habsburg-Este, der dann 1914 in Sarajewo
ermordet werden sollte (Tabelle 1). Er ließ die Sammlungen 1908 in die
Neue Hofburg übertragen. Die Musikaliensammlung, die zusammen mit
der Musikinstrumentensammlung bis in die 1920er Jahre einen Teil der
Obizzi-Kunstsammlung des Kunsthistorischen Museum bildete, wurde
dann der Musiksammlung der Nationalbibliothek anvertraut, nachdem sie
deren Leiter Robert Haas katalogisiert hatte2. Die Instrumente bildeten mit
denen aus Schloß Ambras den Grundstock der Sammlung Alter Musikin-
strumente des Kunsthistorischen Museums; sie stammen aus dem 16. bis
18. Jahrhundert, mit einzelnen Ergänzungen aus dem frühen 19. Jahrhun-
dert, also aus der Zeit, als die Sammlung schon im Besitz der Este war. Es
gibt viele italienische, aber auch deutsche Instrumente, z. B. Trompeten
aus Nürnberg und Wien, und sogar Volksmusikinstrumente wie Drehleiern
und Pochettes3. Einige stellten sich als Fälschungen heraus, z. B. eine „An-
tonio Stradivari"- und eine , Jacob Stainer"-Violine, und auch der berühm-
te Kontrabaß oder Violone mit dem Zettel „1585 Ventura di fran.co Iina-
rol in Padoa" hat sich als aus heterogenen Teilen zusammengesetzt erwie-
sen: Die Decke stammt wahrscheinlich von einem böhmischen Kontrabaß
aus dem 18. Jahrhundert, Boden und Zargen gehören nicht zusammen,
und Hals, Griffbrett und Wirbelkasten scheinen eigens für das neu zu-
sammengesetzte Instrument hergestellt worden zu sein4. Marchese Tom-
maso degli Obizzi war 1769 selbst als Restaurator einer Violine tätig; wir
erinnern uns, daß einer seiner Vorfahren, Pio Enea, um die Mitte des 17.
Jahrhunderts als Veranstalter und sogar Librettist von Opern hervorgetre-
ten war5.

Der seltene, über 70 Jahre alte gedruckte Katalog der Musikalien ist nicht
sehr genau6 und entspricht vor allem nicht den heutigen Standards. Haas
teilte seinen Lesern mit, daß er nur ,jSieister des musikalischen Kunstgewerbes
[...], unter denen sich nur wenige klingender Namen erfreuen können " in der Samm-

2 Robert Haas, Die Estensischen Musikalien . Thematisches Verzeichnis mit Einleitung. Regensburg
1927.
3 Julius Schlosser, Die Sammlung Alter Musikinstrumente, Beschreibendes Verzeichnis. Wien 1920.
4 Karel Moens, Entwicklung von Baumerkmalen im frühen Baßrtreichinstrumentenbau9 in: Walter
Salmen (Hg.), Kontrabaß und Baß/unktion. Bericht über die vom 28. 8. bis 30. 8. in Innsbruck abge-
haltene Fachtagung. Innsbruck 1986, S. 34.
5 Robert Haas, siehe Anm. 2, S. 5ff.
6 Bei RISM Österreich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
steht aber ein von Herrn Univ.-Doz. Dr. Leopold M. Kantner angefertigter, wesentlich
informativerer Zettelkatalog der Sammlung zur Verfügung.

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lung gefunden habe7. Der Autor, der ein Jahr danach den Band über die
Musik des Barocks als ersten Versuch eines Überblicks über diese Epoche
nach Hugo Riemann8 in Ernst Bückens Reihe Handbuch der Musikwissen-
schaft veröffentlichte9, bezeichnete damit Komponisten wie Legrenzi, Co-
relli, Bononcini, Albinoni, Caldara, Vivaldi und viele andere, die nicht nur
heute wohlbekannt sind, sondern auch schon in Haas' Barock-Band ge-
würdigt wurden.
Die Este-Sammlung enthält nur 17 Druckwerke mit Sonaten und Kon-
zerten, aber über 200 Handschriften mit hauptsächlich Instrumentalwer-
ken und einigen Kantaten und Arien. Der Hauptsbestand stammt aus der
Zeit zwischen den 1680er und den 1720er Jahren, soweit datierbar. Nur ein
Manuskript und ein Druck sind sicher älter: eine Kopie mit Triosonaten
aus den 1620er bis 1670er Jahren von Dario Castello10, Simplicio Todeschi,
Andrea Falconieri11, Johann Rosenmüller, Giovanni Legrenzi und Carlo
Fedeli (E.M. 83), und Giovanni Battista Mazzaferratas Primo libro delle Sona-
te a due violini [...], Bologna 1674 (E.M. 12). Das früheste datierte Manu-
skript mit Instrumentalmusik gibt das Jahr 1708 an (E.M. 67). Wahrschein-
lich eines der letzten Werke ist die Abschrift der Triosonaten op. 1 des
unbekannten Filippo Banner12, datiert ,JPadova 1 727" (E.M. 74). In räumli-
cher und zeitlicher Nachbarschaft angesiedelt sind die Trio-Tänze des
gleichfalls unbekannten Carlo Gallo und die neun Sinfonie Alberto Gallos,
beide 1724 in Venedig kopiert (E.M. 79, 123).
Die Drucke bilden eine fast homogene Gruppe (Tabelle 3): 15 der 19
Ausgaben sind in Venedig gedruckt, 12 davon von Gioseppe Sala, die üb-
rigen drei von Antonio Bortoli. Zwei Drucke kommen aus Bologna, einer
aus Rom und nur einer, bei weitem der späteste, von außerhalb Italiens,
aus Amsterdam, aber dieser enthält Werke des Italieners Locatelli, der
damals in Rom wirkte. Ebenfalls 15 Drucke sind zwischen 1690 und 1710
herausgekommen.
Der Inhalt der ganzen Sammlung scheint darauf hinzudeuten, daß der
Sammler während dieses Zeitraums tätig war und daß er selbst Baß-

7 Robert Haas, siehe Anm. 2, S. 1 1 .


8 Hugo Riemann, Die Musik des Generalbaß^eitalters. Leipzig 1912. ( Handbuch der Musikge-
schichte II/2).
9 Robert Haas, Die Musik des Barocks . Potsdam 1928 (Ernst Bücken [Hg.J, Handbuch der
Musikwissenschaft, Bd. 2).
10 Aus seinen Sonate concertate, abro secondo , Venezia 1629 und 1644, Antwerpen Iodo.
» 1650?
12 Nur Claudio Sartori, I libretti itaüani a stampa dalle origini al 1800 2 , Cuneo 1990, S. 3
verzeichnet ein Libretto mit dem Titel Dimostrationi d'ossequio. Padova 1715, mit Musik v
Filippo Banner.

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Streichinstrumente spielte, denn sie enthält erstaunlich viele Kompositio-
nen für Violoncello, z. B. eine Sonate von einem der Brüder Bononcini aus
Modena (E.M. 23), 142 kurze Leeoni per il Violoncello con il suo Basso , von
denen 44 Antonio Caldara zugeschrieben sind (E.M. 69), oder 19 anonyme
Sonaten für Cello und Basso continuo (E.M. 70). Außerdem findet man
Stimmen für Violoncello oder noch häufiger Violone, die entweder schon
zum gedruckten oder handschriftlichen Bestand gehören oder aus den
Continuo- oder Orgelstimmen kopiert wurden, und zwar von einem
Schreiber, dessen Hand in der ganzen Sammlung zu finden ist, oft auf
anderem Papier in einem Format, das vom Rest des Stimmensatzes ab-
weicht.
Solche Violonestimmen zeigen charakteristische Abweichungen von den
Stimmen, aus denen sie kopiert sind: Sie sind durch Auslassung der kleine-
ren Notenwerte vereinfacht, z. B. gehende Viertel statt Achtel. Corelüs
Triosonaten op. 1 und Carlo Marinis Triosonaten op. 7 von 1704 enthalten
Violonestimmen, die der Schreiber trotzdem für Violoncello kopierte
(E.M.4b, 11), was wahrscheinlich auf den Einsatz beider Instrumente in
Aufführungen hinweist. Bernardo Toninis Balletti da camera op. 1, Venedig
1690, enthalten eine aus der gedruckten Cembalostimme kopierte Cello-
stimme (E.M. 15), wie auch Corelüs Kammersonaten op. 2 (E.M. 2). Die
Partituren dreier Cellosonaten mit Continuo von dem Cellisten Domenico
Deila Bella (E.M. 20a-c) sind von demselben Kopisten angefertigt. Sogar
die Einzelstimmen, die als Fragmente überliefert sind (E.M. 157), sind zum
Großteil von dem nun wohlbekannten, aber noch anonymen Schreiber für
Violone, Cello oder Baß notiert. Es scheint also, daß der Sammler sich für
Cello, Violone und auch Viola da gamba interessierte.
Der Zweitälteste Druck nach Mazzaferrata enthält Giovanni Legrenzis
Sonaten op. 4 in der Ausgabe von Gioseppe Sala, Venedig 1682 (E.M. 9).
Die im Titel genannte Stimme für Violone fehlt; an ihrer Stelle gibt es eine
Violoncello-Stimme, die wahrscheinlich aus der des Basso continuo ko-
piert wurde, aber einige Abweichungen enthält. So ist z. B. bei imitierenden
Einsätzen der Beginn der Violine nicht im Violinschlüssel notiert wie in
der Continuo-Stimme, sondern eine Oktave tiefer. Dieselbe Technik wur-
de für Corelüs Sonaten op. 1 (E.M. 4b) angewandt, wo das Ceüo die Vioü-
nen eine oder sogar zwei Oktaven tiefer verdoppelt, während der Violone
pausiert.
In den Stimmen zu Corelüs Triosonaten op. 3 (E.M. 6) gibt es einen weite-
ren interessanten Fall: Die venezianische Ausgabe von 1710 ist in einem
vollständigen Stimmensatz vorhanden, aber zusätzüch existiert eine zweite

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Stimme fur „violone o aráleuto " aus einer Ausgabe, die derselbe Drucker,
Gioseppe Sala, 1694 hergestellt hatte und die sonst nicht bekannt ist13.
Beide Ausgaben tragen die Widmung an Francesco I. d'Esté, Herzog von
Modena, die vom Erstdruck (Rom 1689) übernommen ist Ebenfalls ein
Unikat ist der komplette Stimmensatz der venezianischen Ausgabe von
Corelüs Kammersonaten op. 2 von 169714. Die Opera 4 und 5 dieses
Komponisten sind in der Sammlung durch unvollständige Abschriften
(E.M. 77, 30) vertreten und sogar die Concerti grossi op. 6 durch eine voll-
ständige (E.M. 119). Wir finden also das vollständige, sehr verbreitete ge-
druckte Werk Corelüs in den Estensischen Musikalien, und darüber hinaus
einige der ihm zugeschriebenen Werke ohne Opuszahl (E.M. 31, 98a-b),
z. B. die Sonata a quattro, tromba sola, , due violini e basso in D-Dur, WoO 4, hier
fur Oboe statt Trompete und nach C-Dur transponiert, wobei die Violone-
Stimme von dem genannten Schreiber stammt (E.M. 98b).
Giovanni Maria Ruggeris Triosonaten da chiesa op. 3 und 4, bei Sala 1693
bzw. 1697 gedruckt, sind nur aus der Este-Sammlung bekannt (E.M. 13-
14). In derselben Zeit wurden vom selben Verleger die ersten drei Opera
eines jüngeren, ebenfalls in Venedig tätigen, jüngeren Komponisten ge-
druckt, nämlich des musico di violino dilettante veneto" Tomaso Albinoni
(E.M. 1-3). Seine Triosonaten op. 1 sind hier als einziges vollständiges
Exemplar der Ausgabe von 1694 überliefert (E.M. I)15, die Sinfonie e Concerti
a cinque op. 2 bestehen hier aus Stimmheften der beiden Ausgaben 1700
und 1702 und handschriftlichen (E.M. 2)16, und die balletti op. 3 sind als
vollständiges Set ihrer dritten Ausgabe von 1704 mit einer zusätzlichen
Stimme für Violone vorhanden17, die unser Schreiber genau von der Or-
gelstimme kopiert hat, nur ohne die Bezifferung (E.M. 3), so wie in Corel-
Iis Kammersonaten von der Violone- oder der Cembalo-Stimme. Außer
diesen Druckwerken finden wir zahlreiche Kopien von Werken Albinonis,
welche nur als Handschriften bekannt sind, eine beachtliche Anzahl davon
als Unikate. Zwei davon werden in anderen Quellen Marc' Antonio Ziam
bzw. Corelli zugeschrieben. In der Mehrzahl dieser Kopien ist die Violone-
Stimme wieder von unserem wohlbekannten Streichbaß-Schreiber verfer-
tigt

13 Hans Joachim Marx, Die Überäeferung der Werke Arcangelo Corelüs. Catalogue raisonné. Köln
1980, S. 130. - Robert Haas, siehe Anm. 2, S. 44, erwähnt diese Stimme nicht.
14 Hans Joachim Marx, siehe Anm. 13, S. 110.
15 Michael Talbot, Albinoni, beben und Werk. Aldiswil 1980, S. 228.
i* Ibidem, S. 229.
17 Ibidem, S. 230.

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Carlo Marino, in Bergamo aktiv, ist durch das einzige erhaltene Exem-
plar seiner Triosonaten op. 7 vertreten, von Sala 1704 gedruckt (E.M. 11).
In diesem Fall hat der Schreiber die gedruckte Cello-Stimme kopiert und
dem Violone zugedacht, so daß es scheint, daß auch hier beide Instrumen-
te eingesetzt werden sollten. Von Vivaldis zwölf Violinsonaten op. 2, 1709
in Venedig gedruckt (E.M. 16), nennt Peter Ryom in seinem Thematischen
Katalog18 nur das in der Biblioteca comunale in Udine erhaltene Exemplar.
Er fuhrt aber die Manuskripte an (E.M. 147-149/1), von denen zwei Uni-
kate sind (RV 113, 175). Eines hat von der Hand des bekannten Schreibers
eine Cello-Stimme, ein weiteres eine fur Violone. Giuseppe Torelli ist mit
je vier Violinsonaten (E.M. 50, 55) und Konzerten (E.M. 143, 147) vertre-
ten, Tomaso Antonio Vitali, der am Hof der Este wirkte, mit je einer Vio-
linsonate und einem Konzert (E.M. 53, 146).
Doch der genannte Schreiber beschränkte sich nicht nur auf Streichbaß-
stimmen oder Cellosonaten, z. B. die Partituren einiger der anonymen in
E.M. 70. Er kopierte etwa auch Michele Mascittis Sonaten für Violine und
Violoncello op. 5, die 1714 in Paris und um 1715 in Amsterdam in Partitur
gedruckt worden waren, in zwei Stimmhefte, alle drei Stimmen einer an-
onymen Sonate für Violine, Cello und Baß (E.M. 721) oder einer Samm-
lung mit sechs Trattenimenti da Camera oder balletti à due Violini (E.M. 90),
alle vier Stimmen eines Konzerts von Giuseppe Matteo Alberti
(E.M.108c), drei Stimmen eines weiteren von Mauro ďAlay („Parmigiano",
E.M. 121), alle einer Sinfonia von Nicolò de Nicolini (E.M. 130), einer
Sinfonia und eines Konzerts von Giuseppe Tartini (E.M. 138-139), zweier
Sinfonien von Gaetano Schiassi (E.M. 135) und einer von Carlo Tessarini
(E.M. 140).
Von derselben Hand sind einige Manuskripte mit Violin-, Cello- und
Gambensonaten eines „Diletante di Violoncello" Olocin Ozzaniugnas (E.M.
40-44), was rückwärts gelesen mehr Sinn ergibt: Nicolò Sanguinazzo. Ro-
bert Haas schreibt zu diesem Namen: „auf deutsch , Blutwurst', dürfte also ein
spaßhafter Hehlname sein . "19 Dabei hat er aber nicht berücksichtigt, daß die
Sanguinazzi (Sanguinacci) eine alte, in Padua ansässige Adelsfamilie wa-
ren20, und außerdem eine Notiz auf dem Umschlag der Violone-Stimme
von Albinonis Triosonaten (E.M. 73) übersehen, ein Fragment, das -
schwer leserlich - etwa lautet:

18 Répertoire des Oeums de Antonio Vivaldi: Les compositions instrumentales. Copenhagen 1986, S. 12.
19 Robert Haas, siehe Anm. 2, S. 103.
20 Giuseppe Vedova, Biografia degB scrittori padovani 2. Padova 1836, S. 293. Hier wird auch
ein Nicolò genannt, von dem im Jahr 1598 Verse erschienen sind.

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,Mocengho [..]
Zonqni
N> 242
quali acquisti fatti dali ilh° Mocenigo sono andati
poi nelle mani de noi Sanguinavi

Das könnte bedeuten, daß Musikalien, die


nischen Adelsfamilie Mocenigo gekauft w
Amateur-Cellisten Sanguinazzi übergeg
könnte gut die Anzahl der Werke in der
der heute vorhandenen Anzahl von Stück
würde. Nicolò Sanguinazzi könnte in dies
zahlreichen Cello- und Violone-Stimmen
Spieler dieser Baßstreichinstrumente gesc
Venedig, die in der ganzen Sammlung of
plausibler, nur die Art, wie sie später in
so degli Obizzi gelangt ist, bliebe ungeklär
se mögliche Geschichte der Este-Sammlu
sentiert werden (Tabelle 1). Man sollte hi
Mocenigo eine lange Tradition als Förd
Girolamo hatte Monteverdis Oper Proserpina
in seinen Räumen im Palazzo Dandolo - h
1624 oder 1625 die Uraufführung von Monte
credi e Clorinda stattgefunden21. Der von
Mocenigo, " Procuratore di San Marco", gewi
col suo Basso per il Cembalo op. 1 ist in d
und könnte ein Hinweis auf die Person ihr
Andere Komponisten von Cellosonaten d
Maria Picinetti und Giovanni Battista Sti
falls nicht in den Musikenzyklopädien fi
große Anzahl von anonymen Werken f
oder beide Instrumente mit Continuo
84-93) und andere für mehr Instrumen
Vokalwerke.
Mehrere Druckwerke sind nur in Abschriften vorhanden (Tabelle 4), et-
wa Giovanni Valentinis Idee per camera a Violino e Violone о Cembalo , op. 4
(Rom 1706/07; E.M. 51), Giovanni Realis Sonate e Capricci à due Violini e

21 John Whenham, The Later Maàigds and Madrigd-Books , in: Denis Arnold - Nigel Fortune (Hg.),
The Ne» Monteverdi Companion. London-Boston 1985, S. 243.

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Basso, op. 1 (Venedig, Sala 1709; E.M. 80) und seine Sonate da camera a Vio-
lino e Basso , op. 2 (Venedig, Sala 1712), in Partitur veröffentlicht, aber in
zwei Stimmhefte kopiert (E.M. 47), Albinonis Violinsolosonaten op. 6
(Amsterdam um 1712, E.M. 179/8), und eine Sammlung von Kammerso-
naten verschiedener Autoren füir Violine und Cello, um 1695 gedruckt
(E.M. 55).
Sechs Sonaten und Konzerte von Giuseppe Torelli, die aus keiner ande-
ren Quelle bekannt sind, sind in der Este-Sammlung enthalten (E.M. 50,
143)22, ebenso Gaetano Maria Schiassis Divertimenti da camera und Sinfonie
für Triobesetzung (E.M. 81, 135)23.
Der größte Teil der mehr als 60 Kantaten, Ariensammlungen und voka-
ler Einzelstücke ist für Sopran und Basso continuo geschrieben. Auch hier
findet man Werke der zu jener Zeit berühmtesten italienischen Komponi-
sten von Vokalmusik wie Carlo Francesco Pollarolo, Marc' Antonio Ziani,
Alessandro Scarlatti, Attilio Ariosti, Caldara, Giovanni Bononcini, Albinoni
und Francesco Maria Veracini. Eine der Kantaten Albinonis ist aus keiner
weiteren Quelle bekannt24.
Aus Pollarolos Oper Gli Inganni felici, 1696 im Teatro S. Angelo in Vene-
dig aufgeführt, findet man eine Gruppe von vier Arien (E.M. 165) und eine
weitere mit 15 (E.M. 179/7), und aus seinem Ariodante, komponiert für das
Teatro S. Giovanni Grisostomo 1716, eine Serie von zwölf Arien (E.M.
164). Aus demselben Theater kamen acht Arien von Scarlatti aus der „opera
seconda " die als Scarlattis zweite Oper für Venedig, Il Trionfo della Libertà,
von 1707 identifiziert werden kann25. Ähnliche Arienreihen sind anonym:
„Arie di San Angelo della seconda" (EM. 175), „S. Angolo 1694"'md ffS. Gio. e
Paolo 1694" ( E.M. 179/6, 7 und 5). Viel später datieren sechs „Arie di
S. Samuel. J La Sensa del anno 1720" aus Giuseppe Maria Orlandinis Griselda, ,
die während der Auferstehungs-Stagione (Sensau Ascensioni) gespielt wurde
und von der sonst keine Musik erhalten ist26 (Tabelle 2).
Man findet Vokalmusik hier also nur in Handschriften, von denen nur
wenige datierbar sind, wie auch anzunehmen war. Die datierten aber
stammen aus der Zeit zwischen 1694 und 1720, ganz ähnlich der gedruck-
ten und handschriftlichen Instrumentalmusik. Und alle Komponisten der

22 Anne Schnoebelen - Marc Vanscheeuwijck, Giuseppe Torelli , in: NGroveD , Second Editi-
on, vol. 25, London 2001, S. 619.
23 Anne Schnoebelen, Gaetano Maria Schiassi , in: NGroveD , Second Edition, vol. 22, London
2001, S. 492.
24 „Volto caro", E. M. 178/13; vgl. Michael Talbot, siehe Anm. 15, S. 205.
25 Robert Haas, siehe Anm. 2, S. 214.
26 John Walter Hill - Francesco Giuntini, Francesco Maria Orlandini, in: NGroveD, Second
Edition, vol. 18, London 2001, S. 704.

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Este-Sammlung waren Italiener oder in Italien tätig wie Rosenmüller und
Heinichen. Die Tatsache, daß diese wertvolle Musik überhaupt erhalten
blieb, ist dem kulturellen Bewußtsein von Marchese Obizzi und der ge-
nannten Mitglieder der Familie Habsburg-Este und ganz allgemein natür-
lich dem wachsenden Interesse des 19. Jahrhunderts an Musikgeschichte
zu verdanken.

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TABELLE 1: GESCHICHTE DER ESTEN SISCHEN MUSIKALIEN

[Girolamo? Mocenigo]
i
[Nicolò Sanguinazzi]
i
Tommaso degli Obizzi (1750-1803)
1
Maria Theresia Ercole d'Este (1 727-1 803)
oo

Kaiser Franz Stephan

1 - i. Ferdinand (1754-1806) oo Maria Beatrice d 'Este (1750-1829)

i 1
Maria Theresia (1 77 8-1 830) Maria Ludovica (1 787-1 816)
i
"---e:
Franz/Francesco IV. v. M

Franz/Francesco V
i
Franz Ferdinand Habsburg-Este (1863-1914)

TABELLE 2: ARIEN AUS IN VENEDIG AUFGEFÜHRTEN OPERN

SS. Giovanni e Paolo 1694, anonym

S. Angelo s. a., anonym


1694, anonym (M. A. Ziani: L'Amor Figüo del Merito od
larolo: La Schiavitù fortunata )
1696 Pollarolo: GB inganni fe&à

S. Giovanni Grisostomo 1707 Scarlatti: Il Trionfo della Libertà


1716 Pollarolo: Ariodante

S. Samuele 1720 Orlandini: Griselda

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TABELLE 3: DRUCKWERKE

1674 Mazzaferrata, op. 5 Sonate a due vL con bassetto Bologna, Mo


1682 Legrenzi, op. 4 Suonate ... a tre Venedig, Sala
1685 Corelli, op. 1 Sonate a tre Rom, Mascardi
1690 Tonini, op. 1 balletti da camera a 2 vi, via. Venedig, Sala
1693 Ruggieri, op. 3 Suonate da chiesa (a 3) Venedig, Sala
1694 Albinoni, op. 1 Suonate a tre Venedig, Sala
1694 Corelli, op. 3 Suonate a tre Venedig, Sala
1 697 Corelli, op. 2 Suonate da camera a tre Venedig, Sala
1697 Ruggieri, op. 4 Suonate da chiesa (a 3) Venedig, Sala
1700/02 Albinoni, op. 2 Sinfonie, e Concerti a cinque Venedig, Sala
1703 Jacchini, op. 5 Tratemmenti per cam . a 3-6 Bologna, Silvani
1704 Albinoni, op. 3 balletti a tre Venedig, Sala
1704 Marini, op. 7 Suonate a tre Venedig, Sala
1707 Zotti, op. 1 Sonate a violino sob Venedig, Bortoli
1707 Corelli, op. 1 Suonate a tre Venedig, Sala
1709 Vivaldi, op. 12 Sonate a violino e basso Venedig, Bortoli
1710 Corelli, op. 3 Suonate a tre Venedig, Sala
1710 Ferronati, op. 1 Sonate a vi solo per camera Venedig, Bortoli
1721 Locatelli, op. 1 XII Concerti grossi Amsterdam, Roger

TABELLE 4: ABSCHRIFTEN VON DRUCKWERKEN

Arcangelo Corelli, op. 4 Sonate a tir, Rom 1694, Amsterdam 1696, Venedig: Sala 1701, 1710
Diverse, Sonate per camera a VI e Ve. di vari autori s.L; 1695c*
Arcangelo Corelli, op. 5 Sonate a Violino e Violone ... Дот 1700, Amsterdam 1702с, 1706c,
1710, 1715c
Carlo Marini, op. 8 Sonate a Violino sok col B.c.; Venedig 1705, Amsterdam 1707/08c
Michele Mascitti, op. 2 Sonate a Violino solo e Basso ; Paris 1706, Amsterdam 1707/08c
Giuseppe Valentini, op. 4 Idee per camera a VI e Violone; Rom 1706/07, Amsterdam 1710c
Giovanni Reali, op. 1 Suonate e Capricà a 2 VIL e В.; Venedig: Sala 1709, Amsterdam 1710
Giovanni Reali, op. 2 Sonate da camera aVle Basso; Venedig: Sala 1712*, Amsterdam 1715c
Tommaso Albinoni, op. 6 Trattenimenti armonia a VI e Cemb.; Amsterdam 1712c**(?)
Francesco A. Bonporti, op. 10 Inventioni a Violino sob; Venedig u. Trient 1713, Amsterdam
1716c
Arcangelo Corelli, op. 6 Concerti grossi; Amsterdam 1714
Michele Mascitti, op. 5 Sonate a Violino sob e Basso; Paris 1714, Amsterdam 1715*/**
Giuseppe Maria Buini, op. 1 Suonate per camera aVL e Vie.; Bologna 1720
Carlo Tessarini, op. 4 Trattenimenti da camera a VL e B.c.; Urbino 1742* (in Venedig 1720-
1729 tätig)
[Filippo Banner, op. 1 Sonate a tre; Padova 1727]

* In Partitur gedruckt, aber in Stimmen kopiert.


** Vom Schreiber X kopiert (Sanguinazzi?).

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