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2019 liefert die Architektin hier, vom immer glei-

chen Esprit bestimmt, ein wirklich bemerkens-


wertes Projekt ab, das verdeutlicht, welche Mög-
lichkeiten in einem schmalen Budget mit Bau-
kosten von 1400 Euro pro Quadratmeter schlum-
mern: „Unité(s)“ in der Avenue de Stalingrad. In
den Worten der Architektin: „Ich wollte nicht nur
zu Wohn-Typologien arbeiten, sondern auch zur
Frage des Privaten, zum einzelnen Zimmer und
zum urbanen Maßstab etwas entwickeln.“
Ein quadratischer Raum von 13 Quadratmetern
Grundfläche war die Arbeitseinheit. Davon aus-
gehend entwickelte Sophie Delhay ein ganzes
Wohnensemble. „Familien und ihre Wohnungen
sind heutzutage atomisiert, da sich die Bezie-
hungen zwischen den einzelnen Mitgliedern än-
dern. Hierarchien verschieben sich, ebenso wie
Vorstellungen zur Unabhängigkeit und zur ge-
genseitigen Verpflichtung, sich im Laufe eines
Lebens fortlaufend neu zu kalibrieren. In diesem

Die vier verschiedenen


Wohnungstypen liegen
Architekten Ein quadratischer Raum
bunt nebeneinander. Es
gibt kaum Erschließungs-
Sophie Delhay Architecte,
Paris mit dreizehn Quadratme-
flächen, die Räume sind
frei von Nutzungsvorgaben. Mitarbeiter
tern war die Arbeitseinheit,
Grundrisse EG und 1. OG Arthur Schmitt, Hélène Lau- davon ausgehend entwi-
ckelte Sophie Delhay ein
sowie Schnitt im Maßstab rin
1:500
Tragwerk
ganzes Wohnensemble.
EVP, Paris

Experimenteller Wohnungsbau natürlich. „Es war


Landschaftsplanung
ein Entwurf über einen einzigen großen Raum,
Clara Berthet, JDM Paysa-
gistes, Dijon den „Méga-pièce“, wie sie ihn nannte, in dem ein
vollkommen freizügiges Wohnen möglich wird.
Adresse Zunehmend verändern sich die Nutzungsmuster,
Die partiell gelochte Alumi-
49 Avenue de Stalingrad, und Wohnungen sind von einigen ihrer früheren niumfassade ist auffällig.
21000 Dijon, Frankreich
Funktionen entlastet. Für das Projekt erhielt Del-
hay den „Équerre d’Argent“,
Hersteller In den Folgejahren arbeitet sie in Nantes ge-
den wichtigsten Architek-
Fassade Aluforum meinsam mit ihrem Vater an einem ersten expe- turpreis Frankreichs, in der
Brüstungen Jakob Böden rimentellen Entwurf, dann an einem zweiten in Kategorie Wohnungsbau.
Forbo Aufzüge Schindler
Lille, diesmal in Gemeinschaftsarbeit mit ehema-
ligen Studienkollegen, man gründet eine Koope-
rative: Boskop.
Anstelle einer Projektbeschreibung liefert sie
ein bisschen Prosa-Stakkato: „Fünfundfünfzig
Stadtwohnungen, stark verdichtet, individuali-
siert, experimentell und innovativ. Also eine An-
einanderreihung von vielen Adjektiven mit dem
Ziel, das Unwort ‚Übergangswohnung’ nicht be-
nutzen zu müssen“, fasst Delhay zusammen.
„Wir haben uns eine Ansammlung von komplett
identischen Räumen ausgedacht, Quadrate mit
vier Metern Seitenlänge“, erläutert sie. Dieses
Raster erklärt sich aus der Schwierigkeit, ein all-
gemeingültiges „Porträt der modernen Familie“
zu zeichnen. Die Bewohner müssen ihre eigene
Wohnung „bauen“ dürfen. Für ihr Büro ist dieser
Grundsatz, jedem die Möglichkeit zur eigenen
Gestaltung bieten zu wollen, zum Leitmotiv ge-
worden. Nächstes Beispiel Dijon.

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Die übergroßen Öffnungen Sinne muss man neutrale Räume erfinden, die piers, dank vergleichbarer Referenzbauten, aber
zwischen den Modulen er-
nicht auf nur eine Nutzung festgelegt sind“, be- auch – und das gab den Ausschlag – wegen der
möglichen das Koppeln
der Räume und somit groß- tont Delhay. Es geht darum, diese Idealvorstel- Herangehensweise in der Entwurfsarbeit. Unter
zügigere Grundrisse. Je - lung in Grundrisse zu übersetzen, bei denen jede dem Druck des Projekts erkannte Sophie Delhay
des Modul verfügt über Ein- oder jeder eine ganz eigene Art und Weise ent- die Notwendigkeit, anders zu agieren: „Es ist
bauschränke, die an den
Fenstern zum Teil auch als wickeln kann, den Raum zu besetzen. Durch die wichtig, mit den eigentlichen Dienstleistern für
Sitz- oder Liegefläche aus- Öffnung und Abtrennung der Räume – umge- das Objekt zusammenzuarbeiten, denn auch
geführt sind. setzt mithilfe von beweglichen Trennwänden – wenn diese die Nutzungsprogramme durch ihre
wird eine gewagte „Netzwerkstruktur“ aus stän- Produkte und ihre Arbeit diktieren, sind sie doch
dig neu individualisierbaren Einzelräumen er- nie am Entwurfsprozess beteiligt. Diese Situa-
möglicht. Konfigurationen in Form von „Traver- tion ist eigentlich sehr unerfreulich, deswegen

4m
sen“, „Diagonalen“ oder „Clustern“ erlauben eine wollten wir unsererseits die Gewerke gleich von
einfache „Migration“ von Nutzungen. „Auf diese Beginn an in unsere Überlegungen miteinbezie-
Weise können wir Altgewohntes bedienen – aber hen.“ Mehr noch als die überzeugenden Erstent-
zugleich sind eben auch ganz ungewöhnliche würfe begründete diese Initiative die klare Zu-
Lösungen darin verborgen“, erklärt sie. stimmung für das Projekt.
Der Haken an der ganzen Sache ist nur, dass Gute Rahmenbedingungen also für eine Um-

3,6 m
eine solche Konzeption in der Umsetzung boy- setzung ihres Raster-Konzeptes. Sophie Delhay
kottiert werden kann. Den Zuschlag erhielt das sieht darin unter anderem ein Mittel zugunsten
Büro aufgrund des eingereichten Positionspa- von „Neutralität“. „Es ist ein sehr wirksames

3,6 m

Insgesamt 240 gleich große


Räume ergeben vierzig
Wohnungen: zwei Studios
mit 32, zwölf Wohnungen
mit 45, sechzehn mit 65 und
zehn Einheiten mit 78 Quad-
ratmetern.
Grundtyp im Maßstab 1:150,
Mögliche Konfigurationen Mögliche Variationen im Alltag Konfigurationen 1:250

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... mal zwei
„32 Logements-Cathédrale“
konnte im Januar bezogen
werden. Es steht auf dem
Grundstück einer ehemali-
gen Schlachterei und ist Teil
eines großflächigen Städ-
tebauprojekts im Südosten
von Dijon.

Werkzeug“, wie sie bestätigt, „solch eine Geo- sind untereinander nicht verbunden, seitliche Er-
metrie fordert eine Reaktion von den Bewoh- schließungen gibt es nicht. Alles wurde so aus-
nern.“ Das Grundmaß von 3,60 auf 3,60 Meter ist gerichtet, dass der Kernbereich jeder Wohnein-
das Ergebnis simpler Mathematik. Aus dem Zu- heit, über ein „Loggia-Modul“ mit reichlich Tages-
sammenspannen fünf solcher Einheiten ergibt lichteinfall versorgt wird und jeweils die Funktion
sich eine Dreizimmerwohnung mit 65 Quadrat- eines Verteiler-Hubs übernimmt.
metern, womit zugleich der Rahmen konventio- Um dieses System weiter zu perfektionieren,
neller Wohngrundrisse eingehalten ist. Was dachte sich Delhay darüber hinaus eine „be-
wiederum bedeutet: Die Anforderungen des all- wohnbare Fassade“ aus. Anlass für dieses Kon-
mächtigen Excel-Universums in puncto Finanz- zept war die Schlafzimmerfrage. Die Gestaltung
fragen sind geklärt. Mit einfacher Addition der eines solchen Rückzugsraums zieht meist Über-
Grundmodule ist es allerdings nicht getan. Die legungen nach geeigneten Stau- und Unter-
Architektin besteht darauf, „freiheitliche Nut- bringungsmöglichkeiten nach sich. Wenn nun al-
zungsformen“ anbieten zu können, und jeder lerdings niemand wissen kann, wo das Schlaf-
Raum soll ebenso gut Wohn-, Schlaf- oder Ess- zimmer sein wird, gilt es, für alle Räume den an-
zimmer wie Arbeitsraum sein können. In der Kon- gemessenen und ästhetisch ansprechenden
Der 5,40 Meter hohe Haupt- chen: einen Garten, einen
sequenz weist daher jede „Einheit“ dieselben Schrankplatz mitzudenken. „Normalerweise ste-
raum führt zur Verzahnung 100 m² großen Gemein-
Charakteristika auf: dieselbe Anordnung der An- hen Schränke an der Rückwand der Zimmer. der Grundrisse. Es gibt schaftsraum und die Dach-
schlüsse in jedem Raum, dieselbe maximale Dies hätte eine Barriere bedeutet an genau jener diverse Gemeinschaftsflä- terrasse. Lageplan 1:10.000

Tageslicht-Qualität, groß angelegte Fensteröff-


nung (1,80 x 2 Meter nach vorne, 1,60 x 2 Meter
zur Gartenseite hin), dieselbe Verdunklung und
so weiter.
Trotz dieser immer gleichen Elemente läuft die
interne Aufteilung innerhalb der banalen Beton-
konstruktion aus Stützen und Zwischendecken
auf ein echtes Vexierspiel hinaus. Die Räume

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Stelle, die ich für einen direkten Bezug zum zen-
tralen Raum brauchte. Also habe ich den Stau-
raum bewusst auf die gegenüberliegende Seite,
nämlich in die Fassade, verlegt“, erklärt Delhay.
Damit werden die mit großen, vollverglasten
Fensteröffnungen ausgestatteten Fassaden
„bewohnbar“; umgesetzt mithilfe von „Mobiliar“,
für dessen Ausführung nur 900.000 Euro (also
30 Euro pro Quadratmeter) nötig waren. Zugleich
bietet dieses Dispositiv der Architektin die Mög-
lichkeit „den Ausgleich zwischen Neutralität und
Individualität“ zu erzeugen. In der Gartenfront
sind die Öffnungen quasi durch eine Sitztruhe
und zwei seitliche Kleiderschränke gerahmt, auf
der Straßenseite wurden die Truhen weggelas-
Oben von links nach rechts:
sen. Grundriss einer Wohnung
Eine vergleichbare Grundkonzeption verfolgt im Riegel, im großzügigeren
Sophie Delhay – vielleicht in etwas weniger Kopfbau und in der Reihen-
hausspange. Die Grund-
strikten Form − im Rahmen eines weiteren Bau- fläche des Hauptraums va-
riiert.

Architekten
Der Bebauungsplan gab
vor, dass pro Grundstück Eines haben alle Typolo- plexen Verzahnung der Wohneinheiten zugrunde
liegt. Der rohe Beton, das Glas der doppelge-
Sophie Delhay Architecte,
Paris
eine zukünftige Verdichtung
um bis 20 Prozent möglich
gien gemeinsam: den schosshohen Fenster und die privaten Außen-

Tragwerksplanung
sein muss. Das dreieckige
Grundstück erlaubt es nicht
„Salon cathédrale“ mit ei- räume in Form von vorgehängten Balkonen oder

EVP, Paris hierfür eine Fläche zu re- ner Höhe von 5,40 Meter Terrassen kennzeichnen dieses Ensemble.
Von Entwurf zu Entwurf erbringt Sophie Delhay
servieren. Sophie Delhay in-
Adresse terpretierte diese Regel den Nachweis, dass − mit Beistand durch en-
unerwartet, indem sie die vorhabens mit 32 Wohneinheiten für die soziale gagierte Fachplaner und Gewerke – andere For-
Rue Ernest Champeaux, gewünschte Verdichtung
Ecocité Jardin des Ma- innerhalb der Wohnungen
Wohnungsbaugesellschaft Habellis, welches im men von Wohnungsbau denk- und umsetzbar
raîchers, 21000 Dijon, einplant. Januar diesen Jahres an die Bewohner überge- sind. „Ich liebe Überraschungen. Man muss die
Frankreich Grundrisse und Schnitt im ben wurde: „32 Logements-Cathédrale“ in der Bewohner überraschen, die Bauträger und auch
Maßstab 1:500, Typologien
Rue Ernest Champeaux im neuen Quartier „Eco- die eigenen Gewohnheiten überrumpeln. Ich
im Maßstab 1:250
cité Jardin des Maraîchers“. Hier ergibt sich eine als Entwerferin habe nicht alles in der Hand, aber
breitere Variation, das Ensemble setzt sich aus ich habe die Möglichkeit, neue Narrative anzu-
fünf individuellen Wohnungen im Kopfbau, einer stoßen“, fasst Delhay zusammen. Jahr um Jahr,
Reihenhausspange mit fünf Wohneinheiten und Entwurf für Entwurf und mit jedem Raum wird
einem hohen Riegel mit 22 Wohneinheiten zu- sie eben dies immer wieder neu tun können.
sammen. Eines haben alle Typologien gemein-
sam, den „Salon cathédrale“, den doppelge- Aus dem Französischen von Agnes Kloocke
schossigen Hauptraum mit einer Höhe von 5,40
Meter. Die Architektin unterstreicht, es seien
„insbesondere diese Verbindungsräume, die
größtmögliche Freiheiten für eine individuelle An-
eignung zulassen“.
Solch ein Leerraum ist ein großes Plus, macht
dieser die Wohnungen im Wortsinn nicht nur
„luftig“, sondern es ergibt sich hierüber außerdem
ein unerschöpfliches Reservoir an räumlichen
Optionen. „Dank der doppelten Raumhöhe sind
zusätzliche Flächen durch ein eingezogenes
Galeriegeschoss möglich“, kommentiert Delhay.
Ganz konkret ging es darum, den Bewohnern je
nach individuellem Bedarf und Geschmack die
Option einer zusätzlichen Nachverdichtung zu
eröffnen, ohne dabei aufwendige bauliche Maß-
nahmen stemmen zu müssen. Damit die Woh-
nungen nicht allzu teuer angeboten werden müs-
sen, ist die Materialität der Innenräume einheit-
lich einfach: Beton. Auch dieses Projekt basiert
auf einem rigorosen Grundraster, das einer kom-

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