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Ohne Ecken und Kanten

Text Claudia Siegele  Fotos Jan Bitter

Der neue Schauraum des Büromöbelherstellers ophelis im nord­


badischen Bad Schönborn von Ludloff Ludloff Architekten rückt die
Designkunst von Bürowelten ins Licht.
Wer es als Autor mit seinem Werk geschafft hat, 1 Produktionshallen In einem Gewerbegebiet
des am Reimold See gelege-
in die Equipe der Bestseller aufzusteigen, hat 2 Verwaltungsbau nen Kurorts Bad Schönborn
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gute Chancen, nicht nur ein Buch, sondern zu- 3 Ausstellungshalle hat der Möbelhersteller
gleich Geschichte zu schreiben. In der Welt der 4 Reimold See seinen Firmensitz. Das 1500
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Büromöbelhersteller ist das ganz ähnlich – es Quadratmeter große Aus-
stellungsgebäude wird von
genügt zumeist ein herausragender Designklas- einem umlaufenden Licht-
siker wie zum Beispiel der Lounge Chair von band belichtet und über
2 eine schmale Rampe betre-
Charles Eames, und das Image des Unterneh-
ten. Lageplan im Maßstab
mens als Trendsetter ist in Beton gegossen. Die- 3
1:7500
ses gilt es natürlich zu hegen und zu pflegen,
wofür seit geraumer Zeit nicht mehr allein die
Kunst professioneller Möbeldesigner gefragt ist,
sondern auch die Gestaltungskompetenz jener
Architekten, welche die gebauten Hüllen für Ver-
waltung, Produktion und Ausstellung kreieren.
Bestes Beispiel ist der in Weil am Rhein ent-
standene Vitra-Campus, wo Architektur, Design
und Kunst mit der Endmontage zeitloser Möbel
Hand in Hand gehen. Hier treffen Möbelstücke
erlesener Designer wie Antonio Citterio, Jasper
Morrison oder Verner Panton auf die Baukunst
berühmter Architekten wie Zaha Hadid, Tadao
Ando oder Herzog & de Meuron. Kurzum – ein
Büromöbelhersteller, der in dieser Liga mitspielen
will, braucht nicht nur eine Nase für Einrichtungs-
trends und Kontakte zu stilprägenden Möbel­
designern, sondern auch eine gewisse Egomanie
in Bezug auf die architektonische Verpackung
seiner Produktionsstätte – siehe Vitra, Wilkhahn,
Sedus und neuerdings auch der Möbelhersteller
ophelis im nordbadischen Bad Schönborn mit
seiner komplett in Holzbauweise errichteten Aus-
stellungshalle von Ludloff Ludloff Architekten.

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Hersteller wird Kreateur hin grundlegend – aus Büros wurden Arbeitswel- Kontext zum bestehenden Programm zur Entfal-
ten, die sich allein mit Tischen und Schränken tung bringen und Mitarbeiter einen Platz zum
Es ist ein unwirtlicher Ort, an dem dieses puris- nicht mehr bestücken und schon gar nicht gestal- effektiven Arbeiten oder für Besprechungen in
tisch anmutende Raumschiff mit seinen abge- ten ließen. Eine neue Geschäftsführung lan­c ierte der Ausstellung finden. Als Partner wählte man
rundeten Ecken gelandet ist – inmitten eines Ge- mit ophelis nicht nur eine neue Marke mit brei- das Berliner Büro Ludloff Ludloff, ein Architek-
Deckenplatten werbegebiets, umzingelt von Supermärkten mit tem Portfolio, sondern überführte sie binnen kur- tenduo, das mit seiner Arbeit für das Forschungs-
Parkplätzen, grauen Industriebauten, grellen Re- zer Zeit zur ophelis GmbH, womit die internatio- und Entwicklungszentrum der Sedus Stoll AG
klameschildern und einer asiatischen Imbiss­ nal stets erklärungsbedürftigen und nur schwer in Dogern bereits auf Tuchfühlung mit einem be-
bude. Unmittelbar hinter dem rund sechs Meter vermarktbaren „Pfalzmöbel“ Geschichte waren. deutenden Büromöbelhersteller gegangen war
hohen Ausstellungsgebäude steht der Verwal- So gesellten sich nach und nach zu den mo- (Bauwelt 46.2010). Der Vorschlag der Architekten,
tungsbau von ophelis im Kleid später Nackriegs- dernen Tischen und Schränken auch Sessel, das Gebäude in Holzbauweise zu konzipieren,
architektur. Daran schließen sich weitläufig die Sitzlandschaften, Paravents und Lounges – und passte ebenso zur Nachhaltigkeitsstrategie von
Produktionshallen an, in denen man unter dem mit ophelis nest, ophelis sum und ophelis deem ophelis wie die Entwurfsidee eines kompakten,
Namen Pfalzmöbel schon vor über 125 Jahren erste Klassiker zur Gestaltung von Büroarbeits- eher verschlossenen und in sich gekehrten Ku-
Holzrippen/Rippenträger begann, Tische und Aktenschränke für Verwal- welten. Auf einmal stand man in Konkurrenz zu bus ohne ablenkenden Blickkontakt zu dem
tungen und Büros im Akkord zusammen zu bau- den „Großen“ der Büromöbelbranche und war umgebenden Chaos und dem typischen Leben
en. Bis zur Namensänderung im Jahr 2006 konn- Mitbieter bei bedeutenden nationalen und inter- des Gewerbegebiets: die Büromöbel stehen im
te man in nahezu jeder deutschen Amtsstube nationalen Projekten. Mittelpunkt.
irgendwo das Logo der Pfalzmöbel ausmachen. Mit dem Erfolg reifte auch der Wunsch nach Aus der ringförmig an­
gelegten Fassade kragen
Solange die Akten nicht digitalisiert und das Inter- einem adäquaten Ausstellungsgebäude, dessen Durch die Höhle in die Weite
Pfosten im Bereich des
net noch in den Kinderschuhen steckte, passte Gestalt dem anspruchsvollen Portfolio für mo- Oberlichtbandes aus. Auf
das stark abgegrenzte Portfolio des Unterneh- derne Arbeitswelten entspricht und einen Raum Schon das Betreten der mit dunklem Holz ver- ihnen wurde die Decken-
platte aufgelagert. Die
mens noch zu den Bedürfnissen in den Büros. für deren Präsentation schafft. Kunden sollten schalten Halle erzeugt eine Spannung und folgt
Außenfassade und die Wän-
Seitenoberlicht Internet, Globalisierung und der demographische das Flair der Produktwelt erleben und spüren einer gewissen Dramatik. Eine leicht ansteigende de des Konferenzsaals
Wandel veränderten die Bürolandschaft darauf- können, Designer ihre Ideen und Kreationen im Rampe an der nordöstlichen Gebäuderundung steifen das Gebäude aus.

Architekten
Ludloff Ludloff Architekten,
Berlin; Laura Fogarasi-Lud-
loff, Jens Ludloff

Mitarbeiter
Magdalena Nottrott, Elise
Moreau, Johannes Sack

Bauleitung
btd Bauteam Deutschland,
Fassade mit Anbau
Köln

Tragwerksplanung
Andreas Kuelich Ingenieur-
büro für Tragwerksplanung,
Berlin

Bauherr
ophelis group GmbH & Co.
Holzständer KG, Bad Schönborn

Hersteller
Armaturen Hans Grohe
Beschläge Fsb
Leuchten Bega, I Guzzini,
Insta, Louis Poulsen, Trilux,
Zumtobel
Oberlichtband Gallina
Holzstützen Sonnenschutz Kvadrat

Die aus zwei Halbrahmen


zusammengesetzten
Y-Stützen wurden vorge­
fertigt und vor Ort, im
Abstand von 14 Metern, als
Pendelstützen errichtet.
Zeichnungen: Ludloff Lud-
Bodenplatte loff, Fotos: ophelis group

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markiert den höhlenartigen Zugang zu der fens-
terlosen Halle mit ihrem umlaufenden, semi­
transparenten Oberlichtband und endet an einer
ebenso dunklen, massiven Drehtür. Sobald sich
diese öffnet, wechselt der düstere, abweisende
Eindruck ins Gegenteil – plötzlich ist der Raum
von Tageslicht geflutet, die drückende Vorzone
wechselt in einen hellen und hohen Raum, die
Rampe steigt kontinuierlich an und der Aufgang
weitet sich mit jedem Schritt ein klein wenig
mehr. Schließlich biegt die rechte Wand in einer
sanften Kurve ab und gibt den Blick in die Aus-
stellungshalle frei. Erste Möbel tauchen auf und
markieren die „offizielle“ Eingangszone zu der
sich dahinter präsentierenden Bürowelt, gefasst
von einer mit schmalen Lamellen bekleideten
Inwieweit sich die Decken­
Holzwand, die in etwa drei Meter Höhe dort en- konstruktion für den Besu­
det, wo das Oberlichtband beginnt. Das hier von cher erschließt, ist für die
allen vier Seiten in die Halle flutende Tageslicht
lässt die von sieben Y-Doppelstützen getragene
optische Wirkung unerheb­
Dachkonstruktion förmlich schweben und setzt lich – entscheidend ist das
die vielen unterschiedlichen Möblierungsinseln unvergessliche Erlebnis
in ein angenehmes Licht.
einer Symbiose aus Archi­
Spiel mit Licht und Farbe tektur, Design und Kunst.
Unterstützend wirkt das Farbkonzept: der lasier- neugierig durch den Innenraum der Ausstel-
te Betonboden, die Stützen und die Holzwände lungshalle spazieren lässt, bleibt irgendwann an
sind in gedecktem Weiß gehalten, was das sanft den unterschiedlich langen, sternförmig ausge-
einfallende Tageslicht reflektiert und von jedem richteten Brettschichtholzlamellen unter der 16
Standpunkt her einen neutralen Hintergrund bil- Zentimeter dünnen Deckenscheibe hängen. Die
det, der nicht in Konkurrenz zur Farbabstim- Länge der Rippen und deren Unterbrüche sind
mung der Möblierung tritt. Baumkronenartig an- nicht zufällig gewählt, sondern folgen der stati-
geordnete, pressverleimte Holzrippen unter der schen Vorgabe für das Plattentragwerk in Kom-
Brettsperrholzdecke ertüchtigen die vorgefer- bination mit den Maßgaben an die Vorfertigung
und Montage. So liegen alle Plattenstöße exakt
im Bereich der Momentennullpunkte, wodurch
hier nur Schubkräfte zu übertragen waren, die
mit einer einfachen Verschraubung erfolgen
konnte. Für den Aufbau des Dachtragwerks wur-
Links: Im Deckenspiegel Oben und rechts: Punktuell tigten Deckenelemente zu einem mehrachsig den zunächst zwei Stützenreihen der Y-förmigen
eingezeichnete Punkte ver- angeordnete Oberlichter
gespannten Dachtragwerk. Insgesamt drei Kon- Träger mit den zugehörigen Deckenplatten und
deutlichen die Stützenlage werfen diffuses Licht durch
und die Balkenposition der das Holzrippengeäst auf ferenz- oder Tagungssräume ergänzen das pressverleimten Lamellen aufgestellt. Im nächs-
Tragkonstruktion. die lose im Schauraum ver- Raumkonzept – der größte davon nimmt einen ten Schritt wurden dann diese Deckenstreifen
teilte Büromöbelkollektion. Teil der Halle ein, die beiden anderen bilden zu- mit den Zwischenelementen zu einem mehrach-
Grundriss, Dachebene und
Schnitt im Maßstab 1:500 sammen mit Teeküche, Toiletten und Nebenzo- sig gespannten Tragwerk zusammengefügt. Die
nen einen flachgedeckten Anbau an der nördli- aus zwei transportfähigen Halbrahmen zusam-
chen Längsseite der Halle. Jeder dieser Räume mengesetzten Y-Stützen stehen im Abstand von
folgt einem eigenen Farbklang mit aufeinander 14 Metern zueinander und wirken als Pendelstüt-
abgestimmten Nuancen für Böden, Wand und zen. Zur Aussteifung der Halle tragen die Außen-
Decke mit unterschiedlichen Attributen wie kre- fassade mit dem gläsernen Oberlichtband sowie
ativ, konzentriert oder sachlich. Jeweils dazu der schneckenförmig eingeschriebene Konfe-
passend zeigt ophelis im Farbton entsprechend renzsaal gleichermaßen bei. Inwieweit sich diese
abgestimmte Varianten für Materialien und Ober- statischen und montagebedingten Notwendig-
flächen für die Möblierung. keiten dem Betrachter der Deckenkonstruktion
erschließen mögen, ist für deren optische Wir-
Statik formt die Ästhetik kung unerheblich – weitaus entscheidender ist
für den Bauherren das unvergessliche Erlebnis
Wer sich probeweise in einen der ausgestellten der staunenden Besucher dieser Symbiose aus
Loungesessel fläzt oder seinen Blick einfach Architektur, Design und Kunst.

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