Sie sind auf Seite 1von 2

4

Die neue Mitte von Nieder-


werrn entsteht am Über-
gang des Altorts zum neue-

Die Kernerneuerung kleiner Orte


ren Entwicklungsgebiet
(„Siedlung“), wo sich bereits
eine Schule und eine Bü-
cherei befinden. Vorausset-

Leerstands-Potenzial
zung für die Standortwahl
war ein kommunaler Grund-
stückstausch mit Privat-
eigentümern.

in zwei fränkischen Gemeinden


Abb.: Bayern Atlas/Schlicht
Lamprecht Architekten

Text Benedikt Crone

Den Bestand nutzen und die Zersiedlung


stoppen: Mit Umbauprojekten und
Machbarkeitsstudien arbeiten Schlicht
Lamprecht Architekten an der Zukunft
ländlicher Ortszentren.
Die Belebung des ländlichen Raums war auch im letzten Bundestagswahl- pern sich Gemeinden schnell: Sie setzen den zweiten Schritt vor dem ers- Schlicht Lamprecht Archi-
Ort
tekten entwickelten eine
kampf ein oft gehörtes Versprechen. Dessen Umsetzung ist jedoch weder ten und verlieren sich in die Verlockungen eines Neubaus, dessen Funk­ Niederwerrn, Bayern
Ortsmitte, für die ein Fach-
eine Selbstverständlichkeit noch ein Selbstläufer. Dabei liegt in dem vielen tion am Ende womöglich kaum nachgefragt wird. Auch ist seitens der Pla- werkhaus zum Museum
Leerstand der Kleinstädte und Dörfer des Landes tatsächlich das Poten­ nungsbüros oft eine begleitende Beratung der Kommune über Jahre nötig, (oberes Foto, linke Seite) Architekten

zial für eine breite Re-Use-Offensive. sonst können erste Initiativen wieder im Sand verlaufen. und eine alte Scheune zur Schlicht Lamprecht Archi-
„Heizzentrale“ (unteres tekten, Schweinfurt
Stefan Schlicht von Schlicht Lamprecht Architekten begegnet den ver- In Niederwerrn, einem Vorort von Schweinfurt, ging dem Planungspro- Foto, linke Seite) umgebaut
borgenen Altbau-Schätzen bei seiner täglichen Arbeit. Kerngeschäft des zess ein Grundstückserwerb- und tausch voraus. Erst der Kauf und Ver- werden sollen. Der Neu - Mitarbeiter/innen
Schweinfurter Büros ist die Überarbeitung – oder gar Herstellung – von kauf privater und öffentlicher Parzellen ermöglichte es der Gemeinde, an bau des Bürgerzentrums
Franziska Klein, Dominik
basiert auf Recyclingbe -
Ortszentren. Voraussetzung dafür ist der Wille zur Veränderung seitens zentraler Stelle ein Wohnhaus und eine Scheune umzubauen und sie mit ton im Erd- und Holzbau im
Malucha, Miriam Niklaus,
Anna Haun
der Gemeinde: „Es braucht vor allem einen für Ideen offenen Stadtrat und einer Schule, Turnhalle und Bücherei zur neuen Ortsmitte zu verbinden. Er- Obergeschoss.
einen engagierten Bürgermeister oder eine engagierte Bürgermeisterin“, gänzend ist der Neubau eines Bürgerzentrums geplant. Für dessen Kon­ Fotos: Stefan Meyer, Visua-
Geplante Fertigstellung
lisierung: renderwolf
sagt Schlicht. Sein Büro arbeitet an der Schnittstelle von Architektur und struktionsbauteile wird Recyclingbeton einer abgebrochenen Autobahn- 2023
Stadtplanung, erstellt Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzepte brücke nahe Würzburg verwendet; das Obergeschoss soll als Holzbau
(ISEK), Machbarkeitsstudien und Kommunale Denkmalkonzepte. Diese of- ausgeführt werden. Die Scheune wird saniert und im Zeichen der Energie- Bauherr

fenen, teils städtebaulichen Instrumente bieten die Möglichkeit, einem wende mit Photovoltaik, Pelletheizung und Wärmepumpe als öffentliche Gemeinde Niederwerrn

Ort neue Chancen aufzuzeigen. „Manche Kommunen sehe nur noch ihre „Energiescheune“ ausgestattet. Im alten Bauernhaus sind Ausstellungs-
Defizite, nicht ihre Stärken“, sagt Schlicht. räume vorgesehen, die die Privatsammlung eines Ortsbewohners mit Ob-
Für Machbarkeitsstudien besucht sein Team die Gemeinden, spricht jekten der Konsumwelt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigen.
mit den Verantwortlichen und kartiert den Ort in Bezug auf Bevölkerung, Auch in der unterfränkischen Kleinstadt Mainbernheim soll der Umbau
Bebauung, Grünflächen, Dienstleistungen und Gewerbe. Es folgen Work- eines alten Gehöfts dem Ort auf ihn zugeschnittene Nutzungen bringen.
shops mit den Bürgern, denn diese bringen wesentliche Wünsche, Ideen Neben bewährten Funktionen wie einem Café, Ausstellungsräumen, dem
und Kompetenzen ein. Ohne eine solche ausführliche Vorplanung verstol- Stadtarchiv und einer Bücherei, soll der Umbau auch Gewerbetreibenden

58 THEMA Bauwelt 6.2022 StadtBauwelt 233 THEMA 59


Die Architekten führten im
Rahmen eines Kommu-
nalen Denkmalkonzepts
eine Machbarkeitsstudie
durch, die im Vorderhaus
Räume für einen Bürger-
treff mit Küche und im Ober-
geschoss die Bücherei
sowie das Stadtarchiv vor-
sieht.

Inmitten der Kleinstadt die Möglichkeit bieten, in einem alten Anbau offene Werkstätten durchzu- Der Hof soll zum Lesehof
Ort
Mainbernheim steht seit mit Gastronomie- und
führen: für Einblicke in die Prozesse des Bierbrauens und der Weinherstel- Mainbernheim, Bayern
50 Jahren ein altes Ge- Aufenthaltsbereich vergrö-
höft leer (im Luftbild: trauf- lung oder für das Ausprobieren einer historischen Etiketten-Druckmaschi- ßert und das Werkstatt-
ständiges Haus mit Vor- ne. Ortsansässige Firmen erhalten dadurch zusätzliche Präsentations- gebäude (Zeichnung, mit- Machbarkeitsstudie
treppe). Das teils aus dem tig) zum Foyer mit Besu- Schlicht Lamprecht Archi-
und Vertriebsflächen inmitten der Kleinstadt.
16. Jahrhundert stammen- cherinformation umgebaut tekten, Schweinfurt
Schlicht lenkt den Blick der Gemeinden bevorzugt auf leerstehende Häu- werden.
de Anwesen setzt sich aus
Vorder- und Hinterhaus ser, auch wenn die Altbauten aufgrund ihres schlechten Zustands oft Be- Zeichnung und Plan: Archi- Auftraggeber
sowie einem Stall und einer rührungsängste hervorrufen. Was zur allgemeinen Beruhigung beiträgt, tekten, Erdgeschoss im
Stadt Mainbernheim;
Werkstatt (Fotos links) zu- Maßstab 1:400
sind seriöse Kostenschätzungen, basierend auf den Voruntersuchungen Bayerisches Landesamt für
sammen. Denkmalpflege
Luftbild und Fotos diese eines Statikers, Vermessers oder Restaurators. Bei einem Gehöft wie in
Seiten: zudem Atelier Mainbernheim sei es für die weitere Planung unerlässlich zu wissen, hält
jene Stütze und dieser Balken oder müssen sie erneuert werden? Einige
Planungsbüros geben nur grobe Schätzungen ab – und am Ende entste-
hen überraschend Mehrkosten, die dann die Gemeinde öffentlich rechtfer-
tigen muss. Solide Zahlen überzeugen dagegen auch Fördergeber. In Bay-
ern trägt das Land in besonders förderungswürdigen Fällen bis zu 80 Pro-
zent der Gesamtkosten.
All das dauert. Und dass es dauert, muss die Kommune allen Beteiligten
ehrlich vermitteln. Die Bürgermeisterin von Niederwerrn, wo die neue Orts-
mitte nach dem Grundstückstausch nun in die Realisierung geht, drückte
es gegenüber ihrer Gemeinde so aus: Wer einen hohen Turm bauen will,
muss eben lange am Fundament arbeiten.

60 THEMA Bauwelt 6.2022 StadtBauwelt 233 THEMA 61

Das könnte Ihnen auch gefallen