Sie sind auf Seite 1von 3

Neuköllner Laubengang- Mit Laubengängen hat das Büro EM2N be-

reits viel Erfahrung in der Schweiz. Nun hat

Gemeinschaft
die Berliner Niederlassung einen Neubau in
Text Benedikt Crone Fotos Andrew Alberts Neukölln mit einer Erschließung über den Hof
fertiggestellt. Aus Kostengründen. Und ge-
gen die Vereinsamung der Großstadtsingles.
Grenzen genießen keinen guten Ruf, sind sie Der im Frühjahr 2020 fertiggestellte Neubau setzt
doch oft harte Maßnahmen der Mächtigen, sich sich aus vier Riegeln zusammen, von denen drei
die weniger Mächtigen auf Distanz zu halten. einen Hof umschließen und der vierte, quer am
Wendet sich der Blick aber von der Geopolitik auf Nachbarhaus entlang, einen Vorplatz bildet. An
Der Neubau bildet den Ab­
das eigene Zuhause, heißen viele Menschen der Westseite steigt die Kubatur auf acht Ge­ schluss eines Gründerzeit­
eine klare Trennung willkommen. Eine Wand ruht schosse an – was die Höhe einer Siebziger­Jahre­ blocks zwischen Briese­
und Kienitzer Straße. Un­
schließlich auf dem Einverständnis zweier Nach­ Nachbarbebauung möglich machte – und flacht
ten: Vorplatz am Südriegel.
barn, sich nicht auf die Nerven gehen zu wollen. nach Osten auf sechs Geschosse ab. Dadurch Lageplan im Maßstab
Dennoch begleiten den Wohnungsbau der letzten dockt die auf den ersten Blick kaltschnäuzige 1:2500
Jahre immer wieder Trendbegriffe wie „Gemein­ Fassade aus Profilblech und Sichtbetonwänden,
schaftsfläche“ oder „Begegnungszone“ – worauf in der es je nach Licht silbrig oder wärmend
ebenso häufig Bedenken folgen, diese „räumliche schimmert, artig im Blockrand an die Nachbar­
Zwangskollektivierung“ sorge im Haus für mehr häuser an. Die strengen Fensterachsen lassen
Streit als Frieden. erahnen: Viele der Grundrisse sind repetitiv –
Der Wohnungsbau, um den es hier geht, liegt und doch unterscheidet sich der Aufbau des Hau­
im Norden des Berliner Bezirks Neukölln. Auch ses von der marktüblichen Wohnungsware. Im
dieses Gebäude wurde durch eine wärmende Ge­ Nord­ und Westriegel werden durchgesteckte
meinschaftsidee geformt: Erschließung über 1­ bis 2­Zimmer­Wohnungen gestapelt (sie ma­
Laubengänge, ein großer Innenhof, ein kleiner chen den Großteil der 101 Wohnungen aus), denn
Vorplatz und gläserne Wohnungstüren. Für die auch der öffentliche Wohnungsbau ist nicht da­
Bauherrin, die Stadt und Land Wohnbauten­ von befreit, durch Raumkomprimierung Kosten
Gesellschaft, war dieser Neubau kein Alltagspro­ und Miete kleinzuhalten. Auch bedient Stadt und
jekt, sondern das Langzeitergebnis des 2013/14 Land damit die große Nachfrage in der Umge­
gemeinsam mit dem Senat durchgeführten bung nach Kleinstwohnungen. Dafür gibt es im
Workshop­Verfahrens „Urban Living“. Senats­ Ostriegel größere Eck­ und Maisonettewohnun­
baudirektorin Regula Lüscher versuchte damals,
die gescheiterte Berliner IBA in ein kleineres For­
mat hinüberzuretten. Dafür wurden 31 Planungs­
teams acht Standorten der landeseigenen
Wohnungsgesellschaften zugeordnet, in der Er­
wartung, bei einer größtmöglichen Freiheit
(und ohne Realisierungsversprechen) einen Ent­
wurfskatalog für den zukunftsweisenden Woh­
nungsbau zu erhalten. Auf dem Standort für das
Neuköllner Haus, südlich der Siebziger­Jahre­
Siedlung des Rollbergviertels, stand zu diesem
Zeitpunkt ein Parkhaus. Folgerichtig widmeten
sich die Teams einer Umnutzung des Parkhau­
ses, doch dessen Konstruktion hätte – das stell­
te sich nach dem Verfahren heraus – der höchst­
möglichen Bebauungsdichte und Wohnungs­
zahl nicht standgehalten. Was blieb waren der
Standort und der Ansporn, sich von der Denke
des konventionellen Wohnungsbaus zu lösen.
2015 lobte Stadt und Land einen nichtoffenen
Wettbewerb aus, den die Berliner Niederlassung
des Züricher Büros EM2N und das Landschafts­
architekturbüro Man Made Land gewannen.

30 THEMA Bauwelt 5.2021 Bauwelt 5.2021 THEMA 31


Architekten Akustik gen, und der auskragende Südriegel fasst Clus­
EM2N, Zürich/Berlin Ritter, Potsdam terwohnungen mit bis zu fünf Zimmern, die je­
Partner: Mathias Müller, weils über ein eigenes kleines Bad verfügen. Es
­D aniel Niggli; Associates: Haustechnik, Baubera- ist gerade dieser Balanceakt zwischen privat
Fabian Hörmann (Wett­ tung, -ökonomie
bewerb), Verena Linden­ und geteilt, auf dem der Haussegen ruht, und
Gneise, Berlin
mayer (Ausführung) der nicht ohne Anstrengungen justiert werden
Ausschreibung, Qualitäts- muss (vereinzelt wurden nach Fertigstellung
Projektleitung
sicherung noch Wände eingezogen).
Henrike Kortemeyer
HW-Ingenieure, Berlin Neben einem kleinen Privatbalkon erweitert
Projektteam sich die Wohnfläche vor allem auf den bis zu 3,5
Wärmeschutz- und Ener-
Wettbewerb: Mathias giebilanzierung, Brand- Meter breiten Laubengang. Erstaunlich an ihm
Kampmann, António Mes­ schutzplanung ist, dass wenige Vorgaben bereits eine ordnende
quita, Inês Nunes, Jonas
Andreas Wilke, Potsdam Wirkung entfalten: Eine graue Farbmarkierung
Rindlisbacher, Caroline
Vogel, Leonard Wertgen; gibt die Rechtecke vor, in denen die jeweilige Miet­
Prüfingenieur Brandschutz
Ausführung: Laura Ball, partei ihr Außenmobiliar aufstellen kann. Und in
Pia Brückner, Felix Dechert, KLW, Berlin
der Tat war zur Begehung kein Stuhlbein, Kinder­
Götz Lachenmann
Landschaftsarchitekten spielzeug oder Sofa aus der Zonierung gerutscht,
Bauleitung, -realisierung Man Made Land – Bohne als würde eine unsichtbare Hand sie darin gefan­
Implenia Hochbau, Berlin Lundqvist Mellier, Berlin gen halten. Nur eng am Brüstungsgitter scheint
der Regelbruch verträglich, um mit einem Arsenal Das halboffene Treppen­
Bauingenieure Bauherrin
an Blumenkübeln dem zwar hellen, aber auch haus führt bis ins siebte
Wettbewerb: Schnetzer Stadt und Land Wohnbau­ Obergeschoss. Unten: Der
ten-Gesellschaft, Berlin grauen Hof kleine Farbtupfer zu verleihen. Bei der
Puskas, Zürich; Ausführung: Laubengang des südlich
Rüdiger Jockwer, Berlin Abgrenzung zur Nachbarwohnung helfen auch auskragenden Riegels, in
die Einschnitte im Laubengang, durch die von dem sich die fünf Zimmer
HLK-Planung großen Clusterwohnungen
oben Licht fällt, was wiederum den Schattenwurf
Karl-Heinz Quenzel, Berlin befinden.
des Laubengangs abmildern soll. Und doch Grundrisse und Schnitte
im Maßstab 1:750

Blick über den Hof auf den


Ostriegel mit den Maiso-
nettewohnungen. Diese
geben sich auch durch das
Auslassen des Lauben-
gangs in jedem zweiten Ge-
schoss zu erkennen.

32 THEMA Bauwelt 5.2021 Bauwelt 5.2021 THEMA 33


Die Wohnungen waren Unten: Durch eine Ab­
standsvorgabe zum Siebzi­
schnell belegt, die Fluktu­a­ ger-Jahre-Nachbargebäude
ergab sich im Südwesten
tion blieb niedrig, die Inter- des Hauses ein Vorplatz, an
dem weitere Wohnungen
essentenliste lang. Ist dies und ein teilverglaster Gewer­

nun die „zukunftsweisende beraum liegen.

Wohnform“, die das Urban-


Living-Verfahren versprach?

Subtile Grenzen: Eine dun-


kelgraue Fläche markiert
den Bereich, der von der
angrenzenden Mietpartei
zugestellt werden darf.

Mehrere Bewohner und bleibt es ein Laubenganggesetz, dass trotz der wenn ein Mieter für den Gewerberaum gefunden
Bewohnerinnen waren im
hier vier Erschließungskerne und zweier Haus­ würde. Und wäre der Hof als offener Gemein­
letzten Jahr bereit, ihre
Wohnung für den Fotogra­ eingänge ein Teil der Nachbarschaft regelmäßig schaftsgarten gestaltet, würde auch dieser dem
fen zu öffnen. an der gläsernen Wohnungstür vorbeiziehen Architekturkonzept konsequenter folgen.
muss, weniger an den Maisonettewohnungen, Es ist wie bei jedem Haus – man muss in die­
mehr dafür im Erdgeschoss. sem leben wollen. Auch deshalb wurden mit den
Es ist daher keine Überraschung, dass sich Bewerberinnen und Bewerbern auf die Cluster­
gerade im Erdgeschoss und zur Straße viele die wohnungen Gespräche geführt, ob sie sich ein
Gardine vor die Haustür gezogen haben. Eine Wohnen in dieser Form vorstellen können; und
Bewohnerin dieser „Atelierwohnungen“ erlebt für die Atelierwohnungen war die Vorlage eines
täglich den Gang der Vorbeiziehenden und er­ Gewerbekonzepts nötig. Die Wohnungen waren
zählt von der Herausforderung, sich in der von schnell belegt, die Fluktuation blieb niedrig, die
zwei Seiten einsehbaren Wohnung einen Privat­ Interessentenliste lang. Ist dies nun die „zukunfts­
bereich zu schaffen. Dennoch würde sie ungern weisende Wohnform“, die das Urban-Living-
in die dunkle, anonyme Erdgeschosswohnung Verfahren versprach? Für einige durchaus, für
eines Altbaus umziehen wollen. Denn das Haus andere sicher weiterhin nicht (die Wohnungs­
hat sich bereits gut vernetzt, einige kannten gesellschaft eruiert noch, ob das Konzept eine
sich vor dem Einzug, wohnen jetzt mit Freunden Ausnahme bleibt; der Autor schätzt die vielen
Tür an Tür. Man trifft sich zum Kaffee, teilt Werk­ Außenflächen und den Ausblick von oben, ist
zeuge und Backzutaten, projiziert Filme auf aber glücklich in seinem Zuhause). Der Trost für
Hofwände. Eine andere Bewohnerin einer Erdge­ alle Nichtinteressierten: In dieser Stadt gibt es
schosswohnung lud sogar im Sommer wöchent­ noch viele andere, meist konventionellere Aus­
lich die vorbeiströmenden Nachbarn zum Sekt­ führungen im Wohnungsbau. Ihr Anteil liegt bei
brunch. Zur Gemeinschaft beitragen könnte auch, weit über 99 Prozent.

34 THEMA Bauwelt 5.2021 Bauwelt 5.2021 THEMA 35