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LAGEBERICHT

Rassismus in
Deutschland
Ausgangslage, Handlungsfelder,
Maßnahmen
LAGEBERICHT

Rassismus in Deutschland
Ausgangslage, Handlungsfelder, Maßnahmen
Inhalts­
verzeichnis

Vorwort der Beauftragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

Redaktionelle Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

2. Rassismus und rassistische Diskriminierung –


begriffliche und rechtliche Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

3. Ausprägungen von Rassismus in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

3.1 Unzulänglichkeit der Datenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22


3.2 Rassistisch motivierte Straftaten und Übergriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
3.3 Spezifische Erscheinungsformen von Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3.3.1 Anti-Schwarzer Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3.3.2 Antimuslimischer Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
3.3.3 Antiziganismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.3.4 Antiasiatischer Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
3.3.5 Exkurs: Antisemitismus als benachbartes Phänomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

4. Handlungsfelder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus . . . . 42

4.1 Polizei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4.2 Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
4.3 Hochschulbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
4.4 Ausbildung und Arbeitsleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
4.5 Öffentliche Verwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.6 Repräsentanz in der Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4.7 Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.8 Wohnungsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
4.9 Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
Inhalts­verzeichnis 3

5. Maßnahmen der Bundesregierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

5.1 Nationaler Aktionsplan Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76


5.2 Maßnahmenpaket zur Bekämpfung des Rechtsextremismus
und der Hasskriminalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.3 Kabinettausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus
und Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.4 Bundesprogramm „Demokratie leben!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
5.5 Demokratiefördergesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
5.6 „Gemeinsam für Demokratie und gegen Extremismus“ –
Strategie der Bundesregierung für eine starke, wehrhafte Demokratie
und für eine offene und vielfältige Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
5.7 Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) . . . . . . . . . . . . . . . . 83
5.8 Bundespartizipationsgesetz und ganzheitliche Diversity-Strategie . . . . . . . . . . . 83
5.9 Aktionsplan gegen Rechtsextremismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
5.10 Umsetzung der UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft . . . . . . . . . . 85
5.11 NSU-Erinnerungs- und Dokumentationszentrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

6. Maßnahmen der Antirassismusbeauftragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
Vorwort der
Beauftragten

Liebe Leserinnen und Leser, Denn wie eine Gesellschaft mit ihnen umgeht,
ist auch ein Seismograph für die Verfasstheit der
dieser Lagebericht ist eine Premiere und ich demokratischen Kultur insgesamt.
möchte als Integrationsbeauftragte und zugleich
Antirassismusbeauftragte der Bundesregierung Wir nehmen nicht hin, dass Demokratiefeinde
damit in bewegten, aufgewühlten Zeiten erklä­ die gesellschaftliche Verunsicherung in Krisen­
ren und einordnen, mehr Verständigung und zeiten instrumentalisieren. Wir hören und sehen
Verständnis schaffen. Erstmals liegt mit meinem sie wieder, die schlichten Antworten und ver­
Bericht ein Dokument der Bundesregierung mit fassungsfeindliche Propaganda – bei Demonstra­
einer umfassenden Darlegung zu Rassismus in tionen auf den Straßen, im Internet, in unseren
Deutschland vor: mit Daten und Fakten, mit Parlamenten. Schuld an den Problemen sollen
Analyse der Erscheinungsformen, mit Transpa­ „die anderen“ sein: Geflüchtete, Eingewanderte
renz über Leerstellen bei Prävention, Beratung und ihre hier geborenen Kinder, Schwarze Men­
oder Forschung. Der Bericht basiert wissen­ schen, Juden und Muslime, Sinti und Roma.
schaftlich fundiert auf einem umfassenden
Verständnis von Rassismus: Es geht um Hass Es wird beschimpft und gedroht, online und off­
und Gewalt, aber auch um institutionellen und line. Dann ist es vom Wort zur Tat nicht weit.
strukturellen Rassismus, der sich durch bewusste Dann werden Flüchtlingsunterkünfte oder Syna­
wie auch unbewusste Handlungsroutinen aus­ gogen angegriffen, Frauen mit Kopftuch und so­
wirken kann – sei es am Arbeitsplatz, bei der gar Kinder attackiert. All das ist in den vergange­
­Bewerbung um eine Wohnung oder im Kontakt nen Wochen passiert und hat Vorgeschichte: Die
mit Behörden. rassistischen Anschläge in Mölln, Solingen oder
Rostock-Lichtenhagen sind traurige Jahrestage.
Mein Bericht Rassismus in Deutschland erscheint Wir müssen gerade jetzt wieder stärker den An­
in Zeiten, in denen viele Menschen besorgt sind. fängen wehren, rassistische Erzählungen ent­
Wegen des Kriegs in der Ukraine, w ­ egen stark larven, die Prävention und Demokratie-Arbeit
steigender Preise für Energie oder Lebensmittel, stärken. Damit wir dem Hass seinen Nährboden
wegen eines Tons in der gesellschaftlichen De­ abgraben. Natürlich können wir in einer vielfälti­
batte, der spürbar rauer wird. Solche Krisen und gen Gesellschaft verschiedener Meinung sein und
Momente des gesellschaftlichen Umbruchs sind dafür einstehen. Aber wenn wir streiten, dann res­
immer auch Zeiten, in denen vulnerable Grup­ pektvoll und auf dem Boden des Grundgesetzes.
pen noch stärker geschützt werden müssen. Hass und Rassismus sind hingegen keine Meinung.
Vorwort der Beauftragten 5

Auf der anderen Seite müssen wir die von Ras­ meinen Besuchen in ganz Deutschland. Die Bun­
sismus betroffenen Menschen stärker in den desregierung unterstützt sie mit ganzer Kraft
Blick nehmen. Rassismuserfahrungen sind auch und mit den Maßnahmen, die im Bericht vorge­
schmerzhafte Ohnmachtserfahrungen. Es erfor­ stellt werden. Wir wollen koordiniert und kon­
dert enorme Anstrengung, angesichts erfahrener sequent gegen Rassismus kämpfen und unseren
Demütigung und Ausgrenzung, die für viele lei­ Zusammenhalt festigen. Damit eine gute Zu­
der zum Alltag gehört, nicht aufzugeben und sich kunft vor uns liegt. Wir sind mehr, wir sind stär­
zurückzuziehen. Sondern sich weiterhin aktiv ker als der Hass.
in die Gesellschaft einzubringen und für seine
Rechte zu kämpfen. Diese Menschen will ich
stärken, empowern und ihre Erfahrungen hör-
und sichtbar machen.

Zur Ehrlichkeit gehört, dass Rassismus in seinen


Ausprägungen viel zu lange verschwiegen, als
Phänomen der Vergangenheit abgetan oder auf
extremistische, neonazistische Kreise engge­
führt wurde. Zu wenig hat auch die Politik getan,
um Menschen zu schützen, die Rassismus trifft,
um ihre Perspektive in den Mittelpunkt zu stellen
und Versäumnisse bei Prävention und Straf­
verfolgung aufzuarbeiten. Das muss sich ändern
und dafür arbeitet die Bundesregierung: Wir
sorgen für mehr Respekt, direkte Unterstützung,
Prävention und konsequentes Ahnden von
Rassismus.

Mir ist besonders wichtig, dass wir alle gemein­


sam gegen Rassismus kämpfen. Das ist eine ge­
samtgesellschaftliche Anstrengung. Dazu gehört,
dass wir selbstkritisch unseren Alltag, die Struk­
turen in den Verwaltungen, die Bewerbungs­ Ihre Reem Alabali-Radovan
verfahren in Unternehmen oder auch im öffent­
lichen Dienst überprüfen. Dazu gehört, dass wir
einschreiten, wenn der rassistische Spruch in Bus
oder Bahn fällt, und Hilfe anbieten, wenn Men­
schen attackiert werden. Das Eintreten für Demo­
kratie lässt sich nicht wegdelegieren. Die wehr­
hafte Demokratie, das sind wir alle. Staatsministerin beim Bundeskanzler
Beauftragte der Bundesregierung
Mut macht mir in diesen Zeiten, dass sich so viele für Migration, Flüchtlinge und Integration
für ihre Mitmenschen und Antirassismus einset­ Beauftragte der Bundesregierung
zen. Unsere starke Zivilgesellschaft erlebe ich bei für Antirassismus
Redaktionelle Vorbemerkung 7

Redaktionelle Vorbemerkung

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration erstattet gem. § 94 Abs. 2 Aufenthalts­
gesetz (AufenthG) dem Deutschen Bundestag alle zwei Jahre Bericht. Der 13. Bericht der Beauftragten erfolgt in diesem
Jahr einmalig als Lagebericht „Rassismus in Deutschland: Ausgangslage, Handlungsfelder, Maßnahmen“. Ab 2024 wird
der Bericht auf Dauer in einen neuen, wissenschaftsbasierten und indikatorengestützten Integrationsbericht überführt.

Ein sich aus dem Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gegebenenfalls
­ergebender Mehrbedarf des Bundes an Sach- und Personalmitteln ist finanziell und stellenmäßig innerhalb des jeweiligen
Einzelplans auszugleichen. Haushaltsverhandlungen werden nicht präjudiziert. Der von der Verfassung vorgegebenen
­Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund und Ländern wird Rechnung getragen.
1. Einleitung
Einleitung 9

Rassismus ist ein zentrales gesellschaftliches Thema


in Deutschland, das viele Menschen bewegt und betrifft.1

Rassismus verhindert, dass sich Menschen indivi­ durch Beobachtung e­ ines rassistischen Vorfalls.
duell entfalten und ihr volles Potenzial ausschöp­ Mehr als 22 % der Gesamtbevölkerung haben ihn
fen können, er untergräbt den Zusammenhalt, selbst erfahren.2
wertet Menschen ab, bedroht ihre Sicherheit so­
wie ihr Zugehörigkeitsgefühl und steht damit Rassismus ist also in der Wahrnehmung einer
dem grundgesetzlich festgelegten Gedanken einer klaren Mehrheit der Bevölkerung kein Rand­
gleichwertigen und vielfältigen Gesellschaft ent­ phänomen, das nur eine kleine Gruppe betrifft,
gegen. Das nimmt die Bundesregierung nicht sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.
hin, darum ist die Antirassismusarbeit ein inte­ Lange Zeit hat das Thema in Deutschland jedoch
graler Bestandteil der Bundespolitik. Dabei ist keine ausreichende Aufmerksamkeit erfahren.
von großem Gewinn, dass die Menschen in Der Begriff Rassismus wurde in den gesell­
Deutschland um die Herausforderungen wissen: schaftlichen Debatten gemieden und das Phä­
Den Ergebnissen der repräsentativen Auftakt­ nomen stattdessen häufig mit irreführenden
studie „Rassistische Realitäten“ des Nationalen ­Ersatzbegriffen wie „Ausländerfeindlichkeit“
Diskriminierungs- und Rassismusmonitors oder „Fremdenfeindlichkeit“ beschrieben.
(NaDiRa) zufolge erkennen 90 % der Bevölkerung
an, dass es Rassismus in Deutschland gibt, und Einschneidende Ereignisse und Anschläge
61 % sind der Meinung, dass Rassismus den All­ ­haben dazu beigetragen, das Thema Rassismus
tag prägt. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind in den vergangenen Jahren zunehmend in den
schon einmal direkt oder indirekt mit Rassis­ Fokus gesellschaftlicher Debatten zu rücken.
mus in Berührung gekommen – zum Beispiel Dazu zählt die rassistische Mordserie des soge­

1
Vgl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland
mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022 , S. 101.
2
Vgl. ebd, S. 31 ff. Die Studie legt den Fokus sowohl auf direkte wie auch indirekte Rassismuserfahrungen und folglich auch auf
Personen aus dem Nahumfeld von Menschen, die direkt von Rassismus betroffen sind. Dazu gehören Eltern, Geschwister, Kinder,
Partnerinnen und Partner sowie Freundinnen und Freunde oder Kolleginnen und Kollegen, die durch Erfahrungsberichte über
rassistische Vorfälle an den Erzählungen ihrer Nächsten teilhaben und davon emotional betroffen sind.
10 Einleitung

nannten Nationalsozialistischen Untergrunds ­ egen Rassismus, Rechtsextremismus, Anti­


g
(NSU), der zehn Menschen zum Opfer fielen, semitismus und andere Formen gruppenbezo­
neun davon mit Einwanderungsgeschichte. gener Menschenfeindlichkeit hat damit an
­Weitere Anschläge erschütterten Deutschland ­politischer Bedeutung gewonnen.
in den Jahren danach wie der antisemitisch und
rassistisch motivierte Anschlag am 9. Oktober Der Kabinettausschuss adressierte dabei aus­
2019 vor einer Synagoge und in einem Imbiss drücklich Rassismus nicht nur in seinen gewalt­
in Halle, bei dem zwei Menschen ermordet wur­ förmigen, extremen Ausprägungen, sondern
den. Wenige Monate darauf folgte am 19. Fe­ auch in seinen strukturellen, alltäglichen Aus­
bruar 2020 der Anschlag in Hanau, bei dem der wirkungen, die zu Benachteiligungen führen in
­Täter seine neun Todesopfer ebenfalls nach ras­ Lebensbereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen
sistischen Kriterien aussuchte. Dass auch Man­ oder Gesundheit. Erfahrene Abwertung, Aus­
datsträgerinnen und -träger, die sich für eine of­ grenzung und Diskriminierung im Alltag und
fene Gesellschaft oder für Geflüchtete einsetzen, in der Interaktion mit gesellschaftlichen Institu­
zur Zielscheibe rassistisch und rechtsextrem tionen haben darüber hinaus negative Auswir­
motivierter Täter werden, hat die Ermordung kungen auf die Möglichkeiten, sich individuell
des Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter zu verwirklichen sowie auf das Zugehörigkeits­
Lübcke am 2. Juni 2019 drastisch vor Augen gefühl zur Gesellschaft. Das kann dazu führen,
­geführt. dass Menschen ihre Potenziale nicht ausschöp­
fen, sich zurückziehen oder sogar von der Gesell­
Diese Anschläge und auch Berichte über Ver­ schaft abwenden. Rassismus stellt damit eine
dachtsfälle von rechtsextremen und rassisti­ ­Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
schen Netzwerken bei den Polizeien oder der und das Vertrauen in staatliche Strukturen dar.
Bundeswehr erschüttern das Vertrauen in den
Staat und haben massive Auswirkungen auf Parlamentarische Untersuchungsausschüsse
das Sicherheitsgefühl der von Rassismus betrof­ ­haben als Instrument der Information und Kon­
fenen Bevölkerungsgruppen. trolle eine besondere Funktion, um eine von der
Regierung unabhängige Sachverhaltsaufklä­
Die Bundesregierung hat auf den Mord an rung zu möglichen Missständen im Bereich der
Dr. Walter Lübcke sowie die Anschläge von ­Exekutive und damit eine wirksame parlamen­
Halle und Hanau in der 19. Legislaturperiode tarische Kontrolle der Regierungstätigkeit zu
des Deutschen Bundestages entschlossen re­ ­ermöglichen. So haben die NSU-Untersuchungs­
agiert und im März 2020 den Kabinettaus­ ausschüsse weitreichende Mängel bei der straf­
schuss zur Bekämpfung von Rechtsextremis­ rechtlichen Aufklärung der Verbrechensserie
mus und Rassismus eingesetzt. Das Kabinett der rechten Terrorgruppe festgestellt und ver­
beschloss am 2. Dezember einen 89 Punkte schiedene Empfehlungen bezüglich der künf­
umfassenden Maßnahmenkatalog sowie im tigen Zusammenarbeit und Koordination zwi­
Mai 2021 den Abschlussbericht des Kabinett­ schen Kriminal- und Justizbehörden sowie den
ausschusses. Diese haben unter anderem zum Verfassungsschutzämtern formuliert. Die Er­
Ziel, Opfer konsequenter zu unterstützen und gebnisse lieferten gleichzeitig wichtige Impulse
zivilgesellschaftliche Projekte zur Prävention für die Arbeit der Bundesregierung. Auch zahl­
und zum Empowerment der von Rassismus reiche Landtage haben Untersuchungsausschüsse
­Betroffenen stärker zu fördern. Der Einsatz eingerichtet, um insbesondere die Tätigkeit
Einleitung 11

i­ hrer Sicherheitsbehörden und Vorkommnisse zur deutschen Gesellschaft abgesprochen wird


um die Terrorgruppe NSU in dem jeweiligen und welche Abwertung, Ablehnung und welches
Land aufzuklären. Auch die für Integration zu­ Misstrauen ihnen begegnet – sei es im Klassen­
ständigen Ministerinnen und Minister sowie zimmer, im Supermarkt oder im Büro. Dabei
­Senatorinnen und Senatoren der Länder waren teilten sie häufig auch Erfahrungen mit struktu­
sich nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie rellem oder institutionellem Rassismus durch
im März 2012 einig in dem Ziel, Menschenrechts­ Benachteiligungen beispielsweise im Bildungs­
bildung, die Identifizierung rassistisch moti­ system, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt,
vierter Straftaten sowie Rassismusbekämpfung im Kontakt mit Behörden oder bei polizeilichen
noch stärker als bisher in der Aus- und Fortbil­ Kontrollen.
dung von Polizei, Verfassungsschutz, Staatsan­
waltschaft und Richterschaft zu verankern und Internationales Aufsehen erregte zudem die
damit die Sicherheits- und Strafverfolgungs­ Black-Lives-Matter-Protestbewegung aus den
behörden besser aufzustellen.3 USA. Im Sommer 2020 erreichte die Bewegung
nach der Tötung des Afroamerikaners George
Zuversichtlich stimmt, dass sich in den letzten Floyd durch einen weißen Polizeibeamten in
Jahren die gesellschaftlichen Rahmenbeding­ Minneapolis weltweite Aufmerksamkeit und
ungen zur Förderung einer demokratischen Kul­ brachte – wenngleich die Situation in den USA
tur, in der Rassismus in all seinen Formen und nur teilweise auf Deutschland übertragbar ist –
Ausprägungen erkannt, geächtet und bekämpft auch in Europa und Deutschland die Menschen
wird, verbessert haben. Rassismus wird zuneh­ gegen Rassismus in großer Zahl auf die Straße.
mend nicht mehr als gesellschaftliches Rand­ Dies verhalf der Schwarzen Bewegung in Deutsch­
thema behandelt, das sich nur auf das rechtsex­ land, die den bundesdeutschen Antirassismus
treme Spektrum oder einzelne Regionen des seit den späten 1980er Jahren entscheidend mit­
Landes reduzieren lässt. prägt, zu mehr Sicht- und Hörbarkeit.

Verschiedene Aktionen in den sozialen Medien Eine positive Entwicklung ist in jüngster Zeit
haben in den vergangenen Jahren zum Beispiel auch die große Bereitschaft zum Engagement
auf das Ausmaß von Alltagsrassismus aufmerk­ gegen Rassismus, für Demokratie und Teilhabe.
sam gemacht und den Erfahrungen der Betrof­ Viele Menschen im Land haben sich laut aktu­
fenen mehr öffentliche Aufmerksamkeit ver­ ellen Umfrageergebnissen in den vergangenen
schafft. Unter dem Hashtag #MeTwo berichteten fünf Jahren gegen Rassismus engagiert, sei es in
viele Menschen mit zugeschriebener oder tat­ Form einer Unterschriftenaktion, einer Spende
sächlicher (familiärer) Einwanderungsgeschich­ oder Teilnahme an einer Demonstration. Je nach
te4, wie ihnen immer wieder die Zugehörigkeit Form des Engagements könnte ein weiteres

3
Vgl. Beschlussniederschrift 7. Konferenz der für Integration zuständigen Ministerinnen und Minister/Senatorinnen und Senatoren
der Länder am 21./22. März 2012 in Überherrn. Online unter: https://www.integrationsministerkonferenz.de/documents/
ergebnisprotokoll_7_intmk_2012_ueberherrn_1622606619.pdf; aufgerufen am 06.12.2022.
4
Wo immer Eingewanderte und ihre Nachkommen gemeint sind, spricht dieser Bericht von Menschen mit (familiärer) Einwande­
rungsgeschichte; nur da, wo auf Datenquellen zurückgegriffen wird, die das statistische Merkmal des Migrationshintergrunds
nutzen, wird auch dieser Begriff verwendet. Des Weiteren liegt dem Bericht ein Verständnis zugrunde, wonach Gruppenzugehörig­
keiten nicht nur durch Selbstidentifikation erfolgen, sondern auch durch Zuschreibungen von außen. In diesem Sinne spricht
der Bericht häufig von „als solchen gelesenen Menschen“, wenn er auf Gruppenzugehörigkeit rekurriert.
12 Einleitung

Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung sich vor­


stellen, dies künftig zu tun.5 Besonders hoch ist
„Viele Menschen im
dieses Engagementpotenzial in den jüngeren Land haben sich laut
­A ltersgruppen.
aktuellen Umfrage­
Flankiert wird diese Bereitschaft zum Engage­ ergebnissen in den
ment durch eine stärkere gesellschaftliche Aus­
einandersetzung – zum Beispiel zur Aufarbei­ vergangenen fünf
tung der deutschen kolonialen Vergangenheit
und damit verbundener Verbrechen –, öffent­
Jahren gegen Rassis­
liche Debatten, Analysen sowie Forschung und mus engagiert.“
Daten. Die Beauftragte unterstützt das gesell­
schaftliche Engagement für Antirassismus und
Zusammenhalt mit ganzer Kraft. Ihr ist wichtig, Der Bericht gibt in den Kapiteln 3 und 4 einen
dass alle um die Herausforderungen wissen, Überblick zu wissenschaftlichen Erkenntnissen
­Betroffene bestmögliche Unterstützung finden und der empirischen Datenlage. Auf diesen Er­
und die wehrhafte Demokratie auch in diesem kenntnissen fußen die Strategien und Maßnah­
Zusammenhang gestärkt wird. Dieses Auftrags men, welche die Bundesregierung zur Bekämp­
nimmt sich auch der vorliegende Bericht an. fung von Rassismus bereits ergriffen hat und
Er benennt die Entwicklungen in Bezug auf ras­ die in Kapitel 5 ebenso dargelegt werden wie die
sistische Erfahrungen und den gesellschafts­ aktuellen Vorhaben in dieser Legislaturperiode.
politischen Umgang mit Rassismus der letzten Gleichzeitig benennt der Bericht die aus Sicht
Jahre, skizziert die aktuelle Lage, eruiert For­ der Beauftragten bestehenden Erkenntnislücken
schungslücken und stellt die Vorhaben der Bun­ in Themenfeldern, in denen die Datenlage noch
desregierung und der Beauftragten vor. konsolidiert und die Forschung gestärkt werden
muss. Kapitel 6 präsentiert die Maßnahmen und
Vorhaben, mit denen die Beauftragte in der lau­
fenden Legislatur den Abbau von Rassismus vor­
antreiben möchte. Im folgenden Kapitel 2 soll
­jedoch zunächst skizziert werden, was unter Ras­
sismus und rassistischer Diskriminierung zu
verstehen ist und welche gesetzlichen Grundla­
gen zur Rassismusbekämpfung in Deutschland
­bestehen.

5

Vgl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit
Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 91 ff.
2 . Rassismus
und rassistische
Diskriminierung
Begriffliche und rechtliche
Einordnung
Rassismus und rassistische D
­ iskriminierung 15

Rassismus manifestiert sich auf verschiedene Weise –


zum Beispiel in Form von (unbewussten) Vorurteilen
und Stereotypen, Ausgrenzung und Diskriminierung
bis hin zu Hassrede und Hasskriminalität.

Er führt dazu, dass bestimmte Gruppen als kollidiert, wird der Rassismus herangezogen,
„fremd“ und als nicht zugehörig markiert und um Ungleichbehandlung zu rechtfertigen,
als minderwertig, rückständig, kriminell oder mit dem Ziel oder Effekt, Gruppen entlang
bedrohlich stigmatisiert werden. Es existieren – ­bestimmter Merkmale zu hierarchisieren –
je nach theoretischer oder methodologischer die heutzutage eben nicht mehr nur physi­
Herangehensweise – verschiedene Konzepte scher, sondern auch kultureller Natur sind“7,
und Definitionen von Rassismus, die unter­ so die Kommission.
schiedliche Aspekte fokussieren. Der vorlie­
gende Bericht knüpft an das wissenschaftliche Diese in der internationalen wie nationalen
­Verständnis von Rassismus an, wie es 2021 im ­Rassismusforschung seit Jahrzehnten diskutierte
Bericht der von der Bundesregierung eingesetz­ Ausweitung rassistischer Kategorisierungen
ten Fachkommission zu den Rahmenbedin­ entlang von Bedeutungsträgern wie „Ethnie“,
gungen der Integrationsfähigkeit erarbeitet „Kultur“ oder auch „Religion“ berücksichtigt der
wurde. Demnach bezeichnet „Rassismus in all vorliegende Bericht. Er nimmt deshalb neben
seinen Facetten (…) Überzeugungen und Prak­ Anti-Schwarzem Rassismus auch Formen des
tiken, die auf der systematischen Abwertung Rassismus in den Blick, die in erster Linie kultu­
und Ausgrenzung sowie Benachteiligung be­ rell begründet werden wie antimuslimischer
stimmter Gruppen der Bevölkerung beruhen, Rassismus (Kapitel 3.3.2) oder Antiziganismus
denen biologisch oder kulturell konstruierte, (Kapitel 3.3.3). Eine wesentliche Funktion des
nicht veränderbare und angeblich minderwer­ Rassismus besteht auch darin, soziale Ungleich­
tige Eigenschaften und Verhaltensweisen zu­ heiten und Machtunterschiede zu legitimieren
geschrieben werden“.6 und damit immer wieder aufs Neue zu repro­
duzieren. Rassismus ist damit weitaus mehr als
Wie die Fachkommission hervorhebt, ist Ras­ ein individuelles Vorurteil: Die ihm zugrunde­
sismus historisch wandlungsfähig, und rassis­ liegenden Denkmuster sind historisch tief ver­
tische Argumentationsmuster bedienen sich ankert, sodass sie die Weltsicht der Menschen
heutzutage nicht mehr ausschließlich oder vor­ vielfach auch unbewusst prägen können; Rassis­
rangig biologischer Unterscheidungskriterien: mus durchzieht daher die gesamtgesellschaft­
„Wenn also in Gesellschaften ein bestehendes lichen Strukturen.
Gleichheitsgebot mit faktischer Ungleichheit

6
Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit (Hrsg.): Gemeinsam die Einwan­
derungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrations­
fähigkeit, Berlin 2020, S. 61.
7
Ebd. S. 62.
16 Rassismus und rassistische D
­ iskriminierung

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Intersektio­ mäß ist, ist das Grundgesetz in seiner Botschaft
nalität. Oftmals verbinden und verschränken der Ächtung und Ahndung von Rassismus sehr
sich die Merkmale rassistischer Diskriminierung klar und eindeutig.
mit weiteren Ausgrenzungsmerkmalen, wenn
etwa die soziale Herkunft, das Geschlecht und Die Verwendung von „Rasse“ als Rechtsbegriff
die ethnische Herkunft im Zusammenspiel zu stößt seit einiger Zeit auf Kritik, da der Begriff
Benachteiligung führen. den Glauben an die Existenz menschlicher „Ras­
sen“ befördern kann – eine Vorstellung, die wis­
senschaftlich längst widerlegt ist. Ein Auftrag

„Rassismus ist histo­ des Maßnahmenkatalogs des Kabinettausschus­


ses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus
risch wandlungsfä­ und Rassismus und auch aus dem Koalitions­

hig und rassistische vertrag 2021–2025 lautet daher, den Rassebegriff


in Artikel 3 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes
Argumentations­ zu ersetzen. Gleichzeitig besteht die Herausfor­
derung, dass das Diskriminierungsmerkmal der
muster bedienen sich „Rasse“ im internationalen Rechtskontext, dem

heutzutage nicht Völker- und Unionsrecht, allgegenwärtig ist.8

mehr ausschließlich Seit 2006 bietet das Allgemeine Gleichbehand­


lungsgesetz (AGG), welches vier EU-Richtlinien
oder vorrangig bio­ zur Antidiskriminierung umsetzte, darüber
logischer Unterschei­ ­h inaus Schutz vor Diskriminierungen, unter
­anderem gegen rassistische Diskriminierungen
dungskriterien.“ und Diskriminierungen wegen der ethnischen
Herkunft. Ziel des AGG ist es, im Arbeitsleben
und in manchen Bereichen des Zivilrechtsver­
In Deutschland sind die Bekämpfung von Ras­ kehrs Benachteiligungen wegen der „Rasse“ oder
sismus und der Schutz vor rassistischer Dis­ ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Reli­
kriminierung in verschiedenen Gesetzen ver­ gion oder Weltanschauung, einer Behinderung,
ankert. Im Grundgesetz der Bundesrepublik des Alters oder der sexuellen Identität zu verhin­
Deutschland heißt es in Artikel 3 Absatz 3, dass dern oder zu beseitigen (vgl. § 1 AGG). Ungeach­
niemand wegen seines Geschlechts, seiner Ab­ tet der Begrenzungen im Anwendungsbereich
stammung, seiner „Rasse“, seiner Sprache, seiner ist das AGG ein wichtiges interventives und prä­
Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner ventives Instrument gegen Diskriminierung und
religiösen oder politischen Anschauungen be­ für Gleichbehandlung in Deutschland. Im Koa­
nachteiligt oder bevorzugt werden darf. Auch litionsvertrag ist vereinbart, den Anwendungs­
wenn der Ausdruck „Rasse“ nicht mehr zeitge­ bereich des AGG auszuweiten und Schutzlücken

8
Um die Änderung von Art. 3 GG und die Ersetzung des Rassebegriffs wird derzeit eine rechtswissenschaftliche Debatte geführt.
Vgl. Froese, Judith/Thym, Daniel (Hrsg.): Grundgesetz und Rassismus, Tübingen 2022 (im Erscheinen).
Rassismus und rassistische D
­ iskriminierung 17

zu schließen (vgl. Kapitel 5.7), dieses Vorhaben einschlägig (International Convention on the
wird die Beauftragte eng begleiten. Elimination of All Forms of Racial Discrimina­
tion, ICERD). Sie wurde 1965 von der General­
versammlung der Vereinten Nationen verab­

„Rassismus ist weit­ schiedet.9 Die ICERD-Definition von rassistischer


Diskriminierung lautet:
aus mehr als ein
indi­viduelles Vor­ „In diesem Übereinkommen bezeichnet der
­Ausdruck ‚Rassendiskriminierung‘ jede auf der
urteil: Die ihm zu­ Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem
­nationalen Ursprung oder dem Volkstum beru­
grundeliegenden hende Unterscheidung, Ausschließung, Beschrän­

Denkmuster sind kung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur
Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes
historisch tief veran­ Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Men­

kert, sodass sie die schenrechten und Grundfreiheiten im politi­


schen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen
Weltsicht der Men­ oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen
Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.“10
schen vielfach auch
unbewusst prägen 1969 hat die Bundesrepublik die UN-Anti-Rassis­
mus-Konvention ratifiziert und sich verpflich­
können; Rassismus tet, alle Erscheinungsformen von Rassismus zu
bekämpfen.11 Die ICERD-Definition gilt unmit­
durchzieht daher die telbar im deutschen Recht. Dabei umfasst sie die
gesamtgesellschaft­ vielfältigen Formen direkter und indirekter Dis­
kriminierung sowie Fälle unbewusster Diskri­
lichen Strukturen.“ minierung. Folglich verpflichten sich Vertrags­
staaten zu einer Politik, die sich umfassend gegen
jede Form von Rassismus richtet. Die Bundes­
Ferner ist auf internationaler Ebene das Inter­ regierung setzt sich dafür ein, die ICERD-Defini­
nationale Übereinkommen zur Beseitigung tion von Rassismus und ihre Anwendung auch
­jeder Form von rassistischer Diskriminierung, in der behördlichen Praxis als Maßstab voranzu­
die sogenannte UN-Anti-Rassismus-Konvention, treiben.12

9
International Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination, UN General Assembly resolution 2106 (XX),
1965. Online unter: https://www.ohchr.org/en/instruments-mechanisms/instruments/international-convention-elimination-
all­forms­racial; aufgerufen am 07.12.2022.
10
Deutsche Übersetzung online unter: https://www.bmj.de/SharedDocs/Publikationen/DE/ICERD.pdf__blob=publicationFile&v=4;
S. 28; aufgerufen am 06.12.2022.
11
Vgl. Internationales Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung vom 07.03.1966. In: Bundesgesetz­
blatt (BGBl.) 1969 II, S. 961.
12
Zur besseren Bekanntmachung von ICERD ist z. B. eine vom Bundesjustizministerium erstellte Informationsbroschüre erschienen:
Das Internationale Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (ICERD) vom
18 Rassismus und rassistische D
­ iskriminierung

Der vorliegende Bericht der Beauftragten knüpft


an dieses rechtliche Verständnis an: Demnach
„Rassismus und
sind Rassismus und rassistische Diskriminierung ­rassistische Diskri­
nicht allein von der negativen Intention handeln­
der Personen und Institutionen her definiert,
minierung sind nicht
sondern es werden auch Effekte berücksichtigt, ­allein von der nega­
die möglicherweise unbeabsichtigt sind und von
den handelnden Personen nicht erkannt werden. tiven Inten­tion han­
Rassismus kann sich folglich auch mittelbar ent­
falten, wenn eine Benachteiligung nicht direkt
delnder Personen
an Merkmalen wie der Hautfarbe oder ethnischer und Institu­tionen her
Herkunft anknüpft, sondern sich indirekt aus­
wirkt, indem scheinbar neutrale Vorschriften, definiert, sondern es
Kriterien oder Verfahren bestimmte Personen­
gruppen mit einem solchen Merkmal überpro­
werden auch Effekte
portional negativ treffen. berücksichtigt, die
Ein solches breiter gefasstes Verständnis, das Ras­
mög­licherweise unbe­
sismus nicht auf individuelles Fehlverhalten ver­ absichtigt sind und
engt, ermöglicht es auch, Formen von institutio­
nellem und strukturellem Rassismus in den Blick von den handelnden
zu nehmen, der sich durch Handlungsroutinen
und unhinterfragte Verfahrensweisen und Ge­
P
­ ersonen nicht
pflogenheiten reproduzieren kann (vgl. Kapitel 4). e­ rkannt werden.“

21. Dezember 1965, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Mai 2017. Online unter: https://www.bmj.de/
SharedDocs/Publikationen/DE/ICERD.pdf; aufgerufen am 16.06.2022. Bei der Erstellung der Broschüre wurde seitens des Bundes­
justizministeriums der Diskussion um die Verwendung umstrittener Begriffe Rechnung getragen. So wird berücksichtigt, dass
eine Verwendung des Begriffs „Rassendiskriminierung“ die Existenz von unterschiedlichen „Rassen“ untermauern könnte. Die
Formulierung „rassistische Diskrimi­n ierung“ sei daher zu bevorzugen. Das Bundesjustizministerium (vgl. 19.–22. Staatenbericht
der Bundesrepublik zu ICERD) macht deutlich, dass Theorien, die das Ziel verfolgen, die Existenz verschiedener menschlicher
­„ Rassen“ zu belegen, von der Bundes­regierung ausdrücklich zurückgewiesen werden. Daher werden Begriffe wie „Rassendiskrimi­
nierung“ und „Rasse“ in Anführungszeichen verwendet. In: Das Internationale Übereinkommen der Vereinten Nationen zur
­Beseitigung jeder Form von Rassen­d iskriminierung (ICERD) vom 21. Dezember 1965, Bundesministerium der Justiz und für Ver­
braucherschutz, Mai 2017.
3. Ausprägungen
von Rassismus
in Deutschland
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 21

Um Rassismus sowie rassistisch motivierte Gewalt und


­Diskriminierung zu erkennen, zu bekämpfen und präventiv
­Maßnahmen ergreifen zu können, bedarf es einer aussage­
kräftigen Datenlage zu unterschiedlichen Erscheinungsformen,
den betroffenen Gruppen und dem Ausmaß von Rassismus.

Statistiken zur Hasskriminalität und aktuelle kraft zu erzielen und die Datenlage weiter zu
Studien zeigen, dass in den letzten Jahren be­ verbessern, besteht aus Sicht der Beauftragten
stimmte Gruppen verstärkt Angriffsziel ras­ Handlungsbedarf mit Blick auf statistische
sistischer Gewalt, Anfeindung oder Diskrimi­ ­Diskrepanzen, potenzielle Dunkelfelder im
nierung waren. Verschiedene staatlich wie ­Bereich politisch motivierter Straftaten, aber
zivilgesellschaftlich getragene Statistiken und auch zur Frage der Diskriminierung von be­
Monitorings leisten einen wichtigen Beitrag, troffenen Gruppen. Auch der UN-Antirassismus­
um die Entwicklungen hinsichtlich rassistisch ausschuss, der die Einhaltung der UN-Anti-
motivierter Straftaten wie auch Meldefällen Rassismus-Konvention überwacht, hat mehrfach
zu verfolgen und einen Überblick zu den ver­ den Hinweis gegeben, dass Deutschland der
schiedenen von Rassismus betroffenen Grup­ Verpflichtung zur differenzierten Erfassung
pen zu gewinnen. Dennoch fehlen an vielen rassistischer Diskriminierung nicht genügend
Stellen verlässliche Daten. Um mehr Aussage­ nachkomme.13

13
CERD: Concluding Observations on the Combined Nineteenth to Twenty-Second Periodic Reports of Germany, 2015. Online unter:
https://www.refworld.org/docid/55c880f24.html; aufgerufen am 06.12.2022.
22 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

3.1 Unzulänglichkeit der Datenlage Zentrum für Integrations- und Migra­tions­


forschung (DeZIM) verwendet für seinen
Eine wichtige Voraussetzung für eine verbes­ ­Nationalen Diskriminierungs- und Rassismus­
serte Datenlage ist die klare Definition und monitor (NaDiRa)18 sowohl die Begriffe „Men­
­Verwendung von einheitlichen Begriffen, die schen mit und ohne Migrationsgeschichte“ als
den Erfassungsmerkmalen und -kategorien zu­ auch das Konzept der „rassifizierten Personen­
grunde liegen. Das fängt mit einem gemein­ gruppen“19.
samen Verständnis von Rassismus an. Die Ver­
wendung von unterschiedlichen Begriffen wie In den zivilgesellschaftlichen Beratungs- und
Rassismus14, Diskriminierung aus rassistischen Monitoringstellen gibt es Bemühungen, zu einer
Gründen15 oder Benachteiligung16, um nur vereinheitlichten Erhebung sowie systemati­
­einige Beispiele zu nennen, ermöglicht im bes­ schen Dokumentation von Beratungsfällen im
ten Fall eine bedingte Vergleichbarkeit der Daten. Kontext von rassistischer Erfahrung zu kom­
Zusätzlich ­erschwert die Verwendung unter­ men. So führte unter anderem das DeZIM-Insti­
schiedlicher Definitionen der von Rassismus be­ tut im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle
troffenen Gruppen die Vergleichbarkeit. Bei­ des Bundes (ADS) das Projekt „Mindeststandards
spielsweise spricht der Sachverständigenrat für zur Dokumentation von Antidiskriminierungs­
Integration und Migration (SVR) von „Personen beratung“20 durch. Ziel des Projektes war es, den
mit Zuwanderungs- oder Migrationsgeschichte, Bedarf für eine verbesserte Datenlage zu eruie­
Einwanderern bzw. Einwanderinnen sowie Zu­ ren und Standards zur Dokumentation von Be­
wanderern oder Zuwanderinnen“17, sofern nicht ratungs- und Beschwerdefällen zu formulieren,
die statistische Kategorie „Menschen mit Migra­ die Orientierung für Antidiskriminierungsbera­
tionshintergrund“ gemeint ist. Das Deutsche tungsstellen geben. Für das Projekt wurden be­

14
Vgl. https://www.rassismusmonitor.de; aufgerufen am 23.06.2022.
15
Vgl. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/ueber-diskriminierung-node.html; aufgerufen
am 23.06.2022.
16
Vgl. bspw. Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR): Zusammenrücken in Zeiten der Distanz. SVR-Integrations­
barometer 2020, S. 24, Fn 37. „Die Diskriminierungserfahrung wird im SVR-Integrationsbarometer (…) allgemein mit folgender
­Frage erhoben: ‚Und sind Sie aufgrund Ihrer Herkunft in den vergangenen fünf Jahren benachteiligt worden?‘“. Online unter:
https://www.svr-migration.de/barometer; aufgerufen am 23.06.2022.
17
Vgl. https://www.svr-migration.de/glossar/#Migrationshintergrund; aufgerufen am 23.06.2022.
18
D
 er NaDiRa untersucht Ursachen, Ausmaß und Folgen von Rassismus in Deutschland in Form von repräsentativen Umfragen.
In einer bundesweiten zufallsbasierten Panelstudie werden die deutsche Bevölkerung sowie Angehörige von betroffenen Gruppen
(rund 6.000 Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte) regelmäßig zum Thema Rassismus, ihren Wahrnehmungen und
Lebensrealitäten befragt. Er wird durch verschiedene Module und Kurzstudien sowie einen zivilgesellschaftlichen Begleitprozess
flankiert. Vgl. https://www.rassismusmonitor.de; aufgerufen am 06.12.2022. Auch der ebenfalls vom Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend geförderte Forschungsverbund Diskriminierung und Rassismus (FoDiRa) der DeZIM-Forschungs­
gemeinschaft hat das Ziel, quantitative empirische Methoden zur Untersuchung von Diskriminierung und Rassismus weiterzu­
entwickeln. Forschungsfelder sind einerseits die Lebensbereiche Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit; andererseits sollen auch
Felder systematisch einbezogen werden, in denen im Alltag rassistische Vorurteile entstehen, sich reproduzieren oder verstärken
können (z. B. in Medien und Sport oder im digitalen Raum). Online unter: https://www.dezim-institut.de/projekte/projekt-detail/
forschungsverbund-diskriminierung-und-rassismus-fodira-7-16; aufgerufen am 27.06.2022.
19
V
 gl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland
mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 32.
20
Vgl. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/forschungsprojekte/DE/Studie_MindestStandards_Doku_v_AD_
Beratung.html; aufgerufen am 06.12.2022.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 23

stehende Dokumentationssysteme von Antidis­ Der aktuelle Bericht zu „Diskriminierung in


kriminierungsberatungsstellen miteinander Deutschland“, den die Antidiskriminierungs­
verglichen und die Standards in einem partizi­ stelle des Bundes unter anderem gemeinsam
pativen Prozess mit Beratungsstellen erarbeitet. mit der Integrationsbeauftragten im Jahr 2021
vorgelegt hat, empfiehlt, Diskriminierung durch
Auf europäischer Ebene betont der EU-Aktions­ Datenerhebung sichtbar zu machen, indem ein
plan gegen Rassismus 2020–2025 die Bedeutung Fragenmodul zu Diskriminierungserfahrungen
von vergleichbaren Daten für fundierte politi­ in einer bevölkerungsrepräsentativen Wieder­
sche Entscheidungen. Diese seien erforderlich, holungsbefragung umgesetzt wird (wie zum
um das Ausmaß und die Form der Diskriminie­ Beispiel das Sozio-oekonomische Panel/­SOEP).23
rung einschätzen und bekämpfen zu können. Empfohlen wird auch die Prüfung, ob und unter
Als ein Hindernis werden unter anderem die welchen Bedingungen zukünftig alle AGG-
Probleme bei der Festlegung einer gemeinsamen Merkmale24 in der amtlichen Statistik, insbeson­
Methodik genannt, da Mitgliedstaaten unter­ dere im Mikrozensus, erhoben werden können.
schiedliche Daten erheben bzw. bewusst auf die Zudem empfiehlt der Bericht, ein Gleichstel­
Erhebung bestimmter Daten verzichten. So kon­ lungsmonitoring in der Bundesverwaltung auf
zentrierten sich viele Umfragen auf die wahr­ Grundlage von zentralen Beschäftigtenbefra­
genommene Diskriminierung oder erfassten gungen zu schaffen.25
Kategorien wie Staatsangehörigkeit oder Geburts­
land als Näherungswerte. Für die Implementie­ Insgesamt sind die Entwicklung und Erfor­
rung von wirksamen Maßnahmen wird die Er­ schung von Standards zur Erfassung von Ras­
hebung zuverlässiger und vergleichbarer Daten sismus in Deutschland ein junges Feld; es gibt
auf europäischer und nationaler Ebene als zen­ gegenwärtig keine standardisierten Methoden
trale Voraussetzung angeführt.21 Hierfür hat dafür.26 Aus Sicht der Beauftragten wäre es in
die Kommission einen Austausch zu Gleichstel­ dieser Entwicklungsphase wünschenswert, Be­
lungsdaten initiiert, um Hindernisse bei der griffe und Definitionen aufeinander abzustim­
­Datenerhebung zu untersuchen und Möglich­ men und Hürden für eine Vergleichbarkeit so
keiten zu einem stärker harmonisierten Ansatz gering wie möglich zu halten. Besonders ziel­
zu erarbeiten.22 orientiert wäre es, wenn amtliche Daten, Daten

21
Vgl. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A52020DC0565, EU-Aktionsplan gegen Rassismus 2020–2025;
S. 19 f.; aufgerufen am 29.09.2022.
22
Vgl. Round table on equality data – 30 September 2021. Online unter: https://ec.europa.eu/info/policies/justice-and-
fundamental-rights/combatting-discrimination/equality-data-collection/round-table-equality-data-30-september-2021_en;
aufgerufen am 11.11.2022.
23
In der SOEP-Haupterhebung 2022 werden aktuell Fragen zu Diskriminierungserfahrungen aufgrund aller AGG-Merkmale und
in unterschiedlichen Lebensbereichen sowie Reaktionen auf Diskriminierungserfahrungen erhoben. Die Daten sollen Anfang 2024
zur Verfügung stehen. Online unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.829769.de/diw_ssp1077.pdf;
aufgerufen am 06.12.2022.
24
§ 1 AGG lautet: „Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des
­Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder
zu beseitigen.“
25
Vgl. Vierter Gemeinsamer Bericht, Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Berlin 2021, S. 264 f.
26
Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: Integration in Deutschland. Erster Bericht zum
indikatorengestützten Integrationsmonitoring, erstellt durch: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung
(DeZIM) und Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Berlin 2021, S. 272 ff.
24 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

von communitybasierten Beratungs- und Moni­ Die Beauftragte wird zur Frage der Verbesserung
toringstellen sowie Daten von wissenschaft­ der Datenlage im Themenfeld Rassismus und
lichen Einrichtungen zusammengedacht und rassistische Diskriminierung gemeinsam mit
hierzu eine Vereinheitlichung der Daten(-erhe­ der ADS einen fachlichen Austausch organisie­
bung) angestrebt werden würde. Eine Verein­ ren, der auch internationale Good-Practice-Bei­
heitlichung ist nicht nur im Sinne vergleich­ spiele und ihre potenzielle Übertragbarkeit auf
barer Daten notwendig. Sie ist auch notwendig, Deutschland diskutiert und Ergänzungen für
um unterschiedliche Erscheinungsformen von die bisher verwendeten statistischen Kategorien
Rassismus differenziert sichtbarer zu machen. wie Staatsangehörigkeit bzw. Migrationshinter­
Insbesondere sind Datenlücken zu intersek­ grund erarbeitet.
tionalen Diskriminierungen zu schließen. Auf
einer solchen Grundlage können konkrete,
­w irkungsvolle Gegenmaßnahmen entwickelt
werden.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 25

3.2 Rassistisch motivierte Straftaten Seit Jahren weisen zivilgesellschaftliche Organi­


und Übergriffe sationen, insbesondere Opferberatungsstellen,
jedoch auf die große Diskrepanz zwischen staat­
Rassistisch motivierte Straftaten können sich lichen und zivilgesellschaftlichen Erfassungen
als sprachliche oder körperliche Gewalt mani­ von rassistisch motivierten Taten hin. Dabei sind
festieren und haben für die Opfer oft weitrei­ bei einem Vergleich verschiedener Statistiken
chende Folgen, physische sowie psychische. die jeweils verwendeten Definitionen zu berück­
Über die unmittelbar betroffenen Personen sichtigen: Während die Polizei mit Aufnahme
­hinaus erzeugen rassistische Straftaten bei Be­ der polizeilichen Ermittlungen bzw. Feststellung
völkerungsgruppen, die ähnliche Merkmale von Gesetzesverstößen Straftaten erfasst, regis­
mit den Opfern teilen, zudem Unsicherheit trieren unabhängige Stellen hingegen auch Vor­
und Angst. Umso wichtiger ist, dass Deutsch­ fälle, bei denen die Betroffenen keine Strafan­
lands Sicherheitsbehörden rassistisch moti­ zeige gestellt haben. In den Statistiken der
vierte Straftaten registrieren, verfolgen und Opferberatungsstellen des VBRG e.V. gilt dies
sanktionieren. Rassistisch motivierte Straftaten für knapp 10 % der rassistischen Gewalttaten.27
werden in der Statistik zur „Politisch motivier­ Es bestehen nach wie vor erhebliche Unterschiede
ten Kriminalität“ (PMK) erfasst. Die Statistik bei der behördlichen und zivilgesellschaftlichen
­registriert Straftaten, die aus einer politischen Erfassung, obwohl sowohl die Definition poli­
Motivation heraus begangen werden und ist tisch rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt
­insofern eine Hellfelddarstellung. Der Krimi­ der Beratungsstellen als auch die erfassten Ge­
nalpolizeiliche Meldedienst „Politisch motivier­ waltstraftaten eng angelehnt sind an jene des
te Kriminalität“ (KPMD-PMK) ist ein gemeinsa­ PMK-Definitionssystems, wenngleich sie auch
mes System von Bund und Ländern, das zum nicht identisch sind und der VBRG beispielswei­
1. Januar 2001 eingeführt wurde. Als solches se auch Nötigungen, Bedrohungen und massive
­gewährleistet es bundesweit eine einheitliche, Sachbeschädigungen zu den Gewaltdelikten
detaillierte und systematische Erhebung der zählt. Dies resultiert unter anderem daraus, dass
­gesamten Straftaten zur politisch motivierten bei der Betrachtung der „Umstände der Tat“ und
Kriminalität. Im Rahmen des KPMD-PMK wer­ der „Einstellung des Täters“ für die Beratungs­
den politisch motivierte Straftaten durch die stellen die Wahrnehmung der Betroffenen, also
zuständigen Landeskriminalämter an das Bun­ die Opfer- bzw. Betroffenenperspektive, aus­
deskriminalamt übermittelt und in einer zent­ schlaggebend ist.
ralen Fallzahlendatei erfasst. Laut Definition
können pro Straftat mehrere Themenfelder ver­ Der KPMD-PMK ist demgegenüber eine „Ein­
geben werden. Insofern ergibt eine Addition der gangsstatistik“. Das heißt, Straftaten werden zu
Summen je Angriffsziel bzw. Themenfeld nicht Beginn der polizeilichen Ermittlungen als sol­
die Gesamtzahl der Fälle (zum Beispiel bei Hass­ che erkannt, benannt und in die Statistik auf­
kriminalität oder Straftaten gegen den Staat genommen – oder auch nicht. Der KPMD-PMK
und seine Vertreter). stellt auf die festgestellte Motivlage des Täters
bzw. der Täter ab. Ob eine Tat erfasst und als

Vgl. https://verband-brg.de/wp-content/uploads/2019/04/Z%C3%A4hlweise-und-Datenbasis-des-VBRG-Monitorings-22.02.2018.pdf;
27

aufgerufen am 14.11.2022.
26 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

r­ assistisch eingestuft wird, hängt daher maß­ entsprechende Empfehlung findet sich auch im
geblich von dem Erkennen der jeweiligen Poli­ Abschlussbericht des 1. NSU-Bundestagsunter­
zeibediensteten ab. Wie das Beispiel des An­ suchungsausschusses für den Bereich der Poli­
schlags in einem Münchner Einkaufszentrum zei: „In allen Fällen von Gewaltkriminalität, die
im Juli 2016 zeigt, bei dem neun Menschen er­ wegen der Person des Opfers einen rassistisch
schossen wurden, kann diese Einschätzung feh­ oder anderweitig politisch motivierten Hinter­
leranfällig sein.28 Dort wurde die rassistische grund haben könnten, muss dieser eingehend
und rechtsextreme Motivation des Täters zu­ geprüft und diese Prüfung an geeigneter Stelle
nächst nicht erkannt und die Tat entsprechend nachvollziehbar dokumentiert werden, wenn
nicht als solche eingeordnet. Erst die maßgeb­ sich nicht aus Zeugenaussagen, Tatortspuren
lich von Opferangehörigen und ihren Anwältin­ und ersten Ermittlungen ein hinreichend kon­
nen bzw. Anwälten beförderten öffentlichen kreter Tatverdacht in eine andere Richtung er­
­Debatten und verschiedene Fachgutachten im gibt. Ein vom Opfer oder Zeugen angegebenes
Auftrag der Stadt München führten dazu, dass Motiv für die Tat muss von der Polizei bezie­
die Einstufung durch die Sicherheitsbehörden hungsweise der Staatsanwaltschaft verpflich­
revidiert wurde. tend aufgenommen und angemessen berück­
sichtigt werden.“ Die in Polizeidienstvorschrift
Nachmeldungen können nur bis zum 31. Januar 100 und Nr. 15 Abs. 5 RiStBV benannten Rege­
des Folgejahres berücksichtigt werden. Eine Ver­ lungen müssten deshalb aus Sicht der Beauftrag­
laufsstatistik könnte die politisch motivierte Tat ten zur besseren Erfassung von rassistischen Ge­
von Beginn ihrer Erfassung bis zum Ende des walttaten insoweit konkretisiert werden, als
Verfahrens abbilden bzw. sicherstellen, falls sich dass Ermittlungsbehörden beim geringsten An­
die Einschätzungen im Laufe der Ermittlungen haltspunkt auf eine rassistische Tat verpflichtet
ändern. Opferverbände und Nebenklagevertre­ sind, den entsprechenden Tatmotiven aktiv
terinnen und -vertreter, aber auch Gerichte wei­ nachzugehen, die Ermittlungsschritte festzuhal­
sen darauf hin, dass es in der Hauptverhandlung ten und gegebenenfalls explizit den Ausschluss
in den meisten Fällen nicht mehr möglich ist, entsprechender Tatmotive nachvollziehbar be­
Versäumnisse bei den polizeilichen Ermittlun­ gründet zu dokumentieren.
gen hinsichtlich eines möglichen rassistischen
Tatmotivs nachzuholen. Nr. 15 Abs. 5 RiStBV Opferberatungsstellen fordern zudem, dass das
(Richtlinien für das Strafverfahren und das Buß­ Definitionssystem in der PMK überarbeitet und
geldverfahren) sieht explizit vor: „Soweit An­ die drei Kategorien „fremdenfeindlich“, „auslän­
haltspunkte für rassistische, fremdenfeindliche derfeindlich“ und „rassistisch“ in der letztge­
oder sonstige menschenverachtende Beweg­ nannten Kategorie zusammengeführt werden,
gründe bestehen, sind die Ermittlungen auch um das sogenannte „Othering“ der Opfer rassis­
auf solche Tatumstände zu erstrecken.“ Eine tisch motivierter Gewalt im Sinne eines aus­

Auch die subjektive Wahrnehmung der Opfer z. B. hinsichtlich möglicher Tätermotive kann unter Umständen fehleranfällig sein.
28

Um diese Subjektivität möglichst zu kontrollieren, ziehen Opferberatungsstellen routinemäßig weitere Faktoren hinzu, die sowohl
die polizeiliche PMK-Erfassung berücksichtigen als auch über diese hinausgehen. Die Opferberatungsstellen können den Verlauf
von Ermittlungsverfahren, Gerichtsprozessen, Informationen aus anderen Quellen (etwa Informationen über die Teilnahme von
Tätern an Aufmärschen, Protesten, rechten Netzwerken auf Social Media etc.) auch noch Monate nach der Tat in ihrem Monitoring
berücksichtigen und ggfs. nachtragen oder Bewertungen verändern und verifizieren auf diese Weise die Opferperspektive. Vgl. ebd.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 27

grenzenden „Fremd-Machens“ nicht weiter zu der zivilgesellschaftlichen Zählungen macht die


verstärken. Unklar bleibt zudem, was der Unter­ Diskrepanzen und potenziellen Dunkelfelder bei
schied im aktuellen Definitionskatalog zwi­ der statistischen Erfassung deutlich.
schen „rassistischen“, „ausländerfeindlichen“
und „fremdenfeindlichen“ Motiven ist. Aus Sicht Damit die Abweichungen der staatlichen und
der Beauftragten wäre eine Evaluation der Er­ ­zivilgesellschaftlichen Zählungen reduziert
fassungskriterien und -methoden in dieser Hin­ ­werden, sollten aus Sicht der Beauftragten zum
sicht daher lohnenswert, um eine bessere Daten­ einen die Wahrnehmung der Betroffenen stär­
lage zu bekommen. ker berücksichtigt und zum anderen alle mit
dem PMK-Meldesystem befassten Polizeibediens­
teten kontinuierlich sensibilisiert werden, ins­
„Rassistisch besondere durch entsprechende Aus- und Fort­
bildungsmaßnahmen und dienstliche Weisungen.
­motivierte Straf­ Das könnte das Dunkelfeld weiter er­hellen und

taten können sich ist dringend notwendig, um ein realistisches Lage­


bild zu bekommen.
als sprachliche oder
Straftaten müssen möglichst vollumfänglich
körperliche Gewalt ­erfasst werden, damit sich die oben beschriebe­

manifestieren und ne Datenlage verbessert. Hier muss an vielen


Stellen angesetzt werden: Opfer sollen zur Straf­
haben für die Opfer anzeige ermutigt und die statistische Erfassung
kontinuierlich auf notwendige Anpassungen
oft weitreichende hin g­ eprüft werden. Für eine bessere Datenlage
Folgen, physische bedarf es ebenfalls einer nachhaltigen kritischen
Begleitung und Prüfung insbesondere durch
s­ owie psychische.“ ­Expertengremien, Zivilgesellschaft und Wissen­
schaft. Denn die kritische und fundierte Dis­
kussion der Daten schafft mehr Transparenz.
Die PMK bildet darüber hinaus nicht das tatsäch­
liche Ausmaß rassistisch motivierter Straftaten Neben der effektiven Verfolgung der Taten ist
ab, weil viele Betroffene die Vorfälle unter ande­ ein adäquater Umgang mit den Betroffenen von
rem aus mangelndem Vertrauen in die Polizei rechter und rassistisch motivierter Gewalt auch
gar nicht erst anzeigen. Zudem müssen Polizei­ eine zentrale Voraussetzung für die Stärkung
bedienstete kontinuierlich für Rassismus sensibi­ des Vertrauens in die Strafverfolgungsbehörden.
lisiert sein, um Vorfälle als rassistisch motiviert Das Vertrauen ist nicht zuletzt durch die Mängel
zu erfassen. All das führt dazu, dass zivilgesell­ in der Aufklärung der terroristischen Mordserie
schaftliche Organisationen wie Opferberatungs­ des NSU bei Menschen mit (familiärer) Einwan­
stellen deutlich mehr Vorfälle registrieren als die derungsgeschichte erschüttert worden.29 Man­
Polizei. Eine Gegenüberstellung der in der PMK- gelndes Vertrauen der Opfer in die Behörden
Statistik erhobenen Zahlen mit den Fallzahlen kann dazu führen, dass Taten nicht angezeigt

29
Vgl. 12. Bericht der Beauftragten, Kap. I.4.2.3.
28 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

Rechte Angriffe 2011 bis 2021


Im Vergleich: Opferberatungsstellen und Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI)

Die ANGRIFFSZAHLEN DER BERATUNGSSTELLEN in Ostdeutschland sowie Berlin und die BUNDES-
WEITE STATISTIK „PMK Rechts/Hasskriminalität Gewalttaten“ des BMI*. Seit 2015 w ­ erden unabhängige
Zahlen auch in Nordrhein-­Westfalen erhoben, seit 2017 in Schleswig-Holstein und seit 2021 in Baden-
Württemberg.

*Quelle: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2021/05/pmk-2020-uebersicht-
hasskriminalitaet-entwicklung-fallzahlen.pdf

2000
1948
1747

1495
1500 1394 1347 1391
1322
1152
980
1000 871
774 821 813
706 737 759
626
552 549
500 392 450

0
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

inkl. Zahlen aus Nordrhein-Westfalen (2015), Schleswig Holstein (2017) und Baden-Württemberg Bundesweite Statistik

Quelle Grafik: VBRG e.V., Tab. A 4 Web Angriffe, 2021.

werden und damit unsichtbar und straflos blei­ des ersten NSU-Untersuchungsausschusses be­
ben. Dies kann zu einem gesellschaftlichen Klima schlossen. Damit wurden „rassistische, fremden­
der Angst und des Wegsehens führen und muss feindliche oder sonstige menschenverachtende“
verhindert werden. Deshalb hat der Deutsche Beweggründe und Ziele ausdrücklich in den Ka­
Bundestag für eine bessere Aufdeckung, Ermitt­ talog der Strafzumessungsgründe des § 46 Abs. 2
lung und Ahndung rassistisch motivierter (Ge­ Satz 2 des Strafgesetzbuches (StGB) aufgenom­
walt-)Taten das am 1. August 2015 in Kraft getre­ men.30 Die Daten verdeutlichen, dass der Hand­
tene Gesetz zur Umsetzung der Empfehlungen lungsbedarf für eine verbesserte Datenlage und

30
Gesetz zur Umsetzung von Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages vom 12.06.2015.
In: Bundesgesetzblatt, Teil I Nr. 23, Bonn 2015.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 29

Steigerung der Effektivität bei der Strafverfolgung krepanz der statistischen Erfassungen sind wie
rassistisch motivierter Straftaten weiterhin besteht. eingangs beschrieben vielfältig.

Im Mai 2022 stellte der Verband der Beratungs­ Zudem kritisiert der VBRG, dass es oft der Un­
stellen für Betroffene rechter, rassistischer und terstützung der Angegriffenen selbst zu verdan­
antisemitischer Gewalt e.V. (VBRG) die Jahres­ ken sei, dass rassistisch und rechts motivierte
statistik 2021 vor. In dem Jahr wurden insge­ Gewalttaten bekannt würden.31 Die Beauftragte
samt 1.391 rechts, rassistisch und antisemitisch setzt sich dafür ein, dass alle Opfer sich trauen,
motivierte Angriffe mit 1.830 Betroffenen von Anzeige zu erstatten und Vorfälle zu melden.
den im VBRG zusammengeschlossenen Bera­ Das Dunkelfeld rassistisch motivierter Strafta­
tungsstellen registriert. ten muss besser ausgeleuchtet werden, insbeson­
dere im Schulterschluss mit Polizeien und Justiz.
Hingegen verzeichnete die PMK-Statistik im sel­
ben Zeitraum nur 1.042 rechtsextreme Gewalt­
taten für ganz Deutschland. Dabei war Rassis­
mus auch im Jahr 2021 – wie in vorangehenden
Jahren – das bei weitem häufigste Tatmotiv. So
waren zwei Drittel aller erfassten Angriffe
(816 Fälle) rassistisch motiviert und richteten
sich mehrheitlich gegen Menschen mit (familiä­
rer) Einwanderungsgeschichte oder Fluchterfah­
rungen und Schwarze Deutsche. Insgesamt wa­
ren laut VBRG 1.830 Menschen im Jahr 2021 von
politisch rechts motivierter Gewalt allein in
Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sach­
sen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Baden-
Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und
Schleswig-Holstein direkt betroffen. Damit lie­
gen die durch die Opferberatungsstellen erhobe­
nen Zahlen bereits für einen Ausschnitt des
Bundesgebiets über den Zahlen der PMK für das
gesamte Bundesgebiet. Die Gründe für diese Dis­

31
A ls Beispiel wird u. a. der Angriff auf die 17-jährige Dilan S. im Februar 2022 in Berlin genannt. In der ersten Pressemeldung der
­Polizei hieß es zunächst, der Auslöser des Angriffs sei eine fehlende Maske der Jugendlichen im ÖPNV gewesen; Rassismus wurde
als Tatmotiv nicht genannt. Nachdem verschiedene Medien diese Meldung aufgriffen, meldete sich die Betroffene mit einem
­Video aus dem Krankenhaus zu Wort und schilderte, dass mehrere Erwachsene sie rassistisch beleidigt und körperlich attackiert
hätten. Die Polizei korrigiert ihre Darstellung des Vorfalls. Die Auswertung von Videos habe gezeigt, dass die Jugendliche in
der Tram eine Mund-Nase-Bedeckung trug, die sechs verdächtigen Erwachsenen hätten überwiegend keine Masken getragen.
Vgl. https://www.tagesspiegel.de/berlin/rassistischer-angriff-auf-jugendliche--berliner-polizei-gibt-fehler-zu-4309132.html;
­aufgerufen am 07.10.2022.
30 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

3.3 Spezifische Erscheinungsformen Die Reihenfolge der genannten Gruppen und


von Rassismus der Umfang der Darstellung stellen keine Priori­
sierung dar, sondern sind der unterschiedlichen
Rassismus und rassistische Diskriminierung Verfügbarkeit von Studien und Daten geschul­
­gegenüber verschiedenen Gruppen weisen hin­ det. Die Darstellung in den Kapiteln 3.3.1 bis
sichtlich der tradierten Bilder und Vorstellun­ 3.3.5 soll dazu dienen, einen aktuellen Einblick
gen, der Mechanismen und gesellschaftlichen in die Themen rassistische Bedrohung und
Funktionen sowohl Überschneidungen als auch ­Datenerfassung zu geben.
Unterschiede auf. Im Folgenden werden Ausprä­
gungen von Rassismus gegenüber bestimmten 3.3.1 Anti-Schwarzer Rassismus
Gruppen dargestellt, die bereits im Nationalen
Aktionsplan gegen Rassismus 2017 von der Bun­ Einstellungen gegenüber Schwarzen Menschen
desregierung als besonders vulnerable Gruppen erfasste 2021 erstmals ausführlicher die „Mitte“-
beschrieben wurden – Schwarze Menschen, Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechts­
Musliminnen und Muslime, Sintizze und Sinti extremen und demokratiegefährdenden Einstel­
sowie Romnja und Roma, Jüdinnen und Juden. lungen in der Bevölkerung.33 Darin stimmten
Kapitel 3.3.4 nimmt zudem Rassismus gegen asi­ 10,5 % der Befragten der Aussage zu, Schwarze
atisch gelesene Menschen gesondert in den Menschen sollten dankbar sein, in Deutschland
Blick, der im Zuge der Covid-19-Pandemie viru­ leben zu dürfen. 9 % gaben an, starke oder über­
lenter geworden ist. Eine vorläufige Leerstelle wiegende Antipathie gegenüber Schwarzen
bildet mangels empirischer Daten der Rassismus Menschen zu haben.
gegen osteuropäische bzw. als solche gelesene
Menschen (antislawischer Rassismus). Diesem Für die Einschätzung von Rassismus gegenüber
kommt in Deutschland vor dem Hintergrund Schwarzen Menschen ist der Afrozensus 2020
der Geschichte des Nationalsozialismus und des­ besonders aufschlussreich. Er ist das Ergebnis ei­
sen rassistisch begründeter Besatzungs- und ner bundesweiten, nicht repräsentativen34 quan­
„Germanisierungspolitik“ mit Millionen zur titativen Erhebung mit dem Ziel, Schwarze, afri­
Zwangsarbeit verschleppten oder ermordeten kanische und afrodiasporische Lebensrealitäten
Menschen in Osteuropa eine besondere Bedeu­ in Deutschland in ihrer Vielfalt sichtbar zu ma­
tung zu.32 Zu seinen aktuellen Ausprägungen in chen. Die Studie hat soziodemografische Daten,
Deutschland gibt es aber bislang kaum Daten; Diskriminierungserfahrungen, das Engagement
hier besteht Forschungsbedarf. der Befragten und ihr Vertrauen in Organisatio­

32
Vgl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland
mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 23.
Im Rahmen dieser Studie wurden Osteuropäerinnen und Osteuropäer als eine von sechs potenziell von Rassismus betroffenen
Gruppen in den Blick genommen.
33
Vgl. Zick, Andreas/Küpper, Beate (Hrsg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in
Deutschland 2020/21, Bonn 2021, S. 152 ff.
34
A n der Umfrage des Afrozensus im Untersuchungszeitraum vom 20.07. bis 06.09.2020 haben 5.793 Personen teilgenommen. Die
Grundgesamtheit der Gruppe Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland ist unbekannt, s­ odass eine
repräsentative Zufallsstichprobe nicht möglich ist. Zur Anwendung kam daher ein bei schwer erreichbaren, kleinen Populationen
häufig eingesetztes Verfahren, bei dem die Teilnehmenden einer Befragung durch ein Schneeballsystem gefunden werden. Neben
einer quantitativen Online-Befragung wurde auch eine qualitative Erhebung in Form von Fokusgruppen und E ­ xperteninterviews
durchgeführt.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 31

nen und Institutionen erhoben. Der Afrozensus Rassismus. Er wurde gemeinsam von Each One
gibt in seinem Bericht35 auch Empfehlungen zur Teach One (EOTO) e.V. und Citizens For Europe
Verbesserung der Lebenssituation dieser Com­ (CFE) umgesetzt und von der Antidiskriminie­
munitys und zum Schutz vor Anti-Schwarzem rungsstelle des Bundes gefördert.

Auswahl zentraler Ergebnisse: (93,9 %), „Hautfarbe“ (91,5 %), „Geschlecht“


(52,5 %), „Name“ (44,8 %), „Haare/Bart“
  Die Mehrheit der Befragten schätzt ein, (38,1 %), „sozialer Status/soziale Herkunft“
dass Anti-Schwarzer Rassismus in (33,5 %) und „Sprache“ (27,8 %). Die meis­
Deutschland sehr verbreitet (46,3 %) bzw. ten Befragten geben an, nach einem Vor­
ziemlich verbreitet (47,8 %) sei. Dabei fall keine Beratungs- oder Meldestelle
stimmte ein Fünftel der Befragten der aufgesucht zu haben: 77,8 % berichteten,
Aussage zu, seit Corona verstärkt rassisti­ einen diskriminierenden Vorfall in den
sche Diskriminierung zu erleben. letzten zwei Jahren nicht gemeldet oder
zur Anzeige gebracht zu haben. Wer einen
  In allen abgefragten 14 Lebensbereichen Vorfall meldete oder Rat suchte, tat dies
sehen sich Schwarze Menschen von Dis­ am häufigsten beim Arbeitgeber (32,8 %).
kriminierung oder Rassismus betroffen. 26,9 % meldeten sich unter anderem bei
Bei der Frage nach Häufigkeit von per­ der Polizei. Seltener wurde ein Vorfall bei
sönlichen Diskriminierungserfahrungen einer Selbst-/Community-Organisation
in unterschiedlichen Lebensbereichen (15,7 %) oder Antidiskriminierungsbera­
wurden von den meisten Befragten „Öf­ tungsstelle (14,7 %) gemeldet. Kaum je­
fentlichkeit und Freizeit“ (93,1 %), „Medi­ mand wandte sich direkt an die ADS
en und Internet“ (85,5 %), „Geschäfte und (5,5 %), Politikerinnen bzw. Politiker (2,3 %)
Dienstleistungen“ (85,1 %), „Arbeitsleben“ oder eine Kirche/Glaubensgemeinschaft
(84,7 %), „Privatleben“ (83 %), „Polizei“ (1,8 %). Aus den Daten ergibt sich auch die
(82,1 %), „Bildung“ (81,1 %), „Sicherheits­ Tendenz: je jünger die befragte Person,
personal“ (76,3 %), „Wohnungsmarkt“ desto eher hat sie den Vorfall nicht ge­
(74,2 %) sowie „Ämter und Behörden“ meldet. Offen bleibt die Frage, woran das
(66,5 %) genannt. liegen könnte, ob zum Beispiel an man­
gelndem Wissen zu Beschwerde- und
 In Bezug auf Merkmale der (Mehrfach-) ­A nlaufstellen oder an genutzten Verar­
Diskriminierung wurden genannt: „ras­ beitungsstrategien (unter anderem mit
sistische Gründe/ethnische Herkunft“ Person aus sozialem Umfeld reden).

A ikins, Muna AnNisa/Bremberger, Teresa/Aikins, Joshua Kwesi/Gyamerah, Daniel/Yıldırım-Caliman, Deniz: Afrozensus 2020.
35

Perspektiven, Anti-Schwarze Rassismuserfahrungen und Engagement Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen
in Deutschland, Berlin 2021. Bericht und weitere Informationen online unter: https://afrozensus.de/reports/2020; aufgerufen
am 16.06.2022.
32 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

  Fast drei Viertel von 886 Befragten   Für 14,6 % der Befragten bezogen sich die
(74,1 %), die eine Meldung des Vorfalls an­ Gründe für eine Nichtmeldung von Vor­
gegeben haben, waren insgesamt unzu­ fällen unter anderem auf finanzielle und/
frieden mit dem Umgang mit der Mel­ oder zeitliche Ressourcen. Befragte mit
dung: Lediglich ein Viertel der Befragten niedrigem Bildungsabschluss geben fast
(25,7 %) war mit dem Umgang mit ihrer doppelt so häufig an, den Vorfall nicht
Meldung insgesamt zufrieden, darunter gemeldet zu haben, weil sie unter ande­
7 % sehr zufrieden. Zudem gaben im Afro­ rem ihre Rechte oder die Gesetze nicht
zensus 93,9 % der Befragten an, dass ihnen kannten (14,7 %). Aus den qualitativen
nicht geglaubt wird oder ihnen gesagt Fokusgruppen wird deutlich, dass Macht-
wird, dass sie zu empfindlich seien, wenn und Abhängigkeitsstrukturen (Schülerin
sie einen rassistischen Vorfall ansprechen. bzw. Schüler und Lehrkraft, Pflegekraft/
Patient bzw. Patientin und Ärztin bzw.
Arzt) weitere Gründe sein können, war­
um ein Fall nicht gemeldet wurde, etwa
aus Angst vor Konsequenzen.

Der Afrozensus 2020 hat Vorbildcharakter für zur nationalen Umsetzung der UN‑Dekade ein­
eine intersektionale Erhebung von Diskriminie­ gerichtet, in der sich auch die B
­ eauftragte enga­
rungsdaten. So wurde dort auch explizit nach giert (vgl. Kapitel 5.10).
der sexuellen Orientierung und geschlechtli­
chen Identität gefragt und mehrdimensionale 3.3.2 Antimuslimischer Rassismus
Diskriminierung erfasst.36
In der Wissenschaft werden seit einigen Jahren
Die Ergebnisse des Afrozensus mahnen zum Han­ verschiedene Begriffe und theoretische Konzep­
deln. Hier bietet insbesondere die UN-Dekade te diskutiert, mit denen die Abwertung, Aus­
für Menschen afrikanischer Herkunft (2015–2024) grenzung sowie Diskriminierung von Musli­
den Rahmen, um Beiträge zur Stärkung der ge­ minnen und Muslimen und als solche gelesenen
sellschaftlichen Teilhabe Schwarzer, afrikanischer Menschen erfasst werden. Der im internationa­
und afrodiasporischer Menschen und gegen len Sprachgebrauch verbreitete Begriff der Isla­
Anti-Schwarzen Rassismus zu leisten. Dafür hat mophobie findet in Deutschland wenig Verwen­
die Bundesregierung die Koordinierungsstelle dung. Hier hat sich zum einen das Begriffspaar

Trans*, inter*, nicht binäre (TIN*) Befragte geben im Vergleich zu cisgeschlechtlichen Menschen z. B. signifikant häufiger die
36

­Befürchtung an, im öffentlichen Raum geschlagen und verletzt zu werden. Fast die Hälfte der LSBAQ-Befragten gibt an, sich in
der Öffentlichkeit in Deutschland unsicher zu fühlen im Vergleich zu ca. einem Drittel der heterosexuellen Befragten. In 12 von
14 Lebensbereichen geben trans*, inter*, nicht binäre (TIN*) Befragte im Vergleich mit Cis-Männern signifikant häufiger Dis­
kriminierungserfahrungen an. Auch im Vergleich mit Cis-Frauen geben sie in allen Lebensbereichen signifikant häufiger an,
in den letzten zwei Jahren diskriminiert worden zu sein.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 33

der Islam- und Muslimfeindlichkeit als Teil zität, Kultur und Religion miteinander ver­
­eines Syndroms „Gruppenbezogener Menschen­ schmelzen können.
feindlichkeit“ etabliert.37 Aus Sicht der Rassis­
musforschung wird Islam- und Muslimfeind­ Nach Sinti und Roma gehören Muslimen zu
lichkeit zum anderen häufig als eine Form des den am meisten abgelehnten Minderheiten in
kulturell begründeten Rassismus eingeordnet, Deutschland. In repräsentativen Umfragen
der die Religionszugehörigkeit ethnisiere und so wie der „Mitte“-Studie geben etwas mehr als ein
aufgrund ihrer „Abstammung“ auch Menschen Fünftel der Befragten an, negative Einstellungen
betreffe, die nicht unbedingt religiös praktizie­ gegenüber Musliminnen und Muslimen zu be­
rend sind.38 Im antimuslimischen Rassismus sitzen.39 Ein Drittel der Befragten teilt die An­
zeigt sich demnach, dass Kategorien wie Ethni­ sicht, die Zahl der muslimischen Menschen in
Deutschland solle begrenzt werden, und 27 %
sind der Auffassung, es lebten zu viele Muslime
in Deutschland.40 Der Leipziger Autoritarismus-
„Ein Drittel der Studie von 2020 zufolge stimmen sogar knapp

­Befragten teilt die die Hälfte (46,8 %) der Menschen in Deutschland


der Aussage zu, „durch die vielen Muslime hier
Ansicht, die Zahl fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im

der muslimischen eigenen Land“.41

Menschen in In Teilen der Bevölkerung zeigt sich zudem eine


abwehrende Haltung gegenüber dem sozialen
Deutschland solle Aufstieg von Musliminnen und Muslimen. So

begrenzt werden, stimmten in einer Studie mehr als ein Drittel


der Befragten der Aussage zu: „Ich hätte ein
und 27 % sind der schlechtes Gefühl, wenn immer mehr Muslime
in wichtige Führungspositionen auf dem Ar­
Auffassung, es lebten beitsmarkt kämen.“ 34,4 % teilten die Meinung:
zu viele Muslime „Wir müssen aufpassen, dass die Bildungserfolge
von Muslimen nicht zu Lasten der Bildungs­
in Deutschland.“ chancen der Restbevölkerung gehen“.42 Zwar

37
Dieses Konzept wurde vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld eingeführt und basiert auf
Ansätzen der Sozialpsychologie sowie (vorwiegend quantitativen) Vorurteils- und Einstellungsforschung, die „abwertende und
ausgrenzende Einstellungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe“ misst.
38
Vgl. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland
mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 22.
39
Vgl. Zick, Andreas/Küpper, Beate (Hrsg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in
Deutschland 2020/21, Bonn 2021, S. 187.
40
Vgl. Zick, Andreas/Krott, Nora Rebekka: Einstellungen zur Integration in der deutschen Bevölkerung von 2014 bis 2020.
­Studienbericht zur vierten Erhebung im Projekt ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit, Bielefeld 2021, S. 26.
41
Decker, Oliver/Brähler, Elmar (Hrsg.): Autoritäre Dynamiken. Neue Radikalität – alte Ressentiments. Leipziger Autoritarismus
Studie 2020, Gießen 2020, S. 64.
42
Vgl. Foroutan, Naika/Canan, Coşkun/Kalter, Frank/Simon, Mara: Ostmigrantische Analogien I: Konkurrenz um Anerkennung,
Berlin 2019, S. 28 f.
34 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

sind Vorurteile und diskriminierende Ansichten terschiedlichen Bildungsniveaus oder anderen


noch nicht gleichzusetzen mit diskriminieren­ soziodemografischen Faktoren erklärt werden
dem Verhalten gegenüber Minderheiten. Wenn können. Der SVR kommt zu demselben Schluss,
aber ein substanzieller Anteil der Bevölkerung weist aber darauf hin, dass nicht die Zugehörig­
billigt, dass manchen Personen(-gruppen) glei­ keit zu einer Herkunftsgruppe den stärksten
che Rechte oder Aufstiegschancen vorenthalten ­Effekt auf das Diskriminierungserleben hat, son­
werden, so kann dies, wie die Fachkommission dern die Religion. Das wertet der SVR so, dass
Integrationsfähigkeit feststellt, diskriminieren­ „diese Glaubensgemeinschaft auch objektiv höhe­
des Verhalten begünstigen.43 rer Diskriminierung ausgesetzt ist“.46

Die Studienlage ist bislang nicht besonders um­ Die subjektive Betroffenenperspektive korres­
fangreich, aber die vorliegenden Daten deuten pondiert dabei mit der Messung tatsächlicher
darauf hin, dass Musliminnen und Muslime sich Diskriminierung. Das haben experimentelle
vergleichsweise stark Diskriminierung ausge­ Verfahren bestätigt, zum Beispiel das Versenden
setzt sehen. Der SVR hat in seinem Integrations­ fiktiver Bewerbungen objektiv gleichwertiger
barometer erhoben, welche Rolle die äußerlich sich bewerbender Personen zur Feststellung von
wahrnehmbaren Merkmale des sogenannten Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Solche
Migrationshintergrundes bei Diskriminierung Studien belegen, dass als Muslime gelesene Men­
spielen.44 In der Studie berichten Personen mit schen ein deutlich erhöhtes Diskriminierungsri­
Migrationshintergrund und muslimischem siko haben (vgl. Kapitel 4.4).
Glauben deutlich häufiger, dass sie sich diskri­
miniert fühlen (55 %), als jene, die einer christli­ Bezüglich der Bedrohungslage von Muslimin­
chen (29 %) oder gar keiner Religion angehören nen und Muslimen im Hinblick auf Hassverbre­
(32 %). Dies korrespondiert mit früheren Studien, chen und Übergriffe sind seit drei Jahren erst­
die gezeigt haben, dass Menschen mit türkisch malig rückläufige Zahlen festzustellen: Im Jahr
oder arabisch gelesenem Hintergrund häufiger 2021 wurden 732 islamfeindliche Straftaten er­
von Benachteiligung berichten als andere Grup­ fasst, zudem 54 Angriffe auf muslimische Ein­
pen, etwa Eingewanderte aus Osteuropa.45 Dabei richtungen und Repräsentanten.47 Zuvor waren
wurde auch festgestellt, dass die Differenzen es 1.026 Straftaten im Jahr 2020 und 950 Taten
zwischen den Herkunftsgruppen nicht mit un­ im Jahr 2019 (vgl. Kapitel 3.2). Allerdings gehen

43
Vgl. Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit (Hrsg.): Gemeinsam die Einwan­
derungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrations­
fähigkeit, Berlin 2020, S. 55.
44
Vgl. Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich):
Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her? Diskriminierungserfahrungen und phänotypische Differenz in Deutschland,
Berlin 2018.
45
Vgl. Tucci, Ingrid/Eisnecker, Philipp/Brücker, Herbert: Diskriminierungserfahrungen und soziale Integration. Wie zufrieden sind
Migranten mit ihrem Leben? DIW Wochenbericht 43, Berlin 2014.
46
Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich):
Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her? Diskriminierungserfahrungen und phänotypische Differenz in Deutschland, Berlin
2018, S. 13.
47
Bundesministerium des Innern und für Heimat/Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2021 –
­Bundesweite Fallzahlen, S. 18. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/
nachrichten/2022/pmk2021-factsheets.pdf; aufgerufen am 02.12.2022.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 35

Beratungsstellen davon aus, dass ein großer Teil schusses zur Bekämpfung von Rechtsextremis­
antimuslimischer Vorfälle nicht erfasst und be­ mus und Rassismus wurde auch ein community­
hördlich verfolgt wird. Nach einer Untersuchung basiertes Monitoring im Themenfeld Islam- und
von CLAIM – Allianz gegen Islam- und Muslim­ Muslimfeindlichkeit beschlossen, das derzeit
vom Kompetenznetzwerk zur Prävention von Is­
lam- und Muslimfeindlichkeit umgesetzt wird.
Das Netzwerk arbeitet in diesem Zusammen­
„Studien belegen, hang an einer einheitlichen Datenerfassung der

dass als Muslime islam- und muslimfeindlichen Übergriffe sowie


einer verbesserten Meldemöglichkeit für Betrof­
g
­ elesene Menschen fene. Das Meldeportal „I Report“ zur Erfassung
von antimuslimischem Rassismus von CLAIM ist
ein deutlich erhöhtes seit Juni 2021 online und befindet sich zunächst
Diskriminierungs­ in der Pilotphase.50 Die über die Webseite www.i-
report.eu/melden erfassten Übergriffe und Dis­
risiko haben.“ kriminierungen fließen in eine Datenbank ein.
Diese Daten werden durch die Fallzahlen von Be­
ratungsstellen ergänzt und schließlich in einer
feindlichkeit hat zudem nur rund die Hälfte der gemeinsamen Datenbank zusammengeführt.
Beratungsstellen ein Verfahren, um antimusli­
mische Vorfälle im Beratungsprozess zu identifi­ Im September 2020 wurde der Unabhängige Ex­
zieren.48 Die Zahl antimuslimisch motivierter pertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) durch
Übergriffe und Diskriminierung besser zu erfas­ das Bundesministerium des Innern und für Hei­
sen und sichtbar zu machen, ist ein Ziel des mat eingesetzt. Der UEM soll aktuelle und sich
Kompetenznetzwerks Islam- und Muslimfeind­ wandelnde Erscheinungsformen von Muslim­
lichkeit, das seit 2020 über das Bundesprogramm feindlichkeit analysieren und auf Schnittmengen
„Demokratie leben!“ gefördert wird.49 Das Netz­ mit antisemitischen Haltungen sowie anderen
werk besteht aus vier Trägern der Präventionsar­ Formen gruppenbezogener Menschenfeindlich­
beit im Themenfeld Islam- und Muslimfeind­ keit hin untersuchen. Zudem soll er Erkenntnisse
lichkeit und hat die Aufgabe, Informationen darüber liefern, wie sich antimuslimische Hal­
bundesweit zu bündeln, fachliche Beratung be­ tungen und Argumentationsmuster von legiti­
reitzustellen und einen Transfer von erfolgrei­ mer Kritik an bestimmten Formen religiöser Pra­
chen Präventionsansätzen in Bundes-, Landes- xis abgrenzen lassen. In diesem Zusammenhang
und kommunale Strukturen zu gewährleisten. wurden mehrere Studien beauftragt, die Lücken
Mit dem Maßnahmenpaket des Kabinettaus­ in der Datenlage schließen sollen. Der Bericht des

48
Vgl. Teilseiend e.V. (Hrsg.): Beratungsangebote für Betroffene von antimuslimischem Rassismus. Kurzanalyse der Beratungsland­
schaft für Betroffene von antimuslimisch motivierten Übergriffen und antimuslimisch motivierter Diskriminierung in Deutsch­
land, Berlin 2020.
49
Das Kompetenznetzwerk Islam- und Muslimfeindlichkeit besteht aus den zivilgesellschaftlichen Trägern Teilseiend e.V./CLAIM,
­Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur e.V. (ZEOK), Verband binationaler Familien (iaf e.V.) und Arbeitsgemeinschaft
evangelische Jugend e.V. (aej).
50
Vgl. www.i-report.eu; aufgerufen am 16.06.2022.
36 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlich­ membrance Alliance wurde am 8. Oktober 2020


keit wird zum Sommer 2023 erwartet. unter deutschem Vorsitz eine nicht rechtsver­
bindliche Arbeitsdefinition zu Antiziganismus
3.3.3 Antiziganismus verabschiedet.54 Diese Definition legt fest, was
unter den Begriff Antiziganismus als spezifische
Sintizze und Sinti sowie Romnja und Roma Form von Rassismus, Ausgrenzung und Diskri­
­stellen die am meisten abgelehnte Minderheit in minierung fällt. Die Arbeitsdefinition lautet:
Deutschland dar: Knapp 29 % der Bevölkerung
geben in repräsentativen Befragungen an, Anti­ „Antiziganismus manifestiert sich in individuel­
pathien gegenüber dieser Gruppe zu besitzen.51 len Äußerungen und Handlungen sowie institu­
Dieser Befund ist nicht zuletzt vor dem Hinter­ tionellen Politiken und Praktiken der Margina­
grund der historischen Verantwortung Deutsch­ lisierung, Ausgrenzung, physischen Gewalt,
lands für den Völkermord an den Sinti und Herabwürdigung von Kulturen und Lebenswei­
­Roma (Porajmos) mehr als alarmierend. sen von Sinti und Roma sowie Hassreden, die ge­
gen Sinti und Roma sowie andere Einzelperso­
Zu den häufigsten rassistischen Zuschreibungen nen oder Gruppen gerichtet sind, die zur Zeit des
gehört die historisch tradierte unterstellte Nei­ Nationalsozialismus und noch heute als ‚Zigeu­
gung zur Kriminalität: Der „Mitte“-Studie 2020/21 ner‘ wahrgenommen, stigmatisiert oder verfolgt
zufolge teilt fast jede bzw. jeder Fünfte diese Auf­ wurden bzw. werden. Dies führt dazu, dass Sinti
fassung. 52 Die Abwertung, Ausgrenzung und und Roma als eine Gruppe vermeintlich Frem­
Diskriminierung von Sintizze und Sinti sowie der behandelt werden, und ihnen eine Reihe ne­
Romnja und Roma wird als Antiziganismus gativer Stereotypen und verzerrter Darstellun­
­bezeichnet. Inzwischen wird von einigen Selbst­ gen zugeordnet wird, die eine bestimmte Form
organisationen und Wissenschaftlerinnen sowie des Rassismus darstellen.“55
Wissenschaftlern der Begriff jedoch aufgrund
des darin enthaltenen rassistischen Z-Wortes Deutschland ist das erste Land, das die Arbeits­
kritisch hinterfragt und alternative Begriffe wie definition auch auf nationaler Ebene angenom­
Antiromaismus oder Rassismus gegen Sinti und men hat. Das Bundeskabinett hat am 9. März
Roma vorgeschlagen.53 2022 Dr. Mehmet Daimagüler zum ersten „Be­
auftragten der Bundesregierung gegen Antiziga­
Gemeinsam mit den Delegierten der 34 Mit­ nismus und für das Leben der Sinti und Roma“
gliedstaaten der International Holocaust Re­ in Deutschland ernannt. Der Beauftragte ist im

51
Vgl. Zick, Andreas/Küpper, Beate (Hrsg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in
Deutschland 2020/21, Bonn 2021, S. 187.
52
Vgl. ebd. S. 56.
53
Vgl. Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation
(2021), Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.), S. 42 ff. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/
downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-integration/bericht-unabhaengige-kommission-antiziganismus.pdf;
­aufgerufen am 06.12.2022.
54
International Holocaust Remembrance Alliance: „Arbeitsdefinition Antiziganismus“, weitere Informationen unter:
https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/ihra-rueckblick/2452098 und https://ihra2020.diplo.de/ihra-de/-/
2403766; aufgerufen am 16.06.2022.
55
Online unter: https://www.holocaustremembrance.com/de/resources/working-definitions-charters/working-definition-
antigypsyism-anti-roma-discrimination; aufgerufen am 06.12.2022.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 37

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frau­ schuldet. Denn diese wurden in der Vergangen­
en und Jugend (BMFSFJ) angesiedelt und wird heit nicht selten für die staatliche Verfolgung
die Maßnahmen der Bundesregierung gegen der Minderheit genutzt. Forschungsvorhaben
Antiziganismus koordinieren. in dem Bereich erfordern daher ein hohes Maß
an Sensibilität und stellen sehr hohe for­
schungsethische Anforderungen, zum Beispiel

„Sintizze und Sinti im Hinblick auf partizipative Prozesse mit den


zu Beforschenden. In einer im Auftrag der Un­
sowie Romnja und abhängigen Kommission Antiziganismus
(UKA)56 erstellten qualitativen „Studie zu Ras­
Roma stellen die am sismuserfahrungen von Sinti:zze und Rom:nja

meisten abgelehnte in Deutschland“ der Alice Salomon Hochschule


Berlin in Zusammenarbeit mit zahlreichen
Minderheit in ­zivilgesellschaftlichen Akteuren aus den Com­

Deutschland dar: munitys, in der über 90 Angehörige der Min­


derheit in Einzel- und Gruppengesprächen
Knapp 29 % der nach ihren Rassismuserfahrungen in Deutsch­
land befragt wurden, wurden von den Befrag­
B
­ evölkerung geben ten als besonders betroffene Lebensbereiche

in repräsentativen Alltag, Schule und der Kontakt mit Behörden


genannt.57 Aus Sicht der Studienautorinnen
Befragungen an, und -autoren sind für eine genauere Analyse
von möglichem institutionellen Rassismus wei­
A
­ ntipathien gegen­ tere vertiefende qualitative Verfahren und Stu­
über dieser Gruppe dien zur Untersuchung von institutionellen
Routinen, Organisationswissen und der Zu­
zu besitzen.“ sammenarbeit von Organisationen erforder­
lich, um Wirkungszusammenhänge analytisch
besser fassen zu können. Dabei seien insbeson­
Bislang liegen vergleichsweise wenig aktuelle dere Institutionen wie Ausländerbehörden,
Daten zu Diskriminierungs- und Rassismuser­ BAMF, Jobcenter, Polizei, Gerichte und Schulen
fahrungen von Sintizze und Sinti sowie Romnja in den Fokus zu nehmen.
und Roma vor. Dies ist unter anderem den his­
torisch bedingten Vorbehalten der Communi­ Die UKA stellt überdies fest, dass aufgrund der
tys hinsichtlich der Teilnahme an Befragungen historischen und empirischen Befunde Antizi­
und wissenschaftlichen Studien – auch und ge­ ganismus als ein eigenständiges Macht- und Ge­
rade behördlich in Auftrag gegebenen – ge­ waltverhältnis zu qualifizieren sei. Antiziganis­

56
Vgl. Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus: Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation,
Berlin 2021, S. 42 ff. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-
integration/bericht-unabhaengige-kommission-antiziganismus.pdf; aufgerufen am 06.12.2022.
57
Vgl. Randjelović, Isidora/Gerstenberger, Olga/Fernández Ortega, José/Kostić, Svetlana/Attia, Iman: Unter Verdacht – Rassismus­
erfahrungen von Rom:nja und Sinti:zze in Deutschland, Wiesbaden 2022.
38 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

mus hat sich in einer jahrhundertelangen gen geführt, die sich von anderen Formen rassis­
Geschichte herausgebildet und zu Ausprägun­ tischer Diskriminierung deutlich unterscheiden.

Sechs zentrale Forderungen und Handlungs- 4. Kommission zur Aufarbeitung des an


empfehlungen hat die Unabhängige Kommis- Sinti und Roma begangenen Unrechts
sion Antiziganismus ausgearbeitet: in der Bundesrepublik Deutschland

1. Berufung einer bzw. eines Beauftragten 5. A nerkennung von geflüchteten Romnja


gegen Antiziganismus und Einsetzung und Roma als besonders schutzwürdige
­eines unabhängigen Beratungskreises Gruppe

2. Schaffung einer ständigen Bund-Länder- 6. Umsetzung und Verstetigung von Partizi­


Kommission pationsstrukturen58

3. Umfassende Anerkennung des national­


sozialistischen Genozids an Sinti und
­Roma

Die Bundesregierung hat im Februar 2022 die sellschaftlichen und zwischenstaatlichen Part­
von der Bundesministerin des Innern und für nerschaften ein. Zudem ist bereits eine zivilge­
Heimat vorgelegte Nationale Strategie „Antizi­ sellschaftliche Monitoringstelle zur Erfassung
ganismus bekämpfen, Teilhabe sichern!“ be­ antiziganistischer Übergriffe – die Melde- und
schlossen.59 Mit dieser Strategie soll die Integra­ Informationsstelle Antiziganismus MIA – einge­
tion und Teilhabe von Sintizze und Sinti sowie richtet worden.60 Die nationale Strategie zielt
Romnja und Roma in Deutschland gefördert auch darauf ab, gemeinsam mit Sintizze und
und Antiziganismus bekämpft werden. Im Rah­ Sinti sowie Romnja und Roma politische Teilha­
men dessen ist eine Nationale Sinti und Roma be zu gestalten. Ergänzt wird die Strategie durch
Kontaktstelle (NRCP) gestärkt und ausgebaut zielgerichtete Maßnahmen auf Ebene des Bun­
worden, die zum 1. September 2022 an das des, der Länder und der Kommunen. Damit
BMFSFJ übergegangen ist. Sie nimmt eine koor­ kommt die Bundesregierung der Aufforderung
dinierende Rolle für den Austausch und die der Europäischen Kommission zur nationalen
­Zusammenarbeit mit den vielfältigen zivilge­ Umsetzung der EU-Roma-Strategie 2030 nach.

58
Vgl. Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus: Perspektivwechsel – Nachholende Gerechtigkeit – Partizipation,
Berlin 2021, S. 14 ff. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/heimat-
integration/bericht-unabhaengige-kommission-antiziganismus.pdf; aufgerufen am 06.12.2022.
59
Online unter: https://www.bmi.bund.de/eu-roma-strategie-2030.html; aufgerufen am 16.06.2022.
60
Vgl. https://www.antiziganismus-melden.de; aufgerufen am 06.12.2022.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 39

3.3.4 Antiasiatischer Rassismus auch, spielen bei antiasiatischem Rassismus ver­


geschlechtlichte Bilder eine wichtige Rolle – diese
Im Zuge der Covid-19-Pandemie traten beson­ unterscheiden sich jedoch von den Zuschreibun­
ders zu Beginn viele Berichte über Anfeindun­ gen zum Beispiel gegenüber Schwarzer Männ­
gen gegen und Angriffe auf asiatisch gelesene lichkeit. So werden asiatisch gelesene Männer
Menschen auf. Diese wurden unter anderem in weniger als bedrohlich wahrgenommen, sondern
Verbindung gebracht mit Narrativen in den sozi­ eher feminisiert, asiatisch gelesene Frauen dage­
alen Medien über den Ursprung der Pandemie in gen exotisiert und infantilisiert – beide werden
China und vermeintliche asiatische Ess-, Wohn- darüber hinaus sexualisiert.65
und Hygienegewohnheiten, die in stereotyper
Weise für den Ausbruch verantwortlich gemacht
wurden. Als Reaktion darauf entstand die von
asiatisch gelesenen Menschen ins Leben gerufe­
ne digitale Plattform „Ich bin kein Virus“, auf
„Knapp die Hälfte
der Betroffene ihre Erfahrungen mit antiasiati­ der Befragten gaben
schem Rassismus im Kontext von Corona seit
Mai 2020 teilten und weiterhin teilen.61 In der
an, Rassismus­
quantitativen Befragung „Soziale Kohäsion in erfahrungen im
Krisenzeiten: Die Corona-Pandemie und antiasi­
atischer Rassismus in Deutschland“ des DeZIM Kontext der Covid-
gaben knapp die Hälfte der 700 teilnehmenden
Personen an, Rassismuserfahrungen im Kontext
19-Pandemie erlebt
der Covid-19-Pandemie erlebt zu haben.62 In zu haben.“
Deutschland leben etwa eine Million Menschen
asiatischer Herkunft (Süd-, Südost- und Ostasi­
en) sowie ihre Nachkommen, die Zahl der po­ Eine Besonderheit des antiasiatischen Rassismus
tenziell von antiasiatischem Rassismus betroffe­ ist, dass er auch mit positiven Stereotypisierun­
nen Menschen ist damit hoch.63 gen arbeitet, beispielsweise von asiatisch gelese­
nen Menschen als „Vorzeigemigranten“, die in
Antiasiatischer Rassismus existierte in Deutsch­ rassistischen Argumentationsmustern häufig
land bereits vor Corona, zu den Höhepunkten gegen andere Gruppen ausgespielt werden.66
antiasiatischer Gewalt nach 1945 zählen die ras­ Zum Ausmaß der Betroffenheit von strukturel­
sistisch motivierten Ausschreitungen in Hoyers­ lem Rassismus ist im Hinblick auf asiatisch gele­
werda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992.64 sene Menschen bislang wenig bekannt, da es
Wie in anderen Ausprägungen des Rassismus kaum Studien gibt. Hier gilt es, eine Forschungs­

61
Vgl. www.ichbinkeinvirus.org; aufgerufen am 06.12.2022.
62
Vgl. Suda, Kimiko/Mayer, Sabrina J./Nguyen, Christoph G./Köhler, Jonas: Antiasiatischer Rassismus in Zeiten der Corona-­
Pandemie. Innenperspektive quantitative Erhebung. Datensatz, Version 1.0.0., Berlin 2020, Deutsches Zentrum für Integrations-
und Migrationsforschung (DeZIM).
63
Vgl. Suda, Kimiko/Mayer, Sabrina J./Nguyen, Christoph G.: Antiasiatischer Rassismus in Deutschland. In: APuZ 42-44 (2020), S. 41 ff.
64
Vgl. ebd. S. 39.
65
Vgl. ebd. S. 40.
66
Vgl. ebd. S. 39.
40 Ausprägungen von Rassismus in Deutschland

lücke zu schließen, um die Belange der von anti­ mit einem empfundenen Kontrollverlust einher­
asiatischem Rassismus Betroffenen künftig stär­ gehen, ihr Mobilisierungspotenzial, wie sich zu­
ker in den Blick nehmen zu können. letzt auch deutlich am Beispiel der sogenannten
Corona-Proteste zeigt, bei denen laut Verfas­
3.3.5 Exkurs: Antisemitismus als benachbartes sungsschutz immer wieder antisemitische Nar­
Phänomen rative und Codes bedient werden.70

Der Kampf gegen Antisemitismus bringt auf­


grund der deutschen Geschichte eine besondere
Verantwortung mit sich. Antisemitismus ist
„Antisemitismus
nicht als Unterform von Rassismus zu verstehen, ist nicht als Unter­
sondern als ein eigenes Phänomen mit Schnitt­
mengen zum Rassismus. Mit dem Rassismus teilt form von Rassismus
der Antisemitismus, dass er eine homogene
Gruppe imaginiert, der vermeintliche Kollektiv­
zu verstehen, son­
eigenschaften zugeschrieben werden. Eine Spezi­ dern als ein eigenes
fik des Antisemitismus ist, dass er sein Feindbild
nicht nur als unterlegen oder minderwertig Phänomen mit
konstruiert, sondern auch gleichzeitig als über­
mächtig stilisiert.67 So dient der Antisemitismus
Schnittmengen zum
sowohl der Abwertung von jüdischen Menschen Rassismus.“
als auch der Reduktion von Komplexität moder­
ner Gesellschaften, indem ein Feindbild vom
vermeintlich „mächtigen Juden“ konstruiert Um erfolgreich gegen antisemitischen Hass und
wird, der heimlich Kontrolle über die Wirtschaft, Hetze vorgehen zu können, bedarf es neben der
die Medien oder politische Institutionen aus­ Information über jüdisches Leben in Deutschland
übe.68 Auch hinter politischen Umbrüchen wie und der Vermittlung von Wissen über Antisemi­
Kriegen, Revolutionen oder Wirtschaftskrisen tismus sowie Bildungsangeboten insbesondere
werden in einer antisemitischen Weltsicht „jüdi­ Daten zu antisemitischen Vorfällen. Der Bundes­
sche Kräfte“ vermutet. Entsprechend ist die Be­ verband der Recherche- und Informationsstelle
hauptung einer „jüdischen Weltverschwörung“ Antisemitismus e.V. (RIAS) führt seit seiner
konstitutiver Bestandteil antisemitischer Ideolo­ Gründung im Jahr 2018 gemeinsam mit regio­
gien.69 Damit funktioniert Antisemitismus auch nalen Meldestellen und weiteren zivilgesell­
als ein Weltdeutungsmuster. Verschwörungs­ schaftlichen Akteuren bundesweit ein sys­te­
ideologien entfalten insbesondere in gesell­ matisches Monitoring von antisemitischen
schaftlichen Umbruch- und Krisenzeiten, die Vorfällen durch. Dies erfolgt mithilfe des Melde­

67
Vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen. Berlin 2017, S. 25 f.
68
Vgl. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus. Online unter:
https://www.antisemitismusbeauftragter.de/Webs/BAS/DE/bekaempfung-antisemitismus/was-ist-antisemitismus/was-ist-
antisemitismus-node.html; aufgerufen am 02.08.2022.
69
Vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen. Berlin 2017, S. 26.
70
Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2021, S. 59 f. und S. 69.
Ausprägungen von Rassismus in Deutschland 41

portals www.report-antisemitism.de. Gefördert seren Schutz jüdischer Gemeinschaften und


wird RIAS im Rahmen des Bundesprogramms Einrichtungen in Europa“ wurden die Mitglied­
„Demokratie leben!“ als einer von fünf zivil­ staaten aufgefordert, „eine ganzheitliche Strategie
gesellschaftlichen Trägern der Arbeit gegen zur Verhütung und Bekämpfung aller Formen
­A ntisemitismus, die gemeinsam das Kompetenz­ von Antisemitismus als Teil ihrer Strategien zur
netzwerk Antisemitismus (KOMPAS) bilden. Verhütung von Rassismus, Fremdenfeindlich­
keit, Radikalisierung und gewaltbereitem Extre­
Aktuelle Zahlen von RIAS bestätigen die weiter­ mismus“ anzunehmen und umzusetzen. Die
hin anhaltende Bedrohung durch antisemiti­ EU-Kommission selbst hat am 5. Oktober 2021
sche Vorfälle. Dabei dokumentiert der Bundes­ erstmals eine Strategie zur Bekämpfung von
verband RIAS auch Fälle, die entweder unter der Antisemitismus und zur Förderung jüdischen
Strafbarkeitsschwelle liegen oder bei denen die Lebens mit Handlungsempfehlungen an die EU-
Opfer keine Anzeige erstattet haben. Das resul­ Mitgliedstaaten vorgelegt. Die Mitgliedstaaten
tiert beispielsweise in deutlich anderen Zahlen wurden aufgefordert, bis Ende 2022 ihre natio­
im Vergleich zu der staatlichen Erfassung im nalen Strategien vorzulegen. Dieser Aufforderung
KPMD-PMK. Der RIAS-Bericht „Antisemitische ist die Bundesregierung mit der Veröffentlichung
Vorfälle 2021“71 unterscheidet konkret je nach der NASAS im November 2022 nachgekommen.
Art und Schwere des Vorfalls verschiedene Vor­
falltypen, nach Gruppen von Betroffenen, nach Mit rund 12 Millionen Euro unterstützt zudem
politisch-weltanschaulichem Hintergrund sowie das Bundesministerium für Bildung und For­
nach fünf Erscheinungsformen von Antisemitis­ schung (BMBF) seit Mitte 2021 zehn Forschungs­
mus: „Othering“, antijudaistischer Antisemitis­ verbünde an Universitäten und außeruniversi­
mus, moderner Antisemitismus, Post-Schoa-Anti­ tären Einrichtungen aus ganz Deutschland. In
semitismus und israelbezogener Antisemitismus. insgesamt 31 Teilvorhaben werden Dynamiken
und Facetten des Antisemitismus aus unter­
Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdi­ schiedlichen disziplinären Perspektiven unter­
sches Leben und den Kampf gegen Antisemi­ sucht. Die ausgewählten Projekte reichen von
tismus, Dr. Felix Klein, hat im Jahr 2021 die Er­ „Antisemitismus in Online-Medien“, über „Anti­
arbeitung einer Nationalen Strategie gegen semitismus im Kontext der Justiz“, „christliche
Antisemitismus und für jüdisches Leben (NASAS) Signaturen des Antisemitismus“ bis hin zu Anti­
angestoßen. Dabei geht die Erarbeitung der semitismusprävention in der Bildung. Jüdische
NASAS auf die Schlussfolgerung des Rates der Perspektiven werden dabei systematisch einbe­
Europäischen Union vom 6. Dezember 2018 zu­ zogen.
rück. In seiner „Erklärung zur Bekämpfung von
Antisemitismus und zur Entwicklung eines ge­
meinsamen Sicherheitskonzepts für einen bes­

Vgl. Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (Bundesverband RIAS) (Hrsg.):
71

Jahresbericht Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2021, Berlin 2022.


4. Handlungs­
felder im Kontext
von institutionel­
lem und struktu­
rellem Rassismus
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 43

Unsere Gesellschaft ist von Vielfalt geprägt. So hat heute zum


Beispiel jede und jeder Vierte eine eigene oder familiäre Einwande­
rungsgeschichte in Deutschland (27 %). Die Einwanderung und
die auch daraus erwachsene Vielfalt haben Deutschland zu einem
starken Land in der Mitte Europas gemacht.

Vielfalt ist längst Realität, sie muss aber auch in Diskriminierungen offen und direkt geschehen
allen Bereichen zur Normalität werden. Das (unmittelbare Diskriminierung), wenn zum Bei­
heißt vor allem: gleichberechtigte Chancen für spiel jemand aufgrund seiner Hautfarbe nicht
alle, in jedem Bereich der Gesellschaft. Hier ist eingestellt oder jemandem der Zutritt zu einem
noch viel zu tun. Dies zeigen die Erfahrungen Club verwehrt wird. Diskriminierungen sind
der Menschen, denen wegen des Namens, Ausse­ aber oft auch schwierig zu erkennen, etwa wenn
hens oder anderer Merkmale eine nichtdeutsche Regelungen scheinbar neutral formuliert sind
Herkunft zugeschrieben wird. Dass rassistische (mittelbare Diskriminierung). Dies wurde auch
Diskriminierung Alltag von vielen Menschen in in der UN-Anti-Rassismus-Konvention hervor­
Deutschland ist und auch gesellschaftlich stark gehoben (vgl. Kapitel 2).
wahrgenommen wird, hat unter anderem der
NaDiRa gezeigt (vgl. Kapitel 1). Auch die ADS So sind Stellenanzeigen beispielsweise mittelbar
stellt fest, dass Diskriminierungen aufgrund der diskriminierend, wenn sie von den sich auf die
ethnischen Herkunft bzw. rassistische Diskrimi­ Stellen bewerbenden Personen Deutschkennt­
nierung beim Zugang zum Wohnungsmarkt, nisse auf muttersprachlichem Niveau verlangen,
beim Zugang zu Gaststätten und Clubs, beim obwohl diese für die Ausübung der Tätigkeit
Zugang zu Bankgeschäften, in der Schule und nicht erforderlich sind. In einem solchen Falle
Hochschule, im Kontakt mit der Polizei und an­ stellt die scheinbar neutrale Anforderung an die
deren Behörden, aber auch im öffentlichen Sprachkompetenz einen Ausschluss von Einge­
Raum sowie im Bereich Medien und Internet wanderten dar.
­besonders häufig auftreten.72 Demnach können

72
Vgl. Diskriminierung in Deutschland – Erfahrungen, Risiken und Fallkonstellationen. Vierter Gemeinsamer Bericht der
­A ntidiskriminierungsstelle des Bundes und der in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung
und des Deutschen Bundestages, Berlin 2021.
44 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Rassistische Diskriminierung geschieht zudem


häufig im Zusammenspiel mit weiteren Merk­
„Im Kern geht es
malen wie der sozialen Herkunft, der Religion, bei der Betrachtung
des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung
(sogenannte mehrdimensionale Diskriminie­
von institutionellem
rung bzw. Intersektionalität). und strukturellem
Es besteht bisher, auch in der Rassismusfor­ Rassismus darum,
schung, keine einheitliche oder verbindliche De­
finition und Abgrenzung von institutionellem
den Blick nicht nur
und strukturellem Rassismus. Dies hängt unter auf handelnde Indi­
anderem mit dem zugrunde gelegten Institutio­
nenbegriff zusammen, der mal enger (zum Bei­ viduen zu richten,
spiel als Synonym für Organisationen) und mal
weiter (zum Beispiel als Set von Regeln und Nor­
sondern auch insti­
men) gefasst wird. Oftmals wird institutioneller tutionelle Abläufe,
Rassismus als Unterkategorie des strukturellen
Rassismus verstanden. Im Kern geht es bei der
Verfahrensweisen
Betrachtung von institutionellem und struktu­ und unhinterfragte
rellem Rassismus darum, den Blick nicht nur auf
handelnde Individuen zu richten, sondern auch Routinen in den Blick
institutionelle Abläufe, Verfahrensweisen und
unhinterfragte Routinen in den Blick zu neh­
zu nehmen, zum Bei­
men, zum Beispiel in Behörden, und wie diese spiel in Behörden.“
eine systematische Benachteiligung bestimmter
Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Lebens­
bereichen zur Folge haben können. Institu­ dem individuellen Bewusstsein entzieht. Mit
tioneller Rassismus kann zum Beispiel in Zu­ diesem breiteren Verständnis – auch ‚strukturel­
sammenhang mit der Anwendung von ler Rassismus‘ genannt – wird eine Perspektive
Rechtsvorschriften bei Ermessensausübungen auf die gesamte Gesellschaft eingenommen, in
oder bei der Auslegung von unbestimmten der rassistische Wissensbestände und Praktiken
Rechtsbegriffen auftreten. Vor allem dort, wo bereits so normalisiert sind, dass es neben ab­
handelnde Akteure auf unbewusste, in der Ge­ sichtlichen auch permanent zu unabsichtlichen
sellschaft tradierte Wissensbestände und Bilder rassistischen Effekten kommen kann.“73
über Gruppen zurückgreifen, die rassistisch ge­
prägt sein können. Struktureller Rassismus Der Bericht „Institutioneller Rassismus in Be­
kann dabei, wie im NaDiRa dargelegt, „als ein hörden“ des Instituts Arbeit und Qualifikation
historisch tradierter und kontinuierlich struk­ (IAQ) der Universität Duisburg-Essen legt dar,
turierender Prozess der (negativen) Vergesell­ dass rassistische Vorstellungen in deutschen Be­
schaftung begriffen [werden], der sich oftmals hörden in Polizei, Gesundheitsversorgung und

73
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit
Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 17.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 45

Arbeitsverwaltung nicht als Fehlleistungen Ein­ Im Rahmen der Studie werden im Verbund in
zelner zu verstehen seien. Vielmehr seien sie 23 Einzelprojekten an acht FGZ-Standorten in
strukturell eingebettet und würden institutio­ Deutschland Rassismus in Behörden auf Bun­
nell (re-)produziert. Die im Bericht beschriebe­ des-, Landes- und Kommunalebene und sein
nen Studien untersuchen zudem, inwiefern die ­Gefährdungspotenzial für die betroffene Person
Behörden an der Generierung von „rassistischen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt ana­
Wissensbeständen“ mitwirken oder auf solche lysiert. Untersucht werden zum Beispiel die
„Wissensbestände“ anderer Behörden zugreifen.74 Wohnungs- und Arbeitsvermittlung, das Agie­
ren von Gesundheitsämtern, von Ausländerbe­
Ein aktuelles Forschungsprojekt zum Themen­ hörden, die Interaktion von Polizei und Bürge­
feld Rassismus in staatlichen Institutionen stellt rinnen und Bürgern, der Justizvollzug, die
die Studie „Rassismus als Gefährdung des gesell­ Extremismusprävention und Sportverbände.
schaftlichen Zusammenhalts im Kontext ausge­ Gefragt wird auch, welches Wissen in Behörden
wählter gesellschaftlich-institutioneller Berei­ zu Antirassismus und Diskriminierungsverbo­
che“ dar.75 Diese ist als Verbundvorhaben des ten besteht, um daraus Handlungsempfehlungen
Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusam­ zu entsprechenden Sensibilisierungsstrategien
menhalt (FGZ) im Januar 2022 gestartet. Bei dem ableiten zu können.
auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekt
handelt es sich um eine Maßnahme des Bundes­ Auch angesichts zunehmender Polarisierungen
ministeriums des Innern und für Heimat (BMI) in der Gesellschaft geht es darum, das Bewusst­
in Folge des Kabinettausschusses zur Bekämp­ sein für institutionelle Formen von rassistischer
fung von Rechtsextremismus und Rassismus Diskriminierung zu schärfen und diese konse­
(vgl. Kapitel 5.3). Mit der Studie soll erforscht quent zu bekämpfen. Denn institutioneller Ras­
werden, inwieweit Rassismus in ausgewählten sismus ist meist schwieriger zu erkennen als indi­
staatlichen Institutionen auftritt, welche Er­ viduelle Formen wie rassistische Beleidigungen
scheinungsformen er annimmt bzw. wie er oder Übergriffe und die Prävention sowie sein
wahrgenommen wird, welche Motive und wel­ Abbau erfordern andere Ansätze.
che spezifischen Gründe ihm zugrunde liegen
können und wie er sich vermeiden lässt.

74
Vgl. Graevskaia, Alexandra/Menke, Katrin/Rumpel, Andrea: Institutioneller Rassismus in Behörden – Rassistische Wissensbestände
in Polizei, Gesundheitsversorgung und Arbeitsverwaltung. IAQ Report 2/2022.
75
Online unter: https://www.fgz-risc.de/forschung/inra-studie; aufgerufen am 30.09.2022.
46 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

4.1 Polizei befürwortet wird. Bestimmte Rahmenbedin­


gungen, Routinen und Praktiken der (Streifen-)
Eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Polizei trugen demnach dazu bei, Rassismus –
Rassismus und rassistischer Gewalt spielt die auch unbeabsichtigt – zu (re-)produzieren.76
Polizei. Für die strafrechtliche Verfolgung ent­
scheidend ist, dass rassistisch oder antisemi­ Eine Recherche vom Mediendienst Integration
tisch motivierte Straftaten als solche von den zeigt, dass Rassismus und Antisemitismus in­
Strafverfolgungsbehörden korrekt erkannt nerhalb der Polizei als eigenständige Ausbil­
werden (vgl. Kapitel 3.2). Aufgrund des Gewalt­ dungsmodule (zum Beispiel zu Racial Profiling)
monopols und weitreichender, in die Grund­ nur in einigen Ländern (Baden-Württemberg,
rechte der Bürgerinnen und Bürger eingreifen­ Berlin, Saarland, Sachsen-Anhalt, Thüringen
der Befugnisse kommt den Sicherheitsbehörden und teilweise in Niedersachsen) angeboten wer­
zudem eine besondere Verantwortung zu. Die den. Zudem finden sich in den Landespolizeien
Beschäftigten in den Polizeien und Sicherheits­ laut den Ergebnissen keine verpflichtenden
behörden arbeiten Tag für Tag für die Sicher­ Fortbildungen zu Rassismus und Antisemitis­
heit und ein friedliches Zusammenleben aller mus in der Polizei.77
Menschen in Deutschland. Diese wertvolle Ar­
beit darf nicht diskreditiert werden. Eine rassis­ Um eine diskriminierungsfreie Dienstausübung
mussensible und diskriminierungsfreie polizei­ zu gewährleisten, wird bei der Bundespolizei das
liche Praxis liegt daher im Eigeninteresse der Thema Rassismus in der Laufbahnausbildung
Polizei. Trotz der vorbildlichen Arbeit vieler Po­ als eigenständiges Modul sowie als Quer­
lizistinnen und Polizisten berichten von Ras­ schnittsthema im Themenfeld Menschenrechte
sismus betroffene Menschen hinsichtlich der vermittelt. Darüber hinaus werden freiwillige
Interaktion mit der Polizei immer wieder von Fortbildungen zu diesem Thema angeboten. Das
Vorurteilen und Diskriminierung, die zu Ver­ Polizeitraining führt das Thema Rassismus im
trauensverlust führen. Kontext der polizeilichen Standardmaßnahmen
berufsbegleitend verpflichtend weiter. Die Be­
Die Kurzstudie „Institutioneller Rassismus in auftragte begrüßt, dass im Koalitionsvertrag
der Polizei“ im Rahmen des Nationalen Diskri­ 2021–2025 vereinbart wurde, die Aus- und Fort­
minierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) bildung bei der Polizei weiterzuentwickeln, die
des DeZIM hat auf der Basis von Interviews mit Grundsätze der freiheitlichen demokratischen
Polizeibeamtinnen und -beamten herausgear­ Grundordnung noch stärker zu vermitteln und
beitet, dass Hintergrundwissen, welches in der somit ebenfalls Vorurteilen, Diskriminierungen
Polizei zur Herstellung einer vermeintlichen und radikalen Einstellungen vorzubeugen.
Handlungssicherheit genutzt wird, mitunter
auch mit rassistischen Klassifikationen einher­ Das Deutsche Institut für Menschenrechte be­
gehe. Rassistische Vorstellungen würden selbst trachtet Polizeikontrollen, die sich an einem
dann geteilt, wenn migrationsbezogene Vielfalt physischen Erscheinungsbild oder ethnischen

76
Vgl. Graevskaia, Alexandra: Institutioneller Rassismus in der Polizei. Rassistisches Wissen und seine Nutzung. Unter Mitarbeit
von Tim Handick. NaDiRa Working Papers 4: Forschungsergebnisse aus Kurzstudien des Nationalen Diskriminierungs- und
­R assismusmonitors (NaDiRa), Berlin 2022.
77
Vgl. https://mediendienst-integration.de/artikel/rassismus-und-antisemitismus-bei-der-polizei.html; aufgerufen am 29.09.2022.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 47

Merkmalen ausrichten (sogenanntes Racial den, ob die Anwendung bestehender rechtlicher


­Profiling), als ein Beispiel für institutionellen Regelungen oder Verfahren, wie zum Beispiel
Rassismus im Kontext der Polizeiarbeit.78 Solche grenzpolizeiliche Kontrollen ohne konkrete An­
Erfahrungen werden auch von Betroffenen haltspunkte, zu Diskriminierungen führen kön­
­berichtet. So gibt im Afrozensus beispielsweise nen. Denn hier stellt sich die Frage, ob solche Re­
über die Hälfte der Befragten an, in ihrem Leben gelungen nicht ein diskriminierendes Vorgehen
bereits ohne für sie erkennbaren Grund von der begünstigen, wenn die Kontrollen unter ande­
Polizei kontrolliert worden zu sein.79 Weitere rem aufgrund von phänotypischen Merkmalen
Studien, zum Beispiel der Agentur für Grund­ durchgeführt werden. Im Koalitionsvertrag
2021–2025 ist die Novellierung des Bundespoli­
zeigesetzes (BPolG) festgeschrieben. Im Rahmen

„Im Afrozensus gibt der Novellierung soll eine Regelung geschaffen


werden, die die Einhaltung des Diskriminie­
über die Hälfte der rungsverbots bei den Maßnahmen der Bundes­
polizei sicherstellt. Der 6. Bericht der Europä­
Befragten an, in ischen Kommission gegen Rassismus und

­ihrem Leben bereits Intoleranz (European Commission against Ra­


cism and Intolerance – ECRI) hält kritisch fest,
ohne für sie erkenn­ dass Anzeichen für Racial Profiling durch deut­
sche Polizeibehörden vorliegen. Die Datenlage
baren Grund von der ist jedoch nach wie vor unzureichend, weshalb
Polizei kontrolliert ECRI Deutschland empfohlen hat, eine Studie
zu Racial Profiling in der Polizeiarbeit in Auf­
worden zu sein.“ trag zu geben, um diese Praxis zu beenden und
zukünftig zu verhindern (vgl. Kapitel 5).

rechte, weisen auch bei türkeistämmigen Men­ Das Bundesministerium des Innern und für
schen und Menschen aus dem ehemaligen Jugo­ Heimat finanziert die von der Deutschen Hoch­
slawien auf eine überproportionale schule der Polizei durchgeführte Studie „Moti­
Betroffenheit von Polizeikontrollen hin.80 vation, Einstellung und Gewalt im Alltag von
Polizeivollzugsbeamten“ (MEGAVO). Hierbei
Diskriminierende Fahndungsmethoden bzw. handelt es sich nicht um eine Rassismusstudie.81
Racial Profiling sind in Deutschland verboten Die vom Bund für eine Laufzeit von drei Jahren
und rechtswidrig. Dennoch muss geprüft wer­ geförderte Studie soll die drei Themenkomplexe

78
Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte: Stellungnahme Racial Profiling: Bund und Länder müssen polizeiliche Praxis
­überprüfen. Zum Verbot rassistischer Diskriminierung. Berlin 2020. Online unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/
publikationen/detail/racial-profiling-bund-und-laender-muessen-polizeiliche-praxis-ueberpruefen; aufgerufen am 29.09.2022.
79
A ikins, Muna AnNisa/Bremberger, Teresa/Aikins, Joshua Kwesi/Gyamerah, Daniel/Yıldırım-Caliman, Deniz: Afrozensus 2020.
Perspektiven, Anti-Schwarze Rassismuserfahrungen und Engagement Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen
in Deutschland. Berlin 2021, S. 120.
80
Vgl. Agentur der Europäischen Union für Grundrechte: Für eine effektivere Polizeiarbeit. Diskriminierendes ‚Ethnic Profiling‘
­erkennen und vermeiden. Luxemburg 2010, S. 32.
81
Vgl. https://www.polizeistudie.de; aufgerufen am 29.09.2022.
48 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

„Motivation der Berufswahl“, „Berufsalltag“ und hängiger Beschwerdestellen vor. Das Deutsche
„Gewalt gegen Polizisten“ untersuchen und Institut für Menschenrechte hebt hervor, dass
Handlungsempfehlungen entwickeln. internationale Menschenrechtsgremien wie der
UN-Menschenrechtsausschuss oder ECRI
Darüber hinaus haben einige Länder wie Ber­
lin82 und Niedersachsen83 eigene Polizeistudien
zum Thema Rassismus in Auftrag gegeben und
untersuchen zum Beispiel mittels teilnehmen­ „Die Beauftragte
der Beobachtung Risikokonstellationen für dis­
kriminierendes Handeln in konkreten Tätig­ ­begrüßt die Einrich­
keitsbereichen der Polizei. Das von der Stiftung
Mercator geförderte Projekt „ZuRecht – Die Poli­
tung unabhängiger
zei in der offenen Gesellschaft“ analysiert als Beschwerdestellen,
Kooperationsprojekt der Universität Freiburg
und der Deutschen Hochschule der Polizei diese sollten in allen
(DHPol) im Austausch mit den Polizeien des
Bundes und der Länder, wie die Polizei in ver­
16 Ländern imple­
schiedenen Bereichen – von der Nachwuchssi­ mentiert werden.“
cherung, über Ausbildung und Training, bis hin
zum Streifendienst und der Öffentlichkeitsar­
beit – mit Vielfalt und Differenz umgeht und Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten
wie eine zeitgemäße Polizeiarbeit in einer viel­ die Einrichtung von unabhängigen Stellen zur
fältigen Gesellschaft ausgestaltet sein kann.84 Untersuchung von Beschwerden gegen mut­
maß­liche Menschenrechtsverletzungen durch
Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren Angehörige der Polizei empfehlen. Solche
derweil, dass die Berichte von Betroffenen und spezialisierten Polizeibeschwerdestellen gibt es
Verdachtsfälle von rechtsextremen Netzwerken in anderen Staaten, zum Beispiel in Belgien,
bei der Polizei auf ein strukturelles Problem hin­ Dänemark, Irland, Portugal und im Vereinigten
weisen. Als wichtiges Instrument zum Abbau Königreich. Hintergrund dieser Empfehlungen
von institutionellem Rassismus im Kontext von sei „die menschenrechtliche Verpflichtung,
Polizeiarbeit schlagen sie die Einrichtung unab­ Betroffenen ein Recht auf wirksame Beschwerde

82
Vgl. Howe, Christiane/Decker, Christine/Knobloch, Lan/Can, Halil/Bosch, Alexander: Bericht zur Berliner Polizeistudie. Eine
­d iskriminierungskritische, qualitative Untersuchung ausgewählter Dienstbereiche der Polizei Berlin, Berlin 2022. Zu den zentralen
Handlungsempfehlungen der Studie, deren Ergebnisse am 07.10.2022 veröffentlicht wurden, gehören verpflichtende regelmäßige
Aus- und Fortbildungsinhalte u. a. zur kolonialen Geschichte Deutschlands und Europas sowie verpflichtende Schulungen und
Fortbildungen für alle Lehrenden und Ausbildenden zur Sensibilisierung in den Themenfeldern Diskriminierung und Rassismen.
(S. 110 f.). Zur Erhöhung der Transparenz der Polizeiarbeit wird u. a. der „Einsatz von Kontroll-Quittungen und Bodycams“ emp­
fohlen, „auch um eine bewusstere Reflexion über das eigene polizeiliche Handeln zu fördern“ (S. 111).
83
Online unter: https://www.pa.polizei-nds.de/forschung/projekte/forschungsprojekt-polizeipraxis-zwischen-staatlichem-auftrag-
und-oeffentlicher-kritik-115525.html; aufgerufen am 29.09.2022.
84
Vgl. https://www.projekt-zurecht.de/projekt; aufgerufen am 29.09.2022.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 49

zu garantieren und sicherzustellen, dass entspre­ vor, eine unabhängige Polizeibeauftragte bzw.
chende Vorwürfe unabhängig, angemessen, un­ einen unabhängigen Polizeibeauftragten für die
verzüglich und öffentlich überprüfbar unter­ Polizeien des Bundes als Anlaufstelle beim
sucht werden und Betroffene im Verfahren be­ Deutschen Bundestag mit Akteneinsichts- und
teiligt werden.“85 Zugriffsrechten einzuführen.

Inzwischen wurden in sieben Ländern – Baden- Um den beschriebenen Vertrauensverlusten vor­


Württemberg, Berlin, Bremen, Hessen, Mecklen­ zubeugen und Fehlverhalten entgegenzutreten,
burg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und müssen die staatlichen Akteure mit vereinten
Schleswig-Holstein – Beschwerdestellen einge­ Kräften nach Lösungen suchen. Die bereits lau­
richtet bzw. befinden sich im Aufbau. Diese sind fenden Bemühungen seitens der Polizei sind an­
mit unterschiedlichen Befugnissen und Graden zuerkennen und sollen den Ausgangspunkt bil­
der Unabhängigkeit von Polizei und Innenver­ den, um sich über den aktuellen Stand und die
waltungen ausgestattet. Die Beauftragte begrüßt Handlungsbedarfe auszutauschen. Hierzu führt
die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestel­ die Beauftragte einen Round Table zum Thema
len, diese sollten in allen 16 Ländern implemen­ Rassismus und Polizei durch.
tiert werden. Der Koalitionsvertrag sieht zudem

85
Töpfer, Eric: Unabhängige Polizeibeschwerdestellen. Was kann Deutschland von anderen europäischen Staaten lernen?
­Deutsches Institut für Menschenrechte, Berlin 2017. Online unter: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/
Redaktion/Publikationen/Analyse_Studie/Analyse_Unabhaengige_Polizeibeschwerdestellen.pdf; aufgerufen am 06.12.2022.
50 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

4.2 Schule Durchschnitt ungünstigeren Merkmalen des so­


zioökonomischen und bildungsbezogenen fami­
Der Bildungserfolg ist in Deutschland weiterhin liären Hintergrunds und pandemiebedingten
eng mit der sozialen Lage der Familie verbun­ Lernbedingungen von Kindern aus eingewan­
den. Kinder und Jugendliche mit (familiärer) derten Familien zusammen. Perspektivisch wä­
Einwanderungsgeschichte bzw. Migrationshin­ ren deutlich zielgerichtetere Anstrengungen
tergrund wachsen überproportional häufig mit notwendig, um die Chancengerechtigkeit des
sozialen, finanziellen oder bildungsbezogenen deutschen Bildungssystems zu erhöhen und her­
Risikolagen auf.86 Benachteiligungen oder Chan­ kunftsbedingte Unterschiede im Bildungserfolg
cenunterschiede werden durch verschiedene wirksam abzubauen. 90
Faktoren bedingt. Der Migrationsstatus stellt
nicht die Ursache dar, sondern wirkt mit den be­ Darüber hinaus können Benachteiligungen von
schriebenen sozioökonomischen Faktoren.87 So Schülerinnen und Schülern mit (familiärer) Ein­
sind Kinder mit Migrationshintergrund viermal wanderungsgeschichte im Bildungswesen auch
häufiger von allen drei Risikolagen betroffen als durch diskriminierende Praktiken entstehen.
Kinder ohne Migrationshintergrund88 und da­ Die neuere bildungswissenschaftliche For­
mit im deutschen Bildungssystem nach wie vor schung betrachtet inzwischen zum Beispiel ver­
deutlich benachteiligt. Mit Blick auf die Chan­ stärkt die Beziehung zwischen Lehrkräften und
cengleichheit macht der hohe Anteil bildungs­ Lernenden als einen Einflussfaktor auf die Leis­
bezogener Risikolagen bei den Kindern mit tungsunterschiede. Es besteht weiterer For­
­(familiärer) Einwanderungsgeschichte einen schungsbedarf unter anderem zu Diskriminie­
­besonderen Handlungsbedarf deutlich.89 Der rung in der Schule, zum Beispiel mit Blick auf
IQB-Bildungstrend 2021 stellt fest, dass es in Vorurteile und den sogenannten Stereotype
den letzten Jahren insgesamt nicht gelungen Threat. 91 Die vorhandene Forschung zeigt, dass
ist, zuwanderungsbezogene Benachteiligungen Lehrkräfte die Kompetenzentwicklung der
zu verringern. Zum Teil hängt dies mit den im Schülerinnen und Schüler auch unbewusst und

86
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2020, Bielefeld 2020, S. 6 und S. 42. Laut dem
­nationalen Bildungsbericht können Kinder, die in mindestens einer von drei dort untersuchten Risikolagen aufwachsen, in ihren
Bildungschancen beeinträchtigt sein: formal gering qualifizierte Eltern, soziale und finanzielle Risikolage. Diese werden wie
folgt definiert: Eine finanzielle Risikolage liegt vor, wenn kein Elternteil im Haushalt erwerbstätig ist oder wenn das Familien­
einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze von 60 % des Durchschnittsäquivalenzeinkommens liegt. Eine bildungs­
bezogene Risikolage liegt vor, wenn beide Eltern weder eine abgeschlossene Berufsausbildung noch eine Hochschulzugangs­
berechtigung vorweisen können.
87
Vgl. ebd., S. 6 und S. 45. Der Bildungsbericht 2018 verdeutlicht ebenfalls, welche Merkmale einen Einfluss auf die Bildungsteil­
habe haben. So werden Bildungsbeteiligung und -ergebnisse häufig von der individuellen Förderung im Elternhaus und in der
institutionalisierten frühkindlichen Bildung, von Geschlecht oder Migrationshintergrund beeinflusst. Vgl. Autorengruppe
Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2018, Bielefeld 2018, S. 245.
88
Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2020, Bielefeld 2020, S. 42.
89
Vgl. ebd., S. 45.
90
Vgl. Stanat, Petra/Schipolowski, Stefan/Schneider, Rebecca/Sachse, Karoline A./Weirich, Sebastian/Henschel, Sofie (Hrsg.):
IQB-Bildungstrend 2021. Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik am Ende der 4. Jahrgangsstufe: im dritten Länder­
vergleich, Münster 2022, S. 217. Online unter: https://box.hu-berlin.de/seafhttp/files/0c48a86b-506a-4925-b96c-c3c229d6f57f/
IQB_Bildungstrend2021_Berichtsband.pdf, aufgerufen am 25.11.2022.
91
Die Stereotype-Threat-Theorie nimmt an, dass Menschen negative Stereotype über ihre jeweilige Gruppe verinnerlichen und da­
durch ihr Leistungspotenzial negativ beeinflusst wird.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 51

„Perspektivisch nen Leistungsfähigkeit zu entwickeln und gute


Leistungen zu erbringen. Hier ist allerdings auch
­wären deutlich ziel­ die Fähigkeit der Lehrkräfte zur Selbstreflexion
gefragt. Denn die Leistungsentwicklung hängt
gerichtetere An­ auch von den Leistungserwartungen der Lehr­

strengungen not­ kräfte ab, die sie mit den Schülerinnen und
Schülern verbinden.
wendig, um die
Chancengerechtig­ Dabei basieren diese Erwartungen nicht nur auf
den faktisch gemessenen Fähigkeiten der Kin­
keit des deutschen der, sondern werden auch beeinflusst von Ste­
reotypen über die ethnische und die soziale Her­
Bildungssystems kunft, das Geschlecht oder äußere Merkmale.

zu erhöhen und her­ Lernende, die Stereotype Threat erleben, kön­


nen in Prüfungssituationen stärker unter Ängs­
kunftsbedingte ten und Leistungsblockaden leiden, was sich ne­
gativ auf die Entfaltung ihrer Fähigkeiten
­Unterschiede im Bil­ auswirken kann. Hier können Lehrkräfte zum
dungserfolg wirk­ Beispiel mit Interventionen dazu beitragen, dass
Kinder leistungsförderliche Glaubenssätze ver­
sam abzubauen.“ innerlichen. Zum einen setzen sich Schülerin­
nen und Schüler im Rahmen der sogenannten
Werteaffirmation schriftlich mit Themen aus­
unbeabsichtigt durch ihr Handeln beeinflussen einander, die ihnen im Leben wichtig sind und
können. Eine Studie der Universität Mannheim Freude bereiten. Bei Bedrohungen ihrer Selbst­
aus dem Jahr 2018 belegt, dass Grundschulkin­ integrität aufgrund von Streotype Threat kön­
der mit einem türkischen Namen im Fach nen diese Werteaffirmationen die Kinder stär­
Deutsch – bei gleicher Leistung – von angehen­ ken. Zum anderen werden Lehrkräfte für
den Lehrkräften schlechter benotet werden. 92 motivationale Lernstrategien sensibilisiert. 94
Der SVR stellt fest, dass Kinder mit Migrations­
hintergrund häufiger damit konfrontiert sind, Eine weitere Studie stellt fest, dass zum Beispiel
dass ihnen aufgrund ihrer Herkunft seltener gu­ Lehrkräfte, die zu Beginn des ersten Schuljahres
te Leistungen zugetraut werden. 93 Die Studie legt die Kompetenzen und Leistungen ihrer Schüle­
dar, wie Lehrkräfte den Schülerinnen und Schü­ rinnen und Schüler überwiegend richtig ein­
lern mit konkreten Interventionen helfen kön­ schätzen, hinsichtlich ihrer Erwartungen teil­
nen, eine positive Überzeugung von ihrer eige­ weise systematisch von den tatsächlichen

92
Vgl. https://www.uni-mannheim.de/newsroom/presse/pressemitteilungen/2018/juli/max-versus-murat-schlechtere-noten-
im-diktat-fuer-grundschulkinder-mit-tuerkischem-hintergrund bzw. Bonenfeld, Meike/Dickhäuser, Oliver: (Biased) Grading
of ­Students’ Performance: Students’ Names, Performance Level, and Implicit Attitudes. In: Frontiers in Psychology 9:481 (2018).
Online unter: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2018.00481/full; aufgerufen am 06.07.2022.
93
Vgl. Lokhande, Mohini/Grießig, Ritva: Lernende stärken! Wie Lehrkräfte mit Weisen Interventionen wirken können. SVR-Studie,
Berlin 2021.
94
Vgl. ebd, S. 6 ff.
52 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Kompetenzen der Kinder abweichen. So wird rinnen und Schülern (94,4 %). Bei der überwie­
dargestellt, dass für Kinder aus türkeistämmi­ genden Mehrheit der gemeldeten Fälle ging die
gen Familien auch bei sonst gleichen Leistungen Diskriminierung von schulischem Personal aus
und unter Kontrolle des sozioökonomischen (68,2 %), das heißt Schulleitungen, Lehrkräfte
Hintergrunds die Lehrkräfte geringere Leistun­ (knapp 60 %) und Schulsozialarbeiterinnen und
gen erwarten als für Kinder ohne (familiäre) -arbeiter. Das ADAS-Monitoring zeigt, dass ras­
Einwanderungsgeschichte. 95 sistische Diskriminierungserfahrungen im Fo­
kus stehen: 95,5 % der Meldungen berichteten
Zum Erkennen und für den professionellen Um­
gang mit verschiedenen Formen von Rassismus
und Diskriminierung benötigen Lehrkräfte und
Schulpersonal entsprechende Kompetenzen und
„Kinder mit Migra­
Hilfestellungen. Hierfür bedarf es verbindlicher tionshintergrund
Angebote in der Aus- und Fortbildung und eine
rassismuskritische Haltung der Lehrkräfte. 96 sind häufiger damit
Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte
sollten bei Diskriminierungsvorfällen an Schu­
konfrontiert, dass
len auch auf eine unabhängige und schulexterne ihnen aufgrund ihrer
Anlaufstelle für Beratungen und Hilfestellungen
zurückgreifen können. Gerade unabhängige Be­ Herkunft seltener
ratungsangebote bedeuten für die Betroffenen
von Diskriminierung eine große Unterstützung,
gute Leistungen zu­
insbesondere wenn es sich hierbei um Kinder getraut werden.“
und Jugendliche handelt. Wie eine Unterstüt­
zung aussehen kann, zeigt beispielsweise das
Projekt ADAS aus Berlin: „Anlaufstelle Diskrimi­ von Diskriminierung aufgrund ethnischer Her­
nierungsschutz an Schulen“. Die ADAS hilft Be­ kunft, Religion und Sprache. 98
troffenen, die im Schulkontext Diskriminierung
erfahren haben. Die gemeldeten Diskriminie­ Eine Ausweitung von Unterstützungsangeboten
rungsfälle betrafen laut Monitoring97 bislang für Betroffene, Monitoring von Diskriminie­
hauptsächlich Diskriminierungen von Schüle­ rung im schulischen Bereich sowie Fortbil­

95
Vgl. Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)/Forschungsbereich beim Sachverständigenrat
deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich): Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute
Leistung fördern können, Berlin 2017, S. 31. Das Forschungs-Praxis-Projekt wurde an Schulen in Nordrhein-Westfalen (Arnsberg
und Düsseldorf) erprobt und über den Zeitraum eines Schuljahres im Rahmen einer quantitativen Untersuchung mit 889 Kindern
aus 51 fünften Klassen evaluiert. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler wurden zu drei Zeitpunkten schriftlich getestet
und befragt.
96
Vgl. von Dewitz, Nora/Massumi, Mona: Schule im Kontext aktueller Migration. In: McElvany, Nele (Hrsg.): Ankommen in der Schule.
Chancen und Herausforderungen bei der Integration von Kindern mit Fluchterfahrung, Münster 2017, S. 183.
97
Vgl. Diskriminierung an Berliner Schulen: ADAS berichtet. Monitoringbericht der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen
(ADAS) für die Jahre 2018, 2019, 2020. Online unter: https://adas-berlin.de/wp-content/uploads/2021/11/Diskriminierung-an-
Berliner-Schulen-ADAS-berichtet.pdf; aufgerufen am 06.07.2022.
98
Die Beschreibungen beziehen sich auf die Grundgesamtheit von 289 gemeldeten Diskriminierungsfällen an Schulen zwischen 2018
und 2020 in Berlin.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 53

dungsangebote für Lehrkräfte und Schulen er­ Fächern Geschichte, Sozial- bzw. Gemeinschafts­
scheinen aus Sicht der Beauftragten notwendig. kunde und Geographie. Ein wichtiges Ergebnis
der Studie war, dass Migration in Schulbüchern
Im Bildungssystem sind neben den handelnden oft als Problem und nicht als Normalität darge­
Personen auch die im Unterricht eingesetzten stellt wird. Die Chancen, die durch Diversität
Lehr- und Lernmaterialien von Bedeutung. So entstehen, werden häufig nur am Rande in den
können stereotype Darstellungen von Menschen Lehrbüchern thematisiert.
mit (familiärer) Einwanderungsgeschichte in
Schulbüchern – zum Beispiel überwiegend in der Die gemeinsame Erklärung „Darstellung von kul­
Objekt- oder Opferrolle – Konsequenzen für den tureller Vielfalt, Integration und Migration in Bil­
sozialen Status der Kinder haben. Die Schulbuch­ dungsmedien“ der Kultusministerkonferenz (KMK)
studie Migration und Integration, die von der Be­ von 2015 mit Migrantenorganisationen und Bil­
auftragten in Auftrag gegeben und im März 2015 dungsmedienverlagen wurde im Oktober 2015
vorgestellt wurde, verfolgt das integrationspoli­ mit dem Ziel verabschiedet, interkulturelle Viel­
tische Ziel, zur Verbesserung sowie Diskus­sion falt als eine gesellschaftliche Selbstverständlich­
über eine angemessene und diskriminierungs­ keit in Schulen zu verankern.100 Demokratiebil­
freie Darstellung der Themen Migration und In­ dung und Menschenrechtsbildung stellen für alle
tegration in Schulbüchern beizutragen. 99 Die Lernenden unverzichtbare Lerninhalte dar. Mit
Studie beleuchtet, ob und wie Schulbücher Inte­ den KMK-Empfehlungen zur Demokratie und
gration, Migration und die damit einhergehende Menschenrechtsbildung in der Schule haben sich
gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln. Analy­ die Länder 2018 auf eine noch stärkere Veranke­
siert wurden hierfür Schulbücher (Text und Bild­ rung der Demokratie- und Menschenrechtsbil­
material) der Sekundarstufen I und II in den dung in Unterricht und Schulalltag verständigt.101

99
Online unter: https://www.integrationsbeauftragte.de/resource/blob/1865420/1882552/1ac1be68e9282c81dd238438b5c9a867/
schulbuchstudie-data.pdf?download=1; aufgerufen am 06.12.2022.
100
Online unter: http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015_10_08-Darstellung-
kultureller­Vielfalt.pdf; aufgerufen am 06.12.2022. Mit Blick auf die wachsende Vielfalt im Bildungsbereich hat die Kultusminister­
konferenz (KMK) verschiedene Empfehlungen und Erklärungen zu interkultureller Bildung und Erziehung in der Schule ent­
wickelt. Zu den Erklärungen der KMK, die das Handlungsfeld der interkulturellen Vielfalt aufgreifen, zählen u. a. die gemeinsame
Erklärung „Darstellung von kultureller Vielfalt, Integration und Migration in Bildungsmedien“ der KMK von 2015 mit Migranten­
organisationen und Bildungsmedienverlagen sowie der KMK-Beschluss von 2017 (bzw. 1996) „Interkulturelle Bildung und Erziehung
in der Schule“ und die Umsetzung der erarbeiteten Eckpunkte in den Schulen. Online unter: https://www.kmk.org/themen/
allgemeinbildende­schulen/weitere­unterrichtsinhalte­und­themen/interkulturelle­bildung.html. Im Beschluss der KMK
­„ Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt. Gemeinsame Empfehlung von Hochschulrektorenkonferenz und Kultusminister­
konferenz“ von 2015 heißt es: „HRK und KMK fordern alle an der Lehrerbildung Beteiligten auf, ihrer Verantwortung für die
notwendige institutionelle, konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung der Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt nachzu­
kommen. Sie vereinbaren, in geeigneten Zeitabständen den Stand der Umsetzung zu erfassen und zu reflektieren.“ Online unter:
http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015_03_12-Schule-der-Vielfalt.pdf; aufgerufen
am 06.12.2022. Ende 2020 wurde ein umfangreicher Zwischenbericht zur Umsetzung der gemeinsamen Erklärung verabschiedet.
Online unter: https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2020/2020_12_10-Zwischenbericht-Umsetzung-
Schule-der-Vielfalt.pdf; aufgerufen am 25.11.2022.
101
Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule (Beschluss der Kultus­
ministerkonferenz vom 06.03.2009 i. d. F. vom 11.10.2018). Online unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/
PresseUndAktuelles/2018/Beschluss_Demokratieerziehung.pdf; aufgerufen am 06.12.2022; und Menschenrechtsbildung in der
Schule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 04.12.1980 i.d.F. vom 11.10.2018). Online unter: https://www.kmk.org/
fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2018/Beschluss_Menschenrechtserziehung.pdf; aufgerufen am 25.11.2022.
54 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Des Weiteren setzen sich die Länder mit verschie­ Neben Schulen werden auch Kindertagesstätten
denen Maßnahmen gegen Diskriminierung und zunehmend zu Orten, an denen sich die vielfäl­
gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein. tige Gesellschaft demografisch widerspiegelt
Grundsätzlich kommt dem Bildungssystem auch und in deren Kontexten es auch zu Formen von
bei der Integration vulnerabler Gruppen, darun­ institutionellem Rassismus kommen kann.103
ter geflüchtete Kinder und Jugendliche, eine wich­ Das Projekt „KiDs – Kinder vor Diskriminierung
tige Rolle zu. Die Beauftragte begrüßt die KMK- schützen!“ bietet bei Diskriminierungsfällen in
Erklärungen und Beschlüsse und betont die Berlin Beratung und Begleitung an. KiDs berät
Notwendigkeit einer regelmäßigen Evaluation zu allen Lebensbereichen, in denen Kinder (im
und verbindlichen Zielsetzung, um die weitere Alter von 0 bis 12 Jahren) von Diskriminierun­
Umsetzung dieser wichtigen Punkte zu gewähr­ gen betroffen sein können. Hierzu zählen zum
leisten. Beispiel Kindertageseinrichtungen, der schuli­
sche Bereich wie auch Ämter und Behörden. Das
Die Lehrplanstudie Migration und Integration Angebot richtet sich an Kinder und an Erwach­
des Mercator Forums Migration und Demokra­ sene, ist kostenfrei und kann in verschiedenen
tie, die im Auftrag der Beauftragten verfasst Sprachen erfolgen. Das Projekt berät im Rahmen
wurde, stellte fest, dass die Themen Migration des horizontalen Ansatzes hinsichtlich Diskri­
und Integration in die Lehrpläne deutscher minierungserfahrungen aufgrund aller Diskri­
Schulen Eingang gefunden haben. Die Realität minierungsdimensionen und mehrdimensiona­
der deutschen Einwanderungsgesellschaft spie­ ler Diskriminierung. Dabei ist die Perspektive
geln sie jedoch noch nicht angemessen wider. So der Ratsuchenden der Ausgangspunkt der Bera­
meldeten einige Interviewte aus der Lehrkräfte- tung und Intervention. Gesellschaftliche Macht­
Fortbildung, dass insbesondere „intersektionale“ verhältnisse und Ungleichheitsstrukturen wer­
Themen sowie eine fächerunabhängige rassis­ den hier ebenfalls berücksichtigt.104 Damit
muskritische Bildung für die Lehrkräfte in die Diskriminierung jeglicher Art sowohl beim Zu­
Ausbildung integriert werden sollten.102 Schulen gang zu den Einrichtungen als auch in der Kin­
müssen stärker dabei unterstützt werden, rassis­ dertagesbetreuung vermieden wird, ist eine be­
mus- und diskriminierungskritische Bildung wusste Auseinandersetzung mit dem Thema
umzusetzen. Lehrmaterialien zu Migration und Rassismus schon im Bereich der frühkindlichen
diversitätssensibler Bildung können wichtige Bildung sinnvoll und notwendig.
Unterstützung mit Blick auf eine wertschätzende
Schulkultur und Unterrichtsgestaltung bieten.

102
Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hrsg.): Lehrplanstudie Migration und
­Integration, Berlin 2021, S. 74. Online unter: https://www.integrationsbeauftragte.de/resource/blob/1872554/1880068/
ce14c357416b8c410d5df58050a52c3d/lehrplanstudie-data.pdf?download=1; aufgerufen am 02.08.2022.
103
Vgl. Bostancı, Seyran/Biel, Christina/Neuhauser, Bastian: „Ich habe lange gekämpft, aber dann sind wir doch gewechselt.“
­Eine explorativ-qualitative Pilotstudie zum Umgang mit institutionellem Rassismus in Berliner Kitas. NaDiRa Working Papers 1:
Forschungsergebnisse aus Kurzstudien des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa), Berlin 2022.
104
K iDs ist ein Projekt der Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung am Institut für den Situations­
ansatz (ISTA) und wird aus Mitteln der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung sowie der
­Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin finanziert. Online unter: https://kids.kinderwelten.net/de/
Beratung%20gegen%20Diskriminierung; aufgerufen am 09.11.2022.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 55

4.3 Hochschulbereich

Hochschulen in Deutschland verstehen sich per Zu den sechs Bausteinen zählen:


se als weltoffene Orte, die Meinungsvielfalt und
internationalen Austausch zur Grundlage ha­ 1. Identifikation von Diskrimi­
ben.105 Umso wichtiger ist es, Rassismus auch nierungs­risiken, Umfragen und
dort frühzeitig zu erkennen und konsequent da­ ­Monitoring
gegen vorzugehen. Inzwischen beginnen erste 2. Vernetzung und Internationa­
Hochschulen damit, das Thema Rassismus an lisierung
Hochschulen explizit zu adressieren und damit 3. Sensibilisierung, Empowerment
zusammenhängende institutionelle Maßnah­ und ­Öffentlichkeitsarbeit
men zu ergreifen. So wurde an der Universität 4. A ntidiskriminierungs-, Erst- und
Köln im März 2022 beispielsweise die Stelle einer ­Verweisberatung
Beauftragten für Rassismuskritik eingerichtet.106 5. Einrichtung von Beschwerdestellen
Insgesamt gibt es wenig Forschung über Rassis­ 6. Positive Maßnahmen
mus im Hochschlkontext. Vorliegende empiri­
sche Studien beziehen sich vor allem auf Inter­
nationalisierung, Vielfalt und Diversität an
Hochschulen.107 Die Bausteine sollen auf alle im AGG genannten
Merkmale angewandt werden; sie sind nicht
Konkrete Vorschläge zur Identifizierung von auf Diskriminierung aufgrund der ethnischen
und zum Umgang mit Diskriminierung an Herkunft begrenzt.
Hochschulen hat die ADS mit der Broschüre
„Bausteine für einen systematischen Diskrimi­ Wünschenswert wären vor allem repräsentative
nierungsschutz an Hochschulen“ entwickelt. (Wiederholungs-)Studien zu Rassismuserfah­
Darin werden sechs Bausteine formuliert und rungen an Hochschulen. Zu beachten bleibt, dass
mit Beispielen von Praxismaßnahmen veran­ der Schutz des AGG für Studierende grundsätz­
schaulicht, wie Diskriminierungsschutz an lich nicht gilt.
Hochschulen umgesetzt werden kann.108

105
Vgl. Erklärung der Hochschulenrektorenkonferenz (HRK). Online unter: https://www.hrk.de/weltoffene-hochschulen; aufgerufen
am 24.06.2022.
106
Vgl. https://vielfalt.uni-koeln.de/rassismuskritik/beauftragte-fuer-rassimuskritik; aufgerufen am 06.12.2022.
107
Vgl. Sachverständigenrat für Integration und Migration (Hrsg.): Zugangstor Hochschule. Internationale Studierende als Fachkräfte
von morgen gewinnen, Berlin 2015. Online unter: https://www.svr-migration.de/publikationen/zugangstor-hochschule; aufgerufen
am 24.06.2022; Zeitschrift für Hochschulentwicklung Jg. 15/Nr. 3: Diversität an Hochschulen – Chancen und Herausforderungen
auf dem Weg zu exzellenten und inklusiven Hochschulen, Graz 2020; Feuser, Florian/Ramos Méndez-Sahlender, Carmen/Stroh,
Christiane (Hrsg.): Diversität an Hochschulen. Unterschiedlichkeit als Herausforderung und Chance. Bielefeld 2019.
108
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Hrsg.): Bausteine für einen systematischen Diskriminierungsschutz an Hochschulen,
Berlin 2020. Online unter: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/lebensbereiche/
bildungsbereiche/hochschule/hochschule.html; aufgerufen am 27.06.2022.
56 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

4.4 Ausbildung und Arbeitsleben schem Namen und ohne Kopftuch, damit sie zu
einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden.
Ausbildung und Arbeit sind Grundpfeiler gesell­ Bei höherqualifizierten Stellen mussten sie sich
schaftlicher Teilhabe. Dort muss es gleichberech­ sogar knapp acht Mal so oft bewerben.111 Ebenso
tigte Chancen für alle Menschen in Deutschland belegen weitere Studien, zum Beispiel des Wis­
geben, egal welcher sozialen oder geografischen senschaftszentrums Berlin (WZB), dass Men­
Herkunft, welchen Geschlechts oder Alters. schen muslimischen Glaubens und Schwarze

Eine Diskriminierung aufgrund von Herkunft


oder Religion darf keinen Platz haben, sie ist
dennoch für viele Menschen Realität, ob bei der „Im Arbeitsleben
Bewerbung um Ausbildungsplätze oder Jobs, im
Arbeitsalltag oder bei Beförderungen. Dabei un­
­besonders stark von
terscheidet sich das Ausmaß nach Berufsbereich, Diskriminierung
Religionszugehörigkeit oder zugeschriebenem
Herkunftsland und ausgeschriebener Position b
­ etroffen sind
und ist zudem oftmals mit anderen Diskrimi­
nierungsmerkmalen wie Alter oder Geschlecht
­Musliminnen, die ein
verschränkt.109 Kopftuch tragen.“
Im Bereich der Ausbildung, zum Beispiel bei der
Auswahl von sich bewerbenden Personen, finden Menschen ein deutlich höheres Diskriminie­
vor allem Diskriminierungen anhand der Her­ rungsrisiko haben und bei der Bewerbung um
kunft statt. Etwa aufgrund einer (zugeschrie­ einen Arbeitsplatz signifikant benachteiligt
benen) Herkunft aus Nahost und Nordafrika ­werden.112
(MENA-Region) oder der Türkei.110 Im Arbeits­
leben besonders stark von Diskriminierung be­ Auch in der öffentlichen Arbeitsvermittlung
troffen sind Musliminnen, die ein Kopftuch tra­ können Diskriminierungsrisiken für Menschen
gen. Alarmierend sind hier die Ergebnisse einer mit (familiärer) Einwanderungsgeschichte be­
Studie der Ökonomin Doris Weichselbaumer. Im stehen, zum Beispiel bei der Ablehnung eines
Rahmen der Studie wurden 1.500 fiktive Bewer­ Gutscheins für eine Weiterbildung im Jobcenter
bungen an Unternehmen verschickt. Kopftuch­ oder der Arbeitsagentur. Mitunter kann hinter
tragende Frauen mit türkisch gelesenem Namen solchen ablehnenden Entscheidungen auch eine
mussten sich viereinhalbmal so oft bewerben negative Erfolgsprognose stehen, die sich nur
wie gleich qualifizierte Frauen mit typisch deut­ auf äußerlich erkennbare Merkmale wie zum

109
Vgl. Wegschaider, Klaudia: Arbeiten. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Faktensammlung Diskriminierung. Kontext Einwanderungs­
gesellschaft, Gütersloh 2018, S. 58 f.
110
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativ- und
einer Betroffenenbefragung, Berlin 2017.
111
Vgl. Weichselbaumer, Doris: Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves, IZA – Forschungsinstitut zur Zukunft
der Arbeit, Bonn 2016. Online unter: https://docs.iza.org/dp10217.pdf; aufgerufen am 30.09.2022.
112
Vgl. Koopmans, Ruud/Veit, Susanne/Yemane, Ruta: Ethnische Hierarchien in der Bewerberauswahl. Ein Feldexperiment zu den
Ursachen von Arbeitsmarktdiskriminierung, Discussion Paper SP VI 2018-104, Berlin 2018.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 57

Beispiel das Alter, die ethnische Herkunft oder beitsmarkt enthält die „Faktensammlung Dis­
eine Behinderung stützt.113 kriminierung“ der Bertelsmann Stiftung.114 Auf
der Website der ADS ist ebenfalls ein breitgefä­
chertes wissenschaftliches Informationsangebot
abrufbar.

„Die Mehrheit der Rassismus kann nur durch ein aktives Gegen­
wirken bekämpft werden, auch am Ausbildungs-
deutschen Bevölke­ und Arbeitsplatz. Daher spielen bei der Bekämp­

rung (57 %) wünscht, fung von Rassismus Unternehmen, aber auch


Gewerkschaften, eine zentrale Rolle. Die Beauf­
dass deutsche Unter­ tragte ist dankbar, dass sich die Sozialpartnerin­
nen und -partner dafür engagieren. So setzen
nehmen in der Öf­ beispielsweise arbeitnehmer- und arbeitgeber­

fentlichkeit stärker nahe Träger die vom Bundesministerium für


Arbeit und Soziales (BMAS) geförderte Initiative
Haltung g­ egen Ras­ für betriebliche Demokratiekompetenz um.115
Diese zielt darauf ab, Demokratie in der Arbeits­
sismus z­ eigen. welt zu stärken, Rassismus und Verschwörungs­

Gleichzeitig sind erzählungen entgegenzutreten und in diesem


Zusammenhang Angebote für Belegschaften,
57 % der Beschäftig­ Betriebe und Berufsschulen zu entwickeln. Das

ten der Auffassung, BMAS begleitet das Programm gemeinsam mit


dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Das
dass sich rechtsext­ gewerkschaftliche Engagement gegen rassisti­
sche Diskriminierung kann auf eine lange His­
reme Vorkommnisse torie zurückblicken. Bereits in den 1980er Jah­

negativ auf den ren wurde die Initiative „Mach meinen Kumpel
nicht an!“ ins Leben gerufen.116
Wirtschaftsstandort Wichtige Hebel, um die Sensibilität für mögliche
auswirken können.“ Diskriminierung auch innerhalb von Beleg­
schaften zu fördern, sind neben einem Verhal­
tenskodex auch Weiterbildungsmaßnahmen.
Einen Überblick zu Studien über die verschiede­ Solche Angebote wünschen sich rund 39 % der
nen Ausprägungen von Rassismus auf dem Ar­ Beschäftigten.117 Umfrageergebnisse einer Stu­

113
Vgl. Brussig, Martin u. a.: Diskriminierungsrisiken in der öffentlichen Arbeitsvermittlung, Berlin 2017.
114
Bertelsmann Stiftung: Faktensammlung Diskriminierung. Kontext Einwanderungsgesellschaft, Gütersloh 2018. Online unter:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/faktensammlung-diskriminierung-2018.
115
Vgl. https://betriebliche-demokratiekompetenz.de/ueber-uns/; aufgerufen am 07.10.2022.
116
Vgl. https://www.gelbehand.de/ueber-uns; aufgerufen am 07.10.2022.
117
Vgl. Gesicht zeigen!, EY, Civey: Rassismus im Kontext von Wirtschaft und Arbeit. Bestandsaufnahme und Handlungsoptionen,
o. Ort 2020.
58 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

die der Organisationen „Gesicht zeigen!“, „Ernst Die Beauftragte begrüßt, dass sich viele Initiati­
& Young“ sowie „Civey“ kamen zu dem Schluss, ven von arbeitnehmer- und arbeitgebernahen
dass 27 % der Beschäftigten sagten, dass es in ih­ Organisationen auf den Weg gemacht haben,
rem Unternehmen keine Ansprechpartnerinnen um gegen Rassismus und für gleichberechtigte
und -partner im Falle rassistischer Vorfälle gebe. Chancen am Arbeitsmarkt zu wirken.
Weitere 27 % wussten nicht, ob jemand verfüg­
bar sei. Betroffene von Rassismus wünschten Der Verein „Charta der Vielfalt e.V.“, für den
neben der Unterstützung durch den Betriebs- Bundeskanzler Olaf Scholz die Schirmherr­
oder Personalrat (37 %) auch Beschwerdestellen schaft übernommen hat, führt ein von der Be­
(29 %) oder psychologische Hilfe (20 %). Struktu­ auftragten kofinanziertes Projekt durch, das
relle Anpassungen in den Unternehmen ent­ Schulungsformate und Tools zur Kompetenz­
sprechend diesen Wünschen bieten neben dem stärkung von Arbeitnehmenden erstellt. Ziel ist
Aufdecken und Sanktionieren von Vorfällen es, einen respektvollen und kollegialen Umgang
auch Hilfe für Betroffene. Zudem profitieren im Berufsleben zu fördern.
Unternehmen selbst, wenn sie ein modernes,
­offenes und inklusives Betriebsklima schaffen.
Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung (57 %)
wünscht, dass deutsche Unternehmen in der
Öffentlichkeit stärker Haltung gegen Rassismus
zeigen. Gleichzeitig sind 57 % der Beschäftigten
der Auffassung, dass sich rechtsextreme Vor­
kommnisse negativ auf den Wirtschaftsstandort
auswirken können.118

Auch die Fachkommission Integrationsfähigkeit


betont, dass die Diskriminierung am Arbeits­
markt nicht nur negative Auswirkungen für die
Betroffenen hat, „sondern für die Wirtschaft
und die Gesellschaft insgesamt, weil sie das Ein­
kommensniveau verringert, die Ungleichvertei­
lung von Beschäftigungschancen und Einkom­
men erhöht, die Arbeitsmotivation und
Arbeitsproduktion der betroffenen Gruppen
senkt und Segregation fördert.“119

Ebd.
118

Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit (Hrsg.): Gemeinsam die Einwan­
119

derungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrations­
fähigkeit, Berlin 2020, S. 163.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 59

4.5 Öffentliche Verwaltung den Datenlage nicht beantworten. Die Befunde


aus den repräsentativen Beschäftigtenbefragun­
Wie die Fachkommission Integrationsfähigkeit gen in der Bundesverwaltung (Diversität und
festgestellt hat, sind Repräsentationslücken in Chancengleichheit Survey) geben Aufschluss
den Institutionen, die das Gemeinwesen symbo­ über den Stand der interkulturellen Öffnung der
lisieren und vertreten, in Demokratien ein ge­ Bundesverwaltung. Die Bevölkerung mit Migra­
tionshintergrund ist in der Bundesverwaltung
mit einem durchschnittlichen Anteil von 12 %

„Die Bevölkerung (gegenüber 26 % in der Gesamtbevölkerung,


Stand zum Zeitpunkt der Erhebung 2019) deut­
mit Migrations­ lich unterrepräsentiert. Beschäftigte mit Migra­

hintergrund ist in tionshintergrund sind zudem seltener in höhe­


ren Laufbahngruppen tätig und häufiger
der Bundesverwal­ überqualifiziert beschäftigt. Die empirischen Er­
gebnisse belegen schlechtere Karrierechancen.
tung mit einem Nachteile bestehen nicht nur bei der beruflichen

durchschnittlichen Platzierung zu Einstellungsbeginn, sondern


auch im Verlauf der weiteren Erwerbstätigkeit in
Anteil von 12 % der Bundesverwaltung, zum Beispiel bei Verbe­
amtungen, Beförderungen oder der Besetzung
­(gegenüber 26 % in von Führungspositionen.121

der Gesamtbevölke­ Aktuell setzt sich beispielsweise das Projekt


rung, Stand zum ­„Diversität in der Bundesverwaltung am Beispiel
des BMFSFJ“ mit Fragen von Diversität, Diskri­
Zeitpunkt der Erhe­ minierung und der Beschäftigtenstruktur aus­
bung 2019) deutlich einander. Das Projekt stellt eine Kooperation
zwischen dem DeZIM und Citizens For Europe
unterrepräsentiert.“ gUG (CFE) dar und wird als Maßnahme Nr. 66
des Kabinettausschusses zur Bekämpfung von
Rechtsextremismus und Rassismus (vgl. Kapitel
samtgesellschaftliches Problem.120 Welchen An­ 5.3) durch das BMFSFJ gefördert. So werden
teil rassistische Diskriminierung daran hat, dass ­unter anderem die Hürden und strukturellen
die gesellschaftliche Vielfalt zum Beispiel in Zugangsbeschränkungen für Menschen mit
staatlichen Institutionen nicht ausreichend re­ ­(familiärer) Einwanderungsgeschichte sowie
präsentiert ist, lässt sich anhand der bestehen­ Menschen mit anderen diskriminierungsrele­

E bd. S. 166.
120

Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration/Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
121

(Hrsg.): Kulturelle Diversität und Chancengleichheit in der Bundesverwaltung. Ergebnisse der ersten gemeinsamen
­Beschäftigtenbefragung der Behörden und Einrichtungen im öffentlichen Dienst des Bundes, Ostbevern 2020. Online unter:
https://www.bib.bund.de/Publikation/2020/pdf/Kulturelle-Diversitaet-und-Chancengleichheit-in-der-Bundesverwaltung.pdf;
aufgerufen am 06.12.2022.
60 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

vanten Dimensionen anhand des Beispiels Aufgaben aus der ausgeschriebenen Stelle zu er­
BMFSFJ untersucht, die den Zugang wie auch füllen. Die Bundesregierung erarbeitet gemäß
den Verbleib im öffentlichen Dienst systema­ Koalitionsvertrag in dieser Legislaturperiode eine
tisch erschweren.122 Der Bericht der Fachkom­ ganzheitliche Diversity-Strategie mit konkreten
mission Integrationsfähigkeit empfiehlt, dass Fördermaßnahmen, Zielvorgaben und Maßnah­
der öffentliche Sektor hier hinsichtlich Diversi­ men für einen Kulturwandel in der Bundesver­
tät Vorbild sein sollte.123 waltung und Unternehmen mit Bundesbeteili­
gung. Diese Maßnahmen sollen umfassend dazu
Um (rassistische) Diskriminierung zu bekämp­ beitragen, diversitätssensible Organisations­
fen, bedarf es Diversitätsförder- und Antidiskri­ strukturen zu schaffen und die Repräsentanz
minierungsmaßnahmen (positive Maßnahmen). auch von Menschen mit (familiärer) Einwande­
Damit sind konkrete Maßnahmen gemeint, die rungsgeschichte zu erhöhen. Sie haben positive
rechtlich zulässig ergriffen werden können, um Konsequenzen auf das berufliche Wohlbefinden
benachteiligte Gruppen zu fördern und beste­ und können struktureller Diskriminierung ent­
hende Nachteile (zum Beispiel schlechtere Be­ gegenwirken.
schäftigungs- und Beförderungschancen) aus­
zugleichen. Dazu zählen die ausdrückliche Mehr Repräsentanz und Teilhabe soll auch das
Aufforderung zur Bewerbung, anonymisierte im Koalitionsvertrag zur 20. Legislaturperiode
Bewerbungsverfahren oder spezifische Eig­ vereinbarte Bundespartizipationsgesetz beför­
nungskriterien, wie zum Beispiel Sprachkennt­ dern (vgl. Kapitel 5.8). Beide Vorhaben – ganz­
nisse oder interkulturelle Kompetenz, die als heitliche Diversity-Strategie und Bundespartizi­
nicht-konstitutive Merkmale („wünschenswert“/ pationsgesetz – sind für die Beauftragte wichtige
„erwünscht“) im Anforderungsprofil angegeben Anliegen, die sie im Rahmen ihrer Zuständigkeit
werden, sofern diese erforderlich sind, um die mit vorantreibt.

122
Vgl. https://www.dezim-institut.de/projekte/projekt-detail/diversitaet-in-der-bundesverwaltung-dibu-2-20; aufgerufen am
29.09.2022.
123
Vgl. Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit (Hrsg.): Gemeinsam die
­Einwanderungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der
­Integrationsfähigkeit, Berlin 2020, S. 166 f.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 61

4.6 Repräsentanz in der Politik Häufig sind gegen sie gerichtete Straftaten,
Hass und Anfeindungen rassistisch moti-
Eine starke Demokratie lebt von starken Teil­ viert. Sie sind gegenüber Frauen oftmals
habemöglichkeiten aller Menschen, die in einem mit ­sexistischen Anfeindungen verknüpft.
Land leben. Doch Menschen mit (familiärer)
Einwanderungsgeschichte, die derzeit gut 27 %
der Bevölkerung Deutschlands ausmachen,
sind in der Politik bislang noch deutlich unter­
„Im Bundestag
repräsentiert.124 Im Bundestag zum Beispiel ­haben in der 20. Le­
­haben in der 20. Legislaturperiode nur 11,3 %
der Abgeordneten eine (familiäre) Einwande­
gislaturperiode nur
rungsgeschichte.125 Gleichzeitig leiden solche 11,3 % der Abgeord­
Politikerinnen und Politiker in besonderem
Maß unter Angriffen sowie Hasskriminalität, neten e­ ine (familiäre)
die online und offline stattfinden.126
Einwanderungs­
Straftaten gegen Amts- und Mandatsträge­ geschichte. Gleich­
rinnen und -träger werden seit Januar 2019
zentral in der PMK-Statistik erfasst und ver­ zeitig leiden solche
zeichnen seitdem eine stetige Zunahme. So
stieg die Anzahl dieser Straftaten zwischen
Politikerinnen und
2019 und 2021 um 205,75 % an (2019: 818 Straf­ Politiker in beson­
taten; 2021: 2.501 Straftaten).127 Einen trauri­
gen Höhepunkt bildet der Mord an dem Kasse­
derem Maß unter
ler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke Angriffen sowie
im Juni 2019 (vgl. Einleitung). Obwohl auch
­Politikerinnen und Politiker ohne (familiäre) Hasskriminalität,
Einwanderungsgeschichte unter Anfeindun­
gen und Hassrede leiden, wie zum Beispiel der
die online und
Fall der Politikerin Renate Künast zeigt128, sind o
­ ffline stattfinden.“
­Personen mit (familiärer) Einwanderungsge­
schichte in besonderem Maße davon betroffen.

124
Laut dem Statistischen Bundesamt hatten im Jahr 2021 53 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (knapp 11,8 Millionen
Menschen) die deutsche Staatsangehörigkeit. Vgl. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/04/
PD22_162_125.html; aufgerufen am 08.11.2022.
125
Vgl. Mediendienst Integration: Politische Teilhabe. Online unter: https://mediendienst-integration.de/integration/politik.html;
aufgerufen am 21.06.2022.
126
Ebd.
127
Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat/Bundeskriminalamt: Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2021 –
­Bundesweite Fallzahlen, S. 16; Bundesministerium des Innern und für Heimat/Bundeskriminalamt: Politisch motivierte
­K riminalität im Jahr 2020 – Bundesweite Fallzahlen, S. 12.
128
Vgl. „Künast setzt sich im Streit mit Hassposts durch“. Online unter: https://www.sueddeutsche.de/politik/hass-und-hetze-renate-
kuenast-bundesverfassungsgericht-facebook-1.5520400; aufgerufen am 22.06.2022.
62 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Es gibt mehrere prominente Beispiele, die dies Um Rassismus in der Politik zu bekämpfen und
belegen: So zog der aus Syrien geflüchtete Jurist politische Teilhaberechte von Menschen mit
Tareq Alaows, der als Direktkandidat von Bünd­ ­(familiärer) Einwanderungsgeschichte zu stärken,
nis 90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen für müssen Zugangshindernisse in die Politik iden­
die Bundestagswahl aufgestellt worden war, seine tifiziert und abgebaut werden. Zudem müssen
Kandidatur im März 2021 zurück, nachdem es die Handlungsfähigkeiten und die Resilienz von
anonyme Morddrohungen gegen ihn und seine Politikerinnen und Politikern mit (familiärer)
Familie gegeben hatte. Ein weiteres Beispiel ist Einwanderungsgeschichte im Umgang mit Hass,
der Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby, Hetze und Rassismus gestärkt werden. Dem wird
auf dessen Wahlkreisbüro im Jahr 2020 Schüsse die Beauftragte sich in dieser Legislaturperiode
abgegeben wurden.129 Oftmals finden die Atta­ widmen (vgl. Kapitel 6).
cken und Anfeindungen aber nicht physisch statt,
sondern online. Belit Onay, der im Jahr 2019
als erster Deutscher mit (familiärer) Einwande­
rungsgeschichte zum Oberbürgermeister von
Hannover gewählt wurde, berichtete davon, dass
am Morgen nach seinem Wahlsieg Hasskom­
mentare im Sekundentakt auf seinen Social-­
Media-Kanälen eingegangen seien.130 Auch die
Kommunalpolitikerin Gollaleh Ahmadi berich­
tet davon, dass sie digitaler Gewalt, häufig in
Form von rassistisch-sexistischen Anfeindungen,
ausgesetzt sei.131

129
Vgl. „Schüsse auf das Büro des SPD-Politikers Karamba Diaby“. Online unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/
2020-01/karamba-diaby-halle-buero-spd-politiker-schuesse?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F; aufgerufen
am 22.06.2022.
130
Vgl. „Was im Netz passiert, hat nichts mit politischem Diskurs zu tun“. Online unter: https://www.stark-im-amt.de/magazin/
was-im-netz-passiert-hat-mit-politischem-diskurs-nichts-zu-tun/; aufgerufen am 21.06.2022.
131
Vgl. „Stärke! Wir sprechen mit Gollaleh Ahmadi“. Online unter: https://www.stark-im-amt.de/magazin/was-im-netz-passiert-
hat-mit-politischem-diskurs-nichts-zu-tun/; aufgerufen am 22.06.2022.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 63

4.7 Gesundheit derlichen Leistungen umfassen. Eine Versor­


gung mit Zahnersatz erfolgt nur, soweit dies aus
Der Schutz und der Erhalt der eigenen Gesund­ medizinischen Gründen unaufschiebbar ist. Be­
heit ist ein hohes Gut, dem das Gesundheitswe­ stimmte Vorsorgeleistungen, Schutzimpfungen
sen dient. Wechselseitiges Verstehen und Ver­ sowie Gesundheitsleistungen im Zusammen­
ständnis, Gesundheitskompetenz und ein hang mit Schwangerschaft und Geburt werden
rassismus- und diskriminierungsfreier Zugang hingegen gewährt.
stärken das Vertrauen in die medizinische und
pflegerische Versorgung, verbessern Kommuni­ Dennoch bestehen rechtliche Zugangsbeschrän­
kation und Mitwirkung und tragen maßgeblich kungen sowie faktische Barrieren insbesondere
zu einer guten Gesundheitsversorgung bei. beim Zugang Geflüchteter zu umfassenden Ge­
sundheitsleistungen. In sieben Ländern (Bayern,
Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vor­

„In Deutschland gibt pommern, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt)


erfolgt die Gesundheitsversorgung nach dem
es Unterschiede beim AsylbLG während der ersten 18 Monate in der
Regel über die zuvor einzuschaltenden Leis­
Zugang zu Gesund­ tungsbehörden. Das führt dazu, dass der unmit­

heitsleistungen, telbare Zugang zu ärztlichem Fachpersonal auf­


grund der vielfach erforderlichen
die sich auch an der Krankenscheine zur Kostenübernahme davon
abhängig ist, dass medizinisch nicht versiertes
Differenzlinie Personal (beispielsweise Sozialämter) darüber
A
­ ufenthaltsstatus entscheidet, ob die ärztliche Behandlung erfor­
derlich ist und beim Gang zum Arzt entstehende
festmachen lassen.“ Kosten übernommen werden. Neun Länder
(Bremen, Hamburg, Berlin, Brandenburg, Nie­
dersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-
Dennoch gibt es in Deutschland Unterschiede Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen) ma­
beim Zugang zu Gesundheitsleistungen, die sich chen bereits in den ersten 18 Monaten von der
auch an der Differenzlinie Aufenthaltsstatus Möglichkeit zur auftragsweisen Betreuung von
festmachen lassen. Hilfebedürftige Personen, Leistungsberechtigten nach dem AsylbLG durch
die aufgrund ihres Aufenthaltsstatus dem Asyl­ die gesetzlichen Krankenkassen nach § 264 Abs.
bewerberleistungsgesetz (AsylbLG) unterfallen, 1 SGB V Gebrauch. Leistungsberechtigte nach
erhalten während der ersten 18 Monate ihres dem AsylbLG erhalten damit einen deutlich er­
Aufenthalts im Bundesgebiet lediglich Gesund­ leichterten Zugang zum Gesundheitssystem
heitsleistungen, welche die zur Behandlung durch Ausstellung einer elektronischen Gesund­
akuter Erkrankungen und Schmerzzustände er­ heitskarte (eGK). Die Beauftragte unterstützt mit
forderliche ärztliche und zahnärztliche Behand­ Nachdruck die bundesweite Implementierung
lung, einschließlich der Versorgung mit Arznei- einer solchen elektronischen Gesundheitskarte
und Verbandsmitteln sowie sonstige zur für Asylsuchende. Ein gesundheitsbedingter
Genesung, zur Besserung oder zur Linderung Mehrbedarf aufgrund chronischer Erkrankun­
von Krankheiten oder Krankheitsfolgen erfor­ gen oder etwa Hörhilfen, Brillen oder Ähnliches
64 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

ist rechtlich zudem lediglich als Ermessensleis­ stehen auf Ersuchen der Ausländerbehörde
tung ausgestaltet, selbst wenn eine Leistung im (§ 87 Abs. 1 AufenthG) sowie bei Bekanntwerden
Einzelfall zur Sicherung der Gesundheit uner­ bestimmter gesetzlich festgelegter Umstände
lässlich ist (§ 6 Abs. 1 AsylbLG). (§ 87 Abs. 2 AufenthG), etwa bei Verstoß gegen
die räumliche Beschränkung. Diese sogenannte
Ebenfalls eingeschränkt ist die Gesundheitsver­ Spontanübermittlungspflicht entsteht aber
sorgung von ausländischen Staatsangehörigen, nicht immer, wenn eine öffentliche Stelle von
die keine Versicherungsleistungen erhalten, da solchen Umständen Kenntnis hat, sondern nur,
sie entweder keinen Aufenthaltstitel oder einen wenn die Kenntnis im Rahmen der konkreten
ungeklärten Versicherungsstatus haben.132 In Aufgabenerfüllung erlangt wurde. Schulen so­
Deutschland leben geschätzt zwischen 61.000 wie Bildungs- und Erziehungseinrichtungen
(offizielle Erhebung Mikrozensus 2019) und müssen als einzige öffentliche Einrichtungen
mehrere hunderttausend Personen ohne Kran­ keine personenbezogenen Daten auf Ersuchen
kenversicherung. Expertinnen und Experten der Ausländerbehörde übermitteln. Ob letztend­
zufolge liegt hier eine hohe Dunkelziffer vor, lich im Einzelfall personenbezogene Daten tat­
denn nicht registrierte Migrantinnen und Mi­ sächlich übermittelt werden dürfen oder nicht,
granten sowie Wohnungslose bleiben teilweise hängt von einer komplexen juristischen Prü­
unberücksichtigt.133 Für Menschen ohne Kran­ fung dazu ab, ob es für die jeweilige öffentliche
kenversicherung bieten hier Clearingstellen in Stelle überhaupt eine Übermittlungsbefugnis
verschiedenen Ländern Unterstützung an. Hin­ gibt oder ob vielleicht sogar Übermittlungssper­
sichtlich ihrer Ausgestaltung und Handlungsop­ ren gelten. Letzteres ist insbesondere mit Blick
tionen unterscheiden sich die jeweiligen Anlauf­ auf die von Ärztinnen und Ärzten sowie Kran­
stellen und ermöglichen je nach Konzept neben kenhäusern an die Sozialämter übermittelte
der Beratung auch eine Vermittlung in medizi­ ­Daten bei Kostenübernahme im Rahmen von
nische Behandlung und falls möglich eine Fi­ Notversorgungen relevant.134 Nicht zuletzt aber
nanzierung der Behandlungskosten. Damit er­ wegen dieser komplexen Rechtslage ist es für
füllen sie eine wichtige Lotsenfunktion und Betroffene sehr schwer zu erkennen, ob eine
unterstützen Menschen ohne Krankenversiche­ Übermittlung stattfindet oder nicht. Dies führt
rung, einen Zugang zur gesundheitlichen Regel­ dazu, dass sie dann aus Angst vor einer Abschie­
versorgung zu erhalten. bung keine Behandlung beanspruchen. Der
­Koalitionsvertrag für die 20. Legislaturperiode
Im Kontext von Rassismus- und Diskriminie­ sieht eine Überarbeitung der Meldepflicht vor,
rungserfahrungen wird unter anderem die soge­ damit kranke Menschen ohne Papiere künftig
nannte Übermittlungspflicht kritisch diskutiert. nicht davon abgehalten werden, sich medizi­
Übermittlungspflichten öffentlicher Stellen ent­ nisch behandeln zu lassen.

132
Vgl. Sachverständigenrat für Integration und Migration: Systemrelevant: Migration als Stütze und Herausforderung für die
­Gesundheitsversorgung in Deutschland, Berlin 2022, S. 138 ff. und Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wahrung
ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundesärztekammer:
Versorgung von nicht regulär krankenversicherten Patienten mit Migrationshintergrund. In: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 110,
Heft 18, 03.05.2013.
133
Vgl. Schriftliche Stellungnahme von Dr. Johanna Offe, Ärzte der Welt, vom 7. Januar 2021, Ausschussdrucksache 19(14)265(3),
Ausschuss für Gesundheit BT, S. 3 ff.
134
Vgl. § 88 Abs. 2 AufenthG, Nummer 88.2.3. der Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 65

Anhand der Studien zum Stand der medizini­ bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsleis­
schen Versorgung von Menschen mit (familiärer) tungen gibt.135 Zu den möglichen Ursachen be­
Einwanderungsgeschichte lässt sich feststellen, steht noch Forschungsbedarf. Die ADS hat in ih­
rem Studienbericht zur Erhebung des
Forschungsstandes zu Diskriminierungsrisiken

„Sechs von zehn und Diskriminierungsschutz im Gesundheits­


wesen festgestellt, dass Diskriminierungsrisiken
B
­ efragten (64,6  %) sowohl im Zugang als auch in der Inanspruch­
nahme (Diagnosestellung, Behandlung, Rehabi­
gaben an, in den litation) der gesundheitlichen Versorgung beste­

letzten zwei Jahren hen können.136 Diese lassen sich durch Studien
zu der geringeren Inanspruchnahme bei Vorsor­
im Bereich ,Gesund­ geuntersuchungen, der schlechteren Zahnge­
sundheit oder zur unterschiedlichen Inan­
heit und Pflege‘ spruchnahme von Rehabilitationsleistungen

D
­ iskriminierung belegen, wobei Unterschiede nach Geschlecht
und Zeitpunkt der Einwanderung bestehen.
­erfahren zu haben, Deutschkenntnisse und der soziale Status sind
ebenfalls relevante Einflussfaktoren. In Teil­
vor allem wegen gruppen und in einzelnen Versorgungsberei­

­ihrer Hautfarbe und chen ist daher eine durchschnittliche oder auch
überdurchschnittliche Inanspruchnahme zu
aus ,rassistischen verzeichnen, und auch der subjektiv empfunde­

Gründen‘ bzw. auf­ ne Gesundheitszustand ist zum Beispiel bei jün­


geren Menschen mit Migrationshintergrund
grund ,ethnischer besser als bei Gleichaltrigen ohne Migrations­
hintergrund.137 Aus Betroffenenbefragungen
Herkunft‘.“ und eingegangenen Beratungsfällen in Antidis­
kriminierungsstellen berichtet die ADS von
­Fällen dokumentierter Diskriminierung im
dass es Unterschiede zwischen Menschen mit ­Gesundheitswesen aufgrund der ethnischen
und ohne sogenannten Migrationshintergrund Herkunft und aus rassistischen Gründen.

135
Vgl. Sachverständigenrat für Integration und Migration: Systemrelevant: Migration als Stütze und Herausforderung für die
­Gesundheitsversorgung in Deutschland, Berlin 2022. In der Studie werden die Begriffe „Menschen mit (familiären) Einwanderungs­
geschichten“ und „Personen mit Migrationshintergrund“ synonym verwendet. Die Definition der Personen mit Migrations­
hintergrund orientiert sich am Mikrozensus: Alle Ausländerinnen und Ausländer, Eingebürgerten, (Spät-)Aussiedlerinnen und
(Spät-)Aussiedler und Personen, die durch Adoption die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben, sowie die Kinder dieser
vier Gruppen.
136
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierungsrisiken und Diskriminierungsschutz im Gesundheitswesen –
­W issensstand und Forschungsbedarf für die Antidiskriminierungsforschung. Berlin 2021, S. 19 ff. Online unter:
https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/diskriminierungsmerkmale/behinderung-und-
chronische-krankheiten/behinderung-und-chronische-krankheiten-node.html; aufgerufen am 06.12.2022.
137
Vgl. 12. Bericht der Beauftragten, Kap. III. 1.2.3.
66 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Die Fälle reichen von Stereotypisierungen und tung auf eine deutschsprachige Zielgruppe die
Beleidigungen bis hin zu Benachteiligungen bei Entwicklung der Gesundheitskompetenz bei
Behandlungen sowie Verweigerungen von Leis­ Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Die
tungen der Gesundheitsversorgung, beispiels­ Beauftragte begrüßt daher mehrsprachige In­
weise aufgrund unzureichender deutscher formationsangebote, wie zum Beispiel das
Sprachkenntnisse und zuletzt im Zusammen­
hang mit der COVID-19-Pandemie.138

Der Afrozensus hat als eine der wenigen Studien „Rassismus und
Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen
bei der gesundheitlichen Versorgung in
D
­ iskriminierung
Deutschland aufgenommen (vgl. Kapitel 3.3.1).139 wirken sich bei
Von den Studienteilnehmerinnen und -teilneh­
mern gaben sechs von zehn Befragten (64,6 %) ­Betroffenen als
an, in den letzten zwei Jahren im Bereich „Ge­
sundheit und Pflege“ Diskriminierung erfahren
Stressfaktoren aus
zu haben, vor allem wegen ihrer Hautfarbe und und können sogar
aus „rassistischen Gründen“ bzw. aufgrund „eth­
nischer Herkunft“. zu Traumatisie­
Im Rahmen des NaDiRa wird unter anderem der
rungen führen.“
thematische Schwerpunkt Gesundheit und Ge­
sundheitswesen beleuchtet.140 Hier wird eine
erste Datenauswertung im Jahr 2023 erwartet. Webportal „Migration und Gesundheit“, die es
Menschen mit eingeschränkten Deutschkennt­
Insbesondere Kommunikationsbarrieren im nissen ermöglichen, sich mit dem Gesundheits­
sprachlich-kulturellen Bereich werden als insti­ wesen in Deutschland vertraut zu machen und
tutionelle Diskriminierungsrisiken genannt. Bei Gesundheitskompetenz zu entwickeln.141
geringen Deutschkenntnissen ist die Inan­
spruchnahme von Gesundheitsleistungen ohne
Sprachmittlung nicht oder nur erschwert mög­
lich. Bereits bei Informationsmaßnahmen be­
hindert Einsprachigkeit und alleinige Ausrich­

138
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierungsrisiken und Diskriminierungsschutz im Gesundheitswesen –
­Wissensstand und Forschungsbedarf für die Antidiskriminierungsforschung. Berlin 2021, S. 18.
139
A ikins, Muna AnNisa/Bremberger, Teresa/Aikins, Joshua Kwesi/Gyamerah, Daniel/Deniz, Yıldırım-Caliman: Afrozensus 2020:
Perspektiven, Anti-Schwarze Rassismuserfahrungen und Engagement Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen
in Deutschland, Berlin 2021, S. 134 ff.
140
Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit
Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa), Berlin 2022, S. 2.
141
Vgl. https://www.migration-gesundheit.bund.de; aufgerufen am 06.12.2022. Hier werden zahlreiche bereits in mehreren
Sprachfassungen vorhandene Broschüren und Informationsmaterialien, die u. a. über das Gesundheitswesen in Deutschland und
die Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung informieren, gebündelt zur Verfügung gestellt.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 67

Rassismus- und Diskriminierungsrisiken im Ge­ versorgung nach AsylbLG eine elektronische


sundheitswesen können abgebaut werden. Die Gesundheitskarte anstelle der Beantragung eines
WHO empfiehlt zum Beispiel, dass Geflüchtete Behandlungsscheins bereitgestellt wird, wie es
und Migrantinnen und Migranten unabhängig in mehreren Ländern bereits der Fall ist. Fach­
von ihrem Migrationsstatus oder ihrem Versi­ leute aus der Praxis sehen zudem vor allem in
cherungsschutz Zugang zur allgemeinen Ge­ ­einer Vereinfachung und Erweiterung der Mög­
sundheitsversorgung haben.142 In Deutschland lichkeiten, Sprachmittlung bei der medizini­
wird dieser Anspruch für alle Personen, unab­ schen Behandlung einzusetzen, ein wichtiges
hängig von ihrer Herkunft oder ihrem Migrati­ Instrument zum Abbau von Zugangsbarrieren.143
onsstatus mit Ausnahme von Schutzsuchenden Hier wurde im Koalitionsvertrag vereinbart,
dass die Sprachmittlung mithilfe digitaler An­
wendungen im Kontext notwendiger medizini­
„Der Ausbau der scher Behandlungen Bestandteil des SGB V wird.

­Forschung zu den Rassismus und Diskriminierung wirken sich bei

Auswirkungen von Betroffenen als Stressfaktoren aus und können


sogar zu Traumatisierungen führen. Bislang
Rassismus und wurde der Zusammenhang zwischen Rassis­
mus- und Diskriminierungserfahrung und psy­
D
­ iskriminierung auf chischer Gesundheit in Deutschland nur unzu­

die Gesundheit von reichend erforscht. Deshalb ist der Ausbau der
Forschung zu den Auswirkungen von Rassismus
Betroffenen ist und Diskriminierung auf die Gesundheit von
Betroffenen notwendig.144 Forschung und Maß­
n
­ otwendig.“ nahmen müssen dabei auch geschlechtssensibel
sein. Eine diversitätssensible Gestaltung des Ge­
sundheitswesens, von der Information über die
mit einer Gesundheitsversorgung nach AsylbLG Prävention bis zur medizinischen, pflegerischen
(s. o.) sowie Ausländerinnen bzw. Ausländer ohne und rehabilitativen Versorgung sowie in der
Aufenthaltstitel (s. o.), erfüllt. Der diskriminie­ Aus- und Fortbildung, fördert die gleichberech­
rungsfreie Zugang kann unterstützt werden, in­ tigte Teilhabe auch von Menschen mit (familiärer)
dem für Schutzsuchende mit einer Gesundheits­ Einwanderungsgeschichte.

142
Vgl. Weltgesundheitsorganisation Regionalbüro für Europa, 29. Ausschuss, Mai 2022, EUR/SC29(3)/8 v. 3. Juni 2022: Gesundheit
von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO, S. 7.
143
Vgl. u. a. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege: Sprachmittlung – Voraussetzung für die Inanspruchnahme
sozialer und gesundheitlicher Leistungen. Berlin, 04.06.2020.
144
Vgl. Bundesfachnetz Gesundheit und Rassismus. Online unter: https://www.gesundheit-und-rassismus.de; aufgerufen am 06.12.2022.
68 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

4.8 Wohnungsmarkt Menschen mit (familiärer) Einwanderungsge­


schichte öfter in schlechteren Wohnsituationen
Der Wohnungsmarkt ist einer der Lebensberei­ leben als die deutsche Mehrheitsbevölkerung.
che, in dem Menschen mit (familiärer) Einwan­ Gleichzeitig sind Wohnungsinhaberinnen und
derungsgeschichte am häufigsten aufgrund ih­ -inhaber mit ausländischen Wurzeln häufig von
rer (zugeschriebenen) ethnischen Herkunft oder sogenannten Diskriminierungszuschlägen be­
Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. troffen. Das bedeutet, dass sie beispielsweise
In einer repräsentativen Umfrage der ADS von ­eine höhere Miete für gleiche oder geringere
2020 gab jede bzw. jeder dritte Wohnungssu­ Wohnqualität als Menschen ohne (familiäre)
chende mit Migrationshintergrund, die oder der Einwanderungsgeschichte zahlen müssen.149
in den letzten zehn Jahren auf Wohnungssuche
war, an, bereits rassistische Diskriminierungen Ein zunehmendes Problem stellen die soge­
erlebt zu haben.145 Andere Umfragen unter Men­ nannten Schattenmärkte dar, wenn Eingewan­
schen mit Migrationshintergrund kommen gar derte und Migrantinnen sowie Migranten ohne
zu dem Ergebnis, dass sich nahezu 70 % der Papiere in überbelegten und heruntergewirt­
Wohnungssuchenden diskriminiert fühlen.146 schafteten Immobilien unterkommen, was auch
mit ausbeuterischen Mietverhältnissen einher­
Rassistische Diskriminierung am Wohnungs­ gehen kann. Diese oftmals informellen Struktu­
markt äußert sich sehr unterschiedlich. Woh­ ren sind bislang wenig erforscht.
nungssuchende bekommen keinen Termin zur
Wohnungsbesichtigung, keine Wohnungszusage Auch Drittstaatsangehörige, die keinen unbe­
oder haben Immobilienanzeigen gelesen, die be­ fristeten Aufenthaltstitel besitzen, haben es oft
stimmte Personengruppen von vornherein aus­ schwerer, eine Wohnung zu finden, als viele
schließen. Betroffene berichten aber auch von deutsche Staatsangehörige oder andere Auslän­
Beleidigungen und Beschimpfungen während der derinnen und Ausländer. Dies kann zum Bei­
Wohnungssuche.147 Sich bewerbende Personen spiel an Wohnsitzauflagen oder der Wohnsitzre­
mit ausländisch klingendem Namen erhalten zu­ gelung liegen, welche die Betroffenen in ihrer
dem seltener eine Antwort auf ihre Anfragen als Möglichkeit der Wohnungssuche regional ein­
Personen mit einem deutsch klingenden Namen – schränken und damit eine gleichberechtigte
trotz eines vergleichbaren beruflichen Status.148 Teilhabe am Wohnungsmarkt erschweren.

Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt Herausforderungen können darüber hinaus


kann es auch auf weiteren Ebenen geben, etwa ebenso entstehen, wenn potenzielle Vermiete­
im Rahmen von bestehenden Mietverhältnissen. rinnen und Vermieter nicht von einem längeren
So weisen Untersuchungen darauf hin, dass Aufenthalt überzeugt sind, weil die Person über

145
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, Berlin 2020, S. 7.
146
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Strategien zum Nachweis rassistischer
Benachteiligungen, Berlin 2015, S. 27.
147
Vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, Berlin 2020, S. 9.
148
Vgl. https://mediendienst-integration.de/desintegration/diskriminierung.html#c277; aufgerufen am 28.09.2022.
149
Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: Integration in Deutschland. Erster Bericht
zum indikatorengestützten Integrationsmonitoring, erstellt durch: Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung
(DeZIM) und Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Berlin 2021, S. 212 ff.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 69

einen befristeten Aufenthaltstitel (beispielsweise Wohnberechtigungsscheins bestehen immer


humanitäre Aufenthaltserlaubnis) mit ggf. nur wieder aufenthaltsrechtliche Unsicherheiten,
noch kurzer Geltungsdauer verfügt. Für Vermie­ sodass auch Behörden zu strukturellen Hürden
tende ohne Kenntnisse des Aufenthaltsgesetzes beitragen. Insbesondere geflüchtete Menschen
scheint dann oft unklar, ob der Aufenthalt (und sind dadurch gezwungen, über längere Zeiträu­
damit das Mietverhältnis) eine Perspektive hat, me hinweg in prekären Wohnverhältnissen zu
leben, die keinen Privatraum gewährleisten und
die gesellschaftliche Teilhabe erschweren kön­
„In einer repräsen­ nen (zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünf­
ten).
tativen Umfrage der
ADS von 2020 gab Rassistische Diskriminierungen können auch
mittelbar entstehen, wenn Vermieterinnen und
­jede bzw. jeder dritte Vermieter den § 19 Absatz 3 AGG fehlinterpre­
tieren. Demnach kann bei der Vermietung von
Wohnungssuchende Wohnraum eine unterschiedliche Behandlung

mit Migrations­ im Hinblick auf die Schaffung und Erhaltung


sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausge­
hintergrund, die wogener Siedlungsstrukturen sowie ausgegli­
chener wirtschaftlicher, sozialer und kultureller
oder der in den letz­ Verhältnisse zulässig sein. Diese Regelung darf

ten zehn Jahren auf jedoch nicht zu einer Form der diskriminieren­
den Auswahl beitragen, die rassistisch ist, wie
Wohnungssuche war, von dem UN-Ausschuss zur Beseitigung rassisti­
scher Diskriminierung und ECRI kritisiert
an, bereits rassisti­ wird.150 Die Vorschrift erlaubt vielmehr gezielte
sche Diskriminierun­ Maßnahmen zur Förderung bisher benachteilig­
ter Gruppen auf dem Wohnungsmarkt und er­
gen erlebt zu haben.“ möglicht eine Ungleichbehandlung zugunsten
dieser Gruppen, wenn dadurch bestehende
Nachteile tatsächlicher oder struktureller Art
auch wenn in vielen Fällen grundsätzlich ein ge­ verhindert oder ausgeglichen werden sollen.
setzlicher Anspruch auf Verlängerung der Auf­ Rassistische Abwertungen und Ausgrenzungen
enthaltserlaubnis besteht. Im Ergebnis ähnliche am Wohnungsmarkt finden zudem auch dann
Probleme erzeugen mangelnde Informationen statt, wenn beispielsweise in Politik und Medien
etwa durch sprachliche Barrieren oder Probleme auf stigmatisierende Weise das Bild von überfor­
bei der Beschaffung notwendiger Nachweise derten und sozial schwachen Nachbarschaften
oder Dokumente. Auch bei der Erteilung eines mit Stadtteilen gleichgesetzt wird, in denen viele

150
Vgl. Vereinte Nationen – Internationales Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von rassistischer Diskriminierung. Ausschuss
für die Beseitigung rassistischer Diskriminierung (CERD): Schlussbemerkungen zum 19. bis 22. periodischen Bericht der Bundes­
republik Deutschland, 15.05.2015. Online unter: https://rassismusbericht.de/wp-content/uploads/Schlussbemerkungen-CERD-
2015.pdf; aufgerufen am 15.11.2022.
70 Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus

Menschen mit (familiärer) Einwanderungsge­ Vor allem private Vermieterinnen und Vermie­
schichte leben. ter, aber auch kommunale und genossenschaft­
liche Wohnungsunternehmen, müssen stärker
Bislang ist das Handlungsfeld der rassistischen als bisher für diskriminierendes Verhalten sensi­
Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt bilisiert werden, um betreffende Praktiken
kaum systematisch erforscht. Dies betrifft einer­ frühzeitig zu erkennen und diesen begegnen zu
seits die Erhebung repräsentativer Daten zur können. Die von der ADS beauftragte Studie zu
Wohn- und Lebenssituation von Menschen mit „Guter Praxis gegen Diskriminierung im Woh­
(familiärer) Einwanderungsgeschichte in nungswesen“ wird hierzu weiteren Aufschluss
Deutschland – insbesondere im Dunkelfeld der liefern.152 Nicht zuletzt sollten aus Sicht der Be­
sogenannten Schattenmärkte, aber auch zu auftragten lokale Antidiskriminierungsstellen
Mietkonflikten, die auch mit Diskriminierung gestärkt werden, damit von rassistischer Diskri­
und rassistischen Anfeindungen einhergehen minierung betroffene Wohnungssuchende wie
können. Andererseits sollten Studien zum Ver­ auch Mieterinnen und Mieter Informationen,
mietungsverhalten durchgeführt werden, die Hilfe und Unterstützung erhalten und der
die Ausschlusskriterien, Vergabegrundlagen und Schutz gegen rechtlich verbotene Diskriminie­
Belegungsstrategien vor allem von privaten Ver­ rung auf dem Wohnungsmarkt verbessert
mieterinnen und Vermietern transparent ma­ wird.153
chen. Die Fachkommission Integrationsfähig­
keit empfiehlt in ihrem Bericht unter anderem
regelmäßig bundesweite Testing-Studien (soge­
nanntes paired ethnic testing) durchzuführen,
die Erkenntnisse darüber liefern, wo und in wel­
chem Umfang rassistische Diskriminierung auf
dem Wohnungsmarkt stattfindet.151

151
Vgl. Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit (Hrsg.): Gemeinsam die
Einwanderungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der
­Integrationsfähigkeit. Berlin 2020, S. 188 f.
152
Vgl. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/forschungsprojekte/DE/Sammlung_GutePraxis_Bsp_WohnMarkt_
lfd_Projekt.html; aufgerufen am 07.10.2022.
153
In diesem Zusammenhang hat das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im September 2022 die
­Informationsbroschüre „Auf Wohnungssuche in Deutschland – Ein Ratgeber für Migrantinnen und Migranten“ veröffentlicht.
Online unter: https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/downloads/Webs/BMWSB/DE/publikationen/wohnen/auf-
wohnungssuche­in­deutschland.pdf; aufgerufen am 06.12.2022. Mit dieser Zusammenstellung von wichtigen Informationen wird
eingewanderten Menschen eine Hilfestellung geboten, um sich auf dem deutschen Wohnungsmarkt zurechtzufinden. Neben
­Informationen über die Wohnungssuche und mietrechtliche Rahmenbedingungen sind auch I­ nformationen zum Wohngeld und
zum sozialen Wohnungsbau enthalten. Außerdem beinhaltet die Broschüre Hinweise zu den Handlungsmöglichkeiten im Falle
von Diskriminierung bei der Wohnungssuche.
Handlungs­felder im Kontext von institutionellem und strukturellem Rassismus 71

4.9 Sport beim DeZIM statt. So untersucht ein Forschungs­


projekt im Rahmen des Forschungsverbunds
Sport fasziniert und verbindet Menschen über Diskriminierung und Rassismus ­(FoDiRa), der
soziale, kulturelle und geographische Grenzen den NaDiRa flankiert, ob bzw. inwiefern es zu
hinweg. Zugleich steht er für universelle Werte: Benachteiligungen in der Besetzung von Spiel­
Respekt, Fairplay, Toleranz, Teamgeist und Ver­ positionen und Führungsrollen in den Sport­
lässlichkeit. Sportvereine in ganz Deutschland arten Fußball und Basketball kommt.154 Die Er­
entfalten mit ihren Freizeit- und Bewegungsan­ gebnisse werden Ende 2024 erwartet.
geboten eine integrative Wirkung, ermöglichen
Begegnungen zwischen Menschen jedweder Ein weiteres Forschungsprojekt des Forschungs­
Herkunft, bieten Orte für Gemeinschaft und Zu­ instituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt,
sammenhalt. Die Sportvereine schaffen so An­ Standort Leipzig, widmet sich derzeit im Rah­
lässe für Teilhabe, Integration und Zugehörig­ men der vom BMI beauftragten Studie „Institu­
keit. Aber diese Chancen ergeben sich nicht von tionen und Rassismus“ (InRa) (vgl. Kapitel 4) der
alleine, sondern müssen erarbeitet, aktiviert und Frage, welche Probleme und Hindernisse bei der
gefördert werden. Etablierung und Umsetzung von Antirassismus­
programmen unter anderem in ausgewählten
Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Berei­ Sportverbänden in Deutschland, Großbritanni­
chen auch, ist das Thema Rassismus im Sport in en, den Niederlanden und den USA existieren.
den vergangenen Jahren stärker in das öffentli­ Ziel ist es, auch im internationalen Vergleich
che Bewusstsein gerückt. Immer wieder kommt Best- und Worst-Cases in Bezug auf die Bekämp­
es sowohl im Trainingsbetrieb als auch im Rah­ fung von Rassismus zu identifizieren und zu be­
men von offiziellen Wettkämpfen zu rassisti­ schreiben.155 Die Ergebnisse werden ebenfalls für
schen Vorfällen, die zunehmend auch mediale Ende 2024 erwartet.
Öffentlichkeit erlangen. In der jüngeren Vergan­
genheit sind exemplarisch Meldungen über ras­ Der organisierte Sport ist aufgerufen, sich aktiv
sistische Verhaltensweisen in Form von Beleidi­ gegen Rassismus im Sport zu stellen und Struk­
gungen und Anfeindungen im Profifußball zu turen für die Prävention und Bekämpfung zu
nennen. Auch wenn darüber oftmals weniger schaffen. Es ist darüber hinaus dringend gebo­
berichtet wird als im Profisport, ist Rassismus ten, dass sich neben den Sportvereinen und
im deutschen Amateur- und Jugendsport eben­ -verbänden auch die Gesellschaft insgesamt die­
falls präsent. ser Problematik stärker annimmt, klar Stellung
bezieht und Rassismus im Sport entgegenwirkt.
Es gibt bislang kaum systematische Forschung Die Beauftragte wird daher im Bereich Sport ei­
zum Thema Diskriminierung und Rassismus im nen Förderschwerpunkt setzen (vgl. Kapitel 6).
Sport. Untersuchungen dazu fanden und finden

154
Das Forschungsprojekt stellt eine Kooperation des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)
an der HU Berlin und des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück dar.
Online unter: https://www.imis.uni-osnabrueck.de/dezim/fodira_forschungsverbund_diskriminierung_und_rassismus.html;
aufgerufen am 06.12.2022.
155
Vgl. https://www.fgz-risc.de/forschung/alle-forschungsprojekte/details/INRA_C03; aufgerufen am 06.12.2022.
5. Maßnahmen
der Bundesregierung
Maßnahmen der Bundesregierung 73

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren


den Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus
und Hasskriminalität verstärkt.

Mit verschiedenen Maßnahmen, Initiativen und Eine wichtige Grundlage der Maßnahmen der
Aktionsplänen sollen die Ursachen insbesondere Bundesregierung ist hier der EU-Aktionsplan
von Rechtsextremismus und Rassismus besser gegen Rassismus 2020–2025, den die Europäische
erkannt und mit einem starken, freiheitlichen Kommission 2020 vorgelegt hat. Der EU-Aktions­
Staat im Schulterschluss mit der Zivilgesellschaft plan enthält sowohl Maßnahmen für die Kom­
bekämpft werden. Die Maßnahmen der Bundes­ mission als auch Forderungen an die Mitglied­
regierung werden geschlechtssensibel ausgestal­ staaten der EU hinsichtlich der Umsetzung ihrer
tet. Gleichzeitig setzt sich die Bundesregierung jeweiligen Gesetze gegen Rassismus und Diskri­
mit ihren Maßnahmen für den gesellschaftlichen minierung.156
Zusammenhalt, die Demokratieförderung und
die Extremismusprävention ein. Diesem Ziel dient
auch die nationale Umsetzung verschiedener
internationaler Empfehlungen.

Vgl. https://ec.europa.eu/info/policies/justice-and-fundamental-rights/combatting-discrimination/racism-and-xenophobia/
156

eu­anti­racism­action­plan­2020­2025_en; aufgerufen am 11.11.2022. Vgl. 6. ECRI-Bericht über Deutschland. Online unter:


https://www.bmj.de/SharedDocs/Archiv/Downloads/6_ECRI_Bericht_ueber_Deutschland.pdf; ­aufgerufen am 11.11.2022.
74 Maßnahmen der Bundesregierung

Der EU-Aktionsplan gegen Rassismus   Faire Polizeiarbeit und fairer Schutz –


2020–2025 sieht unter anderem folgende mit Unterstützung von EU-Agenturen
Maßnahmen vor: wie der Agentur für Grundrechte (FRA)
und der Agentur für die Aus- und Fort­
  Verbesserte Durchsetzung des EU-Rechts – bildung auf dem Gebiet der Strafverfol­
die Kommission wird über die Umsetzung gung (CEPOL) werden die Mitgliedstaaten
der Richtlinie zur Anwendung des Gleich­ ermutigt, ihre Anstrengungen zu inten­
behandlungsgrundsatzes Bericht erstatten sivieren, um diskriminierenden Einstel­
und spätestens im Jahr 2022 etwaige lungen in den Strafverfolgungsbehörden
Rechtsvorschriften vorlegen, die zur Behe­ entgegenzuwirken und die Glaubwürdig­
bung von Mängeln erforderlich sind, unter keit der Strafverfolgungsarbeit gegen
anderem auch zur Stärkung der Rolle und hassmotivierte Straftaten zu erhöhen.
Unabhängigkeit der Gleichstellungsstellen.
  Verstärkte Maßnahmen auf nationaler
  Engere Koordinierung – die Kommission Ebene – die Mitgliedstaaten werden er­
wird eine Anti-Rassismus-Koordinatorin mutigt, bis Ende 2022 nationale Aktions­
bzw. einen Anti-Rassismus-Koordinator pläne zur Bekämpfung von Rassismus
ernennen und einen regelmäßigen Dialog und „Rassendiskriminierung“ zu verab­
mit den relevanten Akteuren aufnehmen. schieden.

Mit diesem Aktionsplan stellt die EU die Be­ wurden zwei als besonders dringlich hervorge­
kämpfung von Rassismus auf die höchste politi­ hoben, deren Umsetzung im Jahr 2022 überprüft
sche Ebene und setzt sich für eine verbesserte werden soll: Das betrifft zum einen den Aufbau
Zusammenarbeit der relevanten Akteure ein. Auf eines „stimmigen Systems von Organisationen“
Europaratsebene prüft ECRI zudem die Be­ zur Unterstützung von Opfern von Diskriminie­
kämpfung von Rassismus und Intoleranz in den rung durch die Einrichtung unabhängiger Anti­
Mitgliedstaaten des Europarates. diskriminierungsstellen in allen 16 Ländern. Zum
anderen wird gefordert, eine Studie über Racial
Am 17. März 2020 wurde der 6. ECRI-Bericht Profiling durch die Polizei in Bund und Ländern
über die Lage in Deutschland zu den Themen in Auftrag zu geben. ECRI konstatiert „starke In­
Rassismus, Antisemitismus und andere Formen dizien für das Vorhandensein von ausgeprägtem
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit vor­ Racial Profiling“ in der Arbeit der Polizeibehör­
gestellt, der zahlreiche Empfehlungen an Bund, den. Mit Stellungnahme vom 28. März 2022 hat
Länder und Kommunen enthält.157 Von den die Bundesregierung zum Stand der Umsetzung
15 konkreten Empfehlungen (siehe Anhang) dieser beiden Interimsempfehlungen gegenüber

157
Vgl. 6. ECRI-Bericht über Deutschland. Online unter: https://www.bmj.de/SharedDocs/Archiv/Downloads/6_ECRI_Bericht_
ueber_Deutschland.pdf; aufgerufen am 11.11.2022.
Maßnahmen der Bundesregierung 75

ECRI Bericht erstattet. Darin wurde unter ande­ zur Extremismusprävention und Demokratieför­
rem die Entwicklung in Bezug auf die Verbesse­ derung. Dies bezeugen zum Beispiel Länderpro­
rung der Unterstützung von Diskriminierungs­ gramme und kommunale Strategien, unter ande­
opfern dargestellt und auf die Umsetzung auf rem in der Zuständigkeit für die Polizeiarbeit, die
Landes- und Kommunalebene eingegangen. Strafverfolgung, die Bildung und Kultur, Fragen
ECRI hat am 20. September 2022 eine Einschät­ der Jugend- und Sozialarbeit und der Prävention.
zung zur Stellungnahme der Bundesregierung Ebenfalls engagieren sie sich gemeinsam mit dem
zu diesen zwei Interimsempfehlungen veröffent­ Bund, unter anderem in der politischen Bildung.
licht.158 Demnach ist laut ECRI die Empfehlung 1 Um den vorhandenen Bedürfnissen und Proble­
(bundesweites, einstimmiges System zur Unter­ men vor Ort begegnen zu können, war im Kon­
stützung von Diskriminierungsopfern) teilweise text des NAP-R die Rückkoppelung der Maßnah­
erfüllt und Empfehlung 2 (Studie zu Racial Profi­ men des Bundes mit den Ländern und
ling) nicht erfüllt. Die umfassende Prüfung zur Kommunen von entscheidender Bedeutung.
Umsetzung aller Empfehlungen wird erst im Rah­
men der nächsten Prüfungsrunde stattfinden. Ein ebenso wichtiger Bestandteil bei der Ausar­
beitung des NAP-R war die Kooperation mit der
Vor dem Hintergrund der „Weltkonferenz gegen Zivilgesellschaft. Diese wurde im Zuge eines Kon­
Rassismus“ der Vereinten Nationen 2001 in Dur­ sultationsprozesses eingebunden. Im Rahmen
ban und dem im Jahr 2008 erstmals aufgelegten eines partizipativen Formats wurden Anregun­
Nationalen Aktionsplan wurde der Nationale gen, Erfahrungen und Ideen aus der Perspektive
Aktionsplan gegen Rassismus (NAP-R) erweitert zivilgesellschaftlicher Initiativen aufgegriffen.
und im Jahr 2017 neu aufgelegt. Im Zentrum des Positionspapiere zahlreicher zivilgesellschaft­
NAP-R standen Positionen und Maßnahmen in licher Initiativen und Nichtregierungsorganisa­
den Handlungsfeldern Menschenrechtspolitik, tionen flossen in die Erstellung des NAP-R ein.
Schutz vor Diskriminierung und Ahndung von
Straftaten, Bildung und politische Bildung, ge­ Der NAP-R ist somit ein weiterer Schritt zur Stär­
sellschaftliches und politisches Engagement für kung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und
Demokratie und Gleichwertigkeit, Diversität im steht in engem Zusammenhang zu der im Juli 2016
Arbeitsleben, Aus- und Fortbildung sowie Stär­ vorgelegten „Strategie der Bundesregierung zur
kung interkultureller und sozialer Kompetenz Extremismusprävention und Demokratieförde­
im Beruf, Rassismus und Hass im Internet sowie rung“. Dabei ist der NAP-R nicht als statisches Pro­
Forschung. Die Ausarbeitung des NAP-R der gramm zu verstehen, sondern – im Rahmen der
Bundesregierung erfolgte in ressortübergreifen­ föderalen Zuständigkeit – als eine Rahmensetzung
der Zusammenarbeit und in fachlicher Feder­ seitens der Bundesregierung, offengehalten für
führung des BMI und des BMFSFJ. weitere Diskurse. So ist im Koalitionsvertrag der
20. Legislaturperiode festgehalten, den NAP-R
Die Länder und Kommunen leisten einen unver­ weiterzuentwickeln bzw. neu aufzulegen. Dies
zichtbaren Teil der Arbeit gegen Rassismus und wird die Beauftragte umsetzen (vgl. Kapitel 6).
weitere Ideologien der Ungleichwertigkeit sowie

Vgl. ECRI Conclusions on the implementation of the recommendations in respect of Germany. Subject to interim follow-up.
158

­Adopted on 29 June 2022. Published on 20 September 2022. Online unter: https://rm.coe.int/ecri-conclusions-on-the-­


implementation-of-the-recommendations-in-respe/1680a807d2; aufgerufen am 11.11.2022.
76 Maßnahmen der Bundesregierung

5.1 Nationaler Aktionsplan Integration Entlang der fünf Handlungsfelder wurden in


drei Konsultationsveranstaltungen Ziele und
Beim 10. Integrationsgipfel 2018 wurde die Fort-
und Weiterentwicklung des Nationalen Aktions­
plans Integration (NAP-I) gestartet. Der NAP-I
ist in fünf Phasen unterteilt („Integration vor 1. Sensibilisierung von Mehrheits­
der Zuwanderung“, „Erstintegration“, „Einglie­ gesellschaft und Institutionen
derung“, „Zusammenwachsen“ sowie „Zusam­ 2. Ausbau von Beratungsstrukturen
menhalt stärken – Zukunft gestalten“). Die Bun­ und Beschwerdeverfahren
desregierung widmete sich in Phase V mit dem 3. Förderung der Teilhabe und Chancen­
Themenforum „Antidiskriminierung und Maß­ gleichheit
nahmen gegen gruppenbezogene Menschen­ 4. Empowerment für Betroffene und
feindlichkeit“ erstmals im Rahmen des NAP-I Stärkung von MO, SO und ndo
gezielt der Frage, wie Diskriminierung, Rassis­ 5. Verbesserung des rechtlichen Diskri­
mus und alle Formen gruppenbezogener Men­ minierungsschutzes
schenfeindlichkeit nachhaltig bekämpft werden
können. Die Federführung dieses Themenfo­
rums hatten das BMFSFJ sowie die ADS inne.
Handlungsempfehlungen herausgearbeitet sowie
Den Auftakt des Themenforums bildete eine konkrete Vorhaben des Bundes entwickelt, die
Veranstaltung im Juni 2019. Zu den Teilneh­ einen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele leisten
menden gehörten unter anderem Vertreterin­ sollen. Dazu gehören unter anderem zwei For­
nen und Vertreter von Migrantenorganisationen schungsprojekte, die der Frage nachgegangen sind,
(MOs), neuen deutschen organisationen (ndo), wie ein flächendeckender und bedarfsgerechter
Selbstorganisationen (SO), weitere Akteure der