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Die Gegenwart Gottes

eine wirkliche Erfahrung

Gespräche und Grundsätze

von Bruder Laurentius

Vorwort zur deutschen Ausgabe Die in diesem Büchlein enthaltenen Briefe hat Bruder Laurentius, ein französischer Karmelitermönch, verfasst, der mit bürgerlichem Namen Nicholas Herman hieß und in Lothringen um 1614 geboren war. Er trat ins Karmeliterkloster in Paris im Jahre 1640 ein und starb daselbst im Februar 1691. Einer seiner Besucher hat die hier ebenfalls mitgeteilten Gespräche aufgezeichnet. Die Anregung zur Übersetzung dieser Briefe und Gespräche ins Deutsche ging von Mitgliedern der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) aus. Obwohl die in diesem Büchlein sich aussprechende mystische Begeisterung und Seligkeit aus einer ganz anderen Lebenssphäre stammt, fanden die Quäker sie doch so sehr mit ihren eigenen lebendigen Erfahrungen im Einklang, dass sie gern die Gelegenheit benutzten, ihre Freunde mit Bruder Laurentius bekannt zu machen. Es lag dieser Übersetzung ein englischer Text zugrunde, dazu wurde noch der französische Originaltext der Ausgabe von 1699 (Jean de la Pieire Cologne) zum Vergleich und zur Ergänzung herangezogen. Ernst Lorenz

Vorwort zur sechsten Auflage Die große Nachfrage nach dieser kleinen Schrift macht eine Neuauflage notwendig. Vielen Menschen unserer Zeit werden ihre Gedanken wieder zum tiefsten Bedürfnis. Der einfache, stille Weg des Bruders Laurentius führt zu einer inneren Überlegenheit, von der aus alle Schwierigkeiten des praktischen Lebens, damals wie heute, überwunden und bewältigt werden können. Und diese liebevolle Heiterkeit und Gelassenheit der Seele, die sich Gott und den Menschen aufs Innigste verbunden weiß: das ist's, was wir brauchen, um innerlich frei zu werden und anderen helfen zu können. Der Verlag

An den Leser Aus der Vorrede zur Originalausgabe 1692

Obgleich im vergangenen Jahre der Tod mehrere Mönche des Karmeliterordens abberufen hat, sowohl Priester als auch Laienbrüder, die sterbend seltene Beispiele eines tugendhaften Lebens gegeben haben, scheint doch die Vorsehung unsere Augen mehr auf den Bruder Laurentius als auf die anderen gelenkt zu haben und nimmt seinen Tod zum Anlass, das Verdienst dieses heiligen Mönches herauszustellen, der während seines ganzen Lebens sich bemüht hat, vor den Augen der Menschen sich zu verbergen, und dessen Heiligkeit erst im Tode richtig erkannt worden ist. Mehrere Personen, welche den einen oder anderen seiner Briefe gelesen haben, wünschten, mehr davon zu sehen; aus diesem Grunde hat man sorgfältig möglichst viel von dem gesammelt, was er mit eigener Hand geschrieben hat, darunter eine Handschrift mit dem Titel „Grundsätze des geistigen Lebens“. Alle diese Schriften unseres Bruders sind so erbaulich, so trostreich und haben so viel Anklang bei denen gefunden, die sie gelesen haben, dass diese nicht die einzigen sein wollten, daraus Gewinn zu ziehen. Sie wünschten die Schriften gedruckt zu haben in dem richtigen Gefühl, dass sie gerade denen sehr nützlich sein würden, die nach Vollkommenheit im Wandel vor Gott streben. Weil aber nichts mehr überzeugt, nichts besser die Ausübung des Guten beweist als das gute Beispiel, so erschien es zweckmäßig, den eigentlichen Schriften des Bruder Laurentius einen kurzen Abriss seines Lebens voranzustellen, und die Ähnlichkeit zwischen Leben und Werk ist so augenfällig, dass sie leicht erkennen lässt, Bruder Laurentius hat nur aus seiner eigenen Erfahrung gesprochen. Alle Christen können in den Schriften etwas Erbauliches finden. Diejenigen, welche sich der vornehmen Welt verschrieben haben, können daraus ersehen, wie sehr sie sich täuschen, wenn sie den Frieden und das Glück in dem falschen

Glanz der vergänglichen Herrlichkeiten suchen. Die Menschen guten Willens können darin finden, womit sie sich anfeuern können zur Ausdauer in ihrem tugendhaften Wandel. Unser Bruder, mit äußeren Dingen beschäftigt wie andere auch, hat es selbst inmitten sehr schwieriger Arbeiten verstanden, Tätigkeit und Beschaulichkeit so gut in Einklang zu bringen, dass er sich während mehr als vierzig Jahren fast nie von der Gegenwart Gottes entfernt hat.

Einführung Ein Auszug aus den beiden Schriften des Abtes von Beaufort, - Gedenkrede und Charakterbild -

Bruder Laurentius, mit dem weltlichen Namen Nikolas Herman, wurde 1614 in einem kleinen Orte Lothringens als Sohn sehr rechtschaffener Eltern geboren. Von klein auf wurde er sorgsam in der rechten Gottesfurcht nach christlichen Grundsätzen erzogen. In jungen Jahren wurde er als Söldner des lothringischen Heeres in die Wirren und Schrecknisse des Dreißigjährigen Krieges hineingezogen. Er sah nicht nur die furchtbaren Verwüstungen an Gut und Menschenleben, sondern war trotz seiner Herzenseinfalt gezwungen, sich an Plünderungen zu beteiligen, um überhaupt existieren zu können. Als er dann verwundet wurde und eine Zeitlang im elterlichen Hause lebte, fasste er den Entschluss, das grobe Kriegshandwerk aufzugeben und auf eine mehr heilige Weise unter der Fahne Jesu Christi zu kämpfen. Immer wieder überdachte er in seinem Inneren die Gefahren des Soldaten- lebens, die Eitelkeit und Verderbnis der Welt, die Unbeständigkeit der Menschen, den Verrat des Feindes, die Untreue des Freundes, alles, was sein junges Herz an Bitterkeit erfahren hatte. So nach heftigen inneren Kämpfen, nach Tränen und Seufzern, brach in seiner Seele die Macht der ewigen Wahrheiten durch, und klar und fest führte er seinen Entschluss aus, sein Leben zu ändern, und trat 1640 in das Kloster des

Karmeliterordens in Paris ein. Er lebte dort als Bruder Laurentius bis zu seinem Tode am zwölften Februar 1691. Sein Körper war grob gebaut und durch ein Knieleiden in seinen Bewegungen oft behindert; doch sein Gesichtsausdruck war stets freundlich und offen, so dass man Vertrauen zu ihm fasste und bald fühlte, man könnte ihm alles sagen und wie zu einem Freunde sprechen. Er seinerseits, wenn er diejenigen kannte, mit denen er zu tun hatte, sprach freimütig und warmherzig. Was er sagte, war einfach, aber immer richtig und vernünftig. In seiner Haltung bekundete sich eine eigentümliche Besonnenheit, eine Ungezwungenheit, die sichtlich über das übliche Benehmen eines schlichten Laienbruders hinausging, und einen Scharfblick, auf den man nicht gefasst war. Wenn er Almosen einsammelte, trug er den Kopf hoch wie einer, der große Geschäfte zu führen hatte, und den man in allem zu Rate ziehen konnte. Dennoch wollte er keineswegs vor den Leuten scheinen, sondern immer unauffällig und still unter den anderen leben. Der Grundzug in der Vervollkommnung unseres Bruders war eine erhabene Idee von der Macht, Weisheit und Vorsehung Gottes, die ihm, als er jung war, beim Anblick eines kahlen Baumes im Winter gekommen war. Diese Idee ging über alles Verstandesmäßige und Theologische hinaus, und nur der Glaube vermochte sie einigermaßen zu fassen. Durch den Glauben allein erkannte er Gott, wie er ist. Im Glauben sah er Gott gegenwärtig in seiner Seele; aber auch in allen anderen Geschöpfen und Dingen, in allem, was ihm zustieß, begegnete ihm Gott, indem er über die Geschöpfe zum Schöpfer vordrang, indem er sich bei allen Gelegenheiten der sichtbaren Dinge bediente, um zum Unsichtbaren zu gelangen. So wenig er las, zog er die heiligen Evangelien allen anderen Büchern vor, weil die eigenen Worte Jesu Christi seinen einfachen und reinen Glauben am besten stärkten. Auch pflegte er von Anfang an treu die glaubensmäßige

Gewissheit von der Gegenwart Gottes in seinem Herzen. Er übte sich fortgesetzt in Zeichen der Anbetung und Liebe; er rief Gott um Hilfe in allem, was er zu tun hatte; er dankte ihm nach getaner Arbeit; er bat ihn um Verzeihung für seine Fehler, indem er sie bekannte, ohne sich vor Gott zu rechtfertigen. Da diese Zeichen also an seine Beschäftigungen gebunden waren, die ja nur den Anlass dazu lieferten, verrichtete er alles mit größerer Leichtigkeit, und diese geistigen Übungen, weit entfernt, ihn von der Arbeit abzulenken, halfen ihm vielmehr, sie gut auszuführen. Wohl hatte er zuerst Schwierigkeiten, wenn eine Menge unnützer Gedanken ihn manchmal bestürmte und Gott aus seinem Herzen verdrängen wollte; doch dann begnügte er sich, sie ruhig beiseite zu schieben, und kehrte zu seiner gewöhnlichen Unterredung zurück. Schließlich verdiente seine Treue mit einem dauernden Gedenken an Gott belohnt zu werden. Seine verschiedenen und vielfachen Zeichen der Anbetung verwandelten sich in eine einfache Schau, in eine erleuchtete Liebe, in eine unaufhörliche Freude. Er besaß Gott in dem Lärm seiner Küche, wo mehrere Personen ihn gleichzeitig vieles fragten, ebenso ruhig wie vor dem Allerheiligsten, wenn er davor kniete. Auf dem Wege zu Gott bedeuteten ihm die Gedanken wenig; aber die Liebe zu Gott galt alles. Daher war es für ihn auch nicht nötig, große Dinge zu tun; er drehte seinen kleinen Eierkuchen in der Pfanne aus Liebe zu Gott um. Viele suchten besondere Methoden, um in der Gegenwart Gottes zu sein; unser Bruder fand es kürzer und geradeswegs, alles aus Liebe zu Gott zu tun und seine heilige Gegenwart durch die Verbindung des Herzens mit ihm zu pflegen. Um Gott zu lieben, genügt es aber nicht, ihm unsere Handlungen darzubringen, ihn um Hilfe anzurufen und diese Zeichen der Anbetung zu geben. Unser Bruder ist zur Vollkommenheit in der Liebe durch diese Dinge nur gelangt, weil er von Anfang an sehr aufmerksam darauf bedacht war, nichts zu tun, was Gott missfallen könnte, weil er auf alles

verzichtete, was nicht Gottes war, und weil er sich selbst völlig vergessen hatte. Die Liebe zum Willen Gottes war in ihm an die Stelle jener Anhänglichkeit getreten, die wir für gewöhnlich unserem Eigenwillen zollen. Diese Haltung bewahrheitete sich in einem unerschütterlichen Frieden. Wenn man ihm von irgendeiner großen Zügellosigkeit erzählte, war er keineswegs erstaunt, sondern im Gegenteil überrascht, dass es nicht noch Ärgeres gab angesichts der Bosheit, deren ein Sünder fähig ist. Sogleich aber erhob er sich zu Gott, sah, dass der allein dem abhelfen konnte, indessen diese Übel wohl zuließ aus Gründen, die für die allgemeine Weltordnung sehr richtig und nützlich waren; und nachdem er für den Sünder gebetet hatte, betrübte er sich nicht weiter darüber und bewahrte seine Ruhe. Eines Tages erfuhr unser Bruder ganz unvorbereitet, dass eine Sache von großer Wichtigkeit, die ihm sehr am Herzen lag, und an der er seit langem gearbeitet hatte, nicht ausgeführt werden könnte und dass bereits der gegenteilige Beschluss feststände. Darauf erwiderte er einfach: „Man muss glauben, dass diejenigen, die so entschieden haben, gute Gründe hatten; also ist er auszuführen und nichts weiter darüber zu sagen.“ Und tatsächlich, obgleich er noch oft Gelegenheit gehabt hätte, darüber zu sprechen, tat er seinen Mund nicht auf. Ein andermal besuchte ein Mann von hohem Ansehen unseren schwer kranken Bruder und fragte ihn, was er wählen würde, wenn Gott es ihm anböte, noch länger so zu leben, um sich noch größeres Verdienst zu erwerben, oder sofort in den Himmel zu kommen. Unser Bruder antwortete, ohne zu zögern, dass er diese Wahl Gott überließe, dass es für ihn nichts weiter zu tun gäbe, als in Ruhe zu warten, was Gott mit ihm vorhätte. Diese Haltung gab ihm eine so große Gelassenheit allen Dingen gegenüber und eine so völlige Freiheit, dass sie der Haltung der Seligen nahekam. Man bemerkte an ihm nichts von irgendwelchem Hang oder einer Neigung. Keine natürliche Anhänglichkeit machte ihn voreingenommen; so wurde er

gleicherweise von denen geliebt, die entgegengesetzte Neigungen hatten; er wollte überall das Gute ohne Ansehen der Person, durch oder für welche es geschah. Als Bürger des Himmels, hielt ihn nichts auf der Erde; seine Blicke waren nicht durch die Zeit begrenzt; indem er seit langem nur auf den Ewigen schaute, war er ewig geworden wie er. Da sein einziges Mittel, zu Gott zu kommen, darin bestand, dass er alles aus Liebe zu Gott tat, war es ihm ganz gleich, mit welcher Sache er beschäftigt war, vorausgesetzt, dass sie von Gott war. Es war Gott und nicht die Sache, worauf er sah; er wusste, je mehr das, was er zu tun hatte, seiner natürlichen Neigung widerstrebte, desto größeres Verdienst fand die dargebrachte Liebe bei Gott. Die Kleinheit der Sache verringerte in nichts den Wert seines Angebotes, weil Gott, der ja nichts nötig hatte, bei seinen Handlungen nur auf die Liebe sah, die jene begleitete. Ein anderer Charakterzug unseres Bruders war eine außerordentliche Festigkeit, welche man unter anderen Umständen wohl Unerschrockenheit genannt haben würde, und welche eine große Seele zeigte, die über Furcht und Hoffnung in bezug auf alles, was nicht von Gott war, erhaben war. Er bewunderte nichts, über nichts erstaunte er und er fürchtete nichts. Diese Seelenruhe in ihm kam aus derselben Quelle wie all die anderen Tugenden. Die erhabene Idee, die er von Gott hatte, zeigte ihn ihm so, wie er wirklich war, als die höchste Gerechtigkeit und unendliche Güte; darauf baute er und war gewiss, dass Gott ihn niemals täuschen würde, dass er ihm nur Gutes tun würde, da er ja seinerseits entschlossen war, Gott niemals zu missfallen, sondern alles zu tun und alles zu leiden aus Liebe zu ihm. Diejenigen, welche sich im geistigen Leben nur ihren Anlagen und besonderen Gefühlen gemäß aufführen, welche glauben, nichts Wichtigeres zu tun zu haben als zu prüfen, ob sie fromm sind oder nicht, derartige Menschen werden es nicht verstehen, Festigkeit oder eine sichere Richtschnur zu haben, weil sich diese Dinge ja fortgesetzt ändern, sei es durch unsere

eigene Nachlässigkeit, sei es nach dem Willen Gottes, der seine Gaben und Führung für uns nach unseren Bedürfnissen ändert. Bruder Laurentius aber, fest auf dem Wege des unerschütterlichen Glaubens, blieb sich selbst immer gleich, weil er sich immer nur befleißigte, seine Pflicht an der Stelle zu tun, wohin Gott ihn stellte. Anstatt auf seine Stimmung zu achten und den Weg zu prüfen, den er gehen sollte, schaute er nur auf Gott, das Ziel dieses Weges, und ging mit großen Schritten auf ihn zu in Ausübung von Gerechtigkeit, Güte und Demut, mehr dabei bedacht zu tun, als zu bedenken, was er getan hatte. Die Frömmigkeit unseres Bruders, da sie auf sicherem Grunde stand, hatte weder mit irgendwelchen Visionen noch anderen ungewöhnlichen Dingen zu tun. Er war überzeugt, dass solche Dinge, selbst wenn sie wahr sind, meist Zeichen der Schwäche einer Seele sind, die sich mehr an die Gabe Gottes als an ihn selbst hält; für ihn selbst hat es dergleichen Dinge nicht gegeben, wenigstens hat er den Personen, zu denen er das größte Vertrauen hatte, nichts davon gesagt. Er ist sein ganzes Leben in den Spuren der Heiligen gewandelt, auf dem sicheren Wege des Glaubens; er ist niemals von dem üblichen Wege abgewichen, der zur Erlösung führt durch die zu allen Zeiten von der Kirche gebilligten Übungen, durch die Verrichtung guter Werke und der Tugenden seines Standes; alles übrige war ihm verdächtig. Sein weiter Sinn und das Licht, das er in der Einfalt seines Glaubens hielt, haben ihn vor allen Klippen geschützt, die auf dem Wege des geistigen Lebens anzutreffen sind, und an welchen so viele Seelen heute scheitern, indem sie sich der Liebe für das Neue, ihrer eigenen Einbildung, der Neugier oder menschlicher Führung ausliefern. Unser Bruder war durch sein Leben unter der Führung Gottes derart vorbereitet, dass er den Tod ruhig kommen sah. Seine Geduld war im Laufe des Lebens sehr groß gewesen; aber sie wuchs noch, als er sich seinem Lebensende näherte. Er scheint niemals, auch nicht in der größten Heftigkeit seiner Krankheit, einen Augenblick traurig gewesen zu sein. Die

Freude drückte sich nicht nur in seinem Gesicht aus, sondern auch in seiner Art zu sprechen. Das veranlasste einige Klosterbrüder, die den Kranken besuchten, ihn zu fragen, ob er tatsächlich keine Schmerzen hätte. ,,Bitte“, antwortete er, „ich habe wohl Schmerzen, meine Seitenstiche tun sehr weh, aber mein Geist ist zufrieden.“ „Aber“, fügten sie hinzu, „wenn Gott wollte, dass du diese Schmerzen noch zehn Jahre littest, wärest du dann auch zufrieden?“ „Gewiss“, meinte er, „nicht nur für diese Zeit, sondern wenn es Gott gefiele, mein Leiden bis zum Jüngsten Gericht zu verlängern, würde ich gern dem zustimmen und nur hoffen, dass Gott mir die Gnade schenken möchte, immer zufrieden zu sein.“ Als die Stunde seines Abschiedes von dieser Welt sich näherte, rief er oft: „O Glaube, o Glaube!“ Hierdurch drückte er seine Vortrefflichkeit besser aus, als wenn er viele Worte gemacht hätte. Er betete Gott unaufhörlich an und sagte zu einem Klosterbruder, dass er fast nicht mehr die Gegenwart Gottes in seiner Seele glaubte, sondern durch seinen Glauben erleuchtet, schon etwas von dieser göttlichen Gegenwart im Inneren schaute. Seine Unerschrockenheit bei diesem Durchgang, wo alles auf dem Spiele steht, war so groß, dass er zu einem Freunde, der ihn danach fragte, sagte, er fürchtete weder Tod noch Hölle, weder den Richterspruch Gottes noch die Gewalt des Teufels. Da jeder ihm gerne zuhörte, wenn er so erbauliche Dinge sagte, stellte man ihm immer wieder Fragen. So fragte man ihn, ob er wüsste, dass es etwas Furchtbares wäre, in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen, da jeder, wer er auch wäre, nicht sicher wüsste, ob er der Liebe oder des Hasses wert wäre. Darauf antwortete er: „Ich gebe das zu, aber ich möchte es gar nicht wissen; nichts ist besser, als sich völlig auf Gott zu verlassen.“ Nachdem er die Sterbesakramente mit großer Freude empfangen hatte, fragte ihn ein Mönch, was er jetzt täte, womit sich sein Geist beschäftigte. Er antwortete: „Ich tue, was ich in Ewigkeit tun werde; ich danke Gott für alles, ich lobe und bete

Gott an und liebe ihn von ganzem Herzen. Dazu sind wir berufen, liebe Brüder, Gott anzubeten und zu lieben, ohne uns um das übrige zu kümmern.“ Schon vier oder fünf Monate vorher hatte er zu anderen Personen gesagt, dass er vor Ende Februar sterben würde. Und als er Anfang Februar bettlägerig wurde, äußerte er, dass seine Krankheit nicht lange dauern würde. Er war seines Todestages so sicher, dass er am Freitag vorher bestimmt erklärte, er würde am Montag sterben. Und so geschah es am zwölften Februar 1691. Unser Bruder schied von dieser Erde ohne Todeskampf, bis zuletzt bei vollem Bewusstsein, ohne irgendwelche Beängstigung; so schlief er ein unter dem Kusse des Allerhöchsten und übergab Gott seine Seele in vollem Frieden. Bruder Laurentius hatte keiner Angriffslust bedurft, weil nichts in diesem Leben ihm ärgerlich, noch fähig gewesen war, ihn von der Liebe zu Gott abzubringen. Er hatte sich nicht zu beruhigen brauchen, weil er nie in Angst geraten, sondern überzeugt war, dass alles gut gehen würde. Er war niemals zornig geworden, nichts hatte ihn aufregen können, weil er stets Gott liebte und ihm allein zugewendet war. Er war nie neidisch gewesen, weil ihm nichts fehlte. Er hat niemanden mit dieser so üblichen Freundschaft geliebt, weil er in den Geschöpfen stets den Schöpfer liebte. Seine Seele war von unerschütterlicher Festigkeit, ohne Wanken, da er ja alles Übrige vergaß und Gott allein anhing. Obgleich unser Bruder sehr zurückgezogen gelebt hat, gibt es dennoch niemanden, in welcher Lebenslage er auch wäre, der nicht einen großen Gewinn aus dem ziehen könnte, was hier über die Lebensführung unseres Bruders gesagt ist. Unser Bruder kann diejenigen, die in die Welt verwickelt sind, lehren, sich an Gott zu wenden, um ihn um Gnade zu bitten, wenn sie ihren Verpflichtungen nachgehen, sei es, dass sie ihre Geschäfte führen, sei es in ihrem Umgang mit Menschen, ja selbst in ihren Erholungsstunden. Durch sein Beispiel können sie angeregt werden, Gott für seine Wohltaten zu danken, für

alles Gute, das er ihnen getan hat, und sich vor ihm um der begangenen Fehler willen zu demütigen. Es liegt hier keineswegs eine spekulative Frömmigkeit vor, auch keine Frömmigkeit, welche nur in den Klöstern geübt werden könnte. Jedermann ist verpflichtet, Gott anzubeten und zu lieben, und wir können nicht so, wie es sein müsste, diese beiden großen Pflichten tun, ohne mit Gott einen Herzensbund zu schließen, so dass wir in jedem Augenblick zu ihm um Hilfe eilen, wie die kleinen Kinder, die sich ohne wirkliche Hilfe der Mutter kaum halten können. Die Geschäfte und der Umgang mit der Welt können nicht als Entschuldigung dienen, dass wir diese Pflicht versäumen. Gott ist überall; wir können an jedem Ort uns an ihn wenden, wir können unser Herz auf tausendfache Weise zu ihm sprechen lassen, und mit ein wenig Liebe werden wir es nicht schwierig finden. Das Vorbild unseres Bruders in seiner allgemeinen Unbefangenheit, in seiner völligen Selbstvergessenheit, die so weit ging, dass er über Gott sein Seelenheil vergaß, in seinem Gleichmut gegenüber jedweder Anstellung und Beschäftigung, in seiner Freiheit bei den geistlichen Übungen: dieses Vorbild kann allen Menschen nur nützlich sein.

Gespräche mit dem Bruder Laurentius

Erstes Gespräch am 3. August 1666

Als ich Bruder Laurentius zum ersten Male sah, erzählte er mir, dass Gott ihm, als er achtzehnjährig noch in der Welt befangen war, die besondere Gnade der Bekehrung schenkte. An einem Wintertage betrachtete er einen entlaubten Baum, und als er darüber nachdachte, dass bald Blätter, Blüten und Früchte von neuem erscheinen würden, öffnete sich ihm ein tiefer Einblick in die Vorsehung und Macht Gottes, der seitdem sich niemals wieder seiner Seele verschlossen hätte. Dieser

Einblick löste ihn ganz aus der Gebundenheit der Welt und gab ihm eine solche Liebe zu Gott, dass er nicht sagen könnte, er wäre darin gewachsen, seitdem er vor mehr als vierzig Jahren diese Gnade empfangen hätte. Als Bedienter bei dem Schatzmeister M. de Fieubet war er ein großer Tollpatsch und zerbrach alles. Es verlangte ihn dann, in ein Kloster einzutreten, weil er glaubte, dass man ihn dort für seine Tölpeleien und Fehler, die er dort machen würde, schinden würde und er auf diese Weise sein Leben und alle Freude Gott opfern könnte; aber Gott hätte ihn getäuscht, weil er dort nur sich befriedigt gefühlt hätte, so dass er oft zu Gott sagte: „Du hast mich enttäuscht.“ Man sollte sich in der Gegenwart Gottes niederlassen, indem man sich fortgesetzt mit ihm unterhielt, und es wäre schändlich, diese Unterredung aufzugeben, um an Nichtigkeiten zu denken. Man sollte seine Seele mit erhabenen Gedanken an Gott nähren, damit man daraus die wunderbare Freude schöpfen könnte, ihm zu gehören. Wir sollten unseren Glauben lebendig machen; es wäre jämmerlich, dass wir so wenig Glauben hätten. Anstatt den lebendigen Glauben zur Richtschnur und Führung unseres Lebens zu nehmen, vergnügten wir uns an kleinen Frömmigkeiten, die täglich wechselten. Selbst die Kirche begnügte sich, in solchem Geist eine hohe Vollkommenheit zu erreichen. Wir sollten uns Gott völlig hingeben und uns restlos auf ihn verlassen sowohl im Weltlichen als auch im Geistlichen, und uns genügen lassen, Gottes Willen zu tun, ganz gleich, ob er uns durch Leiden oder Tröstungen führt; denn demjenigen, der sich wahrhaft hingegeben hat, gilt alles gleich. Auch in der Dürre müssen wir treu bleiben, weil gerade dann Gott unsere Liebe zu ihm prüft. Auch können wir besonders dann gute Werke der Ergebung und Hingabe unter Gottes Willen verrichten, von denen ein einziges uns oft weit vorwärtsbringt.

Was das Elend und die Sünde betrifft, von denen er alle Tage so viel sprechen hörte, wäre er, anstatt sich darüber zu verwundern, im Gegenteil erstaunt, dass es nicht noch mehr davon gäbe angesichts, der möglichen Bosheit des Sünders. Für diesen betete er wohl, aber weil er wusste, dass Gott dem abhelfen könnte, wenn er wollte, betrübte er sich nicht weiter darüber. Damit es uns gelänge, uns Gott so sehr hinzugeben, wie er es wünscht, sollten wir aufmerksam über alle Regungen unserer Seele wachen, welche sich ebenso in die feinen wie in die gröberen Dinge mischten. Gott aber erleuchtete dabei alle diejenigen, welche wahrhaftig ihm gehören wollten, und wenn ich diese Absicht hätte, könnte ich ihn aufsuchen, so oft ich wollte, ohne fürchten zu müssen, ihm lästig zu fallen, wenn aber nicht, sollte ich nicht wiederkommen.

Zweites Gespräch am 28. September 1666

Bruder Laurentius hatte sich immer durch die Liebe leiten lassen ohne irgendein anderes Interesse, ohne sich darum zu kümmern, ob er verdammt oder erlöst werden würde. Doch er hatte sich dabei sehr wohl befunden, dass er den Zweck all seines Tuns nur darin sah, alles aus Liebe zu Gott zu verrichten. So war er zufrieden, wenn er aus Liebe zu Gott einen Strohhalm von der Erde aufheben konnte; denn er suchte nur Gott allein, nichts anderes, nicht einmal dessen Gaben. Diese Haltung seiner Seele veranlasste Gott, ihm unendliche Gnadenbeweise zu geben; aber wenn er die Frucht dieser Gaben, d. h. die daraus entspringende Liebe, annahm, so musste er den Geschmack an diesen Gaben zurückweisen, indem er sich sagte, dass dies alles keineswegs Gott wäre, weil er kraft seines Glaubens wusste, dass Gott unendlich viel größer und etwas ganz anderes war, als was er dabei schmeckte. Auf diese Weise ergab sich zwischen Gott und seiner Seele ein wunderbarer Kampf: Gott, der da gab, und die

Seele, die da leugnete, dass es Gott wäre, was sie empfing. In diesem Kampfe war seine Seele dem Glauben nach ebenso stark, ja stärker als Gott, weil er niemals so viel geben konnte, dass sie nicht wieder leugnen konnte, dass alles, was er gab, er selbst wäre. Der Entzückung und des Rausches wäre nur eine Seele fähig, die sich an der Gabe als solcher vergnügte, anstatt diese beiseite zu schieben und allein zu Gott zu gehen, der ja höher ist als seine Gabe. Laurentius selbst ließ sich keineswegs zu etwas hinreißen außer zur Überraschung; Gott blieb immer der Höchste. Gott belohnte immer so rasch und herrlich alles, was er für ihn tat, dass er manchmal wünschte, vor Gott verbergen zu können, was er aus Liebe zu ihm tat, damit, wenn er nicht belohnt würde, er einmal die Freude empfinden könnte, etwas ganz selbstlos, nur um Gottes willen getan zu haben. Bruder Laurentius hatte eine Zeitlang unter schwerer seelischer Bedrückung zu leiden, weil er bestimmt glaubte, verdammt zu sein, und niemand in der Welt hätte ihm diese Meinung nehmen können. Doch dann machte er sich folgendes klar: „Ich bin nur aus Liebe zu Gott ins Kloster gegangen, ich habe versucht, nur für ihn zu handeln, ganz gleich, ob ich nun erlöst oder verdammt bin, so will ich doch alles immer wieder ganz selbstlos und nur aus Liebe zu Gott tun; ich werde dann wenigstens das zu gut haben, dass ich bis zum Tode das tun werde, was in mir an Liebe zu Gott ist.“ Diese Pein lastete vier Jahre auf ihm, und er hat während dieser Zeit viel gelitten. Aber seitdem dachte er weder an das Paradies noch an die Hölle, sein ganzes Leben war nur eine einzige Befreiung und Freude. Er stellte seine Sünden zwischen Gott und sich, um gleichsam zu sagen, dass er Gottes Gnade nicht verdiente; aber das hinderte Gott nicht daran, ihn mit Gnaden zu überschütten. Gott nahm ihn gleichsam an die Hand und führte ihn vor den himmlischen Gerichtshof, um ihn als den Sünder herauszu- stellen, den zu begnadigen, Gott wohlgefiel. Anfangs kostete es ihn zwar ein wenig Anstrengung, sich

daran zu gewöhnen, beständig mit Gott zu sprechen und ihm alles, was er tat, zu berichten; aber nach einiger Sorgfalt fühlte er sich durch seine Liebe mühelos wach gehalten. Er war wohl darauf gefasst, dass nach der guten Zeit, die Gott ihm schenkte, auch an ihn die Reihe käme, seinen Anteil an Leiden und Sorgen zu erhalten; aber das bereitete ihm keinen Kummer, weil er wohl wusste, dass er nichts aus sich selber vermochte, und dass Gott bestimmt ihm die Kraft, alles zu ertragen, geben würde. Er wandte sich stets an Gott, wenn es galt, etwas Tüchtiges zu vollbringen, und sagte zu ihm: „Herr Gott, ich wüsste nicht, wie ich es machen sollte, wenn du es nicht bewirkst.“ Und immer gab Gott die Kraft dazu und noch darüber. Wenn er gefehlt hatte, bekannte er einfach seine Schuld vor Gott und sagte: „Ich werde es niemals anders machen, wenn du mich allein gehen lässt; an dir ist es, mich am Fallen zu hindern und das zu verbessern, was nicht gut ist.“ Danach machte er sich weiter keinen Kummer über sein Vergehen. Er sprach immer sehr schlicht und aufrichtig zu Gott, wenn er ihn in allem, was ihm so zustieß, um Hilfe bat; doch Gott half immer, so oft er ihn erprobte. Man hatte ihm vor einigen Tagen aufgetragen, in Burgund Wein aufzukaufen, was ihm sehr peinlich war, weil er einmal zu Geschäften sehr ungeschickt war, zum andern ein verkrüppeltes Bein hatte, so dass er sich auf dem Kahn nur fortbewegen konnte, indem er sich über die Fässer rollte; aber das bekümmerte ihn ebenso wenig wie sein ganzer Wein- Einkauf. Er sagte einfach zu Gott, dass alles seine Sache wäre, und dann fand er, dass alles wie von selbst und gut ging. In derselben Angelegenheit war er im vorigen Jahr in die Auvergne geschickt worden; er kann nicht sagen, wie die Sache vor sich ging, weil ja nicht er sie verrichtete, aber alles ging sehr gut. Ebenso erging es ihm in der Küche, gegen die er eine große natürliche Abneigung hatte. Indem er sich daran gewöhnte,

alles aus Liebe zu Gott zu tun, und ihn bei jeder Gelegenheit um seine Gnade zu bitten, damit er seine Arbeit verrichten konnte, wurde es ihm sehr leicht in all den fünfzehn Jahren, die er dort zu tun hatte. Zurzeit arbeitete er mit Wonne in der Schuhflickerei, war aber bereit, diesen Posten wie jeden anderen aufzugeben, weil er immer nur und überall sich daran erfreute, kleine Dinge aus Liebe zu Gott zu tun. Die Zeit des vorgeschriebenen Gebetes war für ihn gleich der übrigen; seine Andacht verrichtete er, wann der Prior sie anordnete; aber weder wünschte er sie sich noch bat er darum, weil selbst seine wichtigste Arbeit ihn durchaus nicht von Gott abzog. Weil er wusste, dass er in allen Dingen Gott lieben musste, und auch beim Arbeiten diese Pflicht übte, benötigte er keinen Anleiter, wohl aber einen Beichtvater, um für seine Fehler Vergebung zu erlangen. Er bemerkte durchaus seine Fehler und wunderte sich nicht darüber, er bekannte sie vor Gott, ohne sich zu verteidigen und seine Fehler zu entschuldigen. Dann aber trat er wieder seinen gewohnten Dienst der Liebe und Anbetung an. In seinem Kummer hatte er niemanden zu Rate gezogen; aber da er im Lichte des Glaubens sah, dass Gott immer gegenwärtig war, begnügte er sich damit, stets aus Liebe zu Gott zu handeln, es komme, wie es wolle, ob zu seinem Verderben oder zu seinem Heil. Gedanken können alles verderben; wir müssen darauf bedacht sein, sie sogleich zurückzuweisen, wenn wir bemerken, dass sie weder zu unserer augenblicklichen Beschäftigung noch zu unserem Heil in der Unterredung mit Gott notwendig sind. Er hatte oft im Anfang seine ganze Gebetszeit damit verbracht, die unnützen Gedanken zurückzuweisen und doch wieder in sie zurückzufallen. Niemals hatte er sein Gebet so vorschriftsmäßig verrichten können, wie es die anderen taten. Dennoch hatte er anfangs einige Gebetsworte wohl

gesprochen, aber dann verlor er sich im Gebet und hätte sich niemals darüber Rechenschaft ablegen können. Er wagte es nicht, Gott um Bußübungen zu bitten, ja, er wünschte sie sich nicht einmal, aber er wusste wohl, dass er sie vielfach verdiente, und dass Gott, wenn er sie ihm schickte, ihm auch die Kraft geben würde, sie zu vollführen. Alle Kasteiungen und sonstigen Bußübungen wären nur von Wert, sofern sie uns zur Vereinigung in Liebe mit Gott brächten. Nachdem er gut darüber nachgedacht hatte, fiel ihm ein, dass es noch kürzer wäre, in einem fortgesetzten Liebesdienst, indem man alles aus Liebe zu Gott tut, geradewegs zu dieser Vereinigung zu kommen. Wir sollten wohl unterscheiden, zwischen den Handlungen aus unserem Verstande und jenen aus unserem Gemüt; jene bedeuteten nicht allzu viel, diese aber alles. Unser einziges Anliegen sollte sein, zu lieben und uns im Herrn zu freuen. Wenn wir alle möglichen Bußübungen verrichteten und hätten der Liebe nicht, so wäre es uns nichts nütze. Wir sollten, ohne uns zu beunruhigen, auf die Vergebung der Sünden durch das Blut Jesu Christi warten und uns nur bemühen, ihn von ganzem Herzen zu lieben. Gott schien gerade den größten Sündern die höchste Gnade zu schenken, zum sichtbaren Zeichen seiner großen Barmherzigkeit. Er dachte weder an den Tod noch an seine Sünden, weder an das Paradies noch an die Hölle, sondern einzig daran, kleine Dinge aus Liebe zu Gott zu tun, weil er nicht fähig war, etwas Großes zu vollbringen. Wenn man ihn lebendig schinden würde, so wäre das nichts im Vergleich zu der Pein, die er im Innern erlitten hätte, und alle Freuden der Welt wären nichts im Vergleich zu den Freuden seiner Seele. Darum kümmerte er sich um nichts und fürchtete nichts, auch bat er Gott um nichts anderes, als dass er ihn nicht beleidigte. Bruder Laurentius erzählte mir, dass er niemals Gewissens- bisse hätte; denn, so sagte er, wenn er erkannte, gefehlt zu haben, gab er es offen zu und sprach zu Gott: ,,So bin ich nun

einmal und werde allein es immer so machen.“ Aber wenn er nicht gefehlt hatte, dankte er Gott und bekannte, dass alles Gelingen von Gott käme.

Drittes Gespräch am 22. November 1666

Bruder Laurentius hat mir erzählt, dass sein ganzes geistliches Leben in ihm auf dem Glauben an die Erhabenheit Gottes und einer tiefen Ehrfurcht vor dem Höchsten begründet sei. Sobald er dies klar erkannt hatte, war er nur darauf bedacht, jeden anderen Gedanken getreulich abzuweisen und alles aus Liebe zu Gott zu tun. Wenn er auch manchmal längere Zeit nicht daran gedacht hatte, beunruhigte ihn das weiter nicht, sondern nachdem er Gott seine Schwäche gebeichtet hatte, kehrte er mit umso größerem Vertrauen zu Gott zurück, je stärker er seine Vergesslichkeit bereute. Mit diesem Vertrauen, so meinte er, gäben wir Gott die Ehre und zögen viel Gnade auf uns herab. Unmöglich wäre nicht nur, dass Gott einen Menschen täuschte, sondern sogar, dass Gott eine Seele lange leiden ließe, die sich ganz auf ihn verlassen hätte und entschlossen wäre, alles für ihn zu erdulden. So war es ihm schließlich gelungen, nur noch Gedanken an Gott zu haben, und wenn trotzdem einmal ein anderer Gedanke oder eine Versuchung sich in ihm erheben wollte, fühlte er sie kommen, und in der sicheren Gewissheit, dass Gott immer schnell half, ließ er manchmal die Versuchung nahe herankommen, aber dann wandte er sich an Gott, und sie verschwand sogleich. Aus der gleichen Erfahrung dachte er auch bei irgendeiner weltlichen Angelegenheit nicht im Voraus an sie, sondern wenn es Zeit war zu handeln, schaute er auf Gott wie in einen Spiegel, was er augenblicklich tun müsste. Auf diese Weise arbeitete er seither ohne vorherige Sorge, während er vordem in allen seinen Geschäften vorgesorgt hatte.

Dinge, sobald er sie getan hatte, schwanden aus seinem Gedächtnis, ja, er war sich kaum ihrer bewusst, während er sich mit ihnen beschäftigte. Wenn er vom Tisch aufstand, wusste er schon nicht mehr, was er gegessen hatte. In der Einfalt seiner Schau tat er alles aus Liebe zu Gott, dankte ihm dafür, dass er jetzt und immer sein Tun geleitet hatte, aber alles ganz natürlich auf eine Art, die ihn mit der liebevollen Gegenwart Gottes verbunden hielt. Wenn die äußere Beschäftigung ihn ein wenig von Gott abgelenkt hatte, kam ihm plötzlich von Seiten Gottes eine Erinnerung, welche seine Seele mit einem überaus starken Gedanken an Gott bestürmte und sie manchmal so heftig erregte und entflammte, dass er schrie und am liebsten gesungen und getanzt hätte wie ein Narr. In seinen gewöhnlichen Beschäftigungen fühlte er sich viel mehr mit Gott verbunden als in den vorgeschriebenen Andachtsübungen, aus denen seine Seele meist dürr und trocken hinausging. Wohl erwartete er in der Folgezeit schweres körperliches oder geistiges Übel, aber das Schlimmste wäre, Gott fühlbar zu verlieren, den er doch so lange besaß. Aber Gott in seiner Barmherzigkeit hätte ihm versichert, dass er ihn niemals ganz verlassen, sondern ihm die Kraft geben würde, das Übel, das er für ihn zuließ, zu ertragen. Daher fürchtete er nichts und hatte es auch nicht nötig, mit anderen über seinen Seelenzustand zu sprechen. Tat er es doch einmal, so war er immer nur verwirrter geworden. Aber aus Liebe zu Gott zu sterben oder zu Grunde zu gehen, fürchtete er sich nicht. Nur wer sich ganz und gar auf Gott verlässt, geht den sicheren Weg, auf dem er immer Licht hat, dass er nicht falle. Anfangs sollte man sehr genau auf sein Tun achten und sich im Entsagen üben; doch später gäbe es eitel unaussprechliche Freude. In Schwierigkeiten sollte man nur zu Jesus Christus flüchten und ihn um Gnade bitten, die alles leicht machte. Mancher hielt sich an die Kasteiungen und besonderen Übungen und ließ die Liebe fahren, die doch allein erst den

Sinn gibt. An seinen Werken wäre das zu erkennen, und deshalb sähe man so selten wirkliche Tugend. Um zu Gott zu kommen, wäre weder Klugheit noch Gelehrsamkeit nötig, sondern einzig und allein ein Herz, das entschlossen ist, sich um Gott und für ihn zu bemühen und ihn allein zu lieben.

Viertes Gespräch am 25. November 1666

Bruder Laurentius sprach mit großer Wärme und Offenheit mit mir darüber, wie er Gott aufsuchte. Einiges habe ich bereits darüber gesagt. Er erzählte mir, dass wir auf alles, was in unseren Augen nicht nach Gott trachtete, zu verzichten und uns an eine fortwährende Zwiesprache mit Gott zu gewöhnen hätten, ohne Geheimnistuerei und ohne Kunstgriffe. Wir brauchten nur Gott in unserem Innersten gegenwärtig zu wissen, uns jeden Augenblick an ihn zu wenden, ihn um Hilfe zu bitten, in zweifelhaften Dingen seinen Willen zu erforschen und diejenigen Dinge, von denen uns klar ist, dass Gott sie verlangt, gut und recht auszuführen. Wir sollten alles, ehe wir es tun, vor Gott ausbreiten und nach der Tat ihm für seine Hilfe danken. Auch sollten wir Gott immer wieder loben, anbeten und lieben um seiner unendlichen Barmherzigkeit und Weisheit willen. Unser Heilighalten hinge nicht von einem Wechsel in unserer Beschäftigung ab, sondern von unserer Haltung in allem Tun, dass wir nämlich das um Gottes willen tun, was wir gewöhnlich um unseretwillen tun. Es wäre ein Jammer zu sehen, wie viele Menschen sich an gewisse Dinge klammerten, die sie sehr unvollkommen, weil nur aus Rücksicht auf ihre Mitmenschen tun. Das aber heißt, das Mittel zum Zweck machen. Er selbst wüsste kein besseres Mittel, zu Gott zu kommen, als die gewöhnlichen, ihm von seiner Obrigkeit

vorgeschriebenen Arbeiten; doch reinigte er sie, so gut wie möglich, von jeglicher Scheu vor dem Urteil der Welt und führte sie einzig aus reiner Liebe zu Gott aus. Wir täuschten uns sehr, wenn wir glaubten, dass die Zeit des Betens von der übrigen Zeit verschieden wäre. Wir müssen durchaus in der Arbeitszeit ebenso mit Gott verbunden sein wie in der Gebetsstunde. Das Gebet war für Bruder Laurentius einfach das Dasein in der Gegenwart Gottes, wenn seine Seele nichts anderes spürte als die Liebe Gottes. Aber ihm galt jede Zeit gleich, weil er immer bei Gott war. Wir sollten ein für allemal auf Gott vertrauen und uns ganz allein auf ihn verlassen, er würde uns nicht täuschen. Wir sollten niemals ermüden, kleine Dinge aus Liebe zu Gott zu tun, welcher ja nicht auf die Größe des Werkes, sondern auf unsere Liebe schaut. Wir sollten uns nicht wundern, dass wir anfangs oft versagen würden, aber schließlich gewöhnten wir uns daran, dass wir unsere Handlungen gleichsam gedankenlos und mit großer Freude verrichteten. Wir sollten immer nur Glaube, Hoffnung, Liebe üben, um uns ganz in Gottes Willen zu stellen; alles übrige wäre unwesentlich, bei dem wir uns nicht weiter aufhalten sollten als auf einer Brücke, über die wir schnell hinweggingen, um uns dann in das einzig Wesentliche voll Vertrauen und Liebe zu verlieren. Viele Dinge sind dem möglich, der da glaubt, mehr noch dem, der da hofft, noch darüber dem, der da liebt, aber am meisten dem, der in allen drei Tugenden sich übt und standhält. Wenn wir anfangen, in Gottes Gegenwart zu leben, sollten wir uns prüfen, wer wir sind; und dann werden wir finden, dass wir jeder Verachtung wert sind, unwürdig, uns Christen zu nennen, allerlei Nöten unterworfen und zahllosen Zufällen, welche uns beunruhigen, uns schwankend machen in unserer Gesundheit, unseren Stimmungen, unseren äußeren und

inneren Neigungen: kurz, dass wir Menschen sind, die Gott durch viele äußerliche und innerliche Schmerzen und Mühen demütigt. Kann es uns dann wundern, wenn uns Schmerzen, Versuchungen, Anfeindungen und Widersprüche seitens unseres Nächsten begegnen? Sollten wir uns nicht vielmehr dem allem beugen und es so lange tragen, wie es Gott gefällt, als etwas, was für uns vorteilhaft ist? Die menschliche Seele ist umso abhängiger von Gottes Gnade, je mehr sie nach größerer Vollkommenheit strebt.

Briefe von Bruder Laurentius geschrieben an einige geistliche Personen

Erster Brief. An die Ehrwürdige Mutter N.

Ich ergreife die Gelegenheit, um Ihnen mitzuteilen, was ein Klosterbruder meint zu der wunderbaren Wirkung und fortwährenden Hilfe, die ihm aus der Gegenwart Gottes zuteil wird. Möchten wir beide Vorteil daraus ziehen! Sie werden wissen, dass seit über vierzig Jahren, die er im Kloster lebt, seine Hauptsorge darauf gerichtet ist, immer bei Gott zu sein, nichts zu tun, nichts zu sagen, nichts zu denken, was ihm missfallen könnte, aus keiner anderen Absicht als der, Gott rein zu lieben, der ja unendlich mehr Liebe verdient. Er ist an diese göttliche Gegenwart so sehr gewöhnt, dass er bei jeder Gelegenheit Hilfe daraus empfängt; seit ungefähr dreißig Jahren genießt seine Seele so dauernde und manchmal so große Freuden, dass er, um sie zu mäßigen und nicht nach außen erscheinen zu lassen, oft gezwungen ist, vor den Menschen sich kindisch zu benehmen, was eher nach Torheit als nach Weisheit schmeckt. Wenn er etwas abwesend ist bei dieser göttlichen Gegenwart, lässt es Gott ihn sofort in der Seele spüren, um ihn zu erinnern, was oft vorkommt, wenn er sich zu sehr in seine äußeren Beschäftigungen vertieft hat. Er antwortet auf diese

inneren Regungen treu und schnell, entweder mit einer Erhebung des Herzens zu Gott, oder mit einem sanften und warmen Blick, oder mit einigen Worten, wie die Liebe in solchen Augenblicken sie formt, z. B.: „Herr Gott, hier bin ich ganz zu deiner Verfügung — Herr, mache mich nach deinem Herzen.“ Und dann scheint es ihm, wie er es tatsächlich fühlt, dass dieser Gott der Liebe, der sich mit so wenigen Worten zufrieden gibt, wieder besänftigt und tief in seiner Seele ruht. Diese Erfahrung macht es ihm so gewiss, Gott immer in der Tiefe seiner Seele zu haben, dass er darüber keinen Zweifel hegen kann, ganz gleich, was er tut, oder was ihm begegnet. Stellen Sie sich nun vor, eine wie große Beruhigung und Zufriedenheit er genießt: Weil er in sich immer einen so großen Schatz fühlt, lebt er nie in der Unruhe, ihn zu finden, noch in der Angst, ihn zu suchen, sondern besitzt ihn ganz offen, und es steht ihm frei, daraus zu nehmen, was ihm gefällt. Er beklagt sich oft über die Blindheit der Menschen und ruft unaufhörlich, dass es ein Jammer ist, mit wie wenigem sie sich begnügen. Gott, so meint er, hat unendliche Schätze uns zu geben, aber wir begnügen uns mit einer schwachen Gefühlswärme, die schnell vorübergeht. Wie sind wir doch blind, weil wir damit Gott die Hände binden und die Fülle seiner Gnade aufhalten! Aber wenn Gott eine mit lebendigem Glauben erfüllte Seele findet, überschüttet er sie mit unendlicher Gnade. Es ist wie ein Strom, der in seinem gewöhnlichen Lauf gewaltsam aufgehalten worden ist und nun, nachdem er einen Ausgang gefunden hat, sich ungestüm und grenzenlos ausbreitet. Gewiss, oft halten wir diesen Strom auf, weil wir ihn so wenig beachten. Halten wir ihn nicht mehr auf, sondern lasst uns bei uns selbst einkehren, diesen Deich durchbrechen; lassen wir die Gnadensonne aufgehen, und gewinnen wir die verlorene Zeit zurück. Vielleicht bleibt uns nur noch wenig zu leben, vielleicht folgt uns der Tod unmittelbar. Beachten wir wohl: man stirbt nur ein einziges Mal!

Immer wieder lasst uns bei uns einkehren, die Zeit drängt, es leidet keinen Aufschub, jeder steht dabei für sich selbst ein. Ich glaube, dass Sie Ihre Vorkehrungen so richtig getroffen haben, dass Sie nicht überrascht werden. Das ist lobenswert, denn so gehört es sich. Jedoch müssen wir immer weiter arbeiten, weil ja im Reich des Geistes der zurückkommt, der nicht vorwärtskommt, und diejenigen, welche der heilige Geist treibt, kommen selbst im Schlafe weiter. Ich habe mir erlaubt, Sie, teilnehmen zu lassen an diesen aufrichtigen Gedanken, um sie den Ihrigen gegenüberzustellen; sie sollen dazu dienen, die letzteren zu entzünden oder zu entflammen; falls sie unglücklicherweise, was Gott verhüten möge, sich abgekühlt haben sollten, wenn auch noch so wenig. Erinnern wir beide uns unserer früheren Glut, lernen wir von dem Beispiel und der Meinung dieses Klosterbruders, welcher der Welt wenig bekannt ist, aber umso mehr Gott, der ihm außerordentlich wohl will. Ich werde ihn für Sie bitten, bitten Sie ihn inständig für den, der da ist im Namen Unseres Herrn Ihr…

Zweiter Brief

Ich habe heute zwei Bücher erhalten, welche von der Gegenwart Gottes handeln, und ich werde Ihnen eins schicken; denn nach meiner Meinung besteht in der Gegenwart Gottes das ganze religiöse Leben, und mir scheint, dass jeder, der in der rechten Weise vorgeht, bald die Gegenwart Gottes spüren wird. Ich weiß, dass dazu das Herz von allen anderen Dingen leer sein muss, weil Gott es allein besitzen will; nur dann kann er darin wirken und tun, was er will. Wir können in der Welt nicht ruhiger und köstlicher leben als in der dauernden Unterredung mit Gott; das können nur die verstehen, die sie dauernd ausüben und lieben. Ich rate Ihnen jedoch nicht aus diesem Grunde dazu; nicht um des daraus

kommenden Trostes willen, sondern aus Liebe und Gehorsam zu Gott sollen wir so handeln. Wenn ich Prediger wäre, würde ich nichts anderes predigen als ein Leben in der Gegenwart Gottes; und wenn ich ein Beichtvater wäre, würde ich es jedem anraten, so sehr halte ich es für notwendig, ja leicht. Ach! Wenn wir nur wüssten, wie sehr wir der Gnade und Hilfe Gottes bedürfen, wir würden ihn niemals aus den Augen verlieren, nicht einen Augenblick. Glauben Sie mir; fassen Sie sofort einen heiligen und festen Entschluss, sich niemals freiwillig zu entfernen und den Rest Ihres Lebens in dieser heiligen Gegenwart zuzubringen, aus Liebe zu ihm, wenn es ihm gefällt, aller Tröstungen des Himmels und der Erde beraubt zu sein. Gehen Sie ans Werk; wenn Sie es in rechter Weise tun, werden Sie, des seien Sie versichert, bald den Erfolg sehen. Ich will Ihnen mit meinen Gebeten helfen, so armselig sie auch sein mögen, ich empfehle mich dringend Ihrer Fürbitte und der Ihrer Gemeinschaft und bin für alle, insbesondere für Sie Ihr ergebener…

Dritter Brief

Ich wundere mich, dass Sie mir Ihre Ansicht über das Ihnen geschickte Buch, das Sie sicherlich erhalten haben, nicht mitteilen. Befolgen Sie es genau auf Ihre alten Tage, besser spät als gar nicht. Ich verstehe nicht, wie fromme Menschen zufrieden leben können, ohne sich der Gegenwart Gottes bewusst zu werden. Was mich betrifft, flüchte ich mich möglichst oft zu Gott in die tiefste Mitte meiner Seele, und wenn ich so bei ihm bin, fürchte ich nichts; aber die kleinste Abweichung bedeutet für mich die Hölle. In solcher Übung brauchen wir unseren Leib nicht abzutöten; indessen ist es zweckdienlich, ihm zeitweise, selbst oft, kleine Tröstungen zu entziehen, auch wenn sie unschuldig

und erlaubt sind; denn Gott duldet nicht, dass eine ihm ganz ergebene Seele andere Tröstungen als seine aufsucht. Das ist nur vernünftig. Ich sage nicht, dass wir uns deshalb viel Zwang auferlegen müssen; wir müssen vielmehr Gott in heiliger Freiheit dienen, wir müssen treu arbeiten, ohne äußere Hast und innere Unruhe, und unsern Geist still und ruhig an Gott erinnern, so oft wir ihn abwegig finden. Bei alledem müssen wir unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen, uns von allen anderen Bemühungen freimachen, sogar von allerlei besonderen Andachtsübungen, so gut sie gemeint sein mögen; aber wir belasten uns damit oft ganz unzweckmäßig, weil ja diese Andachtsübungen nur Mittel zum Zweck sind. Daher, wenn wir uns diese Gegenwart Gottes bewusst machen, sind wir ja bei ihm, unserem Zweck und Ziel, und es ist unnötig, zu den Mitteln zurückzugreifen. Wir wollen lieber unseren Liebesaustausch mit Gott fortsetzen, in seiner heiligen Gegenwart bleiben, bald anbetend, lobend oder bittend, bald opfernd und dankend, ganz wie unser Geist es vollbringen kann. Lassen Sie sich nicht entmutigen durch den Widerstand von Seiten Ihrer Natur, Sie müssen ihn überwinden. Anfangs glaubt man oft, es sei verlorene Zeit, die man darauf verwendet; aber wir müssen in unserem Entschluss beharren und bis zum Tode und trotz aller Schwierigkeiten standhalten. Ich empfehle mich den Gebeten der heiligen Gemeinschaft, insbesondere Ihrer Fürbitte, und bleibe im Herrn. Ihr

Vierter Brief

Ich beklage Sie sehr. Könnten Sie doch die Sorgen um Ihre

überlassen und sich ganz dem

hingeben, zu Gott zu beten! Es wäre ein großer Gewinn für Sie.

Gott verlangt keine großen Dinge von uns; wir sollten uns seiner von Zeit zu Zeit erinnern, ihn ein wenig anbeten, ihn

Angelegenheiten Herrn N

einmal um seine Gnade bitten, ein andermal unsere Schmerzen vor ihm ausbreiten, dann wieder ihm danken für alles Gute, das er an uns getan hat und immer noch tut. Bei der Arbeit sollten wir bei ihm Trost suchen, überhaupt so oft wir nur können, auch bei unseren Mahlzeiten und Gesprächen. Wenn wir doch nur manchmal unser Herz zu ihm erheben wollten! Schon das kleinste Gedenken wird ihm willkommen sein; wir brauchen darum nicht laut zu rufen, weil er uns viel näher ist, als wir meinen. Wir brauchen nicht immer in der Kirche zu sein, wenn wir Gott anbeten wollen; wir können aus unserem Herzen ein Betzimmer machen, in das wir uns ab und zu zurückziehen, um uns ruhig, demütig und aufrichtig mit ihm zu unterhalten. Jeder vermag solche vertraulichen Gespräche mit Gott zu führen, die einen mehr, die anderen weniger, und Gott weiß, was wir vermögen. Beginnen wir getrost! Vielleicht erwartet er von uns nur einen beherzten Entschluss. Fassen wir Mut, vielleicht bleibt uns nur noch wenig Zeit zum Leben, Sie sind fast vierundsechzig und ich bin beinahe achtzig Jahre alt. Leben und sterben wir mit Gott! Wenn wir bei ihm sind, werden die Schmerzen gelinder und erträglich sein, aber ohne ihn sind die größten Vergnügungen eine schreckliche Qual. Gott sei Dank für alles! Amen. Gewöhnen Sie sich also allmählich daran, Gott auf diese Weise anzubeten, um seine Gnade zu bitten, ihm Ihr Herz möglichst oft während des Tages darzubringen; binden Sie sich an keine besonderen Vorschriften oder Andachts- übungen, tun Sie alles im Glauben, in Liebe und Demut. Seien Sie meiner geringen Gebete versichert. Ihr Diener im Herrn.

Fünfter Brief

An den Ehrwürdigen Vater N.

Obgleich es mich nicht beunruhigt, dass ich in den Büchern nichts über meine Art zu leben finden kann, würde ich doch zu meiner größeren Zuversicht gern erfahren, wie Sie über meinen Zustand denken. Vor einigen Tagen kam ich mit einer frommen Persönlichkeit ins Gespräch, und sie erzählte mir, dass das geistige Leben ein Leben der Gnade wäre, mit knechtischer Furcht anfinge, in der Hoffnung auf das ewige Leben wüchse und dann in der reinen Liebe aufginge, und dass es für die einzelnen verschiedene Stufen gäbe, um zu dieser glücklichen Vollendung zu kommen. Ich habe keineswegs diese Methoden befolgt; im Gegenteil erregten sie in mir unwillkürlich Furcht, und deshalb, als ich ins Kloster eintrat, entschloss ich mich, als Buße für meine Sünden mich ganz und gar Gott hinzugeben und aus Liebe zu ihm auf alles zu verzichten, was nicht von ihm kam. Während der ersten Jahre dachte ich in meinen Gebeten nur an den Tod, das Jüngste Gericht, an die Hölle, das Paradies und an meine Sünden. In den übrigen Stunden des Tages, ja selbst bei der Arbeit vertiefte ich mich ernstlich in die Gegenwart Gottes, den ich erachtete, dicht bei mir, ja oft sogar tief in meinem Herzen zu sein. Dadurch gewann ich eine solche Höchstschätzung Gottes, dass nur der Glaube mich darin befriedigen konnte. Ganz unbewusst verfuhr ich dann in meinen Gebeten ebenso, und das beruhigte und tröstete mich ungemein. Auf diese Weise habe ich angefangen. Ich muss Ihnen allerdings sagen, dass ich in den ersten zehn Jahren viel gelitten habe; der Gedanke, Gott nicht so nahe zu sein, wie ich es wünschte, meine mir immer gegenwärtigen Sünden, die vielen Gnadenbeweise Gottes: alles das verursachte und machte meine Not aus. Bald war ich ganz niedergeschlagen, bald wieder aufgerichtet; es schien mir, als

wären die Schöpfung, die Vernunft, ja Gott selber gegen mich, und nur der Glaube spräche für mich. Manchmal beunruhigte mich der Gedanke, dass es ein Zeichen meiner Vermessenheit wäre anzunehmen, mit einem Schlage dort zu sein, wohin die anderen nur mit Mühe kämen; ein andermal peinigte mich der Gedanke, ich wäre absichtlich verworfen und würde niemals erlöst werden. Als ich dann nur noch daran dachte, dieses Leben voller Angst und Unruhe, das aber nie mein Vertrauen zu Gott geschwächt, sondern meinen Glauben gestärkt hatte, zu beenden, da fand ich mich plötzlich verwandelt, und meine bis dahin immer geängstigte Seele fühlte sich in einem tiefen inneren Frieden, als ob sie sich in ihrem Schwerpunkt und somit in Ruhe befände. Seitdem arbeite ich vor Gott einfach im Glauben, in Demut und Liebe, ich bemühe mich ernstlich, nichts zu tun, nichts zu sagen und nichts zu denken, was ihm missfallen könnte, und ich hoffe, wenn ich mein möglichstes getan haben werde, dass Gott mit mir verfahren wird, wie es ihm gefällt. Wie soll ich Ihnen erzählen, was in mir jetzt vorgeht, ich kann es nicht ausdrücken. Ich fühle weder Kummer noch Zweifel über meinen Zustand, da ich ja keinen anderen als Gottes Willen kenne, den ich in allem zu tun versuche, und dem ich so ergeben bin, dass ich keinen Strohhalm von der Erde gegen seinen Willen und aus einem anderen Grunde als einzig aus reiner Liebe zu ihm aufheben würde. Ich habe alle Andachtsübungen und Gebete außer den vorgeschriebenen aufgegeben und ich beschäftige mich nur damit, mich immer in Gottes heiliger Gegenwart zu halten durch ein schlichtes Aufmerken und einen gesammelten und liebevollen Blick auf Gott. Ich könnte auch von der wirksamen Gegenwart Gottes sprechen, oder noch besser, von einer stummen und heimlichen Unterredung der Seele mit Gott, die gewissermaßen nicht mehr aufhört, und in der ich innerlich und auch äußerlich so große Befriedigung und Freude erlebe, dass ich, um sie zu mäßigen und nicht nach außen sichtbar werden

zu lassen, manchmal gezwungen bin, mich kindisch zu benehmen, was eher nach Torheit als nach Weisheit schmeckt. Nach allem, kann ich keineswegs daran zweifeln, dass meine Seele mehr als dreißig Jahre bei Gott ist. Ich übergehe vieles, um Sie nicht zu langweilen, glaube indessen, dass es zweckmäßig ist, Ihnen zu zeigen, wie ich mich vor Gott betrachte, den ich als meinen König ansehe. Ich betrachte mich als den elendesten aller Menschen, von Wunden zerrissen, voller Gestank, der allerlei Verbrechen gegen seinen König begangen hat. Von aufrichtiger Reue ergriffen, tue ich ihm alle meine Übeltaten kund, bitte ihn um Verzeihung und gebe mich ganz in seine Hände, damit er mit mir verfahre, wie es ihm gefällt. Dieser König, voller Güte und Barmherzigkeit, weit entfernt, mich zu strafen, umarmt mich liebevoll, lässt mich an seinem Tisch essen, bedient mich eigenhändig, gibt mir die Schlüssel zu seinen Schätzen und behandelt mich ganz wie seinen Liebling; er unterhält sich und verkehrt mit mir auf tausendfache Weise, ohne von meiner Bitte um Verzeihung zu sprechen, noch mir meine bisherigen Gewohnheiten zu nehmen. Obgleich ich ihn bitte, mich nach seinem Herzen zu machen, bleibe ich immer schwach und elend und doch von Gott geliebkost. Sehen Sie, so betrachte ich mich manchmal in seiner heiligen Gegenwart. Meistens komme ich Gott nahe in jenem schlichten Aufmerken und jenem gesammelten und liebevollen Blick auf ihn, an den ich mich oft mit einer Süße und Befriedigung gebunden fühle, die größer ist, als sie ein Kind schmeckt, das an der Mutterbrust liegt. Daher, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen dürfte, möchte ich diesen Zustand den Busen Gottes nennen wegen der unbeschreiblichen Süße, die ich dort koste. Wenn ich manchmal aus Not oder Schwäche mich davon abwende, werde ich sogleich durch so wunderbare und köstliche innere Regungen zurückgerufen, dass ich mich scheue, darüber zu sprechen. Ich bitte Sie, lieber über meine großen Nöte nachzudenken, über die Sie ja gut unterrichtet sind, als über die großen Gnadenbeweise, mit denen Gott

meine Seele bevorzugt, so unwürdig und undankbar ich auch bin. In den vorgeschriebenen Gebetstunden fahre ich in der gleichen Weise mit den Übungen fort. Manchmal betrachte ich mich als einen Stein, den ein Bildhauer zu einer Statue formen will; indem ich mich Gott so darbiete, bitte ich ihn, in meine Seele sein wahres Bild zu graben und mich ganz zu seinem Ebenbilde zu machen. Manchmal, sobald ich mich sammle, fühle ich im Geiste meine ganze Seele frei und beschwingt sich erheben und bei Gott wie fest verbunden verweilen, als sei dort ihr Schwer- und Ruhepunkt. Ich weiß, dass einige diesen Zustand als Müßiggang, Betrug und Eigenliebe beurteilen, und ich gestehe, dass es ein heiliger Müßiggang und eine glückliche Eigenliebe ist, wenn unsere Seele zu diesem Zustande fähig ist; denn wenn sie in dieser Ruhe ist, kann sie ja tatsächlich nicht unter der Unruhe von all dem leiden, was wir bisher getan haben und für ihre Stütze hielten, was aber eher ihr geschadet hat. Ich dulde es aber nicht, dass einige diesen Zustand einen Betrug nennen, weil die Seele, die sich darin in Gott erfreut, nichts weiter wünscht als ihn; wenn es Selbstbetrug ist, dann ist es Gottes Sache, mich davon zu heilen. Möge er mit mir machen, wie es ihm gefällt; ich will nur ihn und immer nur bei ihm sein. Sie würden mich dennoch zu Dank verpflichten, wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilten, auf die ich großen Wert lege; denn ich schätze Euer Ehrwürden ganz besonders und bin im Herrn Ihr…

Sechster Brief

An die Ehrwürdige Mutter N.

Meine Gebete, obgleich sie wenig wert sind, sollen Ihnen nicht fehlen; ich habe es versprochen, und ich werde mein Wort halten. Wie glücklich würden wir sein, wenn wir den Schatz finden könnten, von dem das Evangelium spricht! Alles Übrige würde uns dann nichts gelten. Lasst uns ihn unaufhörlich suchen, ermüden wir nicht, bis wir ihn gefunden haben! Nun, ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Mir scheint, der Friede der Seele und die Ruhe des Geistes kommen über mich ohne mein Zutun. Wenn ich überhaupt fähig wäre mich zu fürchten, würde es mich ängstigen, keine Angst zu haben; der Gedanke an ein Fegefeuer, in dem ich meine Sünden abbüßen könnte, würde mich eher trösten. Ich weiß nicht, was Gott mit mir vorhat; ich lebe in einer so großen Ruhe, dass ich nichts fürchte. Was auch sollte ich fürchten, wenn ich bei ihm bin? Ich halte mich an ihn so viel wie möglich. Ihm sei Dank für alles! Amen. Ihr…

Siebenter Brief

An Frau N.

Wir alle haben einen unendlich gütigen Gott, und er weiß, was uns Not tut. Ich habe immer geglaubt, dass er Sie aufs äußerste bedrängen würde; doch er wird mit offenen Armen zu seiner Zeit kommen, wenn Sie es am wenigsten erwarten. Hoffen Sie auf ihn mehr denn je, danken Sie ihm für die erwiesene Gnade, vor allem für die Kraft und Geduld, die er Ihnen in Ihrer Trübsal schenkt: daran können Sie augenscheinlich erkennen, dass er für Sie sorgt. Suchen Sie also Trost bei ihm und danken Sie ihm für alles.

Ich bewundere auch den Mut und die Kraft des Herrn De

N Gott hat ihm eine gute Veranlagung und einen guten

Willen verliehen; aber er kennt noch wenig von der Welt; er ist noch sehr jung. Hoffentlich wird das Leid, das Gott ihm

geschickt hat, eine heilsame Medizin für ihn sein und ihn zur Selbstbesinnung bringen. Gott will ihn dadurch auffordern,

sein ganzes Vertrauen auf ihn zu setzen, der ihn überallhin

begleitet, damit er sich seiner möglichst erinnert, besonders in

sehr großen Gefahren.

Etwas Herzenswärme genügt; ein kurzes Gedenken an Gott,

eine innere Anbetung, wenn auch im Eilschritt, den Degen

bereit, sind Gebete, die doch trotz aller Kürze Gott Wohlgefallen. Sie werden auch bei denjenigen, die mit den

Waffen zu tun haben, in den oft so gefährlichen Zufällen ihren

Mut keineswegs schwächen, sondern vielmehr stärken.

möglichst oft sich an Gott erinnern,

sich an diese kleine, aber heilige Übung allmählich gewöhnen;

niemand merkt etwas davon, nichts ist leichter, als während des Tages diese kurze innere Anbetung oft zu wiederholen. Empfehlen Sie ihm, bitte, möglichst oft in der hier angegebenen Weise an Gott zu denken, sie ist sehr gut und notwendig gerade für einen Soldaten, der alle Tage in Lebensgefahr ist und oft auch sein Seelenheil bedroht sieht. Ich hoffe, dass Gott ihm und seiner ganzen Familie beistehen wird, und verbleibe mit allseitigen Grüßen Ihr ergebener …

Möge also Herr De N

Achter Brief

An die Ehrwürdige Mutter N.

Sie erzählen mir nichts Neues; Sie sind nicht die einzige, die

von Gedanken hin und her bewegt wird. Unser Geist ist

außerordentlich flüchtig; aber unser Wille, der Herr über all unsere Kräfte, soll ihn zurückrufen und ihn zu Gott, unserem Endziel, führen. Wenn unser Geist nicht gleich zu Anfang

geschult wird, nimmt er oft üble Gewohnheiten an wie Verwirrung und Zerstreutheit, und es ist schwierig, diese zu überwinden; meistens ziehen sie uns gegen unseren Willen herunter zu irdischen Dingen. Ein Heilmittel dafür, so scheint mir, liegt darin, dass wir Gott unsere Fehler bekennen und uns vor ihm demütigen. Ich rate Ihnen, beim Beten nicht viel zu sprechen; die vielen Gebetsworte verwirren uns oft nur. Verhalten Sie sich vor Gott gleichsam wie ein Stummer oder Gelähmter vor der Tür eines Reichen; richten Sie Ihren Geist immer auf die Gegenwart Gottes. Verwirrt er sich und entfernt er sich manchmal, so beunruhigen Sie sich nicht; denn jede Unruhe im Geiste dient eher dazu, ihn zu zerstreuen als zu sammeln. Der Wille muss ihn ganz ruhig zurückrufen. Wenn Sie in dieser Weise verharren, wird Gott sich Ihrer erbarmen. Ein Mittel, den Geist während des Gebetes gesammelt und ruhig zu halten, besteht darin, ihn während des ganzen Tages nicht zuviel umherschweifen zu lassen, sondern ihn gewissenhaft auf die Gegenwart Gottes zu richten. Wenn er durch Sie gewöhnt ist, ab und zu daran erinnert zu werden, wird er während des Gebetes ruhig bleiben oder wenigstens sich leicht von seiner Zerstreutheit sammeln lassen. In meinen anderen Briefen habe ich Ihnen ausführlich von den Vorzügen erzählt, die wir aus diesem Bewusstwerden der Gegenwart Gottes ziehen können. Beschäftigen wir uns ernstlich damit und beten wir füreinander. Ich verbleibe im Herrn Ihr ergebener …

Neunter Brief

An dieselbe

Hier ist die Antwort für die gute Schwester N…., seien Sie, bitte, so freundlich, sie ihr zu geben. Die Schwester scheint guten Willens zu sein, nur möchte sie schneller vorwärts kommen, als es Gottes Gnade zulässt. Niemand wird plötzlich

ein Heiliger. Ich lege sie Ihnen ans Herz, wir sollten einander helfen durch unseren Rat und mehr noch durch unser gutes Beispiel. Sie würden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht gäben, ob die Schwester sehr eifrig und gehorsam ist. Denken wir oft daran, dass wir in diesem Leben einzig darauf bedacht sein sollten, Gott zu gefallen. Alles Übrige, was kann es anders sein als Torheit und Eitelkeit? Wir haben mehr als vierzig Jahre im Kloster zugebracht; aber haben wir sie dazu angewandt, Gott zu lieben und ihm zu dienen, der in seiner Barmherzigkeit uns hier dazu berufen hat? Ich fühle mich ganz beschämt und verwirrt, wenn ich darüber nachdenke, wie einerseits Gott mir viel Gnade erwiesen hat und unaufhörlich noch erweist, und wie andererseits ich einen schlechten Gebrauch davon gemacht habe und wenig auf dem Wege zur Vollkommenheit vorwärtsgekommen bin. Da Gott in seiner Barmherzigkeit uns noch etwas Zeit gibt, wollen wir doch ernstlich anfangen, holen wir die verlorene Zeit ein, kehren wir ganz vertrauensvoll zu unserem Vater der Güte zurück, der immer bereit ist, uns liebevoll aufzunehmen. Verzichten wir, verzichten wir beherzt aus Liebe zu ihm auf alles, was nicht von ihm ist; er belohnt uns unendlich mehr. Denken wir unaufhörlich an Gott, setzen wir auf ihn unser ganzes Vertrauen; ich zweifle nicht daran, dass wir bald die Wirkung spüren, dass wir die Fülle seiner Gnade fühlen werden, mit welcher wir alles vermögen, und ohne welche wir sündigen. Wir können die Gefahren und Klippen, an denen das Leben so reich ist, nicht ohne die wirkliche und fortgesetzte Hilfe Gottes vermeiden. Bitten wir ihn unaufhörlich darum! Wie können wir ihn bitten, ohne bei ihm zu sein? Wie können wir bei ihm sein, ohne oft an ihn zu denken? Wie können wir oft an ihn denken, ohne dass sich daraus eine heilige Gewohnheit bildet? Sie werden mir sagen, dass ich Ihnen immer wieder dasselbe erzähle. Gewiss; denn ich kenne kein besseres und leichteres Mittel als dieses; und da ich selbst kein anderes

Mittel gebrauche, rate ich es jedem. Wir müssen erkennen, ehe

wir lieben, und um Gott zu erkennen, müssen wir oft an ihn

denken, und wenn wir ihn erst lieben werden, dann werden wir noch viel öfter an ihn denken; denn wo unser Schatz ist, da ist

unser Herz. Denken Sie oft und ernstlich daran! Ihr sehr ergebener …

Zehnter Brief

An Frau N.

Nur sehr schwer habe ich mich entschlossen, an Herrn De

N

zu schreiben, und habe es nur getan, weil Sie es wünschen.

Ich

freue mich, dass Sie Ihr Vertrauen auf Gott gesetzt haben,

und wünsche, dass Sie darin immer mehr zunehmen. Wir werden niemals zuviel Vertrauen haben können zu einem so

gütigen und treuen Freund, der uns weder in dieser noch in jener Welt im Stiche lassen wird.

versteht, sich den erlittenen Verlust zu

nutze zu machen, wenn er sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt,

wird ihm dieser bald einen anderen Freund geben, der noch

einflussreicher und besser gesinnt ist: Gott verfügt über die

zuviel

natürliches Gefühl und Anhänglichkeit für den gehabt, den er verloren hat; wir sollen zwar unsere Freunde lieben, doch unbeschadet der Liebe zu Gott, der immer der Erste sein muss.

Gott ist immer bei und mit uns; lassen wir ihn nicht allein. Wir glauben unhöflich zu sein, wenn wir einen Freund, der uns besucht, allein lassen. Warum dann Gott aus dem Wege gehen und ihn allein lassen? Vergessen Sie ihn also nicht! Denken Sie oft an ihn, beten Sie ihn unaufhörlich an, leben und sterben Sie bei ihm, das ist die schönste Beschäftigung für einen Christen, kurz gesagt, das ist unser Beruf. Wenn

wir es nicht wissen, müssen wir es lernen, ich werde Ihnen mit

Wenn Herr De N

Herzen, wie er will. Vielleicht hat Herr De N

meinen Gebeten helfen. Ich verbleibe im Herrn. Ihr

Elfter Brief

An die Ehrwürdige Mutter N.

Ich bitte Gott nicht, Sie von Ihren Schmerzen zu befreien, sondern ich bitte ihn inständig, Ihnen Kraft und Geduld zu geben, die Schmerzen zu ertragen, solange es ihm gefällt. Suchen Sie Trost bei ihm, der Sie ans Kreuz heftet, er wird Sie erlösen, wenn er es für richtig hält. Glücklich diejenigen, welche im Leiden bei Gott sind! Die Welt versteht diese Wahrheit nicht, und ich wundere mich nicht darüber; denn sie leiden als Leute von Welt und nicht als Christen. Sie betrachten die Leiden als Krankheiten der Natur und nicht als eine Gnade Gottes, und daher finden sie in der Krankheit nichts anderes, als was unserer Natur zuwider und furchtbar ist. Aber diejenigen, welche das Leid als von Gott her betrachten, als Zeichen seiner Barmherzigkeit und als ein Mittel zu ihrem Heil, werden meist darin große Süße und reinen Trost schmecken. Ich wünschte, ich könnte Sie davon überzeugen, dass Gott uns in Krankheit und Siechtum oft näher ist als in Zeiten der Gesundheit. Suchen Sie keinen anderen Arzt als ihn; soviel ich verstehe, will er allein Sie heilen, setzen Sie Ihr ganzes Vertrauen auf ihn, Sie werden bald den Erfolg sehen, den wir oft nur verzögern, weil wir der Arznei mehr vertrauen als Gott. Die Arzneimittel, die Sie anwenden, werden nur soweit wirken, wie er es zulässt; wenn die Schmerzen von Gott kommen, kann nur er allein sie heilen; er überlässt uns oft körperlichen Leiden, um unsere seelischen zu heilen. Suchen Sie Trost und Hilfe bei dem höchsten Arzt, der Leib und Seele in seiner Hand hat. Ich sehe voraus, dass Sie sagen werden, ich habe es sehr leicht, da ich esse und trinke am Tische des Herrn. Gewiss, Sie haben recht; aber glauben Sie, dass der größte Verbrecher der Welt, selbst wenn er am Tische seines Königs speist und von diesem eigenhändig bedient wird, wirklich nur wenig Pein

empfindet, solange er der Begnadigung nicht sicher ist? Ich glaube vielmehr, dass er sehr große Pein empfindet, die nur das Vertrauen auf die Güte seines Herrschers mildern kann. Ebenso kann auch ich Ihnen versichern, dass ich, welche Süße ich auch am Tische meines Königs schmecke, meine Sünden doch immer vor mir sehe und mich in der Ungewissheit meiner Verzeihung quäle, so lieb mir die Qual an sich ist. Begnügen Sie sich mit dem Stande, wohin Gott Sie gestellt hat; für wie glücklich Sie mich auch halten, ich beneide Sie. Schmerzen und Leiden werden mir immer das Paradies bedeuten, wenn ich bei Gott leide; und die größten Vergnügungen werden mir die Hölle bedeuten, wenn ich sie ohne ihn genießen soll. Mein ganzer Trost ist der, etwas um Gottes willen zu leiden. Ich bin bald so weit, Gott schauen zu dürfen, vielmehr ihm Rechenschaft abzulegen. Denn wenn ich Gott nur einen einzigen Augenblick geschaut hätte, würden mir alle Qualen des Fegefeuers süß sein, selbst wenn sie bis ans Ende der Welt dauern sollten. In diesem Leben tröstet es mich, dass ich Gott im Glauben sehe. Ich sehe ihn auf eine Weise, dass ich manchmal sprechen könnte: Ich glaube nicht länger mehr — ich schaue wirklich. Ich erfahre, was der Glaube uns lehrt, und in dieser Gewissheit und Erfahrung des Glaubens will ich leben und sterben in Gott. Halten Sie sich also immer zu Gott, er allein, kann Ihre Leiden lindern; ich werde zu ihm beten, dass ei bei Ihnen sei. Ich grüße die Ehrwürdige Mutter Priorin, ich empfehle mich ihren heiligen Gebeten, auch denen der heiligen Gemeinde und den Ihrigen und bin im Herrn. Ihr…

Zwölfter Brief

An die Ehrwürdige Mutter N.

Sie wünschen so dringend, ich solle Ihnen mitteilen, auf welche Weise ich in diesen Zustand, Gottes Gegenwart zu spüren, gekommen bin, wohin mich zu bringen, dem Herrn in seiner Barmherzigkeit gefallen hat. Ich kann Ihnen nicht verschweigen, dass ich nur sehr widerstrebend Ihrem dringenden Verlangen nachgebe und nur unter der Bedingung, dass Sie niemandem meinen Brief mitteilen. Wenn ich wüsste, Sie wollten ihn einem andern zeigen, würde auch mein Wunsch für Ihre Vervollkommnung mich nicht zum Reden bewegen. Folgendes kann ich Ihnen darüber sagen:

Nachdem ich in mehreren Büchern verschiedene Methoden gefunden hatte, wie man zu Gott kommt, und allerlei praktische Anweisungen zu einem geistigen Leben, schien mir, dass dies alles eher dazu diente, meinen Geist zu verwirren, als mir das zu erleichtern, was ich erstrebte und suchte, nämlich ein Mittel zu finden, ganz bei Gott zu sein. Daher entschloss ich mich, mich restlos hinzugeben; und nachdem ich mich so ganz Gott übergeben hatte als Buße für meine Sünden, verzichtete ich aus Liebe zu ihm auf alles, was nicht von ihm kam, und begann zu leben, als ob es in der ganzen Welt nur ihn und mich gäbe. Manchmal betrachtete ich mich von ihm als den armen Sünder zu Füßen seines Richters; ein andermal war er in meinem Herzen der Gott und Vater. Dort betete ich ihn möglichst oft an, indem ich meinen Geist auf Gottes heilige Gegenwart richtete und ihn zurückrief, so oft ich ihn zerstreut fand. Diese Übung hat mich nicht wenig Mühe gekostet, doch trotz aller Schwierigkeiten fuhr ich fort, ohne mich zu ängstigen oder zu beunruhigen, wenn ich unwillkürlich zerstreut war. Auf diese Weise beschäftigte ich mich während meiner Gebetstunden wie auch während des übrigen Tages; denn zu jeder Zeit, in jeder Stunde, in jedem Augenblick, ja selbst im größten Drang der Arbeit verbannte

und entfernte ich aus meinem Geist alles, was mir den Gedanken an Gott hätte nehmen können. Sehen Sie, so verfahre ich gewöhnlich, seitdem ich im Kloster bin, und obgleich ich nur sehr nachlässig und unvollkommen übe, habe ich doch schon sehr große Vorteile erhalten. Ich weiß wohl, dass ich diese der Barmherzigkeit und Güte des Herrn zuzuschreiben habe, da wir ja ohne ihn nichts können, und ich noch weniger als die anderen. Aber wenn wir uns treu an Gottes heilige Gegenwart halten, ihn immer vor uns sehen, wird uns das nicht nur hindern, ihn zu beleidigen und wenigstens willentlich etwas zu tun, was ihm missfällt, sondern wir werden uns die heilige Freiheit nehmen, Gott um die Gnade zu bitten, deren wir so sehr bedürfen. Schließlich, wenn wir diese Übungen recht oft wiederholen, werden sie uns immer vertrauter werden, und die Gegenwart Gottes erscheint uns ganz natürlich. Danken Sie ihm, bitte, mit mir für die große mir geschenkte Güte, die ich nie genug bewundern kann in den überaus vielen Gnadenbeweisen, die er einem so armen Sünder wie mir gegeben hat. Gott sei bedankt für alles! Amen. Ich verbleibe im Herrn Ihr…

Dreizehnter Brief

An die Ehrwürdige Mutter N.

Wenn wir uns aus Gewohnheit darin üben würden, in der Gegenwart Gottes zu leben, würden uns alle körperlichen Krankheiten leicht sein; oft lässt Gott zu, dass wir körperlich ein wenig leiden, um unsere Seele zu läutern und uns zu zwingen, bei ihm zu bleiben. Ich kann nicht verstehen, wie eine Seele, die bei Gott ist und nur ihn haben will, Schmerz fühlen kann; ich habe selbst genug Erfahrung darin, um nicht zu zweifeln. Fassen Sie Mut, legen Sie unaufhörlich Ihre Schmerzen vor

ihn; bitten Sie ihn um Kraft, sie zu ertragen; besonders gewöhnen Sie sich daran, oft mit ihm zu sprechen. Vergessen Sie Gott möglichst wenig, beten Sie ihn an in Ihrer Krankheit, und im stärksten Schmerz bitten Sie ihn demütig und liebevoll, wie ein Kind seinen guten Vater bittet, dass sein heiliger Wille geschehe und seine Gnade Ihnen helfe. Ich will Ihnen mit meinen armseligen Gebeten beistehen. Gott hat verschiedene Mittel, uns zu ihm zu ziehen; er verbirgt sich manchmal vor uns, aber der Glaube, der uns im Notfall nicht fehlen wird, soll unsere Stütze und der Grund unseres ganz auf Gott gesetzten Vertrauens sein. Ich weiß nicht, was Gott mit mir vorhat, aber ich bin immer mehr zufrieden; jedermann leidet, und ich, der ich strenge Bußübungen machen sollte, fühle fortgesetzt so große Freude, dass ich sie kaum mäßigen kann. Ich würde gern Gott um einen Teil Ihrer Schmerzen bitten, wenn ich nicht um meine Schwäche wüsste, die so groß ist, dass ich, überließe mich Gott einen Augenblick mir selbst, das elendeste Geschöpf in der Welt wäre. Ich weiß jedoch nicht, wie er mich allein lassen könnte, da ich im Glauben ihn am Finger halte, und da er sich niemals von uns entfernt, wenn wir uns nicht zuerst entfernen. Scheuen wir uns, von ihm fortzugehen, seien wir immer bei ihm, leben und sterben wir in ihm! Wir wollen Gott für einander bitten. Ihr Bruder

Vierzehnter Brief

An dieselbe

Es schmerzt mich, Sie so lange leiden zu sehen; mein Mitleiden wird nur dadurch gemildert, dass ich überzeugt bin, dass Gott damit Ihnen seine Liebe zeigen will. Wenn Sie Ihre Schmerzen von dieser Seite aus ansehen, werden Sie leichter zu ertragen sein. Mir scheint, Sie sollten alle künstlichen Heilmittel aufgeben und sich ganz auf die göttliche

Vorsehung verlassen, vielleicht erwartet das Gott erst von Ihnen, um Sie dann zu heilen. Da ja trotz Ihrer Bemühung die angewandten Mittel nicht den erhofften Erfolg haben, sondern im Gegenteil das Übel sich verschlimmert, heißt es nicht, Gott versuchen, wenn Sie sich in seine Hände geben und alles von ihm erwarten. In meinem letzten Briefe habe ich Ihnen schon erzählt, dass Gott manchmal zulässt, dass der Leib leidet, damit die Krankheit der Seele geheilt werde. Fassen Sie Mut, machen Sie aus der Not eine Tugend! Bitten Sie Gott nicht um Befreiung von körperlichen Schmerzen, sondern um Kraft, damit Sie aus Liebe zu ihm alles mutig ertragen, was er will, und wie lange es ihm gefällt. Solche Gebete kommen wohl unserer Natur etwas hart an, sind aber Gott wohlgefällig und denen, die ihn lieben, süß. Die Liebe mildert die Schmerzen, und wenn wir Gott lieben, leiden wir gern und mutig. Suchen Sie Trost bei ihm, der das einzige und einzigartige Heilmittel für unsere Leiden ist. Er ist der Vater der Betrübten, immer bereit, uns zu helfen, und liebt uns unsagbar mehr als wir meinen. Lieben Sie ihn also; suchen Sie nirgends Erleichterung als bei ihm, und ich hoffe, dass Sie diese bald erhalten werden. Leben Sie wohl; ich will Ihnen mit meinen Gebeten beistehen, so arm diese auch sind, und bleibe im Herrn Ihr

Fünfzehnter Brief

An dieselbe

Dank sei dem Herrn, dass er Ihre Schmerzen etwas gelindert hat. Ich bin mehrmals nahe am Sterben gewesen, obgleich ich mich noch nie so wohl gefühlt habe; ich habe auch nicht um Erleichterung, sondern um Kraft gebeten, um mutig, demütig und liebevoll zu leiden. Fassen Sie Mut! Ach, wie süß ist es, bei Gott zu leiden! Wie

groß auch die Schmerzen sind, erleiden Sie alle aus Liebe zu Gott, und Sie werden sich im Paradies fühlen. Wenn wir schon in diesem Leben den Frieden des Paradieses genießen wollen, müssen wir uns an eine vertraute, demütige und liebevolle Unterredung mit Gott gewöhnen. Wir müssen verhindern, dass unser Geist sich aus irgendeinem Grunde entfernt; wir müssen aus unserem Herzen einen geistigen Tempel machen, in dem wir Gott unaufhörlich anbeten. Wir müssen unermüdlich über uns wachen, dass wir nichts tun, nichts sagen und nichts denken, was ihm missfallen könnte. Wenn wir so von Gott erfüllt sind, werden die Schmerzen uns süß, milde und tröstlich dünken. Ich weiß, dass es anfangs sehr schwierig ist, in diesen Zustand zu kommen; wir müssen rein im Glauben handeln, wir wissen auch, dass wir alles vermögen durch die Gnade Gottes, die er denen, die ihn inständig darum bitten, nicht verweigert. Klopfen Sie an seine Tür, klopfen Sie beharrlich, und ich stehe Ihnen dafür, er wird Ihnen seinerzeit öffnen, wenn Sie sich nicht abschrecken lassen, und er wird Ihnen mit einem Mal das geben, was er jahrelang aufgeschoben hat. Leben Sie wohl! Beten Sie für mich, wie ich es für Sie tue; ich hoffe, bald Gott zu schauen. Ich empfehle mich Ihnen im Herrn.

Sechzehnter Brief

An dieselbe

Gott weiß am besten, was uns fehlt, und was er tut, geschieht zu unserem Besten. Wenn wir wüssten, wie sehr er uns liebt, würden wir stets bereit sein, in gleicher Weise das Süße wie das Bittere aus seiner Hand zu nehmen, und selbst die schmerzlichsten und härtesten Dinge würden uns erfreulich und leicht sein. Die schwierigsten Dinge erscheinen uns meist unerträglich nur aus dem Gesichts-

winkel, unter dem wir sie betrachten; wenn wir nun überzeugt sind, dass die Hand Gottes auf uns liegt, dass es ein liebender Vater ist, der uns in diese Erniedrigung, in diesen Schmerz oder jenes Leiden versetzt, dann wird alle Bitterkeit hinweggenommen, und nur Süße bleibt zurück. Lassen wir es uns ernstlich angelegen sein, Gott kennen zu lernen; je mehr wir ihn kennen, desto mehr werden wir wünschen, ihn noch besser kennen zu lernen, und da die Liebe meist mit der Kenntnis einhergeht, wird unsere Liebe zu Gott umso größer sein, je tiefer und umfassender wir ihn kennen; und wenn unsere Liebe wirklich groß ist, werden wir Gott gleichermaßen lieben im Schmerz wie in der Freude. Verlieren wir keine Zeit damit, Gott zu suchen und zu lieben um der Gnade willen, die er uns erwiesen hat und noch erweisen wird. Diese Gnade, so groß sie auch sein mag, bringt uns niemals ihm so nahe wie eine schlichte Glaubenstat; suchen wir ihn oft in dieser Kraft. Gott ist mitten unter uns, suchen wir ihn nicht woanders. Seien wir nicht unhöflich, machen wir uns nicht schuldig, indem wir ihn allein lassen, wenn wir uns mit tausend und aber tausend Nichtigkeiten befassen, die ihm missfallen und vielleich kränken. Er nimmt sie zwar hin, aber es ist sehr zu befürchten, dass sie uns eines Tages teuer zu stehen kommen. Seien wir ernstlich bei ihm, verbannen wir aus unserem Herzen und Geist alles, was nicht sein ist; er will allein sein. Wenn wir unser möglichstes tun, werden wir bald in uns die erhoffte Wandlung spüren. Ich kann Gott nicht genug danken für die kleine Erholung, die er Ihnen gegeben hat. Ich hoffe um seiner Barmherzigkeit willen auf die Gnade, Gott in wenigen Tagen zu schauen. Ich bleibe im Herrn. Ihr…

Grundsätze des geistigen Lebens

1. Wenn wir ein geistiges Leben führen wollen, müssen wir

uns gründlich überlegen, wer wir sind. Wir werden dann finden, dass wir verachtenswert, des Namens Christi unwürdig, allerlei Nöten und unzähligen Zufällen unterworfen sind, die uns beunruhigen, uns schwankend machen in unserer Gesundheit, in unseren Stimmungen und in unserer inneren

und äußeren Einstellung: kurz dass wir Personen sind, die Gott durch viel innere und äußere Mühe und Arbeit demütigen will.

2. Eine Seele ist desto abhängiger von der Gnade Gottes, je

mehr sie nach höherer Vollkommenheit strebt, und die Hilfe Gottes ist ihr in jedem Augenblick um so notwendiger, als sie ohne Gott nichts vermag. Die Welt, die Natur und der Teufel bekämpfen sie einstimmig so stark, so unaufhörlich, dass unsere Seele, ohne diese wirkliche Hilfe und diese unscheinbare und notwendige Abhängigkeit, gegen ihren Willen fortgerissen werden würde. Diese Abhängigkeit kommt zwar unserer Natur hart an, aber die göttliche Gnade gefällt sich darin und ruht darauf.

3. Alles, was wir tun, sollen wir wichtig nehmen; doch

sollen wir dabei Maß halten und weder Ungestüm noch Überstürzung haben; denn solches verrät einen verwirrten Geist. Wir sollen behutsam, ruhig aus unserem Gefühl mit

Gott arbeiten, ihn bitten, unsere Arbeit gütig aufzunehmen, und durch dieses fortgesetzte Aufmerken auf Gott werden wir den Kopf des Dämons zerbrechen, dass er die Waffen aus den Händen fallen lässt.

4. Die wirkliche Vereinigung mit Gott, so geistig sie ist,

macht sich doch fühlbar; denn die Seele ist mächtig bewegt, und ihre Erregung ist lebhafter als die des Feuers und leuchtender als eine durch keine Wolke getrübte Sonne. Dennoch können wir uns in diesem Gefühl täuschen und es mit einer einfachen Herzensäußerung verwechseln, wie etwa, wenn wir sagen: „Herr Gott, ich liebe dich von ganzem Herzen“ u. dgl. Dieses Gefühl ist schwer auszudrücken und nur durch die

eigene Erfahrung begreiflich. Es ist für die Seele etwas Süßes, Beruhigendes, Geistiges, Ehrfurchtsvolles, Demütiges, Liebe- volles und doch wieder etwas sehr Einfaches, was uns trägt und drängt, Gott zu lieben und anzubeten. 5. Die Gegenwart Gottes ist eine stumme Unterredung mit Gott, die sich in der Tiefe der Seele vollzieht; hier spricht die Seele zu Gott von Herz zu Herz und freut sich immer des tiefen Friedens in Gott. Alles, was draußen vor sich geht, ist für die Seele nur wie ein Strohfeuer, das erlischt, je nachdem es angezündet wird, und dem es fast nie oder sehr selten gelingt, den inneren Frieden zu stören. Die Gegenwart Gottes ist das Leben und die Nahrung der Seele und kann durch die Gnade Gottes erreicht werden. Doch um in diesen Zustand zu gelangen, müssen wir zunächst unsere Sinne abtöten; denn es ist unmöglich, dass eine Seele, die noch gefallen am Sinnlichen hat, diese heilige Gegenwart völlig genießen kann. Um bei Gott zu sein, muss man die Sinnenwelt ganz verlassen. 6. Durch die Gegenwart Gottes, durch diesen inneren Blick wird die Seele mit Gott derart vertraut, dass sie fast ihr ganzes Leben unter Zeichen der Liebe, Anbetung, Reue, des Vertrauens verbringt, mit Danksagung, Darbietung und Bitte und mit allen vortrefflichen Tugenden. Ja, manchmal wird die Gegenwart Gottes zu einem einzigen Vorgang, der nicht mehr vorübergeht, der sich in einem beharrlichen Tiefblick der Seele umfasst. 7. Wer seinen Geist oft an die Gegenwart Gottes erinnert, gewöhnt sich, sobald er von seinen äußeren Beschäftigungen frei ist, ja oft sogar, wenn er sehr stark in Anspruch genommen ist, schließlich derart daran, dass der äußerste Teil seines Geistes oder seiner Seele sich ohne Anstrengung seinerseits erhebt und gleichsam aufgehängt und festgehalten in Gott bleibt, indem die Seele dort über allen Dingen wie in ihrem Schwer- und Ruhepunkt weilt. Wer seinen Geist fast immer in dieser vom Glauben gestützten Schwebe fühlt, wird darin sein Genüge finden; und dieser Zustand der Seele heißt die Gegenwart Gottes, die über alles Begreifen hinausgeht, so dass

man dann lebt, als ob es nur Gott und sich selbst auf der Welt gäbe. 8. Da es Zeit und viel Mühe braucht, diese Gewohnheit zu erwerben, sollen wir uns nicht entmutigen lassen, wenn wir oft darin versagen; aber sobald wir sie erworben haben, geht alles wunderbar. Es ist wohl nur gerecht, dass unser Herz, der eigentliche Lebenskern, das die anderen Glieder unseres Leibes beherrscht, auch das Erste und Letzte ist, was Gott den Herrn lobt und anbetet, sei es am Anfang oder Ende der geistigen oder körperlichen Verrichtungen unseres Lebens. 9. Die Gegenwart Gottes flößt unserem Willen eine Geringschätzung des Sichtbaren ein und entflammt ihn mit dem Feuer der heiligen Liebe, weil er immer bei Gott ist, der ein verzehrendes Feuer ist, der zu Asche brennt, was wider ihn ist. Unsere so entflammte Seele kann nur noch in der Gegenwart Gottes leben, einer Gegenwart, die im Herzen einen heiligen Eifer entfacht, einen heiligen Drang und den inbrünstigen Wunsch, diesen geliebten, erkannten, verehrten und von allen Geschöpfen angebeteten Gott zu schauen. 10. Kann es für Gott etwas Wohlgefälligeres geben, als das wir tausend und aber tausendmal am Tage alles sinnlich Wahrnehmbare verlassen, um uns in unser Inneres zurückzuziehen und Gott anzubeten? Wird nicht außerdem unsere Eigenliebe durch diese innere Einkehr zerstört, da sie ja nur in der Beziehung zu anderen bestehen kann? — Doch soll damit nicht behauptet werden, dass wir die sichtbare Welt für immer verlassen sollen, was unmöglich ist; aber die Weisheit, welche die Mutter aller Tugenden ist, sollte uns als Richtschnur dienen. Es ist und bleibt ein Irrtum vieler geistig eingestellter Menschen, dass sie sich nicht von Zeit zu Zeit vom Sichtbaren abwenden, um in ihrem Inneren Gott anzubeten und für wenige Augenblicke den Frieden seiner heiligen Gegenwart zu genießen.