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recherchiert von: autologin UK am 25.09.2008

Gericht: Oberverwaltungsgericht Quelle:


für das Land
Nordrhein-Westfalen 5. Normen: Art 5 Abs 3 S 1 GG, § 14
Senat OBG NW
Entscheidungsdatum: 18.06.1996
Aktenzeichen: 5 A 769/95
Dokumenttyp: Urteil

Verbot von Nacktauftritten; Grundrecht der Kunstfreiheit

Leitsatz

1. Das Zurschaustellen des nackten Körpers in der Öffentlichkeit kann gegen die
öffentliche Ordnung verstoßen.

2. Zur Frage, ob ein nacktes Auftreten Kunst im Sinne des Art 5 Abs 3 S 1 darstellt.

Fundstellen
DÖV 1996, 1052-1053 (Leitsatz und Gründe)
NJW 1997, 1180-1181 (Leitsatz und Gründe)
VR 1997, 177-178 (Leitsatz und Gründe)

weitere Fundstellen
DVP 1997, 174 (red. Leitsatz)
NVwZ 1997, 593 (Leitsatz)
JuS 1997, 1129 (Leitsatz)

Verfahrensgang
vorgehend VG Minden, 23. Januar 1995, Az: 2 K 4315/94

Diese Entscheidung wird zitiert

Literaturnachweise
Jürgen Vahle, DVP 1997, 174 (Anmerkung)
Friedhelm Hufen, JuS 1997, 1129-1131 (Entscheidungsbesprechung)

Tatbestand

1
Der Kläger trat seit Jahren nackt in der Öffentlichkeit auf und bezeichnete sein
Verhalten als "Interaktionskunst". Der Beklagte untersagte ihm das Zurschaustellen
des nackten Körpers auf allen öffentlichen Straßen und Wegen sowie in allen
öffentlichen Anlagen und Gebäuden in H. durch Ordnungsverfügung. Die hiergegen
gerichtete Klage blieb in zwei Instanzen erfolglos.

Entscheidungsgründe

2
Der Beklagte durfte die Ordnungsverfügung auf § 14 OBG stützen, um eine Störung
der öffentlichen Ordnung abzuwehren. Der Begriff der öffentlichen Ordnung, der in
Art. 13 Abs. 3 GG und Art. 35 Abs. 2 Satz 1 GG seine verfassungsrechtliche
Anerkennung gefunden hat, umfaßt die Gesamtheit jener ungeschriebenen Regeln
für das Verhalten des Einzelnen in der Öffentlichkeit, deren Beobachtung nach den
jeweils herrschenden Anschauungen als unerläßliche Voraussetzung eines
geordneten staatsbürgerlichen Gemeinschaftslebens betrachtet wird.

3 OVG NW, Urteil vom 31.5.1988 - 5 A 2638/85 -; Beschluß vom 22.6.1994 - 5 B


193/94 -; Beschluß vom 28.6.1995 - 5 B 3187/94 -, NWVBl. 1995, 473; Franßen,
in: Festgabe aus Anlaß des 25-jährigen Bestehens des Bundesverwaltungsgerichts,
1978, S. 201, 206; Drews/Wacke/Vogel/Martens, Gefahrenabwehr, 9. Aufl. 1986, S.
245.

4 Ob ein nacktes Auftreten in der Öffentlichkeit gegen die herrschenden Anschauungen


über die unerläßlichen Voraussetzungen eines geordneten staatsbürgerlichen
Gemeinschaftslebens verstößt, hängt von den konkreten Umständen des Einzelfalls,
insbesondere der jeweiligen Örtlichkeit, dem situativen Rahmen sowie
gegebenenfalls Anlaß und Zweck des Nacktseins ab.

5 Hiervon ausgehend widersprechen die "Nacktauftritte" des Klägers den anerkannten


Regeln der Gemeinschaftsordnung zur Wahrung der schutzwürdigen Interessen des
Einzelnen und der Allgemeinheit. Ein nacktes Auftreten an den vom Kläger
gewöhnlich für seine "Darbietungen" aufgesuchten Orten verletzt - trotz in den
letzten Jahrzehnten gewandelter Moralvorstellungen - das natürliche, nicht
übertriebene Schamgefühl der Betroffenen. Die "Auftritte" des Klägers sind dadurch
gekennzeichnet, daß er seinem "Publikum" den Anblick seines nackten Körpers
aufdrängt, ohne daß dieses frei entscheiden könnte, ob es mit dem Anblick
konfrontiert werden will oder nicht. Gerade die unfreiwillige Konfrontation an Orten,
an denen Nacktdarstellungen nicht zu erwarten sind, tangiert das Schamgefühl in
besonderer Weise. Entgegen der Ansicht des Klägers ist seinem Verhalten weniger
ein natürliches Verhältnis zur Nacktheit eigen als vielmehr das zur Schau gestellte
Bedürfnis, andere Personen mit seinem nackten Körper zu konfrontieren und zu
provozieren. So präsentiert er sich insbesondere auch bei Veranstaltungen oder
sonstigen größeren Menschenansammlungen oder auch in den Medien und versteht
sein Nacktsein als "Auftritt".

6 Die Behauptung des Klägers, es handele sich bei seinen Nacktauftritten um Kunst,
führt zu keinem anderen Ergebnis. Die vom Kläger seit Jahren betriebene
Freikörperkultur fällt nicht in den Schutzbereich des Grundrechts der Kunstfreiheit
(Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG).

7 Nach dem weiten "materialen" Kunstbegriff des BVerfG ist das Wesentliche der
künstlerischen Betätigung die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke,
Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten
Formensprache zur unmittelbaren Anschauung gebracht werden. Das künstlerische
Schaffen, bei dem Intuition, Phantasie und Kunstverstand zusammenwirken, ist
"unmittelbarster" Ausdruck der individuellen Persönlichkeit des Künstlers. Die
Freiheitsverbürgung des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG betrifft den "Werkbereich" des
künstlerischen Schaffens in prinzipiell gleicher Weise wie den "Wirkbereich" der
Darbietung und Verbreitung des Kunstwerks.

8 BVerfGE 30, 173, 188 f.; BVerfGE 67, 213, 224 ff.; ferner BVerwGE 84, 71, 73 f.

9 Den so beschriebenen Anforderungen an Kunst wird das Auftreten des Klägers nicht
gerecht. Auch bei großzügigem Verständnis der begrifflichen Anforderungen ist nicht
erkennbar, daß das Verhalten des Klägers dem Bereich des künstlerischen Schaffens
zugeordnet werden könnte. Dem bloßen Nacktsein des Klägers ist keinerlei
schöpferische Ausstrahlungskraft eigen. Zwar ist nicht ausgeschlossen, daß ein
Nacktauftritt im Einzelfall als Kunst oder jedenfalls als Teil einer künstlerischen
Aktion aufzufassen sein kann. Der Kläger hat jedoch weder darlegen können noch
sind hinreichende Anhaltspunkte dafür ersichtlich, daß sein bloßes Nacktsein nicht
als Nichtkunst-Normalfall, sondern ausnahmsweise als künstlerische Äußerung
verstanden werden könnte. So führt etwa der Kläger auch seine alltäglichen
Verrichtungen, wie Einkaufen, Fahrradfahren oder Aufsuchen anwaltlichen Beistands,
in nacktem Zustand durch. Auch die aufgrund der aufgedrängten Konfrontation mit
dem nackten Körper des Klägers provozierten Reaktionen von Betroffenen machen
den Regelverstoß nicht bereits deshalb zum Kunstwerk. Die banale Zurschaustellung
des eigenen Körpers mit vereinzelten - wechselnden - Kleidungsstücken wie Mütze
oder rechtem/linkem Strumpf weist schließlich ebensowenig die Merkmale des
Schöpferischen, des Ausdrucks persönlichen Erlebnisses oder der kommunikativen
Sinnvermittlung auf wie das wechselnde Bekleidungsverhalten der übrigen
Bevölkerung. Allein die Präsentation des eigenen nackten Körpers ist noch nicht
künstlerische Betätigung im Sinne "freier schöpferischer Gestaltung, in der
Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium der
Formensprache zur unmittelbarer Anschauung gebracht werden",

10 BVerfGE 30, 173, 189.

11 Sieht man das Wesentliche eines Kunstwerks darin, daß bei formaler, typologischer
Betrachtung die Gestaltungsanforderungen eines bestimmten Werktyps erfüllt sind,
legt man also einen eher formalen Kunstbegriff zugrunde,

12 vgl. BVerfGE 67, 213, 226 f. m.w.N. aus der Literatur,

13 sind diese Voraussetzungen hier ebenfalls nicht erfüllt. Das bloße Präsentieren des
nackten Körpers ist weder eine "klassische" Form des Straßentheaters noch eine
avantgardistische Form künstlerischer Installation oder Aktion.

14 Sieht man das kennzeichnende Merkmal einer künstlerischen Äußerung schließlich


darin, daß sie wegen der Mannigfaltigkeit ihrer Aussage ständig neue,
weiterreichende Interpretationen zuläßt,

15 vgl. BVerfGE 67, 213, 227,

16 so fehlt es auch an diesem Merkmal. Der Nacktauftritt des Klägers reicht weder über
seine alltägliche Aussagefunktion hinaus noch führt er zu einer unerschöpflichen,
vielstufigen Informationsvermittlung.

17 Vgl. dazu Henschel, NJW 1990, 1937, 1939.

18 Das Verbot ist auch verhältnismäßig und führt zu keinen Nachteilen, die zu dem
angestrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis stehen (§ 15 OBG).

19 Die Entscheidung, ob es bei Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen des §


14 OBG zweckmäßig und sachgerecht ist, die "Auftritte" des Klägers zu verbieten,
stand im Ermessen des Beklagten und ist nur eingeschränkt gerichtlich überprüfbar.
Ermessensfehler sind insoweit nicht erkennbar.

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