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Universität Potsdam – Wintersemester 2009/10

Wirtschafs- und Sozialwissenschaftliche Fakultät


Fachbereich Politik/Verwaltung

Vorlesung: Einführung in die Politikwissenschaft


Leitung: Prof. Dr. Heinz Kleger
Autor: Norbert A. Lichterfeld, Matr.nr. 745680 (www.pm.me tno247 @)
Abgabe: 06.01.10
Rahmen: etwa 2000 Wörter auf 5 Seiten;
„Lieber Freund, bitte verzeihen Sie meinen langen Brief,
ich hatte keine Zeit für einen kürzeren.“ (Goethe an einen Briefpartner)

Lexikonvergleich ­ Liberalismus
Regierung1 ist immer abhängig vom Welt- und Menschenbild beteiligter Akteure. Gleiche Er-
gebnisse erfordern ähnliche Paradigmen, verschiedene Ergebnisse finden ihre Ursache in ver-
schiedenen Paradigmen. Seit Anbeginn der Zivilisation stehen sich gegenüber: individuelle
Menschenrechte und zwanghafte Umverteilung. Gibt es einen Mittelweg? Wenn ja, wo liegt
dieser?

1. Einleitung
Der Begriff des Liberalismus erhält seine ideologisch-individualistische Bedeutung im gesell-
schaftspolitischen Kontrast zu einigen verwandten, kollektivistisch geprägten Begriffen, wie
dem Sozialismus oder Konservatismus. Er hat als solcher eine klar nominaldefinitorische Be-
deutung. Er ist jedoch auch etymologisch nachweisbar dem lateinischen liberalis und dem
französischen libéral entlehnt und hat damit realdefinitorische Bedeutung, etwa im Sinne von
freiheitlich oder auch vorurteilslos (vgl. Duden 2007: 484).

Ich möchte im Folgenden zwei Lexikonartikel vergleichen und damit die Einflüsse und die
vielseitigen Verwendungen des Liberalismus vertiefen. Der erste Artikel, verfasst von Theo
Schiller, ist erschienen in Kleines Lexikon der Politik (Nohlen et al. 2007: 302 ff.). Der zweite
Artikel ist erschienen im Wörterbuch zur Politik (Schmidt 2004: 416 f.).

2. Biographische Angaben
Prof. Dr. Theo Schiller studierte Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie in
Tübingen, Hamburg, Bonn und Frankfurt/M. und erlangte 1965 das juristische Staatsex-
amen.2 Bis 2007 war er Professor für Politikwissenschaft in Marburg 3 mit den Forschungs-
schwerpunkten4 Politische Theorien der Gegenwart (bes. Demokratietheorie), Politisches
System der Bundesrepublik Deutschland, Politische Soziologie, Politischer Systemvergleich
(Kanada, Europäische Länder). Er war 1974-1980 im Bundesvorstand der FDP und anschlie-
ßend stellvertretender Vorsitzender bei der LD (Liberale Demokraten), die als Partei noch

1 Regierung wird heutzutage vorzugsweise auf Herrschaft und Staatsregierung reduziert, bezieht sich jedoch etymolo­
gisch durchaus auch allgemein auf regeln, lenken, herrschen und damit im besonderen Zusammenhang des Liberalis ­
mus auf die individuelle Freiheit im Sinne von Selbstregulation bzw. Selbstbeherrschung (vgl. Duden 2007: 662).
2 Prof. Dr. Theo Schiller, http://www.staff.uni­marburg.de/~fsbbdd/schiller/ [Zugriff am 02.01.10].
3  Pressestelle der Philipps­Universität  2007: Prof. Dr.  Theo  Schiller  nach  34 Jahren in Ruhestand verabschiedet,
http://www.uni­marburg.de/aktuelles/news/2007/0525k [Zugriff am 02.01.10]
4 Prof. Dr. Theo Schiller
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heute existiert, wenngleich diese seit Gründung im Jahr 1982 parlamentarisch unbedeutend
ist.5

Der Autor des zweiten Artikels ist Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, alleiniger Autor des Gesamt-
werkes. Schmidt studierte Politikwissenschaft und Anglistik in Heidelberg und erlangte 1974
das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien. Er promovierte 1975 in Tübingen, habili-
tierte 1981 in Konstanz und ist heute Professor für Politikwissenschaft in Heidelberg. 6 Seine
Forschungsschwerpunkte sind Politisches System der Bundesrepublik Deutschland, Sozial-
politik, Wohlfahrtsstaat und Demokratietheorien. 7

3. Vergleich
Für meine Analyse der Struktur betrachte ich im Folgenden definitorische Nennungen, zeitli -
che, geographische und etymologische Bezüge sowie Verwendungszusammenhänge.

Schiller ordnet den Begriff zuerst weiteren Begriffen zu, die von ihm gemeinsam lediglich als
„politische Strömungen [...] der letzten zwei bis drei Jahrhunderte [...] (im) Gesamtumfeld
der politischen Ideologien [...]“ (302) bezeichnet werden. Erst danach schildert er detailliert
zahlreiche definitorische, historische und systematische Aspekte. Auf etymologische Angaben
verzichtet Schiller.

Schmidt dagegen nennt bereits zu Beginn die eingangs bereits erwähnten etymologische Be-
züge, liefert einen knappen Einstieg in die Definition und führt bereits im ersten Absatz wich-
tige Autoren der ideengeschichtlichen Grundlagen des Liberalismus auf (vgl. 416). Unter An-
gabe derer jeweiligen Lebensspanne vermittelt er damit beiläufig bereits einen ersten histo-
rischen Abriss und deutet gar die geographische Entwicklung schon mit an, indem er Au-
toren verschiedener Muttersprachen nennt. Schmidt weißt anschließend neben den
politischen Zusammenhänge sogleich einerseits auch auf die Verwendung als Epochenbe-
zeichnung hin und andererseits auf die Epoche der Aufklärung, die realdefinitorisch der Be-
griffsverwendung bereits lange voraus ging (vgl. ebd.). Schiller jedoch deutet lediglich an,
die Theorie und Praxis des Liberalismus variiere sehr stark im zeitlichen Verlauf, im interna-
tionalen Vergleich und bezüglich inhaltlicher Differenzierung (vgl. 302).

Schmidt führt in der ersten Hälfte bereits Kritik an, bezieht sich jedoch entgegen Schiller—
der den Begriff im Zusammenhang anderer ideologischer Strömungen nennt—auf den Libe-
ralismus als geschlossenes System, indem er „ihm nicht nur Erfolge“ (416) zuschreibt. Die
darauf folgende Schilderung politischer Entwicklungen ist geographisch sorgfältig differen-
ziert (vgl. 417). Auch Schiller hingegen grenzt zwar nun die verschiedene Entwicklungsepo-
chen sorgfältig voneinander ab—welche Schmidt mittels Autorennennung bereits im ersten
Absatz berücksichtigte—, bietet sogleich viele Verweise zu epochen-bezogenen, weiterfüh-

5  Geschichte   der   Jungdemokraten   –   Wikipedia:   Bekannte   DJD­Mitglieder   aus   der   Umbruchzeit,   http://de.wikipe­
dia.org/wiki/Geschichte_der_Jungdemokraten [Zugriff am 02.01.10].
6 Prof. Dr. Manfred G. Schmidt, http://www.ipw.uni­heidelberg.de/mgschmidt/cv.php [Zugriff am 02.01.10].
7 Manfred G. Schmidt – Wikipedia: Forschung und Werk, http://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_G._Schmidt [Zugriff am
02.01.10].
Lexikonvergleich ­ Liberalismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 2/5
renden Begriffen, ist dabei jedoch bei historisch-geographischen Zuordnungen nicht so präzi-
se wie Schmidt. Schillers Perspektive erscheint hierbei bereits auf den ersten Blick sehr
euro-zentristisch.

Beide Autoren führen abschließend aktuelle parteipolitische Bezüge mit an (Schiller: 304;
Schmidt 417) und nennen auch aktuelle theoretische Entwicklungen (305 f.; ebd.). Zudem
liefert Schiller noch ausgiebig Informationen zu verschiedenen systematischen Problembe-
reichen, wie etwa neben der Ideologiegeschichte (303) auch zur Verfassungsgeschichte (303
f.), zur Interessenanalyse (304) sowie zu theoretischen Konzepten nach 1945 (304) und heute
(305).

Schillers Artikel ist sehr umfassend, nicht nur aufgrund der größeren Menge an Informatio-
nen, sondern auch aufgrund der schnell erkennbaren strukturellen Aufteilung. Schmidts Arti-
kel ist dagegen eher narrativ gestaltet, ohne dem Leser formelle Anhaltspunkte zur Struktur
zu geben. Er bietet in der ersten Hälfte jedoch wichtige Ergänzungen zu Schiller—ist inhalt-
lich sehr viel präziser—, wie beispielsweise die bereits erwähnte chronologische Nennung
zeitgenössischer Autoren (416), sowie den wichtigen Verweis auf die Epoche der Aufklärung
(ebd.). Hier betont Schmidt anhand eines Zitates gar den ideologischen Ursprung religiöser
Emanzipation gegenüber Ständen und Kirche (vgl. ebd.), wo dagegen Schiller die politische
Ideologie des Liberalismus beschreibt als "im wesentlichen nicht-religiös begründet" (302).

Beide Autoren führen gut verständlich in die umfassende Geschichte und Bedeutung des Be-
griffes ein. Schiller fügt der einhelligen Bedeutung gar noch eine zweite, vollkommen unab-
hängig scheinende Definition an, die er als "Fachbezeichnung für eine Theorie im Fach Inter-
nationale Beziehungen" (417) beschreibt. Neben einigen hilfreichen Verweisen trägt dies
zum Verständnis des Begriffes jedoch leider nicht bei.

So gut es beiden gelingt die komplexe Bedeutung und Entwicklung zu beschreiben, so sehr
verlieren sich beide Autoren in systemtheoretischen Details einer eurozentristischen Per-
spektive, die zwar durchaus den gegenwärtigen akademischen und politischen Diskurs wie-
dergeben mag, doch die sowohl ideologische wie auch realdefinitorische Bedeutungen nur
beiläufig darstellt.

Objektivität fällt beiden Autoren sichtlich schwer. Dies wird beispielhaft deutlich, wo es den
Autoren um gegenwartsbezogene Kritik am Liberalismus geht. Hier ist Schiller zwar noch
objektiv, wenn er "die Relevanz für die Gegenwart zu Beginn des 21. Jh.s [...] als diffus und
umstritten" (302) beschreibt. Doch zum Ende hin weiß auch er nicht anders, als die gegen-
wertigen Mangelerscheinungen globaler Phänomene als Scheitern liberaler Entwicklung zu
umschreiben. Schmidt hingegen offenbart eine solche subjektive Haltung bereits, wie oben
schon erwähnt, in der ersten Hälfte seines Artikels, indem er Kritik seitens "Vertretern des
Wirtschaftsliberalismus" (416) an sozialstaatlichen Zielstellungen, sowie die mangelnde Um-
setzung solcher, trotz enormer ökonomischer Erfolge, als zwiespältige Erfolgsbilanz (vgl.
ebd.) darstellt.
Lexikonvergleich ­ Liberalismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 3/5
Beide Autoren lassen hierbei außer Acht, dass es—neben den Einflussfaktoren, die im euro-
päisch-systemtheoretischen Diskurs benannt werden—noch immer auch ideologisch bedingte
Einflussfaktoren gibt, die dem ursprünglichen Liberalismus entgegen stehen. Schiller nennt
solche zu Beginn ja gar namentlich mit Konservatismus, Sozialismus, Anarchismus und Fa-
schismus (vgl. 302). Auch distanziert er sich am Ende seines Artikels von der verbreiteten
"Neigung zu affirmativer oder kritischer Pauschalisierung von 'Neoliberalismus'." (306), of-
fenbart jedoch an gleicher Stelle, "die Kluft [...] zwischen einem systemisch praktizierten
Wirtschaftsliberalismus und der theoretisch diskutierten Vereinbarkeit von Freiheit, Gleich-
heit und Eigentum [...]" (ebd.) sei seiner Ansicht nach nur schwer zu schließen.

Dass diese Kluft, im Bedeutungszusammenhang soeben wiederholt genannter Ideologien, je-


doch möglicherweise keine Frage von wirtschaftlich-ökonomischen, sondern vielmehr eine
Frage selbstregulierender und verfassungsrechtlicher Maßstäbe ist, scheint beiden Autoren
nicht offensichtlich. Neben meiner Bewertung am Ende sei hier die dem ideologischen Wesen
des Liberalismus wichtigste Einflussgröße, das rechtsstaatliche Gewaltmonopol benannt—
während in globalem Kontext individuelle Freiheit, Gleichheit und Eigentum gegenwärtig le-
diglich auf Grundlage nationalstaatlich legitimierter Gewalt geschützt wird. Beide Autoren
verlieren diesen verfassungsrechtlichen Mangel betreffend kein Wort. Hierzu bin ich in ei-
nem Dritten Artikel fündig geworden, der zwar vergleichsweise kurz ausfällt, jedoch präzise
eben die Grundlagen des Liberalismus beschreibt als „[...] a philosophy which stands for an
attitude favorable to the freest and fullest development of the individual, and to the elimini-
nation of laws, institutions, and beliefs which restrict human development. It holds that men
are sufficiently reasonable to be able to modify an older order in favor of more progressive
institutions without resort to violence [...]“ (Smith/Zurcher 1955: 226; Hervorhebung A. F.)

Die Stärken und Schwächen beider Artikel finden deutlichen Ausdruck in den angeführten
Literaturverweisen. Hierzu zählen einerseits zeitgenössische sowie moderne Quellen zu
politischer Philosophie, Theorie und Empirie. Wo Schiller jedoch durch philosophische Au-
toren und die empirische Untersuchung von Parteien auffällt, liegen die exklusiven Quellen
bei Schmidt eher im Bereich theoretischer Autoren und empirische begründeter Kritik.

4. vergleichende Gesamtwertung
So präzise Schmidt in der ersten Hälfte des Artikels ist, so zerstreut ist er es in der zweiten.
Hierzu passt trefflich Ayn Rands Urteil—vor dem historischen Kontext der ablaufenden in-
dustriellen und kapitalistischen Revolution—Akademiker schauten lieber nicht zu genau hin,
da sie die Zusammenhänge nicht zu erfassen im Stande waren: „With nothing but quicksands
to stand on [...] the intellectuals were unable to grasp, to identify or to evaluate the historical
drama taking place before them: the industrial revolution and capitalism. They were like men
who did not see the splendor of a rocket bursting over their heads, because their eyes were
lowered in guilt. It was their job to see and to explain [...] the cause and the meaning of the
events that were sweeping them faster and farther than the motion of all the centuries be-

Lexikonvergleich ­ Liberalismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 4/5
hind them. The intellectuals did not choose to see.“ (Rand 1961: 38 f.; Hervorhebung im
Orig.).

Schiller ist in seiner Darstellung deutlich objektiver, wenngleich der Liberalismus als Lebens-
einstellung (Ideologie) nicht vollständig dargestellt wird und aus heutiger eurozentristischer
Perspektive offenbar nur als materiell-ökonomische Systemtheorie betrachtet wird—womit
beide Artikel sicherlich gut den europäischen Diskurs wiedergeben, jedoch selbst keinen Bei-
trag darüber hinaus leisten.

Mit ein bisschen Bibelkenntnis lässt sich zudem feststellen, dass das zentrale Motiv des Libe -
ralismus möglicherweise dem Jesus-Motiv schlechthin entspricht—wenngleich Schmidt das
Gegenteil erwähnt. Ein Beispiels sei genannt mit „[...] Wohin ich gehe könnt ihr nicht gelan-
gen.“ (Johannes 8:21, Die Bibel). So wäre die Tradition des Liberalismus weit älter, als zu-
nächst angenommen. Dies wirft bei mir die Frage auf, inwiefern wiederum die folgende Fest-
stellung Claude-Frédéric Bastiats auf die jeweiligen Artikel-Autoren und damit Teile des Lexi-
kons zutrifft—bei allem Respekt und Wahrung aller Objektivität!—dass „Die modernen Publi-
zisten, besonders die der sozialistischen Schule, ihre verschiedenen Theorien (gründen) auf
eine gemeinsame Hypothese [...]. Sie teilen die Menschheit in zwei Teile. Die Gesamtheit der
Menschen minus eins bildet den ersten Teil, der Publizist ganz allein den zweiten und bei
weitem wichtigsten Teil. Als erstes nehmen sie tatsächlich an, dass die Menschen in sich we -
der Initiative noch Erkenntnis haben. Sie sind ohne Antrieb, sie sind träge Masse, passive
Moleküle, Atome ohne Spontanität, bestenfalls ein gegen die eigene Lebensweise gleichgülti-
ges Gewächs [...]“ (Bastiat 1848: 34).

Die Geschichte des Liberalismus mag also der Geschichte der Menschheit entsprechen und
fortgeschrieben werden. Beide Autoren leisten hierzu m. E. auch einen wichtigen Beitrag.
Der letzten Weisheit Schluss sind sie jedoch lange noch nicht. Der Mensch lernt eben nie
aus.

5. Quellen
Bastiat, Claude-Frédéric 1848: Das Gesetz. In: Diem, Marianne/Diem, Claus 2001: Der Staat
– die große Fiktion. Ein Claude-Frédéric-Bastiat-Brevier. Ott Verlag, Thun, S. 17-60.
Die Bibel: Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Katholische Bibelanstalt, Stutt-
gart, 1980.
Duden 2007: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage,
Brockhaus, Mannheim.
Nohlen, Dieter/Grotz, Florian (Hrsg.) 2007: Kleines Lexikon der Politik. Beck, München.
Rand, Ayn 1961: For the new intellectual. Signet, New York.
Schmidt, Manfred G. 2004: Wörterbuch zur Politik. Kröner, Stuttgart.
Smith/Zurcher 1955: Dictionary of American Politics. Barnes & Nobles, New York, Reprinted
1965.

Lexikonvergleich ­ Liberalismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 5/5