Jesko Habert, Spanische Sprachwissenschaft - Marianenspanisch

Varietät oder Lernschwäche?
Spanisch auf den Marianen: Analyse einer toten Residualsprache
Gliederung
1. Einleitung.................................................................................................................................... 2 2. Verortungsraum Nördliche Marianen und Guam............................................................... 3 2.1. Der Marianenarchipel in Mikronesien............................................................................ 3 2.2. Besiedlungsgeschichte........................................................................................................ 3 2.2.1. Die spanische Kolonialisierung nach Magellan....................................................... 3 2.2.2. Deutschland, Japan und USA auf den Marianen..................................................... 4 3. Der spanische Einfluss auf das Chamoru.............................................................................. 5 3.1. Spanische Lexik in Chamoru............................................................................................ 5 3.2. Spanische Phonetik in Chamoru...................................................................................... 6 3.3. Spanische Grammatik in Chamoru.................................................................................. 6 4. Varietät oder Lernschwäche? - Das Marianenspanisch.......................................................7 4.1. Sprachwissenschaftliche Analyse...................................................................................... 8 4.2. Linguistische Kategorisierung........................................................................................ 10 5. Abschließende Bewertung..................................................................................................... 12 Anhang: Interviews im Marianenspanisch............................................................................. 14 Literaturverzeichnis.................................................................................................................... 18

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Jesko Habert, Spanische Sprachwissenschaft - Marianenspanisch

1. Einleitung
Die spanische Sprache zählt seit den Zeiten der Kolonialisierung Lateinamerikas zu den weitverbreitetsten Sprachen der Welt. Allgemein bekannt ist hierbei die Verbreitung der spanischen Sprache in Mittel- und Südamerika – tatsächlich erstreckte sich der hispanophone Sprachraum jedoch noch weiter in Richtung Westen, quer durch den Pazifik bis zu den Philippinen. Die Entdeckung des Pazifikraumes durch den unter spanischer Flagge segelnden Magellan begann mit dem Ziel, einen Westweg zu den umstrittenen Molukken (den sogenannten „Gewürzinseln“)1 zu finden. Am 6. März 1521 erreichte Magellan die zu den Marianen gehörenden Inseln Guam und Rota als erster Europäer.2 Damit begann die spanische Kolonialisierungsgeschichte der pazifischen Inselgruppe, die mehr als 200 Jahre andauern sollte und bis heute ihre Spuren hinterlassen hat. Insbesondere die spanische Sprache schlug sich in gewisser Weise nieder, auch wenn die Marianen im letzten Jahrhundert nacheinander erst unter deutschem, dann japanischem und schließlich US-amerikanischem Einfluss stand. So ist das moderne Chamoru, die indigene bzw. autochtone Sprache der Marianen, durchsetzt von spanischer Grammatik und Lexik (siehe Kapitel 3). Das eigentliche, auf den Marianen gesprochene Spanisch ist unterdessen seit über 20 Jahren ausgestorben, eine Analyse desselben gestaltet sich daher schwierig. Die einzigen verbliebenen Aufzeichnungen des Marianenspanisch entstammen einer Forschung von Rodríguez-Ponga und Albalá aus den 80er Jahren, auf denen entsprechend auch diese Arbeit aufbauen muss. Unglücklicherweise konnten die Sprachwissenschaftler lediglich sechs Chamoru ausfindig machen, die in gewisser, eingeschränkter Weise das Marianenspanisch als native Sprache erlernt hatten. Angesichts dieser geringen Zahl stellt sich die Frage, ob die auf diese Weise ausfindig gemachten Eigenschaften des als Residualsprache auftretenden Spanisch tatsächlich auf die lokale Varietät hinweisen, oder nicht vielmehr eine simple Reduktion des sprachlichen Systems darstellen. Gab es jemals eine eigene spanische Varietät auf den Marianen oder handelt es sich nur um schlecht gelerntes Castellano einiger Individuen, die zufälligerweise als letzte Sprecher des „nativen“ Spanischs auf den Marianen verblieben? Diese Frage versuche ich in dieser Arbeit zu beantworten, oder wenigstens einen möglichen Lösungsweg aufzuzeigen.

1 Vgl. Pigafetta 1801: 35 2 Vgl. Pagel 2009: 28 / Albalá 2000: 25

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2. Verortungsraum Nördliche Marianen und Guam
2.1 Der Marianenarchipel in Mikronesien
Der Marianenarchipel ist eine Gruppe aus 17 Inseln, die sich über etwa 800 Kilometer erstreckt, etwa 2000 Kilometer östlich der Philippinen im pazifischen Ozean zu finden ist und geographisch zu dem pazifischen Inselgebiet Mikronesien zählt. Lediglich die vier größeren Inseln Guam, Rota, Saipan und Tinian (sowie in geringem Ausmaß vier kleinere nördliche Inseln) sind bewohnt; zusammengenommen leben etwas über 250.000 Menschen auf den Inseln. Politisch zählt die größte Insel Guam heute zum Außenterritorium der USA, die restlichen Inseln gehören als „Nördliche Marianen“ als assoziierter Staat zum US-amerikanischen Commonwealth.3 Amtssprachen sind heute in beiden Gebieten Englisch und die indigene Sprache Chamoru, sowie in den Nördlichen Marianen zusätzlich Karolinisch. Weiterhin werden verschiedene philippinische Sprachen gesprochen.

2.2 Besiedlungsgeschichte
2.2.1 Die spanische Kolonialisierung nach Magellan
Die seit etwa 1000 vor Christus bewohnten Marianen (durch eine von den Philippinen ausgehende Migrationsbewegung) wurden 1521 von Ferdinand Magellan als erstem Europäer betreten 4. Nachdem der unter spanischer Flagge segelnde Portugiese als erster Europäer Fuß auf die marianische Insel Guam gesetzt hatte, begann 1565 offiziell durch die Inanspruchnahme des Mexikaners Legazpi die spanische Hegemonie über den Archipel5. Das erste dauerhaft bleibende spanische Personal traf jedoch erst 1668 mit Diego Luis de Sanvitores ein,6 so dass die Chamoru über hundert Jahre nur sporadischen Kontakt zu den europäischen Seglern hatten, und entsprechend wenig von diesen beeinflusst wurden. Erst in den folgenden zweihundert Jahren, von 1668 bis 1898, begann der spanischsprachige Einfluss auf die Chamoru durch dauerhafte Besiedlung. Doch auch in diesem Zeitraum blieb die Anwesenheit von Spaniern und Mexikanern7 auf wenige Verwaltungsbeamte und Missionare beschränkt; letztere kamen häufig auch ursprünglich aus anderen europäischen Ländern. Da die Missionare mit dem hauptsächlichen Ziel der Evangelisierung der Chamoru auf die indigene Sprache zurückgriffen und die kleine spanische Oberschicht nicht genug Einfluss auf die allgemein gesprochene Sprache ausüben konnte, blieb das Chamoru weiterhin die meistgesprochene Sprache der Marianen, auch wenn sie in bedeutender Weise vom Spanischen beeinflusst wurde.
3 4 5 6 7 Vgl. CIA World-Factbook / Albalá 1997: 63f Vgl. Albalá 2000: 25 Vgl. Rodríguez-Ponga 1994: 76f Vgl. ebd. Die Mehrzahl der Neuankömmlinge erreichte die Marianen durch Schiffe aus dem mexikanischen Vizekönigreich, so dass ein nicht geringer Anteil von Mestizen und Criollos unter den Beamten und Missionaren war.

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Für die Betrachtung des Marianenspanisch selbst ist es wichtig zu beachten, dass die Sprecher das Spanische meist auf den „traditionellen Wegen“8 der Hispanisierung, „mestizaje y evangelizacion“9 erlernten, auf denen auch die spanische Kultur Einzug auf die Marianen fand. Da die spanischen Priester noch über die spanische Kolonialherrschaftszeit hinaus auf den Inseln verblieben, existierte bis in die 1940er Jahre hinein ein aktiver spanischer Einfluss10.

2.2.2 Deutschland, Japan und USA auf den Marianen
Ende der 1890er Jahre fand die spanische Vorherrschaft über die Marianeninsel ihr Ende, womit dieser Zeitpunkt in den allgemeinen Niedergang der spanischen Krone fällt. Mit dem Ende des SpanischAmerikanischen Krieges 1898, in dem hauptsächlich um die Unabhängigkeit Kubas gekämpft wurde, musste Spanien mit dem Friedensvertrag von Paris vom 10. Dezember 1898 neben Kuba die Kolonien Puerto Rico und Guam an die Vereinigten Staaten abtreten 11. Guam, die größte Insel der Marianen, verblieb seitdem bis heute in US-amerikanischem Eigentum (siehe 2.1) und zeigt infolgedessen eine besonders weite Verbreitung des Englischen als Landessprache. Die verbleibenden Inseln der Marianengruppe wurden zusammen mit mehreren anderen kleinen Pazifikinseln (unter anderen den Karolinen) mit dem Vertrag vom 12. Februar 1899 für 16,5 Millionen Mark an Deutschland verkauft12. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1914 unterstanden die damals knapp 3.000 Inselbewohner der deutschen Kolonialverwaltung von Deutsch-Neuguinea. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges besetzte Japan als Mitglied der Aliierten die Marianen und übernahm nach dem Vertrag von Versaille und dem damit einhergehenden Verlust aller deutschen Kolonien das UN-Verwaltungsmandat über die Nördlichen Marianen (außer Guam). Auf den Inseln selbst fanden bis dahin keine nennenswerten kriegerischen Auseinandersetzungen statt. Nachdem die Inselgruppe 30 Jahre friedlich von Japan (bzw. in Guam: den USA) verwaltet wurde (und entsprechend unterschiedliche kulturelle Einflüsse erlebte), wurden die Marianen im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1941 zum Kriegsschauplatz. Zeitgleich mit dem Angriff auf Pearl Harbor griff das nun mit Deutschland verbündete Japan das zu US-Territorium gehörende Guam an, wo die Japaner seitdem durch ihre kurze, aber brutale Herrschaft im kollektiven Gedächtnis verwurzelt sind. 1944 eroberten die Vereinigten Staaten nicht nur Guam zurück, sondern konnten auch auf den Inseln Saipan und Tinian Militärstationen errichten, durch welche Japan nun in Reichweite der amerikanischen Bomber lag. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verblieben die Marianen gänzlich unter US-amerikanischer Verwaltung, wenn auch weiterhin getrennt in die unterschiedlichen Außengebiete Guam und Nördliche Marianen.

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Albalá 1997: 63, eigene Übersetzung Ebd. Vgl. ebd.: 64 Vgl. Treaty of Peace between the United States and Spain, 1898 / Vgl. Rodríguez-Ponga 1994: 76f Vgl. Rodríguez-Ponga 1994: 76f, Schnee 1920: 578ff

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3. Der spanische Einfluss auf das Chamoru
Über zwei Jahrhunderte standen die Marianen unter spanischer Kolonialherrschaft. Während das offensichtlichste kulturelle Erbe der spanischen Eroberer heute wohl die spanischen Namen von Personen und Orten sowie die katholische Religion samt der dazugehörigen kirchlichen Feiertage ist, hat auch die spanische Sprache eindeutige Spuren hinterlassen. Die Bedeutung des auf den Marianen gesprochene Spanisch soll ausführlicher noch im Kapitel 4 behandelt werden; nicht zu leugnen jedoch ist die Bedeutung des spanischen Einflusses auf das moderne Chamoru. Da die spanische Sprache das Chamoru bis ins Tiefste durchdrungen hat13, so dass tatsächlich ein Verzicht auf sämtliche Hispanismen nicht nur in der Lexik sondern auch zu bedeutenden Maßen in der Gammatik nicht mehr möglich wäre14, ist für eine Betrachtung des Spanischen auf den Marianen jedoch auch ein kurzer Blick auf das moderne Chamoru nötig.

3.1 Spanische Lexik in Chamoru
Der Anteil der spanischstämmigen Lexik im modernen Chamoru ist in der aktuellen Forschung umstritten. Hierbei variieren die Angaben je nach Erhebungszeit und -methode erheblich – während er von Hall im Jahre 1966 auf „perhaps 90 to 95 per cent of its vocabulary“ 15 geschätzt wird, setzen andere Forscher einen Anteil von circa 50-60 Prozent am Chamoru-Wortschatzes an 16. Rodríguez-Ponga behauptet anhand einer genauen Vokaublarauflistung gar einen exakten Wert von 54,9 Prozent ausgemacht zu haben, ein Prozentsatz der allerdings im Verhältnis zu einem Gesamtwortschatz eines 200-seitigen Lexikons erstellt wurde17. Sehr viel niedriger setzt Pagel den Prozentsatz des modernen, umgangssprachlichen Chamoru an, indem er zufällig ausgewählte Texte aus dem Internet als Analysebasis benutzt und dort im Schnitt einen Wert von nur 20 Prozent ausmacht (maximal 46 Prozent in formalen Texten) 18. Den Grund für diese Differenzen sieht Pagel in einem chronologischen Wandel hin zu weniger Hispanismen im Zuge der autochtonen Chamoru-Bewegung und der zeitgleichen Verbreitung des Englischen19. Besonders häufig finden sich Lexeme spanischen Ursprungs offenbar im Kulturvokabular von Berufsund Verwandschaftsbezeichnungen, den Themenbereichen Religion, Politik, Recht, Lebensmitteln, Flora und Fauna sowie bei Toponymen und Anthroponymen 20. Fast vollständig kopiert wurden außerdem die spanischen Zahlen, Zeitwörter, Wochentage und Monate21. Die aus dem Spanischen kopierten Wörter haben häufig einen Bedeutungs- sowie teils einen
13 14 15 16 17 18 19 20 21 Vgl. Pagel 2009: 28 Vgl. Pagel 2009: 42 Hall 1966: 99 Vgl. Bowen 1971 / Albalá & Rodríguez-Ponga 1986 / Rodríguez-Ponga 1994: 77, 2009: 50 / Albalá 1997: 65 Vgl. Pagel 2009: 45 Vgl. Pagel 2009: 46f Vgl. Pagel 2009: 48 Vgl. Rodríguez-Ponga 1994: 77f , 2009: 50ff / Pagel 2009: 50 Vgl. Rodríguez-Ponga 2009: 52

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Wortklassenwandel vollzogen, so wie beispielsweise boka (Speise) von spanisch boca (Mund) oder durantin (Dauer) von spanisch durante (während)22.

3.2 Spanische Phonetik in Chamoru
Aus dem spanischen übernommene Phoneme, die das Chamoru ergänzen, finden sich meist nur in spanischen Lehnwörtern (gleichwohl können spanische Lehnwörter auch an die chamorische Phonetik angepasst werden). Besonders auffällig ist der Umgang mit den Phonemen /r/ und /l/, welche ursprünglich in Chamoru Allophone von /t/ waren. Entsprechend werden /r/ und /l/ oft auch in spanischen Lehnwörtern verändert (z.B. span. hospital zu ch. ospitát oder span. gobierno zu ch. gobietno)23. In anderen Fällen jedoch wird die spanische Phonetik mitkopiert, was sich besonders gut an Minimalpaaren demonstrieren lässt (span. rey zu ch. rai oder span. ley zu ch. läi)24. Eine stärkere Entlehnung ist bei den Vokalen /e/ und /o/ zu beobachten, welche im prähispanischen Chamoru als Allophone von /i/ und /u/ realisiert worden waren. Auch hier jedoch begrenzt sich die Phonemisierung der Vokale /e/ und /o/ auf spanische (oder englische) Lehnwörter, was aber oft zur Differenzierung von Nicht-Lehnwörtern benötigt wird, wenn diese /i/ oder /u/ nutzen (z.B. peso (Dollar) gegenüber pisu (Stockwerk) oder bola (Ball) gegenüber bula (viel))25. Es lässt sich also offenbar beobachten, dass die genannten ursprünglichen Allophone „nur unter Beteiligung von Vokabular mit nichtaustronesischer Etymologie phonemisch“26 sind.

3.3 Spanische Grammatik in Chamoru
Da sich diese Arbeit auf die Bedeutung des Marianenspanisch fokussiert, soll der grammatische Einfluss des Spanischen auf das Chamoru hier nicht ausführlich behandelt werden. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass auch hier einige Uneinigkeit in der Linguistik herrscht. Topping behauptet beispielsweise, die Grammatik sei im Gegensatz zu Lexik und Phonetik weitgehend unbeeinflusst vom Spanischen 27. Auf der anderen Seite sind Albalá und Rodríguez-Ponga davon überzeugt, dass das Spanische „tanto en el vocabulario como en la gramatica“28 einen Einfluss auf Chamoru gehabt habe. Die europäische Satzstellung SPO sowie die Verwendung von Präpositionen, Junktoren und TMA-Markern 29 sowie der Modus Irrealis30 legen jedoch den Standpunkt von Albalá und Rodríguez-Ponga nahe. Die Bewertung des grammatischen
22 23 24 25 26 27 28 29 30 Vgl. Pagel 2009: 50 Vgl. Rodríguez-Ponga 2009: 50f Vgl. Pagel 2009: 53. Vgl. ebd. Pagel 2009: 53 Vgl. Topping 1973: 6 Albalá & Rodríguze-Ponga 1986: 66 Vgl. Pagel 2009: 42 Der Futur weist nicht nur oberflächlich auf eine Übernahme europäischer Strukturen hin, sondern ist im Gegensatz zu allen anderen Zeiten auf Chamoru nicht ergativ ausgerichtet – wie im Spanischen liegt hier die Unterscheidung auf SubjektObjekt-Ebene statt auf transitiv-intransitiver Ebene.

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Einflusses des Spanischen ist vor allem für eine Klassifizierung des Chamoru und eine Beantwortung der Frage, ob es sich um eine Kreol- oder Mischsprache handelt von Bedeutung, was in diesem Rahmen jedoch nicht weiter ausgeführt werden kann.

4. Varietät oder Lernschwäche? - Das Marianenspanisch
Heute ist das Spanisch als vor Ort gelernte oder native Sprache auf den Marianen ausgestorben. Im Rahmen der Zuwanderung zum US-Territorium der Marianen gibt es zwar einige native Spanischsprecher, diese haben ihre Spanischkenntnisse jedoch meist in den Vereinigten Staaten, auf den Philippinen, in Mexiko oder anderen zentral- und lateinamerikanischen Ländern erworben 31. Wie Rodríguez-Ponga feststellte, existiert keine „native Gruppe, die das Spanisch als Muttersprache beherrscht“32. Die einzigen Aufzeichnungen, die sich von dieser inzwischen toten Sprache (beziehungsweise „Residualsprache“, wie sie von Rodríguez-Ponga und Albalá aufgrund des Verlustes von Kommunikationscode und Prestige33 bezeichnet wird34) finden, entstammen den Forschungen von Albalá und Rodríguez-Ponga aus dem Jahre 1985. Bereits zu dieser Zeit war das Marianenspanisch nahezu ausgestorben, so dass die Linguisten nur noch sechs Chamoru auf den Inseln Guam, Saipan und Tinian ausmachen konnten, die gewisse Kompetenzen im Spanischen aufwiesen 35. Das Niveau der sämtlich über 60-Jährigen36 variierte zwischen dem relativ stabilen Spanisch einer Nonne Remedios Castro, und drei Individuen, die lediglich auswendig verschiedene Phrasen und religiöse Texte rezitieren konnten37. Doch auch die Interviews mit den drei verbleibenden Partnern sind in ihren sprachlichen Phänomenen keinesfalls identisch und zeugen von äußerst unterschiedlichen Sprachkompetenzen. Die Interviews, die im Anhang vollständig abgedruckt werden, sollen im Folgenden auf die Frage hin untersucht werden, die sich anhand einer solch geringen Grundgesamtheit (und dadurch bedingt eine entsprechend geringe Erhebungsgruppe) stellen muss: Deuten die hier zu beobachtenden sprachlichen Eigenheiten tatsächlich auf eine eigene sprachliche Varietät hin, in der die auftretenden Phänomene als (zu Verbreitungszeiten) flächendeckend auftretend anzunehmen sind, oder handelt es sich vielmehr um ein fehlerhaft gelerntes Spanisch (mit variierender Intensität zwischen den Interviewpartnern), dessen Reduktionserscheinungen der Sprachökonomie eines Fremdsprachlers zuzuordnen sind?

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Vgl. Rodríguez-Ponga 2009: 49, Albalá 1997: 66 Ebd., eigene Übersetzung Vgl. Albalá 1997: 68 „Nosotros entendemos por 'español residual' el que aparece en personas chamorras que no lo han aprendido fuera de las Marianas, sino que lo han recibido por la vías tradicionales de hispanización“ (Albalá & Rodríguez-Ponga 1986: 102) 35 Vgl. Albalá 1997: 67 36 Vgl. ebd.: 66 37 Vgl. ebd. / Albalá & Rodríguez-Pnga 1986: 104ff

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4.1 Sprachwissenschaftliche Analyse
Zuerst sollen die vorliegenden Interviews (siehe Anhang) daraufhin untersucht werden, ob es sich bei dem Gesprochenen um eine Varietät des Spanischen handelt. Generell sprechen hierfür Phänomene, die bei allen Interviewpartnern auftauchen und deren Auftauchen nicht zufällig verteilt ist, sondern auf gewisse Regeln zurückzuführen ist. Hierbei muss beachtet werden, dass selbst dies natürlich nicht automatisch für eine Varietät spricht – die regelmäßige Verwendung einfacherer grammatischer Tempusformen kann selbstverständlich auch eine Reduktion aus sprachökonomischen Gründen im Lernprozess sein. Lediglich Phänomene, die alle oben genannten Kriterien gleichzeitig erfüllen, können als einigermaßen sichere Beweise für eine Varietät betrachtet werden. Das auffälligste Phänomenen im Marianenspanisch ist zweifellos auf Ebene der Phoneme zu betrachten. Wie in Kapitel 3 bereits erläutert wurde, waren im ursprünglichen, prähispanischen Chamoru die Liquide /r/ und /l/ Allophone des Phonems /t/. Ebenso wie im modernen Chamorru zu beobachten ist, dass diese Phone in spanischen Lehnwörtern vor allem am Wort- und Silbenende durch /t/ ersetzt werden, lässt sich auch im Marianenspanisch eine ähnliche Tendenz finden. So finden sich im ersten Interview mit der Nonne Remedios Castro insgesamt 24 Substituierungen38 auf dieser Basis, im zweiten Interview mit Antonio Reyes de León Guerrero gar 5139. Für sich betrachtet weist dies schon recht deutlich auf eine Varietät hin, die deutlich durch die sprachlichen Hintergründe auf den Marianen geprägt wurde. Auf der anderen Seite muss aber berücksichtigt werden, dass Gegenbeispiele, in denen diese Substituierung nicht stattfindet, auch nicht selten sind – bei Remedios Castro 27 mal 40, bei Antonio Reyes de León Guerrero 23 mal41 (plus 3 mal in englischen Wörtern). Die Tendenz, dass das Verhältnis von Substitutionen zu Übernahmen bei der das Spanische wesentlich besser beherrschenden Castro zugunsten Letzterer ausfällt, während bei Reyes de León Guerrero deutlich mehr Phone substituiert werden, könnte eher auf einen Lerneffekt hinweisen. Außerdem anzumerken ist, dass 53 von den insgesamt 75 Subsitutionen auf die drei Wörter españot, potque und hablat zurückgehen. Vergleicht man nun die Anzahl verschiedener Wörter, ergibt sich ein Verhältnis von 19 zu 29 zugunsten der nicht-substituierten Phone. Es gibt also zwar Chamoru-beeinflussten Phonemwandel, (mit steigender Relevanz bei sinkenden Spanischkenntnissen) insgesamt bleibt dieser
38 Españot (02,06,15,23,27,27,29,29) hablat (02,15,27) potque (03,06,15,23,23,23,23,25,29) principatmente (03) hetmana (03,15) leet (11) 39 Españot (08,08,20,24,32,33,39,59,69,71,83,83,87,87,99) hablat (08,08,08,14,20,30,31,32,33,39,47,47,49,53,59,59, 87,99) pastot (04) educat (14) señot (20) usat (24) salit (28) colot (32) suette (33) mandat (37) pot (41) primet (53) iguat (53,89,91,91,91,99) Ambassadot (69) mattes (91) 40 Mercederías, Bérriz (03) ser (05) hermana (06) lavar, cocinar, planchar (07) leer, escribir, decir (09) chamar (15) Español (15,17,25,25) tomar (17) aquel, hacer (21) internacional (23), difícil (25,25) fácil (25,25) estudiar (25) verdad (25,29) aprender (27) 41 mil (04,28,29) Español (06,22,27,47,48,49,53,57,59,67) altar (08) igual, intérprete (28) él/el (35,39) comedor (37) algún/alguno (61,65,67) venir (61) for (04) other (83) our (99)

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jedoch in seiner Häufigkeit hinter der Standardspanischen Phonembenutzung zurück. Im Vergleich zu dem oben betrachteten Phänomen bleiben die anderen zu betrachtenden Besonderheiten auf phonemischer Ebene in ihrer Aufschlussreiche zurück. Der spanische Diphtong [ie], der im prähispanischen Chamoru nicht existierte, wird nichtsdestoweniger in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle bei betonten Silben in beiden Beispielen nicht monophtongiert, nur vier Wörter (alle im Interview mit Remedios Castro) treten mit einer solchen Monophtongierung auf: sempre, ensende (06), aprendendo (07) und entenden (29).42 Ein eventuell zu vermutender Wandel der Phoneme /e/ und /o/ zu /i/ und /u/ (siehe Kapitel 3), aufgrund der in prähispanischer Zeit als Allophone fungierenden erstgenannten Vokale ist bemerkenswerterweies nicht auszumachen, so dass auch hierdurch kein Argument für eine Varietät hergeleitet werden kann. Wie Abalá 1997 feststellt, ist darüber hinaus auf phonetischer Ebene nur ein Merkmal meridionaler Prägung im Marianenspanisch auffindbar: die Neutralisierung der Opposition von /θ/ und /s/, so dass lediglich /s/ ausgesprochen wird (der sogenannte seseo)43. Die anderen bekannten Merkmale meridionaler Varietäten, namentlich die Unterdrückung von /d/ zwischen Vokalen 44 sowie die Aspirierung von silbenfinalem /s/45 treten in den beiden behandelten Interviews nicht auf, lediglich für die Ellision von intervokalischem /d/ lässt sich ein Beispiel im dritten (hier nicht behandelten) Interview finden. Dies spricht entsprechend eher für einen stärker septentrionalen Einfluss durch Kolonialbeamte aus Nord- und Zentralspanien denn aus Südspanien bzw. Mexiko 46. Das ist insofern logisch, da nach der Unabhängigkeit Mexikos vermehrt Kolonialbeamte aus Zentralspanien nach Ozeanien geschickt wurden und so den meridionalen Einfluss verringerten.

Auf grammatischer Ebene ist vor allem die Tempiverwendung interessant. Beide Interviewten zeigen einen stark vereinfachten Gebrauch der Zeiten, vor allem was die komplizierten Vergangenheitsformen Indefinido und Imperfekt betrifft. Während Remedios Castro den Präsens noch relativ sicher zu bilden weiß und auch den Perfekt in einigen Fällen korrekte Anwendung findet, nutzt Antonio hauptsächlich die Infinitivformen, seltener den Präsens sowie englischsprachige Verben. Quantifiziert lässt sich feststellen, dass Castro bei insgesamt 87 Verben 63 mal entweder Präsens oder Infinitiv benutzt, sämtliche andere Zeitformen kommen hingegen insgesamt nur 24 mal vor. (Die schwierigen Vergangenheitsformen Indefinido und Imperfekt nur ganze fünf mal, wovon zumindest zwei augenscheinlich aus der Frage des Interviewers übernommen wurden). Antonio verwendet bei 53 spanischen Verben 24 mal den Infinitiv und
42 Als Gegenbeispiele finden sich im Interview mit Remedios diciendo (6), quiero (5), bien (6), tiempo (03), diciendo (06), siempre (29) sowie im Interview mit Antonio bien (37), tiempo (08), novecientos (29), tiene (47). 43 Vgl. Pagel 2009: 125 44 Vgl. Albalá 1997: 69 45 Vgl. Pagel 2009: 125 46 Vgl. Pagel 2009: 125f

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24 mal den Präsens (entsprechend nur fünf mal andere Tempi), viele seiner Sätze sind jedoch in Bezug auf das Verb unvollständig oder verwenden englische Verben. Bei einer entsprechend häufigen Verwendung von Präsens und Infinitiv ist zu erwarten, dass die Fehlerquote relativ hoch liegt. Selbst wenn der Präsens tatsächlich richtig eingesetzt wird, wird oft falsch konjugiert, häufig werden 1. und 3. Person Singular vertauscht. Setzt man nun die falsch flektierten Verben (falscher Tempus, Person, Numerus bzw. Aspekt) in Verhältnis zu den insgesamt genutzten Verben ergibt sich bei Remedios Castro ein Fehlerquotient von circa 38%, während dieser bei Antonio Reyes de León Guerrero bei etwa 70% liegt. Zwar könnte man die offenbar stattfindende grammatische Simplifizierung auch als marianische Varietät interpretieren, näher liegt jedoch der Schluss einer lernbedingten Reduktion, vor allem wenn man die Differenz zwischen den Fähigkeiten der beiden Interviewten berücksichtigt. Eine syntaktische Simplifizierung, die hingegen eher als Anzeichen für eine Varietät gesehen werden kann, ist die häufige Auslassung von Kopula, Artikeln und Objektpronomen 47, was dadurch erklärt werden kann, dass diese Kategorien im Chamoru nicht realisiert werden bzw. eine geringere Bedeutung besitzen 48. Auch hier liegt jedoch keineswegs eine eindeutige Regelmäßigkeit vor, sowohl Kopula als auch Artikel und Objektpronomen tauchen an anderen Stellen auf.

4.2 Linguistische Kategorisierung
Wie man zweifellos aus der oben angeführten Analyse ersieht, ist eine linguistische Kategorisierung des Marianenspanisch alles andere als einfach, zumal das derzeit einzige linguistische Modell 49 zur Kategorisierung von Sprachkontakt verhältnismäßig viele Punkte indifferenziert und offen lässt. Wirklich passend erscheint keine der vorgestellten Kategorien: intensive contact im Strang language maintenance konstatiert „much lexical borrowing“50, was beim Marianenspanisch (vor allem dem von Castro) nicht der Fall zu sein scheint (sofern sich eine eindeutige Varietät überhaupt ausmachen lässt, siehe Kapitel 5). Large shifting group and imperfect learning in language shift scheint auch unpassend zu sein, da ein solcher language shift ja nicht dauerhaft stattgefunden hat (wenngleich die von Thomason und Kaufman dargelegten Phänomene51 zuzutreffen scheinen). Eben das macht eine tatsächliche Kategorisierung in dieses Modell kompliziert – zwar hat es bis zu einem gewissen Grad bei einer gewissen Gruppe einen language shift gegeben, dieser war aber offenbar nicht intensiv genug um von Dauer zu sein. Nichtsdestoweniger sind die für diese Gruppe konstatierten Effekte51 in den Interviews vorzufinden. Vorzuschlagen wäre also eine Anpassung des Modells von Thomason und Kaufman, in welcher die dualsprachliche Situation, die in Bezug auf Marianenspanisch und Chamoru anzunehmen ist, auch in den Strang language shift integriert wird52.
47 48 49 50 51 52 Vgl. Pagel 2009:126 Vgl. ebd. Vgl. das Modell „Linguistic Results of Language Contact“ aus Thomason & Kaufman 1988: 50 Ebd. „moderate to heavy substratum/superstratum/adstratum interference, especially in phonoly and syntax“ (ebd.) So wie es beim Strang language maintenance der Fall ist. Der entsprechende Unterpunkt für einen intensiven Kontakt lässt sich entsprechend auch hervorragend als Kategorisierung des (modernen) Chamoru heranziehen.

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Grafik 1: Kontaktbedingter Sprachwandel, Modell aus Thomason & Kaufman, 1988, Language contact, creolization, and genetic linguistics, S.50.

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5. Abschließende Bewertung
Betrachtet man die sprachwissenschaftlichen Phänomene im Marianenspanisch, lassen sich sowohl für eine Klassifizierung als Varietät als auch für einen lernbedingten Effekt Argumentationen anführen. Erneut muss darauf hingewiesen werden, dass hierfür nur die vorliegenden zwei Interviews analysiert wurden – naturbedingt kann es dabei natürlich zu Verzerrungen kommen. Die Klassifizierung als Varietät findet vor allem durch die Analyse auf der Ebene der Phonetik Unterstützung. Der Lautwandel von /r/ und /l/ in silbenfinaler Position zum /t/ ist bei beiden Interviewten zu finden und tritt mit gewisser Regelmäßigkeit auf. Andererseits ist dies offenbar von den Fähigkeiten der Individuen abhängig und tritt auch keineswegs immer wenn es die Regeln „verlangen“ würden auf – tatsächlich erscheint das gleiche Wort manchmal mit geändertem Konsonanten, manchmal mit dem standardspanischen Laut. Letzterer Punkt kann aber tatsächlich vor allem für eine Varietät sprechen: denn offenbar werden die „richtigen“ Laute ja beherrscht – beide Interviewten können español mit dem Laut /l/ aussprechen, trotzdem ersetzen sie diesen an anderen Stellen durch /t/ zu españot. Wenn die Aussprache des /l/ in diesem Wort also offenbar beherrscht wird, warum wird es dann manchmal doch mit /t/ ausgesprochen? Nur eine tief verwurzelte Varietät könnte dies plausibel erklären. Die starke Vereinfachung der grammatischen Zeiten spricht hingegen mehr für die Lernschwäche als Erklärung. Hier wäre ein (im Rahmen dieser Arbeit nicht stattfindender) Vergleich mit den Tempiformen und -verwendungen im Chamoru hilfreich: eine mögliche Übereinstimmung der „falschen“ Tempi im Marianenspanisch und jener im Chamoru könnte auf eine Varietät hinweisen. Dagegen spricht allerdings der deutlich unterschiedliche Umgang mit den Zeiten seitens Remedios Castro einerseits und Antonio Reyes de León Guerrero andererseits, die kein einheitliches Muster aufweisen, was die „falsche“ Zeitenverwendung betrifft. Wahrscheinlicher scheint es, dass die beiden Interviewten die jeweils passendste Form verwenden, die sie beherrschen: so nutzt Remedios Castro des Öfteren den Perfekt, um Vergangenheit auszudrücken, da sie Imperfekt und Indefinido augenscheinlich nicht sicher beherrscht; Antonio Reyes de León Guerrero ist selbst im Perfekt noch unsicher, und verwendet daher den Präsens oder Infinitiv. Natürlich kann aufgrund der geringen Datenlage keine sichere Aussage getroffen werden, anhand dieser Interviews deutet die Tempusverwendung entsprechend eher auf eine lernbedingte Reduktion hin. Zusammengefasst spricht die Phonetik tendenziell eher für eine Varietät, die Tempiverwendung eher für eine lernbedingte Reduktion. Leider war im Rahmen dieser Arbeit eine intensive Betrachtung weiterer grammatischer Eigenheiten des Marianenspanischs nicht möglich; diese könnte weitere Aufschlüsse für die Klassifizierung desselben geben. Prinzipiell ist zu vermuten, dass das Spanisch von Remedios Castro, wenn überhaupt, ein besseres Beispiel für eine etwaige Varietät darstellt als das der anderen Interviewten, bei denen der Effekt der Lernschwäche offenbar stark überwiegt. Angesichts der verschiedenen Für und Wider

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in der Analyse ihres Interviews (siehe oben), vermutet Pagel unter Bezug auf Albalá 53 ein „Reflex eines sprachlichen Kontinuums, das sich zwischen eher chamorusierten und eher standardspanischen Varietäten spannte.“54 Dieser Theorie zufolge stünde das moderne Chamoru zwischen dem prähispanischen Chamoru und dem Castellano (Standardspanisch), während das Marianenspanisch in einem Kontinuum zwischen modernem Chamoru und Castellano einzuordnen wäre. Es ließe sich eben keine einheitliche, für alle Sprecher gleiche Varietät an einem bestimmten Punkt ausmachen – das Marianenspanisch umfasst einen gewissen Raum, in dem die verschiedenen Sprecher eine bestimmte Position einnehmen. Erklären ließe sich das zum einen durch die geographische Abschottung der verschiedenen Inseln (die unterschiedlich stark von Spaniern beeinflusst wurden) und zum anderen durch den unterschiedlich starken Einfluss der Hispanisierung55. Modernes Chamoru Ur-Chamoru Marianenspanisch
Grafik 2: Eigene Darstellung

Castellano

Des Weiteren bleibt zu fragen, ob eine Gegenüberstellung der beiden Aspekte sinnvoll ist: Unabhängig davon, dass offenbar nur schwer ein eindeutiges Ergebnis zu finden oder eine singuläre spanische Varietät festzustellen ist, ist zu überlegen, ob das Marianenspanisch nicht gar beides sein kann: eine Varietät, die einerseits durch den Einfluss des Chamoru und andererseits durch eine lernbedingte Simplifizierung und Reduktion entstanden sein könnte. Sollte es eine wie auch immer geartete Marianenspanische Varietät gegeben haben, die irgendwo in diesem Kontinuum anzuordnen wäre, so könnte dieses, so lässt sich schließen, in etwa wie das Spanisch der Nonne Remedios Castro ausgesehen haben.

53 Vgl. Albalá 1997: 68 54 Pagel 2009: 129 55 Weder die Mestizisierung noch die Evangelisierung verläuft stets auf gleiche Weise und kann einen unterschiedlich starken Spanisch-Einfluss hinterlassen: Eine intakte Familie mit je einem Spanisch- und einem Chamorusprechenden Elternteil vermag bessere Spanischkenntnisse zu vermitteln als eine nicht-intakte, und eine Evangelisierung im Kloster war vermutlich tiefgreifender als die Sonntagsschule.

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Anhang: Interviews im Marianenspanisch
Im Folgenden finden sich die vollen Aufzeichnungen der Interviews mit Remedios Castro (ERS-2) und Antonio Reyes de León Guerrero (ERS-1), welche im Kapitel 4 analysiert wurden. Anschließend findet sich ein Ausschnitt des dritten Interviews mit Santiago Tudela Camacho (ERS-3), welches zu großen Teilen schwer verständlich ist und auch einige Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Interviewer und Befragtem aufzeigen. Es wird lediglich hinzugefügt, um einen Eindruck des Gespräches zu vermitteln. Interview ERS-2, Remedios Castro 56
01P Y ahora diga al principio su nombre y cuente cómo aprendió el español. 02R Yo soy Sister Remedios Palacios Castro y he aprendido a hablat un poquito españot con las monjas Mercedarias Misioneras de Bérriz. 03 Principatmente he aprendido con hetmana Aurora Chupitea, potque cuando tiempo de la guerra, las monjas estaban de preso, pre, pre... 04P ¿Prisioneras? 05R Prisionera, y yo, como quiero a ser monja, he vivido con ellas y ayudando. 06 Y con ese ayudando, sempre diciendo a mí en españot, potque hermana Aurora no sabe bien chamorro y pimidígimi: „trae leñas, trae agua, ensende la chapa y ponga aquí agua para la sopa“. 07 Y yo, así, ayudando, y después vamos a en el lavadero y lavar la ropa y después me enseña a planchar y me enseña, enseña también a mí para cocinar y con eso ella, poco a poco, aprendendo, pero no he aprendido con la gramática. 11R Si, puede leet, sí. 12P ¿Y usa mucho el español ahora? 13R No, ahora no, ahora muy... 14P ¿Y antes? 15R Antes sí, cuando todavía tiempo de japonés, uso bien en ese tiempo, potque con ellas, no sabe hablat chamorro, hetmana no sabe chamar bien chamorro y hablo con ella español, y después en la escuela enseñamos a nosotras chamorro y tení también clase de españot, pero yo no he cogido. 16P ¿Nunca? 17R Sí, en vez de tomar clase de español, he tomado clase de piano. tiempo nosotras no hablamos nuestro lenguaje chamorro, potque como internacional y hablamos English. 24P ¿Y fue fácil para Vd aprender español? 25R Sí, sí, si me estudia, creo que más difícil el gramática de español ¿no? que English, pero para mí, más fácil aprendió. Si ponga a estudiar, creo que más fácil para... Potque nunca he estudiado ¿eh? la gramática de... Ya sé que muy difícil el gramática de español, más que English. ¿Es verdad? 26P Eso dicen, puede ser. Y ahora el español, ¿cuándo lo habla?

27R Ahora habla cuando... No, casi no me habla. Pero aquí sí ahora teni clase. 18P ¿Toca el piano? Tenemos obligación de aprender españot, 19R Sí... No, ahora esas cosas ¿no? Si pero como yo aquí ahora con los niños no sigues hacer se... aquí... Y alguna vez con Mary Luise hablamos cuando tenemos el gurupo 20P Se olvidan. de..., para que no... Cuando tenemos que 21R Se fallan. Puedo hacer un poquito hablat, hemos hablado. Con Mary ¿no? Pero no es como aquel tiempo, Louise, sí habla españot. después se ha parado de... 28P ¿Para que no las entiendan? 22P ¿Entonces en el tiempo japonés 29R Ya cuando es de algún gente ¿no? hablaban más español? 08P ¿Pero aprendió a leerlo y Una indicación y, así, si me pregunta escribirlo? 23R Hablaba más españot que ahora algo raro, pues siempre hablamos en potque con English, potque con las estas 09R Muy poco aprendió a leer y españot, potque en chamorro entenden, escribir, pero no tan... no tan... No puedo chicas, lo que entra ahora, las enseñan, en English entenden. Es verdad, ahora, dos a postulantes habla con ellos potque decir que escribo muy bien. en ese, eso, uso españot. Pero eso como en no es de aquí, que de otro también en este 10P ¿Pero puede leer bien? todos los tiempos, cuando no sabemos...
56 Das gesamte Interview ist Albalá & Rodríguez-Ponga 1986: 115-116 entnommen.

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Interview ERS-1, Antonio Reyes de León Guerrero 57
20R Sí. Muy amigo en San Roque Village, Señot Gregorio Camacho, 02R My nombre es Antonio Reyes de también hablar españot. Está mucho León Guerrero. murió already. 03P ¿Cuando aprendió el español? 21P ¿Sus padres hablaban español? ¿Cómo lo aprendió? 22R Creo que sí, because my bill, 04R Ah, de mil novecientos mestizo español. veintinueve, que este pare, pare Dionisio de la Fuente, es pastot, y estudia for this. 23P ¿Y Vd recuerda que entonces había gente que hablaba español o 05P ¿El fue quién le enseñó el español? familias que hablaban español? ¿O ya no 06R Si, español, jesuitas. quedaban? 07P ¿Y Vd lo aprendió porque les ayudaba? 08R Sí, yo estaba de... tiempo... altar boys, tanorista. Se dice: „No hablat chamorro, para hablat nada más españot o japonés“. Desde entonces yo estadia para este españot. Que ellos hablat chamorro: mutta, cinco céntimos. 09P ¿Y en la escuela? 10R En convento des padres. 11P En concento hablaban español. ¿y en la escuela? 12R En la escula, japonés, sí. 13P Entonces, aprendió también japonés. 14R Sí, muy más hablat el japonés que el americano, because educat más de japones. 15P Entonces, ¿Vd ha tenido que aprender el chamorro, el español, después el japonés, después el inglés? 16R Sí, poco English. 17P ¿Y el español lo usaba mucho en el convento, para hablar con los padres? 18R Los padres, los tanorista … Creo que quince tanorista 19P ¿Todos hablaban español? 01P ¿Su nombre? 34P ¿Entonces Vd ya pudo hablar español con los militares americanos? 35R No, only con él, then introduced to ours. 36P ¿Entonces ya no tuvo ningún problema? 37R Yes, resto de... comedor, plenty food to ours. Atendí muy bien potque ya no japonés. Only the japonés mandat, sent to, para trabajo en Guam.

38P Y luego, durante ese tiempo, ¿qué 24R No, no, ya es sólo para el lengua hablaba Vd? convento. Y también algún veces usat de 39R: Ah, hablat en el, qué se dice en españot. españot... 25P Pero en el tiempo japonés, ¿ya 40P ¿Está en chamorro? nadie usaba españot? 41R No, English, estes que pot los 26R No, mucho más de japonés. solos japonés like enemigo todo na 27P Cuente lo de la guerra, cuándo Guam. No use English, interpreter one usó el español. as guamanian, Guam chamorro, interpreter for ours. Then, I used 28R I mil novecientos cuarenta y dos, chamorro in durante that tiempo. the military japonés, unos cuantos chamorros boys para salit para 42P ¿Entonces Vd en Guam hablaba intérprete para japonés, because igual en chamorro? chamorro Saipan-Guam, so intérprete 43R Sí. para japonés. 44P ¿Y en japonés? 29 En mil novecientos cuarenta y tres, cuando que la guerra come on in 45R Japonés. Guam, yo and my family, my familia, 46P ¿Y el español cuando llegaron los está en la mountain, jungle, ya, americanos? montaña. 30 Desde military americano: 47R Pero tiene un también de hablat „Surrender“, and: „Speak – hablat español the americano soldier, sendalo, English“. hablat español también. Han venido 31 Said: „No, only chamorro and mucho from Méksico, Puerto Rico, japanese“. Said: „No hablat japonés“, from Cuba, that soldier. Then, hablat the military americano. con nosotros. 32 Ha venido una meksicano. La 48P ¿En Guam había gente que colot le vet, de diferencian americano. hablaba español? Said: „Yo sé. ¿Hablat españot sé?“. 33 „Sí“. De entonces, yo está hablat 49R Sí. for him españot. Very lucky. ¡Suette! 50P ¿...familias que hablaban

57 Das gesamte Interview ist Albalá & Rodríguez-Ponga 1986: 110-114 entnommen.

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español?

51R Sí, tiene muchos en Guam hablat español: la familia de Artero, all español. 68P ¿Español...? ¿De... Méjico? 52P Claro. ¿Había más gente? 53R Sí, hablat español and me, Martínez, the Monseñor Martínez father, iguat hablat español.

67R Sí, and alguno turista español también. 69R No, is from España también. Creo que trabaja en la Ambasadot japonés, ah, españot. 70P Ah, de la Embajada.

84P El español es más claro. 85R ¡Más claro! Que lo escribe para no pronunciación diferente. 86P En esto es más difícil. 87R Yo dice de al turista japonés: de lengua españot creo que los hombres chamorros, sais meses can hablat españot. 88P Sí, sí, para un chamorro tiene que ser muy fácil aprender español. 89R Sí, same: uno, dos, tres, cuatro... iguat. 90P La hora... 91R La hora, iguat. Mes: enero, febrero, matso... iguat. Semana: lunes, mattes... iguat. Lamasa, la mesa. 92P Banco... 93R Banco, ¿ventana? 94P Sí 95R Sí, nada más diferente que „gente“ o „camino“ and... ¿no? Cow, también use... 96P Vaca. 97R Vaca, ¿no? Vaca, sí. Y Saipán también. 98P Vaca, toro. 99R Toro, sí, iguat. Yo dice: sais meses, our chamorro people hablat españot. ¡Yo me gusta this lengua!

54P ¿Y Vd le gustó haberlo aprendido? 71R Durante Christmas time, many alien, este, trabajan Japón, extranjeros 55R ¡Yai! Me gusta de lengua españot, visita Saipán de Christmas time: number one, primet lengua na de... muy españot, alemán, francés, italiano... muy muy bonito lengua. 72P Pero vienen desde Japón. 56P Muchas gracias. 73R From Japón, sí. 57R But this, ese español lengua, very nice. 74P No vienen desde España. 58P Sin embargo, aquí ya no lo habla 75R No, muy anglo. nadie. 76P Muy lejos. 59R Pero algunos japonés también 77R Lejos, ¿no? hablat españot. Una de turista come in 78P Ya, ya vendrán. Y... ¿Vd podía leer aquí, hablat español con el tourist. español? 60P ¿Vd habla español con los 79R ¿La hora? turistas? 61R Some, algún veces. They come, eh, venir aquí, Saipán. 62P ¿De dónde vienen? 63R From Japan, from japonés, Japón. 80P Leer español. 81R Sí, ¿letra?, sí. 82P ¿Y escribe?

83R Escribe, escribe españot. Lengua japo... americano, like mentira, ¿no? Se dice con muchos... que dice this en 64P ¿Pero hablan español? pronunciación: /ap/, españot /up/, ¿si? 65R Sí, algún japonés. ¡Mentira! ¿no? I don't know... other 66P Ah, japonese que hablan español. too: /praivet/ private. Yes, English /praivet/.

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Interview ERS-3, Santiago Tudela Camacho 58
01P ¿Puede decir primero su nombre? 19P Entonces, Vd comprendía... 02R ¿Su nombre? 03P ¿Cómo se llama? 04R Santiago. 05P Entero. ¿y appelido? 06R Santiago Tudela Camacho. 07P ¿Dónde aprendió Vd el español? Cuándo aprendió lo que sabe de español? 08R Mucho entiende, ahora no he hablat mucho. 09P Ahora no habla mucho, pero su papá y su mamá hablaban español? 10R No 11P ¿Hablaban chamorro? 12R Mi mamá chamorro y mi papá espa~õt13P Pero Vd de niño, de pequeño, ¿oía...? 14R Oh, my edad once años, mamá muerto. 15P ¿Y papá? 16R ¡Mi mamá! Mi papá, setenta y dos sakan, años, muerto. 17P Pero ¿él hablaba español? 18R ¡Mucho hablat, papá! 20R Comprende un poco. 21P ¿Y lo hablaba también? 22R Sí 23P Con su familia, ¿Vd hablaba español? 24R No. 25P ¿Con sus hermanos? 39P ¿Trabajó con ellos? 40R ¿Tabaco con ellos? 41P ¿Trabajó? 42R Uy, trabajo. ¡Mucho trabajo! 43P ¿Vd reza en español? 44R ¿Reza? 45P Sí, para rezar, orasión.

46R Oh, puede un poco. 26R No, no hermano. Only one, una 47P ¿Puede Vd decir alguna cosa? hermana, este, ochenta y cinco, marzo, 48R Puede un poco. En español: Padre muerto. Now, ahora uno, no más. nuestro que estás en los cielos. 27P Luego, con quién aprendió el Santificado sea tu nombre, venga a español? nosotro reino, hágase tu voluntad así en 28R ¿Con quién? la tierra como en el cielo. ¿Sí? ...la virgen María... palabra consolodora... Santo 29P ¿Cómo? ánget de mi guatda, dutse compañia, no 30R Como... me desampares ni de noche ni de día. Virgen María... Jesucristo... padeció... 31P ¿Cuándo aprendió el español? misericordia... mía compaña, ahora y en ¿Cuántos años tenia Vd? la hora, ámen. 32R Uy, largo tiempo ahora. 49P ¿Sabe más oraciones? 33P ¿Estuvo Vd con los padres 50R Entiende más. españoles? 51P Entiende más... y, ¿alguna 34R Pero, está muerto ahora. canción? 35P Pero ¿estuvo Vd con los jesuitas? 52R Más bueno otra veces, ahora está 36R Sí. at levés. 37P ¿Y qué hacía Vd con ellos? [...] 38R Entiende, eh esuitas.

58 Das gesamte Interview ist Albalá & Rodríguez-Ponga 1986: 117-122 entnommen.

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Literaturverzeichnis
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