Jesko Habert

Aufwerten statt Ausweiten
Städteschrumpfen in Ostdeutschland als Entwicklungschance
Inhaltsverzeichnis
1. Warum schrumpfen ostdeutsche Städte?................................................1 1.1. 1.2. 1.3. Natürlicher Bevölkerungsrückgang in Industrienationen.....................2 Suburbanisierung und Deindustrialisierung....................................3 Transformationsfolgen und Westwanderung...................................4

2. Empirische Reaktionsmuster regionaler Politik........................................5 2.1. 2.2. Strategien und Instrumente...................................................... 5 Talsohle oder Tiefebene? Beispiele aus Ostdeutschland.....................6

3. Qualität statt Quantität: Städteschrumpfung als Entwicklungschance.............9 3.1. 3.2. 3.3. Wirtschaftliche Vorteile...........................................................9 Entdeckung des Tourismus als Entwicklungschance.........................10 Anstieg von Lebensqualität und Sozialem....................................10

4. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen: Das Konzept der Lean City...12 4.1. Kritik und Aussicht...............................................................13

Literaturverzeichnis...................................................................... 14

1. Warum schrumpfen ostdeutsche Städte?
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands, in verstärktem Maße seit der Jahrtausendwende, haben die meisten ostdeutschen Städte mit einem Problem zu kämpfen, dass zwar auch in anderen Industrienationen anzutreffen ist, in Ostdeutschland jedoch besonders stark ausgeprägt ist: in einem nahezu beängstigenden Tempo sinkt in ostdeutschen Städten die Einwohnerzahl und die Städte schrumpfen. Der Umgang mit diesem Problem ist zum drängenden Punkt auf den Programmen der regionalen Politik und Stadtverwaltung geworden, da ein Schrumpfen der Städte viele weitere problematische Aspekte nach sich ziehen kann: Leerstand und Verwahrlosung von ganzen Wohngebieten, dadurch bedingter Rückbau nutzlos gewordener sozialer Infrastruktur (Kindergärten, Schulen etc.) sowie öffentlicher Verkehrsmittel und der generellen städtischen Versorgung, Verödung der Innenstädte, wirtschaftliche Einbußen und Rückentwicklungen (und dadurch bedingte Arbeitslosigkeit), die kommunalen Finanzen und vieles mehr 1. Die Relevanz der Thematik ist also kaum von der Hand zu weisen. Längst gilt es als „anerkannt, dass Schrumpfungsprozesse zu Dauerphänomenen der Stadtentwicklung […] zählen“ 2. Die erstmals in den Achtziger Jahren durch Häußermann und Siebel analysierte Problematik hat im neuen Jahrtausend inzwischen längst ihren Platz im öffentlichen Diskurs bekommen und ist als „Schrumpfende Stadt“ zum „terminus technicus“3 in der Stadtsoziologie geworden. Bevor ich in den späteren Kapiteln versuchen werde, verschiedene der dabei entstandenen Strategien darzulegen und weitere Handlungsoptionen aufzuzeigen, möchte ich jedoch auf die elementare Frage eingehen, die sich zu Anfang einer solchen Abhandlung stellen muss: Warum schrumpfen ostdeutsche Städte? Zunächst sind schrumpfende Städte weder im internationalen, noch im historischen Vergleich eine Neuheit: Städtische Entwicklung ist vielmehr generell „charakterisiert durch Phasen des Wachstums, der Stagnation und der Krise“4 – tatsächlich hatten gerade im letzten Jahrhundert viele Städte Einwohner-Einbußen zu verzeichnen, was auf so verschiedene Gründe wie Kriege (1. und 2. Weltkrieg), Krankheiten (AIDS) und verschiedene Umweltkatastrophen zurückzuführen ist 5. Die meisten dieser Städte konnten aber „das gewaltsam unterbrochene Wachstum […] wieder fortsetzen [...] und häufig über ihre frühere Größe hinaus“6 wachsen. Bei der offenbar strukturellen Schrumpfung, die v.a. ostdeutsche Städte betrifft, liegen Ursachen „im demographisch relevanten Verhalten der betroffenen Gesellschaften selbst“7 vor. Ihr Schrumpfen ist nicht vorübergehend – vielmehr sorgt die Eigendynamik des Prozesses für ein andauerndes Schrumpfen8. Im Folgenden sollen die bedeutendsten Gründe vorgestellt werden.
1 2 3 4 5 6 7 8 Vgl. Lang & Tenz 2003: 4 / Liebmann 2009: 141 Grossmann 2007: 22 Führ 2004: 129, zitiert nach Grossmann 2007: 25 Langner & Endlicher 2007: 17, eigene Übersetzung Vgl. Oswalt 2005: 28f Ebd.: 29 Ebd. Da durch den Geburtenrückgang von 25 Jahren heute weniger potentielle Eltern existieren. (Vgl. Stöhr 2005: 18)

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1.1 Natürlicher Bevölkerungsrückgang in Industrienationen
Der erste Grund für das Schrumpfen der ostdeutschen Städte ist ein Phänomen, von dem auch Westdeutschland und sämtliche Länder betroffen sind, in denen ein hohes Pro-Kopf-Einkommen existiert, sowie jene, die sich von einem sozialistischen System zu einem marktwirtschaftlichen transformieren 9: der allgemeine Bevölkerungsrückgang im Zuge des demographischen Wandels. In der vorliegenden Arbeit sollen weniger die Aspekte der Überalterung, sondern vor allem der Geburtenrückgang behandelt werden. Allein im Zeitraum von 1990 bis 1998 haben „die neuen Bundesländer und Berlin Ost […] 4,6% ihrer Bevölkerung verloren“10, was offenbar hauptsächlich auf den natürlichen Bevölkerungsrückgang zurückzuführen ist, der nach der Wende rasant zum westdeutschen Niveau aufschloss. Die unterschiedliche Geburtenrate in der Vorwendezeit ist offenbar hauptsächlich auf den im Osten forcierten politischen Ausgleich nach dem sogenannten „Pillenknick“ zurückzuführen 11 (1985 bekam jede ostdeutsche Frau im Schnitt 1,7 Kinder12). Inzwischen liegt der Überschuss der Gestorbenen über die Geborenen pro 1.000 Einwohner mit 3,55 im Osten höher als im Westen (1,84) 13, ist jedoch nicht mehr so hoch wie zum Ende der GeburtenratenTalsohle 1992/9314. Generell ist der natürliche Bevölkerungsrückgang zum einen auf den Lebensstilwandel und die steigende Bildung in ganz Deutschland, zum anderen auf die Unsicherheit (Arbeitslosigkeit etc.) durch den „Transformationsschock“15 in Ostdeutschland zurückzuführen. Derzeit zeigt sich in Bezug auf Ostdeutschland eine tatsächliche Angleichung an Westniveau 16 (nachdem in den Wendefolgejahren die Geburtenrate überproportional gesunken war), so dass der natürliche Bevölkerungsrückgang17 zwar ein Grund für das generelle Städteschrumpfen darstellt, nicht jedoch die sich zuspitzende Problematik in Ostdeutschland erklären kann, da neben dem nachlassenden natürlichen Bevölkerungsrückgang die Anzahl der Haushalte wächst und die beanspruchte Wohnungsgröße pro Kopf sich dem westdeutschen Niveau angleicht18. Der natürliche Bevölkerungsrückgang alleine ist also nicht für den vermehrten Leerstand und das Stadtschrumpfen verantwortlich, trägt zusammen mit der Suburbanisierung (siehe 1.2) aber am Meisten dazu bei 19.

9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19

Vgl. Oswalt 2005: 32 Lang & Tenz 2003: 35 Vgl. Lang & Tenz 2003: 16 Vgl. ebd. / Statistisches Bundesamt 2000: 8 Vgl. Statistisches Bundesamt http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab3.asp Vgl. Lang & Tenz 2003: 37 / Statistisches Bundesamt 2000: 8 Kühn & Liebmann 2009: 16 Vgl. Statistisches Bundesamt 2000: 8 / Lang & Tenz 2003: 37 Mit einem bundesweiten Durchschnitt von 1,2 bis 1,4 Kindern pro Frau in den letzten 25 Jahren, vgl. Stöhr 2005: 18 Vgl. Stöhr 2005: 25f Vgl. Grossmann 2007: 101

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1.2 Suburbanisierung und Deindustrialisierung
Auch die Punkte Suburbanisierung und Deindustrialisierung sind moderne Phänomene, die für einen bestimmten Zeitraum die meisten „entwickelten“ Länder betreffen/betroffen haben 20. Der Prozess der Suburbanisierung ist etwa seit den Fünfziger Jahren in den USA beobachtbar 21 und hat dort für eine rasante Entvölkerung der Millionenstädte gesorgt. Beispielhaft für die Stadtflucht vor allem der weißen Mittelschicht ist dort vor allem St. Louis mit einem Einwohnerrückgang von inzwischen 59% sowie Buffalo und Detroit mit jeweils 49% Rückgang – in Europa ist seit einiger Zeit zwar Ähnliches zu beobachten, die Ausmaße sind jedoch noch weit von denen der US-Städte entfernt 22. Die Suburbanisierung als solche ist zu unterscheiden in Wohn-, Handel- und Gewerbesuburbanisierung und kann definiert werden als eine „intraregionale Standortverlagerung […] zwischen den Kernstädten und dem Umland“ 23. In den frühen Zeiten der DDR war Suburbanisierung nahezu nicht existent. Erst ab den Siebziger Jahren war der Eigenheimbau überhaupt möglich, wegen der starken Regulierung und der verhältnismäßig geringen Motorisierung der Bevölkerung „blieb die Wohnsuburbanisierung jedoch marginal“24. Inzwischen ist das Stadtumland, angetrieben durch eine stark erhöhte Automobilität, gestiegene (Flächen-) Ansprüche, günstige Bodenpreise und den Wunsch nach Eigentumsbildung25 jedoch in Ostdeutschland das häufigste Abwanderungsziel26 und damit von sehr viel größerer Relevanz als die oft thematisierte Westwanderung. In den letzten Jahren war allerdings in manchen Fällen, unabhängig von der Stadtpolitik, ein gewisser Trend zur Reurbanisierung beobachtbar. Inwieweit dieser von tragender Dauer ist und zur Entspannung der Situation beitragen kann, ist jedoch noch schwer absehbar. Während die Suburbanisierung in Ostdeutschland sich nicht sonderlich von Westdeutschland unterscheidet, ist die Deindustrialisierung hier in ausgeprägterer Weise vorhanden. Bedingt durch die Wiedereinführung der Marktwirtschaft und die Liberalisierung der Märkte „brach die industrielle Basis in Ostdeutschland innerhalb weniger Jahre zusammen“ 27. In Ostdeutschland finden sich des Weiteren aufgrund der sozialistischen Planwirtschaft vor allem monokulturelle Industriestädte auf Basis „eines veralteten oder nicht konkurrenzfähigen Produktes“28 mit Unternehmen, die, da häufig unproduktiv, kurz nach der Wende geschlossen oder verkleinert wurden29, so dass die Städte besonders häufig vom Arbeitsplatz- und Bevölkerungsrückgang (und entsprechender Stadtschrumpfung) betroffen waren 30.
20 Das gilt v.a. für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die jüngsten Entwicklungen zeigen in einigen Ländern einen Prozess der Reurbanisierung. 21 Vgl. Oswalt 2005: 32 22 Vgl. ebd. 23 Lang & Tenz 2003: 46 24 Lang & Tenz 2003: 13 25 Vgl. Stöhr 2005: 21 / Lang & Tenz 2003: 48 / Kühn & Liebmann 2009: 15f 26 Vgl. Grossmann 2007: 101 27 Glock 2002: 5, zitiert nach Stöhr 2005: 55 28 Kühn & Liebmann 2009: 15 29 Vgl. Kuder 2009a: 64 30 Vgl. Kühn & Liebmann 2009: 15

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1.3 Transformationsfolgen und Westwanderung
Neben der Deindustrialisierung und der Suburbanisierung kann weiterhin die Transformation vom Sozialismus als Ursache für die Stadtschrumpfung angesehen werden, die sich mit den anderen Ursachen überschneidet31. Die Vereinigung mit der marktwirtschaftlich sehr viel weiter entwickelten Bundesrepublik wirken sich seit der Wende mit einem deutlichen Effekt auf die Stadtentwicklung aus: der Binnenwanderung in den Westen. Im Gegenzug zu anderen ehemals sozialistischen Ländern herrscht in Ostdeutschland der Vergleich mit dem westdeutschen Lebensstandard vor, was zu einer deutlich erhöhten relativen Deprivation32 führt, gefolgt durch eine Abwanderung vor allem besser gebildeter, weiblicher Einwohner in jungem Alter. Nachdem es jahrzehntelang in Folge des Mauerbaus kaum Abwanderung gegeben hatte, steigerte diese sich explosionsartig nach der Grenzöffnung: im Jahr 1989 lag das Abwanderungssaldo33 bei ca. 383.000, im Jahr 1990 immer noch bei ca. 359.000. Bis 1997 verringerte es sich auf circa 10.00034, ist in den letzten Jahren bedingt durch die Arbeitsmarktlage jedoch wieder leicht angestiegen35. Zusammengenommen belaufen sich die Bevölkerungsverluste durch Westwanderung zwischen 1989 und 1999 auf ca. 1,2 Millionen Menschen – 8% der ostdeutschen Bevölkerung 36. Auch das spezifischere Problem der heutigen Leerstände in ostdeutschen Städten geht teilweise auf die DDR-Poltik zurück. Das „kapitalistische Erbe“37 der innerstädtischen Altbauten wurde erst spät und dann auch nur geringfügig instand gehalten – die Innenstadtsanierung blieb meist aus, da die wenigen hier vorhandenen Privateigentümer sich eine Sanierung aufgrund der niedrigen Zwangsmieten nicht leisten konnten38. 1988 standen 50% der Wohnungen wegen Unbewohnbarkeit leer 39, worauf die DDR fast ausschließlich mit Neubau reagierte, der zu 90% im Plattenbau errichtet wurde. Nach der Wende reagierte die Politik mit Förderungsprogrammen zur Sanierung von Altbauten und zum (suburbanen) Neubau, um den erwarteten besonderen Wohnungsbedarf zu stillen40. Diese Parallelplanung41 ist mit verantwortlich für die Folgen der „überschätzte[n] bauliche[n] Nachfrage, einer von quantitativen statt qualitativen Vorstellungen geprägten Angebotserweiterung und daraus resultierenden (Fehl-)investitionen“ 42. Auch der absolute Anstieg der Haushalte (siehe 1.1) konnte das Ungleichgewicht zwischen 0,8 Mio. Neubauten und einem Bevölkerungsrückgang von 2 Mio. nicht kompensieren 43.
31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 Vgl. Oswalt 2005: 42 Zum Konzept von relativer Deprivation und Frustration vgl. Liebmann & Robinson 2003: 16 Berechnet aus der Wanderung von Ost nach West minus der von West nach Ost Abwanderungssaldi vgl. Stöhr 2005: 19f Vgl. Stöhr 2005: 19f / Lang & Tenz 2003: 38 Vgl. Langner & Endlicher 2007: 96 Lang & Tenz 2003: 12 Vgl. Stöhr 2005: 29 / Lang & Tenz 2003: 14f Vgl. Lang & Tenz 2003: 14f Vgl. Stöhr 2005: 50 / Lang & Tenz 2003: 19f / Langner & Endlicher 2007: 96 Von 1991 bis 1999 wurden 773.368 Wohnungen neu gebaut (85% suburban) und gleichzeitig 100.000 der 1990 420.000 unbewohnbaren Bestände saniert und bewohnbar gemacht (Vgl. Langner & Endlicher 2007: 96 / Lang & Tenz 2003: 41) 42 Lang & Tenz 2003: 40 43 Vgl. Langner & Endlicher 2007: 96

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2. Empirische Reaktionsmuster regionaler Politik
Viele betroffene Stadtverwaltungen haben inzwischen erkannt, dass die Stadtschrumpfung eine zu behandelnde Problematik ist. Im Rahmen des bundesstaatlich geförderten Programms Stadtumbau Ost haben über 260 ostdeutsche Kommunen sowie zehn Berliner Stadtteile Konzepte zum Umgang mit der Schrumpfung erarbeitet44. Die Ausgestaltung sieht jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich aus, je nachdem, wie das Problem betrachtet wird: handelt es sich nur um eine „Talsenke“, die im Zuge der periodischen Fluktuation bald wieder zu einem Wachsen übergeht, für welches man die Grundlagen schaffen sollte45, oder handelt es sich um eine „Tiefebene“, einen strukturellen Wandel, mit dem die betroffenen Städte sich von nun an dauerhaft auseinander setzen müssen? Die Fachliteratur der Stadtsoziologie vermutet eher eine solche „Tiefebene“, und eine Umkehrung des Schrumpfungsprozess kann in den meisten Fällen „als aussichtslos angesehen werden“ 46. Während manche Städte mit „Talsohle“-Reaktionen also eine wachstumsorientierte Politik umsetzen, versuchen andere mit „Tiefebene“Reaktionen eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau zu erreichen. Im Folgenden werde ich erst verschiedene mögliche Strategien vorstellen, bevor ich im Anschluss einige Beispiele darstelle 47.

2.1 Strategien und Instrumente
Es gibt verschiedene Strategietypen, mit Hilfe derer Entscheidungsträger auf die Tatsache einer schrumpfenden Stadt reagieren können48:
1. Städtebauliche Strategien: physisch-bauliche Maßnahmen zur Leerstandsreduktion und Stadtquartiersaufwertung, v.a. in Form von Stadtumbau 2. Ökonomische Strategien: Standortprofilierung und Stadtmarketing zur Ansiedlung von Unternehmen und Arbeitnehmern gegen den Bevölkerungsrückgang durch Deindustrialisierung 3. Demographische wohnungsbezogene Strategien: Zuwanderung durch neue Bewohner, v.a. spezifische Zielgruppen wie Studenten, Senioren und qualifizierte Fachkräfte 4. Integrative Strategien: ressortübergreifende Stadterneuerung

Bezugnehmend auf die Zielorientierung lassen sich folgende Strategien unterscheiden 49:
1. Anpassungsstrategie: Akzeptanz eines Problems als gegebene Strukturbedingung und der Versuch, sich durch entsprechendes Handeln an neue Gegebenheit anzupassen. 2. Bewältigungsstrategie: Aktiver Umgang mit dem Problem mit dem Ziel, es zu beseitigen.
44 45 46 47 Vgl. Häußermann & Siebel 1988: 84f Vgl. Stöhr 2005: 65 Lang & Tenz 2003: 5 Selbstverständlich sind die behandelten Beispiele (weder was die ausgewählten Städte, noch die dort verwirklichten Strategien betrifft) nicht vollständig. Hierfür wird eine Lektüre der je angegebenen Quellen empfohlen. 48 Auflistung nach Kühn & Liebmann 2009: 25 49 Auflistung nach Kühn & Liebmann 2009: 25f

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In der vorliegenden Problematik bedeutet eine Bewältigungsstrategie eine Stabilisierung der Situation oder ein erneutes Wachstum, eine Anpassungsstrategie hingegen ist die Ausgestaltung der Schrumpfung 50. Häufig wird von der Fachliteratur51 eine Anpassungsstrategie empfohlen, da die Schrumpfungsursachen nicht verhindert werden könnten. Tatsächlich entsprechen die damit verbundenen Ansätze der perforierten Stadt, der Lean City oder Konzepte einer Verlandschaftung52 jedoch eher einer Stabilisierungsstrategie, mit welcher das Schrumpfen zumindest verringert werden soll, während eine reine Anpassung beispielsweise vor allem durch den Abriss von überschüssigem Leerstand bewerkstelligt wird. Eine Bewältigungsstrategie in Form der Stabilisierung will hingegen das Schrumpfen abbrechen oder zumindest verringern und die Bevölkerungsstruktur auf einer niedrigeren Ebene stabilisieren, womit in der Regel die Werkzeuge der Aufwertung und Lebensqualitätssteigerung verbunden werden. Eine Wachstumsstrategie versucht unterdessen durch Firmenansiedlungen, Großprojekte und eine Förderung der „creative class“53 den als vorübergehend betrachteten Trend umzukehren 54.

2.2 Talsohle oder Tiefebene? Beispiele aus Ostdeutschland
Das zur Förderung integrativer Strategien entworfene Programm Stadtumbau Ost ist in den meisten ostdeutschen Städten Vorbild für das politische Handeln. Dabei gilt Stadtumbau in der bekannten Kombination aus Rückbau und Aufwertung „primär eine Anpassungsstrategie an die Schrumpfung, aber keine Bewältigungsstrategie für eine Regenerierung im Sinne […] [einer] Erneuerung“ 55 und wendet vor allem eine städtebauliche Strategie an (siehe 2.1). Anvisiert wird hingegen von den meisten Städten eine Stabilisierung, was jedoch nicht allein durch Anwendung der typischen Stadtumbau Ost-Instrumente bewerkstelligt werden kann. Für entsprechende Innovationen scheint ein gewisser Problemdruck notwendig zu sein56, der in einigen Städten drängender zutage tritt als in anderen. So hat Leipzig beispielsweise auf verschiedene Weise auf das Stadtschrumpfen reagiert: hier gab es neben typischen Wachstumsinstrumenten wie der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2010, den Neubau der Leipziger Messe und den Ausbau der Passagen am Hauptbahnhof auch Stabilisierungsinstrumente wie das Projekt „Neue Gründerzeit“ unter dem Motto „Weniger Dichte, mehr Grün“ 57, mit dem gleichzeitig der Wohnmarkt stabilisiert werden und die Wohn- und Lebensqualität gesteigert werden soll. Beim Stadtumbau werden verschiedene Wohngebiete nach Umbaudringlichkeit kategorisiert und je nach Prioritätsstufe behandelt – so sollen Fehlinvestitionen verhindert werden 58. Gleichzeitig wird die
50 51 52 53 54 55 56 57 58 Vgl. Kühn & Liebmann 2009: 26 z.B. Glock 2006, Häußermann & Siebel 1988 und andere Vgl. Kühn & Liebmann 2009: 26 Vgl. Florida 2000 Vgl. Kühn & Liebmann 2009: 27 Kühn 2009: 85 Vgl. Glock 2006: 201 Vgl. Glock 2006: 196f Vgl. Stöhr 2005: 71

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Stadtperforierung ausgenutzt, um die Stadtstruktur aufzulockern und zu durchgrünen. Mit dem Projekt „Selbstnutzer“ wird der Eigentumserwerb im Altbaubestand und der Neubau von „Stadthäusern“ in Gründerzeitvierteln angeregt59. Durch die Stilisierung als „Boomtown“ sollen außerdem Kreative angelockt werden, während die als eine der zwei besten Universitäten Ostdeutschlands ausgezeichnete 60 Alma mater lipsiensis die demographische Zuwanderung von Studenten fördert. Parallel wird durch Rückbau der dafür ausgezeichneten Gebiete bzw. innerhalb der Stadtstruktur (als Stadtperforation) auch eine Anpassung betrieben. Natürlich ist die direkte Auswirkung der verschiedenen Maßnahmen nicht aufschlüsselbar, trotzdem fällt auf, dass Leipzig nach einem jahrelangen Rückgang (von 1990 bis 2001 um ca. 11,5%61) mittlerweile deutlich wächst und zwischen 2000 und 2007 einen Zuwachs der Einwohner mit Hauptwohnsitz von 13.000 verzeichnete62. Dieser Zuwachs ging vor allem zulasten des Umlandes, das im gleichen Zeitraum schrumpfte – es handelt sich also offenbar um einen Reurbanisierungsprozess 63. Wachstumsstrategien wie teilweise von Leipzig verwendet sind jedoch keinesfalls immer erfolgreich: Die 1996 von Cottbus ausgerichtete Bundesgartenschau hinterließ keine langfristige ökonomische Entwicklung oder auch nur ein ideologisches Leitbild und Alleinstellungsmerkmal 64, sondern nur eine ungenutzte Parkfläche am Stadtrand, und die fünf Jahre lange Vorbereitung der Görlitzer Bewerbung um die Europäische Kulturhauptstadt 2010 hinterließ nach der Zusage an Essen eine deutlich verminderte städtische Kulturförderung und eine verstärkte Konzentration auf die Wirtschaft, obwohl durchaus positive Folgen des Bewerbungsprozesses beobachtbar sind, die langfristig jedoch keine Eindämmung der Schrumpfung verursachten65. Ein Gegenbeispiel, das zumindest eine bedeutende Stabilisierung und Stadtaufwertung zur Folge hatte, ist die ehemalige Stahlstadt Riesa. Die verhältnismäßig kleine Stadt (36.000 Einwohner) konnte sich durch mehrere Austragungen teils internationaler Sportveranstaltungen als „Sportstadt Riesa“ neudefinieren und so einen dauerhaften Rückgang der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und bevölkerungstechnischen Schrumpfungsfolgen erwirken66. Chemnitz konnte unterdessen mit den Leipziger Stabilisierungsinstrumenten (Einteilung in Aufwertungs- und Rückbaugebiete und das Prinzip der perforierten Stadt) keine ähnlich positiven Ergebnisse vorweisen67. Erfurt betreibt fast ausschließlich eine Anpassungsstrategie durch Rückbau in außenliegenden
59 Das lediglich durch Beratung und Moderation unterstützte Projekt scheint bisher jedoch nur eine Nischenposition einzunehmen (vgl. Steinführer u.a. 2009: 187 / Liebmann & Robinson 2003: 65f) 60 Academic Ranking of World Universities 2009. http://www.arwu.org/ARWU2009_3.jsp 61 Vgl. Fröhlich & Liebmann 2009a: 47 / Stöhr 2005: 24 62 Vgl. Steinführer u.a. 2009: 182 63 Vgl. ebd.: 183f 64 Vgl. Fischer & Kühn 2009: 273ff / Kühn 2009: 100f 65 Vgl. Kühn 2009: 100f / Fröhlich & Liebmann 2009b: 256f 66 Vgl. Kuder 2009b: 199ff 67 Vgl. Stöhr 2005: 86ff

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(Plattenbau-)Vierteln. Eine Stadtperforierung ist hier nicht sinnvoll, da die Stadt über einen relativen intakten Innenstadtbereich mit nur einem schmalen Gründerzeitgürtel verfügt, in denen zusammengenommen über 90% der Gebäude saniert sind68. Einen innovativen Lösungsansatz verfolgt die Stadt Halle (Saale), die zwischen 1994 und 1999 18.850 Einwohner an den Saalekreis verlor, was aufgrund der hohen Beschäftigung von Saalekreis-Wohnenden in der Stadt Halle auf eine Urbanisierung hinweist 69. Im Projekt Heide-Süd wurde das innenstadtnahe Gebiet von einer größtenteils aus Industriebrachen bestehenden, kaum bewohnten Gegend in ein suburbanes Viertel mit hohem Grünanteil umgeformt. So wurde nicht nur das günstig gelegene Gebiet neu genutzt, sondern gleichzeitig eine Maßnahme gegen den Bevölkerungsverlust durch Suburbanisierung eingeleitet, da die „Eigenheimbildung in grüner Stadtnähe“ nun auch innerhalb der Stadtgrenze verwirklicht werden kann70. Im Rahmen des sachsen-anhaltinischen Programms IBA Stadtumbau 201071 wurden durch mehrere Projekte72 außerdem Ansätze zur Lebensqualitätssteigerung und Bewohnerfreundlichkeit umgesetzt. Außerhalb dieser Projekte fixiert die Stadt sich jedoch offenbar größtenteils auf den Rückbau und lässt eine Mehrdimensionalität im Sinne der in 2.1 genannten Strategien vermissen 73 - was überhaupt auf viele Konzepte ostdeutscher Städter zuzutreffen scheint 74. Allgemein ist zu betrachten, dass eher die in jüngerer Zeit initiierten städtespezifischen, innovativen Lösungen einer Stabilisierungsstrategie erfolgreich zu sein scheinen. Die Abrisse in Neubaugebieten an den Stadträndern hingegen haben zwar den Leerstand in den betroffenen Vierteln verringert, führten aber nicht zu dem gewünschten vermehrten Umzug in die Stadtzentren, was zum einen an der fehlenden Programmeinbindung privater Kleineigentümer und zum anderen auf das erfolgreiche Umzugsmanagement der Wohnunternehmen liegt75. Die Einbindung der Kleineigentümer in den Rückbau geht vor allem auf das Trittbrettfahrer-Problem zurück: am meisten profitiert, wer nicht abreisst, während alle anderen dies tun, diejenigen, die abreissen, schultern deshalb überproportional viel 76. Die Wohnunternehmen haben aufgrund ihres größeren Bestandes hingegen bessere Voraussetzungen, trotz eigenem Abriss zu profitieren. Der Rückbau erfüllt also in den meisten Fällen nur eine Anpassung an den verringerten Bedarf, was zwar weiterhin notwendig ist, den Prozess der Schrumpfung jedoch nicht aufzuhalten vermag.

68 69 70 71 72 73 74 75 76

Vgl. ebd.: 188ff Vgl. ebd.: 21 Vgl. http://www.halle.de/index.asp?MenuID=2372 Vgl. Kühn 2009: 98f Riebeckplatz, Neustadt-Zentrum, Glaucha, Franckesche Gärten, Saline, Magistrale, Tulpenbrunnen (siehe http://www.halle.de/index.asp?MenuID=4770) Vgl. Gestring 2005: 97 Vgl. Liebmann & Robinson 2003: 6 Vgl. Liebmann 2009: 145 Vgl. Oswalt 2006: 663

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3. Qualität statt Quantität: Städteschrumpfung als Entwicklungschance
Unter der Voraussetzung einer Anerkennung der Schrumpfung als langfristiges Phänomen kann durch eine angepasste Reaktion der Stadtverwaltung und -politik auch eine schrumpfende, bzw. eine sich auf niedrigem Niveau stabilisierende Stadt Vorteile des Prozesses für sich nutzen. Eine Wachstumsstrategie mag vielleicht für die wenigsten Städte erfolgreich sein können, durch eine Stabilisierungsstrategie bei gleichzeitiger Anpassung können jedoch die negativen Folgen der Stadtschrumpfung bedeutend abgedämpft werden und das Selbstbildnis der Stadt und ihrer Einwohner aufgewertet werden. Wichtig ist dabei jedoch auch eine weitere Sicht auf die Problematik: derzeit werden in Sachsen und Sachsen-Anhalt über 80% der Fördergelder für Abriss verwendet77 – eine reine Anpassungsstrategie kann das Schrumpfen jedoch nicht verhindern oder verlangsamen. Auch eine Fixierung auf städtebau- und wohnungswirtschaftliche Strategien sollte zugunsten einer tatsächlichen integrativen Strategie fallengelassen werden 78.

3.1 Wirtschaftliche Vorteile
Auf wirtschaftlicher Ebene lassen sich sowohl direkt für die Kommune als auch indirekt über die Privatwirtschaft Vorteile einer schrumpfenden Stadt ausmachen. So beweisen Freigang und Kempkes in ihrer Artikel aus dem Jahr 2008 eine positive Veränderung der kommunalen Ausgaben im Zuge des Bevölkerungswandels. Etwa 6% der Ausgaben könnten demnach eingespart werden, 4% davon gehen auf den Altersstrukturwandel zurück, da den Prognosen zufolge die Ausgaben für ältere Menschen nicht so stark steigen werden, wie diejenigen für Kinder und Jugendliche zurückgehen 79. Diese vier Prozentpunkte, die nicht auf der absolute Einwohnerzahl beruhen, werden entsprechend auch nicht durch weniger Zuschüsse (die in der Regel von der Einwohnerzahl abhängig sind) verschlungen und kommen direkt der Stadt zugute. Indirekt kann eine schrumpfende Stadt tatsächlich anziehend für neue Unternehmen sein, die sich Dank des relativ niedrigen Miet- und Grundstückspreisniveaus als harten Standortfaktoren in diesen Regionen ansiedeln können80. Wenn dieser Umstand durch eine Stärkung der weichen Standortfaktoren unterstützt wird (siehe 3.3), könnte eine verstärkte Wirtschaftsaktivität die Folge sein. Für eine mittel- bis langfristigere Stabilität wäre es in dieser Hinsicht wichtig, eine ausgewogene Branchenstruktur zu fördern (was bisher im Osten eher selten der Fall ist), so dass besser auf einzelne Krisensituationen reagiert werden kann81. Durch die zunehmende Alterung steigt auch die Anzahl der Menschen, die von Transfereinkommen
77 78 79 80 81 Vgl. Liebmann 2009: 143 Vgl. ebd. Vgl. Freigang & Kempkes 2008: 252f Vgl. Lang & Tenz 2003: 112, 149 Vgl. Lang & Tenz 2003: 150

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(Renten etc.) leben. Zwar sinkt auf diese Weise die Kaufkraft, da die jeweiligen Gelder aber „von der ökonomischen Entwicklung einer Stadt unabhängig“82 sind, kann dies nachhaltiger förderlich für die Wirtschaft sein als die Löhne, die mit einer schwachen Wirtschaft ebenfalls schwach werden und diese nicht wieder ankurbeln können. Auch die oft zitierten erhöhten Energie- und Versorgungskosten (Trink- und Abwasser, Abfall etc) pro Person relativieren sich, wenn der Leerstand nicht dispers verteilt ist, sondern sich konzentriert 83 - dafür müssen natürlich nicht haltbare Wohngebiete aufgegeben werden und die dort Wohnenden durch Anreize in zentralere Wohngegenden gelockt werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, das Prinzip der perforierten Stadt zu überdenken und zu optimieren.

3.2 Entdeckung des Tourismus als Entwicklungschance
Ein großes Potential der Entwicklung ostdeutscher Städte liegt im Tourismus. Da, anders als in westdeutschen Städten, die historischen Innenstädte nicht flächensaniert wurden, findet sich heute noch ein großer Teil unbeschädigter historischer Gebäude. Wenn die vorhandenen städtebaulichen Mängel der nicht instandgehaltenen Altbauten weiterhin vorangetrieben wird, entstehen nicht nur für die Einwohner, sondern auch aus touristischer Sicht attraktive Altstädte, die bedeutendes kulturhistorisches Potential bieten84. Görlitz bietet in dieser Hinsicht ein interessantes Beispiel. Auch die Industriedenkmäler aus den Aufstiegszeiten des Imperialismus' in ostdeutschen Städten bieten bei entsprechender Vermarktung außergewöhnliche touristische Möglichkeiten 85. Alleinstellungsmerkmale und Vermarktungsstrategien wie z.B. Riesa als „Sportstadt“ bieten ebenfalls bedeutende Entwicklungschancen.

3.3 Anstieg von Lebensqualität und Sozialem
Das Städteschrumpfen kann mithilfe von intensiverer Durchgrünung sowie Um- und Wiedernutzung von Leerständen und Brachflächen durchaus auch als Chance zur Erhöhung der Lebensqualität gesehen werden86 - so können Freiräume für „alternative Wohn- und Arbeitskonzepte“87 und eine Stärkung der Stadt als Lebensort genutzt werden. Da die Ausgaben für Sozialausgaben der Bevölkerungsentwicklung in der Regel deutlich hinterherhinken88, steigen die Pro-Kopf-Ausgaben pro Bewohner: dadurch werden zum Beispiel kleinere Kindergartengruppen und Schulklassen möglich und die soziale Infrastruktur wird qualitativ verbessert89. Zwar wird die Quantität dieser Einrichtungen verringert, bei einer wohnlichen und
82 83 84 85 86 87 88 89 Lang & Tenz 2003: 152 Vgl. Lang & Tenz 2003: 113 Vgl. Lang & Tenz 2003: 153 Vgl. Lang & Tenz 2003: 154 Vgl. Stöhr 2005: 68f / Langner & Endlicher 2007: 17 Glock 2006: 206 Vgl. Freigang & Kempkes 2008: 247ff Natürlich sind nur entweder die Einsparungen im Bildungssektor (3.1) oder die Qualitätsverbesserung (3.3) möglich. Es soll lediglich aufgezeigt werden, dass in jedem Fall ein positives Ergebnis erzielt werden kann. Die Entscheidung für eine der beiden Varianten obliegt den Entscheidungsträgern.

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gewerblichen Konzentrierung auf bestimmte haltbare Stadtteile können die Entfernungsnachteile jedoch verringert werden. Ein weiterer durch die niedrigen Mietpreise bedingter Vorteil liegt in der vereinfachten Möglichkeit zur Eigentumsbildung. Das ist insofern vorteilhaft, da Eigentümer erstens mehr Verantwortung für die von ihnen bewohnte Immobilie übernehmen und sie so besser in Stand halten und zweitens die staatliche Altersvorsorge entlasten. Außerdem bewohnen Eigentümer statistisch gesehen größere Wohnungen als Mieter und die tatsächliche Anzahl und Größe der Haushalte wird vergrößert, wodurch weiterer Leerstand abgebaut und produktiv genutzt wird90. Eine verstärkte Unterstützung von Selbstnutzern könnte entsprechend förderlich sein91. Gleichzeitig wirkt sich der Mietermarkt positiv auf die Position von Wohnungsmietern aus92, was als Gegenposition zu den negativen Auswirkungen für die Vermieter schließlich auch nicht vernachlässigt werden sollte. Die Steigerung der Umweltqualität mag nicht so eindeutig sein, wie sie erscheinen mag, da in wirtschaftlichen Krisenzeiten „bei weitem nicht das Ausmaß an Emissionsminderung zu erreichen“ 93 ist, das in einer prosperierenden Wirtschaft erreichbar ist. Andererseits ist ein Bevölkerungsrückgang schließlich nicht mit einer stagnierenden Wirtschaft gleichzusetzen (siehe 3.1), erst Recht nicht, da an dieser Stelle nur die städtische Problematik behandelt wird: auch eine schrumpfende Stadt kann schließlich von den neuen technischen Entwicklungen beispielsweise in der Automobilindustrie profitieren. Währenddessen ist die Umweltentlastung durch Verkehr, „Energieverbrauch, Müllerzeugung, Wasserverbrauch u.a. relativ offensichtlich“94. Auch die verringerte Nachfrage von Flächen kann umweltfördernd genutzt werden, indem innerstädtische Flächen „der Natur zurückgegeben werden“ 95 und generell die „Qualität natürlicher Ressourcen“ 96 verbessert werden kann. Die qualitative Aufwertung der Stadt unter ökologischen und sozialen Aspekten führt nicht nur zu einer höheren Lebensqualität und entsprechenden Zufriedenheit der Einwohner (was einen verringerten Wegzug bedeuten kann), sondern stärkt auch die weichen Standortfaktoren für Unternehmen 97 (siehe 3.1). Durch die niedrigen Mietpreise können auch weniger ortsgebundene Wirtschaftszweige wie Handwerker und Existenzgründer die Innenstädte neu bevölkern, was wiederum auf die Vielfalt und Attraktivität der Stadt rückwirken kann98.

90 91 92 93 94 95 96 97 98

Vgl. Lang & Tenz 2003: 156 Wie z.B. in Leipzig: http://www.selbstnutzer.de Vgl. Stöhr 2005: 53 Lang & Tenz 2003: 129 Ebd. Ebd.: 157 Langner & Endlicher 2007: 17, eigene Übersetzung Vgl. Lang & Tenz 2003: 129 Vgl. Lang & Tenz 2003: 153

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4. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen: Das Konzept der Lean City
Die in Kapitel 3 genannten Vorteile sind Aspekte, die die negativen Folgen einer Schrumpfung zwar nicht zwingendermaßen vollständig ausgleichen können, die jedoch einen positiven Umgang mit der Schrumpfung ermöglichen und die Chancen und Potentiale der Schrumpfung nutzbar machen 99. Lang und Tenz thematisieren dies als das Ideal der Lean City, in der die Schrumpfungen zwar „nicht gestoppt, aber konsolidiert werden“100, so dass weitere Folgeprobleme in Grenzen gehalten werden. Die Ressourcen, die zuvor auf eine Umkehrung oder Verhinderung der Schrumpfung verwendet wurden, werden auf diese Weise freigesetzt, so dass neue Wege der wirtschaftlichen und städteplanerischen Entwicklung erdacht werden können101. Auf diesem doppelten Weg gehören auch leerstehende Gebäude zum Stadtbild und konzentrierter Abriss wird nicht tabuisiert, während andererseits eine bestandsorientierte Baukultur für eine bessere Nutzung der innenstadtnahen Gebiete sorgt 102. Durch an die unterschiedlichen Bedürfnisse angepasste Wohnumfeld-Veränderung (wie zum Beispiel der hallesche Stadtteil Heide-Süd, siehe 2.2) wird eine Umfeld-Wanderung verringert, verkehrsberuhigte Zonen und Fußgängerbereiche können nicht nur ein familienfreundlicheres Wohnumfeld schaffen, sondern auch lebendige Handels- und Gastronomiebereiche schaffen. Wichtig ist im Konzept der Lean City auch eine Förderung der Innenstadtzentren gegenüber den „nicht 'zukunftsfähig[en]'“103 Gebieten. So konzentriert sich die schrumpfende Stadt auf einen Ort „höherer Dichte und kurzer Wege, […] [und] der höchsten Informationsdiversibilität und -dichte“ 104. Wichtig ist weiterhin die Integration von sozial Benachteiligten und eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Bürger, um eine stärkere Bindung an die jeweilige Wohnumgebung zu erreichen 105. Eine kulturelle Förderung und Herausbildung regionaler „Wahrzeichen“ als identitätsstiftende Elemente sind ebenfalls förderlich. Wie in Kapitel 2 gezeigt wurde, gibt es durchaus bereits in Teilen erfolgreiche Strategien des Umgangs mit der Schrumpfung, die durch die in Kapitel 3 dargelegten Chancen ergänzt werden können. Dabei ist vor allem Kreativität seitens der Städte gefordert, ein stadteigenes Profil herauszuarbeiten und den Stadtumbau, kombiniert mit ökonomischen und demographischen Zuzugsstrategien individuell anzupassen.

99 Vgl. Stöhr 2005: 66 100Lang & Tenz 2003: 139 101Vgl. Lang & Tenz 2003: 138f 102Vgl. ebd. 142 103Lüdke-Daldrup 2001:43, zitiert nach Stöhr 2005: 67 104Stöhr 2005: 66 105Vgl. Lang & Tenz 2003: 145

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4.1 Kritik und Aussicht
Auch wenn das Leitbild der Lean City viel offen lässt und im Allgemeinen durchaus ein sinnvolles Konzept zur Übertragung auf schrumpfende Städte ist, sollen einige wenige Kritikpunkte aufgezeigt werden. Das größte Problem an diesem Modell liegt bei der Autorität der praktischen Umsetzung: welcher Stadtplaner ist schon in einer allmächtigen Position? Kompromisse mit den anderen betroffenen Akteuren werden an der Tagesordnung sein – wie die Evaluierung des Programms Stadtumbau Ost aufzeigt, ist vor allem die Zusammenarbeit mit den privaten Kleineigentümern eine komplizierte Angelegenheit106. Die in dieser Arbeit vorgestellten Vorteile können entsprechend meist nur zufriedenstellend umgesetzt werden, wenn mehrere Akteure zusammenarbeiten – dass dies in der Theorie leichter gesagt, als in der Praxis umgesetzt ist, versteht sich von selbst. Auch die in Fußnote 89 angemerkte Problematik darf nicht vergessen werden: auch wenn die Schrumpfung und Stabilisierung auf niedrigem Niveau mehrere Vorteile haben kann, heißt das natürlich nicht, dass all diese Vorteile gleichzeitig genutzt werden können, da sie sich unter Umständen gegenseitig ausschließen können. Offen für weitere Arbeiten bleibt vor allem die weitere Suche nach weiteren Leitbildern und positiven und negativen Beispielstädten, wobei durchaus auch westdeutsche Städte in die Betrachtung einbezogen werden können.

106 Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 2008.

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Literaturverzeichnis
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