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KULTUR

TR A UM A

Wenn die Medizin kränkt

Alle Ärzte werden von Zeit zu Zeit mit Patienten konfrontiert, die auf- grund traumatischer Erfahrungen zu besonders herausfordernden Pa- tienten werden. Solche Patienten lassen sich mit unserem biomedizi- nischen Weltbild nicht zwanglos er- klären: Sie sind zwar „krank“ – manchmal „ständig krank“, aber oft ohne körperlich auffälligen Befund oder therapeutischen Erfolg. Vor dem Hintergrund eines lange an- haltenden schadenden Umfelds, wie etwa einer alkoholabhängigen Mut- ter, einem sexuell missbrauchenden Vater oder einem gewalttätigen Ehepartner, entwickeln Menschen oft chronische, diffuse Beschwer- den, wie Bauch-, Kopf- oder Mus- kelschmerzen, oder konkrete Patho- logien, wie ungewollte Schwanger- schaft, sexuell übertragbare Krank- heiten, Magersucht, Depressionen, oder Suchtmittelabhängigkeit. Dar- über hinaus sammeln sie zahlreiche Risikofaktoren, beispielsweise Rau- chen oder HPV-Infektionen, für tödliche Krankheiten, wie Herzin- farkt oder Krebs. Als Arzt fühlt man sich ange- sichts solcher Patienten manchmal ratlos, hilflos und mutlos. Der Drang nach irgendeiner Diagnose oder Behandlungsstrategie ist oft stark und kommt sowohl vom Pa- tienten, von dessen Leiden wir uns geradezu heimgesucht fühlen kön- nen, als auch von innen als Folge unserer eigenen Sozialisierung. Je „irrationaler“ der Zusammenhang zwischen Symptomatik und Befun- den ist, desto größer werden die ärztlichen Frustrations- und Ohn- machtsgefühle, desto mehr fühlen wir uns in unserer Souveränität und professionellen Würde gekränkt. Man tut diagnostisch und therapeu- tisch sein Bestes, ohne allerdings auf die eigentliche Ätiologie einzu- gehen, und rennt somit oftmals mit dem Kopf gegen die Wand. Laut Anna Luise Kirkengen geht diese ärztliche Verzweiflungsreak- tion oft gerade auf Kosten des Pa- tienten. Wir riskieren, argumentiert

A 2058

Kosten des Pa- tienten. Wir riskieren, argumentiert A 2058 Anna L u i s e Kirken

Anna Luise Kirkengen:

The Lived Experience of Violation. Zeta books, RO-Bukarest 2010, 340 Seiten, kartoniert, 25 Euro

sie, den Patienten, dessen Gesund- heitsprobleme mit chronischer Ohnmacht zu tun haben, aus unser eigenen Ohnmacht heraus noch ohnmächtiger zu machen, das heißt zu retraumatisieren. Indem wir schmalspurig auf die rein körperli- che oder psychiatrische Symptoma- tik fokussieren und dabei die ei- gentliche Ätiologie, das eigentliche menschliche Erleben ignorieren, riskieren wir, gegen unser oberstes, professionelles Gebot zu verstoßen:

primum non nocere. Kirkengen, ge- bürtige Deutsche und Professorin der Allgemeinmedizin in Oslo, wo sie seit mehr als 30 Jahren prakti- ziert, bekennt, selbst ehemals auf diese Weise klinisch blind und taub gewesen zu sein und lädt zur Refle- xion ein. Unverblümt und wissen- schaftlich rigoros liefert sie eine scharfe Kritik der Blindheit und Brutalität des biomedizinischen Modells im Umgang mit miss- brauchten Menschen. Kirkengens Arbeit basiert auf der Dokumentation und Untersuchung des „Erlebens,“ das phänomeno- logisch gesehen nicht als reine Subjektivität oder Kontaminierung

wissenschaftlicher Daten, sondern als wissenschaftliches Untersu- chungsfeld für sich zu betrachten ist. Der Mensch wird nicht als Ob- jekt in leicht messbare Aspekte zer- stückelt, sondern eher im Kant’schen Sinne in seiner unver- äußerlichen Würde respektiert. Die Phänomenologie sucht „gelebte Be- deutung“. Im ersten Teil „Individuelle Er- fahrungen“ bietet Kirkengen Ka- suistiken aus ihrer langjährigen Pra- xis. Im zweiten Teil, „Social Frame- works“, wird Gewalt als gesell- schaftliches Phänomen und die Ver- bindung zwischen schadendem Umfeld und körperlicher Sympto- matik anhand von Beispielen näher analysiert; so geht es etwa um die die multiple gastroenterologische Symptomatik einer Frau, die als

Mädchen wiederholte orale Pene- trationen erleiden musste. Im drit- ten Teil bespricht Kirkengen histo- rische und kulturelle Vorurteile, die in unserer biomedizinischen Me- thodik mit entwürdigendem Effekt institutionalisiert sind. Als Beispiel nennt sie psychiatrische oder chir- urgische Eingriffe, die ohne jegli- che Verbesserung der Symptomatik im Sinne einer Selbstrechtfertigung technokratisch als „gelungen“ do- kumentiert werden. Die Übersetzung dieses perspek- tivenerweiternden Textes aus dem Norwegischen ins Englische wirkt nicht immer ganz gelungen. Manchmal ist der Ton auch so kom- promisslos, fast wütend, dass man meint, die Gewalt habe sich bis in die wissenschaftliche Debatte selbst hineingeschlichen. Bei aller gerechtfertigten Kritik fehlt gele- gentlich der humane Blick für den Arzt als ebenfalls im Kontext ge- fangenen Menschen, um dessen Würde und Ohnmacht es auch geht. Aber die Kernbotschaften bleiben unverkennbar und wichtig: Miss- brauch und Gewalt machen krank und gehen deswegen auch die Me- dizin an. Der „Gekränkte“, „kren- kede“ im norwegischen Original, wird krank. Und als Ärzte dürfen wir ihn durch das Abwerten seines subjektiven Erlebens nicht weiter

kränken.

Sandy Goldbeck-Wood

Deutsches Ärzteblatt | Jg. 107 | Heft 42 | 22. Oktober 2010