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Connected Energy Innovationstreiber ICT - eine Branche vor dem Umbruch Erschienen in "ICT 2032", DMR

Connected Energy

Innovationstreiber ICT - eine Branche vor dem Umbruch

Erschienen in "ICT 2032", DMR 01/2011

Online: http://www.detecon-dmr.com/de/article/connected-energy_2011_03_2

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Dr. Britta Cornelius Falk Wöhler-Moorhoff

Die Neuausrichtung auf regenerative Energien und die steigende Abhängigkeit der Energiewirtschaft von informations- und kommunikationstechnologischen Lösungen stellen Energieversorger und ICT Unternehmen gleichermaßen vor akuten Handlungsbedarf.

So wie Larry Hagman alias J.R. Ewing vom prominenten Fiesling der Fernsehserie ‚Dallas’ und Gesicht der amerikanischen Ölindustrie zum Besitzer der angeblich größten privaten Solaranlage der USA geworden ist, werden immer mehr Menschen auf der ganzen Welt zu Erzeugern von regenerativer Energie. Statt also Öldollar auf die Bank zu bringen, könnte Hagman vielleicht in Zukunft den über den eigenen Bedarf hinaus erzeugten Strom auf sein Energiekonto legen. Seine Energiebank würde ähnlich dem Prinzip einer herkömmlichen Bank kleine Energiemengen von privaten Erzeugern einsammeln und zum Beispiel den Verkauf an einer Strombörse übernehmen oder Transaktionsgeschäfte mit Finanzderivaten betreiben. Hagman könnte dann an den Gewinnen der Bank beteiligt werden, was in etwa der Zinszahlung bei klassischen Geschäftsbanken entspricht.

Das Konto fungiert gleichzeitig als Verwahrungsort für den bedarfsweisen Abruf, ähnlich einem klassischen Girokonto. Hagman könnte beispielsweise sein Elektroauto betanken, wenn die Sonne bei ihm nicht scheint. Das Auto wiederum bezieht er von einem Energieunternehmen auf Basis eines zeitlich befristeten Vertrages und einer monatlichen Mobilitätsrate, die pauschal alle Leistungen wie Stromverbrauch, Instandhaltung und Versicherung beinhaltet. Die Parallele zu Tarifmodellen aus der Telco-Branche drängt sich hier auf. Und das ist nicht das einzige Szenario aus dieser Welt, das in die

Energiewirtschaft Einzug halten könnte. Denn Informations- und Telekommunikationstechnologien (ICT) sind ein Schlüssel zur Beantwortung einer der dringlichsten und am meisten diskutierten Fragen unserer Zeit: Wie versorgen wir uns in der Zukunft mit Energie?

Branchentransformation in der Energiewirtschaft ist unumkehrbar

Der aktuelle World Energy Outlook der International Energy Agency macht die gewaltige Herausforderung der zukünftigen Energieversorgung deutlich:

Geht man von plausiblen Annahmen über die wirtschaftliche Entwicklung aus, so wird der Primärenergieverbrauch weltweit bis zum Jahr 2030 um 45 Prozent zunehmen. In Asien und dem Mittleren Osten wird sogar eine Verdopplung des Primärenergieverbrauchs erwartet (IEA 2008).

Mit stetiger Verknappung der fossilen Brennstoffe, die heute noch über 80 Prozent des Energiebedarfs decken, steigen die Kosten für deren Erschließung, Transport und Umwandlung der Reserven – und damit auch die Endenergiepreise.

Zusätzlich wird es immer wahrscheinlicher, dass der größte Teil des beobachteten Temperaturanstiegs auf der Erde durch die erhöhte Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre zurückzuführen ist. Maßgeblich dafür verantwortlich ist die Verwendung von fossilen Brennstoffen. Behalten sie ihre dominante Stellung in unserem Energiemix, gelten eine Temperaturerhöhung von 2-4°C und eine Erhöhung des Meeresspiegels um 20-60 cm bis zum Jahr 2100 als wahrscheinlich (IPCC 2007). Damit drohen dramatische Folgen, die von der Verschlechterung der Luft- und Wasserqualität, zerstörten Ernten, Insektenplagen und Zunahme von Infektionskrankheiten über das Aussterben unzähliger Tierarten bis hin zu sozialen Unruhen im Kampf um knappe Ressourcen reichen.

Als eine Alternative zu fossilen Brennstoffen wird oft die Nutzung von Nuklearenergie gesehen. Doch wären die in den nächsten Jahrzehnten entstehenden Kosten der nuklearen Energieerzeugung, zum Beispiel für die Aufbereitung, Lagerung oder eventuell Wiederverwertung von Atommüll oder den Rückbau von Atomkraftwerken, im heutigen Energiepreis enthalten, wäre diese Energiequelle wahrscheinlich nicht konkurrenzfähig.

Insgesamt sind damit über 85 Prozent der im Moment genutzten Energiequellen als problematisch einzuschätzen. Künftig werden deshalb erneuerbare Energien, beispielsweise aus Wind-, Solar- oder Wasserkraft, den Hauptanteil im Energiemix übernehmen müssen. Struktur und Mechanismen unserer Energieversorgung werden sich dadurch drastisch verändern: Sie wird volatiler und dezentraler. Zum einen ist nicht sicher prognostizierbar, wann der Wind weht oder die Sonne scheint. Zum anderen

sind Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Vergleich zu den heute zentral betriebenen Großkraftwerken entweder kleiner und örtlich verteilt oder weit von den Verbrauchszentren entfernt, wie etwa Offshore-Windenergieanlagen oder auch solarthermische Kraftwerke in sonnenreichen Gegenden. Außerdem steht die Energie weniger gleichmäßig zur Verfügung. Dies führt zu einer wesentlich höheren Komplexität im Bereich der Lastregelung und Aufrechterhaltung der Netzstabilität.

Nötig wird ein Stromnetz, das flächendeckend mit Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet ist, um damit Angebot und Nachfrage von Energie wirtschaftlich, zuverlässig und nach ökologischen Gesichtspunkten steuern zu können. Die Digitalisierung von Informationen und damit das Internet als Übertragungsprotokoll zur Verbreitung und Verarbeitung dieser Informationen werden mittelfristig zu einem wesentlichen Teil der Wertschöpfung von Energieunternehmen. In zehn Jahren wird dieser Prozess der digitalen Vernetzung der Energieversorgung in den meisten Industrienationen weit fortgeschritten sein – „Connected Energy“ ist dann Realität.

Innovationsdilemma der Energiewirtschaft und Wachstumsoption für die ICT Branche

Damit steht die Energiewirtschaft vor einem Innovationsschub. Innovation bedeutet Veränderung: Sie bietet Raum für Neugeschäft, kann aber auch eine Bedrohung darstellen. Insbesondere disruptive Innovationen, und dazu zählen Digitalisierung und Internet, können weitreichende Folgen haben. Denn sie führen nicht zu einer inkrementellen Verbesserung und damit berechenbarem Status Quo, sondern substituieren es typischer Weise durch Neues.

Die Digitalisierung der Energiebranche ist deshalb als disruptiv anzusehen, weil sie zu einer Erodierung beziehungsweise Verlagerung bestehender Wertschöpfungsstrukturen führt: Weg von der linearen und zentral orientierten Transportleistung hin zur flexiblen, dezentralen organisierten Steuerung von Energieangebot und -nachfrage. Das Tückische dabei: Solche Innovationen kündigen sich lange an, entfalten ihre Wirkung aber oft schlagartig und unvorhergesehen. Aus Sicht etablierter Energieunternehmen kann das einem Schwelbrand ähneln: Über lange Zeit ist nur leichter Rauch erkennbar, aber wenn das Feuer sichtbar hervortritt, ist es zu spät und der Brand ist nicht mehr zu löschen. Mit anderen Worten: Kommt die Branchentransformation etwa durch einen externen Impuls plötzlich in Fahrt (zum Beispiel Änderung der Gesetzeslage), bleibt nicht mehr ausreichend Zeit, um sich an die neuen Marktbedingungen anzupassen.

Die Liste der Firmen, die Opfer einer falschen Einschätzung von Innovationen geworden sind, ist lang. Darunter befinden sich prominente

Beispiele wie die tradierte Enzyklopädie Britannica, die nach über 200 Jahren erfolgreicher Firmengeschichte die Auswirkungen der Digitalisierung unterschätzt hat und nur im letzten Moment durch einen privaten Investor gerettet wurde. Heute hat Britannica viele Prinzipien der Internet-Enzyklopädie Wikipedia übernommen, womit aus dem Marktführer ein Marktfolger geworden ist.

Natürlich möchten Energieunternehmen einem solchen Schicksal entgehen. Hinweise darauf, welche Herausforderungen auf die Energiebranche zukommen, liefert die ICT Industrie selbst. Denn sie durchläuft bereits seit mehreren Jahren einen Transformationsprozess wie er vom Grundprinzip auch in der Energiebranche erwartet werden kann. Ausgangspunkt hierbei sind die vielen Gemeinsamkeiten der ICT- und der Energiebranche, die einen Branchenvergleich rechtfertigen:

• Traditionell herrschen in beiden Branchen investitionsintensive

Infrastrukturunternehmen mit regionaler beziehungsweise nationaler Prägung vor.

• Die Liberalisierung des Marktes führt zu steigender Wettbewerbsintensität; aus Anbieter-dominierten Märkten werden Käufermärkte.

• Das Prinzip der Virtualisierung setzt sich durch, das heißt die Abstraktion von Netz und Dienst als Folge von Digitalisierung, Deregulierung und Standardisierung (Internet als offener Industriestandard).

• Dezentralisierung beziehungsweise ‚Demokratisierung’ kennzeichnen die

Märkte; der Prosumer entsteht, das heißt Konsumenten werden gleichzeitig zu Produzenten von Energie (zum Beispiel eigene Solarzellen) oder von Medieninhalten (zum Beispiel Videos auf Youtube).

Es waren im Wesentlichen diese Faktoren, die das Gesicht der ICT Branche grundlegend verändert haben und noch weiter verändern werden. Telko-Unternehmen werden aus ihrem ureigenstem Kerngeschäft, der Kommunikation, mehr und mehr von Internetfirmen verdrängt. Die Kommunikation verlagert sich immer mehr auf Internet-basierte soziale Netzwerke. An diesem Geschäft sind die Telekommunikationsunternehmen nur noch indirekt beteiligt, indem sie die Internetanschlüsse verkaufen.

Auf der anderen Seite hat das Internet der ICT Branche zu neuen Marktchancen verholfen, wie das Beispiel Unterhaltungsmedien zeigt: Alle führenden Telko-Unternehmen nutzen heute die internetbasierte Netz- und Übertragungstechnologie, um als TV-Plattformanbieter zu agieren. Damit konkurrieren sie mit Kabelnetz- und Satellitenbetreibern, also den bisherigen Größen der Medienindustrie.

Diese Beispiele machen drei wesentliche Punkte deutlich:

(1) Die klassischen Branchengrenzen verschwimmen. Dadurch werden Wettbewerbspositionen undeutlicher. Sogenannte Co-opetition-Modelle bilden sich heraus, bei denen zwei Marktteilnehmer in bestimmten Bereichen konkurrieren, während sie in anderen partnerschaftlich zusammenarbeiten. Im Fall der ICT- und Energiebranche haben Vertreter beider Gruppen die Möglichkeit, in Geschäftsbereiche des jeweils anderen einzudringen. Bereits heute bieten Energieunternehmen Smart Home-Lösungen an, die im originären Marktumfeld der Telekommunikationsunternehmen liegen. Umgekehrt lancieren Telekommunikationsunternehmen eigene Smart Metering-Angebote, die je nach Leistungsumfang in die Wertschöpfung der Energiebranche hineinreichen können.

(2) Die Markteintrittsbarrieren sinken. Branchenfremde Wettbewerber erhalten plötzlich einen Marktzugang und greifen mit Alternativangeboten, die relativ zur Leistung kostengünstiger sind, das Geschäft der etablierten Firmen an. Internetfirmen könnten beispielsweise versuchen, ihre erfolgreichen Geschäftsmodelle auf die Energiebranche zu übertragen. Google ist mit dem ‚Power Meter’, einer Art Portallösung für Energieverbrauchsdaten, bereits am Markt aktiv. Das ist zurzeit noch harmlos. Doch sollte Google eines Tages auf die Idee kommen, durch Werbung quersubventionierte Energieprodukte über den Vertriebsweg Internet selbst zu vermarkten, entsteht eine direkte Konkurrenz zu den etablierten Energieversorgern. Ein solches Szenario scheint heute vielleicht unwahrscheinlich. Aber Google würde nicht zum ersten Mal die Strategien führender Unternehmen auf spektakuläre Weise demontieren. So musste beispielsweise Nokia eine milliardenschwere Investition in digitales Kartenmaterial abschreiben, als Google einen eigenen Geodatendienst kostenlos, weil werbefinanziert, zur Verfügung stellte. Nokia’s klassisches Bezahlgeschäftsmodell wurde damit nur Monate nach der Investition schlagartig ausgehebelt.

(3) In der künftigen Connected Energy-Wertschöpfungskette wird sich die Aggregationsfunktion als feste Größe etablieren. Was das bedeutet, zeigt wiederum ein Vergleich mit der ICT Branche. Der phänomenale Erfolg selbstproduzierter Videos wäre nicht ohne internetbasierte Aggregationsplattformen wie Youtube möglich gewesen. Auch Facebook übernimmt dem Prinzip nach eine Aggregationsfunktion – nur dass sie nicht Medieninhalte, sondern Einzelbeiträge der sozialen Interaktion an zentraler Stelle bündelt. Übertragen auf die Energiewirtschaft sind Gegenstand der Aggregation kleinteilige Energiemengen, die nur dann einem weiteren Verwendungszweck sinnvoll zugeführt werden können, wenn sie ein bestimmtes Volumen erreichen. Im Zuge der Dezentralisierung der Energiewirtschaft wird es an verschiedenen Stellen zu diesen verteilten Energiemengen kommen: Bei der Eigenenergieerzeugung privater Haushalte

oder im Rahmen der aufkommenden Elektromobilität, wenn zukünftig mittels ICT die Energie in Autobatterien zu einem großen Stromspeicher virtuell verknüpft werden; die eingangs erwähnte Energiebank verfolgt natürlich ebenfalls das Prinzip der Aggregation, indem sie die Energieguthaben privater ‚Anleger’ akkumuliert.

Angesichts der beschriebenen Szenarien stehen Unternehmen beider Branchen vor wichtigen strategischen Fragestellungen. Für die Energiebranche ist die Vorstellung über Ausmaß und Reichweite der Wirkung von Digitalisierung und Internet oft noch schwer greifbar. Dabei verleitet der bislang eher mäßige Erfolg von Konzepten wie Smart Metering zu der Annahme, dass man die Marktentwicklung zwar im Auge behalten muss, unmittelbarer Handlungsbedarf jedoch nicht besteht. Zusätzlich sind insbesondere bei den kleineren Energieversorgern die Ressourcen für eine intensivere Beschäftigung mit der innovativen Thematik oft nicht ausreichend vorhanden. Es besteht also die Gefahr, dass strategische Weichenstellungen nicht früh genug erfolgen. Insofern ist es zunächst wichtig, die Veränderungsdynamik und die damit einhergehende Marktreife besser zu verstehen.

Für ICT Unternehmen geht es weniger um existentielle Herausforderungen. Im Vordergrund steht die Frage, inwieweit die Konvergenz von ICT- und Energiebranche neue Wachstumschancen bietet. Beispielsweise ist heute noch gänzlich unklar, wer sich in den neu entstehenden Märkten der oben beschriebenen Aggregationsfunktion durchsetzen wird. Für Telko-Unternehmen wäre diese Rolle naheliegend, da sie beispielsweise als IPTV-Anbieter schon als Aggregator fungieren. Auch Internetfirmen werden sich berufen fühlen. Amazon hat zum Beispiel neben seinem Online Shopping Portal ein lukratives Zweitgeschäft im Bereich des Cloud Computing aufgebaut, indem sie die Nachfrage nach Rechenleistung bündeln und die eigene unausgelastete Rechenzentrumsleistung über das Internet zur Verfügung stellen. Das dabei erworbene Know-how ähnelt den Kompetenzen, die für das Geschäftsmodell einer Energiebank erforderlich wären.

Einschätzung der Marktdynamik wird zum Erfolgsfaktor

Die Notwendigkeit zur Neuausrichtung auf regenerative Energien und die steigende Abhängigkeit der Energiewirtschaft von ICT Lösungen sind ein Faktum. Für Energieversorgungs- und ICT Unternehmen gleichermaßen stellt sich daher nicht die Frage, ob Handlungsbedarf besteht, sondern wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist. Aufgrund der regional zum Teil sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen lässt sich eine solche Einschätzung allerdings nicht pauschalisieren. Eine Betrachtung der relevanten Einflussgrößen hilft aber bei der Beurteilung.

Zu den regional abhängigen Parametern zählen vor allem der regulatorische Rahmen, die Gesetzeslage und damit zusammenhängend die vorherrschende Marktstruktur. In nicht liberalisierten Märkten kann die Marktentwicklung unter Umständen beschleunigt werden, da Maßnahmen ‚von oben’ angeordnet werden können. Die flächendeckende Einführung von Smart Metering in Italien ist ein solches Beispiel. Andererseits beflügeln die Marktkräfte Innovationen überall dort, wo Wettbewerb herrscht. Nur die auf Dauer kommerziell tragfähigen Lösungen setzen sich durch. Smart Metering beispielsweise hat sich bislang schwer getan, diesen Nachweis zu liefern. Hauptgrund sind die vergleichsweise geringen Kosteneinsparungen, die ungenügend Anreiz für die Mehrinvestition in digitale Zähler bieten. Der Business Case wird sich jedoch dann positiv verändern, wenn die Energiekosten steigen, und dadurch das Einsparpotenzial stärker ins Gewicht fällt. Dieser Trend ist in vielen Ländern deutlich erkennbar, denn auch indirekte Energiekosten, die zum Beispiel durch die Umlage von Kosten einer energieeffiziente Gebäudesanierung oder der Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien entstehen, rücken immer stärker ins Blickfeld.

Weiterhin erkennen immer mehr Länder, dass Energiesparen nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes notwendig ist, sondern auch wirtschaftliches Potenzial birgt. Zum Beispiel hat Russland gesetzlich festgeschrieben, den Energieverbrauch bis 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 2007 zu senken. Denn trotz der reichlich verfügbaren Rohstoffe im eigenen Land steht eingesparte Energie als kommerziell vermarktbares Exportgut zur Verfügung.

So ist davon auszugehen, dass der politische Wille zur Erhöhung der Energieeffizienz zu gesetzlichen Anordnungen und zu mehr Marktanreizen zwecks Schaffung kommerziell tragfähiger Lösungen führt. Bei Letzterem kommt es vor allem auf die Wirksamkeit dieser Regelungen an, die zum Beispiel in Deutschland noch verbesserungswürdig sind, um Voraussetzungen für eine beschleunigte Marktentwicklung im Sinne der ambitionierten Klimaschutzziele zu schaffen.

Neben den aufgezeigten inkrementellen Entwicklungen kann es auch zu kaum vorhersehbaren Einzelereignissen kommen, die zur Beschleunigung der Marktentwicklung führen. Als Beispiel aus der ICT Branche sei das iPhone genannt, welches den Markt für Mobiltelefone und insbesondere für das mobile Internet revolutioniert hat. Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Medien sind dreidimensionale Bewegtbildformate. Obwohl als Technologie seit Jahren bekannt, hatte 3D erst durch den Kinohit ‚Avatar’ seinen Durchbruch. Auch Voice-over-IP (Internettelefonie) war als Technologie Jahre zuvor bekannt, bevor es eine nennenswerte Verbreitung im Markt erfuhr.

Diese Beispiele zeigen, dass die Adaption einer Innovation nicht nur vom jeweiligen Kundennutzen abhängt, sondern auch von den Kontextfaktoren. Internettelefonie setzt beispielsweise voraus, dass eine ausreichende Anzahl von Anwendern über einen Internetanschluss verfügt, was wiederum von den Kosten für Internetanschlüsse abhängt. Wenn dann eine kritische Masse erreicht ist, kann ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang kommen, der die Geschwindigkeit der Marktentwicklung exponentiell erhöht. Derartige Verläufe sind auch in der Energiebranche in der Zukunft wahrscheinlich, berücksichtigt man die Parallelen der beiden Industrien.

Maßgebliche Einflussfaktoren sind außerdem das Kundenverhalten und die Technologieentwicklung. Sie wirken prinzipiell additiv zu den übrigen Faktoren. Entscheidend ist an dieser Stelle: Die eigentliche Innovation, Digitalisierung gepaart mit dem Internetprotokoll, ist bereits da. Wie schnell sie sich durchsetzt, hängt von vielen Faktoren ab. Bei günstigen Bedingungen kann es sehr schnell gehen.

Nichtstun ist keine Option

Vorbereitung ist also das Gebot der Stunde. Nichts zu tun, wäre fahrlässig, besonders aus Sicht der Energieunternehmen, bei denen es langfristig um nicht weniger als die Sicherung des Kerngeschäfts geht. Andererseits sollte blinder Aktionismus vermieden werden, der zu kostspieligen Fehlinvestitionen führen kann. Ratsam ist stattdessen eine ausreichend tiefe Analyse des Marktes, die eine Prognose wahrscheinlicher Marktszenarien und deren Auswirkungen auf das Unternehmen zulässt. Zur laufenden Beobachtung der Marktentwicklung können erprobte Verfahren wie Innovationsradare eingesetzt werden, die neue Markt-, Produkt- oder Technologieentwicklungen systematisch zeitlich erfassen und nach definierten Kriterien strukturieren. Auf die antizipierte Marktentwicklung kann sich das Unternehmen dann durch geeignete Maßnahmen vorbereiten. Zum Beispiel können eigenständige Geschäftseinheiten gegründet werden, die weitgehend losgelöst von den bestehenden Unternehmensprozessen flexibel agieren können, um innovative Geschäftsansätze ohne Beeinträchtigung des Stammgeschäfts weiterzuentwickeln. Da das Neugeschäft typisches ICT Know-how wie Software-Entwicklung oder Datenverarbeitung erfordert, was außerhalb der Kernkompetenzen der Energieunternehmen liegt, wird das Partnering künftig einen größeren Stellenwert einnehmen. Dabei sollte es in der Zusammenarbeit auch mit branchenfremden Unternehmen keine Berührungsängste geben.

Insbesondere Energieunternehmen sollten Vorbereitungen für den Umgang mit Nutzer- und Nutzungsinformationen treffen. Das betrifft die technischen und organisatorischen Anforderungen, die aus der Verarbeitung der stetig wachsenden Datenmengen resultieren. Das betrifft aber vor allem auch die

kommerzielle Verwertung des neuen Rohstoffs ‚Information’. Die Aufmerksamkeit sollte sich zum einen auf die Evaluierung neuer Geschäftsmodelle richten. Dabei sollten vor allem werbefinanzierte Ansätze geprüft werden. Denn neben der Werbung hatte bislang kaum eine andere Form der Monetarisierung im Internet nachhaltig Erfolg. Zum anderen lassen Nutzungsdaten interessante Rückschlüsse auf das Kundenverhalten zu. Energieunternehmen wissen heute in der Regel kaum etwas über ihre Kunden. Doch dieses Wissen ist Gold wert. Wenn es systematisch generiert und genutzt wird, können differenzierte Kundensegmente bedarfsorientiert angesprochen werden. In diesem Zusammenhang sind aktives Customer Relationship Management (CRM), Innovations- und Produktmanagement sowie Marktsegmentierung Themen, mit denen sich Energieunternehmen in der Zukunft intensiv auseinandersetzen müssen.

ICT Unternehmen haben den Vorteil, dass sie bereits auf Erfahrungen mit der Digitalisierung und der damit verbundenen Branchentransformation zurückgreifen können. Diesen Vorteil gilt es zu erkennen und konsequent zu nutzen. Ihr Geschäftserfolg wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit es ihnen gelingt, den ICT Energiekonvergenzmarkt als Partner der Energiewirtschaft zu bedienen, beispielsweise in der Rolle des Enablers mit Angeboten in den Bereichen Datenmanagement und -kommunikation, möglicherweise auch Abrechnung und Inkasso. Kooperationsmodelle sind im Bereich Smart Home denkbar: Telekommunikationsunternehmen könnten beispielsweise neben den eigenen Endkundenangeboten auch Energieunternehmen gegen Entgelt eine Plattform für deren Angebote zur Verfügung stellen. Inwieweit es für Telekommunikationsunternehmen sinnvoll ist, tiefer in die originäre Wertschöpfung des Energiesektors zu integrieren, muss vor dem Hintergrund der eigenen Unternehmensstrategie und einer dynamischen Prognose über die Anzahl der Larry Hagmans dieser Welt beurteilt werden.

Erschienen in "ICT 2032", DMR 01/2011 10

Dr. Britta Cornelius Dr. Britta Cornelius ist Consultant im Bereich Strategy & Marketing. Ihre Beratungsschwerpunkte umfassen die Bereiche Business Innovation, Marketingstrategie und quantitative Marktforschung. Vor ihrer Tätigkeit bei der Detecon studierte sie Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt im Bereich Marketing zu den Themen Wettbewerbspositionierung und kundenorientierte Neuproduktentwicklung.

Falk Wöhler-Moorhoff Falk Wöhler-Moorhoff ist als Managing Consultant im Bereich Strategy & Marketing mit den Schwerpunkten Geschäftsinnovation und Industriekonvergenz tätig. Bevor er 2001 zu Detecon kam, arbeitete er drei Jahre für ein deutsches Unternehmen in Singapur und zwei Jahre für ein Internet Start-Up. Herr Wöhler-Moorhoff hält einen MBA.