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Vorgelegt an der Ruhr-Universität Bochum Sektion für Sozialpsychologie und -anthropologie

Uwe Schimank: Zwei soziologische Erklärungsprobleme. Ein Kommentar.

Sozialtheorie I: Akteurzentrierte Sozialtheorie Herr Klaus Krone, M.A.

eingereicht von:

Anna-Maria Müller Matrikelnr.: 108003202603 4. Fachsemester Sozialpsychologie/ -anthropologie B. A.

Hattinger Str. 186 44795 Bochum email@annamariamueller.de

11. September 2005

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

3

2 Vom Gegenstand zu den Problemen der Soziologie

 

4

2.1 Was ist Soziologie?

 

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2.2 Soziale Strukturen und soziales Handeln

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2.3 Sozialität – zwei Konzepte

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2.3.1

Anthony Giddens: Die Theorie der Strukturierung

 

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2.3.2

Hartmut Esser: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner

 

Teile

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2.3.3

Uwe Schimank: Versuch einer Verbindung von systemtheo- retischen und akteurstheoretischen Ansätzen

10

2.3.4

Problem einer einseitigen Fragestellung

 

11

3 Fazit

12

4 Literatur

13

1 Vorwort

Uwe Schimank (*1955), seit 1996 Professor für Soziologie an der FernUniversität

Hagen, legt mit seinem Buch über soziale Handeln und soziale Strukturen eine Ein-

führung in die Akteurstheorie (Schimank (2000a)) vor, in der nicht nur die vier

soziologischen Akteursmodelle vorgestellt werden. Nach der Präsentation dieser so-

ziologischen Grundmodelle versucht Schimank diese am Ende des ersten Teils seines

Buches zusammenzuführen.

Der in dieser Arbeit betrachtete Textauszug, der Einleitung des Werkes

(Schimank (2000b)), geht es um die grundlegende Enthüllung der soziologischen

Dualismus-Thematik. Über eine prinzipielle Gegenstandsbestimmung der Soziolo-

gie – als „allgemeinste der Sozialwissenschaften“(Schimank (2000b), S. 9) – ge-

langt Schimank zur Wechselseitigen Beeinflussung sozialen Handelns durch soziale

Strukturen und umgekehrt. Am variantenreich aufbereiteten Beispiel Sport etabliert

der Autor die überindividuell-soziologische Perspektive, die immer wieder durch das

Sport-Beispiel verdeutlicht wird, ohne dabei individuelle Motivationen, persönliche

Handlungsantriebe oder Intentionen zu negieren. Ganz im Stil einer Einführung

versteht es Schimank also, soziale Wirklichkeit aus soziologischer Perspektive zu

erklären, ohne die lebensweltliche Wirklichkeit des Studenten, Dozenten oder inter-

essierten Laien aus dem Blick zu verlieren, wie die zahlreich eingebundenen Bei-

spiele aus dem Alltagsleben zeigen. Trotzdem verzichtet der Autor weder auf die

Gegenüberstellung verschiedener theoretischer Ansätze noch auf das Aufzeigen von

problematischen Sachverhalten innerhalb der Theoriebildung.

So gelingt Schimank die verständliche Präsentation von soziologischem Hand-

werkszeug mit lebensweltlichem Alltagsbezug und gleichzeitig eine Diskussion um

aktuelle Fragestellungen in der Soziologie.

In dieser Arbeit soll die Argumentation des Autors nachgezeichnet und kom-

mentiert werden. Außerdem soll anhand zusätzlicher Beispiele die Übertragbarkeit

der vorgestellten soziologischen Methoden auf sozialpsychologische Themenkomple-

xe gezeigt werden.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

2 Vom Gegenstand zu den Problemen der Soziologie

Grundlage des Hauptteils ist Schimanks Einleitung, die über das Beispiel Sport

vom allgemeinen Thema der Soziologie hin zu den verschiedenen möglichen Per-

spektiven, soziales Handeln und soziale Strukturen zu erklären versucht. Nachdem

der Autor zwei Theorien, von Anthony Giddens (*1938) und Hartmut Esser

(*1943), dazu vorgestellt hat, deutet er am Ende der Einleitung die Probleme, die

sich durch eine einseitige Theoriearbeit in diesem Themenkomplex ergeben, an.

2.1 Was ist Soziologie?

An den Anfang der Betrachtungen möchte ich Max Webers (*1864 1920) Defini-

tion der Soziologie stellen. Max Weber gilt als Begründer der deutschen Soziologie

und seine weit verbreiteten und noch immer zitierten Worte zum Wesen der Sozio-

logie verweisen auf das Themenfeld, welches auch Uwe Schimank charakterisiert.

] soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln

deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen

ursächlich erklären will. „Handeln“ soll dabei ein menschliches Verhal-

ten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden)

heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen

subjektiven Sinn verbinden. „Soziales“ Handeln aber soll ein solches Han-

deln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten

Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem

Ablauf orientiert ist.“ 1

„Soziologie

Es geht der Soziologie also um

1. soziales Handeln und

2. seine Wirkungen.

Die Soziologie soll dieses soziale Handeln in ihren Kausalzusammenhängen erklären.

Soziales Handeln knüpft dabei an das Handeln anderer an und ist von daher auch

in seinem Verlauf bestimmt. Nicht weniger präzise, aber allgemeiner formuliert es

Schimank:

„Zum Gegenstandbereich der Soziologie gehört

tät

]

1 Weber (1922), S. §1.

] alles, was Soziali-

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

Sozialität als Gegenstandsbereich der Soziologie besteht also aus dem

Zusammenhang von Handlungen, Handlungswirkungen und Handlungs-

bedingungen, wobei die Wirkungen zugleich der wichtigste Teil der Be-

] Gegenstand der Soziologie [ist] die fortlaufende

wechselseitige Konstitution von sozialem Handeln und sozialen Struk-

turen

dingungen sind.

]

.“ 2

Schimank betont hier nicht nur, wie Weber, die Aufeinanderbezogenheit von so-

zialem Handeln, sondern auch die Interdependenz zwischen Handlung, Wirkung und

dem konditionalen Rahmen der Handlung, wobei eine gewisse Dialektik zwischen den

Vorraussetzungen einer Handlung und ihren Folgen besteht.

2.2 Soziale Strukturen und soziales Handeln

Was im letzten Abschnitt über die Definition des Gegenstandbereiches der Soziologie

herausgestellt wurde, soll nun konkreter erarbeitet werden.

Unser soziales Gefüge (in der modernen Gesellschaft) schafft Handlungssitua-

tionen und -gelegenheiten, Motive und Handlungsmodi, oder anders gesagt: soziale

Strukturen geben diese Determinanten des Handelns vor. (Schimank (2000b), Vgl.

11) Dies sind sicher keine ganz neuen Vorstellungen. Schon Arnold Gehlen (*1904

1976) beschrieb u. a. in seinem Werk „Der Mensch“ (Gehlen (1971)) die gesell-

schaftsstabilisierende Wirkung von Institutionen, indem diese Handlungsoptionen

bereit halten und motivationale Spielräume für den Menschen schaffen und ihn so vor

immer wieder neuem Zwang zur Entscheidungsfindung entlasten (Gehlen (1963)).

Dies ein Beitrag der interdisziplinär humanwissenschaftlich arbeitenden Philosophi-

schen Anthropologie. Schimank verfolgt das Thema aus soziologischer Perspektive

weiter und weist auf die spezifischen Ausdrucksformen hin, die ebenfalls durch so-

ziale Strukturen orientiert seien (Schimank (2000b), Vgl. 11). Hier kann man z.

B. an die soziale Geformtheit von Kognitionen denken. Je nach dem, an welchem

sozialen Teilsystem wir partizipieren (wollen), halten wir uns an bestimmte kogniti-

ve Regeln. Das funktionale Teilsystem der Gesellschaft in dem gehandelt wird, gibt

diese kognitiven Schemata vor. Es findet also eine Normierung unserer Kognitionen

statt.

Kontrastierend kann man die Bereiche Verwaltungssystem und Kunst gegenüber-

stellen. Im bürokratischen Verwaltungssystem wird aufgrund einer Aktenlage, also

aufgrund von Fakten, in hohem Maße einzelfallenthoben entschieden und beurteilt.

Liegen bei Individuum XY diese und jene, bspw. rechtlich fixierten und positivistisch

2 Schimank (2000b), S. 9, Hervorh. i. O

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

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formulierten Merkmale nicht vor, hat er oder sie keinen Anspruch auf eine beantragte

Sache. Die Einzelfallprüfung ist auf der Grundlage der erhobenen und für die Sache

als relevant eingestuften Daten abgewickelt worden. Im künstlerischen Bereich hin-

gegen werden Bewertungen nur peripher – über den Preis eines Kunstwerkes bspw.

– aufgrund von allgemeinen Daten (hier der Wert des Objektes) beigemessen. Geht

es um eine Beurteilung innerhalb der Kodierung des Kunstsystems sind viele andere

Dinge ausschlaggebend. Das Umfeld des Künstlers, seine individuelle Entwicklung,

der Neuigkeitswert seiner Idee u. v. m. wird in Rechnung gestellt. Die Möglichkeiten

mediale Inszenierung transportieren gar die Persönlichkeit der Kunstschaffenden in

die Öffentlichkeit, die unterschiedlich auf jedes der ihr präsentierten Kunstwerke rea-

gieren kann. Im Gegensatz zum Rechts- bzw. Verwaltungssystem wird also in hohem

Maße auf den individuellen Einzelfall eingegangen und nicht aufgrund generalisierter

Datensätze beurteilt.

Als weitere Beispiele für die Vorgegebenheit von Handlungen in bestimmten

sozialen Situationen können Gefühlsregeln und Emotionsarbeit gelten. Sogenann-

te „feeling rules“ werden in bestimmten situativen werden Gefühle in Dauer, Art,

Intensität und Richtung vorgeschrieben und durch Gefühlsregeln abgerufen. Diese

Regeln können auch dazu führen, dass Gefühle sich verändern, um dem situativen

Kontext – und somit sozial vorgegebenen Normen – zu entsprechen. Emotionsarbeit

bezeichnet dann die Prozesse, in denen Emotionen an die „feeling rules“ angepasst

werden. Diese Anpassungen sind besonders oft an Professionen gekoppelt, die z. B.

in den personenbezogenen Dienstleistungen den emotionalen Ausdruck und Befind-

lichkeiten eine Berufsrolle bestimmen. Schimank verweist auf weitere „spezifische

Ausdrucksformen“, die bspw. auf die Schichtung der Gesellschaft zurückzuführen

sind. Die schichtspezifischen Lebensstile (Bourdieu (2003)) die sich in verschiede-

nen Milieus ausprägen, der typische Habitus, der praktisch vererbt wird, usw. Dies

ebenso wie die kulturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern sowie die

geschlechtsspezifischen Unterschiede können als Zeichen für den Einfluss der sozialen

Struktur auf das (individuelle) Handeln gelten.

Diese Beispiele verdeutlichen die oftmals unbewusste Vorgegebenheit von Hand-

lungsoptionen im Alltag. Es konnte ebenfalls gezeigt werden, dass sich diese vorge-

fundenen sozialen Strukturen in einem Handeln (oder Unterlassen dieses Handelns)

realisieren. Das so passgenaue Zusammenwirken vieler bestätigt die soziale Struktur

immer auf´s neue, da beständig auf die erwartete und unhinterfragte Art und Weise

gehandelt wird.

Es besteht also ein Wechselverhältnis zwischen sozialer Struktur und dem aus

ihr hervorgehenden sozialen Handeln, welches wiederum die Struktur verfestigt, die

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

ihm zugrunde liegt. Aus sozialem Handeln – ob nun des Einzelnen oder aus dem

handelnden Zusammenwirken mehrerer oder gar von Massen – entstehen sowohl be-

absichtigte Folgen als auch unintendierte Nebenfolgen. Auf unerwünschte Effekte des

Handelns kann „mit Ausweich- oder Korrekturbemühungen“ (Schimank (2000b),

S. 14) eingegangen werden.

Fassen wir noch einmal kurz zusammen:

1. Soziales Handeln und soziale Strukturen sind dialektisch aufeinander bezogen,

sie bedingen sich gegenseitig.

2. „Sämtliche sozialen Strukturen

] sind das Produkt sozialen Handelns, näm-

lich des handelnden Zusammenwirkens Mehrerer;“ 3

3. ] soziales Handeln wird nicht ausschließlich, aber doch wesentlich durch

soziale Strukturen geprägt.“ 4

4. „Die Soziologie abstrahiert von den nicht-sozialen Handlungsdeterminanten

und konzentriert sich ganz auf das Wechselverhältnis von sozialem Handeln

und sozialen Strukturen. “ 5

5. „Das Wechselverhältnis der Sozialität entfaltet sich aber über Zeit.“ 6

2.3 Sozialität – zwei Konzepte

Uwe Schimank stellt zwei verschiedene Theorien zur „Beschaffenheit von Soziali-

tät“ (Schimank (2000b), S. 14) vor.

2.3.1 Anthony Giddens: Die Theorie der Strukturierung

Mit seinem Denkansatz der „duality of structure“(Giddens (1984), Vgl. 25) betont

Giddens die Angewiesenheit von sozialen Strukturen auf das Handeln. Eine Norm

bspw. orientiert Handlung und realisiert sich aber erst im Moment der Handlung.

Ähnlich wie performative Äußerungen sich (erst) im Moment des Aussprechens ihren

(performativen) Handlungscharakter 7 entfalten, manifestieren sich soziale Struktu-

ren in ihrem Gebrauch, wobei sie gleichzeitig produziert und reproduziert werden

können (Schimank (2000b), Vgl. 15). Um zum Norm-Beispiel zurückzukommen:

3 Schimank (2000b), S. 14.

4 Schimank (2000b), S. 14.

5 Schimank (2000b), S. 14.

6 Schimank (2000b), S. 14.

7 Vgl. Austin (1975 [1962])

7

Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

Eine Norm realisiert sich erst in dem Moment, in dem sie Handlung orientiert. Fort-

währendes Handeln nach dieser Norm erhält und verfestigt sie. Soziales Handeln

kann also

1. gegebene Strukturen verändern,

2. soziale Strukturen aufbauen, sowie

3. zum Strukturerhalt beitragen und Strukturen etablieren.

Giddens versteht das interdependente Verhältnis von sozialem Handeln und sozialer

Struktur als „Rekursivität“(Schimank (2000b), Vgl. 15).

„Denn einerseits kann man sagen, daß das soziale Handeln sich, ge-

wissermaßen über den Umweg der strukturellen Effekte und strukturel-

len Prägungen, immer wieder selbst hervorbringt. Andererseits läßt sich

dasselbe auch so sehen, daß die sozialen Strukturen sich, über den Um-

weg der Handlungsprägung und der Handlungswirkungen. immer wieder

selbst hervorbringen.“ (Schimank (2000b), S. 15)

Im Verweis auf Alan Dawe verortet Schimank in diesen beiden möglichen Be-

trachtungsweisen „die Wurzel des fundamentalen theoretischen Dualismus der Sozio-

logie“ (Schimank (2000b), S. 15) der eine „gravierende Disbalance der Theoriear-

beit“ (Schimank (2000b), S. 17) zur Folge hatte. Die Aufspaltung der soziologischen

Theorie in zwei Lager die jeweils unausgewogenen Perspektiven die je nur einen Fo-

kus kennen:

1. Die handlungtheoretische „sociology of social action“ 8 und

2. die strukturtheoretische „sociology of social system“. 9

Das Problem liegt in der Pauschalisierung der Paradigmen: Man muss sich zwi-

schen zwei extremen Betrachtungweisen entscheiden. Entweder man sieht den sich

steigernden Druck bottom up und sieht die Handelnden mit einer absoluten Gestal-

tungsmacht versehen. Oder aber man geht von einem sich top down aufbauenden

Druck auf das Individuum aus und degradiert diese „zu bloßen Marionetten der

Strukturen“ (Schimank (2000b), S. 16).

Giddens kann diesen Dualismus in seiner „structuration theory“ überwinden.

Es geht dabei um die Differenzierung nach Systemintegration und Sozialintegration.

8 Nach Alan Dawe (1970;1978). 9 Nach Alan Dawe (1970;1978).

8

Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

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Giddens versucht die scheinbar diametral entgegengesetzten Perspektiven von sub-

jektivistischen Handlungstheorien auf der einen Seite und objektivistischen Struk-

turtheorien als sich gegenseitig bedingende Zusammenhänge darzustellen. Die Ge-

sellschaft ist einerseits Strukturgefüge, gleichzeitig aber auch Raum der Handlungs-

möglichkeiten für Akteure, wobei Handlung und Struktur gleichwertig in interde-

pendenter Beziehung stehen. Es gibt also keine Präferenz, da Strukturen sowohl

Bedingung als auch Resultat des Handelns seien.

2.3.2 Hartmut Esser: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Hartmut Esser, derzeit Lehrstuhlinhaber der Soziologie und Wissenschaftslehre

der Universität Mannheim, geht dem Thema Sozialität anders nach. Ganz im Sin-

ne von Aristoteles’ (*384 322) konstituiert sich die Sozialität nach Esser auf

Grundlage der Synergieeffekte dreier Logiken 10 :

1. Die „Logik der Situation“ und

2. die „Logik der Selektion“ repräsentieren die Einflussnahme sozialer Strukturen

auf soziales Handeln. Während

3. die „Logik der Aggregation“ die strukturellen Effekte bezeichnet, die sich aus

dem handelnden Zusammenwirken ergeben.

Die Handlungssituation ist in eine soziale Struktur eingebettet und wird von die-

ser bestimmt. Diese „Logik der Situation“ kann das Handeln unterschiedlich beein-

flussen, je nachdem, welche „Logik der Selektion“ beim Handelnden vorliegt, wobei

Esser, der seinen Ansatz in der Tradition der Rational-Choice-Theorie entwickelt,

davon ausgeht, dass sich der Handelnde – nach einer Aufwand/Nutzen/(mögliche)

Konsequenzen-Abwägung – für die Handlungsalternative entscheiden wird, die Hand-

lungsalternative gewählt wird, die den höchsten Erfüllungserfolg bzw. Nutzen ver-

spricht 11 . In diesem Fall verweist Schimank auf die nicht nach rationalen Nutzen-

kalkülen sondern durch Emotionen gesteuerte Entscheidungsmöglichkeit und damit

implizit auf die verschiedenen soziologischen Akteursmodelle (Schimank (2000b),

Vgl. 16), die im weiteren Verlauf des Buches ausführlicher vorgestellt werden.

Handeln resultiert, nach Esser, „aus dem Zusammenspiel beider Logiken“

(Schimank (2000b), 16), der „Logik der Situation“ und der „Logik der Selektion“. Es

entstehen (strukturelle) Effekte, wenn Handeln auf anderes Handeln trifft und sich

Kummulationseffekte realisieren, die Esser als „Logik der Aggregation“ bezeich-

net. Die Folge dieser aggregativen Logik ist eine bestätigte oder veränderte „Logik

10 Esser (1993), Vgl. 1-140. 11 Vgl. Jokisch (2000)

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

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der Situation“, die wiederum durch die situative Logik auf die Aggregationsebene

weiterwirkt.

Gleichwohl betont Esser, dass es sich bei den verschiedenen Logiken um analy-

tische Differenzierungen handele, die „beständig ineinander übergehen“

(Schimank (2000b), S. 16).

Prinzipiell präsentiert Schimank mit Giddens und Esser also keine gänzlich

gegensätzlichen Theorien zum Thema Sozialität und zum Verhältnis von sozialen

Strukturen und sozialem Handeln. In der Erklärung des Wie der Sozialität unter-

scheiden sich zwar beide Theorien. Im zentralen Ansatzpunkt der interdependenten

Beziehung von Handeln und Sozialstruktur sind sich aber beide Autoren einig. Nur

der Erklärung der Art der Manifestation dieser Beziehung gehen Giddens und Es-

ser unterschiedliche Wege.

2.3.3 Uwe Schimank: Versuch einer Verbindung von systemtheoretischen

und akteurstheoretischen Ansätzen

Uwe Schimank sieht in seinem Theorieansatz die Möglichkeit, system- und ak-

teurstheoretische Perspektiven zu verbinden 12 :

„Handlungsprägende und handlungsfähige Systeme konstituieren ge-

meinsam soziale Wirklichkeit, wobei soziale Systeme einerseits als Kon-

tingenzbestimmungen fungieren, andererseits aber als sich-selbst-erfüllende

Akteurfiktionen rekonstruieren lassen“ (M.A. Kron)

„Die Begriffe ’Struktur’ und ’Handeln’ bezeichnen so die allein ana-

lytisch unterschiedenen Momente der Wirklichkeit strukturierter Hand-

lungssysteme. Strukturen selbst existieren gar nicht als eigenständige

Phänomene oder Praktiken menschlicher Individuen. Struktur wird im-

mer nur wirklich in den konkreten Vollzügen der handlungspraktischen

Strukturierung sozialer Systeme

].“ 13

Aus diesen Zitaten lässt sich ebenfalls die rein analytische Distinktion zwischen

System- und Sozialintegration nachvollziehen. Wie so oft in den Sozialwissenschaf-

ten lassen sich Einzelprozesse und -phänomene nicht trennscharf gegeneinander ab-

grenzen, sodass nach integrativen Lösungen zentraler Probleme und Fragestellungen

gesucht werden muss. Schimank zeigt deutlich, dass dieses Vorhaben gelingen kann.

12 U. a. in Schimank (1996), S. 204 ff 13 Kießling (1988), S. 290, Herv. i. O

10

Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

Gleichwohl müssen spezifische Perspektiven beibehalten werden, um besondere Pro-

blemlagen nicht zu egalisieren und wieder in eine Einseitigkeit in der Theoriearbeit

zu verfallen.

Wenn nicht die Einzelphänomene empirisch präzise abgebildet werden können,

so doch der Erfolg oder Misserfolg des Zusammenwirkens von sozialen Strukturen

und sozialem Handeln: Das Fehlen oder Vorhandensein einer stabilen und funktio-

nierenden Gesellschaft gibt – als Konsequenz des Zusammenspiels dieser Phänomene

– Auskunft über dessen Gelingen oder Fehlgehen.

2.3.4 Problem einer einseitigen Fragestellung

Schimank fasst im letzten Abschnitt seiner Einleitung die zwei zentralen Fragen

der „Soziologie als Wissenschaft von der Sozialität

]“ zusammen:

1. Die Frage

] danach, warum Handelnde in einer bestimmten Situation so

und nicht anders handeln?“ (Schimank (2000b), S. 16).

2. Die Frage danach,

] welche strukturellen Wirkungen ein bestimmtes Han-

deln im Zusammenwirken mit anderem Handeln hat.“ (Schimank (2000b), S.

16).

Die Viefalt möglicher sozialwissenschaftlicher und/oder soziologischer Fragestellun-

gen kann es erforderlich machen beide Perspektiven auf ein Problem anzuwenden.

Andererseits genügt in manchen Fällen auch die Bemühung einer Betrachtungswei-

se, um Probleme zufriedenstellend zu lösen. Schimank betont die wünschenswerte

Methodenäquivalenz beider theoretischer Ansätze. Keine der Perspektiven ist zu

verabsolutieren, keine besitzt die Priorität. Gleichzeitig kritisiert der Autor die Ab-

schottung einzelner Ergebnisse – favorisierter – Theorieansätze gegenüber anderen

oder der

]“ (Schimank (2000b), S. 17).

] allgemeinen soziologischen Theorie

11

Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

3 Fazit

Abgesehen von einer präzise belegten Gegenstandsbestimmung der Soziologie ge-

lingt Uwe Schimank mit seiner Einleitung nicht nur eine Hinführung zum Thema

seiner Buches. Vielmehr ist schon am Anfang dieses Werkes ein Bemühen um ein me-

thodenpluralistisches Vorgehen und die Aktzeptanz der Co-Existenz verschiedener

gleichberechtigter Modelle und Erklärungsansätze für ein sozialwissenschaftliches

Problem erkennbar.

Außerdem sensibilisiert Schimank mit der Wahl seiner Beispiele für die Entde-

ckung sozialer Strukturen und die Bedeutung des Zusammenwirkens mehrerer Han-

delnder in Alltagssituationen. Gleichwohl ist er nicht versucht, den Themenkomplex

einfacher darzustellen, als er ist. So bedient sich der Autor zweier Erklärungsan-

sätze der Sozialität, um gleich zu Beginn das Funktionieren und Passen mehrerer

möglicher Theorien auf ein Phänomen darzustellen.

Weiterhin weist Schimank ausdrücklich auf die Gefahren hin, die eine einseitige

Betrachtung komplexer sozialer Phänomene und eine unausgeglichene Theoriearbeit

mit sich bringen. Der Autor betont bspw. die Interdependenz sozialer Strukturen und

sozialen Handelns, wobei keine dieser analytischen Kategorien verabsolutiert werden

darf.

Kritisieren möchte ich an dieser Stelle die Erklärungen zum Hooligan-Beispiel

(Schimank (2000b), Vgl. 12), da es z. B. aus der qualitativen Sozialforschung An-

sätze zur Erklärung dieses Phänomens gibt, die Schimanks Darstellungen wider-

sprechen. Diese aufzuführen hätte sicher den Rahmen einer Einleitung gesprengt,

doch geht die präsentierte Erklärung zu oberflächlich mit diesem Thema um, so-

dass die Darstellung gerade in den Argumentationszusammenhang des Autors passt.

Von einer groben Falschdarstellung kann zwar keine Rede sein, trotzdem wäre hier

ein Verweis auf die themenspezifischen – wenn auch sozialisations- und biographie-

bezogenen – Arbeiten, z. B. von Ralf Bohnsack (1997) angebracht.

Den Zugang zur Interdependenzproblematik innerhalb der Sozialität erschließt

sich dem Studienanfänger u. U. einfacher über das Modell von Anthony Gid-

dens, da die Abgrenzung der Logiken nach Esser doch einige analytische Schwie-

rigkeiten am Alltagsbeispiel mit sich bringt. Die Einflüsse denen das Handeln durch

Situations- und Selektionslogik unterliegt Umschlagen und Kumulieren von Hand-

lungswirkungen auf Aggregationsebene sind nicht trennscharf gegeneinander abzu-

grenzen. Der hohe Grad der Abstraktion verlangt in diesem Fall eine genauere Aus-

einandersetzung mit der Materie, die zwar analytisch notwendig ist, aufgrund des

gegebenen Rahmens hier aber unterbleiben muss.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

4 Literatur

Austin, John L. (1975 [1962]): How to Do Things with Words, London: Oxford

University Press.

Bohnsack, Ralf (1997): Adoleszenz, Aktionismus und Emergenz von Milieus.

Eine Ethnographie von Hooligan-Gruppen und Rockbands, in: Zeitschrift für

Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie,, Nr. 1, 3–18.

Bourdieu, Pierre (2003): Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen

Urteilskraft, Sonderausg. zum 30jährigen Bestehen der Reihe Suhrkamp Ta-

schenbuch Wissenschaft Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, Suhrkamp-

Taschenbuch Wissenschaft.

Esser, Hartmut (1993): Soziologie: allgemeine Grundlagen, Frankfurt am Main:

Campus-Verlag.

Gehlen, Arnold; Maus, Prof. Dr. Heinz/Fürstenberg, Dr. Friedrich

(Hrsg.) (1963): Kap. Studien zur Anthropologie und Soziologie In Probleme

einer soziologischen Handlungsehre, Neuwied am Rhein u. Berlin: Hermann

Luchterhand, 196–231.

Gehlen, Arnold (1971): Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt,

9. Auflage. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag.

Giddens, Anthony (1984): The Constitution of Society. Outline of the Theory of

Structuration, Cambridge: Polity Press.

Jokisch, Rodrigo (2000): Wie ist Gesellschaft möglich? Zur Isomorphie

einer ’Logik’ der Gesellschaft und der Sozialwissenschaften, URL:

URL:http://www.tu-berlin.de/~society/Jokisch_GB_Gesellschaft_

Isomorphie.htm – Zugriff am 08.09.2005.

Kießling, Bernd (1988): Die „Theorie der Strukturierung“. Ein Interview mit

Anthony Giddens. in: Zeitschrift für Soziologie, 4, Nr. 17, 286 – 295.

M.A. Kron, Thomas: Postmoderne Gesellschaft – als Gesellschaft? URL:

http://www.gradnet.de/papers/pomo2.archives/pomo99.papers/

Kron99.htm – Zugriff am 08.09.2005.

Schimank, Uwe (1996): Theorien gesellschaftlicher Differenzierung, Opladen:

Leske+Budrich.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.

Schimank, Uwe (2000a): Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheo-

retische Soziologie, Weinheim und München: Juventa Verlag.

Schimank, Uwe (2000b): Kap. Einleitung: Die zwei soziologischen Erklärungs-

probleme In Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische

Soziologie, Weinheim und München: Juventa Verlag, 9–18.

Weber, Max (1922): Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen: Mohr.

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Diese Arbeit wurde im Sommersemester 2005 von Anna-Maria Müller erstellt und

eingereicht.