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Eine dynamische Zeit – 300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen Zwischen den ersten sporadischen Piratenüberfällen

Eine dynamische Zeit – 300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen

Zeit – 300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen Zwischen den ersten sporadischen Piratenüberfällen gegen

Zwischen den ersten sporadischen Piratenüberfällen gegen Ende des 8. Jahr­

hunderts und der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer im Jahre

1066 lagen im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Jahrhunderte, in denen die

Nordmänner als Krieger, Händler, Siedler, Entdecker und Staatengründer die

Geschichte Europas prägten.

und Staatengründer die Geschichte Europas prägten. Die skandinavischen Königreiche Zu Beginn der Wikingerzeit

Die skandinavischen Königreiche

Zu Beginn der Wikingerzeit herrschte eine Vielzahl von heidnischen Häuptlingen und Kleinkönigen in Skandinavien. Teilweise waren sie nur Herr über ein einziges Tal, einen Fjord oder eine Gebirgsregion. Norwe- gen, Schweden und Dänemark im heutigen Sinne gab es noch nicht. Die Sammlung vieler kleiner, weit verstreuter Herrschaftsbezirke und ihr Ausbau zu großen, stabilen Königreichen mit festen Grenzen und einem einzigen Herrscher war ein langwieriger Prozess, der in den einzelnen skandinavischen Ländern einen ganz unterschiedlichen Verlauf nahm und eng verbunden war mit der Christianisierung des Nordens. Es gab Machtkämpfe zwischen Kleinkönigen, Häuptlingsaufstände und Königs- kriege. Zeitweise wurden soeben geeinte Reiche wieder aufgeteilt und fielen ganz oder teilweise unter die Herrschaft eines anderen skandina- vischen Königs – häufig des dänischen. Vor dem 11. Jahrhundert gab es keine wirklich starke zentralisierte Königsmacht. Erst gegen 1200 wurden die nationalen Grenzen gegenseitig weitgehend anerkannt.

Dänemark

Die Machtverhältnisse stabilisierten sich zuerst in dem kleinsten, aber am dichtesten besiedelten der nordischen Königreiche, das vermutlich schon vor 800 unter einem König geeint war. Über die Ausdehnung der Herrschaft ist nichts bekannt. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts berichten

Die Darstellung der um 1100 geschriebenen Vita des Heiligen Aubin betont eindrucksvoll die militärische Geschlos- senheit und Disziplin der normannischen Krieger.

34 EINE DYNAMISCHE ZEIT

Auf dieser Seite des großen Runensteins von Jelling rühmt Harald Blauzahn seine Eltern und preist sich selbst als König von Dänemark und Norwegen.

preist sich selbst als König von Dänemark und Norwegen. die Fränkischen Annalen, dass ein dänischer König

die Fränkischen Annalen, dass ein dänischer König namens Godfred (Göttrik) den slawischen Handelsplatz Reric zerstörte und die Kaufleu- te nach Haithabu umsiedelte. Mit einer 200 Schiffe starken Flotte rückte er gegen Friesland vor, kassierte von den Bewohnern Steuern in Form von einhundert Pfund Silber, und nur seine Ermordung (810) verhinderte, dass er Karl dem Großen persönlich die Stirn bot. Von seinen Nachfolgern ist wenig bekannt, erst im 10. Jahrhundert entwickelte sich unter Gorm dem Alten erneut eine energische, gut organisierte Königsherrschaft, de- ren Zentrum im jütländischen Jelling lag. Gorms Sohn Harald Blauzahn (958–987) wird die Ehre der Reichssammlung und Christianisierung zuge- sprochen, seit 970 wird er auch als König von Norwegen genannt. In sei- ne Regierungszeit fallen Großprojekte wie die Errichtung der vier großen dänischen Ringfestungen, das Aufwerfen eines mächtigen Grabhügels in Jelling und der Bau einer 700 Meter langen Brücke bei Ravning Enge an der Straße nach Jelling. Das Ende seines Lebens prägten Streitereien mit seinem Sohn Sven Gabelbart. Bei einem Aufstand im Jahre 987 wur- de Haralds Partei geschlagen, er musste fliehen und starb bald darauf. Sven Gabelbart (ca. 987–1014), der zuvor jahrelang lukrative Raubzüge ge- gen England unternommen hatte, übernahm die Herrschaft. Mit den dort erpressten Summen, so genanntem Danegeld, baute er seine Macht in Dänemark aus. Er war der erste einer Reihe von Dänenkönigen, die nicht nur Dänemark und Südnorwegen, sondern auch England beherrschten.

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Sein Sohn Knut der Große (1016/19–1035) ging als der mächtigste skandina- vische Herrscher in die Geschichte ein. Auf dem Höhepunkt seiner Macht war Knut König von Dänemark und England, Norwegen und Schweden – in zeitgenössischen Schriften wird er rex totius Angliae et Dennemarchiae et Norregiae et partis Suavorum genannt. Dass er auch in Schweden als Herr- scher anerkannt war, belegen Münzen aus Sigtuna mit der Inschrift Cnut rex Sv[erorum]. Knuts nordischem Großreich war keine Dauer beschieden. Die Herrschaft über Norwegen ging vermutlich bereits zu seinen Lebzei- ten wieder verloren, in England gewann die englische Königslinie 1042 den Thron zurück.

Norwegen

Dramatisch und äußerst mühselig verlief der Prozess der Staatenbildung in Norwegen. Angesichts seiner Topographie mit einer langen, von tiefen Fjorden zerfurchten Küstenlinie und einem in weiten Teilen unwegsamen Landesinneren, dessen schneereiche Gebirge nur auf wenigen Pässen im Sommerhalbjahr überquert werden konnten, war das Land schwer unter Kontrolle zu bringen. In der Skaldendichtung und den Sagas wird Harald Schönhaar (ca. 870–ca. 940) als erster Einheitskönig genannt. Entschei- dend war sein Sieg über mehrere Kleinkönige in der Seeschlacht im Hafrs- fjord unweit der heutigen Stadt Stavanger – die traditionelle Datierung ins Jahr 872 ist wohl nicht richtig, heute geht man eher davon aus, dass

ist wohl nicht richtig, heute geht man eher davon aus, dass Schwerter im Felsen (Sverd i

Schwerter im Felsen (Sverd i Fjell): Das Denkmal am Hafrsfjord erinnert an den Sieg Harald Schönhaars Ende des 9. Jh.

96 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT

96 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT Wikinger in einem Boot . Unter Ivars Führung rudern sie im

Wikinger in einem Boot. Unter Ivars Führung rudern sie im Jahre 866 nach England, Miniatur aus einer englischen Kirchenchronik des 11. Jh.

Ständen, in welche die wikingerzeit­ liche Gesellschaft aufgeteilt war: Skla­ ven, freie Bauern und Edle, das waren Jarle oder Könige.

Freie und Unfreie

Die Basis der Gesellschaft bildeten die freien Männer, die karlar. Die meis­ ten von ihnen waren Bauern. Unter ih­ nen gab es reiche und arme Landbesit­ zer, aber auch abhängige Pachtbauern und verarmte Bauern, die kein Land besaßen. Einzelhöfe, welche die ande­ ren Höfe einer Siedlung an Größe weit übertrafen, werden als Wohnsitze von Häuptlingen oder anderen einfluss­ reichen und wohlhabenden Persönlich­ keiten interpretiert. Obwohl im Prin­ zip alle freien, waffenfähigen Männer auf dem Thing Versammlungs­ und Stimmrecht besaßen, lagen die wich­ tigen Entscheidungen doch in der Hand einer vergleichsweise kleinen Land besitzenden Oberschicht von Männern. Diese Männer hießen Häupt­ linge, Jarle und Könige, auf Island wurden sie Goden genannt. Seit dem 9. Jahrhundert gab es vermehrt auch Händler und Handwerker, die sich an einem der aufblühenden Handelsplätze niederließen. Die niedrigste Klasse in der Gesellschaft waren die Sklaven (thræll), die keinen Grund­ besitz und keine Rechte besaßen. Das konnten Männer, Frauen und Kin­ der aller Gesellschaftsschichten sein, die im Krieg sowie auf Raubzügen zu Wasser und zu Land erbeutet und auf Sklavenmärkten verkauft wor­ den waren. Die »prominentesten« – in den Sagas erwähnten – Sklaven königlichen Geblüts waren die irische Königstochter Melkorka, die mit 15 Jahren in Kriegsgefangenschaft geriet und als Sklavin nach Island kam, und der spätere norwegische König Olaf Tryggvason, der als Dreijähriger

Die wikingerzeitliche Gesellschaft

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von Piraten gekapert und »gegen einen kräftigen und guten Schafsbock« eingetauscht wurde. Sechs Jahre später entdeckte ihn ein Verwandter auf einem Markt und kaufte ihn frei. Sklaven konnten sich auch selbst frei­ kaufen oder freigelassen werden. Der Schmied Toke aus Hörning bei År­ hus setzte beispielsweise dem Bauern Gudmunsson einen Runenstein zum Gedenken, weil er ihm »Geld und Freiheit schenkte«. Es ist nicht sicher, ob es vor der Wikingerzeit im Norden eine »Klasse« von Unfreien gegeben hat. Möglicherweise entdeckten die Wikinger erst mit den ers­ ten Überfällen gegen Ende des 8. Jahrhunderts, dass Sklaven nicht nur ein lukratives Handelsgut waren, sondern auch nützliche Helfer auf dem hei­ matlichen Hof sein konnten, wenn man selbst auf Wikingfahrt war.

Familie und Hofgemeinschaft

In den Isländersagas des 13. Jahrhunderts werden die Vorfahren der Haupt­ personen bis in die Besiedlungszeit Islands im 9. Jahrhundert aufgezählt. Jeder wikingerzeitliche Mensch kannte seinen Stammbaum. Die Fami­ lie oder Sippe war die Grundeinheit der Gesellschaft. Das Ansehen und der damit verbundene Einfluss hingen von Rang, Würde und Besitz der Vorfahren ab. In den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens wie Hoch­ zeit, Tod, Erbschaft oder Blutrache lagen alle Rechte und Verpflichtungen bei den Sippenmitgliedern. Einander ebenbürtige Familien stärkten ihre

Stellung in der Gesellschaft durch eine gute Ehe. Mit der Heirat wurde der jeweilige Ehepartner allerdings nicht in die angeheiratete Familie über­ führt – er oder sie gehörte nach wie vor zur eigenen Sippe. Die Namens­ gebung verdeutlicht die starke Rolle der Her­

kunft: Kinder wurden nach ihrem Vater be­ nannt – in seltenen Fällen nach der Mutter –, wie es noch heute auf Island gebräuchlich ist:

Man war der Sohn oder die Tochter des Vaters:

Jon Ólafsson bzw. Astrid Ólafsdóttir; letzte­ re behielt diesen Namen auch, als sie verhei­ ratet war. Im Alltagsleben hatte die Sippe für den einzelnen Menschen weniger Bedeutung

als die Hofgemeinschaft, in der er lebte. Zu Familienmitgliedern, die an ferneren Orten wohnten, hatte man wenig Kontakt. Die Menschen des Hofes, auf dem man arbeitete und lebte, hatte man dagegen täglich um sich. Frauen, Kin­ der und Dienstleute standen unter dem Schutz des Hofherrn, der Gesetz und Ordnung garantierte.

Über ein Leben ohne Familie und ohne Liebe (Hávamál Str. 50):

Abstirbt die Föhre, die einsam im Feld steht; sie schützen weder Nadeln noch Rinde; so geht’s dem Manne, den niemand liebt – was soll er lange noch leben?

98 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT

Frauen und Männer

»Eines Frühlings, so wird gesagt, eröffnete Olaf der Thorgerd, daß er nach Norwegen reisen wolle. ‚Ich möchte, daß du für den Hof und die Kinder sorgst.’ Thorgerd sprach, sie halte wenig davon, aber Olaf entgeg­ nete, daß er sich entschlossen habe. Er kaufte ein Schiff, das im Westen, in Vadil, lag. Olaf fuhr im Sommer aus und erreichte mit seinem Schiff Hördaland« (Laxdoela Saga, Kap. 29, Übersetzung von Heinrich Beck). Diese eigentlich unspektakuläre Nebenhandlung aus der Saga von den Leuten aus dem Laxardal zeigt typische Aspekte der Stellung der Frau in Skandinavien: Frauen bewirtschafteten während der oft monate­ langen Abwesenheit der Männer die Höfe. War aber ein Mann zugegen, hatte letztendlich er das Sagen. Eine unverheiratete Frau stand unter dem Schutz und der Vormundschaft des Vaters oder der Brüder. Wenn sie verheiratet wurde, kam sie unter den Schutz und die Vormundschaft des Ehemannes. Die Rechte und Pflichten von Frauen und Männern unterschieden sich auf allen Gebieten des Lebens. Von Gleichberechtigung im heutigen Sinne kann man nicht sprechen. Frauen waren für alle Arbeiten im Haus zustän­ dig. Sie versorgten die Gesunden und die Kran­ ken. Die Frau des Bauern, die húsfreyja, hatte als Hausherrin eine privilegierte Stellung. Symbol für ihre Stellung war der Schlüs­ selbund, der ihr überreicht wurde, wenn sie als Ehefrau auf den Hof kam. Diese Schlüssel gehörten zu den Truhen mit persönlichen Kostbarkeiten sowie zur Speisekammer. Den Schlüssel trug die Hofherrin am Gürtel oder – so er kunstvoll gefertigt war – als Schmuck deutlich sichtbar auf der Brust. Im Haus hatte sie das Sagen. Die Männer waren für den Hausbau und die außerhalb des Hofes an­ fallenden Tätigkeiten zuständig. Der bonde war der Hofbesitzer. Er re­ präsentierte die Familie und die Hofgemeinschaft in allen öffentlichen Angelegenheiten. Es waren Männer, welche die Verhandlungen auf dem Thing führten, Gesetze verhandelten, Urteile fällten, Absprachen trafen mit Fremden über Kauf und Verkauf, Frieden und Krieg. Männer handel­ ten auch die Eheverträge und die Höhe des Brautgeldes aus. Erst unter dem Einfluss der Christianisierung wurde das Einverständnis der Braut Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe.

der Braut Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe. Schön gearbeitete Schlüssel aus Dänemark. Die

Schön gearbeitete Schlüssel aus Dänemark.

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Die Frau hatte das Recht, sich scheiden zu las­ sen, wenn ihr Ehemann die Familie nicht ernäh­ ren konnte oder sie schlecht behandelte. Sie wur­ de hierbei von einem männlichen Familienmit­ glied, beispielsweise von ihrem Vater, vertreten. Frauen werden erstaunlich häufig in Runen­ inschriften genannt, meist im Zusammenhang mit einem Gedenkstein, den sie für ihren ver­ storbenen Mann setzten. Den Stein von Dyn­ na in Opland / Norwegen setzte um 1040 eine Frau für eine andere Frau: »Gunnvor, Tryd­ riks Tochter, erbaute die Brücke zum Ge­ denken an Astrid, ihre Tochter«. Der Bau einer Brücke – sowohl durch Männer als auch durch Frauen – wird auf zahlreichen Steinen erwähnt. Eine außergewöhnliche Frau muss Inge­ run gewesen sein, die eine Runen­ inschrift im vorsorglichen Geden­ ken an sich selbst in Auftrag gab. Auf der Steinplatte von Stäket (Schweden) ist zu lesen: »Sie will nach Osten fahren und hinaus nach Jerusalem«. Offen­ bar war sie nicht sicher, ob sie von ihrer Pilgerreise zurückkehren würde. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Frauen wurden wie Männer ihrem Rang entsprechend bestattet. Reich ausgestattete Frauengräber wie im Grabhügel von Oseberg offenbaren das hohe gesellschaftliche Ansehen der Bestatteten. Frauen, deren Ehemän­ ner starben, fielen nicht wieder unter die Vormundschaft eines Mannes, sondern durften ihr Leben nach eigenem Willen einrichten, sich nach Be­ lieben wieder verheiraten, wobei allerdings das Einverständnis der männ­ lichen Verwandten erwünscht war. Aud die Tiefsinnige bietet das bekannteste Beispiel für eine Witwe, die mit Energie, Klugheit und Tapferkeit ihr Leben selbst bestimmte. Ihre Geschichte wird im isländischen Landnahmebuch wie auch in der Lax- doela Saga – darin wird sie Unn genannt – erzählt. Sie war die Tochter des mächtigen norwegischen Wikingers Ketil Flachnase, der mit seiner Fami­ lie vor der tyrannischen Herrschaft Harald Schönhaars auf die Hebriden geflohen war, von wo aus die männlichen Familienmitglieder tatendurs­ tig Wikingeraktivitäten nachgingen. Nachdem Auds Mann in Irland und

nachgingen. Nachdem Auds Mann in Irland und Bemerkenswert viele Runensteine wurden von Frauen gesetzt.

Bemerkenswert viele Runensteine wurden von Frauen gesetzt. Sie zeugen vom gesell- schaftlichem Ansehen und Selbstbewusstsein der Wohlhabenden; hier ein prachtvoll bemalter Runenstein aus Ribe/Dänemark.

96 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT

96 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT Wikinger in einem Boot . Unter Ivars Führung rudern sie im

Wikinger in einem Boot. Unter Ivars Führung rudern sie im Jahre 866 nach England, Miniatur aus einer englischen Kirchenchronik des 11. Jh.

Ständen, in welche die wikingerzeit­ liche Gesellschaft aufgeteilt war: Skla­ ven, freie Bauern und Edle, das waren Jarle oder Könige.

Freie und Unfreie

Die Basis der Gesellschaft bildeten die freien Männer, die karlar. Die meis­ ten von ihnen waren Bauern. Unter ih­ nen gab es reiche und arme Landbesit­ zer, aber auch abhängige Pachtbauern und verarmte Bauern, die kein Land besaßen. Einzelhöfe, welche die ande­ ren Höfe einer Siedlung an Größe weit übertrafen, werden als Wohnsitze von Häuptlingen oder anderen einfluss­ reichen und wohlhabenden Persönlich­ keiten interpretiert. Obwohl im Prin­ zip alle freien, waffenfähigen Männer auf dem Thing Versammlungs­ und Stimmrecht besaßen, lagen die wich­ tigen Entscheidungen doch in der Hand einer vergleichsweise kleinen Land besitzenden Oberschicht von Männern. Diese Männer hießen Häupt­ linge, Jarle und Könige, auf Island wurden sie Goden genannt. Seit dem 9. Jahrhundert gab es vermehrt auch Händler und Handwerker, die sich an einem der aufblühenden Handelsplätze niederließen. Die niedrigste Klasse in der Gesellschaft waren die Sklaven (thræll), die keinen Grund­ besitz und keine Rechte besaßen. Das konnten Männer, Frauen und Kin­ der aller Gesellschaftsschichten sein, die im Krieg sowie auf Raubzügen zu Wasser und zu Land erbeutet und auf Sklavenmärkten verkauft wor­ den waren. Die »prominentesten« – in den Sagas erwähnten – Sklaven königlichen Geblüts waren die irische Königstochter Melkorka, die mit 15 Jahren in Kriegsgefangenschaft geriet und als Sklavin nach Island kam, und der spätere norwegische König Olaf Tryggvason, der als Dreijähriger

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von Piraten gekapert und »gegen einen kräftigen und guten Schafsbock« eingetauscht wurde. Sechs Jahre später entdeckte ihn ein Verwandter auf einem Markt und kaufte ihn frei. Sklaven konnten sich auch selbst frei­ kaufen oder freigelassen werden. Der Schmied Toke aus Hörning bei År­ hus setzte beispielsweise dem Bauern Gudmunsson einen Runenstein zum Gedenken, weil er ihm »Geld und Freiheit schenkte«. Es ist nicht sicher, ob es vor der Wikingerzeit im Norden eine »Klasse« von Unfreien gegeben hat. Möglicherweise entdeckten die Wikinger erst mit den ers­ ten Überfällen gegen Ende des 8. Jahrhunderts, dass Sklaven nicht nur ein lukratives Handelsgut waren, sondern auch nützliche Helfer auf dem hei­ matlichen Hof sein konnten, wenn man selbst auf Wikingfahrt war.

Familie und Hofgemeinschaft

In den Isländersagas des 13. Jahrhunderts werden die Vorfahren der Haupt­ personen bis in die Besiedlungszeit Islands im 9. Jahrhundert aufgezählt. Jeder wikingerzeitliche Mensch kannte seinen Stammbaum. Die Fami­ lie oder Sippe war die Grundeinheit der Gesellschaft. Das Ansehen und der damit verbundene Einfluss hingen von Rang, Würde und Besitz der Vorfahren ab. In den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens wie Hoch­ zeit, Tod, Erbschaft oder Blutrache lagen alle Rechte und Verpflichtungen bei den Sippenmitgliedern. Einander ebenbürtige Familien stärkten ihre

Stellung in der Gesellschaft durch eine gute Ehe. Mit der Heirat wurde der jeweilige Ehepartner allerdings nicht in die angeheiratete Familie über­ führt – er oder sie gehörte nach wie vor zur eigenen Sippe. Die Namens­ gebung verdeutlicht die starke Rolle der Her­

kunft: Kinder wurden nach ihrem Vater be­ nannt – in seltenen Fällen nach der Mutter –, wie es noch heute auf Island gebräuchlich ist:

Man war der Sohn oder die Tochter des Vaters:

Jon Ólafsson bzw. Astrid Ólafsdóttir; letzte­ re behielt diesen Namen auch, als sie verhei­ ratet war. Im Alltagsleben hatte die Sippe für den einzelnen Menschen weniger Bedeutung

als die Hofgemeinschaft, in der er lebte. Zu Familienmitgliedern, die an ferneren Orten wohnten, hatte man wenig Kontakt. Die Menschen des Hofes, auf dem man arbeitete und lebte, hatte man dagegen täglich um sich. Frauen, Kin­ der und Dienstleute standen unter dem Schutz des Hofherrn, der Gesetz und Ordnung garantierte.

Über ein Leben ohne Familie und ohne Liebe (Hávamál Str. 50):

Abstirbt die Föhre, die einsam im Feld steht; sie schützen weder Nadeln noch Rinde; so geht’s dem Manne, den niemand liebt – was soll er lange noch leben?

98 EIN PANORAMA DER WIKINGERZEIT

Frauen und Männer

»Eines Frühlings, so wird gesagt, eröffnete Olaf der Thorgerd, daß er nach Norwegen reisen wolle. ‚Ich möchte, daß du für den Hof und die Kinder sorgst.’ Thorgerd sprach, sie halte wenig davon, aber Olaf entgeg­ nete, daß er sich entschlossen habe. Er kaufte ein Schiff, das im Westen, in Vadil, lag. Olaf fuhr im Sommer aus und erreichte mit seinem Schiff Hördaland« (Laxdoela Saga, Kap. 29, Übersetzung von Heinrich Beck). Diese eigentlich unspektakuläre Nebenhandlung aus der Saga von den Leuten aus dem Laxardal zeigt typische Aspekte der Stellung der Frau in Skandinavien: Frauen bewirtschafteten während der oft monate­ langen Abwesenheit der Männer die Höfe. War aber ein Mann zugegen, hatte letztendlich er das Sagen. Eine unverheiratete Frau stand unter dem Schutz und der Vormundschaft des Vaters oder der Brüder. Wenn sie verheiratet wurde, kam sie unter den Schutz und die Vormundschaft des Ehemannes. Die Rechte und Pflichten von Frauen und Männern unterschieden sich auf allen Gebieten des Lebens. Von Gleichberechtigung im heutigen Sinne kann man nicht sprechen. Frauen waren für alle Arbeiten im Haus zustän­ dig. Sie versorgten die Gesunden und die Kran­ ken. Die Frau des Bauern, die húsfreyja, hatte als Hausherrin eine privilegierte Stellung. Symbol für ihre Stellung war der Schlüs­ selbund, der ihr überreicht wurde, wenn sie als Ehefrau auf den Hof kam. Diese Schlüssel gehörten zu den Truhen mit persönlichen Kostbarkeiten sowie zur Speisekammer. Den Schlüssel trug die Hofherrin am Gürtel oder – so er kunstvoll gefertigt war – als Schmuck deutlich sichtbar auf der Brust. Im Haus hatte sie das Sagen. Die Männer waren für den Hausbau und die außerhalb des Hofes an­ fallenden Tätigkeiten zuständig. Der bonde war der Hofbesitzer. Er re­ präsentierte die Familie und die Hofgemeinschaft in allen öffentlichen Angelegenheiten. Es waren Männer, welche die Verhandlungen auf dem Thing führten, Gesetze verhandelten, Urteile fällten, Absprachen trafen mit Fremden über Kauf und Verkauf, Frieden und Krieg. Männer handel­ ten auch die Eheverträge und die Höhe des Brautgeldes aus. Erst unter dem Einfluss der Christianisierung wurde das Einverständnis der Braut Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe.

der Braut Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe. Schön gearbeitete Schlüssel aus Dänemark. Die

Schön gearbeitete Schlüssel aus Dänemark.

Die wikingerzeitliche Gesellschaft

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Die Frau hatte das Recht, sich scheiden zu las­ sen, wenn ihr Ehemann die Familie nicht ernäh­ ren konnte oder sie schlecht behandelte. Sie wur­ de hierbei von einem männlichen Familienmit­ glied, beispielsweise von ihrem Vater, vertreten. Frauen werden erstaunlich häufig in Runen­ inschriften genannt, meist im Zusammenhang mit einem Gedenkstein, den sie für ihren ver­ storbenen Mann setzten. Den Stein von Dyn­ na in Opland / Norwegen setzte um 1040 eine Frau für eine andere Frau: »Gunnvor, Tryd­ riks Tochter, erbaute die Brücke zum Ge­ denken an Astrid, ihre Tochter«. Der Bau einer Brücke – sowohl durch Männer als auch durch Frauen – wird auf zahlreichen Steinen erwähnt. Eine außergewöhnliche Frau muss Inge­ run gewesen sein, die eine Runen­ inschrift im vorsorglichen Geden­ ken an sich selbst in Auftrag gab. Auf der Steinplatte von Stäket (Schweden) ist zu lesen: »Sie will nach Osten fahren und hinaus nach Jerusalem«. Offen­ bar war sie nicht sicher, ob sie von ihrer Pilgerreise zurückkehren würde. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Frauen wurden wie Männer ihrem Rang entsprechend bestattet. Reich ausgestattete Frauengräber wie im Grabhügel von Oseberg offenbaren das hohe gesellschaftliche Ansehen der Bestatteten. Frauen, deren Ehemän­ ner starben, fielen nicht wieder unter die Vormundschaft eines Mannes, sondern durften ihr Leben nach eigenem Willen einrichten, sich nach Be­ lieben wieder verheiraten, wobei allerdings das Einverständnis der männ­ lichen Verwandten erwünscht war. Aud die Tiefsinnige bietet das bekannteste Beispiel für eine Witwe, die mit Energie, Klugheit und Tapferkeit ihr Leben selbst bestimmte. Ihre Geschichte wird im isländischen Landnahmebuch wie auch in der Lax- doela Saga – darin wird sie Unn genannt – erzählt. Sie war die Tochter des mächtigen norwegischen Wikingers Ketil Flachnase, der mit seiner Fami­ lie vor der tyrannischen Herrschaft Harald Schönhaars auf die Hebriden geflohen war, von wo aus die männlichen Familienmitglieder tatendurs­ tig Wikingeraktivitäten nachgingen. Nachdem Auds Mann in Irland und

nachgingen. Nachdem Auds Mann in Irland und Bemerkenswert viele Runensteine wurden von Frauen gesetzt.

Bemerkenswert viele Runensteine wurden von Frauen gesetzt. Sie zeugen vom gesell- schaftlichem Ansehen und Selbstbewusstsein der Wohlhabenden; hier ein prachtvoll bemalter Runenstein aus Ribe/Dänemark.