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Der Kommentar

Joachim Bischoff
Wirbelstürme über den weltweiten Finanzinstitutionen

(15.9.2008)
Die globale Finanzkrise hat sich erneut
schlagartig zugespitzt. Die schwer
angeschlagene Investmentbank Lehman
Brothers steht vor dem Aus und
beantragte Gläubigerschutz. Vor allem die
amerikanischen Finanzinstitutionen
durchlaufen die turbulenteste Krise seit
der Großen Depression in den 1930er Jahren.

Lehman Brothers, die in Not geratene fünftgrößte Investmentbank der


USA, sitzt laut Insolvenzgericht auf einem Schuldenberg von 613 Mrd. $.
Analysten hatten das Unternehmen angesichts eines Liquiditätspuffers
von 42 Mrd. $ als gesund bezeichnet. Das Wall-Street-Haus, das 26.000
MitarbeiterInnen beschäftigt und eine Bilanzsumme von 786 Mrd. $
aufwies, gelang es nicht, neues Kapital zu mobilisieren oder einen Käufer
zu finden. In der ersten Septemberwoche hatte die Investmentbank mit
3,9 Mrd. $ den höchsten Verlust ihrer Geschichte ausgewiesen.
Daraufhin brach der Aktienkurs weiter massiv ein. Seit Jahresbeginn hat
die Lehman-Aktie mehr als 94% ihres Wertes eingebüsst. Vor der
Beantragung des Gläubigerschutzes wurde das Investment House am
Markt noch mit 2,5 Mrd. $ bewertet.

Deutlich glimpflicher stellt sich der zweite "Fusionsfall" dar. Die Bank of
America übernimmt die ebenfalls angeschlagene drittgrößte US-
Investmentbank Merrill Lynch. Der Kaufpreis liegt bei rund 50 Mrd. $ in
Aktien.

Die US-Notenbank kündigte angesichts der neuerlichen


Belastungen eine Reihe von Initiativen zur Unterstützung der
Finanzmärkte an. Deren Liquidität solle verbessert und damit die
"potenziellen Risiken und Störungen der Märkte" abgeschwächt werden.
Die Notenbank nimmt noch mehr Wertpapiere als bisher als Sicherheiten
für Notfallkredite in ihre Bücher. Außerdem kündigten zehn Großbanken
ihrerseits an, angesichts des "außergewöhnlichen Marktumfelds"
gemeinsam für eine maximale Liquidität sorgen zu wollen.

Branchenweit sind im Zuge der Finanzkrise bis Anfang September


rund 500 Mrd. $ abgeschrieben worden (siehe in diesem
Zusammenhang detaillierter das neue Buch "Globale Finanzkrise"). Die
US-Regierung besteht neuerdings darauf, im Kampf gegen die
Kreditkrise nicht weitere Steuergelder einzusetzen. Zuvor hatte die US-
Regierung die faktische Verstaatlichung der großen Hypothekeninstitute
Fannie Mae und Freddie Mac in die Wege geleitet und damit gewichtige
Investoren des Kapitalmarktes vor hohen Verlusten bewahrt. Allerdings
sind andere Bereiche des ohnehin geschwächten Finanzsystems
dadurch unter zusätzlichen Druck geraten.

Vor allem der Staatsfonds der VR China und ausländische


Notenbanken waren zunehmend nervös geworden und hatten das
Vertrauen in die F&F-Papiere verloren. Daten der US-Notenbank zeigen,
dass Zentralbanken begonnen hatten, F&F-Anleihen gegen Treasuries
(Schatzpapiere) zu tauschen, weil diese mit einer expliziten
Staatsgarantie ausgestattet sind.

"Agency Debt", die Hypothekenpapiere handelt, war bei


ausländischen Investoren einschließlich Dutzender von Zentralbanken
als Anlageinstrument beliebt gewesen, weil sie eine höhere Rendite als
Treasuries abwarf. In ihrem Besitz sind Anleihen im Wert von über 1.400
Mrd. $. Schon im Juli hatte beispielsweise die Kuwait Investment Agency
(KIA) bekannt gegeben, sie werde in Zukunft nicht mehr in F&F-Bonds
investieren, woraufhin sich Vertreter der USA beeilten, die Sicherheit
dieser Papiere zu garantieren.

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Die US-Notenbank und die US-Regierung haben zwar die großen


Investoren beruhigen können, aber gleichzeitig neue Finanzlöcher
aufgerissen. Vor allem hat die Verstaatlichung den riesigen, ineinander
verflochtenen Markt der Credit Default Swaps (CDS), an dem Anleihen
gegen Verzug versichert werden, in Mitleidenschaft gezogen. Die
"conservatorship" der F&F gilt trotz der bestätigten Staatsgarantie
technisch als ein Ausfallereignis, und die CDS-Versicherungen werden
fällig. Zwar dürften nur Nettopositionen zur Auszahlung kommen (und
nicht die enorm hohen Bruttowerte), doch halten sich auf den
Finanzmärkten Befürchtungen, dass die Verluste der Versicherungen
und Banken, die gegen Ausfall versichert hatten, insgesamt Milliarden
Dollar ausmachen können. Der tiefe Fall des Aktienkurses der großen
Versicherungsgruppe AIG, die Aussicht auf eine Herabsetzung ihres
Kreditratings und der deutliche Anstieg der Prämie für
Ausfallversicherungen machen den Marktdruck deutlich.

Die Verstaatlichung der großen Hypothekarinstitute in den USA


schützt zwar in- und ausländische Investoren vor potenziell hohen
Verlusten und mag ein notwendiger Schritt zur Bereinigung der Kredit-
und Finanzkrise sein, aber er ist längst nicht ausreichend. Die Kritiker
dieser Operation argumentieren: Die USA hätten nicht nur die
umfassendste Verstaatlichung in der Geschichte der Menschheit
durchgeführt und den bisher größten Fall von "moral hazard" geschaffen,
sondern sich auch in den weltgrößten staatlichen Hedge-Fund
verwandelt, der mit einem Einschuss von 200 Mrd. $ Verbindlichkeiten
von fast 6.000 Mrd. $ übernommen und mit einem Schulden-zu-
Eigenkapital-Verhältnis von 30 den bisher ausgeprägtesten "leveraged
buy-out" eingeleitet habe. Das Problem der USA sei nicht eine Krise der
Subprime-Hypotheken, sondern das Subprime-Finanzsystem. Solange
der Preisverfall auf dem Immobilienmärkten in den USA nicht gestoppt
und die Entwertungsbewegung der Hypothekenkredite unterbunden ist,
tragen allein die US-Haushalte und damit die Steuerzahler den
Wertverlust.

Zu befürchten ist, dass die Verstaatlichungen die Bewältigung der


Finanzkrise erschweren könnten. Zwar hat die Notenbank in den USA in
den vergangenen zwölf Monaten immer wieder interveniert, aber das
Hauptproblem des Landes, die hohe Verschuldung des Privatsektors, ist
dadurch nicht geringer worden. Verschlechtern kann sich die Situation
zudem, weil das Unterstützungs- und Bürgschaftsprogramm der US-
Regierung (Bail-out-Plan) die Förderung der Vergabe neuer Hypotheken
vorsieht, was zu einer zusätzlichen Verschuldung der privaten Haushalte
beitragen kann. Eine Lösung der Kreditprobleme wird sich erst
abzeichnen, wenn die privaten Haushalte realisieren, dass sie ihre
bestehende Verschuldung reduzieren sollten, was wiederum einen Stopp
des Preisverfalls auf den Immobilienmärkten erfordert.

Die starke Überschuldung der privaten Haushalte ist zwar in den USA
besonders drastisch, ist aber auch ein Phänomen in den anderen
kapitalistischen Hauptländern. Da sich in den vorangegangenen Jahren
die neoliberale Wirtschaftspolitik auf die Steigerung der Verschuldung
der Privaten stützte, wird die überfällige Entwertung eine starke
Erschütterung in den ökonomischen Grundstrukturen auslösen. Die
Reproportionierung wird sich im Kontext der globalen Finanzkrise und
dem weltweiten Konjunkturabschwung vollziehen. Der aktuelle
Wirbelsturm ist lediglich ein Vorbote weiterer ökonomischer Unwetter

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Joachim Bischoff
Erneutes Beben auf den Finanzmärkten
US-Repräsentantenhaus kippt den Notplan, Bundesregierung rettet Hypo
Real Estate

(1.10.2009)
Ein Ende der seit über einem Jahr
wütenden globalen Finanzkrise ist
weiterhin nicht in Sicht. Das
Krisenpotenzial wird die Finanzmärkte und
die Investoren noch bis weit in das Jahr
2009 beschäftigen und schwebt wie ein
Damoklesschwert über den
Aktienmärkten.

Mit der Abstimmungsniederlage im US-Repräsentantenhaus über den


von Präsident Bush und Finanzminister Paulsen eingebrachten Mega-
Notplan über 700 Mrd. Dollar wurde ohne Zweifel die Krisenpanik der
Anleger und Bankkunden verstärkt. An der Wall Street hatte die
überraschende Ablehnung des Rettungsprogramms für die US-
Finanzbranche am Montagabend blankes Entsetzen ausgelöst. Die
Kurse brachen deutlich ein und auch in Japan sackte der Aktienindex um
vier Prozentpunkte auf den tiefsten Stand seit drei Jahren.

Am folgenden Tag hatten sich die Börsianer überwiegend gefangen;


leichte Aufwärtstrends an den Weltbörsen drücken die Hoffnung aus,
dass das US-Repräsentantenhaus das 700 Mrd. Dollar schwere
Hilfsprogramm doch noch verabschieden werde. Das Paket muss und
wird kommen, nur es wird wohl für die Banken deutlich schlechter
ausgestattet sein. Die entscheidenden Fragen und Kritikpunkte:
1. Zu welchen Kursen werden notleidende Kreditpakete in staatliche
Pension genommen, d.h. wie wird gesichert, dass auch die
Finanzinstitute an den Verlusten beteiligt werden?
2. Gibt es zugleich eine strukturelle Reform, wenn der Zusammenbruch
des überlieferten Banken- und Finanzsystems verhindert wird?
3. Wie kann eine demokratische Kontrolle der staatlichen
Interventionspolitik organisiert werden?
4. Wie kann den vielen Millionen Hauseigentümern geholfen werden, den
mit Zwangsversteigerungen eine Vertreibung von ihren Grundstücken
droht?
5. Wie wird dem Überschlagen in eine schrumpfende Realökonomie
entgegengewirkt?

Das Rettungspaket in den USA wird kommen, auch wenn die konkrete
Fassung noch nicht feststeht. Zum Kampf gegen die Finanzpanik
gehören weiterhin das offensive Agieren der Notenbanken, die den
Bankenkreislauf mit reichlich Liquidität versorgen. Mit immer neuen
Rettungsaktionen stemmen sich auch Regierungen in Europa gegen den
Sog der weltweiten Finanzmarktkrise. Die irische Regierung garantiert
alle Guthaben und Verbindlichkeiten der sechs in Irland registrierten
Banken. Belgien, Frankreich und Luxemburg gewähren der Dexia-Bank
eine Finanzspritze in Milliardenhöhe.

Auch die große Koalition in Berlin leistet ihren Beitrag: Der große
Immobilienkreditkonzern Hypo Real Estate wird durch einen Staatskredit
gestützt. Mit den Mitteln, verbürgt vom Staat mit rund 26,6 Mrd. Euro, soll
der unter Liquiditätsproblemen taumelnde Immobilienfinanzierer
zunächst vor großen Wertberichtigungen abgesichert werden. Anders als
bei einer sofortigen Insolvenz könnte eine geordnete und Substanz
schonende Neustrukturierung der HRE-Gruppe durch einen den Wert
erhaltenden Verkauf der Bank-Töchter oder von deren Vermögensteilen
ermöglicht werden. Ohne ihre lukrativen Töchter aber wäre die HRE in
die Insolvenz gegangen.

Die Staatseite – das Finanzministerium, die Bundesbank und Bafin (die


Finanzaufsicht) – erklärt: "Eine ordnungspolitisch nicht vertretbare
Schonung der Vermögenspositionen der Aktionäre an der
börsennotierten HRE-Holding wird dadurch vermieden, dass die Aktien
der HRE-Gruppe als Sicherheit zur Verwertung abgetreten werden." Und
schlimmer noch für die Aktionäre: "Unterstellt, dass die Verkaufserlöse

http://www.sozialismus.de/socialist/pages/kommentar.php?para=1645 01.10.2008
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dabei nicht die Beteiligungsbuchwerte in der Bilanz der HRE-Holding


erreichen, werden auch die Risikokapitalgeber der HRE-Gruppe
(Aktionäre der HRE-Holding) einen gehörigen Anteil an den Kosten des
Rettungskonzepts tragen."Am Ende des Rettungsprozesses steht die
Auflösung der HRE. Finanzminister Peer Steinbrück hatte von Anfang an
von einer "geordneten Abwicklung" der HRE auf Grundlage des
vereinbarten Rettungskonzeptes gesprochen. Die Grundüberlegung: Es
kann nicht sein, dass man staatliche Hilfe organisiert und dann am Ende,
nach ein, zwei Jahren, die Aktionäre wieder kräftige Dividenden haben
und der Staat auf den Verlusten sitzen bleibt.

Weltweit kämpfen Notenbanken und Regierungen also mit neuen


Liquiditätsspritzen und Bürgschaften gegen die Auswirkungen der
Finanzkrise. All diese Maßnahmen für die Finanzinstitute sorgen für eine
relative Stabilisierung; vor allem gibt es Entwarnung vor der Gefahr eines
reihenweise Zusammenbrechen europäischer Banken.

Zu erwarten sind weitere Bankenpleiten in den USA, eine rasche


Abwärtsbewegung der US-Wirtschaft und ein Abrutschen in die
Rezession. Das Wirtschaftwachstum wird wegen der internationalen
Finanzkrise im kommenden Jahr nach Einschätzung der
Bundesregierung deutlich geringer ausfallen als die bislang
angenommenen 1,2%. Über die Tiefe der Rezession und deren Länge
zeichnet sich nach wie vor kein Konsens ab. Sobald die Schrumpfung
der Realökonomie erkennbar wird, dürften erneut Spannungen
aufkommen, ob der schon deutlich reduzierte Finanzüberbau nicht doch
noch zu gewichtig ist.

http://www.sozialismus.de/socialist/pages/kommentar.php?para=1645 01.10.2008