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Paul Krugman ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Princeton University, Buchautor und regelmäßiger Kolumnist der New York Times. Bei Campus erschienen von ihm bereits Der Mythos vom globalen Wirtschaftskrieg (1999), Die große Rezession (1999) und Schmalspur-Ökonomie (2000).

Paul Krugman

Der große Ausverkauf

Wie die Bush-Regierung Amerika ruiniert

Aus dem Englischen von Birgit Hofmann und Herbert Allgeier

Campus Verlag Frankfurt/New York

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel »The Great Unraveling. Losing Our Way in the New Century« bei W. W. Norton & Company, Inc., 500 Fifth Avenue, New York, NY 10110.

Copyright © 2003 by Paul Krugman All rights reserved.

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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 3-593-37437-4

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Druck und Bindung: Pustet, Regensburg Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier. Printed in Germany

Inhalt

Vorwort

9

Die mageren

11

und die fetten Jahre

13

Amerika auf Abwegen

17

Wie meine Artikel entstanden

19

Der Aufbau des Buches

22

Einleitung: Quo vadis, Amerika?

25

Ein politischer Erdrutsch

26

Revolutionäre in Amerika

27

Steuern senken und Krieg führen

31

Arbeitshypothesen

35

Die große Gegenbewegung

43

Teil I: Luftnummern

45

1 Konstrukte

51

Die nächste Eiszeit kommt bestimmt

51

Abgezockt?

54

Vom Dow gebeutelt

56

2 Auswärtige Vorzeichen

59

Die Asienkrise und ihre Ursachen

59

Krank dank Kant?

62

Wir sind nicht Japan

65

6

Der große Ausverkauf

3 Greenspanomics

69

Grenzwertig

69

Fünf vor zwölf

71

Ein Bärenleben

74

Der Karren im Dreck

77

Die Deflationslücke ist das Problem

80

Blindekuh bei der Fed

82

Bomben und Aktien

85

Zuckungen im Sand

88

Mein Wirtschaftsplan

90

4 Eine Hand wäscht die andere

93

Vetternwirtschaft made in USA

93

Die Reform und ihre Gegner

96

Die Gier der Gekkos

98

Ein Geschmäckle

101

Gespielte Empörung

104

Gezielte Erosion

106

Teil II: Unschärferelationen

111

5 Köder

117

Rechenkünste

117

Hände in Unschuld

120

Bauernfängerei

122

Scheibchenweise

125

Das Universalheilmittel

128

Erbschaftsfragen

131

6 Gerettet!

134

Volltreffer

134

Aggressive Buchführung

137

Den Roten, Blauen, Wahren

140

Ist der Maestro nur die Magd?

142

7 Abra Abakus

146

Der Fluch der guten Tat

146

Zwei-Klassen-Medizin

149

Unehrlich währt am längsten

152

Inhalt

7

Teil III: Die Zeit der Siebenschläfer

155

8

Polarisierungen

160

Ein Rechtsruck zerreißt das Land

160

Familienbande

163

Glückspilze

165

9

Privatinteressen

169

Der Preis des Geizes

169

Die 55-Cent-Lösung

171

Kein Ende in Sicht

174

10

Vorwände und Hintertüren

177

Einäugige mit Bart

177

Blankoschecks

179

Das Pitt-Prinzip

182

Plünderungen

184

11

Verschwörungstheorien

187

Die Skandalschleuder

187

Die Wut im Land

189

In media res

192

Die Kontinente trennen Welten

194

Einflusskanäle

197

Teil IV: Wenn Märkte versagen

201

12 Verdunklungsgefahr

206

 

California Screaming

206

Vermutungen um Versuchungen

208

Finale Finanzialisierung

210

Schmauchspuren

213

Am helllichten Tag

215

Tugend und andere Lächerlichkeiten

217

13 Smog oder Fata Morgana

220

 

Die raffinierte Unwahrheit

220

Bushs Mitleid

222

8

Der große Ausverkauf

 

Zweitausend Hektar

224

Dicke Luft

227

14

Katastrophen im Süden

230

Tränen für Argentinien

230

Leb wohl, Lateinamerika

232

Der verlorene Kontinent

235

Teil V: Der Blick über den Tellerrand

239

15

Global Schmobal

243

Die Feinde der WTO: Scheinargumente gegen die Welthandels- organisation

243

Arbeiter gegen Arbeiter

247

Das kalte Herz

250

Gesetzesbrecher

250

Die Bürde des weißen Mannes

255

Statt eines Nachworts: Wir werden Sie vermissen, James Tobin

257

 

Register

261

Vorwort

Symbole sind oft eine heikle Sache, doch die »Schuldenuhr« von Man- hattan traf den Nagel auf den Kopf. 1989 von einem ums Gemeinwohl besorgten Geschäftsmann gestiftet, sollte sie den Politikern des Landes mehr Verantwortungsbewusstsein einimpfen. Der Ticker zeigte in riesi- gen Ziffern die ständig wachsende Staatsverschuldung an – ständig wachsend, weil die Regierung Jahr für Jahr mehr ausgab als einnahm und die Differenz zwangsläufig über Kredite decken musste. Ende der neunziger Jahre wendete sich das Blatt. Je höher die Börsenkurse klet- terten, desto üppiger flossen die Steuergelder in die staatlichen Kassen. Aus dem Schuldenberg wurde – kaum zu glauben – ein Rekordüber- schuss. Im September 2000 zog der gute Mann von Manhattan seiner Schuldenuhr den Stecker. Doch die Freude hielt nicht lange vor. Seit Juli 2002 steht die Nation erneut vor einem Schuldenberg, der seinesgleichen sucht. Zeit also, den Ticker wieder in Gang zu setzen. Der Kampf gegen das Haushaltsdefizit ist gewiss nicht das einzig Interessante an der jüngeren amerikanischen Geschichte, doch sympto- matisch ist er allemal. Schon oft hat die US-Bundesregierung ihn für gewonnen erklärt, doch die roten Zahlen waren jedesmal schnell wie- der da. Geht es indes dem Haushalt schlecht, steht es für gewöhnlich auch mit anderen Indikatoren der nationalen Befindlichkeit nicht zum Besten. Anfang der neunziger Jahre etwa lag Amerika am Boden – öko- nomisch, gesellschaftlich, politisch. Nicht umsonst trug ein Bestseller jener Tage den Titel America: What Went Wrong. Bis zum Ende des

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Der große Ausverkauf

Jahrzehnts hatten wír uns wieder aufgerappelt. Die Wirtschaft boomte, Jobs gab es in Hülle und Fülle, Millionen von Amerikanern konnten sich mit dem an der Börse gewonnenen Geld Träume erfüllen. Das Haushaltsdefizit war wie weggeblasen, die hohe Kriminalitätsrate, die seit den sechziger Jahren das Bild prägte, fiel drastisch; die Großstädte waren wie durch ein Wunder sicherer als je zuvor. Die Zukunft schien rosig. Der Optimismus war grenzenlos. Dann aber geriet Sand ins Getriebe. Heute, im Jahr 2003, steckt unsere Wirtschaft wieder tief in der Krise. Schlimmer noch: Vielleicht befinden sich unsere Gesellschaft und unser politisches System im Nie- dergang. Angst breitet sich aus. Umfragen zufolge hat die Bevölkerung mehrheitlich das Gefühl, dass die Dinge in die falsche Richtung laufen. Dieses Buch ist in erster Linie eine Chronik jener Jahre, als – wieder einmal – alles zu kippen begann und der fröhliche Optimismus Ende der neunziger Jahre einem gewaltigen Kater wich. Ich gehe im Folgenden den Ursachen auf den Grund, gilt es doch zu verstehen, warum ein Land mit einem so großen Potenzial dermaßen plötzlich heruntergewirtschaf- tet werden konnte. Im Kern geht es um die Führung – eine unglaublich schlechte, politisch wie wirtschaftlich verantwortungslose Führung, um es vorwegzunehmen. Im Mittelpunkt der Kritik steht eindeutig George W. Bush, der derzeitige Präsident. Helen Thomas, eine Journalistin, die sich mit der Geschichte des Weißen Hauses auskennt, hat Bush junior einmal den »schlechtesten aller amerikanischen Präsidenten« genannt. Ob das Urteil in dieser Härte zutrifft, will ich dahingestellt sein lassen – einige seiner Vorgänger liegen gewiss auch nicht schlecht im Rennen. Nur kommt bei Bush erschwerend hinzu, dass heute im Gegensatz zu früher nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt unter der Inkompe- tenz oder den Fehlern amerikanischer Präsidenten leidet. Zum größten Teil besteht dieses Buch aus Artikeln, die ich zwischen Januar 2000 und Januar 2003 für die New York Times geschrieben habe. Ich hoffe allerdings sehr, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile und für den Leser der rote Faden sichtbar wird. Ich werde gleich noch darauf zu sprechen kommen, wie ich in die Journalisten- rolle geriet. Zunächst aber will ich kurz den geschichtlichen Hinter- grund skizzieren.

Vorwort

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Die mageren

Ende der Neunziger war die Stimmung euphorisch: viele Arbeitsplätze, steigende Aktienkurse, geordnete Staatsfinanzen, weniger Gewaltver-

Die Erinnerung an die Rezession am Anfang des Jahr-

zehnts schwand allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis. Kaum ein Amerikaner hatte zum Millenniumswechsel noch einen Begriff von der Niedergeschlagenheit, die das Land acht Jahre zuvor beherrscht hatte. Und doch liegen in ihr die Wurzeln für das, was folgen sollte. Wenn man nationale Größe rein militärisch definiert (und in Ame- rika sind solche Zeitgenossen gegenwärtig leider an der Macht), ist der Pessimismus des Jahres 1992 widersinnig – auf diesem Gebiet stand Amerika damals glänzend da. Der Kommunismus war über Nacht kol- labiert. Der Golfkrieg, in dem viele den Beginn eines zweiten Vietnam fürchteten, geriet zu einer Demonstration amerikanischer Stärke. Ame- rika war damals schon, was es bis heute ist: die einzige Supermacht der Welt. Doch militärischer Erfolg übersetzt sich nicht automatisch in wirt- schaftliche Stärke. Ein Bonmot aus jener Zeit: »Der Kalte Krieg ist vor- bei. Japan hat ihn gewonnen.« Das bezog sich natürlich auf die Diskre- panz zwischen dem stagnierenden Amerika und dem florierenden, scheinbar übermächtigen Japan. Man munkelte von unfairem Wettbe- werb. Doch wie immer man dazu steht (und diese These war definitiv falsch!), es änderte nichts an der Stimmung: Amerika blies Trübsal. Wie gesagt, Japan war nicht der Bösewicht, als der es in den USA viel- fach hingestellt wurde. Im Rückblick wissen wir, dass die japanische Wirtschaft wenig später von einem Abschwung sondergleichen erfasst wurde. Das sollte uns eine Lehre sein, zumal die durchaus hausgemach- ten amerikanischen Probleme auch nicht von schlechten Eltern waren. 1992 erklärten die Statistiker die Rezession der Jahre 1990/91 für über- wunden, doch half dies wenig, denn der Aufschwung war viel zu schwach. »Jobless recovery« nennt man dieses Phänomen unter Öko- nomen und meint eine Erholung, die keine Arbeitsplätze schafft: Das Bruttoinlandsprodukt wächst, doch die Erwerbslosigkeit stagniert oder steigt sogar weiter an. Der Durchschnittsbürger erlebte diese Zeit

brechen

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Der große Ausverkauf

jedenfalls als fortgesetzte Rezession; auch wer noch in Lohn und Brot stand, musste Abstriche hinnehmen. Die Reallöhne sanken seit zwei Jahrzehnten, bestenfalls stagnierten sie phasenweise. Die Stahlwerke, die Autoindustrie und andere Branchen, in denen sich traditionell gutes Geld verdienen ließ, steckten in einer Dauerkrise. Die Armut nahm zu, nicht ab. Über 20 Prozent aller amerikanischen Kinder lebten 1992 unterhalb der Armutsgrenze – der höchste Wert seit 1964. Die allgemeine Desillusionierung fand in der Pop- und Massenkultur ihren Ausdruck. Nehmen wir stellvertretend drei Kinohits der frühen neunziger Jahre: Falling Apart spricht schon im Titel Bände und han- delt von einem entlassenen Arbeiter, dessen Frustration sich freie Bahn bricht. In Im Herzen der Stadt geht es um Kriminalität und die damit verbundenen Gefahren für das Gemeinwesen. Die Wiege der Sonne heißt nicht umsonst auch Nippon Connection: Der Film erzählt vom Niedergang Amerikas und Aufstieg Japans. Doch was war eigentlich mit den neuen Technologien und deren Seg- nungen? Anfang der neunziger Jahre zerstob auch diese Hoffnung. Nicht dass es an Innovationen gefehlt hätte – wohl aber an Resultaten. Der Computer setzte seinen Siegeszug ungebremst fort, überall standen Faxgeräte herum, Handy und E-Mail kamen in Mode. Nichts davon wirkte sich nennenswert auf den Arbeitsmarkt und den allgemeinen Lebensstandard aus. (Ein bekannter Kollege bezeichnete den ganzen Hightech-Firlefanz damals als klassischen Rohrkrepierer. Inzwischen hat der Mann seine Meinung freilich geändert.) Vor allem aber waren die Bürger und Bürgerinnen von den Verant- wortlichen in Politik und Wirtschaft bitter enttäuscht. In jeder Bahn- hofsbuchhandlung stolperte man über Bücherstapel mit Samurai- Kämpfern auf dem Schutzumschlag. Sie sollten den geneigten Leser in die Geheimnisse japanischer Führungskunst einweihen. Was die Men- schen indes viel mehr beschäftigte, war die evidente Schwäche der US- Firmen und ihres Managements. Japan schien den technischen Fort- schritt abonniert zu haben. »Made in the USA« war kein Qualitätssie- gel mehr, viele US-Verbraucher mieden heimische Produkte geradezu. Die CEOs der großen Konzerne gerieten mächtig in die Kritik – »unfä- hig und überbezahlt« war noch milde ausgedrückt. Und Präsident

Vorwort

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George Bush (senior), der mit Vertretern der Autobranche in Tokio wirtschaftliche Zugeständnisse einforderte, erlebte ein Fiasko. Das PR- Desaster war perfekt. Politiker verloren insgesamt stark an Ansehen. Das Bemerkenswer- teste an der Präsidentschaftswahl 1992 war nicht, dass Bush abtreten musste, sondern dass ein Unternehmer und typischer Mainstream-Ver- treter, Henry Ross Perot, auf Anhieb 19 Prozent der Stimmen bekam. In einem System, in dem eine Partei neben Demokraten und Republika- nern nicht einmal den Hauch einer Chance hat, war dies massiver Aus- druck von Enttäuschung und Misstrauen – eine Ohrfeige für das Estab- lishment. Die Stimmung war damals also im Keller – und doch erwarteten die meisten Beobachter für die Zukunft noch Schlimmeres. Sie irrten gründlich. Schon bald schwang das Pendel gesellschaftlich wie wirt- schaftlich in die entgegengesetzte Richtung. Acht goldene Jahre bra- chen an.

und die fetten Jahre

Es dauerte freilich eine ganze Weile, bis die Menschen an den Auf- schwung glaubten. Zu tief hatte sich der Pessimismus eingegraben. Noch im Winter 1995/96 waren die Zeitungen und Magazine trotz der seit Jahren sinkenden Arbeitslosenquote voller Negativschlagzeilen über Entlassungen und Stellenstreichungen. Im Präsidentschaftswahl- kampf von 1996 rieben Bob Dole und seine Republikaner dem amtie- renden Präsidenten Clinton die angeblich zu schwache konjunkturelle Erholung unter die Nase. Sie hätten es eigentlich besser wissen müssen. Allerdings blieben auch unvoreingenommene Ökonomen skeptisch, Enttäuschungen sind schließlich nie ausgeschlossen. Irgendwann aber gab es nichts mehr zu deuteln – die US-Wirtschaft war im Aufwind, der Markt boomte. Und auch gesellschaftlich standen die Signale auf Grün. Heute, da wir erneut in der Klemme stecken, verzerren sich die Ereig- nisse schnell durch einen allzu pessimistischen Blickwinkel. Aber das ist

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Der große Ausverkauf

kontraproduktiv. Gerade jetzt wäre es wichtig, die guten Seiten der Clinton-Jahre nüchtern und ausgewogen zu betrachten. Gewiss, die Euphorie der späten neunziger Jahre hatte jede Bodenhaftung verloren. Dessen ungeachtet konnte sich das reale Wirtschaftswachstum durch- aus sehen lassen – ja mehr als das! Schauen wir uns einige Indikatoren an. Zunächst und vor allem (weil für die Menschen das Wesentliche):

Ende der neunziger Jahre gab es genug Arbeitsplätze. 32 Millionen neue Stellen entstanden zwischen 1992 und 2000, die Erwerbslosenquote war so tief wie schon lange nicht mehr. Die Vollbeschäftigung eröffnete vielen Familien die Chance, der Armutsfalle zu entkommen, und die entsprechenden Kennziffern sanken, ebenfalls erstmals seit den sechzi- ger Jahren. Dies wiederum wirkte sich positiv auf soziale Indikatoren wie die Kriminalitätsrate aus: Ende der neunziger Jahre konnte man sich in New York City so sicher fühlen wie zuletzt Mitte der Sechziger. Noch spektakulärer als das Jobwunder aber war die steigende Pro- duktivität (die den Ausstoß je Beschäftigtem beziffert). In den siebziger und achtziger Jahren wuchs die Produktivität mit mageren 1 Prozent pro Jahr äußerst bescheiden – der größte Schwachpunkt der US-Wirt- schaft und hauptverantwortlich für den stagnierenden Lebensstandard im Land. Die Rechnung ist simpel: Ohne steigende Produktivität keine nachhaltigen Lohnzuwächse. Erst Mitte der Neunziger legte die Pro- duktivität rapide zu und erreichte am Ende des Jahrzehnts ein Niveau wie nie zuvor in der amerikanischen Geschichte. Dies kam auch den Löhnen zugute. Die Stagnation war vorbei. Woher rührte diese plötzliche Produktivitätssteigerung? Hier kommt die Technologie ins Spiel, und zwar insbesondere die Informationstechnologie. Endlich zeigten all die PCs und Computer- netze, was in ihnen steckte! Das war meines Erachtens der entschei- dende Faktor. Natürlich versuchten die Spitzenmanager, sich den Erfolg ans eigene Revers zu heften, zumal das einst bewunderte, ja gefürchtete Japan gestrauchelt war. Die US-Wirtschaft gewann ihr Selbstvertrauen zurück, Amerikas Wirtschaftsführer sonnten sich in der Heldenrolle. Das Kürzel CEO (für Chief Executive Officer) hatte Konjunktur. Viele fanden es nur gerecht, dass die Supermänner und -frauen auch Superge-

Vorwort

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hälter kassierten. Das amerikanische System schien tadellos zu funktio- nieren und schickte an den darbenden Rest der Welt die Botschaft: Seht her, wenn die Anreize stimmen, kommt der Erfolg von ganz allein! Nehmen wir als dritten Indikator den Aktienmarkt. Ende 1992 stand der Dow Jones bei gerade einmal 3500 Punkten, im Jahr 2000 hingegen bei über 10000 Punkten. Trotzdem fühlten sich viele Anleger wie Ver- lierer. Denn wer in Standardwerte investiert hatte, kam im Vergleich zu jenen schlecht weg, die mit Technologieaktien spekuliert hatten und fast über Nacht Millionäre geworden waren. So etwas hatte es seit 1929 nicht mehr gegeben. Und dies alles sollte nur der Anfang sein – so man- cher Guru sah den wichtigsten amerikanischen Index schon bald bei 36000 Punkten. Zugegeben, es gab Skeptiker. Auch ich traute der fantastischen Produktivitätsentwicklung anfänglich nicht. Die Zweifel legten sich zwar, trotzdem hielt ich die Entwicklung der Börsenkurse mit ih- rer Spitze im Frühjahr 2000 für völlig überzogen. Wer in Ökonomie und internationaler Wirtschaftsgeschichte einigermaßen bewandert ist, musste die Übertreibung der Märkte sehen und sich fragen, wann die Party vorbei ist. Die Parallelen zwischen der US-Wirtschaft Ende der Neunziger und der japanischen Volkswirtschaft Ende der Achtziger lagen auf der Hand. Und wir wissen ja: Nachdem die japanische Bör- senblase geplatzt war, stürzte die Wirtschaft ins Bodenlose. Japan ist bis heute nicht auf die Beine gekommen. Doch die wirtschaftliche Entwicklung der neunziger Jahre war wie gesagt sehr solide und gab berechtigten Anlass zu Optimismus, wenn- gleich es später zum Crash kam. Denn im Unterschied zu den USA haben die Japaner ihre wirtschaftlichen Probleme durch eine schlechte Politik verschärft, während wir der Clinton-Regierung hier viel verdan- ken. Freilich sah dies zu Beginn von Bill Clintons Amtszeit noch anders aus. Auch ich kritisierte damals die Kompetenz seiner Mannschaft in ökonomischen Fragen heftig. Das war vor Robert Rubin. Seine Wirt- schaftspolitik – die Rubinomics – war ein Volltreffer und am Ende des Jahrzehnts unumstritten. Doch worin bestand das Erfolgsrezept? Zunächst und vor allem traute sich Clinton, die (in den USA sowieso

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Der große Ausverkauf

relativ niedrigen) Steuern zu erhöhen, um das Haushaltsdefizit abzu- bauen. Man kann diese Maßnahme nicht genug loben, denn sie war doppelt mutig. Zum einen hatte er das Beispiel seines Vorgängers George Bush vor Augen, der für seine Steuererhöhung abgestraft wurde (obwohl selbst Ronald Reagan einen Teil seiner großzügigen Steuerge- schenke später wieder kassierte). Zum anderen war aus der konservati- ven Ecke natürlich mit starkem Gegenwind zu rechnen. Die Republika- ner nahmen den Mund denn auch voll wie immer und prophezeiten der US-Wirtschaft eine knallharte Bauchlandung. Clinton ließ sich nicht beirren und hob die Steuern trotzdem an – und wurde mit einer boo- menden Wirtschaft und einem hohen Haushaltsüberschuss belohnt. Zudem hatte die Clinton-Administration ein Händchen im Umgang mit weltwirtschaftlichen Krisen. Als der mexikanische Peso 1995 mas- siv unter Druck kam, halfen die USA dem Nachbarland gegen den Widerstand der politischen Rechten. Zwei Jahre später krachte es in Asien, und im Herbst 1998 ging infolge der russischen Zahlungspro- bleme einer der großen amerikanischen Hedge-Fonds – Long-Term Capital Management – in die Knie. Die Finanzmärkte reagierten mit Panik und kamen praktisch zum Erliegen. Ich erinnere mich gut an eine Krisensitzung, auf der ein Vertreter der amerikanischen Notenbank gefragt wurde, was man jetzt noch tun könne. Seine Antwort: »Beten.« Doch Rubin beruhigte die Situation, unterstützt vom Vorsitzenden der Federal Reserve Alan Greenspan. Schöne Zeiten waren das, als der US- Finanzminister noch bewundert wurde und sein Wort etwas galt. Die Märkte erholten sich. Anfang 1999 zierten Alan Greenspan, Robert Rubin und sein Stellvertreter Larry Summers das Titelblatt des Maga- zins Time. Vom »committee to save the world« war in dem Artikel die Rede. Die Welt hat das Trio zwar nicht allein gerettet, doch ganz aus der Luft gegriffen ist das Lob auch nicht. Am Beginn des neuen Jahrtausends wurde Amerika von einer erfah- renen, ökonomisch kompetenten Mannschaft regiert, die in Krisen richtig reagierte und eine verantwortungsbewusste Fiskalpolitik garan- tierte. Wirtschaftlichen Schwächeanfällen würden diese Verantwortli- chen rasch und wirkungsvoll begegnen, weshalb Pseudoaufschwünge a` la »jobless recovery« ein für alle Mal der Vergangenheit anzugehören

Vorwort

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schienen – ganz zu schweigen von einer Rezession mit jahrelanger Stag- nation wie in Japan. Selbst die Pessimisten (zu denen ich mich in gewis- ser Weise zähle) waren im Grunde optimistisch: Die Börsianer würden ganz klar irgendwann auf die Nase fallen. Doch der Wirtschaft insge- samt ging es prächtig. Kein Grund zur Sorge also.

Amerika auf Abwegen

Das Satiremagazin The Onion bezeichnet sich selbst als »Amerikas beste Informationsquelle«. Zumindest für die letzten Jahre kann man das wörtlich nehmen. Am 18. Januar 2001 legte das Blatt dem eben ver- eidigten Präsidenten George W. Bush folgende Worte in den Mund:

»Der Albtraum von Frieden und Wohlstand ist endlich vorbei.« Gut gebrüllt, Löwe. Denn genau so kam es. Was war eigentlich geschehen? Wie konnten sich die Zeiten nur so schnell ändern? Ein Tag symbolisiert den Stimmungsumschwung wie kein zweiter – der 11. September 2001. Es war ein Tag, der Träume als Schäume erwies und die Bedrohung spürbar werden ließ. Doch für mich ist das nur die halbe Wahrheit. Es waren weitere und tiefer grei- fende Faktoren im Spiel. Ich will den Schrecken des 11. September nicht kleinreden. Aber wer die Lage im Mittleren Osten beobachtete, wusste, dass Terroristen die Vereinigten Staaten nicht erst seit Kurzem im Visier hatten. Schon beim Oklahoma-Anschlag 1995 fiel der Verdacht zunächst auf die islamische Welt. Experten warnen seit Jahren, dass Islamisten irgendwann auf amerikanischem Boden zuschlagen könnten, wenngleich sich wohl nie- mand eine Katastrophe von der Größenordnung des 11. September vor- stellte. Deswegen sitzt der Schock so tief. Aber dass die USA in der Welt Feinde haben und es uns irgendwann einmal treffen konnte, wussten wir schon vorher. Doch das eigentlich überraschende Problem war das eklatante Ver- sagen der amerikanischen Eliten in Politik und Wirtschaft. Die Krise ist primär hausgemacht.

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Seit den neunziger Jahren mehren sich die Anzeichen für Exzesse in der Wirtschaft. Allerdings wurden Berichte darüber kaum ernst genom- men. Das Ausmaß und die Unverfrorenheit der Manipulationen waren ungeheuerlich, aber wir begriffen viel zu spät, dass der Überschwang an der Börse die irrwitzigsten Machenschaften begünstigte und zu vertu- schen half. Wer mochte sich schon vorstellen, dass sich selbst Vorzeige- unternehmen, die Lieblinge der Business Schools und Wirtschaftsfakul- täten, derart korrupt gebärden würden? Noch weit stärker beunruhigt, dass in unserem politischen System und speziell an der Spitze der Exekutive einiges faul ist. Das verantwor- tungsbewusste Handeln, das wir in den neunziger Jahren kennen und schätzen gelernt hatten, war offenkundig nicht viel mehr als ein glück- licher Zufall, der daraus abgeleitete Vertrauensvorschuss vollkommen ungerechtfertigt. Die Konservativen jedenfalls hatten nichts, aber auch gar nichts dazugelernt. Im Wahlkampf 2000 trat George W. Bush mit einem Programm auf, das stereotyp zwei Schlagworte wiederkäute:

Steuersenkungen und Sozialabbau. Die Rechnung ging vorn und hinten nicht auf und konnte gar nicht stimmen, doch die Medien frönten ihrem dummen Personenkult und ließen Sachargumente links liegen. Auch Notenbankchef Alan Greenspan spielte eine unrühmliche Rolle – die zweite herbe Enttäuschung. Er, den wir unter Clinton als Mann mit Augenmaß und unbeirrbaren Verfechter der Haushaltsdis- ziplin schätzen gelernt hatten, entpuppte sich unter den neuen Herren im Weißen Haus als Steigbügelhalter einer rücksichtslosen Steuersen- kungspolitik, mochte die Staatsverschuldung auch ins Unermessliche steigen. Bushs Politik war nicht nur unsolide, sondern auch völlig inflexibel. Sein Wirtschaftsprogramm sah von jedweder konjunkturellen Feinab- stimmung ab. Ihm ging es nur um eins: radikale Steuersenkungen, die er schrittweise, aber konsequent durchzusetzen beabsichtigte, komme, was da wolle. Schon nach einem Jahr war sonnenklar, dass eine so kurz- sichtige, reaktionäre Vorgehensweise nicht funktionieren konnte und alle Versprechungen glatt an der Wirklichkeit vorbeigingen. Wie schon der Vater sah sich der Sohn mit einer wachstumsschwachen Wirtschaft konfrontiert, die keine neuen Arbeitsplätze schaffen konnte – »jobless

Vorwort

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recovery«, wir kennen es schon. Die Lebensverhältnisse der meisten Amerikaner wurden schlechter. Not getan hätte der Wirtschaft in dieser Situation eine kurzfristige Ankurbelung, nicht langfristige Steuersen- kungen. Die waren angesichts der defizitären Haushaltslage überhaupt nicht finanzierbar. Bush und seine Helfershelfer fochten das nicht an. Ungerührt und ohne Zugeständnisse verordneten sie dem Land ein Pro- gramm, das 1999 – auf dem Höhepunkt einer überhitzten Konjunktur – formuliert worden war! Als man sich Anfang 2003 dem Eindruck, dass das Volk ein bisschen mehr erwartete, nicht mehr verschließen konnte, wurde eine Konjunkturankurbelung proklamiert. Sie ahnen es:

Das neue Programm war ein Abklatsch des alten – von Sofortmaßnah- men zur Stimulierung der Wirtschaftstätigkeit keine Spur, stattdessen großzügige Steuererleichterungen für alle Ewigkeit, vorzugsweise zu- gunsten der Reichen. Das Schockierendste aber war die Erkenntnis, dass abgesehen von einer miserablen, ideologisch verblendeten Wirtschaftspolitik noch etwas ganz anderes im Gange war: eine regelrechte Revolution von rechts. Damit werde ich mich weiter unten ausgiebig befassen.

Wie meine Artikel entstanden

Seit Januar 2000 schreibe ich Kolumnen für die New York Times. Damals konnte niemand ahnen (mich eingeschlossen), worauf ich mich da einließ. Von Haus aus bin ich Wirtschaftsprofessor, mein Spezialgebiet sind internationale Finanzkrisen, von denen die neunziger Jahre einige zu bieten hatten. Akademische Arbeiten sind in der Regel nur für Fach- leute lesbar. Deshalb schrieb ich nebenher für ein breiteres Publikum, dem ich ökonomische Fragen und weltwirtschaftliche Zusammen- hänge möglichst allgemein verständlich vorstellen wollte. Bis 1998 hatte ich zwei monatliche Kolumnen, eine in Fortune, die andere im Online-Magazin Slate. Einige dieser Artikel sind hier noch einmal abge- druckt.

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Der große Ausverkauf

Im Sommer 1999 fragte die New York Times bei mir an, ob ich nicht Leitartikel für das Blatt verfassen wolle. Der damalige Chefredakteur, Howell Raines, wollte in der Times der wachsenden Bedeutung der Wirtschaft Rechnung tragen. Er fand, das Blatt dürfe sich nicht länger auf Außen- und Innenpolitik beschränken. Er bat mich um regelmäßige Beiträge zu Fragen der New Economy, der Globalisierung und der inter- nationalen Wirtschaftspolitik, ein weites Feld, aber dass die amerikani- sche Innenpolitik eine zentrale Rolle spielen würde, hätte ich damals nicht vermutet. Daheim war die Welt damals ja vergleichsweise in Ord- nung, die Verhältnisse machten einen sehr soliden, relativ problemlosen Eindruck. Ich konzentrierte mich also auf den Bereich Wirtschaft in seiner gan- zen Themenvielfalt. Deshalb haben die meisten Beiträge der ersten Hälfte des Buches rein ökonomischen, weitgehend unpolitischen Cha- rakter. Doch schon bald schoben sich politische Fragen in den Vorder- grund. Und immer häufiger sah ich mich gezwungen, den Regierenden im eigenen Land ins Gewissen zu reden. Warum gerade ich? Das liegt auch an der allgemeinen Verwirrung, die man leider diagnostizieren muss. Heute wirft man mir vor, ich sei ein in der Wolle gefärbter Liberaler, ja, ein brandgefährlicher Sozialist. Noch vor ein paar Jahren hörte sich das freilich ganz anders an. Jeden- falls war ich jenen ein Dorn im Auge, die sich Liberale nennen. Man hat mir sogar eine Titelgeschichte gewidmet, um mich neokapitalistischer Neigungen zu zeihen. Ralph Nader schrieb einen empörten Brief, in dem er meine Kritik an seinen Rundumschlägen gegen die Globalisie- rung zurückwies. Wenn ich in letzter Zeit immer häufiger und immer polemischer gegen die (radikale) politische Rechte in unserem Land anschreibe, so hat dies einen objektiven Grund – sie regiert heute unser Land, und sie regiert es denkbar schlecht. Die rücksichts- und verant- wortungslose Politik des Bush-Lagers ist schlimm genug, aber noch mehr stößt mich die Doppelmoral ab. Die politische Führung Amerikas treibt ein kühl kalkuliertes Lügenspiel, um ihre eigentlichen Ziele zu kaschieren! Ich gehörte, so viel darf ich von mir behaupten, zu den Ersten, die auf die empörende Unredlichkeit der Bush-Administration hinwiesen.

Vorwort

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Warum gerade ich? Bin ich ein Hellseher? Nein. Ich bin nur ein Öko- nom, der sein Einmaleins gelernt hat. Mehr ist auch nicht nötig, um das schmutzige Spiel zu durchschauen. Nicht einen Moment lang schwebte ich in der Gefahr, mich an jener Mainstream-Berichterstattung zu betei- ligen, die jede noch so haltlose Meinung, jede abstruse These und noch die abseitigste Position ernst nimmt. Die amerikanischen Medien prä- sentieren – leider – alle Äußerungen unabhängig vom Wahrheitsgehalt mit der gleichen Gewichtung. Auf die Substanz kommt es ihnen nicht an. Genau die ist mir jedoch wichtig, und wo mein eigener Sachverstand nicht ausreicht, frage ich – einer guten Praxis folgend – Fachleute. Wir haben es im ach so demokratischen und aufgeklärten Amerika mit einer der übelsten »Schurkenregierungen« dieser Erde zu tun. Das ist beileibe keine Übertreibung, und ich stehe mit meiner Meinung auch keineswegs allein da. Recherchieren Sie ruhig einmal nach, wie häufig Wirtschaftskommentatoren (die in der Regel eins und eins zusammen- zählen können) die Bush-Regierung schon der glatten Lüge und des Betrugs überführt haben! Doch die politischen Kommentatoren warten vorzugsweise mit Lobgesängen auf die angebliche Seriosität der Repub- likaner auf. Die Artikel der Wirtschaftsjournalisten zielen zwangsläufig auf einen engen Leserkreis und spielen deshalb in der politischen Dis- kussion keine große Rolle. Mit meinen breiter angelegten Leitartikeln in der Times, also einer der angesehensten und auflagenstärksten Zei- tungen des Landes, erreichte ich ein wesentlich größeres Publikum. Meine, wie ich denke, sehr begründete abweichende Sicht der Dinge fiel mir nicht nur deshalb leicht, weil ich von Wirtschaft etwas verstehe, sondern auch weil ich unabhängig bin. Fast alle »politischen« Kom- mentatoren sitzen in Washington und bilden einen einzigen Klüngel. Dass die Abschottung Realitätsverlust bedeutet, liegt nahe. Ihr Bild wird von einem »Interpretationskonsens« bestimmt, der ihre Wahrneh- mung unbemerkt filtert. Bis zum 11. September folgten sie der Marsch- route, Bush junior sei zwar nicht der Klügste, aber eine ehrliche Haut. Nach dem 11. September etablierte sich der Mythos vom entschlosse- nen Helden mit der sauberen Weste – der einfache Ranger aus Texas, an dem die Welt gesunden werde (»Texas Ranger to the world« schrieb ein Kommentator wirklich). Weder das eine noch das andere Bild stimmt.

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Der große Ausverkauf

Wie gesagt, ich gehöre nicht zu den Hofschranzen von Washington. Ich sitze in New Jersey und führe das unabhängige Leben eines Univer- sitätsprofessors. Warum sollte ich Meinungen unterstützen, die ich für falsch, absurd oder verlogen halte? Mich kann niemand unter Druck setzen! Ich bin nicht auf Insiderinformationen angewiesen, derentwil- len sich viele Journalisten krumm buckeln. Ich brauche weder Kontakte noch »zuverlässige Quellen«, Exklusivinterviews sind mir schnuppe. Mir kann niemand Daumenschrauben anlegen. Hofberichterstattung

hat ihren Preis – wer nicht spurt, wird es schon spüren

reichen öffentlich zugängliche Informationen in der Regel vollkommen aus. Wenn ich offen meine Meinung sage und begründe, muss ich keine Angst haben, ob es diesem passt oder jenen ärgert. Ich habe jedenfalls mit meiner ganz anderen Sicht der Dinge in den letzten drei Jahren nicht hinter dem Berg gehalten und in manches Wes- pennest gestochen. Immerhin gab es auch im Internet eine vergleichs- weise kritische Berichterstattung, doch deren Breitenwirkung ist aus naheliegenden Gründen leider begrenzt. Während die meisten Kom- mentatoren Lobhudeleien auf die Bush-Administration verbreiteten und von »kühner Vision«, »Kompetenz« und »moralischer Klarheit« faselten, warf ich ihr im Gegenteil Inkompetenz, Ineffektivität und Unredlichkeit vor. Das kam schlecht an, vor allem in den ersten Mona- ten nach dem Attentat vom 11. September 2001. Fragt sich nur, ob ich nicht trotzdem Recht gehabt habe. Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil!

Mir hingegen

Der Aufbau des Buches

Ich habe mich bemüht, die hier versammelten Artikel thematisch, also nicht nur nach Erscheinungsdatum zu ordnen. Trotzdem spielt die Chronologie natürlich eine gewichtige Rolle. Erstens entstand jede Kolumne eben zu ihrer Zeit und stellt eine situative Reaktion dar. Zwei- tens ist eine gewisse Entwicklung nicht zu verkennen, denn das Leben geht ja weiter und fördert immer neue Erkenntnisse zu Tage. Das Buch gliedert sich in fünf Teile, die wiederum in Kapitel zu je einem spezifi-

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schen Thema unterteilt sind. Hinzugefügt habe ich die Einleitung, in der Hintergründe und politische Zusammenhänge eingehend beleuchtet werden. Vor jedem der fünf Teile steht eine kleine Einführung, um die Artikel etwas einzuordnen und das Verständnis zu erleichtern. Die Kolumnen beginnen mit dem Aktienmarkt, sprich: der exorbi- tanten Börsenentwicklung Ende der neunziger Jahre, dem unvermeidli- chen Crash mit allen Konsequenzen. Ich war zwar schon immer ein Bör- senskeptiker – doch bei weitem nicht skeptisch genug, wie Sie sehen werden. Da internationale Wirtschaftsbeziehungen (und mithin die Probleme anderer Volkswirtschaften) zu meinen Schwerpunkten zäh- len, war mir früh klar, dass ein Börsenkrach die USA in enorme wirt- schaftliche Schwierigkeiten stürzen würde. Allerdings muss ich geste- hen, dass ich die Gefahren auch hier anfänglich unterschätzte. Was frei- lich niemand ahnen konnte, war das horrende Ausmaß an Korruption und Manipulation, das nach und nach zum Vorschein kam. Dieser Schock musste erst einmal verdaut und richtig begriffen werden. Im zweiten Teil geht es schwerpunktmäßig um den Staatshaushalt und das Schicksal der amerikanischen Rentenversicherung. Es ist die Geschichte einer geradezu vorsätzlichen Staatsverschuldung. Mir zu- mindest war von Anfang an vollkommen klar, dass Bushs Pläne ökono- mischer Unsinn sind und die Zahlen so lange manipuliert werden, bis sie dieser Regierung ins ideologische Handwerk passen. Klar war damit auch, dass die Tage des von Clinton geerbten Haushaltsüberschusses gezählt waren. Beides trat denn auch ein – nur viel schneller und härter als erwartet. Selten hat eine Regierung ein Land schneller herunterge- wirtschaftet. Gerade als ich dies schreibe, muss sie einräumen, dass aus einem Überschuss von 230 Milliarden Dollar 300 Milliarden Dollar Defizit geworden sind. Wie war das nur möglich? Dieser Frage gehe ich im dritten Teil nach. Wer verstehen will, wohin dieser Präsident Amerika treibt, muss neben der Ökonomie die Politik ins Kalkül ziehen. Wenn ich mich nicht täu- sche, haben viele aufrechte Amerikaner – Liberale wie Konservative – noch immer nicht begriffen, was in diesem Land vorgeht. Wir müssen uns von dem gewohnten Bild einer anständigen, seriösen Politik verab- schieden. Die politische Wirklichkeit ist hässlich!

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Der große Ausverkauf

Die Ereignisse der letzten Jahre haben nicht nur mein Vertrauen in das politische System der USA erschüttert. Sie haben auch deutlich gemacht, dass freie Märkte – im Grunde eine hervorragende Sache – extreme Schattenseiten haben können. Der vierte Teil widmet sich schockierenden Beispielen von Marktversagen – von der kalifornischen Energiekrise bis zu den katastrophalen argentinischen Verhältnissen. Natürlich sind die Vereinigten Staaten nicht der Nabel der Welt – weder politisch noch wirtschaftlich. Das Buch schließt daher mit einem Blick auf die Weltwirtschaft sowie die spezifischen Methoden und Instrumente, mit denen wir diese Zusammenhänge zu verstehen versu- chen. Spaßig ist dieses Buch von seinem Thema her leider nicht. Es geht um Rezession, Führungsmängel und die Lügen der Mächtigen. Trotzdem besteht kein Grund zur Verzweiflung, noch ist alles reparabel. Aller- dings muss Amerika begreifen, warum das System einen Knacks bekommen hat und wie Abhilfe möglich ist.

Einleitung

Quo vadis, Amerika?

In den letzten drei Jahren ist viel passiert – Börsenkrach und Wirt- schaftsskandale, Energiekrise und Rückfall in umweltzerstörerische Denkmuster, Haushaltsdefizit und Rezession, terroristische Anschläge und beschädigte Allianzen. Und nun auch noch Krieg. Ich habe mich zu all diesen Themen oft geäußert, hauptsächlich aus wirtschaftlicher Per- spektive. Doch die rein ökonomische Betrachtung genügt längst nicht mehr, denn erst aus der politisch-ideologischen Dimension wird erklär- bar, was in kein vernünftiges ökonomisches Denkschema mehr passt. Es geht um den Aufstieg einer radikalen politischen Bewegung im gu- ten, alten demokratischen Amerika, ob man es glauben mag oder nicht. Ich spreche natürlich von der radikalen Rechten in unserem Land – einer Bewegung, die inzwischen fast alles in ihren Fängen hat: das Weiße Haus, den Kongress, einen Großteil der Justiz und einen Großteil der Medien. Diese Hegemonie verändert alles – die tradierten politi- schen (und verfassungsmäßigen) Regeln gelten nichts mehr. Diese These will ich im Folgenden untermauern. Gleichzeitig werde ich beschreiben, wie es aus meiner Sicht dazu kam – und welche Folgen es hat.

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Der große Ausverkauf

Ein politischer Erdrutsch

Die meisten Beobachter haben vermutlich noch immer nicht ganz begriffen, welch gewaltiger Umbruch in Amerika derzeit im Gange ist und die politische Landschaft radikal verändert. Während des Präsi- dentschaftswahlkampfs des Jahres 2000 schien für die meisten Ameri- kaner nicht viel auf dem Spiel zu stehen. Selbst in den ersten zwei Amts- jahren von George W. Bush spielten viele Kommentatoren die radi- kalkonservativen Tendenzen der neuen Administration systematisch herunter. Dies seien taktische und somit temporäre Manöver, wiegelten sie ab, Bush werde von selbst zur Mitte schwenken, nachdem er sich sei- ner Basis versichert habe. Ich glaube, dass diese Beobachter schwer irren und die breite Öffentlichkeit keine Vorstellung davon hat, wie radikal das Bush-Lager tatsächlich ist. Ein schlagendes Beispiel ist die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Vorschlag der Republikaner, die Körperschaftssteuer rückwirkend zu senken. Bei Umfragen im Herbst 2001 mochten viele der Befragten zunächst gar nicht glauben, dass der Vorschlag ernst gemeint sein könnte. (Näheres zu diesem Thema finden Sie übrigens in Kapitel 10 im Abschnitt »Einäugige mit Bart«.) Als Ökonom konnte mir die Kluft zwischen den offiziellen Parolen und der Wirklichkeit schwerlich entgehen. Frei von den Zwängen und Verblendungen der Medienbranche, allen voran der Journalistenkaste in Washington – in deren Kreis es als unfein gilt, den Mächtigen des Landes auch nur ansatzweise eine Doppelmoral zu unterstellen –, konnte ich dies auch äußern. Doch selbst für mich war der von den Neokonservativen inzwischen angerichtete Schaden in dieser Radikali- tät anfangs unvorstellbar. Nehmen wir das schlagendste Beispiel: 2001 dachten viele Liberale, man solle um Bushs verantwortungslose Haushaltspolitik am besten nicht viel Aufhebens machen. Steuersenkungen seien derzeit zwar falsch, aber so wichtig sei das Thema nun auch wieder nicht. Sie schluckten die Kröte. Knapp zwei Jahre später wurden wir Zeugen eines ebenso singulären wie unerhörten Vorgangs: Eine US-Regierung schlug trotz Rekorddefizit mitten in einem Krieg allen Ernstes weitere riesige Steuerkürzungen vor. (»Nichts ist angesichts eines Krieges wich-

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tiger als Steuersenkungen«, erklärte der Fraktionsführer der republika- nischen Mehrheit im Repräsentantenhaus Tom DeLay unverfroren.) Oder ein anderes Beispiel: Wer den Republikanern vorzuwerfen wagte, sie beuteten die Tragödie des 11. September für parteipolitische Zwecke aus, wurde als Nestbeschmutzer und Feind der nationalen Ein- heit denunziert. Aber sie haben die Tragödie des 11. September für par- teipolitische Zwecke ausgebeutet. Man sehe sich nur die Plakate an, mit denen die Republikaner im Senatswahlkampf 2002 den demokrati- schen Senator Tom Daschle auf infamste Weise in die Nähe von Saddam Hussein rückten! Es stinkt zum Himmel, was in diesem Land abläuft, und trotzdem merken es die meisten Amerikaner nicht – selbst nach drei Jahren. Wie ist das zu erklären? Dieser Frage will ich hier nachgehen, denn Aufklä- rung tut Not. Während der Fertigstellung dieses Bandes stieß ich zufäl- lig auf ein Werk, das die aktuelle politische Situation in Amerika ziem- lich genau beschreibt. Es handelt sich nicht um ein neues Buch, und es stammt auch nicht von einem Liberalen. Wir haben es vielmehr mit einem ziemlich verstaubten Werk über die Diplomatie des 19. Jahrhun- derts zu tun. Der Autor ist – das raten Sie nie! – Henry Kissinger.

Revolutionäre in Amerika

1957 veröffentlichte Henry Kissinger seine Doktorarbeit mit dem Titel Das Gleichgewicht der Großmächte. Damals war er Dozent an der Harvard University und ein brillanter, durchaus kritischer Akademiker, noch weit entfernt von seiner Karriere als zynischer Politiker und – noch später – bekannter Vertreter amerikanischer Vetternwirtschaft. Man würde eigentlich nicht erwarten, dass ein Buch über Metternich und Castlereagh zum Verständnis der amerikanischen Politik im 21. Jahrhundert beitragen kann, doch schon auf den ersten drei Seiten lief es mir kalt den Rücken hinunter, so sehr gleichen sich die Verhältnisse. Kissinger beginnt bei den Problemen eines bis dato stabilen diploma- tischen Systems, das eine »revolutionäre Kraft« erschüttert, also eine

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politische Bewegung, die das bestehende System ablehnt. Es geht um die Neuordnung Europas nach der Schlacht von Waterloo 1815, also um die Folgen der Französischen Revolution von Robespierre bis Napo- leon und des Wiener Kongresses. Kissinger zieht auch Parallelen zum Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, etwa zum Versagen der Diploma- tie in den dreißiger Jahren (wobei das in keiner Weise eine moralische Gleichsetzung impliziert). Auf die heutigen Verhältnisse übertragen, halte ich es für ausgemacht, dass man die rechtskonservative Bewegung als revolutionäre Kraft im Sinne Kissingers begreifen muss. Sie hat praktisch das ganze Land – das Weiße Haus, beide Häuser des Kongres- ses, einen Großteil der Justiz und einen Großteil der Medien – unter ihre Kontrolle gebracht, sie bestreitet die Legitimität des bestehenden politi- schen Systems und will es rundweg abschaffen. Sie glauben, ich übertreibe? Wenn dem doch nur so wäre! Leider hält der harte Kern jener Interessenkoalition, die derzeit das Land regiert, ganz offenkundig einige der besten politischen und sozialen Einrichtun- gen für überflüssig und schert sich einen Dreck um die Spielregeln, die uns ebenso heilig wie selbstverständlich sind. Nehmen wir etwa den Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung mit Ren- ten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung – der Sozialstaat ist in den einzelnen Ländern zwar unterschiedlich ausgeprägt, stellt aber eindeu- tig und unbestritten eine Errungenschaft dar, die in Deutschland bis auf Bismarck und in den USA zum Teil immerhin bis in die dreißiger Jahre zurückreicht, als Roosevelt den New Deal verkündete, zum Teil in den sechziger Jahren entstand, als Lyndon Johnson die Great-Society-Pro- gramme ins Leben rief, darunter Medicare. In den Publikationen der Heritage Foundation – Ideologiefabrik der Bush-Administration – fin- det man hingegen ein radikales Gegenprogramm: Man will die genann- ten Institutionen nicht nur zurückstutzen, sondern komplett abschaf- fen. Oder nehmen wir die Außenbeziehungen. Seit dem Zweiten Welt- krieg, also seit über einem halben Jahrhundert, bewegt sich die Außen- politik der USA im Rahmen internationaler Institutionen und Konven- tionen. Anders formuliert: Wir haben stets Wert darauf gelegt, in der Welt als zivilisierte Nation gesehen zu werden, nicht als imperialistische

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Räuberbande, die militärische Gewalt nach Lust und Laune einsetzt. Die Argumentation der Neokonservativen im Vorfeld des Irak-Kriegs ent- hüllt geradezu überdeutlich, dass sie für zivilisiertes Regelwerk nur Hohn und Spott übrig haben. Ungeschminkter als Richard Perle, der Vorsit- zende eines einflussreichen Pentagon-Beratungsgremiums, kann man es kaum sagen: Sicherheit durch internationales Recht auf Basis internatio- naler Institutionen ist seiner Meinung nach »liberaler Schwachsinn«. Gewalt spielt im Denken der Rechten leider eine ganz selbstverständli- che Rolle. Ein prominenter Vordenker der »Bush-Krieger«, Michael Ledeen vom American Enterprise Institute, lässt uns tief ins Seelenleben eines strammen Rechtskonservativen blicken: »Wir sind ein kriegeri- sches Volk und wir lieben den Krieg.« Anfänglich hätte man ja noch mei- nen können, die Idee eines zweiten (oder dritten, je nach Zählung) Golf- kriegs als Pilotprojekt für eine Reihe gezielter Waffengänge für die Demokratisierung und den Weltfrieden sei linkssektiererischen Fanta- sien entsprungen, doch das Bush-Lager hat uns rasch eines Besseren belehrt. Mehrfach haben Regierungsmitglieder deutlich gemacht, wie ernst sie es meinen und dass sie den Irak-Krieg tatsächlich nur als Auf- takt begreifen. So ließ John Bolton, ein hoher Vertreter des amerikani- schen Außenministeriums, gegenüber israelischen Offiziellen durchbli- cken, nach dem Irak-Krieg seien Syrien, Iran und Nordkorea dran. Damit nicht genug. Ans Eingemachte geht es hinsichtlich einer ande- ren zivilisatorischen Errungenschaft – der verfassungsmäßigen Tren- nung von Kirche und Staat. Was uns hier erwartet, zeigt Tom DeLay, der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, mit sei- nem Wort vom »biblischen Weltbild«, das ihm am Herzen liege und das er mit Macht durchzusetzen gedenke. DeLay gibt im Übrigen unum- wunden zu, dass seine unermüdliche Verfolgung Clintons letztlich in dieser Frage begründet sei. (Dass DeLay die Evolutionstheorie aus den Klassenzimmern verbannen will, ist ein logisches Produkt seiner eng- stirnigen Bibelauslegung. Sein Versuch, das Massaker von Columbine der Evolutionstheorie anzulasten, wundert einen schon nicht mehr.) Härtester Vorwurf: Man darf mit einigem Recht bezweifeln, dass die derzeit Mächtigen im Lande der Demokratie verpflichtet sind. Was die Rechten von demokratischer Legitimität halten, zeigt Paul Gigots Wort

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vom »Aufstand der Bürger« im Wall Street Journal. Wir erinnern uns:

Wahlfälschungsvorwürfe in Florida, dem Bundesstaat, in dem George W. Bushs Bruder Gouverneur ist. Eine Nachzählung wird notwendig. Ohne diesen Staat würde Bush die Präsidentschaft an Al Gore verlieren. Wie löblich (und nützlich), dass da mutige Bürger auf die Barrikaden gehen und die Nachzählung verhindern! Später allerdings kommt heraus, dass es keineswegs aufgebrachte Bürger, sondern bezahlte Handlanger waren. Ein Naivling, wer nun glaubt, dass sich die Rechten dafür schämen. Im Gegenteil. George W. Bush hat Sendungsbewusst- sein und sieht sich von Gott zum Führer des amerikanischen Volkes berufen. So jedenfalls bezeugt es Bushs enger Vertrauter (und zwischen- zeitlicher Handelsminister) Don Evans. Wer wird sich bei so viel Got- tesnähe noch mit Kleinigkeiten wie demokratischen Verfahrensfragen aufhalten! Die Rechten sehen die umstrittene Präsidentenwahl des Jah- res 2000 folglich ganz locker. Antonin Scalia, der Richter am Obersten Gerichtshof der USA, der mit seiner Entscheidung die Wahl letztlich entschied, wurde gefragt, ob er mit Blick auf die Konsequenzen Beden- ken habe. Seine Antwort: »Bedenken? Aber nein. Es war ein tolles Gefühl.« Wenn das eben gezeichnete Bild zutrifft, folgt daraus nicht zwangs- läufig, dass die Führungsclique in Washington mit unserem heutigen Amerika wenig bis gar nichts gemein hat? Nimmt man die Agenden der Rechten zusammen, sieht ihr Amerika doch etwa so aus: ein Land, in dem es praktisch kein soziales Sicherungssystem gibt, das der Welt mit militärischer Gewalt seinen Willen aufzwingt, in dem an den Schulen Religion statt Evolution gelehrt wird und in dem demokratische Wah- len allenfalls noch ein Deckmäntelchen sind. Doch wer die rechten Hardliner, die derzeit Amerikas Geschicke len- ken, beim Wort nimmt und ihnen den selbst propagierten Radikalismus vorhält, wird postwendend als überspannte Kassandra abgetan, so als seien die schrillen Töne auf seinem eigenen Mist gewachsen. Klappern gehört zum Handwerk, wiegeln viele gemäßigte Kommentatoren ab, die Rhetorik darf man nicht ganz so ernst nehmen. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird! So wird es bestimmt auch bei Bush und seinen Neokonservativen sein. Wirklich?

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Zurück zu Kissinger. Seine Beschreibung der Reaktion des politi- schen Establishments auf eine revolutionäre Bewegung jener Zeit passt exakt auf das Verhalten breiter politischer und journalistischer Kreise der USA gegenüber dem Radikalismus der Bush-Regierung, jedenfalls was die letzten zwei Jahre angeht:

Angesichts einer endlos scheinenden Periode der Stabilität vermag man einfach nicht zu glauben, was die revolutionäre Kraft sehr klar und deutlich formuliert:

dass sie beabsichtigt, das bestehende System zu zerschlagen und die Verhält-

nisse grundlegend zu ändern. Da die Verteidiger des Status quo nicht begreifen, was vor sich geht, neigen sie dazu, die revolutionäre Bewegung so zu behandeln, als seien ihre Ansprüche rein taktischer Natur; als übertreibe sie, um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern, stelle aber die Legitimität des bestehenden Systems nicht infrage; als gehe es ihr lediglich um begrenzte Missstände, die sich mit ein paar kleineren Konzessionen korrigieren lassen. Wer vor der Gefahr warnt, gilt als Alarmist; wer zu Nachgiebigkeit rät, gilt als klug und vernünf-

tig

Taten folgen lässt, dass sie alles will und ihre Prinzipien mit Verve und letzter

Konsequenz durchzusetzen versucht.

Doch es ist das Wesen einer revolutionären Kraft, dass sie ihren Worten

Wie erwähnt, mir lief es kalt den Rücken hinunter, als ich dies las. Denn nur auf dieser Folie lässt sich schlüssig erklären, was in Amerika derzeit geschieht – warum es der gegenwärtigen Regierung gelungen ist, eine dermaßen radikale Politik ohne große Widerstände und ohne echte Sachdiskussion durchzusetzen. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen erläutern und belegen: den Steuersenkungen des Jahres 2001 und dem Irak-Krieg des Jahres 2003.

Steuern senken und Krieg führen

Krieg und Wirtschaftspolitik haben vordergründig wenig miteinander gemein – und in normalen Zeiten spielen sie auf der politischen Bühne unterschiedliche Rollen. Und doch ähnelt sich die Art und Weise, wie Bush der Öffentlichkeit seine Steuersenkungen einerseits und den Irak- Krieg andererseits verkaufte, ganz verblüffend.

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Die Steuersenkungen des Jahres 2001 sind Thema der Kapitel 5 und 6. Doch lassen Sie mich kurz vorgreifen. Der Vorschlag stammt aus dem Jahr 1999, als sich George W. Bush im innerparteilichen Ausschei- dungsrennen zunächst gegen Steve Forbes durchsetzen und entspre- chend profilieren musste. Wer sich in der amerikanischen Politik nur ein bisschen auskennt, kennt Forbes als Ultrarechten, der nur eines im Sinn hat: Steuersenkungen für Reiche, unabhängig von der konjunktu- rellen Lage. Schon seit den Neunzigern versuchten sich die Republika- ner im Kongress alle Jahre wieder an saftigen Steuerkürzungen, ganz gleich, ob der Haushalt ein Defizit oder einen Überschuss aufwies. Bushs Vorschläge sollten ihm die Unterstützung des rechten Flügels sei- ner Partei sichern. Das zeigte, dass er – wie sich später bestätigte – sehr radikale Ziele verfolgte. Dan Altman von der New York Times hat voll- kommen Recht: Die Steuervorschläge der derzeitigen Administration liefen, im Ganzen betrachtet, auf die Verwirklichung eines alten Ziels der radikalen Rechten hinaus – Ende aller Steuern auf Kapitalein- künfte, Besteuerung nur mehr der Löhne. Im Klartext also ein System, in dem Erwerbseinkommen besteuert werden, Besitzeinkommen indes steuerfrei bleiben. In diesem Punkt hat die amerikanische Rechte niemals Versteck gespielt. Sie macht seit langem keinen Hehl aus ihrer Absicht, das beste- hende System zu zerschlagen – in diesem Fall das Steuersystem. Doch das Establishment konnte und wollte nicht glauben, dass Bush es ernst meinte, dass er wirklich versuchen würde, sein Ziel auf Biegen oder Bre- chen zu erreichen. Obgleich jeder sehen konnte, wie radikal die Leute in Bushs Umfeld waren (und sind), redeten sich die Gemäßigten im Lande trotzdem ein, der Mann sei so extrem auch wieder nicht – irgendwann werde er sich schon zufrieden geben. Dabei drückte man nicht nur in Bezug auf Bushs haarsträubende Ziele beide Augen zu, sondern nahm auch sein Lavieren und Taktieren, mit dem er eben diese Ziele zu errei- chen versuchte, ohne allzu großen Widerspruch hin. Die Gemäßigten schluckten jedes Argument, das Bush ihnen vorsetzte, und merkten nicht oder wollten nicht merken, dass er die Begründungen wechselte wie die Hemden, während die Ziele allemal gleich blieben. Beispiel Steuersenkungen: Erst wurden sie damit gerechtfertigt, dass der (von

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Clinton geerbte) Überschuss in der Staatskasse viel zu groß und es des- halb nur recht und billig sei, einen Teil davon wieder in die Taschen »des Volkes« zurückfließen zu lassen. Selbst viele Senatoren der Opposition, also der Demokratischen Partei, stimmten deshalb im Jahr 2001 dem Bush-Plan zu. Unfasslich! Als sich der Überschuss kurze Zeit später in Luft aufgelöst hatte, rechtfertigte Bush seine Pläne mit dem Argument, die Wirtschaft brauche jetzt eine kurzfristige Ankurbelung. Als klar wurde, dass dies so nicht funktionierte (weil es nicht funktionieren konnte), bemühte er zur Abwechslung das langfristige Wachstumsar- gument. Selbst jetzt noch fällt es vielen wohlmeinenden Politikern und Journalisten offenkundig schwer, der harten Wahrheit ins Auge zu bli- cken. Da fehlen mir wirklich die Worte! Kommen wir zum zweiten Punkt, dem Krieg. Die außenpolitischen Debatten zeigen deutlich, dass eine einflussrei- che Gruppierung der amerikanischen Rechten von Anfang an auf einen Krieg im Mittleren Osten hinarbeitete. Bereits 1992 versuchte Paul Wolfowitz, damals Staatssekretär im Pentagon und heute Rumsfelds Stellvertreter, die Bush-Doktrin (die damals noch nicht so hieß) zu eta- blieren. In einem seiner Papiere steht Schwarz auf Weiß die Forderung nach einer Irak-Intervention, verbunden mit einer Legitimierung mili- tärischer Präventivschläge seitens der USA. Dick Cheney, damals Ver- teidigungsminister, vertrat diese Position anfänglich ebenfalls, machte dann aber infolge des öffentlichen Protests einen Rückzieher. Dennoch agitierten er und einige seiner Mitstreiter, die sich heute in politischen Schlüsselpositionen befinden, fleißig in dieser Richtung weiter. Angesichts dieses Hintergrunds ist vollkommen klar (und hätte für jedermann erkennbar sein können), dass Irak-Krieg wie Steuersenkun- gen schon lange auf der Tagesordnung der Neokonservativen standen, also von langer Hand geplant und keineswegs durch aktuelle Ereignisse (wie den 11. September) bedingt waren. Es handelt sich mithin um prin- zipielle und sehr radikale Ziele. Doch wie schon bei den Steuersenkun- gen wollten die Verfechter der Demokratie einfach nicht wahrhaben, dass die Rechten ihre deutlich formulierten Ziele konsequent durchdrü- cken würden. Die ständig wechselnden, offenkundig vorgeschobenen Begründungen des Bush-Lagers wurden beflissen abgenickt. Im Fall

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Irak sah das dumme Spiel so aus: Erst begründete die Regierung ihn mit Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Al Kaida. Als sich das trotz intensiver Nachforschungen nicht beweisen ließ, musste das iraki- sche Nuklearprogramm herhalten. (Dabei verwischte man bewusst die Begriffe und zählte die chemischen Waffen zu den Massenvernichtungs- waffen. Aber Giftgas ist eine völlig andere Kategorie und stellte für die USA nie eine ernsthafte Bedrohung dar, während der Atompilz Angst erzeugte.) Mit diesem Argument ließen sich viele auf die Seite der Kriegsbefürworter ziehen. Wie bekannt, bekam Bush vom Kongress schließlich grünes Licht. Auch das Argument vom irakischen Nuklearprogramm entpuppte sich schon bald als opportunistische Lüge. Einer der beiden »Beweise« – der Kauf von Aluminiumröhren – fiel in sich zusammen, weil die Röh- ren für die Urananreicherung gar nicht taugen. Der zweite »Beweis« – Dokumente über angebliche Urankäufe in Niger – war eine ziemlich dilettantische Fälschung. Leider interessierte das zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr, denn Bush argumentierte inzwischen mit einer Demo- kratisierung des Irak, verbunden mit der Demokratisierung des gesam- ten Nahen und Mittleren Ostens. Wieder einmal war der Igel schon da, als der Hase noch immer lief, und erneut klang in amerikanischen Ohren alles wunderbar – welcher rechtschaffene Amerikaner möchte schon so hehren Zielen wie Befreiung und Demokratisierung seine Zustimmung versagen! Als dann aber der Krieg in vollem Gange war, folgte prompt die nächste Volte: James Woolsey, dem Ambitionen auf eine Topposition in der irakischen Besatzerregierung nachgesagt wer- den, erklärte ihn zum Beginn des »Vierten Weltkriegs« (wobei er den Kalten Krieg als Nummer drei zählte). Die Ausdehnung des Konflikts auch auf Syrien und Iran ist nur eine Frage der Zeit. Die Sache hat leider System, in der Außen- und Steuerpolitik nicht weniger als in der Energie-, Umwelt-, Gesundheits- und Bildungspoli- tik. Überall vertreten die derzeit Regierenden seit langem radikale Posi- tionen. Ist die Behauptung, diese Regierung verfolge generell radikale Ziele, übertrieben? Nein. In allen Fällen betreibt die Bush-Clique bewusst ein Verwirrspiel, indem sie Argumente vorschiebt, die so zahm wie ein Schoßhündchen daherkommen. Und jedes Mal fällt der politi-

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sche Mainstream darauf herein, spielt den Radikalismus herunter, ver- gisst alle gebrochenen Versprechen und kuscht. Der junge Kissinger hatte Recht: Wer an Stabilität gewöhnt ist, will einfach nicht wahrha- ben, dass manche Kräfte die bestehende Ordnung umstoßen wollen, und reagiert deshalb viel zu spät auf die Bedrohung. Ich muss freilich zugeben, dass ich letztlich nicht schlüssig erklären kann, warum das so ist. Wozu ein dermaßen radikaler Angriff auf unser politisches und gesellschaftliches System? Den Reichen ging es doch in den neunziger Jahren (zu Clintons Zeiten) nicht schlecht. Warum also der Hass auf alles, was auch nur entfernt nach Einkommensumvertei- lung aussieht? Oder nehmen wir die Unternehmen – auch ihnen ging es gut. Warum diese vehemente Opposition selbst gegen kleinste Umwelt- auflagen? Oder nehmen wir die Kirchen und Sekten – auch ihnen ging es gut. Warum die Attacke auf das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat? Oder nehmen wir Amerikas Einfluss in der Welt, der nie größer war als heute. Warum der systematische Versuch, bewährte Allianzen zu zerstören und Außenpolitik als militärisches Abenteurertum zu betreiben? Auch wenn die tiefere Motivation rätselhaft bleibt, ist doch eines klar: Die gegenwärtige Regierung verfolgt ihre Ziele mit größter Konsequenz. Wie sollten wir damit umgehen?

Arbeitshypothesen

Zunächst kommt es darauf an, die Zusammenhänge zu verstehen und adäquat darzustellen. Als Journalist im Nebenberuf will ich daher einige Arbeitshypothesen vorschlagen. Sie seien nicht nur der schrei- benden Zunft empfohlen, sondern eignen sich für jeden, der sich über die politischen Zustände in den USA ein Bild machen will.

1. Die politischen Argumente haben mit den eigentlichen Zielen nichts zu tun.

Revolutionäre Kräfte wissen, was sie wollen. Aus ihrer Perspektive hei- ligt der Zweck stets die Mittel. Folglich darf man sich von ihren Argu-

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menten nicht täuschen lassen, denn die sind vorgeschoben. Wie wir in Kapitel 7 sehen werden, ging es Bush mit der Privatisierung der Sozial- versicherung keineswegs um eine Verbesserung der Finanzlage. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass eine Realisierung seiner Pläne deren finanzielle Probleme nur vergrößern würde. Die Steuersenkungsvor- lage von Anfang 2003 wurde als Programm zur Ankurbelung des Wirt- schaftswachstums deklariert. Im zuständigen Gremium des Kongresses durchgerechnet, kam – trotz der Regierungsnähe seines Chefs – eine gegen null gehende Wirksamkeit heraus. Und der Irak-Krieg wird, da sind sich die meisten unabhängigen Analytiker einig, die Gefahr terro- ristischer Angriffe vergrößern statt verringern. Amerikanische Journalisten haben ganz offenkundig große Pro- bleme, mit bewusst irreführenden Argumenten umzugehen. Aufgrund ihrer Sozialisation und Ausbildung pflegen sie einen Sachverhalt grund- sätzlich »objektiv«, das heißt von zwei Seiten zu betrachten. Die Vor- stellung, dass hohe staatliche Würdenträger bewusst lügen und die angeführten »Fakten« völlig irrelevant sind, will ihnen nicht in den Kopf. Ich habe in einer Kolumne sarkastisch angemerkt: Wenn Bush behauptet, die Erde sei eine Scheibe, beherrscht am nächsten Tag fol- gende Schlagzeile die Medien: »Kugel oder Scheibe? Meinungen gehen auseinander«. Viele Journalisten reagierten pikiert. Doch die Sache hat leider eine tiefere Dimension. Um fair zu sein: Im Normalfall kann man natürlich davon ausgehen, dass politische Vorschläge in bester Absicht – ohne Doppelmoral – vor- gebracht werden. Doch diese Annahme trifft nicht auf eine revolutio- näre Bewegung zu. Sie möchte die bestehende Ordnung zerschlagen und akzeptiert daher auch nicht deren Spielregeln. Der Zweck heiligt für sie auch die systematische Desinformation. Wenn aber Lügen zum Spiel gehört, darf niemand mit Gewissensbissen beim Lügner rechnen. David Wessel vom Wall Street Journal hielt einem Berater von George W. Bush während eines Interviews vor, dass er offiziell dies und inoffizi- ell das Gegenteil sage. Die Antwort: »Klar! Man erwartet das von mir. Die Presse belügen gehört zum Geschäft.«

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2. Auf die Aufdeckung der eigentlichen Ziele kommt es an.

Ökonomisch waren die Anfang des Jahres 2003 vorgeschlagenen Steu- ersenkungen durch keinerlei Theorie (weder linker noch rechter Natur) gedeckt. Im Grunde verfolgten sie ein einziges Ziel: die Steuern auf Kapitaleinkünfte sukzessive auf null herunterzufahren. Keinesfalls konnte dadurch im ersten Jahr nennenswert Geld in die Wirtschaft gepumpt, das heißt die Nachfrage angeregt werden, und genauso wenig waren auf diese Weise neue Arbeitsplätze zu gewinnen. Doch genau dies behaupteten die Regierungsvertreter. Taten sie es aus Unwissenheit oder Inkompetenz? Kaum. Denn diese Herrschaften sind weder an Wirtschaftstheorie noch an Wirtschaftswachstum interessiert. Es geht ihnen allein um die Abschaffung aller Kapitalsteuern, darauf lief der Vorschlag der Bush-Regierung hinaus. Wer die Politik dieses politischen Lagers verstehen will, sollte sich genau ansehen, welche Ziele dessen Rädelsführer verfolgten, bevor sie anfingen, ihre Pläne der breiten Masse zu verkaufen. Das Prinzip des kritischen Beobachters ist daher Geschichtsbewusst- sein. Fragen Sie sich, was diese Leute wirklich wollen. In der Regel braucht man nicht lange zu suchen. Schauen Sie nach, was all jene, die heute an den Schalthebeln der Macht sitzen, von sich gaben, als sie noch nicht im Amt waren. Wenn Sie dann feststellen, dass das für die Wald- und Forstpolitik zuständige Regierungsmitglied aus dem Verband der Holzindustrie kommt, können Sie getrost davon ausgehen, dass die Initi- ative »Gesunder Wald«, die den einschlägigen Konzernen das Abholzen erleichtert, mit der proklamierten Verhinderung von Waldbränden abso- lut nichts zu tun hat. Und wenn Sie feststellen, dass sich der Mehrheits- führer im Repräsentantenhaus seit jeher die Förderung eines »biblischen Weltbildes« zur Lebensaufgabe gemacht hat, dürfen Sie ebenfalls getrost annehmen, dass seine religiös gestrickten Initiativen nicht unbedingt eine Effizienzsteigerung bei den Sozialdiensten zum Ziel haben, auch wenn er dies steif und fest behauptet. Wenn Sie drittens etwa feststellen, dass die Architekten des Irak-Kriegs Saddam Hussein schon seit zehn Jahren stür- zen wollen, dürfen Sie getrost annehmen, dass der Krieg nicht mit den tragischen Ereignissen vom 11. September zusammenhängt.

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Der große Ausverkauf

Auch hier stehen die Journalisten in der Regel freilich vor einem Pro- blem: Sie haben Angst, überspannter Verschwörungstheorien bezich- tigt zu werden. Faktisch sind natürlich nicht die Kommentatoren an den überzogenen, dreisten Zielen der Rechten schuld, sondern die neo- konservativen Urheber selbst. Umgekehrt wird also ein Schuh daraus:

Es wäre wirklichkeitsfremd, zu behaupten, es gebe hier keine Konspira- tion – wenngleich sie sich keineswegs im Dunkeln vollzieht. Organisa- tion wie Ziele liegen vielmehr offen zutage.

3. Die normalen politischen Spielregeln sind ohne Bedeutung.

Politische Skandale haben in Washington Tradition. Über einen hoch- rangigen Politiker werden peinliche Fakten bekannt, die Presse labt sich an dem gefundenen Fressen, alsbald folgt der Rücktritt, und das Leben geht weiter. Als Mitglieder der Bush-Regierung in die Schlagzeilen gerieten, er- wartete man einen ähnlichen Verlauf der Dinge. Doch weit gefehlt. Ste- phen Griles beispielsweise, der aus der Kohleindustrie stammende Vize- Innenminister, intervenierte in einem Streit um Explorationsrechte zugunsten eines früheren Klienten, missbrauchte also sein Amt. Griles sitzt noch immer auf seinem Stuhl. Thomas White, heute Armeeminis- ter, früher Enron-Manager, war nachweislich in die Bilanzmanipulatio- nen des Konzerns verwickelt. Es hat ihm nicht geschadet. Richard Perle, der Vorsitzende des verteidigungspolitischen Beirats, war in Geschäfte verwickelt, die nach Interessenkollision förmlich stanken – doch auch er trat lediglich symbolisch als Chairman zurück, im Beirat ist er nach wie vor vertreten. Und wie steht es mit Präsident und Vizepräsident? Auch an ihnen sind Bedenken wegen ihrer früheren beruflichen Aktivi- täten wie an einer Wand abgeprallt. Die üblichen Regeln gelten nicht mehr. Für eine revolutionäre Bewe- gung, die die Rechtmäßigkeit der bestehenden Ordnung naturgemäß bestreitet, sind deren Spielregeln nicht verbindlich. Mögen noch so viele Skandalhinweise vorliegen, Fox News, The Washington Times und The New York Post werden der Sache nicht nur nicht nachgehen, sondern jede Aufklärung systematisch torpedieren und allen in die Parade fah- ren, die einen solchen Versuch starten. Nehmen wir Bushs Heimat-

Einleitung

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schutzkonzept: Kaum erhebt sich ein kritisches Wort, werden die Schlagzeilen plötzlich wieder von Terrorwarnungen bestimmt, sodass die kritischen Stimmen überlagert werden und ihre Stoßkraft verlieren. Der arglose Leser mag hier einwenden: »Aber das ist doch übertrieben. So etwas machen die doch nicht!« Nun ja, eine normale demokratische Regierung tut so etwas auch nicht. Wir haben es aber nicht mit einer normalen Regierung zu tun, sondern mit einer revolutionären Kraft!

4. Eine revolutionäre Kraft reagiert auf Kritik nicht sachlich, sondern mit persönlicher Attacke.

Eine revolutionäre Bewegung, die, um es noch einmal zu betonen, die Legitimität der bestehenden Ordnung rundweg abstreitet, gestattet kei- nerlei Kritik an sich. Wer Fragen aufwirft, muss mit härtesten Angriffen rechnen. Auch hier gilt, der Zweck heiligt jedes Mittel. Ein spektakuläres Beispiel ereignete sich im April 2003. John Kerry, einer der aussichtsreichen Kandidaten der Demokratischen Partei für die nächsten Präsidentschaftswahlen, sagte öffentlich Folgendes: »Was wir jetzt brauchen, ist ein Regimewechsel nicht nur im Irak, sondern auch hier bei uns zu Hause.« An Maßstäben der üblichen politischen Rhetorik gemessen, ist an einer solchen Aussage selbst in Kriegszeiten nichts Ungewöhnliches. Nehmen wir ein ähnliches Beispiel aus dem Wahljahr 1944, als die Welt in Flammen stand und Millionen amerika- nischer Soldaten weltweit an verschiedensten Fronten kämpften. Damals nannte Thomas E. Dewey, der Herausforderer, den amtieren- den Präsidenten Franklin Roosevelt recht keck einen »müden alten Mann«. Soweit mir bekannt ist, hat dies niemand als Landesverrat interpretiert. Schließlich wären freie Wahlen Unsinn, wenn man den politischen Gegner nicht kritisieren darf. Und war es nicht gerade die Freiheit, wofür Amerika damals zu Felde zog? Die Tradition, derzufolge Kritik natürlich auch in Kriegszeiten abso- lut zulässig ist, war in Amerika eigentlich immer Konsens. Ein Tom DeLay – wir erwähnten ihn bereits mehrfach – hat davon häufig und mitunter bis zum Anschlag Gebrauch gemacht, etwa 1999 während des Kosovo-Krieges, als er Clinton die Zivilopfer anlastete und ein Ende der Kampfeinsätze forderte. Er mag eine gewisse Indignation ausgelöst

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Der große Ausverkauf

haben, doch seine politische Laufbahn hat darunter keineswegs gelit- ten. Seit Bush im Weißen Haus regiert, gelten diese Regeln offenbar nicht mehr. »Senator Kerry überschreitet eine absolute Grenze, wenn er in Kriegszeiten eine Ablösung des amerikanischen Oberbefehlshabers zu fordern wagt«, tönte etwa der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses der Republikanischen Partei, und Dutzende aus der strammen Republi- kanergarde stimmten in den Chor ein. Kerry wurde kurzum mangeln- der Patriotismus vorgeworfen (im mit Begeisterung Fahnen schwen- kenden Amerika ein schlimmer Vorwurf, der in seiner demagogischen Wirkung fast immer funktioniert). Wer ein Staatsfeind ist und wer nicht, entscheiden die Neokonservativen eben gern selbst. Wen küm- mert da noch, dass Kerry ein hoch dekorierter Vietnam-Veteran ist und in puncto Vaterlandsliebe bestimmt keine Belehrung nötig hat. Der Fall Kerry ist nur der jüngste Fall aus einer ganzen Serie derarti- ger Inszenierungen, die stets nach demselben Strickmuster abliefen:

Wer die Regierung kritisiert oder gar infrage stellt, wird diffamiert, als vaterlandsloser Geselle verteufelt und – wenn möglich – in seiner beruf- lichen Entwicklung behindert. Wie erwähnt, hatten die Republikaner keine Skrupel, Tom Daschle, den Führer der Demokraten im Senat, mit Saddam Hussein in Verbindung zu bringen. Auch den Patriotismus von Senator Max Cleland, der in Vietnam schwer verwundet wurde, ver- suchten die Neokonservativen infrage zu stellen, leider wieder mit Erfolg. All dies war zu erwarten. Schließlich ist Bush hinreichend bekannt für seine Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Kritik geht ihm grundsätzlich gegen den Strich, selbst wenn sie von Menschen stammt, die ihm im Großen und Ganzen wohlgesonnen sind. Der Washington Post zufolge ist das inzwischen sogar schon Parteigenossen unange- nehm aufgefallen. »Abgeordnete und Lobbyisten der ›Grand Old Party‹ (wie die Republikanische Partei auch genannt wird) halten die Art und Weise, wie die Bush-Regierung mit Freunden und Verbündeten um- springt, für extrem aggressiv und unfair.« Dies mag mit der Familie Bush und ihrer Weltanschauung zu tun haben und passt zugleich in das Verhaltensmuster einer revolutionären Bewegung. Zitat Kissinger:

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»Das entscheidende Merkmal einer revolutionären Kraft besteht nicht

darin, dass sie sich bedroht und herausgefordert fühlt

sie sich mit nichts zufrieden gibt (Hervorhebung Kissinger). Nur abso-

lute Sicherheit – die vollkommene Ausschaltung des Gegners – ist ihr Garantie und Sicherheit genug.«

, sondern dass

5. Eine revolutionäre Kraft geht kompromisslos aufs Ganze.

Als die Steuersenkungspläne des Jahres 2001 publik wurden, spielte die politische Mitte deren Bedeutung herunter. Die Steuererhöhungen unter Clinton würden eben in gewissem Umfang korrigiert, redeten sich viele ein. Selbst wer die Pläne nicht gut fand, gestand Bush immerhin das Recht auf seine eigene Politik zu. Als dann klar wurde, dass die Rechnung, die Bush zur Finanzierung seiner Maßnahmen aufgemacht hatte, hinten und vorn nicht stimmte, erwartete man von der Regierung in der (prinzipiell vernünftigen) Annahme, dass der politische Gegner die Sachargumente aufgreift und einen Kompromiss sucht, Überprü- fung und Korrektur. Doch Bush wich keinen Millimeter, sondern for- derte ohne mit der Wimper zu zucken weitere Steuerkürzungen – womit er jene Senatoren, die die erste Steuersenkungsrunde mitgetragen hat- ten, in arge Erklärungsnöte brachte. Wer A sagt, so Bushs Taktik, muss auch B sagen. Erst allmählich dämmert es den Anständigen im Lande, dass die Bush-Regierung von Anfang an die Besteuerung von Kapitaleinkünften aushebeln und die Progression auf ein Minimum beschränken oder abschaffen wollte. Gleichzeitig wird schmerzlich klar, dass die anfängli- chen Zugeständnisse der politischen Mitte ein großer Fehler waren – Bush erreicht sein Ziel dank einer Salamitaktik. Allerdings hege ich so meine Zweifel, dass die genannten Ziele – null Kapitalbesteuerung plus Pauschalbesteuerung von Löhnen und Gehältern – das Ende der Fah- nenstange markieren. Wer weiß – vielleicht hat das Bush-Lager noch ganz anderes vor. Wie wäre es etwa mit Kopfsteuern, damit ausnahms- los jeder zur Kasse gebeten wird? Ähnlich lief es im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. Nicht wenige Gemäßigte unterstützten ihn als eine Art Sondermaßnahme gegen einen gefährlichen und brutalen Diktator. Doch inzwischen wird immer kla-

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Der große Ausverkauf

rer, dass zumindest der innere Kreis um Bush den Irak-Krieg lediglich als Einstieg betrachtet, als Teil der so genannten Bush-Doktrin, die ja nichts anderes besagt, als dass die USA ihre militärische Überlegenheit auf der ganzen Welt aggressiv und nach Gutdünken einzusetzen geden- ken. Nachdem die politische Mitte dem Sturz Saddams zugestimmt hat, könnten ihre Repräsentanten in Erklärungsnöte geraten, warum an- dere Diktatoren geschont werden sollten. Bush weiß: Wer A sagt, wird auch B sagen. Pax Americana – wir kommen. Irgendwo muss aber doch Schluss sein, werden Sie denken. Die Rechten können ja nicht immer noch mehr wollen. Es mag ja sein, dass uns die Regierung ein Steuersystem beschert, das die unteren Einkom- mensschichten unverhältnismäßig stark belastet. Aber dass die Reichen irgendwann faktisch weniger zahlen als die Armen, das ist ja wohl nicht drin – oder etwa doch? Es mag ja sein, dass nach dem Irak vielleicht noch Syrien und der Iran dran sein werden, aber mehr geht doch nicht. Bush wird sich nicht an demokratischen Ländern vergreifen – oder etwa doch? Auch ich kann nicht sagen, was die Rechtskonservativen noch alles in petto haben, aber eines habe ich inzwischen gelernt: Glaube nie, dass sie sich durch begrenzte Konzessionen von ihren Zielen abbringen lassen. Bisher lag noch jeder falsch, der prognostizierte, die Bush-Regie- rung würde sich mit diesem oder jenem Kompromiss zufrieden geben. Noch einmal Kissinger: »Es ist das Wesen einer revolutionären Kraft, dass sie ihren Worten Taten folgen lässt, dass sie alles will und ihre Prin- zipien mit Verve und letzter Konsequenz durchzusetzen versucht.« So sieht es also aus. Gleichwohl ist zu befürchten, dass viele Leser dieses Bild trotz allem für überzeichnet halten werden. Ihnen sei mit Kissinger noch einmal ins Stammbuch geschrieben: »Wer vor der Gefahr warnt, gilt als Alarmist; wer zu Nachgiebigkeit rät, gilt als klug und vernünftig.« Bislang jedenfalls behielten stets die Recht, die Alarm schlugen. Was also ist zu tun? Wie wird es weitergehen?

Einleitung

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Die große Gegenbewegung

Ich habe den Eindruck, dass das amerikanische Volk allmählich doch den Ernst der Lage begreift. Ich kann Andy Rooney von CBS nur zustimmen, der öffentlich bekennt: »Es gibt im Grunde nur eine einzige wirklich gute Nachricht, und auf die müssen wir leider noch warten:

dass diese fürchterliche Periode in der amerikanischen Geschichte end- lich vorbei ist.« Was muss geschehen, damit sich das Blatt möglichst bald wendet? Die Hoffnung auf eine Wende setzt natürlich voraus, dass die Mehr- zahl der Amerikaner der Agenda der Rechten im Herzen distanziert gegenübersteht, dass das eigentliche Amerika eben ganz anders ist – großzügiger, toleranter und weniger militaristisch als jene, die zur Zeit das Sagen haben. Gibt es Grund für diese Annahme? Ich denke, ja. Mei- ner Meinung nach konnten die Rechten nur deshalb so erfolgreich sein, weil sie ihre wahren Absichten geschickt verschleierten und an den Pat- riotismus der Amerikaner appellierten. Ich bin der festen Überzeugung, dass die übergroße Mehrheit der Amerikaner die Richtung grundsätz- lich ablehnt, in welche dieses Land im Wortsinn »marschiert«. Ich habe einen Traum, eine Hoffnung: Es wird der Tag kommen, an dem das amerikanische Volk erwacht und begreift, dass sein Vertrauen missbraucht und seine Vaterlandsliebe mit Füßen getreten wurde. Es wird der Tag kommen, an dem eine große Gegenbewegung einsetzt, um der Zerstörung unserer größten Errungenschaften ein Ende zu setzen. Wann dies sein wird und wie es geschehen wird, weiß ich nicht. Eines aber ist klar: Diese Hoffnung kann nur leben, wenn wir uns um Klar- sicht bemühen und bereit sind, der bösen Wahrheit mutig ins Auge zu blicken.

TEIL

I

Luftnummern

Was waren das für Zeiten, als das Gesetz der Schwerkraft an der Börse nicht mehr zu gelten schien. Wer genug Grips hatte, brach das Studium ab, spekulierte mit Aktien und saß bald schon auf dicken Finanzpols- tern. Die Börsenkapitalisierung von Internet-Klitschen erreichte mir nichts, dir nichts sagenhafte 20 Milliarden Dollar und ermöglichte ihnen die Übernahme traditionsreicher Unternehmen. Wer Blue Chips besaß oder gar in IT-Start-ups investiert hatte, konnte sich die Kreuz- chen auf dem Lottoschein sparen. Und wer zu spät kam, tja, der war eben ein Versager. »Wie stehen die Aktien, Junge?«, war zur neuen Begrüßungsformel geworden. Manche Beobachter sind der Auffassung, dass die Wurzeln aller heuti- gen Wirtschaftsprobleme im Börsenboom der neunziger Jahre liegen – dass wir jetzt also die Rechnung für eine höchst ungesunde Entwicklung präsentiert bekommen. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Wie wir noch sehen werden, haben auch langfristige Entwicklungen – die wirt- schaftliche und politische Polarisierung, das Erstarken einer stramm organisierten politischen Rechten – das ihre beigetragen, plus singuläre Ereignisse, allen voran der 11. September. Diese Krise kam bestimmten Kräften wie gerufen. Offen gesagt, viele Fehlentwicklungen der letzten Jahre wurzeln im Charakter und in den Intentionen des Mannes im Wei- ßen Haus. Gleichwohl lässt sich die heutige Situation ohne die Illusionen und Exzesse der neunziger Jahre nicht verstehen. Dieser erste Teil des Buches handelt daher vom irrationalen Überschwang – Alan Greenspan prägte den Begriff »irrational exuberance« – und dessen Konsequenzen.

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Der große Ausverkauf

Im Rückblick ist schwer nachzuvollziehen, warum sich angesichts der wahnwitzigen Höhenflüge der Indizes so wenig warnende Stimmen erhoben. Einiges deutete darauf hin, dass die Aktienkurse außer Rand und Band geraten waren, die KGVs (das Verhältnis des Aktienkurses zum Unternehmensgewinn) zum Beispiel standen längst jenseits von Gut und Böse. Gewiss gab es vereinzelte Rufer in der Wüste (unter anderen mich), doch ihre mahnenden Worte gingen im Chor der Euphoriker unter. Denen war jedes Argument recht, um die unaufhalt- sam wachsende Spekulationsblase als gesunde Entwicklung zu rechtfer- tigen. Im ersten Kapitel finden Sie einige Versuche (aus der Zeit vor mei- ner Tätigkeit bei der New York Times), diesen billigen Konstrukten die Grundlage zu entziehen. Dabei wird auch deutlich, warum normaler- weise vernünftige Leute sich von dem ganzen Irrsinn anstecken ließen. Die (wenigen) Börsenskeptiker jener Jahre sorgten sich natürlich nicht nur um die Anleger, sondern vor allem um die Volkswirtschaft, der ein Börsenkrach immer hart zusetzt. Die Geschichte bietet einige Lektionen, die einem das Blut in den Adern stocken lassen. Die Spekula- tionsblase der zwanziger Jahre platzte an dem Schwarzen Freitag 1929, gefolgt von der Weltwirtschaftskrise. Wir Amerikaner haben zum Glück seither keine ähnlich schwere Depression mehr erlebt. Das war nicht überall auf der Welt so – und ich weiß, was das heißt, denn ich habe mich über viele Jahre wissenschaftlich mit diesen Problemen beschäftigt. Als Professor mit Schwerpunkt weltwirtschaftliche Zusammen- hänge bin ich gewissermaßen auf Unfälle spezialisiert. Im Zentrum mei- ner Forschungen stehen Volkswirtschaften, in denen es gekracht hat – die Palette der Schadensfälle reicht von Argentinien über Indonesien bis hin zu Japan. Eben deshalb begriff ich die Gefahr, in der wir durch den Börsenboom schwebten. Die Erfahrungen der dreißiger Jahre sind typisch und keineswegs die Ausnahme. Stürzen die Finanzmärkte ins Bodenlose, zieht der dadurch ausgelöste Vertrauensverlust fast immer eine handfeste Wirtschaftskrise nach sich. Dass manche Ökonomen behaupteten, uns Amerikanern könne so etwas nicht passieren, die US- Wirtschaft sei gegen derlei Entwicklungen gefeit, ließ mir alle Haare zu Berge stehen. Im zweiten Kapitel beschäftige ich mich deshalb mit ver-

Luftnummern

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schiedenen Wirtschaftskrisen und der Lehre, die wir aus ihnen ziehen können und sollten. Wie haben die Vereinigten Staaten das Ende der exorbitanten Hausse verkraftet? Selbst Pessimisten glaubten ja im Prinzip, dass die Verant- wortlichen in Politik und Wirtschaft – insbesondere der schon fast legendäre Alan Greenspan – die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Kurssturzes geschickt steuern könnten. Ich für meinen Teil hielt diesen Vertrauensvorschuss schon immer für gewagt. Was in Japan geschah, war bei uns keineswegs ausgeschlossen. Erinnern wir uns: Japan stand in den achtziger Jahren glänzend da, galt als geradezu übermächtig. Doch unser Nachbar im Westen geht seit Jahren – seit dem Börsen- krach – am Stock und kommt aus der Stagnation nicht mehr heraus. Ein Happy End ist nie garantiert. Auch eine hoch entwickelte Industriena- tion mit erfahrenen Wirtschaftspolitikern an der Spitze kann schwer ins Straucheln geraten. In Wahrheit, so behaupte ich, siecht auch Amerika bereits dahin, und die Symptome ähneln jenen in Japan. Mit den Ursa- chen und Zusammenhängen befasse ich mich in Kapitel 3. Bedenklich ist vor allem, dass die Rezession nun schon über drei Jahre anhält. Ame- rika fand zwar zurück zu Wachstum, doch blieb der Aufschwung viel zu kraftlos. Es entstehen keine neuen Arbeitsplätze. Das Phänomen wird in der angelsächsischen Fachsprache oft »jobless recovery« genannt, ich finde den älteren Begriff »growth recession« allerdings besser, weil präziser – die Wachstumsraten sind rückläufig. Kapitel 3 bringt über- dies meine Besorgnis über die amerikanische Wirtschaftspolitik zum Ausdruck. Alan Greenspan war der Situation nicht gewachsen, und die Bush-Regierung wiederum ignoriert das Problem und tut alles, um die Misere zu vergrößern. Damit sind wir beim Gesamtbild, jenseits einstürzender Börsen- kurse. Der Kern des Übels liegt nicht allein in der zeitweiligen Überbe- wertung der Aktien. Der amerikanische Kapitalismus selbst steckt in der Krise, nur fiel das während der Börseneuphorie kaum jemand auf. Es stank im Staate Dänemark, doch auch ich schenkte dem zu wenig Beachtung – trotz deutlicher Hinweise auf frisierte Bilanzen in einigen Konzernen. Als aber Enron, der einstige Musterknabe unter Amerikas Unternehmen, in die Schlagzeilen geriet, traf es mich wie ein Blitz aus

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Der große Ausverkauf

heiterem Himmel: Wenn derartige Machenschaften in einem solchen Unternehmen möglich sind, wie mochte es dann erst beim Rest der US- Wirtschaft aussehen? Diese Befürchtung bestätigte sich allzu schnell. Die aufgeblähten Börsen waren gleichzeitig Ursache und Ergebnis einer Misswirtschaft mit Seuchencharakter. Kapitel 4 geht dieser Entdeckung nach und untersucht Motive sowie Praktiken der Betrüger. Dabei kommt, für uns alle peinlich genug, eines zur Sprache: die Verstrickungen der derzeitigen Staatsspitze. George W. Bush und Dick Cheney erwarben sich ihren Reichtum mit fast den glei- chen Gaunereien (wenngleich in kleineren Dimensionen) wie die Ab- sahner bei Enron und anderen Skandalfirmen. Zum Gesamtbild gehört leider, dass zu einer Zeit, in der Amerika dringend einen zweiten Fran- klin Roosevelt bräuchte, Leute das Land regieren, die Teil des Problems sind. Darauf komme ich später noch ausführlich zurück.

Kapitel 1

Konstrukte

Die nächste Eiszeit kommt bestimmt

Fortune, 25. Mai 1998 Je mehr ich mich mit der frappierenden Hausse befasse, desto stärker bin ich davon überzeugt, dass wir es hier buchstäblich mit einem Mammutproblem zu tun haben. Ich meine dies nicht nur im Sinn von riesig, sondern in einer archetypischen darwinis- tischen Bedeutung. Lassen Sie mich anhand einer Parabel ein wenig aus- holen. Alle Psychologieinteressierten wissen, dass Freud derzeit out und Darwin in ist. Das Grundtheorem der so genannten Evolutionspsycho- logie lautet bekanntlich, dass unser Gehirn sich im Zuge seiner Ent- wicklung exzellent an die Umwelt angepasst hat und den Menschen von Natur aus hilft, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden – sie differen- ziert wahrzunehmen und differenziert auf sie zu reagieren, um über- leben zu können. Dahinter steht eine phylogenetische oder stammesge- schichtliche Entwicklung von rund zwei Millionen Jahren. In dieser langen Zeit haben wir uns und unsere Lebenswirklichkeit herausgebil- det. Unsere Grundstruktur datiert somit aus einer archaischen Welt, mit der unsere so genannte Zivilisation, die als geistiges Konstrukt erst in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren »erfunden« und verfeinert wurde, nicht viel gemein hat. Genau hier liegt das angesprochene psy- chologische Problem begründet. Zugespitzt könnte man sagen, dass wir im Grunde alle noch Jäger und Sammler sind, die sich in die Groß- städte verirrt haben. Glaubt man darwinistischen Psychologen und

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Der große Ausverkauf

Anthropologen, lassen sich damit unsere schlechten Gewohnheiten erklären. Das Verlangen nach Süßigkeiten etwa stammt aus einer Zeit, als von Eiskrem noch niemand etwas wusste. Unser Interesse an Klatsch- geschichten stammt aus einer Zeit lange vor der Boulevardpresse. Unsere Daseinsfürsorge schließlich – und damit sind wir beim Invest- mentverhalten – ist eigentlich für die Mammutjagd gedacht, nicht für die Jagd nach Kapitalgewinnen. Das börsenpsychologische Problem ist daher im wahrsten Sinne des Wortes ein Mammutproblem. Nun zu meiner Parabel. Versetzen wir uns einmal in jene Urzeit, die die Anthropologen und Evolutionspsychologen das »ancestral adap- tive environment« nennen und aus der unsere Instinkte und Problemlö- sungstechniken stammen. Nehmen wir an, zwei Stämme – der Clan des Höhlenbärs und der Clan des Höhlenbullen – lebten in enger Nachbar- schaft zueinander, verfolgten traditionell aber unterschiedliche Strate- gien. Die Höhlenbären haben sich auf Hasenfallen spezialisiert – eine sichere Nahrungsquelle, denn Hasen gibt es reichlich. Der Nachteil: Ein Hase ist klein, weil halt nur ein Hase. Die Höhlenbullen hingegen jagen bevorzugt das Mammut – eine riskante Sache, denn Großtiere sind rar und die Jagd auf sie ist lebensgefährlich. Doch wenn es klappt, lohnt es sich richtig. Nehmen wir nun weiter an, dass die Höhlenbullen in den letzten zwei Jahren großes Jagdglück hatten und praktisch jede Woche ein Mammut erlegten. Die Höhlenbären wurden natürlich neidisch, vernachlässigten ihre Hasenfallen und taten es den Höhlenbullen nach. Wieso natürlich? Es handelt sich um einen Instinkt, der dem Menschen unter urzeitlichen Bedingungen gute Dienste leistete. Überlebenswichtige Ereignisse hat- ten damals einen relativ stabilen, dauerhaften Charakter. Die Bedin- gungen, die eine erfolgreiche Mammutjagd versprachen – ein günstiges Klima ließ das Gras wachsen, veränderte Migrationsmuster führten viele der Tiere in die Region – hielten lange an, folglich war es sinnvoll, dass die Höhlenbären eine nachweislich erfolgreiche Strategie abkup- ferten. Unser Problem liegt nun darin, dass diese instinktive Reaktion in der modernen Welt, insbesondere in der Finanzwelt deplatziert ist, zumin- dest in der Theorie der Finanzmärkte. Der Effizienzthese zufolge ent-

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hält der Aktienkurs zu jedem Zeitpunkt alle Informationen über das Unternehmen. Danach wäre jede zukünftige Kursbewegung ihrem Wesen nach unvorhersehbar, mithin vom Zufall abhängig (»random walk«), was wiederum in völligem Gegensatz zur oben erwähnten Sta- bilität urzeitlicher Erfahrungsmuster steht. Frühere Kapitalgewinne berechtigen in keiner Weise zu der Annahme, dass sie sich in der Zukunft wiederholen werden. Der rationale Anleger lässt die Vergan- genheit daher Vergangenheit sein. Anders formuliert: Letztjährige Gewinne sind Schnee von gestern. Wenn Sie vernünftig sind, steigen Sie nicht in Aktien ein, bloß weil ein paar Glückspilze ein Vermögen an der Börse gescheffelt haben. Doch was passiert in Wirklichkeit? Ihr Hirn sagt Ihnen vielleicht: »Aufgepasst, diese KGVs sind verflixt hoch!« Doch die urzeitlich programmierten Instinkte hämmern: »Wir wollen Mammutfleisch!« Es ist schwer, diesem Impuls zu widerstehen. Vor allem aber ver- stärkt er sich zumindest zeitweilig selbst. Dies hat mit einem Täu- schungseffekt zu tun, gleichsam einer Fata Morgana. Während früher schnell offenbar wurde, dass die Vermehrung der Höhlenbullen die Ausbeute des einzelnen Jägers tendenziell schmälerte, erzeugt die Zu- nahme der Börsenbullen tendenziell immer größere Kapitalgewinne – solange die Hausse anhält! Seit Monaten steigen die Kurse trotz mäßi- ger Gewinnmeldungen aus den Unternehmen. Der Grund liegt mithin allein in der Kauflust und in der Gier. Immer mehr Marktteilnehmer ärgern sich offenbar über entgangene Gewinnchancen und wollen auf den fahrenden Zug aufspringen. Irgendwann wird dieses Nachzügler- potenzial erschöpft sein. Theoretisch sollte das natürlich nicht passieren. Rationale Anleger denken langfristig, so das Postulat, und stellen die Konjunkturzyklen in Rechnung. Stimmt diese Annahme? Sind die Indizes momentan wirk- lich deswegen so hoch, weil weitsichtige Anleger zu Recht annehmen, die New Economy garantiere ewig wachsende Gewinne? Sollten Risi- koprämien in Zeiten der Investmentfonds tatsächlich ein Relikt aus längst vergangenen Tagen sein? Ich glaube es einfach nicht. Meiner Meinung nach ist die viel beschworene Spezies des klugen Anlegers angesichts der derzeit exorbitanten Gewinne zum Aussterben verur-

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teilt. Die kursierenden Rechtfertigungen für die hohen Kurse entsprin- gen reinem Wunschdenken und sind durch keine seriöse Theorie gedeckt. Vielleicht kapiere ich es ja einfach nicht. Vielleicht bin ich ein dick- schädeliger Neandertaler, den die moderne Welt überfordert. Aber mei- ner Meinung nach ist die neue Eiszeit trotzdem nicht mehr weit.

Abgezockt?

28. Mai 2000 Ökonomen sind selten gute Spekulanten, sie denken zu viel. Wie der sprichwörtliche Professor, der einen 500-Euro-Schein auf dem Bürgersteig liegen lässt, weil er nicht glaubt, was er sieht. Wenn da wirklich so viel Geld auf der Straße läge, hätte bestimmt schon jemand zugegriffen Man sollte allerdings nie die Ebenen verwechseln. Denn was an der Börse von Nachteil sein mag, ist im sonstigen Leben mitunter ein Vor- teil. Gelegentlich bietet sich auch den Achtsam-Bedächtigen die Chance auf einen großen Gewinn, auf ihren 500-Euro-Schein. Klug, wie sie sind, werden sie daraus allerdings keine Gesetzmäßigkeit ableiten (»Geld liegt auf der Straße«), sondern Regel und Ausnahme trennen und vor allem auf einer solchen Verwechslung nicht gerade die Alters- vorsorge aufbauen. Aktien stellen historisch gesehen zweifellos eine ausgezeichnete Geldanlage dar. Ich will nur an Jeremy Siegel, University of Pennsylva- nia, mit seinem Buch Stocks for the Long Run erinnern. Er hat für das gesamte letzte Jahrhundert nachgewiesen, dass der Anleger mit Aktien langfristig meistens besser gefahren ist als mit Anleihen. Allerdings zogen viele hieraus den falschen Schluss. Aktien sind keineswegs einem Naturgesetz gleich immer eine gute Geldanlage. Aktien waren in der Vergangenheit einfach nur unterbewertet. Ökonomisch formuliert: Die Anleger waren nicht bereit, für einen Anteil an den Unternehmenserträ- gen jenen Preis zu zahlen, den sie angesichts der eben vergleichsweise niedrigen Risiken wert gewesen wären.

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Das änderte sich freilich Ende des 20. Jahrhunderts. Das Kurs- Gewinn-Verhältnis oder kurz KGV – die Kennziffer besagt, wie oft der Gewinn pro Aktie im Börsenkurs enthalten ist – stieg und stieg. In dem von Professor Siegel untersuchten Zeitraum lag das KGV im Durch- schnitt bei 15, die effektive Rendite von Aktien gemittelt bei 7 Prozent. Heute bewegt sich das Durchschnitts-KGV amerikanischer Aktien um 30! Fragt sich nur, ob es sich um einen »irrationalen Überschwang« handelt oder die Anleger Professor Siegels Lektion endlich begriffen haben. Wie immer die Antwort ausfällt, es ändert nichts an der Tatsa- che, dass der Fünfhunderter inzwischen weg ist. Denn wenn die Anleger heute doppelt so viel für einen Ertragsanteil hinblättern und wir der Einfachheit halber eine gleich bleibende Gewinnsteigerungsrate unter- stellen, halbiert sich die historische Effektivverzinsung. Dessen ungeachtet proklamieren jene, die das Rentensystem der USA reformieren wollen – allen voran George W. Bush und seine Bera- ter –, Aktien lauthals als die Altersabsicherung schlechthin. Sie behaup- ten, man könne dauerhaft von mindestens 7 Prozent Aktienrendite aus- gehen. Das ist eindeutig falsch, wie das kräftig gestiegene KGV zeigt. Derlei ficht Bush nicht an. Ungerührt wiederholt er die These, Aktien seien schon immer eine gute Anlage gewesen, und behauptet mithin, der Fünfhunderter, der gestern auf dem Bürgersteig lag, liege nicht nur heute noch dort, sondern für alle Zukunft. Noch absurdere Züge gewinnt das Ganze freilich, wenn selbst gut ausgebildete Ökonomen derlei hirnrissige Thesen begeistert aufgreifen. Trübt Wunschdenken ihren Verstand? Oder sind da Opportunisten am Werk, die genau wissen, dass sie den Leuten Sand in die Augen streuen? Betrachten wir eine einschlägige Bush-Äußerung:

In einer Rede vom 15. Mai 2000, also noch im Wahlkampf, stellte der Kandidat Folgendes als Tatsache hin: »Selbst wenn ein Arbeitneh- mer sein Erspartes in die sicherste Anlageform der Welt – inflationsin- dexierte US-Staatsanleihen – steckt, ist seine Rendite doppelt so hoch wie in der staatlichen Rentenversicherung.« Erstaunlich! Immerhin legt die staatliche Rentenversicherung alle Beitragsgelder in – Sie ahnen es – US-Staatsanleihen an. Doch gehen wir einen Schritt weiter (und Bushs Berater kennen diese Zusammenhänge, auch wenn Bush junior, damals

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noch Gouverneur von Texas, vielleicht wirklich nicht wusste, wovon er sprach). Die heutigen Beitragszahler finanzieren nicht zuletzt die Ren- ten derer, die vor ihnen in Pension gehen. Falls Sie, lieber Leser, dies für sekundär halten, irren Sie sich gewaltig. Die finanziellen Verpflichtun- gen des Staates verschwinden ja nicht, bloß weil man das Sozialsystem abbaut und die Bürger ihr Geld für die Rente anderswo anlegen lässt. Wenn es so einfach wäre, könnte auch ich schnell eine schmerzlose Ren- tenreform aus dem Hut zaubern. Doch »zaubern« ist mit Blick auf die amerikanischen Neokonser- vativen nicht ganz das richtige Wort. »Voodoo-Ökonomie« träfe die Sache schon besser.

Vom Dow gebeutelt

2. September 2001 Etwa zu der Zeit, als George W. Bush seine Steuersenkungspläne erstmals publik machte, besuchte ich zum Lunch eine Imbissbude. Amerikanische Imbissbuden sind häufig mit einem Fernseher ausgestattet, damit die Leute zum Hotdog etwas Unterhal- tung haben. Es lief aber keineswegs irgendein Sportkanal, sondern der Börsen- und Wirtschaftssender CNBC. Damals, es war Ende 1999, dachte ich noch: »Seltsam. Wenn das nur gut geht!« Es ging nicht gut. Noch im selben Jahr knackte der Dow Jones die 10000-Punkte- Marke. Anfang 2000 sackte er zwar wieder unter diese magische Ziffer ab, doch war dies nur ein kurzes Intermezzo. Die verrückte Rally auf dem Parkett ging munter weiter. Die verwöhnten Börsianer hatten mitt- lerweile den Nasdaq entdeckt und für den guten alten Dow, die lahme Ente, höchstens ein mitleidiges Lächeln übrig. Letzte Woche aber pas- sierte es: Die Kurse brachen auf breiter Front ein und schickten den Dow erneut durch die 10000er-Marke, allerdings in der falschen Rich- tung. Die Börsenblase ist somit endlich und definitiv geplatzt. Doch welch ein Schaden für die amerikanische Wirtschaft! Inzwischen spürt man die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen des Crashs. In den Jahren boomender Aktienkurse, hinter denen nicht

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zuletzt die Euphorie wegen der New Economy stand, kauften die Unter- nehmen wie verrückt Informationstechnologie. Mittlerweile ist Er- nüchterung eingekehrt. Viele Betriebe sitzen infolge überzogener Inves- titionen auf Überkapazitäten, die leider dafür sorgen werden, dass die Unternehmensinvestitionen in den nächsten Jahren auf niedrigem Niveau stagnieren. Ermutigend sind diese Aussichten nicht, aber die direkten ökonomi- schen Auswirkungen der gekippten Börseneuphorie sind nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte sind die politischen Konsequenzen. Schließlich war es kein Zufall, dass Bush seine Steuerpläne auf dem Höhepunkt des Spekulationsfiebers, kurz vor dem Crash, veröffent- lichte. Es gab mithin einen engen, wechselseitigen Zusammenhang zwi- schen Börsenmanie und Steuersenkungswahn. Zum einen schürten rechtsgerichtete, neokonservative Medien die Aktienbegeisterung nach Kräften. Ich erinnere nur an die Leitartikel des Wall Street Journal. Dort kolportierte man jeden noch so abstrusen Bewertungsansatz, solange er steigende Aktienkurse rechtfertigte. Erin- nern Sie sich noch an die landauf, landab kursierende Vision vom Dow 36000? Wer auf die offensichtlichen Schwachpunkte dieser These hin- wies, weil Aktien nicht auf immer und ewig derart hohe Renditen ab- werfen können, wurde als gefährlicher Antikapitalist diffamiert, getreu dem Motto: Die Börse ist Kapitalismus in Reinform, wer sie kritisiert, muss links stehen. Die noch bedeutendere Ursache-Wirkungs-Relation verlief aber in umgekehrter Richtung: Das Börsenfieber bot ein hervorragendes Um- feld, um eine verantwortungslose Politik zumindest temporär in ein Plausibilitätsmäntelchen zu hüllen. Die Neokonservativen witterten ihre Chance und griffen zu. Es ist wichtig, zu begreifen, dass der beklagte (und inzwischen abge- schmolzene) Haushaltsüberschuss auf die Börsenhausse zurückgeht. Zwischen 1994 und 2000 wurden die Steuern ja nicht mehr erhöht. Trotzdem wuchsen die Staatseinnahmen durch den Fiskus. Somit liegt auf der Hand, wo der Überschuss in der Hauptsache herrührte: aus der Besteuerung der Kapitalgewinne. Hieraus zog man allerdings einen völ- lig falschen Schluss – dass die Schatzkammern des Landes auf Dauer

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Der große Ausverkauf

gefüllt und folglich Steuersenkungen sinnvoll seien. Noch einmal: Bush lancierte seine Steuersenkungspläne auf dem Gipfel der Börseneupho- rie, und kaum jemand begriff zu diesem Zeitpunkt, welch faules Ei da gelegt wurde. Inzwischen sind wir unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Leider kommt der neue Realismus zu spät, um Bushs katastrophalen Steuerpläne zu durchkreuzen. Noch aber bleibt Zeit, ihm den zweiten Streich, den er sich von Anfang an auf die Fahnen geschrieben hat, abzuwehren. Ich meine den Ruin der Social Security, aus der die Ameri- kaner ihre Rente beziehen. Jeder vernünftige Mensch muss sich doch wundern, warum Bush nicht irgendwann selbst Bedenken kamen – warum er ein Programm, das er Ende 1999 (wohlgemerkt in der heißen Spekulationsphase) vor- gelegt hatte, nach dem Crash unter völlig veränderten wirtschaftlichen Voraussetzungen unverändert beibehielt, als sei nichts gewesen. Für Fachleute, also auch für Bushs Beraterstab, war klar, dass er die Steuer- einnahmen auf Sturzflug schicken würde. Doch was tat Bush? Er tischte mit bekannt staatsmännischer Miene Lügenmärchen auf – und der Kongress nahm sie ihm auch noch ab! Es gibt nur eine einzige Erklärung für Bushs Verhalten: Augenwi- scherei mit System. Es zeigt sich immer wieder, dass sich die Bush- Regierung niemals auf veränderte Umstände einstellt. Ihre Pläne (und vor allem die Ziele) bleiben dieselben – nur das »Verkaufsargument« ändert sich. Die Steuersenkungen werden heute als Rezessionsbekämp- fung verkauft, obwohl sie hierfür überhaupt nicht taugen. Und bei der Rente läuft es nicht anders. Nachdem man deren Privatisierung nicht mehr mit saftigen Aktiengewinnen schmackhaft machen kann, verlegt man sich auf eine andere Taktik und jagt der Bevölkerung – genauso verantwortungslos – eben Angst ein. Dem amerikanischen Volk ist durch die neokonservative Regierung bereits ein immenser Schaden entstanden. Das Börsenfieber hat in Poli- tik wie Wirtschaft zu völlig falschen Weichenstellungen geführt. Mit den Konsequenzen werden wir noch viele Jahre leben müssen.

Kapitel 2

Auswärtige Vorzeichen

Die Asienkrise und ihre Ursachen

Fortune, 2. März 1998 Ein Teil von mir freut sich über die Finanzkrise, an der Asien derzeit leidet. Ich bin nicht schadenfroh, nur fallen Turbulenzen dieser Art eben in mein Spezialgebiet. Bereits mein erster größerer Fachaufsatz, geschrieben vor über 20 Jahren, befasst sich mit Zahlungsbilanzkrisen. Ich habe insofern manches mit einem auf Tornados spezialisierten Meteorologen gemein, der sich vermutlich auch freut, wenn er auf dem Radarbild eine solche Teufelswindhose entdeckt und sie in natura studieren kann. Dass mir die Betroffenen leid tun, versteht sich von selbst. Trotzdem ist das Schauspiel faszinierend, zumal man ja nicht jeden Tag Gelegenheit zu solchen Beobachtungen hat. Durch Krisen gewinnen wir viel bessere Einblicke ins weltwirt- schaftliche Räderwerk, als wenn alles glatt läuft. Hoffen wir, dass uns die Aufarbeitung der jetzigen Krise helfen wird, künftigen Einbrüchen vorzubauen oder sie zumindest besser zu bewältigen. Was also haben wir aus der Asienkrise gelernt? Spekulative Attacken auf Währungen sind gewiss nichts Neues, und vor den Gefahren für die südostasiatischen Volkswirtschaften wurde schon Jahre vorher ge- warnt. Doch das Ausmaß und die Heftigkeit der Krise hat alle über- rascht. Das Desaster zeigt Gefahrenpotenziale globaler Kapitalmärkte, die man sich früher überhaupt nicht vorstellen konnte. Inzwischen wissen wir ziemlich genau, was in Asien schief gelaufen ist. Es handelt sich gleichsam um ein Schauspiel in zwei Akten: Der erste

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Der große Ausverkauf

Akt erzählt von einem rücksichtslosen Bubenstück, der zweite von des- sen Folgen. Was momentan noch niemand so recht beurteilen kann:

Bleibt es beim Zweiakter? Ist die Farce ausgestanden, oder rundet ein dritter Akt das Ganze endgültig zum Drama ab? Die Geschichte beginnt mit einer Spekulationsblase. Ursache waren sehr wahrscheinlich Missstände im Kreditwesen. In allen Ländern, die derzeit in die Krise verwickelt sind, waren der öffentliche und der pri- vate Sektor, wenn überhaupt, dann nur sehr unvollkommen voneinan- der getrennt. Der Neffe des Ministers oder der Sohn des Staatspräsiden- ten konnte problemlos eine Bank eröffnen und von der heimischen Bevölkerung oder ausländischen Investoren Einlagen annehmen – und alle glaubten eben wegen der offiziellen Verbindung zur Regierung, ihr Geld sei sicher. Staatliche Garantien sind in der ganzen Welt üblich, nor- malerweise jedoch an Auflagen gebunden. Kreditinstitute müssen zum Beispiel Eigenkapital in bestimmter Höhe vorweisen, eine umsichtige Anlagepolitik betreiben und so fort. In asiatischen Ländern hat man jedoch zu vielen Betreibern einen Freibrief ausgestellt und weder ihr Gebaren noch ihre Qualifikation ausreichend überprüft. Die Konse- quenz war ein Spiel nach dem Motto »Kopf oder Zahl«. Wundert es da noch, dass Kredite oft in extrem spekulative Immobiliengeschäfte und risikoreiche Unternehmensexpansionen flossen? Angeheizt wurde das Spekulationsfieber noch von gutgläubigen aus- ländischen Investoren, die ihr Geld offenbar fast bedenkenlos in ferne Länder investierten, die sich dem Hörensagen nach wirtschaftlich im Aufwind befinden sollten. So wurde der Aufschwung eine Zeitlang zum Selbstläufer: All die riskanten Kredite erzeugten einen Immobilien- und Börsenboom, der wiederum die Bilanzen der Banken und ihrer Kunden aufhübschte. Der zweite Akt folgte auf dem Fuß – es kam zum Crash. Früher oder später war dies ganz unvermeidlich. Irgendwann musste auffallen, dass Grundstückspreise und Aktienkurse weit jenseits der Realität lagen und asiatische Konzerne bei ihren diversen weltweiten Engagements auch nicht erfolgreicher sind als ihre westlichen Konkurrenten. Doch der Zusammenbruch kam früher als befürchtet. Spekulationsblasen haben eine Schwachstelle – Pessimismus. Sobald eine hinreichend große Zahl

Auswärtige Vorzeichen

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von Anlegern Zweifel bekommt, knallt es. Wieder haben wir es mit einem Selbstläufer zu tun, diesmal jedoch in der Gegenrichtung. Ganz Asien rauschte also in eine gewaltige Abwärtsspirale. Je mehr nervöse Anleger ihr Kapital abzogen, desto tiefer fielen die Kurse. Und je stärker die Kurse fielen, desto zweifelhafter wurde, ob die Regierun- gen wirklich hinter den verbleibenden Einlagen und Krediten stehen würden. Dies heizte die Kapitalflucht weiter an. Da aber die Massen ausländischer Investoren zu den Ausgängen stürmten, wurden Wäh- rungsabwertungen unausweichlich. Die Falle schnappte zu: Die Ver- mögenswerte von Banken und Unternehmen standen in der abgewer- teten einheimischen Währung in den Büchern, die Schulden indes no- tierten in leider sehr festen Dollar. Was löste die Kettenreaktion eigentlich aus? Eine schwierige und letztlich müßige Frage. Unter ungünstigen Bedingungen kann die Lawine schon durch einen relativ nichtigen Anlass ins Rollen gebracht werden. In Asien waren es sehr wahrscheinlich die rezessiven Tenden- zen im Halbleitermarkt und der Anstieg des Dollars gegenüber dem Yen. Doch wenn das nicht gewesen wäre, hätte eben etwas anderes die Krise losgetreten. Die Implosion der asiatischen Finanzmärkte zieht die beteiligten Volkswirtschaften insgesamt nach unten. Es ist eine Zangenbewegung:

Erstens belastet der Kaufkraftverlust durch die Abwertung die Nach- frage, die Verbraucher fühlen sich natürlich ärmer. Zweitens nimmt infolge der niedrigen Aktienkurse und – damit verbunden – der hohen Zinsen die Investitionsneigung ab. Ein angebotsseitiger Negativeffekt kommt leider noch erschwerend hinzu. Wohl wurde die Krise durch die Misswirtschaft einiger weniger Banken ausgelöst, doch ohne ein insge- samt gut funktionierendes Kreditwesen kommt keine Volkswirtschaft aus – und da hapert es eben. In einigen asiatischen Ländern hat dieser Motor regelrecht einen Kolbenfresser. Selbst Unternehmen, denen es trotz Krise relativ gut gehen sollte (Exporteure zum Beispiel), werden mit in den Strudel gezogen, weil sie einfach nicht mehr an Kredite herankommen. Bange Frage: Kann sich die Lage weiter verschlimmern? Falls es zu einem dritten Akt kommt, dann nur deshalb, weil die Wirtschaftskrise

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Der große Ausverkauf

politische Instabilität nach sich zieht, dies würde die Kapitalflucht ver- stärken und die Wirtschaftskrise eskalieren lassen. Irgendwann bre- chen dann alle Dämme. Bis dato allerdings hält sich die Negativent- wicklung in Grenzen. Nur in Indonesien gibt es Anzeichen für einen derartigen Teufelskreis. Die meisten Beobachter sehen allerdings auch dort keine echte Gefahr und glauben, dass das Risiko von Unruhen überzeichnet wurde. Ich hoffe sehr, dass sie Recht behalten. Für den Ökonomen ist so ein »Wirbelsturm«, wie er über die asiatischen Finanzmärkte hinwegfegte, ein feines Lehrstück. Doch die betroffenen Menschen, deren Existenz- grundlage, mitunter auch deren Leben auf dem Spiel steht, sollten darü- ber nicht vergessen werden. Für sie ist zu hoffen, dass der Sturm sich bald legt.

Krank dank Kant?

Fortune, 19. Juli 1999 Vor nicht allzu langer Zeit kursierten im Internet diverse Fassungen eines gefälschten EU-Papiers, demzufolge nach der Währungsunion der logische nächste Schritt die Sprachunion sei. Witzigerweise enthielt es gleich auch einen Vorschlag: Das Engli- sche wurde auserkoren, allerdings mit ein paar kleinen »Optimierun- gen« etwa dergestalt, das harte »c« (vor a, o und u) auch in der Schrei- bung durch ein »k« zu ersetzen. Ein weiterer »Harmonisierungs- vorschlag« lief darauf hinaus, die rigide, dafür aber übersichtliche Syn- tax des Englischen (Subjekt – Prädikat – Objekt) ein wenig aufzulo- ckern, um in Anlehnung an das Deutsche einen Teil des Prädikats ans Satzende zu rücken (»attendre le verbe«, so mokieren sich die Franzo- sen bekanntlich über dieses Spezifikum der deutschen Sprache). Kurz und gut: Die sprachliche »Harmonisierung« gelang so perfekt, dass aus Englisch zu guter Letzt Deutsch geworden war. Der Witz brachte natürlich deswegen so viele zum Lachen, weil allenthalben Befürchtungen vor einem übermächtigen Deutschland laut werden. Es ist nicht nur der bevölkerungsreichste Mitgliedstaat der

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Europäischen Union, sondern traditionell auch der wirtschaftlich stärkste. Speziell die monetäre Vormachtstellung der Deutschen ist seit 20 Jahren ein nicht immer gern gesehenes Faktum. In der Geldpolitik blieb den Notenbanken Hollands, Belgiens und selbst Frankreichs wenig anderes übrig, als dem Beispiel der Bundesbank zu folgen. In letz- ter Zeit hat sich die Lage aber – fast unbemerkt – gewandelt. Deutsch- land ist nicht mehr das Zugpferd Europas. Schlimmer noch: Deutsch- land ist krank. Fragt sich nur, seit wann. Wer die fünfziger und sechziger Jahre mit- erlebt hat, assoziiert »deutsch« automatisch mit »Wirtschaftswunder«. Noch Anfang der neunziger Jahre, unmittelbar nach dem Fall der Mauer, sah es vergleichsweise gut aus, gemessen an internationalen Maßstäben. Seit einigen Jahren aber heimst der ehemalige Muster- knabe am laufenden Band schlechte Noten ein. Manche sehen die Wurzel des Übels in der derzeitigen Mitte-links- Koalition von Gerhard Schröder. Sie habe mit ihren gelegentlichen Aus- flügen in die angestammte sozialistische Rhetorik das Vertrauen der Wirtschaft unterminiert, tönen die Konservativen. Dabei vergessen sie allerdings, dass der deutsche Wirtschaftsmotor schon erheblich stot- terte, als Schröder nur in Niedersachsen regierte. Ihm lässt sich allen- falls vorwerfen, dass er das Ruder nicht herumreißen konnte. Andere verweisen auf die Kosten der deutschen Wiedervereinigung. Zweifellos entstanden daraus enorme Belastungen, und in Deutschland hielten nolens volens italienische Verhältnisse Einzug – leider ohne Dolce Vita. Ähnlich wie Italien, das in einen prosperierenden Norden und einen rückständigen, immer weiter verarmenden Süden gespalten ist, hat Deutschland seinen Mezzogiorno in Form des Ost-West-Gefäl- les – starker Westen, schwacher Osten. In beiden Fällen strapazieren die Transfers in die armen Regionen nicht nur die Haushalte, sondern stel- len die Gesellschaft vor eine Zerreißprobe, weil sie in den Empfängerre- gionen eine Art Abhängigkeitskultur nähren. Es gibt allerdings auch Kritiker, die sich von derlei vordergründigen Argumenten nicht beeindrucken lassen und behaupten, das Problem sei wesentlich älter. Bereits vor 20 Jahren prägte der Wirtschaftswissen- schaftler Herbert Giersch den Begriff »Eurosklerose«, um die Überre-

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Der große Ausverkauf

gulierung und den allzu großzügigen Wohlfahrtsstaat zu geißeln. In bei- dem sah er ein Produktivitäts- und Wachstumshemmnis mit entspre- chend negativen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt. Dass er dabei vor allem an Deutschland dachte, versteht sich fast von selbst. Dies könnte den Eindruck erwecken, als ließe sich der Unterschied zwischen dem kränkelnden Deutschland und den vitalen angelsäch- sischen Volkswirtschaften auf die simple Formel »freie Märkte oder rigider staatlicher Interventionismus« reduzieren. Die Bürokratie spielt zwar eine Rolle, doch wer sich je mit deutschen Ökonomen und Re- gierungsvertretern unterhalten hat, weiß, dass sie in mancher Hinsicht konservativer – das heißt staatlichen Eingriffen abgeneigter – sind als wir Amerikaner. Zwar gibt es beispielsweise das Ladenschlussgesetz, während in Amerika jedes Geschäft öffnen kann, wann und so lange es will, doch stehen die Deutschen andererseits für eine harte Wäh- rung und solides Wirtschaften. Sie schreien nicht ständig nach Zinssen- kungen, und eine Abwertung der Währung kommt schon gar nicht infrage, selbst wenn dadurch die Arbeitslosenziffern gesenkt werden könnten. Ich will daher eine provokante These aufstellen: Der größte Unter- schied zwischen den derzeit erfolgreichen Volkswirtschaften (speziell der amerikanischen) und den kränkelnden Ländern (wie Deutschland) hat in Wahrheit keinen politischen, sondern einen philosophisch-welt- anschaulichen Hintergrund. Der Gegensatz lautet nicht Karl Marx ver- sus Adam Smith, sondern Immanuel Kant versus William James, kate- gorischer Imperativ versus Pragmatismus. Wonach die Deutschen dürs- tet, ist ein klares Regelwerk – Prinzipien, an denen sich Wahrheit und Moralität ablesen lassen, sowie klare Regeln fürs tägliche Leben, etwa im Hinblick auf die Ladenöffnungszeiten, den verlässlichen Wert der heimischen Währung und so fort. Die Amerikaner hingegen sehen das alles viel lockerer, praktisch wie philosophisch: Gut ist, was (zumindest halbwegs) funktioniert. Wenn die Leute abends um elf einkaufen wol- len, sollen sie es doch tun. Wenn der Dollar heute 80 und morgen 150 Yen wert ist, wen kümmert’s! Dass die amerikanische Methode keineswegs immer besser funktio- niert, brauche ich kaum zu betonen. Die Deutschen bauen auch heute

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noch die besseren Autos, und bei Amtrak geht es in puncto Termin- planung erheblich unzuverlässiger zu als bei der Deutschen Bahn. Deutschland ist eine erfolgreiche Exportnation, Amerika nicht. Die hohe Qualität deutscher Erzeugnisse, die technische Kompetenz etwa im Maschinenbau – all dies verleiht den Deutschen eine Stärke, die selbst die weltweit höchsten Lohnkosten verkraften kann. Und auch bei der Inflationsbekämpfung war Deutschland in den siebziger und acht- ziger Jahren eindeutig erfolgreicher als wir Amerikaner. Doch die Welt hat sich verändert, die Gewichte haben sich verscho- ben. Flexibilität scheint heute wichtiger zu sein als Disziplin. Die Tech- nologielandschaft ist in Bewegung, die Märkte sind es nicht weniger. Man darf nicht alles ins Extrem treiben. In einem Umfeld, in dem nicht Inflation, sondern Deflation die deutlich realere Gefahr bildet, kann die Fixierung auf eine stabile Währung katastrophale Folgen in Form einer Dauerrezession haben. Und so konnte es geschehen, dass Deutschland erkrankte und damit das gesamte europäische Einigungsprojekt gefährdet. Denn es wird als wirtschaftliche Lokomotive des neuen Europa dringend gebraucht. Was aber, wenn aus der Zugmaschine langfristig ein Bremsklotz wird und der Karren in den Dreck fährt? Kant bewahre!

Wir sind nicht Japan

27. Dezember 2000 Wenn Lucy Charlie Brown verspricht, dass er dieses Mal den Ball treten darf – bestimmt! –, dann weiß man schon, wie das enden wird. Wenn der Kojote schwört, dass er diesmal den Road Runner erledigt, ist völlig klar, wie das enden wird. Und wenn Nippons Regierungsvertreter behaupten, ihr Land habe die Talsohle nun endgültig durchschritten Die jüngsten Eckdaten für Japan verheißen wieder einmal nichts Gutes. Die Unternehmen sind so pessimistisch wie eh und je, die Ver- brauchernachfrage ist weiterhin rückläufig, die Arbeitslosigkeit steigt, die Deflation galoppiert. Und der Nikkei-Index, der zu Beginn des Jah-

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Der große Ausverkauf

res bei über 20000 Punkten notierte, dümpelt inzwischen um 14000 Zähler. Im Land des Lächelns ist das nichts Neues. Doch wie steht es mit der US-Wirtschaft, in der es derzeit so schlecht läuft wie seit Jahren nicht? Die Aktienanalysten verbreiten Panik, und egoistische Politiker über- treffen sich im Ausmalen von Katastrophenszenarien. Trotzdem: Wir sind nicht Japan. Unsere Lage ist anders. Ich will erklären, warum. Zunächst ist festzuhalten, dass Rezessionen für die großen moder- nen Volkswirtschaften in der Regel kein ernsthaftes Problem sind. Wohlgemerkt: in der Regel. Japan ist die Ausnahme von der Regel. Rezessionen sind im Prinzip beherrschbar, was nicht heißt, dass man die Ursachen beseitigen könnte (denn die in ausgedehnten Expansionspha- sen immer wieder ausgemottete These, nun sei das zyklische Auf und Ab endgültig überwunden, ist schlichter Blödsinn). Aber man kann rezessiven Tendenzen im Normalfall wirksam begegnen, noch dazu mit einem simplen Rezept: Senke die Zinssätze (ein paar Prozentpunkte genügen meist), schaffe damit Liquidität – und schon bald sieht die Welt viel freundlicher aus. »Bald« heißt natürlich nicht morgen und auch nicht übermorgen. Es braucht schon ungefähr sechs bis zwölf Monate. Erfahrungsgemäß gelingt es der Fed fast immer, durch Leitzinssenkungen sowohl bei den Endverbrauchern als auch bei den Unternehmen die Nachfrage respek- tive Ausgaben anzukurbeln. Die notwendige »Reaktionszeit« ist der Grund, warum die modernen Volkswirtschaften nach wie vor rezessi- onsgefährdet sind. Mitunter verpasst die Notenbank den optimalen Zeitpunkt und greift trotz nachlassender Wirtschaftstätigkeit zu spät ein, um einen nachhaltigen Abschwung zu verhindern. Das war bei- spielsweise 1990 in den USA der Fall – und auch jetzt besteht diese Gefahr. Warum? Bei den letzten Zinsanhebungen bewies die Fed kein glück- liches Händchen. Ende 1999 und Anfang 2000, als Amerikas Wirt- schaft zu überhitzen drohte, waren die Erhöhungen völlig in Ordnung. Im Mai 2000 hob Greenspan den Leitzins noch einmal um einen halben Prozentpunkt an – und das war zu viel des Guten. Klar, im Nachhinein hat man leicht kritisieren.

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Die Fed kann (und wird, denke ich) diese letzte Anhebung in aller- nächster Zeit wieder zurücknehmen. Aber die Wirkung wird natürlich ein bisschen auf sich warten lassen. Zwischenzeitlich könnte die Wirt- schaft aber mehr als gewollt abkühlen. Wenn wir Pech haben, sinkt das Wachstum zwei, drei Quartale lang sogar unter null – was definitions- gemäß Rezession bedeutet. Dieser Rückschlag dürfte aber in wenigen Monaten verdaut sein – womit wir beim Unterschied zwischen Japan und den USA wären. Im Falle Japans ist das Katastrophenszenario wirklich angebracht. Da der Leitzins praktisch bei null liegt (ganz auf null steht er übrigens nicht, weil die japanische Notenbank im August 2000 die Zinssätze dummerweise wieder anhob!), kann der Abschwung nur bedeuten, dass die Wirtschaftspolitik des Landes grundsätzlich im Argen liegt und schon längst radikale Maßnahmen erforderlich gewesen wären. Anders in den USA: Unser Konjunkturrückgang ist vollkommen normal und deutet keineswegs auf fundamentale wirtschaftspolitische Probleme hin. Uns hilft daher eine simple Medizin namens Zinssenkung. Wovor also sollten wir Angst haben? Ein Katastrophenszenario ist derzeit äußerst unwahrscheinlich. Natürlich kann man eine solche Ent- wicklung nicht hundertprozentig ausschließen. Falls sie eintritt, hätten wir mit den Japanern mehr gemeinsam, als uns lieb ist. Wir müssten nach dem Platzen unserer hausgemachten Spekulationsblase beküm- mert feststellen, dass es diesmal mit Leitzinssenkungen nicht getan ist. Aber wie gesagt: Das ist meines Erachtens unwahrscheinlich. Wirklich Sorgen bereitet mir hingegen, wie die amerikanische Politik auf den Abschwung reagieren wird. Ich befürchte, das Bush-Lager könnte das leichte Fieber, das sich in bewährter Weise relativ problem- los senken ließe, ausnutzen und der Nation eine teure und gefährliche, weil die Lage verschlimmernde Quacksalbermedizin verabreichen. Meine Einlassungen zielen natürlich wieder einmal auf die unsäglichen Steuersenkungspläne ab. Diese würden nicht nur den kurzzeitigen Abschwung nicht umkehren, sondern die Staatsfinanzen langfristig rui- nieren! Eine Rezession (ob sie nun kommt oder nicht) braucht uns nicht Bange machen. Solche Entwicklungen hat die Fed im Griff. Was wir

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Der große Ausverkauf

fürchten müssen, ist die Panikmache. Dann nämlich könnten wir uns von dem Rezessionsgespenst nur allzu leicht zu Maßnahmen verleiten lassen, die wir noch auf Jahre hinaus bereuen würden.

Kapitel 3

Greenspanomics

Grenzwertig

6. August 2000 Eigentlich war alles perfekt, bis auf einen Ausrut- scher, der die Gemüter im Nachhinein erhitzte. Letzten Mittwoch führte die Financial Times ein Interview mit Lawrence Lindsey, in dem der frühere Mitarbeiter von Alan Greenspan mit seinen guten Kontak- ten zum ehemaligen Chef reichlich angab und den Eindruck erweckte, der oberste Währungshüter der USA befürworte das Wirtschaftspro- gramm von Präsidentschaftskandidat Bush. Schon einen Tag später ruderte Lindsey heftig zurück. Nicht nur musste er einräumen, das Pro- gramm niemals mit dem Fed-Chairman erörtert zu haben. Er fügte auch eilends hinzu, es sei nicht Mr. Greenspans Aufgabe, »dieses oder jenes Steuerprogramm oder diesen oder jenen Kandidaten zu unterstützen«. Lindsey trat vermutlich einfach wegen mangelnder Sensibilität ins Fettnäpfchen und war deshalb von der Reaktion der Öffentlichkeit ziemlich überrascht, nicht zuletzt von den harschen Kommentaren der Analysten bei Goldman Sachs und anderswo, die darauf hinwiesen, dass Bush mit seinen Steuersenkungen die Zinssätze nach oben katapul- tieren würde. Man kann nur hoffen, dass sich Bushs Republikaner diese Lektion zu Herzen nehmen und ihre Pläne künftig mit Sachargumenten verteidigen, statt sich auf reine Rhetorik und Versprechungen zu beschränken – oder nur darauf hinzuweisen, alles sei bestens, weil Onkel Alan derselben Meinung sei. Ich will zwar nicht weiter auf Law- rence Lindseys Schnitzer herumreiten, muss aber dennoch feststellen,

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Der große Ausverkauf

dass die Sache eine tiefere Dimension hat: Meiner Meinung nach hört man in letzter Zeit viel zu viel von Alan Greenspans »Meinung«. Und das ist nicht gut. Schließlich bekleidet Mr. Greenspan ein Amt, das Fingerspitzenge- fühl und Zurückhaltung verlangt. Der amerikanische Notenbankpräsi- dent besitzt ein Maß an Autonomie, das in einem demokratischen Gemeinwesen einmalig ist. Weder die Legislative (der Kongress) noch die Exekutive (der Präsident) können ihm irgendwelche Weisungen erteilen. Der Fed-Chairman ist vollkommen unabhängig und nur sich selbst verantwortlich. Das allerdings schon. Es gibt gute Gründe für diesen Sonderstatus. Die Geldpolitik würde Politiker in schlimme Versuchungen führen (etwa die Wirtschaft aus wahltaktischen Gründen mit Geld vollzupumpen) und muss deshalb aus dem Parteiengezänk und dem im engeren Sinn politischen Geschäft herausgehalten werden. Länder wie Großbritannien und Japan, in denen die Zentralbank zunächst den Weisungen des Finanzministeri- ums unterlag, sind nach einigen unerfreulichen Erfahrungen ebenfalls zu einem unabhängigen Gremium übergegangen. Der Grundsatz hat sich also bewährt. Keine Zentralbank allerdings hat ihre Unabhängigkeit so überzeu- gend gerechtfertigt wie die Fed. Dies erklärt auch den Mythos Green- span, der in den vielen Jahren seiner Präsidentschaft fast immer mit viel Geschick agierte. Er sorgte für Wirtschaftswachstum und behielt gleichzeitig die Inflation unter Kontrolle. Zweimal – 1987 und 1998 – erwies er sich mehr oder weniger als Deus ex Machina, als sein Wort die Finanzmärkte beruhigte und den Gau verhinderte. Es wundert also nicht, dass seine Meinung allenthalben gefragt ist. Doch genau hier liegt das Problem: Solange die Fed jeder politischen Kontrolle enthoben ist, tut sie gut daran, sich politisch neutral, das heißt überparteilich zu verhalten – im eigenen Interesse. Denn die Dinge werden bestimmt nicht immer so rund laufen wie in den letzten Jahren. Auch den Währungshütern wird irgendwann einmal ein dicker Patzer unterlaufen, sei es unter Greenspan oder erst unter seinem Nachfolger. Solange die Notenbank als seriöse, sorgsam ihre Grenzen achtende Institution respektiert wird, wird ein Patzer keine Folgen haben. Wenn

Greenspanomics

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sich der Vorsitzende der Federal Reserve aber als politischer Akteur geriert und politischen Einfluss in Bereichen ausüben will, die mit sei- nem Job nichts zu tun haben, muss er sich über harte Vorwürfe nicht wundern. Dann käme sofort die Frage auf, wer ihn eigentlich ins Amt gebracht hat. Dass sich Alan Greenspan neuerdings zu Themen äußert, die mit sei- ner Aufgabe nichts zu tun haben, finde ich höchst bedenklich. Beispiel:

Was dachte er sich, als er sich für die Normalisierung der Handelsbezie- hungen zu China aussprach? Ich stimme in der Sache selbstverständlich völlig mit ihm überein – nur hat die Handelspolitik mit der Geldpolitik herzlich wenig zu tun! Er hätte sich da heraushalten sollen. Auch seine Reaktion auf Lawrence Lindseys Fauxpas war nicht so, wie man es sich gewünscht hätte. Greenspan ließ über seinen Sprecher mitteilen, er hätte zwar »einen hohen beziehungsweise steigenden Haushaltsüberschuss« lieber gehabt, doch »falls politische Gründe gegen steigende Überschüsse sprechen, sollte man sie besser durch Steu- ersenkungen als durch Ausgabenerhöhungen abbauen«. Gegen den ers- ten Teil der Aussage habe ich nichts einzuwenden, Geldpolitik und Fis- kalpolitik sind eng verflochten, insofern versteigt sich der Fed-Chef nicht, wenn er einen sparsamen Umgang mit den Staatsgeldern emp- fiehlt. Doch die Entscheidung über die Verwendung von Überschüssen – für Steuersenkungen, für das Gesundheitswesen oder noch konkreter für Arzneimittelbeihilfen an ältere Mitbürger – ist letztlich Sache der Wähler und nicht die von Geldtechnokraten ohne politisches Mandat. Wenn Alan Greenspan seinen Ruhestand angetreten haben wird, darf er – wie jeder andere Bürger auch – zu solchen Fragen öffentlich Stellung beziehen. Doch als Chef der Zentralbank sollte er nicht dem Eindruck Vorschub leisten, er missachte die Grenzen seines Amtes.

Fünf vor zwölf

Peinlich, aber wahr: Vor nicht einmal einem

Monat bekam Alan Greenspan vom James A. Baker III Institute den

14. Dezember 2001

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Der große Ausverkauf

Enron-Preis verliehen. Ich will ihm nichts unterstellen, aber die enge Verflechtung des bankrotten Energiekonzerns mit den Herrschenden unseres Landes ist schon erstaunlich. Trotz der Auszeichnung ist Mister Greenspan bald am Ende mit sei- nem Latein. Elf Mal hat die Fed inzwischen den Leitzins gesenkt, ohne Wirkung. Was geht da vor? Eine Ursache dürfte sein, dass der monetäre Transmissionsriemen offenbar leiert. Die Maßnahmen der Währungshüter greifen in der Wirtschaft derzeit nicht. Leider steht zu vermuten, dass der Grund für diesen bedauerlichen Zustand in der Person des Vorsitzenden der Fede- ral Reserve zu suchen ist. Der direkte Einfluss der Zentralbank auf die Wirtschaft ist begrenz- ter, als im Allgemeinen angenommen wird. Zwar hört man oft, die Notenbank sei die Herrin der Zinssätze. Faktisch kontrolliert sie nur einen einzigen Zinssatz, die »federal funds rate«. Das ist der Satz, zu dem die Federal Reserve amerikanischen Kreditinstituten kurzfristig Geld leiht, und er hat für sich genommen volkswirtschaftlich kaum Bedeutung. Normalerweise wirkt sich eine Absenkung der »federal funds rate« indirekt auf sehr relevante Finanzvariablen aus: steigende Börsenkurse, ein schwächerer Dollar und – vor allem – niedrigere Zinssätze. Bei Goldman Sachs hat man diese Variablen im Financial Conditions Index (FCI) zusammengefasst, in der Vergangenheit ein hervorragender Indi- kator für die wirtschaftliche Entwicklung. Hätte der FCI wie gewohnt reagiert, dann hätten die Leitzinssenkun- gen der Fed seit Januar genug Potenzial gehabt, um die Wirtschaft im Folgejahr unter Volldampf zu setzen. Tatsächlich fiel der Index nur mi- nimal. Hauptgrund: Die langfristigen Zinssätze bewegten sich über- haupt nicht! Die Maßnahmen der Fed verpuffen also, aber warum? Ein Grund dürfte in einem übersteigerten Optimismus liegen, der sich gleichsam selbst ein Bein stellt. Trotz sich häufender Gegenbeweise hält sich an den Börsen hartnäckig das Gerücht vom »Zauberer« Greenspan, der in allernächster Zeit wieder einen Boom aus dem Ärmel schütteln und anschließend den Leitzins in bekannter Manier anheben werde, um eine Überhitzung zu verhindern. Ironischerweise sorgt diese

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Erwartungshaltung sozusagen im Vorgriff für langfristig hohe Zinsen. Und der Boom fällt aus. Ein zweiter Grund ist der US-Bundeshaushalt. Noch vor wenigen Monaten war uns von den hohen Überschussprognosen ganz schwin- delig. Es sei genug Geld da, so tönte die Bush-Regierung, für kräftige Steuersenkungen, höhere Staatsausgaben und die Tilgung der lang- fristigen Staatsschulden. Vor einigen Tagen aber beantragte Bushs Fi- nanzminister Paul O’Neill für die Regierung im Kongress in ungewohnt leisen Tönen eine Erhöhung des Schuldenrahmens – wohlgemerkt der- selbe O‘Neill, der noch vor kurzem verkündet hatte, so etwas sei frühes- tens ab dem Jahr 2008 wieder nötig, wenn überhaupt! Ob sich die plötzliche Wiederkehr des Haushaltsdefizits auf die lang- fristigen Zinssätze auswirkt? Allerdings! Noch vor ein paar Monaten erwartete alle Welt, dass die USA ihre Staatsschulden abbauen und der Kreditbedarf (und mithin das Angebot an Staatsanleihen) entsprechend sinkt. Nun aber ist das Gegenteil der Fall – die Regierung muss Geld aufnehmen und bringt ihre Schuldverschreibungen unter die Leute. Dies hat zwangsläufig einen Kursrückgang am Rentenmarkt zur Folge, was wiederum einer Anhebung der langfristigen Zinssätze gleich- kommt. Die rapide Verschlechterung der Finanzlage des Bundes ist also Teil von Greenspans Problem. (Und wie steht es mit den Steuersenkun- gen? Was wiegt hier schwerer, die Beeinträchtigung von Wirtschaft und Zinssätzen oder die Stärkung der Verbraucherausgaben? Soweit ich es überblicke, dominieren eindeutig die negativen Auswirkungen!) Alan Greenspan steckt also ganz schön in der Klemme. Sein Einfluss auf die Wirtschaft ist zur Zeit jedenfalls viel geringer als erwartet oder erhofft. Zum Teil ist er selbst schuld daran. Schließlich hat er fleißig mitgestrickt an dem Mythos, der sich nun als Handicap erweist. Verges- sen wir auch nicht sein entschlossenes Votum für kräftige Steuersen- kungen a` la Bush, mit dem er im Januar dem Kongress empfahl, allzu hohen Haushaltsüberschüssen und einem allzu raschen Abbau der Staatsschulden vorzubeugen, weil er darin – völlig unverständlicher- weise – ein großes Risiko sah. Es wäre mit Sicherheit hilfreich, wenn sich Alan Greenspan wenigs- tens in der jetzigen Situation zu einem deutlichen Wort entschließen

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Der große Ausverkauf

könnte, um die irrige Hoffnung auf einen schnellen Um- und Auf- schwung aus der Welt zu schaffen. Noch besser wäre es, wenn er – wie verklausuliert und raunend auch immer – eingestehen würde, dass seine vor dem Kongress abgegebene Empfehlung ein schlechter Rat war. Dies könnte immerhin der Rückkehr zu einer verantwortungsvollen Fiskal- politik den Weg ebnen. Bislang ist eine solche Reaktion leider nicht in Sicht. Denn was tut jener Greenspan, der sich so bereitwillig in die Haushaltspolitik einmischte und der Bush-Regierung Argumente lie- ferte? Er hüllt sich nun, da sich die Überschussprognosen als heiße Luft, ja schlechte Science-Fiction erwiesen haben, in Schweigen. Beredtes Schweigen allerdings. Vielleicht hat Alan Greenspan den Enron-Preis ja doch verdient.

Ein Bärenleben

23. Juli 2002 Manche sahen den Dow Jones schon bei 36000 Punkten, erinnern Sie sich noch? Darüber wurden sogar Bestseller geschrieben. Heute mag man gar nicht mehr daran erinnert werden, Dow 36000, das wirkt wie ein Druckfehler, und hoffentlich ist nur die 3 am Anfang und nicht die 0 am Ende zu viel Die Hausse ist inzwischen definitiv vorbei. Inflationsbereinigt steht der S&P 500 – übrigens ein viel aussagekräftigerer Index als der über- strapazierte Dow – derzeit unter der Marke von Ende 1996, als Alan Greenspan sein berühmtes Diktum vom »irrationalen Überschwang« in die Welt setzte. Was also sollten die Verantwortlichen in der jetzigen Situation tun, allen voran Zentralbankchef Alan Greenspan, Präsident Bush sowie dieser Finanzminister – wie war der Name doch gleich? – O’Neill. Es wäre schon mal nicht schlecht, wenn sie endlich die Versuche ein- stellten, die Kurse durch den ständig wiederholten Hinweis auf die fun- damentale Stärke des Marktes in die Höhe zu treiben. Erstens klingt es verdächtig nach Pfeifen im dunklen Wald. Zweitens sind die Aktien gemessen an den Unternehmenserträgen immer noch eher zu hoch

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bewertet. Drittens sehen die Fundamentaldaten keineswegs so rosig aus, wie die Neokonservativen uns weismachen wollen. Die Zweifel an der Bonität amerikanischer Konzerne – Stichwort Enron – wachsen. Über den Staatskassen kreist der Pleitegeier, und zwar auf allen politi- schen Ebenen bis hinunter zu den Kommunen. Vor allem waren die Wirtschaftsdaten schon vor dem plötzlichen Kurssturz alles andere als berauschend. Sie deuteten nicht auf einen nachhaltigen Aufschwung hin, sondern auf eine verkappte Dauerrezession. »Jobless recovery« nennen es die Ökonomen und meinen damit einen Aufschwung, der zu kraftlos ist, um die Arbeitslosenzahlen nennenswert zu senken. Tatsache ist, dass Alan Greenspans jüngster Rechenschaftsbericht gegenüber dem Kongress für das laufende Jahr keinen nennenswerten Rückgang der Arbeitslosenziffern erwarten lässt. Die Prognose für das kommende Jahr sieht nicht viel besser aus, könnte aber immer noch viel zu optimistisch sein. Angesichts dieser Aussichten sollte der Fed-Chef vermutlich ernst- haft über eine weitere Zinssenkung nachdenken. Natürlich liegen die Sätze bereits sehr niedrig. Doch wenn wir aus dem japanischen Beispiel eines gelernt haben sollten, dann dies: Falls die Gefahr einer Deflation besteht, hat es überhaupt keinen Zweck, sich »Munition« (sprich wei- tere Leitzinssenkungen) aufzusparen. Die entscheidende Frage lautet mithin: Gibt es diese Gefahr? Meiner Meinung nach ist eine Deflation nach wie vor nicht besonders wahrscheinlich, wenn auch beträchtlich wahrscheinlicher als noch vor ein paar Monaten. Außerdem – eine Deflation sollte man so früh wie möglich bekämpfen, bevor sie sich psy- chologisch festsetzen kann! In gewisser Weise verstehe ich die Zögerlichkeit. Die amerikanische Zentralbank will die Märkte nicht durch eine weitere Zinssenkung ver- unsichern. Inzwischen sind derlei Bedenken freilich gegenstandslos, denn die Märkte sind verunsichert, die Fed hat folglich nichts mehr zu verlieren. Wie steht es mit dem Rest der Verantwortlichen, speziell der Regie- rung? Eine Reform des Bilanzwesens ist überfällig, es muss wieder Soli- dität einkehren. Wenn die Anleger nicht von fairen Praktiken überzeugt sind, werden sie der Börse den Rücken kehren. Aber auch eine solche

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Reform kann keine Wunder vollbringen. Glaubwürdigkeitsverluste wiegen schwer, verspieltes Vertrauen ist nicht leicht zurückzugewinnen. Kann – soll? – der Staat in der jetzigen Lage noch mehr tun? Ich denke schon. Lassen wir die Politik (im Sinn von Ideologie und Propaganda) für einen Moment beiseite, betrachten wir die Lage einmal objektiv. Zwei- erlei fällt auf. Zum einen haben sich die Aussichten für die langfristige Haushaltslage infolge des Börsenabschwungs dermaßen verschlechtert, wie es selbst die größten Pessimisten (meine Wenigkeit eingeschlossen) nicht für möglich gehalten hätten. Das Haushaltsdefizit wird uns min- destens ein Jahrzehnt lang erhalten bleiben, da brauchen wir uns nichts vorzumachen! Schwere Probleme bei der Finanzierung der Renten und der Gesundheitsfürsorge sind damit vorprogrammiert. Zum anderen ist eine staatliche Sparpolitik angesichts der schwa- chen konjunkturellen Erholung der falsche Weg. Die Bush-Regierung sollte daher den Geldhahn auf- statt zudrehen. Die naheliegende Lösung für das vordergründige Dilemma – Ausga- bensteigerung trotz Defizit – heißt: Jetzt die Zügel lockern und sofort wieder anziehen, sobald sich die Wirtschaft erholt hat. Die Administra- tion könnte beispielsweise den in Finanznot geratenen Bundesstaaten unter die Arme greifen, damit wichtige Leistungen an die Bürger nicht gekürzt werden müssen (was ja zusätzlich negative Auswirkungen auf die Konjunktur hätte). Gleichzeitig sollte man dringend die langfristige Finanzlage des Staates sichern, indem man die geplanten Steuersenkun- gen (beschlossen zu einer Zeit, als noch Überschussprognosen die Hirne vernebelten) auf Eis legt. Diese Maßnahmen würden von Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz zeugen. Ich bin mir sicher, dass ein Seufzer der Erleichte- rung durchs Land ginge. Doch leider hält Bush im Prinzip an seinem Wirtschaftsprogramm vom Herbst 1999 fest, mit dem er damals im innerparteilichen Kandi- datenrennen den ultrakonservativen Konkurrenten Steve Forbes auszu- stechen versuchte. Damals brachen die Börsenindizes sämtliche Rekorde und ein Bestseller griff schon im Titel – siehe oben – die Pro- gnose vom Dow bei 36000 Punkten auf. Seitdem hat sich das wirt-

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schaftliche Umfeld vollständig geändert, nur das Regierungsprogramm nicht, und es bewegt sich keinen Deut! Unsere Wirtschaft steckt zweifellos in Schwierigkeiten, doch kata- strophal ist die Lage mitnichten. Was mir indes große Sorgen bereitet, ist die extreme Inflexibilität jener, von denen eigentlich zu erwarten sein sollte, dass sie die Probleme lösen.

Der Karren im Dreck

2. August 2002 Würde man über die jüngste Entwicklung der US- Wirtschaft einen Film drehen, käme vermutlich so etwas wie 55 Tage in Peking heraus: Eine bunte Schar – Amerikas Verbraucher – wird von einer Horde Aufständischer – den Kräften der Rezession – angegriffen. Zur allgemeinen Überraschung setzen sich die Überfallenen nicht nur mit viel Courage zur Wehr, sondern halten dem Angriff der Aufständi- schen tapfer stand. So war es jedenfalls in dem Hollywood-Kriegsepos, das mit Starbe- setzung den Boxeraufstand in China um 1900 als Hintergrund nutzt. Doch niemand hält einer Belagerung ewig stand. Nicht nur im Kino, auch in der rauen amerikanischen Wirklichkeit stellt sich die Frage:

Wann trifft endlich die Rettung ein? Das Drehbuch setzt bei dieser Art von Filmen bekanntlich auf Span- nungseffekte. Die Belagerten wehren heroisch eine Attacke nach der anderen ab, doch die Retter werden durch tausenderlei Hemmnisse immer wieder aufgehalten. So ähnlich geht es derzeit auch in unserer Wirtschaft zu. Die Verbraucher ließen sich weder durch das Platzen der Dotcom-Blase noch durch die Anschläge vom 11. September abschre- cken, sondern konsumierten brav weiter. Sie nutzten die niedrigen Zin- sen und schuldeten die Kredite für ihre Eigenheime günstig um, und von der Differenz gönnten sie sich was. Alle Prognosen zur Investitionsneigung der Unternehmen erwiesen sich bisher jedoch als Makulatur. Keiner überschlägt sich auf diesem Gebiet derzeit, und wo derartige Pläne bestanden haben sollten, wur-

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den sie vielerorts wieder eingestampft. Bröckelnde Aktienkurse und auffliegende Skandale sind Hemmnisse genug. Wird die Rettung rechtzeitig eintreffen? Schwer zu sagen. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht sind wir in einem anderen Film, viel- leicht geht es so bitter aus wie bei der Brücke von Arnheim. Vielleicht fährt der Konjunkturkarren gleich wieder in den nächsten Dreck, vielleicht legt die Wirtschaft direkt nach der ersten eine zweite Bauchlandung hin. Noch vor ein paar Monaten zog man sich den Spott der Kommentatoren zu, wenn man auf diese Gefahr, genannt »double dip«, hinwies. Nur wenige Analysten blieben standfest, darunter Ste- phen Roach von Morgan Stanley. Ich habe in dieser Kolumne immer wieder gesagt, dass sie verdammt gute Argumente anführen können. Derzeit ist ihre Position besser als je zuvor. Der entscheidende Punkt ist, dass es sich bei der Rezession 2001 nicht um einen typischen Nachkriegsabschwung handelte. Anders for- muliert: Sie resultierte nicht aus inflationsbekämpfenden Maßnahmen seitens der Fed (sprich: Leitzinsanhebungen) und war deshalb nicht wie sonst mit Leitzinssenkungen zu stoppen, die Verbrauch und Wohnungs- bau hätten ankurbeln können. Nein, wir hatten es 2001 vielmehr mit einer Art Vorkriegsrezession zu tun, einem regelrechten Kater infol- ge der höchst unvernünftigen Übertreibungen. Durch einen normalen Wiederanstieg der Nachfrage ist eine solche Konjunkturdelle nicht zu reparieren. Vielmehr können nur sehr hohe Ausgaben der privaten Haushalte die zu geringen geschäftlichen Investitionen einigermaßen kompensieren. Pimco-Vize Paul McCulley hat völlig zu Recht gesagt, dafür müsste ein Wohnungsbaufieber das Nasdaq-Fieber ablösen. Greenspan glaubt seinen bemerkenswert optimistischen Aussagen vor dem Kongress zufolge offenbar immer noch, das Problem auch die- ses Mal in den Griff zu bekommen. Doch seine Kristallkugel hat in letz- ter Zeit ihren Charme verloren. Schließlich hat er vor wenigen Monaten den Kongress gedrängt, mit Bush die Steuern zu senken und so die »Gefahr« allzu hoher Haushaltsüberschüsse abzuwenden! Und auch der Blick auf die neuesten Daten ist entmutigend. Nehmen wir nur den scharfen Rückgang des Wirtschaftswachstums von fünf Prozent im ersten auf ein Prozent im zweiten Quartal 2002.

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Diese Zahlen sind schon auf den ersten Blick schockierend genug, der zweite Blick steigert die Ernüchterung deutlich. Denn bereits im ersten Quartal war die Nachfrage schwach – sowohl die Unternehmen als auch die Endverbraucher hielten sich bei den Ausgaben zurück. Das Wachstum erklärt sich folglich zum größten Teil daraus, dass die Unter- nehmen ihre Lagervorräte nicht noch weiter abbauten. Im zweiten Quartal verdankt sich das kleine Plus ausschließlich den Lagervorrä- ten – die Endverbrauchernachfrage war rückläufig. Daran hat sich in der Folge nichts geändert. Relativ verlässliche Frühindikatoren wie der Einzelhandelsumsatz verheißen seit geraumer Zeit nichts Gutes. Ungeachtet der schlechten Zahlen geben sich viele Beobachter, Alan Greenspan eingeschlossen, ausgesprochen optimistisch. Ist also doch alles in Butter? Nein. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens stehen die Analysten unter einem enormen Druck und müssen ihrer Rolle als Stimmungsma- cher gerecht werden. Dies erklärt beispielsweise, weshalb Stephen Roach von Morgan Stanley erst neulich auf der Internetseite von CBS Market Watch klagte: »Es überrascht mich sehr, wie gehässig man mich wegen meiner ›Double-Dip‹-Position angreift.« Wall Street repräsen- tiert eben die Verkaufsseite, und das Geschäftsinteresse bestimmt die Argumente. Zweitens hat auch die Bush-Regierung ein Interesse an guten Nach- richten. Nur eine Konjunkturerholung kann ihr in der gegenwärtigen Situation – angesichts des explodierenden Haushaltsdefizits – helfen. Sie braucht den Aufschwung, um ihre unverantwortlichen Steuersen- kungen wenigstens nach außen hin rechtfertigen zu können. Und Alan Greenspan braucht ihn, um sich mit seiner unrühmlichen Rolle bei der kürzlich geplatzten Börsenblase aus der Schusslinie zu manövrieren. Wunschdenken löst bekanntlich keine Probleme. Ich jedenfalls kann den derzeitigen Optimismus überhaupt nicht nachvollziehen. Wo soll denn die starke Nachfrage plötzlich herkommen? Im Augenblick spricht viel mehr dafür, dass das bisschen Aufschwung müde auspen- delt. Glauben Sie mir: Auch ich mag Geschichten mit Happy End. Nur sollte das Drehbuch auch Sinn ergeben, sonst geht mir der Film schnell auf den Geist.

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Der große Ausverkauf

Die Deflationslücke ist das Problem

16. August 2002 Wie stark ist die japanische Volkswirtschaft seit dem Börsenkrach in Tokio eigentlich geschrumpft? Eine Fangfrage, lie- ber Leser, liebe Leserin! Sie ist gar nicht geschrumpft. Zwei von zehn Jahren weisen ein »Minuswachstum« auf, aber im Schnitt wuchs sie in diesen zehn Jahren um immerhin ein Prozent jährlich. Trotzdem steckt Japans Wirtschaft in einer Dauerkrise. Das Wachs- tum ist so gering, dass sich die Schere zwischen der möglichen und der tatsächlichen Produktionsleistung immer stärker öffnet. Diese Diffe- renz – Deflationslücke genannt – treibt die Arbeitslosigkeit und die Kaufkraftverluste in die Höhe. Ein bisschen Wachstum kann demnach fast so schlimm sein wie eine echte Schrumpfung. Nun eine zweite, diesmal ernst gemeinte Frage: Wie sieht die entspre- chende Rechnung für die USA aus? Der potenzielle Ausstoß der US-Wirtschaft – also das bei Vollbe- schäftigung mögliche BIP – ist in den letzten Jahren um etwa 3,5 Pro- zent pro Jahr gestiegen. Zu verdanken ist dies vor allem der seit Mitte der neunziger Jahre anwachsenden Produktivität. Doch nach den jüngsten, Mitte 2002 revidierten Zahlen gab es einen Einbruch: In sie- ben von acht Quartalen hinkte das tatsächliche Wirtschaftswachstum dem genannten Richtwert hinterher. Wie ist das zu verstehen? Nach gängiger Ansicht erlebte Amerika im Jahr 2001 eine kurze, milde Rezession, von der es sich inzwischen angeblich wieder erholt. Doch die Frage nach der Deflationslücke ergibt ein anderes Bild: Vor zwei Jahren rutschte die US-Wirtschaft in eine Krise, in der sie noch immer steckt. Es geht also gar nicht darum, ob die Wirtschaft erneut in die Knie geht. (Sie erinnern sich an die Double- Dip-Kontroverse?) Viel wichtiger und interessanter ist, wann das Brut- toinlandsprodukt (BIP) wieder so stark steigt, dass sich die Deflations- lücke wenigstens ansatzweise schließt. Leider gibt es derzeit nicht die mindesten Anzeichen für eine solche Entwicklung. Die Ursachen für die amerikanische Misere sind leicht auszumachen:

Das Börsenfieber sorgte nicht nur für erhebliche Überkapazitäten, son- dern auch für eine unliebsame Verschuldung. Hinzu kommen die

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Unternehmensskandale. Angesichts solcher Fallstricke war ein rascher und nachhaltiger Aufschwung von vornherein nicht zu erwarten. Und dabei bleibt es vorerst wohl auch. Sie ahnen vermutlich schon, worauf ich hinauswill. Tatsache ist, dass die Börsenblase in den USA Ende der neunziger Jahre mindestens so groß war wie die Börsenblase in Japan Mitte/Ende der achtziger Jahre. Dies wirft eine bange Frage auf: Steht Amerika das gleiche Schicksal bevor? Werden aus zwei desolaten Jahren fünf oder gar zehn? Ich höre schon den großen Chor der Gegenstimmen: »Wir sind nicht Japan!« Ich bin mir da nicht so sicher. Einerseits gibt es gute Gründe, dem zuzustimmen. Andererseits sind aber einige beunruhigende Punkte nicht zu übersehen. Als ich mich vor rund vier Jahren wissenschaftlich mit den Proble- men Japans zu beschäftigen begann, interessierte ich mich natürlich nicht zuletzt dafür, ob und inwieweit auch in den USA eine dermaßen lange Stagnationsperiode drohen könnte. Dabei kam eine kleine Checkliste mit vier Punkten heraus, die damals glasklar gegen eine sol- che Entwicklung sprachen:

1. Die US-Notenbank hat bei den Zinssätzen noch viel Spielraum und kann allen Eventualitäten Rechnung tragen.

2. Die langfristige Haushaltslage ist ausgesprochen gut. Für den un- wahrscheinlichen Fall, dass Zinssenkungen nicht ausreichen, bleibt genügend Spielraum für fiskalische Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur.

3. Wir haben kein Vertrauensproblem wie die Asiaten. In US-Unterneh- men herrschen saubere Verhältnisse.

4. Die amerikanischen Börsen zeigen zwar ebenfalls Überhitzungs- symptome, doch der Immobilienmarkt ist relativ gesund.

Das war einmal. Die ersten drei Punkte kann man inzwischen glatt streichen, und auch der vierte Punkt ist sehr fraglich geworden. Immer häufiger ist von einer Blase am Wohnungsmarkt die Rede. Eine Analyse von Dean Baker (Center for Economic Policy Research) gibt wirklich Anlass zur Sorge. Demnach liegen die Eigenheimpreise inzwischen deutlich über den Mietpreisen, was nichts anderes heißt, als

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dass Immobilien tendenziell nicht zur Nutzung, sondern aus Spekulati- onsgründen gekauft werden. Und die Argumente, mit denen die hohen Preise gerechtfertigt werden, klingen verdächtig nach den Rationalisie- rungen, mit denen man ehedem die Rekordstände des Nasdaq für nor- mal zu erklären versuchte. Falls wir tatsächlich eine Überhitzung des Wohnungssektors haben und falls diese Blase platzt – dann gute Nacht. Japan lässt grüßen! Die Federal Reserve hat vor nicht allzu langer Zeit eine Studie über die japanischen Verhältnisse in Auftrag gegeben. Danach lag der gravie- rendste Fehler der japanischen Verantwortlichen nicht darin, die auf- keimenden deflationären Tendenzen verkannt zu haben (da befanden sie sich schließlich in guter Gesellschaft, viele Analysten waren auch nicht klüger). Aber sie haben die Abschwungrisiken auf die leichte Schulter genommen und nicht rechtzeitig gegengesteuert, etwa durch eine stärkere Lockerung der Geldpolitik. Die Moral von der Geschicht:

Falls sich auch nur ansatzweise eine Deflation abzeichnet, muss man so viel Geld in Umlauf bringen, wie nur irgend geht. Und doch hat die Fed die Zinssätze kürzlich nicht gesenkt. Das ver- stehe, wer will!

Blindekuh bei der Fed

3. September 2002 Einige Jahre vor dem Kollaps des Kommunis- mus soll ein sowjetischer Delegierter auf irgendeiner Konferenz erklärt haben, dass seine Behörde unter den jeweiligen Umständen, und seien sie auch noch so schwierig, stets richtig handele und ergo die sowje- tische Wirtschaftspolitik immer optimal sei. Das habe ich damals in irgendeiner Zeitung gelesen. Der Mann würde sich bestimmt prächtig mit Alan Greenspan verste- hen, der offenbar jede Verantwortung für die immense Spekulations- blase, die sich vor seinen Augen entwickelte, kategorisch ablehnt: Seine Politik sei richtig gewesen, beteuert er, weil er das Beste getan habe, was ihm möglich gewesen sei.

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Kürzlich hat Greenspan auf der Jackson-Hole-Konferenz eine Rede gehalten. Dort präsentierte er einer staunenden Öffentlichkeit zwei Erklärungen. Erstens behauptete er, selbst während der exorbitanten Kurssteigerungen des Jahres 1999 sei nicht eindeutig gewesen, ob es

sich um eine gesunde oder ungesunde Entwicklung gehandelt habe: »Es war sehr schwierig, die Spekulationsblase rechtzeitig mit letzter Sicher- heit zu erkennen. Dass es sie gab, war letztlich erst klar, als sie platzte.« Zweitens habe die Fed sowieso nichts tun können: »Gibt es überhaupt

eine Politik, mit der sich eine Spekulationsblase

Ich glaube kaum.« Ich war nicht als Einziger gelinde gesagt irritiert von derlei Aussagen.

Die Financial Times konterte Greenspans Versuch, seine Hände in

Unschuld zu waschen, knallhart mit dem Hinweis, Politik bedeute immer Entscheidung unter Unsicherheit, auch der Chef einer Zentral- bank könne keine absolut sicheren Entscheidungsgrundlagen erwarten. Der Leitartikler konnte sich einen zweiten Hinweis nicht verkneifen:

Alan Greenspan stelle sich nun zwar als ohnmächtigen Skeptiker dar, habe aber »Ende der neunziger Jahre mit seinen immer optimistische-

ren Stellungnahmen sehr wohl dazu beigetragen

stetig wuchs und es irgendwann zum Crash kam.« Wer zum Hüter der Währung eines Landes bestellt wurde, ist keine

Unschuld vom Lande. Alan Greenspan wusste es besser. Im September 1996 bereits erklärte er auf einer Ausschusssitzung: »Ich bin der Auffas- sung, dass wir an der Börse derzeit ein Spekulationsproblem haben.«

die Einschuss-

sätze anheben. Ich garantiere, dass das

Doch geschehen ist nichts, jedenfalls nicht bei den Einschusssätzen. Ebenfalls 1996 hielt er eine Rede, in der das inzwischen geflügelte Wort vom irrationalen Überschwang fiel und er eine ausgesprochen zimperli- che Leitzinsanhebung verkündete. Heute behauptet er, mehr sei nicht möglich gewesen. Wie kann er das wissen, wenn er es nicht einmal ver- sucht hat? In Wirklichkeit dürfte ihm schlicht der Mut gefehlt haben, sich den Märkten entgegenzustemmen. Anfang 1997 war ihm klar, dass seine zaghaften Bremsmanöver bei den Börsianern auf wenig Gegen- liebe stießen, und er ruderte zurück.

Und er lieferte die Lösung gleich mit: »Wir könnten

eindämmen lässt?

, dass die Euphorie

die Luft herausnimmt.«

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Damit nicht genug. Er gab dem Affen obendrein Zucker, indem er sich immer euphorischer zur »New Economy« äußerte. Will er wirklich nicht gewusst haben, wie solche Reden auf Anleger wirken? Sie sende- ten eindeutige Signale und wurden – begreiflicherweise – als Rück- nahme seiner früheren Warnungen verstanden. Wenn Greenspan so etwas sagt, dachten die Marktteilnehmer, ist mit den hohen und ständig steigenden Aktienkursen (nebst zugehörigen KGVs) bestimmt alles in Ordnung! Das Schlimmste sind freilich nicht Greenspans frühere Versäum- nisse, sondern die Konsequenzen seines Verhaltens für Gegenwart und Zukunft. Warum? Amerika hat derzeit streng genommen nur einen Wirtschaftspoliti- ker von Gewicht – Alan Greenspan, den Fed-Chef. Eine seriöse Fiskal- politik gibt es praktisch nicht mehr, nicht zuletzt wegen des langfristi- gen Haushaltsdefizits, zu dem Greenspan mit seinen Aussagen vor dem Kongress allerdings auf unrühmliche Weise beitrug. Es ist schon lustig, dass er bei einem Nasdaq-Stand von 5000 Punkten eine Börsenblase diagnostizierte, die Überschussprognosen für die nächsten zehn Jahre jedoch für solide genug hielt, um Bushs radikalen Steuersenkungsplä- nen ein Bonitätszeugnis auszustellen. Eines dürfte schon lange klar sein:

Eine seriöse Haushaltspolitik ist von den gnadenlosen Opportunisten in der Bush-Regierung nicht zu erwarten. Jeder Vorschlag für eine kurz- fristige Ankurbelung der Wirtschaft ist ein verkappter Versuch, die Steuersenkungen langfristig festzuschreiben, sprich: die Steuern der Unternehmen und der Reichen möglichst auf null herunterzufahren. Umso mehr brauchen wir daher eine vernünftige Fed. Sie allein könnte noch gegensteuern, falls die konjunkturelle Erholung weiter an Dyna- mik verliert. Genau da aber liegt inzwischen das Problem. Alan Greenspans neu- ere Verlautbarungen verstärken meine (leider nicht neuen) Zweifel. Es steht zu befürchten, dass die Fed-Verantwortlichen der fortdauernden wirtschaftlichen Schwäche nicht mit Maßnahmen, sondern mit Spiegel- fechtereien begegnen. Was dabei herauskommen kann, konnten wir in Japan nur allzu deutlich verfolgen. Erst redeten sich die Verantwortlichen in der japani-

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schen Zentralbank mit dem Argument heraus, ihre Aufgabe sei Inflati- ons-, nicht Stagnationsbekämpfung. Als aus der Inflation eine Defla- tion wurde, sah man sich auch dieser Aufgabe glücklich enthoben. Hart formuliert: Statt anzupacken und die Rettung wenigstens zu versuchen, ließ man den Patienten krepieren. Opportunistisches Definitionsge- plänkel als Alibi, um die Hände in den Schoß zu legen! Ich hätte nie geglaubt, dass unsere hehre Fed je in diese Fußstapfen treten könnte. Doch wer gehört hat, wie Alan Greenspan, der Meister der Unverbindlichkeit, mit raunender Stimme und heftigst gewunden erklärt, warum er nicht habe tun können, was er offenkundig nicht tun wollte, muss seine Bedenken bekommen.

Bomben und Aktien

13. September 2002 »Unerfreulich, diese Aktienmarktlage – wel- che militärischen Optionen haben wir denn?« Der Cartoon erschien kürzlich im New Yorker. In diesen Zeiten freilich ist die Realität mit- unter härter, als eine Satire es jemals sein kann. Vor etwa einem Viertel- jahr, im Juni, plädierte CNBC-Korrespondent Larry Kudlow in der Washington Times unter dem Titel »Taking Back the Market – by Force« allen Ernstes für die Irak-Invasion, um die Börse wieder in Stim- mung zu bringen. Noch toller freilich trieb es John Podhoretz mit seiner Juli-Kolumne in der New York Post: Da wurde in großen Lettern für den Oktober eine Überraschung gefordert, gefolgt von der unverblümten Aufforderung:

»Go on, Mr. President: Wag the dog.« (Frei übersetzt: Nur zu, George:

Zeig’s dem Kerl!) Es ist generell Vorsicht geboten, wenn mit einer bestimmten politi- schen Maßnahme verschiedene Zwecke verfolgt werden. Bushs Sprung- haftigkeit bei der Rechtfertigung seiner Steuersenkungspläne hätte uns frühzeitig zu denken geben sollen. Erst wollte er den Haushaltsüber- schuss abbauen, um dem Volk sein sauer verdientes Geld zurückzuge- ben, dann plötzlich sollte dieselbe Maßnahme die Nachfrage stärken

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und die Konjunktur ankurbeln, und schließlich wurde das Ganze als angebotsorientierte Politik verkauft. Zur Rechtfertigung seiner Ziele ist diesem Mann kein Mittel zu fragwürdig. So auch beim angestrebten Irak-Krieg. Erst war Saddam der Draht- zieher des 11. September und der Anthrax-Anschläge. Als dieses Argu- ment nicht mehr zu halten war, unterstellte man dem Irak Atomwaffen- fähigkeit. Als sich auch das als Desinformation herausstellte, blieb nur noch das – zutreffende – Bild vom Diktator und Bösewicht. Dej`´ a vu? Klar, die Masche hat Methode. Die These, Krieg sei gut für die Wirtschaft, scheint mir ein konse- quenter weiterer Schritt in diese Richtung zu sein. Ich will gar nicht bestreiten, dass der Krieg zu manchen Zeiten positive wirtschaftliche Effekte hatte. Ganz unstreitig gilt dies für den Zweiten Weltkrieg, der den Vereinigten Staaten aus der Großen Depression half. Heute steckt die amerikanische Wirtschaft zwar nicht in einer Depression, könnte aber mit Sicherheit einen kräftigen Anschub gut vertragen. Nach den jüngsten Zahlen ist die konjunkturelle Erholung so schwach auf der Brust, dass sie von einer Dauerrezession kaum zu unterscheiden ist. Würde ein Krieg der Wirtschaft helfen? Ganz klar: Nein! Speziell der Zweite Weltkrieg ist ein völlig untaugli- cher Vergleichsmaßstab für die potenziellen Auswirkungen eines neuen Golfkriegs. Per Saldo würde er die kriselnde amerikanische Wirtschaft mit großer Sicherheit zusätzlich belasten. Militärausgaben sind kein Zaubermittel – sie kurbeln die Wirtschaft keineswegs stärker an als andere Staatsausgaben auch (etwa für die Sanierung schadstoffbelasteter Böden). Dass der Zweite Weltkrieg positiver wirkte, als es der New Deal des Franklin D. Roosevelt je vermochte, lag schlicht und einfach daran, dass der Krieg Hemmnisse wegfegte und damit günstigere Vorausset- zungen schuf. Bis Pearl Harbor hatte Roosevelt weder die Entschlossen- heit noch die notwendige Kongressmehrheit für wirklich tiefgreifende Programme. Der Krieg änderte das. Nun durfte, ja musste die Regie- rung Geld in beispiellosen Mengen ausgeben. Erstmals seit 1929 gab es damit wieder Vollbeschäftigung. Derzeit hingegen ist die Lage völlig anders und der Kongress zudem

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für vernünftige Inlandsprojekte jederzeit zu haben. Wenn die Regierung also Geld unter die Leute bringen will, muss sie nur ihre Vorbehalte gegen Agrarhilfen für dürregeschädigte Farmer oder eine moderne In- frastruktur für die Feuerwehr aufzugeben. Einen Krieg braucht es nicht, die Wirtschaft lässt sich mit anderen Mitteln anschubsen. Außerdem ist keineswegs klar, ob ein Krieg überhaupt hinreichend stimulierend auf die Wirtschaftstätigkeit wirken würde. Die benötigten Kriegsgüter lagern vermutlich längst in den Depots, Armeebestellungen werden infolgedessen kaum die Auftragslage und die Industrieproduk- tion aufhellen. Und die Ausgaben für die nachfolgende Friedenssiche- rung würden sich auf viele Jahre verteilen. Weitaus realistischer sind indes die möglichen negativen Auswirkun- gen eines Krieges auf die Wirtschaft. Sie lassen sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Öl. Der Irak selbst liefert derzeit zwar so wenig Öl auf den Weltmarkt, dass eine kriegsbedingte Unterbrechung der Produktion kaum Spuren hinterlassen würde. Doch weder der arabisch-israelische Krieg von 1973 noch die iranische Revolution von 1979 wirkte sich bekanntlich direkt auf die Ölförderung aus. Die Ölpreise stiegen vielmehr aufgrund der indirekten politischen Erschütterungen, die der jeweilige Konflikt auslöste. Die arabischen Führer haben bereits gewarnt, dass eine Irak-Invasion die »Höllentore« öffnen würde. Das klingt nicht gut mit Blick auf den Ölmarkt. Man sollte auch nicht vergessen, dass jeder Ölkrise der siebziger Jahre eine schwere Rezession folgte und selbst die relativ mäßige Öl- preissteigerung vor dem Golfkrieg eine Rezession nach sich zog. Fragt sich nur, ob steigende Rohölpreise unseren schwachen Aufschwung abwürgen und geradewegs zu einer erneuten Rezession führen könn- ten. Die Antwort lautet: Ja. All dies sollte uns, wohlgemerkt, nicht davon abhalten, im Irak ein- zumarschieren, falls unabweisbare sicherheitspolitische Gründe dafür sprächen. Doch es ist dumm und gefährlich, die möglichen wirtschaftli- chen Konsequenzen zu verharmlosen, geschweige denn zu behaupten, ein Krieg sei gut für die Wirtschaft.

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Zuckungen im Sand

20. September 2002 So also versandet der erhoffte konjunkturelle Aufschwung, nicht mit einem lauten Schlag, nein, er zuckt nur noch ein bisschen. Mag ja sein, dass ich mich täusche. Die Industrieproduktion ist zwar rückläufig und die Entlassungen nehmen zu, aber vielleicht entwickelt sich die Lage in den kommenden Monaten ja doch nicht so schlecht, dass die Experten eine erneute Rezession konstatieren müssen. Wir soll- ten nur nicht die Entschlossenheit der Bush-Regierung vergessen, es noch vor den Kongresswahlen am 5. November krachen zu lassen. Jedenfalls sieht es ganz danach aus, als ob dem Aufschwung die Luft ausginge. Hinzu kommt eine fatale Passivität auf Seiten der Verant- wortlichen, die offenbar nicht wissen, was Not tut. Die Situation hat beklemmende Ähnlichkeit mit jener Anfang der neunziger Jahre. Es ist im Grunde egal, ob man die derzeitige Konjunktur als leichte Erholung oder fortdauernde Rezession definiert. Für die Menschen macht es keinen Unterschied, ob das Bruttoinlandsprodukt ein bisschen wächst oder ein bisschen schrumpft. Für sie zählt, ob sie einen Job fin- den beziehungsweise ihren Arbeitsplatz behalten können. Und in die- sem Punkt sieht es düster aus. Die offizielle Quote liegt bei 5,7 Prozent, doch das täuscht, denn eine ungewöhnlich große Zahl von Arbeitslosen hat jede Hoffnung aufgegeben, fällt also aus den Statistiken heraus. Die 5,7 Prozent sagen auch nichts über die rapide zunehmende Zahl jener aus, die länger als ein halbes Jahr arbeitslos sind und ihre Felle weg- schwimmen sehen. Aussagekräftig ist hingegen die Zahl der Erstan- träge auf Arbeitslosengeld – ein wichtiger Frühindikator für die künf- tige Arbeitslosigkeit –, und die ist im letzten Monat stark gestiegen. Bestenfalls haben wir es also mit einer Pseudoerholung zu tun, die sich aus Sicht der Erwerbsbevölkerung kaum von einer Dauerrezession unterscheidet. Das Center on Budget and Policy Priorities stellt denn auch völlig zu Recht fest, die derzeitige konjunkturelle Abschwächung sei gemessen an Arbeitsplatzabbau und Langzeitarbeitslosigkeit der Situation Anfang der neunziger Jahre, als die Vereinigten Staaten in eine heftige Rezession schlitterten, durchaus vergleichbar.

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Wieder droht ein Debakel. Die Parallelen zwischen unseren Proble- men und dem Konjunktureinbruch unter Bush senior sind stärker, als die meisten Beobachter glauben. Auch 1990 rutschte die Wirtschaft wegen vorausgehender Exzesse in die Rezession, obwohl sich die Skan- dale von damals – Junk-Bonds, Immobilienspekulationen – im Ver- gleich zu Enron und Tyco geradezu zahm ausnehmen. Auch damals folgte auf die Rezession eine »jobless recovery«, das heißt eine Wachs- tumsrezession, in der das BIP zwar steigt, der Arbeitsmarkt sich aber nicht erholt. Und damals wie heute standen Befürchtungen im Raum, dass niedrigere Leitzinsen allein die Wirtschaft nicht aus dem Schlamas- sel ziehen würden. Damals war allerdings das japanische Problem der »Liquiditätsfalle« unbekannt. Man wusste noch nicht, dass auch ein Zinssatz von null unter Umständen keine Erholung bringt. Die auffallendste Parallele scheint mir politischer Art zu sein. Bei allen Unterschieden zwischen gemäßigtem Vater und erzkonservativem Sohn haben wir damals wie heute eine Regierung, deren führende Figu- ren von Wirtschaftspolitik keine Ahnung haben und ihr vollkommen desinteressiert gegenüberstehen. Dies mag seltsam klingen, wo doch Bushs Hauptziel in Steuersen- kungen bestand (bis Osama bin Laden aufkreuzte), aber natürlich waren die Steuereinschnitte überhaupt nie als Wirtschaftspolitik ge- dacht. Es war eine politische Geste, um das konservative Lager im Kampf um das Weiße Haus zu einen, den Ultrarechten Steve Forbes abzuwehren und Bush junior als Präsidentschaftskandidaten zu etablie- ren. Erst später entdeckte die Bush-Regierung, dass sich das Steuersen- kungsargument in der Öffentlichkeit praktischerweise multifunktional einsetzen lässt – zur Rezessionsbekämpfung, zur Förderung der Fami- lienwerte und überhaupt! Es hat im Übrigen auch nicht den Anschein, als fiele den Herrschaf- ten in Washington noch irgendetwas anderes ein, nun, da die eigent- lich nicht zur Rezessionsbekämpfung gedachten Steuersenkungen die Rezession auch nicht verhinderten. Als Finanzminister Paul O’Neill gefragt wurde, welche neuen Ideen der dubiose Waco-Gipfel denn geboren habe, antwortete er: Die niedrigen Steuern sind jetzt auf Dauer gesichert.

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Besteht angesichts des Kompetenz- und Verantwortungsmangels, den die Bush-Regierung in ökonomischen Fragen an den Tag legt, wirk- lich Anlass zur Sorge? Leider ja. Die Exzesse der neunziger waren weit schlimmer als jene der achtziger Jahre, und entsprechend größer sind die wirtschaftlichen Gefahren. Wenn (was immer wahrscheinlicher wird) die Arbeitsmarktlage schließlich doch noch auf die Konsumbe- reitschaft der Amerikaner durchschlägt, könnte nur noch entschlosse- nes Handeln das Ruder herumreißen. Freilich wären dann Maßnahmen gefragt, die der Wirtschaft wirklich helfen, nicht solche, die auf Stim- menfang aus sind. Ob wir da mit Bush & Co. gute Karten haben? Wohl kaum.

Mein Wirtschaftsplan

4. Oktober 2002 Während das Gebell der Kriegshunde durch die Lande hallt und die Schlagzeilen bestimmt, braut sich an der Konjunk- turfront nichts Gutes zusammen. Die Entwicklung ist zwar schleichend und undramatisch, doch Monat für Monat sind die Zahlen schlechter als erwartet. Lassen wir die Politik für den Moment einmal ganz bei- seite. Betrachten wir die Situation rein ökonomisch, und fragen wir uns, was getan werden sollte. Der Hauptpunkt ist, dass wir uns derzeit nicht in einer Rezession wie zu Vaters, sondern wie zu Großvaters Zeiten befinden. Anders formu- liert: Es handelt sich nicht um eine klassische Nachkriegsrezession (her- beigeführt durch die Inflationsbekämpfungsmaßnahmen der Zentral- bank und durch ein rasches Lockern der Zinszügel leicht zu beheben), sondern um eine klassische Vorkriegsrezession, die auf Überinvestitio- nen und daraus resultierende Überkapazitäten zurückgeht. Dem war allein mit Zinssenkungen noch nie beizukommen. Fraglos halfen die raschen Leitzinssenkungen des Jahres 2001, um einen noch größeren Einbruch zu verhindern. Doch legt man die Geld- politik der Fed unter die Lupe, werden rasch Defizite klar. Vielleicht kann die Zentralbank gar nicht genug tun. Der Tagesgeldsatz, das gän-

Greenspanomics

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gige geldpolitische Kriterium, befindet sich in den USA nominal auf sei- nem tiefsten Stand seit Generationen, bereinigt um die Inflation sieht die Sache jedoch anders aus. Der Realzinssatz, auf den es bei Investi- tionsentscheidungen ankommt, liegt noch immer etwa so hoch wie am tiefsten Punkt der letzten Rezession Anfang der neunziger Jahre. Grund: Die Inflation ist heute beträchtlich niedriger. Hinzu kommt, dass Alan Greenspan den Leitzins zwar rascher als in der letzten Rezession gesenkt hat, doch bis dato in beträchtlich geringe- rem Umfang: 6,75 Prozentpunkte waren es letztes Mal, nur 4,75 dieses Mal. Selbst wenn die Fed den Tagesgeldsatz ganz auf null herunter- setzte, könnte sie nicht die 6,75 Senkungspunkte von damals erreichen. Nimmt man hinzu, dass die Exzesse der neunziger Jahre sicherlich hefti- ger ausfielen als jene der achtziger Jahre, wären entsprechend intensive Wiederbelebungsmaßnahmen erforderlich. In summa: Die Fed hat bis- lang wohl zu wenig getan und könnte gar nicht genug tun, um das Schiff wieder flottzubekommen. Die unerfreuliche Situation könnte noch eine ganze Weile andauern. Überkapazitäten lassen sich nur langsam abbauen, speziell im Tele- kommunikationssektor. Womöglich wird uns die schwache Konjunk- tur weit ins Jahr 2004 begleiten, vielleicht noch länger. Die Fed sollte den Leitzins auf jeden Fall so weit wie möglich senken. Selbst wenn es nicht ausreicht, wird es die konjunkturelle Erholung doch auf jeden Fall beflügeln. Welche Optionen gibt es sonst noch? Notwendig wäre vor allem ein vernünftiges staatliches Investitions- programm – also eines, das die Verbrauchernachfrage stärkt, um die fehlenden Unternehmensinvestitionen so gut wie möglich zu kompen- sieren. Die Elemente eines solchen Programms sind klar und wurden von Jeff Madrick in der Times vom 3. Oktober 2002 beschrieben. Ers- tens: Erhöhung der Arbeitslosenhilfe. Diese liegt heute erheblich niedri- ger als noch in der letzten Rezession. Eine Anhebung hätte einen dop- pelt positiven Effekt, weil das Geld den wirklich Bedürftigen zuflösse und gleichzeitig damit zu rechnen wäre, dass es direkt ausgegeben wird und somit über den Konsum unverzüglich in den Wirtschaftskreislauf zurückkehrt. Zweitens: Finanzspritzen für die Bundesstaaten, denen es derzeit extrem schlecht geht. Auch dies hätte einen doppelt positiven

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Der große Ausverkauf

Effekt, indem allzu harte Einschnitte bei den staatlichen Dienstleistun- gen (speziell bei der Gesundheitsfürsorge für die Armen) vermieden werden und außerdem die Nachfrage angekurbelt wird. Falls dies umfangmäßig nicht ausreicht – 100 Milliarden Dollar müssten es für die nächsten zwölf Monate schon sein, da stimme ich Jeff Madrick zu –, sollte der Staat eben noch eins drauf setzen, etwa indem er allen Menschen mit kleinen Einkommen einen Nachlass gewährt, damit ihnen ein bisschen mehr in der Lohntüte und damit für den Kon- sum bleibt. Fragt sich nur, wie das alles finanziert werden soll. Nichts leichter als das: Alle geplanten Steuersenkungen abblasen! Die Wirtschaft benötigt in dieser Situation effektive Anschubmaßnahmen, keine Steuersenkun- gen für die nächsten fünf Wohlstandsjahre. Dies alles ist keine komplizierte Astrophysik, sondern simpelstes ökonomisches Lehrbuchwissen, angewandt auf unsere aktuelle Situa- tion. Dass meine Vorschläge politisch derzeit nicht opportun sind, ist mir klar. Doch ich denke, wir haben das Recht, nach den Gründen zu fra- gen.

Kapitel 4

Eine Hand wäscht die andere

Vetternwirtschaft made in USA

15. Januar 2002 Als vor vier Jahren die Asienkrise grassierte, hat- ten viele Beobachter rasch eine Erklärung zur Hand: »Natürlich, die Vetternwirtschaft!« In Fernost sah man es mit der bilanziellen Transpa- renz bekanntlich nicht so eng, und auch ausländische Investoren nah- men daran keinen Anstoß. Wen kümmerten schon Aktiva und Passiva, wo politische Verbindungen als Sicherheiten galten? Erst als sich die Finanzkrise bereits anbahnte, schaute man genauer hin. Der Schock war groß. Irgendwie ist Asien wohl doch nicht so weit weg. Enron fällt einem ein, zum Beispiel. Der politische Sturm, den dieser Skandal ausgelöst hat, mag auf den ersten Blick verwundern. Schließ- lich, so könnte man argumentieren, hat die Bush-Administration den Energiekonzern ja nicht vor dem Bankrott bewahrt. Kritische Fragen aber gibt es trotzdem en masse: Warum hat die Regierung so lange ver- sucht, ihre Enron-Kontakte unter der Decke zu halten? Warum hat Bush junior wider besseres Wissen behauptet, Enron-Chef Kenneth Lay sei bei seiner ersten Gouverneurskandidatur in Texas gegen ihn gewe- sen, erst danach hätten sie sich näher kennen gelernt und angefreundet? Und warum verhält sich die Presse eigentlich so aufsässig? Weil sie einen handfesten Skandal riecht. Und weil die Regierung fürchtet, dass durch Enron aufgedeckt wird, was nicht aufgedeckt wer- den darf: Vetternwirtschaft a` la USA.

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Der große Ausverkauf

Dabei ist das Phänomen keineswegs neu. Auch Clinton riskierte wegen unserer Chiquita-Bananen bekanntlich fast einen Handelskrieg. Dass der Konzern seinen Wahlkampf kräftig sponserte, wird den Leser nicht überraschen. Doch die Bush-Regierung ist erheblich unverfrore- ner, was Interessenkonflikte anlangt. Sie sieht da noch nicht einmal ein Problem. Marc Racicot zum Beispiel, der neue Vorsitzende des Repub- lican National Committee, bezieht trotz seines öffentlichen Amts wei- terhin ein siebenstelliges Honorar als Lobbyist. (Mittlerweile beteuert er zwar, er werde seine Tätigkeit als Interessenvertreter ruhen lassen. Das Honorar lässt er sich aber trotzdem zahlen!) Das eigentlich Pikante an den Beziehungen zwischen Enron und den derzeitigen Machthabern in Washington spielte sich im Vorfeld des Skandals ab. Ein gewisser Kenneth Lay soll dem Leiter der zuständigen Regulierungsbehörde zu verstehen gegeben haben, er solle sich gefäl- ligst kooperativer verhalten, wenn ihm sein Job lieb sei. (Der kam der Aufforderung nicht nach – und verlor den Job.) Dick Cheney stellte als Vizepräsident ein Energieprogramm auf, das den seine Task Force bera- tenden Unternehmen hervorragend in den Kram passen dürfte. Cheney weigert sich kategorisch, Informationen über den Entscheidungspro- zess in seiner Task Force preiszugeben, obwohl dies gesetzwidrig ist. Hat der Mann etwas zu verbergen? Enron ist inzwischen zwar von der Bildfläche verschwunden, doch das Ohr der Regierung gehört nach wie vor Energieunternehmen. We- nige Tage vor den neuesten Enron-Enthüllungen gab die Bush-Re- gierung ihre Absicht bekannt, die Umweltauflagen für Kraftwerke zu lockern, und kürzlich kündigte sie an, den umstrittenen Plan zur Atom- müll-Lagerung in Nevada voranzutreiben. Diese Entscheidungen sind für Unternehmen, die in der Gunst des George W. Bush stehen, Milliar- den Dollar wert. Nicht zu Unrecht stellte CBS Market Watch auf seiner Internetseite, um fairen Wettbewerb bemüht, in einem Bericht über die Nevada-Entscheidung sarkastisch fest, eine Gruppe freigebiger Bush- Sponsoren aus dem Energiesektor habe mit dieser Entscheidung regel- recht »den Jackpot geknackt«. Typisch übrigens die obige Zitatquelle. Es sind derzeit vor allem die Wirtschaftsjournalisten, die kritisch berichten. Die politischen Bericht-

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erstatter sind dagegen auf Schmusekurs. Verständlich, dass da nicht viel Aufklärung herauskommen kann – Fahnenschwenken ist ein anstren- gender Job. Doch was wir von den Wirtschaftsreportern erfahren, ist starker Tobak. Der Chefredakteur von CBS Market Watch sagt zum Beispiel offen, was die politischen Hofschranzen in Washington nie- mals aussprechen würden: »Eine kleine Gruppe von Wirtschaftsfüh- rern übt einen enormen Einfluss auf Bush & Co. aus und sorgt dafür, dass sich die Spielregeln zu ihren Gunsten ändern.« Ein anderes Beispiel ist das Wirtschaftsmagazin Red Herring, von dem die bis dato größte Reportage über die Carlyle-Gruppe und deren geheime Machenschaften stammt. Die Geschichte liest sich wie das Drehbuch für eine drittklassige Seifenoper. Carlyle hat sich auf den Aufkauf maroder Rüstungsunternehmen spezialisiert, deren Finanzsituation sich dank staatlicher Aufträge auf wundersame Weise verbessert und die anschließend gewinnbringend veräußert werden. Raten Sie einmal, wer auf der Gehaltsliste des Hau- ses steht: George H. W. Bush, der frühere US-Präsident. Nicht minder pikant ist die Tatsache, dass bis Oktober 2001 die Familie bin Laden aus Saudi-Arabien zu den Aktionären der Firmengruppe gehörte. Jede andere Regierung würde die Rolle von Bush senior bei Carlyle als ungehörig einstufen. Die derzeitige Administration jedoch sieht darin offenbar überhaupt kein Problem. Im Gegenteil. Erst kürzlich sprach Verteidigungsminister Rumsfeld seinem College-Spezi, Carlyle- Chef Frank Carlucci, in Gestalt des heftig umstrittenen Crusader-Artil- leriesystems einen hübschen Auftrag zu – obwohl das Pentagon gegen das System votierte. Sie ahnen schon, wie die Dinge liegen: Der Crusa- der-Auftrag saniert wieder einmal ein Carlyle-Unternehmen. Leider verstößt keine dieser Machenschaften klar gegen irgendwel- che Gesetze, es stinkt nur zum Himmel. Bush wird mit aller Macht ver- suchen, den Enron-Skandal auf dieses eine, in den letzten Zügen lie- gende Unternehmen zu begrenzen. Doch wir lassen uns nicht täuschen. Der eigentliche Skandal ist unendlich viel größer.

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Der große Ausverkauf

Die Reform und ihre Gegner

21. Mai 2002 »Die mit Abstand bedeutendste Neuerung auf dem Kapitalmarkt ist meiner Meinung nach die Einführung der allgemeinen Rechnungslegungsgrundsätze«, sagte Lawrence Summers, damals stellvertretender Finanzminister unter Clinton, in einer Rede im Jahr 1998. Er bezog sich damit auf die Generally Accepted Accounting Prin- ciples, kurz GAAP, und beschwor die infolge der Finanzkrise in Turbu- lenzen geratenen asiatischen Länder, wie die Amerikaner solche einheit- lichen, für Transparenz sorgenden Bilanzierungsrichtlinien einzufüh- ren. Wie wir wissen und der Enron-Skandal deutlich belegt, haben die USA selbst so ihre Probleme mit der Transparenz. Werden wenigstens wir uns an Summers’ Rat halten? Werden wir bei uns zu Hause dafür sorgen, dass die Anleger alle entscheidungsrelevanten Informationen erhalten? Momentan sieht es nicht danach aus. So extrem der Fall Enron sein mag, atypisch ist er keineswegs. Für die amerikanische Volkswirtschaft bildet das Jahr 1997 eine Art Wasserscheide. Amtlichen Statistiken zufolge wuchsen die Unterneh- mensgewinne zwischen 1992 und 1997 steil an und stagnierten in den Folgejahren. Im dritten Quartal 2000 lagen die Gewinne nach Steuern kaum höher als drei Jahre zuvor. Demgegenüber stieg das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit der Unternehmen des S&P 500 – das heißt jene Gewinne, die den Anlegern bekannt gegeben wurden – in den genannten drei Jahren um 46 Prozent! Aus technischen Gründen kann es vorkommen, dass die beiden Kennziffern leicht voneinander abweichen. Historisch gesehen haben sie sich im Prinzip aber mehr oder weniger parallel entwickelt. Woher also diese plötzliche Diskrepanz? Die Antwort liegt nahe: Ab 1997 arbeiteten die Unternehmen offenkundig verstärkt mit Buchführungs- tricks, um ordentliche Gewinnsteigerungen vorzutäuschen. Auch der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Unternehmen standen angesichts der Börsenerwartungen mächtig unter Druck. Sie wollten die Kursentwicklung nicht gefährden und mussten immer glänzendere Zahlen vorlegen. 20 Prozent Gewinnzuwachs waren das Mindeste, was

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die Börsianer erwarteten – alles darunter wurde abgestraft. Es gab aber einen noch spezifischeren Grund für die Jagd nach Erfolgszahlen:

Aktienoptionen. Immer großzügigere Optionspakete und die Hausse ließen die Bezüge der Topmanager regelrecht explodieren. Nach Schät- zungen von Business Week verdienten Konzernchefs 1980 im Durch- schnitt 45-mal so viel wie ein »normaler« Mitarbeiter. 1995 hatte sich dieser Faktor auf 160 erhöht, 1997 auf 305. So ein Goldeselchen will gefüttert werden, und eine Zeit lang ging die Rechnung noch auf. Im Jahr 2000 strichen Amerikas Führungsspitzen sage und schreibe 458- mal so viel ein wie der durchschnittliche Beschäftigte – obwohl die Unternehmensgewinne seit drei Jahren stagnierten. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht mir hier nicht um die Frage, ob die Spitzenmanager ihre Gehälter auch verdie- nen (überbezahlt sind sie meines Erachtens auf jeden Fall). Das eigent- lich Bedenkliche ist, wie und wofür sie bezahlt werden – für eine Er- folgschimäre. Die Realität interessiert da niemanden mehr. Dies sollen vernünftige Rechnungslegungsvorschriften natürlich ver- hindern. Erst das unselige Zusammenspiel von schlecht funktionieren- den Richtlinien und willfährigen Abschlussprüfern ermöglichte des Kaisers neue Kleider, gestattete den Wirtschaftskapitänen mithin, ihre Nacktheit zu verbergen. Die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ließen sich von den Schwindeleien der Unternehmen nur allzu gern ein- wickeln, solange sie lukrative Beratungsverträge bekamen. Zeit für Reformen also? Nicht alle sind dieser Meinung. Heute steht im Bankenausschuss des Senats eine vom Ausschussvorsitzenden Paul Sarbanes eingebrachte Gesetzesvorlage auf der Tagesordnung, mit der ansatzweise eine Bilanz- und Buchprüfungsreform auf den Weg gebracht werden soll. Für den Gesetzentwurf sprachen sich einige der angesehensten Persönlichkeiten der Finanzwelt aus, unter ihnen Paul Volcker, Greenspans großer Vorgänger, und John Bogle, der berühmte Börsenspekulant. Doch Senator Phil Gramm stellt sich voll hinter die Totaloffensive der Wirtschaftsprüferlobby und will die Vorlage zu Fall bringen. Ich würde mich in dieser Frage liebend gern aus dem Parteienstreit heraushalten. Auch bei der Demokratischen Partei gibt es schwarze

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Schafe, die von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ordentlich geschmiert wurden. Doch die Blockade der Reform geht eindeutig auf das Konto der Republikaner, und die Drahtzieher sitzen auch noch ganz oben: Wie die New York Times berichtet, arbeitet Senator Gramm »eng mit der Bush-Administration zusammen«, um die Sarbanes-Vorlage zu kippen. Lassen Sie mich wiederholen, was ich in meiner letzten Kolumne bereits sagte: Saubere Bilanzen sind keine Frage von rechts oder links, es geht hier um den Schutz der Anleger gegen finanzielle Ausbeutung durch Insider. Wer sich – wie die Bush-Regierung – der Reform eines abgewirtschafteten Systems widersetzt, stellt die Interessen einer klei- nen Unternehmensoligarchie über das Gemeinwohl. Ein letzter Gedanke zum Abschluss: Es geht natürlich nicht allein um die faire Behandlung amerikanischer Anleger. Wie die asiatischen Län- der, so sind auch die Vereinigten Staaten stark auf den Zufluss ausländi- schen Kapitals angewiesen. Da spielt das internationale Vertrauen in die Sauberkeit der amerikanischen Märkte eine wichtige Rolle. Bush junior mag vielleicht glauben, dass die Investoren gar keine Wahl haben, dass das Kapital so oder so fließen wird, Reform hin oder her. Denselben Fehler beging Suharto!

Die Gier der Gekkos

4. Juni 2002 »Der Punkt ist, meine Damen und Herren, Gier ist

gut. Gier funktioniert, Gier bringt’s

Ihnen, wird nicht nur Teldar Paper wieder in Schwung bringen, sondern auch das andere notleidende Unternehmen namens USA.« Das Zitat stammt aus dem berühmten Film Wall Street von 1987. Gordon Gekko, der Übernahmegeier, der diese Rede schwingt, be- kommt sein Fett gehörig ab. An der Wirklichkeit ging die Lektion leider vorbei. Es gibt viele »Gekkos«, und sie reißen die amerikanische Wirt- schaft derzeit in einen regelrechten Skandalstrudel. Damit wir uns nicht falsch verstehen – ich rede nicht von Moral, son- dern von Unternehmensführung. Menschlich gesehen sind die heutigen

und Gier, ich prophezeie es

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Unternehmensführer vermutlich weder besser noch schlechter als ihre Vorgänger. Was sich geändert hat, ist das Prämiensystem. Vor einem Vierteljahrhundert ging es in amerikanischen Konzernen ganz anders zu. Wenig war zu spüren von der gnadenlosen Härte, die in unseren Tagen das Bild prägt. Gemessen an heutigen Maßstäben han- delte es sich geradezu um Organisationen sozialistischen Zuschnitts:

Die Spitzengehälter waren vergleichsweise winzig, Shareholder-Value und Aktienkurs längst nicht die einzigen Kriterien, die Chefs fühlten sich in vielfacher Hinsicht verantwortlich, nicht zuletzt für ihre Mitar- beiter. Das quintessenzielle Vor-Gekko-Unternehmen – wohlwollend und großzügig – war GM, auch bekannt als Generous Motors. Heute indes sind wir der Ideologie des »Gier ist geil« verfallen und können uns kaum mehr vorstellen, wie ein solches System überhaupt funktionieren konnte. Wo liegen die Gründe für den Wandel? Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es steil bergauf – der Lebensstandard ver- doppelte sich. Dann aber geriet das Wachstum ins Stocken. Andere Methoden waren nun gefragt, Aufkäufer und Restrukturierer traten auf den Plan. Das Übernahmekarussell begann sich zu drehen, immer schneller. Die betroffenen Unternehmen sollten saniert werden. Die Aufkäufer verordneten eine Schlankheitskur und versprachen – in der Regel mit Erfolg –, die Gewinne und mithin die Aktienkurse auf diese Weise wie- der anzuheben. Fehlendes Aktienkapital wurde durch Kredite ersetzt und das Management knallhart vor die Wahl gestellt, entweder das Ruder herumzureißen oder sein Bündel zu packen. Gleichzeitig sorgte man über großzügige Erfolgsprämien dafür, dass die Unternehmens- führung persönlich an einer möglichst guten Aktienkursentwicklung interessiert war. Zumindest die letzte Rechnung ging nur allzu gut auf. Vielen (speziell amerikanischen) Ökonomen und Managementgurus galt dies lange Zeit als äußerst praxistaugliches Modell. Gekkos Rede ist gleichsam eine schulbuchmäßige Verkörperung der »Principal- Agent«-Theorie, derzufolge das Entgelt der Führungskräfte stark vom Aktienkurs des Unternehmens abhängig sein sollte (Anreize sollten die Handelnden motivieren, sich im Sinn der Geldgeber zu verhalten). Zitat Gekko: »Derzeit hat das Management praktisch kein persönliches Inte-

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resse am Wohlergehen der Firma. Allen Anwesenden gehören zusam- mengenommen nicht einmal drei Prozent des Unternehmens.« An dem Tisch saß der Vorstand. In den neunziger Jahren setzten amerikanische Unternehmen diese Theorie konsequent um, internalisierten gleichsam ihren Gekko. Die Übernahmehaie wurden nicht mehr gebraucht und verschwanden all- mählich wieder von der Bildfläche. Übernahmegenies wie Henry Kravis hatten Schule gemacht, Worte wie Fremdfinanzierung und Leveraged Buyout waren in aller Munde. Steven Kaplan, Business School of Chi- cago, sagte 1998 – affirmativ, versteht sich: »Wir sind inzwischen alle kleine Henrys.« Die neue Ellenbogenmentalität wurde vor allem mit Entgeltpaketen durchgesetzt, die bei steigendem Aktienkurs fürstliche Prämien versprachen. Bis vor ein paar Monaten sah es auch ganz danach aus, als ob die Methode hervorragend funktioniere. Inzwischen zeigen täglich neue Skandale deutlich den Geburtsfehler der schönen Theorie. Ein System, das Führungskräften den Erfolg so überaus großzügig vergütet, verleitet sie zwangsläufig zum Schummeln, sobald Wunsch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Bilanzmanipula- tionen, Fehlbuchungen, fiktive Umsätze – nichts leichter als das, wenn man weitgehend ein Informationsmonopol besitzt. Natürlich kann das auf lange Sicht nicht gut gehen. Doch wer ein paar Jahre durchhält, scheffelt enormen Reichtum. Ken Lay, Gary Win- nick, Chuck Watson, Dennis Kozlowski – ihnen allen wurde die Früh- rente durch neunstellige Sümmchen versüßt. Solange nicht gerade Haft droht – und wer glaubt schon daran, dass auch nur einer unserer neurei- chen Übeltäter auch nur einen Tag absitzen muss? –, lohnt sich Unehr- lichkeit zweifellos. Wer glaubt, da seien uns einige wenige faule Eier gelegt worden, irrt. Statistisch belegt klaffen seit fünf Jahren die gegenüber Anlegern offen gelegten Gewinne und andere, objektivere Indikatoren der Gewinnent- wicklung auseinander. Das belegt eindeutig, dass viele, vielleicht die meisten Großunternehmen ihre Bilanzen geschönt haben. Leider ist die immer noch nicht so recht anspringende Konjunktur vom Misstrauen gegenüber den Unternehmen stark belastet. Gier ist

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vielleicht doch nicht das Gelbe vom Ei! Bleibt Hoffnung auf Besserung? Kaum. Washington ist nicht an Reformen interessiert, sondern scheint entschlossen, das Urteil der eigentlich unpolitischen Website von Cor- porate Governance (corpgov.net) zu bestätigen. Dort heißt es sehr nüchtern: »Angesichts der Macht der Wirtschaftslobby sind staatliche Kontrollen weitgehend wirkungslos, weil sie de facto nicht über betriebsinterne Kontrollen hinausgehen.« Wenn wir Glück haben, besinnen sich die Unternehmen noch eines Besseren. Bislang sieht es nicht danach aus. Bleibt die skeptische, ja bange Frage: Und wer rettet das notleidende Unternehmen namens USA?

Ein Geschmäckle

28. Juni 2002 Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein kleines, mehr schlecht als recht gehendes Geschäft – sagen wir, eine Eisdiele. Reich werden kann man da schwerlich – es sei denn, man trickst. Wie das geht, zeigen die großen Wirtschafts- und Bilanzskandale, die bislang ans Tageslicht kamen – Anschauungsmaterial vom Feinsten, wie man ein Unternehmen zum Selbstbedienungsladen umfunktioniert. Erstens haben wir da die Enron-Strategie. Sie funktioniert so: Kalku- liere den Verbrauch an Eiswaffeln für die nächsten dreißig Jahre und schließe einen Zuliefervertrag ab. Setze in den Büchern die zugehörigen Einkaufskosten kräftig herunter und buche die in den nächsten dreißig Jahren zu erwartenden Verkaufserlöse alle im laufenden Jahr. Schon ergibt sich ein entzückender Gewinn! Sie brauchen diese Zahlen nun nur noch publik zu machen, und die Leute werden sich um Ihre Ge- schäftsanteile nur so reißen! Die Dynegy-Strategie ist auch nicht zu verachten: Das Eiscremege- schäft wirft zwar nicht viel ab, doch Sie überzeugen potenzielle Geldge- ber davon, dass sich das künftig ändern werde. Daraufhin schließen Sie mit einer anderen Eisdiele ein Scheingeschäft ab, bei dem Sie sich gegen- seitig täglich soundso viele Eiswaffeln abkaufen. Rein pro forma natür-

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lich – Sie schleppen mitnichten Waffeln von hier nach dort

ger sind von so viel Aktivität schwer beeindruckt, wittern ein aufstre- bendes Geschäft und zahlen jeden gewünschten Preis für Ihre Ge- schäftsanteile. Oder die Adelphia-Strategie: Man fingiere Kundenaufträge in gro- ßem Stil und lenke die Aufmerksamkeit der Investoren auf das Volu- men, damit sie bei der Rentabilität ein Auge zudrücken. Hier wird nicht mit fingierten Transaktionen gearbeitet, sondern mit einem fingierten Absatzmarkt. Angesichts so rascher und erfolgreicher Akquisition ver- geben die Analysten allemal gute Noten, es hagelt Kaufempfehlungen, und die Anleger reißen sich nur so um Geschäftsanteile. Schließlich ist da noch die WorldCom-Strategie: Hier besteht der Trick weder in Scheinumsätzen noch in Scheinmärkten, man zaubert bei den Kosten, indem man laufende betriebliche Ausgaben – für Milch, Sahne, Zucker oder Schokoladensirup – im Anschaffungspreis etwa einer neuen Kühlanlage versteckt. Auf dem Papier wird auf diese Weise aus dem unrentablen ein hoch rentables Geschäft, das augenscheinlich nur deshalb Kapital benötigt, um durch neue Ausrüstung noch produk- tiver und wettbewerbsfähiger zu werden. Das hören Investoren gern und greifen für Ihre Geschäftsanteile tief in die Tasche. Pardon, eines hätte ich fast vergessen: Sie wollen bestimmt wissen, wie Sie sich dabei persönlich bereichern. Nichts leichter als das: Sie reservieren sich viele, viele Aktienoptionen und profitieren vom stei- genden Kurs. Falls Ihnen das nicht reicht, können Sie wie Enron Spezi- alorganisationen nutzen oder wie Adelphia mit persönlichen Darlehen arbeiten. An Absahnmodellen herrscht ja schließlich kein Mangel! Zwei Punkte fallen an diesem Schummelkatalog auf. Erstens wurde bei jedem der bisher aufgedeckten Skandale anders betrogen. Selbst wenn die Tricks von Enron oder WorldCom nur für relativ wenige andere Unternehmen taugen, können wir daher ziemlich sicher sein, dass anderen Firmen etwas anderes eingefallen ist. Zweitens beunru- higt, dass die Unregelmäßigkeiten eigentlich leicht zu entdecken waren. WorldCom beispielsweise gibt inzwischen zu, dass 40 Prozent seiner letztjährigen »Investitionen« verkappte Betriebsausgaben waren. Wie konnten sämtliche Kontrollen versagen? Wie konnten Wirtschaftsprü-

Die Anle-

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fern, Banken und staatlichen Regulierungsstellen Unregelmäßigkeiten dieser Größenordnung verborgen bleiben? Weil sie entweder nichts sehen wollten oder weil sie vor den fälligen Konsequenzen zurück- schreckten. Ich will beileibe nicht behaupten, alle US-Unternehmen seien kor- rupt. Nur hatten manipulationswillige Topmanager bis dato mit wenig Widerstand zu rechnen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften spielten bereitwillig mit, wenn die Beraterhonorare nur groß genug waren, die Banken schraubten ihre Bedenken ebenfalls auf null zurück, wenn der Kunde – Beispiel Enron – sie an lukrativen Nebengeschäften beteilig- te. Die öffentlichen Mandatsträger fielen eingedenk der großzügigen Wahlkampfspenden und sonstigen Schmiergelder nach Kräften den staatlichen Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden in den Arm, etwa indem man ihnen Gelder strich oder bewusst gesetzliche Grauzonen schuf, in denen dubiose Geschäftspraktiken blühen konnten. Und George W. Bush? Ist seine Doppelmoral nicht typisch? Während er die Machenschaften von WorldCom öffentlich anprangert, versucht er hinter den Kulissen ausgerechnet dem Verantwortlichen für die unsägliche »Enron exemption« – eine gesetzliche Sonderregelung zum Schutz des Energiekonzerns vor Prüfung und Strafverfolgung – eine Spitzenposition bei einer staatlichen Regulierungsbehörde zu beschaf- fen. Und gewisse Kongressabgeordnete sind offenbar weit mehr daran interessiert, dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer Steine in den Weg zu legen, als die Korruption zu bekämpfen, deretwegen er ermittelt. Die Enthüllungen gehen inzwischen fleißig weiter. Vor einem halben Jahr wurde ich für die These, der Enron-Skandal werde das Selbstver- ständnis der Amerikaner stärker verändern als der 11. September, heftig kritisiert. Klingt das wirklich immer noch so abwegig, wie damals viele meinten?

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Gespielte Empörung

2. Juli 2002 Arthur Levitt, von Bill Clinton zum Chef der US-Bör- senaufsicht SEC berufen, engagierte sich seinerzeit sehr für eine stär- kere Kontrolle der Rechnungslegung und damit für transparentere Abschlüsse. Freilich blies ihm aus dem Lager der Wirtschaftslobby har- ter Gegenwind ins Gesicht. Inzwischen ist George W. Bush an der Regierung, und Levitt wurde durch Harvey Pitt ersetzt, der eine »freundlichere« – sprich: nachsichtigere – SEC versprach. Selbst nach dem Enron-Skandal verweigerte sich die Bush-Regierung hartnäckig jeder nennenswerten Reform der Bilanzierungsvorschriften. Beispiels- weise wurde die Forderung des Börsenprofis Warren Buffett, die Ak- tienoptionen der Führungskräfte von den gemeldeten Gewinnen abzu- ziehen, rundweg abgelehnt. Gleichwohl sind die Herren Bush und Pitt über die Vorfälle bei WorldCom aufs Äußerste entrüstet. Erinnern wir uns: 1995 verabschiedete der Kongress gegen Clintons Veto ein Gesetz, das Anlegerklagen blockierte und vermutlich jener Flut von Wirtschaftsdelikten die Schleusen öffnete, die uns heute fast weg- spült. Michael Oxley, Parteigänger Bushs, leitete damals den Ausschuss für Finanzdienstleistungen im Repräsentantenhaus und spielte bei die- sem Coup eine zentrale, wenn auch unrühmliche Rolle. Als Merrill Lynch kürzlich eingestand, von den hauseigenen Analysten als Nieten eingestufte Aktien empfohlen zu haben, schäumte Mr. Oxley vor Wut – allerdings nicht deshalb, weil das Unternehmen die Anleger getäuscht hatte, sondern weil es eine saftige Geldstrafe akzeptierte und somit möglicherweise einen Präzedenzfall schuf. Doch auch Mr. Oxley ist über die Vorfälle bei WorldCom ausgesprochen empört. Hängt dieser plötzliche Moralismus etwa mit den jüngsten Mei- nungsumfragen zusammen? Reagieren die Herren, weil die Öffentlich- keit offenbar allmählich genug hat von dem unsauberen Spiel? Um ehrlich zu sein, ein von Umfragen ausgelöster Einstellungswan- del wäre mir lieber als gar keiner. Sehr wahrscheinlich aber ist er so oder so nicht echt. Insbesondere den Unmut des Präsidenten kann man schwerlich ernst nehmen. Chuck Lewis vom unabhängigen Center for

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Public Integrity merkt nicht umsonst sarkastisch an, Bush kenne »sich mit abgewirtschafteten Energieunternehmen und Bilanzunregelmäßig- keiten vermutlich besser aus als je ein CEO vor ihm«. Die Bemerkung zielt auf die Vorgänge bei Harken Energy, die nun wirklich einer öffent- lichen Durchleuchtung bedürfen. In meiner letzten Kolumne (in der ich mich mit diversen Betrugsme- thoden einschlägiger Unternehmen beschäftigte) habe ich doch tatsäch- lich einen Enron-Bilanztrick vergessen: Scheinverkäufe von Vermö- genswerten. Bemühen wir also noch einmal unser Eisdielenmodell: Der gewiefte Geschäftsinhaber verkauft beispielsweise an Unternehmen X einen alten Lieferwagen zu einem exorbitant hohen Preis und weist die Summe als Gewinn aus. Es handelt sich natürlich um kein echtes Geschäft – Unternehmen X gehört ihm selbst. Bis die Anleger das herausfinden, sind schon viele Geschäftsanteile zu Höchstkursen ver- kauft. Nun zu Harken Energy. Wie im Wall Street Journal vom 4. März 2002 nachzulesen, saß Bush junior 1989 im Vorstand und im Prüfungs- ausschuss des Unternehmens. Beide Positionen hatte er nebst einem größeren Aktienkontingent ergattert, als Harken für 2 Millionen Dol- lar Spectrum 7 – ein kleines, unrentables und überschuldetes Ener- gieunternehmen – sowie dessen CEO, George W. Bush, übernommen hatte. Was er sich bei diesem Kauf eigentlich gedacht habe, wurde der Harken-Gründer gefragt. Antwort: »Naja, wissen Sie, der Mann hieß doch George Bush!« Leider stand es auch mit Harken nicht zum Besten. Es ging sogar rapide bergab. 1989 vermochte man die Verluste mit den Erlösen aus dem Verkauf eines Tochterunternehmens, Aloha Petroleum, noch eini- germaßen zu kaschieren. Doch wer kaufte Aloha? Eine Gruppe von Harken-Insidern, die den größten Teil der Kaufsumme auch noch von Harken selbst geliehen bekamen. An diesem Deal fand die US-Börsen- aufsicht (SEC) wenig Gefallen und erklärte ihn für unzulässig. Das Unternehmen war gezwungen, seine Bilanz rückwirkend zu revidieren. Lange vor dem Bescheid der SEC – jedoch nur wenige Wochen, bevor einschlägige Informationen durchsickerten und den Kurs der Harken- Aktie in den Keller schickten – verkaufte George W. Bush zwei Drittel

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seiner Unternehmensanteile für schlappe 848000 Dollar. (Nur zum Vergleich: Das ist etwa viermal so viel wie im Fall von Martha Stewart, der Chefin von Martha Stewart Omnimedia, Inc., der Insidergeschäfte im Zusammenhang mit Anteilen an einer Biotechnologiefirma vorge- worfen werden.) Seltsamerweise informierte Bush die SEC über ein hal- bes Jahr später, obgleich das Gesetz die sofortige Offenlegung von Insi- dergeschäften verlangt. In einem internen SEC-Papier findet sich zwar die Feststellung, dass Bush gegen das Gesetz verstoßen habe, doch wurde nie Klage erhoben. Es habe wirklich nichts, so beteuern die Betei- ligten unisono, mit der Tatsache zu tun gehabt, dass der Papa damals Präsident war. Wirklich? Angesichts dieses Hintergrundes – zu dem auch die nicht minder anrüchige Rolle Dick Cheneys als CEO von Halliburton gehört – darf man feststellen, dass diese Regierung wahrlich prädestiniert ist, um Wirtschaftsverbrechern zu Leibe zu rücken. Schließlich besitzen Bush & Co. reichlich Erfahrung aus erster Hand. Falls irgend ein Zyniker aber behaupten sollte, Bushs neuer Unmut über betrügerische Unternehmen sei gespielt, kann ich Ihnen jetzt schon sagen, wie seine Sprecher darauf reagieren werden: höchst empört.

Gezielte Erosion

22. Oktober 2002 Die Stimmung unter den Wirtschaftslobbyisten ist nachgerade prächtig. »Optimismus pur«, stellt ein Vertreter der He- ritage Foundation fest, »kurz vorm Ausflippen«. Grund sind die am 5. November anstehenden Kongresswahlen, bei denen Bushs Republi- kanische Partei den Durchmarsch schaffen wird, so hoffen sie jeden- falls. »Durchmarsch« bedeutet Kontrolle über die drei Zweige des ame- rikanischen Regierungssystems – Weißes Haus plus Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses, also Repräsentantenhaus und Senat. Die Wunschlisten der Lobbyisten sind schon fertig. »Nachkriegsplanung fürs eigene Land« nennt es der Heritage-Mann süffisant – in Anlehnung an die Planungen für den Nachkriegs-Irak.

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Auch das Weiße Haus erwartet die Weihnachtsbescherung für dieses Jahr offenbar bereits im November. Der Wahlsieg erscheint Bush & Co. schon so sicher, dass man der Wirtschaftslobby ihr Hauptgeschenk nicht länger vorenthalten mochte – und setzte dem Reformzirkus um das Bilanzrecht ein Ende. Noch vor ein paar Monaten, im Juli, hatte George W. Bush großspurig verkündet: »Wir werden die Verantwortli- chen finden und bestrafen.« Gleichzeitig winkte er mit einem neuen Gesetz, das zwecks verstärkter Bekämpfung der Wirtschaftskriminali- tät »zusätzliche personelle und finanzielle Mittel für die Securities and Exchange Commission« bereitstellen werde. Das war einmal. Inzwi- schen beherrscht schließlich der Krieg die Schlagzeilen. Den ersten Schlag gegen die Reformer führte SEC-Chef Harvey Pitt, als er Plänen zur Einsetzung einer starken und unabhängigen Persön- lichkeit als Leiter eines neuen Bilanzkontrollgremiums eine Absage erteilte. Das war nur der Auftakt. Die SEC hängt finanziell seit Jahren am Tropf, den meisten Beobachtern – eingeschlossen Richard Breeden, Chef der SEC unter Bush senior – schien auch das im Juli von Bush unterzeichnete Budget für eine vernünftige Arbeit bei weitem nicht aus- zureichen. Und nun will die Regierung den größten Teil jener »zusätz- lichen Mittel« wieder streichen. Bush & Co. behaupten ungerührt, die SEC könne ihren Kontrollauf- gaben auch mit einem viel knapperen Budget gerecht werden. Aber in Wirklichkeit ist die Aufsichtsbehörde extrem unterfinanziert. Ihre Juristen und Buchprüfer verdienen allenfalls halb so viel wie ihre Kolle- gen in der freien Wirtschaft, und nur allzu oft stehen sie infolge der per- sonellen Unterbesetzung allein auf weiter Flur gegen die schlagkräfti- gen Rechtsabteilungen der ins Visier genommenen Unternehmen. Zu- dem müssen sie ihre Schriftsätze auch noch selbst tippen und kopieren, weil es hinten und vorn an Hilfskräften fehlt. Die bittere Konsequenz:

Viele Ermittlungen können nicht in Angriff genommen werden. Hinzu kommt, dass das neue Gesetz die Aufgaben der SEC auch noch aus- weitet. Was sich hier abspielt, verdeutlicht eine Parallele. Seit 1995 verfährt der Kongress mit dem Steuerwesen ganz ähnlich. Die Finanzbehörden

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Der große Ausverkauf

wurden systematisch auf Sparflamme gesetzt; die Zahl der Betriebsprü- fer etwa ist um 28 Prozent zurückgegangen. Dabei ist völlig klar, dass eine Aufstockung der Mittel für die Finanzämter das Haushaltsdefizit nicht erhöhen, sondern senken würde. Nach Schätzungen der Behörde entgehen ihr jährlich 30 Milliarden Dollar, und zwar hauptsächlich, weil Großverdiener den Staat ungestraft prellen. Wer den Finanzbehör- den den Geldhahn zudreht, leistet im Klartext Beihilfe zur Steuerhinter- ziehung in großem Stil. Ganz ähnlich liegt der Fall bei der SEC. Die Behauptung, die Behörde komme auch mit weniger Mitteln zurecht, glauben nicht einmal ihre Urheber in der Bush-Regierung. Es geht schlicht und einfach darum, der Aufsichtsbehörde bei der Erfüllung ihrer Aufgaben möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Im Rückblick ist schwer zu verstehen, wie überhaupt jemand so naiv sein konnte, unserer derzeitigen politischen Führung Reformwillen zuzubilligen. Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten war eine Regierung so unverkennbar eine Marionette der Wirtschaft. Ich rede hier, wohlgemerkt, nicht nur von politischem Einfluss, sondern von persönlichen Karrieren und den daraus erwachsenen Beziehungen. Bush hat mehr ehemalige Topmanager in seinem Kabinett als jede Regierung zuvor! Doch noch entlarvender ist James Surowieckis Fest- stellung im New Yorker: »In Bushs Mannschaft gibt es kaum einen CEO, der einer wettbewerbsfähigen, im eigentlichen Sinn unternehme- rischen Gesellschaft vorgestanden hätte.« Mit anderen Worten: Von Erfolg kann keine Rede sein, eher von »Vetternwirtschaft, in der es mehr auf Beziehungen als darauf ankommt, was man tut und wie man es tut«. Warum sollten sie dieser schönen alten Welt den Rücken keh- ren? Übersehen wir auch nicht die persönlichen Anreize (sprich: Loyalitä- ten). Fast alle diese Ex-Manager in der Bush-Administration wurden dank ihrer Washingtoner Verbindungen reich. Mit einer Ausnahme:

Bush selbst. Sein Reichtum verdankt sich nicht eigenen Beziehungen, sondern jenen, die sich der Vater in Washington erwarb. Die Liste der »Connections« ist endlos. Senator Phil Gramm zum Beispiel, der die berüchtigte »Enron exemption« durchboxte (und die Geschäftsmetho-

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den des Konzerns zu einer Zeit absegnete, als seine Gattin im Vorstand des Unternehmens saß), legt sein Amt nieder und wechselt in die Privat- wirtschaft. Wohin wohl? Zu UBS Warburg, jenem Unternehmen, das den Enron-Geschäftsbereich Energiehandel aufkaufte. Ist es nicht son- derbar, dass jene, die den ganzen Sumpf ins Visier nehmen, nie solche Posten angeboten bekommen? Fazit: Vergessen Sie das Bild von den Saubermännern, die im Fernse- hen ihre Show abziehen. Die ist sowieso nur für das (in ihren Augen dumme) Volk gedacht. Da dieses Volk an einem neuen Haken angebis- sen hat, kehren die Herrschaften zur Tagesordnung zurück – Insiderge- schäften, wie gehabt.

TEIL

II

Unschärferelationen

Einst las ich einen Bericht über ein lateinamerikanisches Land, dessen Politiker dem Volk das Blaue vom Himmel herunter versprachen. Eine Partei soll sogar auf die Idee verfallen sein, das Autofahren zu verbilli- gen, indem man alle bergauf führenden Straßen abschafft. Naja, werden Sie denken, es gibt bessere Witze. Stimmt. Die Frage ist nur, ob wir Amerikaner tatsächlich Besseres zu bieten haben. Es gibt gewiss große Ähnlichkeiten zwischen Bushs Steuersenkung des Jahres 2001 und jener von Ronald Reagan 20 Jahre davor. Völlig unterschiedlich ist allerdings die Art und Weise, wie die Pläne der Öffentlichkeit verkauft wurden. In bin bestimmt kein Reagan-Bewun- derer, doch immerhin präsentierte er sein Programm ehrlich: Er redete nicht um den heißen Brei herum, sondern sagte deutlich, dass er große Steuererleichterungen für die Reichen anstrebte, und leugnete auch nicht, dass seine Maßnahmen nur unter den angebotstheoretischen Prä- missen der Konservativen finanziell Sinn ergaben. Anders bei Bush: Er täuschte die Bürger, wo er nur konnte. Zum einen behauptete er, es gehe hauptsächlich um Steuererleichterungen für die Mittelschicht. Zum zweiten behauptete er, die Maßnahmen seien fiskalisch völlig problem- los, weil mit einem soliden Haushalt jederzeit vereinbar. Beide Behaup- tungen waren von Anfang an glatt gelogen, wie sich leicht nachrechnen ließ. Trotzdem nahmen die meisten Amerikaner die Absurditäten fromm hin. Kaum jemand in den Medien war bereit, Tacheles zu reden. Zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes 2000 konnte ich zunächst kaum glauben, was sich da abspielte. Wie kann der Kandidat

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einer großen politischen Partei, fragte ich mich immer wieder, so skru- pellos lügen und seine wahren Absichten so zynisch verschleiern? Wie konnte es sein, dass ihm die Medien das auch noch abnahmen? Es ging, das musste ich leider nur zu bald feststellen. Bush reist mit dem größten Bauernfängerprogramm aller Zeiten durch die Lande. Wenn ein Köder verbraucht ist, greift er zum nächs- ten, und jedes Mal beißen die Fische prächtig an. Erst propagierte er eine für die Staatsfinanzen ruinöse Steuersenkung, die die prallen Ta- schen der Superreichen noch mehr füllt, mit dem Argument, nicht benö- tigte Steuergelder würden so in die Kassen der amerikanischen Durch- schnittsfamilie zurückfließen. Als sich die roten Zahlen häuften, hüllte er sich und seine Politik in die amerikanische Fahne und wies die Schuld am Haushaltsdefizit den bösen Terroristen und anderen unkontrollier- baren Kräften zu. Als Ökonom sagte ich in meiner Kolumne deutlich, was da vor sich ging, und schon schimpften mich die Kritiker eine Kas- sandra. Da ist ausnahmsweise etwas Wahres dran – auch Kassandra fand bekanntlich kein Gehör, und trotzdem (oder gerade deswegen) tra- ten ihre Prophezeiungen ein. In Kapitel 5 befasse ich mich eingehend mit der Art und Weise, wie Bush seine Steuersenkungen verkaufte – mit den Tricks, Ausflüchten und Lügen, mit denen er erst das Weiße Haus eroberte und dann die ent- sprechenden Gesetzesvorlagen durch den Kongress boxte. Dabei geht es zwangsläufig um das Versagen von Personen und Institutionen, die das öffentliche Interesse hätten schützen müssen. Das betrifft in erster Linie die Presse, die in der politischen Auseinandersetzung mit Bush eklatant versagte. Dass man ihm seine ebenso dreisten wie primitiven Haushaltslügen abnahm, ist unverzeihlich. Aber auch Persönlichkei- ten, die sich bis dato als Wächter fiskalischer Vernunft profiliert hatten und in hoher Achtung standen, warfen ihre Prinzipien über Bord. Allen voran gab sich Alan Greenspan, Chef der Federal Reserve und in Clin- tons Amtszeit der Hohepriester der Haushaltsdisziplin, unter allerlei intellektuellen Verrenkungen zur Unterstützung von Bushs völlig ver- antwortungslosen Steuerplänen her. Mir war von Anfang an klar, dass diese Steuersenkungen den hart erarbeiteten Haushaltsüberschuss bald auffressen würden, wie bald,

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hat allerdings selbst mich verblüfft. Was ich natürlich auch nicht voraussehen konnte, waren der 11. September und die Chuzpe, mit der Bush seine Chance nutzte, um die eigenen Spuren zu verwischen und das Defizit ausländischen und sonstigen Bösewichtern anzulasten. Kapitel 6 ist daher der Haushaltsdebatte nach dem 11. September gewidmet. Damals wurde sukzessive das ganze Ausmaß des Finanzde- sasters klar – doch kaum jemand schien sich daran zu stören. »Warum auch?«, könnte man zynisch fragen. Die Apologeten der Bush-Politik wollen uns weismachen, dass die Staatsverschuldung nach historischen Maßstäben in Relation zur Gesamtwirtschaft nicht beson- ders hoch sei. Gleiches reklamieren sie für das Loch in der Haushalts- kasse: Absolut betrachtet sei es zwar so hoch wie nie zuvor, doch im Verhältnis zur amerikanischen Volkswirtschaft undramatisch. Beide Argumente ziehen nicht, derlei historische Vergleiche führen nur in die Irre. Die Politik der derzeitigen Regierung ist verantwortungslos und ruinös und wird uns in nicht sehr ferner Zukunft eine gewaltige Krise bescheren, dann nämlich, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Man stellt sich den amerikanischen Staat am besten als ein großes Versicherungsunternehmen mit angegliederter Armee vor. Die Renten- versicherung und die medizinische Versorgung der Alten belasten den Bundeshaushalt bereits heute stark. Doch in zehn Jahren wird diese Last noch viel, viel schwerer sein. Wenn alle anstehenden Verpflichtun- gen eingelöst und zudem die Zinsen für die riesige Staatsverschuldung bezahlt werden sollen, müsste man jetzt schon mit der Akkumulation von Überschüssen beginnen und die Staatsverschuldung so weit wie möglich verringern. Noch nie war der Zeitpunkt für riesige Defizite schlechter als heute. Freilich könnte man fragen: Warum nicht stattdessen eine Reform der Altersversorgung? Klingt gut, eben deshalb kam Bushs »Reform- programm« im Wahlkampf prima an. Wie wir in Kapitel 7 sehen wer- den, war Bushs Programm von Anfang an eine einzige Augenwischerei. Er vergewaltigt sogar das kleine Einmaleins, wenn er behauptet, die Umleitung eines Teils der Sozialversicherungseinnahmen auf Privat- konten würde das System finanziell stärken, wo doch eine ganz simple

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Rechnung das Gegenteil beweist. Bei den Gesundheitsplänen war das Lügengebäude zwar ein wenig subtiler, doch nicht weniger haarsträu- bend. In beiden Fällen war und ist die angebliche Medizin das reinste Gift – mit der Konsequenz, dass die von Bushs haltloser Fiskalpolitik verursachten Probleme noch größer würden. Wo wird das alles hinführen? Als ich diesen Teil des Buches zusam- menstellte, warf ich natürlich noch einmal einen prüfenden Blick auf unsere öffentlichen Finanzen – und schuldete meinen Hypothekenkre- dit sofort auf einen festen Zinssatz um. Irgendwann in den nächsten Jahren – eher früher als später – wird den Finanzmärkten auffallen, dass die Versprechungen der amerikanischen Regierung hinten und vorn nicht zusammenpassen – Rentenversprechen an künftige Pensionäre, Rückzahlungsversprechen an die Inhaber von Schatzbriefen und ande- ren Staatsanleihen, Steuersenkungsversprechen mit Sätzen weit unter- halb dessen, was nötig wäre, um all diese Verpflichtungen zu decken. Irgendwer wird bluten müssen. Meiner Meinung nach sind die Verei- nigten Staaten auf dem besten Weg in eine Finanzkrise lateinamerikani- schen Zuschnitts, in der Befürchtungen, die Regierung könne sich ihrer Schulden durch eine Inflation zu entledigen suchen, die Zinssätze in die Höhe schnellen lassen. Das lesen Sie hier zum ersten Mal.

Kapitel 5

Köder

Rechenkünste

1. Oktober 2000 Es ist Beichtzeit an der Wirtschaftsfront. Je mehr Unternehmen zugeben müssen, dass ihre Gewinne hinter den Erwar- tungen zurückbleiben, desto peinlicher geraten Sendungen wie etwa Moneyline auf CNN. Abend für Abend winden sich die Verantwortli- chen unter den kritischen Fragen der Interviewer, denn die haben in der Regel ihre Hausaufgaben gemacht (ungeschönte Bilanzen natürlich vorausgesetzt) und haken hart nach. Vor allem, wenn die Zahlen nicht stimmen. Gewisse Leute aber, so scheint mir, genießen dieser Tage eine Sonder- behandlung. Ich hatte eigentlich nicht vor, mich in meiner Kolumne noch einmal über George W. Bushs Rechenkünste auszulassen – all- mählich bin ich es leid. Doch angesichts seines haarsträubenden Auf- tritts in Moneyline vor einigen Tagen kann ich einfach nicht anders. Es war so schlimm, dass ich mir zunächst einmal ein Transkript besorgen musste, um mich zu vergewissern, dass ich richtig gehört hatte. Man konnte meinen, Bush sei von seinen Beratern folgendermaßen präpa- riert worden: »Lieber George, es gibt da ein kleines Problem. Sie haben im Wahlkampf leider ein paar Dinge gesagt, die schlicht gelogen waren. Am besten, Sie nutzen die paar Minuten an Sendezeit, um einfach alles noch einmal zu wiederholen. Nennen Sie möglichst genaue Zahlen. Je konkreter die falschen Zahlen, desto bereitwilliger nehmen Ihnen die Leute die ganze Nummer ab!«

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Der große Ausverkauf

Zunächst verbreitete sich der Meister über den Haushalt. »Wir haben einen Überschuss von schätzungsweise 4,6 Billionen Dollar zu erwarten«, erklärte er (was ausnahmsweise stimmt, aber auf einer Schätzung beruht und höchst zweifelhaft ist). Dann fuhr er fort: »Ich will, dass ein Teil dieses Geldes – fast eine Billion – der Medikamenten- versorgung älterer Menschen zugute kommt; unserer Armee, damit sie den Frieden sichern kann; der Bildung der Menschen weltweit, ich habe da ein paar Ideen. Ich will – schauen Sie, auch für die Umwelt ist noch was drin.« Habe ich richtig gehört: fast eine Billion? Noch vor drei Wochen gab Bushs Wahlkampfzentrale ein Statement heraus, das für neue Projekte Gesamtausgaben in Höhe von 474,6 Milliarden Dollar vorsieht – das ist knapp die Hälfte! Bush scheint derzeit äußerst bestrebt zu sein, sich in der Öffentlichkeit als »Konservativen mit Herz« darzustellen, dem angeblich viel an Bildung, Umwelt und so weiter gelegen ist. Nur: Das entschuldigt nicht die Skrupellosigkeit, mit der er für all diese guten Dinge plötzlich mehr als doppelt so viel Geld verspricht, als er im eige- nen Haushaltsplan vorgesehen hat. Dann wandte sich Bush den geplanten Steuersenkungen zu: »Aber ein Viertel – rund 1,3 Billionen – ist immer noch im Topf. Ich finde, wir sollten dieses Geld jenen zurückgeben, aus deren Portemonnaie es kommt.« Hoppla, 4 mal 1,3 ergibt 5,2 und nicht 4,6. Und die anvisier- ten Steuersenkungen belaufen sich insgesamt – Zinsen eingeschlossen – auf 1,6 Billionen Dollar, fressen also mehr als ein Drittel des – wohlge- merkt geschätzten – Überschusses auf! Dann kam Bush auf die Social Security zu sprechen. Zu diesem Thema zunächst ein paar Erläuterungen. Das amerikanische Renten- system steckt hauptsächlich deshalb in der Klemme, weil es ein riesiges »Loch« gibt, im Grunde eine versteckte Verschuldung: Die Renten der älteren Generationen wurden stets aus den Beiträgen der jüngeren Arbeitnehmer finanziert, die Gelder sind mithin ausgegeben. Man kann die Privatisierung des Rentensystems keinesfalls damit rechtfertigen – wie Bush es versucht –, dass man die Rendite von Staatsanleihen mit der (impliziten) Effektivverzinsung der Beiträge vergleicht. Denn wer bis- her Beiträge eingezahlt hat, hat ein Anrecht auf seine Rente, ihm gegen-

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über hat der Staat eine Schuld. Diese Schuld summiert sich auf mehrere Billionen Dollar, und die müssen von irgendwem bezahlt werden. Zurück zu Bush. Was tat der Mann? Er verglich den Zinssatz der amerikanischen Staatsanleihen mit der angeblichen Verzinsung von Rentenbeiträgen: »Doch der sicherste aller sicheren Sätze – von etwa vier Prozent (damit bezieht er sich auf die US-Staatsanleihen) – liegt doppelt so hoch wie die Verzinsung, die Sie heute von der staatlichen Rentenkasse erwarten können.« Es tut mir leid, aber ich sehe keine Möglichkeit, Bush für diese Aus- führungen – für drei eklatante Falschaussagen innerhalb weniger Minuten – in irgendeiner Weise mildernde Umstände zu gewähren. Es geht hier ja nicht um eine komplexe ökonomische Analyse, sondern um einfachste Fakten. Woraus man folgern muss: Was Bush der Nation ins Gesicht sagte, war glatt und ganz bewusst gelogen. So weit, so schlecht. Was mich aber noch mehr erschüttert, ist das Schweigen der Medien – jener »liberalen Medien«, über die sich die Konservativen doch so gern aufregen. Ein CEO käme bei Moneyline niemals so ungeschoren davon, wenn er etwa behaupten würde, seine Firma gebe für Forschung doppelt so viel aus wie in der Pressemittei- lung des Unternehmens angegeben. Anders bei Bush: Als der erklärte, dass er für neue Programme doppelt so viel wie im eigenen Wahlkampf- programm ausgewiesen ausgeben wolle, schwieg der Interviewer – und mit ihm die ganze Nation. Wie eingangs schon festgestellt, hängt mir die ganze Geschichte ei- gentlich längst zum Hals heraus. Doch die Journalisten dieses Landes scheinen offenbar alles, was die Kandidaten über ihre politischen Ab- sichten verkünden, für bare Münze zu nehmen. Irgendjemand muss doch den Mund aufmachen. Deshalb kann ich nicht anders, als darauf hinzuweisen, dass der Kandidat Bush in einem Interview, in dem er, wohlgemerkt, sein Wirtschaftsprogramm vorstellte, zum wiederholten Mal als Trickbetrüger auftrat: Er versprach weit mehr, als er nach eige- ner Rechnung in der Kasse hat, untertrieb die Kosten der geplanten Steuersenkungen gewaltig und stellte zu guter Letzt die Rentenproble- matik so falsch dar, dass es zum Himmel schreit.

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Hände in Unschuld

18. Oktober 2000 Unabhängig davon, wie die Präsidentschafts- wahl letztlich ausgeht, wird Amerika im Urteil künftiger Historiker ver- mutlich beim großen politischen Test versagt haben. Nach Jahrzehnten fiskalischer Verantwortungslosigkeit, von beiden großen Parteien, Demokraten wie Republikanern, praktiziert, schienen die Vereinigten Staaten Anfang der neunziger Jahre endlich erwachsen geworden zu sein. Wir präsentierten uns damals als eine Nation, die vorauszudenken versteht und in guten Zeiten dafür sorgt, dass sie in schlechten etwas auf der hohen Kante hat. Inzwischen ist dieser Ein- druck allerdings völlig dahin. Es war wohl doch nur eine Illusion – nichts als ein koketter, adoleszenter Flirt mit dem Erwachsensein. Fiskalisch verantwortungsvolles Handeln heißt solides Haushalten, und das funktioniert beim Staat im Prinzip nicht anders als in jeder Familie: Zahle deine Schulden ab und spare in guten Zeiten, damit du in der Not einen Groschen auf der Seite hast. Und es sind gute Zeiten, deren sich Amerika momentan erfreuen darf! Mindestens drei Faktoren sprechen für diese Einschätzung:

Erstens leben wir in friedlichen Zeiten und sind militärisch praktisch konkurrenzlos. Freilich muss man vernünftigerweise davon ausgehen, dass die Verhältnisse nicht auf Dauer so problemlos bleiben werden. Dazu braucht man noch nicht mal an einen neuen Kalten Krieg zu glau- ben. Die Verteidigungsausgaben werden also vermutlich nicht ewig auf diesem niedrigen Niveau bleiben. Zweitens sieht es demografisch derzeit noch hervorragend aus. Die USA sind, zugespitzt formuliert, zu einem großen Teil ja eine zugegeben riesige Kranken- und Rentenversicherung, die den Lebensunterhalt und die Gesundheitsfürsorge der älteren, aus dem Erwerbsleben ausgeschie- denen Bevölkerung sicherstellt. Momentan halten sich diese Lasten noch in Grenzen. In rund zehn Jahren sieht das anders aus. Dann wer- den die geburtenstarken Jahrgänge allmählich in Pension gehen – und damit kommt eine enorme und ständig steigende Belastung auf die Staatskasse zu, Ende unabsehbar. Wenn daher die Steuerbelastung für den (zahlenmäßig stetig abnehmenden) Rest der Bevölkerung wenigs-

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tens einigermaßen erträglich bleiben soll, sollten wir besser gleich damit beginnen, uns ein ordentliches Polster zuzulegen. Drittens schließlich steht die US-Wirtschaft derzeit weltweit hoch im Kurs. Die Unternehmen – und indirekt auch die Finanzämter – profitie- ren davon, dass uns der Rest der Welt als erstklassige Schuldner betrachtet. Riesige Kapitalzuflüsse halten die US-Zinssätze seit Jahren niedrig und die Aktienkurse hoch – was wiederum die Staatskassen füllt. Manche Ökonomen halten diese starken Kapitalzuflüsse zwar für gefährlich und sehen damit die nächste Krise schon vorprogrammiert (ähnlich wie bei der Asienkrise 1997, welcher ja ebenfalls starke Kapi- talzuflüsse vorausgingen). Ich will nicht behaupten, dass mich dieses Argument kalt lässt. Doch auch ohne Krise halten ausländische Investo- ren (und nicht nur sie, sondern auch die vermögenden Amerikaner!) selbstverständlich ihre Augen offen und werden irgendwann andern- orts Chancen entdecken und ergreifen. So viel ist also klar: Aus den Zuflüssen werden mit Sicherheit irgendwann Abflüsse, und wir sollten uns auf diesen Tag vorbereiten. Dies kann verantwortlicher- und vernünftigerweise nur bedeuten, dass der Staat jetzt beginnen sollte, große Reserven anzulegen. Lang- fristig denkende Haushaltsexperten sind ohnehin der Meinung, dass der über die nächsten zehn Jahre erzielbare Überschuss ohne die (von den beiden Präsidentschaftskandidaten) angekündigten Steuersenkun- gen und Ausgabenprogramme noch immer zu niedrig wäre, um die dann einsetzenden Verpflichtungen zu erfüllen. Ein vernünftiges Pro- gramm würde also die Steuern erhöhen und die Staatsausgaben senken. Derlei der Öffentlichkeit nahe zu bringen, ist gewiss nicht leicht. Die Politiker haben es aber im Grunde auch nie richtig versucht. Selbst wer um Ehrlichkeit und verantwortungsvolles Handeln bemüht war, be- gnügte sich meist mit Halbwahrheiten. Ich erinnere nur an das Bild von den »eisernen Truhen«, in denen man die Sozialversicherungsgelder verwahren solle. Eine solide Haushaltspolitik hieße indes, den Leuten den eigentlichen Sinn der Maßnahme zu erklären (was natürlich eine verständliche Darlegung der Gesamtzusammenhänge erfordert). Wir müssen uns nach Lage der Dinge nicht wundern, wenn der Schuss in jeder Hinsicht nach hinten losgeht. Einerseits fühlt sich die Öffentlich-

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keit – durchaus zu Recht – von Politikern wie Al Gore, die mit Halb- wahrheiten eine pseudosolide Politik zu machen versuchen, veräppelt. Andererseits sieht sie sich – durchaus zu Unrecht – ausgerechnet von einem Mann wie George W. Bush, der das Blaue vom Himmel herunter verspricht und sie für dumm verkauft, gut vertreten. Es verblüfft immer wieder, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Bush junior auf die Dummheit der Menschen setzt. Offenbar setzt er darauf, dass die Gelackmeierten sowieso nicht zwei und zwei zusammenzählen können. Das bislang krasseste Beispiel: Im zweiten Fernsehduell be- hauptete er ungeniert, bei seinem Programm flösse »der größte Teil der Steuererleichterungen in die Taschen der Menschen am unteren Ende der Einkommensleiter«, also der wirtschaftlich Schwachen. Das schlägt dem Fass den Boden aus! Die Millionäre und Multimillionäre Amerikas dürften sich totgelacht haben! Die Eilfertigkeit, mit der die breite Öffentlichkeit diese Melodie auf- nahm und nachsang, ist allerdings befremdlich. Man fühlt sich an Orwell und seinen berühmten Roman 1984 erinnert. »Nur keine ver- wirrenden Zahlen!«, scheint Amerika zu schreien, aber da der »New- speak« alle Begriffe in ihr Gegenteil verkehrt, ist eigentlich gemeint:

»Nur keine exakten Zahlen! Wir wollen es nicht wissen! Ignoranz ist unsere Stärke!« So gesehen ist Amerika wohl doch noch zu unreif für jenes klare Denken, ohne das ein verantwortungsvolles Handeln un- möglich ist. Wo die Hauptursache für diesen bedauerlichen Zustand liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht hätten bessere Politiker tatsächlich eine bessere Politik durchsetzen können. Vielleicht aber liegt der Fehler primär doch nicht bei den Politikern, sondern bei uns, den Wählern.

Bauernfängerei

25. Oktober 2000 Wussten Sie eigentlich, dass nächstes Jahr 2,3 Millionen Amerikaner sterben würden, falls Al Gore die Wahl gewinnt und sein Wirtschaftsprogramm umgesetzt würde? Lassen Sie sich nur nicht ins Bockshorn jagen! Natürlich wissen Sie, liebes Publikum, so

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gut wie jeder herablassende Kommentator, dass eine Kausalverbindung von Sterberate und Präsidentenwahl ein ausgemachter Blödsinn wäre. Gleichwohl gibt es in Amerika offenbar nicht wenige Zeitgenossen, die ungern selbst denken und stattdessen viel lieber, ja mit Hingabe im Orwellschen Chor der Hörigen mitsingen: »Nur keine verwirrenden Zahlen!« Will heißen: »Nur keine Klarheiten! Wir wollen und brau- chen sie nicht!« Um bei den Tatsachen zu bleiben: Kandidat Bush hat es (noch) nicht so weit getrieben, Al Gore die Schuld an der Sterblichkeit von Amerikas Bürgern und Bürgerinnen in die Schuhe zu schieben. Aber er hat etwas Vergleichbares angestellt. Als Gore – völlig zu Recht – darauf hinwies, dass Bush Sozialversicherungsgelder in Höhe von einer Billion Dollar gleich zweimal verteile – zum einen an die jungen Erwerbstätigen, denen er verspricht, sie dürften das Geld auf privaten Sparkonten anle- gen, und zum anderen an die älteren Arbeitnehmer, denen er verspricht, dass ihre Renten sicher seien –, konterte Bush mit dem Vorwurf, Gores Rentenprogramm erhöhe die Staatsverschuldung um nicht weniger als 40 Billionen Dollar. Auf den ersten Blick eine umwerfende Zahl, gewiss. Doch was steckt dahinter? Es handelt sich um die geschätzte Gesamtsumme aller Zah- lungen, die, wohlgemerkt, in den kommenden 50 Jahren aus dem allge- meinen Staatshaushalt in die Social Security fließen werden, Zinsen ein- gerechnet. Ich könnte nun viele Gründe anführen, warum diese Zahl im Grunde wenig aussagt und jedenfalls viel unspektakulärer ist, als Bush offenkundig suggerieren will. Der entscheidende Punkt ist ein ganz anderer: Die genannte Zahl hat mit Al Gore nichts zu tun (ähnlich wie bei der eingangs gestellten Fang- frage). Das Rentensystem wird so oder so erhebliche Transfers aus dem allgemeinen Staatssäckel erfordern, ob Gores Programm umgesetzt wird oder nicht. Es gäbe überhaupt nur eine einzige Möglichkeit, das zu verhindern – die Leistungen zu kürzen und damit Versprechen zu bre- chen. Über Leistungsabbau aber hat – versteht sich – Mr. Bush bislang kein Wort verloren. Sein eigener Rentenplan würde also genauso viel kosten wie das Programm seines Wahlkampfgegners Gore – erheblich mehr

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sogar, denn wenn er alle Versprechungen tatsächlich einlösen wollte, müsste er noch eine kräftige zusätzliche Geldquelle anzapfen. Vermutlich erschiene es selbst Bushs Beratern als gar zu dumm, Gore versuchsweise die US-Sterberate anzuhängen. Die künftigen Lasten des Sozialversicherungssystems scheinen da schon besser geeignet, um ge- gen Gore zu punkten. Zumindest, so ihr zynisches Kalkül, wird das die Wähler verwirren, und bis die ihre Gedanken sortiert haben, ist die Wahl gelaufen (und gewonnen). Den Ärger kriegen wir anschließend schon irgendwie vom Tisch. Doch was für ein Ärger da auf sie zukäme! Die Rentenzahlungen sind leider nicht die einzigen Gelder, die Bush zweimal ausgeben will. Denn Bushs Pläne – in geringerem Maß auch die von Al Gore – beru- hen auf der Annahme, dass die freiwilligen Ausgaben des Bundes in den nächsten zehn Jahren nicht zunehmen. Doch in den letzten Monaten – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – zogen beide Parteien im Kongress die Spendierhosen an. Nach Schätzungen der Analytiker beider politischer Lager werden sich die zusätzlichen Kosten in den nächsten zehn Jahren auf über 800 Milliarden Dollar summieren. Schlechte Nachrichten also für den künftigen Präsidenten, denn der muss mit noch knapperen Kassen leben. Gore hat ein wenig mehr Spiel- raum in seinem Haushaltsplan und ließ schon durchblicken, dass die Wahrung des Haushaltsüberschusses für ihn höchste Priorität hat. Möglicherweise würde er also von seinen Steuersenkungen abrücken. Völlig anders liegt der Fall bei Bush, sein Budget weist nur dank kreati- ver Buchführung noch immer ein Plus auf. Außerdem hat er deutlich zu verstehen gegeben, dass ihn nichts auf der Welt von dem Steuersen- kungsvorhaben abbringen wird. (»Read my lips« – frei übersetzt: Da können Sie Gift drauf nehmen! –, pflegte Bush senior in solchen Fällen hinzuzufügen.) Nach Lage der Dinge ist also damit zu rechnen, dass die mittelfristi- gen Überschussschätzungen schon bald – vielleicht schon im kommen- den Jahr – drastisch nach unten korrigiert werden müssen und länger- fristige Schätzungen Defizite aufweisen werden, so weit das statistische Auge reicht. Dies wird nicht nur mit realen wirtschaftlichen Risiken ein- hergehen, sondern auch unserem nationalen Selbstbewusstsein einen

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Schlag versetzen. Wir werden den Kopf schütteln über unseren früheren Optimismus und uns fragen, was wir uns bei all dem nur dachten. Die Antwort wird sein, dass wir uns gar nicht viel dachten, ja in der Regel jenen, die es versuchten, auf die Finger klopften. Wie immer die Wahl ausgehen mag, eines haben die Reaktionen auf die politischen Debatten sehr klar gemacht – dass die amerikanischen Wähler eine tief sitzende Abneigung gegen Kandidaten hegen, die auch nur den Anschein von Intellektualität erwecken, und erst recht gegen solche, die die Wählerschaft als mündiges, aufgeklärtes Publikum behandeln und Positionen kritisch hinterfragen. Leider scheint dieses Wahljahr von einem Motto beherrscht zu sein, das sich auch als Grabschrift für den bald verflossenen Haushaltsüber- schuss eignen würde: Echte Männer denken nicht. Echt dumm ist nur, dass die Realität sich wenig darum schert. Auch was in manches sper- rige Hirn nicht hineinpasst, kann sehr weh tun.

Scheibchenweise

11. Februar 2001 George W. Bush versucht der Öffentlichkeit seine Steuersenkungspläne mit der typischen Salamitaktik zu verkau- fen: Scheibchenweise, sagt er sich wohl, kommt man der Kritik besser bei. Wie verlogen das Spiel angelegt ist, wird erst klar, wenn man die Scheibchen mühsam zusammenträgt. Grundsätzlich gibt es in Amerika drei Arten von bundesstaatlichen Personensteuern. Die wichtigste ist die Sozialversicherungssteuer. Sie wird bis knapp 70000 Dollar Jahreseinkommen zu einem Pauschalsatz von 15,3 Prozent erhoben, rund 80 Prozent aller amerikanischen Haus- halte unterliegen dieser Steuer. Die Einkommensteuer hingegen beläuft sich für die meisten Familien auf weniger als zehn Prozent, steigt bei sie- benstelligen Jahreseinkommen allerdings auf rund 30 Prozent an. Drit- tens schließlich gibt es die Erbschaftssteuer. Sie betrifft Nachlässe von über 675000 Dollar (bei Ehepaaren verdoppelt sich der Freibetrag), mithin die Wohlhabenden: Bei zwei Prozent aller Erbschaften fällt diese

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Steuer tatsächlich an. Im Grunde sind es in ganz Amerika nur ein paar tausend Vermögen jährlich, bei deren Vererbung der Staat mitkassiert. Nun zur Salamitaktik. Konservative, denen die Steuerlast ein Dorn im Auge ist, pflegen die Sozialversicherungssteuer in ihre Berechnungen einzubeziehen. So auch Bush, der seine Steuersenkungen mit Zahlen zu legitimieren versucht, die gleichsam die ganze Salami beinhalten. Immer wieder hören wir von einem (geschätzten) Überschuss von 5,6 Billionen Dollar, den es abzu- bauen gelte. Nehmen Sie diese Zahl besser nicht allzu ernst. Vor allem aber entfällt mehr als die Hälfte davon – und zwar die glaubwürdigere Hälfte – auf Social Security und Medicare. Beide Programme werden in den USA über die Sozialversicherungssteuer finanziert. Diese spielt aber bei den geplanten Steuersenkungen überhaupt keine Rolle. Genau jene Steuer, die faktisch die meisten Familien be- lastet, wird zwar als Steuersenkungsargument (Thema Überschuss) eingesetzt, findet bei den Maßnahmen – dem Abbau von Belastungen – aber keine Berücksichtigung. Denn was fordert Bush? Erstens eine drastische Absenkung der Einkommensteuer. Wer zahlt Einkommen- steuer? Die Reichen, wie wir gesehen haben. Zweitens nicht nur eine Absenkung, sondern die Abschaffung der Erbschaftssteuer. Wer zahlt Erbschaftssteuer? Praktisch nur die Superreichen, wie wir gesehen haben. Reiche und Superreiche – sie allein profitieren von Bushs Steuerpoli- tik. Die Sozialversicherungssteuer wird hingegen völlig ignoriert – der kleine Mann soll ruhig zahlen! Die Schlussfolgerung ist eindeutig und leuchtet unmittelbar ein: Die Steuerpläne der Neokonservativen haben extrem Schlagseite, sie begünstigen jene an der Spitze der Einkommens- und Vermögenspyramide. Konkretes Beispiel: Die Familie mit einem Jahreseinkommen von 50000 Dollar hätte gerade einmal 800 Dollar mehr in der Haushaltskasse, die Familie mit einem Einkommen von 1 Million hingegen 50000 Dollar mehr. Natürlich stimmt es, dass Spit- zenverdiener derzeit einen höheren Steueranteil abführen müssen als Normal- oder Geringverdiener – doch so viel höher liegt er keineswegs. Wer sich also die Freiheit nimmt, darauf hinzuweisen, dass die Steuer- senkungspläne der Rechten in völlig überzogenem Maße die Superrei-

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chen begünstigen, braucht sich von niemandem als »Klassenkämpfer« brandmarken zu lassen – schon gar nicht von Bush. Man könnte nun argumentieren, eine unverhältnismäßig starke Ent- lastung der Reichen komme letztlich allen Amerikanern zugute, weil niedrigere Steuern an der Spitze der Vermögens- und Einkommenspyra- mide die Wirtschaft ankurbelten. Dieses »Gemeinwohlargument« set- zen die Konservativen interessanterweise nicht ein, und das mit gutem Grund. Angesichts des trotz hoher Steuern erstaunlichen Aufschwungs während der Clinton-Jahre lässt sich eine Steuersenkung nur schwer mit wirtschaftlichen Argumenten rechtfertigen. Oder wollen die Neo- konservativen etwa behaupten, bei niedrigen Steuern wäre der Boom noch kräftiger ausgefallen? Bush bleibt nur der Versuch, die Wähler an der Nase herumzuführen, indem er behauptet, das Programm bringe der Durchschnittsfamilie weitreichende Steuervorteile. Kürzlich erklärte Finanzminister Paul O’Neill ebenso vollmundig wie wahrheitswidrig, das Steuerprogramm komme »schwerpunktmäßig eher den niedrigen und mittleren Einkom- men zugute«, nicht ohne hinzuzufügen, das Programm »wirke sich auf jeden Amerikaner aus, der gegenwärtig Steuern zahlt«. Für Haarspalter ist das natürlich nicht gelogen, weil der vage Ausdruck »eher« nicht zwangsläufig auch die genannten Einkommensgruppen impliziert und der Terminus »sich auswirken« nicht heißt, dass die Steuerlast der Durchschnittsfamilie tatsächlich reduziert wird. Doch das sind Spitz- findigkeiten und ein Verstoß gegen den elementaren Grundsatz von Treu und Glauben. Paul O’Neill, früher für seine Geradlinigkeit be- kannt, lernt die Tricks, die ihm in seinem neuen Job abverlangt werden, erstaunlich schnell! Den falschen Eindruck, es handle sich um eine Steuersenkung für die breite Masse der Bevölkerung, versucht man nicht zuletzt durch einen geschickten »Aufschnitt« der Salami zu wahren. Die Bush-Leute weisen bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hin, die unteren Einkom- mensgruppen würden bei der Einkommensteuer relativ stärker entlas- tet als Spitzenverdiener, und hoffen wohl, dass zweierlei unbemerkt bleibt: Die Familien werden weniger durch die Einkommen- als durch die Sozialversicherungssteuer belastet (die nicht gesenkt wird), und der

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Der große Ausverkauf

Wegfall der Erbschaftssteuer würde nur den Kindern der Reichen eine gewaltige Ersparnis bescheren. Zur Salamitaktik gehört auch die medienwirksame Konzentration auf ausgesuchte Haushalte, die als prototypische Gewinner der geplan- ten Steuerreform präsentiert werden. Die Bürger sollen erst gar nicht auf den Gedanken kommen, nach den wirklichen Gewinnern zu fragen. Der einzige Großverdiener und künftige Erbe eines derzeit noch steuer- pflichtigen Nachlasses, dessen Name bei diesen Medieninszenierungen überhaupt fällt – ohne freilich als Gewinner benannt zu werden –, ist George W. Bush selbst. Otto von Bismarck soll gesagt haben, die Menschen könnten besser schlafen, wenn sie nicht wüssten, was in der Wurst und in der Politik sei. Dem würde Bush zweifellos zustimmen. Er hofft, dass das amerikani- sche Volk nicht allzu genau wissen will, was in seiner Steuersalami drin ist und wie er sie aufzuteilen gedenkt.

Das Universalheilmittel

16. Mai 2001 Szenen aus der Steuersenkungsarena:

Im Januar 2001 behauptet Bushs Berater Lawrence Lindsey, Steuer- senkungen und nicht Leitzinssenkungen der Fed seien die richtige Ant- wort auf das verlangsamte Wirtschaftswachstum, Steuererleichterun- gen besäßen eine »viel größere Durchschlagskraft«. Den Ökonomen verschlägt diese These freilich die Sprache: Wie kann jemand allen Ernstes einen kurzfristigen Konjunkturrückgang mit langfristigen Steu- ersenkungen kurieren wollen – vor allem, wenn die avisierten Steuer- senkungen überwiegend erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts stattfinden sollen. Als der Kongress wenig später mit dem Haushalt auch Steuersenkungen in einer Größenordnung von 1,35 Billionen Dol- lar genehmigt, wehren sich Bushs Gefolgsleute mit Händen und Füßen dagegen, 100 Milliarden dieses Betrags zur Ankurbelung der Wirt- schaft zur Verfügung zu stellen. Den Grund kennen wir ja: Die Neokon- servativen wollen die Gelder möglichst den Großverdienern zugute

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kommen lassen, und die diesbezüglichen Erleichterungen sollen eben nicht sofort, sondern erst ab 2006 voll greifen. Im März 2001 erklärt Präsident Bush, dass »landesweit über 17,4 Millionen Geschäftsinhaber und Unternehmer von der Absenkung des Spitzensteuersatzes von 39,6 auf 33 Prozent profitieren werden«. Eine

Pressemitteilung des Finanzministeriums zielt offenkundig in die glei-

che Richtung: »

denen derzeit viele zum Steuersatz von 39,6 Prozent veranlagt werden, werden vom Steuersenkungsprogramm des Präsidenten profitieren.« Erneut ist der Ökonom sprachlos. Denn im großen Amerika verdienen nur etwa eine Million Bürger genug, um unter den Spitzensteuersatz von 39,6 Prozent zu fallen! Dass von diesen wenigen Großverdienern die allerwenigsten Kleinunternehmer sind, liegt auf der Hand. Unab- hängigen Schätzungen zufolge würde lediglich etwa ein Prozent aller Kleinunternehmen von der Absenkung des Spitzensteuersatzes profitie- ren. Bush legt dem Wort »viele« eine völlig neue Bedeutung zu! Im Mai 2001 wird Bush gefragt, was seine Regierung gegen die hohen Benzinpreise unternehmen wolle. »Lassen Sie es mich wiederho- len – versuchen, es klarer zu sagen«, legte der sich ins Zeug. »An die Adresse des Kongresses, der ein Interesse daran hat, den Verbrauchern bei den Benzinpreisen zu helfen: ›Verabschieden Sie so schnell wie mög- lich das eingebrachte Steuererleichterungsgesetz.‹ Wir haben 100 Milli- arden Dollar bereitgestellt, um den Verbrauchern angesichts der hohen Energiepreise sofort unter die Arme zu greifen. Das ist der schnellste Weg, um die Verbraucher zu unterstützen. Die Verbraucher liegen mir außerordentlich am Herzen. Die hohen Benzinpreise machen mir ehr- lich Sorgen. Ich appelliere daher an alle, die sich Gedanken darüber machen, wie man den Verbrauchern am besten helfen kann: Lassen Sie uns das Steuersenkungspaket so schnell wie möglich in die Tat umset- zen.« Erneut ist der Ökonom sprachlos. Denn die ärmsten Familien, die unter dem hohen Benzinpreis am meisten leiden, gehen bei der Steuer- senkung leer aus. Außerdem handelt es sich bei den 100 Milliarden, die Bush angeblich so engagiert reserviert hat, »um den Verbrauchern angesichts der hohen Energiepreise unter die Arme zu greifen«, um genau jene kurzfristigen Steuersenkungen, die seine Gefolgsleute im

mindestens 17,4 Millionen Kleinunternehmer, von

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Der große Ausverkauf

Kongress eigentlich mit aller Macht verhindern und aus dem Beschluss streichen wollten. Im Juni 2001 setzen steigende Strompreise in einigen Teilen der USA Familien und Kleinunternehmen hart zu. Bush beharrt darauf, dass sich Energieprobleme nicht kurzfristig lösen ließen. Es sei vielmehr wichtig, im Naturschutzgebiet von Alaska endlich nach Öl zu bohren. Natür- lich vergisst er nicht den Standardhinweis, sein Steuerpaket werde den Familien helfen, ihre Stromrechnungen zu begleichen oder – wie ver- ständnisvoll – sich zumindest Kerzen oder Propangaslampen zu kaufen. Im Juli 2001 bricht in den Vereinigten Staaten die Maul-und-Klauen- Seuche aus und verbreitet sich rasch. Bush sieht keinen Grund, die ge- planten Kürzungen des Agraretats infrage zu stellen. Die beste Lösung für das Problem seien allemal weitreichende Steuerentlastungen. Dies erlaube den Farmern, sich neue Tierbestände anzuschaffen, helfe den Verbrauchern, mit den höheren Lebensmittelpreisen klarzukommen, und ermögliche den Hausfrauen den Besuch von Kursen für vegetari- sche Küche. Im August 2001 leidet Houston wegen schlechten Wetters und bekannt lascher Umweltschutzbestimmungen unter Smog – die Stadt, so erinnern wir uns, brach während Bushs Amtszeit als Gouverneur von Texas in puncto Ozonbelastung alle Rekorde und verdrängte Los Ange- les locker vom ersten Platz der US-Hitliste. Bush bestreitet, dass der Ozonpegel als Warnschuss gegen seine produktionsorientierte (sprich:

industriefreundliche) Energiepolitik zu werten sei, vielmehr würden Steuersenkungen dem Problem abhelfen – die Bürger hätten dann mehr finanzielle Mittel, um sich Luftfilter und Gasmasken zu besorgen und bei Bedarf ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie wunderbar! Im September 2001 nennen Kritiker das neue Herbstprogramm der US-Sender schlicht »TV zum Abgewöhnen« – Primitiveres habe es noch nie gegeben, seit die Bilder laufen lernten. Bush zeigt sich »sehr besorgt« über die abnehmende Qualität der Fernsehunterhaltung und drängt die Zuschauer, seine Steuersenkungspläne zu unterstützen – dann hätten sie das nötige Kleingeld, um den Bezahlsender HBO zu abonnieren, und könnten sich jederzeit Die Sopranos zu Gemüte führen.

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Erbschaftsfragen

30. Mai 2001 In der britischen Filmkomödie Letzte Grüße von Onkel Joe von 1966 schiebt ein Sohn seinen Vater, einen aufbrausen- den, ziemlich ungenießbaren Machtmenschen, im Rollstuhl an den Klippen entlang. Jeden Wunsch seines Erzeugers kommentiert der Sohn mit einem gehorsamen »Ja, Vater«. Schließlich weist der alte Mann mit großer Geste auf die unter ihnen liegende Industrielandschaft und erklärt stolz: »Wenn ich einmal nicht mehr bin, wird das alles dir gehö- ren!« Woraufhin ihn der Sohn mit einem »Ja, Vater« in die Tiefe stößt. Diese Szene kam mir in den Sinn, als ich mich intensiver mit dem Steuergesetz befasste, das beide Kammern des Kongresses passiert hat und kürzlich von George W. Bush mit stolzgeschwellter Brust unter- zeichnet wurde. Die Steuerpläne des George W. Bush waren schon immer seltsam genug: Um die wahren Auswirkungen auf die Staatsfinanzen zu vertu- schen, legten die Neokonservativen viele große Steuersenkungen absichtlich ans Ende des zehnjährigen Planungszeitraums. Speziell die Abschaffung der Erbschaftssteuer wurde bis zum Jahr 2010 verscho- ben. Doch auch dies konnte das Finanzchaos nicht verhindern, sodass der Kongress sich zu einer Klausel gezwungen sah, derzufolge das beschlossene Gesetz mit Beginn des Jahres 2011 wieder außer Kraft tritt und die Steuersätze auf das Niveau von 2000 zurückkehren. Eine singuläre Situation für die Erben großer Vermögen: Stirbt die kranke Mutter am 31. Dezember 2010, fällt ihr Vermögen den Erben steuerfrei zu, stirbt sie am 1. Januar 2011, kassiert der Staat die Hälfte des Vermögens als Steuer. Dies schafft interessante Anreize. Vielleicht hätte man die Initiative das Schubs-die-Mutter-Gesetz nennen sollen. Dies ist aber längst nicht das einzige abstruse Element der Gesetzes- vorlage. Fast genauso bizarr ist die für Ende 2004 vorgesehene plötzli- che Steuererhöhung für Familien der oberen Mittelschicht (also solche mit überdurchschnittlichem Einkommen). Wer die Steuerdebatte ver- folgt hat (insbesondere über die außerordentlich informative Website des Center on Budget and Policy Priorities), kennt die Sprengkraft in der »alternative minimum tax«, kurz AMT. Nach dem eben verabschie-

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Der große Ausverkauf

deten Gesetz wird sich die Zahl derer, die diese Mindeststeuer entrich- ten müssen, von 1,5 Millionen auf nicht weniger als 36 Millionen Men- schen erhöhen. Konsequenz: Viele Steuerzahler – typischerweise gut betuchte, doch keineswegs reiche Familien, die auf kommunaler und einzelstaatlicher Ebene ohnehin bereits hohe Steuern zahlen – wird demnächst der Schlag treffen. Von der versprochenen Steuerersparnis sehen sie nichts. Einfach korrigieren lässt sich die Regelung leider nicht – dies würde den Haushalt infolge fehlender Steuereinnahmen um Hunderte von Milliarden Dollar zusätzlich belasten. Gleichwohl sah der Kongress Handlungsbedarf und beschloss eine Entschärfung. Doch wenn die par- tielle Korrektur bis zum Ende des Jahrzehnts bestehen bliebe, würde der Bundeshaushalt die Steuerentlastung (die für den Staat zu Minderein- nahmen führt) kaum verkraften. Daher wurde die entschärfte AMT- Regelung zeitlich begrenzt, sie läuft Ende 2004 aus. Die Vergünstigun- gen fallen dann also weg, und die AMT greift voll. Nach derzeitiger Gesetzeslage werden Millionen Haushalte mit einer plötzlichen und heftigen Steuererhöhung konfrontiert sein. Kurz gesagt: Das neue Steuergesetz ist ein schlechter Witz und wird uns teuer zu stehen kommen, wenn es bei der absurden Konzeption der Regierung bleibt. Natürlich war den Neokonservativen um Bush völlig klar, dass die beabsichtigten Steuerentlastungen niemals zu einer soliden Haushaltspolitik passen. Darum ging es ihnen nicht, sondern allein um radikale Steuersenkungen für die Superreichen. Jeder Trick war ihnen recht, der die wahren Auswirkungen auf die Staatsfinanzen wenigstens temporär zu kaschieren erlaubt, und so kamen wirre, willkürliche Bestimmungen heraus. Das dreiste Kalkül dahinter: Wenn die Sache dann auffliegt und speziell Angehörige der Mittelschicht den Braten rie- chen und wegen der Mindeststeuer auf die Barrikaden gehen (oder wenn sich, wer weiß, die Todesfälle bei betagten Multimillionären zu häufen beginnen), wird der Kongress eben mit neuen Steuersenkungen reagie- ren. Und wenn Bush wegen all dieser Steuersenkungen (zwangsläufig) mangels Finanzierung seine Wahlversprechen etwa in Bezug auf Medi- care oder höhere Ausbildungsbeihilfen nicht einlösen kann, läuft alles nach Plan. Die Neokonservativen haben nie anderes beabsichtigt!

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Eines Tages werden verantwortungsbewusste Politiker – so sie nicht ausgestorben sind – den ganzen Schlamassel wieder in Ordnung brin- gen. Dann müssen einige der Steuerentlastungen, die der Kongress jüngst abgesegnet hat, rückgängig gemacht werden. (Nur ein Vor- schlag: Wie wäre es, die AMT-Regelung vernünftig zu novellieren und zum Ausgleich die Steuersätze für die Spitzenverdiener und Superrei- chen wieder auf ihr Niveau vom Jahr 2000 anzuheben?) Derzeit freilich ist es noch ein reines Rückzugsgefecht. Die Bush- Regierung hat ein abstruses Gesetz durchgeboxt, und sie wird zweifel- los weiterhin mit allerlei Ablenkungsmanövern arbeiten. Es fragt sich daher, ob es in Amerika noch Ehrenmänner gibt, die auf ehrlichen Zah- len bei der Reform der Rentenversicherung bestehen werden. Jawohl, Senator Moynihan, Sie sind gemeint.

Kapitel 6

Gerettet!

Volltreffer

7. Dezember 2001 Kurz nach dem 11. September erlaubte sich George W. Bush zwischen den Tiraden gegen die bösen Terroristen und sonstige Feinde Amerikas einen kleinen Scherz. Er hatte verschiedent- lich einen Haushaltsüberschuss mindestens in Höhe des Rentenüber- schusses versprochen – außer im Fall einer Rezession, eines Krieges oder eines nationalen Notstands. »So ein Glück«, flachste er mit Bud- get-Direktor Mitch Daniels, »ich habe tatsächlich einen Volltreffer gelandet.« Kann man so sagen. Die Enron-Analogie kann man zwar allmählich auch schon nicht mehr hören, doch ist sie in diesem Fall wirklich erhel- lend. Das Management von Enron und die derzeitige US-Regierung (zu deren Machtantritt der Energieriese so viel beitrug) manipulieren beide mit der gleichen Begeisterung Zahlen so, dass die Oberen kräftig abräu- men. Wenn das Kartenhaus dann zusammenbricht, darf das Fußvolk die Zeche zahlen. Die Verantwortlichen bei Enron verbrannten sich freilich die Finger, während Bush (noch) hofft, mithilfe der Ereignisse des 11. September ungeschoren davonzukommen. Anfang dieses Jahres, zu Beginn seiner Amtszeit, drückte Bush eine gewaltige, auf zehn Jahre angelegte Steuersenkung durch, die er mit angeblich riesigen Haushaltsüberschüssen begründete. Der größte Teil dieser Steuerentlastungen kommt Leuten mit einem Jahreseinkommen ab 200000 Dollar aufwärts zugute. Inzwischen freilich hören wir von

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Budget-Direktor Daniels, dass der Haushalt bereits im Jahr 2004 Schlagseite haben wird – wohlgemerkt: nicht nur der Etat ohne Social Security, sondern der ganze Staatshaushalt! Da die von Grund auf ver- logene Haushaltspolitik der derzeitigen Regierung (jedes andere Prädi- kat wäre zu milde!) von Tag zu Tag schlimmere Konsequenzen zeitigt, bleibt nur eine einzige Schlussfolgerung: Wir werden es in den nächsten Jahren wieder mit einem Dauerdefizit zu tun haben, sofern nichts geschieht. Die amerikanischen Medien freilich sind derzeit so sehr damit beschäftigt, über Afghanistans Tora-Bora-Höhlen und die Jagd auf Bin Laden zu berichten, dass ihnen dieses katastrophale Eingeständnis der Regierung – welches nachdrücklich beweist, dass Bush seine Steuerkür- zungen einer naiven Öffentlichkeit bewusst unter falschen Prämissen verkauft hat – keine Schlagzeile wert ist. Regierungsvertreter behaupten indes fleißig, nicht die Steuersenkun- gen, sondern die konjunkturelle Abkühlung und der Krieg gegen den Terrorismus seien für das Minus verantwortlich. Das ist dummes Zeug! Erstens machen die Ausgaben für die Terrorismusbekämpfung (bei Lichte besehen jedenfalls) nur einen kleinen Posten aus. Zweitens zeigt gerade die langfristige Stabilität der zu erwartenden Defizite, dass diese nicht durch konjunkturelle Schwankungen (das heißt die gegenwärtige Rezession) verursacht sein können. Den eigentlichen Punkt verschweigen die Damen und Herren in Washington sowieso. Gegner der Bush-Pläne wiesen schon immer da- rauf hin, dass es ökonomisch blanker Unsinn ist, aufgrund hypotheti- scher (genauer: überzogener) Überschussprognosen eine riesige Steuer- senkung festzuschreiben. Sie forderten daher – selbstverständlich ohne Erfolg –, zunächst einmal die Entwicklung abzuwarten. Inzwischen ist freilich eingetreten, was die Kritiker prognostizierten. Die Rechnung wird die übergroße Mehrzahl der Bürger zu bezahlen haben. Die Regierung verlegt sich neuerdings auf die Behauptung, die Steu- ersenkungen seien nötig gewesen, um der Rezession entgegenzuwirken. Niemand bestreitet den Sinn des sofortigen Steuernachlasses in Höhe von 40 Milliarden Dollar, der bisher wirksam wurde, und selbst weitere temporäre Steuererleichterungen für den Rest des Jahres wären absolut

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Der große Ausverkauf

sinnvoll. Das Problem sind vielmehr jene exzessiven Steuersenkungen nach 2002, die bereits gesetzlich verankert sind und die wir nach Bushs Willen auf jeden Fall schlucken sollen. Denn vergessen wir nicht Bushs eingangs erwähnten Volltreffer! Der Mann sieht sich im Recht und von allen Versprechen entbunden. Inzwischen freilich sind die negativen Auswirkungen des neuerlichen Haushaltsdefizits allenthalben zu spüren. Die Medikamentenbeihilfe ist längst begraben. Und wie steht es mit den Renten? Machen Sie sich keine Illusionen, mit den Einnahmen aus der Sozialversicherungssteuer wird Bush die vielen Haushaltslöcher wenigstens ansatzweise zu stop- fen versuchen. Für Rücklagen oder gar Schuldenabbau bleibt da kein Raum. Hinzu kommen knallharte Sparmaßnahmen, selbst in elementarsten Bereichen, die eigentlich Priorität haben müssten. Geld für den Wieder- aufbau von New York? Sorry, abgelehnt! Oder nehmen wir den Kampf gegen den Bioterrorismus. Nach Aussage der Regierung wären dafür drei Milliarden Dollar nötig. Nichts da, die Hälfte muss reichen. Steuer- senkungen (für die Reichen) sind eben wichtiger. In den übrigen Gebietskörperschaften ist die Lage keineswegs besser. Die Kassen der Kommunen, Distrikte und Bundesstaaten sind leer, be- dingt durch die Rezession einerseits und zusätzliche Ausgaben für Si- cherheit andererseits. Lehrer werden entlassen, Leistungen gestrichen. Wie wäre es da mit Unterstützung vom Bund, das heißt aus Washing- ton? Fehlanzeige. Bei allen Umfragen kam heraus, dass die »sozialen« Elemente von Bushs Wahlversprechen (jener »Konservatismus mit Herz«, mit dem sich die Rechten einen mehrheitsfähigen Anstrich geben wollen) – Sicherung der Renten, bessere Gesundheitsfürsorge, mehr Bildung – dem amerikanischen Wähler eindeutig wichtiger sind als Steuererleich- terungen. Doch Bush versicherte stets, es sei genug Geld da für alles. Das war gelogen, wie er sehr wohl wusste. Da das Geld tatsächlich fehlt, spart er dort, wo es die Schwachen trifft. Die Steuerentlastungen sind sakrosankt, der Rest sowieso egal. Noch bleibt Zeit, umzukehren und weiteren Schaden vom Land abzuwenden. Bush könnte die künftigen Steuerentlastungen für Spit-

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zenverdiener zurücknehmen. Aber er tut das Gegenteil und versucht, den Steuerabbau weiter zu beschleunigen. Dies ist das Gegenstück zu dem Geschehen bei Enron: Wenige Tage bevor der Konzern Konkurs anmeldete, genehmigten sich die Topmanager großzügige Prämien. Lotto und andere Wettspiele sind ein Nullsummenspiel – viele zah- len, wenige gewinnen. Die Haushaltspolitik der Neokonservativen scheint nach dem gleichen Prinzip zu funktionieren. Bush landet den Volltreffer und räumt für sich und die Seinen den Jackpot ab. Wer die Zeche zahlt, wissen wir auch – die übergroße Mehrzahl der Amerika- ner.

Aggressive Buchführung

5. Februar 2002 Kent Conrad, der als Demokrat für North Dakota im Senat sitzt, hat nicht immer Recht. So lag er jüngst knapp daneben, als er den neuen Haushalt der Bush-Regierung wegen Enron- ähnlicher Methoden kritisierte. Im letzten Jahr wäre der Vergleich absolut angebracht gewesen. In diesem liegt der Fall ein wenig anders. Trotzdem geht es natürlich wieder um Tricksereien übelster Sorte. Enrons Pseudorentabilität beruhte gleichsam auf dem Prinzip des »mark to market«, der Bewertung auf Tagesbasis. Konkret gesprochen:

Der Konzern schloss Verträge, die – wenn überhaupt – erst nach mehre- ren Jahren Gewinne abwerfen würden, verbuchte diese hypothetischen Erträge aber als aktuellen Gewinn. So gelang es, den Aktienkurs nach oben zu treiben, den Führungskräften großzügige Erfolgsprämien zufließen zu lassen und dergleichen mehr. Ähnlich verfuhr die Bush-Administration beim letztjährigen Haus- halt. Zunächst ließ sie für die nächsten zehn Jahre eine Überschussprog- nose erstellen und behandelte dieses viel zu optimistische, allenfalls als hypothetisches Szenario zu wertende Zahlenwerk dann als grundsolide Kalkulationsbasis. Wie bei Enron nutzte man die Fantastereien skru- pellos für den eigenen Vorteil und bediente sich mit einer satten Prämie durch Steuerentlastungen aus dem Staatstopf. Sogar die öffentlichen

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Buchprüfer, auch als Kongress bekannt, spielten die ihnen zugedachte Rolle ganz wie in dem Drama um Enron. Ein Jahr später könnte nun jedermann den eklatanten Schwindel sehen, auf dem der letztjährige Haushalt beruhte. In einer rationalen Welt hätte dies zweifellos Konsequenzen für die Regierung, denn sie würde für ihre Täuschungsmanöver zur Verantwortung gezogen. Nicht so in Amerika. Hier erlaubt man der Regierung stattdessen die nächste Taschenspielerei – das politische Äquivalent eines in der Wirtschaft immer beliebteren Buchführungstricks namens »einmalige Belastung«. Laut Investopedia.com werden derlei Abschreibungen beziehungs- weise Wertberichtigungen von den Unternehmen gern benutzt, um »unvorteilhafte Aufwendungen oder fehlgeschlagene Investitionen zu begraben«. Anders formuliert: Statt Fehler einzuräumen, schiebt das Management schlechte Ergebnisse dem Einfluss außerordentlicher, unvorhersehbarer Ereignisse zu, frei nach dem Motto: »Wir sind ei- gentlich hoch profitabel, hatten aber im Zusammenhang mit der Über- nahme des Unternehmens X leider Sonderaufwendungen in Höhe von soundso viel Millionen oder Milliarden.« Außerordentliche Ereignisse kommen natürlich vor; der Trick besteht eben darin, sie so zum eigenen Vorteil zu nutzen, dass man die Verantwortung los ist. (Bei gewissen Unternehmen – Cisco zum Beispiel – sind derlei »einmalige Belastun- gen« fast schon zur Regel geworden.) Zurück zur Politik. Die Ereignisse vom 11. September 2001 waren ein Schock. Sie boten Bush aber auch die goldene Möglichkeit, seine früheren Missetaten »abzuschreiben«. Oder haben sich über 4 Billio- nen Dollar an geschätzten Überschüssen etwa plötzlich in Luft aufge- löst? Nur kein Wort von der Steuersenkung! Der Kampf gegen den Ter- rorismus ist an allem schuld!, posaunen die Rechten. Im Klartext: Die Regierung will Kritik an einem fiskalischen Debakel sondergleichen verhindern, indem sie den Scherbenhaufen mit der ame- rikanischen Fahne zudeckt. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn der kürzlich veröffentlichte Haushaltsbericht steckt wirklich zwischen zwei rot-weiß-blauen Buchdeckeln als Symbol des Sternenbanners. Mein Sarkasmus mag Sie wundern. Ist die Terrorismusbekämpfung denn nicht eine große Sache?

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Natürlich ist sie das, emotional und moralisch. Fiskalisch hat sie die Größenordnung eines Rundungsfehlers. Natürlich ist nicht zu verkennen, dass die Regierung die terroristi- sche Bedrohung nutzt, um im großen Stil aufzurüsten. Was allerdings einige kritische Fragen aufwirft. Erstens: Falls wir wirklich den Gürtel enger schnallen müssen, um das Geld für all die Kanonen aufzubrin- gen – wäre es dann nicht vernünftig, die künftigen, aus einer Zeit des Überflusses stammenden Steuereinschnitte zu überprüfen und notfalls zu korrigieren? Doch Bush lehnt das nicht nur rigoros ab, sondern geht in gewohnter Manier noch einen Schritt weiter und schlägt glatt eine zusätzliche Steuersenkung im Volumen von 600 Milliarden Dollar vor. Wer, bitte, sollte da das Kriegsgeschrei der Rechten noch ernst nehmen? Was mich zum zweiten Punkt bringt. Ich frage mich, was die ganze Aufrüstung eigentlich mit der Terrorismusbekämpfung und speziell der realen Bedrohung durch Al Kaida zu tun hat. Wird Bin Laden dem- nächst etwa mit mehreren schwer bewaffneten Divisionen aufmar- schieren? Uns militärischen Laien geht ganz und gar nicht in den Kopf, warum ein Angriff von ein paar Verrückten, die offenbar mit nichts anderem als simplen Mehrzweckmessern bewaffnet waren, ein 15-Mil- liarden-Dollar-Paket für 70 Tonnen schwere Artilleriegeschütze recht- fertigen soll. Und warum brauchen wir drei verschiedene Varianten von hochmodernen Kampfjets? (Vor dem 11. September ließen selbst Regie- rungsvertreter durchblicken, dass sie dies für überzogen halten.) Kein Politiker, der wiedergewählt werden will, wird freilich zu sagen wagen, welcher Eindruck sich hier aufdrängt: Die Bush-Regierung verfährt neuerdings offenbar nach dem Motto: »Nur ja keinen Rüstungskon- zern unversorgt lassen!« Ich könnte noch viele Beispiele vorbringen, doch Sie haben bestimmt gemerkt, worauf ich hinauswill. Die Regierung sieht in der Terroris- musbekämpfung offenbar eine Mission, der sie sich mit Verve (und mag sein aus Überzeugung) verschrieben hat. Doch in Bezug auf den Haus- halt handelt es sich hier um keine Mission, sondern um ein Alibi.

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Den Roten, Blauen, Wahren

7. Mai 2002 Wie schwer musste das terrorismusgeschädigte New York noch darum kämpfen, die versprochenen 20 Milliarden an Bei- hilfe aus Washington zu bekommen? Stellen wir dem eine andere Zahl gegenüber: Kürzlich genehmigte der Kongress 180 Milliarden Dollar an Agrarbeihilfen für die nächsten zehn Jahre. Das Pikante daran ist, dass Amerikas landwirtschaftliche Bevölkerung in toto gerade einmal halb so groß ist wie die Bevölkerung von New York City. Wie bekannt, bin ich ein harter Kritiker der Bush-Regierung. In die- sem Fall sind leider die Demokraten im Senat die primären Übeltäter. Die Regierung widersetzte sich der Anhebung der Agrarhilfen wenigs- tens anfänglich. Freilich nicht lange, die Republikaner haben ihre an- geblichen Prinzipien in bekannt opportunistischer Weise schnell über Bord geworfen (wie schon beim Stahlprotektionismus). Doch Politik beiseite – vielleicht hat die widersinnige Agrarinitiative letztlich doch ein Gutes und hilft, einen schädlichen nationalen Mythos ein für alle Mal abzuschütteln. Ich meine die antiquierte Vorstellung vom »eigent- lichen« Amerika, dem amerikanischen »Herzland«, das aus den mittle- ren, überwiegend ländlichen Bundesstaaten besteht und dem Rest Ame- rikas moralisch überlegen sein soll. Die Geschichte ist sattsam bekannt: Die Bewohner des Herzlandes seien vom richtigen Schrot und Korn, echte Kerle, stark und unabhän- gig, familienorientiert; die Küsten hingegen seien von verweichlichten Yuppys bevölkert, allesamt Jammerlappen sondergleichen. George W. Bush hat erklärt, dass es ihn vor allem deshalb immer wieder auf seine Schaubühne (Pardon: Ranch) in Crawford ziehe, weil er »den Kontakt zu den echten Amerikanern« nicht verlieren wolle. (Angesichts solch kerniger Sprüche ist dem Einwohner von New Jersey doch wohl die Frage erlaubt: Und was sind wir eigentlich? Die Spreu vom Weizen?) Freilich ist all dies nur dumme, klischeehafte Rhetorik. Weder das Lob des Herzlands noch die Verunglimpfung der Küstenregionen haben mit der Realität viel zu tun. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und ein paar statistische Ver- gleiche angestellt. Dabei ging ich von einer beliebten Definition des

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Herzlandes aus – den so genannten »roten Staaten«, die bei der Präsi- dentenwahl des Jahres 2000 (in der die beiden Küsten gegen den mittle- ren Landesteil standen) für Bush stimmten. Was kommt nun beim Vergleich mit den »blauen Staaten«, die für Al Gore votierten, heraus? In puncto Familienwerte zum Beispiel hat das Herzland überhaupt keine Überlegenheit zu beanspruchen. Indikatoren für persönliche Ver- antwortung und Familienbindung zum Beispiel sprechen mehr oder weniger klar gegen die »roten« Bundesstaaten: Uneheliche Kinder von minderjährigen oder ledigen Müttern etwa findet man in den roten Staaten häufiger als in den blauen (Zahlen für 1999: 33,7 Prozent gegenüber 32,5 Prozent). Die Scheidungsraten sind zwar landesweit uneinheitlich, in Montana (Mittlerer Westen) liegen sie pro Kopf jedoch um 60 Prozent höher als in New Jersey (Ostküste). Insbesondere mit dem sechsten Gebot haben die roten Staaten so ihre Probleme. Bei den Tötungsdelikten liegt ihre Quote je 100000 Einwoh- ner bei 7,4, diejenige der blauen Staaten bei insgesamt 6,1. New Jersey etwa liegt mit lediglich 4,1 sogar deutlich niedriger. Was den objektiven Betrachter aber wirklich erzürnt, ist die Behaup- tung, das Herzland sei wirtschaftlich stark und unabhängig. Allein schon das groteske neuerliche Agrargesetz beweist genau das Gegenteil, denn es setzt auf die immensen Subventionen, die bereits in die Herz- land-Region fließen, noch eins drauf. Insgesamt zahlen die roten Staa- ten beträchtlich weniger an Steuern, als ihnen vom Bund an Beihilfen zufließt. Bei den blauen Staaten ist es genau umgekehrt – sie sind die Geberländer. Per Saldo wird das »rote« vom »blauen« Amerika jähr- lich mit rund 90 Milliarden Dollar subventioniert. Noch eindeutiger wird das Bild, wenn man die internen Verhältnisse in den roten Staaten betrachtet. Es sind die Großstadtregionen, aus denen die Steuern kommen, während die Subventionen in die ländli- chen Regionen wandern. Bereinigt man die Zahlen der roten Staaten um die Großstädte, so ergibt sich typischerweise ein Bild wie in Mon- tana: Für jeden Steuerdollar, den dieser Bundesstaat 1999 an Washing- ton überwies, bekam er 1,75 Dollar aus dem Bundeshaushalt an Beihil- fen zurück. Für meinen Heimatstaat New Jersey hingegen ergibt sich

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fast das umgekehrte Verhältnis. Nimmt man noch die versteckten Sub- ventionen hinzu (wie Bewässerungswasser, das unter dem Selbstkosten- preis zur Verfügung gestellt wird oder die praktisch unentgeltliche Überlassung von bundesstaatlichem Weideland), ergibt sich ein ganz eindeutiges Bild: Wirtschaftlich gesehen hängt Amerikas gefeierte Herzregion am Tropf. Wir haben, zugespitzt formuliert, unseren eige- nen Mezzogiorno – eine Region, die weitgehend von den »Care-Pake- ten« aus den wirtschaftlich stärkeren Landesteilen lebt. Warum das »Herzland« diese Sonderbehandlung genießt, ist freilich kein Geheimnis: Schuld ist unser Wahlsystem, das bevölkerungsarmen Bundesstaaten – und das sind überwiegend eben »rote« Staaten – eine unverhältnismäßig starke Repräsentation im Senat garantiert. In der zweiten Kammer des Kongresses, dem Repräsentantenhaus, ist das Missverhältnis nicht ganz so krass; im Senat jedoch vertritt die Hälfte der Senatoren gerade einmal 16 Prozent der US-Bevölkerung. Diese politischen Machtverhältnisse sind nun einmal, wie sie sind, und haben ihre historischen Entwicklungen hinter sich. Doch sollte uns das nicht daran hindern, zumindest der Heuchelei ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Das »Herzland« hat keinerlei gerechtfertigten Anspruch mehr, als das »eigentliche« Amerika zu gelten. In einer Zeit, da die Regierung in Washington wieder mit tiefroten Zahlen wirtschaf- tet und wichtige Sozialprogramme überall im Land gnadenlos zusam- mengestrichen werden, dürfen die »blauen« Staaten wohl die Frage aufwerfen, mit welchem Recht eigentlich eine kleine Minderheit ohne- hin massiv subventionierter Amerikaner Anspruch auf noch mehr Unterstützung erhebt.

Ist der Maestro nur die Magd?

7. Februar 2003 Vermutlich ist es reines Wunschdenken. Doch es gibt Leute, die darauf hoffen, dass der alte Alan Greenspan – der Mann, der einst Hochachtung genoss – nächste Woche wie Phönix aus der Asche steigt.

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Während Clintons Amtszeit wurde er zu einer Ikone haushaltspoliti- scher Vernunft. Stets redete er den Politikern ins Gewissen und drängte auf saubere Staatsfinanzen, auf den Abbau von Defiziten und Staatsver- schuldung. Dann aber kam Bush junior ins Amt, und Greenspan wurde ein anderer. Oder ließ er nur die Maske fallen? Zunächst machte sich der Fed-Chairman für Bushs Steuerkürzungen stark. Die Steuern müssen runter, so drängte er den Kongress, damit der Haushaltsüberschuss nicht allzu groß und die Staatsverschuldung nicht allzu schnell abgebaut wird. Sie hören richtig – von derlei Gefahren sprach der Mann! Als dann der Haushalt, wie zu erwarten, ins Defizit rutschte, kam der Meister nicht etwa ins Nachdenken, sondern trat gar dafür ein, die Steuersenkungen dauerhaft festzuschreiben. Aus dem Zuchtmeister war endgültig der zahme August geworden. Inzwischen hat das Finanzloch katastrophale Ausmaße angenommen. In ihrem ersten Budget nach Amtsantritt rechnete die Bush-Regierung für das Jahr 2004 noch mit von 262 Milliarden Dollar Überschuss. Im zwei- ten Haushalt (Anfang 2002 vorgelegt) musste man fürs selbe Jahr bereits ein Defizit von 14 Milliarden veranschlagen. Inzwischen sind daraus 307 Milliarden geworden. Per Saldo ergibt sich hieraus für die Bush-Ägide bis 2004 eine Abwirtschaftung in der Größenordnung von einer halben Bil- lion (genau: 570 Milliarden) Dollar – nur gerechnet bis nächstes Jahr, wohlgemerkt! In den folgenden Jahren wird es aber nicht besser, sondern konstant schlechter. 570 Milliarden hier, 570 Milliarden dort – das sum- miert sich. Ein absehbarer, ja, forcierter Staatsbankrott! »Nicht mein Fehler«, sagt Bush. »Eine Rezession und ein Krieg, zwei Ereignisse, für die wir nichts können, haben uns leider tiefrote Zahlen beschert.« Meint er das wirklich im Ernst? Rezession und Krieg kosten also wirklich 570 Milliarden Dollar pro Jahr, und das über Jahre hin- weg? Außerdem wusste der Herr im Weißen Haus bereits vor Jahres- frist genau, was es mit Rezession und Terror auf sich hat (Osama bin Laden geisterte ja lange genug durch die Presse). Doch was versprach uns Bush damals? Eine Rückkehr in die schwarzen Zahlen im Jahr 2005! Situation heute: Defizite, so weit das Auge reicht. Die Kosten eines Irak-Kriegs sind da noch gar nicht eingerechnet.

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Der große Ausverkauf

Doch jenseits aller Zahlen darf man von einer Regierung ja wohl erwarten, dass sie Lösungen und keine Alibis präsentiert. Bush aber ver- weigert sich nicht nur jeder Problemlösung, sondern betreibt eine syste- matische Problemverschlimmerung. Entgegen allem ökonomischen Sachverstand (und bewährter Praxis) will er seinen Steuerkahlschlag trotz der »kriegsbedingten Defizite«, wie er es abwiegelnd nennt, fröh- lich fortsetzen. Manchen Wirtschaftsjournalisten fällt zwar seit geraumer Zeit auf, dass mit dem Mann offenbar etwas nicht stimmt. »Der hat nicht alle Tassen im Schrank«, stellte etwa CBS Market Watch ziemlich unver- blümt fest. Doch die wahre Dimension von Bushs Fiskalpolitik im Stil einer Bananenrepublik ist bisher den wenigsten klar. Man vergegenwär- tige sich nur, dass die Steuersenkung im Volumen von 674 Milliarden Dollar, die derzeit die Schlagzeilen beherrscht, längst nicht alles ist, ja nicht einmal die Hälfte! Nach eigenen, mit Sicherheit eher tief gestapel- ten Aussagen strebt die Regierung über die nächsten zehn Jahre Steuer- kürzungen im Volumen von 1,5 Billionen Dollar an – mehr also, als 2001 (nach Amtsantritt) durchgedrückt wurde. Gut eine weitere hal- be Billion Dollar aber wird benötigt, um die Steuerausfälle infolge der offenbar geplanten Entschärfung der alternativen Mindeststeuer (AMT) zu kompensieren. Wo dieses Geld herkommen soll, hat uns bis- lang noch niemand verraten. Clever ist diese Regierung nur im Verschleiern. Mit allerlei Tricks hat sie es geschafft, den größten Teil der Kosten ihrer Steuersenkungen in die ferne Zukunft (ab 2008) zu verschieben. Da passt es exakt ins Bild, dass das Office of Management and Budget plötzlich keine Schätzun- gen für zehn Jahre mehr abgibt, sondern offiziell nur noch auf fünf Jahre rechnet. Das ändert nichts daran, dass der Haushalt trotzdem auf langfristigen Schätzungen beruht. Und obwohl diese Kalkulations- grundlage überzogen optimistisch ist (also unrealistische Einnahmen beinhaltet), ist heute schon klar, dass das Finanzdesaster spätestens dann eintreten wird, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Gleichwohl wagte es Bush, sich in seiner Rede zur Lage der Nation staatsmännisch aufzubauen und zu behaupten: »Wir werden unsere Probleme nicht auf spätere Kongresse, spätere Präsidenten, spä-

Gerettet!

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tere Generationen abwälzen.« Das will gelernt sein, so zu lügen, ohne mit der Wimper zu zucken! Doch zurück zu Alan Greenspan. Demnächst (kommende Woche) wird er vor dem Bankenausschuss des Senats aussagen. Fragt sich nur:

Wird er endlich Tacheles reden? Der Fed-Chef muss wissen, dass ihn inzwischen viele (auch wenn sie es in der Öffentlichkeit nicht laut sagen) als parteiischen, gekauften Handlanger betrachten. Selbst viele Republikaner denken so. Green- span, sagen sie sich mit wissendem Lächeln, wird alles absegnen, was von Bush kommt. Sein Auftritt vor dem Senat ist somit seine letzte Chance, dieses Bild zu korrigieren. Ausreden hat er ohnehin keine mehr. Als ehemaliger Zuchtmeis- ter kann er Bushs nonchalanter Methode des »Heute borgen, zahlen morgen!« keinesfalls zustimmen. Auch das angebotstheoretische Argu- ment, Steuersenkungen führten faktisch zu höheren Staatseinnahmen, steht ihm nicht mehr zu Gebote, denn vor genau zwei Jahren empfahl er Steuerkürzungen aus dem gegenteiligen Grund – um den Überschuss abzubauen. Doch wer weiß, vielleicht findet Mr. Greenspan trotz allem Wege, um Bushs Verantwortungslosigkeiten die Unbedenklichkeit zu beschei- nigen. Vielleicht nimmt er – der Meister des Zweideutigen, Unverbind- lichen – auch wieder einmal zu delphischem Geraune Zuflucht und stiehlt sich davon. Das hätte seinen Preis: Greenspan ginge in die Ge- schichte ein als einer, der von anderen harte Entscheidungen forderte, selbst aber kein Rückgrat bewies, als es darauf ankam. Es könnte, wie gesagt, Alan Greenspans letzte Chance sein, sein Ansehen zu retten – und die Zahlungsfähigkeit seines Landes.

Kapitel 7

Abra Abakus

Der Fluch der guten Tat

5. November 2000 Alles begann mit einer guten Tat. In den achtzi- ger Jahren legte der Kongress ein vorbildliches finanzpolitisches Verantwortungsbewusstsein an den Tag: Frühzeitig sorgte er für eine Krise vor, die zwar noch 30 Jahre weit weg, doch absolut absehbar war. Ich rede von der Altersfürsorge, der Social Security. Bis Anfang der achtziger Jahre wurden die Renten aus dem laufenden Etat bestritten, mit der Konsequenz, dass fast die gesamten Steuereinnahmen eines Jah- res in Sozialleistungen flossen. Um 1980 herum setzte sich dann die Erkenntnis durch, dass dieses System ab etwa dem Jahr 2010 in gewal- tige Schwierigkeiten geraten und aus dem laufenden Haushalt nicht mehr zu finanzieren sein würde. Schuld sind die so genannten Babyboo- mer, die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, die in etwa zehn Jahren sukzessive in Rente gehen werden. Dies hat zwei komplementäre Kon- sequenzen im Sinne einer sich öffnenden Schere: Die Zahl der (erwerbs- tätigen) Zahler wird zurückgehen und sich auf niedrigem Niveau ein- pendeln; gleichzeitig wird die Zahl der Leistungsbezieher gewaltig ansteigen. Derzeit kommen in den USA statistisch noch 3,4 Arbeitneh- mer auf einen Rentner, 2030 wird dieses Verhältnis nur noch 2:1 be- tragen. Ein direktes Umlageverfahren käme damit schnell in die Bre- douille. Entweder wären drastische Steuererhöhungen oder drastische Leistungskürzungen erforderlich – oder beides. In den achtziger Jahren zog der Kongress den richtigen Schluss aus

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dieser Situation. Er erhöhte die Sozialversicherungssteuer um mäßige zwei Prozentpunkte, um durch diese zusätzlichen Beiträge Kapital auf- zubauen und schweren Zukunftsproblemen vorzubeugen. Bis zum Ein- tritt der demografischen Krise, so die Überlegung, besäße man ein hin- reichendes Polster, um das System wenigstens für eine gewisse Zeit intakt zu halten. Dies mag vielleicht keine Dauerlösung darstellen, hat uns aber zumindest einen komfortablen Spielraum verschafft. Das Sys- tem kann in der bestehenden Form noch mindestens bis zum Jahr 2037 in Kraft bleiben. Mit einigen kleinen Modifikationen ließe es sich sogar leicht bis zum Jahr 2050 oder gar darüber hinaus am Leben erhalten. Natürlich läuft jede langfristige politische Maßnahme Gefahr, von nachrückenden Politikern ausgehebelt zu werden. Zu groß ist die Ver- suchung, die Vorratskammer bei Gelegenheit zu plündern. Womit wir beim aktuellen politischen Streit wären. George W. Bush möchte genau jenen zwei Prozentpunkten an den Kragen. Zwar will er die aufgelaufenen Gelder diesmal nicht auszahlen, sondern umwandeln, das heißt auf Privatkonten transferieren. Die Begünstigten wären in erster Linie junge Arbeitnehmer. Folglich bliebe dieses Kapital jenen, für deren Altersabsicherung es ursprünglich gedacht war, vorenthalten – die derzeitigen Erwerbstätigen mittleren Alters stünden im Regen. Aber so einfach geht es ja wohl nicht. Falls jene Mittel, die als Absi- cherung für die Babyboomer gedacht waren, für andere Zwecke herhal- ten sollen, müssen eben Ersatzlösungen her. Doch wie sollen die ausse- hen? Leistungskürzungen? Mittelzuführung aus anderen Töpfen? Was sonst käme infrage? Niemand weiß es, denn Bush hat seinen Vorschlag streng genommen nie zu Ende formuliert. Zwar verkündet er nach wie vor, er werde die Altersvorsorge finanziell auf eine solide Basis stellen. Praktisch enthält sein Vorschlag aber nichts und wieder nichts, was die Rentenfinanzen stärken würde. Er versucht es nicht einmal. Das Thema ist insofern nicht einmal strittig – es gibt keine Maßnahmen, über die man sich strei- ten könnte. Ich wundere mich schon geraume Zeit darüber, warum die Presse eine so blamable Rolle spielt und das »Unthema« nicht zum Thema

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Der große Ausverkauf

macht. Liegt es daran, dass die Berichterstatter und Kommentatoren einfach nicht zu sagen wagen, dass der Kaiser nackt ist, sprich: dass ein Kernprogramm jenes Mannes, der durchaus unser nächster Präsident werden könnte, keinerlei Maßnahmen enthält, mit denen sich seine vollmundigen Versprechungen auch nur ansatzweise einlösen lassen? Selbst in der jetzigen heißen Wahlkampfphase lassen die Medien Bushs Programmdefizit auf sich beruhen und machen sogar Alibispiel- chen mit, indem kolportiert wird, momentan sei die Altersvorsorge ja gesichert – das Geld reiche für die nächsten 20 Jahre, um die Leistungen auf dem heutigen Niveau zu halten. Damit wechselt man jedoch die Argumentationsbasis! Denn Grundlage aller Bestrebungen zur Reform der Alterssicherung war die Erkenntnis, dass das gegenwärtige System langfristig nicht trägt. Sollen wir nun plötzlich eine »Reform« schlu- cken, die sogar noch die »Restfunktionalität« des Systems um 14 Jahre verkürzt? Angenommen, Bush würde sich durchsetzen: Was würde geschehen? Würde der Staat als Sozialversicherungsträger tatsächlich noch 20 Jahre lang volle Leistungen erbringen, um dann eines Tages abrupt zu verkünden: »Tut uns leid, liebe Leute, das Geld ist alle, die Kasse leer! Ab sofort gibt es nur noch 40 Prozent der bisherigen Leistungen!«? Natürlich nicht. Tatsache ist, dass der Druck, Leistungen zu kürzen, sofort einsetzen würde, sobald Bush damit begänne, die Steuereinnah- men auf private Sparkonten fließen zu lassen. Viele heutige Rentenbe- zieher würden schmerzlich spüren, was das heißt. Glauben Sie wirklich, dass Bush einen geheimen Plan aus dem Ärmel schütteln wird, falls er tatsächlich ins Weiße Haus einzieht? Ich kann Ihnen heute schon verraten, was dieser Plan beinhalten müsste: Leis- tungskürzungen, wo sollte das Geld sonst herkommen? (Der Haus- haltsüberschuss wäre längst von Bushs Steuersenkungen aufgefressen.) Vielleicht zieht der Mann aber auch eine andere, wie immer gezinkte Karte aus dem Ärmel, indem er etwa eine parteiübergreifende Kommis- sion einsetzt und sie einen Reformplan entwickeln lässt, den er anschlie- ßend in der Luft zerreißt mit dem Vorwurf, die Opposition kriege den Kuchen wieder einmal nicht gebacken (obwohl die Republikaner selbst, um im Bild zu bleiben, den Teig geklaut haben).

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Das klingt sarkastisch und soll es auch sein. Es ist doch der blanke Hohn! Verantwortungsbewusste Volksvertreter haben vor 20 Jahren zukunftsorientiert gehandelt. Und heute kommt ein gefundenes Fressen für ebenso dreiste wie rücksichtslose politische Taschenspieler dabei heraus. Es gibt offenbar nicht nur den Fluch der bösen Tat, sondern auch die Dialektik der guten. Man kann auch sagen: Gelegenheit macht Diebe.

Zwei-Klassen-Medizin

19. März 2002 Die Titelgeschichte in der letzten Sonntagsausgabe der Times dürfte viele Amerikaner geschockt haben: Ärzte weisen Pa- tienten ab, enthalten ihnen notwendige Leistungen vor. So weit ist es mit unserem Gesundheitssystem also inzwischen gekommen. Die neu- esten Kürzungen im Medicare-Programm (der Krankenversicherung für Rentner) verleiten offenbar viele Ärzte dazu, ältere Kassenpatienten erst gar nicht zu behandeln. Machen wir uns nichts vor – dies ist nur der Anfang eines harten Kampfes, der unsere politische Landschaft schon bald prägen wird. Man kann es zum besseren Verständnis auch mit einem physikali- schen Bild ausdrücken – dem Widerstreit zweier Kräfte. Auf der einen Seite haben wir den Druck steigender Gesundheitskosten; dagegen steht eine Trägheitskraft in Gestalt der Entschlossenheit der konservati- ven Bewegung, den Staat bis aufs Gerippe abzuspecken und auszusau- gen. Noch freilich setzen die Bush-Regierung und ihre Helfershelfer auf ein Spiel mit gezinkten Karten. Die Rechten drücken sich vor dem Ein- geständnis, dass es zwischen ihren Versprechungen an die Rentner und der Ideologie vom schlanken Staat auch nur die Spur eines Konflikts geben könnte. Doch die Zeit der Augenwischerei geht unweigerlich zu Ende. Die Probleme werden evident, da helfen auch keine geschönten Zahlen mehr. Wer den Medicare-Topf so sehr wie die gegenwärtige Regierung deckelt, darf sich nicht wundern, dass in der Praxis hinten und vorn das Geld fehlt. Doch wie gesagt, das ist erst der Anfang.

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Der große Ausverkauf

Warum steigen die Gesundheitskosten trotz aller Eindämmungsver- suche eigentlich ständig? Liegt es an der Geldgier der Ärzte? Oder krie- gen die Krankenhäuser den Hals nicht voll? Weder das eine noch das andere reicht zur Erklärung aus. Der Hauptgrund liegt im medizini- schen Fortschritt. Immer mehr Erkrankungen, gegen die früher kein Kraut gewachsen war, sind nun behandelbar. Die Menschen werden immer älter, bei immer besserer Gesundheit, also bei mehr Lebensquali- tät. Und das kostet Geld – immer mehr Geld. Ein Mehrfachbypass ist etwas anderes, als wenn der Arzt dem Patienten beim Hausbesuch freundlich die Hand drückt. Er leistet mehr – doch das kostet auch mehr. In den neunziger Jahren schien es so, als ließe sich der Aufwärtstrend bei den Kosten stoppen. Inzwischen aber ist klar, dass dies nur ein punk- tueller, kurzfristiger Effekt war, bedingt durch die Einführung kosten- dämmender Health Maintenance Organizations, kurz HMOs. Inzwi- schen steigt die Kostenkurve im Gesundheitswesen wieder an. Wäre die Gesundheitsfürsorge Privatsache, wäre der medizinische Fortschritt kein Problem – so wenig wie die Unterhaltungselektronik oder andere Konsumgüter (die sich die einen leisten können, die ande- ren halt nicht). Doch wie in allen fortgeschrittenen Ländern gilt auch in den USA die Gesundheitsfürsorge als Bürgerrecht, nicht als Privileg. Womit wir beim Problem wären, nicht nur finanziell. Denn unsere Kombination von Medicare und Medicaid, dem Pendant zur medizini- schen Versorgung der Armen, löst dieses Recht in der Breite nur unge- nügend und mit einer gewissen Willkür ein. Das Prinzip, auf dem das System basiert, ist dennoch unbestritten: Niemandem soll eine lebens- rettende Behandlung versagt werden, nur weil ihm das nötige Kleingeld fehlt. Insofern spricht eines klar gegen eine vollständige Privatisierung der Gesundheitsfürsorge: Selbst im individualistischen Amerika hat die Ungleichheit ihre Grenzen. Wenn sich die Reichen größere Häuser und exklusivere Reisen als die Durchschnittsfamilie leisten können, wird das allgemein akzeptiert. Doch mit einer Gesellschaft, in der sich Reiche Gesundheit und Lebenszeit kaufen können, während der Normalbür- ger vor die Hunde geht, wollen selbst wir uns nicht anfreunden.

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Deshalb haben wir Hilfsprogramme wie Medicare und Medicaid. Und die Bevölkerung ist in ihrer übergroßen Mehrheit eindeutig dafür, Medicare auch auf die Versorgung mit Medikamenten auszudehnen. Die meisten Menschen in diesem Land wollen nicht, dass lebenswich- tige Medikamente nur jenen zugänglich sind, die sie sich aus eigener Tasche leisten können. Die Einbeziehung der Arzneimittel in die Medi- care-Versorgung ist insofern nicht einfach nur eine fakultative Pro- grammerweiterung, sondern stellt sicher, dass das Grundprinzip des gesamten Programms gewahrt bleibt. So weit, so gut. Die Erwartungen der Bevölkerung in Bezug auf eine adäquate staatliche Gesundheitsfürsorge – sprich: Sicherstellung, dass jeder Amerikaner, insbesondere jeder amerikanische Rentner, eine aus- reichende Grundversorgung erhält – lassen sich indes nur erfüllen, wenn der Staat genügend finanzielle Mittel bereitstellt. Die konserva- tive Bewegung im Allgemeinen (und die Bush-Regierung im Besonde- ren) ist dazu jedoch nicht bereit. Schließlich müssen Staatsausgaben finanziert werden – über Steuern! Gleichwohl sprechen die Konservativen ihre Absicht nicht offen aus – tatsächlich wollen sie den Finanzschwachen die medizinische Grundversorgung vorenthalten. Wie windet sich Bush aus dieser schwie- rigen Situation heraus? Er verlegt sich aufs Tricksen. Die Gesundheitsexperten staunten über den jüngsten Haushaltsentwurf der Regierung nicht schlecht. Darin war bei den Medicare-Ausgaben eine viel niedrigere Kostensteigerungs- rate veranschlagt als von den Fachleuten. Gemessen an dem, was das überparteiliche Budget Office des Kongresses für nötig hält, weist das Budget für die nächsten zehn Jahre einen Fehlbetrag von rund 300 Mil- liarden Dollar auf. Weniger als die Hälfte des von Kennern errechneten Betrags soll ausreichen, findet der Bush-Entwurf! Doch die Zeit der Augenwischerei neigt sich wie gesagt definitiv ihrem Ende zu. Die Zwänge werden inzwischen schmerzlich spürbar. Entweder muss Geld nachgeschoben werden, oder unseren Rentnern bleiben de facto medizinische Leistungen vorenthalten, die ihnen zuste- hen. Wie der eingangs erwähnte Times-Bericht deutlich zeigt, ist das Ende der Fahnenstange erreicht, der Medicare-Topf leer. Wir sind

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Der große Ausverkauf

schon so weit, dass Hilfe suchende Patienten rüde abgewiesen werden. Irgendetwas muss geschehen, und zwar bald!

Unehrlich währt am längsten

21. Juni 2002 Es sei schwierig, jemandem etwas zu erklären, wenn dessen tägliches Brot davon abhänge, nichts zu verstehen, schrieb der sozialkritische Romancier Upton Sinclair in einem seiner Werke. Der Satz trifft die gegenwärtige Diskussion um die Reform der Social Secu- rity auf den Punkt. Denn die Befürworter einer zumindest partiellen Pri- vatisierung mit persönlichen Sparkonten anstelle des gegenwärtigen Systems wollen offenbar nicht begreifen, was für den einfachsten Re- chenverstand vollkommen evident ist: dass eine solche Reform das Sys- tem nicht stärken, sondern im Gegenteil schwächen würde. Die staatliche Sozialversicherung funktioniert in den USA nach dem Prinzip, dass mit den Sozialversicherungssteuern einer Generation in der Hauptsache die Renten der Vorgängergeneration finanziert wer- den. Wenn nun, wie Bush plant, die Beiträge der jüngeren Arbeitnehmer auf Privatkonten gelenkt werden, ergibt sich ein Problem: Wer zahlt die Renten der heutigen Pensionäre und derjenigen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen werden? Wer das kleine Einmaleins einigerma- ßen beherrscht, weiß sofort, dass die Privatisierung ein Loch reißen würde, das irgendwie kompensiert werden muss: durch Leistungskür- zungen, durch Transfers aus anderen Quellen – oder durch beides. Im Wahlkampf 2000 ließ man George W. Bush leider die haarsträu- bende Behauptung durchgehen, durch die Umstellung auf Privatkonten seien hohe, risikoarme Renditen möglich und zugleich sei auf diese Weise auch das Sozialsystem zu retten. Warum auch immer, nur wenige Kommentatoren hielten es für nötig, Bush den ganzen Unsinn unter die Nase zu reiben. Erst als konkrete Pläne auf den Tisch kamen, ließ sich die unsaubere Arithmetik nicht länger ignorieren. Wie zu erwarten, enthalten die Pläne von Bushs Rentenkommis- sion – euphemistisch Kommission zur Stärkung der Sozialversicherung

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genannt – sowohl massive Leistungskürzungen als auch diverse »magi- sche Sternchen«, die stellvertretend auf den Zufluss von Billionen von Dollar aus derzeit noch ungenannten Quellen verweisen. Dass das ganze Zahlenwerk so verwirrend wie möglich präsentiert ist, dürfte Absicht sein. Das Ausmaß des Schadens durch das geplante Programm ist trotzdem absehbar. Peter Diamond und Peter Orszag beispielsweise dokumentieren es in ihrem neuen Bericht des Center on Budget and Policy Priorities. (Peter Diamond, den ich von meiner Lehrtätigkeit am MIT her persönlich kenne, ist einer der renommiertesten Ökonomen und vielleicht der führende Rentenexperte überhaupt, Peter Orszag arbeitet bei der Brookings Institution.) Der Bericht ist wirklich lesenswert. Selbst mir hat er neue Erkenntnisse beschert. Die geheimnisvollen Mittelzuflüsse etwa, von deren Verfügbar- keit die Kommission einfach ausgeht, könnten fast an sich schon das Sys- tem in seiner heutigen Form dauerhaft und ohne Leistungseinschnitte

erhalten. Gleichwohl sehen die Pläne der Kommission starke Einschnitte bei der Berufsunfähigkeitsrente vor, einem wichtigen Teil des Sozialver- sicherungssystems, den die Privatisierer allzu gern übersehen. Ungereimtheiten zuhauf also. Am interessantesten aber ist wohl die Reaktion der Regierung auf den Bericht. Charles Blahous, ehedem Leiter der Rentenkommission und heute im Weißen Haus tätig, reagierte sofort mit einem aufgeregten Papier, das man nur als Schnellschuss bezeichnen kann. Es ist erstaunlich, ja rekordverdächtig, wie viele Fehlschlüsse und Irrtümer der Mann auf wenigen Seiten unterbringt. Beispielsweise wirft er den beiden Autoren in seinem Ärger völlig zu Unrecht vor, sie hätten bestimmte Punkte übersehen. Peter Orszag konterte trocken: »In seiner überaus eiligen Stellungnahme zu unserem Bericht hat der Kommissionsleiter das letzte

Kästchen offenbar völlig übersehen

behandelt, einschließlich der angemahnten Vergleiche (wiewohl die Ergebnisse Herrn Blahous wenig freuen dürften). Zum besseren Ver- ständnis empfehlen wir Herrn Blahous daher, unsere einschlägigen Ausführungen in Ruhe nachzulesen.« Typisch für Blahous’ Taktik ist sein Argument, die Umstellung auf private Sparkonten höhle das Sozialsystem keineswegs aus, da der Fluss

dort ist der monierte Punkt

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Der große Ausverkauf

der Gelder vom gemeinschaftlichen Treuhandfonds auf Privatkonten die verfügbare Gesamtsumme nicht schmälere (sofern man die Privat- konten einrechnet). Sie belieben wieder einmal zu scherzen, Mr. Bla- hous! Selbstverständlich lösen sich die Gelder nicht in Luft auf. Nur ste- hen sie jenen nicht mehr zur Verfügung, für die sie gedacht sind – älteren Mitbürgern, deren eigene Rentenbeiträge aufgebraucht sind, da sie die Leistungen für die Vorgängergenerationen finanziert haben. Je erdrückender die Faktenlage wird, desto stärker setzen die Sozial- versicherungsprivatisierer freilich auf ein absichtliches Verwirrspiel – Desinformation als letzter Strohhalm. Neuerdings bestreiten die Re- publikaner aus taktischen Gründen sogar, dass es sich bei den persönli- chen Konten überhaupt um eine »Privatisierung« handle. Die Bürger sollen wohl nicht merken, dass sie mit diesen Konten wie bei jeder ande- ren privaten Geldanlage den Risiken des Kapitalmarkts ausgesetzt wären. »Wehrt euch gegen die Demagogen der Demokratischen Par- tei«, heißt es in einem internen Papier der Republikaner ebenso verlo- gen wie zynisch (denn wer sind hier wohl die Demagogen?). Wieder ein- mal sieht also alles nach einer Mogelpackung aus, was da mit allen Tricks als seriös verkauft wird – bis zur nächsten Wahl jedenfalls. Doch was immer sie auch predigen mögen – es ist und bleibt eine Mogelpackung. Und all jene »Experten« auf Regierungsseite, die be- haupten, die Privatisierung stärke unser Rentensystem, geben mehr denn je zu erkennen, was sie wirklich sind: Scharlatane.

TEIL

III

Die Zeit der Siebenschläfer

Wie konnte es so weit kommen? Wie kommt es, dass unser politisches System, das Amerika in den neunziger Jahren eine solide wirtschaftliche Basis verschaffte, uns in diesen Sumpf aus Lug und Trug und Verant- wortungslosigkeit führte, in dem wir heute stecken? Ich betrachte mich noch immer nicht in erster Linie als politischen Kolumnisten und hatte nie damit gerechnet, mit dieser Frage konfrontiert zu werden. Wie ich bereits anmerkte, ging ich immer davon aus, meine Kolumne in der New York Times solle sich hauptsächlich mit internationalen Wirtschaftsthe- men, nicht mit amerikanischer Innenpolitik befassen. Doch angesichts des wachsenden Scherbenhaufens halte ich einen Erklärungsversuch, weshalb unsere Politik schlecht ist, für dringend notwendig. Zum Teil lässt sich die Frage mit der starken Polarisierung beantwor- ten, die die politischen Lager immer schärfer trennt. Eine Mitte gibt es nicht mehr. Der Nährboden, auf dem diese Polarisierung gedeiht, ist die sich immer stärker öffnende Einkommensschere. Das Ergebnis dieser Situation ist eine Form des Klassenkampfs, in dem jedoch nicht Arm gegen Reich kämpft, sondern die ökonomische Elite um die fortgesetzte Ausdehnung ihrer Privilegien. Kapitel 8 betrachtet die Polarisierung der US-Politik entlang ökonomischer Fronten, die notwendigerweise mit der Polarisierung des Einkommens verknüpft ist. Des Weiteren wird erklärt, wie sich Standpunkte, die vor noch nicht allzu langer Zeit als moralisch verwerflich galten, mittlerweile ihren Weg in die politische Diskussion gebahnt haben: Erbliche Privilegien sind in Ordnung, Arme zahlen nicht genügend Steuern.

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Der große Ausverkauf

Der Kreuzzug gegen den Wohlfahrtsstaat stützt sich auf ein ideologi- sches Fundament, das den Sinn und Zweck der Regierung in der Stär- kung der nationalen Verteidigung sieht. Unsere heutigen Konservativen streben danach, die Regierung sogar von traditionellen Aufgaben wie Umweltschutz, Sicherheitsbestimmungen und Flugsicherung zu entbin- den. So mancher – wie die Redaktion der Times – glaubte, der Anschlag vom 11. September, der so gar nicht mit einem konventionellen militä- rischen Konflikt vergleichbar war, könnte an dieser Haltung etwas ändern. Weit gefehlt. Kapitel 9 zeigt, dass sich die Bush-Administration und ihre Verbündeten im Kongress davon nicht beeindrucken ließen. So versuchte man zum Beispiel nur wenige Tage nach dem 11. September noch immer zu verhindern, dass die Flugsicherheit zur Staatsangelegen- heit deklariert wird. Und nach einigen Tagen überschwänglicher Mit- leidsbekundungen für die Stadt New York inklusive ausführlicher Fotoreportagen über die New Yorker Feuerwehr wurden die Hilfsver- sprechungen bereits gebrochen. Im Februar 2003 erreichte die staatli- che Privatisierungsphilosophie den Gipfel der Absurdität: Anstatt sich verstärkt um die Sicherheit im Land zu bemühen, legte die Regierung den Bürgern nahe, mit Klebeband und Plastikplanen eigene Schutzmaß- nahmen zu ergreifen. Verständlicherweise rechnete das amerikanische Volk damit, dass die Bush-Administration nach dem 11. September ihre innenpolitische Agenda bis auf weiteres verschieben würde. Immerhin befand man sich laut Regierung im Krieg. Und zu Kriegszeiten, so lehrt uns die Ge- schichte, ist von politischen Vorhaben abzusehen, welche die Nation spalten. Schon Franklin D. Roosevelt hielt es nach Pearl Harbor für notwendig, sich von »Dr. New Deal« in »Dr. Win the War« umzube- nennen, und stellte seine eigenen politischen Pläne im Interesse der na- tionalen Einheit hintenan. Die Bush-Administration dachte nach dem 11. September jedoch gar nicht daran, ganz im Gegenteil: Terrorismus wurde als willkommene Gelegenheit gehandelt, parteipolitisch zu punkten. Nachdem ich in meiner Kolumne die Regierung beschuldigt hatte, aus dem 11. Septem- ber parteipolitischen Nutzen zu ziehen, indem sie sich unter dem Deck- mantel des Patriotismus für die Lockerung der Umweltschutzbestim-

Die Zeit der Siebenschläfer

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mungen stark macht, Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche propagiert und sich im Grunde doch nur für den Ausgang der Zwi- schenwahlen interessiert, erhielt ich eine bisher unerreichte Menge an hasserfüllten Leserbriefen. Kapitel 10 beweist jedoch, dass es tatsächlich nur wenige Stunden dauerte, bis die Anschläge parteipolitisch ausgeschlachtet wurden, was schließlich nicht nur mir, sondern auch immer mehr Beobachtern deut- lich zeigt, dass unser Land von einigen absolut skrupellosen Menschen regiert wird. Zyniker, die als politische Triebkräfte im Hintergrund operieren, findet man in jedem Regierungsteam, denn ohne sie kann selbst der beste Mann keine politische Karriere machen. Unsere Regie- rung hingegen scheint ausschließlich aus Zynikern zu bestehen, die eine nationale Tragödie skrupellos für ihre politischen Zwecke ausschlach- ten, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die wirklichen Pro- bleme in den Griff zu bekommen, und die es für selbstverständlich erachten, dass schon irgendwer das Chaos wieder richten wird, das sie hinterlassen. Wie kam es nun dazu, dass wir von solchen Leuten regiert werden? Kapitel 11 enthüllt einige schmutzige und überhaupt nicht geheime Geheimnisse der neueren amerikanischen Politik: die zunehmende Manipulation der Medien und des politischen Prozesses durch finanzi- ell gut ausgestattete rechtsgerichtete Gruppen. Ja, Virginia, es gibt die große Verschwörung von rechts. Sie macht sich auch gar keine große Mühe, im Geheimen zu operieren. Mit einem Modem und etwas Zeit kann sich jeder ausführlich über das Netzwerk der Institutionen infor- mieren, das systematisch prominente Andersdenkende schikaniert und Journalisten einschüchtert, die sich nicht an die angesagte politische Linie halten wollen. (Natürlich bin auch ich ein Ziel dieser Angriffe.) Hier können Sie lesen, was in den großen Zeitungen kaum Beachtung findet.

Kapitel 8

Polarisierungen

Ein Rechtsruck zerreißt das Land

04. Januar 2002 Mit der Rückkehr des Kongresses nach Washing- ton beginnt die Schlacht von Neuem – jede Partei beschuldigt die andere der Vetternwirtschaft. Warum dieser andauernde Streit? Weil es um Grundsatzfragen geht, und weil die Parteiprogramme weiter auseinander klaffen als jemals zuvor. Ein kürzlich erschienener Artikel in der Zeitschrift Slate führte mich zu Keith Poole und Howard Rosenthal, ihres Zeichens Politikwissen- schaftler, die anhand von Kongressabstimmungen ideologische Posi- tionsbestimmungen von Politikern durchführen. Sie behaupten, man könne recht genau vorhersagen, wie ein Abgeordneter abstimmen wird, indem man seine Position auf zwei Dimensionen – der ideologischen und der inhaltlichen – betrachtet, wobei letztere beispielsweise seine Haltung zum Grenzsteuersatz und zur Höhe der Sozialausgaben für den armen Bevölkerungsteil widerspiegelt. Zudem stellen sie fest, dass die Mitte auseinander gebrochen ist – keine große Überraschung. Ralph Nader mag verächtlich von »Re- publikraten« sprechen, doch da Demokraten und Republikaner seit den achtziger Jahren kontinuierlich auseinander driften, sind die wirt- schaftspolitischen Standpunkte der beiden Parteien heute so weit von- einander entfernt wie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Wessen Position hat sich nun verändert? Tom Daschle scheint nicht weiter links zu stehen als sein Vorgänger Tip O’Neill. Auf der anderen

Polarisierungen

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Seite ist Tom DeLay, bald Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, deutlich weiter rechts einzuordnen als seine Vorgänger. Kurz gesagt, schon eine oberflächliche Betrachtung deutet darauf hin, dass sich die politische Polarisierung in Amerika mit dem Rechtsruck der Republi- kaner und dem gleichzeitigen Verharren der Demokraten erklären lässt. Auch die Zahlen von Poole und Rosenthal, die das Auseinanderdriften der Parteien verdeutlichen, belegen, dass diese Entwicklung den re- publikanischen Trend zu einer konservativeren Wirtschaftspolitik dar- stellt, während die Demokraten sich nicht oder kaum von der Stelle bewegten. Es ist mittlerweile so gut wie unmöglich geworden, ein so genannter gemäßigter Republikaner zu sein, wie auch James Jeffords und Lincoln Chafee feststellen mussten. Woher kommt dieser Rechtsruck in den republikanischen Reihen? Er könnte das Ergebnis eines ernsthaften Denkprozesses sein: Den Republikanern wurde klar, dass niedrige Steuern und weniger Einmi- schung seitens der Regierung für jeden eine gute Sache ist, und die Demokraten verstehen es einfach nicht. Doch Ideen schlagen normaler- weise nur Wurzeln, wenn der Boden durch soziale und ökonomische Entwicklungen fruchtbar gemacht wurde. Dr. Poole zufolge ist die wahrscheinlichste Ursache für die politische Polarisierung die ökono- mische Polarisierung: die immer weiter auseinander klaffende Vertei- lung von Einkommen und Wohlstand. Aus Erfahrung weiß ich, dass die bloße Erwähnung der Einkom- mensverteilung zornige Vorwürfe nach sich zieht, man würde den »Klassenkampf« schüren. Dennoch stellte die (wahrhaft) unparteiische Haushaltsabteilung des amerikanischen Kongresses kürzlich fest: Un- ter Berücksichtigung der Inflationsrate stieg das Jahreseinkommen für Familien der mittleren Einkommensschicht von 1979 bis 1997 von 41400 Dollar auf 45100 Dollar, was einer Steigerungsrate von 9 Pro- zent gleichkommt. Das Jahreseinkommen einer Familie der oberen Ein- kommensschicht dagegen stieg von 420200 Dollar auf 1,016 Millionen Dollar, was einer Steigerung von 140 Prozent entspricht. Anders ausge- drückt war das Familieneinkommen der oberen Schicht im Jahre 1979 zehnmal höher als das der Durchschnittsfamilie, im Jahre 1997 stattli- che 23-mal höher, Tendenz steigend.

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Der große Ausverkauf

Es wäre schon sehr verwunderlich, wenn diese tektonische Verschie- bung der ökonomischen Landschaft sich nicht in der Politik widerspie- gelte. Man könnte eigentlich erwarten, die Einkommenskonzentration an der Spitze ließe energische Forderungen nach gerechterer Verteilung laut werden. Wie bereits erwähnt, zeigt sowohl die oberflächliche Betrachtung als auch das Ergebnis von Poole und Rosenthal, dass die Demokraten keinen Deut nach links, dafür aber die Republikaner umso weiter nach rechts gerückt sind. In der Tat ist die republikanische Rechtsaußenposition so extrem, dass der normale Wähler Schwierig- keiten hat, sie nachzuvollziehen. In einem meiner früheren Artikel habe ich über Fokusgruppen berichtet, welche die exakt beschriebenen Inhalte des Steuersenkungspaketes, das die republikanische Fraktion im Oktober verabschiedete, nicht glauben wollten. Weshalb wird auf wachsende soziale Ungerechtigkeit politisch mit Steuersenkungen für die Reichen reagiert? Gute Frage. Die Antwort ist nicht, dass sich die reiche Elite durch das Kreuz an der richtigen Stelle die Aussicht auf noch größeren Reichtum sichert. Dazu ist ihre Anzahl zu gering. Wer die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten verstehen will, sollte sich Gedanken über Wahlkampffinanzierung, Lobbys und die Macht des Geldes bei der Meinungsbildung im Allge- meinen machen. Die Moral dieser Geschichte ist in jedem Fall die, dass die aktuellen politischen Machtkämpfe in Washington keinesfalls nur unbedeutende Plänkeleien sind. Die Rechte geht in die Offensive, während die Linke – auf der früher als Mitte bezeichneten Position – nur darauf bedacht ist, die Stellung zu halten. Viele Beobachter hängen der tröstlichen, aber trügerischen Vorstellung an, die momentane Vetternwirtschaft sei eine vorübergehende Verfehlung. Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen:

Genau so und nicht anders wird es in absehbarer Zukunft bleiben. Wir sollten uns besser daran gewöhnen.

Polarisierungen

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Familienbande

22. November 2002 Amerika, das wissen wir, ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jeder, der Talent und den Willen hat, etwas aus sich zu machen, kann Erfolg haben, ob er oder sie nun einen einflussreichen Vater hat oder nicht. Die Gebrüder Bush werden es Ihnen bestätigen. Fragen Sie Elizabeth Cheney, deren Job als Sonderbeauftragte speziell für sie geschaffen wurde, oder ihren Mann im Office of Management and Budget. Auskunft geben können auch Eugene Scalia, Chefjurist im Arbeits- ministerium, und Janet Rehnquist, Generalinspektorin im Gesund- heits- und Sozialministerium. Nicht zu vergessen William Kristol, Herausgeber des Weekly Standard, und den konservativen Kommenta- tor John Podhoretz. Interessant ist, wie wenig Aufsehen – von Kritik einmal ganz zu schweigen – diese Besetzungsliste hervorruft. Mag sein, dass die Me- dien das heikle Thema mit Samthandschuhen behandeln, doch ich glaube, die geringe Resonanz zeugt von einem ganz anderen Phänomen:

Erbliche Würden feiern ein Comeback. Einen reichen oder einflussreichen Vater zu haben hat noch nie geschadet. Letzte Woche stellte mein Princeton-Kollege Alan Krueger in seiner Times- Kolumne Statistiken vor, die den Mythos von der sozia- len Mobilität in Amerika entzaubern. Sein Fazit: »Wenn die Vereinigten Staaten andere Länder in irgendetwas überragen, dann darin, dass sich über Generationen hinweg an der Einkommensverteilung kaum etwas ändert und die Aufstiegschancen vergleichsweise schlecht sind.« Und Kevin Phillips zeigt in seinem Buch Wealth and Democracy auf, dass sich die Errungenschaften der während der frühen industriellen Pionier- zeit entstandenen Dynastien wesentlich nachhaltiger auszahlen, als gemeinhin angenommen wird. Die Vergangenheit ist jedoch nur das Vorspiel zur Gegenwart. Laut einer von Krueger zitierten Studie hat die Vererbbarkeit von sozialem Status über die letzten Jahrzehnte stark zugenommen. Die vorherr- schenden ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen wer- den den Kindern unserer heutigen Oberschicht einen immensen Vorteil

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Der große Ausverkauf

gegenüber denjenigen verschaffen, die sich die falschen Eltern ausge- sucht haben. Zum einen sind erbliche Privilegien heutzutage wertvoller. Vor dreißig Jahren war der Chef eines Großunternehmens im Grunde genommen ein Bürokrat – gut bezahlt, aber nicht einmal wohlhabend. Er konnte seinen Nachkommen weder ein großes Vermögen noch seine Position vererben. Im Gegensatz dazu erben die Sprösslinge der hochherrschaftlichen Kon- zernchefs von heute gewaltige Reichtümer und erhalten vorab schon einen lukrativen Posten. Im Großen und Ganzen sorgt die rapide wach- sende Ungleichheit in Amerika dafür, dass der Graben zwischen Ober- und Mittelschicht immer schwieriger zu überbrücken ist. Gleichzeitig wird eine Tür zum sozialen Aufstieg – ein gutes und für alle zugängliches Bildungssystem – immer weiter geschlossen. Ehrgeizi- gen Eltern erscheint das staatliche Schulwesen zunehmend als Sack- gasse. Jack Grubman, der geschasste Staranalyst bei Solomon Smith Barney, soll seine Seele angeblich nicht für Gold, sondern für zwei Plätze im richtigen Kindergarten verkauft haben. Was für ein Pech, dass die meisten amerikanischen Seelen nicht wertvoll genug sind, um den Nachwuchs bei der exklusiven New Yorker Adresse 92nd Street Y anmelden zu können. Auch die Aufhebung der Erbschaftssteuer ist der Vererbung von sozialem Status sehr zuträglich. Wenn Maßnahmen zugunsten der Wohlhabenden selbst dann noch durchgesetzt werden, wenn unsere Gesellschaft einen Zwei-Klassen-Charakter trägt, zeigt dies überdeut- lich, welch seltsame Pfade unsere Rechtsordnung und die öffentliche Meinung eingeschlagen haben. Das war nicht immer so. Den Dynastien des zwanzigsten Jahrhun- derts – den Kennedys, Rockefellers und sogar den Sulzbergers – begeg- nete die Öffentlichkeit mit Misstrauen und dem Vorwurf, sie hätten ihre gesellschaftliche Stellung mehr geerbt als verdient. Damals ver- suchte man noch, dieses Misstrauen durch gute Taten, Werte und Prin- zipien zu entkräften. Tatsächlich umweht die Dynastie der Kennedys ein Hauch von Bonnie Prince Charlie, denn die rechtmäßigen Erben wurden weithin als Beschützer der Unterdrückten gegen die Mächtigen gefeiert.

Polarisierungen

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Die heutigen Erben sehen sich nicht mehr dazu verpflichtet, den weniger vom Schicksal Begünstigten Mitgefühl oder gar Unterstützung zukommen zu lassen. Im Gegenteil, oft trifft man sie in der Rolle des Beschützers der Mächtigen gegen die Unterdrückten an. Scalia sieht sein Anrecht auf Ruhm und Ehre wohl darin begründet, einen Kreuzzug gegen Bestimmungen zu führen, die Arbeitnehmer vor gesundheits- schädlichen Arbeitsplätzen schützen, und Rehnquist löste mit ihrem Vorhaben, die Strafen für betrügerische Gesundheitsorganisationen zu mildern, heftige Debatten aus. Offiziell vertritt die amerikanische Elite noch immer die Ideologie, man müsse sich Ehre und Status redlich verdienen, wie auch unsere politische Führung noch immer den Anschein erweckt, sie sei für das Volk da. Doch das wird sich ändern. Eher, als uns lieb ist, wird nur noch die gute Herkunft zählen und selbst der talentierteste »Emporkömm- ling« Verachtung ernten. Die Familie ist das höchste Gut, wie uns Meinungsführer immer wie- der vor Augen halten. Und sie haben Recht. Allerdings wird es noch dauern, bis die Menschen wissen, was damit genau gemeint ist: Das höchste Gut ist der Wert, aus der richtigen Familie zu kommen.

Glückspilze

03. Dezember 2002 Ständig wird an den Konservativen herumge- nörgelt, weil ihr Wirtschaftsprogramm angeblich fast ausschließlich aus Steuersenkungen, Steuersenkungen und noch mal Steuersenkungen besteht. Gut möglich, dass ich auch schon einmal so was behauptet habe. Sollte das der Fall gewesen sein, entschuldige ich mich hiermit. Dank der ermutigenden Ergebnisse der Zwischenwahlen verkünden konser- vative Chefideologen nun, sie hielten Steuererhöhungen für richtig – allerdings nur für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen. Schwarz auf weiß war dieser Vorschlag – wie sollte es anders sein – erstmalig in einem Leitartikel im Wall Street Journal zu lesen. Die Auto-

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Der große Ausverkauf

ren, so scheint es, waren über die Tatsache bestürzt, dass einige Gering- verdiener wenig bis gar keine Einkommensteuer zahlen müssen. Nicht wegen dadurch entstehender Steuerausfälle, nein, sie kritisierten, dass diese »Glückspilze« – Zitat aus dem Wall Street Journal – nicht den angemessenen Hass auf die Regierung empfinden könnten. Das Wall Street Journal nimmt den gemeinen Glückspilz mit einem Jahreseinkommen von nur 12000 Dollar unter die Lupe – so viel Glück möchte ich nicht haben –, der folglich »knapp 4 Prozent Steuern zahlt«. Dass das eine absichtliche Falschdarstellung ist, überrascht nicht wei- ter, denn die Milchmädchenrechnung bezieht sich lediglich auf die Ein- kommensteuer. Rechnet man Sozialversicherungs- und Umsatzsteuer mit ein, zahlt unser Glückspilz gut 20 Prozent seiner 12000 Dollar an den Staat. Aber wer rechnet so etwas schon nach? Interessant ist jedoch, worüber sich das Wall Street Journal über- haupt mokiert: Die Steuerbelastung für Arbeiter sei zu niedrig, »um echte Wut aufkommen zu lassen«. Falls Sie sich fragen, was das eigent- lich soll: Es geht um einen internen Zank in den rechten Reihen. Das Wall Street Journal fürchtet, künftige Steuersenkungen könnten auch ganz normale Familien entlasten, und das gilt es zu verhindern. Profitie- ren sollen ausschließlich Unternehmen und Wohlhabende. Der politi- sche Gedanke, über den der Artikel Aufschluss gibt – den Schlechtver- dienern muss möglichst übel mitgespielt werden, sonst finden sie die Regierung womöglich ganz in Ordnung – könnte jedoch einige Ereig- nisse der jüngsten Zeit erklären. Zum Beispiel weigerten sich die Republikaner im Repräsentanten- haus vor kurzem, die Arbeitslosenversicherung auszudehnen. Daher erhalten 800000 Arbeitnehmer bald einen Weihnachtsgruß von der Regierung des Inhalts, dass ihr Arbeitslosengeld gestrichen wird. Unter anderen Umständen wäre dieser Beschluss eine ziemliche Härte gewe- sen, da uns die Regierung doch beharrlich predigt, dass nur Steuersen- kungen die Kaufkraft und damit die Wirtschaft ankurbeln können. Insofern erscheint es irgendwie schlecht durchdacht, das Einkommen genau der Haushalte zu kürzen, die mit Sicherheit als erste ihre Ausga- ben einschränken. Doch halt, es geht ja darum, die Bürger den Hass auf ihre Regierung zu lehren. Da ergibt es plötzlich Sinn.

Polarisierungen

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Ein fast noch besseres Beispiel ist die Unfähigkeit des Kongresses, ausreichende Mittel für das State Children’s Health Insurance Program (S-CHIP) aufzubringen, mit dem die medizinische Versorgung für Kin- der und Jugendliche aus finanziell schlecht gestellten Familien gewähr- leistet werden soll. Auf die diffizilen legislativen Schachzüge kommt es im Einzelnen nicht an, denn das Ergebnis ist eindeutig: Die konservative Fraktion hat kein Interesse daran, dieses höchst erfolgreiche Programm am Laufen zu halten. Dabei sind die Summen, um die es hier geht, für Washingtoner Verhältnisse geradezu lächerlich. Die Folgen werden je- doch umso dramatischere Ausmaße annehmen: Nach Schätzungen des Office of Management and Budget werden in den nächsten drei Jahren 900000 Kinder und Jugendliche aus der Krankenversicherung heraus- fallen. Aber schließlich leben wir in einer »Ära, in der jeder persönliche Ver- antwortung übernehmen muss«, wie George W. Bush uns immer wie- der vor Augen hält, und wenn ein Kind partout Eltern haben muss, die sich keine Krankenversicherung leisten können, muss es eben die Kon- sequenzen tragen. Wahrscheinlich spielt auch politisches Kalkül eine Rolle, denn wie wir nun wissen, darf die Regierung nichts Gutes tun, sonst merken die Bürger womöglich nicht, dass sie schlecht ist. Logisch, oder? Was lernen wir aus diesem Katalog der Grausamkeiten? Wir lernen »compassionate conservatism« und »leave no child behind« als leere Worte kennen, denn soziales Engagement, Mitgefühl und Kinder- freundlichkeit ist seitens der Konservativen nicht zu erwarten. Einmal abgesehen von dem gutgläubigen John J. DiIulio überrascht diese Erkenntnis niemanden. Eine viel wichtigere Lektion ist, dass wir daran den Grad der Rücksichtslosigkeit und des Extremismus unserer Kon- servativen ablesen können. Viele verschließen sich dieser Erkenntnis. Das betrifft gemäßigte Republikaner, die den Kurs ihrer Partei nicht wahrhaben wollen, eben- so wie Demokraten, die mit ihren Zugeständnissen an den »schlan- ken« Staat die Rechten zu besänftigen suchen. Sie hoffen, irgendwann müsste doch der Punkt erreicht sein, an dem sie endlich genug haben würden.

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Der große Ausverkauf

Die Ambitionen der Rechten kennen jedoch kein Maß, und nichts, was die gemäßigte Mitte anzubieten hat, wird ihren Machthunger stil- len. Irgendwann wird es dem amerikanischen Volk auffallen – spätes- tens wenn alle Programme zum Wohl der Bürger abgeschafft wurden. Wie schnell die Wähler hellhörig werden, hängt jedoch davon ab, ob gemäßigte Politiker endlich Klartext reden, anstatt sich als Konserva- tive zu tarnen, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten.

Kapitel 9

Privatinteressen

Der Preis des Geizes

16. September 2001 Im Moment konzentriert sich Amerika da- rauf, die Schuldigen zu ergreifen und zu bestrafen, doch an der Tragödie vom Dienstag tragen wir zumindest einen Teil der Schuld: Warum waren wir so angreifbar? Sich als unschuldiges Opfer eines Verbrechens zu beklagen wird der Sache nicht gerecht, denn erst anhaltende staatlich verordnete Pfennig- fuchserei machte uns zu einem wehrlosen Opfer. Unsere Probleme beginnen nicht beim globalen Terrorismus, nein, an unserer eigenen Politik ist etwas faul: Wir sind eine Weltmacht, die zu geizig ist, den Preis für innere Sicherheit zu zahlen. Die allseits bekannte Tatsache, dass die Sicherheitsvorkehrungen auf amerikanischen Flughäfen seit langem unzureichend sind, lässt im Nachhinein die Knie weich werden. Auch weiß man seit Jahren, dass Amerika erklärtes Ziel terroristischer Anschläge ist. Immer wieder haben Experten davor gewarnt, dass sich der öffentliche Flugverkehr als Werkzeug für Terrorakte anbietet. Trotz alledem wird das Sicherheitspersonal jedes Flughafens in den Vereinigten Staaten nach wie vor mit einem Stundenlohn von ungefähr sechs Dollar abgespeist, was nicht einmal dem Stundenlohn einer Fast- Food-Bedienung entspricht. Die Schulung der Flughafen-Schutzengel dauert erschreckend wenige Stunden, und über 90 Prozent der Gepäck- kontrolleure sind noch nicht einmal sechs Monate im Dienst.

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Der große Ausverkauf

Dagegen hätte man längst etwas tun können. Letztes Jahr gab der Bundesrechnungshof einen Bericht heraus, in dem die amerikanische Flughafensicherheit im Vergleich zu anderen Industrienationen scharf kritisiert wurde. In Europa wird das Sicherheitspersonal umfassend geschult, der Stundenlohn liegt bei ungefähr 15 Dollar – plus diverser Sonderleistungen. Warum lässt man in Amerika nicht dasselbe Maß an Vorsicht walten? Weil die Flughafensicherheit in Europa gesetzlich geregelt ist und die Finanzierung von den Flughäfen oder von der Regierung übernommen wird. In Amerika dagegen müssen die Fluglinien für die Flughafensi- cherheit zahlen, und daher ist es kein Wunder, dass sie so wenig wie möglich dafür ausgeben. Man kann es ihnen noch nicht einmal übel nehmen. Der Fehler liegt darin, privatwirtschaftlichen Unternehmen eine im Grunde staatliche Aufgabe zu überlassen. Vorschläge hat es genug gegeben. So regte etwa 1997 Robert Cran- dall von American Airlines an, eine gemeinnützige Organisation mit der Flughafensicherheit zu betrauen. Doch Vorschläge dieser Art stie- ßen auf taube Ohren, zu sehr standen sie im Widerspruch zum Zeit- geist, der immer weniger statt mehr staatliche Einmischung propagiert. Der Geist der Zeit verträgt sich zudem schlecht mit allen Vorhaben, die nach erhöhten Staatsausgaben riechen und nicht explizit militäri- schen Zwecken dienen. Ein genauerer Blick auf die traurige Geschichte unterlassener Sicherheitsvorkehrungen ergibt, dass jede einzelne an im Nachhinein lächerlichen Summen scheiterte. 1996 empfahl eine offizi- elle Beraterkommission jährliche Verbesserungen im Wert von 1 Milli- arde Dollar – ungefähr 2 Dollar pro Passagier. Der Vorschlag, die Ver- besserungen über eine Flughafensteuer zu finanzieren, wurde verwor- fen – die Gelder müssten aus dem allgemeinen Steuertopf kommen, da es schließlich um die nationale Sicherheit gehe. Das Haushaltsbüro des Präsidenten wies die Kommission jedoch umgehend darauf hin, es habe »unrealistische Erwartungen bezüglich der frei verfügbaren Mittel«, was im Klartext hieß: Von politischer Seite wird kein Geld dafür locker gemacht. Und dabei blieb es. Wie gesagt, unsere Probleme beginnen nicht beim globalen Terroris- mus. Laurie Garrett, Autorin von Die kommenden Plagen, brachte letz-

Privatinteressen

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tes Jahr ein bedrückendes Buch mit dem Titel Das Ende der Gesundheit heraus. Sie beschreibt eine Entwicklung, die der Flughafensicherheit auf unheimliche Art und Weise ähnelt: Ein Kernstück unserer staatli- chen Infrastruktur, mit dem jedoch kein Staat zu machen ist, wird so lange überstrapaziert, bis es kurz vor dem Kollaps steht. Teils ging man davon aus, Aufgaben des Staates ließen sich auch privatwirtschaftlich erledigen, teils entzieht die Politik öffentlichen Behörden immer mehr Ressourcen, da ein starker Staat – siehe oben – dem Zeitgeist wieder- spricht. Sollte sich herausstellen, dass wir Angriffen von Viren ebenso hilflos ausgesetzt sind wie Angriffen von Terroristen, braucht sich nie- mand darüber wundern. Ich hoffe, wir bringen die Verantwortlichen des Terroranschlags vor Gericht. Ich hoffe aber auch, dass Amerika nach dem ersten Schock bereit sein wird, eine der wichtigsten Lektionen aus dem Schrecken der vergangenen Woche zu lernen: Die Regierung muss auch Geld für Pro- gramme ausgeben, die nicht eindeutig militärischen Charakter haben. Wer im öffentlichen Sektor den Gürtel immer enger schnallt, wird – wie die Erfahrung der vergangenen Woche lehrt – wohl feststellen müssen, dass wir uns damit selbst strangulieren.

Die 55-Cent-Lösung

21. November 2001 Als Gerald Ford New York City trotz aller finanziellen Nöte im Stich ließ, prangerte ihn die Daily News auf der Titelseite an: »Ford to City: Drop Dead«. Was waren das damals noch für Zeiten. Heutzutage muss man die Tagespresse schon sehr aufmerksam lesen, will man erfahren, dass George W. Bush seinen Hilfeschwur an die gebeutelte Stadt gebrochen hat. Und nur echte Politikfreaks wissen, dass dies lediglich Teil eines viel größeren Szenarios ist: Die momentan in Washington debattierten wirtschaftspolitischen Maßnahmen wer- den zu einer Verarmung aller bundesstaatlichen und kommunalen Behörden führen.

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Der große Ausverkauf

Gerald Ford hatte es eigentlich nicht verdient, angeprangert zu wer- den. Er hatte der Stadt nie versprochen, sie aus ihrer größtenteils selbst verschuldeten finanziellen Notlage zu befreien. Weshalb hätte er sich verpflichtet fühlen sollen zu helfen? Mit Bush verhält sich die Sache anders. Wie Sie sich vielleicht erin- nern, hatte er es nach dem Terroranschlag nicht leicht. Nicht jeder nahm sein Versteckspiel am 11. September kritiklos hin, und in New York ärgerte man sich darüber, dass er durch Abwesenheit glänzte. Das Weiße Haus reagierte auf die ersten kritischen Stimmen mit der Geschichte über »eine ernst zu nehmende Bedrohung« der Air Force One. Bush selbst wirkte seinem Imageverlust dadurch entgegen, dass er den New Yorker Kongressabgeordneten großzügige Hilfe zusagte – Senator Charles Schumer versicherte er, die Stadt habe einen »Blanko- scheck«. Auch wenn Bush sein Versprechen nicht in allen Einzelheiten erläu- terte, waren sich doch alle Beteiligten darüber einig, wie es zu verstehen war. In jedem Artikel aus diesen Tagen wurde einhellig berichtet, dass Bush die Hälfte der 40 Milliarden Dollar aus dem Antiterrorpaket der Stadt New York zukommen lasse, und diese Summe sei nur der Anfang. Letzte Woche nannte der Bewilligungsausschuss nun endlich genaue Zahlen. Das streng an den Regierungsrichtlinien ausgelegte Antiterror- paket sah nur neun Milliarden Dollar für die Stadt New York vor, also nicht einmal die Hälfte der versprochenen 20 Milliarden Dollar. Nach hektischen Verhandlungen mit aufgebrachten republikanischen Kon- gressabgeordneten wurde die Summe in letzter Minute auf 11 Milliar- den Dollar erhöht. Aus offiziellen Kreisen ist zwar zu hören, man werde die 20 Milliar- den Dollar schon noch bereitstellen, doch Zweifel an der Zusage sind durchaus berechtigt, nachdem schon Bushs Versprechen, diesen Betrag im Zuge des Antiterrorpakets zur Verfügung zu stellen, nicht eingehal- ten wurde. Je mehr die Erinnerungen an den Anschlag verblassen und die Verfechter der harten konservativen Linie das Ruder übernehmen, das durch die Ereignisse des 11. September leicht ins Schlingern geraten war, desto unwahrscheinlicher wird die Zahlung der restlichen 9 Milli- arden an New York.

Privatinteressen

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Anders als bei Gerald Ford werden die Geschichtsbücher später kein konkretes Datum nennen können, an dem die Regierung Bush der Stadt ihr »Drop Dead!« an den Kopf warf. Stattdessen folgen auf vage Ver- sprechungen höchst kreative Erbsenzählereien, zum Beispiel, dass der Einsatz der Nationalgarde von den 20 Milliarden Dollar abgezogen wird. Langsam, aber sicher zeichnet sich ab, dass die Hilfe, mit der die New Yorker so fest gerechnet haben, die Hilfe, die für den Wiederauf- bau der Stadt dringend notwendig ist, ein Wunschtraum war, der sich nicht erfüllen wird. Wie bereits erwähnt, fügt sich diese Momentaufnahme nahtlos in das Gesamtszenario ein. Die Kombination von Konjunkturrückgang und 11. September lastet schwer auf der Regierung in Washington und allen anderen Hauptstädten des Landes. Da bundesstaatlichen Organe gesetzlich zu ausgeglichenen Budgets verpflichtet sind, stehen ihnen drakonische Ausgabenkürzungen bevor. Die in Washington geschnürten »Konjunkturpakete« verschaffen den Bundesstaaten auch keine Erleichterung, im Gegenteil, sie vergrö- ßern die Misere. Die Pläne, Unternehmensgewinne zu großen Teilen von den Bundessteuern zu befreien, bedeuten geringere Steuereinnah- men für die einzelnen Bundesstaaten. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht uns im nächsten Jahr ein schönes Spektakel bevor: hohe Steuer- senkungen für Unternehmen und Spitzenverdiener mit über 300000 Dollar Jahreseinkommen, während verzweifelte Bundesstaaten an al- len Ecken und Enden sparen müssen – als Erstes am Bildungswesen und der medizinischen Versorgung der armen Bevölkerung. Doch noch einmal zurück zu New York. Ich wundere mich sehr, dass dieses gebrochene Versprechen so wenig Aufmerksamkeit erregt. In den Wochen nach dem 11. September galt der Wiederaufbau der Stadt selbstverständlich als nationale Ehrensache. Inzwischen ist klar, dass dem nicht so ist. Mag sein, dass die Regierung die versprochenen Gelder noch zur Verfügung stellen wird, doch New York wird um jeden einzel- nen der 20 Milliarden Dollar betteln müssen. Wo bleiben die Schreie der Empörung? Haben ausgerechnet die New Yorker vergessen, wie man sich aufregt?

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Der große Ausverkauf

Kein Ende in Sicht

10. September 2002 Die Bürger der Vereinigten Staaten dürfen stolz auf sich sein, wie gut sie den 11. September verkraftet haben. Nie- mand fühlte sich dazu berufen, große Opfer zu bringen, aber das hat ja auch keiner verlangt. Im Großen und Ganzen blieb das amerikanische Volk im Angesicht des Schreckens ruhig und tolerant. Es brach keine Panik aus. Kein wütender Mob zog durch die Straßen, um Lynchjustiz an Menschen zu üben, die nicht amerikanisch aussahen, Übergriffe aus Hass und Rachedurst waren die Ausnahme. Das amerikanische Volk blieb dem amerikanischen Selbstverständnis treu. Trotzdem, ein Jahr ist vergangen, und es herrscht große Unsicherheit im Land. Wirtschaftsskandale, Börsencrashs und steigende Arbeitslo- senzahlen tragen viel zum allgemeinen Unwohlsein bei. Aber wir kön- nen noch immer nicht einschätzen und verstehen, was geschehen ist. Das macht uns zu schaffen. Von unserer politische Führung und den meisten Medien erfahren wir, wir befänden uns im Krieg. Von Anfang an eine schlechte Metapher, die mit der Zeit immer schlechter wird. Sowohl in menschlicher als auch in ökonomischer Hinsicht sind die Nachwehen des 11. September eher mit einer Naturkatastrophe als mit einem militärischen Angriff zu vergleichen. Die Parallelen zwischen den Auswirkungen des 11. September und dem Erdbeben in Japan im Jahre 1995 sind schon beinahe unheimlich. Aus heiterem Himmel zerstörte der Terroranschlag wie auch das Erdbeben das Leben Tausender un- schuldiger Menschen. Wie der Terroranschlag bescherte das Erdbeben einer ganzen Nation Alpträume und ließ ein überwältigendes Gefühl der Unsicherheit zurück. Und wie der Terroranschlag brach das Erdbe- ben über eine von einer Finanzkrise geschwächte Nation herein. Das Erdbeben in Kobe schwächte die japanische Wirtschaft nur vorübergehend, was vermuten ließ, dass auch die Anschläge vom

11. September die amerikanische Wirtschaft nur vorübergehend schwä-

chen würde. Was sich als wahr herausgestellt hat. Kobe hat die japani- sche Psyche auf lange Sicht erschüttert, und unserer Psyche wird der

11. September ebenso langfristig in schmerzlicher Erinnerung bleiben.

Japan hat es verwunden, wir werden es auch verwinden.

Privatinteressen

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Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen einer Naturkatastro- phe und einer absichtlichen Gräueltat. Wir sind wütend, geschockt und wild entschlossen, die Schuldigen zu bestrafen. Der 11. September und der Kampf gegen die Achse des Bösen bietet sich für unsere Generation wie von selbst als moralische Entsprechung zu Pearl Harbor und dem Zweiten Weltkrieg an. Doch wenn dies ein Krieg ist, unterscheidet er sich stark von allen Kriegen, die Amerika bisher gewonnen hat. Wo bleiben die Forderun- gen nach persönlichen Opfern, nach dem nationalen Zusammenhalt? Woran erkennen wir, wann der Krieg vorbei ist und ob wir ihn gewon- nen haben? Im Kampf gegen den Terrorismus wird es keinen »D-Day« geben, keinen Tag, der als Datum der Befreiung vom globalen Terroris- mus in die Geschichte eingehen wird. Der Feldzug gegen den Terroris- mus ist Verbrechensbekämpfung, der Erfolg immer relativ und der Sieg niemals endgültig. Dennoch ist es bezeichnend, dass uns dieser Kampf als Krieg ver- kauft wird, denn im Krieg gelten andere Maßstäbe als in der Verbre- chensbekämpfung, selbst wenn es um die Verfolgung fanatischer Mör- der geht. Dies zeigt sich sogar bei einer so langweiligen Angelegenheit wie dem Bundeshaushalt. Im Krieg gelten Haushaltsdefizite als normal, denn jedem leuchtet ein, dass die Staatsverschuldung notwendig ist, um die Ausgaben während eines Ausnahmezustands mit mehr oder weniger absehbarem Ende zu finanzieren. Allerdings befinden wir uns weder in einem Ausnahmezustand, noch ist ein Ende abzusehen. Können wir davon ausgehen, dass die Ausgaben für die Sicherheit von Volk und Vaterland in absehbarer Zeit wieder auf das vor dem 11. September übliche Maß zurückgeschraubt werden? Vielleicht sogar so weit, dass der Haushalt ausgeglichen werden kann? Nein, davon können wir ganz und gar nicht ausgehen. Stattdessen sollten wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, wie wir die Zeche der Regierung langfristig bezahlen können. Weitaus spannender ist die Frage, wie es um die Grundrechte bestellt ist. Im Krieg wurden schon immer gern Gesetze außer Kraft gesetzt. 1861 hob Abraham Lincoln das im »Habeas Corpus Act« festgelegte

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Der große Ausverkauf

Recht auf, das Verdächtige vor willkürlicher Verhaftung schützt. Hätte er es nicht getan, gäbe es heute keine Vereinigten Staaten von Amerika. Damals bestand jedoch tatsächlich ein Ausnahmezustand, und mit dem Ende des Bürgerkriegs wurde die Rechtsordnung wiederhergestellt. Welches markante Ereignis aber könnte unsere politische Führung dazu veranlassen, von ihren Allmachtsbestrebungen abzusehen? Ein Ende der Gefahr, in der wir uns befinden, ist nicht in Sicht. Der Kampf gegen den Terrorismus wird nie zu Ende sein, und mit den Maß- nahmen, die zu diesem Zweck ergriffen werden, müssen wir auf Dauer leben können. Das sollte sich jeder klarmachen. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht im glorreichen Sieg über den Terrorismus. Dieses Ziel ist unerreichbar. Wir müssen lernen, mit der Bedrohung umzugehen und gleichzeitig zu bewahren, was uns zu einer großen Nation macht: Freiheit und Wohlstand.

Kapitel 10

Vorwände und Hintertüren

Einäugige mit Bart

31. Oktober 2001 Wer ein Gesetz verstehen will, muss nach der Klausel suchen, die im Besonderen auf hinkende, einäugige Bartträger eingeht – zumindest habe ich das irgendwo einmal gelesen. Das heißt, man muss nach der Hintertür suchen, die ein vorgeblich dem Wohle der Allgemeinheit dienendes Gesetz als eines entlarvt, das Sonderinteressen bedient. Das letzte Woche verabschiedete Konjunkturförderungsgesetz wurde hauptsächlich im Hinblick auf den Geldregen diskutiert, den es auf die Großkonzerne niederprasseln lässt. Doch das sagt nicht viel über Sonderinteressen aus, die es bedient. Eines ist klar: Was für die amerikanische Wirtschaft gut ist, ist auch für General Motors gut, denn ein großzügiges Geschenk an die Unternehmen zu verabschieden und den größten Konzernen keine enormen Summen zuzuschustern wäre schwierig. Doch worauf dieses Programm wirklich abzielt, ergibt sich erst aus den schwindelerregenden Vorteilen für die weniger großen Unternehmen. Ein Teil des Gesetzespakets ist zugunsten einer auserlesenen Hand- voll multinationaler Finanzkonzerne maßgeschneidert, ein anderer Teil bestimmten Krankenversicherern zugedacht. Höchst erstaunlich sind jedoch die Vorteile aus der Aufhebung der alternativen Mindeststeuer (kurz ATM) für Unternehmen, die ganz und gar nicht zu den Großen gehören. Die Maßnahme gehört zum vorgeschlagenen Konjunkturpro-

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Der große Ausverkauf

gramm der Bush-Administration und genießt offensichtlich oberste Priorität. Es ist keine allzu große Überraschung, wenn – wie ein Verein für Steuergerechtigkeit verkündet – General Motors mit seinen 380000 Mitarbeitern quasi einen Scheck über 800 Millionen Dollar erhält. Dass TXU (früher Dallas Power and Light) mit seinen nur 16000 Mit- arbeitern einen Scheck über immerhin 600 Millionen Dollar erhält, überrascht schon eher. Und es gibt noch mehr mittelgroße Unterneh- men, die sich auf überraschend hohe Summen freuen dürfen: Chevron- Texaco, Enron, Phillips Petroleum, IMC Global und CMS Energy zum Beispiel. Da stellt sich die Frage: Was ist der gemeinsame Nenner dieser Unternehmen? Sie alle haben etwas mit Energie und Rohstoffabbau zu tun und sind in oder um Texas herum ansässig. Genau: Der hinkende, einäugige Mann mit Bart hat frappierende Ähnlichkeit mit Dick Cheney. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit profitieren von der ATM-Aufhebung mehr oder weniger dieselben Firmen, denen das Ener- gieprogramm von Cheneys Arbeitsgruppe hohe Subventionen hätte zukommen lassen. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass sich die Regierung ungeachtet der gesetzlichen Vorschriften geweigert hatte, die Protokolle dieser Arbeitsgruppe dem Kongress vorzulegen. Das ist auch so eine Sache, die in den Wirren nach dem 11. September völlig unterge- gangen ist. Wahrscheinlich ist es auch überflüssig, zu erwähnen, dass die großen Gewinner bei alledem zufällig mit den Unternehmen identisch sind, welche die Republikaner selbstlos mit großzügigen Wahlspenden bedacht haben. (Womit ich nicht behaupten will, die Demokraten wären gegen die Macht des Geldes besser gefeit.) Für mich ähnelt die Geschichte der Bush-Administration immer mehr der Handlung des Spielfilms Victor/Victoria. Die Geschichte beginnt mit einem Kandidaten, der angeblich ein Verfechter der gemä- ßigten Linie ist. Dann durchschaut das Publikum seine Maske – oder glaubt es zumindest –, hinter der ein ultrakonservativer Verfechter der harten Linie steckt, der sich nur als Gemäßigter getarnt hatte, um die Wahl zu gewinnen.

Vorwände und Hintertüren

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Die neuesten Wirtschaftsinitiativen der Regierung, wie Cheneys Energieprogramm, sehen nicht so aus, als stammten sie aus der Feder überzeugter Vertreter der freien Marktwirtschaft. Sie erhöhen weder Angebot noch Nachfrage und sind ökonomisch betrachtet sinnlos. Sinnvoll sind sie dann, wenn man bestimmten Unternehmen zu viel Geld verhelfen will. Der Verdacht liegt nahe, dass die politische Ideolo- gie eine weitere Maske ist, hinter der sich der Lieblingskandidat der Unternehmen verbirgt – nicht aller, wohlgemerkt, sondern einiger weniger, die ganz bestimmte Geschäftsinteressen verfolgen –, der sich als radikalen Konservativen ausgab, der den Gemäßigten spielte, um die Wahl zu gewinnen. Eine interessante und allzu plausible Geschichte, welche die Fernseh- sender jedoch kaum erzählen werden. Eine Geschichte, vor der die meisten Menschen lieber Augen und Ohren verschließen. Dadurch wird die Geschichte natürlich überhaupt erst möglich. Im Land der Blinden ist der hinkende, einäugige Mann mit Bart König.

Blankoschecks

25. November 2001 Die meisten Amerikaner schalten den Fernse- her ein, wenn sie sich über das aktuelle Geschehen informieren möch- ten. Und bei dem, was sie da zu sehen bekommen, kann einem warm ums Herz werden: Gezeigt wird das Bild einer Nation, die sich in der Krise vorbildlich benimmt. Und es stimmt ja, die große Mehrheit der Amerikaner hat sich nicht nur entschlossen, sondern auch großzügig gezeigt. Die Bilder, die nicht im Fernsehen laufen, sind alles andere als herz- erwärmend. Nicht gezeigt werden Politiker und Unternehmer, die sich extrem schlecht benehmen, und ihr schlechtes Benehmen wird erst möglich – und dadurch noch unerträglicher –, weil ihnen Eigennutz nachgesehen wird, wenn er sich nur fest genug in die Flagge hüllt. Das Fernsehen scheint eine ganz andere Welt zu zeigen als die, in der wir leben.

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Der große Ausverkauf

Die wirkliche Welt ist nicht schwer zu entdecken. Wer Zugang zum Internet hat oder die Mühe auf sich nimmt, eine gute Zeitung zu lesen, kann sie erforschen. Oft sind es die Artikel über Wirtschaft und Finan- zen, die der Realität am nächsten kommen, denn hier wird der Blick durch die rosarote Brille am wenigsten erwartet. Ökonomisch gesehen ist die Überweisung von »Pauschalbeträgen« besonders aufschlussreich. Sie ist seit dem 11. September bei den Politi- kern sehr beliebt und bedeutet nichts anderes, als dass der Empfänger für erhaltene Zahlungen keine Gegenleistung erbringen muss – eine Art Blankoscheck, geeignet, um schnell und unbürokratisch Hilfe zu leis- ten, ohne den Empfänger mit Erwartungen zu überfordern, doch unge- eignet, wenn die Finanzspritze den Empfänger zu etwas bewegen soll, etwa zu investieren oder Arbeitsplätze zu schaffen. Es ist daher ganz aufschlussreich, wenn der Kongress den Luftfahrt- gesellschaften mit 15 Milliarden Dollar unter die Arme greift, entlas- sene Flughafenangestellte jedoch leer ausgehen. Noch aufschlussrei- cher ist, dass im Repräsentantenhaus ein Konjunkturförderungsgesetz verabschiedet wird, das die Arbeitslosen eher mehr als weniger außen vor lässt, dafür aber rückwirkend die Körperschaftssteuer senkt. Das summiert sich zu einem Pauschalbetrag von 25 Milliarden Dollar für ausgesprochen profitable Unternehmen. Die Debatte um das Konjunkturförderungsprogramm wird von den meisten politischen Berichterstattern als ideologischer Konflikt darge- stellt. Ideologie hat damit jedoch nichts zu tun. Meines Wissens gibt es weder aus dem linken noch aus dem rechten Lager einen ökonomischen Lehrsatz, der besagt, die Zahlung von 800 Millionen Dollar an GM ver- anlasse den Autobauer zwingend zu neuen Investitionen, wenn er auch so schon 8 Milliarden Dollar flüssig hat. Schon Jonathan Chait merkte an, dass die Absichten von Dick Armey, Tom DeLay und anderen schon früher bezweifelt wurden. Glauben sie tatsächlich an die Dynamik der freien Marktwirtschaft, oder geht es ihnen darum, von den Armen zu nehmen, um es den Rei- chen zu geben? Jetzt wissen wir es. Es gibt natürlich noch mehr Verdachtsmomente als die geballten Überweisungen von Pauschalbeträgen. Im Windschatten des nationa-

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len Ausnahmezustands bemüht man sich seit dem 11. September nach- haltig darum, staatliches Land für die private Erdölindustrie und mit ihr verknüpfte Interessengruppen zu öffnen. Aus Regierungskreisen wird dies mit der Wahrung der nationalen Sicherheit gerechtfertigt, doch die parallelen Bemühungen um die Abschaffung des Snowmobil- Fahrverbots im Yellowstone Nationalpark lassen die eigentlichen Absichten deutlich erkennen. Wie ist es um die Nation also wirklich bestellt? Die Bilder, die über die Mattscheibe flimmern, erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Doch 99,9 Prozent der Amerikaner konsumieren diesen Krieg, so gerechtfer- tigt er sein mag, als ein Spektakel, das eine Handvoll hoch qualifizier- ter Profis fernab der Heimatfront für sie veranstaltet. Amerika windet sich bereits in den Nachkriegswehen, und die Instinkte einer Nation im Krieg – das Volk schart sich um die gemeinsame Flagge und vertraut auf seine Führung – werden schamlos ausgenutzt. In der Tat weisen die aktuellen Ereignisse eine schon unheimliche Ähnlichkeit mit den Verhaftungswellen nach dem Ersten Weltkrieg auf, die der damalige Justizministers Palmer veranstaltete. Tausende von Immigranten wurden damals unter dem Verdacht des Radikalismus verhaftet, wobei sich die meisten als vollkommen unbescholtene – einige sogar als amerikanische – Staatsbürger erwiesen. In der Füh- rungsetage von Enron scheint man den Geist von Charles Ponzi beschworen zu haben, und die Bestrebungen, staatliches Land für pri- vate Interessen zugänglich zu machen, erinnert an den Teapot-Dome- Skandal unter Präsident Harding, bei dem es ebenfalls um Ölförderung auf staatlichem Land ging. Vielleicht sind die Zeiten vorbei, in denen offen Bestechungsgelder gezahlt wurden, dafür sind die Zeiten der ex- trem wertvollen Geschenke an die Unternehmen angebrochen. Was dieses Land braucht, ist die Rückkehr zur Normalität. Und damit meine ich nicht die selektive Normalität der Bush-Administra- tion, in der zwar alle wieder einkaufen gehen können, aber weiterhin von den Medien ausschließlich mit herzerwärmenden Geschichten und Kriegspropaganda berieselt werden. Es ist höchste Zeit, dem amerika- nischen Volk das ganze Bild zu enthüllen.

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Der große Ausverkauf

Das Pitt-Prinzip

01. November 2002 Harvey Pitt hat sich also in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der amerikanischen Börsenaufsicht SEC entschlossen, den Kommissionsmitgliedern ein kleines Detail über den Mann zu ver- schweigen, den er an die Spitze der neuen Aufsichtsbehörde für Wirt- schaftsprüfer berief, obwohl es durchaus einen qualifizierteren Kandi- daten gegeben hätte. William Webster, so berichtet Stephen Labaton von der Times, saß dem Ausschuss für Rechnungsprüfung bei U.S. Technologies vor. Gegen dieses Unternehmen laufen inzwischen zahl- reiche Verfahren. Investoren sollen um Millionen geprellt worden sein. Was tat Websters Ausschuss, nachdem ein externer Wirtschaftsprü- fer starke Bedenken über das Controlling von U.S. Technologies geäu- ßert hatte? Er reagierte unverzüglich und feuerte den Wirtschaftsprüfer. Die Geschichte flog auf, doch Pitts Reaktion muss jeden Satiriker vor Neid erblassen lassen. »Pitt ordnet Untersuchung gegen sich selbst an«, verkündete eine Schlagzeile. Ja, wirklich: Pitts Behörde wird untersu- chen, nach welchen Kriterien Pitt Webster auswählte. Was hat sich eigentlich Webster dabei gedacht? Für korrupt hält ihn niemand, doch wie kommt er auf die Idee, er wäre der richtige Mann, um den Wirtschaftsprüfern ganz Amerikas auf die Finger sehen zu kön- nen, wenn er noch nicht einmal die Finanzgeschäfte einer einzigen klei- nen Firma überprüfen kann? Dennoch ist es kein Zufall, dass Pitt sich den falschen Mann gesucht hat. Webster zeichnete sich gegenüber allen anderen Kandidaten durch Inkompetenz aus, und auf diese Eigenschaft legte die Lobby der Indus- trie – zu der ganz klar auch Pitt gehört – Wert. Wir wollen es das Pitt-Prinzip nennen. Nach dem Peter-Prinzip (be- nannt nach Laurence J. Peter) versagen Manager zwangsläufig, weil sie bis zur Stufe ihrer Inkompetenz aufsteigen. Demgegenüber besagt das Pitt-Prinzip, dass Inkompetenz manchmal genau das ist, was die Ver- antwortlichen wünschen. Ausgangspunkt in diesem speziellen Fall war, dass die Interessenver- treter der Anleger darauf pochten, die Finanzschiebereien in den Unter- nehmen zu unterbinden, woraufhin Pitt erklärte, er werde sich darum

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kümmern. Doch bei uns wird von und für Menschen regiert, deren gegenseitiges Beziehungsgeflecht eine außerordentlich einträgliche Geldquelle darstellt. (Sie erinnern sich an Harken und Halliburton? Warum wohl besteht seitens der Regierung so wenig Interesse an einer Aufklärung der Vorfälle?) Pitt suchte daher einen Kandidaten mit beeindruckendem, aber völlig irrelevantem Profil, auf dessen Unfähig- keit er sich verlassen konnte. Das Pitt-Prinzip erklärt so einiges. So ist zum Beispiel eine gute Finanz- und Wirtschaftspolitik Aufgabe des Finanzministers. Soll diese Aufgabe schlecht erledigt werden, besetze man den Posten mit einem Topmanager aus der Produktion, der von Bundesetats und Makroöko- nomie keine Ahnung hat. Unter seiner Leitung werden rekordverdäch- tige Haushaltsüberschüsse in Windeseile zu enormen Defiziten. Noch am Tag vor der Bekanntgabe des niedrigsten Verbrauchervertrauens seit Jahren wird dieser Mann sagen: »Die Kennziffern verheißen nur Gutes.« Der Justizminister soll die Verfassung schützen und dem Recht zur Geltung verhelfen. Soll die Aufgabe schlecht erledigt werden, besetze man den Posten mit einem Ex-Senator, der sich von der Verfassung und dem geltenden Recht möglichst wenig vorschreiben lässt – besonders, wenn es um Firlefanz wie rechtmäßige Verfahren, Trennung von Kirche und Staat und ähnliche Kleinigkeiten geht. Dieser fähige Mann steckt als Antwort auf die nationale Krise mehr als tausend Bürger ohne recht- liche Grundlage ins Gefängnis und erwischt dabei nicht einen einzigen Kriminellen, der einen terroristischen Akt begangen hat, vom Absender der Anthrax-Briefe ganz zu schweigen. Das Pitt-Prinzip lässt sich problemlos auf tiefere Ebenen übertragen. Nachrichtendienste und Verteidigungsexperten sollen Gefahren für die nationale Sicherheit und die Konsequenzen einer amerikanischen Mili- tärintervention realistisch einschätzen. Soll diese Aufgabe schlecht erle- digt werden, überlasse man sie neokonservativen Intellektuellen ohne jegliche praktische Erfahrung. So kann man sich darauf verlassen, dass terroristische Verbindungen aufgedeckt werden, von denen selbst der CIA sagt, sie existieren nicht, und dass militärische Einsätze in dicht bevölkerten Stadtgebieten als ungefährlich eingeschätzt werden, ob-

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Der große Ausverkauf

wohl selbst Militärs bei dem Gedanken eine gewisse Nervosität verspü- ren. Den wichtigsten Anwendungsbereich des Pitt-Prinzips findet man jedoch ganz oben in der Hierarchie. Die Aufgabe des Präsidenten ist es, die Nation zu vereinen und durch schwere Zeiten zu führen. Soll diese Aufgabe möglichst schlecht erledigt werden, nehme man einen netten Kerl aus guter Familie, der Dank seiner immens guten Beziehungen auf eine steile wirtschaftliche und politische Karriere zurückblicken kann. Er ist genau der richtige Mann, um jedwede Skrupel über die parteipoli- tische Ausschlachtung einer nationalen Krise über Bord zu werfen und als Krönung der Opposition vorzuwerfen, die nationale Sicherheit kümmere sie nicht. Genauso erreicht man, dass innerhalb eines Jahres ein allgemeines Unbehagen das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit ver- drängt und immer mehr Amerikanern klar wird, dass die eingeschla- gene Richtung nicht die richtige sein kann.

Plünderungen

19. November 2002 Regel Nummer 1: Tarnung ist alles. Angeblich will Bush die 850000 Arbeitsstellen des Bundes dem Wettbewerb öff- nen, um die Rentabilität zu erhöhen. Die Konkurrenz wird den büro- kratischen Sumpf austrocknen, verspricht man uns. Die Kosten werden sinken, und jedem – mit Ausnahme einiger überbezahlter Gewerk- schaftler – wird es besser gehen. Und wer weiß? Hier und da wird die Reform vielleicht wirklich ein paar Dollar einsparen. Doch meiner Meinung nach glaubt nicht ein ein- ziger Politiker oder Journalist in Washington daran, die Privatisierung großer Teile des öffentlichen Sektors – ein Schritt, für den laut Regie- rung keine Gesetzesänderung erforderlich ist – geschehe, um Ausgaben zu reduzieren. Behörden auf allen Verwaltungsebenen haben schon reichlich Erfah- rung sammeln dürfen, wie sich die Privatisierung öffentlicher Stellen

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auf die Rentabilität auswirkt. Die Ergebnisse überzeugen nicht. In Ein- zelfällen mögen Kosten drastisch sinken, doch im Allgemeinen platzen derlei Träume wie eine Seifenblase. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn externe Anbieter unterbreiten sehr günstige Angebote, um den Auftrag an Land zu ziehen, und ziehen, sobald die öffentlichen Stellen gestrichen wurden, die Preise stark an. Prognosen von 20 bis 30 Prozent Gesamtkostensenkungen sind schlicht und ergreifend lächerlich, und man kann davon ausgehen, dass diejenigen, die derartige Prognosen abgeben, sich darüber auch im Klaren sind. Worum geht es also? In erster Linie um Tarnung. In Anbetracht der Haushaltsdefizite will die Regierung publikumswirksame Einsparmaßnahmen zur Schau stel- len, um von einer Überprüfung der Steuersenkungen abzulenken, die mit der Aussicht auf hohe Überschüsse gerechtfertigt wurden. Kür- zungen der Verteidigungsausgaben, im Justizwesen oder bei den Privile- gien für die Mittelschicht – zum Beispiel Rentenversicherung und Medi- care – würden einen dicken Batzen Geld einsparen, sind aber nicht pub- likumswirksam. Die Privatisierung öffentlicher Stellen ist ein Schachzug, um dem Dilemma zu entkommen. Die richtige Lösung ist es nicht, die Gehälter aller von der Streichung bedrohten Stellen summieren sich lediglich auf zwei Prozent des Bundesetats. Der Rentabilitätsgewinn durch Privati- sierung wäre, wenn überhaupt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch das Gerede über die Privatisierung wird für einige Jahre den Anschein aufrechterhalten, die Regierung unternehme etwas gegen das Defizit. Die Öffentlichkeit von dem wahren Ausmaß der Defizite abzulenken ist ganz sicher nur ein zufälliges und sehr willkommenes Nebenpro- dukt, ebenso wie die Möglichkeit, eine der letzten Bastionen der Ge- werkschaften einzunehmen. Karl Rove, einer der engsten Berater von George W. Bush, hat Größeres im Sinn. Vor einigen Monaten verglich er seinen Chef mit Andrew Jackson. So manchem fiel bei dieser Gelegenheit wieder ein, dass Jacksons Amts- zeit unter anderem durch Vetternwirtschaft geprägt war, das heißt, Staatsämter waren seinen politischen Anhängern vorbehalten. Damit

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war seit der Einführung des öffentlichen Dienstes und dem damit ver- bundenen Schutz vor politischer Einflussnahme Schluss, jetzt fand die Regierung endlich einen Weg, diese Hürden zu umgehen. Spekulationen darüber, wie es weitergeht, sind überflüssig, denn Jeb Bush hat bereits deutliche Zeichen gesetzt. Der Gouverneur von Florida hat die Privatisierung aggressiv voran- getrieben, und nach sorgfältiger Ergebnisauswertung stand im Miami

sein kühnes Vorgehen war von Erfolg gekrönt –

zumindest für ihn und die Republikanische Partei, wie die Bilanzen zei- gen. Seine Politik ließ ein Netzwerk an Privatunternehmen aus dem Boden schießen, was ihm, den Republikanern und dem republika- nischen Lager in Florida viele Millionen Wahlkampfspenden ein- brachte.« Interessant an diesem Netzwerk ist nicht, dass großzügige Spenden zufällig mit großen Aufträgen verknüpft sind. Interessant ist, dass damit die traditionelle Unternehmenspraxis ausstirbt, beide Parteien finanziell zu unterstützen, um auf Nummer sicher zu gehen. In Herrn Bushs Florida stehen die Unternehmen auf der Gewinnerseite, die den Demokraten nichts oder nur wenig zukommen lassen. Merkwürdig, oder? Man könnte fast glauben, dass sich Firmen, die mit Florida ins Geschäft kommen wollen, einem Loyalitätstest unterziehen müssen. Soll das heißen, wir fallen in Zustände wie zu Zeiten von Boss Tweed und Mark Hanna zurück? Lieber Himmel, nein! Die waren harmlos. Nicht im Traum wären ihnen die Möglichkeiten eingefallen, die unserer jetzigen Regierung für die Belohnung von Freunden und die Bestrafung von Feinden zur Verfügung stehen. Wie weit lässt sich die neue Vetternwirtschaft ausbauen? In welchem Ausmaß wird sie sich etablieren, um der Regierungspartei den politi- schen Vorsprung zu sichern? Wir werden es bald herausfinden.

Herald zu lesen: »

Kapitel 11

Verschwörungstheorien

Die Skandalschleuder

29. März 2002 Eigentlich schade, dass sich David Brocks Buch Blin- ded by the Right: the Conscience of an Ex-Conservative so ausführlich mit dem Privatleben unserer selbst ernannten Moralapostel beschäftigt. So verkaufsfördernd derartige Geschichten sein mögen, eine wichtige Botschaft könnte dabei untergehen: Die »rechte Verschwörung« ist keine übertriebene Metapher. Es gibt sie, und sie funktioniert wie eine Lobby. Die moderne politische Ökonomie lehrt uns, dass sich kleine, gut organisierte Gruppen gegen das öffentliche Interesse durchsetzen kön- nen. Weil der typische Stahlverbraucher die Zusammenhänge nicht ver- steht, setzte die Stahlindustrie Schutzzölle durch, obwohl die Verluste für die Verbraucher die Gewinne für die Produzenten weit übersteigen. Blinded by the Right deckt auf, dass sich dieselbe Logik auch auf Bereiche jenseits der Ökonomie anwenden lässt. Die Skandalschleuder, für die Brock arbeitete, war im Prinzip eine Interessengruppe, die von einer Handvoll wohlhabender Fanatiker finanziert wird – Männer wie Reverend San Myung Mun, dessen Vereinigungskirche die Washington Times gehört, und Richard Mellon Scaife, großzügiger Sponsor des skandalhungrigen American Spectator und viele andere Unternehmen im rechten Dunstkreis. Die Skandalschleuder arbeitete recht effektiv, da der typische Nachrichtenkonsument die Zusammenhänge auch nicht verstand.

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Gemeinsam erreichte die rechte Lobby, dass die Whitewater-Affäre – eine Fehlinvestition, bei der 200000 Dollar in den Sand gesetzt wur- den – zum Synonym für Skandal wurde, obwohl die 73 Millionen Dol- lar teure Untersuchung auch nach acht Jahren keinerlei Beweise für ein Fehlverhalten der Clintons erbrachte. Man stelle sich nur einmal vor, was die Skandalschleuder mit besser verwertbarem Rohmaterial zu- stande bringen könnte – zum Bespiel mit den definitiv unüblichen Transaktionen des jungen George W. Bush. Doch die Linke kann natürlich mit keiner vergleichbaren Skandal- schleuder aufwarten. Warum eigentlich nicht? Zum einen haben Wut und Hass unter den radikalen Rechten ein Ausmaß erreicht, das sich in der linken Antiglobalisierungsbewegung bestenfalls ansatzweise widerspiegelt. Den Liberalen fehlt nicht nur jede Spur davon, nein, den meisten fehlt sogar der Wille, der Schlechtig- keit unserer heutigen Politik unerschrocken ins Angesicht zu blicken. Außerdem sind Milliardäre naturgemäß eher rechts- als linksradi- kale Fanatiker. Und großzügige Milliardäre, die sich für liberale Ziele einsetzen, sind eher idealistische Weltverbesserer als machtbesessene Politiker. Es ist doch so: Während George Soros großzügig die welt- weite Demokratisierung fördert, unterminiert sie Scaife ebenso großzü- gig im eigenen Land. Und er ist dabei sehr erfolgreich; Schlüsselfiguren des Scaife-Imperi- ums besetzen mittlerweile hohe Ämter in der Bush-Administration. (Und Muns Zeitung ist das offizielle Lieblingsblatt der Regierung.) Die Verbreitung von Skandalen erweist sich als höchst effektive Strategie, denn die Öffentlichkeit und – eigentlich unverzeihlich – die Medien sind leicht davon zu überzeugen, dass es ohne Feuer keinen Rauch gibt. Nie- mand erkennt, dass es in Wirklichkeit nur einige reiche Kerle sind, die vor Wut rauchen. Noch immer sind die Medien unglaublich leicht zu täuschen. Man überlege sich nur einmal, wie hungrig sich alle auf die Lügengeschichten über vandalisierende Clinton-Mitarbeiter stürzten, die bei ihrem Ab- schied alles geplündert haben sollen, was nicht niet- und nagelfest war. Oder die etwas neuere Lüge, Ken Lay hätte des Öfteren im Weißen Haus übernachtet.

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Regelmäßige Leser meiner Kolumne wissen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls Opfer einer kleineren Verleumdungskampagne war, die nach dem typischen Muster gestrickt war: Aus dem rechten Dunstkreis wird das Gerücht in die Welt gesetzt, eine ganz normale

Geschäftsbeziehung hätte etwas Unredliches an sich (in meinem Fall eine Beratertätigkeit für Enron, als ich noch als College-Professor tätig und mit Sicherheit nicht einflussreich genug war, um der Firma einen Gefallen erweisen zu können). Überzeugt davon, dass der Wirbel bedeuten müsse, an der Geschichte wäre etwas dran, stürzten sich die Medien darauf. Und auch wenn erwiesenermaßen keinerlei Gefälligkei- ten zwischen den Beteiligten ausgetauscht wurden, bleibt mir ein Fleck auf der weißen Weste. (»Es ist doch scheinheilig, den Kapitalismus zu kritisieren, wenn er selbst so fleißig mitgemischt hat!«) Nachdem ich Brocks Buch gelesen habe, verstehe ich endlich, was da geschehen ist. Laut Tim Noah von Slate, mit dem ich normalerweise einer Meinung

bin, sagt uns Brock nichts Neues: »Wir wissen

finanzkräftige und radikale Rechte vom Gedanken besessen war, Clin- ton in den Dreck zu ziehen.« Aber wer ist »wir«? Die meisten Menschen wissen es nicht, und außerdem halte ich es für falsch, darüber in der Ver- gangenheit zu sprechen, denn: Eine unerhört finanzkräftige radikale Rechte will auch heute all jene in den Dreck ziehen, die ihre Linie nicht unterstützen. Und leider lassen sich zu viele Journalisten vor deren Kar- ren spannen. Für mich war die Lektüre von Blinded by the Right abstoßend, sie hat mir aber nichtsdestoweniger die Augen geöffnet. Und ich glaube, anderen erging es ebenso.

, dass eine unerhört

Die Wut im Land

23. April 2002 Ein linksliberaler Kandidat bewirbt sich um das Amt des Präsidenten. Man sollte eigentlich glauben, der Sieg wäre ihm so gut wie sicher, denn seine Partei regierte das Land mit großem Erfolg:

niedrige Arbeitslosigkeit, der Wirtschaft geht es wieder besser, die Ten-

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denz ist steigend; der üble Nachgeschmack, den die vorherige Regie- rung hinterlassen hatte, ist verschwunden. Aber es läuft alles schief. Seine gemäßigte Linie wird ihm zum Ver- hängnis; Kandidaten des linken Flügels, die keinerlei Aussichten auf den Sieg haben und Politik lediglich als Bühne betrachten, denunzieren ihn ob seiner pro-kapitalistischen Haltung und entziehen ihm damit wichtige Stimmen. Obwohl alles darauf hindeutet, dass der Kandidat ein anständiger Mensch ist, fehlt ihm die wichtige Gabe, sich gut ver- kaufen zu können. Kritiker monieren, er sei »schulmeisterhaft« und wirke auf viele Wähler »herablassend und humorlos«. Zu allem Über- fluss herrscht in den Reihen der gemäßigten Mitte Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit; sie betrachten die Wahl als schon gewonnen oder glauben, dass sich sowieso kaum etwas ändern wird, egal wie die Wahl ausgeht. Das Ergebnis ist ein überwältigender Sieg für die radikale Rechte. Im Großen und Ganzen sind die Bürger im Land zwar tolerant und offen, doch gibt es da einen radikalen Kern aus vielleicht 20 Prozent der Wäh- lerschaft, der selbst in guten Zeiten große Wut im Bauch verspürt. Und aufgrund der Besonderheiten des Wahlsystems setzt sich diese rechte Minderheit durch, obwohl die Mehrheit der Wähler für die gemäßigte Linke gestimmt hat. Falls Sie sich nun an Gores Wahlkampf im Jahre 2000 erinnert füh- len: gut, das ist durchaus beabsichtigt. Doch es ging um die schockie- renden Wahlergebnisse in Frankreich von letztem Sonntag, bei denen der amtierende Premierminister Lionel Jospin gegen Jean-Marie Le Pen verlor. Vor nicht allzu langer Zeit galt der Rechtsradikale als zu ver- nachlässigender Faktor. Nun feiert er einen triumphalen Sieg. Wie meinen Lesern sicherlich aufgefallen ist, gibt es Parallelen zwi- schen dem Erdbeben, das die politische Landschaft in Frankreich erschüttert hat, und der Entwicklung in Amerika. Ich möchte darauf eingehen, bevor ich den großen Unterschied bespreche. Die Wahl in Frankreich hat gezeigt, dass es dort ebenso viele wütende Bürger wie in den Vereinigten Staaten gibt. Die Mehrheit ist das nicht, denn Le Pen erhielt nur ungefähr 17 Prozent der Stimmen, weniger also als Ross Perot 1992 in den USA. Doch Wut ist ein nicht zu unterschät-

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zender Motivationsfaktor, und wenn sich die gemäßigte Mitte blind auf die Toleranz der Gesellschaft verlässt, kann die radikale Rechte einen Einfluss ausüben, der in keinem Verhältnis zu ihrer zahlenmäßigen Stärke steht. Worüber sind diese wütenden Bürger eigentlich so wütend? Nicht über die Wirtschaftlage, so viel steht fest. Bill Clinton und Lionel Jospin konnten die Wut der Rechten auch mit Frieden und Wohlstand nicht besänftigen. Es scheint vielmehr um traditionelle Werte zu gehen. In unserem Land führen die wütenden Rechten einen Kreuzzug gegen die gottlosen Liberalen; in Frankreich richtet sich die Wut gegen die Im- migranten. In beiden Fällen scheint es die Angst zu sein, sicheren Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie schürt die Wut. Der wütende Mob sehnt sich nach den guten, alten Zeiten zurück, in denen es noch nicht einmal den Begriff der multikulturellen Vielfalt gab. In beiden Fällen ist die wütende Minderheit einflussreicher, als ihre zahlenmäßige Stärke vermuten ließe, weil die Linken immer schwächer und die Gemäßigten immer apathischer werden. Al Gore verlor Stim- men an Ralph Nader, Lionel Jospin an alberne Linksaktivisten (zehn Prozent der Stimmen entfielen auf zwei Trotzkisten), und beide wurden von einer selbstgefälligen Mitte verspottet und ignoriert. Nun zum Unterschied: Le Pen ist ein politischer Außenseiter. Sein Wahlerfolg vom Sonntag bringt ihn zwar in die zweite Runde des Wahl- gangs, doch keiner glaubt im Ernst daran, dass er Frankreichs neuer Präsident wird und seine rechtsradikalen Vorstellungen in absehbarer Zukunft in die Tat umsetzen kann. In den Vereinigten Staaten rekrutieren sich die Republikaner dage- gen aus der radikalen Rechten – oder ist es umgekehrt? Hier können jene, die ähnlich radikale Ansichten wie Le Pen vertreten, diese durch- aus in die Tat umsetzen. Nehmen wir zum Beispiel Tom DeLay, Mehrheitsführer im Reprä- sentantenhaus. Letzte Woche verkündete DeLay, er sei von Gott beauf- tragt, ein »bibeltreues Weltbild« zu verbreiten, und er habe das Amts- enthebungsverfahren gegen Bill Clinton auch deshalb vorangetrieben, weil Clinton »die falsche Weltanschauung« vertrat. Gut, seltsame Poli- tiker gibt es wohl überall. Doch DeLay ist immerhin Mehrheitsführer

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im Repräsentantenhaus und, darin sind sich die meisten Beobachter einig, die treibende Kraft hinter Sprecher Dennis Hastert. Justizminister John Ashcroft sollte man auch nicht vergessen. Die Wahlen in Frankreich haben enthüllt, dass wir mit den Franzo- sen mehr gemein haben, als uns lieb ist. Hier wie dort brodelt viel irra- tionale Wut, sobald man am Lack der politischen Fassade kratzt. Nur sind die wütenden Leute bei uns bereits an der Macht.

In media res

29. November 2002 Al Gore erzählte dem New York Observer diese Woche nur, was offensichtlich ist. »Politik wird in den Medien heutzutage sehr eigenartig besprochen«, stellte er fest, »und einige der ganz großen Sender sind, will man es einmal auf den Punkt bringen, Sprachrohr der Republikanischen Partei.« Die meisten Reporter der »liberalen Medien« reagierten darauf mit beschämtem Schweigen. Ich weiß zwar nicht genau warum, aber es schickt sich eben nicht, gewisse Dinge auszusprechen, besonders wenn sie so offensichtlich der Wahrheit entsprechen. Die politische Färbung von Fox News, um das wichtigste Beispiel vorab zu nennen, ist nun wirklich kein Geheimnis. Roger Ailes, Chef bei Fox, ist gleichzeitig Berater der Regierung Bush. Brit Hume von Fox rühmt sich sogar damit, erheblich zum Ergebnis der Zwischenwahlen beigetragen zu haben. »Das ist unserer Berichterstattung zu verdan- ken«, sagte er Don Imus. »Die Zuschauer lassen sich bei ihrer Entschei- dung von uns leiten. Man sollte den Einfluss von Fox News nicht unter- schätzen.« (Vielleicht wollte Hume mit seiner Bemerkung ja nur einen kleinen Scherz machen, doch man stelle sich bitte die Empörung vor, hätten die Demokraten gewonnen und Dan Rather hätte dasselbe behauptet.) Ich will in der heutigen Kolumne jedoch nicht über Fox herziehen. Mir brennt eine schwerwiegendere Frage auf der Seele: Verhindert das Gewinnstreben der Medien bald jegliche objektive Berichterstattung?

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Die letzten 50 Jahre war man sich der Gefahr bewusst, die von einer Manipulation durch die Medien ausgeht. Schließlich gab es nur drei nationale Sender, eine begrenzte Anzahl von Rundfunklizenzen und in den meisten Städten nur eine oder zwei Tageszeitungen. Wie konnte man sicherstellen, dass die Verantwortlichen ihre Macht nicht dazu missbrauchen, Nachrichten selektiv zu verbreiten? Die Lösung bestand aus einer Kombination von offiziellen Verord- nungen und inoffiziellen Richtlinien. Die »Fairness-Doktrin« schrieb den Medien vor, gegensätzliche Standpunkte gleichberechtigt vorzustel- len. Kartellrechtliche Beschränkungen stellten Meinungsvielfalt sicher. Zudem wurde von den großen Nachrichtenagenturen so viel Professio- nalität erwartet, um klar zwischen Meinung und Bericht zu unterschei- den und sich vor keinen Karren spannen zu lassen. Zugegeben, das Sys- tem funktionierte nicht immer, doch immerhin setzte es Grenzen. Seit 15 Jahren verlieren die Kontrollen immer mehr an Biss. Die »Fairness-Doktrin« fiel 1987. Kartellrechtliche Restriktionen wurden kontinuierlich gelockert, und die Telekommunikations- und Medien- aufsichtsbehörde FCC wird nächstes Jahr wahrscheinlich weitere Beschränkungen aufheben und sehr wahrscheinlich zulassen, dass sich die großen Sendeanstalten gegenseitig aufkaufen. Auch die inoffizielle Richtlinie, unparteilich zu berichten, ist außer Kraft – zumindest dann, wenn man für die Republikaner Partei ergreift. Die FCC hält die bisherigen Verordnungen für veraltet, da sich der Markt stark verändert hat. Offiziell heißt es, die Notwendigkeit öffent- licher Regulierungsmaßnahmen habe sich mit den neuen Medien – Kabelfernsehen und Internet – erübrigt, da der Öffentlichkeit nun uner- schöpfliche Informationsquellen zur Verfügung stünden. Stimmt das? Das Kabelfernsehen bietet eine riesige Auswahl an Unterhaltung an, das Spektrum an Informations- und Nachrichtensen- dungen hat es nicht erweitert. Gut, es gibt inzwischen fünf statt drei reine Nachrichtensender, doch wird dieser Zuwachs durch andere Ent- wicklungen mehr als aufgehoben: Zeitungen, Zeitschriften und Maga- zine setzen ihre Talfahrt fort, und die fünf Nachrichtensender sind Ableger riesiger Mischkonzerne: Im Grunde informiert uns die AOL Time Warner General Electric Disney Westinghouse News Corp.

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Das Internet ist eine feine Sache. Wer will, kann Nachrichten aus aller Welt lesen und sich rundum informieren. Doch wer will das schon? Die wenigsten US-Bürger bringen die Zeit und das Interesse auf, engli- sche oder kanadische Zeitungen zu lesen oder sich politische Facharti- kel herunterzuladen. Realistisch betrachtet hat das Internet der Mei- nungsmache unserer fünf großen Sender wenig entgegenzusetzen. Kurzum, so, wie die Dinge liegen, sind Interessenkonflikte vorpro- grammiert. Die paar Medienkonzerne, die uns mit Nachrichten füttern, sind auf Profit aus, was sie unweigerlich in Versuchung führt, subjektiv zu berichten und sich den Interessen der Regierungspartei unterzuord- nen. Es gibt bereits einige sonderbare Beispiele für Nachrichten, die einfach totgeschwiegen werden. Über die Antikriegsdemonstration in Washington – zweifellos ein wichtiges Ereignis, wie immer man dazu stehen mag –, bei der letzten Monat hunderttausend Menschen auf die Straße gingen, berichteten einige Sendern nicht. Ein Fünkchen Anstand und die alten Verordnungen verhindern noch, dass Medien offen Partei ergreifen. Doch schon bald werden die alten Verordnungen außer Kraft gesetzt, und was den Anstand betrifft wir können dabei zusehen, wie er schwindet. Gefährden Interessenkonflikte der Medienkonzerne die Demokra- tie? Sie haben meinen Artikel gelesen, entscheiden müssen Sie.

Die Kontinente trennen Welten

18. Februar 2003 Die plötzliche Abkühlung der amerikanisch- europäischen Beziehungen ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Es werden kulturelle und historische Unterschiede diskutiert, doch ein Thema vermisse ich in der bisherigen Debatte: In Europa sieht man die Welt mit anderen Augen, weil man dort andere Informationen be- kommt als in Amerika. Sehen wir uns das genauer an. Viele Amerikaner schieben Frankreich die Schuld für die Abkühlung der transatlantischen Beziehungen in die Schuhe. Ein Boykott französischer Produkte ist im Gespräch.

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Aber Frankreich steht mit seiner Haltung nicht allein. Die Massende- monstrationen von letztem Samstag bestätigen nur, was Umfragen längst gezeigt haben: Die Regierung Bush gilt nicht als vertrauenswür- dig, und die europäischen Staatsoberhäupter stehen dem Irak-Krieg äußerst skeptisch gegenüber, selbst wenn sie ihn prinzipiell für gerecht- fertigt halten. Fakt ist, dass die größten Demonstrationen in den Län- dern stattfanden, die als Bushs Verbündete gelten. Auch in Amerika gab es große Demonstrationen. Aber in Europa hat das Misstrauen gegen die Vereinigten Staaten inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass selbst die Briten, unsere engsten Verbündeten, die USA laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage als gefährlichste Nation der Welt einstufen – vor Nordkorea und dem Irak. Warum sieht man in anderen Ländern die Welt anders als in Ame- rika? Art und Umfang der Berichterstattung spielen dabei eine erhebli- che Rolle. Der internationale Vergleich kommt in Eric Altermans neuem Buch What Liberal Media? etwas kurz, doch schon die Unter- schiede in der amerikanischen und europäischen Berichterstattung stüt- zen seine Aussage. Im Vergleich zu ihren europäischen Gegenstücken kann man die so genannten liberalen US-Medien nur als erzkonserva- tiv – und im aktuellen Fall als kriegstreiberisch – bezeichnen. Im Print-Bereich ist der Unterschied vorhanden, aber nicht so gravie- rend. Offenbar beschreiben die großen amerikanischen und englischen Zeitungen zumindest dieselbe Realität. Für die meisten Menschen ist aber das Fernsehen die wichtigste Nachrichtenquelle – und hier ist der Unterschied gewaltig. Die Berichte über die Antikriegsdemonstrationen am Samstag zeigten, dass zwi- schen den Beiträgen aus Amerika und dem Rest der Welt im wahrsten Sinn des Wortes Welten liegen. Wer bei uns am Samstag die Nachrichten einschaltete, sah und hörte Folgendes: Fox titulierte die Demonstranten in New York als »die üb- lichen Demonstranten« oder »Berufsdemonstranten«. CNN äußerte sich nicht ganz so abfällig, doch am Sonntag prangte folgende Schlag- zeile auf der Website des Senders: »Irak hoch erfreut über Antikriegsde- monstrationen« – darunter Bilder von Demonstranten in Bagdad, nicht in London oder New York.

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Die Protestkundgebungen in aller Welt werden also ganz anders dar- gestellt, und doch passt die amerikanische Berichterstattung ins Bild. Die zwei großen US-Sender behandeln eine amerikanische Invasion im Irak seit Monaten als unumstößliche Tatsache und betrachten es als ihre Pflicht, das amerikanische Volk mit ihren Mitteln auf den Krieg vorzubereiten. Es überrascht nicht sonderlich, dass das Zielpublikum das irakische Regime und Al Kaida in einen Topf wirft. Laut Umfragen glaubt die Mehrheit der Amerikaner, die meisten – wenn nicht gar alle – Attentäter des 11. September wären Iraker gewesen. Viele glauben sogar, Saddam Hussein persönlich hätte seine Hände im Spiel gehabt, eine Vermutung, die noch nicht einmal die Regierung Bush geäußert hat. Und da viele Amerikaner so von der Notwendigkeit eines Krieges gegen Saddam überzeugt sind, halten sie die Europäer, die sich nicht einreihen wollen, für Feiglinge. Die Europäer wiederum, die im Fernsehen nicht dasselbe zu sehen bekommen wie wir, wundern sich, weshalb gerade der Irak – nicht Nordkorea oder überhaupt Al Kaida – zum neuen Hassobjekt der ame- rikanischen Außenpolitik wurde. Aus diesem Grund werden die amerikanischen Motive so kritisch hinterfragt und der Verdacht geäußert, es gehe um Öl oder darum, sich publikumswirksam auf einen Feind zu stürzen, der auch tatsäch- lich besiegt werden kann. In Europa gilt das »Nein« zum Irak-Krieg nicht als Akt der Feigheit. Ganz im Gegenteil, es gilt als Zeichen des Muts, sich von der Regierung Bush nicht herumkommandieren zu lassen. Mir fallen zwei mögliche Erklärungen ein, weshalb die Medien der alten und neuen Welt buchstäblich Welten trennen. Entweder könnte in Europa ein so anti-amerikanisches Klima herrschen, dass sämtliche Medien die Tatsachen verzerrt wiedergeben – sogar im Vereinigten Königreich, in dem sowohl Regierungs- als auch Oppositionsparteien hinter Bush und dem Irak-Krieg stehen. Oder einige amerikanische Nachrichtenagenturen könnten es vorziehen, den Krieg zu verkaufen, statt objektiv über ihn zu berichten. Dann müssten sie nämlich die Legi- timität dieses Krieges hinterfragen – und das wäre unklug in einem poli-

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tischen Klima, in dem Patriotismus und Einverständnis mit der ameri- kanischen Außenpolitik so vehement eingefordert werden. Welche Erklärung ist wohl die richtige? Sie haben meinen Artikel gelesen, entscheiden müssen Sie.

Einflusskanäle

25. März 2003 Im Großen und Ganzen haben wesentlich mehr Menschen gegen den Krieg demonstriert als für den Krieg, dafür ging es auf Pro-Kriegsdemonstrationen wesentlich kriegerischer zu: Nachdem Natalie Maines, Sängerin der Dixie Chicks, Kritik an Präsident Bush geäußert hatte, versammelte sich in Louisiana eine aufgebrachte Men- ge, um Fanartikel, CDs und Bänder der Gruppe von einem schweren Traktor in Grund und Boden stampfen zu lassen. Wer mit der europäi- schen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts vertraut ist, dem kam

das vielleicht entfernt bekannt vor

Sinclair Lewis’ Roman? Er veröffentlichte 1935 Das ist bei uns nicht möglich – wirklich nicht? Wer veranstaltet eigentlich Pro-Kriegsdemonstrationen? Es sind Schlüsselfiguren der Rundfunkanstalten, mit guten Beziehungen zur Regierung Bush, wie sich herausstellt. Die CD-Zerstörungsorgie wurde von KRMD organisiert, einem Radiosender, der zu Cumulus Media Inc. gehört und die Dixie Chicks aus seinem Programm verbannt hat. Die meisten Pro-Kriegsdemonstra- tionen wurden jedoch von Sendern organisiert, die Clear Channel Communcations gehören, einem riesigen Medienkonzern mit Sitz in San Antonio, der bereits mehr als 1200 Radiostationen kontrolliert und den Äther bald ganz erobert haben wird. Laut Aussage des Konzerns finden die unter dem Motto »Rally for America« organisierten Demonstrationen auf Eigeninitiative der ein- zelnen Radiostationen statt, doch das ist äußerst unwahrscheinlich. Von Eric Boehlert, der im Magazin Salon schon mehrere höchst auf- schlussreiche Artikel über Clear Channel veröffentlicht hat, wissen wir,

Wie hieß doch gleich der Titel von

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dass der Konzern dafür berüchtigt – und verhasst – ist, seine Stationen mit eiserner Hand zu führen. Bislang geriet Clear Channel nur für seine Geschäftspraktiken ins Kreuzfeuer der Kritik. Der mächtige Konzern soll Aufnahmestudios und Künstler bis aufs Blut schröpfen und mitverantwortlich dafür sein, dass immer mehr Sendungen zensiert zu sein scheinen. Neuerdings scheint der Konzern seine Macht dafür zu missbrauchen, einen politi- schen Disput, der die Nation in zwei Lager spaltet, zugunsten einer Seite zu beeinflussen. Weshalb sollte sich ein Medienkonzern politisch so stark engagie- ren? Vielleicht, weil die Konzernführung damit ihre persönliche Ein- stellung ausdrücken möchte. Allerdings hat Clear Channel – erst nach der Reform des Telecommunications Act 1996 zu überdimensionaler Größe angewachsen – gute Gründe, sich bei der Regierung lieb Kind zu machen. Einerseits wird der Konzern beschuldigt, er drohe Musikern mit der Kürzung ihrer Sendezeit, wenn sie sich nicht von der konzernei- genen Konzertagentur verpflichten ließen, und es gibt sogar einige Poli- tiker, die das ungebändigte Wachstum von Clear Channel per Gesetz wieder zu bremsen beabsichtigen. Andererseits zieht die FCC weitere Deregulierungsmaßnahmen in Betracht, was Clear Channel nicht nur weiteres Wachstum, sondern auch die Eroberung des Fernsehens ermöglichen würde. Oder ist das »quid pro quo« viel simpler gestrickt? Nachdem der Konzern als Organisator der Pro-Kriegsdemonstrationen entlarvt wurde, entfuhr erfahrenen Bushologen ein kollektives »Aha!«. Kon- zernspitze und Bush verbindet eine lange Geschichte. Vizepräsident von Clear Channel ist Tom Hicks, dessen Name den regelmäßigen Lesern meiner Kolumne bekannt sein dürfte. Als Bush Gouverneur von Texas war, leitete Hicks die Investment Management Company der Universi- tät von Texas, Utimco. Und der jetzige Präsident von Clear Channel, Lowry Mays, saß im Utimco-Aufsichtsrat. Unter der Führung von Hicks floss ein großer Teil der Universitätsgelder für Utimco in die Hände von Unternehmen, die der republikanischen Partei oder der Familie Bush treu ergeben waren. 1998 kaufte Hicks die Texas Rangers und machte Bush zum Multimillionär.

Verschwörungstheorien

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Irgendetwas geht hier vor. Es zeichnet sich erst undeutlich ab, aber ich bin mir fast sicher, dass die amerikanische Oligarchie vor unseren Augen ihre nächste Entwicklungsstufe erreicht. Jonathan Chait schrieb im New Republic sehr treffend, unter Bush würden Politik und Wirt- schaft zu einer harmonischen Einheit verschmelzen. Geschäftsinteres- sen bestimmen so gut wie jeden Aspekt der amerikanischen Innenpoli- tik. Unzählige Posten der mittleren Verwaltungsebene werden mit Per- sonen besetzt, die sich nun amtlich um Industriezweige kümmern sol- len, in denen sie einst arbeiteten – eigentlich klar, dass es sich um ein bilaterales Gefälligkeitssystem handelt. Wenn sich Spitzenpolitiker gegenüber parteifreundlichen Unternehmen erkenntlich zeigen, ist es doch nur recht und billig, dass Spitzenmanager sich mit kleinen Gefäl- ligkeiten bedanken. Zum Beispiel mit der Organisation von Demons- trationen, in denen »die Basis« zugunsten der Regierung Partei ergreift. Nur das Fehlen von scharfen Wachhunden ermöglicht dies. Zu Clin- tons Zeiten wurde beim leisesten Verdacht ein Riesentamtam veranstal- tet. Heutzutage stürzen sich die Skandalblätter lieber auf Journalisten, die unliebsame Fragen stellen. Aber gut, es ist Krieg, und im Krieg ist schließlich alles erlaubt.

TEIL

IV

Wenn Märkte versagen

Mit Ökonomie wenig vertraute Menschen glauben die Wirtschaftswis- senschaftler in zwei unversöhnliche Lager aufgespalten: In dem einen tummeln sich die konservativen Verfechter der freien Marktwirtschaft, die den Markt sich selbst überlassen wollen. In dem anderen findet man die Anhänger der in Amerika liberal genannten Schule, die für staatli- che Regulierung plädieren. Doch zwischen den Ökonomen gibt es weniger Streitpunkte als gemeinhin angenommen. Besonders die liberal angehauchten Ökonomen, zu denen ich gehöre, haben großen Respekt vor der Dynamik der freien Marktwirtschaft. Respekt haben heißt aber nicht, vor dem Markt kritiklos zu dienern. Er ist keineswegs unfehlbar, was in den letzten Jahren des Öfteren zu beobachten war und zum Teil verheerende Folgen hatte. Kapitel 12 beschäftigt sich mit der Energiekrise in Kalifornien in den Jahren 2000 und 2001. Die Öffnung des Energiemarktes erwies sich als Katastrophe, wobei die Ursache jedoch aufgrund der gängigen Vorur- teile über den Segen der Marktwirtschaft verborgen blieb. Viele Men- schen – insbesondere die Elite unserer Wirtschaftsexperten – glauben mit einer beinahe religiös angehauchten Ehrfurcht daran, dass die freie Marktwirtschaft alle Probleme lösen kann, die staatliche Wirtschafts- lenkung hingegen nur Probleme verursacht. Als in Kalifornien die Ener- giepreise in schwindelerregende Höhen schossen und Stromausfälle zur Tagesordnung gehörten, wurde das Thema ganz selbstverständlich als eines behandelt, das die Regierung oder die »schlecht« durchgeführte Deregulierung zu verantworten hatte (wobei nie erklärt wurde, was

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Der große Ausverkauf

konkret falsch gelaufen wäre). Und natürlich waren die Umweltschüt- zer schuld, weil sie die Energieversorger angeblich am Ausbau ihrer Kapazitäten gehindert hatten. Ich beschloss, mich unvoreingenommen mit dem Thema zu beschäf- tigen, zum Glück verfüge ich ja über den notwendigen fachlichen Hin- tergrund. Es stellte sich bald heraus, dass die kalifornische Katastrophe nicht auf mangelnde Kapazitäten zurückzuführen war, sondern auf eine Marktmanipulation durch Stromproduzenten und -lieferanten. Zuerst stand ich mit meinen Anschuldigungen ziemlich allein da. Die Beweiskette war zwar schlüssig, ließ sich aber nicht konkret belegen. Außerdem widersprach sie der herrschenden Meinung. Dann kamen Beweise zutage, die sogar Laien überzeugten: Memos mit detaillierten Manipulationsstrategien, Mitschnitte von Gesprächen, in denen Ener- gieunternehmen den Kraftwerksbetreibern Abschaltungen anordneten. An diesem Punkt wurde klar, dass der Energiemarkt am helllichten Tag geplündert worden war – mit einer Dreistigkeit, die kaum jemand glau- ben konnte oder wollte. Wofür es keinerlei Beweise gab und was dennoch vielen glaubwürdig erschien, war die Behauptung, die Umweltschützer seien für die Ener- giekrise verantwortlich. Warum eigentlich? Weil ein gängiges Vorurteil besagt, freie Marktwirtschaft und Umweltschutz seien unvereinbar. Selten sind sich radikale Umweltschützer und radikale Kapitalisten so einig wie in diesem Punkt, doch sie täuschen sich. Die Volkswirtschafts- lehre nennt gute Gründe, die Umwelt zu schützen, denn Ausgaben für Umweltschäden sind ebenso real wie konventionellere Kostenfaktoren. Wirtschaftswissenschaftler, ich eingeschlossen, kritisieren unsere aktu- elle Umweltschutzpolitik natürlich des Öfteren, doch die Kritik richtet sich eher auf die Mittel als auf den Zweck. Weniger staatliche Wirt- schaftslenkung ist nicht gleichbedeutend mit weniger Umweltschutz. Die amerikanische Regierung ist hauptsächlich an Deregulierungs- maßnahmen auf allen Ebenen interessiert, worüber auch gelegentliche Debatten über eine bessere Umweltpolitik nicht hinwegtäuschen kön- nen. Gerade die Regierung Bush stellt sich in auffälliger Weise gegen den Umweltschutz, was daran liegen könnte, dass so viele ihrer Mitglie- der – und Wahlkampfsponsoren – aus der Öl-, Kohle- und Holzindus-

Wenn Märkte versagen