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J U L I

2 011

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WIRTSCHAFT

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Alles beim Alten in Athen

Auch die neuen Milliarden lösen Griechenlands Schuldenprobleme nicht. Denn die Wirtschaft bleibt leistungsschwach. Die Staatsausgaben sind zu hoch, die Politiker reformunwillig

GROSSES POTENZIAL

Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens binnen zehn Jahren bei umfassenden Strukturreformen, laut OECD in Prozent

Belgien Griechenland Japan Frankreich Spanien Italien Portugal Russland Deutschland Indien Brasilien Türkei
Belgien
Griechenland
Japan
Frankreich
Spanien
Italien
Portugal
Russland
Deutschland
Indien
Brasilien
Türkei
Großbritannien
Niederlande
USA
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Dänemark
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QUELLE: OECD

T Nur ein drastischer Schuldenschnitt und entschlossene Reformen können Griechenlands Wirtschaft auf Wachstumskurs bringen. Sonst sind die Hilfen der Euro-Partner verpulvertes Geld

FLORIAN HASSEL

G riechenlands Regie- rungschef Giorgos Papandreou war er- leichtert. Die Ent- scheidungen von Brüssel, wo die Staats- und Regie-

rungschefs der Euro-Zone Athen neue Milliardenkredite mit längerer Laufzeit und niedrigeren Zinsen genehmigten und private Banken sich zu einer Teil- umschuldung bereit erklärten, „garantie- ren die Tragfähigkeit der griechischen Schulden“ , freute sich der Premier. Genau das aber ist unwahrscheinlich. Zwar bekommt Griechenland weitere

Milliardenkredite und statt einiger Jahre mehrere Jahrzehnte Zeit für die Rück- zahlung. Die Höhe seiner Gesamtschul- den von jetzt mehr als 360 Milliarden Euro (160 Prozent der Wirtschaftsleis- tung) aber wird kaum verringert. Dem internationalen Bankenverband IIF zufolge wird der Nettowert ausste- hender griechischer Staatsanleihen um gut ein Fünftel verringert. Heraus kommt eine Verringerung der heutigen Schuldenlast auf 136 Prozent. Das ist weit entfernt von der Forderung etwa der deutschen Wirtschaftsweisen, die Verschuldung auf 106 Prozent einer Jah- reswirtschaftsleistung zu bringen. Wobei selbst dieser Wert historischen Erfah- rungen zufolge noch zu hoch wäre. Denn von einer Grenze von rund 90 Prozent an knickt das Wirtschaftswachstum re- gelmäßig ein – mit der Folge, dass eine Schuldenspirale entstehen kann. Griechenlands Wirtschaft muss Öko- nomen zufolge jährlich um drei Prozent wachsen, will es Schulden bedienen und seine hohe Arbeitslosenrate abbauen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Noch geht die Talfahrt beschleunigt wei- ter. Das Athener Zentrum für Planung und Wirtschaftsforschung (KEPE) rechnet für 2011 mit einem Schrumpfen der Wirtschaft von 4,4 Prozent.

Gelingt keine Trendwen- de, bleibt der Schuldenberg hoch – was früher oder spä- ter in Griechenland die For- derung populär werden las-

sen dürfte, die Zahlungsunfä- higkeit zu erklären und aus der Eurozone auszutreten. Das Kalkül dabei:

Mit einer wieder eingeführten, stark ab- wertenden Drachme würden griechische Produkte und sein Tourismus schlagar- tig billiger. Ein Austritt nur aus der Eurozone ist im EU-Vertrag allerdings nicht vorgese- hen. Artikel 50 sieht lediglich vor, dass ein Staat den Austritt aus der gesamten Europäischen Union beantragen kann:

Erst wird die Auflösung gerade wirt- schaftlicher Verpflichtungen ausgehan- delt, danach müssen das Europäische Parlament und die Regierungen der EU-Länder zustimmen. Ein solcher Pro- zess würde mindestens Monate dauern – in der Zwischenzeit würden die Grie- chen erst einmal ihre Banken stürmen und ihre noch auf Euro lautenden Konten räumen. Gewiss: Eine Regierung, die es leid ist, dass in Athen Brüssel und Washington das Sagen haben, könnte den EU-Vertrag brechen und schnell handeln. „Die Re- gierung schließt die Banken für eine Wo- che und verstaatlicht sie, führt die Drachme wieder ein und stellt die Bedie- nung aller Staatsschulden ein“, umreißt der Ökonom Costas Lapavitsas ein sol- ches Szenario. „Danach verhandelt eine Schuldenkommission mit den internati- onalen Gläubigern, wann welche Schul- den bezahlt werden. Wir brauchen einen Staatsbankrott nach dem Vorbild von Argentinien. Mit der stark abwertenden Drachme gewinnen wir Wettbewerbs- fähigkeit zurück.“ Das Beispiel Argentinien ist beliebt in Athen. Schließlich legte das südamerika- nische Land nach der Einstellung seines Schuldendienstes 2002 und einer drasti- schen Abwertung ab 2003 ein beeindru- ckendes Wachstum hin. 2010 betrug das Plus gut neun Prozent; auch in diesem Jahr wächst die Wirtschaft stark. Doch

ein damaliger Hauptakteur in Buenos Ai- res, der damalige Finanzminister Do- mingo Cavallo, warnt die Griechen vor der Rückkehr zur Drachme und einem Zahlungsstopp. Argentinien habe sich „nicht wegen der Abwertung erholt“, sondern schlicht Glück gehabt – vor allem dank explodie- render Preise für argentinische Export- produkte. Der Preis für Soja etwa stieg von 120 Dollar für eine Tonne auf mehr als 500 Dollar. Zudem liege die Inflati- onsrate mit dem nicht mehr an den Dol- lar gebundenen Peso heute bei jährlich 25 Prozent, schrieb Cavallo jüngst in ei- nem Aufsatz. Und Athens heutige Pro- duktivität und Konkurrenzfähigkeit sei viel niedriger als die von Argentinien schon vor der Abwertung. Griechenlands Minus im Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland sei fünf Mal größer als das von Argentinien. Würde Griechenland Schulden nicht mehr bedienen und aus dem Euro aus- treten, würde kein Investor Athen neuen Kredit geben. Doch um sich selbst zu fi- nanzieren, nimmt der griechische Fi- nanzminister zu wenig ein, und er gibt zu viel aus. Das wäre selbst ohne Schul-

dendienst noch so. Dem Finanzministe- rium zufolge betrug Griechenlands Haushaltsdefizit allein von Januar bis Ju- ni 12,75 Milliarden Euro, fast sechs Pro- zent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Der Schuldendienst war daran mit sie- ben Milliarden Euro beteiligt. Die Löcher im griechischen Staats- haushalt würden also durch eine Einstel- lung des Schuldendienstes und eine neue, alte Drachme nicht gestopft. Im Gegenteil, Athen müsste zunächst weite- re Milliarden zur Rettung bankrotter Banken oder Rentenversicherungen aus- geben. Statt zu einem radikalen Schritt rät Cavallo den Griechen, beim Euro zu bleiben und eine Minderung der Schul- den auszuhandeln. Vor allem aber müsse Athen etliche „notwendige fiskalische und strukturelle Reformen“ durchfüh- ren, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Dies wird ein weiter Weg. Viele grie- chische Produkte und Dienstleistungen sind zu teuer, die Arbeitskosten hoch, die Produktivität der OECD zufolge fast 40 Prozent niedriger als etwa in Deutschland. Dazu kommt ein riesiger, überbezahlter Apparat aus Beamten und verlustbringenden Staatsfirmen; eine erstickende Bürokratie und ge- ringe Innovationskraft; ein

rückständiges Bildungswesen, eine langsame Justiz – und als Folge von alledem kaum Investitionen ausländischer Unternehmen. Umso größer ist das Poten-

zial von Reformen. Einer OECD- Studie zufolge könnte Griechenland unter 36 Ländern nach Belgien am stärksten von Reformen profitieren. Das Pro-Kopf-Einkommen könnte durch ein umfassendes Paket von Strukturrefor- men binnen fünf Jahren um acht Pro- zent und binnen zehn Jahren sogar um 18 Prozent steigen. Das wäre freilich immer noch zu we- nig, um das Haushaltsdefizit – in diesem Jahr je nach Szenario zwischen 7,5 und mehr als zehn Prozent – einschneidend zu verringern. Dafür müsste Athen end- lich massiv Ausgaben kürzen: Stattdes- sen stiegen diese trotz drastisch zurück- gehender Steuereinnahmen von Januar bis Juni im Vergleich zum Vorjahr um knapp neun Prozent. „Unsere Kreditgeber der Euroländer und des Internationalen Währungsfonds haben mitten in der Krise bei der Regie- rung Papandreou auf einer absurden Er- höhung von Steuern bestanden, die oh- nehin nicht eingetrieben werden, aber nicht auf einem drastischen Einschnitt bei den Staatsausgaben“, kritisiert der langjährige Parlamentarier und Minister Andreas Andrianopoulos. Auch der ehe- malige Finanzminister Stefanos Manos sagt, Griechenland könne seine Finan- zen nur sanieren, wenn „wir endlich die Verschwendung im Staatsapparat stop- pen, Staatseigentum verkaufen und die notwendigen Strukturreformen durch- führen. Die Regierung von Giorgios Pa- pandreou hat nicht eine dieser Aufgaben wirklich angepackt.“ Dass die beiden konservativen, doch als unabhängig bekannten früheren Mi- nister die sozialistische Papandreou-Re- gierung kritisieren, wundert nicht. Doch auch der konservative Oppositionsfüh- rer und potenzielle Regierungschef An- tonis Samaras kommt nicht besser weg. „Samaras lehnt Entlassungen von Staats- dienern ab, sagt nicht, wo er sparen will

und ist gegen viele notwendige Struktur- reformen. Das ist ein desaströses Re- zept“, glaubt Andreas Andrianopoulos. Auch Stefanos Manos hält „weder Pa- pandreou noch Samaras für willig und fähig, notwendige Reformen gegen Wi- derstände durchzusetzen“. Außerdem bräuchte selbst eine ent- schlossene Regierung für den notwendi-

gen Spar- und Reformkurs ein starkes politisches Mandat. Doch nach einer ak- tuellen Umfrage des Meinungsfor- schungsinstitutes Public Issue würden sieben von zehn Griechen weder einer sozialistischen noch einer konservativen Regierung vertrauen. Und wenn heute gewählt würde, ginge jeder vierte Grie- che gar nicht zur Wahlurne.

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ginge jeder vierte Grie- che gar nicht zur Wahlurne. ANZEIGE WIEDER LEGEN STREIKS GRIECHENLAND LAHM: welt.de/streiks
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