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Partei-Spitze Roth, Trittin, Özdemir: Die Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen ist schon lange nicht
Partei-Spitze Roth, Trittin, Özdemir: Die Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen ist schon lange nicht

Partei-Spitze Roth, Trittin, Özdemir: Die Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen ist schon lange nicht mehr Gegenwelt,

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ULRICH BAUMGARTEN / VARIO-PRESS

TIM BRAKEMEIER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

/ VARIO-PRESS TIM BRAKEMEIER / PICTURE-ALLIANCE / DPA sondern Normalität Titel Das grüne Wunder 30 Jahre
/ VARIO-PRESS TIM BRAKEMEIER / PICTURE-ALLIANCE / DPA sondern Normalität Titel Das grüne Wunder 30 Jahre

sondern Normalität

Titel

Das grüne Wunder

30 Jahre nach ihrer Gründung können die Grünen ihr Glück kaum fassen. Der Zeitgeist beschert ihnen einen unverhofften Aufschwung zur dritten politischen Kraft. Keine andere Partei macht so gekonnt Oppositionspolitik – auch gegen sich selbst.

so gekonnt Oppositionspolitik – auch gegen sich selbst. Kanzler Kohl, Grünen-Abgeordnete 1983: Damals radikale

Kanzler Kohl, Grünen-Abgeordnete 1983: Damals radikale Minderheit, heute Mainstream

D as Auto war ein ökologischer Alp- traum. Vergasermotor, zwölf Liter verbleites Super auf 100 Kilo-

meter, alles andere als schadstoffarm, kein Katalysator und ein Luftwiderstand wie eine Staudammmauer. Ach ja, und er war azurblau, der Peugeot 504. Ein tol- ler Wagen. Lukas Beckmann sitzt in seinem Lieb- lingscafé im Hamburger Bahnhof in Ber- lin, doch in Gedanken hält er das Lenkrad seines alten Autos fest. Hinten auf den zwei Rückbänken des Siebensitzers Petra Kelly, Joseph Beuys und Rudi Dutschke. 1979 war das, im Wahlkampf für das Eu- ropaparlament. Von Uni zu Uni sind sie gefahren da- mals. „Es gab für uns keinen Tag und kei- ne Nacht“, sagt Beckmann. Sie hatten ge- rade mal genug Geld für das Benzin und etwas Essen. Keine Plakate im Koffer- raum, aber heiße Herzen in der Brust. „Materiell hatten wir nichts, ideell dafür alles.“ Beckmann, ein ruhiger, unprätentiöser Mann in einem braunen Cordjackett, ist

Veteran. Er hat die Grünen mitgegründet, war von Anfang an dabei, auch beim Gründungsparteitag 1980 in Karlsruhe. In der ersten Parteizentrale, einer Art Well- blechhütte im Bonner Regierungsviertel, verfolgte er bereits ein halbes Jahr vorher auf einem alten Fernseher die Hochrech- nungen der Europawahl. 3,2 Prozent. Ein mehr als achtbares Ergebnis. Es war die eigentliche Geburtsstunde der Grünen. „Da war klar“, sagt Beckmann, „das Ding steht.“ 16 Jahre lang war er Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, hat sich um die Verwaltung gekümmert, Personal ein- gestellt, Vorlagen kopiert und für Leute Kaffee gekocht, die seine Kinder sein könnten. Jetzt hört er auf. Ausgerechnet jetzt. „Biografisch genau der richtige Mo- ment zu gehen,“ sagt der 60-Jährige, „po- litisch der völlig falsche.“ Am Freitag wird Beckmann in Freiburg sein, wenn sich seine Partei in der deut- schen „Ökohauptstadt“ zum Bundespar- teitag trifft. Wenn er wollte, könnte er mit seinen Weggefährten mit der Seil-

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MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

bahn einen Ausflug auf den Schauinsland machen, den Freiburger Hausberg. Dort haben inzwischen – ökologisch korrekt – drei riesige Windräder das einstige Schwarzwaldidyll verdrängt. Unten liegt dann eine Stadt, in der seit acht Jahren ein grüner Oberbürgermeis- ter regiert. Freiburg gehört zu einem Bun- desland, in dem die Grünen eine realisti- sche Chance haben, im kommenden März den Ministerpräsidenten zu stellen. Wyhl ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Ort wurde in den siebziger Jahren zum Symbol des erfolgreichen Wider- stands gegen die Atomkraft. Hier ent- stand die Bewegung, aus der später die Grünen hervorgingen. Und jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später? Jetzt sind sie auf dem Weg zur dritten Volkspartei. In den Umfragen lie- gen sie deutlich über 20 Prozent. In Berlin und in Baden-Württemberg sehen die De- moskopen die Grünen weit vor den So- zialdemokraten. Damals, in ihrer An- fangsphase, waren sie eine radikale Min- derheit, heute sind sie Mainstream. Dabei gibt es kaum eine Partei, die so oft für tot erklärt wurde. „Die Grünen?“, knurrte SPD-Kanzler Helmut Schmidt einst im Beisein Bonner Korresponden- ten: Das sei doch keine Partei. „Das sind doch nur Umweltidioten, die bald wieder verschwinden werden!“ 1990, als sie aus dem Bundestag flogen, schienen sie tat- sächlich am Ende zu sein. Oder 1998, als sie auf ihrem Parteitag in Magdeburg fünf Mark für den Liter Benzin forderten. Sieben Jahre später galt das Aus wieder als unvermeidlich, als sich 2005 ihr Patri- arch Joschka Fischer – wie immer übel- launig – in den politischen Ruhestand zu- rückzog. Doch inzwischen bescheinigt ih- nen selbst CSU-Freigeist Peter Gauweiler eine Zukunft: „Gratuliere! Wir von der CSU sind schon ganz grün vor Neid!“ Die Grünen regieren in Nordrhein- Westfalen mit den Roten, in Hamburg mit den Schwarzen und im Saarland zusätz- lich noch mit den Gelben. Alle Koali- tionsoptionen stehen ihnen damit offen,

Gelben. Alle Koali- tionsoptionen stehen ihnen damit offen, Grünen-Mitbegründer Beckmann „Materiell nichts, ideell

Grünen-Mitbegründer Beckmann

„Materiell nichts, ideell alles“

Titel

Anti-Atom-Demonstration im Wendland am 6. November: Es gelingt der Partei wieder mühelos,

auch wenn sich unter den Befürwortern von Schwarz-Grün inzwischen eine ge- wisse Ernüchterung breitmacht. In Karlsruhe setzen die Grünen eine lesbische Verfassungsrichterin durch, in Freiburg, Tübingen und Konstanz stellen sie den Oberbürgermeister. Die politi- schen Debatten um Stuttgart 21 und die Atomkraft liefern sie sich mit der Union, während die Sozialdemokraten am Ran- de zusehen müssen. Und wer will wirk- lich ausschließen, dass sie in naher Zu- kunft den Kanzler stellen, mit der SPD als Juniorpartner? Hinter der alternden Gründergenera- tion ist neues Führungspersonal nachge- wachsen. In Düsseldorf regiert Sylvia Löhrmann als stellvertretende Minister- präsidentin, der Berliner Volker Ratz- mann könnte erster Innensensator der Grünen in der Stadt werden, und auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer gilt als großes Talent.

Die Attraktivität der Grünen liegt nicht so sehr in ihrem Programm. Zu wichtigen Wirtschaftsfragen fallen die Auskünfte eher dünn aus, viele sozialpolitische Vor- schläge sind unbezahlbar. Die Anzie- hungskraft der Grünen besteht in ihrer besonderen Fähigkeit, den Anhängern den Eindruck zu vermitteln, auf der rich- tigen Seite zu stehen. Sie sind eine Partei zum Wohlfühlen, wer sich zu ihnen be- kennt, darf sich moralisch aufgewertet sehen. Grüne Wähler müssen sich für ihre Ent- scheidung kaum jemals rechtfertigen, das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil im politischen Wettbewerb. Die meisten Menschen suchen die Zustimmung ihres Umfelds, nicht die Ablehnung, das gilt auch für lebensweltliche Fragen. Den Sozialdemokraten hängt seit den Hartz-IV-Gesetzen der Ruf an, es mit der sozialen Gerechtigkeit nicht so genau zu nehmen; die CDU gilt bis heute als etwas

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HUEBNER / DAVIDS

HUEBNER / DAVIDS den Anschluss an die Protestbewegung zu finden, die sich überall im Lande formiert
HUEBNER / DAVIDS den Anschluss an die Protestbewegung zu finden, die sich überall im Lande formiert

den Anschluss an die Protestbewegung zu finden, die sich überall im Lande formiert

muffig und verstaubt, allen Anstrengun- gen der Parteiführung zum Trotz, endlich moderner zu wirken; und die FDP hat fast alle Sympathien verspielt. Für die Grünen zu sein ist dagegen fast begrün- dungsfrei: Wer ist nicht auch gegen den Klimawandel und für den Schutz der Robben, wer fürchtet sich nicht vor dem Atom und findet die Gleichberechtigung der Geschlechter eine feine Sache? Das große Glück der Grünen ist es, dass sie in der Mitte der Gesellschaft an- gekommen sind, da können SPD und CDU noch so oft die „neue Mitte“ auf ihre Plakate pinseln. Die grüne Lebens- welt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen ist schon lange nicht mehr Gegenwelt, sondern Normalität, jeden- falls in den bürgerlichen Vierteln, aus de- nen die Grünen ihre Anhänger rekrutie- ren. So wie die beiden Großparteien lan- ge von einer stillen Übereinkunft ihrer Herkunftmilieus lebten, profitieren die

Grünen heute vom Konformitätsdruck der bürgerlichen Mittelschicht, die eine Stimme für die Umweltpartei als selbst- verständlich ansieht. Frech, unangepasst und auch ein wenig ungezogen – bis heute leben die Grünen von ihrem Image als Außenseiter des Sys- tems, das sie sich in den siebziger und achtziger Jahren erfolgreich zulegten. So gelingt es der Partei heute wieder mühe- los, den Anschluss an die Protestbewe- gung zu finden, die sich überall im Lande formiert, gegen den Bahnhofsbau in Stuttgart, neue Flugrouten in Berlin oder den Atommüll im Wendland. Alle anderen Parteien leiden unter dem allgemeinen Politikverdruss, die Grünen beflügelt er eher. Eine Stimme für Clau- dia Roth, Jürgen Trittin und Renate Kü- nast ist auch immer eine Stimme gegen die Politikfunktionäre links und rechts von ihnen. Dass ein Großteil der grünen Führungsriege über sein Leben in der Po-

litik nahe ans Rentenalter gerückt ist, fällt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum ins Gewicht – auch das einer der vielen Widersprüche, die nur die Grünen pro- blemlos überwinden. Manchmal scheint es, als ob die Öko- partei bestimmte Naturgesetze der Politik überwunden hätte. Andere Parteien wer- den ständig daran gemessen, wie sich ihre Forderungen zur Wirklichkeit verhalten. Fordert ein Politiker das Gegenteil von dem, was er eben noch für richtig hielt, gilt das zu Recht als opportunistisch. Die Wähler der Grünen legen an ihre Partei erkennbar andere Maßstäbe an. Wenn die grüne Spitze die Bundeswehr- einsätze in Afghanistan kritisiert, die sie selbst vor neun Jahren angeordnet hat, gilt das nicht als Populismus, sondern als Rückkehr zu den Wurzeln. Sie wollen auch nicht so genau wissen, wie sich die Grünen ihre Bürgerversicherung im Ge- sundheitswesen vorstellen. Es reicht das Engagement für die gute Sache. Nur Grünen gelingt es, ungestraft Poli- tik gegen sich selbst zu machen. Einer Frau wie Karin Dialer-Strackerjan etwa, die ins Schwärmen gerät, wenn sie vom Landstrich links der Weser, vom Marsch- land zwischen Bremerhaven und Olden- burg spricht. Wunderschöne Fachwerk- häuser gebe es dort, sagt die Abgeordnete im Kreistag Wesermarsch, dazu Land- cafés, saftige Wiesen und „viele, viele Pferde“. Ein Umspannwerk für die ge- plante Stromtrasse von Norwegen nach Deutschland passe da „einfach nicht rein“. Es ist eine der urgrünen Forderungen, die in der Wesermarsch in Elsfleth-Moor- riem auf Ablehnung bei den eigenen Leu- ten stößt. Um erneuerbare Energien in Zukunft sinnvoll nutzen zu können, braucht es technische Lösungen wie die in Norwegen zahlreich vorhandenen Pumpspeicherwerke. Die Forderung nach dem Bau von ent- sprechenden Stromtrassen und Umspann- werken findet sich im Energiekonzept der Grünen-Bundestagsfraktion. „Aber doch nicht hier“, sagt Dialer-Strackerjan, in dieser „wunderschönen Gegend“. Und wenn im hohen Norden ein wenig Widerstand gegen die eigene Politik er- laubt sein soll, warum dann nicht auch im tiefen Süden? Im Südschwarzwald soll im Hotzenwald bei Atdorf, südlich der Parteitagsstadt Freiburg, Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk entstehen. Tausende Tannen müssen dafür fallen. Ökologisch betrachtet ist so ein Pump- speicherkraftwerk eine saubere Sache. Man braucht dafür nicht viel mehr als zwei Stauseen – einen im Tal, einen auf einem nahen Berg – und entsprechende Verbindungsrohre zwischen den Seen. Die Pumpen des Kraftwerks pumpen mit der überschüssigen Energie das Wasser bergauf. Wird der Strom knapp, geben die herabstürzenden Wassermassen die

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THOMAS MEYER / OSTKREUZ

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Energie sehr schnell wieder ab. Wichtig für alternative Energiekonzepte, um Stromlöcher zu stopfen, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Das Haselbachtal im Hotzenwald ist ein idealer Standort. Für die Zukunft der Versorgung mit er- neuerbaren Energien sind Pumpspeicher- kraftwerke also unverzichtbar. Das wis- sen auch die Grünen im Regionalverband Hochrhein-Bodensee. Das hält sie jedoch nicht davon ab, gegen den Kraftwerksbau vor Ort Stimmung zu machen – und da- mit auch gegen die Bundeslinie der Partei. Dabei werden nicht nur die Tannen, die dem neuen Stausee weichen müssten, ins Feld geführt. Auch ein „bedeutender internationaler Wildtierkorridor“ und ein „Thermalquellenschutzgebiet“ müssen nun als Argumente herhalten. Und weil die riesigen Hochspannungs- leitungen, die von den Bundes-Grünen gefordert werden, zwar saubere Energie transportieren können, aber gleichzeitig doch so abstoßend sind, regt sich überall der Widerstand. Grüner Widerstand. Angefangen an der Küste über Nieder- sachsen, Brandenburg und Thüringen. An vielen Orten wehren sich die lokalen Um- weltschützer gegen ein oberirdisches Sys- tem für den sauberen Strom. Mal ist es ein Umspannwerk wie in der Weser- marsch, dann wieder soll das Unesco-Bio- sphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg nicht verschandelt werden durch eine oberirdische 380-Kilovolt- Stromtrasse. Gleiches gilt für den Thüringer Wald, wo man zwischen den bei Touristen so

den Thüringer Wald, wo man zwischen den bei Touristen so Internetsurfer in Berlin: Ökologisch bewusst, gebildet,

Internetsurfer in Berlin: Ökologisch bewusst, gebildet, abgesichert

beliebten Bäumen keine Allee aus Strom- masten sehen will. Unter die Demon- stranten mischt sich immer wieder auch die grüne Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckardt. So wie früher, in den Achtzigern, Fun- dis und Realos aufeinander losgingen, treffen heute der grüne Traum von der Energiewende und der Kampf um jeden

Baum vor Ort hart aufeinander. Doch selt- sam: Bislang profitieren die Grünen von diesem Widerspruch. Im Bund als Chef- propagandisten großer Ideen, vor Ort dann als Bannerträger des kleinen Wider- stands. Wie lange kann man solche inneren Widersprüche aushalten? Und wie lange bleibt das ungestraft? In München be-

Durchmarsch

Die Grünen in den Bundesländern

2000 Schleswig- Holstein Mecklenburg- Vorpommern Hamburg Bremen Brandenburg Nieder- sachsen Berlin Sachsen-
2000
Schleswig-
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Hamburg
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2010

Schleswig- Holstein Mecklenburg- Vorpommern Hamburg Bremen Brandenburg Nieder- sachsen Berlin Sachsen-
Schleswig-
Holstein
Mecklenburg-
Vorpommern
Hamburg
Bremen
Brandenburg
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sachsen
Berlin
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Sachsen
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Im Landesparlament vertreten mit einem Wahlergebnis von

Im Landesparlament vertreten mit einem Wahlergebnis von weniger als 10% mehr als 10 % Grüne in

weniger als 10%

vertreten mit einem Wahlergebnis von weniger als 10% mehr als 10 % Grüne in der Regierung

mehr als 10 %

vertreten mit einem Wahlergebnis von weniger als 10% mehr als 10 % Grüne in der Regierung

Grüne in der Regierung

vertreten mit einem Wahlergebnis von weniger als 10% mehr als 10 % Grüne in der Regierung

nicht im

Landesparlament

Nach derzeit aktuellen Umfragen

Schleswig- Holstein Mecklenburg- Vorpommern Hamburg Bremen Brandenburg Nieder- sachsen Berlin Sachsen-
Schleswig-
Holstein
Mecklenburg-
Vorpommern
Hamburg
Bremen
Brandenburg
Nieder-
sachsen
Berlin
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Nordrhein- Anhalt
Westfalen
Sachsen
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Hessen *
Rheinland-
Pfalz
Saar-
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* keine aktuelle Umfrage seit der Landtagswahl, dargestellt ist daher das Wahlergebnis 2009

Wahl im

Jahr 2011

weniger als 10% 10 bis 25 % mehr als 25% Quelle: wahlrecht.de; mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns

weniger als 10%

weniger als 10% 10 bis 25 % mehr als 25% Quelle: wahlrecht.de; mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns (Mai

10 bis 25 %

weniger als 10% 10 bis 25 % mehr als 25% Quelle: wahlrecht.de; mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns (Mai

mehr als 25%

Quelle: wahlrecht.de; mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns (Mai 2009) stammen alle Umfragen aus dem laufenden Jahr

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MARIJAN MURAT / DPA

MARIJAN MURAT / DPA Verletzter Anti-Stuttgart-21-Demonstrant: Einsatz auf der richtigen Seite kommen die Grünen derzeit

Verletzter Anti-Stuttgart-21-Demonstrant: Einsatz auf der richtigen Seite

kommen die Grünen derzeit schon einen Vorgeschmack auf solche Glaubwürdig- keitstests. In der Frage, ob sich München für die Olympischen Winterspiele 2018 bewerben soll, geht ein Riss durch die Partei. Der Streit reicht bis nach Berlin, wo Claudia Roth von den Spielen schwärmte. Sie sitzt im Kuratorium mit Franz Becken- bauer und Altkanzler Gerhard Schröder. Und Aufsichtsratschef der Bewerbungs- gesellschaft München 2018 ist ausgerech- net Michael Vesper, Gründungsmitglied der Grünen, der es bis zum Vizeminister- präsidenten in NRW brachte. Ein großer Teil der Basis hingegen findet Olympia in Bayern in jedem Fall verzichtbar. Erstaunlich, dass die Grünen mit die- sem Kurs durchkommen. Der Wähler ist eben rätselhaft. Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen bietet als Er- klärung an, dass die Grünen in der letzten Zeit eine Sache richtig gemacht hätten:

sich bei vielen Themen zurückzuhalten. In der derzeitigen Lage sei das hilfreich. Die derzeitige Lage ist: großer Unmut über die Bundesregierung, eine beinahe klassische Situation ein Jahr nach einer gewonnenen Wahl. Nur dass dieses Mal die Enttäuschung besonders groß ist. Opposition reicht in so einer Lage. Und die machen die Grünen gut. Dagegen sein und sonst im Ungefähren bleiben. „Ein klares Profil begeistert einige An- hänger, erzeugt aber auch Widerstand“, sagt Jung. Ideologie verschreckt die Wähler, die sich ohnehin nicht mehr lange an eine Partei binden wollen. Die meisten kön-

nen sich längst vorstellen, mal die eine, mal die andere Partei zu wählen. Das ist eine Entwicklung, die es schon länger gibt und von der die Grünen bisher profitiert haben. Schon seit ein paar Jah- ren sagen in Umfragen 30 Prozent der Leute, dass sie sich vorstellen könnten, auch mal den Grünen ihre Stimme zu ge- ben. Es gebe kaum noch besondere Ag- gressionen gegen die Partei, sagt Wahl- forscher Jung: „Die Schmuddelkinder der Nation, das ist weg.“ Im Moment haben die Grünen das Glück, dass ihr Kernthema, die Ökologie, als wichtig gilt. Die Wirtschaft interessiert die Leute schon weniger, seit die Krise überstanden zu sein scheint. Den Grünen ist gelungen, woran alle anderen Parteien momentan scheitern. Sie erschließen neue Wählerschichten. Leute wie Robert Britz zum Beispiel. Grauer Bart, schwarzes Cordsakko, die Haare ein bisschen zauselig, Britz ist 47, hat mal Politologie studiert, in Hamburg zwei Clubs betrieben, heute ist er an meh- reren Agenturen beteiligt, Werbung, PR, ein Filmvertrieb. Vor einem Dreivierteljahr ist er von Hamburg nach Berlin gezogen, Wohnung mit Blick auf die Museumsinsel, es ist frü- her Abend, auf dem Sofa sitzt seine Frau Katharina, 35, und gibt Maxi die Flasche. Maxi ist drei Monate alt, und man darf da- von ausgehen, dass sie sich nie sorgen wer- den müssen, wie sie ihr Studium finanzie- ren. Geldsorgen gibt es bei ihnen nicht. Robert Britz ist SPD-Mitglied, vor zwei Jahren hat ihn sein Ortsverein Hamburg- Ottensen für 25 Jahre Mitgliedschaft ge-

ehrt. Aber er wählt grün, Mitte der Neun- ziger fing es an, Zweitstimme, und jetzt lebt er ja in Berlin, im Herbst 2011 wird er für Renate Künast stimmen. „Ich freu mich schon, die Bürgermeisterkandidatin wählen zu dürfen“, sagt er und grinst. Britz hat kein Auto, er ist Kunde einer ökologisch korrekten Bank, sein Strom ist sauber. „Die Grünen haben ein paar Kernthemen, die jetzt einfach mal dran sind“, sagt er. „Energie zum Beispiel, da sind sie von allen Parteien am glaubwür- digsten, und das ist das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts.“ Und dann kommt noch etwas hinzu:

„Inzwischen fühle ich mich auch als Selb- ständiger gut aufgehoben bei den Grünen. Die treiben jedenfalls auch nicht die Erb- schaftsteuer nach oben. Wenn man ehr- lich ist, sind sie inzwischen auch ein biss- chen die Partei der Besserverdienenden.“ Es ist dieses Biotop aus ökologisch be- wussten, gebildeten, abgesicherten Men- schen, aus dem der Großteil der grünen Neuwähler kommt. Es ist ein anderer Schlag als die Bart- und Birkenstock-Trä- ger von einst, die freudlos vor Waldster- ben und saurem Regen warnten. „Es gibt heute eine gewisse lustvolle Lässigkeit, mit der man auf Dinge verzich- tet, ohne dabei dogmatisch zu werden“, sagt Britz. „Und genau so sind die Grünen. Die sind nicht mehr anstrengend. Ich wür- de die zum Essen einladen. Sigmar Ga- briel eher nicht.“ In der SPD, sagt er, sei er eigentlich nur noch „aus Faulheit“. Aber das müsse bald ein Ende haben. Die vielen Neuen, die zu den Grünen strömen, verbindet die Sorge um die Um- welt. Die Ökologie ist noch immer die stabilste Klammer, die die Grünen zusam- menhält. Selbst in Gegenden, in denen bisher nur ökologisch Ungläubige zu Hau- se waren. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Am Eingang des Intercity-Hotels, das neben dem Bahnhof von Magdeburg liegt, hängt keine grüne Fahne, in der Lobby kein Schild, das darauf hinweist, dass sich die Grünen aus Sachsen-Anhalt an diesem Abend hier treffen. In Sachsen-Anhalt sind die Grünen seit zwölf Jahren in der Opposition – und zwar in der außerparlamentarischen. Sie flogen aus dem Landtag, kurz nachdem die Bun- despartei ausgerechnet hier, in Magdeburg, den Fünf-Mark-Beschluss gefasst hatte. Fünf Mark für den Liter Benzin. Davor hatten die Grünen das Land mit der SPD regiert, in einer Minderheitsregierung, to- leriert von der PDS. Danach lagen ihre Wahlergebnisse stets unter vier Prozent. Die Grünen? „Durch das Restaurant, Gang runter, letzte Tür“, sagt eine Ho- telangestellte. Vor der Tür steht ein Tisch mit Flugblättern, vor dem Tisch steht eine Frau, die auch die Grünen sucht. In Magdeburg tagt der Landesdelegier- tenrat, es soll um die Wahl am 20. März

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FOTOS: DPA

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gehen und auch um den Aufschwung. Den grünen Aufschwung, der auch den Osten erfasst hat. In einer Umfrage lagen sie neulich bei neun Prozent. Die Frau auf dem Gang ist ein Zeichen des Aufschwungs, sie ist erst seit Oktober bei den Grünen, Kreisverband Mansfeld- Südharz. Vier Leute kamen zur letzten Mitgliederversammlung, sagt die Frau, „drei von uns waren neu“. Sie habe die Grünen schon lange gewählt, nun wolle sie mehr tun. Bisher aber noch im Ver- borgenen. „Ich habe mich im Ort nicht geoutet“, sagt sie. Sie wohnt in einer klei- nen Stadt, in der es offenbar noch als ra- dikal gilt, den Grünen anzuhängen. Es kann nicht mehr viele solcher Städtchen geben in Deutschland. Etwa 40 Leute sitzen in dem kleinen Besprechungsraum, grauer Teppich, gelbe

sich radikal geändert.“ Jetzt kommen sie zu ihm und sagen: Ihr müsst da rein, in den Landtag, dann verändert sich was. Die Grünen sind auch in Sachsen-Anhalt zu einer Hoffnung geworden. Parteien können es sich in der Opposi- tion bequem machen, für die Grünen gilt das in besonderer Weise. Wer regiert, muss schwierige, oft auch unpopuläre Ent- scheidungen treffen. Die Grünen zogen in den sieben Jahren, in denen sie an der Seite der Sozialdemokraten das Land re- gierten, in einen Krieg, den sie nicht woll- ten, dann verordneten sie dem Land eine Reform der Sozialhilfe, die nicht nur die Gewerkschaften auf die Straße trieb. Man kann auch sagen: Sie waren erwachsen geworden. Nun sind sie wieder auf der Spielwiese, wo alles nicht so ernst genom- men wird, was man sagt.

Gedanke der individuellen Freiheit oder die Gleichheit“, verkündete er 1997 in ei- nem Interview. Finanzen und Wirtschaft waren für ihn nun die Felder, auf die es ankam, wenn man als Politiker ernst ge- nommen werden wollte, also versuchte er, seine Partei entsprechend zu verändern. Vertraute wie Matthias Berninger und der heutige Parteichef Cem Özdemir schrieben Strategiepapiere, die sich im Rückblick wie eine Gebrauchsanweisung zur Umwandlung der alten Öko- und Frie- denspartei in eine moderne FDP lesen. Die Grünen sollten „das brachliegende geistige Erbe des verantwortungsvollen Liberalis- mus aufnehmen“, hieß es darin, und so die Lücke zwischen SPD und CDU füllen. Viele Linke und Pazifisten gingen, rund 7000 Mitglieder verlor die Partei in der Regierungszeit. Wer nicht mitzog, fand

die Partei in der Regierungszeit. Wer nicht mitzog, fand Attacken auf grüne Spitzenpolitiker Fischer, Trittin*:
die Partei in der Regierungszeit. Wer nicht mitzog, fand Attacken auf grüne Spitzenpolitiker Fischer, Trittin*:

Attacken auf grüne Spitzenpolitiker Fischer, Trittin*: Innere Widersprüche aushalten

Tapete, zwei Plastiksonnenblumen als Dekoration. Claudia Dalbert, die Landesvorsitzen- de ist und Professorin für Pädagogische Psychologie, eröffnet den Abend mit ei- ner guten Nachricht. „Mit dem heutigen Tage haben wir 557 Mitglieder im Lan- desverband. Jeder, der jetzt zu uns stößt, ist ein neues Allzeithoch!“ Sebastian Striegel, Listenplatz 4, ist Teil des neuen Allzeithochs. 29 Jahre alt, aus Merseburg, Saalekreis, seit 1998 bei den Grünen. Als sie im Land abstürzten, trat er ein, „aus Frust über die Partei“, sagt er. Er war 17 und wollte etwas ver- ändern. Er stand Wahlkampf für Wahlkampf am Stand und ließ sich beschimpfen, Ökospinner, solche Sachen, „die Leute waren feindselig“, sagt er. „Aber das hat

Der Kampf um den richtigen Weg an die Macht war auch der Kampf zwischen zwei Männern. Der eine war der Realo- Anführer Joschka Fischer, der andere das grüne Urgestein Hans-Christian Ströbele. Viele Jahre lang spielte sich die Geschich- te der Grünen im Spannungsfeld zwi- schen diesen beiden ab. Ströbele stand immer für die reine Leh- re. Er war auch der Anführer des inner- parteilichen Aufstands gegen eine Betei- ligung deutscher Soldaten im Kosovo- Krieg. Fischer hingegen hielt Umwelt und Pazifismus irgendwann nur noch für Ni- schenthemen. Natürlich sei die Ökologie wichtig, aber sie „bewegt die Menschen nicht so tief und so dauerhaft wie der

* Links: am 13. Mai 1999 in Bielefeld; rechts: am 22. Sep- tember in Hannover.

sich am Rand wieder. Bei der Bundestags- wahl 2002 bekam Ströbele in seinem Lan- desverband nicht einmal mehr einen si- cheren Listenplatz und bewarb sich er- folgreich als Einzelkämpfer um ein Di- rektmandat in Kreuzberg-Friedrichshain. Heute ist Fischer Unternehmensberater und möchte über den Zustand der Grü- nen nicht sprechen. Ströbele, der Linke aus Kreuzberg, hingegen findet sich im respektablen Alter von 71 unverhofft im Mainstream wieder. Sicher, ein wenig hat er auch an sich gearbeitet. Er sei bürger- licher geworden, gestand er kürzlich der „taz“, wozu er als Beleg anführte, er fahre mit dem eigenen Wagen in den Urlaub. Aber alles in allem ist er sich treu geblie- ben. Es ist die Partei, die sich wieder auf ihn zubewegt hat. „Ich bin für Wahrheit und Klarheit“, sagt der Ströbele des Jah-

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res 2010: „Ich will keine Forderung, von der wir nicht sagen, wann und wie wir sie erfüllen können.“ Es ist immer das gleiche Muster. Die Grünen wachsen in der Opposition, in- zwischen selbst in der ostelbischen Dia- spora oder in Baden-Württemberg, wo sich der grüne Ballon auf 32 Prozent auf- geblasen hat. Aber wehe, wenn sie regie- ren. Dann geht es oft ziemlich schnell bergab. Zumindest für den Bund und die Länder gilt diese Regel. In den Kommu- nen ist die Situation eine andere. Dort regieren die Grünen oft schon lange und werden regelmäßig wiedergewählt. Mit viel Skepsis schaut die Parteispitze auf Hamburg. Dort liegen die Grünen mittlerweile rund zehn Prozent unter dem Bundestrend. Denn wenn die Grü- nen regieren, fällt auf, dass sie gegen sich selbst opponieren. Und seit an der Alster Schwarz-Grün regiert, müssen die Alter- nativen sich dauernd gegen die eigenen Leute verteidigen. Mal, weil sie die Elb- vertiefung nicht verhindern. Mal, weil sie den Bau eines Kohlekraftwerks nicht stoppen können. Auch im Saarland verblasste der grüne Glanz schnell in der Regierungswirklich- keit. In Berlin versuchen die Grünen aus diesen Erfahrungen zu lernen. Bloß nicht zu viel versprechen. Aber es passiert auch so schon genug Unsinn. Unter der rot- grünen Bundesregierung wurde im Bun- desverkehrswegeplan der Ausbau der A100 in Berlin beschlossen, nun stellen sich die Landes-Grünen gegen die Verlän- gerung der Autopiste in die Hauptstadt, mit Ex-Ministerin Künast an der Spitze. Im Land Berlin wehrten sich die Grü- nen immer gegen einen alternativen Standort des Flughafenneubaus im bran- denburgischen Sperenberg, weil dafür Millionen Bäume hätten gefällt werden müssen. Heute passt ihnen der Standort Schönefeld nicht mehr, weil zu viele Men- schen vom Fluglärm betroffen sind. Das fröhlichste Oppositionsleben füh- ren die Grünen in der Sozialpolitik. Die aktuellen Konzepte und Leitanträge zu Arbeit und Gesundheit sind von heiterer Sorglosigkeit. Denkverbote gibt es nicht, Sachzwänge spielen keine Rolle. Ginge es nach den Grünen, würde der Hartz-IV-Satz nicht um fünf Euro erhöht, wie von der Bundesregierung geplant, sondern gleich um 61. Langzeitarbeitslose würden nicht länger unter Druck gesetzt, sich auf jeden mies bezahlten Job zu be- werben. Für arme Kinder würde sehr, sehr viel mehr getan als heute. Nach den Berechnungen der Grünen würde das den Staat zusammen etwa 60 Milliarden Euro im Jahr kosten, offen bleibt, woher das Geld kommen soll. Mal ist davon die Rede, man wolle „Steuer- schlupflöcher stopfen“. Mal ist eine Er- höhung des Spitzensteuersatzes von der- zeit 42 auf 45 Prozent im Gespräch.

Auf Augenhöhe

Die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei

2009

2010

Bundestags- Umfrage vom

wahlergebnis

12. November

33,8

Angaben in Prozent 2010 Bundestags- Umfrage vom wahlergebnis 12. November 33,8 23 10,7 31 26 23 Zunahme gegenüber der

vom wahlergebnis 12. November 33,8 Angaben in Prozent 23 10,7 31 26 23 Zunahme gegenüber der

23

vom wahlergebnis 12. November 33,8 Angaben in Prozent 23 10,7 31 26 23 Zunahme gegenüber der

10,7

31

26 23 Zunahme gegenüber der Bundes- tagswahl in Prozentpunkten +12
26
23
Zunahme
gegenüber
der Bundes-
tagswahl
in Prozentpunkten
+12
Auswertung nach Bevölkerungsgruppen Zunahme gegenüber der Infratest-dimap- Aktuelle Umfrage Wahltagsbefragung*,
Auswertung nach
Bevölkerungsgruppen
Zunahme gegenüber
der Infratest-dimap-
Aktuelle Umfrage
Wahltagsbefragung*,
Angaben in Prozent
in Prozentpunkten
* vom 27. September 2009,
95 347 Befragte
Männer
21
+12
Frauen
25
+13
Ostdeutschland
16
+8
überpro-
Westdeutschland
25
portionale
+14
Zunahme
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18
bis 24 Jahre
28
+13
25
bis 34 Jahre
19
+6
35
bis 44 Jahre
24
+10
45
bis 59 Jahre
ab 60 Jahre
31
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16
+10

** Wahltagsbefragte der Altersgruppe 60 bis 69 Jahre

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Arbeiter

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+8 +21 +10 +12
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Infratest-dimap-Umfrage für ARD-Deutschlandtrend vom 12. November; 2000 Befragte

Durch einen solchen Schritt kämen frei- lich nur etwa drei Milliarden Euro herein. Demnach bleibt im Konzept dann noch eine Deckungslücke von 57 Milliarden Euro, das entspricht ungefähr dem Etat der Bundesagentur für Arbeit. Trotzdem stellt die Parteispitze den 60- Milliarden-Plan als Sieg der Vernunft dar, was insofern berechtigt ist, als die eigene Parteibasis ja noch viel radikalere Forde- rungen erhebt. Der nordrhein-westfäli- sche Landesvorsitzende Sven Lehmann etwa verlangt, den Hartz-IV-Satz durch ein „bedingungsloses“ Grundeinkommen von 850 Euro im Monat zu ersetzen. In der Gesundheitspolitik, wo die Grü- nen mit der bodenständigen Andrea Fi- scher einst die zuständige Bundesminis- terin stellten, soll ebenfalls alles anders werden. Die Praxisgebühr, eine Erfin- dung von Rot-Grün mit beachtlichem Steuerungspotential, soll weg, ebenso die Zuzahlungen auf Arzneimittel. Dass da- mit Mehrausgaben für die Krankenkassen von über drei Milliarden Euro im Jahr einhergingen, stört die Grünen nicht. Ein „Ausbau der Prävention“ soll im System perspektivisch so viel Geld einsparen, dass sich die Geldsorgen von AOK und Co. auf homöopathisch-ayurvedische Weise wie von selbst auflösen würden. Auch in der Afghanistan-Debatte ist die Leichtigkeit erstaunlich, mit der sich die Grünen nach dem Ende von Rot-Grün aus der Verantwortung entließen. Fischer war es gelungen, seiner Partei die Mission am Hindukusch als Kampf für Menschen- und Frauenrechte zu verkaufen, als guten Krieg im Gegensatz zum bösen im Irak. Doch kaum hatte sich der Altmeister verabschiedet, schwand auch bei den Grü- nen der Glauben an den Einsatz. Im Sep- tember 2007 votierte die linke Funktio- närsbasis bei einem Sonderparteitag in Göttingen dafür, dass die Partei eine Ver- längerung des Stabilisierungseinsatzes Isaf ablehnen sollte. Zugleich wies sie ihre Parteifreunde in der Bundestagsfrak- tion an, doch mit Nein zu stimmen. Der Parteilinke Ströbele verlangte von Partei- und Fraktionsführung, „das Votum des Parteitages zu akzeptieren und ohne Ab- striche öffentlich zu vertreten“. Das ist nicht nur schwer vereinbar mit der eigenen Regierungszeit, sondern auch mit den Gepflogenheiten des parlamen- tarischen Systems. Abgeordnete unterlie- gen keiner Weisung ihrer Parteien. Die Situation ist nach dem Göttinger Beschluss folgende: Die Partei ist gegen den Einsatz, aber im Bundestag tut jeder, was er will. Die Grünen leisten sich den Luxus, drei Positionen zu vertreten. Acht Abgeordnete stimmten im Februar 2010 für die Verlängerung des Mandats, 35 ent- hielten sich, 21 waren dagegen. Ähnlich unklar ist die Haltung der Grü- nen auf dem Gebiet, das in den vergan- genen Monaten die Republik spaltete: der

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Titel

HANS-CHRISTIAN PLAMBECK

AXEL SCHMIDT / DAPD

Titel HANS-CHRISTIAN PLAMBECK AXEL SCHMIDT / DAPD Anti-Atom-Demonstration in Berlin am 5. September: Hier die Guten,

Anti-Atom-Demonstration in Berlin am 5. September: Hier die Guten, dort die Bösen

Integrationspolitik. „Multikulti“ ist Teil der grünen Identität. „Konsequentes Ein- treten für die Belange der Minderheiten in unserer Gesellschaft ist ein Haupt- anliegen der Grünen“, so steht es im Bundesprogramm von 1980. Zu diesen Minderheiten zählten zuvörderst – Un- terpunkt 1 – die Ausländer, deren Diskri- minierung es zu bekämpfen gelte. Die Fronten waren klar: hier die alter- nativen Guten, dort die konservativen Bösen. In einer Resolution klagte die grü- ne Bundesversammlung im Mai 1989 die schwarz-gelbe Bundesregierung an, durch falsche Zahlen „Panikmache vor angeb- licher Überfremdung“ zu betreiben und so „den Rassismus in diesem Punkt zur Regierungspolitik“ zu machen. Dem setz- te die grüne Versammlung eine klare For- derung entgegen: den „Verzicht auf den Zwang zur kulturellen Integration“. Haben es die Grünen in ihrer Begeiste- rung für Multikulti vielleicht übertrieben? Nein, ließ Parteichefin Claudia Roth noch vor wenigen Wochen ausrichten, als der SPIEGEL sie in der Sarrazin-Debatte um eine Stellungnahme bat: „Auch wenn wir nicht alles erreicht und auch nicht immer alles richtig gemacht haben: Größere Feh- ler kann ich nicht erkennen.“ Manchen reicht es mit der Wellness-Par- tei, die allen alles und nichts zugleich ver- spricht. Max Löffler, ehemaliger Chef der Grünen Jugend, kandidiert in Freiburg

beim Parteitag für den Parteirat. Er sagt, die Partei müsse „auch offene und strittige Punkte klären, statt nur Schaufensterde- batten über Konsensthemen zu führen“. Themen wie die Rente mit 67 müssten „ausdiskutiert“ werden. Seit zwei Jahren schieben die Grünen das Thema jetzt vor sich her. Oder das grüne Steckenpferd „Bürgerversicherung“, das lange schon zur leeren Chiffre geworden sei: „Wir füh- ren diese Diskussion schon seit Jahren. Wir dürfen uns nicht aus Angst vor den Wählern um konkrete Zahlen drücken.“ Dazu müsste man aber reden, streiten, debattieren. In Berlin steht Renate Künast

reden, streiten, debattieren. In Berlin steht Renate Künast Oppositionspolitiker Trittin, Gabriel SPD als Juniorpartner?

Oppositionspolitiker Trittin, Gabriel

SPD als Juniorpartner?

in einer Halle mit gekachelten Wänden und sagt, dass es jetzt hart werde. „Es wird sich für uns als Partei einiges ändern. Ich bitte euch, das zu bedenken. Jetzt geht’s ums Ganze.“ In der Halle wurden früher Busse re- pariert, demnächst sollen Tanzstudios ein- ziehen. Auf dem Hof kleben grüne Tat- zen aus Papier. Landesdelegiertenkonfe- renz der Grünen. Es ist der Moment, in dem Renate Künast ihrer Partei auf einer offiziellen Versammlung erklärt, dass sie Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden will. Am Revers ihres Jacketts trägt sie einen grünen Berliner Bären, das Logo ihrer Kampagne. In der Halle sitzen die Alten, Ströbele, Wolfgang Wieland, Michael Cramer, die schon bei der Alternativen Liste dabei waren, im alten West-Berlin, in einer an- deren Zeit. Die als Mitglieder einer radi- kalen Truppe galten, Außenseiter der Politik. Künast fordert in ihrer Rede neue Arbeitsplätze, mehr Bildung, faire Inte- gration, exzellente Infrastruktur für Ber- lin, Klimaschutz. Sie fordert eine Stadt, gegen die niemand etwas haben kann und die es wohl niemals geben wird. Nach Künast klettert der Berliner Lan- desvorsitzende auf die Bühne, Stefan Gelbhaar, ein 34-Jähriger mit Wuschelfri- sur. Er sagt: „Die Idee einer solchen Kan- didatur hat viele, viele fasziniert, und des- wegen steht’s heute an.“ Die Partei soll beschließen, dass Künast antreten soll. Gelbhaar formuliert es noch etwas umständlicher. Die Kampagne für Künast ist fertig, die Bären-Pins, der Slo- gan „Für Berlin“, die Web-Seite, eine Werbeagentur arbeitet seit dem Sommer an all dem. Aber es soll trotzdem auch noch ein wenig nach Basisdemokratie aus- sehen. In dem Antrag B1, über den abge- stimmt wird, steht mehrmals: „Wir freuen uns“ – über Künast, auf den Wahlkampf. „Gibt es Redebedarf?“, fragt Gelbhaar in die Halle. Gibt es nicht. Ja-Stimmen:

sehr viele, Nein-Stimmen: keine. Enthaltungen? Eine Frau, die in der letzten Reihe sitzt, in einer grünen Windjacke, hebt ihre Hand. Sie hält sie oben, für einige Sekun- den, ganz allein. Da ist nichts mehr von heißem Herzen, lustvollem Streit. Das ist nicht mehr der „bunte Haufen“ von früher, von dem Par- teiveteran Beckmann rückblickend sagt, dass er immer wieder ein „Riesenglück“ hatte und munter und unangepasst wei- terlebte. Das ist nicht das Bild einer Par- tei, der es um die Sache geht. Das ist das Bild eines Kandidatenwahlvereins.

RALF BESTE, MARKUS DEGGERICH, JAN FLEISCHHAUER, KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, FELIX HELBIG, CHRISTOPH HICKMANN, WIEBKE HOLLERSEN, SIMONE KAISER, ALEXANDER NEUBACHER, CHRISTOPH SCHWENNICKE, MARKUS VERBEET

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