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Prognosekalkül zwischen Radikal und Ridikül. Versuch über den Widerstreit undialektischer Feldforschung. Ulrich Kobbé

Prognosekalkül zwischen Radikal und Ridikül. Versuch über den Widerstreit undialektischer Feldforschung.

Ulrich Kobbé

Zusammenfassung: Der Verfasser problematisiert die Tendenz undialektischer Prognoseforschung innerhalb der forensischen Wissenschaften, einen ausschließlich strategisch-affirmativen Diskurs zu führen. Am Beispiel rezen- ter Feldforschung exemplifiziert er reduktionistische, entsubjektivierende und diffamierende Grundhaltungen. Un- ter Verwendung der philosophischen Figur des Widerstreits fordert der Beitrag ein Aufgeben angstabwehrender, politisch korrekter Versprechungen so genannter sicherer Gefährlichkeitsprognosen und eine mutigere, nüchter- nere Interpretation empirischer Befunde.

Schlüsselwörter: Aussagelogik, Behandlungserfolg, Diskursethik, Gefährlichkeit, Prognoseforschung, Überdeter- minierung, Widerstreit

Das rechts-, ordnungs- und wissenschaftspolitische Reizthema der Gefährlichkeitsprognose ist so gewisslich eine Tabu-Zone grundlegend kritischer Methoden- und Praxisreflexion, dass etablierte Argumentationsmuster wie stereotype Selbstabsicherungsrituale erscheinen könn- ten: Mancher psychologisch-psychiatrische Mainstream forensischer Forschungspraxis dient – gegen den Strich gebürstet – oft genug weniger einem Erkenntnisinteresse denn dem, was Foucault als Macht/Wissendiskurs charakterisierte, sprich, geradezu hermetischen Wissen- schafts- und Politikdiskursen über die (präventive) Abwehr von ›Gefährlichkeit‹. Eine solche restaurative, sich den vor-/herrschenden Verhältnissen adaptierende Praxis legt nahe, sich der philosophischen Methode des Widerstreits (Lyotard, 1989) zu bedienen, um die Kritik- punkte streitbar, sprich, polemisch zu thematisieren, um »diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen [zu] zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt« (Marx, 1843/44, 381).

Hierfür dient sich aktuell, wenngleich unfreiwillig, eine umfassende empirische Katamnese- Untersuchung über die Bewährungsverläufe und die Wiedereingliederung suchtkranker Rechtsbrecher an, wie sie Dimmek et al. (2011) 1 kürzlich vorlegten. Die durchgeführte Befor- schung der biographischen, klinischen, strafrechtlichen Merkmale von n = 160 abhängig- keitskranken Patienten im Zusammenhang mit Verlaufsmerkmalen von Therapie, Unterbrin- gung und Wiedereingliederung bietet eine differenzierte Datenbasis zur Erarbeitung empi- risch abgesicherter Antworten auf Fragen nach den Determinanten normalisierter vs. rückfäl- liger, günstiger vs. ungünstiger Lebensläufe – technischer / kategorialer / wertender formu- liert: positiver (»erfolgreicher«) vs. negativer 2 »Wiedereingliederungsverläufe« – nach Maß- regelvollzugsbehandlungen gem. § 64 StGB. Intention dieser Katamnese ist die Identifizie- rung der für eine gesellschaftliche Re-/Integration mit entscheidenden Faktoren, um Pla- nungsbedarfe einer angemessenen forensischen Nachsorge quantitativ und qualitativ erken- nen zu lassen und eine empirisch gesicherte Planungssicherheit zu bieten.

Neben differenziert aufbereiteten und detailanalysierten Daten zu diesen Fragestellungen stellt diese Forschungsarbeit aber auch höchst heterogene Diskursarten einer Beforschung forensisch-psychologischer/-psychiatrischer Prognose- und Nachsorgepraxen zur Verfügung (und Diskussion), an denen nicht nur Unmöglichkeiten der Parteilichkeit und Konfliktvermei- dung als Verlegenheit wissenschaftsneutraler Indifferenz (Lyotard, 1989, 11) aufzeigbar sind, sondern schemenhaft auch Legitimationsdefizite staatlicher Wiedereingliederungshilfen in ih- rem negativ-dialektischen Umschlagen in ordnungspolitische Maßnahmen erahnen lässt, bei denen die Kontrolle des Individuums »nicht auf der Ebene der tatsächlichen, sondern der möglichen Taten« erfolgt (Foucault, 1974, 749) und die ›vollzuglichen‹ Kontrollinstanzen in

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eine sich teleskopartig sozialpanoptisch entwickelnde Gesellschaft hineinmetastasieren (Kobbé, 2010b, 30). Insofern wird dieser Essay einen Teilaspekt aus der Studie isolieren, um ihn zu dekonstruieren bzw. – wie Wulff (1987) sich ausgedrückt hätte – zu »zerspielen«. DBMSSWW (2011, 68-70) berichten hierzu:

6.3.2.2.6 Legalprognose

Mit einem Anteil von 80,8% wurde die Mehrzahl der Maßregel-Patienten, deren Legalbewährung wir ver- folgen konnten, mit einer eher günstigen oder sogar sehr günstigen Legalprognose entlassen (105 von 130, bei 2 missings). Eine eher ungünstige oder sogar sehr ungünstige Prognose stellten die Kliniken bei 25 Patienten, entsprechend 19,2% […]. Wenn wir die Prognose dem tatsachlichen Verlauf innerhalb des Katarnnesezeitraurnes gegenüberstellen, dann überrascht ein relativ geringes Maß an Übereinstim- mung: Die größte ›Treffsicherheit‹ wiesen die ›sehr günstigen‹ Prognosen auf. Nur 2 von 19 Patienten mit dieser Prognose (entsprechend 10,5%) fielen im Katamnesezeitraum rnit einer erneuten Straftat auf. Unter den Patienten rnit einer ›eher günstigen‹ Prognose überwiegen allerdings Patienten, deren Straf- registerauszug erneute Verurteilungen aufweist (52,3%). Hier findet sich auch der in Relation größte An- teil an Ruckfällen rnit einem Gewaltdelikt (12,8%). […] Als wenig zuverlässig erwiesen sich aber auch die ungünstigen Prognosen. Selbst wenn man die wenigen Fälle rnit einer ›sehr ungünstigen‹ Prognose au- ßer Betracht lässt (von denen kein einziger erneut straffällig wurde) und nur die zahlenmäßig größere Gruppe der Patienten mit einer ›eher ungünstigen‹ Prognose betrachtet, bleibt es im Gesamtergebnis dabei, dass die Mehrheit aller Patienten, deren Perspektive zumindest rnit Skepsis betrachtet wurde, nicht erneut straffällig wurde. Eine nach Suchtdiagnosen differenzierte Auswertung ergab kein nennens- wert anderes Resultat […]. Eine Bewertung dieser Ergebnisse fällt nicht leicht. So sind die Fallzahlen in den positiven und negativen Extremen sicher zu gering, um daraus belastbare Aussagen abzuleiten. Al- lerdings ändert sich am Gesamtergebnis auch dann kaum etwas, wenn man die Patientengruppen di- chotom in ›günstig – ungünstig‹ unterteilt: Der relative Anteil der fälschlich - weil im Resultat rückfallfrei ungünstig beurteilten Prognosen liegt mit 72% deutlich über dem Anteil derer, die fälschlicherweise eine günstige Prognose erhielten (45%). Man konnte nun einwenden, dass Stellungnahmen gem. § 67e StGB mitunter auch einen ›strategischen‹ Charakter haben können, also auch davon abhängen, ob die Klinik eine weitere Behandlung als therapeutisch sinnvoll ansieht oder nicht - unabhängig von konkreten Risi- komerkmalen. Eine zum fraglichen Zeitpunkt ›ungünstige‹ Prognose würde dann eher auf die Suchter- krankung abzielen als auf ein Deliktrisiko. Dies würde aber nur bedingt dem Zweck der Stellungnahme entsprechen. Ob dies bei den Patienten unserer Studie der Fall war, lässt sich im Nachhinein nicht klä- ren, da wir nur die Stellungnahmen selbst erfassen konnten, nicht die ›dahinter‹ stehenden Überlegun- gen. Da deutlich mehr Patienten fälschlich als ›ungünstig‹ beurteilt werden, als fälschlich ›günstig‹, bildet sich in diesen Ergebnissen möglicherweise aber auch eine Tendenz der Therapeuten ab, die Erfolge der eigenen Behandlung eher zu unterschätzen undloder ggf. vorhandene Risikofaktoren zu überschätzen. Eine solche Tendenz wird durch die Sicherheitsdiskussionen der letzten Jahre sicher unterstützt und könnte eine objektive Prognose erschweren. Allein die zeitliche Befristung der Unterbringung trüge dann etwas dazu bei, dass selbst solche Patienten entlassen werden, die unter anderen Voraussetzungen - etwa als nach § 63 StGB Untergebrachte - kaum eine Entlassungsperspektive erhielten.

Fraglos ist das Ergebnis der empirisch vorgenommenen Falsifizierung der Prognosestellun- gen für Praktiker unbefriedigend, doch sind Kommentierungen bzw. Wertungen derartiger Untersuchungsergebnisse bzgl. einer so genannten ‚Un-/Richtigkeit’ der Prognose oder ei- nes vermeintlich nachweislichen ›Miss-/Erfolgs‹ der Entlassungsempfehlung nicht nur eine selbstgerechte, sich selbst affirmierende Wissenschaftsattitüde mit rückwärts gewandtem Kränkungspotential, sondern immer auch aus anderen Gründen angreifbar. Anders formu- liert, betrifft der widerstreitende Impact dieses Essays – Lyotard (1989, 16) paraphrasierend – keineswegs primär den Inhalt der Forschungsreflektion, sondern er rührt an ihre formallo- gische Voraussetzung: Selbst Angehörige der Psy-Professionen verfügen trotz imitativer An- lehnung an die mathematischen Wissenschaften über keinerlei temporale Logik, sodass jede Prognose als eine Art ›Aussagesatz im Futur‹ zu begreifen ist. Da eine Verifizie- rung/Falsifizierung konsequenterweise erst bei Eintreffen/Ausbleiben des Ereignisses erfol- gen kann, dürfte ein solcher Satz zum Zeitpunkt seiner Aussage dem Erkenntnisstand des Sprechers und/oder den dem Beurteilten unterstellten Eigenschaften entsprechen, kann also weder ›richtig‹ noch ›falsch‹, sondern immer nur ›adäquat‹ o. ä. sein. Abgesehen davon, dass eine alternative Aussagelogik – bspw. als Zeitsprung-Logik – nicht zur Verfügung steht, übersehen DBMSSWW, dass jede Prognose auf die prognostizierte Zukunft Einfluss nimmt, mithin formallogisch nie bzgl. eines Sachverhalts ›richtig‹ oder ›falsch‹ sein kann, dessen Determinante sie u. a. selbst ist.

Was jedoch an den bisherigen Ausführungen der AutorInnen verwundert, ist die fehlende Reflektion des instituierten, jedoch vom Einzelnen kaum zufriedenstellend auflösbaren Funk-

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tionsdilemmas: Im Allgemeinen werden die prognostischen Aussagen in Stellungnahmen gem. § 67e StGB von Behandlern vorgenommen. Diese nehmen idealiter in ihrer therapeuti- schen Funktion eine subjekt-/subjektivitätsbezogene Haltung mitsamt einer entsprechenden Be-/Handlungsethik ein. In der prognostisch beurteilenden Funktion wird denselben Perso- nen jedoch ein Umschwenken, eher noch ein Umstieg, in eine distanzierte, objektivierende Position, mithin ein Aufgeben psychotherapeutischer Identität abverlangt. Zwar denken DBMSSWW eine solche Thematik indirekt mit, wenn sie »einen ›strategischen‹ Charakter« der Stellungnahmen i. S. einer Überzeugung, ggf. »eine weitere Behandlung als therapeu- tisch sinnvoll« anzusehen, erörtern, doch wird dieses der Prognosestellung inhärente Di-

lemma nicht weiter reflektiert. Geschuldet ist dies – so die Unterstellung des Verfassers (UK)

– der Tatsache, dass die Untersucher (analog zu Prognostikern) in ihrer Expertenfunktion

dem Wissenschaftsideal der Objektivität verpflichtet sind. Da ist die Kenntnisnahme von Sub- jektivität, von konfligierenden Subjekt-Objekt-Positionen, keine erkenntnisleitend relevant er- scheinende Option … und doch zugleich ein Irrtum:

In schroffem Gegensatz zum üblichen Wissenschaftsideal bedarf die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Subjekt (Adorno, 1996, 50).

Gerade eine subjektinteressierte Haltung hätte jedoch ein – hier als wesentlich unterstelltes

– Problem zum Thema machen müssen: Da prognostische Aussagen in das zukünftige Le-

ben der Betroffenen eingreifen, dieses so oder anders mit-/gestalten, kommt der Aussage eine manifest ethische Bedeutung zu. Während die AutorInnen diese als Ex-/Patienten auf- tretenden »Rechtsbrecher« als – mehr oder weniger un-/gefährliche – Personen behandeln und auch höchst existentielle, lebensnahe Aspekte des Alltags auf »Lebensverhältnisse«, »Aufenthaltsort«, »Arbeit und Einkommen«, »Freizeitgestaltung«, auf operationalisierte De- terminanten eines funktionalen »Wiedereingliederungsverlaufs« reduzieren, bleiben diese als lebendige Menschen, als konkrete Subjekte unberücksichtigt. In dieser Hinsicht könnte mit Lyotard (1986, 118-119) durchaus davon gesprochen werden, dass sich ein solches Wis- senschaftsverständnis selbst »deligitimiert«, indem in seiner Aufspaltung – oder »Zerstreu- ung« – der Vernunft »in eine kognitive oder theoretische einerseits und eine praktische ande- rerseits« jene abstrakten ›Wahrheiten‹ dominieren, in/mit denen »sich das soziale Subjekt selbst aufzulösen« scheint. Diese Unart könnte durchaus selbstlegitimierend als wissen- schaftsimmanente Konvention zu rechtfertigen gesucht werden, doch wird dies durch wider- sprüchliche Diskurse unterlaufen:

Wenn DBMSSWW mutmaßen, dass »die Klinik eine weitere Behandlung als therapeutisch sinnvoll ansieht«, ist das Abstraktum ›Klinik‹ nicht nur eine undefinierte Größe, sondern zu derartigen Willensbildungen und Indikationsstellungen schlechterdings nicht in der Lage.

Andererseits wird einen Satz später – siehe obiges Zitat – »den Therapeuten« unterstellt, »eine[r] Tendenz« nachzugeben, »die Erfolge der eigenen Behandlung eher zu unterschät- zen und/oder ggf. vorhandene Risikofaktoren zu überschätzen«.

Hier nun – in der Fusion/Diffusion von Therapeut und Prognostiker – geht es mitnichten mehr um einen prototypischen Funktionsträger, sondern offensichtlich um die In-Verantwortung- Nahme fallweise involvierter Individuen. Wenn aus den heterogenen Satz-Regel-Systemen dieser Argumentationsmuster ableitbar wird, dass es den AutorInnen durchaus um individu- elle Problembewältigungsmechanismen gehen kann, bleibt um so bemerkenswerter, dass die unmittelbar Betroffenen entsubjektivierte »Drogenabhängige«, »Rechtsbrecher«, »Pati- enten«, »Untersuchungspopulationen« bleiben bzw. verkürzend als solche etikettiert und ar- rangiert werden.

Zugegebenermaßen handelt es sich bei dieser Studie nicht um eine psychologische – und erst recht um keine psychodynamisch oder sozialpsychologisch orientierte – Arbeit, doch zeigt diese Denkfigur an, wie wenig sich die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe trotz klinischer Erfahrung auf subjektspezifische Aspekte des Forschungsthemas einlassen wollten und/oder konnten. Doch wenn Devereux (1967, 126-127) mit seiner Feststellung Recht haben sollte, »die offenkundige Nützlichkeit gewisser wissenschaftlicher Verfahrensweisen« sei neben der »Verdunkelung ihrer Abwehrfunktionen« eben, den Wissenschaftler »gegen den vollen Auf-

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prall seiner angsterregenden Daten [zu] schützen«, impliziert eine solche retrospektive Prog- nose›korrektur‹ durch die Forschungsergebnisse einen – so Praetorius (1990, 66) – wissen- schaftlich durchaus »unangenehme[n] Gedanke[n]«. Dies könnte erklären, warum die Autor Innen unterstellen, vor dem Hintergrund der »Sicherheitsdiskussionen der letzten Jahre« tendierten – siehe oben – Therapeuten dazu, Behandlungserfolge »zu unterschätzen« sowie »Risikofaktoren zu überschätzen«. An anderer Stelle wiederholen sie diese diskreditierende Spekulation:

Im ›Mittelfeld‹ der Unterteilung nach ›eher günstig‹ und ›eher ungünstig‹ erwiesen sich die Vorhersagen dagegen als eher zufällig. Insgesamt lag die Fehlerquote bei den als ungünstig beurteilten Patienten mit 72% deutlich höher als bei den Patienten, die eine günstige Prognose erhielten (44,8%). Fehlerhafte Einschätzungen in dem Sinne, dass sie sich im Nachhinein als nicht zutreffend erwiesen, finden sich demnach vor allem bei den Patienten, deren Legalprognose als ungünstig eingeschätzt wurde. Mögli- cherweise bildet sich darin eine Tendenz ab, Risikofaktoren zu hoch zu bewerten - oder die Erfolge der eigenen Arbeit zu gering zu schätzen (DBMSSWW, 2011, 89).

Mit dieser fragestellenden Rhetorik nach der Angstabwehr der Behandler mitsamt einer darin enthaltenen Infragestellung therapeutischer Souveränität und prognostischer Professionalität lenken DBMSSWW durch subtile Entwertung der Experten von dem eigentlichen Dilemma ab:

Dass ›overprediction‹ als ein alltägliches Artefakt von Gefährlichkeitsprognosen auftritt, war und ist prognosekritisches Allgemeinwissen und wird seit Jahren im zynischen Kalauer des forensischen Praktikers komprimiert, die Hälfte seiner Patienten könne er entlassen, er wisse nur nicht, welche …

Dass diese Überschätzung nicht abnimmt, nicht abnehmen kann, ist nicht zuletzt auch der Blödheit des Gesetzes geschuldet, das nicht mehr sachverständig zu beurteilen fordert, ob verantwortet werden kann, den Betreffenden in Freiheit zu erproben, sondern als prädelik- tisch »die Tatsache kodifiziert, als gefährlich wahrgenommen zu werden« (Foucault, 1977, 444) und eine gutachterliche Aussage dazu verlangt, ob keine Gefahr mehr besteht, dass die in der Tat zutage getretene Gefährlichkeit fortbesteht. Wen wundert es, wenn damit eine er- höhte Anzahl negativer Prognosen resultiert, dies eben nicht wegen einer Inkompetenz, son- dern einer diese ausschlussdiagnostische Absolutheit nicht mit er-/tragenden Aufrichtigkeit der Prognostiker.

Dass die geforderte Prognosesicherheit nicht erreichbar ist und dass es sich letztlich um eine Inszenierung handelt, die Wilfried Rasch einst als ›Dembo-Versuch‹ des Maßregelvoll- zugs charakterisierte, ist ein wesentlicher Grund defensiven Prognoseverhaltens. Demnach ginge es um eine unmöglich zu lösende Aufgabe bei Suggerieren eben ihrer Lösbarkeit. Da Misserfolge bei unlösbar-ambivalenten Aufgaben mit moralischer Bedeutung als Gewissens- angst eingefärbte depressiv-ängstliche Affekte hervorrufen, werden diese zunächst aggres- siv abgewehrt (Dembo, 1931). Zugleich re-/aktiviert die vermeintlich individuelle Insuffizienz Gewissensanteile: Sichtweisen der moralischen Pflicht als aufgegebene Leistung erzwingen einen Grundkonflikt des einzelnen Prognostikers zwischen Erfolgszwang, Kompetenzan- spruch und Misserfolgsbewältigung; sie führen konsequenterweise zu einer von Heckhausen (1955) skizzierten ›Pathologie des Anspruchsniveaus‹, wie sie von DBMSSWW noch forciert wird. Die Chance, »die notwendigen Lücken unseres Vorwissens nicht als individuelles Ver- sagen, sondern als kreative Chance zu interpretieren« (Praetorius, 1990, 66), vertun die Au- torInnen mit diesem schuldinduzierend-entwertenden Diskurs unbedingt: Stattdessen un- terstellen sie mit der Vermutung, ihre den Therapeuten attribuierten dysfunktionalen Einstel- lungen könnten »eine objektive Prognose erschweren«, sprich, eine prognostische Aussage könne und müsse »objektiv« (!?) sein. Unklar bleibt, was damit ausgesagt bzw. eingefordert werden soll: Jede Prognose ist zwangsläufig eine zwar reflektierte, doch immer subjektive Aussage; sie ist, wie Rasch (1985) formulierte, allenfalls ein »kalkuliertes Risiko«, eher aber doch ein »diskutiertes« Risiko (Warmuth, 1995, 18), ein als »verantwortbares« Risiko (Grü- nebaum, 1990; Volckart, 1991) und/oder als »vertretbares« Risiko (BVerfG, NJW 1998, 2202, 2203; 1986, 767, 769) beurteiltes Wagnis.

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In Beantwortung eigener untersuchungsimmanenter Fragestellungen gehen DBMSSWW (2011, 82) darauf ein, »wie erfolgreich […] der Maßregelvollzug, gemessen an seiner Aufga- be der Wiedereingliederung der Patienten in ein straffreies Leben in der Gesellschaft«, ist. Zunächst schreiben sie: »Es geht um die Besserung der Erkrankung – hier die Sucht – und damit verbunden um die Reduzierung oder Beseitigung der vom Patienten ausgehenden Ge- fahren«, mithin um die Untersuchung eines ersten »Teil[s] des Erfolges, die Abstinenz von Suchtmitteln«. Der andere Teil des so genannten ›Erfolgs‹ lautet:

Gemessen an den Erwartungen, die Politik und Öffentlichkeit an den Maßregelvollzug stellen, ist die Straffreiheit nach der Entlassung sicher das entscheidende Erfolgskriterium der Maßregel (DBMSSWW (2011, 83).

Die Definition des ›Erfolgs‹ einer Behandlung über die Kriterien ›Abstinenz‹ und ›Straffrei- heit‹ ist zwar einem schlichten ordnungspolitischen Kausalmodell des ›gesunden‹ Men- schenverstandes geschuldet, wie er im juristisch-reduktionistischen Menschenbild, in recht- haberisch-plakativen Politikerphrasen und in primitivierten skandalisierenden Kommentaren seinen Ausdruck (und eine Bühne) findet. Doch diese verkürzte Logik folgt dem cartesiani- schen Credo, »der gesunde Verstand« sei »die bestverteilte Sache der Welt«, sodass jeder »so wohl damit versehen« genug – wenig genug? – davon erhielt, dass er »für gewöhnlich nicht mehr davon wünscht, als er besitzt« (Descartes, 1637, 4). Denkt man die argumentati- ve Position der AutorInnen weiter, funktionalisieren DBMSSWW die forensisch-psychiatri- sche/-psychologischen Behandler als Avatare eines Social Cops, eines ›gesellschaftlichen Bullen‹. Hierzu Vanhoeck (1999, 170):

Ich glaube, wir sollten Therapieerfolge nicht nur an Rückfallprozenten messen. ›Harm reduction‹, Scha- densbegrenzung, ist zwar eine wichtige und vielleicht die wichtigste Zielsetzung [forensisch-therapeuti- schen Engagements], doch müssen wir unseren Klienten mehr zu bieten haben, als sie nur zu lehren, wie sie sich zu benehmen haben. Therapeuten sind eben doch keine ›Social Cops‹.

Insgesamt ist diese Arbeit eine verschenkte Chance. Mir umfangreichem Datenmaterial aus- gestattet, mit offensichtlich ergebnisoffener, auch unliebsame Ergebnisse tolerierender, For- schungsmethodik versehen, tradieren die AutorInnen den Mythos der ›sicheren‹ Prognose- stellung und üben sich in weichgespülter political correctness. Eine solche Selbstinstrumen- talisierung ist nicht nur peinlich und ridikül, sondern eben auch skandalös: Mit ihrem Abarbei- ten als prognostisch relevant vermuteter Determinanten und vermeintlich ›Erfolg‹ anzeigen- der Fakten gerät eine potentiell reflexiv angelegte Untersuchung zu dem, was Foucault (1989, 392) als eine »ausgeklügelte Technik der Normenkontrolle« bezeichnet und dieser at- testiert, sie werde, indem sie sich zusätzlich an die »Geschwätzigkeit der Kriminologie« adaptiere, auch noch deren ›Wissenschaftlichkeit‹ und Bedeutung teilhaftig (Foucault, 1989,

382).

Der Skandal besteht u. a. darin, dass aus den statistisch belegten Fakten eben nicht der Schluss gezogen wird, dass auch professionell gestellte Prognosen per se nie und nimmer nach statistischem Qualitätsstandard ›valide‹ sein können, weil derartiges Prognostizieren komplexen menschlichen Verhaltens nicht möglich ist. Stattdessen ergehen sich die AutorIn- nen an mindestens drei Textstellen in Mutmaßungen über eine – wie auch immer bedingte oder motivierte – Inkompetenz der Behandler als Prognostiker. Wenn damit eine einzige, zu- dem eine aus den Untersuchungsdaten inhaltlich nicht andeutungsweise ableitbare Interpre- tation (siehe oben) vorgenommen wird, fällt und stößt dies nicht nur auf, sondern darf, ja, muss dies als Indikator für eine andere Motivation verstanden werden. Denn die AutorInnen hätten es besser wissen bzw. alternativ interpretieren können. Immerhin stellte der Westf. Arbeitskreis ›Maßregelvollzug‹ (1991; 1993) 3 in einer repräsentativen Beforschung institutio- neller Prognosepraxen u. a. fest, dass die Teilnahme an therapeutischen Einzelgesprächen eine negative Einflussgröße hinsichtlich der Lockerungsentscheidungen war. Die hierfür vermuteten Erklärungen lauteten:

Erfahrungsgemäß erhalten Patienten, die als gefährlich und/oder schwer gestört eingeschätzt werden, ein höherfrequentes / regelmäßigeres Gesprächsangebot als andere, was zur zweiten Erklärung führt, Nämlich dass durch den intensiveren Gesprächskontakt ein größeres bzw. detaillierteres Wissen über den Patienten und eventuell problematische (›deliktrelevante‹) Persönlichkeitsanteile existiert und diese Patienten folglich kritischer beurteilt werden (können) als andere; andererseits kann hierdurch u. U. – wie

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beispielsweise von Rasch berichtet (Rasch 1985, 311) – zu einer Überschätzung der Gefährlichkeit kommen (Kobbé, 1992, 45).

Da die dreifach stereotyp wiederholte Unterstellung den AutorInnen in irgendeiner Weise wesentlich sein muss, der Textpassage mithin Symptomcharakter unterstellt werden kann, erhebt sich die Frage nach ihrer Be-/Deutung. Wenn es kaum noch um eine Diskussion der Daten geht, muss es sich um einen anderen Kon-/Textaspekt, um einen nicht mehr reflexi- ven, sondern strategifizierten Diskurs handeln: Anhand des Verzeichnisses der Forschungs- teilnehmer und ihrer institutionellen Zugehörigkeiten (DBMSSWW, 2011, 10) lässt sich erse- hen, dass sich die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe quasi selbst beforschen, sodass die vor- genommenen Aus- und Bewertungen immer eine Selbstbeurteilung und -kritik beinhalten müssen, indizierte Transparenzstandards hinsichtlich dieser konfligierenden Positionen je- doch ignorieren. Die repetitive Konzentration auf eine als »möglich« ins Spiel gebrachte »Tendenz der Therapeuten […], die Erfolge der eigenen Behandlung eher zu unterschätzen und/oder ggf. vorhandene Risikofaktoren zu überschätzen« (DBMSSWW, 2011, 96), kommt einem strategischen Ab-/Lenkungsdiskurs gleich, müsste die Verantwortung für gering zu schätzende Therapieformen, ebenso für das Binnenklima einer angstvermeidenden ›overprediction‹, doch den therapeutischen Leitungsgremien dieser Institutionen – und damit ggf. einzelnen TeilnehmerInnen der Forschungsgruppe selbst? – zugeschrieben werden …

Damit bleibt zu vermuten, dass sich die Prognosestellungen zwar im empirischen Teil »als wenig zuverlässig« erweisen ›durften‹ (DBMSSWW, 2011, 69), dass jedoch die sich aus den divergierenden Funktionen des Klinik- und des Projektmitarbeiters, des intramuralen und des extramuralen Blicks auf dieselbe institutionelle Praxis eben nicht »durchdacht und ausgehal- ten werden« können (Blau, 1986, 163). Das strukturelle Paradoxon eines Forschungsset- tings, bei dem einige Protagonisten sowohl Aussagende als auch Subjekt dieser Aussage sind, diese konfligierende Aufgabenstellung wird ebenso wenig erkannt wie die das eigene – unbewusste? unreflektierte? unentschlossene? – Schwanken zwischen Kausalattribution und Determinantenmodell. Denn faktisch wird nur in Ansätzen zur Kenntnis genommen, dass die untersuchten soziologisch-kriminologischen Parameter eben jene multifaktoriellen Bedingun- gen ausmachen, die diese Sicherheitsforderung an Prognosen konterkariert.

Dabei fällt auf, dass innerhalb der forensischen Psychologie (und Psychiatrie) die Unterscheidung von Ursache (Kausalität) und Gesetzmäßigkeit nicht beachtet bzw. beides miteinander gleichgesetzt oder verwechselt zu werden scheint. Einerseits ist Verhalten ohnehin generell überdeterminiert. Andererseits gibt es keine ›Ursache‹ schlechthin, denn diese ist zufällig, unfassbar und unmessbar, die Gesetzmäßig- keit hingegen per se Regelhaftigkeit pur. Weil dies so ist (und indem er Wissen schafft), ›glaubt‹ der fo- rensische Experte dennoch an Ursachen und erschafft somit die Gefährlichkeits-Fama der Kausalität – und die Kalamität der Infamie. Zweifelsohne gibt es gefährliche Individuen, doch das sein derart schlich- tes Bedingungsmodell dessen intra- und intersubjektive Dynamik genügen sollte …

Lässt man die Themen und Ergebnisse forensisch-psychologischer wie -psychiatrischer Forschungsdis- kurse Revue passieren, so fällt eine paradoxe Mystifizierung der Beziehung zwischen attribuierter ›Ge- fährlichkeit‹ bzw. ›Ungefährlichkeit‹ und den jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten, -effekten oder -resi- stenzen auf: Auf geradezu irreale Weise scheint ein Syllogismus Anwendung zu finden, wonach die me- thodische Beherrschung der Modifikation des als symptomatisch unterstellten Verhaltens oder als ›delikt- relevant‹ identifizierter Eigenschaften das Maß für die psychologische Existenz und Relevanz einer Ge- fährlichkeitspathologie darstellt: Was, wenn dieses ›anormale‹ Subjekt als ein empirisches Subjekt der Erfahrung, das denken, handeln, die Verhältnisse und sich selbst verändern kann, als ein ›ethisches‹ Subjekt also, für Psychologen doch mehr sein sollte, als ein forensisches Kombinatorium fraglich delikt- relevanter, prognostisch mehr oder weniger günstiger oder ungünstiger Persönlichkeitsfaktoren? (Kobbé, 2010a, 92-93).

Zunächst bliebe nachzutragen, dass Psychologen – wie die Bezeichnung bereits anzeigt – Spezialisten für die (Logik der) psychischen Prozesse sind, seien diese nun als entwick- lungspsychologische, ›gesunde‹ oder gestörte affektive, kognitive, verhaltens- oder hand- lungsbezogene innere Vorgänge innerhalb eines sog. bio-psycho-sozialen Kontextes zu de- finieren. Psychiater sind dabei als medizinische Spezialisten für manifest klinisch gestörte psychische Prozesse zu identifizieren. Hieraus aber folgt, dass Psychologen – und mehr noch Psychiater – fachliche Aussagen ausschließlich über intrapsychische Voraussetzungen einer realitätsadäquaten Erlebnisverarbeitung und Handlungsdisposition machen können und äussere Faktoren (Arbeit, Wohnung, Finanzen, Freizeit), insb. als Faktoren einer Zu-

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kunft, nicht Gegenstand einer qualifizierten forensisch-psychologischen/-psychiatrischen Be- urteilung sein können. Fachkompetenz vorausgesetzt, ist folglich jede Prognose zum Zeit- punkt ihrer Stellung nur in Lage, Auskunft über die psychosozialen Kompetenzen, Ressour- cen und Problembereiche des Betreffenden zu geben.

Damit aber hätten die AutorInnen das Datenmaterial, was ihnen die acht vorgegebenen Un- tersuchungsfragestellungen der Studie (DBMSSWW, 2011, 10) durchaus ermöglicht hätten, als unabhängigere Untersuchungsfoki konzipieren müssen. Was damit nicht mehr stattge- habt hätte, wären der ritualisierte Wissenschaftsbeweis und der forensische Qualitätsbeleg in Form der immer selben retrognostischen Erfolgs-/Misserfolgs-Bewertung, sprich, die Selbst- absicherung des Fetischs ›Prognosesicherheit‹. Dem Begriff ›Erfolg‹ kommt dabei ein höchst unscharfer Bedeutungshorizont zu, bezieht er sich doch sowohl auf Suchtmittelabstinenz bzw. -konsum, auf Legalbewährung bzw. Deliktrückfall als auch auf das Abstraktum einer »Wiedereingliederung des Patienten in ein straffreies Leben in der Gesellschaft«. Folgt man den Argumentationsfiguren der Studie, wird ›Erfolg‹ nicht dem individuellen Ex-/Patienten attribuiert, sondern wird in Anspruch genommen, spezifische (sucht-)therapeutische o. a. in- stitutionelle (Nachsorge-)Maßnahmen seien an sich ›erfolgreich‹. Diese instrumentelle Idee der Machbarkeit erfolgreicher Behandlung / Wiedereingliederung / Lebensgestaltung igno- riert, dass es sich bei den Betroffenen um konkrete Individuen handelt, mitnichten aber um menschliche Marionetten, die als Abhängige in den institutionellen oder sozialen Strukturen ›zappeln‹. Selbstkritisch ließe sich ja allenfalls der Erfolg in Anspruch nehmen, als (Mitarbei- ter in einer) Institution Situationspotentiale geschaffen und/oder – neudeutsch formuliert – als ›Zeitfenster‹ genutzt zu haben, die dem Einzelnen ermöglichte, bei/für sich etwas zu verän- dern. Das allerdings müsste das Selbstverständnis der (Träger dieser) Institution deutlich verändern … Der Machbarkeitsvorstellung des Behandlungserfolgs stände ohnehin bereits die Tatsache entgegen, dass Störung oder Erkrankung ein ›natürliches‹, ein der Natur des Menschen inhärentes Phänomen ist, das aber keineswegs mit voraussetzt, hierfür oder hier- gegen müsse es auch eine – zudem noch ›erfolgreiche‹ – Behandlungsmethode geben. Wenn eine frühere Faustformel der Suchttherapie besagte, ein Drittel der Abhängigen sei in der ersten Therapie, ein zweites Drittel in einer zweiten / dritten / vierten Therapie, das letzte Drittel jedoch (auch bei größter therapeutischer Kunstfertigkeit) nicht aussichtsreich behan- delbar, dann ist diese Pauschalisierung fraglos falsch, zudem birgt sie die Gefahr behand- lungsnihilistischen Aufgebens Einzelner in sich. Was mit diesem ›Schnack‹ aber unzweideu- tig anerkannt wurde, ist die Tatsache der begrenzten Behandlungserfolge, einer Selbst- /Beschränkung des Heilungsanspruchs. Vor dem Hintergrund dieser komplexen und interde- pendenten Bedingungen ist die undialektische Vorstellung vom Nachweis eines maßnahme- determinierten ›Erfolgs‹ in ihrer investitionsökonomischen Logik nicht nur entfremdend und instrumentell, sondern hinzu insbesondere illusionär.

Unbeachtet, zumindest aber unbenannt, bleibt in den Ausführungen zu rückfallprotektiven Faktoren, dass es nicht nur um eine Herausforderung nunmehr eigenständig zu gestaltender Lebenswirklichkeiten außerhalb hochstrukturierter bzw. überstrukturierter und fremdbestimm- ter Maßregelvollzugsbedingungen geht (DBMSSWW, 2011, 73), sondern dass die – in der Literatur oft euphemistisch ›Empfangsräume‹ genannten – extramuralen Lebensräume eben weder ernsthaft aufnahme- noch effektiv integrationsinteressiert sind. Damit kommt dem Ne- xus Arbeit : Finanzen : Freizeitverhalten aber eine nicht nur instrumentelle ›protektive‹ Funk- tion, sondern viel wesentlicher eine für eine lebenswerte – suchtmittel- und deliktfreie – Le- benswirklichkeit sinnstiftende Bedeutungshaftigkeit zu. Bereits die intramuralen Unterbrin- gungsbedingungen führen trotz Milieu-, Psycho- und Ergotherapie dazu, dass derartige Be- dürfnisse für die Behandler wie für den konkreten Patienten nicht (mehr) wahrnehmbar, erst recht »desintegrierbar- und desartikulierbar [waren oder wurden], sofern der Insasse über die notwendige Energie dazu verfügt[e] und ein entsprechendes Bedürfnis vorhanden« war (Wulff, 1987, 189). Den Aspekt können die erhobenen Daten zweifelsohne nicht abbilden, doch ist einer die »Lebensverhältnisse nach der Entlassung« untersuchenden, »›verlaufsna- he‹ Beobachtungen« referierenden und hieraus – trotz geringer Fallzahlen – »mehr über das Bedingungsgefüge von Deliktrückfällen« erfragenden Katamnese auch anzutragen, derartige Aspekte zumindest mitzudenken bzw., wenn sie denn mitreflektiert wurden, auch anzuspre-

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chen. Im Bericht der Studie heißt es zum Zusammenhang von Arbeitslosigkeit (55%), Prob- lemen mit der Tagesstrukturierung bei Arbeitslosigkeit (23,5%), Suchtmittelkonsum und De- liktrückfall:

Die klinischen Erfahrungen lassen […] vermuten, dass sich die Probleme wechselseitig bedingen und die Abfolge von Suchtmittelkonsum – Arbeitsplatzverlust – Verlust an Tagesstruktur – weiterer Suchtmit- telkonsum usw. nur allzu oft einen Kreislauf darstellt, dessen Anfangspunkt kaum zu rekonstruieren ist (DBMSSWW, 2011, 75).

Dass die einzelnen ›Probleme‹ nicht nur ein protektive Faktoren innerhalb eines Bewäh- rungs- oder Wiedereingliederungsverlaufs, dass Wohnen, Arbeit, Tagesstruktur, Freizeit nicht ein Wert an sich sind, sondern erst die damit verbundene Erfahrung konkreter Selbst- wirksamkeit jene Optionen beinhaltet, die ein »selbststimmtes Lebensumfeld« mehr sein lässt, als ein Leben »in einer eigenen Wohnung« (DBMSSWW, 2011, 71), wird dabei nicht deutlich. Ähnlich wird festgestellt, »dass die mit Familienangehörigen verbrachte Zeit [bei den Freizeitinhalten] an erster Stelle steht (44,8%)«, und dieser Form der Freizeitgestaltung unausgesprochen wohl unausgesprochen ein positiver Stellenwert zugeschrieben: Wenn diese innerfamiliäre Freizeit zusammen mit »der Freizeitgestaltung mit Freunden und Be- kannten (31,0%)« dann von den AutorInnen unkommentiert in Kontrast zur Wahrnehmung »konsumtiver Angebote« wie ›Fernsehen‹ oder ›Kino‹ als »wichtigste Freizeitbeschäftigung […] bei jedem 5. Patienten« (20,7%) gesetzt wird, scheint diesen gemeinschaftlichen Frei- zeitaktivitäten implizit ein Wert an sich zugeschrieben zu werden (DBMSSWW, 2011, 74). Dies jedoch könnte sich durchaus als eine – bürgerliche – Fiktion von Normalität erweisen, setzte man diese Angaben mit Durchschnittzahlen des Medienkonsums in vergleichbaren Bevölkerungsgruppen in Beziehung und vergegenwärtigte sich andererseits, wie konflikt- trächtig zwischenmenschliche Beziehungen – gerade mit den nicht wählbaren – Angehörigen sein können. Damit käme der Angabe, »familiäre/partnerschaftliche Probleme« seien bei 63,6% der Befragten »negative Auswirkungen« des Suchtmittelrückfalls (DBMSSWW, 2011, 78) besondere Bedeutung zu: Diese Kausalinterpretation (Rückfallfolge) und Bewertung (ne- gativ) berücksichtigt nicht, dass es – wechselseitige Beziehungsmuster vorausgesetzt – durchaus einen zirkelhaften Verlauf von Beziehungsstress und Suchtmittelkonsum geben kann, bei dem Beziehungsprobleme sowohl determinierende als auch determinierte Variable, parallel der Konsum sowohl störende als auch reaktive Variable sein können; immerhin dürf- te ein Teil der familialen Beziehungspersonen so oder anders (s)einen Anteil an der Entwick- lung des Betreffenden in Sucht und/oder Delinquenz gehabt haben … Nun geht es hier nicht um die inhaltliche Klärung dieser antithetischen Skizze, sondern darum aufzuzeigen, wie re- flexhaft kausalistisch eine eindimensional anmutende Vor-/Urteilsstruktur die Daten interpre- tiert – und ggf. fehlinterpretiert.

Unter diesem Gesichtspunkt ließe sich beiläufig die für eine differenzierte inhaltliche Auswer- tung zu geringe Fallzahl der n = 31 Erhebungsbögen entlassener Maßregelvollzugspatienten durchaus noch anders interpretieren: Eine Rücklaufquote von nur 27% mag bspw. ebenso darauf hindeuten, dass die anderen 73% des angeschriebenen Klientels keinesfalls aus Des- interesse oder Protest nicht an dieser Befragung durch eine fremdbestimmende Institution teilzunehmen, sondern – nicht nur, aber auch – diese Entscheidung aktiver Nicht-Teilnahme angesichts zu geringer Identifizierung mit dem Befragungsanliegen und/oder der anfragen- den Institution, mithin als Ausdruck einer Normalisierung getroffen haben könnten.

In Bezug auf funktionell forensisch-präventive, strategisch ordnungs- und versorgungspoliti- sche, instrumentell verobjektivierende Sicht- und Vorgehensweisen von Verwaltung und Poli- tik könnte der vorgelegten Forschungsstudie durchaus Symptomcharakter zukommen: In- dem die an »Zusammenhänge[n] des Rückfallgeschehens« – nicht also des Erlebnisverar- beitungsgeschehens des Ex-Patienten – orientierten Fragestellungen, die rein faktenorien- tierte Generierung von Daten, die ausschließlich quantitativ-statistische Methodik und die formal-deskriptive Auswertung für sich in Anspruch nehmen, »den Praxisbezug dieses Vor- habens sicherzustellen« (DBMSSWW, 2011, 10), könnte der – aus subjektpsychologischer Sicht einseitig-verobjektivierende – Forschungsansatz widerspiegeln, als wie lebens- und all- tagsnah die sich hier abbildende Norm(-alität) einer funktional durchstrukturierten Bewäh- rungswelt ggf. erlebt wird. Einer gänzlich strategisch-bedarfsplanerischen Denkweise entzie-

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hen sich die AutorInnen zwar durch eine fachlich angemessene inhaltliche Beschreibung er- forderlicher Nachsorgestrukturen (DBMSSWW, 2011, 92-93), doch bleibt das eindimensiona- le Erfolgs-/Misserfolgs-Modell der Auswertung des Datenmaterials als Kritikpunkt bestehen. Unklar bleibt, warum DBMSSWW ihre Ergebnisse nicht nutzen, um zu verdeutlichen, dass multifaktorielle Bedingungssysteme sogar mit multivariaten Methoden der Statistik nicht zu berechnen, dass selbst aufwendigen chaostheoretischen Modellen prinzipielle Grenzen ge- setzt sind.

Nun könnten die AutorInnen einwenden, Ziel bzw. Auftrag der Untersuchung sei eine retro- spektive Datenerhebung und -auswertung gewesen, nicht jedoch eine bedingungsanalyti- sche Grundlagenforschung. (Wenn dem so – gewesen – sein sollte, wären allerdings die in- kriminierten Prognosekritiken und -mutmaßungen auffällige Überschreitungen dieser Gren- zen.) Nun sind derartige Untersuchungen in ihrer Anlage, Datenaufbereitung, -darstellung und -auswertung nie besonders ›sexy‹, doch birgt die hier vorgelegte Studie in ihrer statisch referierenden Aufbereitung so viel Spannung wie ein Kilo Watt. Dabei enthält das Datenma- terial durchaus Sprengkraft – insofern versteht sich dieser Essay auch als ein Reload, als ein Wieder-/Aufladen der Themen mit der ihnen eigenen Spannung. Denn: Anhand der Befunde zur Prognose(treff)sicherheit ließe sich aufzeigen, dass die Rede von der ›sicheren‹ Progno- se eine Chimäre, eine Irreführung ist und dass fachgerecht gestellte Prognosen sich immer nur auf Eigenschaften des Individuums, nicht jedoch auf externe Zufalls-/Bedingungen be- ziehen, mithin auch nicht ›falsch‹ sein können. Diesbezüglich müsste das Übersehen / Über- gehen derartiger ›Wahrheiten‹ als ein Schweigen verstanden werden. Und »der vom Schweigen implizierte negative Satz« würde analog Lyotard (1989, 34) lauten: Dieser Fall geht Sie nichts an. Diesen Fall gibt es (für uns) nicht. Dieser Fall ist nicht eindeutig bestimm- bar. Dieser Fall geht uns nichts an … Das heißt, der Widerstreit erweist sich als jener »insta- bile Zustand«, jener Moment des Zögerns, in dem etwas, das zur Sprache gebracht werden könnte und/oder müsste, noch darauf wartet. Es ginge – so weiter Lyotard (1989, 33-34) – darum, zu erkennen, dass man zwar »von der Sprache in die Pflicht genommen wird«, je- doch zugleich anzuerkennen, dass die anstehende punktierende Setzung rspkt. Unter- /Brechung das eigene »Äußerungsvermögen übersteigt«. Denn dies würde voraussetzen, die gängigen Spielregeln einer unpolitischen (unkritischen) Forschung, eines professionellen Reduktionismus, einer szientistischen Selbst(v)erklärung aufzukündigen und einen Wahr- heitsdiskurs zu wagen.

Eine solche Ethik riskierte allerdings einen epistemologischen Gang (Kobbé, 2010a, 93) , der mit Foucault das befragt, was forensische Begutachtungs-, Behandlungs-, Prognosewirklich- keit genannt werden kann, indem er einen konzessionslosen Blick auf das Unwissen jenseits des wissenschaftlichen Wissens richtet – dies mit dem Problem, als Praktiker ertragen zu müssen, nicht auf berechenbare Weise voranschreiten zu können, sondern ggf. mit dem ›leeren‹ Ort einer unerreichbaren ethischen Wahrheit ›jenseits‹ der Illusionen konfrontiert zu sein … Denn erst als ein ethisches, sich der Wahrheit aussetzendes Subjekt (Kobbé, 2010a, 108) wäre ›der‹ Forscher in der Lage, den sich selbst totalisierenden Politikersprech vom ga- rantierten Schutz der Allgemeinheit durch ›sichere‹ Prognosen zu »zerspielen« (Wulff) und als das zu denunzieren, was es ist: als ein technokratischer Irrglaube der Kontrollierbarkeit des delinquenten Zufalls bzw. als der phantasmatische Entwurf einer gewaltfreien Gesell- schaft.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Wahnsinn – oder die Delinquenz oder das Verbrechen – von ei- nem absoluten Außen her zu uns spricht. Nichts ist unserer Gesellschaft und ihren Machtwirkungen in- nerlicher als das Unglück eines Irren oder die Gewalttätigkeit eines Kriminellen (Foucault, 1976, 85-86).

Die Datenauswertung hinsichtlich des Teilaspekts ›Legalprognose‹ hätte nicht nur Gelegen- heit geboten, sondern bei kritischer Aus-/Wertung verlangt, den politischen Instanzen eine unliebsame Wahrheit mitzuteilen, dass eben Prognosen lediglich fachlich fundierte Augen- blicksaussagen über individuelle Fähigkeiten im Hier-und-Jetzt mit Projektionen auf eine von unbekannten Variablen bestimmte Handlungsbereitschaft einer ungewisser Zukunft sind, dass es mithin weder ›sichere‹ noch ›objektive‹ noch ›richtige‹ noch ›valide‹ Prognosen ge- ben kann. Diese Gelegenheit zum Führen eines aufklärerischen Diskurses als »eine zerspie- lende Umkodierung der Wirklichkeit« (Wulff, 1987, 181) wird von den AutorInnen dieser Stu-

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die – schon allein, weil dies nicht beauftragt war – fraglos verpasst. Der programmatischen Anforderung an forensische Feldforschung, »keinesfalls sollte auf diese fruchtbare Verbin- dung von Theorie und Praxis verzichtet werden« (Blau, 1986, 163), wird diese sterile Auflis- tung von Einzelergebnissen ohne tatsächliche Diskussion der Daten, ohne Generierung al- ternativer Strategien des Umgangs mit An-/Forderungen, ohne ansatzweise Vision einer in- novativen Prognosepraxis so sicher nicht gerecht. Nun fällt die psychiatrische Wissen- schaftsdisziplin nicht unbedingt durch ihren kritischen Diskurs auf und stellt auch Psycholo- gie keineswegs (mehr) eine selbstreflexive und sozialkritische Disziplin dar. Allerdings wäre dies »eine transzendentale, keine empirische Bedingung«, d. h. der betreffende Wissen- schaftler müsste bereit und in der Lage sein, sich argumentativ in ungleichartigen Regelsys- temen – im philosophisch-kritischen (transzendentalen) und im kognitiven (empirischen) Dis- kursmodus – zu ›bewegen‹ und den dieser diskursiven Heterogenität inhärenten Widerstreit zu er-/tragen (Lyotard, 1989, 58). Was die hierfür erforderliche Fähigkeit und Bereitschaft zur reflektierten Wahrnehmung unterschiedlicher Funktionen oder Positionen in differierenden Praxisdiskursen betrifft, fällt hinsichtlich der Veröffentlichung von DBMSSWW auf, dass die im poststationären Katamnesezeitraum erfassten bzw. befragten Personen durch- gängig weiterhin als »Patienten« bezeichnet werden, dass sie folglich von den AutorInnen der Forschungsstudie (noch) nicht als gesellschaftlich reintegriert, ebenso wenig als enthospitalisiert bzw. entprisoniert, als eigenständig und ei- genverantwortlich wahrgenommen zu werden scheinen, dass die Vertreter beteiligter Kliniken unter den ProjektmitarbeiterInnen sich folglich in Be- zug auf diese Ex-Patienten weiterhin in klinischer Funktion zu definieren bzw. mit ihrer Rol- lendifferenz von Kliniker und Forscher wenig reflektiert umzugehen scheinen und dies Anlass zum Zweifel sowohl an hinreichender Distanz zur beforschten Population als auch zu den in- volvierten Institutionen geben muss.

Sollte es sich also um ein Vermeidungsverhalten erkenntnis- und sozialpolitisch ›korrekter‹ Forschung einer Wissenschaft handeln, deren affirmative Praxis hinsichtlich der Konsequen- zen nichts Wesentliches mehr zu sagen wüsste, die sich nichtssagend der Gesellschaft – wie Lacan (1964, 211) bitterböse formuliert – »als Dienerin anbietet« und hierbei ihren »Schnitt« macht? Eine sich ernst nehmende Wissenschaftsphilosophie und -praxis müsste sich jedenfalls einem solchen ›No-Go‹ nicht nur widersetzen, sondern dieses Problemverbot auf der »Widerstandslinie« (Lyotard) einer grundlegend kritischen und selbstkritischen Me- thoden- und Praxisreflexion (Kobbé, 2010a) auch auf jene – vermutlich doch positivistischen – Konstrukte hin befragen, die als ›hidden curriculum‹, als Determinanten prognostischer All- tagspraxis den institutionellen Diskurs über Legalprognosen, Lockerungs(kontra)indikatio- nen, Fortdauer bzw. Beendigung der Unterbringung im Maßregelvollzug, Nachsorge usw. mit-/bedingen. Andernfalls folgte – in Paraphrase Lyotards (1981, 21) – diese Logik der Prognoseforschung im Wesentlichen der Logik einer von ihrem dialektischen Futteral befrei- ten Forschung mit der fatalen Nachwirkung, dass aus den ihr anhaftenden Widersprüchen nichts folgt, was ihre Überwindung signalisieren oder triggern könnte.

Derartig performativer Wahrheit, einer Beforschung der Legalbewährung beispielsweise, las- se sich – so Lyotard (1977, 73) – nur dadurch entkommen bzw. gegenübertreten, dass man im kritischen Diskurs »eine Teufelei« einführt, um die Opposition gegen die »Vulgarität« und das »Raffinement« statistico-empirischer Mainstream-Wissenschaft subversiv führen zu können. Nun, vielleicht wird dies durch eine skeptische Position ermöglicht, in der man »nicht Experte ist« sondern Advocatus diaboli oder »Stuntman des Experten« (Marquard, 1990, 165). Der dabei ausgetragene Widerstreit ist als radikale Skepsis nichts anderes als »konse- quent gemachte Verzweiflung: Die nicht konsequent gemachte Verzweiflung bleibt nur Ver- zweiflung«, und diese verkehrt jede kritische Position »zur Wacht am Nein« (Marquard, 1990, 171). Die konsequent gemachte Verzweiflung jedoch ist jene dialektische Haltung zer- spielender Ernsthaftigkeit, deren philosophische Teufelei ›Widerstreit‹ heißt und deren dis- kursethische Unruhe als der »Hintern des Teufels« (Bloch) aufscheint.

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Anmerkungen

1 Im weiteren Text wird diese wissenschaftlich übliche Zitierweise aufgegeben und die Forschungs-/AutorInnen- gruppe mit den Initialen DBMSSWW geführt werden, denn die Zitation ‚Dimmek et al.’ könnte diesen sich sehr einseitig in Verantwortung gebracht sehen, die anderen AutorInnen aber ebenso veranlassen, sich ignoriert zu fühlen.

2 Welche adverbiale Charakterisierung hier angemessen wäre, bleibt in dem Forschungsbericht mit seiner dicho- tomen Unterscheidung ›Erfolg‹ – ›Misserfolg‹ unklar.

3 TeilnehmerInnen: Albrecht, P.-A.; Dimmek, B.; Gerdes-Röben, E.; Grünebaum, R.; Klassa, D.; Kobbé, U.; Nie- diek, T.; Nowara, S.; Pollähne, H.; Schumann, V. & Tschuschke, P.

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Argument.

Anschrift des Verfassers

Dr. Ulrich Kobbé, iwifo-Institut, Postfach 30 01 25, D-59543 Lippstadt, E-mail: ulrich.kobbe@iwifo-institut.de