Sie sind auf Seite 1von 9

Literaturtempel

In der vietnamesischen Hauptstadt befinden sich etwa 180 Tempel und Pagoden. Der
Literaturtempel Van Mieu ist ohne Zweifel die groesste und schoenste Tempelanlage
der Stadt. Er befindet sich im Stadtbezirk Dong Da und ist vom Stadtzentrum aus in
20-30 Minuten zu Fuss, mit dem Bus Nr.9 oder mit einem Taxi bzw. Mopedtaxi zu
erreichen. Obwohl vom chaotischen Verkehr Hà Nois umtost, ist er durch die etwa 2
Meter hohen Mauern, die ihn von allen Seiten umgeben, eine Oase der Ruhe in der
hektischen Grossstadt. Er gehoert zu meinen Lieblingsplaetzen in Hà Noi. Seit ich
damals in der 8. Klasse angefangen habe, mich fuer Geschichte zu interessieren,
komme ich sehr oft hierher.
Gegruendet wurde Van Mieu im Jahre 1070 von Koenig Lý Thánh Tông zur
Verehrung des chinesischen Philosophen Konfuzius und seiner Nachfolger und
Schueler. Der Bau ist dem Konfuziustempel in Qu Fu (China), dem Geburtsort von
Konfuzius, nachempfunden. Der Standort des Tempels wurde befand sich damals in
einem Dorf suedlich von Thang Long (so hiess Ha Noi frueher)und wurde
ausgesucht, damit der Tempel in Harmonie mit der Daoistischen Pagode Bích Câu
und der Buddhistischen Einpfahlpagode (Chùa Mot Cot) steht. Heute befindet er sich
natuerlich laengst mitten in Hà Noi.
Der Bau des Tempels war ein bedeutendes Ereignis in der kulturellen Entwicklung
des Landes. Er diente nicht nur zur Ahnenverehrung, sondern wurde zur ersten
Universitaet Viet Nams. Nachdem Van Mieu zuerst eine Bildungsstaette fuer Prinzen
und Soehne der Adligen war, wurde im Jahre 1076 durch Koenig Lý Nhân Tông die
Schule fuer die Soehne der Nation (Quoc Tu Giám) gegruendet. Diese entwickelte
sich schnell zum Mittelpunkt der nationalen Gelehrsamkeit. Die unter staatlicher
Ueberwachung stattfindenden Literaturpruefungen standen jedem offen. Und fuer
jeden, der diese Pruefungen bestand, war es moeglich, in den Verwaltungsdienst
einzutreten. So wurde das Prinzip der Erbfolge, nach dem man frueher Beamte in der
Adelsschicht rekrutierte, durch das der Qualifikation ersetzt.
Das Studium dauerte drei Jahre. Unterrichtet wurden Literatur, Ethik, Politik und
Verwaltungslehre. Studiert wurden die Konfuzianischen Klassiker. Die Pruefungen
fanden streng nach der konfuzianischen Tradition statt. Es ging dabei nur um die
exakte Wiedergabe von auswendig gelernten konfuzianischen Schriften. Eine
individuelle Auslegung war nicht vorgesehen. Die Grundprizipien des
Konfuzianismus betonten Loyalitaet und Harmonie, Wissen und Gelehrsamkeit.
Forschung und Entwicklung hatten darin keinen Platz. Daran aenderte sich bis zur
Schliessung des Literaturtempels Anfang des 20. Jahrhunderts nichts. Das hatte zur
Folge, dass die Staatsbeamten mit der Zeit immer realitaetsfremder wurden und nicht
mehr in der Lage waren, die echten Probleme des Landes zu erkennen. Parallelen im
heutigen vietnamesischen Bildungssystem sind durchaus noch vorhanden.
Durch die Orientierung auf die Lehre des Konfuzius verlor der Buddhismus sein
Bildungsmonopol, blieb aber trotzdem weiter Staatsreligion. Die militaerische und
zivile Verwaltung des Landes wurde jedoch nach konfuzianischen Prinzipien
organisiert.
Die Abschlusspruefungen waren extrem schwer. Es ist ueberliefert, dass daran
zwischen 450 und 6000 Kandidaten teilgenommen haben. Im Jahr 1733 zum Beispiel
waren von 3000 Teilnehmern nur ganze acht erfolgreich. Trotzdem waren die
Studienplaetze sehr begehrt und es kamen Studenten, die vorher eine regionale
Pruefung bestehen mussten, aus allen Teilen des Landes, nach Thang Long, wie Hà
Noi frueher hiess. Frauen waren allerdings nicht zugelassen. Wer die Pruefungen
bestand, fand eine Anstellung im Staatsdienst und war somit fuer sein weiteres Leben
in einer privilegierten und eintraeglichen Position.
Die Pruefungen fanden in der Regel alle drei Jahre statt, bestanden aus fuenf Teilen
und dauerten immer mehrere Monate. Nur wer alle fuenf Teile erfolgreich
absolvierte, hatte das Recht, den Titel "Doctor laureate" (Tien Si) zu tragen. In der
Geschichte des Van Mieu errangen von 1076-1779 insgesamt 2313 Studenten diesen
Titel. Sie wurden anschliessend vom Koenig in den Palast eingeladen, um sich noch
einer besonderen Pruefung (Thi Dình) zu unterziehen. Diese wurde vom Koenig
selbst durchgefuehrt, der danach eine Rangliste der besten Studenten aufstellte und
die drei allerbesten extra auszeichnete.
Zu den bekanntesten Absolventen zaehlten der beruehmte vietnamesische Gelehrte
Chu Van An (1292-1370) und der Dichter und Staatsmann Nguyen Trãi (1380-1442).
Der juengste Student, der die Pruefungen bestand, war der 16jaehrige Nguyen Trung
Ngan im Jahre 1304. Der aelteste Absolvent soll 61 Jahre alt gewesen sein.
Nachdem die Landeshaupstadt im Jahre 1804 nach Hue verlegt wurde, fanden die
zentralen Pruefungen in der neuen Hauptstadt statt. Im Literaturtempel in Hà Noi gab
es noch bis 1915 regionale Pruefungen.
Heute praesentiert sich Van Mieu mit seinen Pagoden, Toren und Hoefen,
Lotosteichen und Gaerten als ein Kunstwerk aus Architektur und Natur.

Das Gelaende des Tempels der Literatur ist etwa 350 Meter lang und zwischen 60
und 75 Meter breit. Es besteht aus fuenf Hoefen, die durch jeweils dreiTore
miteinander verbunden sind. Die mittleren Wege und Tore durften nur vom Koenig
betreten werden. Beamte, Lehrer und Studenten mussten die Seitenwege und -tore
benutzen. Der gesamte Tempel ist streng in der charakteristischen geomanisch
vorgeschriebenen Nord-Sued-Ausrichtung der vietnamesischen Tempelarchitektur
errichtet. Die Anzahl der Hoefe symbolisiert die fuenf Elemente der Natur: Metall,
Holz, Wasser, Feuer und Erde.
Das Eingangstor befindet sich in der Pho Quoc Tu Giám.
Direkt an der Strasse stehen vier Saeulen, auf denen in chinesischen Schriftzeichen
die konfuzianische Lehre gepriesen wird. Gleich daneben gibt es zwei Stelen mit der
Aufforderung, vor dem Eintreten vom Pferd zu steigen.
Nachdem man 5000 VND Eintritt bezahlt hat, betritt man die Tempelanlage durch
das dreiteilige Haupttor (Van Mieu Môn).

Der erste Hof stellt mit seiner strengen Symmetrie ein Sinnbild fuer die
Ausgewogenheit der entgegengesetzten Kraefte in der konfuzianischen Lehre dar.
Ueber einen gepflasterten Weg unter schattigen Baeumen entlang kommt man zum
"Tor der Grossen Mitte" (Dai Trung Môn). Dieses Tor durfte nur vom Koenig benutzt
werden. Alle anderen mussten durch eines der beiden Seitentore, das "Tor des
Erworbenen Talentes" (Dat Tài Môn) oder das "Tor der Gewonnen Tugend" (Thành
Duc Môn) gehen.
Auch im zweiten Hof befinden sich keine Gebaeude, aber, genau wie im ersten, links
und rechts an der Mauer Wasserbecken mit Lotospflanzen. Den dritten Hof erreicht
man wieder ueber drei Tore. Auf dem grossen Tor in der Mitte (Khuê Van Các Môn)
befindet sich ein Holzpavillon.
Dort verehrte man frueher den Schutzgeist der Literaten. Lehrer und Studenten trafen
sich regelmaessig abends um Gedichte vorzulesen und darueber zu diskutieren.
Im dritten Hof befindet sich ein grosses Wasserbecken, die "Quelle des Himmlischen
Lichtes" (Thiên Quang Tinh).

Links und rechts des Sees befinden sich zwei ueberdachte Galerien. Darin stehen
jeweils 41 Stelen auf dem Ruecken von steinernen Schildkroeten. Auf den Tafeln
sind die Namen und Heimatorte von insgesamt 1306 Studenten verzeichnet, die die
zwischen 1442 und 1779 durchgefuehrten Pruefungen erfolgreich bestanden haben.
Fuer jeden Jahrgang gibt es eine Stele. Von 1442 bis 1779 fanden 116 solcher
Pruefungen statt. Der Rest der Stelen ist im Laufe der Jahrhunderte leider verloren
gegangen.
Waehrend des Krieges mit den USA wurden die Stelen vergraben und einbetoniert,
um sie vor den amerikanischen Bomben zu schuetzen.
Durch das "Tor des grossen Erfolges" (Dai Thành Môn) gelangt man in den
gepflasterten vierten Hof. Auch zwischen dem dritten und dem vierten Hof befinden
sich wiederum zwei kleinere Seitentore, Kim Thanh Môn und Ngoc Chan Môn.

In den Gebaeuden, die seitlich plaziert sind, wurden frueher die 72 wichtigsten
Schueler des Konfuzius verehrt. Heute befinden sich darin Andenken- und
Souvenirgeschaefte.
An der Stirnseite des Hofes befindet sich das "Grosse Haus der Zeremonien" (Dai
Bai Duong). Mit chinesischen Schriftzeichen steht ueber dem Eingang der Ehrentitel
des Konfuzius angeschrieben "Lehrer fuer zehntausend Generationen".

Im Inneren befindet sich eine Statue des Konfuzius, flankiert von zwei grossen
Kranichen. Diese hatten die Aufgabe, die Pruefungsergebnisse symbolisch an den
grossen Meister im Himmel zu ueberbringen.

Im anschliessenden Gebaeude, der "Halle des Grossen Erfolges" (Dai Thành Dien)
befindet sich ein weiteres Abbild des Konfuzius, umgeben von seinen vier
Nachfolgern Yanzi, Zisi, Zengzi und Menzius.
Zu beiden Altaeren kommen regelmaessig vor wichtigen Pruefungen Hanoier
Schueler und Studenten mit ein paar Opfergaben, um fuer gute Ergebnisse zu bitten.
Auch ich habe das schon mit Erfolg praktiziert.
In einem Seitenfluegel des Hauses gibt es regelmaessig Vorfuehrungen von
klassischer vietnamesischer Musik und es werden Instrumente und CDs (allerdings
zu voellig ueberteuerten Preisen) verkauft.
Den fuenften und letzten Hof erreicht man durch das Tor Thái Hoc Môn. Hier befand
sich frueher die eigentliche Universitaet. Sie bestand aus mehreren Gebaeuden mit
insgesamt 235 Raeumen. Es gab Schlafsaele fuer 300 Studenten. Die Originalbauten
sind leider nicht mehr erhalten. Die Rekonstruktion dieses Teiles des Tempels wurde
erst im Jahre 2000 abgeschlossen.
Das wichtigste Gebaeude ist die Zeremonienhalle, hinter der sich ein Tempel, der
urspruenglich zu Ehren der Eltern des Konfuzius errichtet wurde, befindet.

Heute verehrt man dort im Erdgeschoss den Gelehrten Chu Van An. Dieser gehoerte
als einziger Vietnamese zu den 72 Weisen, den besten Schuelern von Konfuzius. Er
war 40 Jahre lang Rektor der Quoc Tu Giám Universitaet.
Im oberen Stockwerk befinden sich lebensgrosse Statuen der Koenige Lý Thánh
Tông (1023-1073), Lý Nhân Tông (1066-1127) und Lê Thánh Tông (1442-1497), die
herausragende Gruender und Foerderer der Universitaet waren.

In der Zeremonienhalle ist ein kleines Museum eingerichtet. Es gibt auch eine kleine
Buecherei mit Material ueber die Geschichte des Literaturtempels.
In zwei Pavillons befinden sich eine Bronzeglocke mit 2,10m Hoehe und 0,99m
Durchmesser sowie eine grosse Trommel mit einem Durchmesser von 2,01m und
700 Kilogramm Gewicht.
Damit soll dieser kleine Spaziergang durch den Literaturtempel beendet sein. An
Feiertagen finden dort oft kulturelle Veranstaltungen statt, zum Beispiel Schachspiele
mit lebenden Figuren in wunderschoenen Kostuemen oder Auffuehrungen von
vietnamesischer Musik. Wer zum Neujahrsfest Tet Nguyen Dan in Hà Noi ist, kann
im Van Mieu die traditionellen Drachentaenze bewundern.
Fuer alle, die nach dem Besuch des Tempels Hunger bekommen haben noch ein
besonderer Tipp. Unmittelbar neben dem Tempelgelaende in der Pho Van Mieu 61
(am Ausgang nach links gehen) befindet sich das Restaurant Koto, das von einer
Strassenkinderinitiative betrieben wird. Das Essen ist zwar ein bischen teurer als
anderswo, aber der Erloes kommt eltern- und wohnungslosen Kindern, die teilweise
auch im Restaurant arbeiten, zu Gute. Ich finde, eine solches Projekt sollte man
durchaus unterstuetzen.