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Seite 6 / Süddeutsche Zeitung Nr.

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POLITIK
gegner und Dutzende Beamte verletzt. Der „Schwarze Donnerstag“ ist eine Zäsur in der Geschichte Baden-Württembergs – und der Konflikt um den Bahnhof ein Jahr danach noch immer nicht gelöst.

Freitag, 30. September 2011

Inland
Guttenberg hat neuen Job
Washington – Sieben Monate nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister hat Karl-Theodor zu Guttenberg einen neuen Job bei einer US-„Denkfabrik“. Der 39-jährige CSU-Politiker heuerte beim Zentrum für Strategische und Internationale Studien CSIS in Washington als „herausragender Staatsmann“ an. „Karl-Theodors Energie, Enthusiasmus und tiefes Bekenntnis zur transatlantischen Partnerschaft wird von gewaltiger Bedeutung für das CSIS während seiner Amtszeit sein“, sagte Institutspräsident John Hamre am Donnerstag. Guttenberg, der wegen Plagiierens seinen Doktortitel verloren hatte, soll ein neues Dialogforum leiten, in dem europäische und amerikanische Sicherheits- und Wirtschaftsexperten die transatlantischen Partnerschaft wiederbeleben sollen. Dem Institut gehören 160 Experten an, darunter der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige US-Verteidigungsminister James Schlesinger und der frühere Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, James Jones. dpa

Am 30. September 2010 um 12.48 Uhr Ein Jahr „Schwarzer Donnerstag“ gibt der Einsatzleiter der Polizei im Stuttgarter Schlossgarten den Befehl „Was- von Bürgern und Staat, zu einem blutiser marsch“. In diesem Moment wird der gen Kampf zwischen Demonstranten Streit um Stuttgart 21 zur Konfrontation und Polizisten. Am Ende sind 130 Projekt-

Kleine Korrekturen
Das neue Wahlrecht belässt die Überhangmandate
München – Dem früheren Verfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz ist das Überhangmandat höchst unsympathisch. Diese deutsche Spezialität sei „die Wurzel der Malaise“, urteilte Mahrenholz kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In jedem Überhangmandat stecke eine Verzerrung des Wählerwillens, beklagte der renommierte Jurist. Die 24 Überhangmandate, die die CDU bei der letzten Bundestagswahl erhalten hatte, „repräsentieren mehr als 1,5 Millionen CDU-Wähler, die es nicht gibt“. Exemplarisch ließ sich das in BadenWürttemberg beobachten. Dort erhielt die CDU 2009 nur knapp 35 Prozent der Zweitstimmen; dafür wären ihr im Bundestag nur 27 Sitze zugestanden. Doch weil die CDU vielerorts die meisten Erststimmen erhielt, bekamen insgesamt 37 CDU-Kandidaten ein Direktmandat. Das waren zehn Mandate mehr als der Partei gemäß Zweitstimmen zustanden – zehn Überhangmandate eben. Jeder Wähler in Baden-Württemberg, der die CDU unterstützte, hatte bei dieser Wahl ein besonders starkes Gewicht. Eine unerträgliche Verzerrung, findet Mahrenholz.

Lob für Gesundheitskarte
München – Der Datenschutzbeauftragte des Bundes ist von der Datensicherheit der neuen elektronischen Gesundheitskarten überzeugt. Er habe einen „positiven Eindruck“, sagte Peter Schaar am Donnerstag am Rande der 82. Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder in München. Die Gesundheitskarte sei nicht ausdrücklich erörtert worden, „wir haben sie aber auf dem Schirm“. Zwar gebe es nie einen hundertprozentigen Schutz, die Gesundheitskarte komme diesem aber „weitgehend nah“, sagte Schaar. Insgesamt sei „viel mehr an Datenschutz und -sicherheit vorhanden als bei vielen anderen Projekten“. Am Samstag werden die ersten elektronischen Gesundheitskarten ausgegeben. Zunächst ist geplant, die sogenannten Stammdaten des jeweiligen Versicherten online abzugleichen, um Kartenmissbrauch zu unterbinden. Zudem können auf der Karte Notfalldaten gespeichert werden, wenn der Versicherte dies wünscht. Geplant ist, beides ungefähr zeitgleich einzuführen. Mittelfristig sollen Ärzte über das System von Karten, Lesegeräten und Onlineverbindungen Befunde und Informationen über ihre Patienten austauschen können. dapd

Auch die Debatte über das „negative Stimmgewicht“ geht munter weiter.
Der Ex-Verfassungsrichter steht damit nicht allein. Gerade kleine Parteien, die kaum Chancen auf Überhangmandate haben, ärgern sich über diesen Effekt. Die Grünen schlugen deshalb ein neues Wahlrecht vor, das Überhangmandate ganz vermeiden sollte. Und auch die SPD wollte die Malaise lindern; ihr Gesetzentwurf sah bei Überhangmandaten Ausgleichssitze vor, die den anderen Parteien zugestanden hätten – ein Prinzip, das in den meisten Bundesländern gilt, nur im Bundestag noch nicht. All das ging der Union jedoch zu weit. Die Reform, die Union und FDP am Donnerstagabend im Parlament beschließen wollten, wird nichts daran ändern, dass der Bundestag weiterhin von Überhangmandaten geprägt wird. Dabei wächst das Risiko einer Legitimitätskrise mit der Zersplitterung des Parteiensystems: Je mehr Parteien ins Parlament einziehen, umso wahrscheinlicher wird es, dass eine Koalition im Bundestag eine Mehrheit der Mandate erreicht, obwohl sie die Mehrheit der Zweitstimmen verpasst hat. Die einzige kleine Korrektur, zu der sich die Koalition aus Union und FDP durchringen konnte, soll eine weitere Absurdität des deutschen Wahlsystems beseitigen, das sogenannte negative Stimmgewicht. Dessen Entstehung ist häufig gekoppelt an Überhangmandate; unter bestimmten Umständen kann ein Wähler einer Partei schaden, indem er ihr die Zweitstimme gibt. Diesen Widersinn soll ein neues Verfahren der Sitzzuteilung ausschließen. Jedenfalls stellte das Bundesinnenministerium nach der rechnerischen Simulation von tausend Wahlergebnissen fest, dass „das negative Stimmgewicht nahezu komplett beseitigt“ sei. Allerdings bestreiten neutrale Beobachter diese These vehement: Die Experten von wahlrecht.de monieren nach einer Kontrollrechnung, dass der Ministeriums-Kalkulation unrealistische Annahmen zugrunde lägen: „Wir stellen bei unseren Rechnungen fest, dass die Wahrscheinlichkeit des negativen Stimmgewichts ungefähr gleich bleibt“, sagt Martin Fehndrich von wahlrecht.de. Welche These stimmt, wird wohl in Karlsruhe geprüft: Die Opposition will das neue Wahlrecht vom Bundesverfassungsgericht beurteilen lassen, kündigte sie am Donnerstag bereits an. (Seite 4) Felix Berth

Tag des Schreckens: Der 67-jährige Dietrich Wagner wurde bei der Demonstration im Stuttgarter Schlossgarten vom Strahl eines Wasserwerfers schwer verletzt. Der Rentner erblindete fast vollständig. Der Protest gegen den Tiefbahnhof ist seither noch erbitterter geworden. Foto: Marijan Murat/dpa

Gesicht des Widerstands „Es sind Fehler passiert“
Rentner Wagner ist das bekannteste Opfer des Einsatzes Ex-Innenminister Rech verteidigt aber die Polizeitaktik
enn Heribert Rech über den 30. September 2010 spricht, dann klingt das immer – ob er nun will oder nicht – wie eine Verteidigungsrede. Der CDUMann aus Baden, neben dem auch politische Gegner am Biertisch gern zu sitzen kommen, war damals baden-württembergischer Innenminister, politisch verantwortlich für das Geschehen im Schlossgarten. Der Plan der Polizei habe stets Deeskalation vorgesehen, sagt Rech, in den Wochen zuvor habe das auch gut funktioniert. „Aber dann ist der Plan auf einmal nicht mehr aufgegangen.“ Der 61-Jährige hat seine Verteidigungsrede oft halten müssen seither. Im ZDF hat ihn die gestrenge Marietta Slomka noch am Abend des Schwarzen Donnerstags gefragt, ob man wirklich Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke brauche, um mit einer Schülerdemo fertig zu werden. Der Minister referierte über die Pflicht der Polizei, das Baurecht der Bahn durchzusetzen. Heute sagt Rech, er hätte vielleicht, „müde und gehetzt“ wie er war, einfach „Nein sagen sollen zu diesem letzten Interview an einem anstrengenden Tag“. Er sieht inzwischen auch, „dass Fehler passiert sind“, dass die Polizei etwa schlicht vergessen hatte, die Rettungskräfte vorab über den Einsatz zu informieren. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags hat das ganze Polizei-Debakel offenbart. Rech steht in einem Fraktions-Büro, er ist jetzt einfacher Abgeordneter. Aber er steht auch dort noch vor den Beamten, „die erschreckt waren über die Aggressivität vieler Demonstranten“. Die Situati-

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Richterbund protestiert
Görlitz – Der Deutsche Richterbund hat die in mehreren Bundesländern drohende Schließung von Gerichten als bürgerfeindlich kritisiert. „Rechtsuchende Bürger haben Anspruch auf einen unkomplizierten Zugang zum Rechtsstaat“, sagte der Vorsitzende Christoph Frank am Donnerstag auf der Bundesvertreterversammlung des Richterbundes in Görlitz. In Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Hessen und Rheinland-Pfalz gebe es derzeit entsprechende Reformüberlegungen. Der Richterbund werde es nicht hinnehmen, dass allein fiskalisch begründete Sparprogramme umgesetzt würden, sagte Frank. Gebraucht werde eine „funktionsgerechte ortsnahe Justiz an bewährten Standorten“. dpa

Mehr junge Obdachlose
Bielefeld – Der Anteil junger Menschen und Migranten unter den Wohnungslosen steigt. Von den durch die Wohnungslosenhilfe betreuten Menschen waren 2010 ein knappes Drittel (32,2 Prozent) weniger als 30 Jahre alt, wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) am Donnerstag in Bielefeld mitteilte. Damit stieg erneut der Anteil, der 2008 bei 29,4 Prozent und 2009 bei 31,7 Prozent lag. In dieser Altersgruppe ist laut Bundesarbeitsgemeinschaft der Anteil der Frauen verhältnismäßig hoch; 43 Prozent seien jünger als 30 Jahre und 31 Prozent jünger als 25 Jahre. Insgesamt beträgt der Anteil der Frauen unter den betreuten Wohnungslosen 25 Prozent. Die größte Gruppe unter den Obdachlosen bilden mit 45,3 Prozent die 30- bis 50-Jährigen. KNA

uf den „Montagsdemos“ gegen Stuttgart 21 ist Dietrich Wagner immer dabei, auch wenn er mal – was nicht oft vorkommt – persönlich verhindert sein sollte. Da sind Männer, die sein Foto auf dem T-Shirt tragen, und junge Mädchen, die sich die Augen blutig geschminkt haben. Der 67-jährige Rentner ist zum Gesicht des Widerstands geworden, ein Gesicht, das der 16 Bar starke Strahl eines Wasserwerfers entstellte am 30. September vor einem Jahr. Der Strahl zerriss seine Augenlider und zerstörte fast gänzlich Linsen und Netzhaut; nur auf dem rechten Auge sind ihm acht Prozent Sehkraft geblieben. Die Bäume des Schlossgartens, die er schützen wollte damals, sind heute braun-grüne Punkte für ihn. Als sie ihn aus der Augenklinik entließen, ging er sofort wieder demonstrieren. Seitdem trifft man Dietrich Wagner überall, wo sich Protest gegen den Tiefbahnhof regt. Sogar die Fahrrad-Demos lässt er nicht aus, er sitzt dann halt hinten auf dem Tandem. Auch bei den morgendlichen Sitzblockaden der Baustellen-Zufahrt ist er meistens dabei. Nach einer Weile fragen die Polizisten die Blockierer dann immer, ob sie freiwillig aufstehen. Drei Mal fragen sie, bevor sie die Demonstranten wegtragen. Wagner ist fast jedes Mal der Letzte, an den sie herantreten. Und freiwillig steht er nie auf. „Geht das so, Herr Wagner?“, erkundigen sich die Beamten dann auf dem Weg zum Polizeibus. Und Herr Wagner sagt: „Danke, geht gut.“ Am Donnerstagmittag ist der studierte Ingenieur in kurzen Jeans in den

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Dietrich Wagner nimmt trotz seiner fast vollständigen Erblindung weiter an den Demonstrationen gegen den Tiefbahnhof teil.
Foto: dapd

Heribert Rech war als Innenminister der politisch Verantwortliche für den Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten.
Foto: dpa

Schlossgarten gekommen, in der Herbstsonne spricht er vor Journalisten über das, was ihm widerfahren ist. Er sagt: „Ich sehe im 30. September das drittschlimmste Verbrechen, das der gesamtdeutsche Staat nach dem Zweiten Weltkrieg begangen hat.“ Die Sache sei „langfristig und vorsätzlich“ geplant gewesen, er wisse aus verlässlicher Quelle, „dass die amerikanischen Besatzer im Großraum Stuttgart drei Tage vorher informiert wurden“. Er halte dem Staat lediglich zugute, dass „kein Einsatz von Schusswaffen getätigt wurde“. Der Moderator sagt, Wagner solle jetzt doch bitte langsam zum Ende kommen. Dann kritisiert Wagners Rechtsanwalt, wie zügig die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nach dem 30. September gegen die Demonstranten vorgegangen sei, während die Verfahren gegen angezeigte Polizisten systematisch verschleppt würden. Dietrich Wagner sagt: „Das ist, wie wenn sich der Mörder selbst frei spricht.“ Roman Deininger

on sei „aus dem Ruder gelaufen“, sagt er, so sehr, dass die Polizei „rechtmäßig und verhältnismäßig gehandelt habe“. Wenn sie zurückgewichen wäre an jenem Nachmittag, davon ist er überzeugt, „hätte es auf lange Zeit keinen Baufortschritt gegeben“. Ab und an schüttelt Rech den Kopf, er kann immer noch nicht verstehen, wie Menschen so erbittert gegen einen Bahnhof kämpfen können oder für 25 zu fällende Bäume. Viele Demonstranten, findet er, hätten „den 30. September später als Rechtfertigung genutzt für unhaltbare Aktionen“ wie die Stürmung der S21-Baustelle am 20. Juni 2011. Die Polizei hat inzwischen Lehren gezogen aus dem Schwarzen Donnerstag, einen eigenen Führungsstab für Großeinsätze geschaffen und ihr Anti-KonfliktTeam vergrößert. Und auch Heribert Rech sagt, in ihm habe die Erinnerung gearbeitet: „Ich bin nicht mit einem so großen Selbstbewusstsein gesegnet, dass ich mir jeden Abend gesagt hätte: Rech, alles richtig gemacht.“ Roman Deininiger

In den Tiefen des Schachts
Seit anderthalb Jahren erforschen Abgeordnete die Geschichte Gorlebens – viele Zeugen haben Erinnerungslücken
Von Michael Bauchmüller Berlin – Was genau sich zugetragen hat in jenem November 1976, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Deutschland sucht damals einen Standort für ein Atomendlager, samt Wiederaufarbeitungsanlage. Lange ist unklar, wo das sein soll. Doch dann ist Gorleben im Spiel, nach einem Treffen diverser Bundesminister mit Vertretern der niedersächsischen Landesregierung. „Hier gelingt es mir, Lüchow-Dannenberg als 4. Möglichkeit aufnehmen zu lassen“, notiert der damalige niedersächsische Finanz- und Wirtschaftsminister Walther Leisler Kiep nach dem Treffen in seinem Tagebuch. Wenig später legt sich das niedersächsische Kabinett auf Gorleben fest, obwohl die Bundesregierung lange Vorbehalte gegen den DDR-nahen Ort hat. So nehmen die Dinge ihren Lauf. Nun sitzt der 85-Jährige, der auch im CDU-Spendenskandal eine Rolle gespielt hatte, im rundlichen Sitzungssaal des Gorleben Untersuchungsausschusses: sauber gescheitelt, grauer Anzug, den Siegelring am kleinen Finger. Und sagt erst einmal, dass er nichts sagen kann. „Ich führe ein sehr genaues Tagebuch“, sagt Kiep. „Aber heute bin ich schlecht dran, weil ich mit der GorlebenGeschichte nichts zu tun habe.“ Eintragungen zum Thema Gorleben habe er nicht vorgenommen. Und dem Treffen habe er auch nicht beigewohnt. „Ich kann mich nicht erinnern“, sagt Kiep. „In meinem Alter lässt natürlich auch das Gedächtnis nach. Da verblasst vieles.“ Zeugen weit jenseits des Pensionseintrittsalters, begrenztes Erinnerungsverder Nadel im Heuhaufen“, sagt die Linken-Abgeordnete Dorothée Menzner. Inzwischen hat der Ausschuss das Jahr 1983 zu den Akten gelegt, es geht jetzt um die Vorauswahl durch die niedersächsische Landesregierung. Bis heute ist unklar, wie plötzlich der Standort Gorleben in die Auswahl kam. Der Verdacht liegt nahe, dass einfach gerade die Randlage von Lüchow-Dannenberg den Ausschlag gab, weil es so dünn besiedelt war. Eine Studie, die angeblich damals schon Gorleben mit anderen Standorten verglichen hatte, ist heute unauffindbar. „Das zentrale Beweisargument ist damit ein Phantom“, sagt SPD-Obfrau Ute

Landtag beschäftigt sich mit Fall Barschel
Kiel – Der Innen- und Rechtsausschuss des Kieler Landtags widmet sich am 6. Oktober einem verschwundenen Beweisstück im Fall des 1987 in einem Genfer Hotel tot aufgefundenen CDU-Politikers Uwe Barschel. „Es ist ein ernster Vorgang, wenn bei Ermittlungsbehörden ein Beweismittel verschwindet“, sagten die innenpolitischen Sprecher Werner Kalinka (CDU) und Gerrit Koch (FDP) am Donnerstag. Es sei kaum vorstellbar, „dass ein Haar aus dem Genfer Hotelzimmer des früheren Ministerpräsidenten Dr. Uwe Barschel, das DNS-fähig war und nicht von ihm stammte, nicht mehr in den Asservaten vorhanden ist.“ Die Lübecker Staatsanwaltschaft hatte im Juni DNS-Analysen der Asservate angeordnet. Durch die Untersuchung von Hose, Krawatte und Socken Barschels sowie einem Badvorleger und einem Handtuch vom Fundort der Leiche erhoffen sich die Staatsanwälte neue Erkenntnisse. Auch das Haar, das nicht von Barschel stammen soll, sollte dabei untersucht werden. Bereits am Mittwoch hatte der Anwalt von Freya Barschel, der Witwe des einstigen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, eine Anzeige gegen die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt angekündigt. Zahlreiche Beweisstücke, die 1987 von den Ermittlern am Fundort der Leiche Barschels sichergestellt und kriminaltechnisch untersucht wurden, lagerten bis 1995 in der Schweiz. Danach wurden die Gegenstände der Staatsanwaltschaft in Lübeck übergeben. Barschel war am 11. Oktober 1987 in der Badewanne seines Zimmers im Genfer Hotel „Beau Rivage“ tot aufgefunden worden. Bis heute sind die Todesumstände nicht geklärt. dapd

Bonn feiert die Einheit
Bonn – Gleich drei Tage lang werden an diesem Wochenende in der ehemaligen Bundeshauptstadt die Deutsche Einheit und zugleich der 65. Geburtstag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalens gefeiert. Unter dem Motto „Freiheit, Einheit, Freude“ präsentieren sich von Samstag bis Montag Bundesländer, Bundesbehörden, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt selbst auf einer mehr als drei Kilometer langen Festmeile mit einem großen Bürgerfest. Am 3. Oktober begeht die politische Prominenz im früheren Parlamentssaal den offiziellen Festakt zum 21. Jahrestag der Wiedervereinigung. Erstmals wird die Festrede nicht von einem Politiker gehalten sondern vom Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. dpa

Tief unter der Erdoberfläche sollen dereinst im Salzstock bei Gorleben Atomabfälle eingelagert werden. Doch der Standort ist umstritten. Foto: Getty Images
mögen: Die Suche nach der Wahrheit Gorlebens ist schwierig. Seit anderthalb Jahren tritt der Gorleben-Untersuchungsausschuss am Donnerstag jeder Sitzungswoche zusammen, um Zeugen zu vernehmen: Minister, Beamte, Wissenschaftler. Sie sollen klären, unter welchen Bedingungen die Entscheidung für den Salzstock im Wendland fiel – seit 30 Jahren umstritten wie kein zweites Bauprojekt. „Diese Arbeit ist schon wichtig, um der Demokratie in Gorleben weiterzuhelfen“, sagt Grünen-Obfrau Sylvia Kotting-Uhl. Der Verdacht: Gorleben war nicht Ergebnis wissenschaftlicher Expertise, sondern politischer Mauschelei. Das zumindest legten jene Unterlagen nahe, die bei der Gründung des Ausschusses Pate standen. 1983 hatte die Physikalisch-Technische Bundesanstalt demnach Gutachten über die potentielle Eignung Gorlebens so lang abgewandelt, bis einer Erkundung des Salzstocks nichts mehr entgegenstand; kurz darauf fällte die Bundesregierung von Helmut Kohl eine entsprechende Kabinettsentscheidung. Doch mittlerweile hat sich in den rund 1800 Aktenordnern des Ausschusses noch das eine oder andere gefunden. Etwa, dass die Bundesregierung ganz ausdrücklich keine weiteren Standorte außer Gorleben mehr prüfen wollte. Oder dass die Behörden schon früh von Gasvorkommen unter dem Salzstock wussten, diese aber nonchalant übergingen. „Es ist manchmal eine Suche nach

Selbst die Union räumt mittlerweile Versäumnisse ein.
Vogt. Schließlich hatten Befürworter des Salzstocks stets beteuert, Gorleben sei schlicht am besten geeignet gewesen. Selbst die Union räumt mittlerweile Versäumnisse ein. „Es wäre schon damals für die Ergebnisoffenheit besser gewesen, auch an anderen Standorten obertägige Erkundungen vorzunehmen“, sagt etwa Unions-Obmann Reinhard Grindel. „Aber irgendwann sollten wir uns nun auch wieder der aktuellen Politik zuwenden.“ Schließlich koste so ein Ausschuss auch Steuergeld. Vorher allerdings wird die Opposition noch eine ehemalige Umweltministerin vernehmen wollen: Angela Merkel. Die befasste sich in den neunziger Jahren mit Gorleben. Und kann sich bestimmt noch erinnern.

Schröder attackiert SPD
Berlin – Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat die von der SPD vorgeschlagenen Reformpläne zu Kindergeld und Kinderfreibeträgen kritisiert. Es verletze das Grundgesetz, den Kinderfreibetrag für Gutverdiener zu streichen, sagte Schröder der Zeitung Ruhr Nachrichten. „Wenn es drauf ankommt, bedient die SPD eben lieber den Bauch der eigenen Funktionäre als den Tisch und die Haushaltskasse von hart arbeitenden Familien“, sagte sie. Die SPD solle sich „besser einmal daran erinnern“, dass sie die letzte Kindergelderhöhung um mehr als zehn Prozent auf 184 Euro aus Parteitaktik abgelehnt habe, sagte sie. AFP