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PURCHASED FOR THE University of Toronto Library FROM THE Joseph and Gertie Schwartz Memorial Library

PURCHASED FOR THE

University of Toronto Library

FROM THE

Joseph and Gertie Schwartz Memorial Library Fund

FOR THE SUPPORT OF

Jewish Studies

DIE JÜDISCI-lE MODEI{NE

GEUAL'l'El'I

DIE JÜDISCI-lE MODEI{NE GEUAL'l'El'I VORTRAG IM AKADE~IISCH€"X \'"EREINE IK \\'lEN \-.

VORTRAG

IM AKADE~IISCH€"X \'"EREINE

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LEIPZIG

LITERARISCHE

Ai\STALT

AUGUST SCHULZE

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FRA N ZENS R!I\ G ,t 6.

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5CHULlE

VORWORT

l~~~~~-~C chon in der meinem Vortrage unm i tt elbctr 1' 0 1-

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genden

Discussion

ge . wahrte

ich

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aus

demselben

Atlschauungen,

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ich

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nicht vertreten hatte, herauszulesen. Al s ich da nn d ie

gleichen und andere merkwürdige Unterstellungen auch

in mehreren Zeitungsnotizen fand, fasste ich den Ent-

schluss, den Vortrag von einer weiteren Oeffentlichkeit

überprüfen zu Jassen. Nun nahm ich allerdings vor

dem Drucke einige Aenderungen und Ergänzungen, die

meine An- und Absichten noch mehr zu \Terdeutl ichen

geeignet sind, vor. Aber so wenig hiedurch der Vortrag

über den Rahmen der Skizze - eine grün dlichere Be-

arbeitung der in dieser behandelten Themen behalte ich

ich

mir \'01' - hinauswachsen soll, ebensowenig w ill

damit zugegeben haben, dass früher Unklarheiten be-

standen, die zu Missverständnissen führen mussten. Ich

schreibe diese vielmehr nur dem in allen Lagern herr-

schenden Uebel des Parteidogmatismus zu. \'ermöge

dessen von Jedermann nicht sein eigenes einheitliches

Gcsinr.ungsganzes, sondern die ganze Gesinnung der

Partei, der er angehört, verlangt wird. So konnte es kommen, dass mir - der ich das ökonomische und Rassenmoment bezüglich ihres Einflusses auf die Ge- schichtsentwicklung coordinire und die Anerkennung der Nationalität als Geschichtsfactors streng von der land- läufigen nationalen Spielerei scheide - Einseitigkeit und Chauvinismus vorgew~rfen, ja sogar der "reine Rassen- standpunkt" zugemuthet wurde. Derlei oberflächliche Kritik wird nun, wo der Vortrag gedruckt vorliegt, denn doch unmöglich sein. Jeder anderen · tiefergehenden Kritik unterwerfe ich mich gerne.

doch unmöglich sein. Jeder anderen · tiefergehenden Kritik unterwerfe ich mich gerne. \Vien, Juni 1896. Mathias

\Vien,

Juni

1896.

Mathias Acher

I.:;;; i~t noch gar nicht lange her, tlass man es auf Seite des

jii(li,.;dlf'n Biirgertlll1111"; für geflihrlicll hielt, den Bestand einel' Juden- frage :.mzugeben. l\Ian half sich aus der Verlegcnhcit, so gut oder schleeltt lllan konnte. Etwa damit, das::; man den Antisemi- tismus für eine ,\'alll1idee Einzelner erkliirte, oder, wenn man sieh zu so summari::;eher Abtlmung der judenfeindliehen Bewegung denn doch nicht entschlies::;en mochte, mit dem geistreichelnden, das Problem umgehenden "ritze, es gebe keine Juden- vielmehr nUl' eine Christenfrnge. Ich ~daube, dass b eu t e und h i er von mir nicht verlangt werden wird, ich solle derartig seichte und nn-

reife G edankengiinge erllsthaft widerlegen. Jedem Menschen,

genug moderne Geistesschulung besitzt, um auch 'l'hatsachen, die ihm persönlich unbequem sind, zuzugeben, ist der Bestand der Judenfrage eine unbestreitbare Thatsache, vor der er nolens volens stchen bleiben muss, um sich über ihr ,Vesen klar zu werden und die Mittel zu ihrer Beseitigung ausfindig zu machen. ,Velches diese Mittel sein sollen, darüber herrschen die mannigJaehsten Anschauungen. ,ViI' können diese, - wenn wir von einer dritten Gruppe, der ein Theil dieser Ausführungen ge- widmet sein wird, vorläufig absehen, - in zwei Hauptkathegorien einreihen. In welche der.5elben die specielle Anschauung irgend Jemandes gehört, bestimmt sieh nach seiner bewussten oder unbe- wussten Stellungnahme im Classenkampfe. Diejenigen, die die herrschenden wirthschaftlichen und ge- sellschaftlichen Z;uständc im Ganzen und Grossen billigen - e3 sind dies bei den Juden ausseI' der Mehrzahl der ,Yohlhabenden und Reichen auch die meisten Proletarier - selten den Antisemi. tismus trotz seiner augenblicklichen Macht nm als das letzte Auf- ßnckern alter Vorurtheile an. Er könne den im Zuge befindlichen Assimilationsprocess höchstens aufhalten und sein Ende lasse sich durch Belehrung oder staatliche Repressalien beschleunigen. "Ab- wehr" nennt man das. Diejenigen wieder, die von der Noth-

der

1

,

2

wendigkeit einer Umgestaltung der Gescllsehaftsor(lnung, bezw. von der Ueberzeugung, Gass sie vor siel, gehell werdc, durchdrun- gen sind, - es sind dies auf jüdischer Seite Ger kleinere '1'heil der Proletarier und eine stets wachsende Anzahl "ebildeter Hitro'cr von grösserer oder geringerer 'Vohlhabenheit, - erkliil'en den Antisemitismus aus den derzeitigen wirthsehaftlichen Verhiiltlli8i<en heraus zu begreifen. Kehren wir zu den Ersten zurilck, zu den Socialconservati- ven, - man gestatte der Kürze zu Liebe diese Collectivbezeich- nung, - so mttssen wir zunächst constatieren, Jass iln'e "AbweIIl'" ein todtgeborner Gedanke ist. Die "Abwehr" konnte nur in rationalistischen Gehirnen auftauchen, nur bei :Meuschen, die, bIo:>" mit Logik bewaffnet~ Jie Geschichte erklärcn wollten lllHl die li'LilIe der Einflilsse aus dem Instincts- und Gemilthsleben übersehcn. 'Vas. nicht "vornünftig" ist, ist ihnen nicht "sittlich U , und was nicht "sittlich" ist, ist faul und kann durch die " Vernunft" leicht zerstört werden. Eine Bewegung, die auf dermassen vorsinflutlicher philosophischer Grundla.ge fusst, kann nicht reussieren uud 1;0 il;t es denn auch leicht begreiflich, dass die "Abwehr", trotzt le11l sie seit Jahren mit einem grossen Aufwande VOll Capital, "rissen und zum rl'heile Charakter arbeitet, Schlappe auf Schlappc crleidet. Sie kann es nicht verhindern, dass der Antisemitismu~ trotz. tlciner "Unvernunf.t" und "Unsittlichkeit" Wächst, ja sogar unleugbar neben den lumpigsten und unsauber::;ten Elementen auch ~Ienschen von durchaus edlem und reinem 'Vesen erfasst. Dietie 1Ilis::;erfolge sind im eigenen r:.R.g~Y nicht unb.cmerkt geblieben und man tietz.t sich do·rt - wenigstens auf jüdischer Seite -:- übel' sie mit dem 'l'roste hinweg, dass die Dinge am Ende auch ohne die "Abwehr" eine 'Vendung zum Guten nchmen werden. Der Antisemitismus werde den Höhepunkt erreichen, dann abwärts gehen, . und sei einmal dieser Niedergang da, dann werde im Inncrn des Judentlm1l1oi die Assimilation wieder kräftiger einsetzen und auch das letzte Restchen von Keim zu neuen judenfeindlichen Strömungen ertödten. 'Vas nun den Assimilationsgedanken betrifft, so weist dic Geschichte der Juden eine Reihe von am Ende immer missglii.ck- ten Assimilationsversuchen auf. \Veder die babylonische, noch· die persische, noch die griechische, noch auch die spanische Assimi- la~ion haben si~h durchgesetzt. ~sc .Bewegungen möge~l den Emzelnen gegenüber grosse ResUltate crzlClt haben, das Volk als

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Ganz"" lies,en sie unangetastejUnd

gemde .ut' ,eine Auflö,nng

3

wäre es ja angekoJllmen. U BU WCHll wir die lctzte grossc von Frankrcich und Dcutsclllal\(l ausg"cllcl\(lc AssimilatioIlshcwegung dc,; 19. Jahrhundcrts im; Aug'e fasscn, HO g'cwahrcn wir bei einiger Plüfung, dass das \Venig'c, was clTeicht wunlc, gar nicht Assimi- btion in delll hhlichen, VOll ihrcll Anhllng'crl1 so vel'stamlcnen 8i llnc einer na tiolllllell Anpa,;sung ist, sondern dem Gebiete einer

\Vir finrlen Ilcmlich,

wenn wir die sozusagen assimiliertcsten .Juden mit ihrer UIllg"elJUng vergleichen, dass sich Aelmlichkeit dcr .\nscltauung und des Gc- müthslelJell" nur in jenem spittcr noch gcnaucr zu kcnnzeicllllcndcn Kreise von Ideen und Empfindungen :.!.;eigt, der allen europliisclll'n Cultlll'völkern gemeinsmn io<t, dass sie aber fast gan:.!.; dort mangelt, wo cs sich um nationale SpeeiJica der einzelnen Nationcn handelt. Der aSf;imilierte Jude hat mehr oder weniger die ausgedehnten Be- dürtiIisse, das sociale Gewissen, die politische Reife, die kühne \Vissenschaftlichkeit, die veredelte Genusslust, den gelüutcrten Kunstgeschmack, die Grossang'elegtheit der Plüne des europäischen Culturmenschen - aber er hat z. B. nicht oder nur in sehr ge- ringen Masse den stämmigen Trotz und die zopfige Pedanterie des

wescllsverscllicdenen Assimilation 11I1gehürt

Deutschen, den Elan und Leichtsinn des Franzoserl, die elementare Natürlichkeit und die Schwermuth des Slaven, Dagegen besitzt er

- um nur Einiges anznführen, die leichte Hührbarkeit, die geistige

Beweglichkeit, die Neigung zu Haarspaltereien, den mehr clüstern a1:; heitern Optilllismus seiner Vorfahren~ Da,s Alles will heissen:

der Versuch,

den

Aber an sich ist auch die letzte Assimilations-Campagne missglii.ck . Geht nun aus diesen immerwährenden Misserfolgen hervor, dass auch alle eventuellen künftigcn Assimilationsversuche fehl- schlagen müssen? Gewiss nicht, \Vir werden dies aber dann an- nehmen dürfen, wenn wir finden sollten, dass der Scheiterung der bisherigen Assimilationsversuche immer die gleiche Ursache zu

Volkes als solchen.

die

nationale

Assimilation

(~hzuführen, gab bIOS;?

AllstOSS zur Emopäisirung des jüdischen

Grunde lag und dass diese Ursache fortzudauern alle Aussicht hat.

As:;imilationen setzen zu ihren Gelingen - wenn man die Geschichte VOll jenem erweiterten materialistischen Standpunkte, wie er in dicsem Vortrage vertreten werden wird, betrachtet - eine intensive Blutsvermischung voraus, die wiederum nur dann vor sich gehen kann, wenn ein leidliches Verhältniss zwischen den fraglichen Stämmen besteht. Bisher hat zwischcn den Juden und clen Völleern unter denen sie wohnen ein unleidliches Ver- ·

4

hältniss bestanden. Der .Tudenhass war immer da, als eine chronische Krankheit, die von Zeit zu Zeit sich zu aeuten Anfüllen steigerte. In den zwischen denselben liegenden Zeitbufen, die wegen ihres relativ ruhigen Verlaufes den Kranken als Gesunrlungszeiten er- erschienen, tauchten regelmässig die Assimilatiollsbestrebungen auf; aber die jungen Assimilationsblüthen wurden von dem unerwartet hereinbrechenden Judenhasse immer wieder geknickt. Daher ist die Frage, ob auch alle eventuellen künftigen Assimilationsversuche nothwendiger \Veise misslingen müssen, gleichheueutend mit der Frage, ob der Judenhass auch in Zukunft da sein wird?

Diese Frage wird nun zwar von den socialeonservativen Juden in der Hegel verneinend beantwortet. Aber gerade sie haben am allerwenigsten Recht dazu, da sie aus ihren An- schauungen heraus keinen einzigen haltbaren Grund dafür anführen können, warum es plötzlich anders werden sollte, als es bi!;her gewesen ist, dass nemlich Epochen des chronischen, latenten mit solchen des acuten, freien Judenhasses wechselten. Für sie giebt es ja keine radicale Umgestaltung der Gesellschaftsordnung, die auch hierin Wandel schaffen wii.rde. Doch anderseits müssen wir ihnen, gerade weil sie von ihrem Standpunkt aus das Causal-

verhältniss zwischen Assimilation und Judenhass umkehren,

I das Recht einräumen, nach besonderen, vom Judenhasse unab-

hängigen Aussichten für die Assimilation Umschau zu halten.

Diejenigen nun unter den socialconscrvativen Juden, welche auch in religiösen Dingen conservativ sind, - entweder, weil sie selbst

der Orthodoxie angehören oder die Religion als staatliche Volks- bändigungsanstalt erhalten wissen wollen - werden auf diei<er Umschau nichts finden können, was sie als Chance der Assimilation ausgeben könnten. Anders die freigeistigen Socialconservativen. Sie sind in der Lage, den merkbaren Niedergang der religiösen Idee im Allgemeinen als Beweis für die· guten Amsiehten der Assimilation anzuführen. Der jüdische Stamm habe seine Zähigkeit nur aus seiner Religion geschöpft. \Väre dieKe nicht gewesen, die Juden wären längst in den Völkern aufgegangen. Sterbe nun die religiöse Idee, dann falle jede Assimilationsschranke weg. Wir könnten nun dieser Behauptung mit dem Hinweise auf das Hindernissrennen einer jeden Umwälzung - ein Moment, das im weiteren Verlanfe dieses Vortrages noeh zu kräftigerer Betonung kommen wird - begegnen, aber wir ziehen es vor, ihr in absoluter "Veise an den Leib zu gehen. Es ist nämlich gar nieht wahr, dass

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,.ich die jiitlische XHtiollaliWt vOfziig-lich ilurch (He Helig-ioll ef-

halten hab<" wie es iiuerlumpt unrichtig' uull ein ideologischer TrrtllUl1l ist, di.~ jiidisehe Hdigion als aas l'rilllHre un<l die .indische

aI;;; das Secull\liire all·~usehell. DeI" :\fensch Rchrt jft

sieh seine. Cl ötter, daR Volk in seiner llatilrliehell Eigenart giht sieh seine ncligion. XiIIllf'lIt1ich Lei deli Juden, die eine an- gestammte. aber keine importierte HcIigioll hal,on, verhHlt es sich

so. Das.i iidi1:'che Yolk

seinem GI:mhen zu hliugen, es ltiingt aher el.en nur so innig aafan, weil es seine Natiomllitiit in Glaubell8ge::;talt i::;t. Sollte es also .lerein,t ~eine ]{eligion verlieren, so wird vielleicht VOll der dureh Hcligion~-RUekwirkung erzeugteIl n:ltionalen Lebcnsenergie eine gewisse Quantitiit wegfallen, aber dieselbe wird sich bald wieder eroetzcll, indern (lio Y 01 beigenart sieh nach dem Cl esetze der Er- haltung aer Kraft auf neuen, vielleicht verwanc1ten Gebieten 1e- thHtigen wird. (Man (h'nke nur IIn die unleugbare \~erwandtschaft zwi::;ehen dem religiösen Ethieismus und dem ~ocialismus, - ein Thf'lllll, uher das dem Sinne nach weiter unten noch gesprochen wird.)

So ist denn die "Abwehr" der Socialeon:,;ervativen eine Farce, ihre As,imibtion ein Plmntom. Innerhalu des christlichen Bürgerthumil hahen daher aueh di(·se Idole l.einahe alle GlHubigen verloren. Aber auch auf jüdi':\cher Se;te hat sieh der weitesten Kreise eine gewisse dumpfe Ergebung bemlichtigt. :\[an lebt in

den Tag hinein, von den ErC'igniHsen des Tages, ohne Ge8ichts- und Anhaltspunkte, OhlH~ Hoffnungen, auf ZufHlle wartend. Höchstens, das,; hier und dort, von wirklichel' Gm,innung elltferllt, nur aus einer re;,;tliehf'll "Abwehl'''-StiIl1IlHmg heraus <ler Gedanke auftaucht unll unter die .l\Jenge geschmuggelt wird, die .Tudenheit als solche mit Haut und I [aaren der politi:;chen Hen ctioll zu ver,;clm:ihen. Die l~nttliu.3ellUng(,1I komm eil dalln schockwcise. Ah; ob uns die

Hegierungen braul'btell ulld ti'eund~chaft triefen würden!

*

Im Oq;-ew<atze zu t!pn Soeil1lcoll~erv:,t.ivcn verharren eH<' SO('ialkritiker - wir wühlen wiedeI' der KÜl'ze 7.U Liebe eine Collectivbezeichuullg" - in hoffnUlJ<Tsvoller sieeres'~ewis~er Stim- mungo Sie stehen el,en in (len Lllgel'll :mfstrebcnder Parteien, hauen auf keine grösseren Enttlil1"clolUngon zuriickzusehen und dürfen daher das Beste hoBen. Dabei O"ilt ihre erute Laune keines- wegs der zu erwartenden Lösung der Judenfrage. Daran denken

~Il tiollalitlit

in o;ei11f'm gliiul,igcn 'l'1J('ile wiihnt innig an

ab 01. sie sell'Ht von eitel Juden-

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6

sie gar nicht - auch die Juden unter ihnen nicht - und nur, / wenll man sie dm'an erinllert, verlautbaren "ie ihre Ansicht. Die

I "Abwehr" des jüdischen Burg'eois sei eine eitle Nutt-:losig-keit und das Assimilationspr.oblem liege, dem socialen U cIlankenkl'ei:;;c alltm ferne , als dass es lhnen des }\ achdenkens wel'th el',,:cileinl'n Rollte.

1m Uebrigen werde die Judenfrage implicite in <1er socialen Fnlge gelöst werden. 'Vas nun das Urtheil dieser Gruppe nber die "Abwehr" be-

trifft, so ist es nur allzugereeht. Die

dem Assimilationsproblem ist von dem Standpunkte aus, auf dem die Socialkritiker stehen, leicht begreiflich und bedarf keiner ein- gehenderen Besprechung. Desto mehr Beachtung verdient die Be- hauptung, dass die Judenfrage mit der Lösung der socialen Fr:tge gegenstandslos werden müsse. Diese Behauptung stützt sich auf den historischen Materialismus, mit welchem von Preund und Feind viel Unfug getrieben wird. Von Renten uncl Idelllen lebende Philister verwechseln ihn gerne mit dem nackten Nützlichkeits- St~mdpunkte, mit dem er gar nichts zu thun ha.t, und bekreuzen sich vor ihm. Aber auch die Socialkl'itiker sündigen allzuviel auf sein Conto. Es mag ja ganz ersprie::;slich sein, dass er den diversen Geschichtsphilosophen, bei denen sich die Geschichte in sentimentales 'Yohlgefallen auflöst, das Concept und die Freude verdirbt. Doch es wird heutzutage von einer Legion berufener und unberufener historischer Materia.listen auch mancllem nüchternen und gan:.!: uud gar nicht rOlllantischen GeschichtsbeoLachter das Leben suuer ge- macht. Er befindet sich gerade auf einem einsamen und wolJI- thätigen Gedankenspaziergange, schwup" ist hinter den GelJüsclten ein historischer Materialist hervorgesprungen, und lässt, - billiger tImt er es nicht - vor seinen Augen zumindcst einen Mittelstand versenken. Im ersten Momente zu Tode erschrocken, erholt er sich aber nach und nach und erlaubt sich die Leruhigcnde Ver- sicherung zu stammeln: Aber, Preund, ich habe ja nichts (la- gegen; allein der Mensch fängt ja nicht beim l\Iittelstand an und hört nicht dabei auf. Der historische Materialismus bedeutet die VerdrHngung der transscendentalen Vorstellungen aus der Geschichtsforschung. Man müht sich nicht mehr ab, unnaclnveisLare und willkürliche Uridecn, nach welchen und nach deren Zwecken sich die Gesdlichte aL- haspeln soll, zu finden. }\fan hält sich vielmehr an den Stoff, folgt seinem Entwicklungsgange, forscht nach den Gesetzen dess elbe n,

G leichgiltigkeit gegenüher

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ullll 1'1Ittleckt ~eltlie,,~lidl, da:<s die in ae11 g'cscbil'lltlidlen Daseins- formen sieh auscll'ih'keIlllpu IdeplI nur Abstl':lctiol1el1 dCl' jeweiligen I':lltwieklungssta<lien dns Starres sill(l. 1)er Stof1' ist a:u; Primlirp, die Idee das Sel'unJiire. ,"Oll wl'kb"l\l Stoffe "preCllPll wir iihrigells '? \\'nt-! ist das Stotrlie.lle, das 1\[nt"rielle, das ~Iaterialistische in cl"r <1e::lchichte? Karl .:\r:1I'X, der g-ellialc 1':lltt1eckcr der lll:ttl·riali,;tischen (iesdliellt"auffas,;ul1g-. llCantwortet diese Fr:lg'e unter a1l(1el'e11l a1l einet' Stplle sl'in('r Schrift "Zur Kritik der politisel!('n Oekollomie" mit dell \\' orteIl ; ,.Die ÖkOllOlllisl'Jle Strnetur der Gosellschaft i"t

<li<' ]'(·ell

Inm pr!Jpht und welcher be;:timmte gesellschaftliche Hewus::,tseins- formen ent"prechen." ()ekollomi~ehe ::;tructur, darunter ver;;tel!t

"1' l'roductionswei"e und .Art des Producte-Aust<tuscltes.

Ba::,i", worauf ",il'h ein juri,;ti"eher und politisehel' Lel)ol'-

'Yenn wir uun annehmen, dass diese Anschauung, dass diese Begrenzung dp,; ~tofres im \\rerdegang der .:\Ienschheit vollkommen richtig ist, so wer<1en wir nicht~JeRtoweniger bald einem gros,.;en (; elJiete geschichtlicher Er.scheinung<m begegnen, die sich nicht unmittelbar auf ökonomische Yerhältnisse zurückfüllren lassen. Ieh hal)e die auch von Jen historischen l\laterialisten strengster Ohservanz anerkannte selb~tständige Wirksamkeit der secundiir auftretenden Ideen im Auge. Es lohnt sich bei die:;er 'Yirksam- keit ein wenig zu verweilen. Den ökonomischen Yerhiiltnissen

g

ähnlich wie Göthe's Zauberlehrling mit den von ihm gerufenen Gei~tern. Sie werden dieselben nicht mehr so rasch los, ja, noch mehr, die::le wachsen ihnen sogur über den Kopf. Indem nämlich die Ideen sich in gewis::len Formen verdichten, gewinnen ~ie eiue "\rt leiblicher Sonderexistenz, werden Itiednrch ~elb;;t zn materi- ellen Geschiclttiursachen YOll allerdings Jeiellterem, aher immerhin geniigendell1 Kaliber, um den ökollomischen l~r,;achen lebhafte ) Concurrenz zu machen, ja, sie sogar zu überdauern. Es fragt sich nUll freilicll, ob denn nicht doeh dem untergegangenen Stoffe iibt'r kurz oder lang: die Idee sammt allen ihren Fort"ützen und 'Yir- kmlgen gefolgt sein werde? SelLstver;;tiindlich kann dies nicht nushleihen. Der sinkende Stoff zieht langsam aber sicher seinen g-amen aus ihm hervorgegangenen ] deencolllplex mit sich in die Tiefe. Die an der Peripherie gelegenen Ideen kommen zuletzt dm'an, aber sie kommen daran. 'Ver wollte sich jedoch wiederum anderer::;eits verhehlen, dass es sich bei der Langsamkeit aller ge- schichtlichen Entwicklung hier um Galgenfristen handelt, welche

ht

es nämlich mit den von ihnen hervorgezauLerten Ideen

8

den Zeitraum von vielen, sehr vielen men.;ehlichen Gener,.ttionen umfasseh, daher für deren 'Vohl ullll 'V ehe von hohem Belange sein köhnen? "renden wir nun das Gesagte aut die Judcnfrage. an, so ergeben sich uns - immer yorausge3etzt, dass der judenfeind- lichen Bewegung nur ökonomische Ur3achen zu Grunde liegen _

Slitze: Erstens, die bereits mit selbststlindigcr Leib -

J lichkeit ausgestattete judenfeindliche Bewegnng ist aus aer 'Yirkung

selbst Ursache, namentlich zur Entartung der Juden und so wieder

folgende zwei

zu weiteren Fortschritten der Judenfeinascltaft geworden. Zweitens:

Sollten jedoch einmal die ökonomiscllCn Ursachen des Antisemitit>- mus zu wirken aufl,ören, dann werden kurz oder lange nachher auch seine secundären, tertiliren u. s. w. AuslUufer bis auf den letzten ausgestorben sein. Aber wann? Das ist eben die grosse Frage. Die Soeialkritiker versprechen sich Alles von der Zukunfts- gesellschaft, - oder um das unrichtigere aber üblichere 'Yort zu wählen, - vom Zukunftsstaate. Ich will nun gewiss nicht so geschmacklos sein, Gründe gegen den Zukunftsstaat vorzubringen. Die Lorbeeren, die sieh Eugen Richter und Andere bei dieser

Beschäftigung geholt haben, sind nicht

zu leicht selbst von einer einfachen Stiefelputzmaschine desavouiert.

Es ist eine Albernheit, den "Zukunfts3taat" im Detail vernichten zu wollen. Es ist, als wenn die wilden Bewohner einer wilden Gebirgslandscbaft die Bewohnbarkeit der Ebene, die sie noch nie gesehen haben, damit anzweifeln wollten, dass doch unmöglich Menschen in einer Gegend wohnen können, wo es keine Höhl en gibt. Nur dCljenige, der eine zu dicke Capitalistenhaut hat, um den socialen \Verdesturm unserer Zeit zu füblen, aer die grossen Umwälzungen auf dem Gebiete der Production, der 'reehnik und des Verkehres übersieht) ka.nn derlei Troglodyten-Logik anwenden, denn nur er kann sieb ein anderes als sein Höhlen-Milieu nicht vorstellen. Ich kann es mir vorstellen) und habe daher nichts gegen den Zukunftsstaat, destomehr aber gegen die Sanguiniker des Socia.Iismus, welche glauben, dass Cl' schon in wenigen Jahren fix und fertig dastehen wird. Zu diesen rechne ich z. TI. Bebel. Vör mehreren Jahren hat er die Meinung ausgesprochen, dass der Sieg de:.; Socialismus noch in diesem Jahrhundert zu erwarten sei, und vor ga.nz kurzer Zeit prophezeite er, dass der nächste 'Velt- krieg die Etablierung der socialistisehen Gesellschaft zur Folge

.Man wird da

verlockend.

9

haben wenle. Nun ist allercling's jedem, der den heutigen Stand. der ökollomisdlrn Entwicklullg' Cl'kellnt, klar, dass die ersten Um- wHhmngen in dcl' Htrnl'tnr drr Oesclbclll1,ft nicht lange auf sich warten lassen werden. Aber wer w!is~te nicht, dass solche Um- wiilzungcll auf den crst(,11 'Ymf nicht für dic Daucr gelingen, d.ass einc ncuc Ordnung .J ahrhunderte braucht, um in die Vor- gänger-( lrdnung hineinzuwnchsen, d. Ja. um alle Heactionen der- selben zu ii\'erwindcn, ulHl dlls Alte Lis Iluf den letzten He:;t zu vernichten. Hchluckt die Bourgeoisie nicht ::iChOll lange genug an dem Feudalismus, ohne ihn noch ganz hinaLgewUrgt zu haLen? .Mit einem grossen Stiicke steckt ihr ja derselbe noch ausserhalL des Mundes. Oder um ein anderes, nLer noch liingere Zeitrilume sich erstreckendes Beispiel zu w1lhlen, hat I~ul'opa, obwohl schon einundeinhalb Jahrtausende seit dem Falle des Hömerreiches ver- flossen sind, dieses denn schon wirklich ganz üLerwunden ? Keuchen wir denn nicht noch unter der Last de::i römischen Hedltes? Hier sehen wir eLen die secundilren Gcschichtmrsachen an der ArLeit. \\rarum sollte es nun gerade bei dem Levorstehenden Um- schwunge ganz andcrs zugehen, als Lei allen bisherigen Umschwün- gen in der Geschichte? Es ist ja richtig, dass die Menschennatur nicht immer dieselLe bleibt, dass sie in ewigem Flusse begriffen ist. "Die l\Ienschennatur lüsst sich nicht ändern· ist eine platte Phmse, aber die Phrase hört auf, es zu sein, wenn man die 'Vorte "von heute auf morgen" einschiebt. Die .l\lenschennatur lüsst sich von heute auf morgen nicht ändern, - dieser Satz ist die Aner- kennung der l\lacht und LebensziLhigkeit der :;ccundiiren Geschichts· ul'sachen.

Die alte 'Yelt wird nach der ersten Kicdcrlage nieht für IlIlm('l' abdanken. Ocwaltige Rücbcltliige werdcn folgen, lW.ck- schliige, welche vielleicht g-am:en Generationen als endg-iltige Siege des Alten üLer das 1\eugewesene erscheinen werden. Und wenn schon nach langen una heftigen Kiimpfen die neue Gesell;;cllltfts- onlnnng im a rossen uml Ganzen alle 'Yiderstiinde besiegt haben wird, dann werdcn noch immer .Jahrhunderte lang'e manche \\'ellen tier ~dten \\'elt in die neue hinübergkiten. Eine solche '''elle wird der Judenhass SCill, diese.i edenfalh; secundüre neschichtsursache krliftig:;ter 'Yirkullg. Es kann ein J ahrtau~PIHl dauern, his die

l\Iensehheit bei der letzten, gelangt ibt.

unwiderruflich

*

letzten Judenhetze

an

)

[

10

-

gieng ich in meinen Austuhrungen von der An -

nahme aus, dass bloss die Oekonomie, - die Art der Production und des Producte-Austausches - die stoffliche Basis der Geschichte sei. Das ist aber nicht der 1!'all. Es ist unerfindlich, warum gerade die ökonomische Structur der Gesellschaft, - selbst ein Abstractum _

Bis hierher

,

zu der Ehre kommen soll, ab Stoff der Geschichte zu fiO'urieren? St.Off der Ges~hichte d~s Mensch.en kann wohl ~ur dcr Melli,ch selbst sem. Durch Ihn als emen ThClI des allgememen Stoffes hindurch geht, - und damit ist die Einheit allen Materialismus dargethan, _ die Kette vom kosmischen Urnebel bis auf die letzten t~lO'esO'e- schichtlichen Ereigniss~. Die ges~hichtlichen Ereignisse ergeben ich aus der l\Ienschennatur, und zwar theil;; aus der Gattungs-

einheit, theils aus der Differenziertheit des Menschen. Aus jener fliesst die ökonomische. aus dieser die Ras5en- und NationenO'e- schichte. Beide greifen mannigfach ineinander, ihr Zusammenwirken ist die Geschichte.

Die landläufige materialistische Geschichtsauffassung verngch- lässigt die Geschichte des Menschen als Rassenwesells und berück, sichtigt ausschliesslich die Geschichte des Menschen als Gattungsr wesens. Sie weist in verdienstvoller 'Veise die Uebereinstimmung in den Entwicklungsstadien der (Gattungs)cultur bei australischen und indianischen Stämmen, den alten orientalischen V1.ilkern, den Römern und Griechen, den Hebritern, den modernen Nationen nach und erkennt, dass diese Entwicklungsstadien immer gleichen öko- nomischen Entwicklungsstufen entsprechen. Aber in ihrer Selbst- beschränkung merkt sie nicht, dass damit das Geheimniss der Geschichte noch lange nicht zur Gänze enthüllt ist, ebenso wie eine Geschichte des Einzellebens nicht erschöpfend beleuchtet wäre, wenn uns nichts weiter gesagt würde, als dass alle Menschen gewisse Altersstufen mitmachen und in denselben analoge Hand- lungen, Gedanken und Gefühle aufweisen. Wie wir hier auf eine Individua1isierung nach Temperament, Charakter, Herz, Geist, physischem Zustand warten, um unsere Neugierde für befriedigt erldären zu k1.innen, so warten wir auch über die rein 1.ikono- mische Geschichte hinaus auf die unterscheidenden, individualisie- renden Details um saO'en zu dürfen: Jetzt kennen wir Geschichte. Dass z. n. das Römervolk, in iihnlichen wirthschaftlichen Ver- hältnissen wie die kunst- und leichtsinnigen Hellenen lebend, banausisch und pedantisch wurde, dass der arabi~che und christ- liche Ritter, heide Producte des mittdalterlichen FeudalislIlu:",

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VOll df'r \Top:elweide von II afi;.; o(ler wie der p;othi~che vom nl:\llri~ehell Baustil, dm;R die IICutigen Deutschen und heutigen Fr:lIlzo~en, trotzdl'JU sie Leidf' i lTl Zenithe (leI' C~Ipitalisti,;chen

Wirth::;c1J:1ft~ordnung' steben, das LeLen und die Politik mit ver- ,ehiellener :;\fethode brtreiLen - das und alles andl'l'e von die,.er .\rt muss doch wohl auch Ge"ehichte und wird nicht gerade ihr unwichtigerer Theil sein, '

Der alltHgliche historische :;\[atf'rialismus, wie er namentlich in socialdemokr'ltischen Parteischriften gang und giille ist, igllo- ric'rt di('sel1 l·'actor einfach, DCllln nuch für die Rodaldemokrati:-:che Propaganda ist der \Yunseh Vater des Gedankens. Da lllall von den Hassen und Nationalitliten eine Gefiihrdullg der illternationale] Proletarier·Solidaritilt befürchten zu müti,;en glaullt, ver,;ehreih man sich einem uuechten Internationali:,;mus, den man nur au. in~tiJl(·tiver Schru vor dem Mangrl an \Vissenschaftlichkeit Nations losigkeit zu nennen unterläs::it, l\Ian polemisiert gegen die Nationa- liw t mit dem Hin~veise auf die Has"en1l1i;.;cllUllg. Aber diese hebt ja die NationaliHiten nicht auf, sie modificiert sie olos, oder ver- nichtet die alten, um neue zu schaffen. Und das wird so fortgehen ad infillitum. Damn wird auch eine Idealausbildung des Verkehrs nicht" zu ändern im Stande sein. Am Ende werden auch die ~lenschen der ferni;ten Zukunft ihr Leben nicht mit fortgesetzten g('gellseiti~en Besuchen verbringen und den nie ganz zu besiegen- deli kosmischen Bedingungen, der Vererbung und der Zuchtwahl Gelegenheit lassen, Hassen :tu reifen, zu mischen und wieder zu reifen. Man weist auf Symptome dafiiL' hin, dass die Rassenaus-' gleichung schon begonnen habe. Das ist ein lrrthulll, der zunächst auf eine Ueberseh:tt:tung der Rassengegenseitigkeit :turückzuführen

~idl \'\l11 einander so untforSL'lliedell, wie etwa auch \\ '

iet. Unter dieser verstehe

austausches herbeigeführte gegenseitige Mittheilung von nationalen Eigenarten, Auf diese \Veise geben die gleichzeitig lebenden und

mit einander verkehrenden Völker von ihren eigenthümlichen \ Il>'chauungen und Vorstellungen mehr oder weniger einander

ab, gewinnen ein Grenzgebiet 'von gemeinsamen Ideen, eine Ideen-:::lynthese, die Grundlage spiitel'er, noch ungeahnter neuer fdeellgcgcnsiltze. Die:; sehen wir z. ß. wenn wir die Geschichte des

Verhiiltni:;ses

mehr als durch dw Ueherschätzung der Rassen-Gegenseitigkeit ist l

der fragliche Trrthum durch die Einseitigkeit und Unvollkommenheit

zwi~chenJ udaii'mus und Hellenismus studieren. Doeh ln

ieh die meist auf dem \\' ege des Blut-

12

-

des landläufigen historischen l\Iateriali"mu~ zu erklären . 'Vas man als Rassen-Ausgleichung hinstellen möchte, ist zum allergrössten Theile ein Process, vermöge dessen eine Reihe von in verschiedenen Rassebllden wurzelnden und wurzeln bleiLenden Völkern gleich- zeitig auf dieselbe "\Virthschaftsstufe gelangt und :;0 auf jenem Gebiete des Geschichtslebens, das aus dem ::\Ienschen als Gattungs- wesen fliesst, in Uebereinstimmung kommt. Diese der Vollendung entgegengehende Culturgemeinschaft, welche übrigens nichts Neues ist - analoge "Vveltculturen" haben schon bestanden, ich erinnere nur an die griechische und an die römische 'Yeltcultur - wird nie und nimmer den ganzen Inhalt der Cultur umfassen. Die Rassengeschichte geht weiter ibren Lauf. Der Parallelismus der beiden Geschiehtsströme ist ein ewiger, wenn auch Bächlein hinüber und herüber fliessen, die eine Verzweigtheit der beiden Stromgebiete herbeifuhren, und wenn auch zeit- und stellenweise das eine Stromgebiet wasserreicher ist a1;; das andere. Ist nun aLer einmal die Rasse und, Nationalität als gleich- berechtigte geschichtsbildende Kraft erkannt und anerkannt, dann hat man erst recht keinen Grund, im Zukunftsstaate auch die Lösung der Judenfrage zu sehen. Dann steht es fest, dass auch in der neuen Gesellschaftsordnung Nationalitäten, und darunter

der ßlutsvermischung und

daher Assimilation ausschlicsst, am sichersten erhaltene jüdische Nationalität, vorhanden sein werden. ALer wie, wenn e:; doch wahr sein sollte, dai'-s es überhaupt, auch jetzt schon, keine jLldische Nationalität mehr gebe? Oder wenn ei'ngewendet würde, dass die Zukunftsgesellschaft, mag sie auch die Natiollalitäten und speciell die jüdische Nationalität bestehen lassen, den Nationalhass, also auch den Judenhass nicht mehr zulassen werde? Was den erstausgesprochenen Zweifel Letrifft, so dürfte er heute sehr selten geworden sein, - seILst Lei enragierten Assimi- lanten, die freilich wünschen, da:;s es Hnders, Jass es nach ihrem Sinne besser werde. Man deereticrt nieht mehr clie Assimilicrtlteit, sondern w ü n sc h t höchstens die Assimilierung. Nur Lezifglieh

der Assimilation,

als vollzogcne 'fhatsache

_ aus:6ugebcn, so be7.üglich Frankreichs, 'welcltcs aber eLen auch daran ist,. seinen guten Huf zu vernichten, und Lezüglicb - - Unga.rns, wo eine wirthsc1wJtliche Nothwendigkeit, - U ebergang des Landes vom Ack erb:m- zum gros;;capitnlistisehcn Industrie-

die

durch

den

mächtigen Judenhass,

gewisser Länder - versucht man

es

der letzten ZuflucMsstätten

noch,

die Ab"ieht

13

-

staate, - ilie nationalen Gegenslitze aneinanrlergeleimt hat, die sicherlieh noch vor der nilchstell 1\1illenniumsfeiet' au~einanderfallen weruen, Ja, es gibt eitle jiidische Xationaliwt, Schon, dass es überhaupt :Menschen gibt, welehe von dCll .Tuden ab Nationalität gesprochen wissen wollen, macht es wahrilcheinlich, dass die Be- zeichnung zutrifl't. Denn es wird wohl Niettlandem einfallen, die-

selbe auch auf die Geilammtheit der Katholiken und die

Protestanten oder gar auf die der Fabriksherren und die der Fabriksarbeiter anzuwenden,

Mit dieser Wahrscheinlichkeit wollen wir uns aber nicht genug sein lassen, wir wollen dem Nationalitiit3begrift' selbst etwas n1ther tl'etet\. Da Cl' leider gewöhnlich nUt' von Nurökonomikern kurz abgethan oder von Chauvini:;ten, deren Gebahren noch be· leuchtet werden soll, behandelt wird, so gibt es viel oberflächliches, parteii8ches Gerede über ihn. Die feste Grundlage der Nationalität ist immer und überall die Rasse, einheitliche oder .l\lischrasse. Dadurch, dass sich die Rasse auf ihrem Entwicklungswege ver- edelt, dass sie durch die Rassen-Cultur geht, wird sie Nationalität. Die Nationalität hat an sich nicht, mit dem Staate und nichts mit der Sprache zu thun. Der Staat ist ursprünglich eine Hervor- bringung wirthschaftlieher Kräfte, ein Produet des Menschen als Gattungswesens, Dadurch aber, dass er in der Regel einer auch durch Rasse oder Nationalität einheitlichen Personengemeinschaft dient, kann sich sein Inhnlt erweitern. Er wird dann zu einem Atteste der Nationalität, das die Träger derselben vor den Chicanen uer l\Iit-'Veltbül'ger behütet, nieuwls jedoch 7.U einer Qualification der Nationalitlit selb~t. Und die Sprache? Sie brsteht aus Be- griffen. Begriffe;). sind Ideen und als solche aus dem Stoffe Mensch sowohl in seiner Ga ttungs- als auch Rassellqualität abgeleitet. Ent'ilieht lIlan dem Mensclten als Hassenwesen seine Sprache, so nimmt man ihm bloss sein sclb8tgeschaffenes Product und beraubt ihn höchstens der Rückwirkungen desselben auf ihn. Er adoptiert nun eine fremde :4pracllc, und wird durch dieselbe einer möglicher- weise an!leren, höheren odet, niedrigeren Gattungsculturgemeinsehaft zugeführt, aber eL' selbst, der differcnzierte Mensch, bleiht in seiner betreffenden Dift'ereltzieltheit he~tehen J. a drUckt so"'ar deren Stempel deI' frelilden Rprac\w, indem Cl' sio geliraueIlt, auf. Und jet.zt verstehen wir wohl auch ganz dati merkwürdige Hesultat der let?ten Juclenassimilation, wovon wir im Anf~lllge sprachen. Gehören nun aber Shat und Sprache nicht zum eisernen

der

,

>:>

14

-

Bestande der Nntionalitiit, dann gibt es keinen Zweifel 11n der gegenwärtigen Existenz der jüdischen Nationnlitiit. Denn ihre RnssenqualiHLt kann ihr Niemand oestreiten. \\' oUte aher Jemand behaupten, da~s sie ~ben nur Rasse und nicht Nationalität sei -

habe3t sibi! Rassen

können wohl mit anderen Rassen in derselb en

Gattungsculturperiode stehen, aber sie können nicht die Nationalität

aus einer fremden Rasse tragen, sowie ein Individuum mit dem andern wohl gleichen Alters sein und daher analoge Eigenschaften aufweisen, aber nicht derselben Individualitiit sein kann.

I

Nun gut Es gibt Juden und wird wohl auch weiters Juden geben. Doch möglicherweise keine Judenfrage, wenn der National- hass und daher auch der Judenhass aufhören werden. Ich glaube selbst nicht an die Ewigkeit des Nationalhasses, wenigstens nicht unter den Culturrassen. Es itt eine Entwicklung ganz gut denk- bar, die zu einem Zustande führt, der wohl Nationalitäten, aber nicht deren gegenseitige Anfeindung aufweist, einem Zustande, in welchem der Kampf ums Dasein von den Culturmenscben aller ationalitäten im vVesentlichen nur gegen die Elementarmächte j Oder höchtens etwa gegen wild gebliebene Völkerschaften ausge- fochten wird. Aber dieses Ziel ist nicht bloss durch Veränderung der socialen Sb'uctur zu erreichen. Hier wird auch die nationale

\ Gruppierung ein Wörtlein dreinzusprecben haben. Das steht für

cnjenigen fest, der die naturgeschichtliche Differenzierung der Menschen den ökonomischen Verhältnissen coordiniert. Uebrigens hat dies auch kein Geringerer als Friedrich Engels, der Freund 1Iarxens, der .Mitbegründer der materialü,tischen Geschichtsauf- fassung und der Theorie des Classenkampfes, von einer richtigen Empfindung gelenkt, anerkannt.

~

die jüngst in der

"Neuen Zeit" publiciert wurde, wörtlich: "Seit !lern AUOlgangc des l\littelalters arbeitet die Geschichte auf die Constituierung Europas aus grossen Nationalstaaten hin. Solche StMtcn nIlein sind die normale politische Verfassung des europäischen herrschenden Btirger- gerthums und sind ebenso unerlHssliche Vorbedingungen zur Her- stellung des harmonischen internationalen I':usammenwirkens der Völker, ohne welches die Herrschaft des Pl'oletlll'intes nieht he- stehen kann. Um den internationalen Frieden zu sichern, mUssen vorerst alle crmeidlichcn nationalen Reibungen beseitigt, muss jedes Volk unabhängig und Herr im eigenen Hause sei?

Es

sagt

in

einer

nachgelassenen

Schrift,

15

Da::. stimmt. In den \VorteIl "Con~tituierung ßUl'opa'l aus grot;sen Nationalstaaten" kiinnte man eine Verwerfung der kleinen Nationalitäten finden. Dem ist aber nicht so. Es soll damit nur ein Protest gegen die particularistischen Tendenzen einzeInet· Kations- theile - Engels schwebte Deut'lchland vor - ausgesprochen sein. .1('des Volk und llieht jede \Tolksnuance sei "unabhnngig und Herr im eigenen 11 ause", meint Engels. Nun mag diese U nterscheidullg theoretisch zutreffen, praktiscl, wird sie bei dem ewigen Sich-Difl'e- renzieren, Sich-Zusammenfassen und Sich-wieder-Differenzieren der Nationalitliten manche Sclnvierigkeiten bieten, die jedoch nicht unlösbar sind, wie sie sich denn auch in der Geschichte wirklich lösen. Filr die Juden ist sie ilbrigells belanglos, da dieselben keine Volksnuanee etwa des deubehen, fral1zösischen, polnischen ungarischen Volke~, mit welchen sie nur Derilhrungspunkte zumeist allgemein moderner (0 attungs- )Cultur besitzen, sondern selbst ein Volk sind. Die Frage wird sich demnach für uns nur so stellen: Ist die nationale l{eibung, die notorisch zwischen diesem Volke und den ül,rigen Völkern besteht, eine vermeidliche oder eine un- vermeidliche? Die nationale Abneigung ist an sich etwas gänzlich Harm- loses, so wie etwa die gegenseitige Antipathie von Einzelpersonen. 1\Iögen sie sich nicht recht, nun, so brauchen sie ja nicht intime Freunchchaft zu schliessen, können ihren Verkehr auf das Noth- dilrftig~te beschriinkeu und so eine Art kühler Hochachtung für

ci na nd er

Leben führt die wider6trebendsten Menschcn cinandcr cntgegen und dann kommt cs zur Hcibung, zum Kampfe. So ist es auch bei dcn Volksindividualitüten, und in der Empfindung- dafilr, da:,:" cs so ist, hat ja auch Engels scinc Fonlerung nach Beseitigung dcl' vcrmeidlichen nationalen Heibungcn aufgestcllt.

\\' cndct man das Gesagte auf die Juden an, so finden wir, d"s3 sie nicht auf abgeschlossenem Tcrritorium, dass sie in einer Art Ycrstreutheit lebcn, dic geradezu geschaffen zu sein scheint, nationale Reibungen zu erzeugen. UebcmlI, wo sic sind, zu viel an Zahl, um sieh in der Mcnge zu vcrliercn, und wieder zu wenig

bewahren.

.Ja, wenll das immer so lcicht gicuge. Das

Ian Zahl, um dcm N"achbar zu imponiercn, -

bietcn

sie

die

gc- {

flLhrliehste Handhabe zum Verfolgtwerdcn, die Ohnmacht. Diese Olmmacht begl'iln<let die UnvermeicUiehkeit der nationalen Rcibung

zwisc\len .Juden und Niehtjuflen und vcrlciht dem Judenhasse jenc

16

-

Potenziertheit, die es verbietet, ihn allem anrlern Nationalhasse gleichzusetzen, jene notorische Bedeutsamkeit, die sich seit Jahr. hunderten in Hetzen, Unterdrnckungen und Schmlihungen aus drückt. Unvermeidlichkeit aber und Intensitilt mit einander ver- bindet, - ein Bündniss, :m dessen Möglichkeit Engels gar nicht gedacht zu haben scheint - rechtfertigen die schwCL'e Besorgniss, dass der Judenhass eine ernste Gefahr für die sociale Friedens- gemeinschaft bedeuten könnte. Die Juden erscheinen uns dann als der Rest bei der grossen Völkerverbriiderungsdivision. Nun herrscht wohl bei den l\Tathematikern die Gepflogenheit, kleine Bruchtheile zu vernachlUssigen. \Venn die socialistiscllen Parteien bezüg'lich der Juden dieses Verfahren beobachten, so ist das ihre Sache: mögen sie 'zusehen, wie sie es dann ausbcssern, wenn sich der Rest als zu gross, um vernachlässigt zu werden, erwiesen hat. Aber für den Rest selbst muss doch die Vernachlässigungs-Logik ewig unacceptabel bleiben, für ihn, det· nicht aus Ziffern, sondern :tus Millionen lebendiger, warmblütiger Menschen, die verhönnt und unterjocht werden, besteht. Er muss sich doch etwas gewissen haftel' und eingehender mit der Frage der Unvermeitllichkeit der nationalen Reibung zwischen den Juden und den Völkern befassen. Um dies nicht auch ihrerseits thun zu müssen, wird von den jüdischen SocinJisten die Ansicht vertreten, und den übrigen So- cialisten, denen sie ja diesbezüglich als competent erseheinen müssen, suggeriert, dass der Hass gegen die Juden kein nationaler, sondern auf wirthschaftliche Grundlagen zurückzuführen sei. Treten wir einmal der Sache näher. Es erscheint von vornherein wenig wahrscheinlicl" dass ge- rade die Heihungen zwischen Juden und NicJ.~juJen, wiewohl llier ganz besonders starke nationale Gegensiitlle vorliegen, nicht aus diesen resultiel'en sollten. Und wirklich können wir, sohald wir den Judenhass his in seine Kindheit verfolgen, beim hesten ,Villen dort nichts Oekonomisches entdecken. Er kommt als reine Hassen- Antipathie zur SYclt. Spitter vermehrt er sci nc Leb ense nergie ans dem übervollen Borne des Heligionsfllllatismus, mitunter auch ;IUS der reichlich fliessenden Quelle wirthschaftlicher GegellsHtzfl, ahcr hier liegt ehen schon nur Hiickwirkung seitens dieser bei(len vor.

n unserem J ahrhunderte ist (ler

ökonomische Anlas::; zum Juden-

asse besonder" stark geworden, einfach darum, weil sich im All-

~ gemeinen die wirthschaftlichen Gegensätze zugespitzt haben und

17-

daher

grund treten, anch wenn sie auf dem hezüglichen OeLiete durchaus

,.;ecundiirer X atur sinel. Und das sind

unsere heutige Zeit seIhstverstündlich nicht weniger, ab vordem. \\'enn das jiidische Volk Ull::;crn Chri~t1ich-So('ütlen soviel Angriffs punkte bietet, was sind diese Angriffspunkte anderes ab Züclttungs- ergehlli;;se des zwei .Jahrtausende alten .fudenhasseH? Oder sollte> es sich nicht gerade auf die wirthschaftlichen Ueherg-riffe df'r Juden bezieh en, wenn man von dem verzweifelnden lI!ittelstande spricht, der seine leb:te Hoffnung auf den Antisemitismus setze? ~olltc mehr Sinn darin liegen, etwa der, dass der lIlittebtand, von dem Schrecken der hereingeLrochenen wirthsehaftlichen Anarchie uetüuLt, in seiner ["assungslosigkeit und olme recht zu wissen, was er tImt, zum Antisemitismus greift? Aber warum dann gerade zum Antisemitismus? \Varum dann gerade die reichen und die

schwindelhaften Juden aus der ~Iasse der übrigen Reichen und Schwindler herausgreifen? Etwa, weil sie die relative l\IajoritiLt unter diesen Leuten sind? Ja, wieso konnte man denn auch nur auf den Geclanken verfallen, derlei Statistik zu betreiben? ~Wie gieng clas zu, dass man sich bei einem Industrieritter erinnerte, er sei ein Jude und es für wichtig genug hielt, sich dies zu merken? ,VarulU kam einem solch' eurioser Einfall nicht bei Industrierittern anderen Stammes? Die Antwort ist ganz einfach die: \Veil man den anderen nicht von vornherein aufsüssig war, den Juden aber von vOl'llherein cin böses Herz entgegenbrachte. Daher kommt es auch, c1ass fast jeder grosse Kladderadatsch mit einer Juden- prügelei beginnt. l\lan haut eben die Verhasstesten zuerst. In diesem Verstande bekommt auch die Phrase, dass der Antisemi- ti"mus eine Vorfrucht des Socialismus sei, Sinn. Er i:'it es, ebenso wie er eine Vorfrucht der KreuzzUge und der Heforllllltion war. Was sonst dalllit gesagt sein soll, ist nicht einzusehen. DeI' Juden- hass ist in erster Linie keine wirthsehaftliche, sondern eine natio. nale Erscheinung.

in jedor Frage die wirthschaftlichen Elemente in den Vord er -

sie in der .Judenfrage, fUr

*

Nun mögen manche jüdische Socialisten unbewusst

empfilHlen,

dass eine unbefangene Untersuchung' des Judellhasses den nationalen Zug desselben zu Tage fördern und so die Ansicht wiJcrlegen

könnte, dass die JudenfraO'e mit der soeialcn Fran'e mitO'elöst wel'den würde. Aus dieser Empfindung heraus kommen sie zu der Behauptung, - die besonders letzthin und in OcstelTeich Mode

o

~

~

18

-

geworden ist, - die Existenz des Judenhasses, oder richtiger der Judenunterdrückung abzuleugnen. Kaum glaublich, aber wahr. Es sollte kein jüdisches Leid geben? \ Vorunter seufzen die jüdischen Proletarier noch mehr als unter der allgemeinen Unbill der Gesellschaftsordnung? Ist es nicht der Fluch des .Judenthums , der sich an die Sohlen heftet dieser Hausierer, Handeljuden, Mäckler in hunderten von Nuancen, Agen~en für alles uud jedes, Heiratsvermittler, Galopins, Agioteure, Insassen der altgläuLigen Talmudlernhiiuser und der Schnorrer und Landgeher sans phrase? Ist es nicht der Fluch des 'Judenthums, der sie beruf- und be- stimmungslos macht, wirthschaftlich isoliert und social dcclassiert, der sie von Land zu Land jagt und sie zum Spotte werden lässt, sowohl der nichtjüdischen Protzen als der nichtjüdischen Proletarier? Und die modernen Proletarier unter den Juden, so- weit es solche gibt? Man forsche nach, wie viele Arbeiter ihren jüdischenCollegen niit Unbefangenheit, ohne Hohn und Hänseleien entgegentreten. Man interessiere sich für das Schicksal jüdischer Lehrlinge unter ihren nichtjüdischen Kameraden. Man nehme ein bischen Psychologie zur Hilfe und studiere, wie viel von der übrigens recht flauen Bethätigung internationaler Gesinnung gegen- über den Juden Parteidrill "on vorübergehender 'Wirkung und wie wenig davon, und bei wie wenigen, ein endgiltig errungener Standpunkt ist? Man frage, wozu die socialistischen Parteiblätter trotz ihres principiell gegentheiligen Standpunktes antisemitisch schillern müssen, wenn es nicht deshalb geschieht, um den Ar- beitern, bei welchen man offenbar judenfeindliche Stimmung voraussetzt, nicht vor den Kopf zu stossen? Und, um nun von den Handarbeitern zu den Kopfarbeitern überzugehen} - die materiellen und moralischen Zurücksetzungen und Schädigungen, die der jüdische Intelligenzler über sich ergehen lassen muss, was sind sie zum grossen Theile Anderes als der Fluch des Juden- tbums ? Man stelle sich nur die Summe von Seelenqualen vor, die er auszuhalten hat, diesen grimmen, verzweiflungsvollen, entsitt- lichenden Judens chmerz, den Schmerz über das Verachtetsein von ) jenen, deren Achtung man so gerne geniessen möchte, wenn man auch im ohnmächtigen Zorne darauf leicht zu verzichten v~rgibt, über das Gebrandmarktsein, wiewohl man sich nicht schhmmerl weiss als die Anderen über das Lächerlichsein, das man tragen muss, nur weil man v;n jüdischen Eltern ist. Freilich, diesen viel 7 ' gestaltigen Judenschmerz fühlen unsere socialkritischen Juden

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nicht - ebensowellig, als ihn die soeialeon,;ervativen Juden ab politische Kritiker in der Zeit des Glcichberechtigung-srummels g-efiiliit Iwben, - oder besser, sie suggeriercn sich, ihn nicht zu

füldclI.

Doch, wie konnte die Fühllosigkeit der socialkritischen .lullen gegen das jÜt1i~che Leid so gross werden, als sie thatsächlich ist '( Das verstös~t gegen alle völkerphychologisehe Erfahrung. Umso lohnender dünkt es mir die~er ]':rscheinung nachzug'ellCn und ihr auf den Grund zu kommen. Einen Anh~ltspullkt finden

wir ~ofol't, wcun wir die Thatsache nicht unbcaehtet lassen, dass die,;elben Milnner, welche so unempfindlich gegenüber, dem

jüdisellen Elend sind,

eine

iluo;ser::;t

hohc

Empfindlichkeit gegen

übcr dem allgemeiu menschlichen Elend bcsit;wn. Diese::; Gefühl

muss lI.1s0 zu stark sein, um jene::; aufkommen zu lassen. Das ist eine einleuchtende l\nnalllue. \Voher dann ;1I)er die::;e besondere ~tilrke des Mitleids mit dem ~Iee;;ehenelelltl, des subjectiven Sociali::;lllu::;, wie ich es neunen möchte 'I Die landläufige Auffassung des historischen Materialismus erklärt den subjectiven Socialismus auS dem ökonomischen Ent· wicklungsgange, so auch für unsere Zeit, in der deshalb soviele Menschen ihre ;;ocialistische Seele entdecken, weil eben der in fler Erfüllung begriflene objective Socialismus die geistige Luft mit seinen befruchtenden Keimen erfülle. "\Voher haLen nun l\Iarx und Engels, bevor ihnen die l\Iehrwel'ththeorie, die Theorie der Classenkämpfc, die mtlterialistische Geschichtsauffassung offenbar wurden, ihren SociaLismus bezogen, denn es ist notori'::!ch, dass ~ie schon vor ihren epochemachenden wisscnschaftlichen Ent- deckungen Socialisten waren? Es lag eben schon in der Luft,

- wird man mir erwidern. Jawohl, aber warum lag es nur für sie

mehr Berech -

tigung' kann auch bezüglich der Soeitllisten lüngst ont-,;chwundener Zeiten gestcllt werden. \Vo hatten diese ihren, wenn auch wissen-

schaftlich noch nicht begründeten, ab~r im Ziele mehr oder weniger dem heutigen ähnlichen Socialismus her? Damals lag ja überhaupt noch nichts davon in der Luft, die wirthschaftlichen Verhiiltnisse waren ja für die sociale Umgestaltung noch nicht reif. Die Antwort ist: Sie hatten ihn aus sich heraus. Doch, wie w~r er in sie gekommen? Auf natürlichem "\Vegc. Er hatte in ihren Vorf'ahren eine langsame Entwicklung mitgemacht; von der ersten Regung des Sclbsterha,Itungstriebcs, und eine grosse \Veile später

in der Luft? Die gleiche Frage, ja mit noch wcit

20

-

von dem ersten altruistischen Instincte aut;gchend, war er durch innere Auslese und wirthschaftliche Anstösse allmlilig zu dem ge- worden, als was er in ihnen auftrat. Aber mit ihnen hörte die Entwicklung nicht auf. Der subjective Socialismus urbeitete t;ich weiter bis zu seiner jetzigen Häufigkeit und Höhe hinauf, und stellt sich so als eine aus beiden Geschichtsbornen der Menschen- natur fliessende, secundäre Geschichtsursache VOn grosseI' Macht dar, der man gewiss Unrecht thut, wenn man sie mit der gerade den unter sozusagen socialdemokratischen jüdischen Stu- dentlein üblichen Bezeichnung Gefühlssocialismus abthut. Wenn man nun die hervorragendsten Träger des subjectiven Socialismus Revue passieren lässt, so macht man bald die Ent- deckung, dass sich die überwiegende :Mehrheit derselben aus dem jüdischen Stamme recrutiert. Darin äussert sich nun etwa keines- wegs eine Mission desselben, eine mystische, transscendentale Sendung, sondern nichts als eine auf natürlichem Wege erwor- bene l\Iehrfahigkeit. "Vie diese erworben wurde, - ob dieses Plus gegenüber anderen Völkern bloss oder vorwiegend Folge des Differenzierungsactes ist, oder bloss oder vorwiegend Ergebniss einer schon im grauesten Alterthum vor sich gegangenen Züchtung dbrch Knechtschaft und Leid ist, ob sie Eigengut oder Anlehen a~s der Fremde ist, etwa aus Indien, wie neuerdings von manchen I it wenig Wahrscheinlichkeit vermuthet wird, - ist hier gleich- 'ltig_ Uns kann es genügen, die Existenz dieser Fähigkeit zu constatieren - zu constatieren, dass das jüdische Volk den Satz "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zu einer Zeit aufstellte, als er den andern Völkern Europas und Vorderasiens lächerlich erscheinen musste, dass es principielle sociale Gesetze gab und die Sklaverei zu mildern trachtete, während die anderen Nationen in socialen Dingen nur Flickwerkgesetze schufen, die Sklaverei aber immer mehr befestigten, dass schliesslich dieses Volk in l\Ioses Jesaias Jesus Lassalle und l\larx die grÖBsten und nach- haltigst wirkenden Socialisten der Welt hervorbrachte. Und diese Fähigkeit, welche bei den Juden - bezeichnend genug - zumeist bei Leuten auftritt, die entweder gar nicht in wirthschaftlicher Noth sind oder doch nur ein wenig praktischer

zu sein brauchten,

- die modern denkenden Juden so intensiv, so auschliesslich erfasst,

dass sie darüber alles Andere vergessen, dass von ihnen das lNort des Psalmisten gelten kann: Sie haben Augen und sehen

,

~,

,

um

es

nicht

zu

sein,

ist es, welche auch

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-

nicht - dat;::; die Gewitterwolken noch nicht weg sind vom lIoril':ontc des jüdischen Volkes. Sie haben Ohren und hören uicht, - das Grollen unter der Erde, das neue Erdbeben weiss- :sagt. Sie haben einen kbrf'n, durchdringenden Verstand und er ~pHht nicht in die Geheimnisse der Judenfrage. Sie haben ein l':1Il'tes mitleidiges Empfinden und die Judennoth läflst es kalt. Kurz, die socialkriti~chen .Tuden haben für die Judenfrage nur verüchtliche Uleichgiltigkeit. Und da wir von den socialcon- :servativen Juden gehört haben, dass sie ihr mit dumpfer Apathie g-eg-enuberstehen, so gelangen wir zu dem Facit, das der ganze jüdische ::itamm mit dieser ihn selbst betreffenden Frage nichts zu tllUn haLen will.

*

,

*

*

Nun, ei'> ist doch nicht der ganze jüdische Stamm. Denn seit einundeinhalb Jahrl':ehnten sehen wir eine langsam anwachsende Gruppe von Juden, welche die besonderen Ursachen der Juden- noth und die Nothwendigkeit erkannt haLen, die Judenfrage einer be,;onderen und l':war einer gründlichen Lösung entgegenzuführen. Diese Gruppe, aus Münner bestehend, welehe hinsichtlich ihrer soei:lIen Anschauungen theils zu den Conservativen, theils zu den Kritikern gehören, nennt sich "Jüdisch-Nationale" oder "Zionisten". Indem sie auf die aus der eigenthümliehen Verstreutheit der Juden unter den Völkern und dem nun einmal erreichten StiLrkegrade des Judenhasses folgende Assimilationsunmöglicbkeit und Verfolgungs-

bestiindigkeit verweisen, sehen die nNationaljuden" oder "Zionisten U nur ein e Hettung aus diesem ·Wirrsal. Sie erklären, um mit Engels zu sprechen, der Judenhass sei eine "ver me i d li ehe

nationale

abhängig und Herr im eigenen Hause" sein müsse. Das jüdische Volk müsse ein Heim erhalten, ein nationales Centrum, ein völ. kerrechtliches Eigcnthum, das alle Glieder des Stammes, ob sie nun in das neue Land ziehen, oder in den alten Wohnstätten bleiben, schützt, dessen Schaffung die sociale Entwicklung der Menschheit von der chronischen Störung der Judenfrage befreit. Darin besteht das Ziel der "jüdisch-nationalen" oder "zionistischen" Strömung. Um es zu erreichen, hat sie leider manche Um- und Abwege eingeschlagen. "\Vie sie auf diese gelockt wurde, das deuten bereits die Bezeichnungen "jüdisch-national" und "zionistisch" an.

"Zionistisch" - jedenfalls der zutreffendere und harmlosere von den beiden Ausdrücken - hat einen romantischen, zumindest

Reibung U , zu deren Beseitigung das jüdische Volk "un-

22

-

aber ideologischen DeigeaclJmack. Dies erklilrt sich aus dem mäch- tigen Proteste des einmal erwaclJten G efuhles O'eO'ell die bishericre Unempfindlichkei t. (Diesem Proteste ist Co; auch zuzuschrcil'l'n, wenn die junge Strömung sofort auf das alte heilige Land der Juden verfiel und alle hie und da auftauchendcn Projecte, ein neu e s Land zu suchen, über den Haufen warf. Uebrigens scheint gerade in diesem Punktc das Gefühl, wie so oft, dem V crstande vorgearbeitet zu haben. Sowohl wisscnschaftliche ErwiluUll"'en ue- sonders auf dem Gebiete der Hasselllehre, sowie ErWägungen eminent praktiscl~er Natur, die sich namentlich auf die leichte Erreichbarkeit, die Fruchtbarkeit, die geringe BevülkerungsziJi"er und den ideellen vVerth des Bodens für die Erziehung df'r Volks- massen beziehen, rechtfertigen die vom GefülJ!e getroffene Auswahl.) Bedenklicher schon ist der Name "Jüdische national." Doch auch seine Entstehung ist leicllt begreiflich. Auch ihm lieg.t ein flammender erbitterter Protest zu Grunde, der Protest gegell die Assimilation. ,,\Vas, Ihr wollt nicht mehr zur j üdischell ~ation gc- hören ?!" Nun, so sind wir "jüdisch-national"! \Vas heisst eigentlich "national sein"? Dem einfachen \\' ort- verstande nach bedeutet es nur, die Eigenschaften irgend einer Nationalitiit haben, sich nach diesen Eigenschaften ausleben. Das National ge fü h I ist einc automatische Folge des so verstan- denen Nationalseins. Der politische Nationalismus aber verlangt mehr als solches Nationalsein, er verlangt das nationale Bewusst- sein. Damit hütte er im Grunde unter Culturmenschen nur etwas selbstverständliches gefordert. Denn was sollte nationales Bewus:::t- sein anderes heissen, als dass, wer eine Nationalität hat, sich ihrer bewusst ist, etwa, so wie derjenige, der Ohren hat, sich des Be- sitzes derselben bewusst ist. 'Vas wird man jedoch zu einem Menschen sagen, der, wenn auch niemand seinen Ohren mit At- tentatsgedanken naht, umherläuft und ruft; "Ich h8.be Ohren,

llespect vor meinen Ohren! Ich bin mir meiner Ohren bewusst!"-?

! AUf dieser Stufe steht das Nationalbewusstsein, wie es in Europa

.

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gemeiniglich vertitanden wird, und. ~ie Sünden, die in di.eser Rich-

tung gemacht werden, mögen es elmgermassen entschuldIgen, wenn

von gewisser Seite das Kind mit dem Bade, d. h. mit dem Chau- vinismus auch die Nationalität als Geschiehtsfactor ausgeschüttet wird. Zwischen der Anerkennung dieses Geschichtsfaetors und dem Chauvinismus liegt eine weite Kluft. Der Chauvinismus hat keinerlei

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-

wi,;"enschaftliche Basis. Einerseits übersieht er den ökonomischen G esdJicht~fa.ctor vollkommen, tln(leri:ieits ist er auch in Nationalitäts- (lillgell obcrtlächlicb. Letzterps rührt von seiner Ideologie her, von "riner fragloscn, gläubigen Ideen-AnLetung. Dureh sie wird ihm die/ XatJ.onalität :ms. einrr Eigen~chaft des Sto~es, ein Ideal, ein Id~l. Er verlIert <len Bltck für den Stoff und MIttelpunkt der GeschIchte, die Mewichen, und opfert die Menschen einer Qualitiit ihrer selbst.

•\nders dic Anerkennung

. der Nationalität als Gesehichtsfactors.

Der widerliche Cultus der Nationalität, wird nicht mehr gekannt 11bel' auch die Ueberhebung der Nur-Oekonomiker wird zurück- glnvic,;cll, indem dcr Geschichtswerth der Nationalität hervorge- hoben wird - der nicht dann geringer ist, wenn der l\Iensch sich

ruhig in seiner Nationalität auslcbt, und nicht dann grösser, we

der l\l~nsch ihretha,}~en leidct. Aber wäh.rend im ersteren Fall~ n f)

~

stIlle,

zustiindhche,

~elLstverständhehe \Valten des NatlOn 1

1

(la~

ge f ü h Ie s Legriffen werden kann, wird im letzteren Falle eine L - freiende That, ein Ziel 'gefordert und eine gewaltige Eruption d r "onst latenten nationalen Kraft erwartet. ~ehr gut hat den Gegensatz zwischen Chauvinismus und An· prkennung der Nationalität als Gcschiehtsfactors der schweizerische Dichter Gottfriefl Keller in einem sogar von der socialdemokratischen ,,~euen Zeit" beloLten Gedichte charakterisiert:

Volksthum und Sprache sind das Jugendland, Darin die Völker wachsen und gedeihen,

Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien,

Wenn

sie verschlagen sind auf fremden

Strand.

Doch m;lllchmal werden

Zur harten Kette um den Hals der Freien. Dann treiben längst Erwachs'ne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand!

sie zum Gängelband,

\\'ati wäre nun aber von einem Volke zu saO"en das ver-

n'

"

i:icblllg"en ist auf fremden Strand" und statt national zu sein im

Sinne des Zieles, national wäre im Sinne des Spieles, statt eines heroischen ein chauvinistisches Zeitalter durchmachte? Es lässt sich nicht leugnen, dass innerhalb der "jüdisch-nationalen" Gruppe kleine Anläufe in der Richtung dieser Verirrun 0" gemacht wurden. Eine derselben war die unbewusste, ja mancl~mal bewusste Ab- wendung vom Ziele der Beweo-ung selbst die BeweO"ung

h'

k

sc 1C te sich an, eine Schale ohne Kern, also das denkbar schalste

zu werden. Sie gerieth dadurch in Gefahr; nach innen an Intelli-

Cl'

Cl

24

-

genz, nach aussen an propagandistischer Kraft zu verlieren. I eh

) habe jüngst sagen gehört, dass man fast zu glauben versucht wäre, dem jüdischen Stamme fehle quasi das Organ des Nationalismus. Das ist unrichtig. Der jüdische Stamm hat vielmein' dieses ()rg:m

sellr kräftig entwickelt, er hat das kräftigste Nationalg e fü h 1 unter allen Völkern, was ja vom materialistischen fltandpunkte ganz natürlich ist, da er die rassenmäf'sig ausgepriigteste Nationa- lität ist. Und er weiss auch von diesem Organ, in Zeiten der Gefahr den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Siehe Geschichte der l\Iakkabäer, des jüdischen Krieges, Bar-Kocbbas und in anderer Gestalt mellrfach im l\littelalter und in der Neuzeit. Auch für die Zukunft braucht man an diesem Organ nicht zu verzweifeln. Nur darf man den 'Juden kein X für ein U vormachen wollen. Die Juden haben nemlich in ihrer überwältigenden Mehrheit bis dato wirklich kein Organ für den europäischen Nationalitätsschwindel. Sie haben dazu viel zu viel Geistesklarheit, und soweit sie sich vom Gefühle leiten lassen, viel zu viel seit den ältesten Zeiten auf sie vererbten Sinn für dass grosse G~Jze, für die l\Ienschen-

gattung, von der sie ja doch nur

ihren Extravaganzen gerade nach dieser Hiehtung hin durch na- tionale Extravaganzen geheilt werden könnten. Der Geist lIlosis, der Propheten, .Iesus, l\laimonides, Spinozas, ]\[arxens und LassalleR will dem Geiste DeroulCdes, Boulangers und Schönerers nicht weichen. Mit einem \Vorte, der NationaIiHitsschwindel verfängt nicht bei Juden. Bei den socialconservativen Juden nicht, die ja - ihr assimilatorisches Nationalgefübl darf nie sehr tmgisch genommen werden - einer Art liberalen Kosmopolitismus huldigen, oder wenn sie altgläubig sind, nur Empfindung für die religiöse '1'ra- dition haben. Er verfängt aber auch bei den socialkritischen Juden nicht, und bei diesen umso weniger, als ihr kosmopolitischcs Empfinden nicht in der Luft schweht. Diese Gruppe unter dGn .Juden, die geistig aufstrebende, die moderne, die, vom Tross ab- gesehen, mit den besten Charakteren und Geistern ausgestattete, hielt sich, - von den reichlichen Zuflüssen beim ersten Beginne der Bewegung abgesehen, - ferne, musste. sich ferne halten, weil sich ihr die Sache in einem Gewande vorstellte~ das sie ab-

ein Glied sind, ah dass sie von

schreckte. yn~ da gerade. infolge der Abstinenz von dieser Sei~e der chauvlIllstlsche Zug III der Bewegung zunahm, wurde dlC

~ Kluft noch grösser, und ungehindert konnte die Verwässerung

25

-

,h." eigentlichen jü(li"ehell Erlösullg-sgedankens fortschreiten. Tm ZUS:lUllllCnllllng dmnit schien ~ich ein Vcdwlten g'egen die sociale

einbür"ern ;l,U wollen wie es bei clrm chauvinistischen

"'["1"e

L

~

~

/

C'o

,

Bourgcoisparteien lfiimchcr lllldel'er \'ölkel' in edmng ist, - eine .\l't hiimisclten \Yiderwillens gegen (lie dumme lleuc )[ode, g<'gen clen Störenfried, der %Ulll Teufel überall dabei sein muss, gegen die mihl'ige Erfindung der Iletzer. Man muss selbst ein moderner ~Ien~ch sein, muss ~elb;.;t den bei der jihlisehen Has>ie besonders hiiufig- vorkommenden und dann auch be~50nder~ intensiv gefül1lten snJ,jectivell Soeialismus besit%cn, um sielt die nicdcrschlagende Wirkuug solchen phili;.;tl'ösen \Yiderwillells gegen die brennencbte Fr:l;.:'e der Menschheit auf moderne l\lenschen vor%ustellen. Zum ITllglück mussten lloch hie und da einige socialdemokratische l'arteifanatiker mit ihrem Oefolge socialdemokratischer SchahIonen- Menschen ihre oberfliiehliche Kritik an den Jüdisch-Nationalen auch etwas unehrlich betreiben, um die Letzteren er,.;t recht auf ihren Socialistcnha><>< cinzuschwören. l;~benso wie auf soeialem %eitigte dai:i "Xationalsein" auch auf religiösem Gebiete unmoderne Anschauungen. Die religiöse ~pielart de" NationaljudelltllUms ist unleugbar dem rein politischen "NationaljudenthulU h Ja Europa an Consequenz; voram. -Wenn schon, denn ticlton. Die "Natiollalität der .Tuelcn erhielt sich bisher in religiösen Formen, sie soll sich weiter in diesen Formen erhalten. Es ist z;war ein thörichtes Beginnen einer Natio- nalit1it für ewig dieselben Formen garantieren 7.U wollen, aber was liegt darnn? OdeI', wenn man die Heligion als Illhalt der jüdis('hen Nationalität auffasst, es ist ebenso thöricht, diesen Inhalt verewigen, ilm z;ur :l\Iission stempeln zu wollen,

doch

es eine

religiöse Romantik, mit der lUun ~ich etwas wei"s machen kann?

Yäterglauben verloren

was ver:;:chliigts? Und mag man auch selbst ::-:chon liingst den )

haben, was sehadets?

\Yozu gäbe

Ja sich, aber nicht dem Volke~r echten, unvert1\lschten,

verwässerten Alt-Ortho<loxie

un-

des ()sten::; genügt die modiRche

F~.ü1l1~igkei~ :!.ilt1is~h-~wtio~~der Doctor~n o.llllehin ~i.cht:::».er

wassnge relIgIOse NatlOnah"mus knnn mcht Jenes rehglöscmesslfl- nische )Iat;sen-Delirium eh LI Sabbatai-Zebhi) erregen, welches nothwendig wäre, wollte man die jüdischen :;\[a8sen des Ostens von der Glaubensseite aus für dumme Streiche' gewinnen. Oder ist es mit den llationalreligiösen Kunststückchen speciell auf die deutseh-jtlclische Neu-Orthodoxie abgesehen? Diese Pflegerin einer

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-

im sozusagen modernen Sinne clerikalen jüdischen Kirchlichkeit weiss instinctiv, welche Gefahren ihrem strengen KirchentllUme von der mit dem Nationalismus immerhin verbundenen \Veltlich- keit drohen; sie weiss, was .ie von dieser nationalen Religiosität zu halten hat. Auf wenandel'll soll diese aber wirken, wenn sie den Alt- und Neu-Orthodoxen gegenüber erfolglos bleiben muss? Doch nicht gar auf die Freigeister, die, ob sie in ihren politischen socialen und künstlerischen Anschauungen zu den Alten oder Jungen gehören, die Religion jedenfalls überwunden haben und sich daher durch sie als officiellen Programm punkt nur abgc- stossen fühlen können? Oder etwa auf die jüdischen :Massen des europäischen Westem:, deren vollkommen invalide Religiosität noch viel weniger zu einer Kraftäusserung erregt werden kann, als die intensive Frömmigkeit der Orthodoxie? Der religiös-nationalen Spiegelfechterei kommt an innerer \Verthlosigkeit und an Nutzlosigkeit nach aussen, gegenüber den ~Massen nämlich, die Parteispielerei gleich. Diese ist der gef1ihr- [lichste Abweg, auf den 8ich die ".Jüdisch-Nationalen" oder "Zio- isten" locken li0ssen. Die Deutsch-Nntionalen sind Partei, die

~redentisten sind Partei, warum sollten nicht auch die Jüdisch-

~ationalen Partei sein? Warum nicht?0 eil ihnen jede Voraus-

setzung zu einer Partei abgeht.} Zu einer Partei gehört v.of Allem ein po;;itives, politisch- sociales Programm für das Land, in welchem sie wirkt oder doch wenigstens für das specielle Volk, soweit es innerhalb der Grenzen dieses Landes wohnt. ·Wie sollte dieses Programm nun für die Zionisten beschaffen sein. Etwa Kampf gegen die Judenfeinde? Das wäre ein ·Widerspruch gegen den Sinn des Zionismus, der ja diesen Kampf als aussichtslos erklärt. Die "Abwehr" perhorrescieren und sie selbst aufpäpeln - wie reimt sich das zusammen? Also was sonst? Etwa Geltelldmachung nationaler Ansprüche und Erhebung politischer Forderungen im Namen der Nation. Solche Politik würe wieder ein 'Widerspruch gegen den Sinn des Zionismus, der ja die Unmöglichkeit nachweist, dass die Juden in irgend einem Lande ihres Exiles heimisch werden und sich hier im Baunkrei1!e einer erdrückenden Mehrheit consolidieren. Versuchte man es trotzdem, so mÜssten solche Experimente zur Lächerlichkeit führen, indem bald vor aller \Vclt die völlige Hilflosigkeit der Partei declarirt wäre. Vielleicht sollte es nun aber der Partei obliegen, für die Juden iles Exils, sofern und solange sie hier bleiben, wirthschaftliche

~

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Vortheile zu erringen. Denn von der Zukunft allein lasse sien mn Ende doch nicht le1en. NUll, das ist wahr, aber leider wird da eine jüdisch-nationale \Yirthsclwftspartci im Lande nicht hellend eingreifen können, weil die Juden in wirthschaftlicher Beziehung, s oweit nicht 01enllrein auch ihr völkerrechtlicher Au s-~ nahmszustand iu Betracht kommt, unter allgemeinen wirtschaft- I lichen Gesetzen E"tchen. Es ist ganz und gar unerfindlich, wie eine jüdisch-nationale Wirtbschafbpolitik mit ihrem Köpfchen dureh llie Doppelwand Judellnoth und Allgemeinwirthschaft rennen

könnte? \V elches Univers1l1lllittel hiitten

die jüdisch-nationalen

\VirthscJ.arter in ihrer Hausapotheke, um den hunderttausenden jüdischen Solo-IJroletariern, diesen ZuehtpflnllZell des Exils, eine

Exi"tenz zu verschall'en; um den hunderttausenden verarmenden Kaufleuten, diesen Kindern aus der Ehe des Exils mit der heu- tigen Geselbell:lft~oranung, nufzuhelfen; um ferner den tausenden jüdischen \Yerkstatt- und Fabriksarbeitern das Ertt'agen der Aus- beutung zu erleichtern, um enlllich dem Judenthume des Gross- handels und der Grossindustrie die handels- und finanzpolitischen Bequemlichkeiten, auf die es angewiesen ist, zu verschaffen, und um den Höchs~juden in ihren riesenenpitalistischen Functionen, Operationen und Speeulationen dienlich zu sein? \Velches l\Iittel gibt es, frage ich, das alle dieoe Schmerzen berücksichtigen, das dem Einen helfen könnte, ohne dem Andern zu schaden? Und die von den verschiedenen Parteien vom Standpunkte ihrer respec- tiven Interessenten angepriesenen Mittel gleich7.eitig in Anwen-

dung zu bringen, - für die Capitalisten das "Laissez faire laissez aller", für. die Kleinbürger Zunftwesen, Credit- und Sparvereine und anderes dergleichen, für die Arbeite!' den Achtstundentag,- das gienge doch, um mich ~ehr, sehr gelinde auszudrUcken und dabei Björnson zu eitieren, über unsere Kraft.

So komme ich

zu der Sclllussfolgerung:

Eine jüdisch-natio- { '1.

nale Parteipolitik hat weder nationalen, noch politischen, noch I 80ciale11 \Verth. Die Analogie mit den politischen Parteien der Deutschnationalen u. s. w. ist mit Ausnahme der wirthschaftlichen Prätensionen, - die eben auch dort eine Cllsinnigkeit Eind, - eine unglückliche. Die anderen Nationalen sitzen auf ihrem Grund und Boden, sie haben die .lUacht etwas durchzusetzen, ganz abgesehen von der Frage, ob das, wofür sie sich einsetzen, etwas Ernstes oder eine chauvinistische Karrethci ist. Sie sind eben Nationen mit Attesten, mit völkerrechtlicher Geltung, die

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-

1 Judeu sind das noch nicht. Jene haben, wenn wir ihre völker-

ree~tli.che ~eltung Körper. nennen wollen - mit w~l~l~em Gleichnisse

naturhch mcht der effeetlve \Verth unserer lJefimtlOn

der Natio-

nalität geschmälert werden soll - ihre Körper, die Juden sind insoferne nur der Schatten einer Nation, und ein umgekehrter Peter Schlemihl, suchen sie ihren Körper, die völkerrechtliche Geltung, das Land.

Doch, man wird mir einwenden, dass die Parteipolitik ja nicht um eines eigenen Zweckes wegen gemacht werden, d~ss sie bloss Mittel zum grossen, letzten /';wecke sein soll. Eine Taktik - nichts weiter - die Massen zu gewinnen. Eine ebenso unwürdige als verfehlte Taktik! Zu wissen, dass man dem Volke eigentlich nichts zu bieten hat und ihm doch mit Versprechungen zu kommen, nur, um es für irgend einen andern Zweck zu con- solidieren, ist gewiss nicht ehrenhaft. Aber gesund, könnte man mir ergänzen. Nein, auch nicht gesund und zum Glücke auch nicht durchführbar. Um dies zu beweisen, wollen wir die Leute, auf die es bie- bei ankommt in zwei Gruppen theilen, in die Tactiker, die Fübrer, und diejenigen, die nach dem Tactc gehen, geführt um nicht zu sagen, angefübrt werden sollen.' Die Führer. Hiezu sind offenbar die Gebildeten, elie geistig Höherstehenden ausersehen. Man stelle sich nun vor, was eine

solche Kraut- und Rübenpartei, - denn das müsste

ihrer Zusammensetzung unbestreitbar i>ein, - von ihren Führern verlangen muss. Nicht mehr und nicht weniger als ein Opfer des Intellectes, wie es grausamer nicht gedacht werden kann. \Venn zum Beispiel - die Religion spielt ja immer in die Politik hinein

- die religiöselnde Richtung im Parteiausschusse siegen würde,

was müsste dann elie freigeistige }\Enderheit nicht alles unter- schreiben? Atheisten müssten bei irgend einer feierlichen Ge- legenheit den Namen unel Segen Gottes anrufen, Talmudgegner müssten ein glorreiches Nationalwerk in ihm zu sehen sich zwingen, Feinde religiöser Ceremonien müssten bis über elie Ohren darin

stecken. Oder wenn die Freigeister aie Mehrheit erlangten? Zu welchen Selbstverleugungen wären die Frommen nicht gezwungen? Die Seelenqualen, die sie zu erleiden hätten, Find wohl kaum zU schildern. Nehmen wir elen Gegensatz der soeialen Ansichten. \Venn die Socialconservativen die Mehrheit bekämen, wie sehr müssten die Socialkritiker ihre eigene Einsicht knechten. Sie

sie nach

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lllüs::.tell mit Ern;:,t und Pose VOll Dingen spre<;hen, di e ::.ie si ch gewöhnt haben, ab absterbende ]{uillen zu betrachten. Sie müssten wirthsdlitftliche Ma::l::lnahmen verfechten, die sie als (~uaeksalbereien nietlerster Art ansehen. ~ie müssten eventuell Actionen unterstützen, die die Positionen der Ausbeutenden zu stiLrken geeignet sind, während ihre Xeigung den Ausgebeuteten gehört. Man drehe nun den Spiess um, und stelle sich vor, wie es wieder den Conservativen zu Muth wlire, wenn ihnen eine revolutionäre Mehrheit die Art ihres Verhaltens dietierte. Ihr Schicksal wlire ein geradezu bejammernswürdiges. Ueberhaupt liisst sieh auf den er::lten Blick gar nicht ermessen, wie weit die Abdankung der individuellen Ge::linnullg gehen muss, wenn man einmal damit angefangen hat. Da gibt es keinen Halt. Füge ich mich in Gesinnungssachen einer Autorität, der ich innerlich nicht zustimme, so spreche ieh nicht blos eine belanglose Bekenntnis- formel aus, über die ieh mich mir selbst gegenüber lustig machen darf, sondern ich werde durch die Umstände mehr oder weniger gezwungen, mein ganzes Leben darnach einzurichten, darnach meine Bedürfnisse zu bestimmen, meine Geschäfte zu führen, meine Freundschaften zu regeln, meinen Wissensdurst, meinen Kunst-, Schönheits- und Liebesgenuss einzurichten. Mein ganzer :Mensch wird von der Autorität mit Beschlag belegt. Meine Indi- vidualität wird von dieser Tyrannei der Sache gebrochen und das ist nicht nur eine Sünde an der Individualität selbst, sondern auch an der Sache, die von gebroehenen Stützen nicht getragen werden kann. Und sollte jemand einer Sache zu Liebe auch den Bruch seiner Individualitüt gerne auf sich nehmen wollen, - ein Vorhaben, das ja gerade bei Juden, diesem ent:;agungssüchtigen, der Entpersönlichung zuneigenden Yolke leicht vorkommen kann,

- dann unterzieht er sich einer Aufgabe, der er auf die Dauer

nicht gewachsen ist. \Ver die l\Ienschennatur kennt, - die ~[enschennatur des Einzelnen meine ich, - und weiss, wie sie,

so man ihr Gewalt anthut, immer wieder die Ollerhand gewinnt,

der weiss auch, dass eine gewaltsam unterdrückte Ueherzeugung bei passender und unpassender Geleg'enheit wieder durchbrechen muss. Und dann ist es wieder aus mit der schönen Harmonie,

unll

ist gewesen.

die Partei derer,

die im

Grunde

vielen

Parteien angehören,

Soviel

:Massen.

von

den

Führern.

Nun

zu

den

Geführten,

den

30

-

Sollen sie für den abstracten nationalen Gedanken, das nationale "Bewusstsein" gewonnen werden, dann ist jede Be- mühung von vorneherein aussichtslos. Das wird olllleweiters dem- jenigen klar sein: der die Nationalität so auffas;:;t, wie wir es ge- than haben, ah einen Zustand, der nur zuweilen Activitllt und Actualitllt gewinnt. Die Nationalität ist dem Volke etwas so selbst- verstltndliches, dass es für Bewegungen keinen Sinn haben kann, welche ihm die3e Selbstverständlichkeit erklüren wollen. ):'Jas Volk wird erst activ national, sobald es nationales Elena--zu kosten bekommOAber auch dann ist solche nationale Empfind- lichkeit wesentlfc"h verschieden von der socialen Empfindlichkeit gegenüber wirthschaftlicher Noth. Diese wird vom Volke als dauerndes Leid, als besUindigcs Unglück empfunden. Die nationale Noth macht nicht diesen Eindruck auf das Volk. lnsofcrne sie sich, - und das ist ja zumeist der Fall, - in wirthschaftlicLes Elend umsetzt, sind Jie Massen nicht denkgeschult genug, um den nationalen Beweggrund dahinter zu finden. Sie denken ja über- haupt gar nicht über ihre l\1isere nach, sie fühlen sie nur. Inso- ferne aber das nationale Leid in seiner lleinlleit auftritt, - Schmähungen, Entrechtung, Massenmord, Plünderung, - bringen es die Vertheiltheit, die Unregelmässigkeit der einzelnen Ver- letzungsacte mit sich, dass das Volk diese seine Noth nur zeit- weilig, nur vorübergehend als Unglück empfindet. (Das gilt speciell auch für dic Entrechtung, für das Geschmälertsein an den bürgerlichen Hechten, das sich ja auch nur von Fall zu Fall

fühlbar macht.) Dem V olkc ergeht es

Nationalität, sowie dem Einzelmenschen mit Hunger und Liebe. Dauernder Hungerstand übertönt in ihm die Liebe. Aber ein mächtiges Aufwallen der Liebesgluth - sei es in der primi- tivsten Triebesform, sei es in der Form idealisiertester Leiden- schaft, - schlägt den ha.rtnäckigsten Hunger zu Boden. vVirth- schaftlicher Notbstand erdrückt zwar die nation:.le Empfindlich-

eben mit V,Tirthschaft und

"'(

keit. Doch ein gewaltiger Ausbruch der nationalen Kraft lässt das Volk fUr einen Augenblick den Nothstanu vergessen. Kommt

einmal so ein grosser, leidenschaftlicher Moment

fUhls,

wird

erliegenl§iIl 801cher Moment

nicht durch nationale

Parteiführer

ihrer Küche

vom

Volkserregung kochen könnten.

gewaltige

des

siegen

Nationalge-~

genügt er

in

ist

dem

gewöhnlich

heute

auch,

um

zu

oder zu

In I

d~

jedoch

üblichen

Sinne

sie

herbeigeführt.

solch'

werden

nichts , vorhanden,

womit

Ihre

Predigten

31

-

Volke nicht verstanden, gewöhnlich sOö'ur belächelt; und eine grosse 'l'hat, die das Volk mit sich reissen könnte, wagen sie nicht. Noch weniger AU~8icht bietet ein politisches Programm zU!' Gewinnung der Massen. Die Politik, im engern Sinne, ist reine Abstraction, und kann daher von den ~ras~ell schon ganz und gar nicht erfasst werden.

Das müsste doch

Aber

ein

wirthschaftliche.;

Programm!

wirken? Freilich kann es das, dafür haben die Massen immer Verstiindniss. Doch, wenn wir selbst die :Mögliehkeit voraussetzen, dass die jüdisch-nationale \VirthschaftspoJitik reussiere, so kann dieser Erfolg doch nur zu einem Ziele führen, dltS dem von den Parteiführern eigentlich angestrebten entgegengesetzt ist. Es gibt gar keinen denkbaren Uebergang VOll diesem Uesultate zur JU- disehen Heimatsidee. Durch ersteres itit letztere, mag auch etwas Solidarität - übrigens sehr fragliche Krllmer-Solidaritllt - her- vorgerufen sein, in die Ferne gerückt. Noch ärger kommt es, wenn, was ja zu erwarten ist, die \Virthschaftsmittelchen nic1Jt ver- fangen. Dann geht auch das bischen Quasi-Solidarität flöten und mit dem völkerrechtlichen Ziele ist es erst recht wieder nichts. So ist der politische Partei-Zionismus - man mag die Sache wenden, wie mau will, ein - Unding. Die Zahl derjenigen Zionisten, die dies einsehen, wird immer grösser. \Vas bis vor Kurzem noch die meisten und gerade die tüchtigsten derselben abhielt, sich diesen Irrthum einzugestehen, war die instinctive Unschlnssigkeit darüber, was man dann eigentlich an Stelle des Factors »Partei" setzen könnte. Sollte man sich denn wirklich mit dem W ohlthätigkeits- und Raten-Zioni,;mus begnügen? Dieses kleinweise Colonisieren in Palllstina, dem die Pforte aetiven und passiven \Viderstand ent- gegensetzt, ist gar zu trostlos und weist in seinem Schneckengang, dem in jedem Augenblicke irgend ein schnelleres Ereigniss den Weg auf immer zu versperren droht, auch kein die :l\Iassen sti- mulierendes Moment auf.

*

Es lag im Grunde so nahe,

was in dieser Verlegenheit zu

thun war, das aus den Ketten des Pal'teithums erlösende 'Wort lag so Vielen auf der Zunge, aber Niemand besass die Unbe- fang.enheit und traute sich die Autoritiit zu, es auszusprechen. Ein \ Neuling, von angesehenem Namen und mit der ganzen Voraus- setzungslosigkeit des Neulings ausgestattet, musste kommen. Er kam in Dr. Theodor Herz!. Sein Buch .Der Judenstaat" ist seinem

32

-

bekaimten Verfasser zu Liebe viel und ausführlich besprochen worden, besonderers auch von jüdisch-moderner, soeial-kritisl'.her Seite. Fast keine einzige dieser Besprechungen aber wusste mit den ein wenig unvermittelt hingeworfenen Thesen etwa~ anzufangen. So mac hten sie sich denn lustig, zuweilen unter niehts5agenuen oder tückischen Complimenten auf uen E sprit des Verfassers, die Zionisten jedoch, unu allen voran die modern denkenden, wussten das Buch besser zu behandeln. Für die :Nlotivierung des jüdischen Befreiungsgedankens, wie sie dasselbe bot, hatten sie bei aller Anerkennung kein besonderes Interesse. Das alles hatten sie schon gehört, vielleicht schriftstellerisch nicht besser geschrieben, aber oft ausführlicher, zusammenhängender, systematischer und von mehr specieller Kenntniss des Judenthums und Jüdischen Zeugniss ablegend. Ebensowenig vermochte sie der Plan der neujüdischcll Staats- und Gesellschafts-Verfassung, mit dem Dr. Herzl über- flüssigerweise einen breiten 'l'heil seines Buches ausfüllt, besonders zu interessieren. Sie hatten über die hier besprochenen Themen, zumeist ganz andere Ansichten - so z. B. kann ich speciell die politische und sociale Luft des Herzl'schen Buches durchaus nicht goutiren - und sagten sich, dass ~ber den Bau des jüdischen Gemeinwesens die Entwicklunro und nicht Dr. Herzl, so gut sein Wille auch sein möge, entschiiden werde. Unu gerade auf diesen schwitchsten und belanglosesten Theil hatten sich die Kritiker mit besonderer Heftigkeit gestürzt - in dem Missverständnisse, dass in ihm der Schwerpunkt der Schrift liege. Der reine, von jeder Interpretation ues jüdischen Zukunftsstaates absehende .Geu:mke, dem jüdischen Volk ein Haus zu geben, iu dem es Herr sein könne, musste sich gefallen lassen, dass die höchstpersönlichen Anschau- ungen des Dr. Herzl über die beste Verfassung und die b este Gesellschaftsordnung ganz unberechtigter ,Veise auf sein (des Ge- dankens) Conto geschrieben wurden. Ein dritter Theil des Buches, der von der kühn ausgesprochenen Forderung, das jüdische Volk müsse s ou ver ä n werde~, ausgeht und die Organisation

der zur Erl a n O' un

t>

o' dieser Souveränität nothwendür e n Arbeit schil-

t>

~

dert, wurde von den Kritikern am allerwenigsten berücksichtigt, und gerade er war für die Zionisten eine Offenbarung. Nun haben sie eine Partei nicht mehr nöthig - höchstens, dass sich im über- tragenen Sinne von einer völkerrechtlichen Partci sprechen liessc.

\ Sie betheiligen sich vielmehr lediglich an eincm grossen völker- \ rechtlichen Unternehmen - das ,Vort ohne den Nebensinn des

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Geschüftes genommen - an einem Unternehmen, das über den Parteien steht, auch ehen wegen seine" vülkerreehtliehen Charakters üher den Parteien stehen mus~. ]<:8 giht nUll im Grunde keinen ZionitHllUs und kein .NatiOlwljudenthum mebr, wenn auch <1ic Namen geblieben sind, ei:i gibt einfach eine .i üdii:iehe Staats- oder Sou- vedinitätssache. Es ist nicht mehr nöthig, auf aussichtslosen na- tionalen l\Iassellf:mg zu gehen - (lie 1\1assen werden sich im ge- gehc>nen Augenblicke, <1. h. wenn gute l<~rwerbsverlliiltnis,;e sie locken werden un(l die Orandio"itiLt des Untcl'I1o]llucm: sie fort- reisseIl winl, von selbst einstollen - Ulllsollw]lr wird mall in irgend f'iner TIin~ieht krüftig-e I<'önlcrel' der Sache bei geeignet orgalli- ~icI'ter, aber nicht pnrteim1issiger Propaganda gewinnen können. Dcnn nun gibt es keine GC::;illllUllg, keine ,V c1tallsehauung, dic .JemalJdell, der nur (lie Gründung de::; Judenstaate;; für nothwemlig hält, hindern könnte, sich an dem Unternehmell zu betheiligen. Rpeciell die jüdischen lntelligen;',cn und gemde die modernen Geister unter ihnen werden, wenn sie einmal zur Ueberzeugung kommen, dass es sich nicht um nationale Veilletäten und reaetio- !lUre Anschläge handelt, in immer zureichenderer Anzahl für die Empfindung der Nothwendigkeit des Judenstaates empfänglich wer- den. Deun gerade ihr feines compliciertes Seelenleben wird endlich doch auf die Nadelstiche und die Prügel, die den Juden appliciert werden, Antwort geben müssen, Auch sie werden sich schliesslich eingestehen müssen, dass ein jeder von ihnen trat;', des besten "Willens von seiner Seite "ein schüchtern "Wild aus einem fernen ,Va~de", wie Gut7;kow seinen Uriel Acosta sagen liis~t, gpbIieben ist, dass er den fernen, heimatlichen \V 3M aufsuchen mu,.;s, um da:; Glück zu erreichen, das Uriel fälschlich nur von der nationalen Assimilation abhängig macht, dessen \Vesen er aber so :;chön in den 'Vorten ausdrückt:

Im frischen Strom der Bildung durft' ich baden, Ein Mensch, ein freier, in dem Ganzen weben, Die Luft war mein, der warme Strahl der Sonne~" Am Grün des 'Valdes labt' ich frei den Blick, "Was alle liebten, durft ich wiederliehen, Was alle fürchteten, war meine Furcht, Und jeden Pulsschlag einer grossen That, Ein jedes Athmen der Geschichte iühlt' ich Wie alle ~Ienschen in mir selber wieder•

.Ja im eigenen Lande, Herren im eigenen Hause, wie Engels sagt, werden die Juden erst so recht wieder lieben dürfen, was

34

-

alle lieben, fürchten dürfen, was alle fürchten, jeden Pulsschlag einer grossen That, jedes Athmen der Geschichte wie alle Merischen in sich selber fühlen dürfen. In Folge Aufllörens der antisemitischen Reibungen werden einerseits jene wirthschaft- lichen Sonderzustände,,-:e;che die vollständige Assimilation an die europäische (Gattu b - Cultur hem~ wegfallen, und wird andererseits die Rassenreinheit, die gegenwärtig die Synthese nationaler Gegensätze hindert, weniger peinlich gehütet sein. Dann wird erst die ganze moderne Kraft des jüdischen Volkes frei werden und sich ebenso auf dem classischen Culturboden Europas als auch besonders in der Angliederung der vorder- asiatischen, namentlich semitischen Nationen an die europäische Völkerfamilie bethätigen. Und sie wird sich nicht zumindest auf dem Gebiete erproben, das seit den urältesten Zeiten von jüdischen l\lännern infolge ihres subjectiven So ci alismus so eifrig bebaut wird, auf dem Boden der socialen Entwicklung. Man weisssagt zwar, dass auch in Neu-Judäa die jüdischen Arbeiter von den jüdischen Capitalisten ausgebeutet werden würden. Das ist gerade vom socialistischen Standpunkte ein )In:

unsinniger Einwand. 'Venn zur Zeit, da die Gründung des Juden- staates perfect sein wird, alle Welt noch kapitalistisch eingerichtet sein wird, dann wird es wohl nicht möglich sein, - und kein ver- nünftiger Socialist wird dies.e Unmöglichkeit verlangen, - dass sich gerade die Juden in ihrem kleinen Staate socialistisch organisieren. Eine isolierte socialistische Gesellschaft, und noch dazu auf eng begrenztem Gebiete, ist ja einfach undenkbar. Wird aber alle Welt socialistisch, dann wird sich bei den subjectiv socialistischen Traditionen des jüdischen Stammes gewiss nicht gerade das Judenland ' der neuen Wirthschaftsordnung verschliessen wollen. Und es wird dies auch nicht im Stande sein, eben wieder, weil sich ein Land nicht gegen diejenige ökonomische Structur, die in allen andern Ländern der gleichen (Gattungs-) Cultur besteht, absperren kann. Jedenfalls aber gewinnen die jüdischen Prole-

1 tarier durch die Gründung des Judenstaates soviel, dass sie

enigstens nicht noch die besonderen Exilsleiden zu tragen haben

erden. Das ist ein directer Gewinn für sie, - abgesehen von

em indirecten, der ihnen infolge des Umstandes erwächst, das8 durch die Lösung der Judenfrage der sociale Entwicklungsgang

beharrlichen I Schritthemmung befr.eit und daher be-

schleunigt wird. 1 'I

v~n einer

35

auch

f jene beruhigen, die befürchten, dUl'ch ein Wirken für diese die

Diese Function

der jüdischen Souveränitlitssache mag

Sach~ der menschlichen Allgemeinheit z~ ve~kürzcn. Sel~st ~enn

sie lns nach vollzogener Landnahme fur dIe l\IenschhClt dlrect o'ar nichts thun könnten, so böten sie ihr auf indireetem 'Vege, - eben durch die Landnahme - ein mehr als entsprechendes Aequivalent. Zum Ueberfluss könnten sie sich auch noch damit trösten, dass ja am Ende die curopäische 'Velt nicht so arm an modernen Geistern und Chamkteren sein wird, um nicht eine kurze Zeit olme die Hilfe der jüdischen Moderne auskommen zu könnell, Doch die Dinge liegen gar nicht so, dass irgend Jemand der jüdischen Staatsgründung zu Liebe seine ganze Tbätigkeit im Dienste des grossen Ganzen einstellen müsste. Da die Theilnahme an der Schaffung des Judenstaates überhaupt nicht Sache einer besitmmten politischen oder socialen Gesinnung ist, steht theo- retisch nichts im 'Vege, eine solche, und zwar welche immer, zu bethätigen. Wohl wird sich in der Praxis ein Hinderniss entgegen- stellen, fiber ein solches, das auch vorhanden ist, wenn man nicht an dem jüdischen Befreiungswerke theilnimmt, deshalb, weil es aus der Seele der Nichtjuden fliesst. Ich meine die empörendste von allen an den Juden geübten Brutalitäten, das durch conclu- dente Handlungen verlautbarte Verbot, eine Gesinnung vor- kämpfend zu bethätigen. Sobald Juden, einer Sache der All- gemeinheit Führer im Leben sein wollen, werden sie binnen Kurzem als Bürde empfunden, die man gerne auf schickliche 'Veise los werden möchte, compromittieren sie lediglich durch ihre jüdische Abkunft die Sache und bemmen deren Fortschrittsge- schwindigkeit, solange bis sie abgeschüttelt sind. Auch den jüdischen Socialdemokraten in führenden Stellungen wird es nicht anders ergehen, wofür schon Anzeichen vorhanden sind. Nicht dass etwa zu befürchten wäre, dass eine christlich-sociale Ar- beiterpartei die Socialdemokratie auf die Dauer überwinden werde. Das kann so wenig geschehen, als der Gegenwart statt der Zukunft die Vergangenheit, als der Morgendämmerung statt des Tag-es die Nacht folgen kann. Aber- die Socialdemokratie selbst oder, was künftighin parteimässiger Ausdruck der sociali- stischen Weltanschauung sein wird, wird sich dem Einflusse der primären, naturgeschichtlichen Rassen-Antipathie und der secun- dUren historischen Judenfeindschaft nicht entziehen können und das in Rede stehende Verbot aussprechen.

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'Vie nun j üdischerseits auf dieses Verbot

reagiert

wird, -

ob man ih m Folge gibt oder nicht, - das hängt ganz von Eigenart und Temperament jedes Einzelnen ab, und eine Theil- 'nahme an der jüdischen Staatsgrüdung kann da nur unwesent- liche Aenderungen hervorbringen. Ganz unberührt VOll dem Ver- bote bleiben unter allen Verhültnissen jene Männe)', deren 'l'hätig- keit zu erhaben ist, als dass sie von einem solchen Ver10te auch nur gefasst werden könnte, die Prim\en aus Genieland, die wiHsen- schuftlichen Grundleger und ki1nstleri~chen Versinnlicher modernen l\Ien~chenthums. Von den übrigen llarren die l\[änner des frohen Kampfes, des trotzigen \Vesens an der Seite dell' unliebenswürdigen J\litstreite:r aus. Sie kann ein eventueller Anschluss an die jüdiEche Souveränitntsbewegung nur im;oferne zügelnd becillRu:olsen, ab sie es dann gerade im Interesse der allgemeinen Sache, der sie dienen, vermeiden werden, sich auf in die Augen til.llende Posten zu stellen, und mit bescheideneren Plätzen im Heere der l\Iensch- heitsklimpfer vorlieb nehmen werden. Die l\Iänner de , weichen Gemüths und der entwickelten Empfindlichkeit wiederum ziehen sich vor dem Verbote schmollend zurück. Auf sie aber muss, wenn sie sich einmal dem Judenstaats-Unternehmen widmen, die~e'" die wohlthätigste \Virkung ausüben, indem es ihnen einen 'rummelplatz zur Auslebung ihrer Persönlichkeit geWährt. Aber ist alle diese Thätigkeit auserlesener und normal tUch- tiger 'Geister nicht vielleicht eine vergebliche? Ist es denn so sicher, dass das Unternehmen auch wirklich ausführbar ist? Die Frage lässt sich allerdings nicht mit absoluter Sicherheit bejahen. Doch die hohe \Vahrscheinlichkeit des Gelingens ist durch das Vorhandensein günstiger Chancen und den Mangel n&,türlicher Hindernisse gegeben. Die Juden besitzen heutzut3,ge Alles, was ein Staat erfordert, um bestehen und gut bestehen zu können; sie haben eine einheitliche \ N,ationalität, sie verfügen über physische, wirthschaftliche und gei::;tige Kdifte in Hülle und Fülle, sie besitzen nunmehr auch den politischen Sinn, der ihnen ehemals abgieng. Es fehlt ihnen nichts als der Boden. Die Gewinnung desselben, die Landnahme, ist ein relativ leichtes, man möchte fast sagen, mechanisches Unternehmen, ob es nun mit wirklichen Waffen durchgeführt wird, oder, wie in unserem F'alle, mit modernen \Vaffen, als da sind: Geist und Capital - beide nichts anderes als gewaltige Ansammlungen Jahrhunderte langer, leiblicher und seelischer Arbeit. Trotzdem ist die Landnahme keine Ueberschreitung der Competenz<des menschlichen Willens. Denn,

wenn llWIl auf Urund gewis:,ellllaft"l' Prüfung' gefumlen 11 <I t, da::;;; die Elltwieklung nothwendig ~u l'in"r 801cllc1I Landnahme llindrllngt :sO mU~l; llllln diese wollen, Ulla dllrf dann annclllllon, mit s(·inom \rillen den llutoIlwti:sdlen \\'illen lIer G('f;;eltieltte el'grilndet zu haLen. Olme sokhe Annahme'gübe e:;ja überhaupt keine lIlenscltlicllen 13 estrclJUn gen.

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Und nun bin ich eigentlich f(·rtig. Ich möcllte Ihnen llher aoell zum :--lehlu~:<e Ilot.:h ein Glt.:iehni:; vortrHgel), da~ mir :;0 recht ge(~ignet erscheint, dir; Bcdcutullg der jüdi:;chell ~t;wtsl)(,wegullg modern denkell(len und ~peciell socialistisch ge:,.illnten )lenschen

zu ver~inllbildlieI.en.

\Yir tretm in einen öffentlichen Gnrten und treiben ein wellig Phy"iognomienstudium, vorau~gesctzt, dllss wir ef' vordellCn. 1\11' I<:r"t n' kommt uns einjunget<, elegante::;} lern'hen eutgegell, geselllliegelt und ge:striegelt, lüehelnd, ein I'nwid(·rstehlil'her. I'11::'ere Lippen murmeln: 'Eine Nulle! Pnd ein Zweiter begegnet uns, venveg'en dr('im;ehend, gan~ Muskeln, gun~ Kmft, wie ein \\'iithender um sich sclmappend. Fnsere Lippen murmeln wieder: Eine Nulle! end ein Dritter kommt: Klein, dick, rund, eine golden!' Centnerkette auf dem Bauche. Unsere Lippen murmeln wieder: Eine Xulle! Ein Vierter kommt! Ein halb heitere::;, halb trotziges GelehrtengeRicht, rotlle, gesunde Lippen, blnue, fröhliche Augen, Freude üuer seine Anerkanntheit strahlend. Eine Ziffer! murmeln wir. Dann stossen wir wieder :mf Nullen. Dann wieder ein feines c: esieht, des edelsten Geniessens Zeuge, mit Augen, aus denen der Genius spricht, und oinem von leisem Spott umkrliuselten ::\Iundo. Der ::\Iann weiss, was l:ulnll ist. Er ist eine Ziffer! Ihr folgen wieder einige Xullen. Endlich pine hagere GeRtalt, mit bleichem, durchgeistigten IIungerantlitze, weit aufgerissenen, iingstliehen, sinm'nden 1\ugen, in ärmlicher Kleidung, Halt! Auch eine Ziffer! Ja, auch eine Ziffer! Was mllg sein Beruf sein? Donkor oder Dichter oder eill vacierender Kanzlciscllreiher? \Vorüber er wohl gerade nachsinnt? Upber eiu Problem, ein Kunstwerk, oder über die ihn am wenigsten beschämende l\rt, Geld fUr das niichste ::\littagmaLI zu Lorgen? \Vir werfen l'olchn' Fragen noch mehr nuf. Plötzlich fiillt es uns ein, dass es :<ehr interessant sein müsse, dem Manne zu folgen und den Leuten, tlie ihm begegnen, die Gedanken, die sie sich uher ihn machen" von den Stirnen zu losen. Er macht kehrt und so kommen uns unsere fi'üheren Bekannt::iehaften wieder entgegen. Und was sehen wir?

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Alle Nullen streifen diese hungrige, magere Zitrer ganz v:.erächtlich mit ihren dummen \Vasserblieken. Unu die Ziffern von- vordem? Sie stutzen ein Weilchen. Etwas wie unwillkürliches Interesse huscht über ihre vornehmen, ausdrucksvollen Gesichter. Aber ein Blick auf die schäbigen Kleider, auf die wirren Haare, die Blilsse des Mannes - und sie sehen wieder geringschätzig we~. Jetzt wissen wir, was der Mensch ist: Ein armer Teufel, dem alle seine Begabung, all' sein Charakter nichts nütztc, dem keine Erbschaft oder Ellbogenkraft zur Verfügung stand, um sich in unserer herr- lichen Gesellschaftsordnung einen Platz zu resf'Tvieren. Ein Ent. erbter! Vielleicht hat auch schon sein Charakter gelitten, und dJ Hohlköpfe haben nun gar Recht, über ihn dic Nase zu rümpfen1 und die gesegneteren Congenialen, ihn geringschätzig zu übersehelI. Wer nun Verständniss und Empfindung hat für derlei Unge heuerlichkeiten, sollte der nicht auch Sin'n und Gefühl haben für eine ganz analoge Ungeheuerlichkeit auf völkerrechtlichem Gebiete? Das jüdische Volk ist so ein genialer Paria unter den Nationen, von den rückständigen Stämmen über die Achsel angesehen, von de'n gleichwerthigen geringschätzig übergangen. Ein armer Teufel, dem nichts nützt, weder seine Geistesarbeit noch sein weItbefrei- endes Gefühl! Ein enterbtes Volk, - vom Elend auch schon corrumpiert, so dass sich die Duckmäuser aller Nationen eigent- lich schon mit Recht entrüsten dürfen! Und nun: Wie dem hungernden Genie, dem wir auf der Promenade begegneten, nur eine selbständige ökonomische, so kann dem genialen Völkerparia nur eine selbstständige völkerrechtliche Existenz helfen, Möge die jüdische Moderne lernen, dies begreifen!

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Birnbaum, Nathan Die Judische Moderne