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Universität Potsdam – Wintersemester 2009/10

Humanwissenschaftliche Fakultät
Institut für Erziehungswissenschaft

Seminar: Oppositionelles Jugendverhalten im Nationalsozialismus


Leitung: Dr. Jörg-Werner Link
Autor: Norbert A. Lichterfeld (www.pm.me tno247 @)
Abgabe: 06.02.2010

Seminarbilanz

Inhalt
1. Erster Eindruck
2. Moralisierung oder Verwerfung
3. Veränderte Erwartungen
4. Gewaltmonopol des Staates
5. Faktoren für Jugendopposition zu allen Zeiten
6. Didaktische Gestaltung
7. Gesamtbilanz und Dank
8. Quellen (hier benannte)
1. Erster Eindruck
Als ich im Vorlesungsverzeichnis auf die Seminarbeschreibung stieß, war meine Erwartung
an das Seminar, im Verlauf mögliche Antworten auf die Frage zu finden, was für junge Men -
schen Anlass sein kann, sich gegen moralische Verwerfungen aufzulehnen. Im Kontext heuti-
ger Politikverdrossenheit wäre ein Erfolg gegen moralische Verwerfungen dabei m. E. nicht
nur durch erhoffte moralische Errungenschaften gekennzeichnet, sondern allein schon durch
die Tatsache, sich überhaupt in Gruppen zu organisieren. Selbst geprägt durch ein Schulsys-
tem der Fremdbestimmung, in dem ich den Großteil meiner Jugendzeit verbrachte—in das
ich im Erwachsenenalter als Schüler zurückkehrte und vom Glauben daran abfiel—, hoffte
ich die Einflussfaktoren zu ergründen, die auf die von Kant beschriebene vierte Phase indivi-
dueller Entwicklung wirken: die Moralisierung.

2. Moralisierung oder Verwerfung


Die Frage nach moralisch orientierter, organisierter Opposition rückte im Verlauf des Semi-
nars stetig in den Hintergrund. Sichtbar wurden die schier unüberwindbaren Machenschaf-
ten des sozialistischen Regimes der NSDAP. Dank ausgiebiger Lektüre einschlägiger, libera-
ler Schriften, die ich unabhängig vom Universitätsstudium im Verlaufe des letzten Jahres stu-
diert habe1, ist mir die zugrunde liegende moralische Verwerfung deutlich geworden, die zur
Zeit des Nationalsozialismus den vermutlich stärksten Einfluss auf die Gesellschaftsstruktur
hatte und auch heute weit verbreitet ist. Bastiat beschreibt diesen Einfluss im Jahre 1848 als
„die sozialistische Schule“2. Bastiats Lektüre—neben den erwähnten anderen—gab mir An-
lass, den Begriff des Sozialismus für die 1930er und 40er Jahre mehr und mehr zu betonen—
statt weiterhin populär verwendete, verklausulierte Begriffe wie Nationalist oder Nazi zu
verwenden; manchem wird dies im Seminarverlauf aufgefallen sein.

1  Adler 1940; Bastiat 1848a,b; Benson 1975; Branden 2009; Hill 1993; Jefferson et. al. 2007; Kiyosaki 2007; Rand
1968,1970,1986; Schmid 2005; Weber 2008.
2 Bastiat 1848b: 73.
Seminarbilanz: Oppositionelles Jugendverhalten im Nationalsozialismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 1/4
Im Seminar selbst rückte die Frage nach moralischer Orientierung insofern in den Hinter-
grund, als dass es zwei Ebenen moralischer Verwerfung gibt, die im Verlauf immer wieder
auftauchen: die der physischen Gewalt, wie sie nicht nur im Nationalsozialismus beispielhaft
offen zum Tragen kam, und die der mentalen Gewalt in Form von Täuschung, wie sie laut
Koerber physischer Gewalt grundsätzlich vorausgeht 3 und z.B. in der Amerikanischen Unab-
hängigkeitserklärung von 1776 aus oppositioneller Perspektive zum Ausdruck kommt 4. Da
solche Täuschung jedoch nur schwer nachweisbar ist, schon gar empirisch—das Wesen einer
Täuschung ist, dass die oder der Getäuschte nichts davon weiß, das Wesen der Empirie, dass
sie sich auf Erfahrung und Beobachtung beruft; ein Widerspruch in sich—, fällt das Augen-
merk vorwiegend auf offensichtlich werdende, im wahrsten Sinne des Wortes spürbare,
physische Gewalt; die zweite Säule einer doppelten Moral, in der Reden und Handeln sich wi-
dersprechen. War also im Nationalsozialismus die mentale Gewalt offensichtlich spürbar, so
war es erst die physische Gewalt, die in Form von Zwangsverordnungen und deren Durchset-
zung zunehmend organisierte Opposition zur Konsequenz hatte. Von Kants Moralisierung
kann hier also nicht die Rede sein.

3. Veränderte Erwartungen
Die ursprüngliche Erwartung konnte nicht erfüllt werden. Aufgrund der Vergleichenden Be-
trachtung dreier kultureller Gruppen kam jedoch die überwältigende Feststellung hinzu,
dass Opposition gegen den Sozialismus der NSDAP nicht möglich war, je stärker sie jeweils
Formen von Organisation annahm. Bereits im Verlauf resümierte ich den Einfluss emotiona-
ler, wie intellektueller Dominanz. Erstere kommt zum Ausdruck bei der Beschäftigung mit
den Edelweißpiraten, zweitere bei der Weißen Rose. Bei den Swing-Kids dagegen ist ein
emotional-intellektuelles Gleichgewicht feststellbar, dass sowohl zivilgesellschaftliche Eman-
zipation, wie auch emotionale Zurückhaltung gegenüber dem Staatsregime und verwickelter
Denunziation verdeutlicht. Auch dies vermochte das Regime zwar nicht zu stürzen, breitete
sich nach 1945 jedoch kulturell in Musik wie auch Lebensweise aus. Mit Kant gesprochen:
Viele Menschen erlangten merklich die dritte Phase individueller Entwicklung: Die Kulti-
vierung.

4. Gewaltmonopol des Staates


Eine im Seminar bestätigte Erkenntnis ist, dass das Gewaltmonopol des 3. Reiches letztlich
nur durch erheblichen Gewalteinfluss anderer Nationen zu brechen war. Vergleicht man die
Geschehnisse beispielsweise mit der heutigen Situation in Weißrussland, so könnte heraus-
kommen, dass die Stabilität des jeweiligen Regimes abhängig ist von der Einflussnahme auf
die Souveränität angrenzender Staatsgewalten; die führ die deutsche Bevölkerung in den
1940er Jahren einerseits zur schmerzlichen Konsequenz totaler Vernichtung führte, anderer-
seits das nationale Gewaltmonopol der Nazis damit zu Fall brachte. Betreffend Weißrussland
dagegen besteht offenbar kein Grund für eine Invasion, wenngleich nationaler Widerstand

3 vgl. Koerber 2006: Episode May 23, 2008: Principle 2: Faith Begins with Self­Interest. Transkript: „,Whatever may be
open to disagreement, there is one act of evil that may not. The act that no man may commit against others and no
man may sanction or forgive: So long as man desire to live together, no man may  initiate – do you here me – no man
may start the use of forth against others.‘ (Übersetzung in Rand 1985: 1098) The force of physical or mental equiva­
lent. When I lie to you, I deceive you and force your mind. If I say to you, when I'm holding good in this hand and bad
in this hand, that both are good and you mistakenly choose evil, thinking it's good, I have forced you and you don't see
it. Even worth if I hold before you evil and evil and call both good, you believe you have a choice and you believe you
exercise it, but in reality I have destroyed your ability to choose. That's how tyranny is sustained.“ (Podcast Episode ab
Minute 9).
4 vgl. Jefferson 1776.
Seminarbilanz: Oppositionelles Jugendverhalten im Nationalsozialismus ­ von Norbert A. Lichterfeld Seite 2/4
gegen das dortige sozialistische Regime zweifelsohne vorhanden ist. Die Geschichte totalita-
ristischer Staaten ist damit vermutlich auch im 21. Jahrhundert lange nicht zu Ende ge-
schrieben. Die nüchterne Erkenntnis in Bezug auf das Seminar ist, dass offenbar kein ver -
suchter, inner-gesellschaftlicher Umsturz der Machtverhältnisse im Staate der NSDAP Erfolg
hatte. Oppositionsbewegungen konnten effektiv nur insofern Einfluss nehmen, als dass sie
ihre Aktivitäten einerseits beschränkten auf den Schutz vorhandener Zivilgesellschaft und
andererseits auf die Kontaktaufnahme mit Menschen im innerdeutschen und internationalen
politischen Exil (was ich in Bezug auf Weißrussland bereits persönlich erlebt habe). Die Täu-
schung sozialistischer Schule war also offenbar zu tief verankert in der Weltanschauung vie-
ler beteiligter Menschen, als dass ein Ende der moralischen Verwerfungen im Einflussbe-
reich des Regimes möglich war. Die sozialistische Schule hat sich nach dem 3. Reich in der
Gründung der DDR manifestiert und ist m. E. auch heute für die Entwicklung der Gesell -
schaft in der Bundesrepublik Deutschland von entscheidender Bedeutung.

Zu diesem Resümee gibt es im thematischen Rahmen des Seminars Anlass, mit Blick auf die
Edelweißpiraten. Die Nationalsozialisten schätzten diese als kriminelle und/oder organisierte
Oppositionelle ein. Deren Bild von den Edelweißpiraten entsprach dabei auffaellig dem Bild,
das wir mit zeitlichem Abstand heute auf die Nationalsozialisten haben. Hier kommt der
Einfluss der sozialistischen Schule5 deutlich zum Ausdruck: Die Maßnahmen gegen die Edel-
weißpriaten waren der nationalsozialistischen Perspektive angemessen. Es bekriegten sich
jedoch überwiegend gleiche Gesinnungen.

Bezüglich der Beteiligten der Weißen Rose ist hier vermutlich ein differenzierter Blick auf
verschiedene Gesinnungen nötig; von christlich bis konservativ. Während einer unserer Dis-
kussionen wurde dies deutlich. Die Swing-Kids/Clubs jedoch stechen als deutlich liberal Ge-
sinnte heraus, orientiert an zeitgenössischer englischer und noch viel mehr amerikanischer
Lebensweise. Bündische, marxistische, nationalistische Gruppen eint dagegen die Ideologie
des Sozialismus bzw. Kollektivismus. Der Freiheitsbegriff wird darin zwar aufgegriffen, je-
doch ausschließlich als Aufruf zum Freiheitskampf, nicht gleichzeitig als Konzept für Frei-
heitsgestaltung (vgl. Schmid 2005). Dass die Edelweispiraten in Deutschland bis ins Jahr
1947 nachweisbar sind, liegt vermutlich an unterschiedlichen Motivationen beteiligter Ak-
teure. Hier ist einerseits die oppositionelle Haltung zu nennen, doch andererseits erneut die
begleitende Ideologie, die ohne Zweifel maßgeblich mit zur Gründung der DDR beitrug.

5. Faktoren für Jugendopposition zu allen Zeiten


Um aus dem im Verlauf des Seminars angesprochene Interpretations-Dilemma zu kommen,
dass Jugendopposition zu verschiedenen Zeiten stattgefunden hat und auch noch immer
stattfindet, ist vermutlich entscheidend, den Blick nicht auf die Opposition selbst, sondern
auf die zur Opposition führenden Faktoren zu werfen. Grob genannt: Gewalt und Täuschung.
Spezifische Faktoren hatten wir zu Seminarbeginn zwar intuitiv notiert, doch im Verlauf
nicht konkret hinterfragt. Resümierend treffen die zu Beginn vermuteten Faktoren zwar noch
immer zu, doch welche Rolle diese im Einzelnen spielen, haben wir bislang nicht vertieft.

6. Didaktische Gestaltung
Die didaktische Gestaltung des Seminars war zu guter letzt hilfreich, um bei allen Sitzungen
sowohl angeregt gemeinsam zu diskutieren, wie auch individuell zu reflektieren. Die Konzep-
tion der Themenblöcke 'Swing-Kids', 'Edelweißpiraten' und 'Weiße Rose' mit jeweils dreiwö-

5 vgl. Bastiat 1848b: 73.
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chiger Bearbeitung erwies sich als angenehm abwechslungsreich. Die zyklische Bearbeitung
mittels eines jeweils einführenden Vortrags, der Bearbeitung von zeitgenössischen und
wissenschaftlichen Quellen, sowie der anschließenden Betrachtung und Auswertung einer
vorhandenen filmischen Darstellungen zum jeweiligen Thema, ermöglichte vielfältige Einzel-
leistungen, die der gesamten Seminargruppe zur Vertiefung m. E. hilfreich sein konnten. Die
überschaubare Gruppengröße war sicherlich zusätzlich von Vorteil.

7. Gesamtbilanz und Dank


Wenngleich meine eingangs erwähnte inhaltlichen Erwartung nicht erfüllt wurde, beurteile
ich das Seminar als außerordentliche Bereicherung meines erziehungswissenschaftlichen
Studiums. Dafür möchte ich bei dieser Gelegenheit allen Beteiligten danken.

8. Quellen (hier benannte)

Adler, M.J. 1940: Free minds and free men. In: ders.: How to read a book. The art of getting a
liberal education. Sydney, Angus & Pobertson.
Bastiat, F. 1848a: Das Gesetz. In: Diem, Marianne/Diem, Claus 2001: Der Staat - die große
Fiktion. Ein Claude-Frédéric-Bastiat-Brevier. Thun: Ott-Verl, 17-60.
Bastiat, F. 1848b: Gerechtigkeit und Brüderlichkeit. In: Diem, Marianne/Diem, Claus 2001:
Der Staat - die große Fiktion. Ein Claude-Frédéric-Bastiat-Brevier. Thun: Ott-Verl, 73-94.
Bastiat, F. 1850: Was man sieht und was man nicht sieht, in: Diem, Marianne/Diem, Claus
2001. Der Staat - die große Fiktion. Ein Claude-Frédéric-Bastiat-Brevier. Thun: Ott-Verl,
107-152.
Benson, E.T. 1975: The proper role of government. Salt Lake City: Hawkes Pub.
Branden, N. 2009: Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls. 8. Aufl., München: Piper.
Hill, N. 1993: Die Philosophie des Erfolgs. Bonn: Rentrop.
Jefferson, T. et. al. 1776: The declaration of independence. USA.
Kiyosaki, R.T. 2007: Rich dad, poor dad. Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen.
München: Goldmann.
Koerber, R. 2006: Lectures on the principles of prosperity, American Founders University
Provo/Utha, Podcast, Free Capitalist Radio, May 19 - June 27, 2008,
http://feeds.feedburner.com/freecapitalistradio/ [Zugriff am 20.03.09].
Rand, A. 1968: For the new intellectual. The philosophy of Ayn Rand, New York: Signet.
Rand, A. 1970: The virtue of selfishness. A new concept of egoism, New York: Signet.
Rand, A. 1985: Wer ist John Galt? Hamburg: Gesellschaft f. erfahrungswiss. Sozialforsch.
Schmid, Wilhelm 2005: Leben und Lebenskunst am Beginn des 21. Jahrhunderts, München:
Fink.
Weber, A. 2008: Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit. Berlin:
Berlin-Verlag.

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