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Technische Information 15

Klimaschutz verhindert
Durchblick
Autor und Fotos:
Was geschah in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2008? Dipl.-Ing. Marcus Hermes

Am Morgen des 13. Januar 2008 haben feucht-kühlem Wetter mit Temperaturen te der Außenluft mit Werten über 80%.
Bewohner von Gebäuden mit hochge- über dem Gefrierpunkt, so zwischen In der Nacht vom 12. auf den 13. Januar
dämmten Fenster- und Fassaden in wei- 2° und 6 °C. Niederschläge in Form von 2008 klart der Himmel auf, insbesondere
ten Teilen Baden-Württembergs keinen Regen sind häufig und die restlichen zeigt sich in der zweiten Nachthälfte ein
Durchblick mehr gehabt. Und zwar genau Schneeflächen tauen, zumindest in Hö- sternenklarer Nachthimmel. Gleichzeitig
an den Verglasungen, die normalerweise hen bis 600  m über Normalnull. Die Bö- strömt durch die Wetterlage Kaltluft ein,
einen freien Blick in die Natur gewähren. den in den ländlichen Gebieten sind somit die Lufttemperatur sinkt auf Werte unter
Der Grund: Die Verglasungen sind auf der mit Wasser getränkt – die Wasseraufnah- Null Grad Celsius. Durch die sternenklare
Außenseite nahezu komplett zugefroren. mekapazität nahezu an der oberen Gren- Nacht stehen alle Gegenstände auf der
Was genau ist passiert? ze angekommen. Speziell an den beiden Erde im wärmeabgebenden Strahlungs-
Tagen davor steigt nochmals das Ther- austausch mit dem Weltraum. Da in den
mometer kräftig auf Werte bis zu 10 °C äußersten Schichten unserer Atmosphäre
Bauphysikalisches Phänomen an und begünstigt ein Aufweichen der Temperaturen unter –100 °C herrschen,
Im Vorfeld des 13. Januar 2008 wird die bislang gefrorenen Böden. Dies wiede- kann die Oberflächentemperatur auch
zweite Januarwoche 2008 geprägt von rum erzeugt ein hohe Relative Luftfeuch- von Bauteiloberflächen durch eine be-

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ständige Wärmeabgabe Temperaturen schützenswerte Wärme im Innern nicht 2. Höhere Raumlufttemperatur mit Wer-
unterhalb der Umgebungs-Lufttempera- bis an die Außenoberfläche der Isolier- ten um die 24 °C sichert ebenfalls ei-
tur annehmen. Der unter dem Fachbegriff glaseinheit gelangen konnte. Natürlich ist ne freie Aussicht. Allerdings ist diese
der „langwelligen Abstrahlung“ bekannte dabei das meteorologische Zusammen- Maßnahme nur rein theoretisch zu be-
Vorgang ist häufig nach sternklaren Näch- spiel ganz wichtig: Sternenklare Nächte trachten, da hierdurch der Verbrauch
ten morgens zu beobachten: Trotz einer alleine reichen nicht aus, sie müssen zu- an wertvoller Wärmeenergie stark an-
Lufttemperatur um die 2 °C plus sind be- dem kühl sein und es muss unbedingt steigen wird. Ein Anbetracht der all-
sonders die gegen den Himmel gerichtete genügend Feuchtigkeit in der Außenluft gemeinen Klimadiskussion also kein
Windschutzscheiben von freistehenden vorhanden sein – am besten durch feucht- wirklich ernst zu nehmender Vorschlag.
Autos dennoch zugefroren und müssen nasse Wetterperioden kurz zuvor. Je nach 3. Erhöhte Dachüberstände einplanen.
vom Eis befreit werden. Wohnlage kann so leicht an bis zu 30 Ta- Bei Werten über 1 m werden die Glas-
Genau dieser Effekt liegt der Erscheinung gen und mehr im Jahr morgens der Durch- flächen wirksam vom Nachthimmel ab-
an den hochdämmenden Verglasungen blick fehlen. Mit dieser Tatsache müssen geschirmt, zumindest im oberen Drit-
zugrunde. Obwohl die Innenraumtempe- sich insbesondere Bewohner von Gebäu- tel. Der untere Bereich bei geschoss-
raturen der Gebäude bei gut gedämmten den in freien Lagen „anfreunden“, aber hohen Verglasungen wird dennoch bei
Standard auch mit Nachtabsenkung in auch alle anderen bleiben davor nicht den „passenden“ Randbedingungen
diesen Tagen über Nacht selten unter ganz verschont. Voraussetzung für alle Tauwasser zeigen oder gar vereisen.
19 °C fällt, reicht nicht einmal diese sind die hochdämmenden Verglasungen, 4. Rollladenpanzer herablassen. Mit die-
Wärme aus, um die äußere Scheibe der bevorzugt die 3-fach-Verglasungen. Das ser Maßnahme wird die Verglasung
Mehrscheiben-Isolierglas-Einheit so zu zeigt: Der Klimaschutz fordert eben eine insbesondere bei geschlossenen Licht-
erwärmen, dass deren Oberflächentem- kleine „Opferbereitschaft“. Im Falle der schlitzen im Panzer vollständig von
peratur über den Taupunkt geführt wird. beschlagenen und zugefrorenen Vergla- der Umgebung abgeschirmt. Zwischen
Die modernen Verglasungen mit U-Wer- sungen kann diese bedeuten, dass mor- Rollladenpanzerinnenfläche und Ver-
ten unter 1,0 W/m2K dämmen tatsächlich gens zum Frühstück eine möglicherweise glasungsaußenfläche wird ein wärme-
so gut, dass die Wärme weitestgehend schöne Aussicht eben doch nicht bewun- dämmendes Luftpolster eingeschlos-
im Rauminnern verbleibt. Insbesonde- dert werden kann. sen. Wenn dann morgens nach Son-
re bei 3-Scheiben-Kombinationen bleibt nenaufgang der Rollladenpanzer hoch-
die äußere Glasfläche buchstäblich „im gezogen wird sind die Scheibenflächen
Kalten“ stehen und „merkt“ nahezu gar frei von Eis und Tauwasser. Dabei ist
nicht, dass innen im Gebäude wohlige Abhilfe zu beachten, dass die langwellige Ab-
Wärme herrscht. Sie bleibt dem Wetterge- Wenn jemand partout das Qualitätsmerk- strahlung trotzdem funktioniert – nur
schehen auf der Außenseite ausgesetzt. mal „Zugefrorene oder beschlagene Au- eben auf der Rollladenpanzer-Außen-
Wird nun durch eine sternenklare Nacht ßenscheibe“ nicht hinnehmen möchte, fläche. Diese wird nass oder vereist
die langwellige Abstrahlung begünstigt, gibt es verschiedene Möglichkeiten diese sein – Feuchtigkeit, die beim Hochrol-
sinkt die Oberflächentemperatur der Au- Erscheinung zu minimieren oder gar zu len im Panzer mit eingeschlossen wird.
ßenscheibe unter die Taupunkttempe- verhindern. Diese Auswahl an Möglichkeiten verdeut-
ratur. Dieser Mechanismus funktioniert 1. Einbau von 2-fach-Verglasungen mit licht, dass die Tauwasserbildung auf Ver-
bei genügend hohem Feuchtegehalt der Ug = 1,2  W/m2K im Bereich der ge- glasungsaußenflächen reduziert werden
Umgebungsluft – durch nasse Wetter- wünschten Aussicht. Hierdurch erhöht kann. Ganz verhindern lassen sie sich so
perioden kurz zuvor begünstigt – bildet sich allerdings der Wärmedurchgang. aber auch nicht. Am besten man wartet
sich so Tauwasser auf den Oberflächen Gegenüber einer 3-fach-Verglasung auf den Sonnenschein, der nach einer
des Gebäudes. Bei Temperaturen auf der mit Ug = 0,6 W/m2K ist er genau dop- sternenklaren Nacht in der Regel auf je-
Oberfläche unter Null Grad Celsius ge- pelt so hoch. Das bedeutet im Jahr den Fall auf die Glasoberflächen im Osten
friert das Ganze! einen Mehrverbrauch von 5 Litern Heiz- und Süden auftreffen wird. Dadurch ver-
Bei Dachpfannen oder Außenwänden öl und 14  kg CO2 pro Quadratmeter dampft das Wasser und die Durchsicht ist
stellt das auch kein optisches Problem Verglasungsfläche zusätzlich. Stärker wieder möglich.
dar, da durch diese Bauteile sowieso noch als der überschaubare Mehrver-
nicht hindurch gesehen wird. Aber bei brauch wiegt die Tatsache, dass sich
den transparenten Flächen fehlt dann die innere Oberflächentemperatur
morgens der Durchblick. bei –5 °C außen und bei 20 °C innen Fazit
auf der 1,2er-Verglasung bei gerade Tauwassererscheinungen und Vereisun­-
einmal 16 °C einstellt. Hier zeigt die gen der äußeren Glasoberfläche sind
Kein Reklamationsgrund 0,6er Verglasung bei gleichen Tempe- bauphysikalische Phänomene, die bei
Da diese Erscheinung rein physikalischen raturrandbedingungen mit 18 °C die geeigneten Wetterbedingungen auftreten
Naturgesetzen unterliegt, bildet diese Er- besseren Komforteigenschaften. Das können. Sie stellen keinen Reklamations-
scheinung auf Fenster, Dachflächenfens­ ist insbesondere bei bodenhohen Ver- grund dar. Noch gibt es flächendeckend
ter und Fassaden keine Grundlage für ei- glasungen ein wichtiges Kriterium für keine Außenscheibenheizung à la „Heiz-
ne Reklamation beim Fensterbaubetrieb den Einbau einer 3-fach-Verglasung. barer Heckscheibe“ – auch wäre sie zu
oder Vermieter. Vielmehr dokumentiert Die freie Aussicht kann aber im Falle teuer und würde sicher mit den sichtbaren
eine außen beschlagene oder gar vereiste einer 2-fach-Verglasung durch einen Drähten die Durchsicht stören. Auch
Verglasung einen hohen wärmedämm- Energie-Mehrverbrauch bei gleichzei- Beschichtungen der äußeren Glasfläche
technischen Qualitäts-Standard, denn sie tigen Abstrichen in der Behaglichkeit können allenfalls das Problem mindern,
zeigt ja ganz offensichtlich, dass die „erkauft“ werden. aber nicht restlos verhindern. Bleibt ein-

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13. 1. 2008, 09:32 Uhr: Die Außenfläche der Verglasung ist nahezu 13. 1. 2008, 09:33 Uhr: Die Außenfläche der Verglasung
komplett zugefroren. Im Bereich der Glasrandzone reicht der höhere ist nahezu komplett zugefroren. Hier die Außenansicht
lokale Wärmeverlust aus, um nach draußen blicken zu können. der Pfosten-Riegel-Fassade.

fach festzuhalten, dass dieses Phänomen se auch die Umwelt. Was übrigens ganz Die Glasindustrie selbst sollte dieses The-
an modernen Gebäuden und Bauteilen ei- ohne Thermokamera erkennbar bleibt. ma offener diskutieren. Hierzu wäre es
ne Folge des angewandten Klimaschutzes Auch führt der Vergleich zwischen ver- wünschenswert, wenn diese Thematik in
darstellt. In diesem Zusammenhang wird schiedenen Wohngebäuden einer Sied- die zum Teil hervorragenden Glashand-
ein verhältnismäßig kleines Opfer von lung mit ähnlich gutem oder identischem bücher aufgenommen und erklärt wird.
den Bewohnern abverlangt, nämlich ein- Wärmeschutzniveau nicht immer zu ex- So wie zum Beispiel das Phänomen der
fach damit zu leben und vormittags auf akt dem gleichen Erscheinungsbild von „Interferenzerscheinungen“ seit jeher
die Aussicht zu verzichten, die ja sonst nassen oder gefrorenen Außenscheiben. gut dargestellt wurde. Klimaschutz hat
an den meisten anderen Tagen im Jahr Denn nicht immer stimmen die Tempera- eben auch eine Kehrseite – die einseitige
sichtbar bleibt. Vielleicht könnte je nach turrandbedingungen exakt überein. Auch Darstellung des besten Ug-Wertes alleine,
Konstellation noch die Aufklärung der könnte die Windanströmung beim einen war eben noch nie ausreichend.
Nachbarn ein wichtiges Thema sein, so Gebäude ein Abkühlen der Verglasungen www.hermes-bauphysik.de
wie bei der Begutachtung von Dächern begünstigen, beim anderen hingegen
in einer Wohnsiedlung: Bleibt der Schnee eine üppige Bepflanzung, die ganz au-
bei ausgebauten und bewohnten Dach- tomatisch in diesem Mikroklima höhere
geschossen auf der Dachfläche liegen, so Luftfeuchtigkeiten erzeugt. Hier besitzt Wenn Sie diesen Artikel Ihren Beratungs- oder
ist dass der beste Beweis, dass hier das jedes Gebäude für sich ein eigenes Mik- Verkaufsunterlagen beilegen möchten, nehmen
Sie bitte Kontakt zur Redaktion oder zu Hermes
Dach wärmegedämmt ist. Ist der Schnee roklima, das unter Umständen ganz für Bauphysik und Fenstertechnik auf. 
schon abgetaut, dann wird nicht nur der sich bauphysikalische Phänomene sicht- Wir stellen Ihnen gerne eine druckfähige PDF-
Raum beheizt sondern unglücklicherwei- bar werden lässt. Datei zur Verfügung.

13. 1. 2008, 11:09 Uhr: Die Sonne steht bereits im Südosten. 13. 1. 2008, 11:53: Kurz vor Mittag ergibt sich eine beinahe
Die Sonnenstrahlung trifft auf die Glasfassade und erwärmt sofort die vollständige Durchsicht. Nur noch ein dünner Tauwasserfilm ist auf
ersten Bereiche im oberen Drittel, die bereits abtauen und die Sicht der Außenoberfläche zu verzeichnen, der eine halbe Stunde später
nach außen allmählich ermöglichen. schon nicht mehr vorhanden sein wird.

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