Sie sind auf Seite 1von 10

Gemeinsames Geld ohne gemeinsame Politik - wie soll das gehen?

Der sächsische Ministerpräsident Prof. Dr. Kurt Biedenkopf erinnert Helmut Kohl
an eigene Worte und fordert eine geregelte Verschiebung der Einführung des Euro
01.04.1998
Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf will erst Mitte April darüber
entscheiden, ob sein Bundesland im Bundesrat der Einführung des Euro zustimmt. Seine
massiven Bedenken formulierte der CDU-Politiker erneut in einem Brief an den CDU-
Bundesvorsitzenden Helmut Kohl und den Bundesvorstand seiner Partei. Seinem Brief
fügte der Ministerpräsident ein 17 seitiges Positionspapier bei, in dem er seine Einwände
begründet. Aus diesem Positionspapier dokumentieren wir die wichtigsten Passagen.
A.
1. Am 9. Februar 1998 haben rund 160 Wissenschaftler in einer Erklärung dazu
aufgefordert, die zweite Phase der EWU zu verlängern, um so den Mitgliedsstaaten der
EU, insbesondere Deutschland, Frankreich und Italien, Gelegenheit zu geben, sich
ausreichend auf den Euro vorzubereiten. Insbesondere sollen in der Zeit, die durch eine
geregelte Verschiebung des Beginns der dritten Stufe der EWU gewonnen wird, die
strukturellen Voraussetzungen für eine nachhaltige Stabilität im gemeinsamen
Währungsgebiet geschaffen werden.
Sollte es nicht möglich sein, einen Konsens über eine geregelte Verschiebung,
insbesondere zwischen Frankreich und Deutschland, zu erzielen, fordern die
Wissenschaftler dazu auf, bei der Auswahl der Teilnehmer die Kriterien wirklich strikt und
eng anzuwenden. Dies hätte zur Folge, daß sich die EWU im ersten Schritt auf eine
kleine Gruppe von Teilnehmerstaaten beschränken würde. Deutschland, Frankreich und
Italien würden nicht dazugehören.
2. Die Reaktion der Bundesregierung und weiter Teile der öffentlichen Meinung auf diese
Initiative einer großen Zahl angesehener Wissenschaftler - unter ihnen der Vorsitzende
des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesminister der Wirtschaft - halte ich nicht für
angemessen. Sie ist geeignet, den Eindruck zu erwecken, daß es der Regierung letztlich
1 von 10
nicht auf die stets versprochene strikte Einhaltung der Maastricht-Kriterien, sondern auf
die Durchsetzung einer längst gefallenen politischen Entscheidung ankommt.
Persönlich teile ich die von den Wissenschaftlern vertretene Auffassung. Sie entspricht
nach meiner Überzeugung dem Ergebnis einer strikten und konsequenten Anwendung
der Maastricht-Kriterien im Sinne der gleichlautenden Entschließungen des Bundestages
und des Bundesrates vom Dezember 1992. Der materielle Gehalt dieser
Entschließungen war die innenpolitische Geschäftsgrundlage für die Ratifikation der EWU
im Rahmen des Maastricht-Vertrages. Deshalb wurde er - auf Anforderung beider Häuser
- von der Bundesregierung den anderen Vertragsbeteiligten, der Kommission und dem
Europäischen Parlament zur Kenntnis gegeben. Er gehört darüber hinaus zu den
tragenden Gründen des EU-Urteils zur Vereinbarkeit des Maastricht-Vertrages mit dem
Grundgesetz.
B.
Welches waren die Bedingungen, an die seit der Ratifizierung der Maastrichter Verträge
die Verwirklichung einer Europäischen Währungsunion, insbesondere die endgültige
Entscheidung über die Einführung einer gemeinsamen Währung, geknüpft wurden, und
welches die Maßstäbe, nach denen entschieden werden sollte?
1. Bereits zum Zeitpunkt der Ratifizierung der Maastrichter Verträge legten Bundestag
und Bundesrat wesentliche Bedingungen für die Entscheidung über den Eintritt in die
dritte Stufe der EWU fest. In ihren insoweit wortgleichen Entschließungen vom Dezember
1992 machen sie sich die Besorgnis der Bevölkerung vor einer europäischen Währung zu
eigen. Es müsse "alles getan werden", um dieser Besorgnis Rechnung zu tragen. "Die
Stabilität der Währung", heißt es in den Entschließungen, "muß unter allen Umständen
gewahrt werden."
2. Folgende Bedingungen für den Übergang der EWU zur dritten Stufe wurden
beschlossen:
(1) Die Stabilitätskriterien müssen eng und strikt ausgelegt werden.
(2) Die Entscheidung über eine Teilnahme an der dritten Stufe der EWU
"kann nur auf der Grundlage erwiesener Stabilität, des Gleichlaufs der
wirtschaftlichen Grunddaten und erwiesener dauerhafter haushalts- und
finanzpolitischer Solidarität der teilnehmenden Mitgliedstaaten" getroffen
werden.
2 von 10
(3) Die Entscheidung "darf sich nicht an Opportunitätsgesichtspunkten,
sondern muß sich an den realen ökonomischen Gegebenheiten
orientieren".
(4) Die Kriterienerfüllung kann nicht nur statistisch gesichert werden. Ihre
dauerhafte Erfüllung muß vielmehr aus dem Verlauf des
Konvergenzprozesses glaubhaft sein.
(5) Bundestag und Bundesrat werden "sich jedem Versuch widersetzen, die
Stabilitätskriterien aufzuweichen", die in Maastricht vereinbart wurden. Sie
werden "darüber wachen, daß der Übergang zur dritten Stufe der
Wirtschafts- und Währungsunion sich streng an diesen Kriterien orientiert".
(6) Bundestag und Bundesrat stellten weiter fest, daß der Übergang zur
dritten Stufe der EWU "eine Bewertung durch den Bundestag" (Bundesrat)
erfordert. Das Votum "bezieht sich auf dieselbe Materie wie die Bewertung
der Rates der Wirtschafts- und Finanzminister und des Rates in der
Zusammensetzung der Staats- und Regierungschefs" (Betonungen von
mir).
(7) Schließlich fordern Bundestag und Bundesrat die Bundesregierung auf
zuzusagen, daß sie dieses Votum respektieren und die geplante
Vorgehensweise den Vertragspartnern, der Kommission und dem
Europäischen Parlament mitteilen werde. Die Bundesregierung entsprach
dieser Aufforderung.
3. Den untrennbaren Zusammenhang zwischen EWU und politischer Union hat die
Bundesregierung bereits im Dezember 1991 betont. Der Bundeskanzler erklärte eine
Währungsunion ohne eine politische Union im Bundestag im Dezember 1991 für
"abwegig". Auch später ließ er keine Zweifel daran, daß eine gemeinsame Währung ohne
eine politische Union, letztlich ohne eine gemeinsame Regierung, nicht vorstellbar sei.
4. Seit 1992 und der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahre 1993
wurden folgende weitere Voraussetzungen und Bedingungen für die Einführung einer
gemeinsamen europäischen Währung stipuliert:
(1) Der Bundesvorstand der CDU beschloß im Januar 1997, die EWU dürfe
nicht mit einer Beschäftigungs-Union verbunden werden. In einer
gutachtlichen Stellungnahme zu den "Maastricht-II-Verhandlungen", vertrat
3 von 10
der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesminister für Wirtschaft die gleiche
Auffassung.
(2) Durch einen Stabilitätspakt unter den Teilnehmerstaaten müsse
sichergestellt werden, daß Sanktionen als Folge einer Verletzung der
Stabilitätskriterien wirksam, also nach objektiven Kriterien eintreten. Nur so
lasse sich eine Politisierung der Geldpolitik verhindern.
(3) Vor allem der Bundesbankpräsident betonte wiederholt, der Erfolg der
EWU sei untrennbar mit der erfolgreichen Entpolitisierung des Geldwesens
verbunden. Eine Politisierung der Geldpolitik werde statt zu einer
Währungsunion zu einer Konfliktunion führen.
(4) Im Blick auf entsprechende Befürchtungen wurde von der
Bundesregierung versichert, die EWU werde in keinem Falle eine
Transferunion nach sich ziehen. Deutschland würden deshalb aus der EWU
keine höhere Belastungen als die derzeitigen Beiträge zur Europäischen
Union erwachsen.
(5) Allgemein wird versichert, die gemeinsame Währung werde zu mehr
Arbeitsplätzen führen und die vorhandenen sichern, also einen Beitrag zum
Abbau der Arbeitslosigkeit in Europa und in Deutschland leisten.
5. Im Juni 1997 faßte Bundeskanzler Kohl eine Aussprache zum Euro im Präsidium der
CDU wie folgt zusammen:
(1) Eine Währungsunion ohne Politische Union macht keinen Sinn.
(2) Die Stabilität der Währung ist wichtiger als der Zeitplan. Daran hat sich
nichts geändert.
(3) Die Entschließung von Bundestag und Bundesrat aus Anlaß der
Ratifikation der Maastrichtverträge müssen beachtet werden.
(4) Wir werden nicht im Juni 1997, sondern im Mai 1998 entscheiden, ob es
zu einer gemeinsamen Währung kommt.
(5) Drei Prozent müssen drei Prozent bleiben.

4 von 10
(6) An der Zielsetzung der europäischen Währung muß festgehalten
werden.
Diese Feststellungen halte ich auch heute noch für gültig. Insbesondere die Bedeutung
der Rangfolge von Stabilität und Zeitplan und der Entschließungen von Bundestag und
Bundesrat sind jedoch seitdem immer stärker relativiert worden. Zunehmend haben
allgemeine politische Erwägungen die ursprünglichen Intentionen des Maastrichter
Vertrages verdrängt.
6. In den Jahren seit 1992 hat es nicht an Versuchen gefehlt, die Bedeutung der
Entschließungen von Bundestag und Bundesrat für den weiteren Entscheidungsverlauf
zu relativieren oder gänzlich zu leugnen. So wird behauptet, die Voten beider Häuser
hätten keinerlei völkerrechtliche Bedeutung und seien schon deshalb irrelevant. Auch
innenpolitisch könnten sie keinerlei rechtliche Wirkung entfalten. Im sogenannten
Schäuble/Lamers-Papier der CDU/CSU-Fraktion zur EWU vom Sommer 1997 werden die
Entschließungen des Bundestages und des Bundesrates mit keinem Wort erwähnt. Je
näher die endgültige Entscheidung über die Teilnehmer an der EWU rückt, um so
intensiver werden die Versuche, die Beratungen und Entscheidungen von Bundestag und
Bundesrat als reine Formalitäten erscheinen zu lassen, ohne jeden Einfluß auf die längst
beschlossene Einführung des Euro. Die Bundesregierung, die Koalition und die
Opposition, ebenso wie die für den Euro werbenden Banken und Unternehmen
behandeln die pünktliche Einführung des Euro bereits als vollendete Tatsache. Kritische
Nachfrage nach der Bona-fides-Einlösung der Kriterien im Sinne der Zusagen des
Bundestages werden weithin als Obstruktion, als Behinderung des europäischen
Einigungsprozesses, letztlich als seine Gefährdung bewertet.
Der Entscheidungsprozeß, der zur EWU führen soll, wird weniger durch die Parlamente
als durch die europäischen Exekutiven und die Kommission gestaltet. Die
parlamentarische Mitwirkung wird weitgehend durch die normative Kraft der bisher
geschaffenen Fakten begrenzt. Daß die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das
Vorhaben mit Mißtrauen und Ängsten begleitet und die Europäisierung ihrer
Geldverfassung mehrheitlich ablehnt, ist angesichts dieser Erfahrungen nicht
verwunderlich.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Argument an Bedeutung, eine wirkliche
Entscheidungsfreiheit des Bundestages, wie sie im EU-Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vorausgesetzt wird, sei bei der für Ende April vorgesehenen
Beschlußfassung de facto nicht mehr gegeben. Die Entscheidung sei längst gefallen. Sie
5 von 10
durch den Bundestag zu verändern, sei mit "katastrophalen Folgen für Europa"
verbunden (so Bundeskanzler Kohl).
Folgt man dieser Bewertung, dann hat die Entscheidung des Bundestages Ende April in
der Tat keine eigenständige politische Bedeutung mehr. Die Verwirklichung der EWU und
die Einführung des Euro beruhen dann, jedenfalls materiell, auf der
Ratifikationsentscheidung von 1992. Diese Entscheidung war nach Auffassung des
Bundesverfassungsgerichts wegen der Unvorhersehbarkeit des weiteren Verlaufs der
geplanten Währungsunion jedoch gerade nicht geeignet, die notwendige
Souveränitätsübertragung zu bewirken.
C.
Die folgenden Kriterien und Voraussetzungen für eine nachhaltig stabile und dauerhafte
EWU sind bisher nicht erfüllt:
1. Es ist nicht gelungen, die Währungsunion mit einer politischen Union zu verbinden. Der
Vertrag von Amsterdam hat uns der politischen Union nicht nähergebracht. Eher sind
Elemente einer Renationalisierung wichtiger Problemfelder sichtbar geworden. Wir
werden deshalb mit der EWU eine gemeinsame Währung einführen, ohne über
gemeinsame, demokratisch legitimierte Strukturen zu verfügen, die die wesentlichen
Aufgaben einer politischen Union wahrnehmen können. Wir werden uns für gemeinsames
Geld ohne die gemeinsame Politik einer gemeinsamen Regierung und ohne ein
gemeinsames Volk entscheiden.

(1) Die bisherige Überzeugung, eine EWU ohne politische Union sei
abwegig, wird nicht länger aufrechterhalten, die Verbindung der beiden wird
nicht länger als zwingend angesehen. Statt dessen wird die EWU jetzt mit
der Begründung gefordert, sie sei die Voraussetzung für die Entwicklung
einer politischen Union. Aus dem krönenden Abschluß der wirtschaftlichen
und politischen Integration Europas ist unversehens die Voraussetzung für
die politische Integration geworden, aus dem Schlußstein das Fundament.
Die Gründe für diesen Paradigmenwechsel wurden den Bürgern bisher
nicht erläutert.
Dieser Verzicht auf eine gesicherte Verbindung von EWU und politischer
Union ist nach wie vor das schwerwiegendste Defizit des Maastricht-
Prozesses. In ihm sind die eigentlichen politischen Risiken angelegt, die mit
dem "pünktlichen" Beginn des Euro verbunden sind. Sieht man von der
6 von 10
EWU ab, so ist nach allgemeiner Ansicht mit einer politischen Union
Europas auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Die Verantwortung für die
Finanz-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik verbleibt bei den Mitgliedstaaten.
Die Bürger werden sie deshalb auch unter dem Regime der EWU für die
Entwicklungen in diesen Bereichen in Anspruch nehmen und politisch
verantwortlich halten.
Durch die EWU werden die Teilnehmerstaaten in der Wahrnehmung dieser
Verantwortung jedoch entscheidend beschränkt. Diese Beschränkungen
werden die Bürger als Beeinträchtigung des Politischen zugunsten eines
ökonomischen Konzeptes, der EWU, wahrnehmen. Der wirtschaftliche und
politische Nutzen der EWU wird ihnen, auf absehbare Zeit jedenfalls, nicht
so offensichtlich erscheinen, daß sie bereit sein werden, die Folgen der
Beschränkungen der politischen Handlungsspielräume auf nationaler Ebene
dafür in Kauf zu nehmen.
(2) Weil der EWU die politische Union fehlt, werden sich der integrierte
Markt und der Anwendungsbereich der sozialen und ökologischen Normen
zunehmend auseinanderentwickeln. Während die Märkte sich über die
nationalen Grenzen hinaus ausdehnen, bleibt der Geltungsanspruch dieser
Normen auf den nationalen Rahmen begrenzt. Die Marktkräfte können sich
ihnen deshalb zunehmend entziehen. Damit entsteht ein für die soziale
Marktwirtschaft bedrohliches Defizit an normativer Bindung der Marktkräfte.
Die Europäische Union kann dieses Defizit auch nach Verwirklichung der
EWU nicht ausgleichen. Weder der Europäische Rat noch die Kommission,
noch das Europäische Parlament können die sozialen und ökologischen
Bindungen ersetzen, die bisher auf nationaler Ebene erfolgreich
durchgesetzt wurden. Eine ausdrückliche Normsetzungsbefugnis steht
ihnen nicht zu. Sie können deshalb in diesen Bereichen kein dem
nationalen vergleichbares Recht setzen.
(3) Auf europäischer Ebene bleibt damit nur die Möglichkeit, die nationalen
Politiken durch den Europäischen Rat so nachhaltig zu koordinieren, daß
eine der Normanwendung durch eine europäische Regierung vergleichbare
Wirkung erzeugt wird. Voraussetzung für eine derartige Bindung durch
Koordination ist zweierlei:

7 von 10
- eine strukturelle Konversion unter den teilnehmenden Mitgliedstaaten,
welche die Koordination erleichtert oder erst möglich macht, und
- die Bereitschaft der Regierungen, untereinander nicht mit einem Verzicht
auf derartige Bindungen um Investitionen zu konkurrieren, die
Standortentscheidungen der Investoren also nicht durch Verzicht auf
normative Bindungen zu beeinflussen. Das schließt nicht aus, daß die
Mitgliedsländer ihre Attraktivität als Investitionsstandorte durch
Verbesserung der Rahmenbedingungen generell erhöhen.
Es ist unwahrscheinlich, daß diese Voraussetzungen geschaffen werden
können. Eine ausreichende strukturelle Konvergenz ist bisher nicht
gelungen. Ob sie in der nächsten Zeit erzielt werden kann, ist ungewiß. Viel
spricht dafür, daß die Bereitschaft der Mitgliedstaaten, die für die
Konvergenz notwendigen Reformen durchzuführen, nach der Einführung
des Euro eher erlahmt.
Wahrscheinlicher ist, daß der Versuch unternommen wird, die Geldpolitik zu
politisieren. Zahlreiche politische Erklärungen aus den Kernstaaten einer
EWU deuten in diese Richtung. Der Stabilitätspakt könnte einen derartigen
Versuch nicht verhindern. Er sieht keine automatischen Sanktionen gegen
die Verletzung der Stabilitätserfordernisse vor, sondern beschränkt sich auf
politische Sanktionsentscheidungen. Mit ihnen ist, auch angesichts der
hohen Arbeitslosigkeit und der Bedeutung, die seit Amsterdam der
Beschäftigungspolitik beigemessen wird, kaum zu rechnen.
(4) Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die nationalen Regierungen darauf
verzichten werden, um wichtige Investitionsvorhaben zu konkurrieren. Wie
die bisherigen Erfahrungen zeigen, werden sie vielmehr bestrebt sein,
sowohl im Einzelfall wie auch allgemein auf die Wünsche wichtiger
Investoren einzugehen, um beschäftigungswirksame Investitionen in ihre
jeweiligen Länder zu lenken.
Die Gefahr ist deshalb groß, daß im Kampf um arbeitsplatzschaffende
Investitionen die sozialen und ökologischen Dimensionen der
Marktwirtschaft auf der Strecke bleiben. Dafür könnten jedoch nicht die
Marktkräfte verantwortlich gemacht werden. Die Beschädigung der sozialen

8 von 10
Marktwirtschaft wäre vielmehr die Folge der Entscheidung, die
Währungsunion ohne eine politische Union zu verwirklichen.
Der Verzicht auf die Gleichzeitigkeit von Währungsunion und politischer
Union kann somit zu einer Aushöhlung der sozialen und ökologischen
Marktwirtschaft führen. Er kann die demokratische Legitimation
wesentlicher wirtschaftspolitischer, sozialpolitischer und ökologischer
Grundsatzentscheidungen schwächen. Ob diesen Gefahren durch den
nachträglichen Aufbau einer politischen Union begegnet werden kann, ist
ungewiß. Die zeitliche Abfolge von politischer Integration und
Währungsintegration läßt sich eben nicht beliebig umkehren. (. . .)

3. Über die Notwendigkeit, die Geldpolitik zu entpolitisieren und damit die Unabhängigkeit
der Europäischen Zentralbank (EZB) auch tatsächlich zu gewährleisten, konnte bisher
kein belastbarer Konsens erzielt werden. Das zeigt zum einen die fortdauernde
Diskussion um die Berufung des ersten Präsidenten der EZB. Allgemein wird seit
Amsterdam nicht nur in Frankreich, sondern auch im Europäischen Parlament immer
deutlicher eine Priorität der Politik gegenüber der EZB und der gemeinsamen Währung
gefordert. Aus Frankreich erreichen uns zahlreiche Äußerungen führender
Regierungsmitglieder, daß der Euro nach Amsterdam eine andere Bedeutung
angenommen habe und Beschäftigungspolitik nicht an der EZB scheitern dürfe. Im
Europäischen Parlament werden Vorschläge diskutiert, die Mitglieder des Direktoriums
der EZB schon jetzt nur mit Zustimmung des Europäischen Parlaments zu berufen, sie zu
einem späteren Zeitpunkt vom Parlament wählen zu lassen und einer umfassenden
Berichts- und Rechenschaftspflicht zu unterwerfen. Angeblich sollen dadurch die
demokratische Legitimation der EZB und ihre Unabhängigkeit gestärkt werden.
Nachdem im Stabilitätspakt der Sanktionsautomatismus bereits durch die Notwendigkeit
politischer Entscheidungen ersetzt worden ist, droht nun auch eine Politisierung der EZB.
Die durch solche Forderungen sichtbar gewordenen grundsätzlichen Differenzen
zwischen unseren Vorstellungen und denen anderer Mitgliedsländer und Teilen des
Europäischen Parlaments sind bisher weder geklärt noch politisch gewürdigt worden.
4. Die Einführung des Euro wird den deutschen Arbeitsmarkt, zumindest in den ersten
Jahren, nicht entlasten, sondern weiter belasten. Hoffnungen, den deutschen
Arbeitsmarkt durch Schutzmaßnahmen wie das Entsendegesetz vor europäischer
9 von 10
Konkurrenz schützen zu können, sind illusorisch. Innerhalb des gemeinsamen
Währungsgebietes kann es derartige Schutzgesetze nicht geben. Nach Beginn der dritten
Stufe der EWU wird sich die Arbeitsteilung innerhalb des gemeinsamen
Währungsgebietes zugunsten der Länder mit niedrigeren Arbeitskosten verändern.
Betroffen wird davon vor allem die Bundesrepublik. Sie ist auf die Anpassungsprozesse,
die sich daraus ergeben werden, weder strukturell noch im Bewußtsein der Bevölkerung
vorbereitet. (. . .)

6. Die Vorstellung, die gemeinsame Währung werde uns zu Strukturreformen zwingen, zu


denen wir bisher aus politischen Gründen nicht in der Lage waren, ist wenig realistisch. In
den zurückliegenden Jahren ist es weder in Frankreich und Italien noch in Deutschland
gelungen, die Ursachen für eine wachsende Gesamtverschuldung und für eine zu hohe
Neuverschuldung nachhaltig zu beseitigen.
Da es nicht gelungen ist, die EWU mit einer Politischen Union zu verbinden, müssen die
notwendigen Reformen nach der endgültigen Einführung des Euro nachgeholt werden.
Ob dies auch gelingen wird, nachdem der Eintritt in die EWU erreicht und das damit
angestrebte politische Ziel verwirklicht ist, ist ungewiß. In jedem Falle wird es noch
schwieriger sein, die politische Zustimmung für wirkliche Strukturreformen zu gewinnen. (.
. .)
Schlußbemerkung: Die vorgeschlagene geregelte Verschiebung des Beginns der "großen
Lösung" ist nach all dem politisch vernünftig und im Blick auf die Kriterien auch geboten.
Ist es dennoch nicht möglich, die Einführung des Euro gründlicher vorzubereiten und die
dafür notwendige Zeit zu gewinnen, dann sind die vorgeschlagenen Maßnahmen zur
Begrenzung der wirtschaftlichen und politischen Risiken eines verfrühten Starts um so
wichtiger. Sie können gewisse Zwänge begründen, die aufgeschobenen
Voraussetzungen für die EWU doch noch nachzuholen und damit ihre nachhaltige
Stabilität zu unterstützen. Ob dies gelingen kann, bleibt ungewiß. Ein sicherer Weg zu
einer wirklichen Stabilitätsgemeinschaft wird damit nicht eingeschlagen. Er ist nur durch
eine geregelte Verschiebung zu haben.

10 von 10