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Politischer Sprengstoff

Der Spiegel hatte einmal mehr für politischen Sprengstoff gesorgt, denn der Artikel
„Dunkelste Stunden“ (in Nr. 18/1998 vom 27. April) erschien genau zu dem
Zeitpunkt, da auf dem EU-Sondergipfel in Brüssel am 2.-3. Mai die endgültige
Marschroute für den Euro festgelegt werden sollte.

Es waren „staatliche Interessen“, so der Spiegel in der Titelgeschichte, welche


Bundeskanzler Kohl zu dem in der Geschichte der deutschen Nation einmaligen und
ungewöhnlichen Schritt bewegten, noch während seiner Amtszeit vertrauliche und
geheime Akten freizugeben, die normalerweise einer Sperrfrist von 30 Jahren
unterliegen.

Die deutsche Wiedervereinigung, die mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989
in greifbare Nähe rückte, wurde auf Drängen Englands und Frankreichs an die
geopolitisch abgeleitete Bedingung geknüpft, daß Kohl die DM zugunsten des Euro
aufgibt.

Laut Spiegel hatte Kohl 1989 keinerlei Absicht, die D-Mark aufzugeben. Ebenso
zurückhaltend war er bezüglich des Ausbaus des Währungssystems, dessen
Grundstein mit dem Europäischen Währungssystem (EWS I) 1979 vom damaligen
Kanzler Helmut Schmidt und dem französischen Präsidenten Giscard d'Estaing
gelegt worden war. Kohl vertrat die Auffassung, daß eine „politische Union“
Vorbedingung für die währungspolitische Einigung in Europa sein müsse, und nicht
umgekehrt. 1988, so berichtet der Spiegel weiter, war ein Komitee unter Leitung
von Jacques Delors gegründet worden, das Pläne ausarbeitete, ohne jedoch genaue
Angaben zu machen und einen Zeitpunkt für ein EWS II festzulegen.

Vielleicht verglich der französische Innenminister J.P. Chevènement deshalb den


Euro in der Zeitung „Die Woche“ mit der „untergehenden Titanic“ und warnte vor
seinen verheerenden sozialen Folgen.

Aber mit den politischen Umwälzungen in der DDR im Jahre 1989 änderte sich die
Lage schlagartig. Während eines Arbeitsbesuchs in Paris am 24. Oktober 1989
- eine Woche nach dem Rücktritt von DDR-Staatschef Honecker - machte der
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französische Staatspräsident Mitterrand Kanzler Kohl unmißverständlich klar, daß er
die Währungsunion und damit das Ende der Deutschen Mark auf dem anstehenden
Straßburger EU-Gipfel im Dezember 1989 beschlossen haben wolle. „Der Franzose
sah darin das einzig probate Mittel, die Deutschen unter europäische Kontrolle zu
bringen“, heißt es in den vom Spiegel zitierten vertraulichen
Regierungsdokumenten, „für Mitterrand ist die europäische Einbindung der
deutschen Währung ein entscheidender Faktor, der Wiedervereinigung
zuzustimmen.“

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Mitterrand berief für den 18. November einen
EU-Sondergipfel in Paris ein, wo er erneut seine Forderung nach unverzüglichem
Aufbau der Währungsunion bekräftigte und andeutete, andernfalls werde Frankreich
der Idee einer Konföderation beider deutscher Staaten entgegentreten. Ohne eine
deutsche Zustimmung zur Währungsunion würde das europäische Gleichgewicht
empfindlich gestört. In einem Brief vom 27. November legte Helmut Kohl die
Schwierigkeiten und Bedenken auf dem weiten Weg zur Währungsunion dar und
gab zu erkennen, daß er die Ablösung der DM möglichst lange hinausschieben
wolle. So solle der Europäische Rat im Dezember 1992 lediglich feststellen, welche
Schritte auf dem Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion eingeleitet werden
könnten.

Mitterrand reagierte sehr kühl. In einem Schreiben vom 1. Dezember 1989 forderte
er von Kanzler Kohl kategorisch, „daß wir in Straßburg Entscheidungen treffen, die
uns unmißverständlich auf den Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion in der
Europäischen Union verpflichten“. 1990 sollten die Verhandlungen über eine
zukünftige Europäische Währungsunion im wesentlichen abgeschlossen sein,
gefolgt von einem EWU-Vertrag, der 1991 unterzeichnet und 1992 bereits
ratifiziert werden könne.

Am 30. November 1989 wurde Kohls engster Wirtschaftsberater Alfred Herrhausen


umgebracht. Der Anschlag auf den Chef der Deutschen Bank erfolgte drei Tage,
nachdem Kohl öffentlich die Bildung einer deutschen Konföderation gefordert hatte,
ohne sich darüber mit Mitterrand und Thatcher vorher abgestimmt zu haben.
Möglicherweise gab der Mord an Herrhausen, der sich nach dem Fall der Mauer für
einen Marshall-Plan für den wirtschaftlichen Aufbau Osteuropas einsetzte und zu
Kohls engsten Freunden zählte, den Ausschlag für eine Wende in Kohls Haltung
zum Euro.
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Auf dem Straßburger Gipfel am 9. Dezember 1989 gab der Bundeskanzler
schließlich Mitterrands Forderungen nach und legte sich trotz seiner vielfach
geäußerten Bedenken, wonach einer Währungsunion eine „politische Union“
vorausgehen solle, auf den von Mitterrand vorgegebenen Zeitplan zur Europäischen
Währungsunion fest. Er nannte dies „die dunkelste Stunde in meinem Leben“ und
erklärte am 12. Dezember dem amerikanischen Außenminister Baker gegenüber -
wie Der Spiegel schreibt -, er habe damals eine „Entscheidung gegen die deutschen
Interessen“ gefällt.

Stellt man die Dokumentation des Spiegel in Zusammenhang mit der im Jahr 1997
erschienenen Analyse des Historikers Detlef Junker über die amerikanische
Deutschlandpolitik sowie mit den Memoiren Margaret Thatchers und deren
Kernthese (s.u.), erhält man einen guten Einblick in das geopolitische Machtpoker
der Jahre 1989/90.

Am 13. März 1997 schrieb der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in
Washington Prof. Detlef Junker in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung, als die Mauer fiel, hätten „... Präsident Bush, Außenminister Baker und eine
vergleichsweise kleine Gruppe von Mitarbeitern abermals die klassische Trias
amerikanischer Deutschlandpolitik im 20. Jahrhundert - Deutschlands Einheit,
Eindämmung und Integration“ formuliert.

Hätten die USA, so Junker, damals eine Wiedervereinigung verweigert, so hätte dies
das Ende ihrer Europapolitik bedeutet. Die ablehnendste Haltung habe damals „jene
Lady mit der Handtasche (Thatcher) gezeigt, die die britischen Interessen des
Jahres 1990 mit der Glorie der Siegermächte von 1945 und der deutschen Teilung“
gleichgesetzt hätte. Kanzler Kohl erklärte am 30.4. auf einer Rede vor dem
Sparkassentag in Leipzig, Thatcher habe ihm gegenüber am Rande des Straßburger
Gipfels im Dezember 1989 gesagt:

„Zweimal haben wir euch besiegt. Jetzt seid ihr wieder da.“

In der Tat geben Margaret Thatchers Memoiren Downing Street 10 (1993


erschienen) einen klinischen Einblick in die geopolitischen Manipulationen britischer
Machtpolitik während ihrer Amtszeit. Lange vor dem Fall der Mauer hatte die
„eiserne Lady“ dem amerikanischen Präsidenten, dem sowjetischen Präsidenten
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Gorbatschow und Mitterrand signalisiert, daß England unter keinen Umständen
bereit sei, die deutsche Wiedervereinigung zu akzeptieren. In der englischen Presse
begann 1989 eine massive Propagandakampagne, in deren Verlauf der später
entlassene Handelsminister Nikolas Ridley vor der angeblichen Gefahr eines „Vierten
Reichs“ warnte und Helmut Kohls Politik mit Hitlers Hegemonialstreben
gleichgesetzt wurde.

England war nominell zwar gegen den Euro, Thatcher warnte jedoch zugleich in dem
Kapitel „Die Deutsche Frage und das Gleichgewicht der Kräfte“ davor, daß
Deutschland in einem föderativen Europa die Führungsrolle einnehmen würde:

„Denn ein wiedervereinigtes Deutschland ist schlichtweg viel zu groß und zu


mächtig, als daß es nur einer von vielen Mitstreitern auf dem europäischen Spielfeld
wäre. Überdies hat Deutschland sich immer auch nach Osten hin orientiert, nicht
nur in Richtung Westen, obwohl die moderne Version solcher Tendenzen eher auf
wirtschaftliche, denn auf kriegerische territoriale Expansion abzielt ... Daher ist
Deutschland vom Wesen her eher eine destabilisierende als eine stabilisierende
Kraft im europäischen Gefüge.“

Nur das militärische und politische Engagement der USA in Europa und die engen
Beziehungen zwischen den beiden anderen starken souveränen Staaten Europas,
nämlich Großbritannien und Frankreich, könnten daher ein Gegengewicht zur Stärke
Deutschlands bilden, so Thatchers geopolitisches Credo, das für die britische
Außen- und Wirtschaftspolitik bis auf den heutigen Tag bestimmend bleibt.

Im September 1989 teilte Thatcher während eines Besuchs in Moskau Staatschef


Gorbatschow mit, daß England auf keinen Fall eine Wiedervereinigung wünsche. Sie
hätte diese Frage auch mit andernn westlichen Spitzenpolitikern diskutiert, „womit
ich Mitterrand meinte, den ich nicht namentlich nannte. Gorbatschow bestätigte,
auch die Sowjetunion wünsche keine deutsche Wiedervereinigung“, heißt es in den
Memoiren weiter.

In Reaktion auf die Ereignisse vom 9. November 1989 und unmittelbar vor dem von
Mitterrand einberufenen EU-Sondergipfel in Paris, am 18. November, sandte
Thatcher eine Botschaft an Präsident Bush, in der sie bekräftigte, der „Einführung
wahrhaft demokratischer Verhältnisse in der DDR solle Priorität eingeräumt werden.
Die deutsche Wiedervereinigung sei dagegen kein Thema, das derzeit behandelt
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werden müsse.“ In ihrer Rede auf dem EU-Sondergipfel in Paris am 18. November
erklärte sie dann, jegliche Diskussion über Grenzänderungen oder die deutsche
Wiedervereinigung werde Gorbatschows Autorität untergraben und in ganz
Mitteleuropa im Hinblick auf Grenzstreitigkeiten eine wahre Büchse der Pandora
öffnen. Um eine grundlegende Stabilität zu gewährleisten, müsse man die NATO
wie auch den Warschauer Pakt erhalten.

Am 24. November erörterte sie in Camp David dieselben Fragen mit Präsident Bush.
In ihren Erinnerungen schreibt sie dazu: „Ich wollte alles versuchen, um ihn von der
Richtigkeit meiner Ansichten über die Vorgänge im zerfallenden kommunistischen
Lager zu überzeugen. Daher wiederholte ich viele meiner in Paris vorgebrachten
Argumente zum Thema Grenzen und zur deutschen Wiedervereinigung. Auch
betonte ich, es sei notwendig, den sowjetischen Parteichef zu unterstützen, von
dessen Verbleib an der Macht so vieles abhing.“

Völlig überrascht und beunruhigt fühlte sich die britische Premierministerin, wie sie
später schreibt, als Kohl in seiner berühmten Regierungserklärung vor dem
Bundestag am 28. November 1989 seinen „Zehnpunkteplan“ zur zukünftigen
Entwicklung Deutschlands vorlegte. Kohl machte damals den Vorschlag,
„konföderative“ Strukturen zwischen beiden Staaten in Deutschland zu schaffen.
Die Deutschen in der DDR müßten die Chance erhalten, ihre Zukunft selbst zu
bestimmen. Dazu brauchten sie keinen fremden Rat. Dies gelte auch für die Frage
der Wiedervereinigung Deutschlands.

Die einzige Hoffnung sah Thatcher damals im Aufbau einer stabilen politischen
Achse zwischen Großbritannien und Frankreich. Die Gelegenheit dazu sah sie auf
dem Straßburger EU-Gipfel im Dezember 1989, in dessen Verlauf sie zweimal
inoffiziell mit dem französischen Präsidenten zusammentraf, „um unsere Haltung
zur deutschen Frage zu erörtern“. Ähnlich beunruhigt über Kohls Zehnpunkteplan
habe ihr Mitterrand damals gesagt, Deutschland habe in der Geschichte noch nie
seine wahren Grenzen gefunden, denn die Deutschen seien ein Volk, das ständig in
Bewegung und im Wandel sei. „Daraufhin holte ich aus meiner Handtasche eine
Landkarte, auf der Deutschland in seinen vielfältigen Konfigurationen der
Vergangenheit abgebildet war. Diese Veränderungen waren im Hinblick auf die
Zukunft nicht besonders beruhigend. Wir erörterten mögliche Schritte“, heißt es in
ihren Memoiren.

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In der Vergangenheit, so teilte ihr Mitterrand damals mit, hätte Frankreich in
Augenblicken großer Gefahr stets besondere Beziehungen zu Großbritannien
entwickelt. Nun habe er das Gefühl, eine solche Zeit sei wieder gekommen. England
und Frankreich müßten zusammenrücken und in Verbindung bleiben. „Auch wenn
wir noch nicht herausgefunden hatten, wie wir den deutschen Moloch in die
Schranken weisen konnten, so hatten wir doch offenbar beide den Willen dazu. Das
war immerhin ein Anfang“, schreibt sie weiter.

Die Debatte um den Euro, dem England von Anfang an skeptisch gegenüberstand,
wurde politisch „instrumentalisiert“: Während in Europa englische Politiker wie Sir
Leon Brittain die Linie vertraten, der Euro müsse gegen den Dollar ausgespielt
werden und sich als Leitwährung etablieren, sah England gleichzeitig im Euro das
geeignete geopolitische Mittel, die Souveränität der europäischen Länder zu
zerstören und die Wirtschaft Europas Londons Finanzinteressen zu unterwerfen.

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