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Harold Sherman Außersinnliche Kräfte Die mentalen Fähigkeiten des Menschen Harold Sherman schildert in diesem Buch
Harold Sherman Außersinnliche Kräfte Die mentalen Fähigkeiten des Menschen Harold Sherman schildert in diesem Buch
Harold Sherman Außersinnliche Kräfte Die mentalen Fähigkeiten des Menschen Harold Sherman schildert in diesem Buch

Harold Sherman

Außersinnliche

Kräfte

Die mentalen Fähigkeiten des Menschen

Die mentalen Fähigkeiten des Menschen
Harold Sherman schildert in diesem Buch – heute schon Klassiker der PSI-Literatur – seine lebenslangen,

Harold Sherman schildert in diesem Buch – heute schon Klassiker der PSI-Literatur – seine lebenslangen, authentischen Erfahrungen außersinnlicher Wahrnehmungen. Nach seiner Überzeugung besitzt jeder Mensch den sechsten Sinn, mentale Fähi g- keiten zu außersinnlichen Wahrnehmungen, zu Visionen oder Vorahnungen. Diese mentalen Fähigkeiten, meist nicht erkannt, oft unterentwickelt, kann man schulen.

Harold Sherman teilt diese PSI-Techniken so präzis und anschaulich mit, daß jeder- mann in der

Harold Sherman teilt diese PSI-Techniken so präzis und anschaulich mit, daß jeder- mann in der Lage ist, sie an sich zu erproben, zu trainieren. Auf diese Weise kann man bald selbst außersinnliche Wahrnehmungen registrieren und nach und nach zu einem neuen, besseren Verständnis der eigenen Psyche kommen. Man wird Herr über die geheimen Kräfte, die in jedem von uns stecken oder die um uns herum existieren.

Entdecken Sie Ihren 6. Sinn!

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Harold

Sherman

Außersinnliche

Kräfte

und wie man Nutzen aus ihnen zieht

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

ihnen zieht Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! Wilhelm Goldmann Verlag 1. Auflage Januar 1979

Wilhelm Goldmann Verlag

1. Auflage Januar 1979 • 1.- 8. Tsd.

2. Auflage März 1980 • 9.-13. Tsd.

3. Auflage Dezember 1982 • 14.-17. Tsd. Made in Germany

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Genehmigte Taschenbuchausgabe © der englischen Originalausgabe by Harold Sherman © der deutschsprachigen Ausgabe 1966 by Verlag Hermann Bauer, Freiburg i. Br. Umschlagentwurf: Atelier Adolf & Angelika Bachmann, München Gesamtherstellung: Eisnerdruck GmbH, Berlin Verlagsnummer: 11.705 Lektorat: Ria Schulte/Renate Richter • Herstellung: Peter Sturm/He ISBN 3 -442-11.705 -4

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Für MARTHA - meine Frau,

deren harmonischer Übereinklang mit mir auf allen Wegen in allen unseren herrlichen gemeinsamen Jahren auf dieser Erde unschätzbar zu unserem wachsenden Verständnis der Wunder des Geistes beigetragen hat und noch beiträgt. Doch stets sind wir der höheren Mahnung eingedenk – wie auch Sie es sein werden, die Sie unsere Interessen und Bestrebungen teilen –, wie wenig ein jeder von uns erst weiß, und wieviel noch zu wis- sen bleibt!

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Inhalt

I. Beweise für die Existenz außersinnlicher Wahrnehmung

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II. Wie Sie Ihren eigenen Geist kennenlernen können

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III. Die Reichweite und Macht Ihrer Gefühle

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IV. Gedankensendung und -empfang

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V. Vorahnungen – ihre Erkennung und Beachtung

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VI. Das Vorhersehen der Zukunft

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VII. Das Geheimnis der Träume

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VIII. Das Geheimnis der außerkörperlichen Erlebnisse - Der Geist verläßt den Körper

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IX. Was mit Hypnose erreicht und nicht erreicht werden kann

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X. Ihre Heilungskraft

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XI. Die Nutza nwendung des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens im Alltag

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XII. Verbindung mit den Abgeschiedenen!

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XIII. Botschaften und Führung durch die Abgeschiedenen

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XIV. Unser Geist im Weltraum- Zeitalter

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Erstes Kapitel

Beweise für die Existenz außersinnlicher Wahrnehmung

Haben Sie jemals Vorzeichen erlebt, die irgendein künftiges Geschehen anzeigten – und dieses geschah wirklich? Haben Sie plötzlich an jemanden gedacht, den Sie seit Monaten oder Jahren vergessen hatten, um nun einen Brief oder Tele- fonanruf von der betreffenden Person zu empfangen oder ihr zu unerwarteter Zeit an unerwartetem Ort in den Weg zu laufen? Haben Sie Eindrücke über Le ute empfunden, die sich später als richtig erwiesen? Haben Sie schon den zwingenden Drang verspürt, irgend etwas zu tun oder zu unterlassen, und sind diesem Drang gefolgt, um später zu entdecken, daß die nachfolgenden Ereignisse Ihren Drang rechtfertigten? Haben Sie bereits einen lebhaften Traum oder eine Vision ei- nes zukünftigen Ereignisses gehabt? Haben Sie jemals geglaubt, die Erscheinung oder die Umrisse eines nicht anwesenden oder verstorbenen Menschen zu sehen? Haben Sie das Gefühl gehabt, Ihren Körper verlassen und einen entfernten Ort besucht zu haben und sind mit klarer oder unbe- stimmter Erinnerung an einen solchen Besuch zurückgekehrt? Haben Sie jemals gemeint, die Stimme eines bereits abgeschie- denen lieben Menschen zu vernehmen, der Ihnen eine War- nung erteilte oder bekräftigte, daß er noch lebe? Haben Sie bereits die Anwesenheit irgendeiner unsichtbaren Wesenheit, die Ihnen bekannt oder unbekannt war, gefühlt? Wenn Sie bereits irgendeine von diesen Erfahrungen gemacht haben, so ist es möglich, daß Sie über die Fähigkeit der »A u- ßersinnlichen Wahrnehmung« (in englischer Sprache: »Extra Sensory Perception« oder »ESP« genannt) verfügen. Diese Bezeichnung stammt von Dr. J. B. Rhine, Professor der Para-

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psychologischen Fakultät an der Duke-Universität und weltbe- rühmter Forscherpionier auf dem Gebiete der früher so genann- ten »medialen Phänomene«. Im Laufe der Jahre wurde das Wort »medial« jedoch zur Bezeichnung für zu viele verschie- dene Dinge, wurde mißbraucht und von unlauteren Medien, Wahrsagern und ähnlichen Scharlatanen in solchen Mißkredit gebracht, daß es unter Wissenschaftlern und gebildeten Me n- schen keinen Respekt mehr erheischen konnte. Vielleicht waren Sie bestrebt, irgendwelche Eigenerlebnisse außersinnlicher Wahrnehmung vor Freunden und Bekannten zu verschweigen, da Sie fürchteten, von diesen für »ein wenig verrückt« gehalten zu werden. Doch seit das Fachwort »Außer- sinnliche Wahrnehmung« allgemein als Bezeichnung für alle Phänomene, die sich jenseits der Reichweite der fünf phys i- schen Sinne abspielen, angenommen wurde, brauchen Sie nicht mehr zu zögern, Ihre entsprechenden ungewöhnlichen Eigener- lebnisse den anderen mitzuteilen. Ich erinnere mich meines ersten Abenteuers mit diesen erwe i- terten geistigen Fähigkeiten gut – es war eine dramatische Er- fahrung, die mir die Existenz der Telepathie unwiderleglich bewies.

»Dreh das Licht nicht an!«

Wir schrieben das Jahr 1915, und ich befand mich in meinem Zimmer im zweiten Stock des Elternhauses in Traverse City, Michigan. Das Zimmer lag auf der Westseite, die Sonne ging unter und es wurde dunkel. Ich saß vor meiner Schreibmaschi- ne und erhob mich, um das elektrische Licht anzudrehen, wie ich es Hunderte Male vorher getan hatte. Als ich zum Schalter griff, sagte mir eine innere Stimme – also keine Stimme, die ich außerhalb vernahm -: »Dreh das Licht nicht an!« Das war ein so unerwarteter und so sinnlos scheinender Befehl, daß ich zögerte und mich fragte, aus welchem Grunde ich ei-

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nen solchen Impuls bekommen sollte. Doch unfähig, mich da- gegen zu wehren, kehrte ich an meinen Schreibtisch zurück und tippte etwa noch zehn Minuten, bis es so dunkel wurde, daß ich unbedingt Licht machen mußte. Aber wiederum wiederholte die innere Stimme die Warnung:

»Dreh das Licht nicht an«, als ich meine Aufmerksamkeit, die Hand auf dem Schalter, der Glühbirne zuwandte. Fast im gleichen Augenblick rannte jemand auf die untenlie- gende Veranda, schlug an die Tür und klingelte. Ich ging hin- ab, ohne das Licht angeknipst zu haben, und stand einem Mann von den Elektrizitätswerken gegenüber, der mir sagte: »Drehen Sie das Licht nicht an! Draußen liegt ein Hochspannungsdraht über Ihrer Leitung!«

Damals bereits erkannte ich, daß ich mich auf irgendeine Wei- se, die ich zwar nicht erklären konnte, in die Gedanken des Mannes von den Elektrizitätswerken eingeschaltet hatte, wäh- rend ich mich auf das Anknipsen des Lichtes konzentrierte. In den letzten zehn Minuten war dieser Mann in verschiedene Häuser gelaufen, um die Leute davor zu warnen, das Licht ein- zuschalten, und in dieser Zeit hatten seine erregten Gedanken meinen eigenen Geist erreicht, obwohl er körperlich abwesend war!

Dieser Fall war zu eindeutig, um den berühmten Zufall als Ur- sache heranzuziehen. Wenn ich imstande war, den Gedanke n- impuls des Mannes zu empfangen, so folgerte ich, ist damit bewiesen, daß Gedankenübertragung nicht nur möglich ist, sondern daß man sie auch willentlich vornehmen können müß- te, sobald man sich genügend Einsicht in die Funktion dieses Phänomens verschafft hat. Diese Entdeckungen waren die Ursache zu meiner lebensla n- gen Forschungsarbeit, gespeist vom unaufhörlichen Wunsch, alles über die Geheimnisse des Geistes zu entdecken, was zu entdecken war, und die Macht des Geistes unter bewußte Kon-

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trolle oder in bewußte Richtung zu bringen. Zunächst ging ich zur Bibliothek, um zu sehen, welche Litera- tur ich auftreiben konnte, die mir eine Erklärung für mein Er- lebnis liefern könnte. Doch in der damaligen Zeit gab es nur wenige maßgebliche Bücher darüber. Dennoch fand ich schließlich ein bemerkenswertes Buch, das heute noch als klas- sisch auf seinem Gebiet gilt. Es war »Das Gesetz der psychi- schen Phänomene« von Thomason Hudson. Das Wissen dieses Schriftstellers über die Funktionen des Geistes und die Natur des Unterbewußtseins war seiner Zeit weit voraus. Da es an zuverlässigen, demonstrierbaren Erfahrungen auf dem Gebiet dieser außersinnlichen Fähigkeiten so allgemein ma n- gelte, entschied ich mich, gleichsam auf eigene Faust zu for- schen und zu experimentieren. Im Laufe der Jahre wurde ich zunehmend der Tatsache inne, daß außerhalb des Bereiches unserer fünf bekannten Sinne un- zählige Welten und Ebenen weiterer Seins-Weisen existieren und daß unsere Unfähigkeit, diese Welten wahrzunehmen, ke i- nen Beweis gegen ihr Vorhandensein darstellt. Desgleichen konnte ich mich nicht auf meine körperlichen Sinne verlassen, mir ein vollständiges Bild irgendwelcher Erscheinung zu übermitteln. Mein Auge zeigte mir keine objektiven Dinge. Ein Stuhl, den ich einst für einen absolut festen Gegenstand geha l- ten hatte, bestand in Wirklichkeit aus Milliarden kreisender Atome. Und ich lernte, daß die Zwischenräume von Atom zu Atom den Zwischenräumen unter den Sternen vergleichbar sind, die Größenordnungen in entsprechende Verhältnisse ge- setzt. Somit war die Behauptung der alten Physiker, daß zwei Objekte nicht zur gleichen Zeit am gleichen Platz vorhanden sein könnten, widerlegt. Ich beobachtete, daß andere Lebewesen viel feinere und weit- reichendere Sinne auf manchen Gebieten besitzen als Me n- schen. Hunde können zum Beispiel die Töne einer Pfeife hören und darauf reagieren, während das menschliche Ohr für diese Tonschwingungen nicht mehr empfänglich ist. Vögel vermö-

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gen in einer Tonhöhe außerhalb der Reichweite des menschli- chen Ohres zu singen. Es gibt Tiere mit so feinem Geruchssinn, daß sie mit diesem die Anwesenheit eines Feindes in unglaub- licher Entfernung aufspüren. Die Ureinwohner Australiens, die heute noch von den sogenannten »Instinkten« abhängen, wie sie sonst Tieren eigen sind, haben ihre Fähigkeit bewiesen, die Annäherung menschlicher Jäger oder Entdecker einige Tage vor ihrer Ankunft zu bemerken. Inzwischen haben Mediziner entdeckt, daß die Töne, die unser Ohr nicht mehr wahrnimmt, tiefgreifende Schwingungswir- kungen auf unser Nervensystem ausüben. Wir werden fortge- setzt von Kräften beeinflußt, die wir nicht sehen und nicht be- wußt wahrnehmen können. Das menschliche Auge vermag nur ein schmales Band innerhalb der Farbenskala zu sehen, jedoch weiß die Wissenschaft heute, daß es eine nahezu unendliche Skala von Farben gibt, von denen wir die meisten überhaupt nicht wahrnehmen können. Es bedurfte der Entwicklung oder Entdeckung der Teleskope, Mikroskope und Röntgen-Strahlen, um uns zu enthüllen, wie wenig wir wirklich über das Univer- sum in uns und um uns wissen.

Erinnern wir uns daran, daß der Luftraum, der uns umgibt, mit den Wellen des Radios und Fernsehens angefüllt ist, die uns solange unsichtbar und unhörbar bleiben, ehe wir sie nicht in den Bereich unserer Seh- und Hörkraft bringen, indem wir sie durch mechanische Hilfsmittel in Töne und Bilder zurückver- wandeln. Heute wird uns gesagt, daß der menschliche Körper selbst ein Sende- und Empfangsgerät ist, und die Wissenschaft hält es neuerdings für möglich, daß jede Körperzelle nicht nur eine Identität in Form einer besonderen Funktion besitzt, son- dern auch alles, was mit ihr geschieht, aufspeichert. Es ist des- halb denkbar, daß eine höhere Vernunft außerhalb unserer Fassungskraft alle Lebensformen, von den unendlich kleinen bis zu den unendlich großen, durchdringt.

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Der Mensch im ungeheuren Universum

Gelehrte haben die Frage gestellt: Woher kommt der Stoff, aus dem wir geschaffen wurden? Sie haben heute den Beweis, daß Materie einfach erscheint, also buchstäblich geschaffen wird. In diesem Augenblick existieren die Atome, aus der die Mate- rie besteht, noch nicht – und später existieren sie doch plöt z- lich! Die Astronomen gestehen bereitwillig ein, daß der Schöp- fungsvorgang ununterbrochen fortgesetzt wird. Sie schätzen, daß allein im sichtbaren Universum »neue Materie« in einer Menge von hundert Quadrilliarden Atomen (eine Zahl mit 29 Nullen!) pro Sekunde geschaffen wird. Ein derart ungeheuerli- cher Schöpfungsvorgang würde die Existenz eines sich aus- dehnenden Weltalls voraussetzen, in dem fortgesetzt neue Milchstraßensysteme entstehen! Heute gilt es als allgemein anerkannte Tatsache, daß wir in einem Universum leben, das Hunderte Milliarden von Sternen enthält, von denen jeder Stern eine Sonne ist und in vielen Fä l- len weitaus riesiger als die unsere! Um diese Sonnen kreisen zahllose Planeten, und viele von diesen mögen intelligentes Leben beherbergen, das dem unsrigen ähnlich ist, oder gar hö- her entwickelte Daseinsformen, die jenseits unserer Vorste l- lung liegen. Angesichts dieser Erkenntnisse müssen wir ein- räumen, daß wir uns erst nur auf einer Kindergarten-Stufe in der mächtigen Schule des Universums befinden, die uns Selbstverwirklichung und Entwicklung aufgibt! Der menschli- che Geist begann erst kürzlich solcher kosmischen Verhältnisse gewahr zu werden und seinen Platz in der schöpferischen Ord- nung der Dinge zu suchen. Es ist bezeichnend, daß alle Gottesvorstellungen seit der ge- schichtlichen Frühzeit durch den Glauben an das Übernatürli- che zustande kamen. Was der primitive Mensch im Wirken der Natur nicht zu erklären vermochte, schob er als Ursache einer geheimnisvollen Macht zu, die weitaus größer als er war. Um

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diese Macht versöhnlich zu stimmen und ihre Gunst zu gewin- nen, bot er Opferungen seiner kostbaren Besitztümer, ja sogar der Angehörigen seiner eigenen Rasse an. Er schuf auch Ritua- le und Zeremonien zum Zwecke der Anbetung und warf sich unter Bekenntnissen seiner sündhaften Versäumnisse in der Hoffnung zu Boden, einer Rache zu entgehen. Allmählich wurden diese rohen, abergläubischen Bemühungen zu religiösen Kulthandlungen, ausgeübt von Medizinmännern und Zauberern, welche die ersten Priester waren. Aberglaube und Mythologie verbanden sich dann, um Generationen in Furcht und Unwissenheit zu halten, deren Spätfolgen noch he u- te in den Vorstellungen von »Hölle und Verdammnis« einiger unserer Religionen festzustellen sind. Obwohl diese verschiedenen Religionen – sogenannte heidni- sche und christliche – mit Dogmen und Glaubenssätzen unter- mischt waren, haben sie dennoch Berichte von offensichtlich übernatürlichen Geschehnissen vermittelt: die Auferstehung von Erlösern; die Heilung Leprakranker; Auferstehung von den Toten; die Erscheinung von Engeln; die Stimme Gottes; die Entrückung heiligmäßiger Personen; Träume und Visionen angeblich göttlichen Ursprungs; Wunder im Widerspruch zu Naturgesetzen wie die Verwandlung von Wasser in Wein, die Vermehrung der Brotlaibe; und schließlich hier und da Bewe i- se echter geistiger Eingebung. Ohne diesen Glauben an das Metaphysische, ob es nun auf ec h- ten Phänomenen begründet gewesen sein mag oder nicht, wür- de sich niema ls eine Religion gebildet haben. Es scheint daher heutzutage, nachdem die Wissenschaft Aberglauben und Un- wissenheit hinwegfegte, für die Anhänger aller Religionen dringend geboten, sich mit der Prüfung der Tatsächlichkeit jener geistigen Kräfte zu befassen, die zu glauben sie versi- chern.

Ein solcher Beweis kann allein nur in und durch die Manifesta- tion jener menschlichen Eigenschaften erfolgen, die man heute

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Fähigkeiten zur außersinnlichen Wahrnehmung nennt. Wenn diese Kräfte wirklich bestehen – und die Offensichtlichkeit ih- res Bestehens ist überwältigend –, dann gehört ihr Studium und ihre Entwicklung durch die Wissenschaft zu der wichtigsten Forschungsaufgabe, die auf diesem Planeten unternommen werden kann. Diese Forschungsarbeit überragt den Wert sämt- licher Erforschungen bei weitem, die wir im äußeren Weltraum unternehmen könnten. Die Existenz der Fähigkeit zur außer- sinnlichen Wahrnehmung verweist den Menschen, die Antwort auf seine Probleme auf der Erde, in seiner wirklichen Natur und in seinem Zusammenhang mit seinem Schöpfer zu suchen.

Doch wo stehen wir heute, was dieses Wissen betrifft? Was ist getan worden, und was bleibt zu tun, um eine verläßliche Er- kenntnis dieser höheren Kräfte und der Art und Weise, sie praktisch anzuwenden, zu erlangen?

Wie die Erforschung der Fähigkeit außersinnlicher Wahrneh- mung begann

Die echte wissenschaftliche Erforschung der parapsychologi- schen Phänomene wurde erst vor weniger als hundert Jahren aufgenommen. Im Jahre 1882 begründete eine Gruppe Gelehr- ter aus Cambridge die »English Society for Psychical Re- search« (»Englische Gesellschaft für Psychische Forschung«). In Frankreich wurde mit ähnlicher Absicht, die Tatsächlichkeit okkulter Vorgänge zu erforschen und die Natur und den Ur- sprung dieser Vorgänge festzustellen zu versuchen, das »Insti- tut Metapsychique International« (»Internationales Metaps y- chisches Institut«) ins Leben gerufen. Beide Organisationen forderten größten Widerspruch durch die Skeptiker und Spötter des neunzehnten Jahrhunderts heraus, welche die Gesellschaften mit Kritik und Hohn eindeckten und sie der »Stümperarbeit mit Gespenstern« bezichtigten. Nicht lange darauf wurde die »American Society for Psychical Re-

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search« (Amerikanische Gesellschaft für Psychische For- schung) gegründet – und alle drei genannten Gruppen sind

seither stets aktiv gewesen, indem sie das sich heute rasch aus- breitende Wissen über den Geist und dessen außersinnliche Befähigungen durch zahllose Forschungsfälle bereicherten. Viele achtbare Forscher haben diese Gesellschaften zur Erfor- schung des Außersinnlichen unterstützt – Männer der Wisse n- schaft, die mutig ihren Ruf zugunsten ihres Bekenntnisses zu dieser neuen Wissenschaft vom Geist einsetzten, und zwar zu einer Zeit, als eine öffentliche Anerkennung solcher Phänome-

Die Tatsächlichkeit sogenannter

übernatürlicher Vorgänge wurde weniger geleugnet als dem Teufel zugeschoben. Und das geschah trotz der Tatsache, daß alle Religionen auf dem Glauben an höhere geistige Offenba- rungen und göttliche Führung errichtet wurden. Um schließlich die Verwirrung noch zu steigern und die Ge g- ner zu bestärken, unterfingen sich viele Zauberkünstler und Scharlatane, angeblich echte übersinnliche Phänomene zu voll- bringen, die in Wirklichkeit durch und durch Schwindel waren. Unter diesen Bedingungen konnte man sich nicht wundern, daß eine ungebildete, häufig verblendete und unerfahrene Bevölke- rung über die Existenz erweiterter geistiger Fähigkeiten spotte- te. Um so schwieriger war es für die Männer der Wissenschaft, Männer lauterer Wesensart, dieses neue Forschungsgebiet auf die Grundlage der Autorität und Anerkennungswürdigkeit zu stellen. Unter jenen, die am heutigen Stand der Kenntnis auf dem Ge- biete der außersinnlichen Wahrnehmung verdienstliche Mitar- beit leisteten, sind folgende Persönlichkeiten:

ne fast gar nicht bestand.

England:

Sir Oliver Lodge, Sir William Crookes, Sir Arthur Conan Do y- le, Lord Balfour, Lord Haldane, Professor H. H. Price, Profes- sor F. W. H. Myers, Professor C. D. Broad, Henry Sidgwick, J. W. Dünne, S. G. Soule, S. H. Saltmarsh, Edmund Gurney,

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Theodore Besterman, G. N. M. Tyrrell, Whatley Carrington. Frankreich:

Camille Flammarion, Dr. Charles Richet, Dr. Alexis Carrell, Dr. Eugene Osty. Vereinigte Staaten von Amerika:

Professor William James, Dr. Walter Franklin Prince, Dr. Mor- ton Prince, Dr. James Hyslop, Dr. Hereward Carrington, Upton Sinclair, Professor William MacDougal, Dr. J. B. Rhine, Dr. Gardner Murphy. Holland:

Professor W. H. C. Tenhaeff. Deutschland, Österreich und Schweiz:

Professor Hans Bender, Professor Hans Driesch, Professor Dr. Gebhard Frei, Professor Dr. Alois Gatterer, Dr. Hans Gerloff, Bruno Grabinski, Professor Dr. Peter Hohenwarter, Dr. Max Kemmerich, Dr. Walter Koch, Dr. Emil Mattiesen, Professor T. K. Oesterreich, Frhr. Carl du Prel, Willy Schrödter, Dr. Rudolf Tischner, Dr. Gerda Walther, Professor Aloys Wenzl, Profes- sor Dr. Fritz Wenzel, Dr. Aloys Wiesinger.

Viele Bücher sind über die Arbeit dieser und anderer Forscher geschrieben worden, und Tausende Fälle wurden untersucht und ausgewertet. Die Berichte in den Zeitungen und offiziellen Publikationen der parapsychologischen Forschung enthalten ebenfalls umfangreiche Informationen über die Ergebnisse und sind in den Bibliotheken vieler Städte erhältlich. Es ist nicht meine Absicht, mit diesem Buche eine Be- standsaufnahme der Forschungsarbeit der Vergangenheit zu schaffen, wie wichtig eine solche auch gewesen sein mag. Vielmehr will ich unser Forschungsgebiet vom Standpunkt meiner eigenen Erfahrungen und Experimente aus behandeln und darlegen, was diese Erfahrungen mir gezeigt haben und wie Sie ähnliche Ergebnisse erzielen können. Im Laufe meines Lebens hatte ich eine Vielzahl beglaubigter Erlebnisse auf dem Gebiete außersinnlicher Wahrnehmung,

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von denen einige bewußt herbeigeführt, andere wieder unge- sucht erfahren wurden. Alle Ergebnisse hatte ich deshalb, weil ich viele Jahre der Entwicklung meiner größeren geistigen Empfänglichkeit widmete und mich für jene Eindrücke offe n- gehalten habe, die mir aus einem Bereich außerhalb der fünf physischen Sinne zukamen.

Gedanken, die Tausende von Meilen »reisten«

Im Herbst 1937 und im Frühling 1938 war mir Gelegenheit gegeben, außersinnliche Kräfte in Form einer Experimentalse- rie zum Beweis fernwirkender Telepathie zusammen mit dem Arktis-Forscher Sir Hubert Wilkins zu untersuchen. Zu jener Zeit war Sir Hubert von der Sowjetunion ausersehen worden, eine Expedition auszurüsten und von New York aus gen Norden zu fliegen, um eine Mannschaft vermißter sowjeti- scher Flieger zu suchen, die den Versuch eines Nonstopfluges von der Sowjetunion nach den Vereinigten Staaten von Ameri- ka über den Nordpol unternommen hatten. Das Flugzeug der Russen war etwa 200 Meilen hinter dem Pol, in Richtung Ame- rika gerechnet, notgelandet oder abgestürzt. Das Funkgerät war still, und die Russen nahmen an, daß die Flieger noch in den Eiswüsten der Arktis leben könnten, und hatten deshalb die Suche nach ihnen beschlossen. Ich hatte Sir Hubert als Mitglied im City Club kennengelernt, und er hatte mir von verschiedenen unerklärlichen Vorahnun- gen berichtet, die ihn zeitlebens begleitet hatten, und gab seiner Überzeugung mit den Worten Ausdruck: »Doch das größte unerforschte Land, das dem Menschen noch zu entdecken bleibt, ist das Land seines eigenen Geistes.« Diese Gemeinsamkeit der Interessen führte uns zu der Idee des telepathischen Experiments. Sir Hubert schlug vor, daß er in drei Nächten der Woche mit mir »mentale Verabredungen« einhalten wolle, nämlich am Montag, Dienstag und Donnerstag zwischen 23.30 Uhr bis Mitternacht der Eastern Standard

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Time, und daß er den Zeitunterschied während seines Fluges in nördliche Gebiete ausgleichen würde. Er würde der Sender sein. Ich als Empfänger hatte zur verein- barten Zeit ruhig in meinem Arbeitszimmer zu sitzen und me i- nen Geist mittels einer Technik, die ich innerha lb jahrelanger persönlicher Erprobung entwickelt hatte, »auf Empfang zu schalten«. Ich wollte alle mir zukommenden Eindrücke klar und deutlich aufzeichnen. Es war ein guter Gedanke, eine unbefangene Zeugenschaft meiner Aufzeichnungen zu ermöglichen. Dr. Gardner Murphy, seinerzeit Professor der psychologischen Fakultät an der Co- lumbia-Universität, stimmte zu, als Zeuge in meine Unterlagen Einsicht zu nehmen. Da die Experimente nicht in einem Labo- ratorium durchgeführt wurden, konnte Dr. Murphy sie nicht als Ganzes zur Kenntnis nehmen, bestätigte mir jedoch nach Ab- lauf der fünfeinhalb Monate währenden Testserie an Eides Statt, daß ich »ihm methodisch und allnächtlich Kopien aller Aufzeichnungen von Eindrücken, die ich empfangen hatte, durch die Post (ausgewiesen durch staatlichen Poststempel) zugesandt hatte«. Andere Zeugen für diese Experimente waren Dr. A. E. Strath- Gordon, Gehirnchirurg im Dienste der brit i- schen Regierung während des ersten Weltkrieges und eine Au- torität für außersinnliche Wahrnehmung; Dr. Henry S. W. Hardwicke, Forschungsmitglied der »Psychic Research Socie- ty« von New York; Reginald Iversen, Haupt-Kurzwellenfunker an der Zeitung »The New York Times«, und Sam Emery, La i- enmitglied des City Club.

Nachdem die Experimente abgeschlossen und Wilkins’ Tage- buch und Reiseaufzeichnungen mit diesen verglichen worden waren, stellten wir fest, daß von den Hunderten während der Testserie aufgezeichneten Gedankenimpulsen etwa 70 Prozent mit den wirklichen Gedanken des Arktisforschers überein- stimmten.

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Die Bestätigung Reginald Iversens ist es wert, hier wiederge- geben zu werden. Er sagte in seiner eidesstattlichen Versiche- rung, abgedruckt in dem Buche »Gedanken durch den Raum«:

»Hiermit versichere ich, Reginald Iversen, Funker für >The New York Times<, während der ganzen Periode seiner telepathischen Experimente mit Sir Hubert Wilkins in Kontakt mit Harold Sherman gewesen zu sein. Es wäre denkbar gewesen, daß einige von Sher- mans Gedankenimpulsen mit einem Kurzwellenverkehr mit Wilkins vergleichbar waren, doch die magnetischen und Sonnenfleckenver- hältnisse waren während der ganzen Zeit so schlecht, daß ich nicht imstande war, mit Sir Hubert Wilkins außer einigen verhältnismäßig wenigen Fällen in Funkverbindung zu treten. Am Montag, dem 21. Februar 1938, besuchten meine Frau und ich Harold Sherman in seinem Heim und waren in seinem Arbeitszim- mer im Hause 380 Riverside Drive in New York City anwesend, als er Gedankenimpulse von Sir Hubert Wilkins empfing und gerade den Eindruck aufzeichnete, daß Sir Hubert Wilkins versuche, mir einige Botschaften über das Kurzwellengerät zu geben. Ich zweifelte an der Tatsächlichkeit dieser Gedanken, da Wilkins wußte, daß die nächsten beiden Tage, Dienstag und Mittwoch, meine regulären Arbeitstage an der >Times< waren, und er selten versucht hatte, mich zu errei- chen, wenn ich nicht am Arbeitsplatz war. Doch ich erfuhr am nächsten Morgen, daß jene Botschaften von Sir Wilkins in der letzten Nacht von unserem Nachtfunker an der >T i- mes< empfangen worden waren, der mich telefonisch zu erreichen versucht hatte, und daß die Botschaften einige Zusatzinformationen zu jenen enthielten, die auch Harold Sherman auf telepathischem Wege erhalten und in meiner Gegenwart aufgezeichnet hatte. Zu keiner Zeit während dieser Testperiode hat Harold Sherman je- mals solche Nachrichten über Sir Hubert Wilkins und seine Tätigkeit im hohen Norden zu empfangen gewünscht, wie sie mich jedoch interessierten. Tatsächlich hatte Sherman, wie sich herausstellte, trotz meiner früheren Skepsis ein genaueres, telepathisches Wissen von den Erlebnissen Wilkins’ bei seiner Suche nach den russischen Flie- gern, als ich es durch meine unablässigen Bemühungen, mit Wilkins durch das Kurzwellengerät in Verbindung zu kommen, erhalten konnte.«

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Seitdem wir diese Experimente angestellt hatten, die in jenen Tagen als Pioniertaten angesehen wurden, hat das Interesse sowohl der Wissenschaftler als auch der Laien am Gebiet der außersinnlichen Wahrnehmung beständig zugenommen. Heut- zutage sind Radio- und Fernsehprogrammgestalter dazu über- gegangen, authentische Fälle unseres Gebietes zu demonstrie- ren, und in Laboratorien für parapsychologische Forschung in der ganzen Welt werden Experimente durchgeführt. Viele Bü- cher und Aufsätze sind über die verschiedenen Arten mentaler Phänomene in ihrer Beziehung zu anderen Wissenszweigen wie Physiologie, Physik, Chemie, Biologie, Neurologie, Ps y- chologie, Psychiatrie und Medizin geschrieben worden. Die Erforschung des menschlichen Geistes beginnt endlich die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die sie seit langem ver- dient. Die Tatsache, daß der Mensch letztlich keine währende Sicher- heit und Befriedigung in weltlichen Erfolgen und im Erwerb von Macht und Reichtum findet, zeigt deutlich, daß seine fünf Körpersinne nicht ausreichen, die ganze Skala seiner mögli- chen Erfahrungen zu machen. Könnte der Mensch die Fähig- keiten außersinnlicher Wahrnehmung, die er latent besitzt, ak- tivieren, entwickeln und anwenden, so würde er seine Ver- wandtschaft mit einer höheren Macht entdecken, und er würde jene Führung und Weisheit empfangen, die er benötigt, um in Harmonie mit sich selbst und seinen Mitmenschen zu leben.

Jedes menschliche Wesen kann in engerer Verbindung zur hö- heren Macht leben

Große Denker haben ihre Prägungen auf die Zivilisation hinter- lassen, indem sie Gedanken und Erleuchtungen schenkten, die heute noch der Menschheit dienen. Solche großen Geister emp- fingen ihre Erleuchtung von Innen, wie alle Geister in Entspre- chung zu ihrem Intelligenzgrad erleuchtet werden können, um

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einst im Einklang mit der höheren Macht zu sein. Anhänger großer geistiger Führer wie des Zoroaster, Laotse, Buddha, Mohammed, Konfuzius, Moses und Christus und an- derer, wurden zu dem Glauben geführt, daß sie nicht von sich aus die inspirierte Erleuchtung ihrer Meister erlangen könnten. Dieses Gefühl der Ungleichheit zwischen dem geistigen Führer und seinen Anhängern war ein höchst tragischer Hemmschuh für geistige Entwicklung und geistigen Fortschritt. Die meisten dieser Anhänger glauben nicht, daß sie mit denselben von Gott gegebenen Kräften ausgestattet sind wie ihre Lehrer. Könnten sie sich vergegenwärtigen, daß sie wahrhaftig dieselbe Grund- kraft zur geistigen Entwicklung besitzen, so würden sich Mil- lionen über Millionen von Menschenwesen erlöst fühlen, und eine höhere Macht würde die Qualität und das Wesen mensc h- lichen Lebens auf dieser Erde unschätzbar verbessern! Glücklicherweise gibt es heute Anzeichen, daß einige fort- schrittliche geistige Führer die Wichtigkeit der Selbsterkennt- nis und die Notwendigkeit für das Individuum, seiner eigenen inneren Entwicklung Aufmerksamkeit zu schenken, zu würd i- gen beginnen. Die Atomphysiker haben ein Schreckgespenst geschaffen, von dem sie fürchten, daß es, einmal losgelassen, alles Leben auf diesem Planeten zerstören kann. So sehen wir, daß sich der Mensch durch die Schöpferkraft seines eigenen Geistes auch mit Waffen von absolut zerstörender Wirkung eingedeckt hat. Er ermangelt bis jetzt der großen Entdeckung und Entwicklung der einzigen Kraft, die ihn vor sich selbst retten kann!

Jene, welche die Gesetze des Geistes verstehen, wissen um die Wahrheit oben angeführter Worte, weil Gleiches stets Gleiches anzieht. Auf eine wirksame Kernformel gebracht, können wir sagen: Haß zieht stets Haß an, und Liebe zieht stets Liebe an. Jeder hohe geistige Führer in allen Zeitaltern hat die Kraft der Liebe hervorgehoben und hat vor der Anwendung von Haß gewarnt. Als menschliche Geschöpfe haben wir uns geweigert,

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diese Ermahnungen zu Herzen zu nehmen. Wäre das nicht so gewesen, so würde die Erde bereits vor Jahrhunderten zur harmonischen Heimat für alle ihre Lebewesen geworden sein.

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Jetzt notieren Sie sich, was Sie im ersten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Sie haben in Ihrem Leben bereits gelegentlich, wahrschein-

lich aber viele Male, fast sicheren Gebrauch von Ihren Fähig- keiten außersinnlicher Wahrnehmung gemacht. Es geschah zum Beispiel, wenn Sie eine Vorahnung hatten, wenn Sie sich heftig gedrängt fühlten, irgend etwas zu tun oder zu unterlas- sen, oder wenn Sie fühlten, daß Sie von einem körperlich nicht Anwesenden besucht wurden.

2. Es gibt keinen Zweifel, daß wir Wahrnehmungsfähigkeiten

jenseits unserer fünf physischen Sinne – Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen – besitzen. Die Wissenschaft lehrt

uns, daß sich in unseren Körpern mehr Zwischenräume als fe- ste Materie, bestehend aus Atomen, befinden und daß wir und alles Sonstige in Wahrheit aus Schwingungen bestehen. Vie l- leicht vermögen unsere Körper dann auf andere Schwingungen zu reagieren, die wir nicht mit unseren physischen Sinnen wahrnehmen.

3. Das außersinnliche Wahrnehmungsvermögen zählt vermut-

lich zum Ursprung der Religion. Es ist ein vollständiges Ge- heimnis gewesen, und vieles vom Geheimnis bleibt, obwohl zur Erforschung des außersinnlichen Wahrnehmungsvermö- gens in den letzten hundert Jahren wissenschaftliche Methoden angewandt wurden. Ein sorgsam kontrolliertes Experiment scheint zu zeigen, daß Gedanken über riesige Entfernungen hinweg von Geist zu Geist »wandern« können.

4. Unsere Gedanken machen aus uns, was wir sind. Es gibt ein

großes Gesetz des Geistes: Gleiches zieht Gleiches an. Somit

zieht Liebe wieder Liebe an, und Haß zieht wieder Haß an.

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Zweites Kapitel

Wie Sie Ihren eigenen Geist kennenlernen können

Während meiner Vorträge über die Kraft des Geistes, die ich vor allem vor den großen Klubs des Landes hielt, bat ich meine Zuhörerschaft oft, die Hand zu erheben, falls jemand eine Antwort auf folgende Frage wüßte:

»Wie viele von Ihnen wissen so viel über die Mechanik Ihres Wagenmotors, daß sie ihn im Falle einer kleineren Panne selbst instand setzen und zur nächsten Reparaturwerkstätte fahren können?« Annähernd sechzig Prozent meiner Zuhörer haben in diesen Fällen, stolz auf ihre Kenntnisse auf mechanischem Gebiet, ihre Hände erhoben. Nachdem ich diesen Köder ausgelegt hatte, stellte ich meine Falle mit folgender Frage:

»Das ist großartig, meine Herren. Jetzt lassen Sie mich eine andere Frage an Sie stellen. Jeder von Ihnen trägt das wunder- vollste, empfindsamste Instrument der Welt mit sich im Kopf umher – Ihren eigenen Geist –, auf das Sie sich in allen bishe- rigen Leistungen und Taten verlassen haben. Doch nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Ihr ganzes künftiges Glück und Ihr Erfolg hängen von der Funktion Ihres Geistes ab. Da das eine Tatsache ist, möchte ich gern von Ihnen wissen, wie viele von Ihnen mir aber erklären können, wie Ihr Geist arbe i- tet?«

Nicht eine einzige Hand hat sich jemals während meiner Vor- träge erhoben!

In die nachdenkliche Stille, die meiner Frage folgte, warf ic h dann ein: »Haben Sie gelegentlich daran gedacht, ein paar Mi- nuten des Tages der Aufgabe zu widmen, etwas mehr Kennt-

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nisse Ihres eigenen Geistes zu erlangen, um mit diesem wirk- samer arbeiten zu lernen? Wie denken Sie im Grunde über den Sinn Ihres Wesens, wie Sie sind und was Sie sind, wie andere auf Sie und Sie auf andere wirken, und worin besteht Ihrer An- sicht nach der wahre Wert des Lebens?!«

Die Wirkung dieser Rede war stets beträchtlich. Denn der Mensch besitzt, erst einmal angeregt, ein ausgeprägtes Interes- se, Kenntnisse über sein Selbst zu erwerben. Leider ist verläßliche Auskunft über die darstellbaren Mecha- nismen des Geistes nicht immer in verständlicher, anwendbarer Form zu bekommen. Sie können Bücher über Gartenbaukunst, über Kindererzie- hung, über den richtigen Umgang mit einer Schwiegermutter, über das Bridgespiel und ähnliche Themen kaufen, aber wie Sie die Funktionen Ihres Geistes handhaben müssen, bleibt

Irrtümern

überlassen. Wenn immer Sie unerwarte t und spontan Eindrücke außersinn- licher Wahrnehmung erlebten, haben Sie diese entweder auf normale Ursachen oder Zufälle zurückgeführt; oder aber Sie wurden von Scheu und Ehrfurcht und vielleicht auch geradezu von etwas Furcht vor diesen Ereignissen befallen. Welche Re- aktion Sie auch gezeigt haben mögen, so haben Sie zweifellos diese »medialen« Ereignisse für sich behalten oder sie nur Freunden und Verwandten, von denen Sie sich verstanden fühl- ten, anvertraut – es sei denn, Sie besaßen bereits einen unge- wöhnlich hohen Grad selbst entwickelter oder angeborener Sensitivität. Es ist übrigens auch wahrscheinlich, daß Sie gar nicht wußten, was Sie mit diesen Kräften beginnen sollten. Nicht allzu viele Autoren, die über das Gebiet des außersinnli- chen Wahrnehmungsvermögens schrieben, haben zugleich die Funktion des Geistes zu erklären unternommen oder praktisch anwendbare Techniken dargeboten, die bestimmt waren, den einzelnen Lesern bewußte Kontrolle und Leitung ihrer höheren Kräfte zu ermöglichen.

Ihrer

eigenen

Entdeckung,

Ihren

Versuchen

und

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Den Versuch zu machen, über dieses Gebiet zu schreiben, be- deutet, eine große Verantwortung auf sich zu nehmen, da so- wohl die Fallgruben als auch die Fortschrittsmöglichkeiten auf dem Wege der geistigen Entwicklung klar aufgezeigt werden müssen. Leider wurde auf diesen Geb ieten so viel Entstelle n- des geschrieben und mitgeteilt, daß viele interessierte Männer und Frauen auf den falschen Weg geführt wurden, und mehr Selbsttäuschungen und Halluzinationen dabei entwickelten statt echter Phänomene. Aus diesem Grunde besteht die drin- gende Notwendigkeit verläßlicher Anweisungen für den Ge- brauch des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens. Lassen Sie mich dennoch eingangs sagen, daß es noch immer vieles über diese höheren Geisteskräfte zu erfahren gibt, das wir nicht wissen. Gerade deshalb ist dieses Forschungsgebiet so fruchtbar und verspricht uns die bemerkenswertesten Ergeb- nisse, wenn wir uns dem Unbekannten mit Vorsicht nähern.

Ich glaube, daß die von mir angewandten Methoden und erleb- ten Erfahrungen Ihnen als sichere Wegweiser dienen können. Ich beabsichtige, stets offen zu bekennen, was ich nach meinem Empfinden nicht auf Grund eigener Forschung bewiesen oder demonstriert habe. Wenn ich spekuliere, werden Sie es wissen; wenn ich meine Zweifel hege, werden Sie es auch wissen. Doch wenn ich Ihnen mitteile, daß Sie Ergebnisse erwarten können, sofern Sie bestimmte von mir vorgeschlagene Techniken des Denkens getreulich anwenden, dann können Sie damit rechnen, mit der Entwicklung Ihrer Fähigkeit ähnliche Erfahrungen wie ich zu erzielen. Die Technik, die mir genützt hat, sollte auch Ihnen nützen!

Als ich als junger Mann meine Erforschungsarbeit begründete, beschloß ich, möglichst mit Leuten meines Alters zu wirken. Dafür gab es zwei Gründe. Der eine lag darin, daß in jenen Tagen nur wenige ältere Menschen so außergewöhnliche Be- strebungen ernst genommen haben würden, und der andere

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Grund war der, daß die Jugend gewöhnlich aufgeschlossener ist, neue Ideen aufzugreifen und fast alles gern unternimmt, das einen Hauch von realen oder geistigen Abenteuern verspricht.

Als die Rathausglocke »zwei« schlug

Als ich einem Studienfreund namens Homer Auszüge aus dem Buche von Thomas Hudson vorlas und ihm mein Erlebnis mit dem Manne von den Elektrizitätswerken erzählte, bot sich Homer an, telepathische Versuche mit mir anzustellen. Da Hudson festgestellt hatte, daß es leichter sei, einem schlafenden und damit in seinem bewußten Geist entspannten Menschen einen Gedanken zu übermitteln, schlug Homer vor: »Weshalb solltest du nicht versuchen, mir eines Nachts einen Gedanken zu senden, während ich schlafe, und mich zu bestimmter Zeit aufzuwecken? Ich habe einen gesunden Schlaf und wache se l- ten durch irgend etwas auf.« Dieses einfache Experiment fand meinen Anklang, doch sagte ich zu Homer, daß ich den Versuc h nicht sofort beginnen möchte, da ich fühle, er belaste den Versuch zu sehr mit seinen Vorerwartungen und beeinflusse dadurch die möglichen Er- gebnisse. Homer erwiderte, daß er also seine Idee vergessen wolle, bis irgend etwas geschehe. Er wohnte am anderen Ende der Stadt als ich, und obwohl wir dieselbe Schule besuchten, sah ich ihn nicht eher wieder als nach dem Durchführungsver- such unseres Experimentes. Es war die dritte Nacht nach unserer Verabredung, und ich saß ungefähr um zehn Uhr abends, nämlich zur angeblich üblichen Schlafenszeit Homers, in meinem Schlafzimmer. Ich konnte aus dem Fenster in den Nachthimmel blicken und auch das Zifferblatt der Uhr des Rathauses, zwei Häuserblöcke entfernt, erkennen. Vor mir hatte ich ein Exemplar des Universitätsjahr- buches auf dem Schoß, das auf einer Seite aufgeschlagen war, die Homers Photographie zeigte. Ich fühlte irgendwie, daß es mich bei meinem Versuch der Gedankensendung unterstützen

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könnte, bei dem ich Homer sowohl lautmäßig als auch geistig ansprach, wenn ich dabei sein Äußeres vor meinem geistigen Auge hatte. Diese Idee war allein die meinige. Ich blickte auf Homers Bild, bis ich meine Augen schließen konnte und sein Antlitz innerlich sah. Nachdem ich ihm dann meine Aufmerk- samkeit zugewandt hatte, sprach ic h mit allem Gefühl, das ich in meine Worte legen konnte: »Homer, hier ist Harold. Du wirst in dieser Nacht genau um zwei Uhr morgens erwachen und an mich denken, wenn du die Rathausuhr >zwei< schlagen hörst!« Ich fuhr fort, diese Suggestion etwa fünfzehn Minuten lang innerlich zu wiederholen, wobei ich zuweilen meine Augen öffnete, aus dem Fenster auf die Rathausuhr blickte und mit meinen Händen eine auf zwei Uhr weisende Figur bildete; als- dann schloß ich meine Augen wieder und hielt in meinem Ge i- ste dieses Bild zurück, das ich dann mit Willenskraft Homer zudachte. Ich fühlte mich selbst unter einer nicht unbeträchtlichen Ge- fühlsspannung stehen, so als ob mir einige Kraft abgezogen, aber nicht zurückgegeben würde. Diese Gefühle sind schwer zu beschreiben. Es war fast so, als ob ich mit Homers Unterbe- wußtsein in Berührung gekommen und daraufhin abgewiesen worden war. Das veranlaßte mich, um so hartnäckiger zu ver- suchen, zu ihm durchzudringen. Ganz plötzlich überkam mich die Empfindung großer seeli- scher Entspannung, als sei die von mir ausgesandte Gedanke n- botschaft endlich an ihrem Bestimmungsort, in Homers Geist, angelangt. Sofort brach ich die versuchte Übertragung ab und ging zu Bett, um zu schlafen. Am nächsten Morgen wurde ich um sieben Uhr durch das Lä u- ten des Telephons geweckt. Ich empfand sofort, wer der Anr u- fer war. »Hallo, Homer! Klappte es?« begrüßte ich ihn. »Es klappte!« erwiderte Homer erregt. »Um welche Zeit hast du mich aufzuwecken versucht?«

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»Genau dann, als die Rathausuhr >zwei Uhr< schlug!« entge g- nete ich. »Dahaben wir’s!« rief Homer. »Doch tue das niemals wieder! Ich wurde hellwach. Ich konnte deine Anwesenheit im Zimmer fühlen, und es schien mir so, als hättest du mich an der Stirn berührt. Ich hörte die Stadtglocke schlagen. Es war unheimlich. Ich mußte aufstehen und das Licht einschalten, ehe ich des Ge- fühles Herr werden konnte, daß du wirklich dort bei mir gewe- sen seiest! … Bei Gott! Irgendwie hat das alles seine Richtig- keit – aber es ist zu aufregend für mich!« Wenn Homer von seinem Erlebnis beeindruckt war – ich war es ebenfalls! Als ich das Geschehene durchdachte, stellten sich mir eine Reihe von Fragen. Da ich mich bereits kurz nach zehn Uhr abends auf Homer konzentriert hatte, mußte dieser meine Gedanken zu jener Zeit empfangen haben. Hatte ich demnach eine sogenannte »postte- lepathische Suggestion« gegeben, die Homer veranlaßte, zu dem bestimmten Zeitpunkt zu erwachen? Ich selbst hatte während des Schlagens der Rathausuhr geschla- fen. Hatte mein Unterbewußtsein dennoch zur verabredeten Zeit irgend etwas unternommen, was Homer aufweckte? War um zwei Uhr nachts irgendeine Kraft von mir ausgegangen, die Homer den Eindruck vermittelt hatte, daß ich ihn wirklich be- rührt habe und sogar in seinem Zimmer anwesend war? Ich wußte damals nichts über Astralwanderungen, denn sonst hätte ich auf Grund von Homers Bericht Erwägungen über die Mö g- lichkeiten angestellt, meinen physischen Körper verlassen und ihm einen Besuch abgestattet zu haben, ohne überhaupt eines solchen Ereignisses bewußt geworden zu sein! Wie nun auch die richtige Erklärung meines damaligen Erlebnisses lauten mochte, es gab absolut keinen Zweifel über den Erfolg des Ex- perimentes. In späteren Jahren kam ich, um beträchtliche Erfahrungen be- reichert, zu der Folgerung, daß ich mit jenem nächtlichen Ver- such auf eine höchst erfolgreiche Methode zur Fernübermitt-

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lung einer Botschaft gestoßen war. Diese Methode hilft unge- mein, das geistige Bild eines Individuums festzuhalten, dem Sie Gedanken aussenden wollen. Indem ich auf ein Porträt- Photo Homers blickte, fühlte ich, daß ich mit ihm in Direktko n- takt stand und daß die Grenzen von Zeit und Raum ausgelöscht waren. Es war, als ob ein Stromkreis zwischen Homer und mir geschlossen, worden war, als ich im Geiste in seine Augen sah und meine Botschaft wieder und wieder aussandte. Wäre Ho- mer wach gewesen, hätte er wohl dennoch meine Gedanken im Unterbewußtsein empfangen; doch wenn sein bewußter Geist sich auf irgend etwas anderes konzentriert haben würde, wäre es wohl zweifelhaft gewesen, ob meine Gedanken von ihm aufgenommen worden wären. Sie werden sich daran erinnern, daß meine ganze Aufmerk- samkeit in dem Augenblick auf das Licht gerichtet war, als ich den Gedankenimpuls des Mannes der Elektrizitätswerke emp- fing, das Licht nicht anzudrehen. Damit waren ideale Bedin- gungen für den Empfang einer Gedankenübertragung gegeben. Darüber hinaus war der Mann emotionell erregt gewesen, und inzwischen war ich überzeugt, daß dieser Faktor eine beso n- ders wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Übertragung gewesen war. Offensichtlich hatte mich das Experiment mit Homer in keine besondere Spannung versetzt gehabt. Ich ver- mochte meinem Ausstrahlungsversuch lediglich den starken Wunsch mitzugeben, daß mein Versuchspartner die Gedanken empfangen möge. Sie können sich dennoch gut vorstellen, daß mich das Ergebnis sehr ermunterte und mich anspornte, andere Versuchspartner dieser Art zu finden.

Liebende verabreden sich – durch Telepathie

Einige Monate später rief mich ein Mädchen namens Persis an, das in unserem Block wo hnte und dem ich meinen Glauben an die Möglichkeit der Telepathie anvertraut hatte. Persis bat mich um meine geistige Hilfe und sagte:

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»Harold, ich erfuhr gerade, daß mein Freund von der Marine auf Urlaub zu Hause ist. Er ist draußen auf dem Lande, um seine Angehörigen zu besuchen. Sie haben kein Telefon dort, und ich möchte mich auch auf keine andere Weise mit ihm in Verbindung setzen, da Yunker und ich miteinander Streit hat- ten. Trotzdem würde ich so gern wünschen, er riefe mich an und bäte, mich zu sehen. Wenn nun irgend etwas Wahres an der Telepathie ist, haben Sie hier eine Gelegenheit, es zu be- weisen. Vermitteln Sie Yunker die Botschaft, mich telepho- nisch anzurufen und einen Zeitpunkt für unser Treffen für morgen, Sonntagabend, anzugeben. Sie werden aus mir eine Anhängerin Ihrer Behauptungen gemacht haben, wenn mein Freund wirklich anruft!« Persis hatte mir diese Bitte am Samstagabend nahegelegt. Ich verkündete ihr, daß ihr Verlangen ein reichlich schwieriges sei, zumal sie und Yunker im Streit auseinandergegangen seien, doch daß ich dennoch mein Bestes versuchen wolle. Ich wartete bis in die späte Nacht, bis ich normalerweise sicher sein konnte, daß Yunker im Bett war und schlief. Wieder ein- mal holte ich das alte Jahrbuch der Universität hervor, sah mir ein Photo Yunkers an und starrte so lange darauf, bis ich ihn klar vor meinem geistigen Auge zu sehen vermochte. Darauf- hin sagte ich laut zu ihm: »Yunker, du hast den Wunsch, Persis zu sehen, und sie möchte dich sehen. Rufe sie morgen an und bitte um ein Rendezvous um halb acht Uhr morgen abend!« Wie ich es bereits in meinem Versuch mit Homer gehalten hat- te, wiederholte ich diese Botschaft so lange, bis mich das Ge- fühl überkam, daß sie empfangen worden war. Es dauerte min- destens über eine halbe Stunde, bis mir diese innere Gewißheit zuteil wurde. Ich schien einen ganz erheblichen Widerstand gebrochen zu haben. Doch sowie ich mich entspannt fühlte, brach ich meine Gedankensendungen ab. Am folgenden Tage, dem Sonntag, rief mich die aufgeregte Persis an, um mir zu verkünden, daß Yunker gerade bei ihr angerufen habe.

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»Er bat, Sie um etwa halb acht Uhr heute abend zu treffen, stimmt es?« erkundigte ich mich. »Genau diese Zeit nannte er«, bestätigte Persis. »Ich kann mir nicht erklären, wie Sie das vollbracht haben, doch halte ich es für großartig!« Sie hatte keine Ahnung, aber auch ich selbst wußte keineswegs genau, wie ich das vollbracht hatte. Ich wußte lediglich, daß ich mich in bereits zwei Fällen wie früher beschrieben auf zwei verschiedene, schlafende junge Männer konzentriert hatte, die offensichtlich meine Gedanken in der Ferne empfangen und beim Erwachen darauf reagiert haben. Es waren nur einfache kleine Experimente gewesen, doch mir als Neuling erschienen sie höchst bemerkenswert. Sie regten meinen Forscherdrang an, mehr von diesen geheimnisvollen Kräften des Geistes zu erfahren.

Das Radio hatte gerade seinen Siegeszug in der Öffentlichkeit begonnen, und ich wurde dadurch zu der Überlegung geführt, ob wohl eine Art »mentaler Äther« bestehe, in dem sich Ge- dankenwellen ähnlich den Radiowellen fortpflanzen mögen. Gab es ein gewaltiges Netzwerk der Geister, durch das jedes menschliche Geschöpf auf unterbewußten Ebenen erkannt wer- den konnte? Und war jedes Individuum, ohne es zu bemerken, eigentlich ein Sender und Empfänger?

War Telepathie eine allgemeingültige Erscheinung, so mußten Myriaden von Gedanken von Geist zu Geist und in allen Zeiten ausgesandt worden sein, und so sind die Menschen auf diese oder jene Weise, ohne für gewöhnlich irgendeine entwickelte Fähigkeit zur Wahrnehmung der verschiedenen Quellen dieses Einflusses zu besitzen, gegenseitig beeinflußt worden. Eine ganz neue Welt geistiger Möglichkeiten öffnete sich vor mir, die ebenso beängstigend wie erregend war. Sowohl große Gefahren als auch große Segenskräfte des menschlichen Ge i- stes sah ich erwachsen. Ich bedachte, daß jegliche menschliche

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Erfindung ganz nach der edlen oder unedlen Weise ihrer An- wendung Gutes oder Böses bewirken konnte. Trotzdem hat die Tatsache, daß auch ein zerstörerischer Gebrauch von diesen gemacht werden konnte, den Menschen niemals von seinen Erfindungen abgehalten. Zum Glück für mich war ich auch für Leichtathletik einge- nommen. Andernfalls nämlich glaube ich, hätten mir meine Ausflüge in das Reich der damals sogenannten medialen Phä- nomene gesundheitlichen Schaden zugefügt. Ich hätte leicht aus dem seelischen Gleichgewicht kommen können. Ich habe die Überzeugung der absoluten Notwendigkeit der Erhaltung der geistigen und seelischen Stabilität als Voraussetzung für praktische Experimente auf dem Gebiete des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens gewonnen. Sich einen gesunden Geist in einem gesunden Körper zu erhalten, ist ein Schutz ge- gen alle unerwünschten Einflüsse für mich. Gleichze itig mit der Erfahrung der Wirksamkeit der Geistes- kraft in einen Bereich jenseits der fünf physischen Sinne ge- wahrte ich, wie kläglich gering meine Kenntnisse der Funktion des Geistes waren. Ich fühlte, daß ich zu einer immer besseren bewußten Kontrolle jeder Phase meines Daseins geführt wer- den würde, wenn ich eine überragende Einsicht in die Arbeits- weise des Geistes erlangen könnte; und in der weiteren Folge würde ich in die Lage versetzt sein, die schwer faßbaren außer- sinnlichen Befähigungen mit Überlegung zu behandeln und sie vielleicht eines Tages unter einen gewissen Grad von kontro l- liertem Einsatz zu bringen. Nachdem ich zu diesen Feststellungen gekommen war, fand ich mich dem Beginn einer Forschungsarbeit ausgesetzt, die mich nie mehr loslassen sollte. Die Herausforderung des Ein- bruchs des Unbekannten in das Reich des Geistes steht seit eh und je vor mir. Der Fortschritt war schleppend, manchmal entmutigend, manchmal wurden Illusionen zerstört, doch stets blieben die Ergebnisse erregend genug, um zu begeistern. Heute bin ich imstande, Ihnen in einfachen Ausdrücken die

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Funktionen Ihres Geistes auseinanderzusetzen. Sie können sich diese Funktionen selbst beweisen, indem Sie sie in Ihrem eige- nen Leben erproben. Diese Funktionen erstrecken sich über die gesamte Skala der Tätigkeiten Ihres Geistes. Der besseren Übersicht und des besseren Verständnisses wegen teile ich den Geist auf Grund seiner Beziehung zum Bewußt- sein in sieben verschiedene Ebenen ein. Ihre erste geistige Ebene ist:

1. Ihre Bewußtseinsebene

Diese ist der Bezirk, in der Ihr bewußter Geist wirkt. Dieser Bezirk Ihres Geistes wird völlig auf die Funktion Ihrer fünf physischen Sinne beschränkt. Es handelt sich um die Ebene, durch die Sie mit der äußeren Umwelt in Verbindung stehen. Ihr vernünftig argumentierender, abwägender, wißbegieriger, berechnender, sich anpassender Verstand gehört zu dieser Ebe- ne. Er leitet den beständigen Strom der seelischen Bilder aller Ihrer Erlebnisse und aller durch diese Erlebnisse verursachten Gefühle in Ihr Unterbewußtsein.

2. Ihre unterbewußte Körperkontroll-Ebene

In diesem Bezirk waltet jene Intelligenz, welche die allgeme i- nen Funktionen aller Ihrer Körperorgane wie Herz, Magen,

Nieren usw. überwacht und leitet. Diese Überwachung ge- schieht, wie Sie wissen, ohne Notwendigkeit Ihrer bewußten Einschaltung. Doch können Ihre herabziehenden Emotionen wie Furcht und Sorge und Haß die Funktionstüchtigkeit dieser Unterbewußtseinsebene ausschalten.

3. Ihre Gedächtnisebene

Dieser Bezirk Ihres Unterbewußtseins ist der Speicher für alle Eindrücke Ihrer Erfahrungen in der Umwelt, die Sie durch ei- nen oder mehrere Ihrer fünf physischen Sinne erworben haben. Diese Eindrücke existieren in der Form von Seelenbildern. Mit jedem dieser Bilder ist das entsprechende Empfinden, ob gut

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oder schlecht, verbunden, das dem dazugehörigen Erlebnis verknüpft war. Diese Erinnerungen können im allgemeinen willkürlich auf Befehl Ihres Geistes hervorgeholt werden.

4. Ihre Schöpferkraft-Ebene

Diese Ebene mag man mit einem elektromagnetischen Feld vergleichen, das sofort auf Ihre heftigen Wünsche oder Ängste reagiert und eine Art Anziehungskraft entwickelt, die Ihnen die Verwirklichung Ihrer Vorstellungsbilder zu ermöglichen trac h- tet, wobei diese Bilder wie eine Bauzeichnung für den Archi- tekten benutzt werden mögen. Wenn Sie richtig denken, wird diese Schöpferkraft dahin wirken, Ihnen bei der Schaffung der Bedingungen, Umstände, Hilfsquellen, Gelegenheiten und selbst menschlichen Begegnungen zu helfen, die Sie zur Erfül- lung Ihrer sehnlichsten Wünsche brauchen.

5. Ihre Heilungskraft-Ebene

Diese geistige Ebene umfaßt die Lebensenergie, wie ich sie nenne. Wenn Sie krank oder verletzt sind, wird diese reservier- te, neuschöpferische Energie in Tätigkeit gesetzt. Sie durc h- dringt jede Ihrer Körperzellen und vollbringt das Werk der Neubelebung. Sie rufen die Wirkung dieser Energie auf, wenn Sie beten oder sich Genesung geistig ausmalen.

6. Ihre Intuitionsebene

Diese geistige Ebene umfaßt Ihre Fähigkeiten der außersinnli- chen Wahrnehmung. Diese Fähigkeiten werden nicht durch Raum oder Zeit oder durch Ihren physischen Körper, wie etwa durch die fünf physischen Sinne, beschränkt. Sie wirken über Ihre Bewußtseinsebene in jener Weise ein, die man gewöhnlich als Ihre Intuition bezeichnet. In Ihrem täglichen Leben werden Sie oft geführt und beschützt, indem sich diese intuitiven Ein- drücke mit Ihrem bewußten Denken verschmelzen.

7. Ihre Kosmische Bewußtseinsebene

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Diese Ebene ist die höchste des Bewußtseins und liegt meist tief in Ihnen verborgen. Sie bildet Ihre Brücke zum Unendli- chen. Über diese Brücke können Sie zuweilen die Möglichkeit der Existenz außerhalb des physischen Körpers wahrnehmen. Wenn Sie lernen, Ihren physischen Körper zu entspannen, Ihr Bewußtsein aufnahmebereit zu halten und Ihre Aufmerksa m- keit dem inneren Kern Ihres Selbst zuzuwenden, dann können Sie in dieser inneren Stille Verbindung zu Gottes Gegenwart oder zum Göttlichen Bewußtsein, wie man es nur bezeichnen kann, erlangen. Von dieser Ebene stammen alle wahren Er- leuchtungen und Inspirationen. Diese höchste, die Kosmische Bewußtseinsebene, haben alle echten geistigen Führer und M y- stiker in sich entwickelt und dadurch Anschluß zum Höchsten gefunden.

Um sich den relativen Standort Ihres Ego, Ihrer Identität, Ihrer Seele – jener Ursache, die Ihnen das Ichgefühl gibt – besser vorstellen zu können, denken Sie sich Ihre Wesenheit in die Mitte eines Kreises versetzt. Dieses Selbst wird von den sieben Bewußtseinsebenen umgeben. Das äußere Band, oder die äuße- re Ebene, beginnt mit Ihrer normalen Bewußtseinsebene, und es folgen von außen nach innen, dem Zentrum des Kreises, oder dem Ego zu, sämtliche anderen Ebenen in der bereits an- gegebenen Reihenfolge. Natürlich ist Ihr Geist nicht wirklich und buchstäblich so »aufgeteilt«, doch ohne solche bildhaften Vergleiche ist es schwierig, die Stufen des Bewußtseins in ei- ner Ihnen verständlichen Weise darzulegen. Wir wissen jedoch, daß diese einzelnen Bewußtseinsebenen vorhanden sind und aufeinander einwirken, und darin liegt die überaus wichtige Tatsache. Ihr wahres Selbst als Zentrum des Seins ist sowohl Beobachter als auch Bewirker. Es ist mit allen diesen sieben Ebenen jeder- zeit entsprechend der Notwendigkeiten und Wünsche verbun- den. Sie sind augenscheinlich Bewohner einer Körperhülle, der die volle Ausrüstung mitgegeben wurde, deren Sie bedürfen,

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um Lebenserfahrungen auf diesem Planeten Erde zu sammeln. Im Besitz der Macht des freien Willens und der freien Wahl liegt es an Ihnen, das Beste aus Substanz und Kräften zu ma- chen, die Ihnen verliehen worden sind. Doch nur wenige Me n- schen haben bis jetzt begonnen, den Reichtum ihrer inneren Fähigkeiten auch nur anzuzapfen oder ihre verschiedenen ge i- stigen Fähigkeiten und seelischen Veranlagungen wirksam einzusetzen.

Jeder von uns ist ein Universum in sich selbst, ein kleiner Teil einer unvorstellbar gewaltigen Großen Intelligenz, und jeder von uns wurde individuell bis zur bewußten Gewahrung seiner Identität entwickelt. Wir sind auf schwer begreif liehe Weise mit dieser Höheren Macht verwandt, die in uns ist, die um uns ist, und die anscheinend alles Belebte und Unbelebte durch- dringt. Religiöse Menschen nennen die Macht GOTT; Wissen- schaftler nennen sie ENERGIE. Eigentlich gibt es in keiner Sprache Worte, die diese Geheimnisse nur entfernt ähnlich beschreiben.

Solche Gedankengänge hatten mich erfaßt, als ich ein junger Mann war. Zu jener Zeit empfand ich eine große Ohnmacht und eine große Einsamkeit – das verzweifelte Gefühl, daß ich niemals die Ungeheuerlichkeit und die Tiefe dieser vor mir stehenden Urgeheimnisse würde erfassen können. Doch im Laufe der Zeit und mit Überwindung der Reifejahre hatte sich mein geringes Wissen zu einer tiefgründigen, stets sprudelnden Quelle der Gewißheit entwickelt, zu jener Gewißheit und je- nem Empfinden, daß in mir eine Ewigkeit beschlossen liegt, in der ich auf alle Fragen meiner Seele Antwort suchen und fin- den könne. Diese innere Gewißheit können Sie ebenso erlangen wie ich selbst. In allen Ze iten haben die Menschen, jedoch meist blind- lings, nach Wahrheit gesucht. Doch nur durch Entwicklung des Selbst und der Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung, die

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sich auf das Sein jenseits der Begrenzung durch die physischen Sinne beziehen, können eines Tages alle Menschen zur bewuß- ten Vereinigung mit ihrem Schöpfer geführt werden. Was wir aber hier und jetzt benötigen, ist jene Kenntnis über das Selbst, die uns befähigt, das Leben zu meistern, wo immer wir auch stehen. In meiner eigenen Entwicklung konnte ich nur geringe Fortschritte machen, ehe ich nicht Grundtatsachen über das Wirken des Geistes erlernt hatte.

Diese Grundtatsachen führe ich nun an:

Sie denken im Grunde in seelischen Bildern und nicht in Wor- ten! Alles, was Ihnen widerfährt, nimmt in Ihrem Gedächtnis die Form eines mentalen Bildes an. Damit ist das Gefühl oder die emotionelle Reaktion verbunden, die Sie zur Zeit des Er- lebnisses hatten. Wenn das Ereignis Gefühle der Furcht oder des Hasses erweckte, sind diese Eindrücke jetzt ein Teil Ihres Unterbewußtseins. Die Tatsache, daß ein Ereignis der Vergangenheit zugehört, ist kein Beweis dafür, daß es keine weitere Wirkung mehr auf Sie ausübt. Die Erfahrungen des ganzen Lebens, bis zum gege n- wärtigen Augenblick, existieren in einer anderen Form in I h- rem Gedächtnisstrom weiter. Wenn das nicht so wäre, könnten Sie keine Erinnerung willentlich zurückholen, und Sie würden durch keine Erinnerung an irgendein unglückliches Erlebnis seelisch aufgewühlt werden. Es ist unmöglich, den letzten Folgen Ihres ver gangenen De n- kens zu entgehen, möge es gut oder schlecht gewesen sein. Der Grund dafür liegt in dem bereits festgestellten Gesetz, daß im Bereiche des Geistes Gleiches das Gleiche anzieht. Sie werden nicht nur von Ihren geistigen und seelischen Reaktionen auf vergangene Erlebnisse, sondern auch von der Art Ihrer Wün- sche und Sehnsüchte und Ihrer Ängste und Abneigungen beein- flußt. Das ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Schöp- ferkraft Ihres Geistes die Bestimmung hat, sämtliche Ihrer Vor- stellungsbilder der Verwirklichung zuzuführen.

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Denken Sie daran, daß diese Ihre Schöpferkraft nicht imstande ist, von sich aus planmäßig zu wirken. Sie folgt unfehlbar den Anordnungen Ihres bewußten Geistes, indem sie alle inneren Bilder und die dazugehörigen Gefühlsregungen empfängt, als ob diese Baupläne wären, deren Verwirklichung in Ihrer äuße- ren Welt stattzufinden hat. Sie selbst mit Ihren Möglichkeiten bewußter verstandesmäßiger und willentlicher Äußerungen sind die einzige Macht, die diese inneren Bilder auswählen oder umändern und somit jeglicher Aktion dieser inneren Schöpferkraft Einhalt gebieten kann. Dieses Bilderdenken ist ein geistiger Vorgang, der bereits den ersten menschlichen Geschöpfen eigen war. Trotz aller Spra- chen, die der Mensch entwickelt hat, sind seine Worte nach wie vor nichts anderes als Symbole seiner Empfindungen und se i- ner mentalen Vorstellungen, die er wahrnimmt und empfängt. Die erhebliche Verschiedenheit der menschlichen Sprache hat im Grunde Zwistigkeiten über die jeweiligen Wortbedeutunge n hervorgerufen, die vermieden worden wären, wenn der Mensch imstande gewesen wäre, seiner Mitmenschen wahre Gefühle und Antriebe richtig zu erspüren.

Der Mensch beginnt sein außersinnliches Wahrnehmungsver- mögen zu entdecken

Die Schwierigkeiten steigerten sich, als der Mensch der Er- scheinung des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens ge- wahr wurde. Ganz plötzlich mag er entdeckt haben, daß seeli- sche Einflüsse und starke Gefühle von anderen sein eigenes Bewußtsein durchfluteten oder sogar zeitweilig Besitz von die- sem ergriffen. Sehr oft mag er auch nicht erkannt haben, was geschehen war, und mag diese Eindrücke als Zufälle erklärt haben. Bei anderen Gelegenheiten wiederum traten die außer- sinnlichen Erfahrungen so lebhaft und unmißverständlich in Erscheinung, daß der Mensch wußte, daß sich Außerordentli- ches ereignet hatte, selbst wenn er keine Erklärung dafür finden

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konnte. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich entdeckte, daß jeder von uns von einer Art »elektromagnetischem Schutzschild« umge- ben ist, der uns normalerweise davor bewahrt, daß der Geist irgend jemandes anderen die Herrschaft über uns gewinnt. Wenn das nicht so wäre, so würden unsere Gemüter beständig von allen möglichen Gedanken und Gefühlen überwältigt wer- den. Dieses schützende Kraftfeld kann lediglich durch Krank- heitszustände, heftige seelische Erregungen, hypnotische Be- einflussung, Alkohol- und Rauschgift-Süchte sowie sogenannte Geisteskrankheiten durchbrochen werden. Bestehen eine oder mehrere dieser negativen Bedingungen, so besteht der Ver- dacht, daß das betreffende Individuum Einflüssen von außen und deren möglicher Herrschaft unterworfen ist. Einige Männer und Frauen besitzen mediale Kräfte – das ist die Fähigkeit, die seelischen und körperlichen Zustände eines an- deren Menschen auf sich nehmen und eine genaue Schilderung des Zustandes und der Symptome dieses Menschen geben zu können oder auch Erlebnisse aus der Vergangenheit des betre f- fenden Fremden zu wissen. Ja, gelegentlich kommt sogar die Voraussage eines künftigen Geschehens im Leben eines ande- ren Menschen durch ein solches Medium vor. Derart begabte Menschen können die Wirkung äußerer Einflüsse auf ihr eige- nes Bewußtsein bestätigen – Einflüsse, die sich häufig sogar in ihrer eigenen physischen Reaktion widerspiegeln. Wenn solche Sensitiven ihre eigenen Identitäten und ihr Be- wußtsein im Trance-Zustand aufgeben und angebliche andere Wesenheiten durch sich sprechen lassen, oder wenn sie ihren eigenen Geist und Körper zur Ermöglichung des automatischen Schreibens, zur Demonstration von Fernwirkungskräften oder verschiedener Arten von Materialisationen zur Verfügung ste l- len, nehmen sie die Gefahr auf sich, besessen und umsessen zu werden. Ferner riskieren sie die Möglichkeit der Manifestation einer oder mehrerer »Nebenpersönlichkeiten«, die Abspaltun- gen des eigenen, für gewöhnlich unterdrückten, Wesens sind.

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Tatsächlich ist es oft schwer, die Unterscheidung zwischen einer Spaltpersönlichkeit und einer sogenannten entkörperten Wesenheit zu treffen, da das unkontrollierte Unterbewußtsein suggestive und bildnerische Fähigkeiten besitzt. Es ist an der Zeit, an diesem Punkt die tiefen Mysterien anzu- deuten, denen wir uns gegenübergestellt finden, wenn wir die rationale und wissenschaftliche Erforschung jedes Aspektes des menschlichen Bewußtseins unternehmen. Ich habe heraus- gefunden, wie auch Sie entdecken werden, daß es äußerst schwierig ist, jemandes Einbildungskräfte von den außersinnli- chen Fähigkeiten zu trennen. Die Einbildungskraft ist bestrebt, sofort alle fehlenden Einzelheiten der außersinnlichen Wahr- nehmung schöpferisch auszufüllen. Sehr oft versucht das Gedächtnis, eine bereits über ein Indivi- duum bekannte Tatsache zu einer vermeintlichen Gedanke n- übertragung durch den Betreffenden zu überhöhen. Auf diese Weise werden bereits im Gedächtnis gespeicherte Erinne- rungsbilder mit telepathisch von einem anderen Menschen empfangenen Eindrücken vermischt. Um sich vor solchen Vermengungen zu schützen und die empfangenen Fremdein- drücke vor der Verfälschung durch eigene Erinnerungen zu bewahren, ist die Entwicklung der Fähigkeit, diese falschen gedanklichen Eindringlinge zu erkennen und sie auszuschalten, erforderlich.

Infolge der unaufhörlichen Aktivität des Geistes ist es schwie- rig, wenn nicht unmöglich, daß ein echter Telepath hundert- prozentig richtige Ergebnisse erreicht und hält. Immer wenn ich die Behauptung höre, daß gewisse Sensitive stets imstande seien, korrekte telepathische oder hellsichtige Eindrücke zu empfangen, weiß ich, daß sie auch irgendwelche Tricks benut- zen.

In meinen unter wissenschaftlicher Kontrolle durchgeführten telepathischen Experimenten wurden mir 70 bis 90 Prozent

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zutreffende Resultate bescheinigt. Ein gewisser Spielraum für Irrtümer ist auf diesem Gebiet immer vorhanden und wird vor- handen bleiben. Auch ist es keinem Sensitiven möglich, eine absolute Garantie für überragende, die Wahrscheinlichkeitser- wartung übersteigende Ergebnisse zu geben. Ein erfahrener Telepath mag unter wissenschaftlichen Versuchsbedingungen wiederholt erfolgreiche Versuche abschließen, doch wirken auch Elemente der körperlichen und geistigen Ermüdung ein, und zuweilen treten auch störende äußere Faktoren auf, die die Fähigkeit zur Demonstration außersinnlichen Wahrnehmungs- vermögens ausschalten können. Wenn wir in unseren Kenntnissen fortschreiten, werde ich mehr über diese Probleme der mentalen Verbindung zu sagen haben. An diesem Punkt schlage ich Ihnen vor, die Grundtatsa- chen dieses Kapitels nochmals durchzugehen. Machen Sie die- ses Wissen zu einem Teil Ihres Unterbewußtseins und begin- nen Sie, die Technik des Denkens praktisch anzuwenden, die Sie zu sinnvollerem Gebrauch aller Ihrer Geisteskräfte führen kann.

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im zweiten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Viele Menschen wissen, wie ihre Autos funktionieren, doch

nur wenige wissen, wie ihr Geist funktioniert. Letzteres he- rauszufinden, kann Sie reich belohnen.

2. Ein frühes Experiment zeigte mir, daß der Geist im Schla f-

zustand für aus der Ferne gesandte Gedanken empfänglich ist.

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3.

Der Geist scheint auf verschiedenen Ebenen zu arbeiten, die

nicht physisch voneinander getrennt sind, jedoch verschiedene

Funktionen haben. Diese Ebenen sind:

Ihre Bewußtseinsebene Ihre unterbewußte Körperkontroll- Ebene Ihre Gedächtnisebene Ihre Schöpferkraft-Ebene Ihre Heilungskraft-Ebene Ihre Intuitionsebene Ihre Kosmische Bewußtseinsebene.

4. Ihr wahres Selbst, als Zentrum Ihres Wesens, ist mit allen

diesen sieben Ebenen verbunden. Sie haben einen freien Willen und freie Entscheidung. Indem Sie Ihren Geist gut oder schlecht anwenden, können Sie das Beste oder das Geringste aus den wundervollen Grundkräften machen, die Ihnen verlie- hen wurden.

5. Ihr Geist enthält die Aufzeichnungen der vergangenen Ere i-

gnisse und kann damit die ganze Fracht der damit verbundenen

Emotionen zurückholen. Somit können Sie den sich anhäufe n- den Folgen Ihres Denkens nicht entgehen, möge es im guten oder schlechten Sinne sein.

6. Das außersinnliche Wahrnehmungsvermögen setzt Sie den

»Gedankenbildern« anderer Menschen aus, die Sie als Ihre eigenen betrachten mögen. Hierauf mag das Hellsehen und andere mentale Phänomene zurückzuführen sein.

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Drittes Kapitel

Die Reichweite und Macht Ihrer Gefühle

In meinen wegweisenden Experimenten auf dem Gebiete der Telepathie auf weite Entfernungen mit Sir Hubert Wilkins ha- ben wir erwiesen, daß die Intensität der Gefühle der Beteiligten eine wichtige Grundbedingung zum erfolgreichen Übermitteln und Empfangen von Gedankeneindrücken bildet. Nach sorgfä l- tigem Studium meiner Aufzeichnungen aller Eindrücke, die ich während dieses Experimentes empfangen hatte, entdeckte ich, daß ich die von Wilkins mit stärksten Empfindungen geladenen Gedanken am leichtesten und klarsten aufgenommen hatte. So wurde ich zum Beispiel während einer meiner nächtlichen Gedankenkonzentrationen auf Sir Hubert von plötzlich auftre- tenden störenden Zahnschmerzen befallen. Ich fühlte diese wirklich in meiner eigenen Mundhöhle, empfand in diesem Falle aber dennoch, daß Wilkins’ Zähne, etwa dreitausend Me i- len entfernt, schmerzten! Ich notierte daraufhin:

»Habe das Gefühl, Sie hatten heute heftige Zahnschmerzen …« Einige Wochen später trafen die entsprechenden Eintragungen aus Wilkins’ Tagebuch in New York ein. Seine Notiz für de n- selben Tag lautete:

Hatte heute schwere Zahnschmerzen. Flog nach Edmonton, um mir eine Plombe machen zu lassen …

Als ich mich ein anderes Mal geistig auf Wilkins eingestellt hatte, fühlte ich meinen Kopf mehrmals irgendwo anstoßen. Ich beschrieb dieses Gefühl wie folgt:

Plötzlich überkommen mich große Schmerzen – an der rechten Kopfseite – ich scheine zu sehen oder zu fühlen, wie körperliches Ungemach jemand anderen befällt …

Dieser Eindruck wurde zwei Wochen später ebenfalls durch

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Wilkins’ Tagebuch bestätigt. Die Aufzeichnungen deckten sich auch wieder mit der annähernden Zeit meiner eigenen, oben angeführten Eintragung:

Ich bin nicht sicher, daß es an diesem Tage passierte, doch jeder von uns scheint nicht vermieden haben zu können, mit dem Kopf an ein scharfkantiges Ofenrohr in der Küche unseres Lagers zu stoßen. Ich stieß mich nur zweimal daran, Dyne und Cheeseman jedoch häufig. Cheeseman wurde durch den Stoß zweimal an einem Tage zu Boden geworfen. Das Rohr befand sich in ganz ungünstiger Höhe …

In beiden dieser Fälle spielen einwandfrei heftige Empfindun- gen eine Rolle. Diese genauen Sinneseindrücke ließen sich durch keine Zufälligkeit erklären, zumal Wilkins nur einmal in den fünfeinhalb Monaten seiner Abwesenheit an Zahnschmer- zen gelitten hatte und ich diese Empfindung an eben jenem Tage empfangen hatte. Der Zwischenfall der Ofenrohr-Unfälle passierte auch nur einmal, und zwar um die Zeit, als ich diesen Sinneseindruck notierte, der im Bewußtsein der Beteiligten damals besonders lebhaft war. Für mich war die Erfahrung bemerkenswert, daß ich zugleich mit dem geistigen Eindruck jener Zahn- und Kopfschmerzen meines Telepathie-Partners zeitweise auch scheinbar körperliche Schmerzen verspürte.

Intensive Gefühle fördern die Raumüberwindung der Gedanken

Es gab viele andere Beispiele im Verlaufe unserer Experime n- te, welche die Kraft der Gefühle hinter unseren ausgesandten Gedanken demonstrierten. Doch diese Gefühle brauchten nicht körperlicher Art zu sein, sondern es konnten auch seelische Empfindungen sein, und viele gehörten zu letzterer Art. Ich denke als Beispiel an meinen Eindruck, daß Wilkins auf einem Flug nach Saskatchewan durch schlechte Wetterverhält- nisse zur Landung in der Stadt Regina gezwungen worden war, daraufhin in einen Armee-Ball »hineingeraten« war, der dort am gleichen Abend, dem II. November 1937, stattfand, daß auf

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diesem Fest viele Männer und Frauen in Abendkleidung, davon manche Männer in Galauniform, anwesend waren und daß »er, Wilkins selbst, im Abendanzug zu kommen schien«! Daß ihm dieser Umstand gefühlsmäßige Reaktionen verursacht hätte, wäre für Wilkins ziemlich ungewöhnlich gewesen, doch seine entsprechenden Tagebucheintragungen, die ich einige Wochen später in New York erhielt, bestätigen, daß er ta tsäc h- lich zur Landung gezwungen worden und zu einem am gle i- chen Abend dort stattgefundenen Armee-Ball eingeladen wor- den war. Dieses Ereignis war unvorhergesehen eingetreten, hatte also nicht in Wilkins’ Programm gestanden und konnte offensichtlich von mir nicht im voraus gedanklich empfangen worden sein. Zum Schluß seines Berichtes aber fügte Wilkins hinzu: »Meine Teilnahme an diesem Ball wurde ermöglicht, indem man mir einen Abendanzug lieh.« Aus allen diesen Beispielen können Sie ersehen, wie unmitte l- bar körperliche und seelische Gefühle auf das Senden und Empfangen der Gedanken einwirken. Nach Beendigung unse- rer Experimente und erschöpfender Durchsicht und Auswer- tung, verkündeten Sir Hubert und ich folgende Ansicht:

Der Intensitätsgrad der Gefühlsreaktion eines Menschen auf jedes ihm widerfahrende Ereignis bestimmt allem Anschein nach den In- tensitätsgrad der ausgesandten sogenannten Gedankenwellen oder - impulse.

In den vielen Vorlesungen, die ich über dieses Thema gehalten habe, versuchte ich, diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, indem ich meinen Zuhörern diesen Vergleich gab:

»Wenn ich diesen Raum verlassen würde, um meinen Geist mit dem Ihrigen zu verbinden, und dann herauszufinden versuchen würde, was Sie in meiner Abwesenheit tun, hätte ich eine schwierige Aufgabe, einen genauen Eindruck wiederzugeben, falls Sie lediglich eine Zigarette herausnehmen und anzünden würden. Wenn jedoch Ihre Streichholzschachtel, während Sie gerade Ihre Zigarette in Brand setzen und mein Geist auf den

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Ihrigen ausgerichtet ist, in Ihrer Hand explodieren und Sie eine schwere Brandwunde erleiden würden, dann würden Sie sofort Ihre Schmerzempfindungen und Ihre heftigen Gedankenbilder des Geschehens auszustrahlen beginnen! Unter diesen gefühls- geladenen Umständen hätte ich alle Möglichkeiten, Ihre geball- ten Gedanken zu empfangen!«

Bei Karten-Experimenten Rhines fehlt der Gefühlsfaktor

Ich bin nie imstande gewesen, bei den Versuchen zur außer- sinnlichen Wahrnehmung und Bestimmung verdeckter Karten gut abzuschneiden, da diesen Experimenten der Gefühlsfaktor mangelt. Dr. J. B. Rhine von der Duke-Universität, der weltbe- kannte Forscherpionier, hat indessen durch seine zahlreichen Reihenversuche mit seinen Karten den Beweis der zweifellosen Existenz des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens er- bracht. Meiner Ansicht nach hat er die Existenz der Telepathie auf dem Schwerstmöglichen Wege bewiesen. Ich fühle mich nicht von dem Versuch entzückt, Sinneseindrücke der Figuren Kreuz, Kreis, Viereck, Stern oder Wellenlinie zu empfangen – doch bin ich stets daran interessiert, den Gedankenimpuls einer menschlichen Erfahrung, liege diese in Vergangenheit, Ge- genwart oder Zukunft, aufzunehmen. Wilkins und ich unternahmen, während wir räumlich durch eine Entfernung von über zweitausend Meilen getrennt waren, einige Male den Versuch der außersinnlichen Wahrnehmung jener Karten, doch war es schwierig, den Zeitunterschied in Übereinstimmung zu bringen. Beispielsweise empfing ich bei einer Gelegenheit die zeitlich verspätete Gedankenaufnahme von vier aufeinanderfolgenden Karten. Diese Versuche waren nicht beweiskräftig, obwohl die Treffer sogar über der Norm lagen. Die Versuche zeigten mir, daß es dann Aufgabe des Ge- dankenempfängers sei, intensivere Wünsche zu entwickeln, seinen Geist auszusenden und die Fremdeindrücke aufzune h- men, wenn der Gedankensender nicht imstande war, die vorge-

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stellten und übermittelten Kartensymbole mit intensiven Ge- fühlen zu verbinden. Ich überlegte mir, daß ein starker Radioempfänger die Radio- wellen einer schwachen Sendestation empfangen kann; umge- kehrt vermag eine starke Sendestation oft zu einem schwachen Radioempfänger durchzudringen. Doch ist die Sendekraft in solchem Falle auf mechanischem Wege geschaffen. Der menschliche Sensitive vermag nicht ebenso einfach echte Ge- fühle zu erzeugen; Voraussetzung ist eine wirkliche Erfahrung als Ursache dieser Gefühle. Wilkins selbst äußerte, daß er es schwierig finde, mit den Karten zu arbeiten und sich diese vor- zustellen, während es für ihn leicht sei, sich hinzusetzen und sich die außergewöhnlichen Tagesereignisse, die gefühlsmäßig auf ihn eingewirkt hatten, in Form geistiger Bilder wieder ins Leben zu rufen und zu durchdenken. Einmal hatte ich notiert:

Ein Hund scheint in Aklavik verletzt worden zu sein und muß er- schossen werden. Hatte er sich die Verwundung im Kampf mit ande- ren zugezogen oder ist er angefallen worden? Ganz starkes Gefühl in diesem Fall …

Wilkins hatte an jenem Tage, dem 27. Januar 1938, diesen Eindruck bestätigt und in sein Tagebuch geschrieben:

Draußen umhergestreift – fand einen Hund tot auf dem Eis – er ist durch Kopfschuß erschossen worden. Habe einige Zeit in- tensiv darüber nachgedacht – wundere mich über den Grund seiner Tötung …

Dieser Vorfall beeindruckte Wilkins nach seiner eigenen Fest- stellung stark, und er hatte mich in gleicher Weise beeindruckt. Wenn ich meinen Geist »auf Empfang« stellte, um Wilkins’ Gedanken aufzunehmen, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, wie ich sie hingegen bei meinen Versuchen mit den Rhine- schen Karten hatte, bei denen ich die Neigung meines Bewußt-

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seins bekämpfen mußte, mir die möglicherweise erscheinenden Symbole vorzuschlagen. Zwischen den persönlichen oder an- deren Erlebnissen, die Wilkins zu irgendeiner Zeit erfahren mochte, bestand keine verständlich zu folgernde Verbindung. Bei den Karten wußte ich indessen um die Beschränkung deren möglicher Bilder, und es war schwierig, mich während des geistigen Empfangsversuches der Symbole nicht von deren bereits vorhandener Grundkenntnis beeinflussen zu lassen. Da ich niemals in Kanada oder Alaska gewesen bin und nie- mals sonderliches Interesse an Geographie gehegt hatte, wußte ich so gut wie nichts über dieses Gebiet, in dem Wilkins ge- weilt hatte, und war froh darüber. Für mich war es eine Erfa h- rungstatsache geworden, daß meine empfangenen Ferneindrük- ke desto deutlicher und unvermischter ausfielen, je weniger ich über eine Person und deren Umgebung wußte. Ich bin davon überzeugt, daß andere Experimentatoren ebenfalls diese Tatsa- che entdeckt haben.

Das Mysterium der menschlichen Gefühle

Das Fühlen ist in sich selbst ein großes Mysterium. Fühlen ist eng mit dem Bewußtsein verbunden, und auch das Bewußtsein ist ein großes Mysterium. Ich bin überzeugt davon, daß Fühlen eine Eigenschaft des Geistes und nicht des Körpers ist. Man kann Ihnen in der Hypnose einreden, daß Sie kein Gefühl im Arm oder im Bein haben werden, und Ihnen dann eine Hutna- del oder ein Messer ins Fleisch stecken, ohne daß sie Schmer- zen empfinden. Wenn das Gefühl Ihren Körperzellen zugehö- ren würde, so könnte es durch keinen hypnotischen Einfluß beseitigt werden. Das Gefühl muß demnach ein »Etwas« sein, das diese Zellen durchdringt, jedoch nur vom Geist verwirk- licht wird. Wir wissen natürlich, daß ein Nervenschaltwerk beständig Empfindungen in Form elektrischer Befehle oder Nervenimpulse zum Gehirn übermittelt; doch es ist der Geist, der diese Impulse in Gefühlsausdrücke übersetzt.

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Ohne Gefühl hätten Sie kein Bewußtsein! Wenn Sie vom Arzt betäubt werden, unterbricht dieser die Weitervermittlung der Nervenimpulse, so daß Ihr Geist zeitweise von seinem Kontakt mit den Körpervorgängen abgeschnitten ist. Doch der Körper kann ohne den Geist keine Gefühle empfinden, obwohl der Geist eines Körpers bedarf, durch den er sich ausdrücken kann. Der Mensch hat die Sprache entwickelt, so daß er seine Gefüh- le dem Mitmenschen verständlich machen kann, doch Worte sind nur die Symbole für Gefühle. Die Worte besitzen kein Gefühl in und aus sich selbst, obwohl sie oft die Suggestivkraft haben, jene Gefühle, für die sie symbolisch stehen, in anderen zu erwecken. Aus diesem Grunde ist es für einen Sensitiven schwieriger, besondere Eindrücke in Form von Worten oder Zahlen zu empfangen. Es ist bedeutend leichter, die Gefühle anderer direkt zu empfangen und dann Worte aus dem eigenen Sprachschatz zu suchen, diese Gefühle zu beschreiben. Ein guter Sensitiver braucht die Sprache eines Menschen, mit dem er in geistigem Kontakt steht, gar nicht zu kennen, da der Kon- takt auf Gefühlsebene besteht. Wissenschaftler haben uns erklärt, daß alles im Universum eine bestimmte Art und Intensität der Schwingung besitzt. Einer der seltsamen Aspekte des Fühlens fällt auch unter dieses Prinzip. Man hat beispielsweise immer wieder gezeigt, daß ein Kle i- dungsstück, ein Brief, ein Schmuckstück oder irgendein ande- res Objekt, das von einer Person getragen oder benutzt wurde, ja sogar archäologische Fundstücke irgendeine Schwingungs- qualität besitzen. Ein Sensitiver, der die sogenannte Psychome- trie anwendet, vermag diese Schwingungen in die Ausdrucks- ebene des Gefühls umzusetzen und Umgebungen oder Ere i- gnisse zu beschreiben, die er im Zusammenhang mit dem be- rührten Gegenstand empfindet und die in ferner Vergangenheit gelegen haben können. Das würde zeigen, daß die Gefühle auch eine Eigenschaft des Bewußtseins sind, das die Macht hat, sich mit anderen Schwin- gungsteilchen oder Formen zu identifizieren und alles aufzu-

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nehmen, was mit dem betreffenden Objekt verbunden gewesen ist. Hier liegt eine gewisse Erklärung für die Fähigkeit eines sensitiven Menschen, bei der Berührung eines Gegenstandes starke und genaue Eindrücke durch diesen vermittelt zu be- kommen.

Praktische Psychometrie

Ich habe nicht allzu viele Erfahrungen auf dem Gebiete der Psychometrie gehabt, wurde aber kürzlich von dem bekannten psychometrisch begabten Arzt Dr. W. (dessen Name auf be- sondere Anfrage genannt werden kann) aufgefordert, eine Ver- suchsreihe auf diesem Gebiet zu unternehmen. Er lud mich zu einer Abendgesellschaft in sein Haus ein, bat aber, eine Stunde früher zu kommen. Dort bat er mich ohne weitere Vorreden, ich möge meine psychometrischen Kräfte erproben. Ich ent- gegnete Dr. W. daß ich nicht den Anspruch erhöbe, auf diesem Gebiete Leistungen zu vollbringen, jedoch gern versuchen wo l- le, was ich tun könne. Dr. W. händigte mir zunächst einen zusammengefalteten Briefbogen aus, der nach seinen Angaben beschrieben war. »Ich möchte gern wissen«, sagte Dr. W. »welche Empfindun- gen Sie hierbei haben.« Ich preßte das Stück Papier zwischen meine Handflächen, ent- spannte Körper und Geist mittels einer Methode, die ich später noch im einzelnen beschreiben werde, und sagte nach etwa einer Minute:

»Ich habe das Gefühl, als ob der Mann, der diesen Brief ge- schrieben hat, besonders am Problem des Geistes interessiert ist. Ich empfinde, daß er sich in fortgeschrittenen Jahren befin- det, daß er in Übersee lebt und daß er an ähnlichen Gebieten wie Sie selbst interessiert ist. Ich fühle, daß dieser Mann mit seinem Werk ein weltweites Gespräch auslöste und daß viel über ihn diskutiert wird. Ich fühle, daß er an Tausenden von Krankengeschichten auf dem Gebiete der seelischen und Ge-

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mütsleiden interessiert war.« Dr. W. unterbrach mich hier, um zu bemerken: »Das ist interessant. Bekommen Sie irgendeinen Eindruck, wer dieser Mann sein mag?« Ich zögerte einen Augenblick und gab dann dem Gedanken Ausdruck, der mir eben kam: »Ist er – Carl Jung?«

Als Antwort bat mich Dr. W. den Brief zu entfalten und ihn zu lesen. Es war ein an ihn gerichteter Brief des berühmten Dr. Carl Jung, der die Anerkennung einer Besprechung zum Aus- druck brachte, die Dr. W. über ein Werk Jungs geschrieben hatte!

Gleich darauf händigte mir Dr. W. einen zweiten Gegenstand im Umschlag aus, der dieses Mal eine Photographie sei. Ich nahm das Objekt wieder zwischen die Hände und fühlte den dünnen Umschlag. Sogleich berichtete ich, daß ich erhebliches Mißbehagen empfände – ein Gefühl, als sei der Mensch, den dieses Photo darstelle, heftigen Leiden unterworfen gewesen – vielleicht körperlichen Schmerzen –, und er könnte sogar der Gefahr des Verbrennens ausgesetzt gewesen sein. Ich erwähn- te, daß nach meiner Empfindung dieser Mensch geistige Quali- täten habe, doch der vorherrschende Eindruck der durchge- machten Leiden sei so stark, daß es schwer sei, irgend etwas anderes zu empfinden. Dt. W. fragte mich, ob ich den Namen dieser Person erfassen könne. Ich dachte einen Augenblick nach. »Es ist ein schwieriger Na- me«, erwiderte ich. Und dann schien ich auch im Geiste Buc h- staben zu hören, konnte aber den Namen nicht vollständig empfangen. Ich erklärte, daß ich den Eindruck eines »s«-Tones und der Silbe »ski« habe. »Das ist sehr interessant«, sagte Dr. W. Er nahm mir dann den Umschlag aus der Hand und zog die Photographie heraus. Es war ein Bild des polnischen Kardinals Stefan Wyszynski, der bis zum Oktober 1956 einige Jahre lang von der kommunisti- schen Regierung in »Schutzhaft« gehalten worden war.

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Dr. W. händigte mir nun einen anderen dünnen Umschlag aus, der, wie er sagte, ein Stück Metall enthielt. Kurze Zeit hielt ich diesen Gegenstand in meinen Händen, und mein Geist schien in fern zurückliegende Zeiten entrückt zu werden. »Ist dies irgendeine Plakette oder eine Auszeichnung – nicht dazu be- stimmt, an die Wand gehängt zu werden – aber irgend etwas sehr Persönliches und Markantes?« Dr. W. bestätigte mir, daß es so war. Daraufhin berichtete ich, daß ich fühlte, der ursprüngliche Be- sitzer dieser Metallscheibe sei lange verstorben, während ich empfand, daß dieses Ehrenamt oder dieser Dienst, den der Or- den versinnbildliche, wie eine Fackel von einer Generation zur nächsten weiterverliehen worden sei. Ich sagte, daß ich fühlte, daß dieser Dienst oder was immer es sein möge, Opfer und den möglichen Einsatz des Lebens in sich schließe. Ich fühlte, daß diese Metallplatte oder -Scheibe nicht zum Zwecke öffentlicher Anerkennung ihres Trägers verliehen worden war, denn die Diener dieses Ehrenamtes übten dieses nicht aus, um persönli- chen Ruhm zu erwerben. Dieser Dienst war sehr ungewöhnli- cher und individueller Art. Soviel konnte ich über meine Ein- drücke zu diesem Gegenstand sagen. Ich gab Dr. W. dann den Umschlag zurück, der das Me- tallstückchen herausholte und mir zeigte, daß es eine dünne ovale Scheibe war, etwa zehn mal fünfzehn Zentimeter groß, wie sie die polnischen Ritter im 16. Jahrhundert am Halsband trugen. Auf einer Seite das Antlitz der Madonna. Dr. W. erklär- te, daß er dieses Ordenszeichen in Polen bekommen habe, daß es tatsächlich eine Seltenheit darstelle und daß die Ritter dieses Ordens die Tradition ihres Dienstes durch die Zeitalter bewahrt hätten. Es ist bezeichnend, daß alle Objekte, die Dr. W. für meinen psychometrischen Versuch ausgewählt hatte, mit starken Emo- tionen verknüpft waren. Zwischen den einzelnen Versuchen wurde mir eine geringe Erholungszeit gewährt. Ich hielt es da- be i für notwendig, mein Gemüt nach Beendigung jeden Vers u-

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ches zu »entmagnetisieren«. Damit wurde vermieden, daß mich Eindrücke, die vom psychometrischen Vorversuche stammten, während der Konzentration auf einen neuen Gegenstand beein- flußten. Wenn Sie die Erscheinungen des außersinnlichen Wahrne h- mungsvermögens erforschen, werden Sie schnell entdecken, daß meine eben beschriebenen Versuche auch auf Telepathie anstatt auf Psychometrie beruht haben können, da Dr. W. sämt- liche von mir wiedergegebenen Einzelheiten über den Brief, die Photographie und den Metallanhänger bereits selbst wußte. Es ist möglich, daß auch eine Kombination beider Arten außer- sinnlichen Wahrnehmungsvermögens, der Telepathie und der Psychometrie, erfolgt ist. Doch gab es einige Jahre früher einen anderen Fall, in dem die von mir empfangenen Eindrücke nicht durch Telepathie erklärt werden können.

Der Fall des verschwundenen Jungen

Damals wohnten wir in unserem Landhaus in den Ozark- Bergen. Ich erhielt von einem Herrn aus Texas ein Päckchen durch Eilzustellung. Der Absender bat mich, ihm bei der Suche nach dem Verbleiben seines von zu Hause verschwundenen halbwüchsigen Sohnes zu helfen. Das Päckchen enthielt ein Paar abgetragene Socken, die der Junge unmittelbar vor seinem Verschwinden getragen hatte. Dieser Mann war von meinem Freunde Dr. Thomas Garrett an mich verwiesen worden, der geraten hatte, daß ich vielleicht das Schicksal und den Aufent- haltsort des Jungen bestimmen könne, wenn ich ein getragenes Kleidungsstück des Verschwundene n bekommen und mich darauf konzentrieren könne. Ich suche niemals Aufgaben dieser Art, doch versuche ich, mein Bestes zu tun, wenn Bitten von in Not befindlichen Me n- schen an mich gelangen, die mir von Freunden empfohlen wurden. In diesem besonderen Falle wartete ich ab, bis mein Gemüt von allen Nebeneindrücken frei war, nahm das Paar

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Socken in mein persönliches Studio mit, das separat und ein wenig entfernt vom Hause lag, setzte mich ruhig hin, knüllte die Socken in meinen Händen zusammen und fragte mich selbst auf suggestive Weise, was den Jungen zum Verlassen des Hauses getrieben haben könnte. Zehn bis fünfzehn Minuten vergingen, ehe irgendein Eindruck aufkam. Doch dann begann ich ganz plötzlich so zu fühlen, wie wahrscheinlich der Junge gefühlt hatte. Ich nahm wahr, daß er in eine Schulfreundin ver- liebt gewesen war, die sich dann aber von ihm eines älteren Verehrers wegen abgewandt hatte. Der Verlassene war nicht nur hierdurch tief in seiner Seele ver- letzt worden, sondern ich konnte auch wahrnehmen, wie seine Mitschüler in dieser kleinen Stadt ihn mit Spott bedachten. Als er seinen Eltern von dem Geschehenen berichtete, nahmen die- se es auf die leichte Schulter, und ich konnte seinen Vater la- chend sagen hören: »Vergiß es, Sohn. Das war so oder so nur eine Liebelei. Du wirst darüber hinwegkommen!« Doch ich fühlte, daß der Junge diese Romanze äußerst ernst genommen hatte und daß der Mangel an Mitgefühl seitens se i- ner Eltern eine der Mitursachen seines Verschwindens war. Ich versuchte, einen kleinen Schimmer einer Erhellung über den jetzigen Aufenthalt des Jungen zu empfangen, doch mein Geist vermittelte keinerlei Bild. Ich fühlte, daß der Junge in Bewe- gung war, nicht lange an einem Ort blieb, doch einen bestimm- ten Ort ermittelte ich nicht. Ich hegte jedoch keine n Zweifel über die Tatsache, daß sich der Junge in verstörtem Gemütszu- stand befand und gern aus eigener Kraft das seelische Gleic h- gewicht wiedergefunden hätte, wenn er nur den Weg dazu ge- wußt hätte. Ich schrieb dem Vater, legte meine Eindrücke nieder und äu- ßerte mein Bedauern darüber, nicht in der Lage gewesen zu sein, ihm genauere Informationen zu geben. Er hatte mir in seinem Briefe mitgeteilt, daß der Junge vor einigen Wochen aus dem Hause gegangen sei und daß die Polizei die Fahndung nach ihm aufgenommen habe. Offensichtlich hatte die Polizei

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ihre Methoden nicht erfolgreicher anwenden können als ich die meinigen. Zu meiner großen Überraschung wurden meine Frau und ich jedoch von diesem Farmer, dem Vater des verschwun- denen Jungen, in Begleitung seiner Frau und Tochter besucht. Sogleich nach Empfang meines Briefes waren sie mit dem Wagen abgefahren, um uns hier zu besuchen. Dieser Mann sagte mir: »Herr Sherman, Sie hatten völlig recht mit der Romanze, die unser Junge hatte, und auch mit der Schilderung unserer Einstellung dazu. Dieses Mädchen hatte bereits einen früheren Verehrer, der jetzt aus der Marine zu- rückkam und mit dem sie die alte Verbindung wieder anknüp f- te. Ich habe nur nicht gemerkt, wie tief mein Junge dadurch getroffen wurde. Die Polizei fand unseren Lastwagen in einer Seitenstraße in Dallas geparkt, doch von unserem Jungen fand sie von da an keine Spur. Ich hoffe nur, daß er sich nicht das Leben genommen hat. Wir sind deshalb überhaupt hierher ge- kommen, da Sie soweit alles ganz genau erkannt haben und da ich irgendwie fühle, daß Sie uns einige weitere Informationen geben können. Ich habe ein getragenes Hemd meines Jungen mitgebracht, und hier ist sein Photo. Ich ließ eine Menge Ab- züge davon machen, schickte sie an Zeitungen und Polizeibe- hörden – aber es hat alles nichts genützt.«

Ich nahm die Photographie und vertiefte mich in sie. Ich hielt das schmutzige Hemd in der Hand und blickte in die Ferne. Ich konnte fühlen, wie die Augen des Farmers, seiner Frau und Tochter voller Hoffnung auf mich gerichtet waren. Ich befand mich wirklich in keiner behaglichen Lage. Sie müssen sich erst sicher sein, daß Sie echte Eindrücke empfangen, ehe Sie diesen Ausdruck geben können. Sie mögen den sehnlichen Wunsch der Angehörigen eines Vermißten spüren, gute Nachrichten und die Versicherung zu empfangen, daß alles gut ist oder gut wird, und doch müssen Sie sich Ihrem Mitgefühl gegenüber durch- setzen und sich eine neutrale, passive Haltung aneignen, wenn Sie die Empfangskanäle Ihres Geistes offenhalten wollen.

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Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mich äußern konnte. Dann sagte ich: »Ich bin sicher, daß Ihr Sohn nicht tot ist. Der Ge- danke, aus der Welt zu gehen, ist ihm auch einmal gekommen, doch hat er ihn verscheucht. Statt dessen hat er seinen Namen gewechselt, um die Identifizierung zu erschweren, und er weilt auch nicht an einem bestimmten Ort. Er nimmt alle möglichen Arbeiten während seines Umherziehens an, um ein paar Dollar zu verdienen. Ich sehe ihn in einem Lokal, das anscheinend in Houston, Texas, liegt, Teller waschen. Der Name dieses Durchgangsrestaurants scheint >Mac …< zu sein.« Der Vater des verschwundenen Jungen unterbrach mich. »Das genügt mir, Herr Sherman«, sagte er. »Wir fahren noch diesen Morgen direkt nach Houston! Wenn mein Junge irgendwie ahnen sollte, daß wir auf seiner Spur sind, könnte er erneut verschwinden.« Trotz meiner Vorstellungen, daß sie diese Anstrengungen nicht lediglich auf Grund meiner Aussagen auf sich nehmen sollten, fuhren Vater, Mutter und Tochter nach Houston ab, dabei ver- abredend, sich am Steuer abzulösen. Wie immer wurde ich von Zweifeln gepeinigt. Mein Tagesbewußtsein machte mir heftige Vorwürfe, und ich bedauerte sehr, so genaue Aussagen ge- macht zu haben. Der Gedanke, diese sympathischen Leute vie l- leicht auf eine falsche Spur gesetzt zu haben, verursachte mir Unbehagen. Meine Unruhe legte sich erst, als drei Tage später ein Brief meines Besuchers eintraf. Fast ungläubig las ich se i- nen Bericht.

Er teilte mit, daß sie sofort nach ihrer Ankunft in Houston im Adreßbuch ein Restaurant unter demselben Namen gefunden hätten, den ich angegeben hatte. Sie hätten sich mit dem Besit- zer unterhalten und ihm ein Photo ihres Jungen gezeigt. Er erkannte den Abgebildeten nicht nur selbst wieder, sondern auch sein Küchenpersonal und alle anderen Angestellten bestätigten dessen Ähnlichkeit mit dem Jungen, der die letzten

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Tage mit ihnen zusammen gearbeitet hatte und erst am Vortage gegangen war!

»Doch nun«, so schrieb der Vater, »sind wir wieder in eine Sackgasse geraten. Haben Sie irgendeinen Eindruck, wohin er von hier aus gegangen ist?« Ich widmete dieser Frage einige Zeit der Konzentration, und mein Geist schien in die Zukunft versetzt zu werden. Daraufhin schrieb ich dem Vater:

»Ich bedauere, aber obwohl die Zeit der Weihnachtsferien he- rankommt, fühle ich, daß weder die Polizei noch Sie imstande sein werden, Ihren Sohn ausfindig zu machen. Sie sollten de n- noch Ihre Sorgen um ihn ablegen, da ich fühle, daß er von selbst einen neuen inneren Halt gewinnt und daß er bei Gele- genheit den Entschluß fassen wird, freiwillig zurückzukehren. Ich sehe dieses Ereignis nicht vor April nächsten Jahres eintre- ten. Dann wird er, wie ich glaube, mit der Mitteilung zurück- kehren, daß er in die Marine gegangen sei, um seinen Dienst abzuleisten.« Monate vergingen, und ich hatte den Fall fast ganz vergessen. Eines Tages kam wieder eine Eilsendung, ein Brief, in dem mir der Vater jenes Jungen freudig und dankerfüllt mitteilte, daß der Sohn, so wie von mir vorausgesagt, zurückgekehrt sei. Er befinde sich in guter seelischer und körperlicher Verfassung und habe sich der Marine angeschlossen. In diesem Falle hatte ich also Eindrücke über den Jungen emp- fangen, die nicht bereits im Gemüt des Vaters hafteten. Es scheint mir, als sp ielten die Erscheinungen sowohl der Ps y- chometrie als auch der Telepathie beim Empfang dieser Ein- drücke eine Rolle. Aber auch die Präkognition (zeitliche Vor- ausschau, Vorwissen) mag beteiligt gewesen sein. Hatte der Sohn im Augenblick meiner sensitiven Wahrnehmung, daß er erst später zurückkehren werde und zur Marine gegangen sei, diesen Entschluß bereits gefaßt? Falls er eine solche Entsche i- dung nicht getroffen oder diesen Gedanken nicht einmal erwo-

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gen hatte, dann war es ein klarer Fall von Präkognition. Daß sich der Sohn in erregtem Gemütszustand befand und damit starke Gefühlsimpulse aussandte, steht fest. Darauf beruhte nach meiner Überzeugung auch meine Verbindung mit ihm. Doch auf Grund welcher Zusammenhänge sich der Geist in die Zukunft versetzen und das zeitlich noch in der Ferne liegende Geschick eines Menschen wahrnehmen kann, ist bis heute un- bekannt. Es will scheinen, daß Empfindungen und Gefühle der Me n- schen nicht nur eine Schwingung in ihrer Kleidung hinterlas- sen, sondern auch in der ganzen inneren Atmosphäre eines Zimmers oder Platzes. Es gibt zahlreiche historische Fälle so- genannter Spukhäuser, in denen man anscheinend Spukgeister oder Gespenster umgehen sah, und es gibt Orte, an denen man die Wiederholung dramatischer Ereignisse visionär bzw. scheinbar real beobachtete, die in Wirklichkeit vor Tagen, Mo- naten und Jahren stattfanden. Einmal mehr werden wir einem merkwürdigen Geheimnis gegenübergestellt.

Sie beobachtete einen Gespensterkampf

Ich gebe nun einen persönlich gegebenen Erlebnisbericht wie- der, der von Fräulein Liebs, einer der ersten weiblichen Dir i- gentinnen eines Symphonieorchesters in unserem Lande, stammt. Sie erzählte mir von einem unheimlichen Erlebnis, das sie eines Nachts in Atlantic City hatte. Sie war in dieser Stadt eingetroffen, um ein Konzert zu dirigieren, fand aber zunächst kein freies Hotelzimmer mehr. Infolge irgendeines Mißver- ständnisses war auch ihr eigenes reserviertes Zimmer abgege- ben worden. Unter ergebenen Entschuldigungsreden wies der Direktor der Dame dann ein Zimmer im Parterre des Hotels an. Dieser Raum war mit einem Balkon ausgestattet, der auf den Garten hinausging. Es wurde selten benutzt, wie der Direktor sagte, und wurde früher vom Kellner des Speisezimmers und von

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anderen Hotelangestellten bewohnt. Fräulein Liebs war dank- bar, unter diesen Umständen irgendeine Unterkunft zu beko m- men, und kehrte nach einer anstrengenden Konzertprobe spät in ihr Zimmer zurück, wo sie alsbald in Schlaf fiel. Sie hatte ihrem Zimmer wenig Aufmerksamkeit geschenkt, abgesehen von ihrer Feststellung, daß dieses mit einem altmodischen Bett mit vier Pfosten, einem schweren Frisiertisch mit Spiegel und Waschbecken und mit französischen Türen, die auf den mit Geländern versehenen Balkon hinausgingen, versehen war. Es roch im Zimmer etwas muffig, wie stets in lange unbewohnten Räumen. Fräulein Liebs konnte nicht sagen, wie lange sie bereits ge- schlafen hatte, als sie plötzlich hellwach wurde und das un- heimliche Gefühl hatte, daß sich außer ihr noch jemand im Räume befand. Sie richtete sich auf und sah umher. Vor dem Frisiertisch stand ein Mann im Abendanzug. Er war gerade im Begriff, seinen Kragen und seine Krawatte zu lösen. Fast gleichzeitig gewahrte sie draußen auf dem mondhellen Balkon eine Bewegung. Sie sah, wie eine Gestalt heimlich das Gelä n- der erkletterte und die französischen Türen aufstieß, ohne ein Geräusch zu verursachen. Starr vor Entsetzen beobachtete Fräulein Liebs, wie sich dieser Eindringling hinter den Mann im Abendanzug stahl. In diesem Augenblick drehte sich der Mann um und entdeckte seinen Angreifer. Aber es war zu spät. Ehe er sich wehren konnte, wurde er brutal erstochen und mehrmals durchbohrt. Zwar hat- te er noch mit dem Angreifer gerungen, der sich aber befreien konnte und das Zimmer verließ, wie er gekommen war; auf dem Wege über den Balkon. Als der Mann im Abendanzug zu Boden taumelte, fand Fräulein Liebs ihre Stimme wieder und begann zu schreien. Das Hotel befand sich bald in Aufruhr. Der Nachtportier erschien, und Fräulein Liebs berichtete in hysteri- scher Erregung, was geschehen war. »Nein, nein – nicht wieder!« sagte der Nachtportier. »Ich be- daure sehr, Madam – wir sollten Ihnen niemals dieses Zimmer

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gegeben haben! Sie sind der dritte Mensch, der diesen Mord beobachtet hat, seitdem er wirklich passierte!« »Was meinen Sie damit – seit er wirklich passierte?« heischte Fräulein Liebs zu wissen. »Die Tat geschah doch gerade eben, heute nacht! Bitte rufen Sie die Polizei! Dieser Mann hier ist tot, ich sage es Ihnen. Ich sah, wie er getötet wurde!« »Nein, Madam. Es war vorhin kein Mann hier, und er ist auch jetzt nicht hier«, bekräftigte der Nachtportier. Fräulein Liebs schaute um sich. Tatsächlich war kein Körper auf dem Fußboden zu sehen, und die französischen Türen wa- ren nicht einmal geöffnet worden. »Aber ich verstehe das nicht«, sagte sie. »Ich verstehe es ebensowenig«, entgegnete der Nachtportier. »Doch vor etwa einem Jahr bewohnte ein Kellner diesen Raum. Als er sich eines Nachts zur Ruhe begeben wollte und gerade vor dem Frisiertisch stand, erklomm ein Einbrecher das Geländer des Balkons. Der Kellner nahm augenscheinlich den Kampf auf, wurde niedergestochen und getötet. Seitdem haben wir dieses Zimmer möglichst nicht mehr benutzt, denn einige Übernachtungsgäste haben ebenfalls berichtet, aufgewacht zu sein und die Wiederholung der Untat gesehen zu haben.« Erst Jahre nach ihrem Erlebnis berichtete mir Fräulein Liebs davon ; doch sie geriet immer noch in starke Erregung, wenn sie sich dieser Schrecken erinnerte. Sie fragte mich nach me i- ner Erklärung. Ich antwortete ihr offen, daß ich keine Erklä- rung zur Hand hätte. Es habe aber viele ähnliche Erlebnisbe- richte gegeben, von denen zu viele einer Selbsttäuschung, Ha l- luzination oder ängstlicher Einbildung der betreffenden Zeugen zugeschrieben worden seien. Dabei haben jene, die Augenze u- gen der Erscheinungen geworden sind, zumeist keinerlei Vor- wissen der entsprechenden Szenen des Verbrechens oder des tragischen Geschehens gehabt. Ich äußerte die Mutmaßung, daß auf eine bisher nicht erklärbare Weise bei solchen Ereig- nissen ein Energiefeld gebildet würde, dem das Vermögen in- newohne, das entsprechende, mit heftigen Gefühlen geladene

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Ereignis als Schemen wiederzuerzeugen. Es war beinahe so, als wenn die durch die grausame Handlung geschaffenen Geda n- kenformen in einer Art von künstlichem Leben und als Scha- blonen ihrer selbst weiterexistierten. Wenn nun Menschen in diese derart geschwängerte Atmosphäre eintraten, dort schlie- fen und damit ihren bewußten Geist ausschalteten, wurden ihre Fähigkeiten zur außersinnlichen Wahrnehmung durch die um- gebenden Schwingungen erweckt. Indem sie erst einmal Macht über den Schläfer ge wonnen hatten, bewirkten diese Schwin- gungskräfte das Erwachen der Schläfer und deren gebanntes Ausharren in der Beobachtung des Ablaufs der betreffenden außersinnlichen Dramen. Wieder einmal haben wir den Fall, daß intensive Gefühle mit diesem Ereignis verknüpft waren. Daß sich die geistige Aufladung der Atmosphäre in Räumlic h- keiten und Gegenden verändern kann, wird durch die Tatsache wahrscheinlich, daß man ein Verschwinden bestimmter Phä- nomene außersinnlicher Wahrnehmung beobachtete sowie die entsprechend en Räume oder Gebäude oder anderen Lokalitäten niedergerissen, erheblich verändert oder renoviert wurden. Welche Kraft es auch gewesen sein mag, die vorher die durch das ursprüngliche Ereignis ausgelösten Phänomene erzeugte, so wurde sie anscheinend nach Änderung der lokalen Bedin- gungen zerstreut, zerstört oder freigegeben.

Gefahren beim Verlust der Selbstkontrolle

Aus allen diesen Beispielen können Sie schließen, daß das Ge- fühl eine bestimmte Kraft oder Energie darstellt. Wird diese Kraft durch den Verstand kontrolliert, kann sie Gutes bewir- ken; doch besitzt sie ebenso die Fähigkeit zur Zerstörung. Seit wir wissen, daß jeder von uns ausgesandte Gedanke mit Gefühl und Empfindung verbunden ist und daß wir Ereignisse allein durch das Gefühl wahrnehmen können, wird es Zeit, daß wir uns darüber klarwerden, daß unser einziger Schutz vor falscher Anwendung oder falschem Einfluß unserer Gefühle in unserer

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entwickelten Fähigkeit, diese Gefühle zu kontrollieren und zu dirigieren, liegt. Wissenschaftler experimentieren an der Er- weckung bestimmter Empfindungen und Gehirnanregungen mit Hilfe verschiedener Chemikalien, Drogen, elektrischer und hypnotischer Mittel. So werden beispielsweise Injektionen von Lysergsäure nicht nur zur Bestimmung der Reaktionen von Geist und Gemüt, sondern auch als Hilfsmittel in der psychia- trischen Behandlung verabreicht. Eine weite Skala halluzinatorischer Erlebnisse wurde von Pati- enten beschrieben, die sich zeitweise außerhalb ihrer phys i- schen Körper oder in Verbindung mit Abgeschiedenen zu be- finden glauben; oder meinen in den Mutterschoß zurückgekehrt zu sein und ihr ganzes Leben neu zu beginnen; oder sie fühlen sich in die Zeit des Schöpfungsbeginns zurückversetzt und meinen am Leben der Einzeller teilzuhaben; oder sie glauben die Atomstruk tur des Universums wahrzunehmen oder die Un- ermeßlichkeit Gottes zu begreifen oder die Tiefen der Hölle zu besuchen oder die Ungeheuer der Schöpfung zu erblicken oder sich in Ekstase extremer sexueller Erlebnisse zu versetzen oder die Farben jenseits des sonst dem menschlichen Auge sichtba- ren Spektrums zu sehen. Viele haben den Wunsch nach Wiederholung solcher Erfa h- rungen als einer Flucht aus der Wirklichkeit und weil sie ihre geistige Schöpferkraft dadurch angeregt fühlen. Dennoch sind bei dem heutigen Stand der Forschung die physiologischen und psychologischen Folgerungen und Wirkungen im Zusamme n- hang mit erwähnten Experimenten unbekannt. Ähnliche Wirkungen werden durch den Verzehr bestimmter Pilze hervorgerufen, die erhöhte psychische, mentale und emo- tione lle Reaktionen schaffen. In Mexiko und auch in einigen anderen Ländern verzehren die Eingeborenen einen »heiligen Pilz«, der sie in Trancezustände versetzt, sie lebhafte Visionen sehen, Stimmen hören und in merkwürdigen Worten sprechen läßt. Es liegt auf der Hand, daß Gefühle und Empfindungen weit über ihren gewöhnlichen Ausdrucksbereich hinaus ange-

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regt werden können – doch Gefühle, die sich der verstandes- mäßigen Kontrolle entziehen, sind oft bruchstückhaft, unzu- sammenhängend, unlogisch, unvorhersehbar und phantastisch. Ich habe mit Männern und Frauen gesprochen, die sich sowohl den Drogen- als auch den Pilzexperimenten unterworfen haben. Sie alle bestätigten mir, daß ihre körperliche und seelische Empfindungsfähigkeit gesteigert wurde. Einige sagten aus, sie seien von hartnäckigen Hemmungen befreit worden und hätten geistige und seelische Sperrungen entdeckt, die ihnen auf ver- schiedenen Lebensgebieten hinderlich gewesen seien. Die Er- lebnisse in diesen seelischen Sonderzuständen erschienen den Beteiligten sehr real, während die später angefertigten Berichte oft viel weniger real wirken, wenn man sie studiert. Bis jetzt habe ich keinen Beweis erhalten, daß der Drogen- und Pilzrausch die Verbindung mit sogenannten höheren Geistern oder mit entkörperten Wesen ermöglicht. Trotzdem besteht kein Zweifel daran, daß die Art der durch diese Hilfsmittel er- zeugten mentalen Phänomene der Erforschung wert sind. Unter dem suggestiven Einfluß der Hypnose vermag ein Ind i- viduum auch halluzinatorische Erfahrungen zu haben und un- gewöhnliche Kontrollen über Körperfunktionen wie das Unter- brechen von Blutungen oder die Verminderung des Schmerzes auszuüben. Man kann dem Hypnotisierten einreden, daß er allen möglichen körperlichen oder seelischen Bedingungen ausgesetzt ist wie extremer Hitze oder Kälte oder Furcht oder Freude, und sein Körper wird entsprechend reagieren. Wieder wird hiermit die Aufgabe des Gefühls in Beziehung zum Geist erläutert. Was der Geist aufnimmt, fühlt das entsprechende Wesen. Man kann einem in heißer Umgebung befindlichen Menschen die Suggestion erteilen, daß er friert, und er wird das Gefühl echten Frierens haben. Der Körper wird sogar seine Transpiration vermindern oder einstellen und möglicherweise vor Frostemp- findung zu zittern beginnen. Das würde bedeuten, daß ein Mensch das fühlt, was der Geist für wahr hält, ob es nun wahr

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ist oder nicht. Daraus ergibt sich, daß wir uns zu jeder Zeit der bewußten Herrschaft über unsere Gedanken und Handlungen und deren Zusammenhang mit der Wirklichkeit, so wie wir sie verstehen, versichern sollten, wenn wir an die Erforschung der höheren Ebenen des Geistes gehen. Unsere Gabe der bewußten Vernunft wird uns als Wächter und Schützer beistehen. Sie haben bereits Männer und Frauen getroffen, die von ihren Gefühlen beherrscht werden; die ihre Empfindungen nur unter geringer Kontrolle haben; die unstet, unsicher und unentschlos- sen sind. Diese Menschen treiben in einem Meer unkontrollier- ter Gefühle, so daß sich die verschiedenen Ebenen ihres Ge i- stes in verwirrtem, nicht aufeinander abgestimmtem Zustand befinden. Unter diesen Bedingungen kann man Halluzinationen unterliegen, Befürchtungen können sich in wirren Träumen zeigen, und Visionen mag man als Wirklichkeiten ansehen. Aus diesen Gründen muß die echte Entwicklung des Geistes mit der Aneignung der Kontrolle seiner Emotionen beginnen. Fehlt diese Voraussetzung, so kann das Individuum zur Beute aller Arten es umgebender Einflüsse und Kräfte werden. Wenn Sie Ihre eigenen Gefühle beherrschen können, sind Sie auch Herr über einen Mechanismus des Geistes von ungeheurer Feinempfindlichkeit, der unmittelbar sogar auf das geringfü- gigste Ereignis reagiert, das Ihnen widerfährt. Wenn Sie diese Kontrolle jedoch durch Gehirnverletzung, bestimmte Krankhe i- ten, Alkoholismus, Rauschgiftsucht, hypnotische Einflüsse, Gemütsleiden oder durch Unterwerfung Ihres freien Willens unter irgendein anderes Individuum oder eine Kraft verloren haben, rast die Maschinerie Ihres Geistes führerlos dahin. In solchem Zustande können Sie alle Arten unberechenbarer Hand lungen begehen, manchmal auch solche von wahnsinni- ger, krimineller oder zerstörerischer Art. Ist es deshalb verwunderlich, daß der so vielen Arten seelischer Gefahren unterworfene Mensch die sogenannte »Geisteskrank- heit« am meisten fürchtet? Unglücklicherweise sind viele Männer und Frauen mit unzweifelhaften Erfahrungen außer-

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sinnlicher Wahrnehmung nicht so seelisch ausgeglichen, wie sie es sein sollten. Sie sind unerhört einfühlungsfähig in be- stimmte Menschen, Umgebungen und Ereignisse geworden, und die Sensitivität hat die Intensität ihrer Gefühle bedeutend gesteigert, so daß sie unbewußt bessere Sender und Empfänger geworden sind. Doch wurden diese Menschen dem Bereich ihrer eigenen Kontrolle entzogen. Zum Zwecke Ihrer eigenen Sicherheit und geistigen und kör- perlichen Festigkeit sollten Sie die Fähigkeit entwickeln, Ihre Gefühle unter allen Umständen zu kontrollieren. Diese Aufga- be ist vielleicht die schwierigste im Leben. Trotzdem sollte eine Kontrolle unser täglich zu erreichendes Ziel sein. Die Einwirkung unkontrollierter Emotionen auf unseren Körper und unsere Seele ist zersetzend; nicht nur unser Gesundheitszu- stand, sondern auch unsere Urteilsfähigkeit, unsere Entsche i- dungsfähigkeit und unser Vermögen, in Gefahrenzeiten schnell und klug zu handeln, werden widrig beeinflußt. Zuweilen vermag eine seelische »Explosion«, eine Entladung gestauter Gefühle, die geistige Atmosphäre ebenso zu reinigen wie ein Gewitter die Luft. Wenn Emotionen jedoch gleich ko n- trolliert und vernunftgemäß zum Ausdruck gebracht werden, stauen sie sich erst gar nicht auf. Allen jenen, die an der Ent- wicklung ihres außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens in- teressiert sind, rate ich nachdrücklich, daß sie zuerst den Zu- stand ihrer jeweiligen Gefühlslage prüfen. Wenn Sie feststellen, daß Sie leicht abgelenkt oder seelisch erregt werden, bedeutet das nicht, daß Sie keine außersinnli- chen Erfahrungen haben können. Es bedeutet dagegen, daß Ihre Gefühle der Furcht, des Grams, der Abneigungen oder des Er- füllungsbegehrens Ihre Einbildungskraft anregen kann, Ihnen erdichtete Bilder vorzugaukeln. Diese Möglichkeiten werden aber auf ein Minimum reduziert, wenn Sie gelernt haben, Ihren Geist und Ihre Gefühle zu zügeln und zu beherrschen. Sie wer- den dann imstande sein, alle Eindrücke, die Sie überkommen, selbst unter widrigen Bedingungen durch ein deutliches Unter-

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scheidungsgefühl hinsichtlich ihrer Echtheit oder Unechtheit zu erkennen.

Um in die Lage zu kommen, die Macht Ihrer Gefühle richtig anzuwenden, müssen Sie die Überwindung Ihrer Befürchtun- gen und Sorgen und die Ausschaltung sämtlicher niederziehen- der Gefühlsreaktionen, die Sie jetzt in Ihrem Gemüt gespei- chert haben, lernen. Diese verkehrten geistigen Bilder und die- se negativen Gefühle sind es, welche die Kraft erzeugen, ähnli- che widrige zukünftige Ereignisse auf Sie zu ziehen: »Gleiches zieht Gleiches an.« Diese negative Anziehung wird sich so lan- ge fortsetzen, bis Sie die entsprechenden falschen Bilder und Gefühle aus Ihrem Bewußtsein verbannt haben.

Ein solches Kunststück wird vollbracht, indem Sie sich Ihre Fehlhandlungen ins Gedächtnis zurückrufen und sie mittels eines Willensaktes durch jene geistigen Bilder Ihrer nunmehr richtigen Handlungen und Reden ersetzen – durch jene Hand- lungen, die Sie inzwischen selbst als die bereits besser früher durchgeführten erkennen. Die Korrektur des falschen Denkens der Vergangenheit ist der Schlüssel zur Selbstmeisterung und möglichen Entwicklung zuverlässiger Fähigkeiten außersinnli- cher Wahrnehmung. Die anzuwendenden Techniken solcher Entwicklung werden dargelegt werden, wenn wir in unserer Erforschung jener höhe- ren Geisteskräfte fortschreiten.

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im dritten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Die Gefühlskraft scheint jene Macht zu sein, die in den me i- sten Fällen Eindrücke von einem Geist zum anderen übermit- telt.

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2.

Das Gefühl scheint jede Körperzelle zu durchdringen, wird

aber nur vom Geist verwirklicht. Worte sind lediglich Symbole

für Gefühle.

3. Diese Gefühlsschwingungen scheinen sich auf persönliche

Gegenstände zu übertragen. Somit vermag ein Sensitiver auf Grund irgendeines von einer unbekannten Person gebrauchten Stückes beträchtliche Informationen über diese Person zu emp- fangen. Diese Fähigkeit der Psychometrie kann sehr wertvoll zur Auffindung vermißter Persone n sein. Die Berichte über Spukfälle mögen auf demselben Phänomen beruhen, besonders wenn Geschehnisse wie etwa ein Mord die Schwingungen he f- tiger Gefühle an einem bestimmten Ort hinterlassen.

4. Die Fähigkeit außersinnlicher Wahrnehmung erfordert Selbstkontrolle. Gewisse Drogen scheinen das außersinnliche Wahrnehmungsvermögen zu fördern, doch diese Hilfsmittel sind von zweifelhaftem Wert und können gefährlich sein. Die Hypnose mag auch diese Förderungskraft haben; sie vermag Halluzinationen und andere Phänomene zu verursachen. Es ist wichtig, geistige Ausgeglichenheit und Festigkeit zu entwik- keln, ehe Sie Ihren Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung freien Lauf lassen.

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Viertes Kapitel

Gedankensendung und -empfang

Die Telepathie beruht, wie Sie wissen, auf der Fähigkeit des Geistes, mit einem anderen Geist ohne Benutzung irgendwe l- cher physischen und körperlichen Hilfsmittel in Verbindung zu treten. Welche Energien oder welche bewirkenden Ursachen hierbei mitspielen, weiß jedoch niemand. In meinem Buche »Thoughts Through Space« (»Gedanken durch den Raum«. Dieses Buch liegt bisher nur in englischer Sprache vor. Übersetzer) äußerte ich die Mutmaßung, daß die Wirkkraft hinter den telepathischen Vorgängen in der elektri- schen Aktivität des Geistes liegen könne. Das würde die Exi- stenz eines elektromagnetischen Feldes voraussetzen, das ir- gendwie von der Kontrollierenden Wesenheit, also dem betre f- fenden Menschen, benutzt wird, der elektrisch geladene For- men oder Impulse sowohl erzeugt als auch empfängt. Die Wissenschaft hat durch den Elektroenzephalographen nachgewiesen, daß die elektrischen Strömungen im Gehirn aufgezeichnet und gemessen werden können. Man hat beo- bachtet, daß geistige und seelische Störungen elektrische Ent- ladungen im Gehirn verursachen, die von der entsprechenden Erregung im Bewußtsein abhängen. Ich habe, wie bereits be- richtet, festgestellt, daß starke Gefühle um so stärkere Energie zu erzeugen und die Gedanken intensiver zu übertragen ver- mögen. Dennoch sind die Gehirnströme äußerst schwach. Diesen scheint keine genügende elektrische Energie innezuwohnen, um Gedanken aus großer Entfernung oder auch nur aus dem Nebenzimmer empfangen zu können. Vor einigen Jahren habe ich den Gedanken erwogen, daß eine Art von mentaler Energie bestehen müsse, die in und durch einen außerhalb von Raum und Zeit befindlichen mentalen Äther wirke, der nicht durch Instrumente erweisbar sei. Diese

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Annahme mag etwas für sich haben, zumal sowohl russische als auch amerikanische Wissenschaftler neuerdings experime n-

tell bewiesen haben, daß sensitive Menschen, die in absolut vor eindringenden elektromagnetischen Wellen geschützte Fara- day-Kammern oder Bleizellen eingeschlossen worden waren,

trotzdem

ungehindert telepathisch senden und empfangen

konnten.

Was haben wir daraus zu folgern? Wir werden sicher auf eine Kraft hingewiesen, die feiner, durchdringender und unbegrenz- ter als jede andere Kraft ist, die wir bis heute kennen. Wir müs- sen ferner folgern, daß sich der Mensch, dem diese Kraft als Bestandteil seines eigenen individuellen Bewußtseins zugehört, immer noch im Embryonalzustand seiner eigenen Entwicklung befindet und daß sich seine GANZE WESENHEIT weit über jenes physische Instrument seines Körpers, in dem sie sich ge- genwärtig manifestiert, hinausgeht.

Wir bedürfen der Bestärkung im Gebrauch außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens.

Ebenso wie im Falle der Elektrizität, die wir uns auf so ma n- nigfaltige Arten dienstbar machen, ohne zu wissen, was diese Kraft im Grunde ist, sind wir nun imstande, bei Gelegenheit unser außersinnliches Wahrnehmungsvermögen einzusetzen und anzuwenden, selbst wenn wir bis heute nicht dessen Grundwesen verstehen. Wenn wir die Kenntnisse, die wir jetzt besitzen, nicht anwenden, werden wir niemals über die An- fangsstadien unserer Entwicklung hinauskommen. Das wäre so, als würden wir die Weiterforschung des Radios kurz nach seiner Entdeckung eingestellt haben und hätten uns mit dem bruchstückhaften, unzuverlässigen Radiowellenempfang, wie er von Marconi entwickelt worden ist, beschieden. Es gibt viele Beweise, daß uns viel viel mehr unter der Oberfläche des Ge i- stes erwartet und der Erforschung und Entwicklung durch den

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Menschen harrt. In einigen meiner letzten Vorträge habe ich diejenigen gebeten, ihre Hände zu erheben, die davon überzeugt seien, eine oder mehrere Erfahrungen auf dem Gebiete außersinnlicher Wahr- nehmung gemacht zu haben. Die überwiegende Mehrheit der Zuhörer bestätigte, diese Erlebnisse gehabt zu haben. Wie skeptisch irgendein Mensch auch gegenüber der Anerkennung der echten Existenz außersinnlicher Wahrnehmung vor einem derartigen persönlichen Erlebnis gewesen sein mag, es bedarf nur eines einzigen solchen eigenen Abenteuers, um ihm für alle Zeiten die Wirklichkeit außersinnlicher Wahrnehmung vor Augen zu führen. Alsdann ist ein Mensch, der solches erlebte, eifrig darauf be- dacht, mehr über diese Geheimnisse des Geistes zu erfahren und vielleicht Wege zu finden, die Begegnungen mit der Fä- higkeit außersinnlicher Wahrnehmung zu wiederholen. Doch gewöhnlich wird der Mensch von der Verwirklichung seiner Absicht zur Weiterforschung durch den Mangel an verbindli- cher Kenntnis der Einzelheiten oder Unterweisung in der Me- thode des Vorgehens abgehalten.

Hiermit also will ich Ihnen Erklärungen und Anweisungen nach bestem Ausdrucksvermögen geben, die Ihnen helfen sol- len. Da dieses Buch aber nicht lediglich trockene Lehrsätze vermitteln soll, werden Sie merken, daß ich immer wieder not- wendige und interessante Beispiele aus dem Leben einschalte, wenn das ratsam erscheint. Den Lehrstoff finden Sie dennoch, obwohl er nicht so angeordnet wurde wie in manchen anderen Büchern.

Erinnern Sie sich nun der sieben verschiedenen Geistesebenen, die ich anführte. Es sind diese:

Ihre Bewußtseinsebene Ihre Unterbewußtseinsebene (unterbewußte Körperkontroll-

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Ebene) Ihre Gedächtnisebene Ihre Schöpferkraft-Ebene Ihre Heilungskraft-Ebene Ihre Intuitionsebene Ihre Kosmische Bewußtseinsebene

Im allgemeinen werden stets eine oder mehrere dieser geistigen Ebenen aktiv, um Ihnen zu dienen, auch wenn Sie sich gar nicht deren individuellen Funktionen bewußt sind. Sie kennen dagegen das Ergebnis – daß Ihnen die Antwort oder Führung, die Sie von Ihrem Geist verlangt haben, zuteil geworden ist. Doch Sie können nicht sagen, in welcher Weise Ihr Bewußt- sein, das seine Aufmerksamkeit auf die Verwirklichung eines Bedürfnisses oder Wunsches richtete, eine oder mehrere der anderen Geistesebenen in Tätigkeit setzte. Zur Erläuterung: Sie haben ein Erlebnis, das Ihr Bewußtsein durch einen oder mehrere Ihrer fünf physischen Sinne auf- nimmt. Dieses Erlebnis oder diese Erfahrung wird unmittelbar in Ihr Unterbewußtsein weitervermittelt, und die Maschinerie Ihres Geistes – um dieses Bild zu gebrauchen – wird in Tätig- keit gesetzt, die Erfahrung aufzunehmen und einzuordnen. In der Regel überwacht Ihre unterbewußte Körperkontroll- Ebene (wie man die Unterbewußtseinsebene auch nennen kann) die Arbeit aller Ihrer Körperorgane, wenn sich Ihr Geist und Ihre Emotionen im Ruhezustand befinden. Es gibt dann keine Unterbrechung oder Störung des rhythmischen oder har- monischen Energieaustausches zwischen den einzelnen zu- sammenhängenden Organen. Aber leider gibt es auch unglück- liche und tragische Störungen im Funktionsbereich dieses Kör- perkontroll- Zentrums, wodurch negative Wirkungen wie Atembeschwerden, Herzklopfen und Magenstörungen verur- sacht werden, um nur einige zu nennen. Diese Wirkungen wer- den durch Gefühle erzeugt, die allem Anschein nach die Fähig- keit haben, ihren Stempel jeder Zelle aufzuprägen. Die Wir-

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kung falscher Gefühle wird nicht beseitigt, ehe nicht diese Ge- fühle selbst geändert werden. Gleichzeitig werden in Ihrer Ge- dächtnisebene die mit einem Erlebnis zusammenhängenden geistigen Bilder, zusammen mit den Empfindungen, die dieses Erlebnis hervorrief, aufgezeichnet. Diese Eindrücke verbinden sich von selbst (G leiches zieht im Bereiche des Geistes Gle i- ches an!) mit allen anderen vorher aufgezeichneten Erfa h- rungseindrücken ähnlicher Art. Wenn das beherrschende Ge- fühl hinter einer Erfahrung ein solches der Furcht war, so wer- den alle bisher aufgezeichneten ähnlichen Furchtempfindungen durch die Hinzufügung der neuen Erfahrung verstärkt – und entsprechend gilt das für alle Arten von Emotionen. Sie sehen, daß Ihre Gedächtnisebene zu dem Zwecke existiert, Ihrem Be- wußtsein zu ermöglichen, sich auf den Speicher früherer Erfa h- rungen zu beziehen und die Lehren aus diesen Erfahrungen zugunsten neu auftauchender Probleme und deren Lösung an- zuwenden. Daraus folgt, daß Sie nur wenig von konstruktivem Wert besitzen, auf das Sie sich beziehen können, falls Sie den Speicher Ihrer Erinnerung hauptsächlich mit geistigen Bildern der Furcht, der Unzulänglichkeit und anderen falschen Ge- fühlsreaktionen füllten. Die Aufgabe Ihrer geistigen Schöpferkraft, die der nächsthöhe- ren Ebene Ihres Gesamtbewußtseins angehört, hegt dann, alle Ihre vergangenen und nun in Ihrem Gedächtnis aufbewahrten Ereignisse zum Aufbau Ihrer Zukunft mitzuverwenden. Wenn jeweils eine neue Erfahrung in Ihrem Gedächtnis aufgezeichnet wird, ist Ihre Schöpferkraft aufgerufen, irgend etwas damit anzufangen. Doch kann sie nicht ohne eine durch Ihren bewuß- ten Geist getroffene Entscheidung tätig werden. Viele Erfa h- rungen, die im Gedächtnis aufgestaut sind, werden, falls über- haupt, jahrelang nicht verwertet, da Sie kein bewußtes Bedür f- nis verspürten, diesen Erfahrungen wiederzubegegnen oder Nutzen aus ihnen zu ziehen. Sie mögen sogar versucht haben, manche Erfahrungen durch bewußtes Vergessenwollen aus der Erinnerung zu streichen. Diese scheinbar vergessenen Erfa h-

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rungen existierten dennoch in Ihrem Unterbewußtsein und be- einflussen auf diesem Wege Ihr Verhalten, ob Sie dessen ge- wahr werden oder nicht. Ihre Heilungskraft-Ebene ist mit Ihrer Gedächtnisebene ebenfalls verbunden, da sie auf jede Ihrer Erfahrungen reagieren muß. Jede körperliche und seelische Anstrengung erheischt eine entsprechende krafterneuernde Er- widerung durch diese Heilungskraft. Sie ist beständig am Werk, indem sie ungezählte Millionen und Milliarden abster- bender und toter Zellen erneuert. Diese Heilungskraft scheint einen Bauplan unseres physischen Körpers zu besitzen und stets zu wissen, wo Instandsetzungen notwendig sind. Sie scheint diese Notwendigkeiten auch stets im Augenblick der darauf bezüglichen Erfahrung wahrzunehmen, mögen es nun körperliche oder seelische oder beide Erfahrungen sein. Wie- derum aber kann auch die Funktion dieser Heilungskraft- Ebene, wie es auch bei der unterbewußten Körperkontroll- Ebene der Fall ist, durch negative Gefühle wie Furcht, Pessi- mismus und ähnliche unterbrochen werden. Auf der anderen Seite vermögen starke aufbauende Gefühle wie Selbstvertra u- en, Mut und Glaube die Heilungskraft so anzuregen, daß sie scheinbare Wunder vollbringt. Ihre Intuitionsebene verschmilzt all Ihre niederen auf den phy- sischen Körper bezüglichen Sinne mit den höheren Sinnen. Die Intuitionsebene birgt Ihre Fähigkeiten außersinnlicher Wahr- nehmung. Da Sie vermutlich, wie die meisten Menschen, nicht gelernt haben, die Leistungsfähigkeit der Intuitionsebene zu erkennen und sich darauf zu verlassen, werden Sie ihrer selten gewahr. Oftmals jedoch verschmilzt die Intuition derartig mit Ihren Alltagssinnen, daß sie Ihnen in Form blitzartig erhelle n- der Einfälle bei wichtigen Entscheidungen oder Überwindung plötzlich auftretender Schwierigkeiten auf eine Weise hilft, die völlig jenseits des Leistungsvermögens Ihrer physischen Sinne liegt. Manchmal ist eine Lebenserfahrung so von Gefühlen beladen, daß diese Intuitionsebene aktiviert wird und Ihre au- ßersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten erweckt werden, wo-

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durch Sie Eindrücke empfangen, die Sie schützen und leiten. Sie möge n dann bezeugen, eine echte Erfahrung außersinnli- cher Wahrnehmung gehabt zu haben, obwohl Sie deren Zu- standekommen nicht erklären können. Die Ebene Ihres Kosmischen Bewußtseins können Sie nur durch Ausübung und Anwendung Ihres außersinnlichen Wahr- nehmungsvermögens erreichen. Auf dieser hohen Ebene ver- bindet sich Ihr ganzheitliches Wesen mit jener erhabenen Kraft, die man als Gottesgegenwart oder Göttliches Bewußtsein be- zeichnen muß. Diese Ebene ist zeit- und raumlos, und Sie ver- binden sich ihr durch tiefe und aufrichtige Meditation, in der Sie einer Ewigen Stimme gewahr werden, die »Ich bin Ich« zu Ihnen spricht. Dies ist eine Sphäre jenseits aller Namen und physikalischer Substanzen. Hier trifft sich das Greifbare, wie wir es in unseren Worten verstehen, mit dem Unfaßbaren. Hier ist der Mittelpunkt Ihres Seins, um den alle diese niederen Be- wußtseinsebenen kreisen. Hier finden Sie den Zugang zur Ver- einigung mit Gott, mit der Großen Intelligenz – eine Vereini- gung, die sich nach Ihrer selbst entwickelten Fähigkeit richtet, sie zu vollziehen und zu gewahren.

Sie brauchen Ihren freien Willen nicht aufzugeben

Obwohl diese grundlegenden Zusammenhänge bestehen, bin ich davon überzeugt, daß Sie im Sinne des Bewußtseins allen Lebens in dem unausdenklich mächtigen Universum nicht zur Unterwerfung unter diese Gesetze gezwungen sind oder diese sogar bewußt erkennen mögen. Sie müssen aus eigenem freien Willen wünschen, in Einklang mit der Höchsten Macht zu kommen. Tragischerweise haben sich zahllose Menschen so in die niederen Ebenen ihres Wesens mit den ausschließlichen physischen Aspekten verstrickt, daß sie nur selten, falls über- haupt, diese Höhere Macht spüren. Auf der Ebene des Kosmi- schen Bewußtseins werden sämtliche Lebenserfahrungen von Ihnen überschaut, und dort wird das Wesen dessen, was Sie in

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diesem Leben geworden sind, auf magische Weise Ihrer We- senheit oder Ihrer Seele hinzugefügt. Was Sie gegenwärtig sind, kann mit der Summe Ihrer Lebens- erfahrungen einschließlich Ihrer geistigen und seelischen Ver- haltensweise in bezug auf diese gleichgesetzt werden. Sie sind in dieses Leben mit einem Bewußtsein getreten, das dazu be- stimmt war, Erfahrungen zu sammeln. Wenn Sie aus diesem Leben scheiden, nehmen Sie die Essenz dieser Erfahrungen mit, um sie anderswo anzuwenden. Es gibt für mich keine an- dere Möglichkeit, seit ich die wundersame Funktion der er- staunlichen Maschinerie des Geistes beobachtete, die alle Ere i- gnisse in so irrtumsloser und minutiöser Weise zur Vorbere i- tung immer größerer und größerer Entwicklungen und Zielset- zungen aufzeichnet. Wozu sollte dieser gewaltige Energieauf- wand in auch nur einem kleinen menschlichen Organismus und Geist geschaffen worden sein, wenn das Endresultat in der Auslöschung durch die Auflösung des bloßen menschlichen Körpers, des sogenannten materiellen Instrumentes, bestünde?

Wie ungeheuer Vieles verbirgt sich unter der Oberfläche des menschlichen Wesens und allen Lebens – das alles für höchste Zwecke bestimmt ist! Sie sind ein viel größeres Wunder, als Sie sich jemals vorstellten! Sie sollten sich deshalb zur rechten Einschätzung Ihrer selbst und Ihrer Entwicklungs- und Fort- schrittsmöglichkeiten aufschwingen!

Wie Sie die physische Komponente Ihres Wesens ausschalten können

Nunmehr mit diesem Wissen um die Hintergründe der Funkti- on Ihres Geistes ausgestattet, können Sie jetzt den Erläuterun- gen zur praktischen Anwendung der Telepathie folgen. Da die Aussendung und der Empfang von Eindrücken nichts mit dem Bereich des Körperlichen zu tun hat, muß Ihr erster Schritt in Richtung auf die Entwicklung Ihrer außersinnlichen Fähigke i-

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ten in der Ausschaltung dieser physischen Komponente liegen. Sie müssen imstande sein, zeitweise die Existenz Ihres phys i- schen Körpers völlig aus dem Bewußtsein zu verlieren. Das wird erreicht, indem Sie Ihren Körper zunächst vollkommen entspannen und dann die Aufmerksamkeit Ihres bewußten Ge i- stes von diesem Körper und seinem Kontakt mit der äußeren Welt abziehen. Es gibt eine besonders wirksame Methode der Entspannung, die ich viele Jahre lang angewandt und in ver- schiedenen Büchern beschrieben habe. Verfahren Sie nach fo l- genden Anweisungen:

1. Legen Sie sich bequem auf ein Sofa oder Bett, oder setzen

Sie sich in einen Sessel, der wirklich bequem für Sie ist. Sie sollten das Gefühl haben, als ob der Sessel oder das Sofa oder das Bett Ihr ganzes Gewicht trägt und Sie von jeder Anstre n- gung befreit.

2. Richten Sie ruhig die ganze Aufmerksamkeit Ihres bewußten

Geistes auf eines Ihrer Beine. Erlauben Sie Ihrem Willen die Anstrengung, dieses Bein hochzuheben. Wenn Sie Muskela n- spannungen zu fühlen beginnen, ziehen Sie Ihren Geist von diesem Bein ab. Lassen Sie es so fallen, als ob es von Ihrem Körper abgetrennt würde. Richten Sie Ihren Geist nun in der- selben Weise auf das andere Bein. Heben Sie es hoch, lassen Sie es beim Auftreten der Muskelspannungen fallen, als ob es nicht mehr zum Körper gehöre, und ziehen Sie Ihr Bewußtsein davon ab.

3. Nun richten Sie die Aufmerksamkeit Ihres Bewußtseins auf

einen Arm – strecken Sie ihn aus – und wenn Sie Anspannun- gen zu fühlen beginnen, ziehen Sie Ihre Aufmerksamkeit zu- rück und lassen ihn schlaff herunterfallen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den anderen Arm – erheben Sie ihn – ha l- ten Sie ihn starr – nehmen Sie die den Arm stützende Willens- kraft zurück – lassen Sie ihn fallen.

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4.

Richten Sie die Aufmerksamkeit Ihres Bewußtseins auf Ih-

ren Rumpf. Nun ziehen Sie die Aufmerksamkeit langsam und stetig ab, indem Sie an den Hüften beginnen und langsam auf- wärtsgehen, als würde eine Welle durch Ihren Körper von den Hüften bis hinauf zum Kopf wandern und dabei die Fixierung Ihres Geistes auf den Körper lösen. Dieser Vorgang verschafft Ihnen ein wachsendes Empfinden der Leichtigkeit und Ent- spannung, als ob Sie sich außerhalb Ihres Körpers bewegen würden. Sowie diese Leichtigkeitswelle Ihren Nacken und Ih- ren Kopf erreicht, lassen Sie – falls Sie sitzen – Ihren Kopf bei entspannten Nackenmuskeln vorwärtssinken oder lassen Sie ihn auf das Sofa oder Bett zurücksinken. Nach einiger Übung erleichtern Ihnen diese Prozeduren die Abschaltung des Kör- perbewußtseins durch den Geist. Wenn Sie genügend Übung in der Anwendung dieser fortschreitenden Entspannung besitzen, werden Sie sogar in der Lage sein, die Zwischenstufen fortzu- lassen und durch einen Willensakt Ihren ganzen Körper aus dem Bewußtsein aus zuschalten.

5. Jetzt sind Sie sich Ihrer Existenz in Ihrem physischen Körper

nicht länger bewußt. Sie sind bereit, die Aufmerksamkeit Ihres Bewußtseins nach innen, auf Ihr geistiges Wesen, zu lenken und Verbindung mit Ihrer Intuitionsebene aufzunehmen. Um diese zu erreichen, haben Sie behutsam über Ihre unterbewußte Körperkontroll- Ebene, Ihre Gedächtnisebene, Ihre Schöpfer- kraft-Ebene und Ihre Heilungskraft-Ebene hinauszukommen, diese Ebenen gleichsam in Gedanken zu umgehen. Ihre We- senheit, Ihr bewußtes Sein, hat sich ganz auf diese Intuitions- ebene eingestellt und ist ein Teil von ihr geworden. Doch um den Kontakt mit der Intuitionsebene aufrechtzuerhalten und sich vor der Einwirkung der anderen Ebenen zu schützen, müs- sen Sie sich einen innerlich sichtbaren Brennpunkt schaffen, der die Aufmerksamkeit Ihres bewußten Geistes auf sich zu ziehen hat. Ich bevorzugte die Idee einer leeren weißen Film-

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leinwand, die ich mir durch den dunklen Raum meiner Vorste l- lung ausgespannt dachte. Sie können diesen Gedanken ver- wenden, wenn er Ihnen passend erscheint. Sollten Sie nicht imstande sein, diesen mentalen Bildschirm vor Ihrem geistigen Auge zu sehen, so schaffen Sie sich das Gefühl, daß er vorha n- den ist, um Ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

6. Nun sind die Voraussetzungen geschaffen. Ihr Körper ist

entspannt, Ihr Bewußtsein aufnahmebereit, und Ihre Aufmerk- samkeit ist nach innen gerichtet – auf diese den geistigen Au- gen sichtbare, leere, weiße Filmleinwand. Durch diese einfache Technik haben Sie den sonst beständig flutenden Strom bruc h- stückhafter physischer und seelischer Empfindungen und Ein- drücke, die von anderen Ebenen Ihres vielschichtigen Bewußt- seins stammen, ausgeschaltet. Im jetzt erreichten Zustand bra u- chen Sie nur zwanglos an das Individuum zu denken, von dem Sie eine telepathische Botschaft zu erhalten wünschen, und dann die innere Schauung mentaler Bilder, wie sie über Ihren geistigen Bildschirm fluten, voller Selbstvertrauen zu erwarten.

7. Wenn erst diese mentalen Bilder erscheinen, ist es Ihre Auf-

gabe, sich dieser zu erinnern und Ihre Eindrücke so schnell und so vollständig wie möglich zu deuten und aufzuzeichnen. Ich

muß hier ausdrücklich betonen, daß diese mentalen Bilder tat- sächlich und buchstäblich fließen. Sie kommen, und sie sind schon wieder gegangen, dabei aber eine Gefühlswirkung auslö- send. Manchmal wird Ihnen auch eine »Wissensempfindung«, wie ich sie nenne, vermittelt. Dabei haben Sie den Eindruck,

bestimmte

dem

Unterbewußtsein zurückzuholen versuchten. Ich glaube, daß jeglicher Eindruck, den ich empfange, von einem mentalen Bild begle itet wird. Doch manchmal reagiert der Geist nicht schnell genug, dieses Bild zu fassen. In den meisten Fällen jedoch nehme ich einen Reflex des mentalen Bildes in Form eines Gefühls auf. Wenn ich dieses Gefühl deute, vermag ich

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als

sei

Ihnen

zu

irgendeiner

worden,

Zeit

die

irgendeine

sich

nun

Information

gegeben

Sie

aus

auf. Wenn ich dieses Gefühl deute, vermag ich mit dem geisti- gen Auge das entsprechende Geschehnis ganz oder teilweise zu erkennen, das durch dieses Gefühl ausgedrückt wurde, auch wenn ich die Entdeckung des geistigen Bildes selbst versäumt habe.

Um Ihnen ein Bild davon zu geben, wie schnell diese Geda n- kenbilder sind, stellen Sie sich mit mir vor, daß Sie sich an einem nächtlichen Strand befinden und von völliger Dunkelheit umgeben sind. Sie blicken zum Himmel und sehen eine große Anzahl von Sternen. Ganz plötzlich durchblitzt ein Meteor den dunklen Hintergrund des Nachthimmels. In einer Sekunde ist die Erscheinung verschwunden; Sie haben sie soeben wahrge- nommen, und schon ist die Leuchtspur erloschen. Nun nehmen Sie an, dieser Meteor stellt das mentale Bild einer Erfahrung dar, die Sie von einem anderen Geist als Sender aufgenommen haben und mit Ihrem geistigen Auge sehen. Es handelt sich dabei um etwas niemals zuvor Gesehenes. Es gibt nichts in Ihrem eigenen Geist, das damit in Verbindung steht oder in Verbindung stehen könnte. Sie müssen das Aufleuchten des Meteors oder Ihren Eindruck von diesem Aufleuchten in die- sem Beispiel mit Ihrem mental wahrgenommenen Eindruck gleichsetzen; an Ihnen liegt es nun, sich der Einzelheiten dieser ersten mentalen Wahrnehmung und der Spuren, die sie hinter- ließ, ohne krampfhafte Bemühungen so lange wie möglich zu erinnern. Ein Gefühl kann, einmal eingefangen, lange nachdem das me n- tale Bild selbst seine Bahn gezogen ist, im Gesamtbewußtsein aufbewahrt bleiben. Doch Sie werden Schwierigkeiten haben, bei zu angespannten Deutungsbemühungen telepathisch emp- fangener Eindrücke Ihre Gedächtnis- und Schöpferkraft-Ebene auszuschalten, da Ihre Einbildungskraft bestrebt ist, irgendwe l- che ähnlichen oder auf den telepathischen Impuls bezüglichen Bilder aus der Vergangenheit hervorzuholen. Wenn Sie diese Einmischungen zulassen, werden Ihre ursprünglich empfange-

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nen Eindrücke, wie echt sie auch immer gewesen sein mögen, verfremdet und verzerrt. Beim telepathischen Empfang ergibt sich die Notwendigkeit für Sie, sich darin zu üben, jeglichen Eindruck, der Ihnen wä h- rend der Konzentrationsperiode zukommt, ohne Rücksicht auf die scheinbare Unmöglichkeit oder Unlogik dieser Impulse aufzunehmen. In dem Augenblick des möglichen Eindringens Ihres bewußten Geistes und Ihrer Verstandeskräfte wäre die telepathische Verbindung zerstört. Ihr kritisches Bewußtsein und dessen gewöhnliche Funktionen müssen auf alle Fälle aus- geschaltet bleiben, sowie Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den imaginären, leeren weißen Bildschirm gerichtet haben.

Die »Doppelbelichtung« in der Telepathie

Sie müssen die Ihnen durch außersinnliche Wahrnehmungsfä- higkeiten vermittelten Eindrücke ebenso scharf wahrnehmen, wie Sie es im Falle der durch die fünf physischen Sinne vermit- telten Eindrücke gewöhnt sind. Wenn Sie während Ihres tele- pathischen Empfangsversuches einen der gewöhnlichen Ein- drücke durchlassen würden, wäre das mit der Doppelbelichtung eines Films zu vergleichen. Keines von beiden Bildern wird klar erkennbar sein, sondern beide werden sich übereinanderle- gen und eine verschwommene Mischung ergeben. Diese Neigung der verschiedenen Schichten des Geistes, sich miteinander zu mischen, stellt eines der größten Hindernisse für den klaren telepathischen Empfang dar. Jahrelang habe ich telepathische Versuche angestellt, doch noch heute muß ich auf der Hut vor diesen möglichen unerwünschten Einschaltungen sein. Und nicht nur das – denn nach Beendigung der Aufzeic h- nung meiner empfangenen Eindrücke werde ich beim Studium derselben stets von Zweifeln und oft von regelrechtem Zwie- spalt bei der Erwägung von deren Echtheit befallen, bis ich entweder die Bestätigung oder Widerlegung durch meinen te- lepathischen Partner bekommen habe.

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So erging es mir hin und wieder während meiner Erfahrungen auf dem Gebiete der Fernstrecken-Telepathie mit Sir Hubert Wilkins. Meine kritische Vernunft – daran gewöhnt, die mit physischen Sinnen sichtbaren, hörbaren und fühlbaren Ein- drücke aufzunehmen und zu beurteilen – konnte die mir durch höhere Sinnesfähigkeiten übermittelten Nachrichten nicht für bare Münze nehmen. Dabei erinnere ich mich besonders meines Verhaltens im Falle des im dritten Kapitel geschilderten telepathischen Eindrucks nach Wilkins’ unerwarteter Teilnahme an jenem Armee-Ball, als ich ihn im Abendanzug erfaßte. Ich sagte damals zu meiner Frau: »Martha, ich habe das Ge- fühl, heute nacht auf der falschen Spur zu sein; ich habe meiner Einbildungskraft keine Zügel angelegt. Am frühen Abend, ehe ich den telepathischen Kontakt mit Wilkins herstellte, las ich in der Zeitung von einer Armee- Feierlichkeit auf dem Soldate n- friedhof zu Arlington, und so habe ich Wilkins bei meiner tele- pathischen Einstellung irgendwie mit einem Ball der Armee in Zusammenhang gebracht. Darüber hinaus sah ich vor meinem geistigen Auge sogar Männer und Frauen in Uniformen und in Abendkleidung – und dann sah ich Wilkins, der selbst im Abendanzug erschien! Wie du weißt, Martha, habe ich mir zur Pflicht gemacht, jeglichen Eindruck aus meinen telepathischen Sitzungen aufzuschreiben, wie lächerlich im Einzelfalle ein solcher Eindruck auch erscheinen mag, und ihn später zu ana- lysieren. Wenn ich jedoch auf die Notizen der letzten Nacht sehe, muß ich mir sagen, daß ich genau weiß, daß sic h Wilkins zum Zwecke einer ernsten Rettungsmission auf dem Flug gen Norden befindet und sich nicht die Zeit nehmen würde, an ei- nem Ereignis wie einem Armee-Ball teilzunehmen. Außerdem bin ich sicher, daß er keinen Abendanzug mitgenommen hat!« Martha riet mir, die Flugpostsendung des Vergleichsberichtes aus Wilkins’ Tagebuch abzuwarten. Sie empfahl mir eindring- lich, inzwischen meinen Geist vom Ballast der Zweifel zu be- freien, so daß ich das nächste telepathische Experiment zur

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verabredeten Zeit unbelastet aufnehmen könne. Das tat ich auch. Doch hatte ich trotzdem Augenblicke der Unsicherheit. Sie können sich meine Erleichterung vorstellen, als Wilkins’ Bericht endlich eintraf und ich feststellen konnte, daß mein Eindruck über den Abendanzug berechtigt gesehen war!

Wie man sich in einen anderen Geist einschaltet

Zu Beginn meiner Experimente mit Wilkins machte ich eine Entdeckung, von der ich glaube, daß sie Ihnen bei Ihrer eige- nen Entwicklung telepathischer Fähigkeiten dienlich sein wird. Wenn ic h die bereits beschriebene Technik angewandt und meinen Geist auf Wilkins konzentriert hatte, überkam mich nach wenigen Sekunden das innere Gefühl, daß der mentale Kontakt hergestellt worden ist. Die Art dieses Gefühls werden Sie durch eigene Experimente selbst kennenlernen. Es ist ein Gefühl, als sei der betreffende Partner wirklich in der Nähe, doch nicht im Sinne körperlicher Anwesenheit. Es ist so, als sei ein Stromkreis zwischen den Geistern beider Personen ge- schlossen worden, so daß die Gedanken und Gefühle des Se n- ders gleichzeitig vom Empfänger intensiv gedacht und gefühlt werden können. In einem besonderen Falle aber wurde mein Geist plötzlich von einer bunten Sturzflut bruchstückhafter Eindrücke in kaleido- skopischem Ablauf überflutet. Die Eindrücke konnten nicht auseinandergehalten werden, sie kamen kreuz und quer herein- geflutet und durchbrachen die Schranke zwischen meinem Ta- gesbewußtsein und Unterbewußtsein. Es war so, als ob einige Radiosender auf derselben Wellenlänge sendeten. Die Wirkung auf mich war so verwirrend, daß ich meinen Empfangsversuch abbrach und herauszufinden suchte, was wirklich geschehen war. Der Gedanke kam mir, daß ich mit den mentalen Bildern irgendwelcher Ereignisse aus verschiedenen Stadien in Wil- kins’ Vergangenheit, die in seinem Bewußtsein alle nebenein- ander vorhanden waren, in Berührung gekommen sein muß,

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falls ich überhaupt Kontakt mit ihm hatte. Ebenso wie Wilkins diese Bilder willentlich in sein Bewußtsein holen konnte, war

es theoretisch möglich, daß sich mein Geist während des tele- pathischen Kontaktes dieser Bilderflut angeschlossen hatte. Es ergab sich, wie ich nun wahrnahm, das Problem der richtigen Auswahl der Gedanken. Und das war ein Problem! Wenn ich mit meinem Geist wirklich an Wilkins’ Erinnerungsspeicher angeschlossen gewesen war, wie konnte ich dann die uner- wünschten Einflüsse ausschalten und nur die erwünschten, nämlich von ihm augenblicklich gedachten Bilder, empfangen? Es drängte sich mir nun der Vergleich der Funktion des Geistes mit einem Radio in noch einer anderen Hinsicht auf. Ich be- dachte, daß eine bestimmte Frequenz von soundsoviel Kilo- oder Megahertz eingestellt werden muß, wenn man einen be- stimmten Radiosender zu hören wünscht, und daß diese Sende- station dann auf eben dieser Frequenz durchdringt. Könnte ich somit mittels entsprechend entwickelter Suggestionskraft auch eine Anwendung der außersinnlichen Fähigkeiten innerhalb eines begrenzten Zeitraumes erreichen, in dem die telepathi- sche Einschaltung vorgenommen würde, und zwar in dem Zeit- raum, der mir eine Abschaltung aller Gedankeneinflüsse außer den gewünschten auf Seiten meines Partners gewährleistete? Jedenfalls war das Experiment gewiß interessant genug, unter- nommen zu werden, da ich erfahren mußte, daß ich auf dem Wege, auf dem ich begonnen hatte, nicht befriedigend weiter- kam. Indem ich meinen Körper und Geist wiederum entspannte,

weißen

meine

Bildschirm richtete und Wilkins gedanklich anrief, gab ich meinem Geist zugleich die folgende nachdrückliche Sugge st i- on: Bestimme für mich, welche außerordentliche Ereignisse Wilkins an diesem Tag widerfahren sind – oder was ihm im Augenblick widerfährt! In diesem entspannten und hochsensitiven geistigen Zustand zeitigte diese Suggestion fast unmittelbare Wirkung. Die Ver-

Aufmerksamkeit

erneut

auf

den

imaginären

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mischung von Gedankenformen und Gefühlen setzte aus, und es begannen Bilder und Empfindungen über meinen mentalen Bildschirm zu flackern, die ich in Worte übertragen konnte und die sich im Verlaufe der Weiterentwicklung der Versuche auf der Grundlage regelrechter Forschungsakten als höchst genau und zuverlässig erwiesen. Am bezeichnendsten überhaupt war, daß sich mit wenigen Ausnahmen die nunmehr empfangenen telepathischen Eindrücke mit den von Wilkins an dem betre f- fenden Tage erlebten Ereignissen deckten, die zudem zur ge- nauen Zeit der mentalen Verbindung erfolgt waren. Diese Tat- sache vermittelte mir schlüssig, daß mir die »Einschaltungs- suggestion«, die ich meinem Geist fortan jede Nacht vor Be- ginn der Versuche erteilte, die gewünschte Auswahl der Ge- danken verschaffte. Sie werden entdecken, daß Ihnen dieser einfache Ratschlag, die beschriebene Suggestion anzuwenden, eine große Hilfe bei Ihren Versuchen mit allen ähnlichen Experimenten sein wird. Ich habe die Methode zu verschiedenen Zeiten und bei ver- schiedenen Gelegenheiten in meinem Leben angewandt, und sie war stets wirkungsvoll.

Pioniere der Erforschung außersinnlicher Wahrnehmungskräf- te lernten durch Erfahrung.

Bis jetzt habe ich die Technik des Gedankenempfanges viel eingehender behandelt als jene des Gedankensendens. Der Grund dafür liegt darin, daß die Grundverantwortung und die Beweislast für eine gelungene telepathische Übertragung stets beim Empfänger liegen. In vielen Fällen ist es für den Geda n- kensender nicht einmal notwendig, sich auf den Empfänger zu jener Zeit einzustellen, in der dieser die Gedanken aufnimmt. Als die Versuchsreihe mit Wilkins verabredet wurde, war be- absichtigt, daß er sich stets zur verabredeten Zeit zur Verfü- gung halten sollte, wenn ich mich in New York auf ihn konze n- trierte. Er hatte geplant, sich jeweils an irgendeinen ruhigen,

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abgeschlossenen

Platz

zurückzuziehen,

wo

er

die

außerge-

wöhnlichen Erlebnisse des Tages in Form mentaler Bilder sammeln und sie mir mittels starken Willens übermitteln konn- te. Es dauerte indessen nicht lange, und unvorhergesehene U m- stände hielten Wilkins von der Einhaltung dieser regelmäßigen, verabredeten Sendezeiten ab. Aber zu seinem und meinem Er- staunen erlitt die Klarheit der von mir empfangenen telepathi- schen Eindrücke keinerlei Einbuße. Das führte Wilkins zu dem Schluß, daß ich diese Eindrücke aus seinem Unterbewußtsein empfangen würde und daß es für ihn keine wesentliche Vor- aussetzung für eine gelungene Übertragung sei, diese bewußt und zur verabredeten Zeit vorzunehmen. Daraufhin machte es sich Sir Hubert zur Gewohnheit, sich zu allen möglichen und ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten auf mich zu konze n- trieren, zumal wenn er im voraus wußte, daß er die verabrede- ten Zeiten nicht einhalten konnte. Er tat das im festen Vertra u- en darauf, daß ic h seine mit starken Willensimpulsen gelade- nen Gedanken über die unterbewußten Ebenen meines Geistes empfangen würde und daß ich sie mir zum Bewußtsein bringen würde, wenn ich meinen Geist planmäßig auf Empfang stellte. Wieviel diese Praxis zu dem durchgängigen Erfolg beigetragen haben mag, den wir in der Übermittlung und im Empfang von Eindrücken erzielten, ist schwer zu bestimmen. Ich weiß, daß ich bei der ersten Feststellung, Gedanken von Wilkins aufge- zeichnet zu haben, die er nicht zur Zeit meiner Konzentration auf ihn ausgesandt hatte, geradezu einen Schock empfand. In jenen Anfangstagen der telepathischen Forschung hatte ich natürlich angenommen, daß man keinen Gedanken eines ande- ren bewußt aufnehmen könne, wenn dieser den Gedanken nicht zur gleichen Zeit bewußt gesendet hatte. Was ich mir nicht genügend vergegenwärtigte, ist folgende Tatsache: Jede Erfa h- rung, die einmal im Bewußtsein aufgezeichnet worden ist, be- steht in Form mentaler Bilder und mentaler Empfindungen fort und kann zu beliebiger künftiger Zeit sowohl dem ursprünglich

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Erfahrenden als auch dem Gedankenempfänger, der sich in des anderen Geist einschaltet, über die Gedächtnisebene zurückge- holt werden!

Beachten Sie, daß ich festgestellt habe, daß Ereignisse zusam- men mit den entsprechenden intensiven Gefühlen, die sie im Gemüt des Erlebenden ausgelöst haben, im Geist gespeichert werden. Wenn ich formulierte, daß ich »außerordentliche« Ereignisse aus dem Leben Wilkins’ gedanklich zu empfangen wünschte, so deshalb, da ich um deren besonders tiefen Ein- druck auf sein Gemüt wußte. Diese Grundtatsache gilt für jedes Individuum. Viele Eindrücke, die ich telepathisch über Wilkins empfing und aufzeichnete, hat er mir niemals bewußt senden wollen; doch habe ich sie ebenso genau empfangen. Diese Ge- danken und Erfahrungen waren jedoch von Wilkins’ persönli- chen heftigen inneren Gefühlserregungen begleitet, als sie ihm jeweils widerfuhren. Diese Umstände genügten mir, um sie telepathisch empfangen zu können.

Der Geist registriert alles

Wenn die Gedanken nicht elektromagnetischer Natur im Sinne des von uns heute so bezeichneten Elektromagnetismus sind, müssen sie eine Schwingungshöhe und -art besitzen, von der irgendwie die Qualität der Gefühle abhängen muß. Als Sensit i- ver haben Sie vor allem zu jeder Zeit mit Gefühlen zu tun. Wie Sie fühlen, was und wo und wann und warum Sie fühlen, muß von Ihnen gedeutet und in Worte übertragen werden. Als ich von Wilkins zum Beispiel den Eindruck der Szene mit dem toten Hund auf dem Eis empfing, sah ich ihn vor meinen geistigen Augen auf den Hund herabblicken; ich sah ihn das Tier untersuchen und feststellen, daß dieses einen Kopfschuß erlitten hatte; und ich fühlte mit ihm, wie er sich fragte, wes- halb der Hund wohl getötet worden sein mochte. Diese Ein- drücke zuckten wie Blitze durch mein Bewußtsein, vergingen

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also sofort – aber die Gefühle blieben bestehen und ermöglic h- ten mir, das hinter ihnen als Ursache stehende Ereignis zu er- fassen. Ein anderes Mal nahm ich telepathisch auf, wie Wilkins und seine Leute im hohen Norden Ping-Pong spielten. Vom Stand- punkt des Wachbewußtseins aus war dieses ein höchst unwahr- scheinliches Ereignis. Es wurde aber später als genau an jenem Tage stattgefunden bestätigt. Einmal horte ich auch mit me i- nem geistigen Ohr die kratzenden Töne eines altmodischen Grammophons, das Schlager aus alter Zeit spielte. An dem betreffenden Tage hatte Wilkins tatsächlich der Musik dieses alten Grammophons gelauscht, das den kostbaren Besitz eines befreundeten Expeditionsmitgliedes darstellte. Diese beiden letztgenannten Geschehnisse sind nur wenige von vielen ähnli- chen, die ihren emotionellen Eindruck auf Wilkins hinterlie- ßen, jedoch nichts mit der Expedition und deren Ziel, die russi- schen Flieger zu finden, zu tun hatten. Wilkins hatte diese Er- lebnisse auch nicht für bedeutend genug gehalten, um sie mir bewußt zu vermitteln. Solche telepathischen Zufallsaufnahmen wie diese zeigen, daß alle Ereignisse, die einem Individuum widerfahren, unter- schiedlos aufgezeichnet werden. Dennoch ist gut zu beobac h- ten, daß jene Erlebnisse, welche die lebhafteste Aufmerksa m- keit des Betreffenden erregen, am tiefsten ins Bewußtsein ein- geprägt werden.

Wenn Sie selbst zu experimentieren beginnen, ist es natürlich als weniger kompliziert vorzuziehen, wenn Ihr Gedanken sen- dender Partner sich um dieselbe Zeit wie Sie selbst konzen- triert. Sie können die Resultate leichter vergleichen und sich ihrer Richtigkeit versichern. Der Gedankensender sollte die gleiche Technik anwenden, wie ich sie für den Empfänger be- schrieben habe: Körper und Geist sollen entspannt und die Existenz eines mentalen Bildschirms im Bewußtsein vorgestellt werden. Dann sollte der Sender jedes Bild, das er zu übermit-

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teln wünscht, auf den mentalen Bildschirm des Empfängers werfen. Der Sender soll sich eine gewisse Zeit zur Übermitt- lung jeden Eindrucks nehmen, den er mit seinem WILLEN auf diesem Bildschirm erscheinen lassen muß. Der zu übermitteln- de Eindruck mag nun ein Kartensymbol, ein Gegenstand, eine Farbe, eine wirkliche menschliche Erfahrung oder eine Idee sein. Nach jeder vollzogenen Übertragung soll der Sender sei- nen imaginären Bildschirm von Gedanken befreien, um somit vor der nächsten Übertragung dem Empfänger Gelegenheit zu geben, dasselbe zu tun.

Um in dieser Art erfolgreich zu arbeiten, müssen die Sende- und Empfangszeiten aufeinander abgestimmt werden. Zu Be- ginn der Experimente soll man sich mit einer halben Stunde begnügen, da etwa in diesem Zeitraum beim Sender und Emp- fänger eine Nervenerschöpfung eintritt, die sich störend aus- wirken kann. Ein Energieaustausch irgendwelcher Art findet zweifellos statt. Der Empfänger ist jedoch stets erheblicher erschöpft als der Sender. Diese Tatsache ist vielleicht auf die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung eines hohen Grades der Aufnahmebereitschaft zurückzuführen, wobei alle anderen ge i- stigen Ebenen ausgeschaltet werden müssen. Sie besitzen jetzt genügend Grundwissen, um das telepathische Senden und Empfangen zu beginnen. Bedenken Sie dabei, daß Sie Ihre Fertigkeit auf diesem Gebiet ebenso durch Übung er- werben müssen wie diejenige auf irgendeinem anderen Gebiet, sei es als Handwerker oder Künstler. Einige mögen feststellen, daß sie die telepathischen Fertigke i- ten leicht erwerben. Andere haben länger und mühsamer zu üben. Doch wenn Sie willens sind, durchzuhalten, falls Sie an Ihre außersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten glauben, er- werben Sie mit der Zeit die Sicherheit, diese Ihre Kräfte be- wußt zu kontrollieren und zu steuern. Weder ich noch irgend jemand anderer vermag Ihnen genau zu sagen, wie erfolgreich Sie sein werden. Sie mögen einen unerhörten Erfolg erzielen,

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der über alle bisher bekannten Leistungen auf diesem Gebiet hinausgeht – weil ja der Horizont des Geistes keine Grenzen hat!

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im vierten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Gedanken können unter Bedingungen, die jenseits der Aus-

breitungsmöglichkeiten von Radiowellen liegen, von Geist zu

Geist übermittelt werden. Diese Gedanken mögen sich in ei- nem bis jetzt unbekannten »Äther« fortpflanzen, der alles durchdringt.

2. Im Verlaufe unserer weiteren Experimente wird noch vieles

auf dem Gebiete des außersinnlichen Wahrnehmungsvermö- gens entdeckt werden. Andernfalls würde unsere auf diesem Gebiet angewandte Technik zurückbleiben und mit der Radio- technik zur Zeit Marconis vergleichbar bleiben.

3. Jede der sieben Geistesebenen besitzt ihre eigene Funktion.

Oft erkennen wir nicht, welche von ihnen von unserem bewuß- ten Geist angewandt wird, um uns zum Zwecke unserer Füh-

rung bei der Lösung unserer Probleme zu helfen.

4. Es besteht eine fundamentale Verwandtschaft zwischen dem

individuellen Bewußtsein und dem Bewußtsein des ganzen Universums. Trotz Ihres Einklanges mit dem Unendlichen be- wahren Sie noch Ihren freien Willen. Was Sie jetzt sind, ist mit der Summe aller Ihrer Erfahrungen gleichzusetzen, und es scheint so, als wenn Sie alle Ihre Erfahrungen mitnehmen wer- den, wenn Sie dieses Leben verlassen, um ein anderes aufzu- nehmen.

5. Die mentalen Regeln zur Durchführung telepathischer Se n-

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dungen erfordern vollkommene Entspannung. Die in sieben Punkte aufgegliederte Methode, die ich in diesem Kapitel dar- legte, verschafft Ihnen die Entspannung. Sie werden erfahren, daß der den Gedanken im »Äther« ausgesetzte Geist diese Ge- dankenformen wie Blitzlichter erfaßt, die Sie sich manchmal ins Gedächtnis rufen können.

6. Wenn Sie Experimente der Gedankenübertragung durchfüh- ren, beginnen Sie damit, die Sende- und Empfangszeiten mit Ihrem Partner abzustimmen. Mit zunehmenden Erfahrungen mag das nicht mehr nötig sein.

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Fünftes Kapitel

Vorahnungen – ihre Erkennung und Beachtung

Eine Vorahnung oder Ahnung ist ein plötzlich auftretendes Gefühl oder ein Eindruck, der Ihnen über die Intuitionsebene vermittelt wird. Auf irgendeine unerklärliche Weise erfassen Ihre Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung Ereignisse, die Ihnen in der Zukunft bevorstehen, und versuchen Sie in Hin- blick auf diese Ereignisse zu warnen oder zu führen. Es ist oft schwierig, eine solche sogenannte Vorahnung zu er- kennen, da sie in Verbindung mit Ihrem Alltagsdenken auf- taucht und da Ihr bewußter Geist dazu neigt, gegen diese Vor- ahnungen Einwände zu machen. Das liegt an Ihrer langjährigen Abhängigkeit vom Zeugnis Ihrer fünf physischen Sinne. Es ist nicht so einfach, die Tatsache anzuerkennen, daß eine höhere Fähigkeit jenseits der Reic hweite dieser fünf physischen Sinne jene Bedingungen, Umstände und Ereignisse zu erspüren ver- mag, die sich ereignen können oder werden. Aus diesem Grun- de wird auch oft der starke Impuls, dieses oder jenes zu tun oder zu unterlassen, ignoriert – denn diese Impulse können Sie nicht beurteilen oder sie scheinen keine Grundlage in der Wirk- lichkeit, wie Sie diese verstehen, zu haben. Wenn Ihnen später die entsprechenden Erfahrungen gezeigt haben, daß Sie Ihren Vorahnungen hätten folgen sollen, werden Sie diese entweder als solche erkennen oder Sie als bemerkenswerte Zufallsüber- einstimmungen abtun. Tatsächlich aber versucht die Intuitionsebene Ihres Geistes, Sie in jeder Situation Ihres Lebens zu beschützen, doch der Skepti- zismus Ihres Bewußtseins und Ihre Weigerung, sich auf die Intuitionen zu verlassen, nötigen Sie im allgemeinen, diese Angebote Ihrer außersinnlichen Führung ganz oder teilweise zurückzuweisen.

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Diese Vorahnung rettete mein Leben!

Zum Glück für mich lernte ich, mich frühzeitig im Leben auf die Führung durch die Intuition zu verlassen. Wäre das nicht der Fall gewesen, würde ich heute nicht mehr in diesem Leben weilen. Im Jahre 1934 ging ich nach Hollywood, um bei der Produktion eines Filmdrehbuches, das ich unter dem Titel »Sind wir zivilisiert?« geschrieben hatte, mitzuwirken. Im Stu- dio wurde ich gut mit zwei Kameraleuten bekannt, die beide im ersten Weltkrieg Flieger gewesen waren. Sie besaßen ein Pri- vatflugzeug, und nach Beendigung der Filmaufnahmen luden sie mich ein, mit ihnen einen Wochenendflug nach Nordkali- fornien zu unternehmen, wo sie mir die riesigen Indianerwälder zu zeigen versprachen. Obwohl ich bereits meinen Rückfahr- platz für den Zug nach New York bestellt hatte, war ich heftig versucht, der Einladung zu folgen. Diese Fahrt nach Kaliforni- en war meine erste dorthin gewesen. Ich wußte nicht, wann ich wieder Gelegenheit haben würde, hierherzukommen, und war darauf erpicht, mehr von den landschaftlichen Schönheiten der Staaten zu sehen. Meine Freunde boten mir an, mich bis Chicago zu fliegen, wo ich den gleichen, bereits hier gebuchten Zug erreichen konnte und also fahrplanmäßig in New York ankommen würde. Ich war sehr nahe dran, das Angebot anzunehmen, als mir eine innere Stimme sagte: »Schlafe erst einmal darüber!« Am nächsten Morgen erwachte ich mit dem sehnlichen Wun- sche, den Flug mitzumachen. Der Gedanke einer Flugreise war in jenen Tagen der ersten Entwicklung der Luftfahrt neuartig und begeisternd. Als ich das Hotel verließ, um mich zum Stu- dio zu begeben, hatte ich zugleich die feste Absicht, mein Ge- päck auf der Union-Bahnstation aufzuliefern, meine Platzre- servierung aufrechtzuerhalten und die Bahn zu informieren, daß ich den Zug erst ab Chicago benutzen würde. Doch als ich nun den beiden Fliegern gegenüberstand und ihnen gerade meinen Entschluß verkünden wollte, sie zu begleiten, stieg ein

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machtvolles inneres Gefühl in mir auf, und eine innere Stimme sagte mir: »Bleibe bei deinem alten Plan! … Nimm den Zug! … Bleibe bei deinem alten Plan! … Nimm den Zug!« Diese Vorwarnung war so deutlich, so unmißverständlich, daß ich nicht dagegen ankämpfen konnte. Ich hörte mich selbst sagen: »Schade, Freunde – ich habe mich entschieden, wie ge- plant den Zug zu nehmen. Besten Dank für euer Angebot. Ich hoffe, eines Tages wieder hier zu sein und dann mö glicherwe i- se mit euch fliegen zu können.« Ich nahm den fahrplanmäßigen Zug. Als drei Wochen darauf die Produzenten meines Filmstreifens, Sidney Pink und Edwin Raschbaum, nach New York zurückgekehrt waren, besuchte ich sie in ihrem Büro und sah mir den Satz der Standphotos an, welche die beiden Kameraleute aufgenommen hatten. Als ich die Photos in den Händen hielt, bemerkte Sidney Pink: »Weißt du, Harold, es ist eine merkwürdige Sache. Hast du davon ge- hört? Am letzten Tage des Filmens packten diese beiden Mä n- ner ihre Photos zusammen und unternahmen einen Woche n- endflug in das Redwood-Gebiet. Ihr Motor versagte in etwa 150 Meter Höhe, das Flugzeug stürzte ab, und beide Männer wurden sofort getötet.« Seitdem habe ich viele kürzere und längere Flüge unterno m- men, und der eben genannte ist der einzige, den anzutreten ich mich jemals geweigert habe. Zwar habe ich einige Male bereits gebuchte Flüge wieder absagen wollen, trat sie bei näherer Er- wägung aber doch an.

Blindflug

Vor einigen Jahren hatte ich einen Flug vo n Los Angeles nach New York gebucht. Als ich den Flug antreten wollte, fragte mich der betreffende Angestellte der United Airlines nach me i- nem Körpergewicht. Verblüfft fragte ich, ob man jetzt das Ge- wicht der Fluggäste ebenso wie jenes des Gepäcks zu wissen verlange. Der Angestellte verneinte und gab die Auskunft, daß

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der Idlewild- Flughafen in New York eingenebelt und das Flug- zeug mit einer Zusatzladung Gasolin aufgetankt worden sei, so daß es länger in der Luft kreisen könne, falls die Landebedin- gungen in New York ungünstig seien. Er erklärte mir, dieses sei nur eine Vorsichtsmaßnahme, da gelegentlich Flugzeuge die Städte Philadelphia oder Boston anfliegen mußten, wenn New York nicht landegerecht gewesen sei. Ich begab mich, bereit an Bord des Flugzeuges zu gehen, hinter die Barriere. Es sollte ein Nachtflug werden, und eine Gruppe ängstlicher Passagiere diskutierte die Situation. Mitglieder der Besatzung luden einiges Frachtgut auf Grund der Anweisungen eines leitenden Beamten, der eine Tabelle mit den Gewichtsa n- gaben der Passagiere in der Hand hatte, wieder aus. »Ich fühle mich über dieses alles nicht gerade sehr beruhigt«, sagte mir ein Fluggast. »Ich kann auch ebensogut auf einen anderen Flug warten.« Er meldete diesen Flug wieder ab. Seine Entscheidung beein- flußte verschiedene andere Passagiere, und sie gingen davon. Ich zog mich auch zurück, um mit meinen Gedanken alleine zu sein, und fragte mich selbst: »Werde ich diesen Flug sicher überstehen?«

Ich schloß die Augen, blieb ruhig stehen und wartete auf eine intuitive Antwort. Vor dem geistigen Auge schien ich die in Nebel eingehüllte Stadt New York zu sehen, doch überkam mich das Gefühl, daß wir mit dem Flugzeug ohne Schaden lan- den würden. Sowie ich dieses Gefühl empfangen hatte, richtete ich mich danach, ehe mich mein bewußter Geist oder meine möglichen Befürchtungen davon abhalten konnten. Ich zeigte meine Flugkarte vor und begab mich an Bord des Flugzeuges.

Wir erlebten einen schönen Nachtflug; doch eine dreiviertel Flugstunde von New York entfernt – zwischen sechs und sie- ben Uhr morgens – gerieten wir in den vorausgesagten Nebel. Es war ein dichter gelber Nebel, sogenannte Erbsensuppe, und

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wir flogen blind, bis wir uns über der Stadt befanden. Wir set z- ten auf Grund der Instrumente zur Landung an und fühlten, wie wir an Höhe verloren, bis wir unter einer extrem tief liegenden Nebelbank hervortauchten und eine vollkommene Landung durchführten. Zehn Minuten nach dieser geglückten Landung aber senkte sich der Nebel bis auf die Erde herab, und die La n- debedingungen wurden aussichtslos. Alle Landungen wurden untersagt und die Flüge in andere Städte weitergeleitet. Unser Flug von Los Angeles war der letzte, der noch unterhalb der Nebelbank vonstatten ging. Danach aber blieben die Wetter- verhältnisse für vierundzwanzig Stunden schlecht! Einige Jahre hindurch blieb es meine Praxis, meiner Intuitions- ebene den suggestiven Auftrag zu erteilen, mich richtig zu füh- ren und das Richtige zur rechten Zeit tun zu lassen und mich alle Maßnahmen ergreifen zu lassen, die zu meinem Schutz oder zum Schütze meiner Lieben notwendig waren. Dadurch wurde ich häufig in Zeiten drohender Schwierigkeiten oder Gefahren gerettet, wie es auch im erwähnten Falle meines Flu- ges gewesen war.

Sie mögen diese Methode ebenfalls erfolgreich anwenden kön- nen. Sie werden üben müssen, sich selbst in der Gewalt zu ha- ben, Ihre natürlichen Ängste und Befürchtungen beiseite zu schieben, so daß diese nicht Ihre echten intuitiven Eindrücke beeinflussen können, die versuchen, zu Ihnen durchzudringen.

Das Empfinden einer im Bewußtsein auftauchenden wirklichen Ahnung ist verschieden vom Gefühl der Angst oder Furcht, und mit zunehmender Praxis werden Sie imstande sein, zw i- schen diesen verschiedenen Gefühlen zu unterscheiden und eine echte Vorahnung zu erkennen, wenn sie kommt. Dann müssen Sie sich selbst dazu erziehen, den Mut und die Ent- schlußkraft aufzubringen, jener Vorahnung oder Intuition auch zu folgen. Dieser Schritt ist der schwierigste von allen. Sie mö- gen sich gelegentlich dem Spott oder der Verhöhnung seitens

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Ihrer Freunde oder Angehörigen aussetzen, wenn Sie ruhig erklären: »Ich fühle, dieses oder jenes im Augenblick tun zu müssen oder – je nach Gegebenheit – nicht tun zu dürfen.« Es ist unmöglich, das Zustandekommen der Vorahnung genau zu erklären oder sie anderen gegenüber mit logischen Argu- menten zu verteidigen. Wenn es sich um eine wirkliche Vora h- nung handelt, wird ihre Richtigkeit im Laufe der entspreche n- den Zeit von selbst bewiesen werden. Da sie sich jedoch auf Dinge bezieht, die außerhalb der Grenzen physikalischer Raum- und Zeitbedingungen liegen, kann kein anderer Mensch als der Empfänger der Vorahnung selbst deren Berechtigung beurteilen oder sich zu einer der Ahnung entsprechenden Handlung entscheiden. Es kommt aber auch vor, daß Ihre Vor- ahnungen nicht ganz korrekt ausfallen. Ich berichte Ihnen hier ein Beispiel dafür, das ich erlebte. Es bezieht sich auf einen anderen Flug.

Der Fall einer verschobenen Vorahnung

Ich hatte einen Nachmittagsflug von Los Angeles nach San Francisco gebucht, wo ich an jenem Abend eine Vorlesung zu halten hatte. Als ich mich gerade in meinem Sitz festschnallte und mich für den Abflug vorbereitete, empfing ich plötzlich den Eindruck, als würde einer der Flugzeugmotoren während des Fluges Feuer fangen. Vor meinem geistigen Auge erlebte ich den Schrecken und die Aufregung, die ein solches Ereignis bei den Passagieren hervorrufen würde, und ich fragte mich, ob mir dieses innere Bild gezeigt worden war, um das Flugzeug im letzten Augenblick verlassen und möglicherweise einem fatalen Absturz entgehen zu können. Doch als ich diesen Ein- druck nochmals bedachte, kam mir das Gefühl, daß mir nichts Böses geschehen würde, was immer auch passieren möge. Das Gefühl des Unbehagens verschwand sofort, und ich setzte mich entspannt in den Sitz zurück. Wir befanden uns auf dem Fluge nach San Francisco, und alles war in bester Ordnung, als mich

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dieses Gefühl großer Furcht wiederum befiel. Dieses Mal fühl- te ich, daß der Brand eines der Flugzeugmotoren bedrohlich war. Ich verließ meinen Platz, begab mich in den Waschraum, beobachtete von diesem günstigen Platz aus die Motoren auf dieser Flugzeugseite. Sie arbeiteten normal. Da nichts geschah, wurde ich von dem Impuls gezwungen, den Gang zu überque- ren, um in den anderen Waschraum zu gehen und auch die Mo- toren auf jener Seite zu beobachten. Dieser Raum jedoch war besetzt, und nach einigen Augenblicken Aufenthalts im Gang verschwand das Gefühl erschreckenden Unbehage ns, und ich kehrte auf meinen Platz zurück. Der Flug nach San Francisco wurde ohne Zwischenfall bee n- det, doch mein Gemüt war sehr beunruhigt. Der geschilderte Eindruck hatte sich mir ebenso echt aufgedrängt wie irgendeine der vielen früheren Vorahnungen, die ich erlebt hatte. Weshalb war diese Vorahnung anscheinend so irreführend gewesen? Erst am nächsten Morgen, mit Erscheinen der ersten Zeitungen, erhielt ich die Antwort: Im »San Francisco Examiner« las ich die Schlagzeilen:

»FLUGZEUG DER PAZIFISCHEN FLUGLINIE STÜRZT ZWISCHEN LOS ANGELES UND SAN FRANCISCO AB – MOTOR FING FEUER WÄHREND DES FLUGES – ZWEI PASSAGIERE GETÖTET, SIEBEN VERLETZT!«

Da hatte ich die Erklärung für meine Vorahnung. Dieses Flug- zeug einer anderen Fluggesellschaft hatte San Francisco fast um dieselbe Zeit wie das meinige verlassen. Mein außersinnli- ches Wahrnehmungsvermögen hatte mit der Absicht, mich zu schützen, irgendwie das Bild des Geschehens aufgenommen, das einer in derselben Richtung und im gleichen Zeitabschnitt fliegenden Maschine widerfahren sollte! Die beiden Flüge wa- ren derartig verwechselbar, daß mein Bewußtsein nicht zw i- schen ihnen unterscheiden konnte. Trotzdem hatte ich die inne- re Gewißheit gefühlt, persönlich sicher zu sein, und dieser Ein-

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druck war stark genug gewesen, den Flug anzutreten. Soweit ich es noch bestimmen konnte, befand sich das Flugzeug der Pazifischen Linie genau zur Zeit meines Gefühls der Bedro- hung in Not und stürzte ab. Sowie dieses Ereignis ein Teil der Vergangenheit wurde, fand ich mich nicht länger damit ver- knüpft und wurde von allem Druck befreit. Sie können Ihre Intuition dazu bringen, für Sie auf jedem Lebensgebiet hilf- reich tätig zu werden, indem Ihnen entsprechende Bilder ins Bewußtsein gerückt werden. Haben Sie das erreicht, spielt es keine Rolle, wieviel Zeit vergeht; Ihre Fähigkeiten außersinnli- cher Wahrnehmung werden wie gewünscht wirken. Das fo l- gende Experiment wird Ihnen erläutern, was ich meine:

»Geben Sie auf Ihren Mantel acht!«

Vor einigen Jahren besuchte uns der Karikaturzeichner Charles Forbell zusammen mit seiner Frau in unserer New Yorker Wohnung. Als sie uns etwa um Mitternacht verließen, entdeck- te Charles, daß Diebe sein draußen parkendes Auto aufgebro- chen und einen neuen, am gleichen Tage gekauften Anzug ge- stohlen hatten. Als ich in dieser Nacht intensiv über das Geschehnis nachdac h- te, erteilte ich meinem Unterbewußtsein die Suggestion: Nie- mandem wird es jemals gelingen, irgend etwas aus meinem Besitz zu stehlen, falls ich rechtzeitig auf den Dieb aufmerksam werde und dessen Tat verhindern kann! Ich wiederholte diese Suggestion so lange, bis ich fühlte, daß sie in meinem Unter- bewußtsein verwurzelt war. Danach dachte ich an die Angele- genheit mit keinem bewußten Gedanken mehr. Ein Jahr und länger verging. Ich war Redakteur des »Savings Bank Journal« (Sparkassen-Zeitung) geworden, dessen Büros in der New Yorker östlichen 42. Straße lagen. Eines Abends wurde ich vom Herausgeber der Zeitung, Milton Harrison, zu einer geschäftlichen Besprechung zum Essen in ein Restaurant der Innenstadt gebeten. Als wir gerade den Fahrstuhl betreten

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wollten, um das Büro zu verlassen, folgte ich dem plötzlichen Impuls, in mein Büro zurückzukehren, eine Nummer der la u- fenden Ausgabe unserer Zeitung zu nehmen und diese in die Innentasche meines Wintermantels zu placieren. Ich brauchte diese Nummer nicht, da ich bereits am Vortage meine beiden üblichen Belegexemplare erhalten hatte – doch entsprach ich meinem inneren Drang. Mein Mantel war unauffällig, schlicht, von grauer Farbe und ähnlich wie viele andere auch. Ich hängte ihn in Stouffer’s Re- staurant an einen Garderobenständer, der etwa 15 Meter von unserem Tisch entfernt war. Während unseres Mahles geriet ich mit Herrn Harrison in eine angeregte Unterhaltung. Plöt z- lich sagte mir inmitten unserer Konversation eine innere Stim- me: »Schnell! Jener Mann hat deinen Mantel!«

Ich blickte in Richtung des Kleiderständers, als gerade ein Mann einen Mantel heruntergenommen hatte und im Begriff war, ihn anzuziehen, während er sich dem Tisch des Kassierers näherte. Es befanden sich vielleicht etwa zwanzig Mäntel in der Garderobe, und eine gewisse Anzahl von diesen ähnelten aus der Entfernung dem meinigen. Doch in diesem Augenblick war ich, gewohnt meinen Ahnungen zu folgen, aufgesprungen und zwischen den Tischen hindurchgeeilt. Während dieser kur- zen Zeit begann mich mein Verstand zu beeinflussen. »Sei vor- sichtig!« mahnte er. »Wenn du diesen Mann beschuldigst, dei- nen Mantel an sich genommen zu haben, und er hat es gar nicht getan, kannst du dich in Schwierigkeiten bringen!«

Ich wägte diese Warnung gegen mein inneres Gefühl ab, und dieses Gefühl siegte. Als ich mich dem Tisch des Kassierers näherte, hatte der Mann den Mantel gerade zugeknöpft und war dabei, seine Rechnung zu bezahlen. Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Ich bitte um Verzeihung, mein Herr. Ich glaube, Sie haben meinen Mantel!« Der Mann entgegnete herausfordernd: »Den habe ich nicht!«

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Unversehens, wieder auf Grund eines Impulses, griff ich unter den Mantelaufschlag und förderte das »Savings Bank Journal« zutage! »Ich bedaure, mein Herr. Aber Sie haben meinen Mantel!« Voller Entschuldigungsfloskeln zog der Mann den Mantel aus und gab ihn mir. »Tatsächlich sah er genau wie der meinige aus«, sagte er und machte ein paar Schritte in Richtung auf den Kleiderständer zurück, als wolle er seinen eigenen Mantel ho- len. Plötzlich aber sprang er mit einem Satz zur Tür und rannte aus dem Restaurant. Der Besitzer, den ich kannte, eilte auf mich zu. »Versuchte jener Mann, Ihren Mantel zu stehlen?« fragte er. »Es wurden uns in den letzten beiden Tagen sechs Mäntel gestohlen.« Am nächsten Tage lagen auf jedem Tisch in Stouffer’s Resta u- rant kleine Warnkarten mit den Worten: »Geben Sie auf Ihren Mantel acht!« Nun analysieren Sie mit mir zusammen die Tätigkeit der Intui- tionsebene des Geistes in diesem Falle. Vor einem Jahr habe ich mir die Suggestion erteilt, daß es »niemandem gelingen wird, irgend etwas aus meinem Besitz zu stehlen, falls ich rechtzeitig auf den Dieb aufmerksam werde und dessen Tat verhindern kann«. Seitdem hatten meine Fähigkeiten außer- sinnlicher Wahrnehmung über mich gewacht. Augenscheinlich hatte ich empfunden, daß sich ein Zeitpunkt näherte, in dem irgend jemand meinen Mantel zu stehlen versuchte, und des- halb empfing ich den Impuls, ein Exemplar des »Savings Bank Journal« zum Zwecke der Identifizierung in die Innentasche meines Mantels zu stecken. Bitte beachten Sie, daß ich die Zeitschrift nicht mitnahm, um sie bei unserer Geschäftsbespre- chung zu verwenden, sondern daß ich sie in der Manteltasche ließ. Ich hatte meinen Mantel früher oft an verschiedene Garde- robenständer in verschiedenen Lokalen gehängt, ohne irgend- eine Befürchtung gehegt zu haben, daß er gestohlen werden könnte. Anläßlich des geschilderten Diebstahlversuchs von selten jenes Mannes hatte ich während unserer angeregten Un-

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terhaltung vorher nicht im geringsten an meinen Mantel ge- dacht. Erst durch den Umstand der Berührung meines Mantels durch den an seinem Vorhaben schließlich gehinderten Täter überbrachte mir mein außersinnliches Wahrnehmungsvermö- gen diese definitive Warnung, obwohl ich mich mitten in der Unterhaltung mit Herrn Harrison befand! Viele Leute erteilen falsche Instruktionen in bezug auf ihr au- ßersinnliches Wahrnehmungsvermögen und erhalten als Folge ein falsches Ergebnis. Wenn ich gefürchtet haben würde, eines Tages das Opfer eines Diebes zu werden, und wenn ich mir diese Möglichkeit intensiv ausgemalt haben würde, so wäre das der Befehlserteilung an meine höheren geistigen Fähigkeiten gleichgekommen, in mir eine Erwartungshaltung in Hinsicht auf ein solches Ereignis zu schaffen. Unter solchen Bedingun- gen wäre es nicht wahrscheinlich gewesen, daß mein Geist in einer mich schützenden Weise reagiert haben würde, wie er es aber offensichtlich in Übereinstimmung mit meiner beschrie- benen richtigen Instruktion tat. Man kann Thomas Edison glauben, wenn er sagt: »Der Mensch gebraucht nur ein Zehntel eines Prozentes seiner geistigen Fä- higkeiten.« Es ist unleugbar, daß der Mensch im allgemeinen die Tiefen und Kräfte seines eigenen Bewußtseins bis jetzt nicht zu erschöpfen begann. So gut wie sicher haben erst weni- ge von uns ausreichende Kontrolle über ihre Fähigkeiten au- ßersinnlicher Wahrnehmung entwickelt, um in der Lage zu sein, sich auf deren Schutz und Führung im täglichen Leben zu verlassen. Es ist zum Beispiel möglich, Ihrer Intuitionsfähig- keit zu befehlen, Ihnen in Zeiten der Gefahren zu helfen. Nac h- stehend schildere ich eine der Möglichkeiten, wie das erreicht werden kann.

Das Taxi überschlug sich zweimal

Als ich in der Stadt New York lebte, unternahm ich die meisten meiner Fahrten mit dem Taxi. Wegen der schlechten Verkehrs-

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bedingungen bestand stets die Gefahr eines Unfalls. Da ich verschiedene Male schon Unfallmöglichkeiten entronnen war, beschloß ich, meinen Geist mittels Suggestion zu instruieren, daß ich im Falle meiner Verwicklung in einen Unfall sofort das Richtige unternehmen würde, um mich zu schützen. Einige Monate darauf empfing ich einen dringenden Anruf, eine geschäftliche Verabredung in der Innenstadt wahrzune h- men. Ich bestellte ein Taxi. Wir fuhren die 124. Straße entlang und näherten uns der fünften Avenue. Ich saß auf der linken Seite des Wagens, als ich plötzlich den starken Impuls emp- fand, mich sofort auf die andere Seite zu begeben. Kaum hatte ich meinen Platz gewechselt, als der Taxifahrer quer über die fünfte Avenue auf die Lichter zuschoß! In dem Augenblick sah ich, daß wir kurz vor einem Zusammenstoß mit einem alten Wagen standen, der, wie die spätere Untersuchung ergab, mit schweren Bleirohren beladen war. Mein erster Impuls war, den Gurt neben der Wagentür zu er- greifen und mich daran bei dem bevorstehenden Zusamme n- prall festzuhalten. Doch als ich den Gurt ergriff, befahl eine innere Stimme: »Laß den Gurt los!« Von diesem Augenblick an führte irgendeine innere Kraft Regie. Sie beeinflußte mich, meine Arme in gekreuzter Form über Gesicht und Kopf zu le- gen und meine Knie anzuziehen, um meinen Körper zu schüt- zen. Als ich dies tat, wurden wir seitlich mit solcher Gewalt gerammt, daß das Taxi buchstäblich in die Luft geschleudert wurde. Zunächst landete es auf dem Dach. Das Glas der Fe n- sterscheiben zersplitterte und die Sitze wurden losgerissen. Ich wurde herumgeworfen, lag plötzlich mit dem Rücken auf der Dachseite des Taxis, blickte durch meine Arme auf den Boden des Autos, als sich das Taxi zweimal überschlug und dabei einen Laternenpfahl auf der gegenüberliegenden Seite der Stra- ße rammte und umriß. Das Taxi kam auf der anderen Straßenseite zum Stehen, und ich lag inmitten der Glasscherben, einen der Sitze halb über mir- und hatte keine weiteren Verletzungen außer einem ver-

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renkten rechten Ellbogen und einer Kopfbeule erlitten. Der Taxifahrer hatte sich unter das Lenkrad geduckt, als er den Zu- sammenstoß kommen sah, und kam mit einem gebrochenen Schlüsselbein davon. Als ich aus den Autotrümmern gehoben wurde, waren die Zuschauer verblüfft, daß überhaupt jemand lebend aus dem Taxi herauskommen konnte. Der Versiche- rungsbeamte fragte mich später, weshalb ich mich nicht an dem Gurt festgehalten habe. Die meisten Menschen tun das, wie die Unfallberichte über ähnliche Fälle beweisen. Ich erwiderte ihm, daß ich es nicht weiter erklären könne, sondern nur zu sagen habe, daß mich ein deutliches Gefühl, mich nicht am Gurt festzuhalten, sondern mich statt dessen wie eine Kugel zusammenzurollen, davon abgehalten habe.

»Das ist höchst interessant«, bemerkte der Versicherungsbe- amte. »Sie taten instinktiv das Richtige. Unsere Berichte zei- gen, daß die meisten Fahrgäste sich bei einem Unfall an den Gurten anklammern und dadurch ihre Körper in eine starre Haltung bringen. Die Folge sind Gehirnquetschungen, Kno- chenbrüche und schwere innere Verletzungen. In einer erhebli- chen Anzahl von Fällen war das Auto gar nicht allzusehr be- schädigt, während der Fahrgast schwer verletzt oder getöt et wurde.«

Es ist bemerkenswert, daß die Taxis hierzulande nicht mehr diese Haltegurte besitzen. Das deutet wahrscheinlich darauf hin, daß eine Taxifahrt eher als ein Hasardspiel statt als eine Hilfe angesehen wurde. Ich hatte weiteren Anlaß, an das Wunder meiner eigenen Ret- tung zu denken, als einige Jahre darauf mein Freund, Oberst Moss aus Washington, während eines Aufenthalts in New York bei einem Taxi- Unfall auf der Stelle getötet wurde. Auch er hatte sich an dem Haltegurt festgeklammert. Um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, daß der Fall meiner Rettung einzeln dasteht und ich eher zufällig gerade das

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Richtige zur rechten Zeit tat, lassen Sie mich ein weiteres Er- lebnis dieser Art hinzufügen:

Ich hatte wieder ein Taxi genommen, und unterwegs begann der Motor zu spucken und zu husten und setzte beinahe aus. Der Fahrer plagte sich mit der Luftdüse ab, eine Dunstwolke drang hervor, und das Taxi fuhr weiter. Diese Erscheinung hat- te ich gelegentlich bereits beim Antritt anderer Fahrten mit dem Taxi beobachtet, wenn die Motoren dringend der Überho- lung bedurften. Als aber dieses Mal der Motor wieder zu spuk- ken begann, wurde ich plötzlich aufmerksam. Eine innere Stimme sagte mir: »Verlasse dieses Taxi. Schnell!« Ich sagte zu dem Fahrer: »Fahren Sie bitte an den Bordstein. Ich werde ein anderes Taxi nehmen!« Der Fahrer protestierte. »Ist alles in Ordnung, Herr. Ich denke, ich habe ihn jetzt in der Hand.« Der Motor lärmte immer noch und spie Feuer. »Halten Sie an!« befahl ich nun sehr energisch.

Er fuhr an den Bordstein, immer noch Einwände erhebend. Ich stieß die Tür auf und sprang heraus. Kaum war ich draußen, als es eine Explosion gab, die das Taxi in Flammen aufgehen ließ. Der Fahrer brachte sich in Sicherheit, indem er an der anderen Seite heraussprang, und wir beobachteten beide, wie das Taxi zum Schauplatz eines Inferno wurde.

»Ich bin heilfroh, daß Sie mir anzuhalten befahlen, Herr«, sagte der Fahrer, als die Feuerwehr anrückte. Es mag Zeiten geben, in denen wir die Ratschläge unserer In- tuition verwerfen oder ihre Bemühungen verkennen, uns etwas zu unserem eigenen Besten zu übermitteln. Da ich für meinen Teil jedoch viele Beweise der Hilfe durch meine Intuition er- fahren habe, versuche ich beständig, ihre Leistungen verbes- sern zu helfen. Es gibt noch ein a nderes Lebensgebiet, in dem Ihnen Ihre Intui- tion dienen kann. Dieses nenne ich Ihre Fähigkeit, Ihre Vorha-

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ben zeitlich abzustimmen. Viele von uns verschwenden täglich große Energien, weil sie nicht gelernt haben, zur rechten Zeit am richtigen Platz zu sein und dort das Richtige zu tun oder zu sagen. Das mag die allgemeine Regel sein, und sie ist es auch – aber wie wenige von uns haben den großen Wert der mentalen Vorbereitung auf die Erfordernisse des Tages erkannt und so- mit Ihrer Intuitionsebene Gelegenheit gegeben, für uns zu wir- ken. Wiederum lassen Sie mich ein praktisches Beispiel zu diesem Thema geben:

Eine seltsame Begegnung

Anläßlich einer Geschäftsreise vor einigen Jahren nach New York hatte ich eine Begegnung mit Paula Stone herbeizufüh- ren, einer der Töchter des abgeschiedenen großen Künstlers der Musical- Komödie der früheren Jahrzehnte. Ich hatte den jetzi- gen Familiennamen der inzwischen verheirateten Dame ver- gessen, und unter ihrem Mädchennamen war sie nicht im Tele- fonbuch eingetragen. Es ging das Gerücht, daß sie nach Lo n- don zurückgegangen sei, doch fühlte ich irgendwie, daß sie noch in New York war. Während ich allnächtlich in meinem Zimmer im Astoria-Hotel die geschäftlichen Termine des nächsten Tages überdachte, malte ich mir aus, wie ich irgendwann während der nächsten Tage meines New Yorker Aufenthaltes mit Paula zusamme n- traf. Inzwischen verblieb mir nur noch ein Tag bis zur gepla n- ten Abreise, und ich hatte sie noch nicht getroffen. Um die Mittagszeit dieses letzten Tages rief mich Herr Chr i- stie, der zum Stabe meiner Verleger Prentice-Hall gehörte, an und teilte mir mit, daß er spät zu einem Imbiß eintreffen würde. Ich hatte Plätze im Hauptspeisesaal des Astoria-Hotels reser- viert; doch Herr Christie traf eine Stunde und fünfzehn Minu- ten zu spät ein. Der Kellner teilte entschuldigend mit, daß er inzwischen meine Plätze habe vergeben müssen. Er hatte je- doch noch einen freien Tisch für uns im Cocktailraum, der im

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Zwischenstock lag. Ob ich diesen nehmen wolle? Da ich nicht trinke, halte ich mich selten in Cocktailräumen oder Bars auf, doch in diesem Falle war es für Herrn Christie und mich, die wir beide wenig Zeit zur Verfügung hatten, eine willkommene Lösung, und wir nahmen an dem Tisch Platz. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als eine junge Dame von e i- nem Ecktisch aus quer durch den Raum eilte und ausrief:

»Harold Sherman! – Was tun Sie in New York?« Es war Frau Sloane – die ich als Paula Stone kannte!

Sie hatte gerade im Cocktailraum Platz genommen. Was ich mir vor dem geistigen Auge ausgemalt hatte, war Wirklichkeit geworden. Über die Unterbewußtseinsebene – im einzelnen kann der Vorgang nicht erklärt werden – hatte ich meine Akti- on mit denen der Dame zeitlich abgestimmt, so daß ich zur richtigen Zeit zum richtigen Ort geführt worden war und sie getroffen hatte!

Überlegen Sie nun, was alles geschehen mußte, um diese Be- gegnung zu ermöglichen:

Wenn Herr Christie sich zu der Verabredung nicht so sehr ver- spätet haben würde, so würden wir im Hauptspeisesaal des Hotels gegessen haben und um die Zeit, in der Paula eintraf, bereits gegangen sein. Doch die Tatsache der extremen Verspä- tung Herrn Christies hielt uns davon ab, im Hauptspeisesaal zu essen, und zwang uns, im Cocktailraum Platz zu nehmen, wo Paula war! Auch diese Technik der Erwirkung zeitlicher Übereinstimmun- gen habe ich im Laufe der Jahre wieder und wieder angewandt und habe es gelernt, nicht ungehalten zu sein, wenn die Dinge, oberflächlich betracht et, anscheinend schiefgingen. Stets hielt ich den Gedanken fest, daß sich alles Richtige zur richtigen Zeit einstellen wird – und für gewöhnlich ist das auch so!

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Was führte mich?

Ein anderer außergewöhnlicher Fall einer solchen zeitlichen Gleichschaltung widerfuhr mir in Hollywood. Ich hatte eine Idee für ein Fernsehstück entwickelt, die ich Nat Wolfe, da- mals Direktor der Abteilung für Programmgestaltung der Wer- beagentur Young & Rubicam, unterbreiten wollte. Er hatte sein Hauptbüro in New York, und ich hatte ihn vor fünfzehn Jahren persönlich kennengelernt, seither aber nicht wieder gesehen. Als ich in der Handelszeitung las, daß er für drei Tage ge- schäftlich nach Hollywood fliegen würde, rief ich das dortige Büro der Firma Young & Rubicam an, um ihn zu treffen, wenn er ankäme. Eine Sekretärin riet mir, es sei am besten, wenn mein Manu- skript in seine Aktenmappe gelegt würde, so daß er es auf se i- nem Rückflug nach New York lesen und mir von dort aus schreiben könne. Ich versprach, ihr das Manuskript am Tage seiner Ankunft einzureichen, stellte mir aber trotzdem vor me i- nem geistigen Auge vor, daß ich Nat Wolfe irgendwie und ir- gendwo persönlich treffen würde. Am Tage seines Aufenthaltes in Hollywood beschäftigte ich mich in meiner Wohnung und wartete auf das innere Zeichen, auf die richtige Ahnung einer für mich günstigen Zeit, zum Büro von Young & Rubicam zu gehen. Dieses Zeichen stellte sich nicht vor etwa drei Uhr nachmittags ein; als es aber erfolg- te, ließ ich alles liegen und eilte zu jener Firma, wo ich die Se- kretärin herausbat. »Könnte es möglich sein«, fragte ich, »wenn ich in der Nähe warte, Nat Wolfe zwischen zwei Ter- minen zu sehen und ihm schnell aus alter Bekanntschaft die Hand zu schütteln?« »Ich bedauere«, sagte sie, »aber er ist seit einer halben Stunde seinen Verpflichtungen nachgegangen, wie es eben so ist – und er muß um sieben Uhr das Flugzeug nach San Francisco erre i- chen. Doch ich tue, was ich versprochen habe, Mr. Sherman, und sehe zu, daß er das Manuskript bekommt, um es mitzu-

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nehmen.« Unter diesen Umständen konnte ich ihr lediglich den Umschlag mit dem Manuskript übergeben, ihr danken und das Büro verlassen. Doch hatte ich meine Absicht, Nat zu sehen, nicht aufgegeben und hielt mein mentales Bild eines Treffens mit ihm fest. Als ich die Ecke der Hollywood und Vine Street erreichte, blieb ich für einen Augenblick stehen und fragte mich selbst: »Was soll ich jetzt tun?« Es kam mir die innere Antwort, die Straße zu überqueren und die Zeit im Einmann- Friseurladen meines Freundes Dave Di- neen verstreichen zu lassen. Dave sagte, daß er zwei Kunden warten habe – den Mann, der gerade im Barbierstuhl Platz genommen hatte, einberechnet. Doch könne ich warten, wenn ich wolle. »Ich will warten«, sagte ich und setzte mich, eine Zeitung er- greifend. Es wurde halb fünf Uhr, ehe sich Dave mir widmen konnte. Mein Geist hatte sich weiterhin auf Nat Wolfe ausge- richtet, und ich hatte auf weitere innere Anweisungen gehofft – jedoch vergebens. Wenn Sie Ahnungen und Gefühlsanweisun- gen solcher Art empfangen, sollten Sie diese guten Glaubens annehmen und sich danach richten, ohne auf Einwendungen von Seiten der Vernunft zu hören. Ich hatte einen Haarschnitt nicht dringend nötig, begab mich aber gleichwohl in den Bar- bierstuhl. Dave hatte sein Werk beinahe vollendet, als ic h von einem machtvollen Drang bewegt wurde, fortzugehen. »Es tut mir leid, Dave«, sagte ich. »Gerade fällt mir eine wic h- tige Verabredung ein, die ich vergessen hatte. Ich muß mich beeilen, fortzukommen!«

Dave erklärte mir, daß er seine Arbeit binnen einer Minute erledigt haben könne. Doch ich antwortete ihm, keine Zeit mehr zu haben. Ich bezahlte und eilte aus dem Friseurladen. Dort, auf der Vine Street, stieß ich genau auf – NAT WOLFE! Nat befand sich in Begleitung eines Vorstandes der Agentur auf dem Wege zum Flugplatz. Er trug die Aktentasche in der Hand und wollte, ehe er abflog, noch schnell eine Tasse Kaffee

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trinken. Er lud mich ein, sich ihm anzuschließen, und wir hat- ten noch eine zwanzigminütige Unterhaltung.

Wundern Sie sich nach solchen Erlebnissen wie diesen, daß ich ein solches Vertrauen in die Funktion der außersinnlichen Fä- higkeiten habe? Lassen Sie mich daran erinnern, daß die Grundtechnik zur Entwicklung dieser Ihrer höheren geistigen Kräfte – gleichgül- tig, wo Sie sie anwenden – bereits im vierten Kapitel beschrie- ben wurden. Wie ich dort erwähnte, wird Sie die Praxis befähi- gen, alle oder die meisten Vorbereitungsschritte hinter sich zu lassen. Sie werden fast immer imstande sein, Ihren bewußten Geist passiv zu machen und seine Aufmerksamkeit auf einen Brennpunkt des Bewußtseins zu lenken. Große Wunder inner- halb des Geistes erwarten uns und werden uns dienen – wenn wir getreulich lernen, sie zu erkennen.

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im fünften Kapitel gelernt ha- ben:

1. Irgendwie kann Ihre Intuitionsebene der Ereignisse gewahr

werden, die Ihnen in der Zukunft widerfahren werden. Hier-

durch wird die Entstehung von Vorahnungen erklärt. Eigene Erfahrung hat mir verschiedene Male bewiesen, daß eine Ah- nung, der man folgt, das Leben retten kann.

2. Merkwürdigerweise können Sie auch eine wahre Ahnung

empfangen, die jedoch nicht für Sie bestimmt ist. Die Ursache scheint in einer Parallelität der Zeit zu liegen.

3. Sie können Ihre Intuition dahin bringen, für Sie in jeder be-

liebigen Lebens-Sphäre tätig zu werden. Die Intuition kann beispielsweise eine »Alarmglocke« in Ihrem Geist in Tätigkeit setzen, die Sie warnt, wenn irgend jemand im Begriff ist, Ihnen

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irgend etwas zu stehlen. Wie alle Phänomene außersinnlicher Wahrnehmung, erfordert die Realisie rung dieser Funktionen Glauben und Vertrauen; Furchtsamkeit macht die Arbeit zu- nichte.

4. Eine der seltsamsten Leistungen, zu denen das außersinnli- che Wahrnehmungsvermögen imstande ist, besteht in der zeit- lichen Gleichschaltung, so daß Sie fast unfehlbar einen Me n- schen treffen, den Sie zu treffen wünschen. Eine solche Bege g- nung kann zustande kommen, obwohl praktisch keine »Cha n- ce« besteht.

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Sechstes Kapitel

Das Vorhersehen der Zukunft

Die verblüffendste aller Erscheinungsformen des außersinnli- chen Wahrnehmungsvermögens ist jene des Vorauswissens – die Fähigkeit, ein in der Zukunft stattfindendes Ereignis vor- auszuempfinden oder vorauszusehen. Sicher, man vermag die normalerweise zu erwartenden Handlungen und Reaktionen eines Individuums vorherzusagen, dessen charakterliche Ver- haltensweise und dessen Gewohnheiten bekannt sind. Doch die Fähigkeit des Geistes, ein Geschehnis im voraus zu sehen, an dem so viele Faktoren beteiligt sind, die nicht einmal im Be- wußtsein des Betroffenen oder in irgendeines anderen Bewußt- sein verankert sind, widerspricht allen bekannten Gesetzen der Wissenschaft und der Wahrscheinlichkeit. Der rationalistisch denkende Mensch ist geneigt, die Tatsache des Vorherwissens noch nicht eingetretener Ereignisse durch sogenannte Zufälle zu erklären. Aber es bestehen zu viele Beweise für die Existenz der geheimnisvollen Fähigkeit der Zukunftsvorausschau, die nicht einfach ignoriert werden können.

Mein Geist reiste in die Zeit

Während meiner Experimente auf dem Gebiete außersinnlicher Wahrnehmungen mit Sir Hubert Wilkins kam es vor, daß sich mein Geist, als ich mich auf ihn konzentrierte, in die Zukunft zu reisen schien, und ich empfing fließende mentale Eindrücke von Ereignissen, die ich als noch nicht stattgefunden empfand, deren Verwirklichung aber irgendwie bestimmt war. Ich erinnere mich, am 27. Januar 1938 den Eindruck aufge- zeichnet zu haben, daß irgend etwas im Kurbelgehäuse des Wilkinsschen Flugzeugmotors nicht funktionieren würde. Doch erst am 6. Februar jenes Jahres notierte Wilkins in sein Tage-

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buch: »Wir hatten schweren Schaden im Kurbelgehäuse – das Hauptkugellager wurde zu Pulver zermahlen. Muß seit 15. Ja- nuar dort etwas nicht in Ordnung gewesen sein. Würde dieses auf dem Fluge passiert sein, könnte es einen fatalen Absturz gegeben haben.« Ein anderes Mal, in der Nacht des 7. März 1938, beschrieb ich ein Erlebnis genau im voraus, das Wilkins erst am Morgen des 12. März widerfuhr. Ich notierte: »Eigenartiges Gefühl in der Magengrube oder im Solarplexus, als würde ich eine große Gefahr überstanden haben … Sie, Wilkins, mühen sich um etwas ab … fließende Vision Ihres Gesichtes … starke An- spannung wie bei der Konzentration auf den Flug … scheint so, als ob der Flug startete, aber an irgendeinem Punkt beendet wurde oder Rückflug erfolgte … Flugzeug ohne Antrieb … Schnee oder Graupelwetter – scheint auf das Flugzeug nieder- zuprasseln … wurde das Heck des Flugzeuges bei einer Bruc h- landung beschädigt? … sehe, daß am Flugzeugrücken gearbe i- tet wird …« Am Morgen des 12. März 1938 funkte Wilkins folgenden Be- richt an die »New York Times«:

Eine ungewöhnliche Wetterlaune führte heute zum zweiten Flugzw i- schenfall während unserer Bemühungen, die vermißten sowjetischen Flieger zu finden. Bis sechs Uhr früh war es heute klar, doch kurz nach dem Start wurden wir von einer Schneebö, die schwarz war und plötzlich wie eine Gewitterwolke kam, eingehüllt und fürchteten den Schnee und daß unsere Maschine »eingeeist« würde, so daß wir zur nächstmöglichen Landung gezwungen wurden. Der Pilot Herbert Hollick-Kenyon vollbrachte eine gute, sichere Landung mit unserer schweren Ladung von 1200 Gallonen Gas und anderem Material, doch bei der Landung auf unserem Startplatz krachten wir auf einen festen, scharfen Schneefirst, und die hintere Gleitkufe wurde vom Flugzeugrumpf gerissen. Die Ingenieure A. T. L. Dyne und S. A. Cheeseman jagen im selbst- gebauten Schlitten zwischen dem Flugzeug und unserem Hauptstütz- punkt hin und her, führen somit schnell Reparaturen aus und erwar- ten, die Maschine bis morgen völlig hergestellt zu haben, indem sie

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die Nacht durcharbeiten.

Hierin haben wir den Beweis, daß mein Geist auf irgendeine Weise die zwei einzigen Unfälle, die Wilkins’ Flugzeug wider- fuhren, jeweils einige Tage vor ihrem Eintritt erspürte.

Hier werden Sie sich wahrscheinlich die Frage stellen, die auch ich mir stellte: War es vorherbestimmt, daß diese Unfälle ge- schahen? Konnte nichts unternommen werden, um sie zu ver- hindern? Haben die Ursachen, die zu diesen Ereignissen führ- ten, bereits bestanden, als mein Geist jene Eindrücke empfing, und hatte sich mein Geist auf irgendeine Weise in eine andere Dimension »eingeschaltet«, in der diese Ursachen Form a n- nahmen? Wir wissen, daß unsere Zukunft in irgendeiner Art vorhanden ist; daß es einer bestimmten Reihe von Geschehnis- sen bestimmt ist, uns bis zum Tode und möglicherweise dar- über hinaus zu widerfahren. Sicherlich führte eine Kette von Ereignissen, unergründlich in ihrer Art und unerfaßbar in ihrer Anzahl, in Millionen und Milliarden von Jahren bis zum Zeit- punkt unserer individuellen Geburt. In diesem Licht besehen geschieht kein Ereignis jemals zufä l- lig. Das Universum wird von den Gesetzen von Ursachen und Wirkung gelenkt. Wie belanglos und unbezeichnend irgendein Geschehnis auch sein mag, es liegt ihm eine Ursache zugrunde. Wilkins äußerte selbst die Vermutung, daß der von ihm er- wähnte Schaden im Kurbelgehäuse bereits seit dem 15. Januar bestanden haben muß. Doch kein menschliches Wesen wußte von diesem Schaden, ehe er sich nicht in Form des Unfalles bemerkbar gemacht hatte. Damit mein Geist diese Vorschau, daß irgend etwas im Kurbelgehäuse nicht stimmte, erlangen konnte, war er auf die Information durch irgendeine andere Art von Intelligenz angewiesen. Auf eine Weise, die ich nicht er- klären kann, wurde ich in der Nacht des 27. Januar auf den Motorschaden aufmerksam gemacht. Auf Grund der Kenntnis dieser Ursache vermochte die außersinnliche Fähigkeit meines Geistes wie ein Computer, der mit gewissen Unterlagen »gefüt-

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tert« wird, die endgültige Wirkung herauszufinden und mir in Form einer Vorwarnung zu unterbreiten. Sie mögen vielleicht erwägen, daß die geschilderten Zusa m- menhänge auf Prädestination oder Fatalismus hindeuten, doch ist diese mögliche Erklärung leicht zurückzuweisen. Würde ein Mechaniker bei einer vorherigen Untersuchung des Motors den Getriebeschaden entdeckt und beseitigt haben, so würde er so- fort eine andere Ursache geschaffen haben, und die Wahrne h- mung meines Geistes, die auf den möglichen Folgen der alten Ursachen beruhte, hätte sich nicht verwirklicht. Auch wenn Wilkins eine andere Abflugszeit gewählt hätte, würden die Wetterbedingungen zweifellos andere gewesen und der von mir vorhergesehene Unfall damit unmöglich gemacht worden sein. Solange aber die Ursachen nicht verändert wurden, blie- ben auch die vorausempfundenen Wirkungen bestehen. Die Tatsache, daß Ursachen diese höheren Geisteskräfte beein- flussen, ehe sie sich als Wirkungen realisieren, die von den fünf physischen Sinnen beobachtet werden können, bildet eine Er- klärung für die falschen Prophezeiungen vieler der sogenann- ten Seher. Wenn diese Seher echte Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung besitzen, vermögen sie auf der Grundlage der bereits bestehenden Ursachen ein irgend jemand zustoßendes Ereignis genau zu erspüren. Doch die Einwirkung anderer Kräfte in der Zeit nach der Vorhersage mag die früheren Ursa- chen ändern und somit das vorhergesagte Ereignis ändern oder verhindern. Sogenannte Mystiker und Propheten haben gelegentlich Pro- gnosen über Weltereignisse gestellt, die sich bewahrheiteten. In diesen Fällen ist das Massenbewußtsein sehr stark und so da u- erhaft gewesen, um eine kraftvolle Grundverursachung auf- rechtzuerhalten. Geringere, zuwiderlaufende Kräfte wurden beiseite gedrängt, und das vorausgesagte Ereignis mußte eintre- ten. Diese Tatsache veranlaßte einige Denker zu der Erklärung, daß »die Geschichte dazu neigt, sich zu wiederholen«. In ande- ren Worten kann man dieses so ausdrücken: »Wenn die

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Menschheit nicht ihr Denken und ihr Handeln ändert, so wird sie wieder und wieder dieselben Mißlichkeiten auf sich laden.«

Intelligenz ist in allen Dingen

Ich bin davon überzeugt, daß in allen belebten und unbelebten Dingen eine Art Intelligenz waltet und daß ein sensitiver Geist

mit diesen verschiedenen Formen der Intelligenz

aufnehmen kann. Diese Tatsache ist schwer in Worte zu kle i- den. Wenn Sie die Schwingungsnatur des Universums bede n- ken, in welcher jeder Mensch aus Kraftfeldern und Schwin- gungen besteht, so gewahren Sie, daß auch ein Kurbelgehäuse oder ein Getriebe oder eine Wetterlage oder alles andere eine Art Wesenheit in und aus sich selbst ist, das über den Zustand seiner Existenz zu irgendeinem gegebenen Augenblick in Kenntnis gesetzt sein kann oder daß jemand davon in Kenntnis gesetzt sein mag. Diese Kenntnisnahme ändert sich fortgesetzt, so wie der Zustand des Daseins sich ändert. Und da nichts ver- harrt, ist auch keine Person oder kein Geist im gleichen Zu- stande wie noch eine Sekunde zuvor. Alles im Universum rea- giert und bezieht sich auf alles andere, mit dem es während seiner ganzen Existenz in Verbindung kommt, mögen es beleb- te oder unbelebte Dinge sein. Jede Ursache bringt eine Wir- kung hervor, die in der Folge andere Ursachen schafft, die letztlich wieder zu anderen Wirkungen führen.

Verbindung

Der Geist beobachtet, berechnet, bewertet, empfängt, verteilt, aktiviert und nimmt diese Änderungen in der Form dieser Ideen und Eindrücke auf und wandelt sie durch Erfahrung in die individuelle Entwicklung fördernde Güter um. Tatsächlich ist der Geist die einzige Kraft im Universum, die ihre Identität behält und die Nutzen aus Veränderungen innerhalb und au- ßerhalb ihrer selbst zieht.

Es waltet in allen sichtbaren Lebensformen und -äußerungen

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im ganzen Kosmos offenbar eine jenseits menschlichen Ver- ständnisses liegende Intelligenz. Doch so weit wir den Himmel und die Erde und ihre Wunder überschauen können, scheinen wir die einzigen Wesen auf diesem Planeten zu sein, welche die Fähigkeit besitzen, mittels unseres Geistes diese umfasse n- den Kräfte zu unserem eigenen Nutzen und Gebrauch zu le n- ken, zu überwachen, aufzunehmen und umzuwandeln. Unzwe i- felhaft gibt es auf anderen Planeten höherer Zustandsformen Geschöpfe, die uns in der Entwicklung der Qualität und Fähig- keit ihres Geistes weit überragen. Der Beweis aber, daß selbst unsere Geister mit Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung ausgestattet sind, die weder zeitlich noch räumlich begrenzt sind, gibt uns die inspirierende Gewißheit, daß das menschliche Geschöpf für eine mentale und geistige Entwicklung bestimmt ist, die weit jenseits unserer gegenwärtigen Kindergarten-Stufe liegt.

Die Relativität der Zeit

Der Geist scheint mit Lichtgeschwindigkeit zu wirken. Was bedeutet der Zeitbegriff bei der Entstehung eines Gedankens im Bewußtsein oder beim unmittelbaren telepathischen Geda n- kenempfang eines durch Kontinente entfernten Individuums? Und welche Rolle spielt die Zeit, die doch offensichtlich noch gar nicht vorhanden ist, in einem vorhergesehenen zukünftigen, noch ungeborenen, Augenblick? Diese Überlegungen führen zu dem Schluß, daß die Zeit selbst relativ ist und verschiedene Maße hat, die in Beziehung zu den verschiedenen Bedingungen und Zuständen des Bewußtseins kurz oder lang oder wechse l- haft sind. Vorbedingung zur Vorhererkenntnis künftiger Ere i- gnisse, zur Präkognition, sind die bereits im Augenblick der Schaffung der Ursache in ihren Möglichkeiten vorhandenen Wirkungen. Der Geist setzt sich mit dieser verursachenden Kraft, die man als Zeitlinie bezeichnen mag, in Verbindung, welche diese Ursache zu der für sie bestimmten Wirkung führt.

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Wenn Sie sich die Zeit als in die Vergangenheit und Zukunft ausgedehnt und Ihren Geist mit der Fähigkeit, willentlich vor- wärts und rückwärts innerhalb der Zeit zu reisen, ausgestattet denken, können Sie sich auch die Möglichkeit Ihres Geistes vorstellen, Ereignisse wahrzunehmen, die sich erst verwirkli- chen werden. Die früher bestandenen Ursachen haben gege n- wärtige Wirkungen gezeitigt, und diese Wirkungen zeitigen in der Folge neue Ursachen, deren Wirkungen wir zukünftig er- fahren werden. Doch jens eits der Reichweite unseres gewöhn- lichen Verständnisses besteht eine höhere Dimension der Zeit, in der sich diese zukünftigen Ereignisse jetzt bilden. Offe n- sichtlich ist es dieser gleichsam embryonale Seinszustand, mit dem unser außersinnliches Wahrnehmungsvermögen in Ver- bindung tritt und darin den Umriß der kommenden Dinge er- faßt, den es uns als fließendes mentales Bild oder als Ge- fühlseindruck dieser zukünftigen Möglichkeit darbietet. Der ungeübte Durchschnittsmensch erkennt selten, daß eine Präkognition erfolgt, da dieses Phänomen mit dem durch die fünf physischen Sinne begrenzten gewohnten Gedankenstrom verschmolzen ist. Die meisten Menschen erkennen erst nach der Verwirklichung des betreffenden Ereignisses, daß sie tat- sächlich eine Hellsehleistung vollbracht hatten. Viele der »Ahnungen«, wie ich sie im fünften Kapitel schilder- te, können als hellseherische Blitzlichter klassifiziert werden. Die Person, die sie zu erkennen und sich klug danach zu ric h- ten vermag, ist gewöhnlich ihren Mitmenschen in bezug auf erfolgreiche Handlungen überlegen.

Sie sollten beginnen, sich zu vergegenwärtigen, daß jede neue Idee tatsächlich ein präkognitiver Umriß einer künftigen Mög- lichkeit ist. Es bedarf oft der angewandten Kombination von Zeiteinsatz, Bemühung, Erfahrung, Geschicklichkeit und Fin- digkeit, um dieser neuartigen Tatsachen gewahr zu werden. Und doch mögen Sie einen solchen vorausschauenden Gedan- ken bereits vollständig vor Ihrem geistigen Auge erblickt ha-

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ben. Wenn Sie durch solche Erfahrung zwar in Erstaunen ge- rieten, jedoch an Ihrer Fähigkeit zur vollständigen Realisie- rung zweifelten, so mag diese Fähigkeit gestorben sein, ehe sie geboren wurde. Wenn Sie sich aber dieser Möglichkeiten mit Zuversicht und Begeisterung bemächtigen und in der Anwen- dung angemessener Bemühungen fortfahren, haben Sie die Chance, eines Tages die Anlage Ihrer außersinnlichen Wahr- nehmungsfähigkeit voll auszubilden:

Ich habe viele Erfahrungen dieser Art gehabt, von denen eine der erregendsten in den späten dreißiger Jahren erfolgte.

Ein großer Name und ein lohnender Vertrag

Ich bin ein Bewunderer des Dichters Mark Twain. Als ich des- sen Biographie von Albert Bigelow Paine las, kam mir mit Bedauern zum Bewußtsein, daß Twains Leben nicht für die Bühnen- und Filmaufführung bearbeitet wurde. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich einen Exklusivvertrag mit den Rechteinhabern der literarischen Arbeiten Mark Twains über eine erfolgreiche Dramatisierung für Produzenten in Holly- wood und am Broadway abschließen. Mein bewußter Geist versuchte mir einzureden, daß ein solches Streben aussichtslos sei. Ich besaß keinen bedeutenden Ruf als Stückeschreiber, und sicherlich würde ein solcher Vertrag nur mit einem bekannten Autor der Spitzenklasse abgeschlossen werden. Trotzdem verließ ich mich lediglich auf mein intens i- ves inneres Gefühl und auf meinen Glauben in meine eigene schöpferische Begabung, um meine Aufgabe in Angriff zu nehmen. Ich stellte ausgedehnte Nachforschungen an, die mich zur Bi- bliothek führten, wo ich mir umfassende Kenntnisse über das Wesen und den Charakter von Samuel L. Clemens, der sich Mark Twain nannte, aneignete. Diese Studien erstreckten sich über einen Zeitraum von sechs Monaten. Anschließend bereite-

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te ich einen aus etwa 10.000 Worten bestehenden Entwurf vor, der meinen Plan der Dramatisierung von Twains Leben für Bühne und Film enthielt. Dann, und nicht eher, suchte ich Verbindung mit dem Anwalt Charles T. Lark, dem Nachlaßverwalter Mark Twains. Und nun hatte ich einen hellseherischen Eindruck. Ich sah mich in seinem Büro sitzen, mit ihm sprechen, ihm meinen Wunsch, ein Stück über Twains Leben zu schreiben, unterbreiten und ihm meinen Glauben versichern, daß ich eine besondere Bega- bung zur Ausführung dieser besonderen Aufgabe besitze. Ich schien zu sehen, daß Herr Lark mir voll Anerkennung lauschte. In meinem geistigen Ohr schien ich Herrn Lark sagen zu hören:

»Ich kann Ihnen gar nichts versprechen, Sherman – aber das mindeste, was ich in Anerkennung der Arbeit, die Sie in dieses Manuskript investiert haben, tun kann, ist, dieses zu lesen.«

Daraufhin griff ich zum Telephon und verabredete ein Ge- spräch mit Herrn Lark – und als ich ihm zum ersten Male Auge in Auge gegenübersaß, ereignete sich genau das, was ich vor- ausgeschaut hatte!

Anläßlich dieser Unterredung zeigte mir Herr Lark unter ande- rem Briefe und Telegramme von damals prominenten Schrift- stellern wie Booth Tarkington, Rupert Hughes und Homer Croy. Jeder von ihnen hatte die gleiche Bitte geäußert, ihm die wertvollen Rechte zur Dramatisierung dieses Stoffes zu über- tragen. Doch jeder dieser Autoren hatte gemeint, daß ihr Ruf genügende Gewähr dafür sei, daß die Twain- Nachlaßverwaltung ihrer Bitte Aufmerksamkeit schenke, ohne eine Probe zu verlangen, wie er das Stück zu behandeln gede n- ke. Zweifellos würde jeder dieser Schriftsteller eine ausgezeichne- te Arbeit geleistet haben, doch deren bloßes Verlassen auf ih- ren Ruf als Mittel, bei den Rechteinhabern Eindruck zu ma- chen, hatte mir Gelegenheit gegeben, in die Reihe der aus-

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sichtsreichen Bewerber zu treten. Herr Lark eröffne te mir, daß die Rechte zur Dramatisierung der Lebensgeschichte Mark Twains die wertvollsten und noch von der Vergabe zurück- gehalten worden seien und daß die Nachlaßverwaltung keinen Vertrag über diese Rechte mit irgendeinem Autor abschließen würde, ehe sie sich nicht davon überzeugt habe, daß das Thema in gewünschter Weise behandelt werden würde. Ich erwiderte Herrn Lark, daß ich mit diesen Bedingungen wohl einverstanden sei und daß er lediglich mein Manuskript in den Papierkorb zu werfen brauche, wenn er es nach einer Lektüre für nicht erwägenswert halte. Ich verließ dann Herrn Larks Büro, um die Entscheidung abzuwarten. In den folgenden zehn Tagen überprüfte ich das Erinnerungs- bild meines ersten hellseherischen Eindruckes über diesen Fall – als ich sah, daß mir diese Aufgabe übertragen wurde und ich ein erfolgreiches Stück fertigstellte. Ich wurde wiederum in meiner Hoffnung bestärkt, indem mein Gefühl, daß dieses Wagnis erfolgreich verlaufen würde, sich sogar stärker denn je zeigte. Es kam der Tag, an dem mich Herr Lark anrief und mich ein- lud, mit ihm im Yale - Club zu speisen. Es war ein großer Au- genblick, als ich ihn sagen hörte:

»Herr Sherman, ich war von Ihrem Manuskript beeindruckt genug, um es den Verantwortlichen zwecks Einholung ihrer Meinung zu schicken, und dann sandte ich es an Clara Clemens Gabrilowitsch, Mark Twains einzige noch lebende Tochter. Clara und die Verwalter waren sich alle einig, daß Ihr Entwurf Mark Twain so zeichnet, wie sie ihn dargestellt zu haben wün- schen, und sie haben mir Vollmacht erteilt, mit Ihnen den Ab- schluß eines Exklusiv-Vertrages zu besprechen.« Innerhalb einer Woche nach dieser Zusammenkunft hatte ich eine der begehrtesten Aufgaben in der Theatergeschichte über- tragen bekommen. Dieses Stück mit dem Titel Mark Twain zog, nachdem die Ausarbeitung vollendet worden war, die Aufmerksamkeit von drei führenden Broadway-Produzenten

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auf sich, die es erwerben wollten. Es wurde an Harry Moses, den Produzenten des damals berühmten Stückes »Grand Ho- tel«, verkauft, der Pläne zur Aufführ ung meines Stückes mac h- te. Doch ehe die Pläne realisiert werden konnten, erkrankte Herr Moses schwer und starb. Dann erwarb Jesse L. Lasky, einer der alten Filmproduzenten Hollywoods, das Stück, und ich ging nach Hollywood, um bei der Filmbearbeitung mitzu- wirken. Es wurde von Lasky für die Firma Warner Brothers unter dem Titel Die Abenteuer des Mark Twain mit Fredric March in der Hauptrolle verfilmt. Somit hatte sich meine Vor- ausschau, an deren Erfüllung in der Wirklichkeit ich dann so hart zu arbeiten hatte, bewahrheitet.

Ihre gewaltigen, ungenutzten Handlungsfähigkeiten

In jedem Individuum befindet sich ein höheres Selbst – ein höheres Erkenntnisvermögen – das die in dieser Person schlummernden Fähigkeiten kennt und bei Gelegenheit ver- sucht, sie ihr zu offenbaren und sie zu inspirieren, sich zu mü- hen, das Beste aus sich zu machen. Doch wenige von uns er- kennen oder glauben an die eigentliche Wirklichkeit dieser mentalen Lichtblicke. Wenn ich zurückblicke, erkenne ich heute viele Gelegenheiten, in denen ich meinen eine Vorausschau gebenden Bildern nicht folgte und dadurch viele mögliche Erfolge verwirkte. Dasselbe gilt auch für Sie und für jeden Menschen, da die Schöpferkraft des Bewußtseins sich zu jeder Zeit in irgendeiner Art auszu- drücken versucht und das nur durch Ideen, welche erkannt und angewandt werden müssen, vermag. Der wahren Natur unserer Gedanken und Handlungen zufolge befinden wir uns alle in jedem Augenblick unseres Lebens im Schöpferprozeß unserer eigenen Zukunft. Jede Entscheidung, die Sie treffen, gibt Ihrem Geist und allen seinen Kräften eine bestimmte Richtung. Welches geistige Bild Sie auch immer von Ihrem Ziel, das Sie zu erreichen wünschen, haben mögen,

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es wird zum Bauplan, nach dem sich Ihre Schöpferkraft und Ihre außersinnlichen Fähigkeiten richten. In irgendeiner Weise, die wir zur besseren Veranschaulichung als elektromagnetisch bezeichnet haben, beginnen diese höheren Fähigkeiten Erfa h- rungen und Kenntnisse und Menschen und Hilfsmittel für Sie herbeizuschaffen, deren Sie auf Ihrem Lebenswege bedürfen und die Ihnen zur Erfüllung aller Arten von Wünschen zu he l- fen versuchen. In allen Fällen Ihrer Wünsche richtet sich Ihr Geist sogleich auf das Ziel ihrer Verwirklichung. Die Erfüllungen mögen auf so natürliche und geschickte Weise vor sich gehen, daß Sie oft gar nicht gewahren, daß Ihnen durch Ihre außersinnlichen Fähig- keiten geholfen wurde. Es bedarf gewöhnlich erst einer auffä l- ligen Demonstration dieser Ihrer höheren Fähigkeiten des Ge i- stes, ehe Sie diese erkennen und daran glauben. Ein Mensch mit der Gabe der Vorausschau mag imstande sein, seinen Geist auf Ihre Zukunft zu konzentrieren, eine von Ihnen getroffene Entscheidung gewahren und sich dabei in die Ent- stehung vieler Ereignisse »einschalten«, die von dieser Ent- scheidung abhängen. Dieser Hellseher würde imstande sein, bestimmte Entwicklungen zu beschreiben, die Ihre Schöpfer- kraft und Ihre Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung ge- rade vorbereiten.

Wenn Ihr außersinnliches Wahrnehmungsvermögen Sie warnt

Als wir vor einigen Jahren in Chicago wohnten, ging unsere Tochter Marcia nach Michigan, um dort den Sommer zusa m- men mit Onkel und Tante in deren Landhaus am See zu

Schwimmerin.

Doch eines Sonntag morgens wachte ich mit dem Gefühl auf, daß Marcia von einem Magenkrampf befallen werden und er- trinken könne, falls sie heute schwimmen gehen würde. Ich habe genügend viele Erfahrungen mit dem außersinnlichen Wahrnehmungsvermögen gemacht, um sie gegen Eindrücke

verbringen.

Marcia

ist

eine

ausgezeichnete

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abzugrenzen, die durch Befürchtungen und Sorgen entstehen. Ich berichtete deshalb meiner Frau von dieser Warnung, die ich bekommen hatte, und sie bat ihren Bruder sofort telephonisch, Marcia an den Apparat zu holen. Sie fragte, ob sie beabsicht i- ge, an diesem Tage zum Schwimmen zu gehen, und Marcia antwortete: »Ja, Mutter – ich habe meinen Badeanzug schon angezogen.« Martha sagte ihr: »Marcia, Vater sagt, daß er es als besser emp- finden würde, wenn du heute nicht ins Wasser gingest.« Marcia zeigte sich überrascht und wunderte sich über den Grund. Meine Frau erwiderte: »Es ist kein besonderer Grund, Liebling – doch Vater fühlt eben nur, daß du gerade heute nicht schwimmen solltest. Zu jeder anderen Zeit wird es wieder pas- sen.« Es gab eine kurze Pause am Telephon, und dann gab Marcia zur Antwort: »In Ordnung, Mutter, wenn Vater nicht möchte, daß ich gehe, vermute ich, daß es einen guten Grund dafür gibt – so richte ich mich danach.« Natürlich geschah nichts, da meine Bitte sie davon abgehalten hatte, ins Wasser zu gehen, und möglicherweise wäre auch nichts geschehen, wenn sie doch gebadet hätte. Somit können Sie, wenn Sie zur Skepsis neigen, leicht sagen, daß dieser Fall überhaupt nichts beweist. Doch wenn Sie die vielen Erfahrun- gen auf diesem Gebiet gemacht haben würden, wie ich sie in der Erfassung vo n Eindrücken, die sich als richtig herausstell- ten, gemacht habe, würden Sie das Risiko eingegangen sein, diesem erwähnten Eindruck nicht zu folgen? Dieses war das einzige Mal in den Hunderten von Fällen, in denen Marcia zum Schwimmen ging, daß ich jemals eine so l- che Warnung in bezug auf sie empfing. Ich glaube, daß an je- nem Tage eine Indisposition in ihrem Körper bestand, der me i- nen Geist zu der Empfindung führte, sie könne Magenkrämpfe haben und möglicherweise ertrinken. Selbst während ich diese Zeilen nach Jahren schreibe, fühle ich eine tiefe Überzeugung in mir, daß jene Möglichkeit bestand und in einem unglückli-

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chen Ende gemündet haben könnte, wenn wir Marcia nicht gewarnt hätten.

Denken Sie an die Fälle, von denen Sie hörten oder lasen, in denen irgendein Familienvater oder eine Ehefrau sich weiger- ten, eine bestimmte Reise mit dem Auto oder Schiff oder mit der Bahn oder mit dem Flugzeug anzutreten und die anderen Familienmitglieder anflehte, auch nicht zu reisen, wobei der betreffende Warner nur ausgelacht wurde und die Reise tragisch endete. In solchen Fällen empfanden diese Menschen entweder durch einen lebhaften Traum oder durch ein heftiges Gefühl der Vorahnung, daß ihnen ein zukünftiges Geschehnis widerfahren würde, das ihnen Verderben brächte.

Erinnern Sie sich: die verursachenden Kräfte werden, einmal in Tätigkeit gesetzt, immer die ihnen entsprechenden aufbaue n- den oder herabziehenden Wirkungen hervorzurufen bestrebt sein, ehe diese Ursachen nicht beseitigt wurden. Entschließen Sie sich jetzt, jede intuitive Warnung, die nicht durch irgendwelche Ängste und Sorgen hervorgerufen wurde, stets zu beachten – wie sehr auch Ihr Verstand Ihnen die Lä- cherlichkeit oder Unbegründetheit eines solchen Impulses ein- zureden versuche n mag. Sie mögen Ihren Standpunkt Freunden und Verwandten gegenüber zu behaupten haben. Doch ist es besser, den Nutzen auch aus den angezweifelten intuitiven Eindrücken zu ziehen, als ihnen zuwiderzuhandeln, um später nur zu entdecken, daß Sie recht gehabt hätten – wenn es zu spät ist. Jahrelang war es meine Gewohnheit, während meiner allabend- lichen regelmäßigen Meditationszeiten Gedanken der Liebe und des Schutzes meinen beiden verheirateten Töchtern und ihren Familien sowie auch anderen Verwandten und Freunden auszusenden. Ich habe, wie ich bereits früher feststellte, Grund zu glauben, daß wir alle auf unterbewußten Ebenen eine Art elektromagnetischer Verwandtschaft zu jenen besitzen, für die

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wir starke seelische Gefühle hegen. Ich habe meinen Geist mit- tels Suggestion veranlaßt, mich über alles zu unterrichten, was meinen Lieben oder mir selbst im Lauf der kommenden Zeiten bevorsteht, wenn dieses hilfreich sein kann.

Ihre höheren geistigen Kräfte werden einer solchen Anweisung entsprechen, wenn Sie das wirklich im Sinn haben und erwar- ten, und wenn Sie stets auf der Hut sind, solche Führung ent- weder in Ihrem Wach- oder in Ihrem Traumzustand zu erken- nen.

Die Gefahr wartete in einer Seitenstraße

Als Marcia in Fort Worth in Texas lebte, hatte sie eine Auto- fahrt nach Charleston in Arkansas zum Besuch ihrer Schwie- gereltern geplant. Plötzlich empfing ich einen warnenden Ein- druck, als ich an sie dachte. Wiederum bat ich meine Frau, sich mit meiner Tochter, jedoch dieses Mal auf brieflichem Wege, zu verbinden und ihr einzuschärfen, daß sie während der Auto- fahrt darauf achten solle, daß jemand quer über die Fernstraße aus einer kleinen Seitenstraße mit dem Auto herausschießen würde. Martha beruhigte meine Tochter, daß dieser mögliche Unfall nicht zu geschehen brauche – alles, was sie zu tun habe, sei, besondere Wachsamkeit und Obacht walten zu lassen. Als Marcia sicher in Arkansas ankam und kein solcher Unfall geschehen war, sagte sie zu mir: »Vater, warne mich niemals wieder auf diese Weise! Ich war während der ganze n Heim- fahrt nervös!« Ich erklärte ihr, daß ich nicht verstehen könne, daß sie nicht irgendeinen Beweis für die Berechtigung meiner Warnung bekommen habe, da ich selten einen Impuls der Vor- ausschau erlebt habe, der sich nicht bei Gelegenheit ganz oder teilweise verwirklichte. Marcia erwiderte: »Nun gut, uns geschah nichts – doch als wir in Charleston ankamen, stellten wir fest, daß Wendells Großva- ter an jenem Tage angefahren und leicht verletzt wurde. Es

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geschah durch einen Mann, der aus einer Seitenstraße kam und in seinen Lastwagen krachte.« »Da hast du es!« rief ich. »Indem ich an dich und Wendell und eure Fahrt dachte, zweigte sich mein Geist irgendwie ab und verband sich, wie auf einer Nebenlinie, mit dem Geist von Wendells Großvater. Ich sah ein vorüberflutendes geistiges Bild, das ein aus einer Seitenstraße herausjagendes Auto zeigte, das auf ein anderes Fahrzeug auf der Hauptstraße fuhr. Da der Unfall eines Großvaters in demselben Zeitraum eurer Autofahrt stattfand und da enge geistige Verwandtschaft zwischen We n- dell und seinem Großvater bestand, muß ich diesen Eindruck auf euch bezogen haben.« Diese Erfahrung erläutert, wie man zuweilen recht haben und sich dennoch irren kann. In diesem Fall habe ich offensichtlich den genauen Eindruck eines drohenden Unfalls bekommen, habe ihn dennoch auf die falschen Menschen bezogen. Sie können sagen, daß sich meine »geistigen Leitungen« gekreuzt haben.

Meine Vorahnungen der Kuba-Krise

Nachdem der größte Teil dieses Buches geschrieben worden war, passierte eine der größten Tragödien der jüngsten Ge- schichte: die Ermordung John F. Kennedys. Ich wünsche heu- te, ich hätte meine Stimme zu diesem möglichen Geschehnis erhoben, wie ich es privat in Form einer vertraulichen Denk- schrift tat, die einem vertrauten Freund und Regierungsbeam- ten in Washington am 3. Juni 1961 zugesandt wurde. In dieser Denkschrift schrieb ich unter anderem:

»Eine anarchistische Welt-Gesellschaft oder ein solches System hat sich mit dem Ziel gebildet, die Weltherrschaft durch Gewalttätigkeit, Einschüchterung und Intrige an sich zu bringen. Der Plan ist eine diabolische Verfeinerung der kommunistischen Praxis der Unter- wanderung aller Länder. Das Zentrum dieser Hemisphäre ist Kuba, und der Anführer ist ein Mann namens Rafael. Man hat sich ver-

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schworen, die Unzufriedenheit, Rassenstreitigkeiten und wirtschaft- lichen Nöte von Minderheitsgruppen in allen Ländern hochzuspielen. Mit Vertretern der Unterwelt und der radikalen Politik wurde Ver- bindung aufgenommen und diesen Leuten mächtige und einflußrei- che Positionen versprochen, wenn die Zeit zur Schaffung weitver- breiteter Gewalttätigkeiten und des Aufruhrs käme. Das Ziel ist, die Herrschaft über das ganze Südamerika zu gewinnen und durch An- stiftung von Sabotage, , Unordnung, Panik, Wirrwarr und notwend i- gerweise Krieg schließlich die Vereinigten Staaten zu Fall zu brin-

gen. Agenten sind jetzt an der Arbeit, fanatische Individuen, die be- reit sind, ihr Leben für die Zerstörung der existierenden Regierungen durch Sabotage einzusetzen. Das Ausbildungszentrum für diesen sich steigernden Feldzug des Terrors und der Zersetzung ist Castros Kuba

Die Beauftragung von Verbrecherelementen, die Ermordung führen- der Persönlichkeiten in verschiedenen Ländern zu versuchen, wird zu einem Teil des Programms gemacht – wobei rivalisierenden Macht- jägern die Übernahme von Macht- und Kontrollfunktionen angebo- ten wird, wenn solche Untaten stattfinden oder Zeit und Bedingu n- gen günstig erscheinen. Castro wurde gesagt, daß diese Methode der Anstiftung zum Aufruhr, der Durchsetzung der Länder und des Ein- satzes von Agenten, die fanatisch den Anweisungen einer zentralen Kontrollstelle folgen, der Weg ist, eine militärisch überlegene Macht zu überwältigen. Nach und nach werden wir Zeuge von Ereignissen wie der Ermor- dung des Trujillo sein, die dazu bestimmt sind, in der Folge Ände- rungen und Spannungen in der Regierungskontrolle aller Länder hervorzurufen … Die Lage ist bereits so ernst, daß die Vereinigten Staaten eine paramilitärische Truppe organisieren und als zusätzli- chen Schutz sich ständig ablösende Wachen an allen wichtigen Ein- richtungen, Staatsgebäuden, Flugplätzen usw. aufstellen sollten. Es sollte erkannt werden, daß eine verräterische, ständig wachsende Bedrohung unserer Sicherheit besteht und daß solche Schutzmaß- nahmen mehr zur Abwehr des Feindes bewirken als Milliarden, die für zusätzliche Waffen ausgegeben werden …«

Am 27. Juli 1961 schrieb ich eine andere vertrauliche Denk- schrift an dieselbe Person, die ungenannt bleiben muß. Hier

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wiederholte ich: »Kuba ist die Brutstätte anarchistischer Pla- nungen – und diese befinden sich erst am Anfang. Rußland will letztlich die Insel als >Landekopf< benutzen. Die Vereinigten Staaten müssen hier einschreiten und dieser Operation den To- desstoß versetzen, ob wir wollen oder nicht.« Am 14. und 15. Februar berichteten die Zeitungen, unter Schlagzeilen, daß »RAFAEL Rodriguez an Stelle von Premier Castro Präsident des allmächtigen Kubanischen Agrar-Reform- Institutes wurde«. Leitartikler der Los Angeles Time schrieben:

»RAFAEL ist seit langem ein Zahnrad in der Maschinerie des Kremls in Lateinamerika gewesen. Die Entwicklung der Dinge ist schwerwiegend und bedrohlich. Es liegt auf der Hand, daß der Kreml Kuba als zu wichtig betrachtet, um es dem untücht i- gen, lärmenden Castro anzuvertrauen …« Wenn Sie meine ursprüngliche Denkschrift nochmals lesen, werden Sie feststellen, daß ich beinahe neun Monate, ehe ir- gendwelche Nachrichten darüber die Presse erreichten, den Namen »Rafael« als den des in besonderer Schlüsselposition stehenden Mannes nannte. Ich konnte auf dem Wege versta n- desmäßiger Information nicht wissen, daß einem Mann namens Rafael diese Führungsposition übertragen werden würde. Am 15. Februar schrieb ich meinem Freund in Washington, daß ich den Eindruck habe, Kuba würde unseren Stützpunkt in Guantánamo mit Explosivstoffen, und zwar solchen atomari- scher Natur, umzingeln … daß geheime Vorbereitungen getro f- fen würden … daß etwas im Wasser rund um den Stützpunkt vorginge und daß Fischerboote und andere Wasserfahrzeuge sorgsam beobachtet werden sollten … und daß ein plötzlicher Brand oder eine Explosion auf dem Stützpunkt keine Unmö g- lichkeit darstelle usw. Am 19. März 1962 flog ein amerikanischer Kongreß-Ausschuß nach Kuba, um die Grundlage von Berichten zu untersuchen, die von zunehmender militärischer Aktivität Kubas außerhalb der Grenzen der amerikanischen Marine-Basis Guantánamo kündeten. Eine Nachricht lautete, daß Konteradmiral J.

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O’Donnell sich entschieden habe, nach Washington zu ko m- men, da »die Lage so kritisch sei«. Die folgende Zeitungsmeldung lautete, daß der Ausschuß »ke i- ne Zeichen« für irgendeine Aufrüstung oder Aktivität gefunden habe. Doch Kuba sei »sehr erzürnt« über die provozierende Untersuchung. Ich schrieb am 20. März nach Washington und bekräftigte, daß mein »positiver Eindruck« mir recht gäbe und daß Aufr ü- stungsvorgänge stattgefunden hätten und weiterhin stattfinden würden. Ich erklärte weiter, daß »ich sicher sei, daß ein militä- rischer Angriff im weiteren Verlauf stattfinde – und Kubas Aufregung darüber, uns Anlaß zur Wachsamkeit in bezug auf mögliche Aktionen gegeben zu haben, sei kein Wunder. Ich fühlte ferner, daß dieses Gebiet von jetzt an ohne Rücksicht darauf, was an der Oberfläche geschehe, beständig überwacht werden müsse«. Ich lenkte dann die Aufmerksamkeit auf einen Zeitschriftenartikel vom Oktober 1961, in dem es hieß, daß »Tausende von Castro-Agenten in den Vereinigten Staaten und in südamerikanischen Ländern nach bestimmten Plänen ver- streut seien, um Unruhe, Sabotageakte usw. zu stiften …«, ein Vorgang, den ich bereits in meiner Denkschrift vorn 3. Juni 1961 beschrieben hatte. Während ich am 24. August 1962 meine Tochter und ihre Fa- milie in Casper im Staate Wyoming besuchte, überkamen mich zusätzliche Eindrücke, die ich dem Freunde in Washington berichtete. Unter anderem schrieb ich:

Chruschtschow ist dreist bis zum Punkt der Vermessenheit gewor- den. Jene, die mit ihm eng verbunden sind, fürchten, er könne ver- sucht sein, zu weit zu gehen. Trotz der einheimischen Fehler des Kommunismus fühlt Chruschtschow, daß der Weltkommunismus jetzt eine Rolle in seinem Leben spielen könnte. Er ist sicher, daß die Alliierten wegen Berlin keinen Krieg riskieren. Was Kuba anbetrifft, so hat er entschieden, daß dieses Land der beständige Stachel in der Flanke der Vereinigten Staaten werden muß. Folglich werden von Rußland alle Anstrengungen fortgesetzt, die Wirtschaft Kubas als

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Beispiel dafür auszubauen, was Rußland für einen Verbündeten im buchstäblichen Schatten der Küsten Amerikas zu tun imstande ist. In Wahrheit aber ist die auf Kuba ausgedehnte Hilfe von seiten des kommunistischen Mutterlandes nur eine Tarnung für die militärische Stärkung Kubas – so daß eine drohende Haltung gegenüber dem Stützpunkt Guantánamo und gegenüber den Vereinigten Staaten eingenommen werden kann. Castro wird vollständig ausgeschaltet werden, wenn Rußland den Punkt, den man als Machtergreifung bezeichnen kann, erreicht. Dieser Einfluß der russischen »Techni- ker« und der russischen Hilfe in Kuba ist ein überlegtes Probe- Risiko, das um so intensiver betrieben wird, je mehr der Druck in Berlin wächst. Chruschtschow erwägt angesichts Rußlands gegenwärtiger militär i- scher Stärke und der möglichen Einholung durch die Vereinigten Staaten von Amerika ernsthaft einen Angriff zu einem Zeitpunkt zwischen heute und dem Jahre 1964. Seitdem zum Zwecke des End- sieges des Kommunismus ein Krieg zwischen Vertretern der beiden Ideologien für unvermeidlich gehalten wird (eine Folgerung, die Rot- China mit Eifer unterstützt), argumentieren gewisse Kreml-Führer, daß ein Warten, bis die Vereinigten Staaten mit dem gegenwärtigen militärischen Entwicklungsstand Rußlands gleichgezogen haben würden, selbstmörderisch wäre. Ehe sich die Umstände nicht radikal ändern, nähert sich der Moment einer verhängnisvollen Entschei- dung.

Dieser Augenblick der Entscheidung kam im Oktober 1962, als Präsident Kennedy auf dramatische Weise mit photographi- schen Dokumenten enthüllte, daß Rußland Raketen-Basen in Kuba errichtet hatte, die auf amerikanische Ziele eingestellt waren. Die Vereinigten Staaten erzwangen mit Unterstützung einer Seeblockade Kubas die Entfernung dieser Atomwaffen und die Zusage der gleichzeitigen Abziehung der russischen Militärpersonen. Dieses Versprechen wurde teilweise erfüllt. Nachdem wir einem atomaren Vernichtungsschlag gegen das bewaffnete Kuba soeben entgangen waren und die Sowjets uns plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt hatten, machte Dr. Lapp in der Fernsehsendung »Heute« die folgende Bemerkung:

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»Ich kann nicht verstehen, weshalb unser Geheimdienst nicht eher dieser offensiven Vorbereitungen in Kuba gewahr gewor- den ist.« In dieser schnellebigen Welt ist es eine offensichtliche Not- wendigkeit für uns, alle Bedingungen und Entwicklungen zu erkennen – soweit dieses überhaupt möglich ist –, die sich in gefährliche Ereignisse umwandeln könnten, solange sie nicht entdeckt und ausgeschaltet wurden. Damit kommen wir wieder zum eingangs erwähnten Thema – der Ermordung des Präsidenten Kennedy. Wie tragisch ist es für unser Land und für die Welt, daß die vorausschauenden Eindrücke und Vorwarnungen über sein mögliches Geschick, die nicht nur von einem Menschen, sondern von einer Vielzahl von Männern und Frauen ausgingen, nicht zu ernstlichen Vor- sichtsmaßnahmen führen konnten, die seine Ermordung ver- hindert haben würden.

Ein schwarzer Schleier über dem Weißen Haus – meine Be- gegnung mit der Seherin Jeane Dixon

Am Abend des Sonntags, des 13. Oktobers 1963, hatten meine Frau und ich das Vorrecht, in der Stadt Washington mit Jean Dixon zusammenzutreffen und mit ihr zu speisen. In ihrer Ge- sellschaft befanden sich weiterhin ihre Freunde Lorene H. Ma- son und Doktor F. Regis Riesenman mit seiner Frau. Ich hatte seit langem von Frau Dixon und ihren bemerkenswerten Zu- kunftsgesichten mittels der Kristallkugel gehört und hatte erst kürzlich ein ganzes Kapitel über sie in Jesse Stearns Buch »The Door to the Future« (»Die Tür zur Zukunft«) gelesen, das von ihrer am 13. Mai 1956 im Magazin »Parade« veröffentlichten Voraussage handelte, die gelautet hatte, daß »ein Demokrat im Jahre 1960 die Wahl gewinnen wird – doch er wird ermordet werden oder im Dienst sterben«. Dr. Riesenman, ein hervorragender Psychiater und eine Autori- tät auf dem Gebiete der Fähigkeiten außersinnlicher Wahrne h-

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mung, diskutierte mit mir zusammen über diese Kräfte mit Frau Dixon. Ich fand in ihr eine fromme Katholikin, eine Frau mit absoluter Aufrichtigkeit und Geradheit, die eine heilige Ehrfurcht vor ihren prophetischen Gaben hat, die sie um keinen Preis geschäftlich ausnutzen oder mißbrauchen würde, sondern deren einziges Ziel es is t, diese Gaben zur Führung und zum Schutz anderer, besonders jener, die die Bürde der Regierungs- aufgaben oder der Verpflichtung zur Lösung menschlicher Konflikte tragen, einzusetzen. Ich erklärte Frau Dixon, daß ich ihre Befürchtungen bezüglich Präsident Kennedys teilte, und fragte sie, ob sie noch ebenso fühle wie bei ihrem ersten Eindruck. Sie deutete an, daß dies der Fall sei. Damals waren es nur noch fünf Wochen bis zu seiner Ermordung. Wenige Tage vor dem erschütternden Er- eignis sagte Frau Dixon zu Freunden, daß sie einen schwarzen Schleier dicht über dem Weißen Haus sehe. Sie nannte dann auch den genauen Tag der Ermordung – doch trotz dieser War- nung und trotz des Umstandes, daß sie in Regierungs- und an- deren Kreisen großen Respekt genießt, erschien diese Voraus- sage so phantastisch, daß sie nicht so ernst genommen wurde, wie sie es verdient hätte. Indessen empfingen im Falle des Prä- sidenten Kennedy viele Männer und Frauen Vorahnungen. Re- verend Billy Graham, der bekannte Evangelist, sagte aus, wie sehr er um Kennedys Sicherheit in Texas besorgt gewesen sei und daß er versucht habe, ihn zu erreichen und in ihn zu drin- gen, von der Reise Abstand zu nehmen. Nach mehreren erfolg- losen Versuchen, Kennedy über hohe Autoritäten zu erreichen, hatte sich Billy Graham von seinem Alltagsbewußtsein überre- den lassen, weitere Versuche aufzugeben, da er dachte, seine Warnungen könnten als töricht und ungerechtfertigt betrachtet werden. Die Zeitungen in Los Angeles berichteten, daß eine Frau am Morgen der Ermordung Kennedys dessen Geschick so heftig empfunden habe, daß sie sogar die annähernde Tageszeit des Geschehens erfaßt hatte. In einem Wettlauf mit der Zeit ver-

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suchte sie wie rasend, Gouverneur Brown von Kalifornien te- lephonisch zu erreichen und bat ihn, unverzüglich sein Wort bei den zuständigen Offiziellen zur Abwendung des Anschla- ges auf Kennedys Leben geltend zu machen. Doch wieder schlug die Warnung fehl – und wurde vielleicht als die unmoti- vierte Angst irgendeiner Fanatikerin oder Närrin betrachtet. Es erheischt unge wöhnlichen Mut, eine solche Voraussage zu ver- öffentlichen, und während ich in meinen privaten Warnungen über das Komplott zur Ermordung unserer führenden Persö n- lichkeiten weit fortgeschritten war, wurde ich mit dem mögli- chen Aufsehen, das eine solche Vorhe rsage auslösen kann, konfrontiert. Ich bin sicher, daß im Falle des Präsidenten Kennedy viele an- dere Menschen dieses drohende tragische Ereignis vorausfühl- ten – ein Ereignis von so verhängnisvoller Wucht, daß es die Gemüter und Herzen aller Menschen in allen Nationen tief tre f- fen mußte.

Die Zukunft bildet sich gerade jetzt

Auf Grund meiner eigenen Erfahrungen auf dem Gebiete der Vorausschau habe ich die Redensart, daß »kommende Ere i- gnisse ihren Schatten vorauswerfen«, zu meiner Theorie ge- macht. Die Zeit ist für den Menschen noch ein großes Geheim- nis. Zukünftige Ereignisse zeichnen sich in der Zeit, in einer anderen uns bekannten Dimension, gerade jetzt ab. Der nächste Gedanke, den Sie denken werden, formt sich gerade jetzt im Bewußtsein – was Ihnen in eine r halben Stunde, in einer Stun- de, in einem Tag, in zwei Tagen und so weiter und so weiter geschehen wird – es wird jetzt gebildet, und zwar durch die Art Ihres gegenwärtigen mentalen Verhaltens gegenüber Personen und Dingen; durch Ihre ererbten körperliche n und seelischen Prägungen; durch die Art Ihrer vergangenen Erfahrungen; durch die Art Ihrer geistigen und seelischen Reaktionen auf Ihre verschiedenen Erlebnisse und durch Ihre Befürchtungen

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und Wünsche und Bestrebungen in bezug auf Ihre Zukunft. Diese Kräfte Ihres Bewußtseins werden alle zu Ursachen, die sich mit verursachenden Faktoren außerhalb Ihrer selbst, in den Wesen der anderen, mit denen Sie verbunden sind, verschme l- zen – denn im Reiche des Geistes zieht Gleiches das Gleiche an –, und diese miteinander vermischten Kräfte sind dazu be- stimmt, Wirkungen zu schaffen, die sich in Form bestimmter Ereignisse zu irgendeinem künftigen Zeitpunkt äußern werden. Der Zeitpunkt dieser Ereignisauslösungen wird großenteils von der Intensität, die Sie und andere auf bewußten und unterbe- wußten Ebenen in Ihre Gedanken legen, bestimmt. Diese Tatsache ist für Sie äußerst wichtig – ebenso wichtig wie alles, was Sie jemals lernen können –, weil Ihre ganze Zukunft von dem Phänomen beherrscht wird, das ich gerade beschrie- ben habe. Ich glaube, daß ich hier erklären sollte, daß ich weder meine ganze Zeit damit verbringe, umherzusitzen und mich zu fragen, was wohl auf mich zukommen wird, noch Eindrücke von tragi- schen und unglücklichen Ereignissen zu empfangen suche. Es gibt viele wichtige Eindrücke, die ich überhaupt nicht klar empfing, da ich meinen Geist nicht darauf gerichtet hatte; und ob ich es tat oder nicht, so konnte ich doch nicht sicher sein, die Zukunft genau vorauszusagen. Während eines Großteils des Jahres 1962 hatte ich mit gesund- heitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und erlitt unter ande- rem einen schweren Ischias-Anfall. Wenn der physische Kör- per Störungen aufweist, fühlt man sich nicht allzu geneigt, au- ßersinnliche Erfahrungen zu machen. Die meisten der mir in jenem Jahr zugekommenen Eindrücke erfolgten spontan – ent- weder in Form lebhafter Träume oder in rasch auftauchenden Visionen oder Empfindungen. Meine Gepflogenheit, alles mir ungewöhnlich Erscheinende aufzuzeichnen, veranlaßte mich, solche Eindrücke niederzuschreiben oder sie meiner Frau zu diktieren, und wenn ich diese Eindrücke für wichtig genug hielt, brachte ich sie für gewöhnlich einem oder anderen Me n-

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schen zur Kenntnis, die gegebenenfalls deren Echtheit und Empfangszeit bestätigen konnten. Ich hoffe, daß die nächsten Jahre mir erlauben werden, immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit auf die Erforschung dieser hö- heren Geisteskräfte zu verwenden, und ich bin darauf bedacht, Berichte von Ihnen, falls Sie ähnliche Erfahrungen wie ich hat- ten, zu erhalten. Deshalb wünsche ich auch mit Ihnen das we- nige Wissen zu teilen, das mir bis heute über das Zustande- kommen des Empfangs zukunftenthüllender Eindrücke zuteil geworden ist. Es hat noch niemand diese präkognitiven Kräfte bis zu dem Punkt entwickelt, daß er jeweils auf Wunsch genau empfinden kann, was geschehen wird oder geschehen soll. Er kann einen allgemeinen Eindruck über die unter gegebenen Umständen möglichen Ereignisse empfangen, der auf vergangenen Erfa h- rungen und seiner Kenntnis der an einer bestimmten Lage be- teiligten Faktoren beruht. Aber hierbei handelt es sich um fo l- gerichtiges Schließen und nicht um außersinnliche Wahrne h- mung. Die präkognitive Warnung oder Führung tritt als ein völlig von der Tätigkeit des bewußten Geistes getrenntes Gefühl auf und ist im allgemeinen von so nachdrücklicher und überzeugender Wuchtigkeit, daß solches Gefühl die Aufmerksamkeit und Be- achtung durch das Bewußtsein fordert. Es handelt sich um eine Kraft in und aus sich selbst, die aus dem Unterbewußtsein in den Bezirk des Wachbewußtseins durchbricht. Sie können die Tätigkeit dieser vorausempfindenden Fähigkeit anregen, indem Sie sich selbst sagen, daß Sie ständig wachsam sein werden, Ihre Manifestationen zu erkennen. Geben Sie sich diesen Befehl in völlig entspannter Weise, wie ich sie gezeigt habe. Bringen Sie sich dazu, mit den Sinnen außerhalb der ge- wöhnlichen zu lauschen, und Sie mögen außergewöhnliche Dinge vernehmen.

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Jetzt notieren Sie sich, was Sie im sechsten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Durch die Fähigkeit der Präkognition scheinen wir die Zu-

kunft vorhersehen zu können – ein erstaunliches Phänomen. Es kann sein, daß der Geist gegenwärtige Bedingungen erfühlt, die sich in einem bestimmten Ereignis auswirken müssen. Wenn diese Bedingungen geändert werden, sollte der Eindruck der Vorausschau seine Bedeutung verlieren.

2. Gedankenströme mögen große Bevölkerungsmassen beein-

flussen und können so schwer zu ändern sein, daß der wirkli-

che Lauf der Geschichte so vorausempfunden werden mag, wie er sich unvermeidlich vollziehen muß.

3. Die Zeit ist anscheinend relativ und hat längere, kürzere oder

wechselnde Abmessungen in Übereinstimmung mit den ver- schiedenen Bedingungen bzw. Ereignissen. Der Geist scheint die Fähigkeit zu besitzen, in der Zeit rückwärts oder vo rwärts zu reisen.

4. Jede neue Idee ist wirklich ein präkognitives Aufblitzen ei-

ner zukünftigen Möglichkeit. Wenn Sie Ihre Ideen mit Gla u- benskraft beladen, können Sie sie verwirklichen. Jeder von uns besitzt ein riesiges, unerschlossenes Leistungsvermögen. Jeder Gedanke und jede Handlung hilft Ihnen bei der Gestaltung Ih- rer Zukunft. Ein festes geistiges Bild Ihres Zieles vor Augen hilft Ihnen zur Anziehung der benötigten Menschen und Mittel, dieses Ziel zu erreichen.

5. Wir sollten den Warnungen, die uns durch das außersinnli-

che Wahrnehmungsvermögen zukommen, mehr Aufmerksa m- keit zollen. Besonders, wenn nahestehende Menschen beteiligt

sind, mögen wir Warnungen empfangen, die Tragödien ver- meiden können.

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Siebentes Kapitel

Das Geheimnis der Träume

Träume haben die Menschen in allen Zeitaltern geängstigt, erschreckt, gewarnt, geführt und in Staunen versetzt. Nächtli- che Traumvisionen und Traumbesuche werden in den religiö- sen Überlieferungen und in der Literatur berichtet. Traum- Wahrsager und Traumdeuter sind auch heutzutage geschäftig. Psychoanalytiker und Psychiater legen auf Träume und deren Symbologie großen Wert als Mittel zur Erforschung geistiger und seelischer Störungen. Der ursprüngliche Glaube der Urvölker an Geister stammt vermutlich aus deren Traumdeutungen. Der Urmensch schien im Schlaf die Gestalten derjenigen wiederzusehen, die gestor- ben oder im Kampf getötet worden waren. Im realistischen Stadium der Träume hörte er sie mit sich sprechen – Stimmen der Toten. Diese Erlebnisse unter der Hülle der Finsternis und im Schlaf erweckten in ihm das Gefühl, daß jene, die ihren Körper verlassen hatten, aus irgendeinem geheimnisvollen Land zurückkehren könnten. Es war zu jener Zeit unmöglich festzustellen, ob diese Traum- erlebnisse nur Erdichtungen der Einbild ungskraft, das heißt Aktionen der Gedächtniszentren, welche die seelischen Vor- stellungen von den Abgeschiedenen wiedergaben, waren. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der Geist der Menschen von seinen ersten Anfängen an von Intelligenzen außerkörperlicher Natur erreicht und beeinflußt wurde. Berichte, die aus alten Zeiten auf uns gekommen sind, enthalten Beschreibungen geheimnis- voller Wesen, die regelmäßig als Engel bezeichnet wurden und die den im Schlafzustand befindlichen Erdenmenschen Bes u- che abstatteten und gelegentlich Botschaften hinterließen. Die Bibel enthält natürlich viele solche Beispiele, die wir in unserer materialistischen Zeit als damals geschehen zu betrachten ge-

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neigt sind – aber nicht heute. Die Geschichte der Träume indessen und der Einfluß, den Träume auf alle Zivilisationen ausübten, würde jeden aufge- schlossenen Forscher veranlassen, das alte Sprichwort zu un- terschreiben: »Wo viel Rauch ist, dort muß Feuer sein.« Ich selbst neige auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen mit Träumen und auf Grund meiner Untersuchungen dessen, was uns im Schlafe widerfährt, dazu, an »erhebliches Feuer« zu glauben, das sich hinter dem Rauch verbirgt.

Die seltsame Welt der Träume

Der Schlaf ist für sich selbst eines der großen Rätsel des Le- bens. Was dem Menschen und seinem Bewußtsein während des Schlafzustandes geschieht, hat die Wissenschaft stets be- schäftigt. Mystiker haben den Schlaf als »den kleinen Bruder des Todes« bezeichnet und behauptet, daß in diesem Zustande die von ihnen so genannte Seele den Körper verläßt und sich mit den Wesen auf den höheren Daseinsebenen vereinigt. Unser heutiges Wissen über die Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung sollte uns zu der Folgerung führen, das vieles, was uns im Schlafe widerfährt, dem Menschen immer noch nur verschwommen bewußt ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß von seiten höherer Wesenheiten oder sogar von unseren abge- schiedenen Lieben Verbindung mit dem Schlafenden über des- sen unterbewußte Ebenen hergestellt wird; daß zuweilen so- wohl Belehr ungen als auch Botschaften erteilt werden; daß das Selbst des Schlafenden tatsächlich den Körper verläßt und in höhere Dimensionen des Daseins geht – und doch gibt es nur selten eine dem Bewußtsein des Individuums vermittelte Rück- schau auf alle diese Schla ferlebnisse, sobald es wieder in die Welt des Wachbewußtseins zurückgekehrt ist. Dieses ganze kaum erforschte Gebiet wartet förmlich auf gründliche Erforschung, Studien und Experimente. Es könnte sein, daß der Schlafzustand das Bindeglied zwischen dem Ind i-

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viduum und der nächsten Dimension des Daseins bildet, die es betreten wird, wenn es dieses Leben verläßt. Es könnte sein, daß das allnächtliche Beiseitelegen des Körpers im Schlaf dem Beiseitelegen des Körpers im Tode nicht sehr unähnlich ist – wobei die Wesenheit nach dem Tode jedoch nicht länger in bewußte und unterbewußte Aspekte ihrer selbst geschieden sein, sondern bewußt in ihre nächste Seinsform übergehen würde. Es gibt verschiedene Arten von Träumen. Manche Träume ha- ben ihre Ursache in Verdauungsstörungen, in geistigen und seelischen Aufregungen, in unterdrückten oder angestachelten sexuellen Bedürfnissen und in gewöhnlichen Sorgen und Äng- sten. Aus dieser Art mögen sich die Alpträume bilden. Sie sind im allgemeinen verzerrt, unvollständig, unzusammenhängend und manchmal gewalttätig in ihren Inhalten. Es gibt keinerlei Anzeichen, daß sich in dieser Art von Träumen irgend etwas Außersinnliches zeigt. Sie sind allein durch physikalische, ge i- stige und seelische Reaktionen auf äußerliche Einwirkungen zu erklären und sind den niederen Ebenen des Geistes zuzuord- nen. Dann gibt es Träume, in denen der Schlafende einen tieferen Bereich betreten hat und dadurch zu telepathischer Verbindung mit einem Freund oder Angehörigen imstande ist. Unter diesen Umständen mögen ihm bestimmte Gefühle oder Informationen in Form von Traumbildern übermittelt werden, von denen er sich einiger, falls nicht aller, beim Erwachen entsinnen kann. Es ist auch möglich, daß sich eine aus dem Körper abgeschie- dene Wesenheit, im allgemeinen auch ein Freund oder Ange- höriger, auf diese gleiche Weise bemerkbar machen kann. Der tiefste Schlafzustand scheint dem Geist die höchsten Reichweiten zu eröffnen und ihn mit höheren Intelligenzen in Verbindung zu setzen, die persönliches Interesse an einer Ver- bindung mit dem schlafenden Menschen haben und begierig sind, ihm Mitteilungen zu machen. Wenn eine Hineinverset- zung in die astrale Ebene erfolgt, die entweder mit oder ohne

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Führung einer höheren Intelligenz erfolgt, scheint sich das In- dividuum aus dieser Bewußtseinsebene zu entfernen.

Die außersinnlichen Fähigkeiten haben eine weite Skala der Anwendung innerhalb dieser unterbewußten Bereiche, indem sie sozusagen »Verbindungsleitungen« legen und dem Indivi- duum in allen seinen Bestrebungen während des Schlafes bei- stehen. Diese höheren Fähigkeiten wirken so, als würden sie Vernunft aus sich selbst besitzen, die dem Individuum in Form lebhafter Träume (die dennoch mehr sind als Träume), beleh- render geistiger Bilder, starker Gefühle und Impulse und gele- gentlich sogar in Form anscheinend gesprochener Unterwei- sungen zugänglich gemacht wird. Die Person, die ohne Glauben an die Existenz des außersinnli- chen Wahrnehmungsvermögens in den Schlafzustand tritt, wird selten irgendwelche bezeichnenden Erlebnisse dieser Art ha- ben. Sie müssen sich wünschen, daß Sie Hilfe und Führung in irgendeiner zuverlässigen Weise empfangen. Geistige Führer betonen nachdrücklich die Notwendigkeit des GLAUBENS als Unterstützung des Gebetes. Dieselbe Notwendigkeit des Glau- bens besteht für Sie in bezug auf die Erwartung, daß die Fä- higkeiten außersinnlicher Wahrnehmung für Sie wirken, wenn Sie hoffen, befriedigende Resultate zu erhalten.

Frederick Marion, einer der bekannten echten Seher der Ge- genwart, machte in einer Unterhaltung mit mir die folgende bezeichnende Feststellung:

»Ich würde nachdrücklich und in allererster Linie empfehlen, daß ein Mensch, der bestrebt ist, seine außersinnlichen Kräfte zu entwickeln, den absoluten Glauben besitzen muß, daß diese Kräfte für ihn wirken. Wenn er sich den leisesten Zweifel wä h- rend der Zeit erlaubt, in der er Telepathieversuche durchführt, so wird er die Funktion seiner höheren Kräfte behindern, wenn nicht völlig unterdrücken. Der Glaube ist deshalb wesentlich für den Erfolg eines jeden Sensitiven.«

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Ich stimmte aus ganzem Herzen zu. Ein Mensch mag ein eh- renhafter Skeptiker sein, doch wenn er auf diesem Gebiete zu experimentieren wünscht, so muß er sich während der Ver- suchszeiten vorurteilsfrei und glaubenswillig zeigen, so daß sich diese höheren Kräfte manifestieren können. Darüber hin- aus muß er gewillt sein, in jeder Weise mitzuarbeiten. Die gle i- che innere Einstellung muß von jeder experimentierwilligen Person in den Schlaf mit hinübergenommen werden. Wenn Sie mit der Hoffnung einschlafen, irgendeine a ußersinnliche Erfa h- rung in Form eines Traumes zu machen, aber trotzdem an die- ser Möglichkeit zweifeln, mögen Sie zwar träumen – doch die Träume bleiben bedeutungslos. Viele Männer und Frauen gehen von tiefen Sorgen über ihre eigenen gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Probleme oder die ihrer Freunde und Verwandten erfüllt zu Bett. Doch von sich aus unternehmen sie gar nichts zu ihrer Hilfe in diesen Lagen, und so mag sich das Übel durch die negativen Geda n- ken verschlimmern statt verbessern. Jene, die irgendeinen reli- giösen Glauben haben oder an eine höhere Macht glauben, mö- gen zur Befreiung von ihren Sorgen meditieren oder ein Gebet aussenden. Der in diesen Zeiten empfangsbereite und zeitweise von Ängsten, Sorgen und Zweifeln befreite Geist dieser Me n- sche n vermag zusammen mit der starken aufrichtigen Sehn- sucht nach Hilfe höheren Ursprungs die Schichten der außer- sinnlichen Wahrnehmung zu aktivieren. So mag solchen Me n- schen Antwort durch einen Traum zuteil werden, oder sie er- wachen morgens mit dem Wissen, welche Wege zur Behebung ihrer Schwierigkeiten zu beschreiten sind.

Ein Todes-Wahrtraum

Ein gutes Beispiel für einen Wahrtraum erlebte ich im Nove m- ber 1920, zwei Monate nach meiner Eheschließung und nach dem Verlassen meiner Heimatstadt Traverse City in Michigan, um nach Detroit zu ziehen. Mein Vater, der zusammen mit

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meiner Mutter der Hochzeit beigewohnt hatte, befand sich au- genscheinlich in vorzüglichem Gesundheitszustand. Und de n- noch hatte ich eines Nachts den folgenden erschreckenden Traum:

Ich schien mit Martha, meiner Frau, wieder in meinem Famili- enheim in Traverse City zu sein. Es war Nacht und wir befa n- den uns in der erleuchteten Küche. Mutter und Vater schienen an diesem Abend ausgegangen zu sein. Ich hörte, wie ein Schlüssel in der Haustür gedreht wurde, und wußte, daß sie zurückkehrten. Ich ließ Martha in der Küche und eilte durch das Haus, um meine Eltern zu begrüßen. Doch ehe ich die Haustür erreichen konnte, wurde sie geöffnet, Mutter trat ein und Vater war im Begriff zu folgen In diesem Augenblick gab es einen Kurzschluß, und alle Lichter gingen aus. Fast sofort begann meine Mutter hysterisch zu schreien: »O Harold … Harold! Tom ist gegangen!« Ich merkte, daß ich mich durch die Dunkelheit an meiner Mutter Seite tastete und meinen Arm um sie legte, um sie zu trösten. Sie war jedoch untröstlich und wiederholte: »Tom ist gegangen!« Mich überkam das Gefühl, daß Vater in der Dunkelheit verschwunden war, daß er tatsäc h- lich gegangen war, und ich erwachte tränenüberströmt, um Martha von diesem Traum zu erzählen und ihr die gewonnene Überzeugung mitzuteilen, daß mein Vater nicht mehr lange zu leben haben würde. Es gab indessen vorerst keinen Hinweis auf irgendeine gesund- heitliche Unstimmigkeit meines Vaters, bis Mutter uns nach Wochen schrieb, daß Vater an heftigen Kopfschmerzen und Sehstörungen litte. Ich drängte Vater, nach Detroit zu kommen und sich von Spezialisten untersuchen zu lassen. Diese ent- deckten, daß sich in seinem Gehirn, und zwar in der Hypophy- se, ein Tumor gebildet hatte. Das Leiden wurde immer schlimmer, und Vater begab sich im Februar 1921 ins Battle Creek-Sanatorium, wo eine Untersuchungsoperation an ihm vorgenommen wurde. Der Tumor wurde als nichtoperierbar erkannt. Kurz nach diesem Eingriff fiel Vater in tiefe Bewußt-

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losigkeit. Meine Frau, Mutter und ich wurden in einen Raum verwiesen, der Vaters Zimmer direkt gegenüber lag. Aus einem unruhigen Schlummer nach unserer die ganze Zeit über aufrechterhalte- nen Wache erwachte ich am Morgen der zweiten Nacht mit dem Gefühl, daß sich eine einschne idende Wende vollzog. Ich weckte meine Frau und meine Mutter in dem Augenblick, als die Schwester hereinkam und uns aufforderte, schnell zu ko m- men. Vater, immer noch bewußtlos, atmete sehr mühsam. Die Ärzte waren angewiesen worden, das meinem Vater durch die Nase eingeführte Radium zu entfernen. Sie brachten einen Scheinwerfer, den sie neben dem Bett aufstellten. Es waren ein Chirurg und zwei Internisten. Mutter stand an einer Seite des Bettes, Martha und ich an der anderen, hinter den Ärzten. Es war ein Augenblick der Anspannung, da es schien, als würde jeder Atemzug meines Vaters der letzte sein.

Plötzlich trat einer der Internisten bei der Bemühung, den Scheinwerfer näher ans Bett zu rücken, versehentlich auf die Schnur. Es gab einen Kurzschluß, und das Zimmer wurde in Dunkelheit gehüllt. Nun war mein Traum Wirklichkeit gewor- den! Ich hörte meine Mutter dieselben Worte wie in meinem Traume vor einigen Monaten ausrufen: »O Harold! … Harold! Tom ist gegangen! … Tom ist gegangen!« Indem ich die Hand- lungen meines Traumes nun wiederholte, ertastete ich mir mei- nen Weg durch die Dunkelheit an Mutters Seite und versuchte sie nach Kräften zu trösten. Doch Vater war nicht lange darauf wirklich gegangen.

Ich hatte Grund, mich seit jenem tragischen Augenblick noch oft dieses merkwürdigen, doch höchst genauen Traumerlebnis- ses zu erinnern. Sicherlich würde niemand abstreiten, daß sich irgendein Teil meines Geistes in die Zukunft begeben und mir in Form des Traumes jene Szene gezeigt hatte, die ich später zu durchleben hatte. Ich kann heute noch nicht erklären, auf we l-

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che Weise meine Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung feststellen konnten, daß meines Vaters Gesundheit bedroht war, ehe er selbst davon wußte. Doch wiederum muß die Ursa- che dieses Zustandes bereits für meine höheren geistigen Fä- higkeiten bestanden haben, damit sie zu dieser Schlußfolgerung geführt wurden. Zugleich aber war mein Traumerlebnis auch eine Wiedergabe der Regungen und Handlungen anderer Me n- schen außer meinem Vater. Meine höheren Kräfte hatten mir sogar die genauen Worte vermittelt, die meine Mutter später ausrufen sollte: »O Harold … Harold! Tom ist gegangen! … Tom ist gegangen!« Jeder Forscher, der mit solchen unwider- leglichen Tatsachen konfrontiert wird, ist zu dem Zugeständnis gezwungen, daß er hier vor Gedankenprozessen und geistig- seelischen Phänomenen steht, die noch weit jenseits seiner Fas- sungskraft liegen. Derartige Wahrträume können nicht experimentell wiederholt werden. Sie mögen, wenn überhaupt, nur einmal im Leben ei- nes Individuums geschehen. Doch wem sie einmal widerfuh- ren, der weiß von da an ohne weiteren Zweifel, daß es unge- heuer viel mehr im Dasein gibt, als an der Oberfläche ge- schieht.

Wie man »wahrträumt«

Ich habe durch meine persönliche Erfahrung und Forschung entdeckt, daß es durch entsprechende Vorbereitung des Geistes mittels Suggestion zwar möglich ist, gelegentlich einen soge- nannten Wahrtraum hervorzurufen, obwohl ich den Mechanis- mus der Träume nicht erklären kann. Hier haben wir wiederum ein weites Feld, das der gründlichen Erforschung harrt. Vie l- leicht sind Sie mit dem Versuch, eine Lösung eines Problems zu finden, zu Bett gegangen und haben die Lösung dann ge- träumt. Sie kennen die oft gebrauchte Redensart: »Es ist besser, wenn ich erst einmal darüber schlafe«, welche die Erkenntnis vieler anzeigt, daß der Schlaf oftmals magische Resultate in

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Form von Spannungslockerungen und Gewinnung neuer An- sichten und Ideen zeitigt. Verhältnismäßig wenige Menschen wenden bewußt irgendeine Gedankentechnik zur Vorbereit ung auf den Schlaf an. Die me i- sten kommen nur dem verbreiteten Wunsch nach, den Proble- men dieser Welt durch ihren Eintritt in den Zustand des Unbe- wußten zeitweise zu entfliehen. Eine große Zahl von Menschen greift zu Schlafmitteln, um sich von allem zu lösen, womit sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist betäuben und oftmals alle Traumerfahrungen guter oder schlechter Art aus dem Gedächtnis löschen. Sie können auf Ihre höheren Kräfte zählen, wenn Sie die Ge- wohnheit annehmen, Ihren Geist allabendlich auf den Schlaf vorzubereiten. So schwierig es auch ist, Ihre Unruhen und Ta- gesspannungen, Ihre Haßgefühle oder Abneigungen oder Be- fürchtungen und Sorgen, die sich entwickelt haben, abzulegen, so dürfen Sie diese keinesfalls mit in Ihren Schlaf nehmen. Das kann nicht nachhaltig genug betont werden. Im Augenblick des Einschlafens befinden Sie sich in einem geistig besonders empfänglichen Zustande. Die Ebenen Ihres Geistes sind entsprechend der bestehenden Empfänglichkeit eng zusammengeschlossen. Gedanken und Gefühle des Be- wußtseins werden ohne oder mit nur geringem Widerstand di- rekt in die höheren Bewußtseinsebenen übertragen. Die Ihnen eigene Schöpferkraft wartet darauf, sich aller Ihrer Empfindun- gen und Gedanken, der Wünsche oder Sehnsüchte, der Ängste oder Haßgefühle, zu bemächtigen und damit zu wirken. Da die Schöpferkraft Ihr gehorsamer Diener ist, übernimmt sie ihre niederziehenden Gedanken ebenso eifrig und auf deren Verwirklichung bedacht, wie Sie Ihre guten Gedanken für Sie zu verwirklichen trachtet. Weil Gleiches im Bereiche des Ge i- stes stets Gleiches anzieht, wie ich schon bemerkte, wird diese Schöpferkraft Ihre Ängste und Haßgefühle verstärken und wird Ihnen weitere Zustände und Erfahrungen dieser negativen Art herbeiziehen. Sie können klar erkenne n, wie wichtig es ist,

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Ihren Geist am Ende eines jeden Tages von allen Beunruhi- gungen zu befreien und damit eine störungsfreie Verbindungs- leitung in Ihrem Bewußtsein zu schaffen, die Ihnen ermöglicht, von Ihren Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung erreicht und unterstützt zu werden. Um mir den Wert dieses Vorgehens zweifelsfrei zu vergege n- wärtigen, ist es seit vielen Jahren meine Gewohnheit, die au- ßerordentlichen Tagesereignisse am Abend zu überblicken und zu versuchen, mich selbst so objektiv zu sehen, wie andere mich gesehen haben mögen. Ich versuche dabei, meine mögli- chen Fehler zu entdecken und sie durch den Entschluß wieder- gutzumachen, daß ich im Falle einer nächsten ähnlichen Situa- tion so handeln werde, wie ich nach meiner jetzigen Erkenntnis hätte handeln müssen. Diese Art der Meditation setzt voraus, daß man den Dingen so gegenübertritt, wie sie wirklich sind, und oft ist das nicht leicht. Es liegt in der menschlichen Natur, seine Fehler verteidigen zu wollen oder sie zumindest anderen Menschen nic ht einzugestehen. Doch ich habe mich vor langer Zeit entschlossen, daß ich mir lieber selbst weh tun würde, ehe ich zuließe, daß andere mir weh tun. Früher oder später werden unsere Fehler und Schwächen – es sei denn, wir erkennen sie selbst zuerst und beseitigen sie – den anderen Menschen sicht- bar, und wir haben dann viel mehr Schaden davon. Wenn Sie erst einmal diese Art der Meditation aufgenommen haben, werden Sie sich regelmäßig darauf als auf einen der Höhepunkte des Tages freuen. Ungeachtet der Länge Ihrer Me- ditation oder der Schläfrigkeit, in der Sie sich befinden, können Sie sicher sein, daß Sie Ihre beunruhigenden Gedanken und Gefühle gleichsam aussperren können, indem Sie die geistige Tür schließen und Ihre höheren geistigen Kräfte aufrufen, für Sie während Ihres Schlafes zu wirken. Hierdurch werden Sie in erfrischter, lebensfreudiger Verfassung erwachen und bereit sein, den neuen Tag mutig zu durchleben. Wenn Sie sich besonders mit einem schwerwiegenderen Pro- blem befassen müssen, durchdenken Sie objektiv alle Seiten

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dieses Problems und begeben sich zur Ruhe, ohne zu vers u- chen, eine verstandesmäßige, bewußte Lösung zu finden. Ha- ben Sie den Glauben und das Vertrauen, daß sich Ihre höheren geistigen Kräfte von nun an des Problems annehmen und Ihnen das Notwendige zur Lösung in einem Traum zeigen oder die Antwort für Sie am nächsten Morgen bereit haben werden. Wenn Sie mit der Befürchtung zu Bett gehen, daß das betre f- fende Problem unlösbar sei und daß die Lage schlechter und schlechter wird, würde das ebenso sein, als wenn Sie Ihrer Schöpferkraft befohlen haben würden, Ihnen eben diese mißli- che Lage zu verschaffen.

Das Unterbewußtsein auf der Wacht

Vor einigen Jahren führte ich eine Reihe von Traumexperime n- ten durch, um zu ermitteln, ob jemandes außersinnliche Wahr- nehmungsfähigkeiten so dirigiert werden könnten, um Informa- tionen besonderer Art, die von nationaler Bedeutung sein könn- ten, herbeizuschaffen oder nicht. Allnächtlich erteilte ich me i- nem Unterbewußtsein kurz vor dem Einschlafen diese nac h- drückliche Suggestion:

Ermittele für mich, was man wissen muß, um die verantwortli- chen Führungspersönlichkeiten unseres Landes und unserer nationalen Sicherheit zu schützen.

Da es meine Theorie ist, daß die Gedanken aller Menschen unmittelbar nach ihrer Entste hung beständig in den Raum hin- ausgesandt werden, sollte es demnach theoretisch möglich sein, daß jeder dieser Gedanken vom Geist eines geschulten und sensitiven Individuums abgefangen werden kann. Im Schlafzu- stand ist der gewöhnliche Widerstand des bewußten Geistes beseitigt. Ein Gedanke wird stets vom unterbewußten Geist des Senders zum unterbewußten Geist des Empfängers gesandt. Es ist dann die Aufgabe des Empfängers, den aufgefangenen Ge-

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danken in den Bereich der bewußten Erkenntnis zu übertragen. Das ist eine große Schwierigkeit. Zahllose Gedankenimpulse, die von allen Menschen durch ihre unterbewußten Ebenen empfangen werden, dringen niemals durch. Die Frage, die ich mir beim Eintritt in dieses ziemlich einzigartige Experiment stellte, lautete:

Könnte und würde mein außersinnliches Wahrnehmungsver- mögen durch hiermit gegebene Anordnung die Gedanken von Menschen, die nicht die besten Absichten für unser Land he- gen, aufnehmen?

Etwa eine Woche lang um die Mitte des Februar 1954, wä h- rend ich diese Suggestion Nacht für Nacht wiederholte, ge- schah nichts. Dann, in der Nacht des 26. Februar, wurde ich offensichtlich in irgend etwas »eingeschaltet« und weckte me i- ne Frau, um ihr den Inhalt meines realistischen Traumes zu erzählen, solange mir die Einzelheiten noch frisch im Gedächt- nis waren:

»Ich sah mich auf einem Balkon in einem großen Vortragssaal, der dicht gedrängt voller Menschen war. Ich blickte auf den Boden des Saales herab und sah Männer an Pulten sitzen und eine Rednerbühne, von der herab ein Mann sprach. Ich wandte mich an einen neben mir an der Wand stehenden Mann und fragte ihn, wo ich sei. Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu und erwiderte: Das wissen Sie nicht? Sie befinden sich in der Abgeordnetenkammer in Washington! Meine Aufmerksamkeit wurde dann auf eine Frau mit dunkler Gesichtsfarbe gelenkt, die auf dem Balkon saß, mit einer Hand- tasche herumfuchtelte und höchst nervös schien. Sie starrte heimlich auf zwei ebenfalls dunkelhäutige Männer, die nicht weit von ihr saßen. Auch sie sahen nervös und angespannt aus. Plötzlich sah ich, daß die Frau diesen Männern ein Zeichen gab. Alle drei Personen sprangen auf und begannen laut zu rufen. Die Frau brachte ebenso wie auch die Männer ein Ge-

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wehr hervor. Entsetzt beobachtete ich, wie sie auf die Menschen unter uns zu schießen begannen. Ich sah den Sprecher auf dem Redner- pult fallen, und andere Menschen liefen in Deckung. Es gab ein unbeschreibliches Getöse, als Sicherheitsleute und Zuhörer herbeiliefen, um diese Frau und ihre zwei Spießgesellen zu überwältigen. Ich hörte die Frau etwas in fremder Sprache ru- fen, als die Szenerie erlosch … Fast im gleichen Augenblick schien ich zum Weißen Haus ge- langt zu sein, wo ich eine weitere erregende Szene beobachtete. Polizisten und Leute vom Geheimdienst trafen ein und bildeten einen Schutzgürtel um das Gebiet, um den Präsidenten zu be- schützen, und ich hörte sie sagen, daß eine Untergrundver- schwörung bestehe, die führenden Leute des Landes zu ermor- den.« Als ich meiner Frau diese Traumbild-Erinnerungen zu Ende diktiert hatte, teilte ich ihr mein Gefühl mit, daß diese fanati- sche Frau und ihre beiden Komplizen fremdländischer Ab- stammung seien. Ich konnte ihre Nationalität nicht bestimmen. Doch fügte ich hinzu, daß ich sicher sei, Eindrücke über ir- gendeine Verschwörung gegen die Oberhäupter unserer Regie- rung aufgenommen zu haben. Was sollte man nun anfangen, wenn diese Eindrücke auf Wahrheit beruhten? Wer würde glauben, daß es möglich war, Gedanken auf diese Weise und zu einem solchen Zwecke zu emp fangen? Ich beschloß endlich, einem befreundeten hohen Beamten in Washington zu schre i- ben und ihn vor möglichen Attentatsversuchen zu warnen. Am 1. März 1954, drei Tage später, schaltete ich mein Autora- dio an, um schnell ein paar Nachrichten zu hören. Es tönten mir folgende Worte entgegen:

Um 14.20 Uhr an diesem Nachmittag wurde ein Attentatsversuch auf Kongreßabgeordnete in Washington verübt. Drei Puertoricaner, eine Frau und zwei Männer, feuerten Schüsse von der Besucher-Galerie aus ab. Der Repräsentant der Vereinigten Staaten, Alvin Bentley aus Owosso, Michigan, der gerade sprach, wurde getroffen und erheblich

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verwundet. Die Attentäter wurden sofort ergriffen. Es heißt, daß es Nationalisten waren. Die vierundzwanzigjährige Rädelsführerin Loli- ta LeBron rief, während sie schoß: »Es lebe Puerto Rico! Vor Gott und der Welt schreit mein Blut nach Unabhängigkeit für Puerto Rico. Ich gebe mein Leben für die Freiheit meines Landes. Ich nehme die Verantwortung für alle auf mich!«

Das vorstehend geschilderte Beispiel stellt einen Traum ganz anderer Art dar, der sich jedoch ebenfalls fast genau so ver- wirklichte, wie ich seine Bilder vorausgesehen hatte! Die ei- gentliche Pointe dieser außersinnlichen Wahrnehmung kam aber erst heraus, als diese Attentäter vor Gericht standen und die Frau, Lolita LeBron, bezeugte, daß der Anschlag in einem New Yorker Hotel in der Nacht des 26. Februar ausgeheckt worden war – in derselben Nacht, in der ich den Traumein- druck empfangen hatte! Seit diesem Traumerlebnis habe ich mindestens ein Dutzend weiterer gehabt, die sich bewahrheiteten und auf viele ver- schiedene Themen bezogen. Dadurch wird zumindest mir zweifelsfrei bewiesen, daß der Geist durch Suggestion so gele i- tet werden kann, um Nachrichten durch das Mittel der Träume zu erfassen und herbeizuschaffen. In allen diesen Träumen wurden Vorgänge enthüllt, die bereits im Geiste anderer Me n- schen geplant und vorhanden waren und die sich bei Gelege n- heit in Form von Ereignissen verwirklichten. Wenn eines Ta- ges diese Fähigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung so exakt arbeiten, daß auch Namen oder Anschriften übermittelt werden können, werden viele schlechtgesinnte Männer und Frauen identifiziert und festgesetzt werden können, ehe sie ihre ge- planten Verbrechen begehen.

Das Denken der Massen und die Träume – ich träume den zweiten Weltkrieg voraus

Es gibt eine Art des Traumes, dessen Ursprung man beinahe im All suchen könnte. Er scheint dem All- Bewußtsein zu ent-

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stammen. Unzählige Menschen werden von den Massengefüh- len und - gedanken von Millionen ihrer Mitmenschen beein- flußt. Es ist eine erwiesene Tatsache, daß die Ereignisse zuerst in Form von Vorstellungen im Geist der Menschen auftauchen, ehe sie im äußeren Leben verwirklicht werden. Die ganze Umwelt des Menschen, abgesehen von der Natur, wurde von ihm geschaffen. Dasselbe gilt für alle historischen Ereignisse. Politische und andere Menschheitsanführer haben stets das Denken von Millionen Menschen beeinflußt und haben unbe- gründete Haßgefühle, Rache-, Angriffs- und Vernichtungstrie- be in ihnen erweckt, die in ihrer vereinigten bösartigen Kraft unvermeidlich zur Verwüstung durch Kriege führten.

Wenn der Mensch ein Produkt seines Denkens ist, dann müssen die auf irgendein Ziel konzentrierten Gedanken der Menschen eine Wirkung erzielen, die der Art dieser Gedanken entspricht, mögen diese nun aufbauend oder zerstörerisch sein.

Indem man diese Tatsachen erkennt, kann man nun verstehen, daß es für einen sensitiven Menschen möglich sein müßte, sich insbesondere im Schlafe in die verstärkten Gedankensendun- gen, die von Millionen Menschen ausgestrahlt werden, »einzu- schalten«. Hierin liegt wahrscheinlich die Erklärung für das Zustandekommen meines Traumbildes vom Jahre 1933, das mir das Herannahen des zweiten Weltkrieges zeigte. Zu jener Zeit war Hitlers Macht in Deutschland aufgerichtet, und er be- gann die Bevölkerung durch seine Judenhetze aufzustacheln. Auf Grund meines Traumbildes schrieb ich ein Originaldre h- buch, das der Raspin-Produktion, einer unabhängigen Filmfir- ma, verkauft wurde. Mein Drehbuch behandelt die Geschichte eines deutschamerikanischen Zeitungsverlegers, der während seines Besuchs bei seinem Sohn in Deutschland von Entsetzen über das Regime, das dort an die Macht gekommen war, ge- packt wurde. Als der Verleger versuchte, gegen die Haßaus- brüche und die Unterdrückung der Redefreiheit zu sprechen,

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von der er sagte, sie würde unvermeidlich zum Kriege führen, wurde sein altes Familienhaus verbrannt, das eine wertvolle Bibliothek historischer Bücher über sämtliche früheren Kult u- ren enthielt. Schließlich wurde der Verleger von einem fanati- schen Mob selbst getötet. Der Filmstreifen zeigte die gegenseitige Unmenschlichkeit der Menschen in allen Zeitaltern. Durch aktuelle Einblendungen wurden jeweils vorbereitende militärische Verteidigungsmanö- ver vieler Länder zur Zeit der dreißiger Jahre gezeigt. Die Hauptfigur dieses Stückes, dargestellt von einem Schauspieler der alten Garde, William Farnum, stellte die entscheidende Frage: »Wenn die Nationen sich in dieser Weise vorbereiten, wer bereitet sich dann auf den Frieden vor?« Dieser Film wurde unter dem Titel Sind wir zivilisiert? im New Yorker Rivoli- Theater uraufgeführt und erregte begeisterte Beachtung. Walter Winchell charakterisierte das Stück als den »mächtigsten Friedensfilm, der jemals aufgeführt wurde«. Doch der Film fand keine weite Verbreitung. Ein Verleihver- trag, mit einem der größeren Filmverleiher geschlossen, wurde auf mysteriöse Weise zurückgezogen. Erst Monate später er- fuhr ich, daß die deutsche Botschaft gegen die Aufführung die- ses Films protestiert habe und mit dem Boykott aller im deut- schen Gebiet gezeigten amerikanischen Streifen gedroht hatte, falls mein Film doch anlaufen würde.

Das erwähnte Friedensstück nahm eine Spitzenposition in Hit- lers »schwarzer Liste« verbotener Filme ein. Mein propheti- scher Traum, in dramatischer Form präsentiert, hatte zu sehr auf Hitler und seine Herrschaft gepaßt!

Viele Menschen glauben fest an Traumbedeutungen und ka u- fen die zahlreichen Bücher und Zeitschriften, die sich mit Traumdeutung befassen. Träume können symbolisch sein und der Deutung bedürfen. Traumforscher stellten Deutungslisten für bestimmte Traumbilder auf, wie zum Beispiel für Engel,

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Kinder, Diamanten, eine Flugzeug- oder Autoreise, ein Messer, ein Gewehr, eine Hochzeit, ein Begräbnis, einen Sturz in den Abgrund, einen Streit, einen Dieb, ein Wassergefäß, einen nackten Menschen usw. Doch was die meisten dieser Autoren nicht erkennen, ist der Umstand, daß jedes Wort oder jeder Gegenstand und seine Verknüpfungen mit Lebenserfahrungen verschiedene Bedeutungsaspekte für verschiedene Menschen hat. Nehmen Sie zum Beispiel das Stichwort: Feuer. Es kann als Traumbild eine erfreuliche Stunde mit den Lieben rund um den Kamin ausdrücken, oder es kann unterdrückte Angst vor Feuer bedeuten. Um die mit Feuer zusammenhängenden Träume richtig auswerten zu können, ist die Kenntnis des Wesens und Temperaments des betreffenden Menschen erforderlich. Zu diesem Zwecke ist der realistische Traum, der eine be- stimmte Situation bildhaft wiedergibt, höchst verläßlich. Auf der anderen Seite ist jeder Versuch, eine bestimmte Traum- Symbolik zu deuten, auf ein gewisses Maß der Abschätzung angewiesen, und Sie erhalten deshalb so viele verschiedene Traumdeutungen, wie Sie Deuter zu Rate ziehen. Der geschulte Psychiater oder Psychoana lytiker ist jedoch durch das Studium der geistigen und seelischen Struktur des Individuums oft im- stande, die berichteten Trauminhalte auf tatsächliche Verdrä n- gungen, fixe Ideen, Zwangsvorstellungen oder Psychosen zu- rückzuführen. Für den Träumer selbst ist es selten möglich, sich nach den ihm in symbolischer Form zukommenden Trä u- men zu richten; es sei denn, deren Bedeutung ist unmißver- ständlich. Da ich glaube, daß einige Träume echte Manifestationen au- ßersinnlicher Wahrnehmung sind, und da ich sehr darauf er- picht war, die Wiederholung dieser Art von Träumen zu erle- ben, habe ich beständig versucht, meinem Geist zu suggerieren, mir das für mich nützliche Wissen in Form realistischer und von komplizierter Symbolik freier Träume zu verschaffen. Ich pflege meiner Frau nach dem Erwachen jeden meiner un-

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gewöhnlichen Träume zu berichten oder zu diktieren. Wenn Sie sich nicht sogleich des Inhalts Ihrer Träume vergewissern, werden sich die Einzelheiten der Bilder mit den Produkten Ih- rer Einbildungskraft vermischen, so daß Ihr Traumerlebnis viel von seiner möglichen Bedeutung verlieren kann. Wenn Sie einmal begonnen haben, Ihrem Traumleben Auf- merksamkeit zu schenken und es aufzuzeichnen, werden Sie über die Vielzahl der Informationen und der Vorankündigun- gen erstaunt sein, die Sie sich tatsächlich durch den Traum be- schaffen können. Notwendigerweise sind die höheren Ebenen Ihres Geistes weithin mit Ihren Tageshandlungen und - problemen befaßt, und Sie werden das Ergebnis am nächsten Morgen aufnehmen. Weiterhin ist der Geist eines jeden Me n- schen, mit dem Sie in irgendeiner Hinsicht in Verbindung ste- hen, gedanklich mit Ihnen befaßt, und auf unterbewußten Ebe- nen findet ein Gedankenaustausch mit diesen Menschen selbst während Ihres Schlafes statt. Folglich können Sie im Schlaf einige genauere Eindrücke über andere Menschen empfangen, als Sie sie während des Wachzustandes bekommen haben mö- gen!

Sie werden entdecken, so wie ich es entdeckt habe, daß einige der von Ihnen aufgezeichneten Träume keine Grundlage in der Wirklichkeit zu haben scheinen. Zeichnen Sie sie trotzdem auf, da einige meiner Träume nicht eher als in einem Jahr oder in noch längerer Zeit durch ein wirkliches Geschehnis bestätigt wurden. Jedenfalls ist eines Tages irgend etwas geschehen, das deutliche Beziehungen zu den meisten meiner Träume zeigte.

Wenn Sie Wahrträume erleben

Sie müssen wissen, daß im Traumstadium alles im »Jetzt und Hier« stattfindet. Erst wenn Sie nach dem Erwachen Ihre Traumerlebnisse untersuchen und durch die Vernunft zu erfas- sen trachten, haben Sie einen Zeitbegriff. Sogar dann können

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Sie nicht Tag und Stunde der Verwirklichung eines präkognit i- ven Traumbildes bestimmen, sondern Sie vermögen nur mit möglicherweise tiefer Überzeugung zu fühlen, daß der von Ihnen erlebte Traum in der Zukunft verwirklicht werden wird. Sollte Ihnen irgendein Traum ein unglückliches oder tragisches Ereignis ankündigen, das Sie oder Ihre Freunde oder Ihre Lie- ben betrifft, schieben Sie es nicht als Gaukelspiel der Einbil- dungskraft oder als einen möglicherweise erschreckenden, aber harmlosen Alptraum beiseite. Erforschen Sie sich und alle Fak- toren, die als mögliche Verursachung des wesentlichen Ge- schehnisses Ihres Traumbildes in Frage kommen können. Ent- schließen Sie sich, auf die Traumwarnung in der Weise zu rea- gieren, daß Sie jene Gedanken und Planungen ändern, die Sie, um Sie vor dem Eintreten des Traumbildes zu schützen, als änderungsnotwendig und -möglich erkennen. Lassen Sie nicht zu, daß eine Traumwarnung Ihre Furchtgefühle und Ihre Emp- fänglichkeit für die Ihnen unter Umständen bevorstehenden Ereignisse gesteigert werden. Sowie die das angekündigte Er- eignis verursachenden Kräfte geändert worden sind, wie ich bereits ausführte, kann und wird das betreffende im Traum geschaute negative Ereignis nicht wie vorgesehen geschehen. Die Logik eines solchen Vorganges leuchtet ein. Wenn Sie fühlen, daß Sie krank werden, gehen Sie zum Arzt, um dessen Hilfe in Form der Beseitigung des Krankheitszustandes zu er- halten, und damit mag eine schwere Erkrankung vermieden werden. Wenn Sie den Vorwarnungen Ihrer Träume entspre- chen, beseitigen Sie ebenfalls vorhandene negative Ursachen und schaffen in der Folge viel günstigere Bedingungen für sich selbst und alle Betroffenen. Träume reflektieren häufig Ihre gesundheitlichen Bedingungen, Ihre Beziehungen zu anderen Menschen, Ihre Finanzsorgen und Ihre sonstigen Beschwernisse – ebenso aber auch Ihre Freuden und Erfolge. Wissenschaftler behaupten, daß jeder Mensch jede Nacht träumt, ob er sich nun der Träume erinnern kann oder nicht. Sie leben zu gleicher Zeit in zwei Welten – in

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einer äußeren und einer inneren Welt. Ihr Unterbewußtsein schläft niemals. Eine Intelligenz wacht bei Tag und bei Nacht über Sie. Je mehr Sie lernen können, »wahr zu träumen«, je größere Hil- fe, Führung und Beschützung kann Ihnen durch Ihre Träume werden. Doch bewahren Sie sich stets die Haltung des gesun- den Menschenverstandes in bezug auf Ihre Träume, und Sie werden mit der Zeit erfahren, daß die Unbestimmtheit und Ver- schwommenheit Ihrer Traumeindrücke deren größerer Klarheit und Echtheit weichen wird.

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im siebten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Träume haben den Menschen im Laufe seiner ganzen Ge-

schichte erschreckt und geführt. Wir scheinen im Schlafe einen

besonderen Bereich zu betreten, in dem unser Geist empfängli- cher wird. Wir müssen dennoch beachten, daß manche Träume nur von äußerlichen Beschwerden, wie zum Beispiel Verstop- fung, verursacht werden.

2. Der tiefste Schlaf scheint dem Geist die größte Reichweite,

mit anderen Intelligenzen in Verbindung zu treten, zu eröffnen. Oft sieht man auf diese Weise zukünftige Ereignisse in Form eines Traumes.

3. Im Augenblick des Einschlafens scheinen wir alle Ebenen

des Bewußtseins erreichen zu können. Zu diesem Zeitpunkt sollten Sie Ihren Geist von allem Ballast befreien und ihn für die Aufnahme neuer konstruktiver Gedanken vorbereiten. Es ist auch möglich, den Geist darauf vorzubereiten, Eindrücke über ein bestimmtes Thema, zum Beispiel eine Warnung über irgendeine Bedrohung der nationalen Sicherheit, zu empfa n- gen.

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4.

Vielleicht können Millionen von Menschen in ihren Trä u-

men von einem Individuum beeinflußt werden. Hierin mag eine Teilerklärung der erheblichen Macht liegen, die von einem Diktator ausgeübt wird.

5. Träume äußern sich oft in Symbolen. Einige dieser Sinnbil-

der sind Psychiatern und Psychologen wohlbekannt und enthül- len viel über das Wesen des Träumers.

6. Sie können in vielen Fällen »wahrträumen«, wenn Sie ge-

wissen einfachen Techniken folgen, die darauf abzielen, Ihre

Träume zu lenken.

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Achtes Kapitel

Das Geheimnis der außerkörperlichen Erlebnisse – Der Geist verläßt den Körper

Die Frage, ob der Mensch einen sogenannten Geist- oder Astralkörper besitzt, wurde immer noch nicht vollständig be- antwortet. Es gibt jedoch hervorragende Männer und Frauen aller Berufe, die fest an die Existenz eines solchen Körpers glauben und dessen Vorhandensein erlebten. Natürlich schlie- ßen Religionen, die das Weiterleben des Menschen nach se i- nem Körpertode lehren, die Existenz eines jenseitigen Zusta n- des und Entkörperung ein; doch werden die meisten Anhänger dieser Religionsgemeinschaften gezwungen, das Jenseits auf Glaubensbasis anzunehmen. Auf diesem Gebiete haben wir es oft mit Betrug und Tä u- schung zu tun. Es ist verhältnismäßig leicht für ein falsches Medium oder einen unehrenhaften Zauberkünstler, eine sehr überzeugende Séance mit scheinbaren Teil- oder Ganz- »Materialisationen« Abgeschiedener abzuhalten und sogar de- ren Stimmen nachzuahmen. Der unerfahrene Besucher mag von solcher Sitzung, auch wenn er intelligent ist, völlig beein- druckt sein, da ihm oft Informationen über abgeschiedene An- gehörige und Freunde unbemerkt entlockt und ihm in der Séance wieder mitgeteilt werden. Ich bin stets über die Arglo- sigkeit vieler ernsthafter Männer und Frauen erstaunt gewesen, die Manifestationen, die sie im dunklen Zimmer erlebten, als echt anzusehen. Diese Leute scheinen ihr Denkvermögen beim Eintritt ins Sitzungszimmer abzulegen.

Schädlicher für die seriöse Forschung sind aber jene Men- schen, die sich weigern, überhaupt die Existenz unlauterer Me- dien zuzugeben. Sie sind gegen jeden erbost, der ein wirklich betrügerisches Medium entlarvte, und verteidigen dann noch

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jenes Mediums angebliche Redlichkeit mit absurden Argumen- ten. Nach der Veröffentlichung eines Berichtes, der durch In- frarot-Aufnahmen ertappte Komplizen des falschen Mediums zeigte, die als vorgebliche Manifestationen entkörperter Seelen in dem Kabinett ein- und ausgingen, behaupteten die hartnäk- kigen Anbeter des Mediums, daß jene Helfershelfer lediglich die Verkörperungen böser Geister seien, die deren Gestalt an- genommen hätten, um das Medium zu schädigen!

Eine solche Entlarvung besagt jedoch nicht, daß alle Medien Betrüger sind und daß das Phänomen der Aussendungen des Astralkörpers und die Materialisationen von Geistkörpern nicht gelegentlich erfolgen. Ich bin bei weitem mehr von jenen Phä- nomenen beeindruckt, die gelegentlich außerhalb des Sit- zungszimmers geschehen – zuweilen bei hellem Tageslicht – und wobei Erscheinungen gesehen und erkannt werden und sogar von diesen überbrachte Botschaften gehört werden. Leider lassen sich diese Manifestationen nicht in den Laborato- rien der Wissenschaftler und Erforscher außersinnlicher Phä- nomene wiederholen, um beobachtet und ausgewertet werden zu können. Sie können irgendwann und irgendwo geschehen, wenn sie durch bestimmte geistige und seelische Bedingungen hervorgerufen werden. Im allgemeinen gibt es einen erkennba- ren Grund für alle Erlebnisse dieser außergewöhnlichen Er- scheinungen. Zwischen der sich manifestierenden Wesenheit – möge diese nun noch im physischen Körper oder im außerkör- perlichen Zustande sein – und uns Erlebenden besteht eine Bewußtseinsverbindung. Die Akten der Gesellschaften für parapsychologische For- schung in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern ha- ben Hunderte solcher Fälle aufgezeichnet, von denen viele gut bezeugt sind. Kein ehrenhafter Skeptiker, der alle diese Fälle untersucht, kann sie als Illusionen, Täuschungen, Halluzinatio- nen und Wahnvorstellungen abtun. Die Dokumentation vieler dieser Fälle ist zu gründlich, zu spezifisch und zu genau in al-

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len Einzelheiten, um als Trugschluß bezeichnet werden zu können. Es gibt zum Beispiel Tausende Berichte von Männern und Frauen, die aussagen, ihre physischen Körper eine Zeitlang verlassen zu haben, während sie schwer krank oder verletzt waren und annahmen, sterben zu müssen. Sie hatten dann weit entfernte Orte oder nahestehende Menschen besucht, die ent- weder noch in diesem Leben oder aber im Jenseits weilten. Viele sagten aus, daß sie nur widerwillig zurückgekehrt seien, um nochmals in ihren physischen Körper zu schlüpfen, und daß sie nach diesem Erlebnis niemals mehr den Tod fürchten wür- den. Diese Berichte haben wir im allgemeinen lediglich auf Grund der Zeugnisse der Berichtenden anzunehmen. Würde es etwa wahrscheinlich sein, daß so viele Menschen diese Ge- schichten erfinden, und was würde ihnen das nützen? So stehen wir also wieder einmal vor einem vielfachen Wahrheitserweis der außerkörperlichen Existenz.

Er kehrte aus dem Jenseits zurück

Hören Sie als Beispiel jetzt ein authentisches Erlebnis, das mir vor einigen Jahren übermittelt wurde. Mir wurde die Fotokopie eines bemerkenswerten Briefes geschickt, der von einem 45jährigen Mann geschrieben wurde, der wenige Stunden dar- auf in Hugo im Staate Oklahoma starb. Sein Name war Gratz Bailey. Er war ernsthaft an Lungenent- zündung erkrankt. Er war in seinem religiösen Glauben freisin- nig und hatte vor seiner Erkrankung niemals irgendwelche un- gewöhnlichen Erlebnisse. Der besagte Brief war an seine in Sebree im Staate Kentucky wohnende Mutter gerichtet, und die er, wie er augenscheinlich wußte, nicht mehr als Lebender wiedersehen würde. Hier ist der Brief, der nach dem Tode des Mannes in einem neben seinem Bett liegenden Schreibblock gefunden wurde:

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»Liebe Mutter:

Ich kehrte letzte Nicht aus dem Leben nach dem Tode zurück – und kam nur zurück, um ein paar Tage zu bleiben. Hoffe, irgendwann im Laufe des Morgens abzuscheiden. Ich bin zufrieden. Möchte Euch alle vor meinem Fortgang noch se- hen – doch kann ich es nicht. Der Tod sollte seinen Schrecken verlie- ren. Jeder, der hierherkommt, weiß. Machte zwei Ausflüge in letzter Nacht. Ich bin froh, daß Du im günstigsten Falle nicht mehr lange warten kannst. Nur ein wenig Schmerzen, und alles ist vorüber. Lache über den Tod, wenn er kommt. Wir fürchten den Tod nur, weil wir ihn nicht kennen. Ich würde niemals wieder eine Träne über irgendeinen von Euch vergießen. Ich werde Dich bald sehen. Nur vorwärts – ich habe den Weg gefunden.

G. Bailey«

»Nur vorwärts – ich habe den Weg gefunden!« Welche Erklä- rung für einen Mann, der im Sterben lag und eine Botschaft für seine Lieben hinterlassen wollte!

Es war der Brief eines geistig völlig klarsichtigen Mannes, ei- nes Absolventen der Universität von Kentucky, wie mir sein Sohn mitteilte, der mir die Fotokopie schickte. Es war ein Mann in der Blüte seines Lebens, der normalerweise noch manche Jahre zu leben erwartet hätte, und der wußte, daß er zu sterben hatte, und der bezeugte, auf der anderen Seite des Le- bens gewesen zu sein und »zwei Ausflüge« in letzter Nacht gemacht zu haben sowie auf sein Abscheiden zu hoffen und zufrieden zu sein! Es war ein Familienvater, der außer seiner Mutter, an die er geschrieben hatte, auch Frau und Kinder zu- rückließ, und doch war es ihm möglich, auf Grund seiner Er- lebnisse zu schreiben: »Ich würde niemals wieder eine Träne über irgendeinen von Euch vergießen«, und seinen ungewöhn- lichen Abschiedsbrief mit den Worten schloß: »Ich werde Dich

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bald sehen. Nur vorwärts – ich habe den Weg gefunden.« Können Sie sich vorstellen, daß der Verfasser dieses auf dem Sterbebett geschriebenen Briefes eine solche Botschaft unter diesen Umständen erfunden haben würde? Die von ihm beric h- teten »Ausflüge« beziehen sich auf das Gebiet der außerkörper- lichen Erlebnisse. Was immer sie auch gewesen sein mögen, vermittelten sie ihm das Erlebnis eines so begehrenswerten Zustandes und waren so ermutigend, daß er alle Todesfurcht verlor und sogar seine Lieben ermahnte, ihm unerschrocken nachzufolgen, wenn ihre Zeit gekommen sei. In diesem Falle sah niemand, daß der Geistkörper dieses Ma n- nes seinen Erdenkörper verließ und in ihn zurückkehrte, und wir müssen uns ganz auf sein eigenes Wort als sein im Brief hinterlassenes Vermächtnis verlassen. Wenn Sie jedoch die Fotokopie des Briefes in Händen halten und die Handschrift und Unterschrift des Mannes sehen, überkommt Sie das Gefühl der Wahrheit des Mitgeteilten. Wenn Sie weiterhin die Tat- sächlichkeit von Austritten des Astralkörpers, wie ich sie gese- hen habe, und von Astralreisen bzw. außerkörperlichen Erleb- nissen, wie ich sie ebenfalls hatte, bezeugen können, so können Sie auch das Zeugnis des Gratz Bailey als vollgültig anerke n- nen.

Ihr Körper enthält mehr Raum als Materie

Das durchschnittliche materiell gesinnte Individuum kann sich ein Dasein in einem anderen als dem physikalischen Zustande kaum vorstellen. Als William Lear, Leiter der nach ihm be- nannten Elektronik-Gesellschaft, voraussagte, daß ein Tag kommen werde, an dem der Mensch seinen Körper auf einen Elektronenstrahl zusammenziehen, diesen zu irgendeinem ent- fernten Punkt aussenden und dort den Körper wieder zusa m- mensetzen könne, spotteten viele über diesen Gedanken. Sie dachten, Lear scherze. Doch heute hat sich herausgestellt, daß die Wissenschaft die Tatsache der Verwandlung von Stoff in

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Energie und wieder zurück in Stoff erwiesen hat. Dieser Vor- gang bezieht sich nicht nur auf uns sichtbare Formen der Mate- rie, sondern gilt auch für Formen einer so hohen Frequenz und Schwingungsart, daß wir gänzlich außerstande sind, sie wahr- zunehmen, und wir können tatsächlich durch sie hindurchge- hen, oder sie gehen durch uns hindurch, ohne daß unser Wesen etwas davon merkt. Die Dinge sind offensichtlich nicht das, was sie an der Oberfläche zu sein scheinen. Krähe, die uns un- sichtbar sind, geben uns das Leben und die Energie und die Intelligenz, mit unseren Körpern zu wirken. Wissenschaftler sagen uns, daß sich annähernd die Anzahl von einer Quadrilli- arde Atomen im menschlichen Körper befindet. Nehmen Sie ein Blatt Papier und schreiben Sie eine aus einer »1« und 27 Nullen gebildete Zahl auf. Diese Zahl von Atomen wurde für die Konstruktion Ihres Körpers verwendet. Sie werden durch eine geheimnisvolle magnetische Kraft zusammengehalten, hinter der wiederum ein elektrisches Kraftfeld steht. Jedes Atom erfüllt unter der Leitung des Geistes seine Funktion im menschlichen Organismus vollkommen, falls es nicht durch irgendwelche körperlichen und seelischen Störungen des Me n- schen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Und dennoch hat niemand jemals ein Atom gesehen. Dadurch wird bewiesen, wie immateriell Sie in Wirklichkeit sind. Diese Tatsache wurde mir besonders nachdrücklich vor Augen geführt, als mir erlaubt wurde, ein von dem bekannten me dizi- nischen Forscher Dr. Seymor S. Wanderman in New York durchgeführtes Experiment zu beobachten. Ich betrachtete durch das Mikroskop einen winzigen Organismus in einem präparierten Wasserbad, in das eine Farblösung eingelassen worden war. Unter ultravioletter Bestrahlung sah ich, wie die- ser Organismus abzusterben begann, und wie sich sein elektri- sches Kraftfeld von seinen Bestandteilen zurückzog und aus eigener Kraft aufglühte. Der Mediziner führte aus, daß das ab- scheidende Kraftfeld die Essenz des Lebens selbst sei, die sich darauf vorbereite, den Körper zu verlassen. Diese Lebenskraft

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umgibt den lebenden Organismus und verläßt ihn, wenn dieser Organismus stirbt.

»Dieses geschieht«, sagte Dr. Wanderman, »wenn sich das

Leben aus irgendeinem Körper, sei es

schen, Säugetieres, Fisches oder Insektes, zurückzieht. Jede dieser verschiedenen Körperformen besitzt ein Kraftfeld, ein belebendes Prinzip, solange sie lebt. Doch die große Frage ist, wohin geht dieses Kraftfeld nach dem Tode des Körpers? Alles, was wir beweisen können, liegt darin, daß dieses Kraftfeld aus dem Organismus verschwindet. Wer kann also sagen, ob es sich nicht trotzdem magnetisch mit irgendeiner anderen Form in irgendeiner anderen Dimension verbindet, die jenseits der Reichweite unserer wissenschaftlichen Erfassung und der Wahrnehmung durch unsere fünf physischen Sinne besteht?«

aus dem eines Men-

Wir beziehen uns in obenstehenden Ausführungen allein auf physikalische Strukturen, doch die Manifestationen jener Phä- nomene, die wir Astralwandern und Geistererscheinungen nennen, beweist die Existenz von Körpern über dem und je n- seits des sogenannten physikalischen Bereiches. Daraus läßt sich schließen, daß die beherrschende Intelligenz imstande ist, sich zur gleichen Zeit in mehr als einer Form zu manifestieren. Es hat viele jener Fälle gegeben, die man Bilokation nannte. Dabei wurde ein Mensch, dessen physischer Körper sich im Schlafzustand befindet, gleichzeitig an einem anderen, oft weit entfernten, Ort beobachtet. Im allgemeinen zeigt sich die be- treffende Wesenheit im Falle der Bilokation in derselben Kle i- dung, wie sie sie als physischer Körper trägt. Es handelt sich hierbei nicht lediglich um eine mentale Bild- projektion; das wurde durch die Tatsache gut bewiesen, daß man jenes ausgesandte Wesen sprechen gehört hat und daß dieses gelegentlich sogar anscheinend physische Verbindung mit Freunden oder Angehörigen aufgenommen hat. Arthur Godfrey berichtet aus seiner Zeit bei der Marine, daß

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sein Vater plötzlich an Bord des Schiffes erschien, ihm die Ha nd schüttelte und ihm Lebewohl sagte. Soweit man festste l- len konnte, ist sein Vater in demselben Augenblick in den Ver- einigten Staaten gestorben. Folglich werden viele dieser Mani- festationen sowohl von Kraft als auch von Stoff bestimmt, der ihnen zugrunde liegt. Ich kann mich lebhaft eines verblüffenden eigenen Erlebnisses erinnern, in dem ich zum allerersten Male eine Erscheinung sah. Es handelte sich um die Astralgestalt des Krankenpflegers David N. H. Quinn, der mich einige Jahre vorher, ehe ich sein Pat ient im Battle- Creek- Sanatorium wurde, betreut hatte. Wä h- rend dieses meines Krankenhausaufenthaltes wurde ich ein guter Freund des um etliche Jahre älteren David. Mein Interes- se an ihm erwuchs aus meiner Entdeckung, daß er außerordent- liche höhere Geisteskräfte besaß. Eines Nachts fing das neben dem Krankenhaus gelegene Ver- waltungsgebäude Feuer, und das Krankenhaus selbst war be- droht. Es verbreitete sich große Beunruhigung, als die Patie n- ten aus dem dem Brandherd am nächsten liegenden Flügel aus- quartiert wurden. Ich konnte den Widerschein der Flammen an meiner Zimmerdecke spielen sehen und die Schwestern und Ärzte draußen auf dem Korridor auf- und ablaufen hören. David war nicht im Dienst und schlief in seinem in beachtli- cher Entfernung in der Stadt Battle Creek gelegenen Zimmer. Ich hatte keine Furcht, wünschte jedoch fieberhaft, daß er kommen und mich zum Fenster bringen möge, damit ich das Feuer sehen konnte. Etwa eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür meines Zimmers, und David Quinn trat ein. Er lächelte mir beruhigend zu, hob mich aus dem Bett und trug mich ans Fenster, wo er mich auf das Fensterbrett setzte, so daß ich die Feuersbrunst beobachten konnte. Überrascht über sein Tun, fragte ich ihn: »Wie konnten Sie wissen, daß ich gerade dieses wünschte?«

»Ich habe einen Weg, solche Dinge wissen zu können«, sagte

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David ruhig. Er erzählte mir dann, daß er aus festem Schlaf mit dem Gefühl erwacht sei, daß ich ihn rufe. Er wußte sofort, daß ich in irgendeiner Sorge sei, und so zog er sich hastig an, eilte aus dem Haus und nahm einen Straßenbahnwagen zum Sanatorium. Als er sich dem Krankenhaus näherte, sah er die Flammen und den Rauch und wußte, weshalb ich ihn herbei- gewünscht hatte. »Doch wußte ich nicht, was Sie tatsächlich von mir wollten, ehe ich Ihr Zimmer betrat«, sagte David.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr ich viel über diesen un- gewöhnlichen Mann. Er sagte voraus, daß im Laufe der Zeit viele Menschen telepathische Fähigkeiten entwickeln würden. Ich vertraute ihm an, daß ich bereits eigene Erfahrungen auf- weisen könne, die mich von der Tatsache der Telepathie über- zeugt hatten. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte und in mein Heim nach Traverse City zurückgekehrt war, blieb ich in Ver- bindung mit David. Viele seiner Briefe bewiesen, daß er eine erstaunliche Kenntnis meiner Gedanken, Gefühle und Erlebnis- se hatte. Zu entsprechender Zeit wurde ich zum Wehrdienst im ersten Weltkrieg eingezogen, und David verließ das Sanatori- um, um mit einem wohlhabenden Patienten in die Catskill- Berge im Staate New York zu reisen. Wir verloren die Verbin- dung miteinander, und meine Briefe an ihn kamen mit dem Vermerk »Adressat unbekannt« zurück. Oft dachte ich an Da- vid und machte mir Gedanken über sein Schicksal; aber auch seine vertrauten Freunde in jenem Sanatorium, Isobel Ma- cheracker und Victor Bjork, hatten keine Verbindung mehr mit ihm. Der Krieg war beendet, und ich kehrte nach Traverse City zu- rück. In der Nacht des 19. Januar 1919 hatte ich die erste Folge unvergeßlicher Erlebnisse. Als ich gegen Morgen plötzlich erwachte, stellte ich fest, zeit- weilig gelähmt zu sein und keinen Muskel rühren zu können. Das Zimmer lag im Halbdunkel, und die Umrisse des Mobiliars

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zeichneten sich durch das im Flur brennende Nachtlicht nur undeutlich ab. Mit einem Gesichtsausdruck großer Sehnsucht beugte sich – David Quinn über mich! Seine Lippen bewegten sich, doch kein Ton war zu hören. Ich war über seinen plötzli- chen Anblick eine Weile starr vor Schrecken, dachte, das Opfer einer Art realistischen Alptraums zu sein, und versuc hte, mich mit aller Kraft loszureißen. Als ich die Herrschaft über meinen Körper zurückgewann und mich im Bett aufsetzte, löste sich die Gestalt David Quinns vor meinen Augen auf. Ganz aufgeregt fragte ich mich, ob David, wo immer er auch sein mochte, erkrankt oder in einer anderen Notlage war und versucht hatte, mich mental zu erreichen. Ich kam zu dem Schluß, daß dies eine neuartige Traumerfahrung war, hervorge- rufen vielleicht durch sein langes Schweigen und meine Sorge um ihn. Ich sagte mir sogar, daß eine offensichtliche Ersche i- nung durch eine lebhafte Halluzination meinerseits verursacht worden war und daß sich alles eigentlich in meinem Geist als Bestandteil des Traumes abgespielt hatte.

Doch in der folgenden Nacht wiederholte sich dieses Erlebnis etwa um die gleiche Zeit. Und ich wußte jetzt, daß sich dieses Phänomen außerhalb von mir ereignete, daß da etwas GEGENWÄRTIG war und daß dieses GEGENWÄRTIGE wei- testgehende Ähnlichkeit mit David Quinn aufwies! Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen und strengte mich an, etwas davon zu hören, was er mir zu sagen versuchte. Ich konnte sein Gesicht mit dem äußerst ernsten Ausdruck über mir sehen, und ich sah, daß er wiederum seine Lippen bewegte, ohne daß ein Ton zu hören war. Ich streckte ihm die Hand entgegen und sprach seinen Namen »David« aus. Doch wieder einmal, wie bereits beim ersten Male, begann sich seine Erscheinung auf- zulösen und aus dem Gesichtskreis zu verschwinden.

Ich war mir jetzt sicher, daß David mich besucht und sich be- müht hatte, eine Verbind ung herzustellen. Ich stand auf, knip-

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ste das Licht an und schrieb ihm einen Brief, worin ich ihm von meinem Erlebnis und von meinem Gefühl, daß er krank oder in sonstigen Schwierigkeiten sei, berichtete und ihn her z- lich bat, mit mir in Verbindung zu treten. Als der Morgen kam, erzählte ich meinen Eltern von meinen ungewöhnlichen nächt- lichen Erlebnissen. Daraufhin schickte ich den Brief an Davids letzte bekannte Adresse.

David erscheint zum dritten Mal!

Es gab für mich überhaupt keinen Grund, ein drittes Erlebnis dieser Art zu erwarten – doch eben ein solches widerfuhr mir. Wiederum wurde ich geweckt, und neben mir befand sich Da- vid in Lebensgröße, bewegte die Lippen und mühte sich ab, mir irgend etwas zu sagen. Und doch war wieder kein Ton zu hören. Ich streckte ihm beide Arme entgegen und rief laut:

»David! … David!« Als ich ihn, der einen unvergeßlichen Ge- sichtsausdruck des Sehnens trug, beinahe berührte, begannen seine Umrisse wieder im Dunkel des Zimmers zu vergehen. Ein unabweisliches Gefühl des Abschieds war mit dieser Er- scheinung verbunden. Ich versuchte, ihn durch reine geistige Anstrengung festzuhalten, da ich irgendwie fühlte, etwas ver- säumt zu haben und imstande gewesen sein zu müssen, die Botschaft zu empfangen, die er mir so mühsam während dieser drei nächtlichen Besuche zu bringen versuchte. Doch seine Erscheinung löste sich wieder auf und ließ mich in der traur i- gen Überzeugung zurück, daß ich ihn in diesem Leben niemals wiedersehen würde. Drei Wochen vergingen. Der Brief, den ich an David Quinn gerichtet hatte, war zurückgekommen. Als ich dann eines Februarnachmittags heimkehrte, fand ich unter der Post zwei Briefe – den einen von Victor Bjork, den anderen von Fräulein Macheracker. Beide Briefe enthielten die Nac h- richt, daß David Quinn in der Nacht des 21. Januar im Long- Island-College-Krankenhaus in Brooklyn aus dieser Welt ge- schieden war. Er war dienstlich im Osten der Staaten gewesen

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und Opfer einer Grippe-Epidemie geworden. Das Leiden ent- wickelte sich bei ihm zu doppelter Lungenentzündung. Er starb, nachdem er drei Tage lang bewußtlos gewesen war! Doch die erregendste Mitteilung war die Feststellung Fräulein Macherackers, die schrieb: »Es ist seltsam, aber in jeder der drei Nächte vor seinem Abscheiden erschien David an meinem Bett. Ich wußte, daß er in Not war und daß er mich rief, und ich würde sofort zu ihm gefahren sein, wenn ich nur gewußt hätte, wo er war.« Hiermit hatte ich eine beweiskräftige Bestätigung meines eige- nen Erlebens! Fräulein Macheracker hatte, weit von mir ent- fernt in Battle Creek, die gleichen Erfahrungen wie ich in Tra- verse City gemacht! Wenn man den Zeitunterschied zwischen Brooklyn und Michi- gan in Betracht zieht, so ist David am frühen Morgen des 21. Januar aus diesem Leben geschieden; das entspricht etwa ge- nau dem Augenblick, in dem wir ihn in der dritten Nacht gese- hen haben! Erst im Sommer 1920 hatte ich ein eigenes Erlebnis des Aus- tritts aus dem Körper, das mich erstmals in die Rolle des Teil- nehmers statt des Zuschauers versetzte. Ich war damals bei den Ford-Werken in Detroit beschäftigt und spielte oft auf dem werkseigenen Erholungsgelände Tennis. Eines Tages entdeckte ich an meinem rechten Fuß eine Blase, die aufbrach und ge- fährlich infiziert wurde. Der ganze Fuß schwoll an und mußte geschnitten werden. Mein Hausarzt Dr. Garner entschied, mich in seiner Praxis zu behandeln. Er holte einen anderen Arzt her- ein, der mir zusammen mit einer Schwester Chloroform verab- reichte. Mein Fuß wurde vorbereitet und man legte mich auf den Operationstisch, während ich durch ein über mein Gesicht gelegtes Tuch Chloroform inhalieren mußte. Einige Minuten lang geschah nichts, und dann überkam mich plötzlich heftiges Schwindelgefühl. Ich wurde von Furcht befallen. Ich versuchte zu sprechen, merkte aber, daß ich weder einen Laut von mir geben noch

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einen Muskel bewegen konnte. Ich hörte den Arzt sagen, daß ich nun bewußtlos sei, hatte aber trotzdem nicht mein Gefühl verloren und versuchte verzweifelt, eine Bewegung zu machen oder zu rufen, um zu zeigen, daß ich noch bei Bewußtsein sei. Ich fühlte einen schmerzhaften Stich, als Dr. Garner das Mes- ser nahm; es schien eine Art Explosion in meinem Gehirn zu geben und ich verlor wirklich das Bewußtsein. Als nächstes wurde mir bewußt, daß ich über meinem Körper schwebte, den Vorgang der Operation unter mir beobachten und sehen und hören konnte, was vorging. Neben mir im Rä u- me befand sich mein Bruder Edward, der im Alter von elf Ja h- ren vor etwa sechs Jahren gestorben war. Sein Gesichtsaus- druck war glücklich, als freue er sich, mich zu sehen. Ich dac h- te, ich müsse wohl lebhaft träumen; doch ich sah jetzt, daß der Arzt, der mir das Chloroform verabreicht hatte, sehr betroffen war. Die Schwester hatte ihm mitgeteilt, daß sie meinen Puls nicht mehr fühle. Das Tuch wurde von meinem Gesicht ent- fernt, und mit angestrengten Wiederbelebungsversuchen be- gonnen. Ein merkwürdiges Gefühl der Absonderung und Un- beschwertheit überkam mich, als ich dieser Szene ansichtig wurde, und ich war zugleich etwas betäubt und verwirrt.

Nun ergriff Edward meinen Arm und bedeutete mir, daß ich mit ihm gehen müsse. Eine erschreckende Tatsache wurde mir ge- genwärtig. ICH MUSSTE TOT SEIN! Ich riß mich von Edward los und hörte mich zu ihm sagen: »Nein, Edward, ich kann nicht mit dir kommen. Mutter und Vater wissen nichts hiervon. Ich bin noch nicht bereit. Ich kann jetzt nicht sterben!«

Als ich dies sagte, wanderten meine Gedanken zu meinen El- tern nach Traverse City, und ich verlor das Bewußtsein. Der nächste Eindruck, der mir zukam, war mein Gang durch die Hauptstraße im Geschäftsviertel von Traverse City. Ich wurde zur Sherman & Hunter Gesellschaft, meines Vaters Geschäft für Herrenkleidung, geführt. Ich begegnete einer Reihe von

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Leuten auf der Straße, die mir keine Aufmerksamkeit schenk- ten. Ich betrat den Laden, durchquerte ihn bis zum anderen Ende, an dem das Büro meines Vaters lag, und ging dabei auch an Herrn Hunter, dem Teilhaber, vorbei, der keine Notiz von mir nahm. Meine ganze Umgebung schien mir natürlich und von stofflicher Beschaffenheit zu sein. Ich fand Vater in einer se i- ner vertrauten Haltungen, in seine Geschäftsbücher vertieft. Sein Rücken war mir zugewandt. Ich trat zu ihm, legte meine Hand auf seine Schulter und sprach das eine Wort: »Vater!« Er rührte sich nicht. Ich redete ihn wieder an und nahm eine Haltung ein, in der er mich sehen konnte – aber ich erhielt ke i- ne Antwort. Das gab mir einen Schock. Mein Körper schien wirklich vorhanden zu sein, doch machte ich keinen Eindruck auf die Menschen meiner Umgebung. Noch einmal rief ich ihn an, und dieses Mal blickte Vater auf, ohne mich indessen zu sehen, stieß seinen Stuhl zurück, erhob sich und ging schnur- stracks an mir vorbei zum Fenster, wo er stehenblieb und auf das Wasser der großen Traversebucht hinausblickte. Ich dachte an Mutter und an unser Heim in der Webster Street. Wieder schaltete sich mein Bewußtsein aus, und danach fand ich mich in unserer Wohnung wieder und begab mich in die Küche, wo Mutter gerade eine Mahlzeit vorbereitete. Ich sagte:

»Mutter, hier ist Harold. Ich bin daheim!« Sie drehte sich um, irgend etwas zu nehmen, und ging direkt auf mich zu. Doch sah sie mich nicht. Es dämmerte mir nun die Erkenntnis, daß ich mich in einem gänzlich anderen Körperzustand befinden müsse. Irgendwie mußte ich in meinen Erdenkörper zurückke h- ren. Im Augenblick dieses Gedankens überkam mich das Gefühl, schnell durch die Luft zu sausen, und ich verlor wieder das Bewußtsein. Dann fand ich mich, nach Atem ringend, an r-i gendeinem dunklen Platz und hörte das Gemurmel vieler Stimmen. Feuchte, kalte Tücher lagen auf meinem Gesicht, und jemand rieb meine Handgelenke, während ein anderer

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meinen Brustkasten preßte. Ich stöhnte und hörte Dr. Garner sagen: »Er kommt zu sich!« Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich mich wieder als »ganzer Mensch« fühlte, doch setzte ich Dr. Garner in Erstaunen, als ich die Einzelheiten meiner Erfahrungen erzählte: daß ich ge- wußt hatte, eine Überdosis Chloroform bekommen zu haben, daß auch mein Herz beinahe ausgesetzt hätte und daß man un- geheure Anstrengungen unternommen habe, mich wiederzuer- wecken. Als ich dem Arzt erzählte, daß ich meinen Bruder Edward gesehen und meine Eltern im entfernten Traverse City besucht habe, konnte er nur den Kopf schütteln. »Da Sie genau wußten, was mit Ihnen geschah, während wir uns um Sie bemühten, und sogar unser Gespräch hörten, wä h- rend wir Sie für bewußtlos hielten, so kann ich auch nicht die Tatsächlichkeit der anderen von Ihnen berichteten Erlebnisse bestreiten.« Bald darauf erlebte ich eine bemerkenswerte Heilung meines Fußes, nachdem dieser zunächst von gefährlichem Brand befa l- len worden war. Dr. Garner hatte mich weiter behandelt, und ihn verblüffte diese schnelle Heilung ebenso wie mich selbst. Nachdem ich diese astralen Erlebnisse gehabt hatte, war ich imstande, auch weitere Vermutungen über die möglichen Emp- findungen des Freundes David Quinn anzustellen, als dieser ebenfalls seinen irdischen Körper verlassen hatte. Trotzdem gab es da noch Probleme. Anläßlich des Krankenhausbrandes hatte David gezeigt, daß er seine höheren geistigen Kräfte ent- wickelt und offensichtlich in der Lage war, sie zu kontrollieren und zu dirigieren, so daß sein Versuch, in seiner Sterbestunde mich und Fräulein Macheracker zu erreichen, auf freiwilligen Wunsch erfolgt war. Darüber hinaus vermochte er uns damit zu beeindrucken, mit seinem Körper oder dessen Astralgestalt zu erscheinen, wenn er auch vergebens versuchte, eine hörbare Botschaft zu bringen. Ich selbst war jedenfalls weder imstande, den anderen sichtbar zu werden noch zu sprechen.

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Wenn der astrale Doppelgänger die Herrschaft übernimmt

Einige Jahre später, als ich verheiratet war und mit meiner Frau und meiner kleinen Tochter Mary in New York wohnte, hatte ich ein zweites Erlebnis des Austritts aus dem Körper. Als Schriftsteller hatte ich die Gewohnheit, mich zu einem kur- zen Schläfchen auf ein leichtes Bett im Arbeitszimmer zu le- gen, wenn es Zeit für eine »schöpferische Pause« war. An dem betreffenden Tage meines Erlebnisses erwachte ich vom Ge- räusch des sich im Schloß unserer Wohnungstür drehenden Schlüssels. Ich wußte, daß es meine Frau Martha war, die mit unserer Tochter Mary zum Einkauf gegangen war und wahr- scheinlich mit vollbepackten Armen kam. Es war meine Ge- pflogenheit, das Arbeitszimmer dann zu verlassen, in den Hausflur zu laufen und sie einzulassen. Als ich dieses Mal auf- stehen wollte, war mein Körper wie gelähmt, während irgend etwas in mir dem Willen, aufzustehen, entsprach, dann plöt z- lich merkte, daß ich gegen die verschlossene Tür meines Ar- beitszimmers stieß! Sie können sich meinen Schock vorstellen, als ich beim Umsehen meinen physischen Körper ausgestreckt auf dem Bett hegen sah! Ich gab meinen Versuch auf, die Tür zu öffnen, und fand mich im gleichen Augenblick im physischen Körper wieder, um des- sen Neubesitz ringend. Wiederum schien ich das Geräusch des Schlüssels zu hören, und wiederum versuchte ich, in üblicher Weise zu entsprechen. Doch das gleiche Phänomen wie vorhin wiederholte sich. Ich prallte mit beachtlicher mentaler Gewalt gegen die Tür meines Arbeitszimmers. Für eine Sekunde sah ich meinen Körper träge auf dem Bett liegen. Und jetzt hatte ich nur den einen dringenden Wunsch – in den Körper zurück- zukehren. Fast unmittelbar darauf trat eine kurze Bewußtlosig- keit ein. In meinem Körper kam ich wieder zu Bewußtsein und war befreit, festzustellen, ihn jetzt wieder unter Kontrolle zu haben. Ich hörte Martha den Flur herunterkommen und Mary in das dem Arbeitszimmer benachbarte Wohnzimmer laufen, wo

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sie am Radio drehte und die Darbietungen eines Jazz- Orchesters zum Klingen brachte. Etwas schwindlig setzte ich mic h auf und beabsichtigte, aufzu- stehen, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Als ich dann wie- der klarer denken konnte, durchzuckte mich eine seltsame Er- kenntnis:

Martha und Mary waren gar nicht in der Wohnung Sie waren bis jetzt nicht gekommen! Das Radio war nicht eingeschaltet!

Erst jetzt hörte ich wirklich, wie der Schlüssel in der Haustür gedreht wurde. Ich war zu überrascht, um mich rühren zu kö n- nen. Jetzt lief Mary den Flur herab. Ich konnte das Trippeln ihrer Füße hören. Und da war das Radio eingeschaltet und brachte dieselbe Mu- sik, die ich vor wenigen Minuten bereits hörte! Diese ganze Szene hatte vor ihrer Verwirklichung in meinem Bewußtsein stattgefunden! Zahlreiche Gedankenbilder und Möglichkeiten durchkreuzten meinen Geist, als ich versuchte, das Erlebte zu analysieren. Ich mußte, als ich den Ankündigungstraum hatte, daß Martha an der Tür sei, geschlafen und mehr mit meinem Astralkörper als mit dem physischen Körper verbunden gewesen sein. Auf me i- nen gewohnheitsmäßigen Wunsch, ihr entgegenzugehen, rea- gierte mein Astralkörper statt meines physischen Körpers. Da ich zeitweise außerstande war, mich von dieser Ersche i- nung zu befreien, war ich in meinen physischen Körper zu- rückgekehrt, um ein weiteres Mal zu versuchen, zur Tür zu gehen. Doch der Übertritt meines Wesens von der astralen in die physische Ebene wurde nicht vollständig durchgeführt, und während ich nun weiterhin in einem Zwischenzustand des Be- wußtseins verharrte, setzte sich mein präkognitiver Traum in Form meiner scheinbaren Wahrnehmungen der Geräusche des Schlüssels, des Eintretens Marthas, des Herbeilaufens Marys,

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der Einschaltung des Radios und des Ertönens der Jazzmusik fort. Als ich nun wieder ins volle Bewußtsein zurückkehrte, trat ich damit wieder in die mir gemäße Zeitdimension ein, in der der Ablauf der bereits erlebten Ereignisse noch nicht stattgefunden hatte. Dieser Fall zeigt, welche enge Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Bereichen des Geistes und den damit ver- bundenen verschiedenen Zeitdimensionen sowie den verschie- denen Körperformen besteht. Wir können daraus auch folgern, daß wir im Schlafe oft aus dem physischen Körper aussteigen, um uns in unseren Astralkörper oder sogenannten Geistkörper zu begeben. Sie wundern sich vermutlich ebenso wie ich dar- über, daß meinem astralen Weg durch die verschlossene Tür des Arbeitszimmers Einhalt geboten wurde. Ich bin zu der Er- klärung gekommen, daß die Ursache dafür in meiner Vorste l- lung lag, noch im physischen Körper zu sein, der ja keine ver- schlossene Tür durchdringen kann. Sie werden sich erinnern, daß ich während meines ersten Astralausfluges keiner solchen Beschränkung unterlag. Doch waren die Umstände in dem Fa l- le andere. Mein physischer Körper schwebte zeitweise in der Gefahr, zu sterben, und gewisse Prozesse können ausgelöst worden sein, welche die Ablösung der ganzen Persönlichkeit ermöglichten, als das notwendig war. Unter solchen Bedingun- gen schien ich große Bewegungsfreiheit zu haben und wurde mit Gedankenschnelligkeit in meine Heimatstadt und zurück befördert. Die Fähigkeit, den Erdenkörper willentlich zu verlassen, ist nur von wenigen Menschen entwickelt oder erworben worden. Es wird behauptet, daß Adepten in Indien und Tibet diese Fähig- keiten besitzen, doch habe ich derartige Demonstrationen nicht gesehen. In diesem Buch behandele ich nur solche Erlebnisse, die ich selbst hatte, oder solche Menschen, deren Aussagen ich bezüglich ihrer Wahrheit prüfen und abschätzen konnte. Ich komme nun zur Schilderung eines der außergewöhnlichsten Fälle von Astralwanderung, für dessen Echtheit ic h mich ver-

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bürge und der außerdem vielfach bezeugt ist. Ich kam einst mit einem bemerkenswerten Mann, Herrn Harry J. Loose, in Ver- bindung, den ich zum ersten Male im August 1921 traf.

Wieso konnte dieser Mann meinen Besuch erwarten?

Damals war ich Reporter an der Zeitung »Marion Chronicle« in Marion im Staate Indiana. Herr Loose hielt damals im Be- zirk Redpath Chautauqua Vorträge über Verbrechen und Kri- minalwissenschaft. Wie in der Presse bekanntgemacht wurde, hatte er zunächst bei der Polizei in Chicago gearbeitet, war später Privatdetektiv und Chef der Redaktion für das Polize i- wesen an der Zeitung »Chicago Daily News«. Ich war von meiner Zeitung beauftragt worden, über seinen Nachmittagsvortrag zu berichten, und ich machte mir wie üb- lich Notizen in der Absicht, einen der üblichen Routineberichte zu schreiben. Doch wurde ich von einem übermächtigen Zwang befallen, diesen Mann persönlich kennenlernen zu müs- sen. Als ich mich in die Innenstadt zu seinem Hotel begab, bohrte in mir die Frage: »Weshalb möchtest du Herrn Loose treffen? Du hast deine Geschichte über ihn bereits zusammen- bekommen. Welchen Grund willst du ihm für den Besuch ange- ben?« Ich hatte keine wirkliche Antwort darauf, und ich konnte mir nicht erklären, woher mein dringender Wunsch kam, mit die- sem Mann in Verbindung zu kommen. Außerhalb meiner Schreibtätigkeit galt mein ganzes Interesse der parapsychologi- schen Forschung und dem Versuch, jene außersinnlichen Krä f- te zu entwickeln, wie ich sie in mir selbst gefunden hatte. Im Vortrage des Herrn Harry J. Loose war überhaupt nichts ent ha lten gewesen, das auch nur auf eine Spur metaphysischer Interessen seinerseits hingewiesen hätte. Als ich mich dem Spencer House, dem führenden Hotel der Stadt, näherte, entschloß ich mich zu der erfundenen Begrün- dung, daß ich Material für eine Zeitungsgeschichte über

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Verbrechen suche. Unterdessen ging ich einige Male um den Häuserblock und zögerte, ob ich das Hotel betreten solle, bis ich schließlich fühlte, daß Herr Loose nicht dort, sondern im Hotel »Marion«, zwei Häuse rblöcke entfernt, logierte. Darauf- hin lenkte ich meine Schritte direkt zum Hotel »Marion«, betrat die Vorhalle und fragte den Nachtportier, den ich niemals zu- vor gesehen hatte: »Ist Herr Harry J. Loose hier abgestiegen?« »Jawohl, das ist er«, erwiderte der Nachtportier. »Einen Au- genblick bitte; ich werde mich erkundigen, ob er anwesend ist.« Ohne nach meinem Namen zu fragen, griff der Portier zum Haustelefon und stellte Verbindung mit Herrn Loose her. Als dieser sich meldete, sagte er lediglich: »Es ist ein Herr in der Halle, der Sie sprechen möchte.« Herr Loose antwortete irgend etwas, und der Portier sagte zu mir: »Gehen Sie gleich hinauf. Er ist in Zimmer 41.« Ich klopfte an die Tür von Zimmer 41, und eine Stimme sagte:

»Kommen Sie herein, Sherman!« Verdutzt öffnete ich die Tür, um Harry J. Loose zu erblicken, der sich auf dem Bett ausgestreckt hatte. Ein Sessel war neben das Bett gezogen worden, als ob er Gesellschaft erwarte. Er lächelte und nickte mir zu, als habe er mich schon zeitlebens gekannt. »Kommen Sie, Sherman, und setzen Sie sich«, lud er ein. »Sie kommen spät. Ich habe Sie vor einer halben Stunde erwartet!« Das war verblüffend. Ich hätte eine halbe Stunde eher hier sein können, wenn ich nicht zuerst zum Spencer Ho u- se gegangen wäre und so lange gezögert haben würde, ehe ich das »Marion«-Hotel betrat. Doch wie konnte Herr Loose das wissen, und, was noch verblüffender war, woher kannte er meinen Namen? »Sie haben mich völlig entwaffnet«, sagte ich endlich. »Ich kann nicht erklären, woher mein überwältigender Wunsch kam, Sie zu treffen. Ich wollte Ihnen gerade sagen, daß ich Sie über einige Ihrer Abenteuer mit Verbrechern interviewen wollte, doch innerlich wußte ich, daß dies nicht mein wahrer Besuchs- grund war. Sie wußten offensichtlich, daß ich kommen würde

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und wußten sogar meinen Namen. Wie ist das möglich?« Herr Loose beobachtete mich einen Augenblick lang ruhig. Dann sagte er:

»Nichts geschieht zufällig, wie sehr es auch der Fall zu sein scheint. Sie hatten persönliche Erfahrungen auf dem Gebiet der Wunder des Geistes, die Ihr Nachdenken über manche Dinge angeregt haben. Wenn ein Mensch ernsthaft und beständig In- formationen oder Kenntnisse auf diesem Gebiet zu erwerben wünscht, so wird er im Laufe der Zeit irgend jemanden anzie- hen, der ihm einige der gesuchten Antworten geben kann. Mir wurde auf diese Weise oft geholfen, und meine eigene Ent- wicklung erlaubte mir, Ihre meine Person betreffenden Geda n- ken zu empfangen und Ihren Namen zu ermitteln, ehe Sie an- kamen.« Herr Loose fuhr dann fort, mir gewisse ungewöhnliche geistige Phänomene zu demonstrieren, um mir, wie er sagte, noch be- stehende Zweifel zu nehmen und mir die Sicherheit und das Vertrauen zu verschaffen, das ich zur Fortsetzung meiner Stu- dien und meiner weiteren Entwicklung auf dem Gebiete des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens benötigen würde. Er sagte mir voraus, daß ich im Verfolg meiner Publiziste n- laufbahn nach New York gehen würde. Er selbst habe eine be- sondere Aufgabe zu vollbringen und würde bald von der Bild- fläche verschwinden, doch würden wir uns, wenn alles gutgin- ge, in zwanzig Jahren wiedersehen. Bereits dieses eine Treffen mit diesem ungewöhnlichen Manne hinterließ in mir einen un- auslöschlichen Eindruck. Wenige Tage später erhielten meine Frau und ich einen Brief vo n Herrn Loose, der ein intimes Wis- sen von Einzelheiten der Bedingungen in unserem Heim ent- hüllte und nachdrücklich die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung unseres körperlichen, seelischen und geistigen Gleichgewichts betonte, wenn wir hoffen wollten, irgendwelche beachtenswer- te Ergebnisse in der parapsychologischen Forschung zu erzie- len. Diese Nachricht war die letzte, die wir für zwanzig Jahre von Harry J. Loose erhielten. Während dieser ganzen Zeit habe

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ich ihn zu verschiedenen Malen zu erreichen versucht, indem ich Briefe an ihn unter der Adresse des Redpath-Chautauqua- Büros und auch an die Polizeibehörde in Chicago sandte. Der Versuch blieb erfolglos. Im Frühjahr 1924 verzogen wir nach New York, so wie er es vorausgesagt hatte. Ich begann dort eine erfolgreiche Autorenlaufbahn, wobei meine Frau und ich einen großen Teil unserer Freizeit der Erforschung der höheren Kräfte des Geistes widmeten. Die Experimente auf dem Sektor der Weitstrecken-Telepathie zwischen Sir Hubert Wilkins und mir fanden im Herbst 1937 und im Frühjahr 1938 statt. Die erste öffentliche Beachtung dieser Experimente wurde durch einen in der Märznummer 1939 des Magazins »Cosmopolitan« erschienenen Bericht er- weckt. Im Jahre 1940 traten Sir Hubert und ich in einer in den ganzen Vereinigten Staaten verbreiteten für das Radio be- stimmten Darstellung unserer Experimente auf, die in der Se n- dereihe »Seltsam, wie es scheint« ausgestrahlt wurde. Wir wurden mit Tausenden von Hörerbriefen überschwemmt, in denen Fragen gestellt wurden und aus denen das allgemeine Interesse hervorging. Wir ordneten die Briefe nach Möglichkeit und versuchten, sie zu beantworten.

Ein unerklärlicher Drang, eine Frage zu stellen

Unter den zahlreichen Briefen, die durch meine Hände gingen, befand sich einer, der an mich von Walter M. Germain, dama- ligem Chef der Abteilung zur Verhütung von Verbrechen der Polizeibehörde in Saginaw im Staate Michigan, gerichtet wor- den war. Als ich dabei war, diesen Brief zu beantworten, über- kam mich ein gewisser unerklärlicher Drang, einen Nachsatz hinzuzufügen und ihn zu fragen, ob er zufällig Näheres über Harry J. Loose wisse, der früher Mitglied der Chicagoer Polizei gewesen sei und den ich vor vielen Jahren unter ungewöhnli- chen Umständen kennengelernt habe und sehr gerne wieder- treffen möchte.

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Der Antwortbrief von Herrn Germain enthielt die Nachricht, daß Herr Loose pensioniert sei und seither in Monterey Park, Kalifornien, lebe.

Ich schrieb umgehend an Harry Loose und empfing auch einen postwendenden Brief, in dem es hieß, daß er einen Großteil über mein Leben und meine Erlebnisse in den letzten zwanzig Jahren gewußt habe. Er schloß den Brief, indem er der Erwar- tung Ausdruck gab, mich bald in Kalifornien zu sehen. Zu der Zeit bestand keine Aussicht für mich, eine solche Reise zu unternehmen; doch wenige Monate später zeigte Jesse L. Lasky an meiner Bearbeitung der Lebensgeschichte des Mark Twain für den Film Interesse. Eines Tages empfing ich einen weiteren Brief von Herrn Loose, in dem er ankündigte, daß mich in der kommenden Sonntagnacht ein Fernruf von Herrn Lasky erreichen würde und daß ich zu Beginn der folgenden Woche auf dem Wege zu einer Konferenz in Hollywood sein würde. Am Sonntag war Mitternacht vorbei, als der Anruf kam; aber er kam jedenfalls. Wie Herr Loose vorausgesagt hatte, befa nd ich mich alsbald im Zuge auf dem Wege nach Kalifornien. Das Wiedersehen mit diesem geistig hochentwickelten Mann, Herrn Loose, der nun in seinen Siebzigern war, bildete eines der großen Ereignisse in meinem Leben. Einige Monate später brachte ich meine Frau und unsere beiden Töchter an die Kü- ste. Wir blieben in den Mietwohnungen in Canterbury. Ich machte einen Plan, nachdem entweder wir Harry Loose in se i- nem Heim in Monterey Park besuchen würden oder er bei uns an jedem zweiten Sonntagnachmittag in Hollywood vorspre- chen sollte. Während dieser Besuche erfuhren Martha und ich viel über die gebieterische Natur der höheren Kräfte des Ge i- stes. Als wir am Danktag des Jahres 1941 ankamen, schickten wir einen Korb mit Früchten an Harry und Mutter Loose und

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drückten unseren Dank für ihre Gastfreundschaft und Treue aus. Nachmittags nahm ich Martha und die Mädchen mit auf eine kleine Ausfahrt, von der wir um etwa drei Uhr nachmit- tags nach Canterbury zurückkehrten.

»Herr Loose war hier«

Als wir ankamen, händigte mir Herr Cousins, der Büroange- stellte vom Dienst, einen Notizzettel aus. Er war um halb drei Uhr nachmittags geschrieben worden und besagte: »Herr Loose war hier – er will Sie Sonntag sehen.«

Das war eine Überraschung. Harry würde niemals die lange Reise zu uns außer an den vereinbarten Sonntagen unternom- men haben. Da wir im allgemeinen eine Stunde brauchten, um von Hollywood zum Hause des Freundes Loose in Monterey Park zu fahren, wartete ich eine halbe Stunde und rief ihn dann telefonisch an. Als er sich meldete und ich ihm mitteilte, wie betrübt wir wären, ihn nicht gesehen zu haben, reagierte er bestürzt und erwiderte, es müsse ein Mißverständnis vorliegen – da er den ganzen Tag über nicht aus dem Hause gegangen sei.

»Ich kann das nicht verstehen«, sagte ich zu ihm. »Ich halte eine Notiz in meiner Hand, die besagt, daß du hier gewesen seiest und daß du uns Sonntag sehen wolltest.« »Das stimmt«, sagte Harry. »Ich erwarte euch alle am Sonntag hier bei mir wie üblich. Doch wiederhole ich, daß ich heute nirgendwohin gegangen bin.« »Das ist äußerst merkwürdig«, beharrte ich. »Sonntag ist Herrn Cousins’ dienstfreier Tag, und das ist der einzige Tag der Wo- che, an dem du jemals in Canterbury gewesen bist. Er hat dich offensichtlich nie persönlich gesehen und hatte nicht einmal Gelegenheit, deinen Namen zu hören. Laß mich anrufen und Herrn Cousins darüber befragen.«

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»Nur zu«, drängte Harry. »Ich würde gerne selbst die Aufklä- rung darüber erfahren.« Als ich Herrn Cousins mitteilte, daß die Person, die angeblich bei ihm vorgesprochen und eine Nachricht für uns hinterlassen habe, mir gerade am Telefon erklärt habe, sie sei den ganzen Tag überhaupt nicht aus dem Hause gegangen, war Cousins verwirrt. Ich fragte ihn, ob er sich des Herrn so gut erinnern könne, um ihn zu beschreiben. Herr Cousins bejahte und erwi- derte, daß der Mann anscheinend in einer Art Arbeitskleidung erschienen sei: in einer Cordhose, einer braunen Wolljacke, einem dunkelblauen Hemd und mit einer Kappe. Ich war erstaunt. »Sie haben mir die genaue Beschreibung der Kleidung gegeben, die Herr Loose stets trägt, wenn wir ihn zu Hause besuchen«, bestätigte ich. »Doch wenn er uns besucht, trägt er stets seinen Sonntagsanzug und seinen weichen Filzhut. Sagen Sie mir noch irgend etwas anderes, an das Sie sich erin- nern können.« Herr Cousins berichtete dann, daß er gerade mit einer Frau Crawford gesprochen habe, als ein älterer Herr in der von ihm bereits beschriebenen Kleidung am Schreibpult erschienen sei. Sie hätten ihn beide nicht kommen sehen, sondern er sei ein- fach dagewesen. Als Herr Cousins ihn anblickte, begann jener Herr zu sprechen, ohne überhaupt zu fragen, wo wir seien. Er sprach langsam und mit Mühe, als ob er ein Gebiß tragen und Schwierigkeiten ha- ben würde, dieses festzuhalten. Seine genauen Worte waren nach Herrn Cousins’ Aussage: »Sagen Sie Herrn Sherman – Herr Loose war hier – ich will ihn Sonntag sehen.« Als sich Herr Cousins umdrehte, um den Notizzettel in das Fach zu legen, verließ Herr Loose das Schreibpult und ging zur Haustür. Frau Crawford bemerkte zu Herrn Cousins, daß dieser Herr ein »merkwürdiger Mensch« zu sein scheine, worin er zustimmte. Nachdem er mir alles erzählt hatte, dessen er sich erinnern konnte, fragte mich Herr Cousins: »Aber, Herr Sherman, wenn

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dieser Herr nicht Herr Loose war, wer war es dann?« »Das ist eine Frage, die ich jetzt nicht genau beantworten kann«, erwiderte ich. »Ich werde Ihnen später darüber beric h- ten.«

Ich ging die Treppe hinauf und setzte mich wiederum telefo- nisch mit Herrn Loose in Verbindung. Ich informierte ihn über die Auskunft Herrn Cousins’ und daß dieser eine so genaue Beschreibung von ihm gegeben habe, daß keine Verwechslung vorliegen könne. Harry wurde durch diese Nachricht in Erre- gung versetzt und sagte, daß er die soeben beschriebenen Klei- dungsstücke außer der Kappe auch in diesem Augenblick trage und eine Kappe aufsetze, wenn er aus dem Hause ginge. »Wie erklärst du dir das?« fragte ich ihn. Harrys Stimme klang äußerst nüchtern. »Ich weiß es nicht ge- nau«, erwiderte er. »Nach deinen Aussagen muß Herr Cousins irgend etwas gesehen haben. Das beunruhigt mich sehr. Ich möchte darüber nicht am Telefon sprechen, doch werde ich darauf zurückkommen, wenn wir uns am Sonntag treffen. In- zwischen erwähne bitte gegenüber niemandem etwas davon.« Martha und ich konnten kaum den Sonntagnachmittag und unseren planmäßigen Besuch im Hause Herrn Looses abwar- ten. Wir bemerkten, daß Harry dieselbe Kleidung wie damals am Danktag trug, doch wir hatten ihn niemals in so ernster Stimmung erlebt. Er eröffnete uns, daß er die Zeit für gekom- men hielte, uns einiges von sich selbst zu erzählen, das wir kaum glauben möchten. Er fuhr dann fort, daß er seit einigen Jahren die Fähigkeit ge- habt habe, seinen Körper zu verlassen und im Astralkörper bewußt an entfernten Orten zu erscheinen, um bestimmte Indi- viduen zu besuchen. In diesen Fällen sei der Erdenkörper in tiefem Schlaf zurückgeblieben und von Mutter Loose über- wacht worden. Der Versuch, ihn während einer solchen Astral- reise zu wecken, würde einen schweren Nervenschock zur Fol- ge gehabt haben.

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»Was die in Canterbury beobachtete Erscheinung anbetrifft«, schloß Harry, »so möchte ich mich absolut vergewissern, ob dieser Herr Cousins tatsächlich mein Ebenbild gesehen hat, und ich möchte bald einmal nach Hollywood in der gleichen Kleidung wie damals hinüberfahren und ihm unerwartet gege- nübertreten, um zu sehen, ob er mich wiedererkennt.«

Als Harry in der Rezeption erschien, konnte ich Herrn Cousins’ Stimme am Telefon hören. Als er das Gespräch beendet hatte, hörte ich ihn in erschreckter Überraschung ausrufen: »Oh! Gu- ten Morgen, Herr Loose!« Im Augenblick, als Harry identifiziert worden war, eilte ich den Flur herunter, um Herrn Cousins zu versichern, daß es die- ses Mal wirklich Herr Loose sei. Herr Cousins lachte nervös auf und drückte Beruhigung aus. Doch für Harry gab es gar nichts Spaßhaftes an diesem Falle. Er bat Herrn Cousins, ihm nochmals die Vorgänge am Danktage zu berichten. Als dieser seine Erzählung beendet hatte, sagte Harry zu ihm: »Sehen Sie mich genau an. Erscheine ich Ihnen heute so gekleidet zu sein, wie an jenem Nachmittag?« Herr Cousins musterte ihn kritisch und erwiderte dann: »Ja, abgesehen vielleicht von Ihrem Hemd. Dieses sieht etwas he l- ler aus als jenes, das Sie damals trugen.« Harry nickte. »Das stimmt«, sagte er. »Ich trug damals ein Hemd von dunklerem Blau, das eben in der Wäsche ist.« »Das ist mir unheimlich«, sagte Herr Cousins. »Wie kann so etwas passieren?« »Es ist eine Art mentales Phänomen«, entgegnete Harry; ich

konnte merken, daß er sich auf eine nähere

Erklärung nicht

einlassen wollte. »Seien Sie beruhigt, Herr Cousins; es wird niemals wieder geschehen.« Harry ging mit mir in unsere Wohnung und ließ sich in einen Sessel fallen, in dem er für mindestens eine halbe Stunde schweigend und nachdenklich sitzen blieb. Es war das erste Mal, daß Martha und ich ihn wirklich aufgeregt gesehen hatten.

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Als er endlich sprach, brachte er hervor: »Ich finde mich nicht gerne mit der Tatsache dieses Ereignisses ab, doch schätze ich, daß mir nichts anderes übrigbleibt. Es ist alles gut und schön, wenn man Herr über diese Kräfte ist. Doch wenn sie ohne ei- genes Wissen oder ohne Zustimmung wirken, ist das etwas anderes!« Dann legte Harry eine mögliche Erklärung dar. Am Danktage waren seine verheiratete Tochter Josie, deren Mann Ray und ihr gemeinsamer Sohn, also Harrys Enkelsohn, im Hause Loo- se. Nach der Mahlzeit waren sie in ihr eigenes, in derselben Straße gegenüberliegendes Haus zurückgekehrt, während Mut- ter Loose und ihre Schwester, Dorothy Hesse, sich zurückge- zogen hatten, um ihr Nachmittagsschläfchen zu halten. Harry beabsichtigte, ein wenig zu lesen, und hatte sich in seinen gro- ßen bequemen Sessel gesetzt. Dabei dachte er an unsere Fami- lie und den Fruchtkorb, den wir ihm geschickt hatten, und an seinen am Sonntag bevorstehenden Besuch. Dann war er ein- geschlafen, und es mußte etwa um halb drei Uhr nachmittags gewesen sein, daß er seinen Körper verlassen hatte und im Astralkörper in Canterbury erschienen war, wo er von Herrn Cousins und Frau Crawford gesehen wurde, denen er die Bot- schaft mitteilte, die wir dann erhielten. »Es muß mein Interesse an euch gewesen sein«, sagte Harry, »das mich drängte, me i- nen Körper zu verlassen und nach Canterbury zu gehen, ob- wohl ich nicht die bewußte Absicht hatte, dies zu tun. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, daß ich ohne jede Erinne- rung an dieses Erlebnis in meinen Körper zurückkehrte. Ich muß mich dagegen sichern, daß solche Art von Manifesta- tion jemals wieder außerhalb meiner Kontrolle geschieht.« Ich erwiderte Harry, daß ich auf der einen Seite froh sei, daß diese so gut bezeugte Astralwanderung erfolgt sei, da eine so l- che sichtbare Demonstration Seltenheitswert habe. Ich sagte, daß ich es sehr begrüßen würde, wenn er mir eine von allen Familienmitgliedern unterzeichnete Bestätigung verschaffen könnte, die besagte, daß er den ganzen betreffenden Tag über

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in Sichtweite eines oder mehrerer der Angehörigen gewesen sei und sein Auto stets in der Garage geblieben sei. Ich selbst wo l- le eine von Herrn Cousins und Frau Crawford unterzeichnete Bestätigung über seine Erscheinung beschaffen. Nach einem Augenblick tiefen Nachdenkens antwortete Harry, daß er dieser Bitte unter einer Bedingung nachkommen wolle, daß ich nä m- lich den Bericht über seine Astralwanderung nicht vor seinem Abscheiden aus diesem Leben veröffentlichen würde. Harry J. Loose verschied am 21. November 1943. Zum ersten Male veröffentlichte ich den Bericht über seinen Astralbesuch in meinem Buche »You Live After Death« (»Du lebst nach dem Tode«) im Jahre 1949, und zwar mit eidesstattlichen Ver- sicherungen versehen. Dieser Fall steht immer noch als einer der bestbezeugten auf dem Gebiete der Astralwanderungen in der Literatur über parapsychologische Phänomene da. Ich habe nicht von vielen Menschen gehört, die erklären, zum willensmäßigen Verlassen des physischen Körpers imstande gewesen zu sein. Der vielleicht bekannteste Experimentator auf diesem Gebiete ist Sylvan Muldoon aus Darlington im Staate Wisconsin, der seine Erlebnisse auch in einem Buche nieder- legte. Dann ist da John Mittl aus Kempton im Staate Pennsyl- vania, der ebenfalls über seine diesbezüglichen Abenteuer ge- schrieben hat, und mit dem ich einen ausgedehnten Briefwec h- sel hatte. In einer Broschüre, die er vorbereitete, hat Herr Mittl folgendes zu sagen:

Astralprojektion ist die Fähigkeit des Menschen, seinen physischen Körper zu verlassen und auf den astralen oder spirituellen Plan zu reisen, wobei er den Astralkörper als Wohnstätte für sein Bewußtsein benutzt, das zeitweilig von seinem physischen Körper abgetrennt wird. Jeder Mensch besitzt zwei Körper: den physischen und den spiritue l- len oder astralen. Das wirkliche Selbst des Individuums ist weder mit dem physischen Körper identisch, wie viele glauben, noch entspricht es dem spirituellen oder astralen Körper. Ihr wirkliches Selbst ist Ihr

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Bewußtsein. Obwohl es nicht mit den physischen Augen gesehen werden kann, vermag es, das wirkliche Selbst, jedoch von paraps y- chologisch geübten Personen gefühlt oder empfunden zu werden …

Wenn jemand in seinem Astralkörper reis t, wird er glauben, daß es sich um einen physischen Körper handelt, in dem er umherschwebt. Das Erleben wird als so wirklich empfunden, daß der Geist nicht auf den Gedanken kommt, daß es sich um einen traumhaften Zustand handeln könnte. Ein Traum ist im allgemeinen ein symbolisches Geschehen, in dem die Personen und die Umgebung oftmals aus ihren Normalmaßen heraustre- ten und übersteigert erscheinen. Bei einem Astralflug ersche i- nen alle Dinge auf der materiellen Ebene genauso, wie sie sich der Betrachtung mit den physischen Augen darbieten. Um ein Beispiel zu geben, stellen Sie sich vor, daß sie auf astralem Wege zum Hause eines Freundes reisen. Sie werden dort alles in gleicher Art antreffen, als ob sie körperlich anwesend wären. Oft hatte ich Schwierigkeiten, Skeptikern den Unterschied die- ser zwei Seinsweisen, der physischen und der astralen, zu er- klären. Allein durch ein aktuelles persönliches Erlebnis auf diesem Gebiet wird man wahrnehmen, wie schwer es ist, ande- ren die Art dieser Astralerlebnisse nahezubringen. Astrale Projektionen widerfahren gelegentlich einem jeden, und zwar während des Schlafes oder im Zustande ausgeschalte- ten Bewußtseins. Nichtsdestoweniger werden die oft erhebli- chen Ausmaße dieser Erlebnisse nach dem Erwachen nicht erinnert.

Ich habe John Mittl nicht deshalb zitiert, weil ich alle seine Ideen und Überzeugungen oder seine persönliche Philosophie über das Phänomen der außerkörperlichen Erlebnisse notwe n- digerweise teile, sondern weil seine Beschreibung vieler Pha- sen der astralen Projektion sich zumeist mit den Findungen meiner eigenen Forschungen und experimentellen Erfahrungen deckt.

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Fragen und Antworten auf dem Gebiete der Astralprojektion

Um einige Punkte aufzuzählen, legte ich John Mittl eine Reihe schriftlicher Fragen vor, deren Beantwortungen zum Teil für alle, die dieses Phänomen gründlich zu erforschen wünschen, interessant und wertvoll sein werden, und die ich deshalb hier anführe. Frage: Sind Sie sich im Astralen eines Körpers bewußt, der dort genauso fest erscheint wie im Physischen? Und erscheinen Ihnen im Astralbereich die Sie umgebenden Gegenstände als ebenso fest? Antwort: Ja, ich bin mir des Körpers ebenso bewußt wie der umgebenden Gegenstände. Ich kann diese Frage gründlicher beantworten, indem ich ein Beispiel dafür angebe, was bei ei- nigen meiner Austritte aus dem Körper zu geschehen pflegt. Oft wachte ich auf oder dachte es jedenfalls und ging hinunter, um mir Frühstück zu bereiten. Es war nicht eher, bis ich den elektrischen Kaffeetopf einzustöpseln versuchte, daß ich fest- stellte, in meinem Astralkörper zu sein. Ich habe entdeckt, daß man im Astralkörper keine Gegenstände aufheben oder mit diesen hantieren kann. Erfahrungen dieser Art sind leicht ent- täuschend und veranlassen mich, in meinen noch im Bett lie- genden irdischen Körper zurückzukehren. Bei einer bewußten Astralaussendung scheinen die alltäglichen Dinge im Hause dieselben zu sein, als würden sie mit physischen Augen gese- hen. Frage: Welcher Mittel zur Existenz scheinen Sie im Astralbe- reich zu bedürfen? Atmen Sie so wie im physischen Körper? Antwort: Das ist eine schwierige Frage, obwohl ich sagen kann, daß ich während des Aufenthaltes im Astralkörper das Gefühl absoluter Freiheit und keine Spannung verspüre, und um an einen anderen Ort zu kommen, habe ich lediglich zu denken, daß ich auf dem Wege dorthin bin, und fast unmitte l- bar komme ich dort an. Es gibt zwar auch Ausnahmen. Große Entfernungen erfordern zu ihrer Durchquerung ein wenig Zeit.

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Was das Atmen anbetrifft, so bin ich dessen auf der Astralebe- ne selten bewußt. Wenn ich jedoch in meinen physischen Kör- per zurückkehre, werde ich mir eines unmittelbar eintretenden schweren, mühsamen Atmens bewußt, falls ich während dieser Rückkehr erwache. Frage: Betrachten Sie die Astralebene als wirkliche oder un- wirkliche Welt? Antwort: Der Astralbereich ist für mich der festeste Teil oder Plan der geistigen Welt. Er ist ebenso wirklich wie die phys i- sche Welt. Die Astralwelt befindet sich, wie man es nur be- schreiben kann, in einem höheren Schwingungszustand. Harry Loose, Sylvan Muldoon und John Mittl stimmten hin- sichtlich der zur Aussendung des Astralkörpers anzuwende n- den Techniken allgemein überein. Wie ich bereis früher ausführte, ist völlige Entspannung des Körpers und Geistes erforderlich. Ein Wissender, der den An- spruch erhob, ein Astralwanderer zu sein, machte darüber ein- mal eine weise Feststellung. Er sagte: »Sie müssen in der Lage sein, einzuschlafen – und wach zu bleiben.« Das bedeutet die Fähigkeit, das Körperbewußtsein so vom hö- heren Bewußtsein zu trennen, daß die Persönlichkeit ihrer ge- wöhnlichen Wirkungslage nicht mehr gewahr wird, wenn sie sich aus dem physischen Körper löst. Ein unbewußtes Band wird zwischen dem ausgetretenen Astralkörper und dem phys i- schen Körper ungeachtet der Größe der Entfernung zwischen beide n aufrechterhalten, das oft als eine Art elektromagneti- scher Nabelschnur bezeichnet wird. Sollte dieses Band aus ir- gendeinem Grunde reißen, wie es beim Tode des physischen Körpers der Fall ist, so ist der Astralkörper dann völlig von seiner früheren Fesselung durch das Physische befreit – so wie der Körper des neugeborenen Babys vom Leib der irdischen Mutter gelöst wird, sowie die Nabelschnur durchschnitten wird. Der Astralkörper, in dem die Persönlichkeit nunmehr beheima- tet ist, beginnt in seiner neuen Dimension und Umgebung so-

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fort zu wirken und empfängt die Mittel zur Lebensfähigkeit von dieser seiner neuen Seinsebene genauso, wie sich der Kör- per des Kindes dem Leben in dieser Erdenwelt anpaßt. In ande- ren Worten: Es wird mehr und mehr offenbar, daß die Wese n- heit als Teil des fortgesetzten Schöpfungsaktes die nächste Körperform in sich trägt, die sie bewohnen wird, sowie die Notwendigkeit deren ausschließlicher Benutzung eintritt. Jede Körperform wird allmählich dem Übergang in die nächsthöhe- re Dimension unterworfen.

Die Technik der Astralkörper-Aussendung

Die meisten Praktiker auf dem Gebiete des Astralwanderns sagen, daß die beste Körperstellung zur Vorbereitung des Aus- tritts aus dem Erdenkörper darin besteht, vö llig entspannt und mit seitlich angelegten Armen flach auf dem Rücken zu liegen. Als ich mein erstes bewußtes Erlebnis des Astralaustritts hatte, lag ich auf dem Operationstisch in der Praxis meines Arztes flach auf dem Rücken. Als ich das zweite Mal meinen Körper verließ, lag ich halb seitlich auf dem Ruhebett in meinem Ar- beitszimmer. Viele Menschen berichten, daß sie oft von schweren Alpträ u- men geplagt werden, wenn sie auf dem Rücken schlafen. Da diese Position den Austritt des Astralkörpers am meisten för- dert, mögen diese Menschen ein unvollständiges Ein- und Aus- treten in die Astralebene erleben, wodurch eine Bewußtseins- verzerrung und üble Träume hervorgerufen werden. Ich bin überzeugt, daß wir während des Schlafes den physischen Kör- per verlassen und wieder in ihn zurückkehren, ohne uns für gewöhnlich daran zu erinnern, so daß uns dadurch kein Leid geschieht und wir uns keine Sorgen darüber zu machen haben.

Eine andere Sache aber ist es, wenn wir bewußt versuchen, den Körper zu verlassen und die Kontrolle über unsere Aufnahme- fähigkeit zu behalten, um an diesem Astralabenteuer teilzu-

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nehmen und zu wissen, was vorgeht, und mit der Erinnerung an das ganze Erlebnis zurückzukehren.

Der bloße Gedanke an die Trennung vom Bereich des Phys i- schen genügt, um dem Durchschnittsgemüt Angst einzujagen, da wir zu lange daran gewöhnt wurden, unseren physischen Körper als unsere einzige Behausung anzusehen, und eine Trennung von ihm erscheint uns gleichbedeutend mit Tod. Ei- ne solche Furcht müssen Sie überwinden, oder Sie können sich nicht genügend entspannen und den Geist nicht genug lockern, um Ihrem Astralkörper die Loslösung zu erlauben. Die Suggestion spielt eine wichtige Rolle in der Praxis der Astralwanderung. Dem Versuch, die Astralebene zu betreten, sollte eine Zeit der Meditation vorausgehen, während der Sie Ihren Körper von allen Spannungen und Ihren Geist von allen störenden Gedanken zu befreien suchen. Wenn Sie einen be- stimmten Menschen oder einen bestimmten Ort besuchen möchten, stellen Sie sich vor Ihrem geistige n Auge einen so l- chen Ausflug vor. Bilden Sie sich ein, daß Sie eine bestimmte Person mit Gedankenschnelle erreichen könnten – doch malen Sie sich den wirklichen Besuch aus. Sehen Sie sich bereits dort. Bauen Sie Ihr Wunschbild von einer solchen Astralreise ohne Furcht und mit völligem Vertrauen in Ihre Fähigkeit, Ihr Ziel zu erreichen, aus. Die Erforschung dieses Bereiches ist immer noch Pioniertätig- keit, und Sie mögen auf Anhieb oder für eine gewisse Zeit ke i- nerlei beweiskräftige Ergebnisse erzielen. Doch seien Sie ver- sichert, daß die Möglichkeit solcher Erfahrungen besteht, selbst wenn Sie nicht imstande sein sollten, sie anderen als sich selbst zu beweisen. Wenn Sie einmal die Wohnung eines Freundes oder Angehöri- gen auf diese Weise besuchen konnten und vo n jenen Personen wahrgenommen wurden oder Ihre Gegenwart in anderer Weise fühlbar machten oder auch mit der genauen Erinnerung an die dortigen Vorgänge in den Körper zurückkehrten, so dürften Sie

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dann auch andere von der Tatsächlichkeit solcher Manifesta- tionen überzeugen. Es ist zu empfehlen, einige Stunden vor einer Astralprojektion leicht zu speisen, so daß keine Störungen seitens der phys i- schen Ebene eintreten können. Sie werden vermutlich die er- sten Male nicht lange aus dem Körper abwesend bleiben – und Sie mögen, wenn überhaupt, dieser Anfangsaussendungen nur teilweise bewußt werden. Doch mit zunehmender Übung wer- den Sie Gemütsruhe und Gelassenheit entwickeln, so daß Sie Ihren Astralkörper als ein vom Bereich des Physischen ge- trenntes Werkzeug mehr und mehr unter Kontrolle bringen. Die Erkenntnis, die Sie durch Ihre konzentrierten Bemühungen gewinnen werden, daß Sie unendlich viel mehr sind als bloß ein physikalischer Apparat, wird Ihnen helfen, allen Situatio- nen des Lebens mit großem Vertrauen und großer Selbstsicher- heit entgegenzusehen. Diese Tatsache wird wesentlich zu Ihrer bleibenden Gemütsruhe beitragen.

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Jetzt notieren Sie sich, was Sie im achten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob der Mensch einen

vom Körper unabhängigen Geist besitzt oder nicht. Leider werden angebliche Geister oft von betrügerischen Medien vor- gespiegelt, weil die Menschen so verzweifelt mit ihren abge- schiedenen Lieben in Verbindung zu kommen wünschen. So l- che Manifestationen können nicht willkürlich im wissenschaft- lichen Laboratorium, wo sie besser erforscht werden könnten, bewirkt werden.

z. Doch viele Tatsachen weisen daraufhin, daß die Existenz des menschlichen Lebens auf verschiedenen Ebenen besteht. Im Laboratorium kann ein Kraftfeld gezeugt werden, das eine Le- benskraft sein mag. Es umgibt den lebenden Organismus und verläßt ihn, wenn dieser Organismus stirbt.

3. Tausende von Fällen bezeugen die Möglichkeit des astralen

Reisens in große Entfernungen, um dann in den physischen Körper zurückzuk ehren. Zuweilen zeigt sich dem im Astra l- körper Reisenden die Zukunft.

4. Es scheint, daß eine Aussendung des Astrals unter Bedin- gungen stattfinden kann, in denen der Astralkörper dem Beob- achter wirklich und fest vorkommt. Somit wird der Mensch als körperlich gesehen, während eigentlich nur sein Astralkörper zu Besuch erschienen ist.

5. Die Techniken zur Erreichung der Aussendung des Astra l-

körpers können gelehrt werden, und mit der nötigen Entspa n- nung und Geduld mögen sie angewandt werden.

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Neuntes Kapitel

Was mit Hypnose erreicht und nicht erreicht werden kann

Der Mensch ist von seinen Mitmenschen seit alten Zeiten hyp- notisiert worden und hat ebenfalls selbst hypnotisiert. Die Be- richte über diese uralte Methode der Kontrolle und Beeinflus- sung des Geistes finden sich in frühen Handschriften der ägyp- tischen, persischen, griechischen und römischen Kulturkreise. Östliche Kulturen wandten die Hypnose auch in ihren religiö- sen Riten an. In Indien und Tibet wurde von sogenannten Me i- stern geglaubt, daß sie außergewöhnliche Suggestions- und Hypnosekräfte besäßen. Viele Berichte wurden uns überliefert, die sich auf Wunderhe i- lungen durch die Medizinmänner, Zauberer, Priester und We i- sen der Frühzeit beziehen. Diese Männer hatten entdeckt, daß es durch die Anwendung bestimmter eindrucksvoller Zeremo- nien, Gesänge, Gebärden, suggestiver Laute und Worte mö g- lich war, einen Gläubigen oder Anbeter in den Trancezustand zu versetzen und ihn auf solche Art unter den Einfluß dieser Mittel kommen zu lassen, daß sie Änderungen in dessen kör- perlichem oder seelischem Zustand bewirken konnten. In den meisten Fällen wußten diese Heiler wenig über die Art der von ihnen angewandten Kraft, doch erfreuten sie sich des durch ihre hypnotische Macht verliehenen Einflusses auf andere. Daß sie ein paar Schritte machten, ein paar Worte sagten und einen anderen Menschen schon in Schlaf versetzt hatten, war eine Tat, welche diese Hypnotiseure als besonders begabte Wesen über ihre Mitmenschen hinaushob. Sie waren ebenso gefürchtet wie geachtet. Heutzutage wird die Hypnose allgemein anerkannt und in ih- rem Wesen weitgehend verstanden. Die Zeiten, in denen sie als Varietedarbietung gezeigt wurde, sind im allgemeinen vorüber, und infolge ihrer Anerkennung und Anwendung durch Ärzte,

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Zahnärzte, Psychiater, Psychoanalytiker, Chiropraktiker sowie durch manche Erzieher und psychologische Berater wurde der Praxis der Hypnose ein gewisser Mantel der Würde umge- hängt. Weit zurück liegen die Tage der Pionierarbeit des Wiener Ar z- tes Franz A. Mesmer (1734-1815), dessen frühe Experimente auf dem Gebiete der Hypnose weites öffentliches Interesse erweckten. Er glaubte an magnetische Kräfte, die in Verbin- dung mit Suggestionen, schwach beleuchteten Zimmern, leiser Musik, anregenden Düften, geheimnisvollen Strichen entlang den Körpern der Patienten deren Gemüter und damit deren Körper beeinflussen sollten. Ihm folgte der englische Arzt James Braid (1795-1860), der bewies, daß die Reaktion auf Hypnose ein subjektiver Prozeß war und nicht der Anwendung magnetischer Mittel oder Be- handlungen bedurfte und daß man einen Menschen einfach durch sein Hineinstarren in ein helles Objekt in einen Schlafzu- stand versetzen konnte. Diesem Forscher gesellte sich Dr. Ja- mes Esdaile (1808-1859), ein Chirurg in Kalkutta in Indien, hinzu, der die Hypnose als Betäubungsmittel bei der erfolgre i- chen Durchführung einiger hundert Operationen, darunter auch Amputationen, anwandte. Zwei ärztliche Schulen, die Hypnose lehrten, wurden im aus- gehenden 19. Jahrhundert in Frankreich gegründet. Die eine war die Schule von Nancy unter Dr. Liébeault; die andere die Salpétrière-Schule unter Professor Charcot. Zu jener Zeit wur- de praktische Hypnose in verschiedenen Fällen von Hysterie angewandt, und man hatte geglaubt, daß nur hysterische Perso- nen hypno tisiert werden könnten. Seither wurde natürlich be- kannt, daß die Symptome der Hysterie, der Neurosen und Ps y- chosen in jedem unter hypnotische Kontrolle gebrachten Me n- schen hervorgerufen werden können. Es blieb Dr. Sigmund Freud (1856-1939) vorbehalten, der den Hypnotismus an der Nancy-Schule studierte und mit den Arbeiten der Doktoren Liébeault und Charcot vertraut war, das

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Wesen der Hypnose in bezug auf physische und seelische Krankheit zu klären. Viele andere Ärzte trugen mit ihren For- schungen und mit ihren Erkenntnissen dazu bei, den sich ent- wickelnden Zweig des Hypnotismus zu bereichern; doch es soll hier nicht der Versuch gemacht werden, eine Geschichte dieser Entwicklung darzulegen. Meine Absicht ist es, lediglich den Ursprung und die Grundzüge des Hyp notismus aufzuzeigen, um eine Basis zur Erörterung der praktischen Anwendung hin- sichtlich der Auflockerung und Verbesserung der außersinnli- chen Wahrnehmungsfähigkeiten zu haben.

Was ist Hypnose?

Kein Mensch weiß genau, welches Prinzip genau der Hypnose zugrunde liegt, doch es können viele Dinge unter dem Einfluß von Hypnose vollbracht werden, die der Mensch normalerwe i- se nicht zu tun imstande ist. Wenn Sie hypnotisiert sind, so sind Sie nicht wirklich ohne Bewußtsein; Sie stehen dagegen über dem Bewußtsein. Ihre bewußte Willenskontrolle ist der Person unterworfen worden, die Sie hypnotisiert hat. Sie wer- den den Vorschlägen oder Anweisungen des Hypnotiseurs ent- sprechen. Sie werden das Gefühl haben, daß Sie alles nur mö g- liche tun möchten, um ihn zufriedenzustellen. Wenn er wünscht, daß Sie wie ein Hund bellen oder auf dem Kopf ste- hen, so werden Sie es tun. Ihnen wird keine Tat unvernünftig oder lächerlich erscheinen und selbst nicht Ihren moralischen Vorbehalten zuwiderlaufen, wenn der betreffende Hypnotiseur es versteht, Sie dabei auf eine Weise zu führen, die Ihrem Un- terbewußtsein annehmbar ist. Was immer Sie auch im hypnoti- sierten Zustand ausführen und erleben werden, es wird Ihnen sehr real erscheinen, und Sie werden dem suggerierten Bild entsprechend reagieren, möge dieses zum Beispiel der Anblick einer Schlange, die Berührung eines sehr heißen oder sehr ka l- ten Gegenstandes oder der Aufenthalt in einem schaukelnden Boot sein.

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Der Hypnotiseur kann Ihnen auch suggerieren, daß Sie keine Erinnerungen an die in der Hypnose erlebten Geschehnisse zurückbehalten werden, wenn Sie erwachen, und daß Ihr Geist dann gleichsam ein unbeschriebenes Blatt ist. Oder aber es wird Ihnen ermöglicht, mit vollständiger Erinnerung an die in der Hypnose vielleicht erlebten Possen zu erwachen, und sie könnten dann Ihrer ausgesprochenen Entrüstung darüber Aus- druck geben, daß Sie unter Umständen zu Erlebnissen geführt worden sind, die Sie verstandesmäßig nicht billigen. Sie kö n- nen im hypnotisierten Zustand auch in die Zeit Ihrer ersten Schreibversuche, in Ihr erstes Schuljahr zurückversetzt werden, und Sie werden dann in derselben ungelenken Handschrift wie damals schreiben und auch ebenso kindlich schwatzen.

Die Gefahren der Hypnose

Die vorstehenden Ausführungen beziehen sich mehr oder we- niger auf die Aspekte der Hypnose, wie sie auf der Bühne und zur gesellschaftlichen Unterhaltung angewandt werden, doch sind sie für das Bestehen einer mächtigen und immer noch weitgehend ungenutzten Kraft bezeichnend. Fast jeder Mensch kann binnen einer Stunde das Hypnotisieren erlernen. Hierin liegt eine der großen Gefahren. Junge Leute, die sich auf Grund eines der billigen sensationellen Bücher gegenseitig zu hypno- tisieren gelernt haben, verschafften sich damit die Möglichkeit zur Verstrickung in alle Arten geistiger, seelischer und sexue l- ler Schwierigkeiten. Es gibt schon genug Gefahren bei der Anwendung der Hypnose, sowohl durch den durchschnittlichen Bühnenkünstler als auch durch den erwachsenen Amateur, der diese Praxis nur als Spiel auffaßt.

Tatsächlich aber übernimmt jeder Mensch, der einen anderen hypnotisiert, eine größere Verantwortung, als im allgemeinen angenommen wird. Jedes Individuum besitzt eine ganz persön- liche geistige und seelische Struktur. Es mag gewisse seit lan-

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gem eingewurzelte Hemmungen oder Komplexe oder Ängste besitzen, die zurückgedrängt wurden und durch das Mittel der Hypnose in gefährdender und unkontrollierter Weise durch- brechen können. Wenn der Hypnotiseur unter diesen Umstän- den nicht sowohl mit physiologischem als auch psychologi- schem Wissen ausgestattet ist, wird er wahrscheinlich unfähig sein, die Situation zu beherrschen. Nervöse und seelische Lei- den können außer physischen Störungen aus der blinden, wenn auch gutgemeinten, Anwendung der Hypnose erwachen.

Die amerikanische medizinische Gesellschaft hat endlich die Berechtigung der hypnotischen Anwendung in bestimmten Fällen, wie zum Beispiel in der psychiatrischen Behandlung und bei der Kindergeburt, anerkannt, jedoch mit Recht vor dem Mißbrauch der Hypnose durch Amateure oder unüberlegte Praktiker gewarnt. Viele Ärzte und Zahnärzte haben in dem Bestreben, schnell Nutzen aus diesem neuen Zweig der Hyp- notherapie zu ziehen, sogenannte »Schnellkurse« des Hypno- tismus absolviert, ohne sich genügend über den Hintergrund dieses Gebietes zu unterrichten oder das Wirken des Geistes und der Emotionen zu verstehen. Die Ergebnisse solcher stüm- perhaften Versuche sind zuweilen erschreckend und ernüc h- ternd gewesen. Mit dem Geist kann man keine spekulativen Versuche anste l- len. Er mag sofort auf eine gegebene Suggestion reagieren, ohne bedenken zu können, ob die Folgen gut oder böse sind. Ursprünglich wird jede Handlung des menschlichen Wesens von einem ihm suggerierten Wunsch oder Trieb bestimmt wie Hunger, Liebe, Haß und dergleichen, die aus einer fast unend- lichen Vielzahl von Erfahrungen erwachsen. Der erfolgreiche Mensch hat gelernt, seine Beeindruckbarkeit derartig zu be- herrschen, daß er vor allem nur jenen Regungen nachgibt, die gut für ihn sind, und jene zurückweist, die ihn schädigen. Die verhältnismäßig junge Entdeckung durch die Wissenschaftler, daß unsere Augen und Ohren Bilder und Laute wahrnehmen

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und sie im Unterbewußtsein bewahren, ohne solcher Registrie- rung im Augenblick bewußt zu sein, führte zur sogenannten »unterschwelligen Ankündigung«, einer Technik, die jetzt auch als Schnell-Unterrichtsmethode gelehrt wird. Diese Technik besteht darin, daß ein Mensch bereits durch diese unterschwel- ligen Eindrücke vorbereitet ist, wenn er später mit einem Er- gebnis oder einer Tatsache konfrontiert wird, die es dann seiner bewußten Aufmerksamkeit zuzuführen gilt. Diese Technik ist gewiß eine Form der Hypnose. Einige Erfor- scher des menschlichen Geistes stellen jetzt Überlegungen über die Möglichkeiten an, durch eine erfinderische Anwendung suggestive Bilder und Laute eines Tages große Bevölkerungs- teile zu Massenreaktionen in beliebig diktierter Richtung zu bringen! Deshalb ist es für jeden Menschen, der seine Unantastbarkeit und den Besitz seines freien Willens schätzt, sehr wichtig zu wissen, wie er sich gegen die suggestiven Einflüsse seiner Umwelt schützen kann.

Der Geist zeichnet alles auf

Wie uns der Hypnotismus zeigt, scheint der menschliche Geist weitgehend wie ein Fernsehaufnahmegerät zu arbeiten. In Form von Gedankenbildern fotografiert der Geist jede Erfa h- rung so, wie sie erlebt wurde, zusammen mit allen Äußerun- gen, die zu den und durch die beteiligten Personen gesprochen wurden, so daß wir, um in diesem Bilde zu bleiben, einen voll- ständigen Film in genauer Folge dem Gedächtnis zugeführt bekommen. Durch Hypnose vermag Ihnen jeder Lebensab- schnitt vom frühesten Eindruck bis zum gegenwärtigen Mo- ment wieder vergegenwärtigt werden. Sie können auf diese Weise ein Gedicht rezitieren, eine Unterhaltung wiederholen, eine Situation beschreiben oder sich eines Zwischenfalles erin- nern, den Sie bewußt seit langem vergessen haben. Falls Sie früher irgendeine unglückliche oder beklemmende sexuelle

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Erfahrung oder andere beunruhigende Erlebnisse hatten, die Sie verdrängt hatten, so können diese unter Hypnose aus der Versenkung geholt und Ihrer bewußten Kenntnisnahme unter- breitet werden.

Der Aufnahmeapparat Ihres Geistes setzt niemals aus. Der Film Ihres Gedächtnisses läuft ununterbrochen. Jede Szene, die zum geistigen Bild für Sie wird, hat sich mit Ihrer damit verknüpften Gefühlsreaktion verbunden, ob es sich bei diesem Gefühl nun um Furcht, Haß, Ärger, Kummer, Gram, Neid, Glück oder Liebe handeln möge. Es ist alles in Ihrem Unter- bewußtsein vorhanden – das Gute, das Indifferente und das Böse. Und es hängt großenteils von Ihrer Verwertung und Auswahl der Lehren aus der Vergangenheit und von Ihren sich darauf beziehenden Entscheidungen ab, was in der Zukunft geschehen wird.

Hieraus können Sie ersehen, daß irgendein Einfluß mit der Neigung, die Ereignisse aus ihrem Zusammenhang zu reißen und bestimmte Abschnitte Ihres Lebens verzerrt zu beleuchten, zu geistigen und seelischen Störungen führen kann. Wenn ein Hypnotiseur, und sei es absichtslos, derartige Erscheinungen verursacht hat, muß er auch dazu vorbereitet sein, Ihnen bei der psychologischen Bewältigung der auftauchenden Probleme zu helfen. Hierin liegt eine der größeren Schwierigkeiten, denen wir im Hypnotismus begegnen. Man kann in diesen Fällen die Sugge- stion erteilen, daß ein Mensch eine tief eingewurzelte Angst überwunden und eine mutige Haltung eingenommen hat, oder daß er vom Leiden des Stotterns befreit ist und ungehemmt sprechen kann, oder daß er beispielsweise von Trunksucht oder anderen Gewo hnheiten frei ist. Solche Suggestionen können beachtliche Erfolge zeitigen. Doch läßt die Wirkung im Laufe der Zeit nach, und es können wiederholte hypnotische Behand- lungen zur möglichen Aufrechterhaltung der guten Ergebnisse

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erforderlich werden. Der Grund hierfür liegt darin, daß die Ur- sache der zu beseitigenden negativen Erscheinungen nicht er- faßt wurde, sondern der Hypnotiseur konnte nur die Symptome beseitigen. Es ist deshalb selten, daß durch Hypnose irgendwelche Dauer- erfolge auf diesen Gebieten erreic ht werden können. Schlim- mer ist es, wenn der Mensch zwar durch Hypnose von irgend- welchen schädlichen Angewohnheiten befreit wurde, er aber dann nach möglicherweise viel schädlicheren Ersatzhandlun- gen sucht, da die Grundursachen der ursprünglichen Symptome nicht ausgerottet wurden. Schließlich gibt es den Fall, daß sich ein Mensch auf der Suche nach Hilfe an die hypnotischen Be- handlungen so klammert, wie er sich früher an Beruhigungs- mittel oder andere Behandlungsmethoden klammerte, und se i- nen wirklichen Fehlern nicht gegenübergestellt werden oder die Verantwortung für seine eigenen Gedanken und Taten nicht übernehmen möchte.

Man kann ohne seine Zustimmung hypnotisiert werden

Man sagt, daß etwa 80 bis 8 5 Prozent der Menschen hypnoti- sierbar seien. Hierzu gehören auch viele jener Menschen, die unter dem Eindruck stehen, daß man sie niemals ohne ihre Zu- stimmung und ohne ihr Mitwirken hypnotisieren könne. Die Ansicht dieser Gruppe ist falsch. Ein tüchtiger Hypnotiseur kann die Aufmerksamkeit eines Menschen, der sich gegen je- den suggestiven Einfluß für immun hält, einfangen und ihn durch den bloßen plötzlichen Kommandoruf »Einschlafen!« und durch ein Schnappen der Finger in Hypnose versetzen. Einige Hypnotiseure haben den Ruf, daß sie imstande sind, viele Menschen zugleich, und selbst zum ersten Male, inner- halb von fünf bis zwanzig Sekunden zu hypnotisieren! Es hängt alles von der Art und Weise der Durchführung der Hyp- nose und von den Bedingungen ab. Wenn ein Mensch bereits einmal hypnotisiert worden ist, wird er für weitere hypnotische

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Suggestionen stets empfänglich sein. Ein bloßes Kopfnicken, ein Schlüsselwort oder eine Bewegung des Hypnotiseurs kö n- nen den Betreffenden in Schlaf versetzen. Irgendein anderer Mensch vermag sogar für gewöhnlich eine bereits einmal hyp- notisierte Person verhältnismäßig leicht in Hypnose zu verset- zen. Dann gibt es eine indirekte Form der Hypnose, bei der jemand, der lediglich einen Hypnotiseur bei der Arbeit beo- bachtet, plötzlich selbst in den Schlafzustand fällt, obwohl die Bemühung einem anderen galt. Die »Faszinations«-Technik wird häufig angewandt. Dabei nimmt man einen an der Kette oder Schnur befestigten Gegenstand, der vor den Augen des zu Hypnotisierenden in Kreisbewegungen versetzt wird, während diesem befohlen wird, diesen Bewegungen mit den Augen zu folgen. Der Hypnotiseur spricht folgende Suggestionen: »Sie sind mü- de … Ihre Augenlider werden schwer … Sie können sie nicht mehr offenhalten … Sie können es versuchen, doch sie sind zu schwer … sie sind fest geschlossen … Sie könne n es nicht ver- hindern … sie sind geschlossen …« und so weiter. Wenn der Betreffende auf einer Couch liegt oder sich in einem bequemen Sessel ausstreckt, wird er bald entdecken, daß er seine Augen nicht mehr Öffnen kann, daß er sich nicht mehr rühren kann und daß er danach außerstande ist, seinem eigenen Willen zu folgen, sondern den Anweisungen des Hypnotiseurs unweiger- lich folgen muß.

Die Leistungen des Hypnotismus

Es gibt zahlreiche segensreiche Anwendungen der Hypnose. Sie werden mit zunehmender Erfahr ung und durch weitere Ex- perimente anwachsen. Ärzte schlagen jetzt die Anwendung der Hypnose zur Bewältigung einiger Probleme der Weltraumflüge vor. Sie glauben, daß den Piloten Selbsthypnose zur Herabset- zung ihres Stoffwechsels und ihres Sauerstoffbedarfs gelehrt werden kann, so daß für sie andernfalls unmöglich erreichbare

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Körperbedingungen zur Bewältigung weiter Weltraumreisen zum Mond und zu den Planeten geschaffen werden. Bereits heute wird Patienten, bei denen eine Hautverpflanzung vorge- nommen wurde und die zwölf Wochen lang bewegungslos in bestimmten Lagen verharren müssen, dieses durch Hypnose ermöglicht. Auch in der psychiatrischen Behandlung wurden Kunstgriffe durch Hypnose möglich, indem der Patient in jenen Zeitraum oder in jene Zeiträume zurückge führt wurde, in denen die seine Psychose auslösenden Ereignisse eingetreten waren. Der Kra n- ke kann auf diese Weise bewußt mit diesen seinen Erlebnissen konfrontiert werden, und man kann ihn lehren, diese zu durc h- schauen und ihre Wirkung auf ihn auszuschalten. Die Furcht vor der Kindergeburt und die mit dem Geburtsvor- gang verbundenen Schmerzen können durch hypnotische Ein- wirkungen bedeutend gemildert werden. Als Ersatz für die Be- täubung bei vielen Arten von Operationen erweist sich die Hypnose als höchst wirksam. Im Falle ihrer Anwendung beo- bachten wir kein Erbrechen oder unangenehme Symptome im Gefolge der hypnotischen Betäubung. Bei der Durchführung von Herz- und Gehirnoperationen ist der Patient nicht nur schmerzfrei, sondern er kann auch jederzeit geweckt werden, wenn seine bewußte Mitwirkung notwendig sein mag. Auf dem Gebiete der sexuellen Störungen haben Psychologen und Psychiater die Hypnose angewandt, um den Betroffenen bei der Überwindung von Impotenz, Frigidität, Angst vor der Ehe und in zahlreichen anderen persönlichen und ehelichen Schwierigkeiten zu helfen.

Die metaphysische Seite des Hypnotismus Aus obigen Ausführungen, die nicht den Anspruch der Aufzä h- lung aller möglichen Anwendungsarten der Hypnose erheben, kann ersehen werden, daß die Nützlichkeitsskala derselben äußerst weit ist. Wir haben indessen noch nicht den metaphys i- schen Aspekt der Hypnose, ein Gebiet für sich selbst, berührt.

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Vor einigen Jahren erregte ein Buch mit dem Titel »Der Fall der Bridey Murphy« großes Aufsehen. Es handelte sich um einen Bericht über die früheren Leben einer Hausfrau, die als Ergebnis hypnotischer Rückversetzung erfahren wurden. Es gab zahlreiche andere Geschichten dieser Art, und es traten sogenannte Hellsehmedien auf, die auch Hypnose-Sitzungen inserierten und den Teilnehmern »Reinkarnationsschauen« für beträchtliche Vergütungen boten. Ehrenhafte, aber leichtglä u- bige Männer und Frauen, die sich dem Glauben an die Rein- karnation verschworen haben, nahmen solche Sitzungen wahr. Als Schriftsteller, der gründlich sowohl mit der schöpferischen Imagination als auch mit den Funktionen des Unterbewußtseins vertraut ist, kann ich beurteilen, wie jeder Mensch mit oder ohne Hilfe der Hypnose seine schöpferische Kraft suggestiv in Tätigkeit setzen und eine Reihe dramatischer Geschehnisse, die sich auf ihn oder andere beziehen, als angebliche Erlebnisse aus vergangenen Leben in sein Vorstellungsleben bringen kann. Der Hypnotisierte wünscht stets, den Hypnotiseur zufrie- denzustellen. In den meisten Fällen hat die genaue Erforschung des gegenwärtigen Lebens eines in der Hypnose zeitlich zu- rückgeführten Menschen ergeben, daß der Geist dieses Hypno- tisierten auf erfinderische Weise verschiedene längst vergesse- ne Erlebnisse hervorholte und sie mit imaginär geschöpften Charakteren an eingebildeten Orten verknüpfte, um nur dem Hypnotiseur die erwünschten Reinkarnationshinweise zu ver- schaffen. Ich stelle fest, daß viele Menschen geradezu einen inbrünstigen religiösen Glauben an die Reinkarnation besitzen. Ich verwerfe diesen Glauben nicht. Ich stelle als Forscher, der sich zeitle- bens der Erforschung der Geheimnisse des Geistes widmete, lediglich fest, daß wir bessere Beweise brauchen. Bedauerli- cherweise fabrizieren viele Menschen, die den Anschein me- dialer Fähigkeiten erwecken, mit Vorbedacht schwindelhafte »Reinkarnationsschauen«, die sie den gutgläubigen und auf- richtigen Anhängern teuer verkaufen. Ein Medium inseriert

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tatsächlich, daß die »Verwandtschaft aller Kinder und der El- tern in den vergangenen Jahren enthüllt würde, um ein gege n- seitiges besseres Verständnis und bessere Anpassung zu er- möglichen«. Gewöhnlich behaupten diese sogenannten Medien, daß sie ei- nen »Führer« besäßen, der in der »Akasha-Chronik« lesen und so die intimsten Einzelheiten aus den Vorleben des Indivi- duums ermitteln könne. Jene Menschen, die solche »Enthül- lungen« für wahr hielten, wurden oft verwirrt und fühlten sich hilflos in der Meinung, daß diese ihre mißliche Lebenslage kaum zu ändern sei und daß sie als Teil der »karmischen Stra- fe« für Vergehen des vergangenen Lebens betrachtet werden müsse. Persönlich kenne ich zwei sonst hochanständige Da- men, die als Folge dieser unechten »Reinkarnationsschau« der- artig seelisch verwirrt wurden, daß sie ihre Ehemänner um an- derer Männer willen verließen, von denen sie »fühlten«, daß sie »Seelengefährten« in früheren Leben gewesen seien.

Verschiedene Stadien der Hypnose

Es gibt drei Arten in der Hypnose. Diese können als die leichte, die mittlere und die tiefe bezeichnet werden. Ein Mensch unter leichter Hypnose hä lt seine Augen geschlossen, ist unfähig, sie zu öffnen, ist entspannt und schläfrig, atmet regelmäßig, aber kann sich nicht bewegen oder sprechen, ehe es ihm nicht vom Hypnotiseur erlaubt ist. Im Stadium der mittleren Hypnose tritt eine teilweise Gedächtnislosigkeit ein, der Mensch ist sich ke i- ner Schmerzen bewußt, man kann ihn veranlassen, zu halluzi- nieren und einfache posthypnotische Befehle ausführen. In der tiefen Hypnose kann der Mensch mit offenen Augen umherge- hen und sprechen und befindet sich dabei im Zustande völliger Gedächtnis- und Gefühllosigkeit. Man kann ihm einreden, daß er Dinge sieht, die nicht wirklich vorhanden sind, und man kann komplizierte posthypnotische Befehle erteilen.

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Je tiefer der hypnotische Schlafzustand ist, desto mehr werden die Fahrigkeiten außersinnlicher Wahrnehmung des Hypnoti- sierten aktiviert. Unter diesen Bedingungen kann man ihm be- fehlen, den Körper zu verlassen und einen bestimmten Men- schen oder einen bestimmten Platz zu besuchen und darüber zu berichten, was er dort sieht und hört.

Hypnose und Astralwanderung

Dr. Thomas Garrett, ein therapeutischer Hypnotiseur, der Pio- nierarbeit durch Hypnose-Behandlung von Soldaten des ersten Weltkrieges, die einen Schock erlitten, leistete, erzählte mir von einer außergewöhnlichen Erfahrung, die er mit einem Pri- vatpatienten machte. Dieser junge Mann, Sohn eines berühm- ten Broadway-Dramatikers, kam wegen einer aufgelösten Liebschaft in erregtem Gemütszustand zu Dr. Garrett. Dieser wandte Hypnose an und erfuhr von seinem Patienten, daß er mit seiner früheren Braut, einer Studentin in Wellesley, über irgendeine belanglose Sache in Streit geraten war und daß sie ihren Ring zurückgegeben hatte. Dr. Garrett sagte auf Grund eines Einfalles zu dem hypnotisier- ten jungen Mann, daß er die Frau, die er liebe, besuchen und festzustellen trachten könne, wie sie nun zu ihm stehe. Dr. Gar- rett erklärte ihm, daß er die Macht habe, seinen physischen Körper in seiner Astralgestalt zu verlassen und direkt in das Haus in Wellesley zu reisen, das die junge Dame bewohnte. Es gab einen Augenblick der Stille. Dann verkündete der Hypnoti- sierte, daß er im Flur außerhalb der verschlossenen Tür des Mädchens stünde. »Lassen Sie sich dadurch nicht aufhalten«, sagte Dr. Garrett. »Sie können direkt durch die Tür gehen. Gehen Sie also hinein und berichten Sie mir, was sie tut!« Nach einem weiteren Augenblick des Schweigens sagte der junge Mann: »Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und schreibt ei- nen Brief.“

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»Das ist gut«, sagte Dr. Garrett. »Sehen Sie ihr über die Schul- ter und lesen Sie mir vor, was sie schreibt.« Fast augenblicklich nahm das Gesicht des hypnotisierten Ma n- nes einen Ausdruck der Überraschung und Freude an. »Nanu, sie schreibt an mich!« »Was teilt sie denn mit?« forderte Dr. Garrett zu wissen und nahm einen Bleistift auf. Der junge Mann las Dr. Garrett dann einige Einleitungssätze vor, in denen es hieß, daß das Mädchen ihrerseits traurig über den Streit mit ihrem Verlobten sei, um Verzeihung bitte und auf Versöhnung hoffe. Der junge Mann wurde so aufgeregt, daß er versuchte, das Mädchen zu umarmen. Die Reaktion auf seinen physischen Körper war so heftig, daß Dr. Garrett ihn schnell von seinem astralen Abenteuer zurückholte und ihn mit der Suggestion weckte, daß er sich alles Vorgefallenen erin- nern würde. Spät am folgenden Tage empfing dieser junge Mann einen Eilbrief von seinem Mädchen – es war derselbe Brief, dessen Inhalt er bereits entweder auf astralem oder tele- pathischem Wege wahrgenommen hatte! Dr. Garrett zeichnete diesen Fall in allen Einzelheiten in seinen Akten auf. Es gab lediglich wenige Worte im Originalbrief, die von den vorher erfahrenen Worten abwichen.

Das Mysterium des automatischen Schreibens

Es ist bereits eine stattliche Anzahl authentischer Fälle be- kannt, daß ganze Bücher durch »automatisches Schreiben« ihrer in Trance oder im Schlafzustand befindlichen Schreiber entstanden. Die Autoren oder Inspiratoren dieser Bücher haben sich in einigen Fällen als höhere Intelligenzen aus anderen Di- mensionen oder von anderen Planeten oder als entweder be- kannte oder unbekannte Menschen, die bereits früher auf der Erde lebten, bezeichnet. Es ist natürlich schwierig, wenn nicht unmöglich, die Authentizität einer solchen vorgeblichen Autor- schaft zu prüfen.

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Dennoch ist es bezeichnend, daß die sensitiven Individuen, durch deren Hirne oder Hände diese Manuskripte übermittelt wurden, diese niemals in ihrem normalen Bewußtsein hätten schaffen können. Das zuweilen höchst komplizierte, ins einzel- ne gehende, tiefgründige und wohlgeordnet dargebotene Mate- rial dieser automatischen Schriften stellt ein Geheimnis dar. Doch irgendwoher muß dieses Wissen kommen. Erschöpfende Nachforschungen in der Vergangenheit einiger dieser automa- tischen Schreiber wurden angestellt, die schlüssig bewiesen haben, daß diese Schreiber sich keinen Zugang zu dem Materi- al, über das sie schrieben, verschafft haben konnten.

Jedem echten Sensitiven, der außerordentliche, gutdokume n- tierte automatische Schreiben, die der ernsten Erforschung und Beachtung wert sind, produzierte, stehen indessen Tausende von Männern und Frauen gegenüber, die sich lediglich einbil- den, mit höheren Intelligenzen in Verbindung zu sein, ja in einigen Fällen sogar von »Gott persönlich« Diktate zu empfa n- gen! Diese Menschen können durchaus aufrichtig sein, sind aber nichtsdestowe niger Opfer ihrer selbsttäuschenden Prakti- ken. Sie haben herausgefunden, daß sie einen Gedankenstrom aufnehmen, der scheinbar nicht ihr eigener ist und den sie in Form automatischen Schreibens manifestieren können, sowie sie ihrem Unterbewußtsein freien La uf zur scheinbaren Erfül- lung ihres Sehnens nach geistiger Führung und Eingebung las- sen. Solche Menschen handeln tatsächlich im Zustande leichter Selbsthypnose. Eine Analyse des in diesen Fällen produzierten Materials und eine Untersuchung des betreffenden Individuums zeigen für gewöhnlich, daß die zum Ausdruck gebrachten Ge- danken in Übereinstimmung zu den vorgefaßten Gedanken und Überzeugungen stehen. Oft zeigt sich auch der Einfluß einer Zweitpersönlichkeit, die von diesen Menschen selbst geschaf- fen wurde, und zwar als Folge vorher unterdrückter Wünsche,

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und die nun in der Maske einer »höheren Intelligenz« oder ir- gendeiner angeblich jenseitigen Wesenheit ungehindert spre- chen und den Gedanken, Wünschen und Bestrebungen des an- geblichen Mediums Ausdruck verleihen kann. Hier haben wir einige der größten Schwierigkeiten, denen sich der parapsychologische Forscher gegenübersieht, der versucht, das Wirkliche vom Unwirklichen zu trennen. Wir wollen uns jedoch hier daran erinnern, daß alle Religionen und sämtliche hö heren spirituellen Erkenntnisse auf dem Wege durch das Innere des Menschen gekommen sind. Die frühen spirituellen Autoren, von denen viele im allgemeinen als Insp i- rierte betrachtet werden, müssen das übermittelt haben, was ihnen Ergebnis des Diktates einer »direkten Stimme« oder ei- ner leibhaftigen »Erscheinung« dünkte. In der ganzen Religi- onsgeschichte finden wir zahlreiche Hinweise auf Botschaften, die aus übernatürlichen Quellen geschöpft wurden. Die Bibel enthält diese Feststellung: »In einem Traum, in einer Schauung in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fällt, die auf ihren Betten schlummern: Dann öffnet Er die Ohren der Me n- schen und siegelt sie mit ihrem Auftrag.«

Wenn wir bereit sind, die Wahrheit dieser Offenbarungen aus der Vergangenheit anzunehmen, müssen wir auch die offen- kundige Tatsache akzeptieren, daß die sogenannte Offenba- rung noch heute durch den Geist irgendeines echt begabten, geistig veranlagten oder entwickelten Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort erfolgen kann.

Hypnose und freier Wille

Seit eine Verbindung von Geist zu Geist besteht, gilt der Grundsatz, daß der Einfluß des einen Geistes auf den anderen desto größer ist, je enger beide vereinigt sind. Dies gilt beso n- ders für den Hypnotismus. Aus diesem Grunde sollte sich je- dermann, der erwägt, sich einer Behandlung durch Hypnose zu

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unterziehen, der Ehrenhaftigkeit des Hypnotiseurs versichern. Sowie erst der sogenannte Stromkreis zwischen dem Geist des Hypnotiseurs und dem Geist seiner Versuchsperson geschlos- sen ist, beginnt ein Austausch der Gedanken und Gefühle auf unterbewußten Ebenen. Ein spiritistisches Medium bezieht sich oft auf den Kontakt zwischen sich und dem Sitzungsteilnehmer als einen »Rap- port«. Ein solches Medium muß diese Verbindung herstellen, ehe es glaubwürdige Nachrichten entweder von Intelligenzen von der »anderen Seite des Lebens« oder vom Empfänger der Botschaft selbst erhält. Obwohl der gute Hypnotiseur nicht die Funktionen eines Mediums erfüllt, muß er nichtsdestoweniger imstande sein, die weitmöglich vollständige geistige Kontrolle über seinen Patienten auszuüben und aufrechtzuerhalten. Es sind Fälle demonstriert worden, in denen diese Kontrolle so vollständig war, daß der Hypnotiseur nur an die Handlungen, die seine Versuchsperson ausführen sollte, zu denken brauchte, und die Person reagierte sofort und bedingungslos. Einige Menschen wurden in Schlaf versetzt und erweckt und auf hypnotische Weise zur Ausführung verschiedener Hand- lungen veranlaßt, während sie viele Meilen vom Hypnotiseur entfernt waren. Dazu wurden sie natürlich durch vorherige Er- teilung posthypnotischer Suggestionen veranlaßt, indem ihnen befohlen wurde, allein dem Willen des Hypnotiseurs zu ent- sprechen. In einigen Fällen genügt das bloße Anhören der Stimme des Hypnotiseurs durch das Telefon, um einen Me n- schen in Trance zu versetzen.

der

Hypnose sollte es sich jeder Mensch, der den Besitz seines ei-

genen freien Willens schätzt, mehr als zweimal überlegen, ehe er sein Bewußtsein einer hypnotischen Demonstration unter- wirft, die an der Oberfläche nur eine kleine harmlose Gesell- schaftsunterhaltung zu sein scheint.

Unter

diesen

augenscheinlich

machtvollen

Leistungen

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Sollte der Hypnotiseur beispielsweise eine seelisch zwiespält i- ge oder unruhige Persönlichkeit sein, gehen seine Patienten oder Versuchspersonen das Risiko ein, daß ihnen diese Uns i- cherheit übertragen wird. Selbst wenn sich ein gewöhnlicher, ausgeglichener Hypnotiseur gerade zur Zeit der durchzufüh- renden Hypnose über irgend etwas persönlich beunruhigt füh- len sollte, oder wenn er ein schweres persönliches Problem in seinem Geist mit sich herumträgt, so befindet sich der Mensch unter seiner Kontrolle in der Gefahr, unangenehm von dessen Gedanken und Gefühlen berührt zu werden. Wenn der Hypno- tisierte selbst seelisch labil ist, können seine Gefühle in tie f- greifende Verwirrung geraten und ihn zu Handlungen verleiten, die er im Normalfall nicht ausführen würde; diese Handlungen kann er selbst nach der Befreiung vom hypnotischen Einfluß ausführen. Sind solche Effekte erst einmal aufgetreten, können sie der medizinischen oder psychiatrischen Behandlung bedür- fen.

Der Mißbrauch der hypnotischen Gewalt

Lange andauernde und fortgesetzte Unterwerfung unter hypno- tische Kontrolle über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren, wie es im Falle der Versuchsperson eines Bühnen- Hypnotiseurs gegeben ist, zeitigt keine guten Auswirkungen für jene Person. Ich traf neulich die frühere Ehefrau eines so l- chen Hypnotiseurs. Er hatte sie vor einigen Jahren geheiratet, um sie zu seiner Partnerin bei seinen hypnotischen Darbietun- gen zu machen. Im Laufe der Zeit begann sich der seelische und körperliche Gesundheitszustand der Frau zu verschlec h- tern. Sie war fast gänzlich von ihm abhängig geworden und fand es zunehmend schwieriger, irgendwelche eigenen Geda n- ken zu finden oder eigene Entscheidungen zu treffen. Ein Arzt riet ihr schließlich, sie müsse, falls sie nicht den Verstand ver- lieren wolle, ihren Ehemann verlassen und seinem hypnoti- schen Einfluß entrinnen.

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Die Versuchungen, die Macht der Hypnose zu mißbrauc hen, sind verständlicherweise groß, besonders wenn sexuelle Bela n- ge eine Rolle spielen. Frauen und Männer können in der Hyp- nose zur Ausführung sexueller Handlungen veranlaßt werden, die auszuführen ihre moralischen Hemmungen unter normalen Umständen und im Wachbewußtsein nicht gestatten würden. Man braucht nur eine Suggestion zu erteilen, durch die diese moralischen Vorbehalte umgangen werden, und die hypnoti- sierte Person wird sich den Befehlen bereitwillig fügen. Man mag zum Beispiel einer gebildeten junge n Frau suggerie- ren, daß sie allein zu Hause ist und sich zur Vorbereitung, ein Bad zu nehmen, entkleidet. Sie wird sich ohne Zögern ihrer Kleidung bis zum letzten Stück entledigen, und das auch in Anwesenheit vieler Menschen. Hat sie das getan, so kann man ihr, die natürlich stets unter Hypnose steht, sagen, daß das Bad vorüber sei und daß sie sich wieder ankleiden möge, nach dem Erwachen aber keinerlei Erinnerung an die Vorgänge mitbrin- ge. Zum Bewußtsein zurückgekehrt, wird sie heftig abstreiten, sich jemals vor einer Zuschauerschaft entkleidet zu haben oder auch nur daran zu denken. Viele Hypnotiseure, die Frauen wegen geistiger und seelischer Störungen behandeln, haben Schwierigkeiten oder auch peinli- che Erfahrungen mit solchen Patientinnen gemacht, die erot i- sche Fixierungen auf den Hypnotiseur entwickeln. Es ist mö g- lich, daß letzterer ohne bewußte Absicht sexuelle Gefühle aus- sandte, die diese Frauen betrafen, und sie empfanden diese und reagierten entsprechend. Oder aber die sexuellen Wünsche so l- cher Frauen mögen unterdrückt worden sein und veranlassen sie, Befreiung durch einen Mann zu suchen, der nun in enger Verbindung mit ihnen steht.

Das Leben als Suggestionsstrom

Die Suggestion, das wichtigste Rüstzeug des Hypnotiseurs, ist vielleicht das mächtigste Hilfsmittel zur Beherrschung und

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Leistung des Geistes. Mit oder ohne Hypnose funktioniert die Maschinerie des Geistes unter dem Antrieb beständiger Sugge- stion. Jede Handlung und jede Lebenserfahrung gibt dem Me n- schen Suggestionen, Anregungen, Vorschläge, was er tun oder lassen sollte. Die Tatsache, daß er hungrig oder durstig ist, vermittelt ihm die Weisung, daß er sich bemühen soll, sich Nahrung und Getränke zu verschaffen. Jeder Mensch ist vom Erwachen bis zum Einschlafen einer ununterbrochenen Folge solcher mit seinem Leben verknüpften Suggestionen ausge- setzt. Selbst während des Schlafs können die Schöpferkräfte des Geistes, wenn sie entsprechend gelenkt werden, an der Lö- sung der Probleme oder Erfüllung der Wünsche des Indivi- duums weiterwirken. Irgendeine Kraft auf irgendeiner der vie- len geistigen Ebenen des Menschen ist zu allen Zeiten wirk- sam. Da die Suggestion im Leben eines jeden Menschen eine so vorherrschende Rolle spielt, ist es wichtig, daß wir lernen, uns ihrer täglichen Anwendung bewußt zu werden. Während die Hypnose eine Methode ist, Suggestionen auf andere Menschen anzuwenden, ist es für den Übenden möglich, Suggestionen auf sich selbst anzuwenden und vergleichbare, wenn nicht bessere Resultate zu erzielen. Manche Hypnotiseure lehren ihre Patie n- ten oder Versuchspersonen, die Kunst der »Selbsthypnose« anzuwenden, so daß sich diese zeitweise unempfindlich gegen Schmerzen und bestimmte Arten von Mißbehagen machen können. Doch ist es für den Menschen besser und weiser, an der Beseitigung der Wurzel seiner Übel zu arbeiten, statt nur die Symptome beiseite zu schieben. Beseitigt man die Wurzeln nicht, so müssen die Folgen früher oder später getragen wer- den.

Die Macht der Selbstsuggestion

Statt des Ausdruckes »Selbsthypnose« bevorzuge ich den Aus- druck »Selbstsuggestion«, da er jener Kraft zukommt, die dem

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Menschen Beherrschung seiner selbst verschaffen kann. Wenn Sie Ihrem Unterbewußtsein irgend etwas suggerieren, das Sie von ihm ausgeführt haben möchten, bedeutet das zugleich be- wußte, freiwillige Annahme durch Ihr wahres Selbst. Der Aus- druck »Selbsthypnose« bezeichnet zugleich den Einfluß Ihres Geistes auch ohne Ihre bewußte Zustimmung oder Mitarbeit. Was Sie durch Ihren Geist ohne die volle, spürbare Unterstüt- zung Ihres wahren Du erreichen, besitzt keinen dauernden Wert. Es hat die Neigung, sich loszulügen und wie die Sugge- stionen, die Ihnen ein Hypnotiseur erteilt haben mag, an Wir- kungskraft einzubüßen.

Damit durch Suggestionsmethoden wertvolle Eigenschaften von Dauer Ihrer Persönlichkeit hinzugefügt werden können, ist ein entsprechender Wunsch Ihres ganzen Wesens erforderlich. Andernfalls werden Sie stets mit Gegenströmungen Ihrer Natur in Konflikt geraten. Aus diesem Grund muß das Fundament für jeden inneren Aufbau von Ihnen und nur von Ihnen alleine ge- legt werden. Dann können Ihnen andere Menschen in allen physischen, seelischen, persönlichen oder wirtschaftlichen Be- langen mit Hilfe, Rat und Tat zur Seite stehen. An Ihnen alleine aber liegt es, Ihr Denken und Ihre Handlungen, Ihren Charak- ter und Ihre Persönlichkeitsführung wirklich zum Guten zu ändern und ändern zu wollen.

Wie ich schon erwähnte, versuche ich, mir allabendlich wä h- rend meiner Meditationszeit die Suggestion zu geben, am Mor- gen gleichsam als neuer Mensch zu erwachen, der bessere Re- chenschaft über sich ablegen kann. Diese einfache Prozedur kann jeder von uns mit der Erwartung, dankbare Ergebnisse zu erzielen, ausführen.

Eine Erfahrung auf dem Zahnarztstuhl

Hier berichte ich Ihnen noch eine Erfahrung auf dem Gebiete

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der Selbstsuggestion, die Sie unter Umständen mit ebenso gro- ßem Nutzen anwenden können. Vor einiger Zeit begab ich mich zu meinem Zahnarzt, da einige Zahnschäden ausgebohrt werden mußten. Mein Zahnarzt hatte gerade einen Hypnose-Kursus absolviert und war eifrig darauf bedacht, diese Technik anzuwenden. Er sagte, daß er bereits bei einigen Patienten Bohrungen und sogar Zahnziehungen unter Anwendung von Hypnose vorgenommen habe, die für die Betroffenen schmerzlos und ohne Nachwirkungen verla u- fen seien. Mit meiner Kenntnis des menschlichen Geistes, so meinte er, würde ich eine gute Versuchsperson abgeben. Ich wandte ein, daß ich niemals hypnotisiert worden sei und die Anwendung von Autosuggestion der Hypnose vorzöge. Erfragte: »Sie meinen, sich selbst suggerieren zu können, daß ich Ihnen die Zähne bohren kann, ohne daß Sie sich der Schmerzen bewußt werden?« Ich entgegnete: »Ja – ich habe dergleichen bereits zuweilen getan. Wenn ich mich geistig und seelisch einigermaßen gut fühle und damit keine großen Schwierigkeiten habe, die natür- lichen Ängste und Abneigungen einzudämmen, bin ich imsta n- de, meinen unterbewußten Geist zu erreichen und ihn zu bewe- gen, mich vorübergehend gefühlsunempfindlich zu machen.« Dr. Shirley sah mich ein wenig zweifelnd an und sagte schließ- lich: »Würden Sie Ihre Methode gerne jetzt anzuwenden vers u- chen?« Ich wandte mich für eine Minute an mein Selbst, während ich mich im Zahnarztstuhl entspannte und meinem Unterbewußt- sein die Suggestion erteilte: »Ich werde den Bohrer fühlen – aber keine Schmerzen … den Bohrer fühlen – aber keine Schmerzen. Mein Zahnfleisch und meine Zähne werden gefühl- los sein … Ich werde den Bohrer fühlen – aber keine Schmer- zen!« Während ich diese Bekräftigungen wiederholte, fühlte ich plötzlich, wie mein Unterbewußtsein sie aufnahm, und ich wußte, daß eine mentale Betäubung eingesetzt hatte. Ich rief

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den Zahnarzt und bat ihn, den Bohrer anzusetzen. Dr. Shirley begann sehr behutsam. Da ich entspannt und bewegungslos sitzen blieb, begann er mit der tieferen Bohrung. Er sah un- gläubig aus. Da der Geist zu irgendeiner Zeit nur irgendeine bestimmte Tatsache bewußt wahrnehmen kann, hatte ich diesen instruiert, wohl den Bohrer zu fühlen, aber nicht die Schmer- zen. Mein Geist richtete sich ausschließlich auf den Vorgang der Bohrung. Tatsächlich drangen die Schmerzen, die sonst mit einem solchen Eingriff verbunden sind, nicht in mein Bewußt- sein. Als der Zahnarzt sein Werk vollendet hatte, machte er mich aufmerksam, daß er meinen Mund nun mit kaltem Wasser aus- spülen werde. Ich erteilte meinem Unterbewuß tsein folgende Suggestion: »Das Wasser wird sich warm und lindernd anfüh- len – warm und lindernd.« Eben diese Eindrücke hatte ich bei der anschließenden Mundspülung auch. Solche Ergebnisse werden von Zahnärzten, die Hypnose an- wenden, regelmäßig erzielt. Die Patienten bleiben bei Bewußt- sein und entsprechen außerdem einer posthypnotischen Sugge- stion. Ich betrachte diese Erfahrung jedoch als Beweis, daß Selbstsuggestion ebenso wirksam sein kann wie Hypnose. Ich hoffe, daß Ihnen dieses Selbstzeugnis besonders eindringlich erscheinen mag, denn was immer ich selbst zu tun imstande war, das können auch Sie tun. Denn Ihr Bewußtsein schließt dieselben Kräfte ein, die bereit sind, nach Maßgabe der von Ihnen entwickelten Herrschaft über sie zu wirken.

Jetzt notieren Sie sich, was Sie im neunten Kapitel gelernt ha- ben:

1. Die Hypnose ist eine alte Erfahrungstatsache. Sie scheint die Ursache der erstaunlichen Leistungen der frühzeitlichen Med i- zinmänner zu sein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Hypnotismus mehr wissenschaftlich erforscht und wurde eine

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Hilfe in der Medizin, wenn auch in vielen Fällen nicht gut an- gewandt.

2. Im Hypnotismus hegt auch eine Gefahr. Der Hypnotiseur

nimmt eine große Verantwortung auf sich. Hypnose hat die Menschen schon in alle mögliche n Arten seelischer Schwierig- keiten geführt. Die amerikanische medizinische Gesellschaft hat den Wert der Hypnose auf bestimmten Gebieten der prakti- schen Medizin anerkannt, aber zugleich vor ihrem Mißbrauch gewarnt.

3. Der Geist zeichnet alle Geschehnisse Ihres Lebens in ihrer

Reihenfolge auf. Die Anwendung der Hypnose kann diese Re i- henfolge durcheinanderbringen, wie es einer Person geschehen kann, die hypnotisch in ihr Kindheitsstadium zurückgeführt wird. Verwirrung kann die Folge sein. Sie können aber auc h ohne Ihre Zustimmung hypnotisiert werden, und man kann Sie sogar dazu veranlassen, bestimmte Handlungen zu begehen, die Ihren Prinzipien zuwiderlaufen – obwohl davon nicht viele Menschen wissen.

4. Hypnose kann zur Erreichung astraler Ebenen angewandt

werden. Auch wird sie eingesetzt, das automatische Schreiben anzuregen, bei dem ein Mensch Dinge niederschreibt, die vö l- lig außerhalb seiner Erfahrung liegen.

5. Der zu viel und zu lange hypnotisierte Mensch kann seine

eigene Willenskraft verlieren. Das Leben stellt in sich selbst einen Strom von Suggestionen dar. Die Macht der Selbstsugge- stion – die nicht eigentlich Selbsthypnose ist – ist äußerst nut z- bringend und entschieden vorzuziehen.

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Zehntes Kapitel

Ihre Heilungskraft

Körperliche oder seelische Krankheiten oder beide Arten sind Plagen, von denen die ganze Menschheit befallen wird. Das Erleiden einer Krankheit oder eines Unfalls – falls es nicht nur der allgemeine Körperverfall im Laufe der Jahrzehnte ist – wird eines Tages das Erdenleben jedes lebenden Geschöpfes beenden. Es gibt viele Beweise, daß dem Menschen kein ewiges Leben hier auf Erden bestimmt ist. Das Bestehen des außersinnlichen Wahrnehmungsvermögens ist in sich selbst ein Hinweis auf die höheren geistigen Kräfte, die imstande sind, Zeit und Raum zu überschreiten und damit von der Bestimmung des Menschen zu einem Dasein außerhalb und jenseits seiner Erdenhülle künden. Trotzdem muß der Mensch während seines Aufenthaltes im Erdenkörper danach trachten, den bestmöglichen Gebrauch von diesem zu machen und alles dazu beizutragen, »einen gesunden Geist in einem gesunden Körper« zu erhalten. Ein kranker Geist in einem gesunden Körper oder ein gesunder Geist in einem kranken Körper sind höchst unvereinbar. Wenn der Geist erkrankt oder in Disharmonie gerät, so wird meist auch der Körper krank, und wenn der Körper erkrankt, kann der Geist in Disharmonie geraten. Einige Wissenschaftler haben die pessimistische Feststellung getroffen, daß zu allen Zeiten zwischen geistiger Gesundheit und Harmonie einerseits und Wahnsinn andererseits nur eine haarscharfe Trennungslinie besteht. Die Entwicklung unserer Zivilisation hat es mit sich gebracht, daß die meisten von uns ihre Gesundheit den Ärzten und Apo- theken anvertrauen. Wir essen, was uns gefällt, trink en, was uns gefällt, rauchen, prassen, zechen und denken, was immer uns gefällt. Wir mißachten eines der einfachsten, grundlege n- den Lebensgesetze – daß Mäßigung in allen Dingen eine der

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festen Regeln ist, der man folgen soll. Wenn unsere Körper schließlich gegen die chronische Miß- handlung rebellieren, haben wir für gewöhnlich keine Neigung, die Grundursachen zur Kenntnis zu nehmen. Statt dessen su- chen wir nach einem möglichen Gegengift, dessen Anwendung uns zu der Fortsetzung unserer Exzesse und Alltagsfehler be- stärkt. Das gilt tragischerweise für das unmäßige Essen, Trin- ken und Rauchen. Wenn wir uns auch weigern, es einzugeste- hen – aber es ist wichtig, was wir unserem Körper zuführen. Doch ebenso entscheidend sind auch die Gedanken, die wir unserem Geist zuführen. Bis auf die jüngere Zeit war die Er- kenntnis der Wahrheit des alten Sprichwortes »Wie ein Mensch denkt, so ist er«, nicht weit verbreitet. Heutzutage jedoch er- klärt uns die Wissenschaft, daß heftige und nachhaltige Gefüh- le und Gedanken des Hasses, des Grolls, der Furcht, der Hab- sucht, des Neides, der Rachsucht und ähnliche die Chemie des Körperhaushaltes stören und den Körper für alle Arten von Übeln anfällig machen können. Lassen Sie mich hier eine eigene Erfahrung berichten, die mir, wie ich überze ugt bin, als Folge meines falschen Denkens wi- derfahren ist.

Das mißachtete Urheberrecht

Zu jener Zeit, 1935, lebten wir in New York. Ich war vom Di- rektor der Rundfunkabteilung einer großen Werbeagentur gebeten worden, die Radiofassung einer damals berühmten Musikschau zu überarbeiten. Der Direktor wünschte von mir eine Skizze der neuen Schau und die Abfassung des Drehbuchs. Er betonte, daß er mir keinen Kontrakt geben könne, ehe er nicht das Stück übernommen habe und die gegenwärtigen Autoren und Schauspieler aus ihren Kontrakten entlassenIch ging törichterweisewären. auf seinen Vorschlag ein und machte mich an die Arbeit, ohne auch nur im Besitz eines bestätige n- den Briefes zu sein. In der Erwartung eines lukrativen Auftrags

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schlug ich während dieser Zeit alle anderen vielversprechenden Angebote aus. Dann geschah das Mißgeschick. Meine Geda n- ken wurden an andere Autoren weitergegeben, und ich saß zu Hause und konnte der im Rundfunk gesandten Darbietung meiner eigenen Ausarbeitungen, wenn auch in veränderter Form, lauschen. Ein Anwalt für Theaterfragen sagte mir, daß ich ein Honorar für eine Tätigkeit von mindestens dreizehn Wochen einklagen und wahrscheinlich auch erhalten könne; er erwähnte aber zugleich, daß dieser Fall lange bei den Gerichten anhängig sein und mir mehr Ärger bringen würde, als in Anbe- tracht des Nutzens vertretbar sei. Verschiedene andere literarische Unternehmungen, in die ich beträchtliche Arbeitskraft investiert hatte, konnten während dieser Zeit auch nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Ich befand mich in ernsten finanziellen Schwierigkeiten. Wir muß- ten unsere Wohnung aufgeben und unter erheblich einge- schränkten Umständen leben. Je mehr ich darüber nachdachte, wie rücksichtslos meine Zeit und meine Gaben durch jenen Rundfunkdirektor ausgebeutet worden waren, desto größer wurde meine Verbitterung und mein Groll gegen ihn. Obwohl ich viel von der Funktion des Geistes und der Gefühle verstand, fand ich kein Mittel, mich gegen die in mir aufwa l- lenden widrigen Gefühle zu schützen. Noch nie hatte ich mich bisher derartig von negativen Empfindungen beherrschen las- sen. Für diese seelische Selbstvergiftung hatte ich auch schwer zu büßen. Eines Morgens erwachte ich mit einem blumenkohlarti- gen Gewächs in meinem Schlund, das sich bis über die Rück- seite der Zunge und zu den Mandeln ausdehnte. Mein Arzt dia- gnostizierte das Symptom als eine selten vorkommende, durch tropische Pilze hervorgerufene Geschwulst, die fast immer bösartig verlaufen würde. Er schickte mich sofort nach Phil- adelphia, um vom weitbesten Hals-Spezialisten untersucht und behandelt zu werden. Nach zehn Tagen wurde ich nach Hause geschickt – als Todkranker, der nach aller Voraussicht sterben

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würde. Mein Hausarzt war indessen auch ein hervorragend befähigter Fachmann, und da ich nun vo n einer führenden Kapazität auf- gegeben worden war, bat er mich, Versuche mit mir anstellen zu dürfen. Nachdem er jede nur mögliche allgemeine Schlund- behandlung mit Gurgelwässern vorgenommen hatte, entschloß er sich zu Arsen-Injektionen und erklärte, daß Arsen sowohl auf tierische als auch auf pflanzliche Stoffe tödlich wirke. Da der mein Symptom verursachende Virus-Pilz sowohl tierisch als auch pflanzlich sei, glaubte er, daß die Wurzeln dieses Übels auf dem Wege meiner Blutbahn ausgerottet werden könnten, ehe ich das Opfer war. Ich unterzog mich seinen Arsen- Einspritzungen dreimal wö- chentlich. Das Gewächs wurde auf zwei Herde von der Größe einer kleinen Münze reduziert. Inzwischen beunruhigte sich mein Arzt über den Gedanken, daß das Arsen auf die Dauer andere Organe meines Körpers angreifen könne, und setzte diese Behandlung ab. Er hoffe, daß der bösartige Pilz nun von selbst absterben würde. Jedoch begann das Gewächs nach der Absetzung der Arsen-Behandlung zu unserem Entsetzen wie- derum rapide zu wuchern.

Einige Monate waren mit diesem Kampf gegen meine Krank- heit hingegangen, und ich war nun gezwungen worden, der Tatsache ins Auge zu sehen, daß ich sterben würde, sowie diese parasitäre Geschwulst meine Luftröhre erreichen würde. In den ersten Tagen nach der Feststellung dieses Virus überka- men mich, wie ich gestehe, Angst und Schrecken. Diese Emp- findungen steigerten sich noch durch meine Entdeckung, daß die medizinische Literatur von fünfzig beschriebenen Fällen meiner Art nur zehn kannte, die überlebten.

Allmählich aber gewann mein Verstand wieder Oberhand über meine Gefühle. Es lag auf der Hand, daß meine Ängste jede Chance einer Heilung beeinträchtigen würden. Ebenso schwer

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wie die Angst vor der Krankheit war jedoch der immer noch brennende Groll gegen den Mann, der mich betrogen hatte und den ich für alles mir jetzt geschehene Leid verantwortlich machte, zu überwinden. Blicke ich heute zurück, so erkenne ich, daß diese Erfahrung die Schwerstmögliche Prüfung meiner grundlegenden Über- zeugungen und meines Glaubens war. Es bedurfte einiger Zeit, bis ich erkannte, daß ich diese negative Erfahrung infolge me i- nes falschen geschäftlichen Urteils in der Hauptsache selbst veranlaßte. Mich selbst hatte ich als das Opfer eines anderen Menschen betrachtet und ihn zum alleinigen Sündenbock me i- nes Mißgeschicks gemacht. Dadurch hatte ich mich zwar von jeder Schuld an diesem wirtschaftlichen und physischen Fiasko freigesprochen, dafür aber meine Haßgefühle gegen jenen Mann um so heftiger angeschürt. Solche negativen Gedanken müssen eines Tages Negatives herbeiführen – und ich hatte mir das alles aufgeladen. Als ich diese Tatsache erst einmal erkannt hatte, setzte ich alles daran, meine geistige und seelische Grundhaltung »umzukrempeln«. Ein Gebet um Befreiung von irgendeiner zerstörerischen oder entmutigenden Lage kann keine Erhörung finden, wenn der Geist weiterhin mit Ängsten, Groll und Abneigungen erfüllt ist. Das Bewußtsein muß zuerst völlig gereinigt und für die neuen Bedingungen und Entwicklungen, die vom Betreffenden er- sehnt werden, empfänglich gemacht werden. Diese Arbeit hatte ich zu leisten, und es war bestimmt eine große Arbeit.

Eine Heilung, die erzählenswert ist

Ich begann mir nun allnächtlich während meiner Meditations- zeit auszumalen, daß ich eines Ta ges irgend jemanden irgend- wo treffen würde, der das besondere Wissen einer Spezialkur für meine Erkrankung besitzt. Ich setzte diese gedankenbildli- che Vorstellung fort, und sie trug mich durch alle Rückschläge und Kampfwochen, die folgten. Irgendein Glaube wohnte in

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mir, daß mein Geist durch diese fortgesetzten Vorstellungen die innere Schöpferkraft so aktivieren würde, mir einen ent- sprechenden Heiler in den Weg zu führen. Erst als mein Arzt mit weiteren Arsen- Injektionen zur Verhü- tung weiterer Ausbreitung meiner Geschwulst beginnen wollte, wurde ich zu einer gründlichen Selbsterforschung hinsichtlich meiner eigenen Mithilfe in diesem Kampf gegen den Tod ge- zwungen. Jetzt nämlich hatte ich einzugestehen, daß ich das Gefühl des Hasses und der Bitterkeit gegenüber dem Mann, der mein Ur- heberrecht mißbraucht hatte, nicht bekämpft hatte. Hierin aber hatte die eigentliche Ursache der negativen Umstellung der biochemischen Prozesse in meinem Körper gelegen, und wenn es auch nur eine Teilursache gewesen wäre, ich wußte nun, daß ich einfach alle zersetzenden Gedanken und Gefühle aus me i- nem Bewußtsein verbannen mußte. Für mich war es nun klar, daß ein weiteres Haften an diesen üblen Empfindungen auch jede Vorstellung, einst einen für mich bestimmten Heiler zu finden, unw irksam machen würde. Sie können keine destrukti- ven Gedanken gegen irgend jemanden hegen, ohne sich der Gefahr der Selbstzerstörung auszusetzen. Die geistige, seelische und körperliche Erholung, die mir in der ersten Nacht nach der völligen Ausmerzung meiner negativen Gefühle zuteil wurde, kann ich nicht beschreiben. Es schien wirklich so, als würde jede meiner Körperzellen positiv aufge- laden, und ich fühlte Zustrom neuer Kraft und Zuversicht. Nicht lange danach lud mein Freund Sydney Este, der mein Interesse an metaphysischen Bereichen teilte, mich und meine Frau zum Besuch einer Vorlesung von Dr. A. E. Strath-Gordon über die große ägyptische Pyramide ein. Während der ganzen Zeit meiner schweren Erkrankung hatte ich diese sogar vor meinen besten Freunden geheimgehalten. Außer den Sympto- men einer heiseren Stimme und der Notwendigkeit, regelmäßig meinen Schlund zu spülen, wiesen keinerlei äußere Merkmale darauf hin, daß ich ernstlich krank war. Ich hatte das Empfin-

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den, daß ich die negativen Gedanken der anderen noch mitzu- tragen haben würde, wenn ich diesen von meiner vermeintlich unheilbaren Krankheit erzählt hätte. Folglich wußten zu jener Zeit nur meine Frau, meine Mutter und mein Arzt, was ich durchmachte. Meine Frau und ich begaben uns zusammen mit dem Ehepaar Este zum Vortrage des Dr. Strath-Gordon. Ich war derartig beeindruckt von diesem Mann, daß ich ihn einlud, am nächsten Tage mit mir einen Imbiß im »City Club« einzunehmen. Wä h- rend des Essens war ich gezwungen, einige Male meinen Schlund auszuspülen. Dr. Strath-Gordon sah mich scharf an und fragte, ob ich an irgendeiner Halsbeschwerde leide. Mein erstes Gefühl wollte mich veranlassen, die Frage als bede u- tungslos zu umgehen, doch eine innere Stimme sagte mir: Of- fenbare dich diesem Mann! Ich erzählte ihm alles. Und zwar ganz ruhig und sachlich. Dr. Strath-Gordon fragte: »Haben Sie Bleistift und Papier bei sich?« Ich brachte einen Bleistift und die leere Rückseite eines Um- schlags hervor, auf die ich nach Anweisung von Dr. Strath- Gordon ein von ihm diktiertes Rezept niederschrieb: »… so viele Teile Kreosot … so viele Teile Glyzerin … so viele Teile von diesem und jenem …«

Als ich die Niederschrift beendet hatte, sah ich auf und fragte:

»Worauf bezieht sich aber dieses Rezept, Doktor?« »Es sind Spezialmittel gegen Ihre Art der Virenerkrankung«, erwiderte er schlicht.

»Aber wieso – woher wissen Sie davon?« drang ich fast un- gläubig in ihn. »Vor Jahren«, entgegnete Dr. Strath-Gordon, »wurde ich von der britischen Regierung nach Südafrika geschickt, um mit dem berühmten japanischen Gelehrten Noguchi zu arbeiten. Während ich dort weilte, wuchs sich eben die Pilz- Erkrankung,

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an der auch Sie leiden und die in heiß-feuchtem Klima gedeiht, zu einer Epidemie aus, und die Eingeborenen starben wie die Fliegen. Noguchi entwickelte sein Gegenmittel, das manchen das Leben rettete, denen es verabreicht wurde, ehe ihre Ge- schwulst zu sehr wucherte.« Für einen Augenblick war ich zu erstaunt, um sprechen zu können. Hier endlich, mir gegenübersitzend, war der Mensch, dem zu begegnen ich mir in den ganzen vergangenen Wochen vorgestellt hatte – es war jemand, der eine Spezialbehandlung meines seltenen Leidens kannte. Mein außersinnliches Wahr- nehmungsvermögen hatte wiederum recht behalten und gut gearbeitet! Es gab also den Menschen, der das Wissen um die- ses Heilverfahren für mich in seinem Bewußtsein trug, und schließlich wurde gerade ich in diesem volkreichen Lande zu ihm geführt. Mit Dr. Strath-Gordons Zustimmung brach ich unser Treffen vorzeitig ab und eilte im Taxi zur Praxis meines Arztes, dem ich die bemerkenswerten Umstände unterbreitete, die mir dieses Rezept in die Hand gespielt hatten. Mein Arzt prüfte das Rezept und schickte mich dann zur nächsten Apo- theke, um es einzulösen.

Als ich mit den Medikamenten in die Praxis meines Arztes zu- rückkehrte, bereitete dieser sie zu einer Lösung, die er mir in den Schlund und auf die befallene Stelle spülte. Es gab ein ste- chendes Gefühl, die noch vorhandenen Gewächse schrumpften, fielen ab – und ich war geheilt!

Ihr Geist vermag Sie krank oder gesund zu machen – aber nicht nur Ihr Geist allein. Nach meiner festen Überzeugung können Sie zunehmend ver- stehen, weshalb ich nach Erfahrungen wie diesen so fest an die Macht des Geistes und besonders an die Macht der plastischen bildhaften Vorstellung glaube. Sie können in Zeiten eigener Not dieselben Kräfte nutzbringend anwenden, doch müssen Sie – wie auch ich dazu gezwungen wurde – Ihren Geist von allen

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jenen Gedanken befreien, die zur Errichtung jener unglückli- chen Situation beigetragen haben, die Sie jetzt zu beseitigen wünschen. Wenn Sie sich überlegen, daß eine Schöpferkraft Ihren jetzigen Körper vom Zeitpunkt seiner Empfängnis an beherrscht und daß die gleiche Kraft noch heute in Ihnen wirkt, weshalb soll- ten Sie dann die Fähigkeit dieser Kraft anzweifeln, irgendeinen Körperteil, der infolge Krankheit oder Verletzung ersetzungs- bedürftig ist, neu aufzubauen? Es gibt natürlich auch äußerliche Faktoren, welche die »He i- lungskraft in Ihnen«, wie ich sie nenne, an der erfolgreichen Wirkung hindern können. Wenn Sie Ihren Körper mißbrauchen oder mißhandeln, oder wenn Sie ihn gesundheitsschädigenden Umgebungen und Umständen aussetzen, können Sie nicht er- warten, daß diese Kraft mit den maßlosen Forderungen, die sie an sie stellen, Schritt hält. Die meisten von uns werden unbe- wußt von dieser Heilungskraft beeinflußt, da sie nicht gelernt haben, sie durch Gebet und Meditation zielbewußt anzuwe n- den. Die Folge ist, daß wir in Zeiten, wenn wir ihrer am me i- sten bedürfen, oft verfehlen, uns dieser Kraft zu bedienen und uns statt dessen auf äußere Hilfen wir Ärzte, Chirurgen, Be- handlungen und Drogen verlassen.

Wie erfolgreich oder wirksam diese äußeren Hilfen auch sein können, so haben uns die Ärzte einstimmig erklärt, daß sie oft machtlos sind, einem Patienten zu helfen, wenn dieser keinen Glauben mehr an seine Genesung hat und seinen Lebenswillen aufgab. Hierin liegt ein prinzipielles Zugeständnis an die Heil- kraft des Geistes als unterstützende Macht für die medizinische Heilung.

Manche Menschen glauben rrigerweise,i

ärztliche Hilfe auskommen könnten, wenn sie die Heilungs- kräfte des Geistes anwenden. Sie haben sich von dem Geda n- ken leiten lassen, daß sie entweder an die Ärztekunst oder an

daß sie völlig ohne

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andere Heilungskräfte, aber nicht an beide zugleich glauben könnten. Tatsächlich aber strengt sich der Durchschnitts- mensch viel zu sehr an, wenn er versucht, seine eigenen He i- lungskräfte unter Ausschluß jeglicher Inanspruchnahme med i- zinischer Hilfe einzuspannen und sich auf diese zu verlassen. Doch indem er seinen Arzt und dessen Behandlungsmethode Vertrauen entgegenbringt, kann er zugleich das Vertrauen in seine eigene Heilungskraft stärken, und der Patient wird somit in die Lage versetzt, eine positive, vertrauensvolle, optimisti- sche Erwartungshaltung einzunehmen, die zu seiner Gesun- dung erheblich beitragen wird.

Der Mann, der den Ärzten nicht vertraute

Ich entsinne mich eines tragischen Falles, der den oben bespro- chenen wichtigen Punkt erläutern mö ge. Vor einigen Jahren besuchte uns in New York ein alter Freund Anfang der Vierzi- ger, den ich hier Will nenne. Er kam anläßlich einer Geschäfts- reise aus de