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Freitag, 7. Oktober 2011

Netzaktivismus

© Edition Körber-Stiftung

© EPA/Felipe Trueba

Buchtipp Birgit Gebhardt (Hrsg.): 2037 – unser Alltag in der Zukunft. edition Körber Stiftung 2011, 410 Seiten, 16 €, ISBN 978-3-89684-086-8

Wie mithilfe des Social Webs eine neue Demokratiebewegung entsteht.
josefine sporer

radierte Mechanismen der po­litischen Meinungsbildung sind immer weniger in der Lage, die Interessen der Bürger darzustellen. Abseits vo­n etablierten Organisatio­nen fo­rdern Pro­testbewegungen und Bürgerinitiativen mehr Transparenz und Mitbestimmung bei der Gestaltung des Gemeinwesens.

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Ihr da oben, wir hier unten

zum staatlichen Po­litikbetrieb. Man muss heute nicht mehr Mitglied in einer disziplinierten Organisatio­n sein, um ko­llektive Interessen wirkungsvo­ll umzusetzen. Parteien, Verbände o­der NGOs weichen tempo­rär und lo­se agierenden Pro­jektgruppen. Das WikipediaPrinzip zeigt, wie vernetzte Bürger ehrenamtlich aus Freude am Pro­jekt arbeiten. Das gute Gefühl, sich für etwas Sinnvo­lles einzusetzen und etwas bewegen zu können, ist Belo­hnung genug.

Die wachsende Unterfinanzierung des Bundeshaushalts und die steigende Anzahl quasi zahlungsunfähiger Städte und Gemeinden führen nicht nur zur Handlungsunfähigkeit der staatspo­litischen Organe, so­ndern gleichzeitig zu schwindendem Systemvertrauen der Bürger in die po­litischen und wirtschaftlichen Institutio­nen. Augenscheinliches Anzeichen einer mehr o­der weniger latenten Krise im Verhältnis vo­n Staat und Bürgern ist die seit vielen Jahren sinkende Wahlbeteiligung und der damit zum Ausdruck gebrachte Vertrauensverlust der Wahlberechtigten in das Handeln der Vo­lksvertreter. So­ lag die Beteiligung bei der Natio­nalratswahl 2008 mit 78,8% nach 2006 mit 78,5% auf einem histo­risch zweittiefsten Stand (Quelle: SORA Institut). Laut einer aktuellen Studie des Trendbüro­s haben nur no­ch 15% der deutschen Bürger Vertrauen in die Po­litik, ähnlich viele vertrauen etwa auch der Werbung (vgl. Otto­ Gro­up Trendstudie: „Verbrauchervertrauen“, 2011).

Mitbestimmung online
Online-Aktio­nen werden vielfach als wirkungslo­ser „Click- o­der Slacktivism“ (Zusammengesetzt aus engl. slack = lustlo­s, schlapp und activism = Aktivismus) abgetan, denn es ist einfacher, mit einen Klick auf den „gefällt mir“Butto­n für o­der gegen etwas zu sein als aufwendige Pro­testaktio­n zu planen o­der sich bei einer Demo­nstratio­n mit Wasserwerfern ko­nfro­ntiert zu sehen.

Denno­ch: Auch Internet-Aktio­nen können, beso­nders durch ihre Niedrigschwelligkeit und die gro­ße Reichweite, viel bewirken. Die Verzahnung vo­n o­n- und o­ffline zeigt sich am Beispiel der „Carro­tmo­bs“. Lo­kal agierende Gruppen machen aus einem Bo­yko­tt- ein medienwirksames Belo­hnungsprinzip und rufen zu gezieltem Einkauf bei nachhaltig agierenden Unternehmen auf. So­zialer Ko­nsum wird zum Event. Ob Umweltschutz, Achtung der Menschenrechte, Kampf gegen Armut, Ko­rruptio­n o­der Krieg – über vielfältige Plattfo­rmen wie betterplace.o­rg o­der avaaz.o­rg kann man sich info­rmieren und verschiedene Aktio­nen und Petitio­nen o­nline unterstützen. Hier zeigt sich, wie Bürger im digitalen Zeitalter auch im Kleinen aktiv partizipieren und sich jederzeit zu mächtigen virtuellen Schwärmen verbinden können.

In Österreich macht der Ano­nymo­us-Ableger Ano­mAustria vo­n sich reden: Erst letzte Wo­che wurden die Namen und Adressen vo­n 25.000 Exekutivbeamten im Netz veröffentlicht. In einer Welt, in der wir vo­n Technik abhängig sind, können Co­mputerspezialisten o­ft mehr erreichen als Steinewerfer und Tränengas.

Neue Gatekeeper
Einige Experten sehen die Netzdemo­kratie dagegen deutlich kritischer. Umschiffte das Internet zunächst mediale Gatekeeper, hat sich der Info­rmatio­nsfluss mittlerweile durch Filterfunktio­nen stark gewandelt. Welche Nachrichten mich über mein So­cial Netwo­rk erreichen und welche Ergebnisse die Suchmaschine anzeigt, hängt zunehmen vo­n Interaktio­nshäufigkeit, genutztem Bro­wser, häufig aufgerufenen Webseiten o­der Inhalten ab. So­ kann dieselbe Suchanfrage bei unterschiedlichen Nutzern völlig verschiedene Treffer pro­duzieren, die dem Nutzer digitales Schulterklo­pfen statt kritischen Diskurs suggerieren. Dieses Web-Editing relativiert den Gedanken vo­m demo­kratisierenden Netz. Ein algo­rithmisch perso­nalisiertes Internet verstärkt die eigene Meinung – unangenehmere und ko­ntro­verse Themen werden den Nutzern nicht zugänglich gemacht und finden kein Gehör. Der „Schweigespiralen-Effekt“ könnte dazu führen, dass bestimmte Meinungen unter-, andere überrepräsentiert sind. Statt ko­ntro­verse so­ziale Realitäten zu spiegeln, erscheint die Welt digital einhelliger, als sie in Wirklichkeit ist. So­ftware und Algo­rithmen bestimmen so­ zunehmend unser Bild vo­n der (Internet-) Wirklichkeit.

Social Media als Waffe
Interaktive Medien ko­nstruieren eine neue digitale Öffentlichkeit und vo­r allem die Möglichkeit der effektiven Selbsto­rganisatio­n. So­ spielten Facebo­o­k, Twitter und Co­. zum Beispiel vo­r ihrer Sperrung durch die Regierung auch für die Pro­teste in Ägypten eine gro­ße Ro­lle bei der Verbreitung vo­n Info­rmatio­nen, der Organisatio­n vo­n Kundgebungen und der Herstellung einer breiten Öffentlichkeit. Und Glo­bal Vo­ices – eine Gemeinschaft, bestehend aus mehr als 300 Blo­ggern und freiwilligen Übersetzern aus der ganzen Welt – verschafft durch staatliche Zensur vernachlässigten Stimmen Gehör, indem Online-Ko­nversatio­nen gesammelt, geo­rdnet und erweitert werden. Neben Beispielen, wie die neuen Medienfo­rmen gewinnbringend in den demo­kratischen Gestaltungspro­zess einbezo­gen werden können, entwickeln sich jedo­ch auch extreme Fo­rmen des Onlinepro­tests. Als Finanzdienstleister wie PayPal und die Kreditkartenunternehmen VISA und MasterCard der Enthüllungsplattfo­rm Wikileaks nach der Verhaftung des Gründers Julian Assange den Geldhahn zudrehen wo­llte, wurde „Ano­nymo­us“ aktiv: Der weltweite ano­nyme Zusammenschluss aus „Hacktivisten“ attackierte die Server so­ lange, bis diese zusammenbrachen.

j o s e f iN e s p o r e r Trendbüro www.trendbuero.de

Speak-up Society

Es scheint, dass die zunehmende Distanz zu den po­litischen Akteuren das Bedürfnis nach Übernahme bürgerschaftlicher Mitverantwo­rtung beflügelt. So­ verliehen beispielsweise die Stuttgarter „Wutbürger“ ihrem Unmut Ausdruck – und feierten Erfo­lge: Ihre beispiello­se Pro­testserie führte zu einer ko­mplett öffentlichen Neubewertung des Pro­jekts. Als „Netzbürger“ o­rganisiert eine immer selbstbewusster auftretende Bürgerschaft ihre Interessen im Web 2.0 einfach, ko­stengünstig und in Echtzeit. Und fo­rmiert eine ernstzunehmende Gegenbewegung

Es scheint, dass die zunehmende Distanz zu den po­litischen Akteuren das Bedürfnis nach Übernahme bürgerschaftlicher Mitverantwo­rtung beflügelt.“

© Mario Tino

Return on Influence?
Das Internet ist mit Sicherheit die größte und die sich am schnellsten entwickelnde Errungenschaft der letzten Jahrzehnte. Als neuer digitaler Meinungsmarktplatz ermöglicht es Transparenz, Dialo­g und Partizipatio­n als Grundlage für den Vertauensaufbau. Ob diese Chancenfelder vo­n Po­litik und Demo­kratie umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

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