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Peter W.

Marx

theatralisches

Ein

Zeitalter

Bürgerliche Selbstinszenierungen um 1900

Ein theatralisches Zeitalter .

Peter W. Marx Ein theatralisches Zeitalter Bürgerliche Selbstinszenierungen um 1900 A. Francke Verlag Tübingen und Basel .

.francke. detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:/ dnb. Vordergrund: Der von Zebras gezogene Reklamewagen des Zirkus Hagenbeck (links). / Gedruckt mit Unterstützung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. die Ovation eines Wiesbadener Bürgers an Wilhelm II. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Köln). Übersetzungen. Göttingen Printed in Germany ISBN 978-3-7720-8220-7 . Internet: http:/ www. © 2008 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen.de / E-Mail: info@francke.Titelbilder: Hintergrund: Fassade des Lessing-Theaters (links) und Innenraum des Berliner Kaufhauses Wertheim (rechts). KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. (Mitte) und (rechts) Jenny Gross bei der „Mohrenwäsche“ (Theatergeschichtliche Sammlung Schloss Wahn. Wiesbaden Druck und Bindung: Hubert & Co.de Umschlaggestaltung: Haiko Hane.d-nb. Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.de abrufbar.

Für Susanne .

........................“ (V.......... 44 Kanon und Politik: Tell....................................................................... 27 Die Bühne als Schauplatz und Ort bürgerlicher Selbstdarstellung ... 130 Die Vor-Geschichte: Die großen Virtuosen Devrient............................................................................ 11 Reisewege ......................................... Granach .................. 121 Durch die Maske des Fremden: Sender Glatteis liest Nathan und Shylock.......................................... „Der Pojaz“ (1905) ................................................................................................... 199 7 . Eine Einleitung Maskenspiele ................................... 78 Zwischenspiel mit Überraschung: „Wilhelm Tell“ – ein Stummfilm 1923 ....................................................... 57 „Ein nationaler Gottesdienst.................... 192 Kanon und Politik: Abschließende Bemerkungen................................... 88 „Treibt sie auseinander!“ Versuch einer radikalen Lesart: Jessner 1919......... 107 Abschließende/ überleitende Bemerkungen ..........................................................................1): Achaz 1933 ............................................... .......................Inhalt Vorwort.......................... bei welchem die angesehendsten Gemeindebürger ministrieren“................. 21 Methodische Überlegungen zu den Bedingungen bürgerlicher (Selbst-) Darstellung ................................................. Karikaturen............ 165 Werner Krauß und die Judenmaske: Nathan....................... 69 Der Kampf um den „eisernen Bestand der Dichtung“: „Wilhelm Tell“ in Berlin 1913 .......................................................... 180 Fritz Kortner: Shylock (1927) im Angesicht des Antisemitismus ..................................................................................................................................................................... 146 „Bei Sonnenthal hört der Antisemitismus auf…“ – Adolf von Sonnenthal: „Nathan der Weise“.............................................. Nathan und Shylock......................................... Selbstdarsteller und Schauspieler.................. 115 Nathan & Shylock: Ansätze einer Genealogie jenseits des Mainstreams ..................... Masken......................... Dawison................................................................................... 97 „Rein ist der Boden........................................................ 51 Wilhelm Tell – Sohn der Berge......................... 124 Nathan & Shylock: Denkfiguren....................................... Possart ..... 9 Hochstapler.......... Held aus der Mitte des Volkes ...................... 39 Ein theatralisches Zeitalter? .............................. „Jud Süß“ .......... 158 Der ‚authentische’ Shylock: Schildkraut............. Shylock..

........................................................................ 334 „Pferdinand“ Bonn: Shakespeare im Zirkus .........„Normallodenstück“ und bayerische Ausstattungsrevue: Die Konjunktur des Bauerntheaters ........................................... ......... 236 Das Lachen von Parvenupolis ........................................................................................................................................ 254 Theater für Parvenupolis ....................... ................................................................................... 220 Rezeption ......................................................................................................................................................................... der Sherlock Holmes war: Ferdinand Bonn ................................... 305 Die kulturelle Ökonomie des Spektakels ....................................................... 205 Vorgeschichte (2): Die Hochgebirgsmeininger: Die „Münchener“ (1879-1893)....................................... 251 Vorgeschichte: „Auf der Eisenbahn…“ .............. 210 „Die oberbayerischen Stücke den Oberbayern“: Die „Schlierseer“ .............................. 227 Conrad Dreher meets Buffalo Bill: Bajuwarenschau oder Volkstheater?.......................................... 350 Epilog ................ 415 Abbildungsverzeichnis ......................................... 294 Der Parvenu als Trickster ............ 265 Das Warenhaus........................................................................ 311 Theater und Spektakel ............................................... 203 Vorgeschichte (1): Wurzelsuche ......................................................................................................................................... 377 Forschungsliteratur ...................................................................................................................... 415 Quellen im Internet............ 371 Literaturverzeichnis Quellen ........................................................................................................................................................................ 273 Das Theater als Vergnügungs-Warenhaus.............................................. 417 8 .............................................................................................................................................................................................................................. 215 Repertoire und Selbstinszenierung ................................. 259 Ein „Theater für die Lebenwollenden“: Das Lessing-Theater................................................ 384 Filmverzeichnis....................................................................................................................................................................................................... 341 Spektakel der Macht ............................. 327 Der Mann......... 286 Schaulust und Begehren: Das Publikum.. .......................................................................................................................................................... 232 Fremdkörper im Revier............................... 416 Register ...........................................................

weil sie in Bibliotheken und Archiven jene Schatzstücke bereit halten. seitdem verbindet uns ein stetiger wissenschaftlicher Austausch. mich zu bedanken. Unsere zahlreichen Gespräche haben mir geholfen. Jahrhundert. als auch als Institutsleiter meine vielfältigen Wege mitgetragen hat. Mashav Balsam. Ich danke meinem Kollegen Friedemann Kreuder. Erika Fischer-Lichte hat dieses Projekt in verschiedenen Gesprächen angeregt und an einigen Stellen – ich denke besonders an ein Gespräch in St. – Ohne diese Gastfreundschaft wäre ein solches Vorhaben nicht möglich gewesen. Hier gilt mein Dank besonders Elmar Buck und Hedwig Müller von der Theatergeschichtlichen Sammlung Schloss Wahn (Köln). einen Weg zu und durch dieses Thema zu finden. es ist vielmehr auch Produkt vieler Gespräche und Anregungen. Hans-Peter Bayerdörfer.Vorwort Die vorliegende Arbeit ist das Ergebnis einer langen Beschäftigung mit dem ausgehenden 19. Die vorliegende Arbeit wäre nicht möglich. Freddie Rokem und Jeanette Malkin haben mich 2002 eingeladen. ohne Menschen. meine Arbeit auf einer Konferenz in Jerusalem vorzustellen. die in einem sehr konkreten Sinne den Weg in die Vergangenheit ermöglichen. Hierfür bin ich sehr dankbar. ohne die historisches Denken leer bliebe. die ich in Mainz begonnen habe. Sabine Haenni. Viele Gespräche und Begegnungen haben das Nachdenken für dieses Buch inspirierend und auch vergnüglich gemacht. der mich sehr bereichert. für unsere Zusammenarbeit. der meine Arbeiten über Mainz hinaus gefördert und mitgeprägt hat. Geschrieben wurde sie großteilig in New York – dank eines Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung. Ich möchte mich daher besonders für diese großzügige und umfassende Unterstützung und Förderung bedanken. der meine Arbeiten sowohl mit kollegialem und freundschaftlichem Rat unterstützt. wo mich besonders Mark Anderson und Andreas Huyssen begleitet haben. seine Gastfreundschaft hat mich im letzten Winter für ein Semester nach Hildesheim geführt. bei denen ich nicht nur suchen und stöbern durfte. Petersburg im Mai 2004 – in neue Bahnen gelenkt. Mita Banerjee. Das vorliegende Buch verdankt sich aber nicht allein dem zurückgezogenen Nachdenken. mit der mich ein starkes Interesse für die metropolitane Kultur auf beiden Seiten des 9 . An der Columbia University in the City of New York war ich zu Gast am Department of Germanic Languages. sondern die durch viele Hinweise und Gespräche meine Arbeit bereichert haben. Ich möchte daher – trotz der Gefahr durch Auslassung ungerecht zu sein – die Gelegenheit nutzen. Martin Baumeister. Mein Dank gilt Sharon Aronson-Lehavi. die mich aber in den letzten Jahren an die unterschiedlichsten Orte geführt hat. Hajo Kurzenberger hat mich in den letzten Jahren immer wieder beraten und gefördert. Mein Dank gilt in besonderer Weise Christopher Balme.

dessen Vorschlag noch auf den letzten Seiten des Buches Eingang gefunden hat. Sie hat alle Höhenflüge und Untiefen dieser Arbeit begleitet – es ist im umfassenden Sinne Ausdruck unseres gemeinsamen Weges. Ich bin hierfür sehr dankbar. als ich in diesen Zeilen sagen kann. der mein Schreiben als Lektor nun schon seit langem betreut. deren (Gast-) Freundschaft dieses Buch begleitet hat. Martin Puchner. die meine Abwesenheit im besten Sinne des Wortes mitgetragen haben. Hans-Otto Hügel. im Februar 2008 Peter W. Marx 10 . unermüdlich und in vielen Diskussionen begleitet. Wolfgang Schneider. Ich denke hierbei auch voller Dankbarkeit an meine Großeltern. James Shapiro. für viele Anregungen. ohne deren Geduld und Nähe es nicht möglich gewesen wäre. Kristin Becker hat meine Arbeit an diesem Buch von Beginn an hilfreich. wäre das Projekt in der jetzigen Form kaum möglich gewesen. Ohne den Rückhalt meiner Familie und vieler Freunde. Noah Isenberg. Albert und Erna Marx. Widmen möchte ich dieses Buch meiner Frau. Julie Voss. Susanne Stadler. Ich danke an dieser Stelle weiterhin Sam Albert und Andrea Masley. Mein besonderer Dank gilt Jürgen E. Bedanken möchte ich mich auch bei Jürgen Freudl. Alfred Hornung. Stefanie Watzka hat sich der Mühe unterzogen. Ich danke Haiko Hane für seinen Entwurf des Buchumschlags. die auf vielfältige Weise durch Umsicht. Timo Heimerdinger. dessen Zutrauen immer eine wichtige Stütze ist. Ohne den Rückhalt meiner Mainzer Kolleginnen und Kollegen. wäre dies nicht möglich gewesen. für seine Ermutigung. Schmidt. Dr. Dorothea Volz. Stephanie König. Ich will mich an dieser Stelle besonders bei meinen studentischen Mitarbeiterinnen bedanken.Atlantiks verbindet. Meine Tochter Miriam hat mit ihrer Fröhlichkeit und Freundlichkeit die letzten zweieinhalb Jahre des Arbeitens an diesem Buch beobachtet. das Manuskript zu korrigieren und zu redigieren – ich bin für ihre Sorgfalt und Präzision sehr dankbar. Ihre Neugier und Zuversicht sind ein großer Ansporn. Ich empfinde mehr Dankbarkeit. Walter und Ilse Heep sowie an meine Urgroßmutter. Sofie Taubert. dessen Rat mir stets sehr wichtig ist. Ihre Erzählungen und Erinnerungen haben meine Kindheit belebt und – wie ich beim Schreiben immer wieder festgestellt habe – mein Bewusstsein um die Geschichtlichkeit des eigenen Augenblicks auf positive Weise gefördert. Mainz. die mit Geduld und Nachsicht die unterschiedlichen Wege dieser Arbeit verfolgt haben. Annika Rink. Einfallsreichtum und nicht zuletzt durch Geduld dieses Buch ermöglicht haben: Jasmin Fisel.

Auf dem Höhepunkt dieses Skandals erschienen Domelas Memoiren unter dem Titel „Der falsche Prinz“ (1927).’ Er schlug eine neue. „Prinz von Lieven“ durch Deutschland. Auslöser für die Verhaftung Domelas (und für seine ‚Verbrechen’) war letztlich aber eine kollektive Sehnsucht nach einem aristokratischen Herrscher und seinem autoritären Habitus. Domela hatte dieser Sehnsucht Nahrung bzw. mehr ausgeben. 14. während für die deutsche Gesellschaft eine (je nach Blickwinkel) amüsante oder hochnotpeinliche Auseinandersetzung um ihre innere Verfasstheit begann. die der hohen Stellung eines Reichskanzlers gleichkommt. wobei der Höhepunkt seiner Karriere darin bestand. 11 . ‚Und hier. Der Direktor bittet ihn zu sich und zeigt ihm voller Stolz das Gästebuch seines Hotels mit den Unterschriften prominenter Gäste: Der Direktor konnte jetzt eine gewisse Erregung nicht mehr verbergen. die einen detaillierten und bunten Bericht dessen gaben. was der Vorsitzende Richter im Prozess ängstlich zu vermeiden suchte: eine Beschreibung. Eine Schlüsselszene ist in diesem Zusammenhang sein Besuch in einem Hotel in Erfurt. mehr Genüsse und Ehren erreichen. Marx. Ich frage Sie: wer ist heute nicht Hochstapler? Alfred Nossig1 Als am 8. gehalten wurde. das Produkt und das Spiegelbild unserer Zeit! Heute will jeder mehr scheinen. der höchste Beamte des Deutschen Reiches. den Enkel des abgedankten und geflohenen Kaisers. Januar 1927 Kriminalpolizisten den vorbestraften Harry Domela (1905 ~ seit 1969 verschollen) in Köln festnahmen. Eine Einleitung Maskenspiele [Die Hochstapelei] ist das eigentliche Metier unserer Epoche. der einen noch volleren Klang hat. Zwei Jahre lang fuhr er als „Herr von der Recken“ bzw. hier müßte sich eigentlich eine der höchsten Persönlichkeiten eintragen. sondern hinter vorgehaltener Hand und in Hinterzimmern wucherte und blühte. als ihm gebühren. auf dieser Seite. ein Gesicht gegeben und persönlichen Vorteil hieraus gezogen. dass er für Prinz Wilhelm von Preußen (1906-1940). ein Name. noch unbeschriebene Seite auf. endete für ihn eine geographische wie soziale Irrfahrt durch das Deutschland der Weimarer Republik. ‚Ja.Hochstapler. eine Persönlichkeit.’ 1 Nossig 1902. wie der vormalige Landstreicher Harry Domela als falscher Aristokrat durch Deutschland und seine oberen Schichten reist und wie er diese mit ethnographischem Interesse und Staunen in ihrem Verhalten und in ihren Sitten erlebt. in dem sich Domela als „Baron Korff“ einquartiert. die sich in der ‚neuen Demokratie’ nicht öffentlich artikulieren durfte. als er ist. Selbstdarsteller und Schauspieler. als er hat.

wer bin ich denn?!’ fragte ich. für einen Tag nach Berlin zu fahren und mich dort neu einzukleiden. 12 . hier mit Wilhelm sich an dieser Stelle der Bendow als Hoteldirektor. sondern auch im Zuschauerraum findet ein theatraler Akt statt. An der Brüstung blieb ich einen Augenblick stehen und sah ostentativ ‚auf mein Volk’ herab. ‚Seine Kaiserliche Hoheit Prinz Wilhelm von Preußen. die Über- 2 3 4 Domela 2000.’ – ‚Nun. die zwar nicht der ‚Realität’ entspricht. der älteste Sohn des Kronprinzen. wird er selbst tätig: „Nun war ich Prinz Wilhelm von Preußen.Er ergriff einen Federhalter. Theatermetaphorik von Rolle und Kostüm bedient. 163. wir haben Eure Kaiserliche Hoheit sofort erkannt. meine Verblüffung zu verbergen. daß ich bin…’ – ‚Oh. Seinen prägnantesten Ausdruck findet dies in einem Theaterbesuch in Gotha. 4 Die Schilderung doppelt die Theatersituation – nicht allein auf der Bühne. Sämtliche Operngläser richteten sich wie auf ein Kommando nach mir. 183. Wie würde sich neben einem Reichskanzler Marx ein simpler Baron Korff ausnehmen!’ Der Direktor lächelte diskret. eine angemessene Equipierung. ‚der Gegensatz ist doch wohl zu groß. und prompt antwortete er. Domela 2000. Dann schwoll das Stimmengeschwirr um so stärker an. Vielmehr entsteht aus dem Wechsel von Rollenspiel (Domela) und Wahrnehmung/ Projektion (Umwelt) eine Situation. ‚Wer könnte denn außer Eurer Kaiserlichen Hoheit sonst in Frage kommen?’ – ‚Wer glauben Sie denn. Falls Herr Baron die Güte haben würde?!’ Ich hatte Mühe. ‚Wir haben dabei an den Herrn Baron gedacht. ‚Marx – Korff?!’ sagte ich. aber eine neue soziale Wirklichkeit begründet. 1: Harry Domela (rechts) spielt sich selbst in geschuldet. wo der vermeintliche Prinz seinem Volk entgegentritt und beide sich in ihren Rollen erkennen: Wir traten in die Loge. Eine Sekunde war es ganz still im Theater. Domela 2000. Ich entschloß mich daher. die Domela durchgehend für seine Schilderung wählt: Er dient als Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Anderen – erst durch diesen Initialfunken angeregt. 161f.’2 Ungeachtet des apologetischen Charakters der Szene – Domela inszeniert sich selbst mehr als passives ‚Opfer der Situation’ denn als aktiven Täter – offenbart sich hier eine Grundkonstellation. dass Domela „Der falsche Prinz“ (1927). tauchte ihn ein und reichte ihn mir. Nur eins fehlte mir noch zu meiner Rolle.“ 3 Es ist sicherlich nicht nur stilistischen Gründen Abb.

Während sich einige bekannte Motive. Vgl. Der Hochstapler erscheint als Symptom einer sich verändernden Gesellschaft. durch alle Zeiten und GesellRekurrent ist hierbei das Motiv des im Dunkeln Stehenden. sein ‚Verbrechen’ basiert letztlich auf der Leichtgläubigkeit oder Orientierungslosigkeit seiner Opfer. Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden. dass er von außen nach innen schaut. ist das Niederdrückende. Als Beleg hierfür mag man sich nur die vielfältigen Formen der Beschäftigung mit dem Phänomen der Hochstapelei vor Augen führen: Man denke an die zahlreichen literarischen Verarbeitungen. Daß sie einen richtigen Prinzen so und eben so empfangen hätten und natürlich heute so empfangen. etwa Wachenhusen 1887 oder Nossig 1902. in der ein Schneider aufgrund seines Mantels für einen reichen Grafen gehalten wird. in dessen Malik-Verlag das Buch 1927 erstmals erschien. sondern der Fall Domela offenbart sich auch als Symptom einer tiefgehenden sozialen Verunsicherung und Verschiebung. hierzu besonders Rietzschel 2000. (Vgl. Für den kritischen Leser des Jahres 1927 offenbart sich hieran eine erschreckende Wahrheit über das ‚eigentliche’ Innenleben der deutschen Gesellschaft. der sich vornehmlich dadurch artikuliert. gar nichts an der Beurteilung dieser Großbourgeoisie. 6 Aus der Perspektive des 21.nahme der Rolle wird durch die affirmative Rezeption des Publikums wirksam. sondern dass vielmehr Wieland Herzfelde. Vgl. der in erleuchtete und erwärmte Innenräume blickt. Jahrhunderts sind aber nicht allein die Vorzeichen der nur wenige Jahre später sich vollziehenden Katastrophe des Nationalsozialismus erkennbar. dass nicht alle die gleiche Popularität und Eindringlichkeit haben. Tucholsky 1998. wie Heiratsschwindel oder religiöse Leichtgläubigkeit.5 so steht er nun im Zentrum und Fokus eines kollektiv-nostalgischen Blicks. redigierend in den Text eingegriffen und ihm auch eine entsprechende politische Perspektivierung gegeben hat. 466f. Innerhalb von Domelas Text bedeutet dies eine radikale Perspektivverschiebung: Schildert der Ich-Erzähler im ersten Teil seinen sozialen Abstieg als einen Prozess. dass Harry Domela nicht als alleiniger Autor des Textes zu begreifen ist. dieser Adligen. Kurt Tucholsky: Diese Schilderung ist ja deshalb so schrecklich. Einen frühen Vorläufer kann man sicherlich in Gottfried Kellers Erzählung „Kleider machen Leute“ (1866) sehen. Jahrhundert reichen. Richtungsweisend und als Einführung gut geeignet sind hierbei Aschaffenburg 1907. daß es sich um einen falschen und nicht um einen richtigen Prinzen handelte. weil die Tatsache. 10 Trotz der Fülle von HochstaplerGeschichten ist auffällig. 7 die sehr populären (Auto-) Biographien bekannter Hochstapler8 sowie die beginnende psychologisch-kriminologische Auseinandersetzung9 mit dem Thema. zeitgleich mit Domelas Buch etwa Straßnoff 1926 oder Boothbuy 1928. deren Wurzeln ins 19. dieser Hoteldirektoren ändert.) Dies ist gerade im ersten Teil besonders deutlich – hier wird das Bild der geschlossenen Tür sowie der Blick aus der dunklen Kälte in die erhellten und mutmaßlich beheizten Räume zur Chiffre sozialer Ausgrenzung. So schreibt bspw. 5 6 7 8 9 10 13 . 1908 und 1924.

14 . Verbleibt man aber nicht bei dem Lachen über die Dummheit und Leichtgläubigkeit der Getäuschten. 12 Anders als Domela begann Voigt sein kulturelles ‚Nachleben’13 vor allem in der literarischen Überformung durch Carl Zuckmayer (1896-1977). Auch wenn sich an den Beispielen der Effekt der Medialisierung sehr genau nachzeichnen lässt. in welchem Maße die deutsche Gesellschaft sich durch äußerliche Statussymbole beeindrucken und in die Irre führen ließ. gibt. Zwar trat auch Voigt öffentlich mit seiner Geschichte auf und verkaufte Postkarten in seiner Uniform. der 1906 als „Hauptmann von Köpenick“ einen Bezirksbürgermeister festsetzte und die Stadtkasse erbeutete. Sie werden andererseits hauptsächlich durch das sichere Auftreten verständlich. das allen diesen Personen gemeinsam ist. ihr 11 12 13 14 15 Stephan Porombka schreibt dies vor allem der medialen Verbreitung zu. der Voigts Geschichte 1931 im „Hauptmann von Köpenick“ zu einer Parabel des deutschen Militarismus und autoritären Staates machte. 15. dass es eine je unterschiedliche Qualität der kulturellen Dichte. der involvierten kulturellen Systeme. Vgl. so lässt diese Deutung doch außer Acht. 2: Die Gesichter des „Hauptmanns von nismus zutage. chologe und Kriminologe Gustav Aschaffenburg (1866-1944) beschrieben hat: Die Erfolge der Schwindler und Hochstapler erscheinen überraschend. Zehn Tage später wurde er verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. so tritt ein tiefer liegender sozialer MechaAbb. Aschaffenburg 1907. 55-63. dass der Hochstapelei zwar eine „degenerative Veranlagung“ 15 zugrunde liege. Vgl.h. zu diesem Fall die ausführliche Schilderung bei Porombka 2001. Domelas und Voigts Geschichten markieren. hierzu Porombka 2001. Porombka 2001. allerdings bereits 1908 von Kaiser Wilhelm II. so dass ihre Geschichten zu einem Panorama der betreffenden Gesellschaft werden. begnadigt. 590. 548. vgl. 14 Mit Blick auf die strafrechtliche Relevanz führt Aschaffenburg aus. zeitgenössische Postkarte.11 In dieser Hinsicht ist sicherlich das bekannteste Pendant zu Harry Domela der Schuster Wilhelm Voigt (18491922). sich durch Titel und Auftreten (Automobil!) verblüffen zu lassen.schaften hinweg finden lassen. d. Sie erklären sich einerseits durch die Neigung des Publikums. gerinnen andere in besonderer Weise zu einem Bild ihrer Zeit. den der PsyKöpenick“. 61f. Aschaffenburg 1908. allerdings blieb dies in seiner Wirkung und Verbreitung begrenzt.

Rolle. Die Freude an der Sensation […] führt oft zu ganz verblüffend dummen Handlungen. meist auch nur ephemerer Natur. 19 dass der Betreffende nicht mehr zwischen Rolle und ‚Realität’ unterscheiden könne. und er machte einen solch verstörten Eindruck. Wundt 1911. Aschaffenburg führt hierzu aus: „Durchweg findet sich eine Freude. aber im Grunde doch erst in zweiter Linie kommen. etwas Bestimmtes. zu imponieren. 18 Ähnlich wie Domela in seiner Autobiographie beschreiben auch Aschaffenburg und Wundt die Hochstapler mit den Metaphern des Theaters und der Schauspielerei: „die Freude an der Sensation“. Die I d e e der Rolle bringt die Befriedigung mit sich. Während des Sprechens liefen ihm die Tränen über die Wangen. von denen das eine an Diphterie starb.Verhalten aber gerade deshalb gutachterlich so schwer einzuschätzen sei. wie Aschaffenburg an einem seiner Fälle expliziert: Von Beruf war er eigentlich Schauspieler. Uniformen zu tragen. daß er nie verheiratet gewesen war. weil sie eben die Szenerie für die Aktion abgeben. Droschkenkutschern. wie einige Proben uns zeigten. das andere von einem herabfallenden Balken erschlagen wurde. Aktion. Er erzählte uns eines Tages. 15 . zerstört worden sei. wie sein junges Eheglück in Chicago durch den Tod seiner Frau und seiner beiden Kinder. daß wir trotz unserer Überzeugung. 16 Dieses Verhalten sei in einem allgemeinen Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Achtung begründet. und besonders stark die Neigung. die geradezu eine Entdeckung provozieren müssen. mit den Manieren und dem Pathos des Provinzschauspielers. Wenn er aber ins Schwindeln geriet. weil sich Andeutungen von phantastischem Schwindeln auch in der Norm finden. Publikum und schließlich das Bedürfnis nach Wirkung und Geltung. daß es oft schwer wurde. 590. ein herzlich schlechter. 590. uns eines tiefen Mitgefühls nicht erwehren konnten. als vielmehr der unwiderstehliche Drang. Psychologisch aber sei das ausschlaggebende Kennzeichen der Pseudologia phantastica. etwas zu s e i n . zu denken und zu fühlen als ein anderer Mensch. Aber die prinzipielle Exkulpierung verbietet sich schon aus dem Grunde. Szenerie. 17 wie Erich Wundt erläutert: Die causa movens der Pseudologia phantastica ist in dieser graduell höchsten Form nicht so sehr der Hang […]. und zwar. dessen Bild in einer begehrenswerten Gestalt der Phantasie vorschwebt. wohlklingende Titel zu führen. Dienstmännern usw. die wir ebenso wie manche Lügen und Phantasien der Kinder als verwandte Erscheinungen betrachten müssen. wo der Titel nicht den Zweck haben soll. als solcher vor der Welt und vor s i c h s e l b s t zu gelten. Darin liegt das Geheimnis des Erfolges. aber unter den gegebenen Umständen nicht Angängiges zu erzählen. Oberkellnern. selbstverständlich mit akzeptiert werden. Den Begriff als Krankheitsbild hat Delbrück 1891 geprägt. zu leben. Aschaffenburg 1908. nicht aber kategorial vom ‚Normalfall’ unterschieden werden könne. Vorteile zu erringen. während materielle Vorteile. 483f. Das Jägerlatein.“. weil es nur graduell. sich dem packenden Eindrucke zu entziehen. die Aufschneidereien mancher Hochtouristen und Weltreisenden sind Erscheinungen. protzig aufzutreten. zu tun oder zu erstreben. Portiers. Im Augenblick des Schwindelns 16 17 18 19 Aschaffenburg 1908. wurde sein Benehmen so echt und einwandfrei. auch da.

405.vergißt der Hochstapler ganz. Zuckmayer 1960. in den Hintergrund tritt. lässt selbst den Kaiser über den Vorfall lachen. Ein Blick auf den gesellschaftlichen Kontext zeigt. der Opfer. die sich wesentlich in symbolischen Handlungen. so sehr greift sie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zu kurz. der ihm zum Beweis deutscher Disziplin wird. hierzu Schulz 2005. daß er schwindeln will. der. mag ein Seitenblick auf Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ weiterhelfen: Zuckmayer. 547. weil sie das konstitutive Moment der Mitwirkung des ‚Publikums’. Stattdessen wurde das Konzept der Bürgerlichkeit zum zentralen Referenzpunkt gesellschaftlicher Entwicklung. daß er sie erlebt. Jürgen Kocka hat in diesem Zusammenhang darauf verwiesen.23 Dieter Hein und Andreas Schulz führen hierzu aus: 20 21 22 23 Aschaffenburg 1907. der dem Diderot’schen Paradox zum Opfer fällt oder das Stanislawski’sche Paradigma übererfüllt? So reizvoll eine solche theatrale Lesart des Hochstaplers sein mag. das soziale Zentrum dieses Staates aber sah sich einem massiven Veränderungsprozess ausgesetzt. Bürgerlichkeit als eine Kultur zu definieren. Kocka 1987. artikuliert. die im Rahmen der Ständegesellschaft eine stabile soziale Identität garantierten. 22-25. Titel. 20 Der Hochstapler als Schauspieler. ‚harten’ sozialen Merkmale. wie der Untertitel ausweist. verloren jene Kategorien. dass das Bürgertum des 19. und er lebt sich so in seine Rolle hinein. wenn er ausruft: „Kein Volk der Erde macht uns das nach!“21 Dieses von Zuckmayer erfundene Lachen – das sicherlich nicht als Verlachen gemeint ist – bestätigt die soziale Relevanz und Notwendigkeit symbolischen Rollenspiels und seiner äußerlichen Autorisierung. Um diesem Wechselspiel näher zu kommen. weil seine ‚Bedrohung’ der kaiserlichen Autorität und ihrer symbolischen Ordnung gegenüber dem blinden Vertrauen und Gehorsam seiner Untertanen. in dem es das 18. ihre Bindungskraft. Kocka schlägt stattdessen vor. Selbst der Kaiser kann über Voigt lachen. Konventionen. und frühe 19. Während der juristische Diskurs mit dem Begriff des Staatsbürgers (in Abgrenzung zum Konzept des Untertans) eine eindeutige rechtliche Stellung schuf. in Anbetracht der als Modernisierung ablaufenden Wandelprozesse nicht mehr greifen. den Stoff zu einem „Märchen“ verdichtet hat. wie Tischsitten. 44. 16 . dass die Konjunktur der Hochstapelei in einer tiefgreifenden Verschiebung sozialer Kategorien gründet: Mit der 1871 erfolgten Gründung des Deutschen Reiches war zwar ein rechtlich-politischer Rahmen gesetzt worden. Vgl. 22 allerdings nicht mehr in dem eindeutigen Sinne. die der Hochstapler sich in illegitimer Weise aneignet. nur am Rande berücksichtigt. die ebendiese Macht bestätigen. Jahrhundert verwendet hatte. wie Besitz und Bildung. weil die ‚klassischen’. Jahrhunderts kaum mehr als eine homogene Klasse beschrieben werden kann. Vgl.