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1.

Einleitung

„However, the statistical analysis reveals no evidence for an effect of Islam on intrastate conflict.“1
Dieses Teilergebnis einer Studie von M. Sörli, N. Gleditsch und H. Strand mit dem Titel Why is
there so much Conflict in the Middle East? war der Anlass der folgenden Hausarbeit. Fast täglich
wird über innerstaatliche Konflikte im Irak, Afghanistan, Sudan, Algerien , etc. berichtet, in denen
der Islam „irgendeine“ Rolle spielt. Diese quantitative Studie findet jedoch keinen statistischen
Zusammenhang. Ist die mediale Berichterstattung oder unsere Wahrnehmung so verzerrt, dass wir
Zusammenhänge konstruieren, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind?
Um diese Fragen zu beantworten muss erst einmal der Aufbau der Studie verstanden und ihr
Anspruch geklärt werden. Dabei lassen sich logischerweise von vornherein die Systeme
Wissenschaft und Medien in Bezug auf ihre Eigenlogiken, Ziele und Methoden unterscheiden. Die
ursprüngliche Irritation rührt daher, dass durch die Massenmedien selten eine systematische
Darstellung von Phänomenen vermittelt wird, sondern der Nachrichtenwert eines Ereignisses über
dessen Kommunikation und damit über dessen Verbreitung entscheidet.
Die quantitative Sozialforschung wiederum sucht große systematische Zusammenhänge um
generalisierbare Aussagen – meist über die Korrelation zwischen zwei Phänomenen – zu machen.
Damit die Fehlerquote so gering und die Relevanz der Studie so hoch wie möglich ausfallen,
müssen möglichst alle relevanten Fälle, in denen der zu untersuchende Zusammenhang vermutlich
wirkt, gemessen werden. Die notwendige Kategorisierung der Indikatoren, wie beispielsweise
„Islam“ und „Konflikt“ ist kritisch zu betrachten, da en dabei muss reduziert werden, um sie
messbar zu machen.
Die Vorgehensweisen der Studie, die daraus entstandenen Ergebnisse und die wiederum daraus
entstandenen Aussagen sollen im Folgenden untersucht werden. Die Grundlage für die
Untersuchungen von Sörli et. al. ist das sogenannte Collier-Hoeffler Modell. Das Modell wurde
1999 von Paul Collier und Anke Hoeffler im Rahmen eines von der Weltbank in Auftrag gegebenen
Forschungsauftrages entwickelt. Die Methodik dieses Modells liegt in der Ökonometrie, dass heißt,
mit der Zusammenführung von mathematischen und statistischen Methoden sollen
wirtschaftstheoretische Modelle empirisch überprüft werden. Ein Teil dieser Hausarbeit wird somit
ebenfalls beinhalten, diesen „technischen Hintergrund“ zu analysieren und zu fragen ob sich soziale
Phänomene in Kategorien messbar machen lassen, die dann wie Konstanten behandelt werden.
Konkret müssen also folgende Frage gestellt werden: Wie werden die Kategorien gebildet? Wie
werden Indikatoren wie ethnische Dominanz oder politische Repression operationalisiert und

1
Sörli 2005, S. 155

1
quantifiziert? Lassen sich objektivierbare Skalen, beispielsweise für die Ausprägung von
Demokratie finden?
An der „Greed and Grievance“- Debatte tut sich ein neuerer Zweig der akteurszentrierten
Konfliktforschung auf, der versucht, die neuen Kriege nach dem „Ende der Geschichte“ fern von
jeglicher ideologischen Auseinandersetzung nur nach Aspekten der individuellen
Nutzenmaximierung zu untersuchen. Demnach wird die Entscheidung zu einem Bürgkrieg von
rational handelnden Individuen gefällt, wenn sie ihre Lage während oder nach dem Bürgerkrieg als
gewinnbringender einschätzen als ihre jetzige Lage.2
Selbst wenn die Prämissen und Messkategorien des Modells akzeptiert werden, bleibt immer noch
die Frage, ob aufgrund der Ergebnisse Verallgemeinerungen gerechtfertigt sind und ob die Frage
nach den wirklich wirklichen Ursachen für einen Bürgerkrieg auf eine einzige Motivation allein
zurückzuführen ist.

2. Die Studie von Sörli et. al.


Die Studie von Sörli, Gleditsch und Strand „Why is there so much conflict in the middle east?“
wendet das Collier-Hoeffler Modell an, um die Ursachen der innerstaatlichen Konflikte im Nahen
und Mittleren Osten (NMO)3 näher zu bestimmten. Sie stellen sich dabei die Frage, ob es so etwas
wie eine „middle east exceptionalism“ gibt, der die Region auf irgend eine Art und Weise besonders
in Bezug auf ihre Konfliktanfälligkeit macht. Grundlage für die Untersuchung bildet ein Datensatz,
der alle innerstaatlichen Konflikte weltweit von 1950 – 2002 erfasst. Im Vergleich zu anderen
Regionen zeichnen den NMO vier besondere Charakteristika aus, nämlich autoritäre Regime,
ölabhängige Ökonomien, Islam und der israelisch-palästinensische Konflikt.4 Die Kernaussage der
Studie lautet, dass keine dieser spezifischen Faktoren signifikant ist, es somit keinen „middle east
exceptionalism“ gibt und die ursprünglichen allgemeinen Indikatoren des Collier Hoeffler Modells
ausreichend sind, um den Beginn aller Bürgerkriege, auch im NMO zu erklären. Einzig der
Regimetyp ist bei Sörli signifikant, der im ursprünglichen Modell von Collier und Hoeffler keine
Rolle spielte.
Die Studie reiht sich damit ein in die Grundannahmen von Collier und Hoeffler, die behaupten, dass
weltweit alle innerstaatlichen Konflikte – und das sind die meisten der sogenannten „neuen Kriege“
– die gleichen generalisierbaren ökonomischen Ursachen haben. Ethnische, religiöse oder kulturelle
Ursachen spielen eine sekundäre, weniger aussagekräftige Rolle.
2
Vgl. Kunz, 2001 in Bonacker 200?
3
Der Nahe und Mittlere Osten wird definiert als Algerien, Bahrain, Ägypten, Iran, Irak, Israel, Jordanien, Kuwait,
Libanon, Lybien, Marokko, Oman, Katar, Saudi Arabien, Syrien, Tunesien, Türkei, Vereinigte Arabische Emirate
und Jemen.
4
Vgl. Sörli 2005, S. 142

2
Um den grundlegenden Aufbau dieser Art von Untersuchung zu verstehen wird im folgenden die
Studie die Paul Collier und Anke Hoeffler die aus ihren Forschungen während der Zeit bei der
„Development Research Group“ der Weltbank von 1998 bis 2003 resultierte.

3. Das Collier – Hoeffler Modell – „Greed“ vs. „Grievance“


Ziel von Collier und Hoeffler war und ist es, ein Modell zu entwickeln, dass den Ausbruch eines
Bürgerkrieges anhand von einigen Schlüsselfaktoren voraussagt. Dabei teilen sie die
akteurszentrierte Konfliktursachenforschung in zwei große Stränge ein, die den handelnden
Individuen jeweils eine unterschiedliche Grundmotivation, die zu einem Bürgerkrieg führt,
unterstellt. Auf der einen Seite sind die Umstände entscheidend, in denen Menschen rebellieren
wollen („Grievance“) und auf der anderen Seite, die Umstände, in denen sie rebellieren können
(„Greed“). Collier und Hoeffler werfen der ihr vorangegangenen, hauptsächlich
politikwissenschaftlichen Forschung einen zu starken Fokus auf die „Grievance“ Perspektive vor.
Sie brechen mit dieser Tradition, indem sie in ihrem Modell den unterschiedlichen Ursachen für
Bürgerkriege je eine der beiden Grundmotivationen unterstellen und überprüfen, ob die „Greed“-
Motive statistisch signifikanter sind als die „Grievance“ - Motive. Es gibt also beispielsweise die
Indikatoren geringes BIP und politische Repression als Ursache für den Ausbruch eines
Bürgerkriegs. Die Ursache des geringen BIP ordnen Collier und Hoeffler in die „Greed“ - Kategorie
ein, da die Kosten, um einen Bürgerkrieg zu finanzieren für die Rebellen geringer sind. Politische
Repression fällt in die „Grievance“ - Kategorie, da sie die Rebellion nicht einfacher und attraktiver
für den einzelnen macht, sondern das Individuum höchstens durch die unerträglicher werdenden
Umstände irgendwann einmal rebelliert, sich also von seinen Ketten befreit.

Die Veröffentlichung von Paul Collier und Anke Hoeffler „Greed and Grievance in Civil War“ im
Oktober 2001 markiert einen Bruch in der akteurszentrierten Konfliktursachenforschung. Auf die
Frage, was Gewaltakteure in heutigen Bürgerkriegen am grundlegendsten motiviert, beantworten
Collier und Hoeffler mit „Greed“. Es geht also nicht um die Durchsetzung politischer,
humanistischer oder ideologischer Ziele, sondern die persönliche Kosten-Nutzen Rechnung der
Akteure ist das ausschlaggebende Kriterium, um in den Krieg zu ziehen. Dies widerspricht anderen
Ansätzen, die Kultur, Ethnizität, Ideologie oder Identität als Hauptursache von zeitgenössischen
Bürgerkriegen sehen, welche Collier und Hoeffler unter dem Konzept „Grievance“ subsumieren.
Grundlage für diese Darstellungen ist die Erstveröffentlichung aus dem Jahr 2001, auf die in den
Jahren darauf folgenden Publikationen wird später noch einmal gesondert eingegangen.

3
3.1 Die Methode
Collier und Hoeffler finden mithilfe ihres Modells heraus, dass die Indikatoren der „Grievance“-
Kategorie weniger signifikant sind, als die der „Greed“- Kategorie. Wie schon an dem Beispiel oben
beschrieben werden die verschiedenen Indikatoren als unabhängige Variable der jeweiligen
Kategorie zugeordnet. Die Indikatoren werden wiederum mit sogenannten Proxys operationalisiert
und mithilfe von Datensätzen gemessen werden.
Alle benutzten Indikatoren, sowohl die der „Greed“ als auch die der „Grievance“ Kategorie wurden
von Collier und Hoeffler als die am häufigsten genannten Ursachen in der Literatur der
Kriegsursachenforschung herausgefiltert. Die Indikatoren wurden danach je nach
wahrscheinlichster oder plausibelster Grundmotivation in eine der beiden Kategorien eingeteilt. Um
die schwer messbaren Indikatoren zu operationalisieren werden sogenannte Proxies konstruiert, die
als Stellvertretervariable den Indikator messbar machen.

3.2. Die abhängige Variable


Die abhängige Variable ist jeweils der Beginn eines Bürgerkriegs. Die Datensätze stammen aus dem
Zeitraum von 1960 – 1999, wobei die Daten jeweils in 5-Jahres Sequenzen eingeteilt wurden.
Begann beispielsweise 1982 ein Bürgerkrieg in einem Land, wurde die Sequenz von 1975 – 1980
genauer betrachtet und geschaut, in welchem der beiden Konzepte es die signifikanteren
Veränderungen gab.
Bereits hier stellt sich die Definitionsfrage „Wann ist ein Bürgerkrieg ein Bürgerkrieg?“. -->
verschiedene Definitionen . Collier und Hoeffler benutzen in ihrem Modell...
Sörli et. al. ...

3.3 Die unabhängigen Variablen in der „Grievance“ – Kategorie


Unter „Grievance“ subsumieren Collier und Hoeffler alle Indikatoren, in der sie keine individuelle
Kosten-Nutzen Maximierung als Ursache für den Ausbruch von Bürgkriegen sehen. Vielmehr ist
hier der Bürgerkrieg ein Mittel zum Zweck, dass heißt zur Durchsetzung ethnischer, kultureller,
nationaler, religiöser, klassenbedingert, etc. Ziele.5 Zweitens fallen bestimmte Rahmenbedingungen,
wie die Globalisierung mit ihrem „Zerstörungspotential“ gegenüber traditionellen Identitäten oder
die willkürliche Grenzziehung in ehemals kolonisierten Ländern in die Grievance Kategorie. In
ihrer Veröffentlichung aus dem Jahre 2001 werden konkret die Indikatoren ethnisch und religiös
bedingter Hass, politische Repression, ethnische Dominanz und ökonomische Ungleichheit
operationalisiert. Diese vier unabhängigen Variablen werden im folgenden Kapitel genauer
5
Vgl. Nelles 2004, S. 25

4
untersucht.

Ethnisch und religiös bedingter Hass


Collier und Hoeffler geben zu, dass ethnisch oder religiös bedingter Hass nicht direkt zu
quantifizieren sind. Das Phänomen würde jedoch hauptsächlich in multiethnischen oder
multireligiösen Gesellschaften auftauchen, die polarisiert jedoch nicht fragmentiert sind. Der Proxy
für diesen Indikator ist also soziale Polarisierung. Die Idee dahinter ist: In ethnisch homogenen
Gesellschaften gibt es logischerweise keinen ethnisch oder religiös bedingten Hass als Ursache von
Bürgkrieg. Jedoch auch nicht in heterogenen Gesellschaften, die fragmentiert sind, da hier eine
Mobilisierung aufgrund der verstreuten – nicht polarisierten – geographischen Verteilung schwerer
zu realisieren ist. Eine Verbindung von Polarisierung und Konflikt sind laut Collier und Hoeffler
„common in the polpular literature“.6
Soziale Polarisierung wird anhand einer Formel von Esteban und Ray berechnet. Die Herleitung
dieser Formel geht jedoch von Kategorien wie „Einkommen“ aus und schließt daraus dann auf den
Grad der Polarisierung. Dabei wird Individuen mit gleichem Einkommen die höchste Affinität
zueinander unterstellt.7
Ethnische und religiöse Gruppenzuschreibungen sind allerdings schwer auf einer Skala abzutragen,
die den Grad der Religiosität ähnlich wie die des Einkommens wiedergibt. Auch der Schluss, je
ähnlicher desto homogener schließt viele Ambivalenzen aus. Der große Fehler in der Messung ist
die Diskrepanz zwischen Fremdzuschreibung und Selbstzuschreibung der verschiedenen Ethnien
beziehungsweise Religionen. Selbst wenn eine Ethnie oder Religion von außen homogen erscheint,
kann es sich dem Selbstverständnis nach um unterschiedliche Ethnien oder Religionen handeln. 8
Ein Beispiel ist der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, die zwar beide dem Islam
angehören, jedoch völlig unterschiedliche Verständnisse von dessen Interpretation und der sich
daraus ergebenen Lebensführung haben. Konflikte entstehen dann innerhalb eines scheinbar
homogenen Staates um die Identität der Religion oder Ethnie. Weil das Modell zu unterkomplex ist,
um diese feinen aber vorhandenen Unterschiede zu erkennen, wird den handelnden Akteuren sofort
eine „Greed“ Motivation unterstellt.
Ein weiteres unterstützendes über die Ambivalenz von Bürgerkriegen: Der Politologe Stathis
Kalyvas beschreibt in einem Artikel einen Überfall auf eine Polizeistation in Afghanistan im August

6
Collier, Hoeffler 2004, S. 6
7
Esteban, Ray 1994. Die Grundüberlegung – dass es eine große intragruppen Homogenität bei gleichzeitiger
intergruppen Heterogenität gibt, die gemessene globale Verteilung jedoch ausgeglichen sein kann – ist für
Einkommen durchaus nachvollziehbar.
8
Harff, Gurr 2004, S. 31 „Most such conflicts occur between people with the same thnic background, as, for example,
in Jordan, Egypt, and Algeria.“

5
2002. Der Polizeichef verdächtigte die Taliban, lokale Quellen vermuteten einen Raubüberfall.9 Die
Gewalt kann also politisch-religiös oder individuell-gewinnmaximierend interpretiert werden.

Politische Repression
Politische Repression wird mithilfe des Freedom House und des Polity III Index gemessen, der je
nach autokratischer beziehungsweise demokratischer Ausprägung Regime auf einer Ordinalskala
von 1-10 einträgt.10
Die Urheber der Polity Indizes sind Ted Gurr und Keith Jaggers. Mithilfe bestimmter Indikatoren
wird versucht, weltweit Staaten, die mehr als 500.000 Einwohnern haben, als eher demokratisch,
eher autokratisch oder hybrid einzuteilen. Dabei wird Demokratie gemessen an „subjective codings
of the competitiveness of political participation, the openness and competitiveness of executive
recruitment, and the level of constraints on the chief executive. “11
Wie diese subjektiven Einteilungen vorgenommen wurden, ist nicht nachzuvollziehen und die
Anwendung dieser Kategorien ist aufgrund der Fülle der verschiedenen Demokratiemodelle
willkürlich.
Der Hauptfehler ist jedoch, „im interregionalen oder 'interkulturellen' Vergleich [...] das
Institutionensystem real existierender Polyarchien [....] in einer Art von induktivem Fehlschluss zu
verallgemeinern und dann als normativ verstandenes Kriterienset für empirische Analysen zu
präsentieren.“12 Die Indikatoren werden immer subjektiv gemessen, unterschlagen also eine jeweils
die Eigenwahrnehmung der untersuchten Gegenstände, womit die Indikatoren die oben
beschriebene normative Wirkung haben. Außerdem wird nicht immer über die gesamte notwendige
Information verfügt, nicht jeder Staat ist zu jeder Auskunft bereit oder von außen verlässlich
einschätzbar. Merkel Analysekonzept der „embedded democracy“13 beispielsweise bezieht so viele
komplexe gesellschaftliche Faktoren mit ein, die selbst bei Vorhandensein von statistischen
Behörden noch zusätzlich mit Fragebögen, Interviews, etc. evaluiert werden müssten.

Ethnische Dominanz
Ethnische Dominanz ist gegeben, falls die größte ethnische Gruppe 45-90% der Bevölkerung
ausmachen. Die Autoren implizieren, je größer die Minderheit, desto größer die Konfliktgefahr, da
quantitativ mehr Ausbeutungspotential für die Mehrheit besteht.14

9
Kalyvas 2003, S. 475
10
Hegre et al. 2001 und Fearon, Laitin 2003 finden dabei einen kurvilinearen Zusammenhang heraus.
11
Jaggers, Gurr 1995
12
Merkel , S. 40
13
Merkel 2007
14
Collier 2001, S. 7

6
Hier zeigt sich die problematische einseitige Interpretation der Daten, die aus den Grundannahmen
des homo oeconomicus resultieren. Minderheiten werden aufgrund einer Kosten-Nutzen Rechnung
ausgebeutet und nicht aufgrund von ethnischen (Sprache, Religion, Herkunft) Differenzen
unterdrückt, was theoretisch bei der Interpretation der „nackten Daten“ genauso möglich wäre. Auf
die theoretische Einbettung wird später noch eingegangen.

Ökonomische Ungleichheit
Ökonomische Ungleichheit wird mithilfe des Ginikoeffizienten gemessen, wobei das Verhältnis
vom oberen zum unteren Fünftel des Einkommens ausschlaggebend ist. Außerdem wird die
Verteilung des Landbesitzes ebenso als Indikator für Vermögensungleichheit berechnet. Collier und
Hoeffler beziehen sich dabei auf eine Aussage von Amartya Sen, der sagt, dass der Zusammenhang
zwischen Ungleichheit und Rebellion groß sei15 und machen diese Aussage dann anhand der
Einkommensverteilung allein messbar, was sicherlich unterkomplex ist. Dabei stoßen sie wieder auf
das altbekannte Dilemma, andere, komplexere Indizes, wie der Human Development Index
beispielsweise sind zu unspezifisch für solche Messungen.

Generell lässt sich sagen, dass die „Grievance“ Indikatoren schwerer zu operationalisieren sind als
die „Greed“ Indikatoren, weshalb der Verdacht entsteht, dass durch die Art und Weise, wie die
Indikatoren gemessen wurden, das Ergebnis entstand, was zu erreichen beabsichtig war.

3.4 Exkurs: Religion als Kriegsursache


Wie eine Konfliktursachenforschung nach dem „Grievance“-Konzept aussehen könnte, wird am
folgenden Beispiel von ethnischen Konflikten und der besonderen Rolle von Religion darin
skizziert.
Ein Bürgerkrieg könnte also das Mittel einer bestimmten Gruppe sein, religiösen Ziele zu erreichen.
Die Bewegung "El Kaida des Islamischen Maghreb" (ehemals Salafistische Gruppe für Predigt und
Kampf) beispielsweise ist eine bewaffnete Gruppe, die in Algerien Gewalt in Form von Attentaten,
Überfällen auf Armee- und Polizeistationen sowie Straßensperren ausübt. Ziele der Gruppe sind der
„Sturz des algerischen Regimes und die Errichtung eines islamischen Staates.“16
Falls Religion eine entscheidende Ursache von Konflikten sein soll, müssen wir erst klären, was
Religion ist und welche Effekte sie habe könnte. Eine einheitliche Definition ist von vornherein
unmöglich, da je nach Wissenschaftsbereich unterschiedliche Sichtweisen vorherrschen. Für

15
Collier, Hoeffler 2001, S. 7
16
Steinberg, Werenfels 2007, S.2

7
SozialwissenschaftlterInnen ist – im Unterschied zu TheologInnen beispielsweise – entscheidend,
„how religion can influence human behavior and society“17. In der Konfliktursachenforschung wird
Religion als ein Faktor von ethnischen Konflikten betrachtet, der bestimmte Funktionen und
Eigenschaften besitzt. Religion ist demnach „an individual or group identity capable of political
mobilization and affecting the legitimacy of governments and government policy.“ 18 Es ist ein
Abgrenzungsmerkmal gegenüber anderen Gruppe, die Religion allein konstituiert allerdings noch
keine ethnische Gruppe, vor allem nicht weltweit mit den gleichen Effekten.19 Religion zu
kategorisieren und messbar zu machen ist also problematisch.

Auf die Frage, warum es ethnische Gruppen gibt, die in Konflikt mit anderen Gruppen geraten, gibt
es in der Literatur, die nicht mit quantitativen Methoden arbeitet unterschiedliche
Erklärungsansätze.
Die „primordialistische“ Sichtweise geht davon aus, dass es „objektive Faktoren zur Bestimmung
von ethnischer Zugehörigkeit gebe“20, die entweder aufgrund der genetisch-biologischen
Reproduktion oder anhand des sozialen Umfelds zu einem System von dauerhaften Dispositionen
führen21. Ethnische Identität und Ethnizität22 werde als natürliche Konstanten eines jedes
Individuums gesehen und Konflikte entstehen dadurch, dass „das Individuum in einer Bedrohung
seiner ethnischen Gruppe sein eigenes Überleben gefährdet sieht.“23
Der „Zirkumstantialismus“ interpretiert Ethnizität immer als „interessengeleitetes Handeln“24 Nach
Cohen ... führen kulturelle Unterschiede allein somit noch lange zu keinem Konflikt, sondern
Ethnizität konstituiert sich vor allem in einer Konfliktsituation, die durch Ressourcenknappheit
bestimmt ist.
Hier knüpft die „instrumentalistische“ Perspektive an, die „ethnische Konflikte lediglich als Produkt
einer Manipulation durch Eliten“25 interpretiert.26 „Political entrepreneurs“27 spielen dabei eine
wichtige Rolle und Georg Elwert erklärt aus diesem Ansatz die Entstehung von Nationalstaaten.28
Der „konstruktivistische“ Ansatz legt den Schwerpunkt auf die Dynamik von Identitäten, die aus

17
Fox, Sandler 2006, S. 2
18
James, Özdamar 2006, S. 151 (in Fox, Sandler)
19
James, Özdamar 2006, S. 153 (in Fox, Sandler)
20
http://www.diss.fu-berlin.de/2003/89/kap3.pdf
21
Vgl. Schlee, Günther 2002, 27
22
Ethnizität verstanden als „Vorgang der Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen durch Selbst- oder
Fremdzuschreibung.“ (Houben 2003, S. 69)
23
Schetter 2003, S. 48
24
Schetter 2003, S. 49
25
Nelles 2003, S. 11
26
Prominentester Vertreter dieser Auffassung ist Georg Elwers in seinem Ausatz ???
27
Harff, Gurr 2004, S.96
28
Elwert 1989

8
vielen kollektiven Erinnerungen und Erfahrungen gespeist werden und die „Gruppen die Grenzen
ihrer ethnischen Zugehörigkeit im Prozess sozialen Handelns konstituieren.“29
Wo auch immer die Bildung von Wir-Gruppen vonstatten geht, und es sich vielleicht nur um
„imagined communities“30 handelt, sind diese Identitätsangebote trotzdem vorhanden und habe ihre
Auswirkungen. Egal, wie diese Kategorien (gemeinsame Sprache, Religion, Kultur) letztlich
konstruiert werden, sie sind da und werden genutzt, um eine Gruppenzugehörigkeit zu stimulieren.
Die prominente Kulturtheorie von Samuel Huntington beispielsweise geht von primordialistischen
Grundannahmen aus, indem er die Welt in hauptsächlich religiös definierte Kulturkreise einteilt, die
sich konstant entwickeln und von denen einige per se aggressiver sind als andere. 31 Auch wenn sich
primordiale Ansätze empirisch nicht beweisen lassen, bzw. schon widerlegt sind,32 wird die „Fiktion
an primordiale Bindungen“ durch einen gemeinsamen Glauben an „dasselbe Blut“ aufrecht
erhalten. So können rationale Interessen hinter dem Schleier eines „Pseudoprimordialismus“
durchgesetzt werden.33 So wird der Kampf der Kulturen zur self-fulfilling prophecy, indem die
handelnden Individuen die jeweiligen Fremd- und Selbstzuschreibung akzeptieren und daraus eine
neue Realität erschaffen.
Beispiele für instrumentalistische Erklärungsansätze sind der Jugoslawienkrieg, in dem Ethnizität
nach jahrelangem Frieden salient gemacht wurde und zum Krieg führte oder die Islamisierung des
Irak, die angesichts des bevorstehenden Krieges von der säkularen Baath Partei vorangetrieben
wurde, um die Massen zu mobilisieren. Die Ansätze unterstützten das „Greed“- Konzept, nachdem
Ethnizität hier nur vorgeschoben wurde.
Dies war nur ein Beispiel für eine komplexe unabhängige Variable, die im Collier- Hoeffler Modell
mithilfe einer Formel innerhalb der Kategorie „Grievance“ gemessen wird.

3.5 Die unabhängigen Variablen in der „Greed“- Kategorie


Unter der Kategorie „Greed“ subsumiert das Modell alle Indikatoren, deren Grundmotivation sich
eher als individualistisch-gewinnmaximierend interpretieren lassen. Im Kampf für politische oder
ideologische Ziele ist der Gewinn für den Einzelnen indirekter und unsicherer, da die Ziele
abstrakter sind und nach einer Machtübernahme nicht garantiert wird, dass der Einzelne, der für den
Umsturz gekämpft hat, auch einen schnellen und direkten Gewinn daraus zieht. Das Risiko eines
Bürgerkrieges hängt also „direkt mit der Höhe der Kosten für eine Rebellion zusammen.“ Die vier
Indikatoren dafür sind Finanzierungsmöglichkeiten, niedrige Kosten, geographische Gegebenheiten
29
http://www.diss.fu-berlin.de/2003/89/kap3.pdf
30
Benedict Anderson
31
Huntington ???
32
99 % des Erbgutes gleich ???
33
Schetter 2003, S. 52

9
und sozialer Zusammenhalt.

Finanzierungsmöglichkeiten eines Bürgerkriegs


Damit Gruppen einen Konflikt finanzieren können, müssen verschiedene Quellen dafür vorhanden
sein. Collier und Hoeffler machen drei Proxies für diesen Indikator aus. Einer davon ist der Anteil
der natürlichen Ressourcen am BIP, die durch eine mögliche Ausbeutung zur Finanzierung
beitragen können. Besonders einfache zu erbeutende Ressourcen, die ohne besonderes Know-how
oder technisches Gerät auszubeuten sind (z.B. Diamanten), erhöhen das Risiko eines Bürgerkriegs
dabei besonders.
Das Modell misst hier einen kurvilinearen Zusammenhang, der ergibt, dass bei sehr hoher und sehr
niedriger Ressourcenabhängigkeit das Bürgerkriegsrisiko sinkt, was darauf schließen lässt, dass bei
hoher Abhängigkeit dem regierenden Regime genügend Mittel zur Verfügung stehen, um einen
Bürgerkrieg zu unterbinden, und bei einem niedrigen Anteil am BIP schlicht gar keine Ressourcen
vorhanden sind.34
Finanzierung durch feindlich gesinnte Regierungen und die im Ausland lebende Diaspora sind die
anderen beiden Faktoren. Für ersteres wird dabei die Dummy-Variable „Kalter Krieg“ eingeführt,
da während dieses Zeitraums die Supermächte je ihre Verbündeten in Stellvertreterkriegen
finanzierten. Gemessen wird der Anteil der Diaspora, an der in den USA lebenden Migranten.
An den letzten beiden Faktoren lässt sich paradigmatisch das große Dilemma quantitativer
Forschung erkennen. Die Unterstützung durch fremde Regierungen ist schwer messbar, geschieht
häufig im Verborgenen und der wahre Effekt kann meist erst im Nachhinein nachvollzogen werden.
Die Dummy-Variable soll beweisen, dass es nach Ende des Kalten Krieges weniger feindliche
Finanzierungen gab, misst jedoch nicht die Finanzierung von Nicht-Supermächten. Ebenso wird auf
Kosten der Generalisierbarkeit auf die Messung einer Diaspora, die nicht in den USA lebt,
verzichtet.

Niedrige Rekrutierungskosten
Dieser Indikator wird anhand der Proxies mittleres Pro-Kopf-Einkommen, männliche
Einschulungsrate in die Sekundarstufe und dem Wirtschaftswachstum gemessen.
Ist das Einkommen niedrig und die Perspektive wegen der schlechten wirtschaftlichen Aussichten
und der mangelnden Schulbildung gering, würde sich der Einzelne in seiner individuellen Kosten –
Nutzen – Rechnung eher für einen Konflikt zur Verbesserung seiner Lage entscheiden.
Ein vierter Proxy ist das Vorhandensein von „konfliktspezifischen Kapital“, wie Waffen oder
34
Collier, Hoeffler 2001, S. 4

10
Organisationsstrukturen. Collier und Hoeffler messen dabei die Periode des Friedens seit der
Beendigung des letzten Konflikts. Je kürzer die Periode, desto wahrscheinlicher das Vorhandensein.

Geographische Beschaffenheit
Gibt es genügend Rückzugsplätze, um sich vor dem staatlichen Gewaltmonopol zu schützen? Wenn
ja, ist die Bürgerkriegswahrscheinlichkeit höher. Außerdem werden Bevölkerungsverteilung, -dichte
und Urbanisierung als Proxy verwendet, um den Zugriff des Staates auf die Rebellierenden messbar
zu machen.

Sozialer Zusammenhalt
Laut Collier und Hoeffler sei sozialer Zusammenhalt notwendig, um eine gut organisierte Rebellion
zu starten, während eine Diversifizierte Gesellschaft die Rekrutierung erschwere. Gemessen wird
der Zusammenhalt anhand des Indizes der ethno-linguistischen Zersplitterung („fractionalization“),
der misst, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass zwei zufällig ausgewählte Individuen
unterschiedlichen ethnischen Gruppen angehören. Jedoch hatten prä-Konfliktphasen eine eher hoch
zersplitterte Gesellschaft, was das „Grievance“-Konzept unterstützt.

Und hier liegt der Fuchs begraben, denn viele innerstaatliche islamische Konflikte reiben sich an
der „richtigen“ Auslegung des Islam auf, obwohl sie nominell in dieser Analyse alle undifferenziert
unter islamisch fallen.35

3.6 Die Ergebnisse


Statistisch signifikant im „Greed“-Konzept ist der Exportanteil natürlicher Ressourcen am BIP
(allerdings im beschriebenen kurvilinearen Zusammenhang), die Größe der Diaspora, sowie
sämtliche Proxies der niedrigen Rekrutierungskosten. Die Indikatoren geographische Die
geographische Beschaffenheit und sozialer Zusammenhalt entsprechen ebenfalls den Erwartungen
von Collier und Hoeffler. Einzig die Unterstützung durch feindliche Regierungen kann nicht
bestätigt werden, was übrigens implizit sagt, dass das Ende des Kalten Krieges nicht zu einer
signifikanten Konfliktvermehrung beigetragen haben soll.
Aus dem „Grievance“-Konzept ist lediglich der Indikator ethnische Dominanz signifikant, der Rest
hat kaum messbare Auswirkungen auf das Bürgerkriegsrisiko, was Collier und Hoeffler zu dem
Schluss kommen lässt, dass die Indikatoren der „Greed“- Kategorie erklärungsmächtiger sind und
somit die dominante Motivation zeitgenössischer Bürgerkriege vielmehr ökonomisch-
35
Vergleiche hierfür die Darstellungen von Esposito, 2002 oder den Bericht „Understanding Islamism“ der ICC, 2005

11
bereichernder Natur sind, als in irgendeiner Art machtpolitisch zur Durchsetzung ethnischer,
kultureller oder religiöser Ziele dienen.

3.7 Zusammenfassung
Wie wir sehen, haben sich Collier und Hoeffler viele Gedanken zwecks der Operationalisierung
ihrer Konzepte gemacht, wenn jedoch die Messungenauigkeiten und andere unzulässige
Verallgemeinerungen dazu führen, dass in der Summe eine Tendenz hin zu einer Dichotomie
interpretiert wird, ist das sehr fragwürdig. Die „Greed“- Kategorie wird auffallend komplex
konstruiert und die Indikatoren haben allesamt gut messbare Proxies und selbst deren
Operationalisierung ist an einigen Stellen problematisch.
Ein weiteres Manko betrifft die Ignoranz des Modells in Bezug auf globale und gesellschaftliche
Rahmenbedingungen. Diese eindimensionale Wahrnehmung und die Reduzierung der Motivationen
unabhängig von Geschehnissen mit weltweiten Auswirkungen trägt sicherlich nicht zu einem
besseren Verständnis der Ursachen bei.
Das Modell sollte eher für eine komplexere Interpretation von Konflikten fruchtbar gemacht
werden, anstatt den Anspruch für die „wahren Ursprünge“ von innerstaatlichen Konflikten geltend
zu machen. Ökonomische Motivationen spielen sicher eine wichtige Rolle, jedoch sind sie nie der
alleinige Antrieb für ein Handeln, das letztlich zu einem Bürgerkrieg führt. Einige zeitgenössische
innerstaatliche Konflikte werden beispielsweise mit der Waffe des Selbstmordattentäters
ausgetragen, was einer individuellen Rational-Choice Überlegung widerspricht.36 37

4. Übertragung auf die Studie von Sörli et al.


Sörli et al. stellen sich in ihrer Studie jetzt die Frage, ob das oben genannte Modell auch auf die
Region des NMO übertragbar ist, da hier ja einige äußere Umstände, wie die „Demokratieresistenz“
sowie der Misserfolgen im Bereich ökonomische und soziale Entwicklung – die in den Arab Human
Development Reports ausführlich beschrieben wird – ein Hinweis darauf sein könnten, dass die
Konflikte im NMO mithilfe einer oder mehrerer für die Region einzigartiger Charakteristika erklärt
werden könnten. Oder ist der NMO nur eine Region, in dem die generellen Muster des Collier
Hoeffler Modells ebenfalls zutreffen?
Fakt ist, dass die Welle der Demokratisierung den NMO noch nicht erreicht hat. Dabei gibt es
Studien, die behaupten, Autokratie sei robust in Verbindung mit Islam zu bringen. 38 Andere sagen,

36
Ausfühlrlich dazu Victoroff 2005, S. 14-17
37
Ein alternativer Ansatz zur Erklärung dieses Phänomens wäre beispielsweise das Stufenmodell „The Staircase to
Terrorism“ von Moghaddam 2005
38
Fish (2004)

12
es sei eher eine Charakteristik von arabischen, den von islamischen Ländern im allgemeinen.39 Ross
macht die Ölabhängigkeit – und zwar weltweit – für die schleppende beziehungsweise nicht
vorhandene Demokratisierung verandtwortlich.40
Sörli et al. lassen sich von diesen Studien inspirieren und testen den Einfluss dieser Variablen auf
den Beginn von Bürgerkriegen, fragen also, ob diese spezifischen Faktoren einen besonderen
Einfluss auf Konflikte haben oder die üblichen „Greed“- Faktoren alles erklären.
Die ökonomische Entwicklung der Region des NMO verläuft schleppend, der Reichtum bleibt
meist ungleich verteilt. Kennzeichnend sind die Abhängigkeiten von natürlichen Ressourcen und
Entwicklungshilfe, ein hoher Anteil des BIP wird außerdem im Agrarsektor erwirtschaftet;
gleichzeitig ist nur wenig gut entwickelte Industrie vorhanden.41
In punkto Islamismus beobachten Sörli et. al. eine wachsenden Einfluss während ihrer
Untersuchungsperiode, führen das aber wiederum auf politische, soziale und ökonomische Faktoren
zurück.

4.1 Das Forschungsdesign


Das Forschungsdesign weicht in den Grundlagen nicht vom CH-Modell ab, jedoch werden nicht
alle unabhängigen Variablen für den NMO gemessen und andere hinzugefügt, um eventuelle
regionale Spezifika zu berücksichtigen.

4.2 Die abhängige Variable


Auf Seiten der abhängigen Variablen verändern sich einige Definitionen. Die
Untersuchungssequenzen werden von einem 5-Jahres auf einen jährlichen Rhythmus verringert. Der
Beginn eines Bürgerkrieges, wird definiert mit einem Minimum von 25 Toten jährlich, mindestens
zwei beteiligten Parteien, wovon mindestens eine staatlich organisiert sein muss. Bürgerkriege, die
zwischen zwei Gruppen innerhalb eines Staates ausgetragen werden somit nicht mit in die Messung
integriert. Der Untersuchungszeitraum ist von 1960 – 2000.

4.3 Die unabhängigen Variablen aus dem Collier – Hoeffler Modell


In Bezug auf das CH-Modell werden aus der „Greed“ - Kategorie folgende Indikatoren gemessen:
BIP pro Kopf, Wirtschaftswachstum, Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen, geographische
Gegebenheiten, sozialer Zusammenhalt und die Zeit seit dem letzten Konflikt. Sörli et. al. finden
in ihrem jährlich unterteilten Modell mit den NMO- Daten in allen Punkten einen Zusammenhang.
39
Donno und Russet (2004)
40
Ross (2001)
41
AHDR

13
Jedoch wird zusätzlich soziale Fragmentierung signifikant, was bei Collier und Hoeffler als
Mobilisierungshindernis gesehen wurde. Sörli et. al. verweisen auf Literatur, die diesen
Zusammenhang genauso interpretiert, aber trotz der Fragmentierung spielen politische und
ökonomische Faktoren weiterhin die entscheidende Rolle inwiefern eine Identität salient wird, ob es
zu einer Mobilisierung kommt und ob diese gewaltvoll wird.42

Aus der „Grievance“- Kategorie wurden lediglich der Grad an Demokratie und ethnische Dominanz
gemessen, wobei beide leicht verändert wurden. Da nach der alten Berechnung so gut wie alle
untersuchten Regime homogen wären (nämlich islamisch), wird innerhalb des Islam noch einmal in
sunnitisch und schiitisch unterschieden. Elf Ländern haben gemäß der Studie eine signifikante
schiitische Minderheit. Auf die Konstruktion der Kategorie Islam wird später noch einmal
eingegangen.

4.4 Besonderheiten des NMO in der deskriptiven Analyse im globalen Vergleich


In der deskriptiven Analyse punktet der NMO in einigen Variablen systematisch anders. In der
Region befinden sich, gemessen am BIP pro Kopf, einige der ärmsten und reichsten Länder der
Welt, jedoch ist der Durchschnitt im Vergleich zu Afrika viel höher und auch noch höher als im
globalen Vergleich. Armut kann als also keine generalisierbare Ursache für die Region sein. Jedoch
sind die Ökonomien größtenteils nicht sehr diversifiziert und der Reichtum ist bei dem Großteil der
Bevölkerung nicht angekommen, sondern zentriert sich auf eine führende Elite oder bestimmte
gesellschaftliche Gruppen.
Als kleiner Exkurs soll anhand des Indikators ethnische Dominanz die problematische
Operationalisierung und deren Auswirkungen auf die Ergebnisse und Interpretationen des Modells
gezeigt werden.

Exkurs: Operationalisierung eines Indikators am Beispiel „Ethnische Dominanz“


Der NMO ist im Vergleich zu Afrika beispielsweise ethnisch sehr homogen, da alles unter dem
Label Islam subsumiert wird. Als jedoch die Länder mit signifikanten schiitischen Minderheiten
berücksichtigt wurden, sank die ethnische Dominanz. Das Modell wird jedoch hier an einem
entscheidenden Punkt der Wirklichkeit nicht gerecht, indem die gesamte Region des NMO in nur
zwei ethnisch- religiöse Gruppen unterteilt werden, nämlich Schiiten und Sunniten. Die vielen
verschiedenen Selbstverständnisse innerhalb der islamischen Religion sowie die Rolle anderer

42
Sörli et. al. 2005, S. 152

14
Religionen wird nicht mit berechnet. Der Aufwand dafür wäre zu groß.43 Damit fallen jedoch
Konfliktursachen unter den Tisch, da viele Selbstverständnisse nicht verstanden werden. Durch die
unterkomplexe Datenerfassung wird die Verteilung von Identitäten nicht vollständig repräsentiert.44
Gesellschaften werden als homogen berechnet, die in Wirklichkeit hoch fragmentiert oder
polarisiert sind, somit konfliktanfälliger und nebenbei eine Erklärung für die „Grievance“ -
Kategorie wären.

Weitere Unterschiede im globalen Vergleich sind die hohe Anzahl autoritärer Regime, der hohe
Anteil islamischer Länder, sowie die hohe Ölabhängigkeit. Als sogenannte Dummy-Variable
werden sie mit in das Modell eingerechnet und deren Einflüsse auf die Konfliktanfälligkeit
überprüft.

„Der Islam“ als Ursache?


In der Region des NMO ist der Islam die dominante Religion und eng mit der Regierungsführung
verknüpft. In der Studie wird ein Land als islamisch definiert, wenn es Mitglied der Organization of
the Islamic Conference ist. Alle Länder bis auf Israel, die in der Studie als NMO definiert wurden
sind somit islamisch. Die Überlegung einer Dummy Variable besteht darin, zu prüfen ob
beispielsweise das Merkmal Islam systematisch mit dem Beginn eines Bürgerkriegs korreliert. Dies
ist in der Studie nicht der Fall.45
Falls eine ethnische Dominanz besteht der Sunniten gegenüber den Schiiten besteht, ist die
regionale Wahrscheinlichkeit eines Konfliktausbruches genauso hoch wie die globale. Daraus lässt
sich schließen, dass ethnische Dominanz generell zu mehr Konfliktanfälligkeit führt und nicht der
Islam. Hier klingt bereits an, was das Ziel der Studie ist und was bei den Fragestellungen zu Beginn
beantwortet werden sollte. Der Islam spielt sicher eine Rolle in innerstaatlichen Konflikten und
auch in Konflikten unterhalb oder außerhalb der Definition von Bürgerkrieg. Die Studie lässt sich
auf zwei unterschiedliche Arten interpretieren. Falls man die unterkomplexen Kategorien der Studie
und damit deren Ergebnisse akzeptiert, lässt sich sagen, dass es keinen generellen Zusammenhang
zwischen dem Ausbruch eines Bürgerkrieges und dem Phänomen Islam – wie auch immer dieser
definiert sein mag – gibt. Das ist eine eng definierte Aussage aber immerhin. Schließlich spielen
sich viele Konflikte im Zusammenhang mit der Religion Islam auf anderen, nicht messbaren
Ebenen ab.
43
Sörli et. al. deuten dies an einer Stelle in ihrer Studie an: „Other religions could, of course, also have been
subdividided [sic!], but this would have been a major project of its own.“ Sörli et. al. 2005, S. 150
44
Für eine komplexe Darstellung der unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb des Islam mit ihren jeweiligen
Unterschiedlichen Selbstverständnissen siehe ICC ...
45
Sörli et. al.

15
Zweitens wird sich der Einfluss des Islam bei Bürgerkriegen in bestimmten Regionen nicht
verneinen lassen, er ist zwar keiner der Hauptfaktoren, aber einer von vielen Faktoren, die bei den
Ursachen von Bürgerkriegen neben anderen eine Rolle spielen. Wie schon bei Betrachtung des CH-
Modells angedeutet, lässt sich dieser Indikator als Identitätsstifter nur schwerlich operationalisieren,
während ökonomische Werte eindeutiger messbar sind und daher signifikantere Korrelationen
entstehen, wird ihnen in diesem Strang der akteurszentrierten Konfliktursachenforschung ein
größerer Erklärungswert zugeschrieben.
Das Phänomen Bürgerkrieg bleibt jedoch multifaktoriell. Was haben wir für eine Situation, wenn
sich ein Abdul Raschid Ghazi in der Roten Moschee in Islamabad verschanzt?46
Individuelle Sozialisationserfahrungen und Charaktereigenschaften eines Führers und seiner
Anhängerschaft, gepaart mit bestimmten Rahmenbedingungen, wie z.B. niedriges GDP, bergiges
Terrain, politische Repression, etc. und der Möglichkeiten einen Bürgerkrieg zu führen,
beziehungsweise sich für eine Zeit zu verschanzen (finanzielle Unterstützung, geringe
Rekrutierungs- und Ausstattungskosten von Kämpfern) und nicht zuletzt gruppendynamischen
Effekte spielen alle eine unterschiedliche aber entscheidende Rolle bei einem Ausbruchs eines
Bürgerkriegs.
Wird in den Schulen Pakistans gelehrt, dass ein niedriges pro Kopf Einkommen Schuld an ihrer
Misere ist? Nein, es wird gelehrt, dass Amerika oder der Westen Schuld daran ist und dass die
einzige Möglichkeit, die zu einer Verbesserung der eigenen Lage, der Nation oder des Islam
weltweit führt, im Koran geschrieben steht, der von einem Abdul Raschid Ghazi interpretiert wurde.
Mit dieser Interpretation ließe sich an Collier und Hoeffler anknüpfen, da dass Ausmaß der
Missstände allein nicht zu einem Ausbruch von Gewalt führt, es bedarf der materiellen und ideellen
Rahmenbedingungen. Ideelle Rahmenbedingungen lassen sich jedoch schwerer messbar machen
womit wir wieder Unterstützung für die Argumentation finden, dass die „Greed“ - Kategorie allein
wegen der besseren Operationalisierbarkeit höhere Signifikanzen aufweißt.

Öl oder Autoritarismus als Ursache?


Die hohe Abhängigkeit vom Öl wird als weitere Dummy- Variable eingeführt, in der Länder
subsumiert sind, in denen mehr als 40% der Exporte vom Öl abhängen. Der Zusammenhang ist
nicht signifikant, was heißt, dass die Motivation, sich an den Ölressourcen des Landes zu
bereichern, um seine persönliche Lage zu verbessern nicht zu einem erhöhten Bürgerkriegsrisiko

46
Anfang Juli verschanzte sich der radikale islamistische Führer Abdul Raschid Ghazi mit mehreren Hundert Schülern
in der Roten Moschee, einer großen Koranschule inmitten des pakistanischen Regierungsviertels. Vorausgegangen
waren Auseinandersetzungen mit den pakistanischen Sicherheitskräften. Bei der Stürmung der Moschee kamen
mindestens 100 Menschen ums Leben. Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/meldung14510.html

16
führt. Das mag eventuell daran liegen, dass die Ausbeutung der Ressource Öl nicht einfach ist, man
für die Förderung und den Verkauf eine relativ gut funktionierende Infrastruktur braucht und der
Zugang gut von der profitierenden Gruppe geschützt werden kann. Anders als beispielsweise
Diamanten, über die Rebellengruppen schnell regional die Kontrolle gewinnen und mit den
Einnahmen wiederum ihre eigene Sicherheit erkaufen können. Diese Einschätzung wird unterstützt
durch eine Studie von Benjamin Smith, in der Bürgerkriege und Proteste gegen den Staat in
ölabhängigen Ländern weniger oft vorkommen und Regime stabiler sind.47

Die ursprüngliche Studie von Collier und Hoeffler fanden keinen Zusammenhang zwischen
Regimetypus und Beginn eines Bürgerkrieges. Andere Autoren finden jedoch einen kurvilinearen
Zusammenhang, was heißt, dass gefestigte Demokratien und gefestigte Autokratien wenig
konfliktanfällig, jedoch die Regime mit einem Mix aus beiden Elementen oder die sich in einer
Übergangsphase befinden, besonders anfällig sind.48 Selbst wenn sich gemäß der deskriptiven
Analyse ein hoher von Autokratien im NMO befinden, können diese nicht allein die Bürgerkriege
im NMO im Rahmen eines „middle east exceptionalism“ erklären.

4.5 Ergebnisse und Zusammenfassung


Ein interessanter Befund findet sich am Ende der Studie von Sörli et. al. Das Konfliktlevel gemäß
des standardtisierten Collier- Hoeffler Modells – also ohne die Einberechnung der Indikatoren des
„middle east exeptionalism“ - erechnet insgesamt für die Region eine 30% geringe Bürgerkriegsrate
als es tatsächlich Konflikte gab im untersuchten Zeitraum.

 Sörli et al wundern sich, warum der Unterschied zwischen vorhergesagten und tatsächlichen
Ausbrüchen so abweicht. Es gibt mehr Konflikte, als nach dem Modell vorhergesagt
werden. Es ist auch nicht der Israel-Palästina Konflikt. Auch nicht die ethnische Dominanz
Variable.

Frieden im NMO?
 Gemäß Sörli: Rentierstaat eher als Loot seeking behaviour. Für den NMO spielt Öl noch
eine große Rolle und Öl ist Ursache für Autoritarismus, Korruption, langsames Wachstum. --
> eine wunderbare Basis für einen grievance based Konflikt --> damit widerspricht er CH
47
Smith, Benjamin 2004 Oil wealth and regime survival in the developing world, 1960-1999.American Journal of
Political Science48 (2): 232-46.
48
Hegre 2001 sowie Fearon und Laitin 2003

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und zwar zurecht.
 Selbst mit wenig Aufwand große Wirkung. Krieg und Konflikte werden billig. Es geht in
Richtung Zweiteilung.

18
Literaturliste:
Kunz, Volker: Die Konflikttheorie der Rational Choice- Theorie

Hegre, Håvard, Tanja Ellingsen, Scott Gates, and Nils Petter Gleditsch: Toward a democratic civil
peace? Democracy, political change, and civil war, 1816-1992. American Political Science Review
95 (1): 33-48, 2001.

Fearon, James D. and David D. Laitin: Ethnicity, insurgency, and civil war. American Political
Science Review 97 (1): 75-90, 2003

19