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Träume - Botschaften einer

unvertrauten Welt?

Traumen gehört zu unserem Dasein wie Essen, Trinken oder Atmen Das haben wir schon als Kurze Geschichte des Umgangs mit Träumen
Kinder erfahren Manche Traume machten uns so viel Angst, daß wir deswegen aufwachten und
uns danach sogar vor dem Widereinschlafen fürchteten Manchmal wollten wir morgens
spontan etwas von unseren Traumen erzählen und uns gemeinsam mit der Familie oder anderen Träume entstammen göttlicher Eingebung
Daß man sich schon seit Jahrtausenden im religiösen Kult, in der Meditation und im Hören auf
Kindern über das Geträumte wundern oder amüsieren
seine Traume mit besonderen Bewusstseinszuständen außerhalb der Alltagswirklichkeit
Oft überfallt uns noch als Erwachsene ein Lachen darüber, wie »sonderbar« wir träumen können beschäftigt hat, hing ursprünglich mit der Überzeugung zusammen, auf diese Weise göttliche
Es ist uns dann, als hatten Traume mit der Kinderwelt zu tun / in der alles anschaulich, offen und Botschaften vernehmen zu können Auch davon berichtet die Bibel im Buch Hiob »Im Traum, im
erlebnisreich zu sein scheint Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fallt, im Schlummer auf dem Lager, da öffnet
Gott der Menschen Ohr und schreckt sie auf durch Warnung, um von seinem Tun den Menschen
abzubringen« (Hiob33 , 15-16) Zugleich warnt die Bibel vor Kritiklosigkeit falschen Propheten
Träume entstammen einer anderen Bewusstseinsebene und Traumsehern gegenüber, die ihre Macht mißbrauchen Aber nicht nur um göttliche
Botschaften ging es in den Traumen So findet sich zum Beispiel in der griechisch-römischen
Es ist bemerkenswert, daß wir Tag für Tag drei unterschiedliche Bewusst-Seinszustande (mit
Antike die Überzeugung, daß auch Heilung von Krankheiten durch die Eingebung von Traumen
jeweils verschiedenen Unterstadien) durchlaufen unser Tag Bewusstsein, Phasen des Tiefschlafs möglich sei Im Tempelschlaf, der »Inkubation«, den man an bestimmten Orten, zum Beispiel
(mit erhöhter Weckschwelle), an die wir keine Erinnerung haben, sowie allnächtlich etwa vier bis Epidauros in Griechenland, nach einer Vorbereitungszeit des Fastens und der Reinigung in einem
fünf Abschnitte, in denen wir träumen Aber die meisten von uns können sich an dieses Zehntel heiligen Raum auf einem besonderen Bett, der »Kline«, vollzog, kam es zur Heilung von allen
ihres Lebens, etwa 90 bis l 20 Minuten pro Nacht, nicht oder nur bruchstückhaft erinnern möglichen Leiden (2) Daß diese Maßnahmen häufig erfolgreich waren, wird durch schriftliche
Prinzipiell jedoch ist es möglich, sich Traume zu vergegenwärtigen Dokumente zweifelsfrei bestätigt Unser Wort Klinik leitet sich ab von jener alten Kline
Wir leben in unseren Traumen zwar in anderen Bewusstseinszuständen als in unserem Wach
Bewusstsein Aber dennoch gibt es offenbar Beziehungen zwischen diesen Ebenen Allerdings
Der Mensch ist Ursprung seiner Träume
sind diese Beziehungen sehr vielschichtig Obwohl der antike Tempelschlaf weit verbreitet war/ hat sich die Auffassung von der Quelle der
Wer von uns kennt es nicht, daß ihm nach dem Aufwachen ein besonders lebhafter Traum so Traume bereits beim Philosophen Aristoteles (384 bis 322 v C h r ) gewandelt Er sah ihren
»nachgehangen« hatte, daß er kaum in die Alltagswelt finden konnte? Andere Traume dagegen Ursprung nicht mehr außerhalb des Menschen Sie entstammten, wie er sagte, nicht göttlicher
scheinen uns am Morgen so widersinnig, daß sich alles in uns sträubt, uns mit ihnen zu Offenbarung, sondern folgten den Gesetzen des menschlichen Geistes Da er aber diesen Geist
beschäftigen als der göttlichen Natur verwandt auffasste, bewahrte er trotz seiner neuen Sichtweise jene
Wir sollten uns darum bemühen, uns allen Traumen, an die wir uns erinnern können, mit gleicher innere Haltung, die auch heute noch jede Beschäftigung mit unseren Traumen leiten sollte
Aufmerksamkeit zuzuwenden

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
Erste Spielregel Zwar geht es beim Verstehen der Traume um Einsicht, aber wußten Denkens beantwortet Der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis l 804)
unter den Vorzeichen von Sympathie, Staunen und der Bereitschaft, die druckte das m dem Satz aus »Der Irre ist ein wacher Schlafer« Dieser Gedanke
Alltagssicht zu bereichern, nicht jedoch mit dem Willen zum Umdeuten der wurde seit l 900 durch Sigmund Freuds Traumdeutung m entscheidender Form
Wirklichkeit oder zur Entlarvung fortgeführt und ausgearbeitet (—> Seite 38) Auch Freud verstand die
Traumgedanken, gemessen am Wachbewusstsein, als mangelhaft Zugleich
Auch nach dem Ende der Antike hat man den Traumen oftmals religiöse aber stellte er die bisherige Auffassung gleichsam auf den Kopf Er betonte,
Bedeutung zugesprochen, zuletzt in der Romantik Dann verschwand m der daß nicht der Schlaf den Traum erzeuge, sondern daß der Traum den Schlaf
Neuzeit die Vorstellung von einem religiösen Sinn der Traume immer mehr schütze Das Studium dieses Schutzes ermögliche einen neuen Zugang zum
In verwandelter Form lebt ein Aspekt davon allerdings bis heute weiter, vor eigenen Wesen und ein vertieftes Verständnis unbewusster Absichten und
allem bei dem Schweizer Psychiater C G Jung und seinen Nachfolgern Sie Wunsche
gehen davon aus, daß sich in den Traumen ein überpersonlicher Sinn äußere,
und zwar m Form allgemein menschlicher Bilder und Symbole (-> Seite 70)
Vernunft gegen Eingebung?
Alle weitere Traumforschung gründet auf Freuds Werk - sei es, daß man es
»Es träumte mir«
weiterführte oder sei es, daß man sich leidenschaftlich von ihm abzugrenzen
Selbst wem dies spekulativ vorkommt, wird sein eigenes Erleben eher m dem suchte Seme Anhänger setzen es bis heute mit Vernunft und Aufklarung gleich,
Satz »Es träumte mir« wieder finden als m einem »Ich träumte heute Nacht« seine Gegner dagegen mit Künstlichkeit und Blutleere Die letzteren sehen sich
Daraus folgt nicht etwa, daß unsere Traume letztlich nicht aus uns selbst selbst am liebsten als Hüter von Ganzheitlichkeit und Intuition (dem mehr oder
stammen, wohl aber, daß wir zwei Fehler bei der Traumauslegung vermeiden weniger deutlich ahnenden Erfassen von Zusammenhangen), ihre
müssen wissenschaftlichen Widersacher wiederum werfen ihnen verschwommenes
und spekulatives Denken vor
Zweite Spielregel Wir verkennen unsere Traume, wenn wir sie bloß als
Ausdruck einer abstrakten Instanz m uns sehen (das Ich, das Unbewusste] Vierte Spielregel Traume verstehen zu wollen, ohne die eigene Intuition
und vergessen, daß wir selbst die Träumer sind sprechen zu lassen, ist tatsachlich blutleer und künstlich, aber jede Intuition
muß rational begründet und verantwortet werden, soll sie nicht zum
Dritte Spielregel Wir sollten realisieren, daß Traumen weniger ein aktives Geschwafel verkommen
Tun als vielmehr ein Widerfahrnis ist
Wir halten derartige Polarisierungen für falsch Intuition ist zwar vielleicht mehr
als Rationalität (eine Geisteshaltung, die nur das logisch Beweisbare und mit
»Der Irre ist ein wacher Schläfer«
dem Verstand Erklärbare gelten läßt), macht diese aber nicht überflüssig,
Die Frage, welche Rolle das Ich beziehungsweise das Denken im Traum spielt, sondern hebt sie m sich auf, so wie ein Würfel ein Quadrat nicht vernichtet,
wurde etwa von der zweiten Hälfte des l 8 Jahrhunderts an zu nehmend sondern m sich schließt Auf der anderen Seite muß man akzeptieren, daß auch
beachtet und m erster Linie im Sinne eines Abbaus unseres be- die einleuchtendste oder faszinierendste Intuition lediglich eine
Denkmoglichkeit, niemals aber fraglose Gewißheit sein kann

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Wer sich mit dieser ausgewogenen Haltung seinen Traumen nähert, steht auch • Gegner der Traumdeutung sehen m der Beschäftigung mit Traumen vielfach
nicht im Widerspruch zur Aufklarung, jedenfalls dann nicht, wenn man diese eine unnutze, a sogar gefährliche Flucht aus der Wirklichkeit Zwar könne es
im Sinne Kants als den Aufbruch des Menschen aus seiner unverschuldeten sein, daß sich m Traumen alle möglichen Andeutungen und Anspielungen
Unmündigkeit versteht fanden Diese seien aber ohne Wert, denn der Traum sei ein Gefangener des
Schlafes und spiele sich auf einer regressiven Ebene ab, auf der Ebene
urtümlicher, um nicht zu sagen primitiver Bewußtseinszustände also
Die experimentelle Schlaf- und Traumforschung
• Befürworter der Traumdeutung räumen zwar ein, daß die meisten Traume auf
Ein neues Verständnis des Traumproblems tat sich seit etwa den fünfziger Jahren urtümlichen Bewußtseinsebenen ablaufen Daher lasse sich jeder, der sich mit
durch die experimentelle Schlaf- und Traumforschung auf Spezialisten seinen Traumen beschäftigt, auf diese Bereiche ein Es komme aber darauf an,
bestimmten im Schlaflabor die Hirnstrome (das Elektroenzephalogramm) und dies kontrolliert und gezielt zu tun
andere physiologische Daten (-> Seite 51) Dabei zeigte sich, daß eine
ausschließlich »geistlose«, auf die Biologie beschrankte Betrachtung der
Versöhnung beider Standpunkte
Traume ebenso unhaltbar ist wie eine nur »hirnlose« Beschrankung auf seelische
Vorgange Stattdessen drangt sich die Annahme einer Wechselwirkung Wir teilen die Ansicht der Befürworter der Traumdeutung, meinen aber, daß
zwischen Geist (beziehungsweise Ich) und Gehirn auf Dennoch sind viele wir die Argumente der Kritiker nicht einfach abtun dürfen Zweifellos sollten
Streitfragen, vor allem solche, die mit der scheinbaren Unverständigkeit der wir unsere Bemühungen um eine Bewältigung der äußeren Realität nicht durch
meisten Traume zusammenhangen, immer noch ungeklärt ein Grübeln über innere Prozesse ersetzen Unbestreitbar ist auch, daß der
Abbau von Bewußtheit m unseren Traumen mehr bedeutet als einen bloßen
Verlust an Wachheit Denn die Erfahrungen, die wir im Traum von der
Gegner und Befürworter der Traumdeutung
Außenwelt und auch von uns selbst haben, sind weniger einheitlich und
Die meisten von uns vermuten, daß sich hinter vielen Traumen, die sich uns zuverlässig als im Wachzustand Auch beschäftigen wir uns m den meisten
zunächst nicht erschließen, ein Sinn versteckt Aber geht diese Vermutung nicht Traumen weniger mit Dingen, die uns vorwiegend tagsüber bewegen Eher
ms Leere? Und wie gewinnt man einen Zugang zu solchen Traumen? Der Streit gehen Traume ihre eigenen Wege und drehen sich hauptsächlich um
über diese Fragen dauert seit Urzeiten an und hat bis heute zu keiner Einigung Erlebnisse, die für uns eine Bedeutung hatten, ohne daß wir es so recht wußten
geführt Dennoch sind diese Erlebnisse der Aufmerksamkeit wert Gerade das macht
Zwei Stichworte kennzeichnen die beiden gegensätzlichen Positionen Traume für uns so wichtig, daß ihre zahlreichen Anspielungen uns
Wahrend wir im Talmud lesen »Traume, die nicht gedeutet werden, sind wie Zusammenhange eröffnen, die wir im Alltag nicht beachtet haben
Briefe, die nicht geöffnet wurden« (3), klingt zugleich der Satz m unseren Ohren
»Traume sind Schaume« Fünfte Spielregel Es ist zwar falsch, m alle Traume um jeden Preis einen
Beide Ansichten fußen auf demselben Sachverhalt der Unverständigkeit der geheimnisvollen Hintersinn hineinlegen zu wollen Ebenso falsch ist aber
meisten Traume - jedenfalls auf den ersten Blick Am Umgang mit dieser auch das andere Extrem, nämlich Traume bloß als irrational und - ver-
Unverständigkeit scheiden sich allerdings die Geister, wobei beide Seiten glichen mit dem Wach bewußtsein - als minderwertig abzutun
meist nicht zur Kenntnis nehmen, daß auch die jeweilige Gegenseite vielfach
ernsthafte Argumente vorbringt

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Der rechte Umgang mit Träumen

Sechste Spielregel Stattdessen sollten wir m Traumen einen ergänzenden Träume alleine deuten
Einblick m sonst kaum zugängliche Hintergrunde unserer Sichtweisen und
Motive, /o unserer gesamten Existenz suchen - über das hinaus, aber Vielleicht denken Sie jetzt Es ist |a sehr interessant, daß man sich über die
niemals gegen das, was unser Denken, unsere Lebenserfahrung und unser Beschäftigung mit den eigenen Traumen besser kennen lernen kann, selbst
Realitätsinnn uns eröffnen wenn es dabei theoretisch noch manches offene Problem gibt Aber ist es denn
überhaupt möglich und sinnvoll, daß man allem, also ohne einen
Wir sollen uns weder auf eine eingeschränkte Sachlichkeit verlegen, noch Psychotherapeuten, seine Traume zu verstehen sucht? Traume selbst zu
einer versponnenen Grübelei Raum geben, sondern mit Hilfe unserer Traume deuten ist nur bis zu einem gewissen Grade möglich Wir teilen zwar die
eine innere Haltung entwickeln, bei der Intuition und Denken, Spontaneität und Ansicht von C G Jung, daß ein intelligenter Mensch mit psychologischem
Erfahrung gleichermaßen ms Spiel kommen Diese Haltung fuhrt nicht von den Interesse, Lebenserfahrung und Übung viele semer Traume selbst deuten kann
Menschen weg, sondern letztlich zu ihnen hm (4), vor allem m dem Sinne, daß er gespurig wird für die Bewußtseinslage, die
sich m dem Traum ausdruckt Auch jede therapeutische Traum Interpretation ist
m erster Linie ein Stuck Selbstanalyse m Gegenwart eines teilnehmenden
Analytikers Eine solche Selbstanalyse findet aber ihre Grenzen in
tiefliegenden Konflikten, die von unserem Ich abgewehrt werden

Siebte Spielregel Eine ernst gemeinte Selbstanalyse darf niemals mit dem
Anspruch unternommen werden, sich wie Munchhausen aus dem Sumpf
der eigenen Probleme ziehen zu können

Das richtige »Maß« der Selbstanalyse


Es gibt ernstzunehmende Gegner jeder Selbstanalyse Vieles, was sie sagen,
ist bedenkenswert
Bei Goethe zum Beispiel lesen wir »Hierbei bekenn' ich, daß mir von jeher die
große und so bedeutend klingende Aufgabe erkenne dich selbst, immer
verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den
Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit
gegen die Außenwelt zu einer mnern falschen Beschaulichkeit verleiten wollten
Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur m sich
und sich nur m ihr gewahr wird « (5)
Diese Aussage Goethes kann uns helfen, das Auslegen von Traumen mit der
rechten Haltung anzugehen
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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
Achte Spielregel: Jede Beschäftigung mit dem eigenen Inneren, sei es Über das Auslegen der Träume anderer
über den Weg des Traumes oder anderswie, muß wieder zu den Mit-
menschen zurückführen. Auf jeden Fall müssen wir uns davor hüten, die Träume unseres Nächsten, die er
uns anvertraut hat, ungefragt zu deuten. Seine Träume mit ihm gemeinsam
Goethe warnt auch mit Recht vor einem falschen Pathos bei dem Versuch, sich aufzuhellen, indem wir sie anteilnehmend anhören, kann hingegen eine große
selbst zu erkennen. Wenn Sie mit Träumen umgehen, sollten Sie sich mit einer Nähe zu ihm herstellen.
Haltung begnügen, die Erich Fromm »to feel around« genannt hat.
Zehnte Spielregel: Ungebetene Deutung von Träumen ist zwar heute in
Neunte Spielregel: Die rechte Haltung beim Umgang mit Träumen: Ein- Mode gekommen. Dennoch handelt es sich dabei um einen taktlosen
sicht durch ein Erfühlen, Ertasten und Erspüren des eigenen Zustands. Eingriff in die Intimsphäre des Nächsten, auch wenn dieser sich aus
Unwissenheit nicht dagegen verwahrt.
Begegnung mit sich selbst
Ebenso falsch ist, aus Träumen unserer Mitmenschen - in der Annahme, daß wir
Dieses Vorgehen führt im Endergebnis zu einer Selbstbegegnung, die sich die Träume verstehen - Ratschläge abzuleiten. Am Wort »Ratschlag« ist in
zum Beispiel so ausdrücken könnte: bezug auf Träume nur eines wichtig: die Silbe »Schlag«. Immer wird dabei ein
Stück Wirklichkeit und ein Teil einer Beziehung erschlagen.
• So also habe ich im Traum gedacht, gefühlt, gewollt, mir vor Augen gestellt,
gehandelt oder gerade nicht gehandelt. So also bin ich im Traum mit meinen
Mitmenschen umgegangen. Die Grenzen jeder Selbstanalyse
• Wie merkwürdig, daß ich Probleme, die mich tagsüber so in Trab halten, im Nach dem Gesagten versteht es sich von selbst, daß wir durch den Einblick in
Traum gar nicht aufgreife. Ist mir vielleicht manches daran letztlich doch nicht so unsere Träume keine Psychotherapie im »do it yourself-Verfahren« erwarten
wichtig, wie ich mir gerne einrede? Oder habe ich es im Traum in einer für mich können und stets die Grenzen jeder Selbstanalyse vor Augen haben sollten.
nicht vertrauten Weise aufgegriffen? Finde ich es dort vielleicht an irgend einer Andererseits ist es wichtig, sich klarzumachen, daß wir Menschen gar nicht
versteckten Stelle? existieren könnten, wenn wir uns nicht immer wieder selbst »mit neuen Augen«
• Wie sehe ich mich in Wirklichkeit und wie im Traum? Wie sehr klaffen die betrachten, uns nicht immer wieder in Frage stellen würden, und wenn wir nicht
Tagwirklichkeit und das, was ich nachts träume, bei mir auseinander? So bin eine bestimmte Meinung von uns hätten. Niemand kann sich dieser Aufgabe
ich also offensichtlich auch! entziehen - er kann dabei allerdings an eine Grenze stoßen oder sich
»verrennen«.
Gerade dieses »auch« bewahrt uns vor dem Fehler, Träume wörtlich zu nehmen,
wovor wir manchmal Angst haben - wenn wir etwa geträumt haben, wir hätten
einen Inzest oder einen Mord begangen. Auch solche Träume lassen sich nur
aus dem Lebenszusammenhang des Träumers begreifen. So könnte zum Beispiel
ein Mord bedeuten: Ich fühle mich hilflos, mit dem Betreffenden anders
umzugehen als dadurch, daß ich ihn mit letzter Konsequenz ausschalte.

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
»Lernen wir träumen« Unser Beispiel zeigt allerdings nicht nur die Bedeutung des Traumes, sondern
auch, wie wenig es ausreicht, bloß zu hoffen, daß es »der Herr den Seinen im
Bevor wir versuchen, einen Zugang zu scheinbar unverständlichen Träumen zu Schlafe« gibt, wenn nicht geistige Anstrengung dem Erkenntnisprozeß
gewinnen, möchten wir Sie auf einen weiteren Effekt unserer Träume vorangeht und eine Deutung ihm nachfolgt.
hinweisen: Sie arbeiten für uns gleichsam Nacht für Nacht und helfen uns,
unsere Probleme zu lösen, auch wenn wir sie nicht deuten. Fast jeder von uns Elfte Spielregel: Wichtig ist, daß wir immer mehr mit der Sprache der
hat von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, als er dem bekannten Rat Träume vertraut werden.
folgte, vor einer schwerwiegenden Entscheidung die Sache erst einmal eine
Nacht zu überschlafen. Am nächsten Morgen hat sich vieles davon
Der Umgang mit Träumen bei den Senoi
entschieden oder wie von selbst erledigt. Ein geübter Träumer wird von dieser
Methode systematisch Gebrauch machen, auch wenn er sich am nächsten Ein anderes Beispiel wird von dem Anthropologen Kilton Stewart berichtet, der
Morgen nicht an einen Traum erinnern kann. Wie sehr sich diese Möglichkeit 1935 unter den Senoi lebte, einem Stamm im Dschungel des zentralen
weiterentwickeln läßt, wollen wir an zwei scheinbar unterschiedlichen Hochlands von Malaysia. Die Senoi fielen durch außerordentliche
Beispielen deutlich machen. Friedfertigkeit, vor allem aber durch das Fehlen von Gewaltverbrechen sowie
durch ihre ungewöhnlich gute körperliche und seelische Verfassung auf.
Der Traum des August Kekule Stewart führte das auf den Umgang der Stammesmitglieder mit ihren Träumen
zurück. Er berichtet (8):
Das erste Beispiel zeigt, daß unsere Träume uns mitunter geradezu geniale Jeden Morgen nach dem Erwachen diskutiert und analysiert die Famili-
Lösungen anstehender Probleme geben können. Es stammt vom Entdecker des engruppe gemeinsam die Träume der vorhergegangenen Nacht. Die Kinder
Benzolrings, August Kekule (l 829 bis l 896). Er beschrieb anschaulich, wie es werden über ihr Verhalten im Traum ebenso unterrichtet und belehrt wie über ihr
zu dieser Entdeckung kam, die einen Markstein bei der Entwicklung der Tun am Tag. Berichtet ein Senoijunge zum Beispiel, er sei im Traum hingefallen,
organischen Chemie bedeutete. Nachdem er sich eines Tages wieder dann antworten die Erwachsenen begeistert: »Das ist ein wunderbarer Traum,
angestrengt über die Anordnung der Atome im Benzol Gedanken gemacht einer der besten Träume, die ein Mann haben kann. Wo bist Du hingefallen?
hatte, versank er in Halbschlaf. Er berichtete: Was hast Du dabei entdeckt? ... Wenn Du in einem Traum hinfällst, mußt Du
Dich entspannen und es genießen ... Fallen ist der kürzeste Weg, um mit den
Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten Kräften der geistigen Welt in Berührung zu kommen ... Wenn Du wieder in
sich diesmal bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch einem Traum hinfällst, wirst Du Dich an das erinnern, was ich Dir jetzt gesagt
wiederholte Gesichter ähnlicher Art geschärft, unterschied jetzt größere habe ... Und Du wirst fühlen, daß Du dabei auf die Quelle der Kraft zugehst,
Gebilde von mannigfacher Gestaltung, lange Reihen, vielfach dichter die Deinen Sturz veranlaßt hat.«
zusammengefügt; alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und Angenehme Träume werden absichtlich und bewußt weitergeträumt, bis
drohend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den eigenen etwas Schönes oder Nützliches im Traum auftaucht, das der Gruppe
Schwanz, und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch zurückgebracht werden kann. Fliegt zum Beispiel jemand im Traum, dann
einen Blitzstrahl erwachte ich. (6) fliegt er weiter, bis er Wesen trifft, von denen er einen Gesang oder eine
Beim 25jährigen Benzolring-Jubiläumsfest rief Kekule seinen Zuhörern zu: Kunstfertigkeit lernen kann, die er seinem Volk übermittelt.
»Lernen wir träumen, dann finden wir vielleicht die Wahrheit!« (7)

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
In sexuellen Träumen träumt der Träumer, bis er zu einem Orgasmus gekommen Die subjektive Welt des Träumenden
ist; dann bittet er seinen Liebhaber im Traum um einen Gesang. Er hat auch
keine Angst, in seinen Träumen Liebesempfindungen auszudrücken, selbst Betrachten wir die scheinbare Unverständlichkeit der Träume näher, dann
wenn diese tagsüber verboten sein sollten, zum Beispiel dem Bruder oder der stellen wir fest, daß unsere Träume nur im Lichte unseres Tagbewußtseins als
Schwester gegenüber. Solche Empfindungen beziehen sich nicht auf den unverständlich erscheinen. Während wir träumen, haben wir diesen Eindruck
wirklichen Bruder oder die wirkliche Schwester, es sind lediglich psychische nicht. Im Traum leben wir in einer für uns ebenso selbstverständlichen Welt wie
Wesen, die in deren Verkleidung auftreten. Nach der Traumdiskussion im Wachen. Auch die Beziehungen zu unserer Umgebung, zu unserem Tun und
innerhalb der Familie treffen sich die Senoi in der Ratsversammlung unter dem zu unseren Ideen sind uns so selbstverständlich, als seien wir wach. Diese
Vorsitz des Halak, des Schamanen. Dort werden die Träume aller Teilnehmer Erfahrung verliert sich erst, nachdem wir aufgewacht sind, und wir begreifen
diskutiert und analysiert, dort werden auch die Gesänge und Tänze, die im nicht mehr, wie vertraut uns alles im Traum war. Eine schöne Geschichte des
Traum erfahren wurden, erklärt und aufgeführt. chinesischen Weisen Dschuang Dsi (etwa 400 Jahre v. Chr.) macht das
anschaulich:
Natürlich sind wir weder Senoi, noch leben wir im Bewußtseinszustand von
Schamanen. Aber wir können und sollen von ihnen einiges lernen, selbst »Einst träumte Dschuang Dschou, daß er ein Schmetterling sei, ein flatternder
wenn ihre Situation eine andere ist als die unsere. Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von
Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und
Zwölfte Spielregel; Wir können lernen, innerhalb einer Partnerschaft oder wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou
einer Gruppe gemeinsam liebevoll mit unseren Träumen umzugehen - nicht geträumt hat, daß er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt
nach dem in unserer Leistungsgesellschaft so weit verbreiteten Motto: Wo hat, daß er Dschuang Dschou sei« (9).
irrst Du Dich und wie kann ich Dich widerlegen? Wie kann ich Dich am
Ende gar übertrumpfen? Man hätte Dschuang Dsi eine Antwort geben können, die ihn vermutlich nicht
zufrieden gestellt hätte. Sie stammt vom griechischen Philosophen Heraklit von
Eine solche Haltung wird letztlich von Angst diktiert nach dem Motto: Ich bin der Ephesos, der etwa l 00 Jahre vor Dschuang Dsi gelebt hat. Er stellte fest, daß die
Größte, also kann mir nichts passieren. Die dahinterstehende Ichfunktion ist Wachenden eine gemeinsame Welt haben, während sich von den Schlafenden
diejenige der Negation, der einseitigen Verneinung also. Leopold Szondi ein eder seiner eigenen zuwende (10). Wäh-"• rend wir träumen, merken wir
nannte sie schlichtweg »defektuös« (schadhaft), weil sie sich immer mehr das nicht. Dies bedeutet jedoch nicht, daß wir uns im Traum in eine
verselbständigt, uns dabei einengt und uns zunehmend vom Strom des Lebens Privatweltzurückziehen würden. Im Gegenteil! Fast in jedem unserer Träume
abdrängt. teilen wir unsere Welt mit anderen: Die Welt im Traum ist nicht privat, wohl aber
subjektiv. Daß die Feststellung des Heraklit richtig ist, bestätigt unsere
Dreizehnte Spielregel: Die gegenteilige, um Interesse und Verständnis Umgangssprache recht genau. Wir sprechen vom Erwachen, sobald wir in die
und nicht um Widerlegung bemühte Haltung sollten Sie auch auf den prinzipiell allen Menschen gemeinsame, eine Wirklichkeit eintreten - sie steht
Umgang mit den eigenen Träumen übertragen. unter der Vorherrschaft einer verbindlichen Realitätsauffassung. Unter Erträumen
dagegen verstehen wir etwas anderes, nämlich den Rückzug in eine subjektive
Wirklichkeit (l l) - sie steht unter der Vorherrschaft der Phantasie.

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Datum: 12.08.2001
Traum oder Wirklichkeit? Die beiden wichtigsten Fragen dabei lauten: Warum habe ich den Traum
gerade jetzt geträumt, warum habe ich ihn gerade so geträumt?
Solange wir träumen, merken wir nicht, in welcher der beiden Welten wir uns • Gerade jetzt und nicht schon vor acht Tagen oder vor zwei Jahren? Was ist
befinden, denn es gibt im Traum kein verbindliches Kriterium, das uns zeigt, ob also das Besondere gerade an meiner jetzigen Situation?
wir wach sind oder nicht. • Gerade so: Warum habe ich als Regisseur meines Traumes gerade diese
Menschen und gerade diese Umgebung ausgewählt? Warum gerade diese
Vierzehnte Spielregel: Daraus läßt sich eine wichtige Konsequenz für das Lösung der Situation und keine andere? Wenn wir so vorgehen, lenken wir
Verständnis unserer Träume ableiten: In unseren Träumen drücken sich nicht unsere Aufmerksamkeit wie von selbst auf den konkreten Ablauf der Ereignisse
nur Wünsche und Ängste aus, sondern auch Ahnungen, Kreativität und im Traum und auf ihre ursächlichen Beziehungen. Indem wir uns beide Seiten -
Möglichkeiten. das Geschehen im Traum und unsere Stellungnahme dazu - abwechselnd vor
Augen stellen, lernen wir immer besser, mit uns selbst ins Gespräch, in einen
Insofern können unsere Träume auch im Dienst einer besseren Wirklich- inneren Dialog zu kommen. So vertiefen wir sowohl unsere Sicht der Wirk-
keitsbewältigung stehen. Aber Möglichkeit ist nicht Wirklichkeit. Deshalb sind lichkeit als auch unsere Kreativität.
wir davon bedroht, in bloße Phantastereien abzugleiten, wenn wir bei dem
Versuch, unsere Träume zu verstehen, nicht immer wieder unsere kritische
Der ganzheitliche Stil der Träume
Vernunft einschalten und die Meinung unserer Mitmenschen einbeziehen.
Träume sind keine abgeschlossenen Wesenheiten, sondern Ausdruck
Fünfzehnte Spielregel: Unsere Träume verstehen wir also dann, wenn wir lebendiger Prozesse und Beziehungen. Etwas weiteres folgt aus dem Satz des
sehen, daß sie Ausdruck sowohl der niedrigsten und irrealsten als auch der Heraklit, daß die Wachenden eine gemeinsame Welt haben, während sich
höchsten Seelentätigkeit sein können. Dies gilt im übrigen für alles, was aus im Schlafe jeder gleichsam seiner eigenen Welt zuwende: Es führt in die Irre,
dem eigenen Inneren kommt, also ebenso für unsere Phantasien, Tagträume, im Traum eine abgeschlossene Wesenheit (»den« Traum) mit nur einer
Intuitionen und Ahnungen. umschriebenen Bedeutung zu sehen. In Wirklichkeit sind Träume Ausdruck
eines ständig fließenden Bewußtseinsstromes. Das bedeutet, daß es streng
genommen falsch ist zu sagen, wir hätten heute Nacht einen Traum gehabt und
Der innere Dialog
an ihm bestimmte Äußerungen des Unbewußten, Komplexe, Archetypen
Das, was wir geträumt haben, müssen wir also immer wieder zu unserem (Urbilder) und wie all diese beeindruckenden Begriffe sonst noch heißen,
Tagbewußtsein in Beziehung setzen und umgekehrt unser Alltagsdenken durch festgestellt. In Wirklichkeit werden wir sagen müssen, daß wir Träumende sind
unsere Träume in Frage stellen lassen, um es so zu erweitern und zu vertiefen. mit ganz bestimmten Erlebnissen, Empfindungen, Gefühlen, Stimmungen und
Arten des Tätigseins. Sie machen den ganzheitlichen Stil des jeweiligen
Sechzehnte Spielregel: Unser Tagbewußtsein mit unseren Träumen in Traumes aus. Einen Traum zu verstehen oder zu deuten hieße demnach, seinen
Beziehung zu setzen, geschieht vornehmlich dadurch, daß wir die Bilder Stil und die ihn kennzeichnende Atmosphäre in die Sprache unseres
der Träume möglichst in Fragen verwandeln, die wir uns stellen. Alltagsbewußtseins zu übersetzen mit all den Beschränkungen, die für jede
Übersetzung kennzeichnend sind.

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Datum: 12.08.2001
Erschwerend kommt hinzu, daß unsere Träume innere Zustände und Vorgänge • Der größte Fehler bei der Traumauslegung besteht darin, den Traum einfach
ausdrücken, während unsere Alltagssprache in erster Linie dazu geschaffen »Niederzudeuten«. Eine solche Deutung, in der alles klar ist, gehört zu dem,
ist, sachliche Probleme zu lösen. Daher bewundern wir mit Recht auch so sehr was der Philosoph Martin Heidegger »Gerede« genannt hat (14). Ein solches
unsere Dichter, die diese Grenzen unseres Alltags zu überschreiten vermögen Gerede, das alles versteht »ohne vorgängige Zueignung der Sache«, sei
(12). bodenlos, weil es die Möglichkeit jedes wirklichen Verstehens raube. Es bilde
Ständig fließender Bewußtseinsstrom, Stil und Atmosphäre sind anschaulich lediglich »eine indifferente (ungenaue) Verständlichkeit aus, der nichts mehr
vorgegebene Merkmale. Unser Alltagsbewußtsein neigt aber dazu, diese verschlossen ist«. Wir wollen stattdessen beim Auslegen der Träume unseren
sinnliche Welt mit Abstraktionen »totzuschlagen« und sich mit einer Blick für das Besondere schärfen, das sich in jedem Traum offenbart, und jenes
Scheineinsicht durch Wörter und Begriffe zufrieden zu geben. Wir können Verstehen meiden, das sich in bloßen gedanklichen Annahmen und in vagen
zwar auf Begriffe oder Konstruktionen (das »Unbewußte«, »Archetypen«,
Schlüssen erschöpft.
Seite —> 45) nicht verzichten und werden sie immer wieder heranziehen.
Aber es ist wichtig, in ihnen lediglich brauchbare Hilfsmitte zu sehen, nicht
• Wir sollten uns davor hüten, im Sinne einer »Süchtigkeit nach Tiefe« in
jedoch eigenständige »Wesenheiten«.
unseren Träumen zu »grundein«. Vielmehr geht es darum, festgefahrene
Ansichten und Haltungen aufzuweichen und uns zu fragen, wie Beziehungen
Sorgfältige Wiedergabe von Träumen und Sachverhalte sein könnten über das hinaus, was wir sowieso schon von
Die eigentliche Absicht bei unseren Überlegungen ist, Sie dazu einzuladen, sich ihnen wissen.
so sorgfältig wie irgendwie möglich auf die Welt Ihrer Träume einzulassen und sie
angemessen zu formulieren, wenn Sie sie aufschreiben oder jemandem erzählen. • Ein weiterer Fehler besteht darin, dem Traum mit dem Symbol-Lexikon zu
Je genauer Sie sich darum bemühen, desto mehr stellen Sie fest, daß wir uns Leibe zu rücken. Wir sind keine »Übersetzungscomputer« und verkennen
meistens bloß in einer Welt der Wörter bewegen, wenn wir von unseren Träumen außerdem durch ein solches Vorgehen das Wesen der Symbole (-> Seite 70).
reden. Wir kommen r aber sofort darüber hinaus, wenn wir die Traumbilder Angemessen ist stattdessen, von der Wirklichkeit auszugehen, in der der
tatsächlich vor unseren inneren Blick rücken. Wir möchten sogar behaupten, daß Träumer in seinen Träumen wirklich lebt - der Bilderwelt. Deshalb muß die
eine genaue Wiedergabe schon eine halbe Auslegung ist. Je genauer Sie sich Deutung in erster Linie »eine Sache des Sehen- und Hörenkönnens, des Sti
auf Ihre Träume einlassen, desto mehr erfahren Sie, daß deren Stil ganzheitlich ist, gefühls, des Gespürs für die ästhetischen Proportionen des Traums, kurz, eine
ohne Abstand zu Ihnen selbst. Sie erleben dann unmittelbar, was der Idee nach anschauliche Sache!« ( 1 5 ) sein.
sowieso klar ist, nämlich, daß ein Traum jenes Theater ist, in dem der Träumer
Szene, Spieler, Souffleur, Regisseur, Autor, Publikum und Kritiker in einem ist ( 13). Nochmals möchten wir betonen: Wer Träume auslegen möchte, seien es
eigene oder die von Mitmenschen, der muß vor allem seine Wahrnehmung
Über den Umgang mit der Auslegung schulen (—> Seite 26)!

Nicht in der Deutung oder der Auslegung als solcher also sehen wir
vornehmlich unsere Aufgabe, sondern im richtigen Umgang mit ihr.

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Datum: 12.08.2001
higkeit sowie Ihre innere Haltung, mit der Sie an den Traum herangehen;
Das »Instrumentarium« der • zum anderen das Wissen und die Informationen, die Sie über das
Traumauslegung Träumen und die Traumdeutung haben.
Beides ist untrennbar ineinander verwoben: Ihre Wahrnehmung bewußt
einzusetzen und Ihren eigenen inneren Dialog zu vertiefen, bedeutet, daß
Sie vorhandenes Wissen zwar benutzen, es aber auch immer wieder
Für die Auslegung von Träumen stehen Ihnen zwei Arten von »Instrumentarium« »vergessen«, um Ihre direkte augenblickliche Wahrnehmung »sprechen«
zur Verfügung: zu
• Zum einen Sie selbst, das heißt Ihre Wahrnehmungs- und Erinnerungsfä-
lassen. Muschel; auch ein geblasenes Glas oder eine Schale würde sich eignen, nicht
So wird Ihre eigene kreative Wahrnehmung immer wieder unterbrochen, hingegen ein Foto (künstlich) oder ein Landschaftsgemälde (zu kompliziert).
unterstützt, ergänzt, erweitert durch »Einwürfe« des Wissens. Sie können sich Schauen Sie sich diesen Gegenstand genau von allen Seiten an, nehmen Sie ihn
auf die Welt der Träume immer mehr einlassen, wenn Sie sich selbst auch in die Hand, betasten Sie ihn, um zu spüren, wie er sich anfühlt, drehen
(innere Vorgonge, Zustände, Bilder, Gefühle, Gedanken) und Ihre Sie ihn nach allen Richtungen, prüfen Sie seinen Geruch, kurzum: Versuchen
Umgebung (Beziehungen, Situationen) bewußter wahrnehmen und wenn Sie, ihn mit allen Sinnen zu erfassen, ohne aber über ihn ins Grübeln zu geraten.
Sie Wissen ansammeln über Möglichkeiten des Verstehens Ihrer Träume Danach legen Sie den Gegenstand zur Seite, schließen die Augen und
und des Umgangs mit sich selbst. versuchen, ihn genau zu erinnern. Bemühen Sie sich dabei um die
Vergegenwärtigung jeder Einzelheit. Nachdem Sie den Gegenstand möglichst
unmittelbar erinnert haben, nehmen Sie ihn erneut in die Hand, und machen Sie
Träume wahrnehmen sich klar, was Sie gesehen haben und was nicht. Konzentrieren Sie sich nun
Wichtig ist, daß Sie insgesamt Ihre Wahrnehmungs- und Ihre Erinnerungsfähigkeit nochmals auf jede Einzelheit, und versuchen Sie dann, den Gegenstand
steigern und Verlebendigen. Dabei hilft es Ihnen vielleicht, sich zunächst vom wiederum zu erinnern. Das machen Sie gegebenenfalls zwei- bis dreimal. Je
Druck des Traumen-Müssens zu lösen. Selbst der beste Träumer vermag sich von öfter und länger Sie bei demselben Gegenstand verweilen, um so mehr
allnächtlich vier bis fünf Träumen nur einen kleinen Teil zu merken. Viele meinen werden Sie erfahren. Bei einem Stein oder einem ähnlichen Objekt sollten Sie
sogar, daß sie so gut wie nie träumen. Manche von ihnen erinnern sich jedoch an mindestens einen Monat lang bleiben, bevor Sie auf etwas anderes übergehen.
nächtliche Gedanken, die sie aber nicht als Träume ansehen, obwohl es doch oft Sie können auch ein einmal gewähltes Objekt auf die Dauer beibehalten.
welche sind. Es gilt also, alles, was nachts auftaucht, zu registrieren, selbst wenn Wenn Sie aber zum Beispiel eine Blume genommen haben, so daß ein
Sie es zunächst nicht für einen Traum halten. dauerndes Verweilen nicht möglich ist, dann sollten Sie sich daran erinnern, wie
Um Ihre Wahrnehmung zu schulen, möchten wir Jhnen drei Übungen empfehlen diese Blume sich im Lauf der Tage verändert hat.
Sie können diese Übungen durchführen, wann immer Sie die nötige Zeit und Ruhe
dafür haben. Beim Üben sollten Sie sich jedes Anspruchs enthalten, etwas
erreichen zu wollen; seien Sie vielmehr ganz bei dem, was Sie tun. Übung für den Abend
Übung für den Morgen Während Sie am Morgen den Schwerpunkt auf das Erinnern einer
Nachdem Sie, soweit es Ihnen möglich ist, zur Ruhe gekommen sind, nehmen Sie Wahrnehmung legen, sollten Sie am Abend vor allem die Erinnerung einer
einen natürlichen (also zum Beispiel keinen aus Plastik geformten), nicht zu Handlung schulen. Die Dauer dieser Übung sollte wiederum etwa
kompliziert gestalteten, sondern klar strukturierten Gegenstand, der Ihnen
angenehm ist, der Sie aber gefühlsmäßig nicht zu sehr beeindruckt, zur Hand.
Nehmen Sie also zum Beispiel einen schönen Stein, einen Tannenzapfen, eine

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fünf Minuten betragen. Bringen Sie sich dafür erneut in den Zustand einer
Träume merken
möglichst großen äußeren und inneren Ruhe, und vergegenwärtigen Sie dann
eine einfache Szene aus dem gerade vergangenen Tag, die gleichfalls emotional Viele Menschen würden sich gerne mit ihren Träumen beschäftigen, stellen
nicht besonders »geladen« sein sollte. Die Übung ist nicht als Problem- oder aber fest, daß ihre Träume beim ersten Weckerklingeln in sich zerfallen wie
Konfliktlösung gedacht! Unterscheiden Sie also genau: »Jetzt ist Üben dran, zu Seifenblasen. Dagegen gibt es kein Patentrezept, wohl aber hilft Ihnen, sich
einer anderen Zeit Problemlösen.« Wenn Sie sich nicht an diese Trennung halten, klarzumachen, daß es sich mit unseren Träumen ähnlich verhält wie mit einem
beleben Sie entweder den Affekt wieder, den Sie hatten, und fallen damit aus der Voge, den Sie im Park füttern möchten. Sie können ihn nicht herbeizwingen,
übenden Haltung heraus, oder Sie verdrängen wichtige Einzelheiten und ver- wohl aber herbeilocken, indem Sie ihm ohne Hast Futter geben, sobald er in
stoßen dadurch gegen die Forderung nach völliger Öffnung der Sinne. Bei allen Ihre Nähe gekommen ist. Sie dürfen auch nicht direkt nach ihm greifen, sonst
diesen Übungen werden Sie freilich feststellen, daß es Situationen ganz ohne jede fliegt er weg.
Gemütsbeteiligung gar nicht gibt. Später, nach sehr langem, meist jahrelangem
Üben, werden Sie dann in der Lage sein, auch emotional stark geladene
Situationen auf die gleiche Weise zu betrachten - aber nur, wenn Sie sich vorher »Die Wachen von den Toren des Verstandes zurückziehen«
daran gehalten haben, sich zunächst auf relativ neutrale Situationen zu Auf das Merken von Träumen übertragen heißt dies, daß Sie zwei scheinbar
beschränken. einander entgegengesetzte Haltungen einüben sollten: Auf der einen Seite
nehmen Sie sich fest vor, sich Ihre Träume zu merken. Zugleich aber müssen
Übung: Kunstwerke betrachten Sie, wie Schiller sagt, Ihre »Wachen von den Toren zurückziehen«, also
keineswegs nach dem Traum »grapschen«, sondern ihn kommen lassen - am
Eine weitere Übung, die Ihnen das Wahrnehmen sowie das Merken von Träumen besten im Liegen mit geschlossenen Augen, wobei Sie zunächst ohne jeden
erleichtert und zugleich zu deren Deutung hinführt: Betrachten Sie in Büchern kritischen Einwand auf das achten, was Ihnen in den Sinn kommt.
Kunstwerke, in die Sie sich, soweit Sie können, Detail für Detail innerlich Natürlich können Sie Träume auch mit Gewalt herbeizwingen, indem Sie
versenken, um sie sich einzuprägen. Lesen Sie danach eine Beschreibung dieses mehrfach nachts zu beliebiger Zeit den Wecker rasseln lassen. Die
Kunstwerkes und lernen Sie zu unterscheiden: Das habe ich gesehen und das hat Wahrscheinlichkeit ist groß, daß Sie dabei auf eine traumaktive Phase stoßen
der Autor der Beschreibung gesehen. Was habe ich nicht gesehen und was sieht er und sich danach den Traum merken können. Aber das ist nicht unser Ziel.
anders als ich?

Träume sind schnell vergessen


Die sicherste Methode, seine Träume zu vergessen, ist, sich nach dem
Aufwachen zu sagen: »Den Traum merke ich mir bestimmt, den brauche ich mir
nicht aufzuschreiben«, oder »wenn ich den aufschreibe, kann ich nachher nicht
mehr schlafen«.
Solche Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit am nächsten Morgen
vergessen, nicht nur, weil wir sie verdrängen, sondern auch, weil wir

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uns, während wir träumen, in einem anderen Bewußtseinszustand befinden als Das Gefühl nach dem Aufwachen wahrnehmen
im Wachzustand (-> Seite 8 und 57). Diese unterschiedlichen
Bewußtseinszustände des Wachens und des Träumens lassen sich meist nur Achten Sie nach dem Aufwachen auch darauf, wie es sich mit Ihrem Körper,
schwer miteinander verbinden. Ihrer Atmung, Ihrer Stimmung verhält, wenn Sie sich an Ihre Träume erinnern.
Sind Sie eher gespannt oder gelöst, niedergeschlagen oder in einem
Den Traum notieren Hochgefühl? Über solche Wahrnehmungen bekommen Sie nicht nur mehr
Zugang zu sich selbst, sondern schlagen auch oft eine Brücke zu geträumten
Sobald Sie festgestellt haben, daß Sie geträumt haben, sollten Sie Ihren Traum Gefühlen, über die Sie sich dann an weitere Bilder des Traumes herantasten
unter allen Umständen festhalten - ihn sofort aufschreiben, oder, falls Sie Ihren können.
Partner dabei nicht wecken, auf ein Tonband sprechen. Sie müssen sich nachts
nicht jede Einzelheit Ihres Traumes merken, sollten sich aber die wichtigsten
Stichworte notieren. Eine Schlagzeile formulieren
Bleistift und Papier, um den Traum aufzuschreiben, sowie eine abgedunkelte Wenn Ihnen nach dem Aufwachen ein Traum sofort als Ganzes vor Augen
Lichtquelle gehören ans Bett eines jeden, der sich seine Träume merken möchte. steht, so daß Sie befürchten, den Zusammenhang zu verlieren, wenn Sie ihn
Besser als ein loser Zettel ist ein Traumtagebuch, das Sie systematisch führen. Es von vorne aufschreiben, dann sollten Sie für den Traum zunächst eine
hilft Ihnen, die wesentlichen Traumthemen in ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit zu prägnante Schlagzeile suchen. Notieren Sie als nächstes einige Stichworte aus
verfolgen. den Teilen, die Ihnen am wichtigsten scheinen, und schreiben erst dann
weitere Einzelheiten auf.
Eine Traum-Skizze anfertigen
Einfälle mehrmals erinnern
Da sich die meisten Träume charakteristischerweise in einer Bilder- und
Gefühlswelt vollziehen, ist es oftmals sinnvoll, wenn Sie eine Skizze Ihres Traumes Gehen Sie beim Merken jede Erinnerung unter Umständen mehrfach durch.
machen. Nehmen Sie Papier und Bleistift, und versuchen Sie, das Szenarium Ihres Sollten Sie dabei auf bestimmte Zusätze, Auslassungen oder sonstige
Traumes möglichst getreu nachzuzeichnen - einen künstlerischen Anspruch an Ihre Veränderungen Ihres Traumbildes stoßen, so richten Sie Ihre besondere
Skizze sollten Sie dabei völlig außer Acht assen. Meist genügt es, das Geschehen Aufmerksamkeit darauf.
im Traum mit wenigen Strichen deutlich erkennbar festzuhalten. Derartige Veränderungen sind für das Verständnis Ihrer Träume meist
besonders wichtig, weil sich darin Fehlleistungen, Verdrängungen oder andere
Bruchstücke notieren unbewußte Prozesse ausdrücken.

Anders als mit dem nächtlichen Notieren ist es, sobald Sie sich morgens den Traum
Frühere Träume festhalten
ins Gedächtnis zurückrufen. Falls Sie sich nur an einige Bruchstücke erinnern
können, schreiben Sie auch diese auf - eines nach dem anderen. Meist kommen Manchmal kommt Ihnen beim Erinnern an Ihre Träume ein früherer Traum in den
Ihnen dabei weitere Bruchstücke in den Sinn, an die Sie sich vorher nicht mehr Sinn. Sie sollten ihn auf die gleiche Weise festzuhalten suchen wie einen heute
erinnerten. geträumten Traum. Oft gehört er zum »Thema« Ihres Traumes.

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Lücken im Traum ausphantasieren Einüben der inneren Haltung

Wenn die Traumteile sich nicht zu einem Traum zusammenschließen, dann Oberstes Ziel jeder Beschäftigung mit den eigenen Träumen sollte es also sein,
phantasieren Sie aus, was sich zwischen den Traumteilen abgespielt haben den Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit solange wie möglich auf das Merken
könnte. Lassen Sie sich so tief wie irgend möglich auf diese Phantasien ein, aber der Inhalte und der dabei auftauchenden Gefühle zu hegen. Dieses Merken
unterscheiden Sie in einem weiteren, endgültigen Schritt streng zwischen dem, vollzieht sich - wir sagten es schon, wollen es aber hier wiederholen, wei mit
was Sie sich gemerkt, und dem, was Sie sich dazuphantasiert haben (—> Seite ihm jedes Traumverständnis steht und fällt - nicht in der Haltung eines
44). Menschen, der etwas »in den Griff« zu bekommen sucht. Eher sollten wir uns in
Im übrigen ist es ein Hinweis für einen richtig gemerkten Traum, wenn sich am die Haltung einer Mutter hineinbegeben, die sich dem Kind zuwendet, indem sie
Ende nicht alles zu einem sinnvollen Ganzen zusammenschließt. Daß wir ihn sein Erleben teilt.
fälschlicherweise als Einheit sehen, wird aus verschiedenen Quellen gespeist:
• Zum einen hängt es mit unserem normalen Vergessen zusammen, wobei wir alle Siebzehnte Spielregel: Das heißt auf den Trau m bezogen: Wir sollten uns
die Neigung haben, das Fehlende den eigenen Vorstellungen entsprechend zu beim Merken so weit wie möglich und immer wieder in die Verfassung des
einem sinnvollen Ganzen aufzufüllen. Dies gleicht dem nächtlichen Blick zum Traumes zurückversetzen, aber mit wachem, aufmerksamem Bewußtsein. Es
Sternenhimmel, wo wir Sterne automatisch zu bestimmten Sternbildern ist dies die Haltung eines Fragenden und nicht die eines Wissenden: weder
zusammenfassen. wertend (»so ein Unsinn« beziehungsweise umgekehrt »wie tiefsinnig«) noch
• Zum anderen ist die Übersetzung der Traumbilder in die Sprache des deutend (»das ist doch ganz klar«, »das bedeutet ...«l sondern staunend,
Wachbewusstseins beim Erzählen oder Aufschreiben immer nur angenähert sinnend und prüfend.
möglich. Vor allem wird eine solche »sekundäre Bearbeitung« des Traums von
Verdrängungsprozessen bestimmt (-> Seite 38). Schon Freud sah, daß die
Staunen
»zensurierende Instanz« nicht nur zu Einschränkungen und Auslassungen im
Trauminhalt führt, sondern oft auch zu Einschaltungen und Vermehrungen Staunen heißt, sich anteilnehmend auf die Stimmung und den Gehalt des
desselben (17). Traumes einzulassen. Sie sollten ihn also nicht von außen mit Hilfe von Begriffen
und Konstruktionen abfragen, sondern vernehmen, was Ihnen seine Bilder
sagen. Dadurch entsteht eine innere Nähe zu ihm, aus der Ihre Fragen
Merken wir uns
gleichsam von selbst erwachsen. Fragen, die sich dabei stellen, wären zum
Das Erinnern unserer Träume ist immer ein Kampf um die genaue Erinnerung. Das Beispiel:
Wort »Kampf« soll allerdings nicht Verbissenheit signalisieren. Eher ist eine
gewisse spielerische Haltung günstig, in der Sie bereit sind, sich auf etwas Ich bin in den letzten Tagen durch so viele Straßen gegangen. Warum spielt
Unerwartetes und Wesentliches einzulassen. Im übrigen meinen wir, daß häufig der Traum gerade gestern und in dieser Gegend? Oder: Wie eigenartig, daß
allein schon das Merken der eigenen Träume heilsam und bewußtseinsfördernd ich mich selbst, diesen Menschen oder diese Situation im Traum so ganz
sein kann, weil es ein unverkrampfteres, wachsameres Verhältnis zu uns selbst anders gesehen habe als tagsüber? Oder: So also sehe ich diesen Menschen,
vermittelt und dadurch die Balance zwischen Innen und Außen fördert. diese Situation, wenn ich tagsüber darüber nachdenke, und so ist mein Bild
von ihm im Traum. Wofür bin ich Denkbarerweise tagsüber blind? Was
bedeutet dieser Mensch möglicherweise

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noch für mich über das hinaus, was ich über ihn zu wissen meine? Oder: Warum ist mit dieser Klosterfrau zu unterhalten, verhielt ich mich selber eher skeptisch und
wohl ausgerechnet jetzt etwas aus meiner Kindheit in mir aufgetaucht, während zurückhaltend. Dann gingen wir zusammen zu dem Kloster Sankt Anna. Dort
ich mich doch zur Zeit mit ganz anderen Problemen herumschlage? Könnte es sollte ich aufgenommen werden, und nach wie vor war meine Freundin von
sein, daß meine Sicht auf mich selbst oder auf meine Lebensumstände tagsüber dieser Idee, daß ich dort den Ort der Geborgenheit finden sollte, ganz
zu eingeengt ist? begeistert. Um dort aufgenommen werden zu können, mußte eine Art
Exorzismus an mir gemacht werden. Ich mußte erst von allem Bösen befreit
Dieses »könnte es sein?« (das im Englischen so trefflich mit »l wonder« -es erstaunt werden, damit ich dort in gutem Zustand bleiben konnte.
mich - ausgedrückt wird) ist die Standardfrage, mit der wir uns jeder Einzelheit in Nachdem Sie den »Traumtext« so ausführlich wie möglich erinnert und
unseren Träumen nähern sollten, nachdem wir uns ihrer Bilderwelt beim Merken festgehalten haben, können Sie so vorgehen: »Ich bin eine alte Frau« -was fällt
zunächst fraglos ausgesetzt haben. mir dazu ein? - »ich suche eine neue Heimat« - was fällt mir hierzu ein? - »ich
gehe mit meiner Freundin« - »auf diesem Wege begegnet uns eine Klosterfrau«.
Sinnen Um jeden Satz Ihres Traumes entsteht auf diese Weise meist eine vielschichtige
Welt von Erinnerungen und Einfällen; möglicherweise fällt Ihnen aber auch nur
Unser staunendes Fragen mündet also immer mehr in ein Sinnen. Der Schwerpunkt wenig zu einem be stimmten Traumbild ein; oder Sie scheuen davor zurück, da
liegt dabei darin, daß Sie als Träumer den Traum sozusagen mit wachen Sinnen, es für Sie mit schmerzhaften Gefühlen verbunden ist; vielleicht berührt es Sie
aber zugleich in einer Verfassung nachträumen, die der inneren Bilderwelt des auch überhaupt nicht. Lassen Sie alles geschehen und nehmen es wahr. Bei
Traumes nahe ist, bis er zu »Ihrem Traum« geworden ist. Dies geschieht nicht diesem Vorgehen sollten Sie nicht eine Art »Salto« machen und sich angestrengt
dösend, sondern im Sinne einer Verlebendigung, bei der Sie sich jede Einzelheit bemühen. Vielmehr sollten Sie das Bild des Traumes so in sich aufleuchten
vor Augen führen. Gerade das trägt dazu bei, dem flüchtigen Dahingleiten lassen, daß gleichsam wie von selbst Erinnerungen und Einfälle auftauchen. Es
unserer Gedanken, das unser Tagbewußtsein kennzeichnet, entgegenzuwirken. kommt darauf an, sich in das Traumbild sinnend, forschend einzuspüren, mit
Wir wollen also mehr und mehr lernen, jede Einzelheit unseres Traumes ruhig vor ihm gewissermaßen eine familiäre Beziehung einzugehen und es in seiner
unser »inneres Auge« zu stellen. Bedeutung für Sie verbindlich sein zu lassen. Falsch wäre es also, das
Traumbild nur in Ihr Alltagsverständnis übersetzen zu wollen.
Einfülle zulassen
In einem weiteren Schritt überlassen wir uns allen Einfällen, die uns zu unserem Prüfen
Traum kommen, also Begebenheiten, die uns durch den Kopf gehen, auch wenn Das führt zu einem Prüfen beziehungsweise Sichten, bei dem Sie alle
sie uns nebensächlich, nicht zum Traum gehörig oder sogar widersinnig oder Eingebungen und Erinnerungen, die Ihnen zu dem Traum gekommen sind, mit
peinlich anmuten. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: vergleichbaren Situationen Ihres Lebens in Beziehung setzen. Sie gehen also
Ich war eine alte Frau und ging mit meiner Freundin, die den gleichen Vornamen wie ein guter Historiker vor: Er wird nicht versuchen, das einzelne Ereignis zu
hatte wie ich, um mir eine neue Heimat, um mir einen Ort der Geborgenheit zu einem typischen »Fall von« einzuebnen, sondern gerade umgekehrt dessen
suchen. Auf diesem Wege begegnete mir eine Klosterfrau. Im Gegensatz zu Eigentümlichkeit herausarbeiten.
meiner Freundin, die ganz begeistert war, sich

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Wesentlich ist dabei, daß wir bei diesem Vorgehen ein Wort vermeiden müssen, Ein Traum-Beispiel
das im Umgang mit Träumen oft verwendet wird, obwohl es immer fehl am Platz
ist: das Wort »eigentlich«. Es ist der Tod jedes wirklichen Trau m Verständnisses Mehr als viele Worte zeigt ein kurzes Beispiel, worum es uns geht: »Ich betrete
und würde ebenso in die falsche Richtung führen wie das Abtun der Träume als an einem warmen Sommernachmittag zusammen mit Herrn Meyer ein
»Schäume«. Wir sollten also niemals sagen: So habe ich Dich bisher gesehen, Segelboot«.
aber jetzt - nach meinem Traum - weiß ich, wie Du »eigentlich« bist.
Zunächst einmal stellen Sie fest, daß auf den ersten Blick die Welt des Traumes
nicht vie anders ist als die Welt unseres Alltags. Der Träumer tut im Traum
Innerlich geöffnet sein
etwas, was er auch tagsüber tut, er begegnet dabei unter Umständen
Sicher ist Ihnen deutlich geworden, daß wir nicht wertend, sondern innerlich denselben Menschen, denen er auch tagsüber begegnen könnte. Um einen
geöffnet an Träume herangehen sollten. Um dies nachzuvollziehen, nehmen wir näheren Zugang zu finden, stellen wir uns nach dem Aufwachen, wenn wir uns
gleichsam die Haltung des Propheten Daniel ein, der seinerzeit den Traum des den Traum gemerkt haben, verschiedene Fragen:
Nebukadnezar gedeutet hat, indem er ihn zunächst in einer Art von erlebnishafter • Wie fühlte ich mich im Traum und was kam mir in den Sinn, während ich neben
Wahrnehmung innerlich nachvollzog. Die Bibel drückt das mit dem Satz aus: Herrn Meyer zum Segelboot ging? Was geht mir jetzt, im wachen Zustand,
»Darauf wurde ihm das Geheimnis (des Traumes von Nebukadnezar) enthüllt« über ihn durch den Kopf?
(Daniel 2, 19). Dann vertauschen wir diese Haltung gewissermaßen mit der des • Ich krieche beim Nachspüren so intensiv wie möglich gleichsam in Herrn
Sherlock Holmes, der aus einzelnen Indizien eine Gesamtsituation zu Meyer hinein. Wie fühle ich mich als dieser und was denke ich wohl als FHerr
rekonstruieren suchte. Diese »DaniekPosition und »Sherlock Holmes«-Position Meyer über mich, den Träumer, während ich neben ihm gehe?
wechseln wir in der Folge mehrfach, bis sich ein »Aha-Erlebnis« bei uns einstellt. • Kann ich mich für einen Augenblick vielleicht sogar in die Rolle des
Wie gut es uns gelungen ist, uns einem Traum wirklich zu nähern, können wir Segelbootes versetzen, das da im Hafen liegt? Wie ist wohl seine
daran erkennen, in welchem Ausmaß wir in uns ein Gefühl für seine Geschichte? Wem gehört es und wer hat es an den Platz gebracht, an dem es
Einzigartigkeit entwickeln. jetzt liegt? Wie wird es mit ihm weitergehen, wenn wir, der Träumer und Herr
Viele Träume scheinen sich zu wiederholen. Aber wenn wir sie genau betrachten, Meyer, uns ihm nähern?
zeigt sich meist, daß das gar nicht stimmt. Und wenn sie doch früheren Träumen
ähnlich sind, gilt es, dies nicht fraglos hinzunehmen, sondern weiterzufragen. Bei diesem Vorgehen sollten Sie sich jeder einfältigen Deutung, Interpretation
Dann könnte sich zum Beispiel zeigen, daß wir mit einem Problem innerlich oder »Übersetzung« enthalten. So erfahren Sie wesentlich mehr über sich, über
stecken geblieben sind, aber auch, daß in dem Traum eine neue Variante einer für den Traum, über Ihre innere Bilderwelt, als wenn Sie beispielsweise gesagt
uns grundsätzlich wichtigen Frage auftaucht. hätten: »Schiff bedeutet Weltreise«. Damit würden Sie die Bilderwelt
Wichtig ist auch hier, daß wir an dieses Problem nicht mit der Haltung herangehen: totschlagen, nicht aber sie Verlebendigen.
»Schon wieder ein Fall von ...«, sondern gerade umgekehrt: »Ich will das Neue an
diesem Traum erkennen, selbst wenn es gemessen an ähnlichen Träumen noch so
geringfügig sein sollte«.

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Datum: 12.08.2001
Bewährte Methoden der Traumdeutung feste, der nach den Aufwachen erinnerte Traum mit seinen Bildern, Situationen
und Gefühlen lediglich täuschende Fassade und eine Verschleierung seines
Aus den Fragen, die uns beim Nachsinnen über unsere Träume kommen, soll sich wahren Sinnes. Verstehen lasse sich lediglich der latente Traum, jene
der Schlüssel zu ihrem Verstehen ergeben. Das Schloß dafür besteht in unbewußten Kräfte, Bedürfnisse und Wünsche also, die sich verschleiert im
bestimmten Deutungsanweisungen. Hier werden wir uns mit den Traum ausdrücken. Den latenten Traum könne man mit Hilfe seiner Einfälle
Deutungstechniken von Sigmund Freud, von C. G. Jung sowie des Schöpfers der (Assoziationen) erschließen.
Daseinsanalyse, Medard Boss, beschäftigen, die drei besonders fruchtbare Freud stellt also konsequent die Erklärung aus der Vorgeschichte über den
tiefenpsychologische Schulrichtungen begründeten. Wir sehen in ihnen keine erfahrbaren Gehalt des Traumes. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Auch
»Galerie von Narrheiten« (Hegel), sondern die Konsequenz aus der Tatsache, der latente Traum ist für ihn nichts Letztes, sondern wird seinerseits aus
daß Träume ähnlich vielschichtig sind wie andere Phänomene unseres bestimmten Triebquellen gespeist, zum Beispiel dem Aggressionstrieb oder der
Bewußtseins. Jede Exklusivität, die nur die eigene Methode als einzige gelten läßt frühkindlichen Sexualität.
und diese durch Dogmen verteidigt, verleugnet dies. Sie ist ebenso falsch wie ein
Rückzug auf eine bloß praktische Beschäftigung mit den eigenen Träumen. Wer Kritik an Freud
das versuchen würde, wäre blind dafür, daß jede Sicht auf einen Traum immer So wesentlich die Einsicht Freuds ist, daß sich Träume nicht allein aus ihren
schon auf einer Theorie gründet - ob er das merkt oder nicht. Wenn wir somit Bildern verstehen lassen, sondern die Kenntnis der Lebenssituation des
verschiedene Standorte beschreiben, reden wir zugleich von dem Versuch, immer Träumers voraussetzen, so umstritten ist diese Theorie bis heute. Sie setzt
wieder den Standort der eigenen Sichtweise zu wechseln. Denn Träume sind letztlich voraus, der Träumer wisse etwas, was er wiederum nicht wisse. Dabei
keine abgeschlossenen Wesenheiten; deshalb kann es auch kein einheitliches argumentierte man, der Träumer »mache« ja den Traum selbst: Warum drückt
Deutungsschema geben. er dann aber das, was er meint, nur so indirekt und verschlüsselt aus? Die Kritik
an Freuds Vernachlässigung des manifesten Traumes ist berechtigt, während
die Kritik an seiner Triebtheorie viel an Schärfe verliert, wenn man sich klar
Die Einfallsmethode von Sigmund Freud (1856 bis 1939)
macht, daß hinter seinem Begriff »Sexualität« die liebende Bezogenheit auf den
Freud nahm an, daß während des Schlafes die Wachsamkeit des Ichs gegenüber Mitmenschen steht. Mit Recht wurde auch kritisiert, daß Freud die Träume zu
dem Unbewußten (dem »Es«) nachläßt. Dadurch können unbewußte Wünsche ausschließlich durch eine entlarvende »Sherlock-Holmes-Brille« sah und zu
und Gefühle auftauchen, die von unseren moralischen Vorbehalten und unserem wenig berücksichtigte, daß ihnen - verglichen mit dem Tagbewußtsein -ganz
kritischen Verstand nicht zugelassen werden, auch nicht im Schlaf. Ein Teil des Ichs, andere Bewußtseinszustände zugrunde liegen, die nicht zuletzt auch in den
der Zensor, schützt uns vor diesen Phantasien und Wünschen, indem er sie in physiologischen Gegebenenheiten des Traumes wurzeln (—* Seite 51). Mit
Symbole verwandelt. Der Traum dient also nach Freud der Abwehr, vor allem mit ersterem überschätzte er die Rolle der Verschleierung durch die Zensur, mit
Hilfe von Verdrängung. Sie ist für die Entstehung des Traumes mitbestimmend. letzterem übersah er die Stoffwechsel bedingten Umwandlungen unseres
Denkens und Fühlens im Traum. Falsch wäre aber, deswegen den Kern des
Der »Traum hinter dem Traum« psychoanalytischen Traumverständnisses zu bestreiten. Dieser besteht darin,
Freud betont zwar, daß man den Traum behandeln müsse »wie einen heiligen Text« daß sich in vieen Träumen ein Sinn ausdrückt, der sich auf einzigartige Weise
( 18) , also mit Ernst und Ehrfurcht. Dennoch sei der mani- mit Hilfe der Einfallsmethode erkennen läßt.

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Datum: 12.08.2001
Praxis der Traumdeutung: Assoziieren Wunschregungen und Zensur
Halten wir fest: Die praktische Aufgabe bei der Traumdeutung besteht nach Freud Die hinter den Einfällen vermuteten Ebenen der Wunschregungen und der
darin, den Traum auf seine Ursachen zurückzuführen. Diese sind auf drei Ebenen Zensur treffen Sie weder im Traum selbst noch in den eigenen Einfäl-en
zu suchen: unmittelbar an, sondern Sie können sie lediglich erschließen. Die »Traumarbeit«
• Auf der Ebene der Tagreste, die Sie mit Hilfe von Erinnerungen, Einfällen oder läßt sich nach Freud rekonstruieren, indem Sie »die Beziehungen des manifesten
Assoziationen gewinnen, Trauminhalts zu den latenten Trauminhalten« untersuchen und nachspüren,
• auf der Ebene von Wunschregungen, »durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist« (20) (—>
• auf der Ebene der im Traum zwar gelockerten, aber immer noch vorhandenen Seite 66).
Zensur.
Verständlicherweise werden Sie sich jetzt fragen, wann Sie hintergründige
Assoziationen Tendenzen bei der Deutung eines Traumes mitberücksichtigen sollen und wann
Einfälle oder Assoziationen lassen sich in zwei Gruppen einteilen: nicht. Die Antwort fällt heute anders aus als bei Freud, der gesagt hat: »Die
• Objektive Assoziationen funktionieren nach den Prinzipien der Ähnlichkeit (Buch wahrgenommenen Phänomene müssen in unserer Auffassung gegen die nur
- Heft), der Gegensätze (groß - klein) oder der zeitlichen Nähe (Januar - Februar). angenommenen Strebungen zurücktreten« ( 2 1 ) . Gerade umgekehrt wie er
• Für das Verständnis von Träumen wichtiger sind subjektive Assoziationen. Sie benutzen wir als »roten Faden« der Interpretation nicht unsere Konstruktionen,
lassen sich nur aus den besonderen Erlebnissen, Befürchtungen oder sondern im Sinne von M. Boss (—> Seite 46) die geträumten Traumbilder, die
Vorstellungen des Träumers ableiten. wir durch daraus abgeleitete Assoziationen lediglich ergänzen, und zwar in
Eine Assoziationskette zu dem Traum mit Herrn Meyer (—> Seite 37) wäre dem Sinne, daß wir sie zu Fragen umformulieren (—> Seite 22).
»Segelboot - Tegernsee - Schäferhund«: Das Segelboot lag am Ufer des
Tegernsees und wurde von einem Hund bewacht, der den Träumer an einen Hund
Die »aktive Imagination« von Carl Gustav Jung (1875 bis 1961)
erinnerte, vor dem er als Kind Angst hatte. Wir stellen also fest, daß sich
Assoziationen nicht nur in Gedanken und Erinnerungen ausdrücken, sondern auch Anders als Freud sah C. G. Jung den Traum weniger unter Triebaspekten oder als
in Gefühlen und Stimmungen. Durch »freie Assoziation« gewonnene Einfälle sind moralisches Versteckspiel, sondern als Ausdruck einer Selbststeuerung des
immer noch eine unabdingbare Voraussetzung für das Verständnis von Träumen. Organismus, durch die er Einseitigkeiten unseres Erlebens, Denkens und
Sie gewinnen sie, indem Sie den Traum in Einzelabschnitte »zerstücken« (19) und Entscheidens anzeigt und ausgleicht.
sich Ihren Gedanken und Gefühlen zu jedem dieser Abschnitte überlassen, ohne
sich dabei zu kontrollieren (—> Seite 34). In einem späteren Schritt suchen Sie Ausgleich von Tagesgeschehen
dann auch den Lebensbezug der Einfälle und Erinnerungen zu erspüren, nicht aber In diesem Sinne drückt sich im Traum also eine Kompensation, ein Ausgleich zu
zu ergrübeln (—> Seite 35). Freud war davon überzeugt, daß sich so das den Inhalten unseres Tag bewußtseins aus (22). In unserem Beispiel (der
seelische Geschehen des Träumers aus der Vergangenheit lückenlos Traum mit Herrn Meyer, Seite 37) träumte der Träumer seinen Traum vom
rekonstruieren läßt. Diese Annahme revolutionierte das bisherige Trau m Segelboot, nachdem er am Vortag bis in die Nacht eine von ihm ungeliebte
Verständnis, obwohl sie ihre Grenzen hat, auf die wir hier aber nicht näher Schreibtischarbeit ausgeführt hatte. Der Gedanke an eine Kompensation in
eingehen können. den Träumen war allerdings nicht neu, sondern wurde vor Jung bereits von
Platon (427 bis

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Datum: 12.08.2001
347 v. Chr.) geäußert. Platon schrieb, in jedem von uns wohne eine heftige, »Der Andere bin ich auch«
wilde und gesetzlose Begierde. Der Tugendhafte begnüge sich aber damit, von Hier taucht nun allerdings eine schwierige grundsätzliche Frage auf -schwierig
ihr zu träumen (23). Das ist ähnlich häufig wie das Gegenteil, nämlich daß vor allem für unser westliches Denken, das stark zum Abgrenzen neigt: Wieso
Menschen, die sich im Alltag zu gering einschätzen, sich im Traum mit kann Herr Meyer er selbst und zugleich der Träumer sein? Dem Osten fällt
wohlwollenden Augen sehen. dieser Gedanke nicht so schwer wie uns. Im indischen Denken heißt es seit
urdenklichen Zeiten: »tat tvam asi« - der Andere bin ich auch.
Deutung auf der »Objektstufe«
Ein weiterer Schritt Jungs war, daß er eine Objektstufe von einer Subjektstufe Achtzehnte Spielregel: Bei jeder Person, die in einem Traum vorkommt,
unterschied: Wenn im Traum von Herrn Meyer die Rede war, dann war damit sollte sich der Träumer immer auch fragen: Könnte die geträumte Person
wirklich Herr Meyer gemeint und nicht etwa Herr Müller. Insofern muß der nicht auch einen Aspekt von mir darstellen? (»Der Andere bin ich auch«.)
Betrachter des Traumes Herrn Meyer selbst in den Blick bekommen und ihn nicht
durch jemand anderen ersetzen oder ihn gar in einem bloßen Repräsentanten eines Wem dieser Satz fremd vorkommt, dem wird diejungsche Unterscheidung
Konflikts ohne eigene Bedeutung aufgehen lassen. Dieses Ernstnehmen des praktisch helfen, wenn er sich prüfend beiden Möglichkeiten öffnet: In Herrn
geträumten »Objekts« nennt Jung »Deutung auf der Objektstufe«. Meyer diesen, aber auch sich selbst zu sehen. Letzteres muß er nach Jung
umso eher annehmen, je fremdartiger ihm der Geträumte ist.
Deutung auf der »Subjektstufe«
Zugleich ist allerdings der Herr Meyer des Traumes sozusagen nicht Herr Meyer Der Traum - Spiegel der Persönlichkeit
»an sich«, sondern das Bild, das sich der Träumer von ihm gemacht hat. In diesem C. G. Jung hat in Abgrenzung zu Freud dem manifesten Traum seine Bedeutung
Bild fließen wirkliche Wahrnehmungen mit demjenigen zusammen, was der zurückgegeben. Damit eröffnete er zugleich den Weg für die Einsicht, daß der
Träumer unbewußt in das Bild hineingelegt (in der Psychologensprache Traum keineswegs bloß Ausdruck eines unbewußten Konfliktes sein müsse, wie
ausgedrückt: in es projiziert) hat. Insofern muß der geträumte Herr Meyer immer Freud das angenommen hatte. A. Maeder hat in Fortführung dieser Anregung
auch auf der Subjektstufe betrachtet werden. gezeigt, daß man den Traum als Spiege der Persönlichkeit des Träumers
Der Träumer wird sich also fragen: »Was ist sozusagen das »Meyerhafte« in mir, beziehungsweise seiner Situation in symbolischer Form sehen könne (24), ja
das ich lediglich an ihm wahrnehme? Letztlich werde ich, um diese Projektion zu daß er sogar eine zukunftsorientier-te Bedeutung in Form von Warnungen,
verstehen, bei der Auslegung meines Traumes in dem von mir geträumten Herrn Vorbereitungen oder aktiver Führung haben kann. (Der Träumer in unserem
Meyer zur Probe immer auch einen Teil von mir selbst suchen müssen. Statte ich Beispiel träumte seinen Traum, nachdem ihm im Laufe einer Analyse neue
also zum Beispiel Herrn Meyer im Traum mit einem häßlichen Wesenszug aus, so Möglichkeiten aufgingen, wie er besser mit seiner bisherigen Depressivität
muß ich mich zunächst einmal fragen: »Benehme ich mich am Ende selbst so umgehen könne, und er sich anschickte, mehr Beziehungen und Interessen als
scheußlich, wie ich es von Herrn Meyer geträumt habe?« Oder, wenn jemand bisher aufzunehmen.)
negativ vom anderen Geschlecht träumt, sagt das zwar zunächst vie über seine Ein Traum muß also nicht notwendigerweise nur retrospektiv, das heißt, auf die
Einstellung diesem gegenüber aus, aber wenig über den Menschen, von dem er Vergangenheit bezogen sein und drückt daher nicht nur frühkindliche Wünsche
geträumt hat. aus; er kann auch prospektive, zukunftsorientierte Züge

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aufweisen. Um diese allerdings zu erkennen, genügt oft nicht ein einze-ner Praxis der Traumdeutung: die Amplifikation (Erweiterung)
Traum; man muß vielmehr eine ganze Traumserie heranziehen. Später verlegte Jung den Schwerpunkt seiner Forschungen immer mehr auf
Symbole, von denen er annahm, daß sie für alle Menschen gültig seien. Auch
So wichtig diese Gedanken Jungs sind, so wenig wird seine damit verbundene hierbei entwickelte er eine neue Technik, die »Amplifikation« (deutsch:
Kritik dem Anliegen Freuds gerecht und ebenso wenig dem des Begründers der »Erweiterung«). Dabei soll durch Einbeziehung von Material zum Beispiel aus
»Individualpsychologie« Alfred Adler, der vor allem das Moment der sozialen Märchen, Mythen und der Religionsgeschichte der Blick für das
Bestätigung und Sicherung in den Träumen hervorhob. Weder Freud noch Adler Charakteristische des Traumes geschärft und dieser dadurch ins überzeitlich
betrachteten nämlich die Vergangenheit als solche. Ihnen ging es vielmehr um Gültige, ins allgemein Menschliche erhoben werden.
die Vergangenheit, die immer noch gegenwärtig und damit handlungsleitend ist.
Deswegen muß man Jungs Auffassung dahingehend zurechtrücken, daß Träume Praxis der Traumdeutung: Malen der Träume
neben kindlichen Wünschen oft auch zugleich Hinweise auf gehemmte Hilfreich ist auch das Malen der eigenen Träume. Sie können dadurch Kräfte in
Entwicklungskeime enthalten. sich entdecken, die über Ihr bewußtes Ich hinausgehen. Besonderer
künstlerischer Fähigkeiten bedarf es dabei nicht, um auf diesem Weg zu
Praxis der Traumdeutung: aktive Imagination tieferen Einsichten zu kommen.
Wir verdanken C. G. Jung einen weiteren wichtigen Zugang zum Traum. Es genügt allerdings nicht, die Sicht des eigenen Unbewußten mit Hilfe von
Er entwickelte eine Technik des Traumverständnisses, die er »aktive Phantasien und künstlerischen Produktionen anzureichern. Das so Gestaltete
Imagination« nannte. muß zusätzlich interpretiert werden, wiederum mit Hilfe von Material aus
Sie üben sie ein, indem Sie den erinnerten Traum sozusagen im Wachen Märchen, Mythen und der Volksüberlieferung, weil sich darin
weiterträumen, womöglich der Reihe nach in verschiedene Richtungen allgemeinmenschliche, überpersönliche Situationen und Konflikte ausdrücken.
beziehungsweise mit Lösungen, die auch denkbar wären. Lassen Sie also die Das Ziel dabei ist das näm iche wie bei der Amplifikation: uns aus der
einzenen Traumfiguren weiterhandeln und treten Sie dazu in einen gefühlsmäßigen Verengung unserer persönlichen Sichtweise herauszulösen, ohne daß sich
Kontakt. Finden Sie aber immer wieder zu Ihrem ursprünglichen Traum zurück. deswegen unsere Probleme in vager Allgemeingültigkeit verflüchtigen müssen.
Dieses kontrollierte Phantasieren (»Imaginieren«) ist etwas anderes als ein bloßes
Bildstreifendenken, bei dem man seine Gedanken unverbindlich »nur so« Schwächen derjungschen Methode
dahingleiten läßt, anders auch als die freie Assoziation. (Eine Beherrschung aller Jung meinte, in dem von ihm benutzten Material drückten sich menschliche
drei Techniken - Imaginieren, Bildstreifendenken, Assoziieren - ist für ein tieferes Urbilder, Archetypen, aus. Sie entstammten einem kollektiven Erinne-
Eindringen in den Traum besonders fruchtbar.) In bezug auf unser Beispiel (-> rungsspeicher der Menschheit, der sich bei jedem von uns finde. Diese
Seite 37) heißt das etwa zu erspüren, was es bedeutet, sich einem Segelboot zu Annahme ist - trotz einer Fülle von Beispielen, die in diesem Sinne zu sprechen
nähern und nicht einer Eisenbahn oder einem Auto. Was wird über das scheinen (—* Seite 70) - umstritten, weil sie einen theoretisch schwer zu
Lebensgefühl des Träumers dadurch deutlich, daß das Boot einladend für ihn begründenden Bereich hinter der antreffbaren Wirklichkeit voraussetzt. Wie
bereitsteht? (Für ihn war es insofern etwas Neues, als er bis dahin fast immer die dem auch sei, wichtiger für uns ist, daß diejungsche Methode häufig zu zwei
Idee hatte, er müsse sich alles mühsam erkämpfen.) Fehlern verführt:
• Zur Vernachlässigung der freien Assoziation, auf die Jung tatsächlich im
Laufe seiner Arbeit immer mehr verzichtet hat;

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• zur Vernachlässigung des Traumtextes ähnlich wie beim Freudschen Ansatz, Konsequente Beschränkung auf die Traumbilder
nun aber nicht mehr zu Gunsten persönlicher Einfälle, sondern zu Gunsten von Einen breiten Raum nimmt bei Boss die Kritik an Freud und Jung ein. Er findet in
Mythen und Symbolen. ihrem Werk ein Übergewicht an Erklärungen und Theorien gegenüber einer
Wir entgehen diesen Fehlern, wenn wir uns bei der Auslegung eines Traumes so konsequenten Auslegung des Erscheinenden. Wie sollten wir, so fragt er, das
lange wie möglich allen denkbaren »Verweisungszusammenhängen« (Boss) der angeblich Unbekannte des Traumgeschehens durch etwas noch
einzelnen Traumbilder öffnen, also den Bedeutungen, die sich uns vom Wesen Unbekannteres, von dem wir überhaupt nichts wissen - das Unbewußte -,
der Bilder her aufdrängen. Diese Bedeutungen entspringen einer genauen erklären können (26)?
Beschreibung des Traumgeschehens (25). Tatsache ist, daß Freud (inzwischen überholte) biologische und naturwis-
senschaftliche Betrachtungsweisen seiner Zeit so weit wie möglich in seine
Arbeiten einbezog. Jung hingegen stützte sich in seiner Archetypenlehre auf
Die »daseinsanalytische« Methode von Medard Boss (1903
nicht beweisbare Annahmen über die Vererbung erworbener Eigenschaften.
bis 1990)
Dies macht Teile beider Theorien fragwürdig. Es berührt aber nicht den Wert
Einen dritten Ansatz modernen Trau m Verständnisses nach Freud und Jung der von Freud und Jung eingeführten Methoden. Das Neue bei Boss war, daß
eröffnete Medard Boss. Er stand der Existenzphilosophie Martin Heideggers er konsequent versuchte, sich auf die Phänomene zu beschränken, wobei er
besonders nahe. Sein Ausgangspunkt ist, daß der Träumer auch derjenige ist, der betonte, daß Phänomene mehr sind als lediglich materielle Fakten, auf die wir
den Traum erinnert. Das eine ist nicht das andere und zeigt, daß wir auf ganz sie oft reduzieren. Dabei machte er ernst damit, daß sich die Wirklichkeit bei
verschiedene Weisen in der Welt sein können. unvoreingenommener Betrachtung nicht auf physikalische Daten schmälern
läßt. Eine Vase zum Beispie sehen wir von vornherein in ihrer Bedeutung, also
Merkmole des Traumbewußtseins nicht als so und so gearteten Gegenstand, dem wir sekundär die Qualität
Betrachten wir nunmehr das »ln-der-Welt-Sein« im Traum, so ist daran folgendes »Vase« zuordnen. Zugleich sehen wir sie ganz, also nicht bloß als jene
kennzeichnend: geometrische Figur, die rein physikalisch auf unsere Netzhaut einwirkt, aber
• Daß wir im Traum oft auf eine Grundstimmung »versammelt« sind, auch nicht lediglich als Symbol oder als Anreiz für unsere Assoziationen. Diese
• daß uns im Traum dasjenige, was wir im Wachen nur beiläufig denken, unmittelbar wahrgenommenen Bedeutungen also suchen wir bei der
leibhaftig begegnet, Traumauslegung zu erfassen.
• daß dabei vielfach das geschieht, was wir im wachen Leben eigentlich hätten
wahrnehmen, was sich hätte ereignen sollen oder was aus äußeren Gründen nicht Praxis der Traumdeutung:
zu seiner Entfaltung kam. »Umkreisende« Annäherung an das Traumbild
Fruchtbar war der Hinweis von Boss, daß uns eine ausschließliche Kon-
So weist der Traum in seinen Bildern oft gerade auf dasjenige hin, und zwar sehr zentration auf persönliche Einfälle, wie sie Freud einführte, oft zu ausschließlich
unmittelbar, was zum Ursprung der Existenz gehört, was uns also »eigentlich« in unsere Vergangenheit führt und somit vom Traum selbst ablenkt. Wenn Sie
wichtig ist. (Hier ist das Wort »eigentlich« angebracht! dem Traumbild seinen Wert nehmen und sich bloß noch Ihren Einfällen
•> Seite 36). Der Traum ist insofern in hohem Maß eine »Offenbarung des hingeben und dabei auf jedes Detail achten, dann können Sie in letzter
Eigentlichen«, das im Alltagsleben vernachlässigt wird. Wir werden uns also bei Konsequenz auch beim Assoziieren über den Leitartikel Ihrer heutigen
jedem Traum fragen müssen: Was wird in ihm von dem dargestellt, was im Alltag zu Tageszeitung noch auf unbewußtes Material stoßen.
kurz kommt?

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• Den ersten Fehler vermeiden wir am besten dadurch, daß wir uns vornehmen, Mit solchen Fragen umgreifen wir die möglichen Arten der Traumauslegung am
den Traum zu deuten und nicht umzudeuten, indem wir ihm einen Sinn, eine umfassendsten: reduzierende (auf die Vergangenheit bezogene), prospektive
Bedeutung unterstellen, die in seinen Bildern gar nicht aufscheint. (auf die Zukunft weisende), kompensierende (ausgleichende) sowie auf eine
• Dem zweiten Fehler begegnen wir damit, daß wir uns durch unsere Assoziationen Traum-Situation lediglich reagierende Traumauslegung.
nicht vom Traum weglocken lassen. Stattdessen geht es bei jeder Traumauslegung
um eine umkreisende Annäherung an das Traumbild, in das wir uns immer weiter
Die verschiedenen Methoden können einander ergänzen.
vertiefen.
Nehmen wir das Segelboot des Traumes (—> Seite 37). Es ist keineswegs nur ein Das daseinsanalytische Modell, das wir zuletzt dargestellt haben, ermöglicht
komplizierter Gegenstand mit Eigenschaften »an sich«, also zum Beispiel mit einer vielfach den einsichtigsten Zugang zu unseren Träumen, weil es sich am
bestimmten Länge, Breite und Wasserverdrängung. Andererseits ist es in keiner konsequentesten am vorgegebenen Traumtext orientiert. Wir sollten deswegen
Weise bloß ein Symbol, das für etwas anderes steht, also zum Beispiel für den aber nicht die Freudschen und Jungschen Gesichtspunkte bei der Auslegung
Übergang von einem Ufer (des Lebens) zum anderen (des Todes). Wohl aber unserer Träume vernachlässigen. Erst die verschiedenen Sichtweisen
verweist es auf etwas, nämlich auf das Segeln. zusammen ermöglichen ein realistisches Bild unserer inneren Situation.
Dazu aber kommt es im Traum gar nicht: Das Boot bleibt im Hafen verankert. (Auch
im Leben des Träumers blieb bisher Vieles stecken.) Für den Träumer hat das Boot Hier hilft folgende praktische Regel:
außerdem einige zusätzliche persönliche Bedeutungen, die sich nur aus seinen Bei jeder Auslegung eines Traumes sollten Sie zunächst so weit wie möglich
Einfällen erschließen lassen. (Er würde selbst gerne ein Boot besitzen und trägt daseinsanalytische Gesichtspunkte vor Augen haben. Diese sollten dann von
sich mit dem Gedanken, sich eines zu kaufen. Aber dazu ist er zu sparsam. den Freudschen und den Jungschen Aspekten ergänzt werden.
Außerdem weiß er, daß er ein Boot von dieser Größe nicht allein aus dem Hafen
fahren könnte. Er brauchte dazu einen Helfer, zum Beispiel Herrn Meyer. Jedoch l .Verweisungszusammenhänge (Daseinsanalyse Boss')
fürchtet er die damit verbundene Verpflichtung.) 2.Assoziationen aus dem biographischen Kontext
(Psychoanalyse Freuds) 3.Symbole und Archetypen (analytische
Aus alledem folgt, daß es falsch ist zu meinen, der Träumer finde sich durch seine Psychologie C. G. Jungs)
Auslegung in zwei getrennten Existenzformen wieder: sozusagen als
Subjektstufen- Objektstufen-»Doppelgänger« oder als Träger eines insgeheimen Im Vergleich zu einem solchen integrativen Ansatz befriedigt das Deu-
Traum-»Hintersinns«. In Wirklichkeit geht es dabei um etwas ganz anderes, tungsmonopol einer einzigen tiefenpsychologischen Schule zwar unseren
nämlich um bestimmte Fragen: Bleibe ich nicht vielleicht öfters bei Anspruch auf »Reinheit der Methode«, aber wir berauben uns dabei der
vordergründigen Wünschen oder beim bloß Angenehmen stehen (im Traum im Bild Sichtweisen, die die anderen Richtungen zum Verständnis unserer Träume
des »warmen Sommernachmittags« ausgedrückt), während ich mir meine beigesteuert haben.
wirklichen Wünsche gar nicht klarmache (zu segeln, Herrn Meyer um Hilfe zu Wer in unserer Zeit »ismen« und »anern« in unserem Fach immer noch huldigt, ist
bitten oder mir gar meine Wünsche nach einem eigenen Boot zu erfüllen)? häufig ein Opfer unseres zur Einseitigkeit tendierenden westlichen Denkens,
dem oft auch vorzügliche Wissenschaftler zum Opfer gefallen sind. Letztlich
erinnert das an den berühmten Tastversuch der

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Datum: 12.08.2001
Blinden an einem Elefanten: Der Mann, dessen Hand ein Ohr betastet hatte, Ergebnisse der physiologischen Traumforschung
sagte: »Er ist groß und rauh, so groß und breit ausgedehnt wie ein Teppich«.
Einer, der den Rüssel berührt hatte, sagte: »Ich kenne die wahren Tatsachen. Er ist Das Studium der körperlichen Entsprechungen unserer Träume ist der jüngste
wie eine gerade und hohle Röhre, schrecklich und zerstörerisch«. Einer, der die Zweig der Traumforschung. Die Befunde gewann man in Schlaflabors an
Füße und Beine berührt hatte, sagte: »Er ist mächtig und stark wie ein Pfeiler«. Gesunden und an Schlafgestörten, bei denen man während des Schlafes alle
Um zu einer integrativen Sicht zu kommen, die soweit wie möglich das Ganze in möglichen Daten ableitete, vor allem die Hirnströme, das
den Blick bekommt, ist es sinnvoll, »von unten nach oben« vorzugehen. Daher Elektroencephalogramm (EEG) und verschiedene Muskelspannungen,
wollen wir zunächst einige physiologische Aspekte unseres Träumens aufzeigen. insbesondere an den Augenmuskeln. Was wurde dabei deutlich? Der
Einfachheit halber seien hier wesentliche Ergebnisse der physiologischen
Traumforschung schlicht aufgezählt:

• Der Schlaf ist kein Vakuum, sondern ein aktiver Prozeß, bei dem weder die
Funktionen unserer Organe noch die unserer Sinne ruhen.
• Der Schlaf und der Traum werden von tieferen Schichten unseres Gehirns,
dem Althirn, angestoßen, wobei die Großhirnrinde, auf der unser Bewußtsein
beruht, stark aktiviert, aber von äußeren Informationen weitgehend
abgeschnitten ist. Zugleich spieen sich chemische Prozesse ab, die die
Informationsverarbeitung, verglichen mit dem Wachzustand, nachhaltig
verändern.
• Auch höhere Säugetiere und Kinder im Mutterleib weisen Hirnstrommuster
auf, ähnlich wie wir sie bei uns finden, während wir träumen. Daraus folgt
zwar nicht notwendigerweise, daß auch sie träumen, wohl aber, daß unsere
Träume eine materielle Entsprechung in physiologischen Vorgängen von
weitreichender Bedeutung haben.
• Traumphasen und traumlose Phasen stehen in Beziehung zueinander: Wir
träumen erst nach Eintritt des Schlafes. Dies und die Steuerung aus urtümlichen
Hirnbereichen läßt den Schluß zu, daß der Traum ein »Gefangener des
Schlafes« ist. Das heißt aber nicht, daß Träume Hirngespinste sind, die sich a s
bloßer Ausdruck von Hirnereignissen ableiten lassen. Wohl aber bedeutet es
aufgrund der Gebundenheit unseres Bewußtseins an das Gehirn, daß man
nicht erwarten kann, der Traum könne Leistungen erbringen, die »über« denen
des Wach bewußtsei n s stehen. Hingegen kann der Traum diese durchaus
aufgrund seiner Andersartigkeit im Vergleich zu unseren Wachzuständen
ergänzen und auf diese Weise Neues schaffen.

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
• Zwischen der »Tiefe« des Schlafes und der »Tiefe« der Träume im Sinne einer • Hindert man Menschen am Träumen (indem man sie jedesmal am Beginn einer
Rückkehr zu besonders urtümlichen Bewußtseinsformen besteht keine direkte REM-Phase weckt), dann versuchen sie, in immer rascherer Folge die
Beziehung. Die »Tiefe« der Träume läßt sich also nicht als körperlich bedingt ausgefallenen Träume nachzuträumen. Gelingt ihnen das nicht, dann werden
verstehen. Damit entfallen zugleich viele Argumente etwa der Art, daß wir schwer sie zunehmend unleidlich.
träumen, weil wir vorher schwer gegessen haben. Bricht man daraufhin das Experiment immer noch nicht ab, so können nach
• Traumphasen sind, was die Schlaftiefe angeht, weniger »tief« als Tief- wenigen Tagen schwere psychische Störungen auftreten, die verschwinden,
schlafphasen. Wir sind also im Traumschlaf empfindlicher gegen Umweltreize. sobald der Betreffende wieder schläft. Das spricht dafür, daß Träume,
Die Sinnesorgane wenden sich vorwiegend inneren Prozessen zu und tragen dazu unabhängig davon, ob man sich an sie erinnert beziehungsweise sie deutet
bei, den Träumen jene vollsinnlichen Qualitäten zu geben, die sie auszeichnen. oder nicht, zur Aufrechterhaltung der psychischen Stabilität notwendig sind, ja
Im Wachen sind wir vorwiegend auf die Welt der Außenwahrnehmungen und daß sie eine lebenswichtige Funktion haben.
der Orientierung bezogen, im Traum dagegen beziehen wir uns vor allem auf die C. G. Jung hat das schon vor der experimentellen Traumforschung gesehen
Welt unserer »inneren Bilder«, auf unsere Triebe und auf unser Unbewußtes. und das Phänomen »automatische Kompensation« genannt (27). Warum das
• Während wir uns im traumlosen Schlaf oft lebhaft hin- und herwälzen, ist unsere so ist, wissen wir letztlich nicht. Vermutlich jedoch hängt es mit der Aufarbeitung
Muskelspannung im Traumschlaf erniedrigt. Unsere Alpträume, in denen wir (Verdauung) von unnötigen und unerwünschten Erinnerungen zusammen.
fliehen möchten, aber außerstande sind, uns zu bewegen, spiegeln diese Anderenfalls würden wir immer mehr zu deren Sklaven und immer unfähiger
Situation getreulich wider. werden, uns ständig neu auf die Wirklichkeit einzustellen.
• Wir erwähnten bereits, daß wir Nacht für Nacht etwa vier- bis fünfmal träumen. • Kennzeichnend für viele Träume ist ein ständiges Hin- und Herfließen von
Das läßt sich unter anderem daran feststellen, daß wir während des Träumens Gegenwart und Vergangenheit. Offenbar geht es dabei um ein zweites
unsere Augen schnell bewegen. Dafür hat sich der Ausdruck REM-Phasen Element neben der inneren Entlastung, nämlich um eine Weiterführung
eingebürgert (vom englischen: »rapid eye movement«: schnelle unerledigter Themen, um ein Einüben neuer Haltungen und um ein Ausschleifen
Augenbewegung). eingefahrener, zur Routine erstarrter Vorstellungen und Sichtweisen durch das
• Das Ende einer REM-Phase ist ein Hinweis dafür, daß ein Traum zu Ende ist. Weckt Verkoppeln aktueller mit früheren Erfahrungen. Es scheint also eine wichtige
man den Träumer unmittelbar danach, dann kann er sich meist an den Traum Aufgabe des Träumens zu sein, Beziehungen zwischen Vergangenheit und
erinnern. Davon weiß er jedoch am nächsten Morgen oft nichts mehr. Am ehesten Gegenwart herzustellen, indem sie Abgespeichertes sozusagen immer wieder
kann er sich noch an Gefühle erinnern. Gefühle, die man nach dem Aufwachen neu durchspieen.
hat, bilden also häufig eine »Brücke« zum Erinnern von Träumen.
Das heißt, daß es sinnvoll ist, das Merken von Träumen zu üben. Aber es wäre Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie in dem Buch
falsch zu erwarten, daß man sich jeden Traum merken kann. Auch sollte man nicht »Schlaf. Gehirnaktivität im Ruhezustand« von J. Allan Hobson (-> Seite
den Schluß ziehen, das Nicht-Merken von Träumen deute in jedem Fall auf eine 92).
Verdrängungsbereitschaft hin. Wir wissen heute, daß es »bessere« und
»schlechtere« Träumer gibt und daß dies mit bestimmten Charakterstrukturen
zusammenzuhängen scheint.

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
Vier »Typen« von Träumen bereits dagewesenes familiäres Geschick zwanghaft wiederholen. Am
Morgen verließ ich Wien und kehrte ins Feld zurück.« Reine Träume wie dieser
Obwohl Träume sich meist jeder Einordnung entziehen, lassen sich doch ihrem sind selten, und wir sollten uns davor hüten, einen Traum allzuschnell als »rein«
Inhalt nach einige Merkmale ausmachen, mit deren Hilfe sie eingeteilt werden zu klassifizieren.
können: reine und sinnbildliche (allegorische) Träume, Tagträume und scheinbar
unverständliche Träume. Bedenken Sie aber: Auch die folgende Charakteristik Neunzehnte Spielregel: Im Allgemeinen enthält jeder Troum mehrere
von Träumen sollten Sie nur als ein Hilfsmittel für das Auslegen Ihrer Träume Bedeutungsebenen (Skripten). Je umfassender wir diese erfassen, desto
begreifen, nicht aber als eine feststehende »Vorgabe«, der sich Ihre Träume unter- besser begreifen wir den Traum. Eine scheinbar leichte Verständlichkeit
ordnen müssen. dagegen ist meist eine Täuschung, die uns von dieser Vielschichtigkeit
wegführt.
Reine Träume
Die Psychoanalyse spricht bei einem allzu leichten Verstehen eines Traumes von
Zu allen Zeiten kennen wir reine Träume (28), die in klarer, unmißverständlicher Widerstand, womit sie die fehlende Bereitschaft meint, sich wirklich auf die
Weise anzeigen, was sie bedeuten. dahinterliegende Problematik einzulassen. Daher ist es auch fragwürdig,
Träume zu klassifizieren, zum Beispie als Angsttraum, Wunschtraum oder
Zwei Beispiele Sexualtraum.
Das wohl bekannteste Beispiel stammt wiederum aus der Bibel: Als Pila-tus auf dem
Richtstuhl saß, um über Jesus zu urteilen, ließ ihm seine Frau sagen: »Laß die Hände
Sinnbildliche Träume
von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen
schrecklichen Traum« (Matthäus 27, 19). Ein neueres Beispie eines reinen Schon nicht mehr so leicht zu durchschauen sind sinnbildliche oder alle-
Traumes gab Leopold Szondi: (29). »Als rekonvaleszierender Sanitätsleutnant gorische Träume. Auch hier gibt uns die Bibel ein klassisches Beispiel, das unter
faßte ich in Wien eine tiefe Neigung zu einer Sprachlehrerin, die blond, dem Namen Josefs Traum in die Literatur eingegangen ist (Genesis 37, 5-8):
sächsischer und christlicher Abstammung war. Eines Nachts erwachte ich mit »Einst hatte Josef einen Traum ... Er sagte zu seinen Brüdern: Hört, was ich
Angst aus einem Traum, in dem meine Eltern über das tragische Schicksal meines geträumt habe: Wir banden Garben mitten auf dem Feld. Meine Garbe
ältesten Halbbruders diskutierten. Dieser hatte mehr als dreißig Jahre vor mir auch richtete sich auf und blieb auch stehen. Eure Garben umringten sie und neigten
Medizin in Wien studiert, hatte sich auch in eine Sprachlehrerin verliebt, die auch sich tief vor meiner Garbe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Willst du etwa König
blond, sächsischer und christlicher Abstammung war. Er mußte sie vor den über uns werden oder dich als Herr über uns aufspielen? Und sie haßten ihn
Abschlußprüfungen heiraten und die Medizin aufgeben. Seine Ehe war nicht noch mehr wegen seiner Träume und seiner Worte.«
glücklich. All das geschah vor meiner Geburt. Durch diesen Traum ist mir bewußt Die Auslegung von Josefs Traum, des traumkundigen Israeliten, der seinerseits
geworden, daß ich unbewußt das Schicksal meines Halbbruders wiederholte. Nun einen Traum seines Pharaos gedeutet hatte (Genesis 41, 25-32), war intuitiv: Die
lehnte ich mich aber energisch gegen diesen familiären Zwang meines Brüder erschlossen aus seinem Inhalt, aus der Kenntnis des Charakters ihres
Wahlschicksals auf. Ich wollte mein eigenes, persönliches Schicksal haben und Bruders und vermutlich aufgrund ihrer Neidgefühle und ihrer Eifersucht seinen
nicht ein Sinn.

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Datum: 12.08.2001
Tagträume Merkmale des Traumbewußtseins

Auch unsere Tagträume, also das, was wir uns tagsüber zu unserem Vergnügen Trotz aller Vielgestaltigkeit sind den meisten Träumen jedoch bestimmte
oder zu unserem Trost ausphantasieren, lassen sich deuten. Aber im Unterschied Strukturmerkmale gemeinsam.
zu den meisten wirklichen Träumen fällt dies fast nie schwer, wei sie unmittelbar
unsere Phantasien und Wünsche ausdrücken, derer wir uns durchaus bewußt
Erweiterung der Gedächtnisleistung
sind, während wir sie erzeugen. Dies macht auch die Tagträume - ähnlich wie die
meisten Kinofilme - zugleich mehr oder minder schablonenhaft, im Gegensatz zu Im positiven Sinne zählen zu diesen Merkmalen vor allem erstaunliche
der unendlichen Vielfalt an Möglichkeiten, die sich in jedem wirklichen Traum Gedächtnisleistungen, die weit über unsere alltäglichen Erinnerungen
auftut. hinausgehen. Sie beziehen sich sowohl auf Begebenheiten aus unserer
Kindheit als auch auf Einzelheiten aus unserem Alltagsleben, die wir gar nicht
bewußt registriert haben. Aber verblüffenderweise können sogar Erfahrungen
Scheinbar unverständliche Träume
und Sichtweisen aus der Frühzeit der Menschheit in unseren Träumen
Die meisten Träume scheinen, von außen her betrachtet, ungereimt und auftauchen, vor allem in symbolischer Form, selbst wenn wir davon bewußt
unverständlich zu sein - sie können außerordentlich viegestaltig sein. Manche nichts wissen. So werden wir zum Beispiel, wenn wir träumen, eher von
erschöpfen sich in einem Satz, der auch dem Alltagsbewußtsein entnommen sein Schlangen als von heranrasenden Autos bedroht, obwohl eine Gefährdung
könnte wie unser Bootstraum (—> Seite 37). In anderen drückt sich eine schier durch Schlangen im Alltag für uns so gut wie keine Rolle spielt, was man von
unerschöpfliche Vielfalt aus wie in manchen Träumen unserer Dichter (30). Auch Autos bekanntlich nicht sagen kann. Aber auch bestimmte familiäre
kennen wir buchstäblich kein Thema unseres Lebens und kein Merkmal unseres Verhaltensmuster, vor allem in Form von Vorlieben oder Abneigungen, werden
Bewußtseins, das sich nicht in einem Traum nachweisen ließe. Das macht unsere von uns häufig geträumt, auch wenn wir ihnen bis zu diesem Augenblick in
Träume so bunt, daß sich prinzipiell fast ede Behauptung über deren Wesen durch unserem täglichen Leben noch niemals begegnet sind. Der Traum unseres
andere Thesen widerlegen läßt. Dennoch wäre es falsch, »alle Katzen grau« zu Lehrers Leopold Szondi wäre ein Beispiel hierfür (—> Seite 54).
machen, anstatt zu sehen, daß wir täglich zwischen einer wachen und vielen
träumenden Daseinsformen wechseln.
Aufhebung der Stabilität von Raum, Zeit und Handlung
Negativ ließe sich dagegen aufführen (wobei dieser Begriff »negativ« nicht
abwertend gemeint ist), daß in vielen Träumen unsere Orientierung, unsere
selbstreflektierende Bewußtheit und unsere Stellungnahme weitgehend
ausgeschaltet sind. Das führt unter anderem dazu, daß die Einheitlichkeit von
Raum, Zeit und Handlung nicht gewahrt wird, daß häufig sogar die Prinzipien
der Logik oder wesentliche Naturgesetze mißachtet werden. Die Mißachtung
der Stabilität und der Einheitlichkeit von Raum, Zeit und Handlung zeigt sich
am deutlichsten dann, wenn Sie Ihre Situation im Wachen mit der im Traum
vergleichen - zum Beispiel:

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Datum: 12.08.2001
»Wachend weiß ich, daß heute der 4. Februar ist und daß ich in meinem Büro an Übung: Auslegung eines Traumes
meinem Schreibtisch sitze. Wie aber war es heute Nacht im Traum?
Ich saß ebenfalls an meinem Schreibtisch. Im Hintergrund befand sich meine Wir wollen uns der »Phantastik«, dem scheinbar Unverständlichen, erneut mit
Tochter, aber sie blieb schemenhaft. Mein Schreibtisch war derjenige meines Fragen nähern. Das ermöglicht uns zugleich, die Einfallsmethode (—> Seite 34
Großvaters, und als ich schrieb, benutzte ich einen Federhalter, den ich aus einem und 38) noch besser einzuüben.
Federmäppchen entnahm, das ich seit meiner Schulzeit nicht mehr in der Hand Nehmen wir dazu den letzten Traum von dem am Schreibtisch sitzenden
gehabt habe.« In diesem Traum sind verschiedene Zeiten zusammengeballt, und Träumer (—> Seite 58). Seine Tochter ist im Traum schemenhaft: Ihm fällt ein,
in einem Bild ist Nahes und Fernes zusammengedrängt. daß er ihr zur Zeit nicht so recht »aufs Fell schauen« kann, weil er mit ihrem
Freund nicht einverstanden ist. Dennoch würde er sie am liebsten ständig um
sich haben (wie im Traum), weil er fürchtet, sonst könnte sie endgültig ihre
Mißachtung physikalischer Gesetze
eigenen Wege gehen.
Vielfach werden im Traum auch physikalische Gesetze mißachtet, zum Beispie
die Gesetze der Schwerkraft (etwa wenn wir träumend frei im Luftraum Der Schreibtisch paßt nicht in den Raum: Er stammt von seinem längst
dahinschweben). In anderen Träumen werden elementare Kategorien der verstorbenen Großvater und ist ihm seit seinen Kindertagen niemals mehr in den
Wirklichkeit außer Kraft gesetzt, zum Beispiel die Kategorie der Substanz oder Sinn gekommen. Der Schreibtisch war im Traum »wie geleckt«, die Bleistifte
der Identität, etwa wenn sich in einem Traum harte Gegenstände verbiegen, als lagen in einer Reihe da, das Papier war wie mit dem Linea nachgezogen. Sollte
bestünden sie aus Teig, oder wenn sich ein Objekt in ein anderes verwandelt. der Träumer von seinem Großvater mehr Maßstäbe übernommen haben als
ihm klar ist? Zum Beispiel dessen Pedanterie, obwohl sich doch schon sein
Vater dagegen aufgelehnt hat? Hat vielleicht doch seine Frau recht, wenn sie
Verschiebung unserer Gefühle
ihm manchmal seine Kleinlichkeit vorwirft? Gewiß! Sein Vater war äußerlich
Aber auch unsere Gefühle und unsere Beurteilung sozialer Beziehungen können eher lässig, er selbst ist es auch. Aber da gibt es auch ganz andere Seiten an
sich tiefgreifend verschieben. Wir können also zum Beispiel im Traum von einer beiden. Dem Träumer fällt zum Beispiel ein, wie pedantisch sein Vater während
Kleinigkeit gefühlsmäßig aufs äußerste bewegt sein, zugleich aber eventuell der Schulzeit seine Hausaufgaben überwachte. Vielleicht verhält er sich
unseren Mitmenschen mit einer Kälte begegnen, die uns tagsüber völlig fremd ist. ähnlich. Seine Frau wirft ihm jedenfalls vor, er achte bei seinen eigenen Kindern
In unserer Alltagssprache formuliert könnte man sagen, daß sich in den gezeigten in übertriebener Weise auf Äußerlichkeiten. Ihm fallen dazu die aufgereihten
Abwandlungen unserer Alltagssichtweise eine außerordentliche Phantastik Bleistifte und das gestapelte Papier im Traum ein.
ausdrückt, während wir im Vergleich dazu im Wachen kritischer und nüchterner
sind. Aber auch das trifft nicht ganz das Wesen der Sache. Wieso aber kommt das Federmäppchen in den Traum? Es erinnert ihn an
seine ersten Schuljahre. Ein überstrenger Lehrer schlug Kindern, die einen Fleck
ins Heft machten oder deren Handschrift ihm nicht gefie , auf die Finger. Der
Träumer hat sich damals sehr darum bemüht, schön zu schreiben, um nicht
bestraft zu werden. Sollte der Drang, alles zu kontrollieren, auch heute noch
stärker bei ihm vorhanden sein, als ihm deutlich ist? Sollte er sich seiner Tochter
gegenüber ähnlich verhalten wie der

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Lehrer ihm gegenüber in der Schule? Sollte am Ende gar seine hintergründige Die Bildersprache der Träume
Pedanterie damit zusammenhängen, daß Pedanterie und Strenge in seiner
eigenen Erziehung eine so große Rolle spielte? Unsere Träume vollziehen sich vorwiegend in Bildern, die scheinbar ohne
Anfang immer schon da sind (32) und die einander meist ohne erkennbare
Die Psychoanalyse nennt das »Identifikation mit dem Aggressor« und zeigt, daß Übergänge ablösen.
diese einer der urtümlichsten menschlichen Abwehrmechanismen ist. Dies führt Subjektiv drückt sich darin eine Wirklichkeit aus, die wir als besonders
uns zu einer wichtigen Regel zum Verständnis seelischer Zusammenhänge. ursprünglich, ohne »des Gedankens Blässe«, erleben und in der alles
Sprachliche - gemessen an der Bilderwelt - relativ zurücktritt. Objektiv
Zwanzigste Spielregel; Achten Sie beim Auslegen Ihres Traumes darauf, ob betrachtet offenbart sich in dieser Bilderwelt eine urtümliche Beziehung zur
nicht für Sie der Satz gelten könnte: »Sage mir, was Du ablehnst, und ich sage Wirklichkeit, selbst wenn wir von modernen Objekten wie Autos oder
Dir, was Dich selber kennzeichnet«. Weltraumraketen träumen sollten. Der Spracherwerb ist nämlich der jüngste
Entwicklungsschritt eines jeden von uns, ja der gesamten Menschheit: Wir alle
Freilich gibt es keine Rege ohne Ausnahme, aber dieser Zusammenhang sollte in waren bereits in vielfacher Weise in unsere Mitwelt einbezogen, bevor wir zu
jedem Fall auf seinen Wahrheitsgehalt durchgespürt werden. sprechen gelernt haben. Für uns erwächst daraus die Schwierigkeit, daß wir
»beim Wort längst vergessen (haben), aus welchem konkreten Bild es hervor-
Aber warum träumte dem Träumer dies gerade heute Nacht? Ihm fällt ein, daß er gegangen ist, und erkennen es darum in seiner Ersetzung durch das Bild nicht
am Vorabend einen groben Leserbrief an die Zeitung schreiben wollte, weil er sich wieder« (Freud, 33).
über einen Artikel geärgert hatte. Der Brief war schon halb fertig, da kam ihm in In dieser erschwerten Zugänglichkeit unserer Träume iegt eine Chance
den Sinn: Das bringt ja doch nichts!, und er warf den angefangenen Brief in den begründet und zugleich führt sie, wenn man damit nicht richtig umgehen kann,
Papierkorb. Statt dessen hat er dann pedantisch alle möglichen offenstehenden zu bestimmten Mißverständnissen.
Rechnungen überwiesen, dabei jede Zahl auf den Formularen überprüft und
dadurch seine Wut mit Zwang gebändigt.
Über den richtigen Umgang
Hier wird eine von drei Traumursachen deutlich, die bereits die alten indischen Die Chance der Bildersprache besteht darin, daß sie uns durch ihre vielen
Denker sahen (3 l): Anspielungen von Begriffen und Abstraktionen und vom unverbindlichen
• Intensive Eindrücke aus der Umgebung - in unserer heutigen Sprache Registrieren wegführt, zu dem wir oft neigen. Schließlich »unterfüttert« sie das
ausgedrückt: Tagreste; bloß Gedachte mit Gefühlen und Affekten, über die wir im Alltag gerne achtlos
• die Grundsäfte - in heutiger Terminologie: Einfärbung durch die jeweilige hinweggehen. So führt die Bildersprache mehr oder minder zu einer
Charakterstruktur beziehungsweise das Temperament; Gleichsetzung des Schauenden mit dem Geschauten im Erlebnis des
• das Karma - in unserer Sprache ausgedrückt: unsere Biographie. Schauens.
Dadurch aber wird der Träumer bis zu einem gewissen Grad verwandelt, weil
Soweit die sicherlich nicht abgeschlossene Auslegung dieses Traumes. Ein er gleichsam wie von selbst in den Strom des Erlebens eintritt und so Anschluß
weiteres Charakteristikum der Träume ist ihre Bildersprache. an von ihm abgewehrte oder vernachlässigte unbewußte Tendenzen und
Entwicklungsmöglichkeiten bekommt.

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Andererseits macht diese erschwerte Zugänglichkeit unserer Träume die Die Sprache im Traum
zweierlei Mißdeutungen begreiflich, von denen wir bereits gesprochen haben
(—> Seite l 2) und die wir jetzt besser begreifen: Im allgemeinen hört man sich selber im Traum genauer sprechen als die
• Einseitige Romantiker neigen in ihrer Verklärung der Vergangenheit dazu, den anderen, wobei in jedem Fall der Rhythmus und der Klang des gesprochenen
Träumen einen besonderen Tiefsinn zu unterstellen, bloß weil sich in den Wortes eine besondere Bedeutung haben (34). Deshalb empfiehlt es sich,
Traumbildern alte Bewußtseinsschichten offenbaren. Dabei verwechseln sie oftmals jeden Traum leise vor sich hinzusprechen. Dadurch erschließen wir uns einen
»tief« mit »hoch«, wenn sie insgeheim der frühmenschlichen Überzeugung frönen, Zugang zum Gefühlshaften der Sprache, die ja mehr ist als ein bloßes
die träumende Seele steige nächtlich zu »höheren« Erfahrungen auf. Transportmittel für Sachinformationen: Worte mit einem »u« wie »Sumpf«,
• Einseitig Fortschrittsorientierte dagegen tun die Träume aufgrund von deren »dumpf« oder »Kummer« zum Beispiel drücken häufig eine düstere Stimmung
»Primitivität« als belanglos ab. aus. Worte mit einem »a« oder »i« wie »Wahrheit«, »Klarheit«, »Licht«, »Sieg«
Wer beide Einseitigkeiten vermeidet, für den kann die Rückkehr zu den oder »Liebe« hingegen sind oftmals Ausdruck einer gehobenen
Ursprüngen unseres Bewußtseins, die in vielen Träumen stattfindet, zur Quelle Stimmungslage. Aber noch etwas wird durch ein solches leises, sinnendes Vor-
wichtiger Einsichten werden, falls es ihm gelingt, sie mit den Möglichkeiten sich-hin-Sprechen des Traumtextes deutlich. Wir werden dabei oft darauf auf-
unseres heutigen Bewußtseins in Beziehung zu bringen. Ohne diese Bemühung merksam, wie der Traum mit der für ihn kennzeichnenden Spracharmut umgeht.
wird er sich allerdings leicht in bloße Phantasien verstricken, denn Träume sind Könnte das Bild, daß ich im Traum in einem Schrank eingesperrt bin, nicht
der Interpretation bedürftige Phänomene. Dazu kommt etwas weiteres: In heißen: »Ich bin beschränkt?« Oder könnte der Umstand, daß ich den Hut
Wirklichkeit bewegt sich kein Traum lediglich auf einer Ebene unseres meines Freundes auf meinem Kopf trage, nicht bedeuten: »Ich fühle mich von
Bewußtseins, sondern durchläuft dessen verschiedene Schichten gleichsam in ihm behütet«?
einem ständigen Auf und Ab (—> Seite 51). Darum ist der Traum auch nicht völlig Natürlich können solche Anspielungen überdeutet werden. Sie sind nur
sprachlos, sondern er zeigt lediglich eine Bevorzugung des Bildhaften. Möglichkeiten, die wir nicht zu fraglosen Gewißheiten aufblähen dürfen,
denn Möglichkeiten sind keine Wirklichkeiten.

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Weitere Merkmale des Traumbewußtseins die Tendenz, leblosen Objekten Leben zuzuschreiben - man spricht von
animistischem Denken-, norma erweise noch vorhanden. Insofern ist die
Bilder also spielen in unseren Träumen eine besondere Rolle, was mit der lachende Rakete für einen Fünfjährigen nichts Ungewöhnliches. Aber auch
Bewußtseinssituation während des Träumens zusammenhängt. Aber unsere Erwachsene können in ihren Träumen noch animistisch empfinden. • Der
Träume weisen verschiedene weitere Merkmale auf. »Gefühlston« entsteht dadurch, daß wir ständig - und zwar sowohl im Wachen
als auch im Träumen - unsere Zustände nach außen verlegen und sie dort
antreffen (—> Seite 66, Projektion). Projektion heißt also, daß ein innerer
Beispiel: ein Kindertraum
Zustand von außen zum Bewußtsein kommt, oft auch in verstellter Form.
Wir wollen sie mit Hilfe eines Kindertraums veranschaulichen. Kinderträume sind Wer sich an Träume erinnern möchte, der sollte sich auch deshalb ihren
oft leichter zu verstehen als die Träume von Erwachsenen. Dennoch unterliegen sie »Gefühlston« vergegenwärtigen. In dem Maße, in dem wir das einüben,
ähnlichen Spielregeln. Hier ist zunächst der Traum. Er wurde von unserem Sohn stellen wir fest, daß wir alle Menschen, ja sogar alle Gegenstände ständig
mit fünf Jahren geträumt: »Ich gehe mit Papa ins Deutsche Museum. Wir besuchen mit einem Gefühlston besetzen: Meine Armbanduhr ist für mich mehr als ein
die große Rakete. Plötzlich lacht die Rakete und sagt: Knackwurst-Knackwurst.« Gegenstand der Marke X des Baujahrs Y. Wenn ich sie sehe, schwingt dabei
meine »Geschichte«, die ich mit ihr hatte, in Form von unterschwelligen
Vorgeschichte Erinnerungen mit. Die Besetzung von Menschen und Gegenständen mit einem
Bevor wir den Traum interpretieren, betrachten wir die Vorgeschichte. Ihre bestimmten Gefühlston bleibt freilich nicht immer gleich, sondern vollzieht sich
Vergegenwärtigung sollte am Anfang jeder Traumauslegung stehen: Unser Sohn in einem dauernden Wandel und Fluß.
war zu einem kurzen Sommerurlaub zu seinen Großeltern nach Regensburg
gefahren. Am ersten Abend besuchte er mit ihnen zusammen bei schönem Wetter Traumarbeit nach Freud
einen Biergarten und verzehrte dort mit großem Genuß eine typische Wie läßt sich das auf unseren Kindertraum übertragen? Der Junge stand beim
Regensburger Spezialität: eine Knackwurst. Vor dem Einschlafen klagte er kurz Einschlafen unter einem Konflikt: Einerseits war er gerne bei den Großeltern,
über Heimweh, schlief dann aber alsbald ein. andererseits aber litt er in der für ihn weniger vertrauten Umgebung unter
Heimweh. Ihm war also in dem Moment wahrscheinlich eher nach Weinen als
Besondere Elemente des Traumes nach Lachen zumute. Im Traum wird das Weinen ins Lachen verwandelt
Betrachten wir den Traum, dann stoßen wir auf zwei bereits benannte (Verkehrung ins Gegenteil). Allerdings lacht nicht er, sondern die Rakete. (Man
Phänomene: die Bedeutung des Rhythmischen (das Wort: »Knackwurst« könnte im Sinne des psychoanalytischen Deutungsschemas sagen, hinter der
wird wiederholt) und die Betonung des Buchstaben »a« (der Traum Rakete stecke der »phallisch« gesehene mächtige Vater, der ihn zugleich
scheint in eher gehobener Stimmungslage abgeschlossen worden zu tröstet.) Dabei wird die Rakete von einem Instrument der Macht und Faszination
sein). Was aber kommt an neuen Elementen hinzu? zu etwas Eßbarem verschoben (Verschiebung), beziehungsweise Rakete und
• Ein Gegenstand, näm ich eine Rakete, lacht und spricht. Knackwurst werden in einem Bild verdichtet (Verdichtung). Psychoanalytisch
Eine der wichtigsten Errungenschaften im Laufe der individuellen und der ausgedrückt: Es findet dabei eine Regression auf die orale Stufe statt; ein
Menschheitsgeschichte besteht darin, zwischen Ich und Außenwelt sowie Rückschritt also auf die Entwicklungsstufe, in der der Mund die hauptsächliche
zwischen lebendig und leblos unterscheiden zu können. Bei Kindern ist Quelle lustvoller Empfindungen ist.

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Das Beispiel soll zeigen, daß es sinnvoll ist, die Traumwirklichkeit mit dem Netz Einundzwanzigste Spielregel: Auf die Traumauslegung angewendet
psychoanalytischer Begrifflichkeit zu überziehen, wei dadurch ein Stück bedeutet das, daß Sie immer auch das Gegenteil in Betracht ziehen sollten:
Traumarbeit deutlich wird. Freud rechnet zu ihr die Projektion, die Verdichtung, die Wo etwas »groß« ist, müssen Sie »klein« mitdenken; hinter Haß steht oft
Verschiebung und die bereits besprochene sekundäre Traumbearbeitung (-> heimliche Liebe; hinter Unterwerfung finden sich häufig Machtansprüche.
Seite 41).
Diese Mechanismen greifen häufig ineinander. Freud nahm an, daß es zur Allerdings handelt es sich auch dabei nur um Möglichkeiten des Traumes, die
Traumarbeit unter der Wirkung eines unbewußten Systems kommt, des Zensors sich nicht verallgemeinern assen. Hier ist wieder jedes »eigentlich« fehl am
(35): Dieser entstelle »latente« (verborgene) Traumgedanken, Triebe und Platz (»jetzt weiß ich, daß es eigentlich umgekehrt ist, wie es im Traum
Bedürfnisse zum »manifesten« (geträumten) Traum. Somit sah Freud im Traum erschien«). Vor allem lassen sich eigene Projektionen nur schwer feststellen,
nichts Ursprüngliches, sondern begriff ihn abgeleitet aus den genannten Kräften wenngleich deren Aufzeigen bei der therapeutischen Beschäftigung mit
und Phantasien. Zwar können wir diese Ansicht heute nicht mehr teilen, denn Träumen eine wichtige Rolle spielt.
dadurch würde in letzter Konsequenz ein »Männchen im Mann« vorausgesetzt,
das im Hintergrund wirkt, ohne daß wir davon etwas wissen. Statt dessen sehen wir Verschiebung/Verdichtung:
in unseren Träumen in erster Linie den Ausdruck einer besonderen Auch bringt der Traum Gedanken oft nicht in logische Beziehungen und kann
Bewußtseinssituation - des Traumbewußtseins - und finden den Begriff »Arbeit« zudem keine Alternativen oder Gegensätze ausdrücken. Statt dessen setzt er
eher im Zusammenhang mit der Umwandlung der Traum-Sprache in die Sprache diese einfach nebeneinander beziehungsweise verschmilzt sie zu einem Bild
unseres Tag bewußtsei n s für angemessen. Dennoch geben die von Freud aufge- (in Wirklichkeit steht die Rakete in München und die Knackwürste gehören
zeigten Mechanismen Einblick in die Bedeutung vieler Traumphänomene. nach Regensburg).

Projektion: Auslegung des Traumes


Einen der Mechanismen, die Projektion, sollten wir näher ansehen, wei gerade er Nach allen diesen Erörterungen dürfte uns nunmehr die Deutung des Kin-
uns zu einem vertieften Verständnis unserer Träume verhilft. Eine Projektion dertraumes nicht mehr schwerfallen: Es ging dabei um die Bewältigung des
verstehen wir vor allem in dem Sinne, daß eine innere Strebung verdrängt wird und Konfliktes zwischen dem Wunsch des Jungen, seinen Urlaub bei seinen
sich statt dessen von außen in verstellter Form zeigt. Großeltern zu verbringen, und dem plötzlich vor dem Einschlafen
auftauchenden Heimweh. Betrachtet man den Humor, der sich im Traum
Ein Beispiel wäre, daß jemand sich im Traum angegriffen fühlt, obwohl er ausdrückt, und die Tatsache, daß unser Sohn am nächsten Morgen fröhlich
eigentlich selbst voller Aggressionen steckt. Eine vollständige Projektion schließt davon berichtete, dann wurde dieser Konflikt mit Hilfe des Traumes von ihm
demnach mehrere Elemente in sich: gelöst.
• Verdrängung einer inneren Strebung,
• Entstellung des verdrängten Inhalts, häufig ins Gegentei,
• Hinausverlegung dieser Strebung in die Außenwelt (zum Beispiel in andere
Menschen),
• Wiederkehr dieser Strebung von außen.

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Datum: 12.08.2001
Der dramaturgische Aufbau unserer Träume Lysis (Lösung)
Das Resultat des Traumes - die Spannung löst sich auf, und es wird
In den meisten Träumen spiegelt sich nicht nur eine bestimmte Bewußtseinsstruktur manchmal sogar ein »happy end« erreicht:
wider, die sich vor allem in jenen Merkmalen ausdrückt, die wir gezeigt haben. Plötzlich merke ich, daß es um eine Fechtstunde geht und nicht um einen
Träume folgen meist auch einer bestimmten formalen Struktur, die fast immer wirklichen Kampf. Hinterher besprechen wir unsere Fechttechnik. Ich bin
auffallend einheitlich ist und dem Aufbau eines Dramas gleicht (36). zufrieden, weil ich etwas gelernt habe. Da gehe ich wieder zu der Wiese
zurück und will weiter zu meinem Hotel hinunterrutschen.

Beispiel: der Traum einer 40jährigen Frau


Abweichungen in der Dramaturgie
Wir wollen diese Struktur am Beispiel des Traums einer etwa 40jährigen Frau
veranschaulichen. Auch hier geht es weniger um die Deutung (wobei Sie freilich Abweichungen von diesem Schema mit seinen vier Gliedern sind bemer-
unschwer erkennen können, daß in ihrem gegenwärtigen Leben das Rivalisieren kenswert, und der Träumer sollte sich fragen, wie er sie sich möglicherweise
mit Männern eine besondere Rolle spielt), sondern um den typischen Aufbau eines selbst erklären kann. Das kann in zweierlei Richtungen geschehen.
Traumes.
Der Troum ist auffallend kurz
Exposition Kennzeichnende Bestandteile eines »typischen Traumes« fehlen: Mußte ich
Bei ihr geht es meist um eine Ortsangabe und die Einführung einer vielleicht wichtige Glieder in der Erinnerung auslassen, also verdrängen? Oder
handelnden Person: habe ich am Ende gar während des Träumens die »Notbremse« eines
Bei schönem Wetter rutsche ich auf meinem Hosenboden einen Grashang plötzichen Erwachens gezogen, weil ich im Traum in eine Entwicklung
hinunter, was mir wahnsinnig viel Spaß macht. hineingeriet, die mich so aufwühlte, daß ich nicht mehr weiterschlafen konnte?
Oder hat mich etwas besonders geängstigt, was ich auch jetzt noch als
Verwicklung ängstigend erlebe oder was ich als Verschiebung begreifen könnte?
Plötzlich tritt eine Spannung auf, bei der man nicht weiß, wie es weitergehen soll:
Plötzlich entdecke ich rechts von meiner Rutschbahn ein Bauernhaus. Es sieht Der Traum ist auffallend lang
unheimlich aus. Ich spüre, daß ich in Gefahr bin. Kreise ich vielleicht um ein Problem »wie eine Katze um den heißen Brei«, sei
es, weil ich so viel Angst davor habe, daß ich es nicht zu einer Lysis
Kulmination oder Peripetie »durchträumen« kann, also auch im Traum keine Lösung dafür sehe? Oder aber:
Der Traum erreicht seinen Höhepunkt, er »schlägt um«, wobei etwas Ent- Habe ich mir im Alltag einen ström inienförmigen »Effizienzstil« angewöhnt, der
scheidendes geschieht: alles Kreative und alles »sowohl-als-auch« wegläßt, so daß es des Traums
Wie unter Zwang betrachte ich das Haus. Da springt ein älterer Mann mit einem bedarf, alle Möglichkeiten spielerisch durchzuprobieren? (Mit Recht nennt
kurzen Schwert auf mich zu. Auch ich habe ein Schwert, das länger ist als seines. Freud das Denken eine »Probeaktion«.) (37) Wie stimmt also das Nicht-zu-
Wir beginnen zu kämpfen. Er ist mir technisch überlegen, worüber ich mich Ende-Kommen im Traum mit der Haltung meines Wach bewußtsei ns
ärgere. zusammen? Kann ich vielleicht beide Ebenen besser aufeinander abstimmen?

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Titel: Träumen
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Datum: 12.08.2001
Die Symbolsprache der Träume Der Umgang mit Symbolen
Mit dieser Eigenart der Symbole hängt es zusammen, daß sie bei den meisten
Träume lassen sich ohne Kenntnis von Symbolen nicht deuten. Was hat man unter von uns eine starke Gefühlsreaktion auslösen, sei es im Sinne von Abwehr oder
einem Symbol zu verstehen? Es weist hin auf einen Bereich, der sich mit Einfällen umgekehrt: von Faszination.
und Assoziationen nicht mehr erreichen läßt. Einfälle haben uns bisher auf Die einen werden dabei ärgerlich und gehen skeptisch an die Symbole heran,
zweierlei Weise genützt: wei diese nicht in ihr Alltagsdenken passen, das von Begriffen bestimmt wird.
• In Form einer Vertiefung in jede Einzelheit unseres Traumes, bis uns seine Aber wenn sie sich an ihre eigenen Träume erinnern, werden sie feststellen,
Bedeutung so weit wie möglich aufgegangen ist; daß auch sie sich dabei oftmals in einer Symbolwelt bewegen.
• in Form von Einfällen zu unserer Lebensgeschichte, zu unserem biographischen Auch das andere Extrem findet sich oft: Symbolsüchtigkeit aus Naivität. Wir
Hintergrund. erwähnten bereits jene Symbol-Lexika, die dem Leser versprechen, daß er mit
Diese beiden Zugangswege haben aber eine Grenze, die darin liegt, daß eine ihrer Hilfe seine Träume ergründen könne. Wer in einer Buchhandlung die
ausschließlich kausale Betrachtung der Träume, also eine Ableitung ihrer Inhalte Literatur über Träume durchmustert, der stellt fest, wie verbreitet diese
aus der Vergangenheit, zur Eindeutigkeit und damit zu einer Verflachung des Auffassung auch heute noch ist. Aber auch manche Psychotherapeuten
Traumverständnisses drängen würde. Nun wurde aber, wie wir zeigten, im Zuge verhalten sich Symbolen gegenüber merkwürdig einschichtig. Für sie ist klar:
der Traumforschung nach Freud deutlich, daß Träume auch zukunftsweisende »Schlange bedeutet ...« und dann kommt die Meinung ihrer
und überpersönliche Aspekte enthalten können (-> Seite 43). Diese Tatsache lenkt tiefenpsychologischen Schule.
den Blick zwangsläufig auf die Ebene der Symbole. Beide Haltungen gehen mit ein und demselben Sachverhalt gegensätzlich um:
der »Prägemacht der Symbolik« (Ludwig Klages). So verkennen sie das Wesen
von Symbolen. Um dieses zu verdeutlichen, wollen wir die Symbole zunächst
Das Wesen der Symbole
von Begriffen und Neusymbolen abgrenzen.
Unter einem Symbol verstehen wir einen Namen oder ein Bild, das durch eine
merkwürdige Spannung gekennzeichnet ist: Es ist uns zwar oft im alltäglichen Begriffe und Neusymbole
Leben vertraut (denken Sie zum Beispiel an das Kreuz) und stellt etwas dar, was für Begriffe heißen so, weil wir damit eine Vielzahl von Fällen begreifen. Sie
Vieles steht. Dennoch besitzt es zusätzlich zu seinen herkömmlichen Bedeutungen führen zu deutlichen, unverwechselbaren Aussagen über umschriebene
weitere Nebenbedeutungen, die sich unserem Alltagsbewußtsein nicht ohne Eigenschaften oder Tatsachen, die diese von allen anderen Eigenschaften oder
weiteres erschließen (38). Das Vorliegen von Symboen im Traum erkennen wir Tatsachen unterscheidet (»eine Schlange ist ein Reptil, das sich von anderen
vor allem daran, daß uns zu ihnen auch besten Wissens nichts einfällt, was ihren Reptilien durch die Schuppenbildung und die Bildung der Augenlider
Kern, ihr Wesen wirklich erfaßt. unterscheidet«).
Das ist in diesem Fall kein Widerstand gegen eine Bewußtmachung, sondern darin Was wir über die Eigentümlichkeiten von Begriffen sagten, gilt auch für
kommt der überpersönliche Charakter des Symbols zum Ausdruck. Was ein Neusymbole, zum Beispiel für Verkehrszeichen. Sie sind unter Umständen
Symbol aussagt, läßt sich niemals vollständig in die rationale Ebene übersetzen. lebenswichtig, zum Beispiel, wenn wir das Verkehrsschild übersehen, das
Es hat dieser gegenüber also sozusagen einen »Mehrwert«. bedeutet: »Vorfahrt beachten!«. Manche Neusymbole sind sogar äußerst
prägnant, ja suggestiv. Darauf verwendet die Werbung viel Mühe und
Überlegung.

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Datum: 12.08.2001
Allegorien, Metaphern, Gleichnisse Man muß nicht ange raten, um zu erkennen, wo das Problem des jungen
Wir kennen weitere Darstellungsweisen der Wirklichkeit, die häufig in Träumen Mannes lag: Er wußte nicht, worauf er sich verlassen solle: Auf seine Gefühle
vorkommen, ohne daß wir dabei von Symbolen sprechen können: Allegorien, (die »Farbe«) oder auf seinen Verstand beziehungsweise psy-choanalytisch
Metaphern und Gleichnisse. ausgedrückt: auf sein Über-lch (die »Schrift«). Er stammte aus einer
• Bei einer Allegorie (wörtlich: das Anderssagen) wird ein Begriff in einem Bild fundamentalistischen kirchlichen Gemeinschaft, die auf die wörtliche
dargestellt, oft in Form einer Person, zum Beispiel in mittelalterlichen Kirchen das Auslegung der »Schrift« (der Bibel) sowie auf strikte Einhaltung bestimmter
Alte und Neue Testament, Synagoge und Ecclesia, als zwei Frauengestalten (zum Moralvorschriften besonderen Wert legte.
Beispiel im Straßburger Münster). Das Alte Testament erscheint dabei als
Verliererin mit einer Binde vor den Augen, also blind, und mit einem zerbrochenen Bedeutung und Symbol
Stab in der Hand, das Neue Testament dagegen als aufrechte Siegerin mit Krone, Für den Träumer hatten Farbe und Schrift im Traum unterschiedliche Bedeutung,
Kelch und Kreuzesfahne. Was gemeint ist, begreift man nicht aus dem Bild die wir hier ohne weiteres erfühlen können. Das gelingt freilich nicht in jedem
heraus, sondern man weiß es erst, nachdem man es gelernt hat. Fall. Die Grenze legt dabei darin, daß wir alle, wie wir bereits ausgeführt
• Metaphern drücken in einem Bild etwas Bestimmtes durch einen anderen haben (-> Seite 21), weniger in einer Welt der Gegenstände als vielmehr in
Bedeutungszusammenhang aus, zum Beispiel den Vater als Oberhaupt. einer Welt der Bedeutungen leben, die etztlich subjektiv ist.
• Gleichnisse sind uns vor allem aus der Sprache der verschiedenen Religionen Bei jeder Auslegung eines Traumes geht es zunächst darum, die Vielfalt dieser
vertraut. Denken Sie zum Beispie an die vielen Gleichnisse Jesu, etwa jenes, in Bedeutungen möglichst umfassend zu erschließen. Die verschiedenen
dem ersieh als guter Hirte bezeichnet. In den Gleichnissen werden unter Bedeutungen eines (Traum-)Bildes werden uns am ehesten dann zugänglich,
Umständen tiefe Geheimnisse in schlichten Bildern dargestellt, die vor allem der wenn wir uns auf dieses Bild sinnend einlassen. Aber wie das Gleichnis nicht
Natur oder dem menschlichen Alltag entnommen sind. das Innerste einer re igiösen Aussage ausmacht, weshalb Jesus es als eine
Sprache für »die draußen« bezeichnet (Markus 4, 11), so macht die Gesamtzahl
Ein Beispiel: der Troum eines jungen Mannes aller Bedeutungen allein noch nicht das Wesen eines Symbols aus. Das Wort
Alle diese Bereiche kommen auch in unseren Träumen vor. Sie können »Symbol« könnte jedoch nahelegen, worum es dabei geht: Die griechische
darin entweder mehr bewußtseinsnah oder mehr bewußtseinsfern und Sprachwurzel »symbällein« bedeutet »zusammenwerfen« oder
dann meist zugleich gefühlsgeladen sein. »zusammenbringen«.
Das kommt sehr anschaulich im Traum eines jungen Mannes zum
Ausdruck: Der ganzheitliche Charakter der Symbole
Ich stehe an einer Fußgängerpassage vor einer Verkehrsampel. Auf der Ursprünglich verstand man unter einem Symbol ein Erkennungszeichen, bei
anderen Seite geht ein schönes Mädchen, zu dem ich hinübermöchte. dem sich ein abgebrochenes Stück (zum Beispiel eines Ringes) an seinem
Die Ampel ist auf »grün« geschaltet, zugleich steht auf ihr in großen Bruchrand genau mit einem anderen Stück zusammenfügen ieß. Es zur rechten
Lettern geschrieben: »Halt!« Ich weiß nicht, worauf ich mich verlassen Zeit wieder zusammenzufügen, bedeutete ein Erkennungszeichen, das
soll, auf die Farbe oder auf die Schrift. Zur Vorsicht bleibe ich stehen verpflichtenden Charakter hatte. In gleicher Weise hat ein Symbol
und tue gar nichts. verpflichtenden Charakter, zugleich stellt es eine Ganzheit dar, nämlich eine
Ganzheit von Persönlichem und Uberpersönlichem sowie von Sinnlichem und
Nicht-Sinnlichem:

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Datum: 12.08.2001
• Bedeutungen sind immer meine persön ichen Bedeutungen. Für mich hat dieser nes, Gegenwärtiges und Zukünftiges sowie Sachverhalte der verschiedensten
Gegenstand, dieses Wort ganz bestimmte Bedeutungen. Häufig teile ich meine Ebenen in einem einzigen Bild ausdrücken können, wobei zwischen diesen
Sicht mit anderen Menschen, die ähnlich empfinden und fühlen wie ich. Symbole Ebenen ein »stets schwebender Übergang« (39) besteht. In seinen »Maximen
dagegen scheinen für alle Menschen verbindlich zu sein, obwohl wir keine und Reflexionen« (633) hat Goethe diese »schwebenden Übergänge« in
allgemeingültige Symbolsprache kennen. Symbolen gegenüber befinden wir uns genialer Weise gekennzeichnet: »Die Symbolik verwandelt die Erscheinung
in der Situation des Menschen nach der babylonischen Sprachverwirrung. in Idee, die Idee in ein Bild, und (zwar) so, daß die Idee im Bild immer
• Das Sinnliche (zum Beispiel ein Ring oder eine Schlange) hat im Symbol seine unendlich wirksam und unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen
Eigenbedeutung, ist also mehr a s ein bloßer Aufhänger für das nicht mehr sinnlich ausgesprochen, doch unaussprechlich bliebe«. Goethe sagt somit, daß wir ein
Erfaßbare (also die dahinterstehenden Bedeutungen, Möglichkeiten oder Symbol etztlich nicht begreifen können, wei sich alles Begreifen nur auf einer
Zusammenhänge). Ebene - der rationa en - abspielt, während das Symbol über die sichtbaren
Beide Seiten des Symbols - die sinnliche und die geistige - gehören untrennbar Erscheinungen auf das selbst nicht sichtbare Geistige hinweist und dies
zusammen. Wir müssen also sozusagen beide Teile des Ringes gleich ernst vorsichtig tastend erschließt. Man kann das am Bild des Horizonts
nehmen. veranschaulichen. Wir vermögen zwar nicht über ihn hinauszuschauen, aber
im Wort »Horizont« ist das Jenseitige des Sichtbaren bereits mitgesetzt.
Symbole und Mythen sind nicht willkürlich erfunden Zum anderen drückt Goethe im Wort »wirksam« aus, daß das Symbol
Symbole und Mythen sind in einem jahrtausendelangen Prozeß entstanden. gleichsam kraftgeladen und in ständiger Wandlung begriffen ist. Das erste
Zwar haben sich einzelne Bedeutungen der Symbole im Laufe der Zeiten hängt damit zusammen, daß wir Menschen an der materiellen und an der
gewandelt, ja manchmal veroren sie sogar ihren ursprünglichen Sinn. Dieser geistigen Wirklichkeit gleichermaßen teilhaben, ohne in der einen oder der
stellte sich dann aber meist zu anderen Zeiten wieder neu her. Immer blieb anderen aufzugehen. Das zweite dagegen gilt in dem Sinne, daß das
dabei erhalten, daß es um für uns Menschen wesentliche Sinngehalte ging. Symbol zwar nicht auf einen Gedanken »hinter« sich verweist, wohl aber
Auch für moderne Menschen sind Symbole bedeutsam und auf ihre Weise ebenso einen immer mehr sich vertiefenden, nie abschließbaren Denkprozeß in Gang
wahr wie das rationale Denken. Wirft man sie sozusagen durch die Vordertür (des setzt (40). So spiegelt es den ständigen Wechsel unseres Bewußtseins und
Bewußtseins) hinaus, so kommen sie - meist mit entstellter, neuer Bedeutung - durch unserer Situation wider, dem wir lebenslang unterworfen sind.
die Hintertür (des Unbewußten) wieder zum Vorschein und üben dort, oft zu Idolen Die seelische Wirklichkeit ist also nicht statisch, sondern dynamisch: Was
entstellt, unter Umständen eine verheerende Wirkung aus (zum Beispiel das alte heute möglich ist, kann morgen wirklich sein, und was heute wirklich ist, ist
Swastikasymbol als Hakenkreuz im Dritten Reich, nachdem die altchristlichen dann zur Vergangenheit abgesunken. Symbole werden diesem Wandel eher
Symbole von den Nazis gewaltsam abgeschafft und durch nicht verstandene ger- gerecht als Begriffe.
manische Symbole willkürlich ersetzt worden waren). Wir heutigen Menschen wollen in einer eindeutigen Wirklichkeit mit fest-
stehenden Bedeutungen leben. Dies ist aber nur bei der Allegorie möglich:
Wir können Symbole nicht begreifen Wenn wir sie entschlüsseln können, »haben« wir sie tatsächlich. Symbole
Kennzeichnenden wirklichen Symbolen ist, daß sich in ihnen nicht nur Sinnliches dagegen verbildlichen Ideen, die man nicht »haben« kann, die aber sind und
und Übersinnliches, sondern Inneres und Äußeres, Vergange- die ihrerseits die Wirklichkeit, ja unser Dasein in ein anderes Licht rücken. Was
hilft uns das weiter? Der Reiz im Umgang mit

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ihnen besteht darin, daß wir sie zwar nicht beherrschen können, daß sie aber auch durch den Verstand nicht immer gebremst werden. So berichtete Charles
unsere Sicht der Wirklichkeit ändern, wenn wir sie erleben und erfahren. Darwin, wie er sich gegen die Angst vor einer auf ihn zufahrenden Schlange
nicht wehren konnte, obwohl er durch eine dicke Glasscheibe geschützt war
Die Schlange - ein »klassisches« Symbol (43).
Wenn wir uns mit Schlangen beschäftigen, wird deutlich, daß ihnen alle
Wie Sie sich selbst den Zugang zu den Symbolen erarbeiten können, werden wir menschenähnlichen (anthropomorphen) Kennzeichen fehlen. Wir können uns
nunmehr anhand der Schlangensymbolik veranschaulichen. Versuchen Sie also nicht mit ihnen identifizieren, werden sie zum Beispiel niemals »herzig«
dabei, den Übergängen zwischen den einzelnen Aspekten des Symbols finden wie viele andere Tiere.
nachzuspüren, auch wenn wir sie aus didaktischen Gründen nacheinander
aufführen. Die Gleichsetzung Schlange - Phallus
Bei näherem Fragen werden die Merkmale »glitschig« und »eklig« genannt.
Drache und Schlange Dies und der Umstand, daß die Schlange meist still auf der Erde liegt, obwohl
Drache und Schlange werden als Symbole oft gleichsinnig verwendet, wobei sie beweglich ist, und daß sie sich meist harmlos verhält, aber plötzich
aber der Drache im Vergleich zur Schlange eher brutale, bedrohliche Züge hochspringen kann, wenn sie gereizt wird, legt eine sexuelle Deutung nahe.
aufweist. Im chinesischen Kulturkreis freilich fehlt diese vorwiegend negative Es wäre aber falsch, wollte man daraus folgern, die Schlange »bedeute«
Beurteilung des Drachens. Dort wird er in erster Linie als Symbol der männlich- Penis. Eine solche Übersetzung der Symbolsprache in unsere eindeutige
zeugenden Naturkraft (Yang) gesehen und vielfach als Glückssymbol begriffen. Begriffssprache widerspricht, wie wir gesehen haben, dem Wesen des
Der geistige Platz, den der Drache einnimmt, wird auch räumlich dargestellt: Er Symbols, wenngleich natürlich eine Schlange auch den Penis oder die
steht im Osten, der Richtung des Sonnenaufgangs. Nicht immer ist er gleich zeugende männliche Potenz repräsentieren kann.
groß, das heißt, daß seine Bedeutung für uns wechselt. Manchmal kann er klein Auch andere Argumente sprechen gegen eine einfache Gleichsetzung. So
sein wie eine Raupe, aber auch eventuell den gesamten Raum zwischen Himmel wurde festgestellt, daß der Abscheu Schlangen gegenüber mit vier Jahren am
und Erde ausfüllen (41). größten ist und bis zum 14. Lebensjahr eher abfällt, wobei der Eintritt der
Pubertät für die Zunahme oder Abnahme keinerlei Rolle spielt.
Die Angst vor Schlangen Ein weiteres Argument gegen eine einfache Gleichsetzung von Schlange und
Die Schlange hat - verglichen mit dem Drachen - im großen Ganzen eine breitere Phallus liefert der babylonische Schöpfungsmythos: Der Drache Thia-mat, der
Palette von Bedeutungen, die sich vom Biologischen bis zum Religiösen erstreckt. Urmutter und Gottesmutter zugleich ist, wird also weiblich erfahren. Dabei wird
Wenn wir die verschiedenen Facetten ihrer Symbolik gemäß der Tradition unserer das Moment der Zeugung und Schöpfung mit dem Wasser verbunden:
Kultur von »unten« nach »oben« durchgehen, also mit der Biologie beginnen, Thiamat lebt, wie viele andere Drachen und Schlangen, im Wasser. Alles
stellen wir fest, daß bei Befragungen die Schlange die Liste der unbeliebtesten Leben kommt aus dem Wasser, aber zugleich ist es davon bedroht, wieder
Tiere anführt (42). Da sich die Abneigung gegen Schlangen auch bei unseren vom Wasser verschlungen zu werden. Hier bedarf es des Eingriffs des
nächsten Verwandten, den Affen, nachweisen läßt, haben wir es offenbar mit ei- Menschen, des Helden Marduk: Thiamat wird von Marduk erschlagen und in
nem angeborenen Mechanismus zu tun. Die Angst vor Schlangen kann zwei Teile zerstückelt, woraus er dann Himmel und Erde formt. Was daraus
entsteht - der Kosmos

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• ist wiederum »zwie-spältig«, nämlich aus dämonischer »Natur« (Thia-mat) und Wandlung
göttlicher »Form« (den Händen Marduks) gebildet. Was das bedeutet, wird Unbegreifliches und Geheimnisvolles hat aber noch einen weiteren Dop-
deutlich, wenn wir uns daran erinnern, daß wir Menschen an zwei pelaspekt: Es ist furchterregend und anziehend zugleich, wie alles, das uns
Wirklichkeitsbereichen zugleich Anteil haben: dem der Triebe und dem des zunächst nicht vorstellbar war, in das wir uns aber hineinverwandeln (Pubertät,
Geistes. Insofern sind wir gleichsam Amphibien, die auf zwei Ebenen existieren. Mutterschaft). Insofern ist es immer auch etwas, das Wandlung und Reifung
Materialisten wollen den einen Bereich nicht wahrhaben, Spiritualisten nicht den ermöglicht. Alle diese Aspekte finden sich im Schlangensymbol: Der
anderen. Schöpferheld überwand nicht nur die Urmutter; er beging zugleich mit ihr, wie
der Mythos andeutet, Inzest: Er tötet Thiamat mit dem Speer (Phallus) und dem
Symbol des Bösen Wind (Befruchtung). Die Tötung der Mutter bedeutete daher nicht deren
Je mehr der Mensch sein Bewußtsein und sein Ich entwickelte, desto mehr mußte endgültige Auslöschung, sondern zugleich den Aufbau einer neuen Welt.
er den urtümlichen Bereich der Schöpfung und damit auch die Schlange Der Mythos von Marduk macht uns gleichermaßen urtümlich wie großartig
abwehren. Er erfuhr sie zunehmend als böse. Noch in manchen Stellen des Alten deutlich, daß der Mensch zum furchtbaren Verbrechen ebenso fähig ist wie zur
Testaments war das nicht so: Moses formte eine Schlange aus Kupfer. Wer sie großen schöpferischen Leistung.
anblickte, blieb am Leben (Numeri 2 1 , 9 ) . Aber schon an anderen Stellen des
Alten und erst recht im Neuen Testament wurde die Schlange ausschließlich zum Die Schlangenkraft »Kundalini«
Symbol des Bösen (des »Teufels«). Eine besonders originelle Komponente des Schlangensymbols reicht Jahr-
tausende zurück und ist heute noch aktuell. Es ist dies die im indischen
Reale Ursprünge der Bedeutungen des Schlangensymbols Kulturkreis verbreitete Lehre von der Schlangenkraft Kundalini. Sie wird als
Wie groß auch die Spannbreite eines Symbols sein mag, stets bleibt sein spirituelle Kraft verstanden, und man stellt sich vor, daß sie aufgerollt bei edem
konkreter Hintergrund. Für die Schlange ist kennzeichnend, daß wir sie im von uns am unteren Ende der Wirbelsäule ruht. Wird sie wachgerufen, so
wörtlichen Sinne nur schwer »be-greifen« können. Diese Tatsache drückt sich nun durchläuft sie die verschiedenen Kraftzentren (Chakren) und kann sich von dort
auch symbolisch aus: Aus der physischen »Schwer-Begreiflich keit« der Schlange aus sowohl in materiellen wie in seelisch-geistigen Funktionen ausdrücken. So
wurde ihr geheimnisumwitterter Charakter. Was man nicht begreifen kann, sucht repräsentiert zum Beispiel das dritte Chakra sowohl die aufbauenden Aspekte
man deshalb umso genauer zu beobachten: des Ernährungssystems (etwa der Leber), als auch des Feuers, sei es im Sinne
• Man sah, daß sich Schlangen im Frühjahr häuten, sich also »verjüngen«. von seelischer Wärme oder aber innerer Verwandlung (44).
Dadurch wurden sie zum Symbol des neuen Lebens.
• Aus dem Bild der Beweglichkeit wurde die Schlange, die sich in den eigenen
Widersprüchliche Bedeutungen fügen sich zusammen
Schwanz beißt, ein Bild des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, wie wir
es Jahr f ü rja hr in der Natur erleben. Am Beispie des Schlangensymbols haben wir gezeigt, daß es in die Irre
• In ihrem starren Blick schließlich sah man eine bannende Macht, die sie zum führen muß, wenn man ein Symbol auf eine einzelne Bedeutung festlegen
Sinnbild von Wissen und Weisheit machte. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel möchte. Eine Vielschichtigkeit der Bedeutungen ist ebenso kennzeichnend für
ist sie »listiger als alle Tiere« und hilft dem Menschen zur Erkenntnis von Gut und Symbole wie die Tatsache, daß bei ihnen der Satz vom Widerspruch keine
Böse (Genesis 3, 1-15). Gültigkeit besitzt. (Dieser Satz besagt, daß zwei

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einander entgegengesetzte Urteile nicht beide wahr sein können.) Dies gilt auch Paradoxien im Zen
für Träume im allgemeinen. Die Grenzen des rationalen Denkens legen besonders einige Schulen der
Man würde es sich zu einfach machen, wollte man daraus den Schluß ziehen, japanischen Meditationsmethode des Zen frei. Dem Übenden werden logisch
Symbole seien also Ausdruck einer primitiven Denkform, auf die einzugehen sich nicht auflösbare Paradoxien, »Köans«, gegeben, zum Beispiel: »Was ist der
nicht lohne. Richtig dagegen ist, daß Gegensätze sowohl unterhalb als auch Ton des Klatschens einer Hand?« Jede verstandes-•gemäße Antwort auf diese
oberhalb der mentalen Bewußtseinsebene nicht gelten, also außerhalb derjenigen Frage wird vom Zen-Meister rigoros abgewiesen. Erst im Scheitern gelingt es
Straße unseres Denkens, mit dessen Hilfe wir technische und wissenschaftliche dem Schüler, die Grenze seines Denkens zu durchbrechen (45). Unvermittelt
Probleme lösen. findet er sich in einer Welt jenseits aller Widersprüche wieder: Er hat die
coincidentia oppositorum selbst vollzogen. Ahnlich kann es auch beim
Gegensinn der Urworte Umgang mit dem Symbol oder Traum gehen. Der Traum- und Symbolforscher
Im vorrationalen Denken gibt es ein Phänomen, das wir Gegensinn der Urworte Herbert Silberer nennt daher das Symbol einen »Mittler zwischen uns und der
nennen. Im Lateinischen zum Beispiel heißt »sacer« sowohl »heilig« als auch Wahrheit« (46).
»verflucht« und »altus« sowohl »hoch« als auch »tief«. Auch bei uns versteht man
unter Verantwortung-Tragen noch so entgegengesetzte Haltungen wie Trotz der Arbeit vieler Forscher besitzen wir noch keine umfassende Sym-
»Rechenschaft geben« auf der einen Seite und »Fürsorge« auf der anderen. bolkunde. Einen guten Einblick in den heutigen Stand der Symbolkunde geben
Daraus auf einen Mange an Logik zu schließen, wäre ebenso absurd, als wollte uns aber die Werke von Joseph Campbell, Mircea Eliade, Friedrich Heiler und
man aus dem Fehlen der Vokale in manchen Schriften, zum Beispiel im C. G. Jung (-> Seite 91).
Hebräischen oder Arabischen, einen Mangel an Sprachgefühl ableiten.

»Coincidentio oppositorum« - dos Verschmelzen von Gegensätzen


Aber auch jenseits der Rationalität können Gegensätze in sich zusammenfallen.
Die Mystiker sprechen von einer coincidentia oppositorum. Worum es dabei
geht, veranschaulicht Nikolaus von Cues (1401 bis 1464) am Beispiel von Kreis
und gerader Linie. Sie sind im Endlichen Gegensätze, im Unendlichen jedoch
fallen sie zu einem zusammen. Im Vergleich dazu hat auch der Verstand (ratio)
seinen Bereich, wobei das rationale - vom Verstand bestimmte - Denken stets
unterscheidet und trennt, niemals aber die Einheit erkennen kann.
Anders verhält es sich mit der Vernunft (intellectus). Sie bedient sich zwar der ratio,
kann aber über sie hinausgelangen. Dabei geht es nicht um Ergebnisse, die wir
unverbindlich registrieren, sondern um eine geistige Bewegung, in die wir
eintreten und die wir innerlich mitvollziehen.

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Der Traum eines 45jährigen Mannes -
Möglichkeiten seiner Auslegung

Zum Abschluß wollen wir die verschiedenen Ebenen und Möglichkeiten der Am Ende des Abhangs gehe ich durch ein Waldstuck hinaus und über den Weg
Traumauslegung am Beispiel des Traumes eines 45|ahngen Technikers ist ein riesiges Spinnennetz gebaut mit einer handtellergroßen Spinne m der
veranschaulichen Mitte, und ich erkenne, daß diesen Weg noch nie jemand besc h ritten hat (II)
Damit Sie die Auslegung des Traumes besser mitvollziehen können, haben wir Das Bild wechselt, und ich bin mit meiner Fami le (D) auf einem weiten Feld Es
einzelne Elemente des Traumtextes gekennzeichnet ist ein starkes Gewitter, und wenn es donnert, kann ich zahlen, bis es blitzt, und
• Der Traum folgt dem dramaturgischen Ablauf, wie wir ihn auf Seite 68 dargestellt ich habe dadurch das Gewitter unter Kontrolle Auf der Ebene befinden sich
haben Die m Klammern gestellten Ziffern kennzeichnen jeweils das Ende der lauter Eisenträger, die wie Stacheln herausragen Das Gewitter kommt immer
einzelnen Glieder dieses Ablaufs naher Die Eisenteile saugen die Blitze an Über der ganzen Ebene liegt ein Netz
• Die Entwicklung des Menschen vollzog sich von der mineralischen von Blitzen, das immer schneller auf mich zukommt, und ich merke, ich habe
(anorganischen) über die pflanzliche (vegetative) und die tierische (animalische) das Gewitter nicht mehr un ter Kontrolle (III)
Welt zu seiner heutigen Erscheinung Diese vier Entwicklungs schritte sind im Ich nehme mit meiner Familie in einer Fabrikhalle Unterschlupf, um mich vor
Traum enthalten - wir haben sie durch m Klammern gestellte Großbuchstaben dem Gewitter zu schützen (IV)
kenntlich gemacht
Noch ein Wort zur Auslegung Wir mochten Ihnen anhand dieses langen und
überaus vielschichtigen Traumes deutlich machen, welche mannigfachen
Die Auslegung des Traumes
Möglichkeiten Sie prinzipiell bei der Auslegung Ihrer eigenen Traume haben Wir können hier nicht die ganze Deutung des Traumes darstellen, sie wurde ein
Lassen Sie sich nicht verwirren von der Ausführlichkeit der Auslegung, sondern ganzes Buch füllen Hier müssen wir uns im wesentlichen auf die Betrachtung
versuchen Sie, ihr mit wachen Sinnen zu folgen der Traumstruktur beschranken und diese so weit wie notig mit anderen der
genannten Elemente erganzen
Der Traumtext
Es fallt auf, daß im Traum eine Abstiegsbewegung vom Berg ms Tal stattfindet,
Ich bin mit Freunden beim Skifahren Ich springe über einen Hügel und statt im die von Naturgewalten und wilden Tieren bedroht ist Der Traumer ist bemuht,
Schnee (A) lande ich auf einem grunbewachsenen Abhang mit üppiger Vegetation die Dinge m der Hand zu behalten Das eine Mal ermahnt er sich selbst zur
(B), wie m einem Dschungel Ich mache mir Gedanken, wo meine Freunde sind, Vorsicht, das andere Mal mochte er durch Zahlen der Zeit zwischen Blitz und
aber die sind scheinbar einen anderen Weg gefahren (I) Donner das Gewitter kontrollieren
Ich klettere den steilen, grünen Hang hinunter und nehme plötzlich die Tierwelt wahr
(C) Neben mir hangt eine kleine gelb schwarz geringelte Schlange, die einen Bei so viel Bemühung, »den Kopf oben zu behalten«, ist nicht verwunderlich,
Totenkopf auf dem Kopf tragt Ich denke mir Vor sichtl, die Schlange ist sicher sehr daß der Traum trotz aller Bedrohtheit den »klassischen« Aufbau m Exposition (I),
giftig, aber ich empfinde keine Furcht und die Schlange greift auch nicht an Verwicklung (II), Kulmination (III) und Lysis (IV) zeigt (Die Ziffern kennzeichnen
Dann schaue ich nach oben Über mir hangt eine große, dicke Schlan ge - im Traumtext jeweils das Ende der einzelnen Glieder dieser Entwicklung )
zusammengerollt Wie ich weiter nach unten gehe, sehe ich emzel ne Spinnen, die Versuchen wir, den Abstieg zu deuten, so werden wir uns fragen Ist das ein
ihre Netze bauen Sie sind sehr groß und wunderbar schon Weg von den »reinen Hohen« der Freiheit und der Freizeit (Skifah-

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ren) in die Alltäglichkeit (der Familie und der beruflichen Welt)? Oder handelt es teils aus Angst vor Bindung und teils, weil es ihm dabei lediglich um
sich umgekehrt um einen Schritt weg von einer einsamen, menschenfeindlichen Selbstbestätigung ging. Es ist begreiflich, daß ihn die jeweiligen Partnerinnen
und hin zu einer bewohnten Wirklichkeit? Wie das zu verstehen ist, wird beim alsbald langweilten und dann durch andere ersetzt wurden. Der
genaueren Betrachten der Bilder deutlich. Psychotherapie stand er anfangs skeptisch gegenüber, da er sie nicht mit
seinem naturwissenschaftlichen Weltbild (das mechanistisch war) in
Mit dem Abstieg einher geht eine Entwicklung hin zur Menschenwelt, gleichsam Zusammenhang bringen konnte. Psychisches war für ihn gleichsam nur ein
ein Abbild der verschiedenen Schritte der Evolution. Wir haben sie im Traumtext Anhängsel an das Körperliche. Als es ihm bald nach dem Beginn der Therapie
mit den Buchstaben A bis D gekennzeichnet: besser ging, rettete er seine Überzeugung, indem er in der Behandlung eine Art
von magischem Prozeß sah, wobei das Wort »Magie« seine damalige innere
A - der Traum beginnt im Schnee, also im Bereich des Mineralischen Situation präzise kennzeichnet. Ihm liegt die indogermanische Silbe »magh«
beziehungsweise Anorganischen; zugrunde, die Mechanik, Macht, Maschine und Machen zusammenbindet
B - er führt weiter zur Ebene des Pflanzlichen oder Vegetativen, zunächst in (47). Da damals sein Zugang zur Wirklichkeit vorwiegend von diesem
Form des Dschungels und später der Wiese; Bewußtseinszustand gekennzeichnet war - ihm ging es sowohl beruflich wie
C - dann taucht die Tierwelt auf, und zwar in bedrohlicher und zugleich erotisch in erster Linie um Machen (Agieren) und Macht - war auch seine
faszinierender Weise in Form von Schlangen und Spinnen; Vorstellung von der Therapie dementsprechend.
D - schließlich begegnet der Träumer der menschlichen Welt, und zwar zunächst Dies wird in einem früheren Traum nach einigen Monaten Behandlung deutlich:
in ihren technischen (Fabrikhalle), dann in ihren mitmenschlichen Aspekten Ich sehe im Traum Herrn K. als Arzt im weißen Kittel (er ist etwa 70 Jahre alt, ein
(Familie). Schlitzohr und beruflich im Freizeitbereich tätig). Ich habe nachts Krämpfe und
gehe deshalb zu ihm in die Praxis. Er sagt: »Das haben wir gleich«. Ich sperre
Die technische Welt bietet ihm Schutz: Zu den Eisenstangen fielen ihm Blitzableiter meinen Mund auf, und er holt wie aus einem Eimer blutige Eingeweide heraus
ein, durch die ein Gewitter ebenso »entschärft« werden kann wie durch Zählen der und wirft sie weg. Nach der Behandlung bei Herrn K. geht es mir gut.
Zeit zwischen Blitz und Donner. Fabrikhallen sind ihm von Jugend auf vertraut.
Zweifellos steckt in Herrn K. der Therapeut. Er wird aber nicht als er selbst
Bevor wir als nächstes auf die eigentliche Ebene der Einfälle zu sprechen kommen, geträumt, sondern als »altes Schlitzohr«, das bewirkt, daß es dem Patienten
müssen wir Sie zunächst noch genauer mit der Lebenssituation des Träumers besser geht, und zwar ohne dessen eigene Mitarbeit. Die Wirkung der
vertraut machen: Er wurde von einem Internisten wegen vielfältiger Behandlung konnte in dieser Phase weder in einem Einsichtsprozeß noch im
psychosomatischer Beschwerden und Störungen zur Psychotherapie überwiesen, Herstellen einer inneren Beziehung zu sich selbst beziehungsweise zum
nachdem vorhergehende körperliche Therapien praktisch wirkungslos gewesen Therapeuten gesehen werden. Dieser »macht« vielmehr (magisch!), daß es
waren. Bei den ersten Gesprächen war er niedergeschlagen, aber zugleich dem Patienten besser geht.
innerlich unruhig. Seit einigen Monaten lebte er von seiner Familie getrennt. Die Qualifikation des Therapeuten dafür wird auf einen zwiespältig-intel-
Nicht daß er eigentlich etwas gegen sie habe, aber er könne ihre Nähe nicht lektuellen Aspekt reduziert (»Schlitzohr«), was wiederum für diese Stufe der
mehr ertragen. Seine einzige Erfüllung fand er im beruflichen Erfolg sowie in Bewußtheit kennzeichnend ist: Auch die Schlange in der zitierten
kurzdauernden erotischen Abenteuern, wobei er jede innere Beziehung vermied,

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Genesisstelle ist listig (—> Seite 78), ebenso zum Beispie Odysseus bei Homer ganz ohne Grund Er spurte zunehmend seine Defizite m bezug auf die Welt
Wie haben wir das zu verstehen? der Gefühle und auf mitmenschliche Beziehungen Vor allem fürchtete er, er
könne lächerlich und weibisch wirken, wenn er sich zu ihnen bekenne Auch die
Auf der Objektstufe (—> Seite 42) kommt dann zum Ausdruck, daß der Analysand Ruckkehr zu seiner Familie verstand er m diesem Sinne a s bedrohlich Hatte er
zum Zeitpunkt dieses Traumes zu spuren begann, wie das Verschwinden seiner dadurch nicht sein Gesicht verloren?
Symptome seit Beginn der Behandlung nicht bloß Folge der fachlichen Kompetenz
des Therapeuten war, sondern vor allem mit der Beziehung zu ihm zu tun hatte Eine Reihe von Assoziationen bringt weitere Einblicke
Das aber mußte er abwehren, wie folgende Äußerung von ihm zeigt »Meine • Skifahren »Durch die frühe Scheidung meiner Eltern und den standigen Streit
größte Angst ist, mich auszuliefern« meiner Mutter mit ihrem spateren Partner bin ich zum Einzel-ganger geworden
Auch eine Deutung auf der Sub ektstufe (—> Seite 42) fallt nicht schwer Er selbst Es hat für mich immer nur zwei Befriedigungen gegeben Besser zu sein als
neigte beruflich zeitweilig ausgesprochen zur Schlitzohngkeit und war darauf die anderen und seit der Pubertät Anerkennung unter Mannern Frauen hielt ich
früher immer recht stolz gewesen Wir finden hier also eine Projektion (—> Seite bloß gut für den Sex und das eigene Prestige Sonst kann man mit ihnen nichts
66) anfangen«
Erhellend ist aber auch die Deutung der Beziehungsebene Zwar wünschte er sich • Manner »Mit Mannern sportlich zu rivalisieren und sie nach Möglichkeit zu
Heilung, doch sie hatte m dieser Phase der Therapie für ihn bedeutet, den übertrumpfen, ist das höchste der Gefühle für mich«
Therapeuten als »machtig« anzuerkennen Damit aber wäre er angesichts semer • Ich habe mich von den Mannern getrennt »Ich sehe ja ein, daß ich mich auf
eigenen Machtanspruche ohnmachtig dagestanden Daher ersetzte er den meine Familie einlassen sollte, nicht aus Bravheit, sondern weil mich mein
Therapeuten durch das »alte Schlitz-ohr« und machte ihn zugleich zu einem jetziges Leben kaputt macht mit seinem ewigen Streß Aber man verliert so viel
Vertreter der Freizeitindustrie Die für ihn lebenswichtige Bedeutung der dabei, wenn man vernunftig wird«
Behandlung wurde auf diese Weise verleugnet und zum belanglosen Luxus • Dschungel »In ihm kann man sich verirren Auf einer Piste dagegen kommt
abgestempelt Freiheit im Sinne von totaler Unabhängigkeit war für ihn zwar der man gut zurecht, wenn man aufpaßt«
höchste Wert, Freizeit hingegen äußerst anrüchig • Schlange Er habe gelesen, das habe etwas mit »Penis« zu tun Aber das sei ja
wohl nicht alles
Unschwer finden wir auch weitere, bereits beschriebene Merkmale So projizierte • Spinne »Dazu habe ich keine Emfalle, außer daß mir mein neues,
er die eigene Aggressivität (er war zum Beispiel ein fanatischer Jager) auf den »solides« Leben ziemlich »g'spmnert« vorkommt«
Therapeuten (dieser riß ihm im Traum ohne Narkose die kranken Eingeweide mit
bloßen Händen aus dem Leib) Wenn wir als nächstes eine Deutung unter psychoanalytischen und ergänzend
dazu unter Jungschen Kriterien versuchen, dann druckt sich m der Abfolge der
Aber kehren wir zum »Schlangentraum« zurück Als er ihn träumte, war seine Bilder eine konsequente Entwicklung aus, die m mehreren Schritten weg von
Besserung wesentlich fortgeschritten Er fühlte sich wohler, hatte kaum noch der rivalisierenden, Emotionen und alles Weibliche ausklammernden Welt der
körperliche Beschwerden, war zu seiner Fami le zurückgekehrt und hatte, Manner fuhrt
entgegen seinen Erwartungen, beruflich eher noch mehr Erfolg Aber immer noch • Nachdem er sich von seinen Mitskifahrern entfernt hat, begegnet er
war er mit sich nicht zufrieden, allerdings nicht zweimal einer Schlange, die erste tragt einen Totenkopf auf dem Kopf Die
eigene männliche Potenz wird von ihm als lebensgefährlich erlebt, die
Begegnung mit ihr erfordert größte Vorsicht Anschließend trifft er m

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der Gestalt der zweiten Schlange auf einen anderen, den »Kundalini«-Aspekt der Dieser Eindruck von der Einzigartigkeit dieses Wegs ist unabweisbar, obwohl sich niemand
Schlangenkraft (-> Seite 79). Für diese Deutung spricht, daß die Schlange aufgerollt ist. wirklich gereift nennen darf, der nicht irgendeine Form von Initiation durchlaufen hat.
Es gibt unzählige Darstellungen davon überall auf der Welt, vor allem im indischen Kulturkreis.
Der Analysand wußte das freilich nicht; fremde Kulturen und symbolische Darstellungen waren Für den Träumer bestand dieser Weg darin, daß er mit höchster Anstrengung bedrohliche,
ihm nicht vertraut. Der eigentliche Ort der Kundalinischlange ist der Genitalbereich, dem urtümliche Formen der männlichen und der weiblichen Triebwelt meistern mußte. Nachdem ihm
Analysanden begegnet sie aber in Kopfhohe: Seine Sicht ist von seiner auf ein bloßes Besitzen das gelungen ist, kann er sich endlich als ein gerade noch Davongekommener seiner Familie
reduzierten und daher unsinnlichen Sexualität verstellt. Darüber können auch seine erotischen nähern, im wörtlichsten Sinne unter Blitz und Donner. Im Aufruhr der Elemente spiegelt sich die
Abenteuer nicht hinwegtäuschen. Im Gegenteil! Sie sind ihr Ausdruck. innere Erregtheit und Aufgewühltheit wider, die diese Begegung in ihm bewirkt.

• Nach der Begegnung mit den Schlangen trifft der Träumer auf die Welt der Spinnen, wobei Der Wandel der Landschaft - es erscheint jetzt ein weites Feld - drückt dabei keine Erweiterung
wiederum das Moment der Steigerung offensichtlich ist: Die Größe und Faszination der des Erlebnisraumes im Sinne von mehr Ruhe und Idylle aus. Die Welt ist vielmehr voller
Spinnen nimmt von Bild zu Bild zu. Wie ist das zu sehen? Eisenstacheln, die den Träumer aber nicht bedrohen, sondern vor den einschlagenden Blitzen
Spinnen sind die neben Schlangen emotional am stärksten abgelehnten Tiere, wobei die Einfälle bewahren. Darin drückt sich aus, daß er sich durch sein »stacheliges« Verhalten vor jeder
nicht wie bei Schlangen »glitschig« und »eklig« lauten, sondern »haarig« und »gruslig« (48). näheren Begegnung mit den Mitmenschen und vor dem Hineingezogenwerden in effektives
»Gruslig« an der Spinne ist nicht nur ihre Gestalt, sondern vor allem auch, daß sie als Symbol für Verhalten und in Gefühle schützen mußte. Von Freude darüber, daß er nach soviel Gefahren Frau
die netzestellende Weiblichkeit gilt, in die sich das Männchen verfangt und Kind trifft, kann auch jetzt nicht die Rede sein. Unser Träumer ist kein zu Frau und Kind
- wobei es außerdem riskiert, nach dem Coitus vom Weibchen aufgefressen zu werden. zurückgekehrter Odysseus. Wohl aber wird sichtbar, worin seine wirkliche Beziehung zu ihnen
liegt: Er sieht in ihnen Schicksalsgefährten angesichts einer insgesamt als bedrohlich
Der Träumer nahm in seinem Traum ein Stück seiner späteren Entwicklung vorweg, die ihn hin zu erfahrenen Welt. Sie zu schützen und ihnen materielle Sicherheit zu geben, war ihm selbst m sei-
den Menschen führte (prospektive Bedeutung des Traumes). Was er dabei erlebte, ist letztlich nen düstersten Zeiten wichtig, auch wenn er ihnen innerlich sonst nicht nahe sein, geschweige
ein geistiger Reifungs- und Schulungsweg, den man Initiation nennt (49). Das Ziel dieses Wegs, denn, sie ieben konnte. Naheliegenderweise verlegte er im Traum den Schutz gewährenden
der sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen findet, ist letztlich, zu sich zu kommen. Fast überall Raum in eine Umgebung, die ihm vertraut ist und die für ihn Schutz bedeutet, in eine Fabrikhalle.
ist dieser Weg damit verbunden, daß der Betreffende bestimmten - meist angstvoll erlebten -
inneren Erfahrungen ausgesetzt wird, denen er standhalten muß (50). Jeder, dem dies gelungen Dort endet der Traum ohne happy end. So wie alle Träume beginnen, ohne scharfe Grenzen, so
1
ist, wird wie der Träumer sagen können »Ich weiß, daß diesen Weg noch nie jemand beschriften endet er auch. Der Traum und seine Deutung bleiben unabgeschlossen.
hat.«

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