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FRAKTALE z

Zeitsparende Algorithmen
und Symmetrien
Die dritte Folge des Flohmarkt-Reports stellt den Turbofloh vor und
zeigt, wie der Programmierer fast zum Künstler wird.

Birds – do it
bees – do it
even educated fleas – do it
let’s do it|!

CHRISTOPH PÖPPE
Cole Porter
»Paris«

E s ist über eine Neuzüchtung zu be-


richten, die für das mühsame Geschäft
der Mandelbrot-Flohforschung einen enor-
den kann. Insbesondere sollte ein Punkt
als zur ausgefüllten Julia-Menge bezie-
hungsweise zur Mandelbrot-Menge ge-
Punkten immer wieder durchläuft, muß
man nicht bis zum bitteren Ende war-
ten, sondern kann beim Einsetzen eines
men Fortschritt bedeutet: den Turbofloh. hörig angesehen werden, falls der Floh solchen periodischen Verhaltens den
Im ersten Teil dieser Serie habe ich nach einer gewissen Anzahl von Sprün- Floh vorzeitig vom Tisch nehmen. Wie- r
über einen Besuch in einem Flohmarkt gen ( typischerweise 50 ) noch nicht vom
| |

r
besonderer Art berichtet ; die Flöhe taten
| Tisch gefallen war. Die Entscheidung, Obere Reihe: Mandelbrot-Mengen
dort das, was in der Theorie der Julia- wie ein Punkt einzufärben ist, kostet da- zu f ( z ) = z 7 + (3 / 5 + 4 / 5i )z 4 + c (links)
und Mandelbrot-Mengen die Iterations- her dann am meisten ( Rechen- )Zeit,
| | und zu f (z ) = z 3/(z 2 + 1) + c (rechts; kleiner
funktion f tut. Das Verhalten der Flöhe wenn der Floh tatsächlich alle 50 Sprün- Ausschnitt). Die erste Iterationsfunktion
nach zahlreichen aufeinanderfolgenden ge zu absolvieren hat. Ein Programm, ist so gewählt, daß das Bild möglichst un-
Sprüngen in einer Ebene oder – was das- welches das Apfelmännchen zeichnen symmetrisch ist. Mittlere Reihe und unten
selbe ist – das Verhalten für große n der soll, verbringt aus diesem Grund den links: Julia-Mengen zu der rationalen Ite-
Folge zn , definiert durch z n+1 = f ( zn ), be-
|| || | | größten Teil seiner Zeit in dessen dickem rationsfunktion f (z ) = (z k + c )/(z k + 1) mit
stimmt, wie der zum Anfangspunkt z 0 Bauch – eine Zeitverschwendung, die Pickover-Tisch, k = 4, c = –0,7+ 0,7i| (Mitte
( für Julia-Mengen ) beziehungsweise zum
| | den Programmierer mit gutem Grund links); k = 5, c = –0,7 (Mitte rechts); k = 3,
Parameter c ( für Mandelbrot-Mengen )
| | ungeduldig machen kann. c = –1. Der Exponent k bestimmt die (vier-,
gehörige Punkt gefärbt wird. fünf- beziehungsweise dreizählige) Dreh-
Im zweiten Teil habe ich dann be- Rationalisierung des Hüpfens symmetrie des Bildes; die beiden letzten
schrieben, wie man die anschauliche Eine Lösung des Problems kann darin Bilder sind zusätzlich spiegelsymmetrisch,
Vorstellung von den Flöhen in ein Com- bestehen, sich das Verhalten des Flohs weil c eine reelle Zahl ist. Unten rechts:
puterprogramm umsetzen und zur Ver- näher anzusehen : Wenn er offensichtlich
| Periodische Julia-Menge zur periodischen
fertigung ansprechender Bilder verwen- auf der Stelle hüpft oder eine Folge von Iterationsfunktion f (z ) = sin z + c, c = i.

42 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q DOSSIER 2/04: MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN III
OBERE REIHE: GUNNAR DIETZ, WOLFRAM SCHENK; ALLE ANDEREN: CHRISTOPH PÖPPE

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q DOSSIER 2/04: MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN III 43
FRAKTALE z
r der dient die Zahl der bis dahin vollführ-
ten Sprünge zur Färbung des Ausgangs-
regen, die Form eines Bildes gezielt zu
beeinflussen – nicht gerade in dem Aus- r
Julia-Mengen zu f(z) = z k /cos z + c;
k = 5, c = –1 (links oben), k = 4,
punkts, wodurch die Mandelbrot-Men- maß, wie der Künstler den Pinsel be- c = 0,5 (rechts oben). Mandelbrot-Menge
ge auch im Inneren eine farbenfrohe herrscht, aber doch ein Stück weit in zu f (z) = z 2 + g(c), g1(c) = tan c1, g2(c) =
Struktur erhalten kann. dieser Richtung. Einige Hinweise mö- tan c2 (links unten); die beiden (reellen)
Ein zwar nicht färbendes, aber gen hilfreich sein. Tangensfunktionen erzwingen Periodizi-
schnelles und elegantes Verfahren be- Alle klassischen ( zur Iterations- | tät in waagerechter wie in senkrechter
ruht darauf, daß zumindest die geläu- funktion f ( z ) = z2 + c gehörigen ) Julia-
| | || || || || | Richtung. Beim »Kirchenfenster« (rechts
figen Mandelbrot- und ausgefüllten Ju- Mengen sind punktsymmetrisch : Aus | unten) wurde g nicht auf c, sondern auf
lia-Mengen keine Löcher haben, son- einer Drehung um 180 Grad um den c + 1/c angewandt. Durch die Kehrwert-
dern einfach zusammenhängend sind : | Nullpunkt gehen sie unverändert wie- bildung wird das Innerste zuäußerst ge-
Wenn die Punkte irgendeiner geschlos- der hervor. Wenn c eine reelle Zahl ist, wendet und umgekehrt; dadurch häufen
senen Kurve zur Menge gehören, dann dann sind sie obendrein spiegelsymme- sich die zuvor weit außen liegenden Bild-
gilt gleiches auch für alle von der Kurve trisch zur reellen Achse. Ebenso kann elemente in der Nähe des Mittelpunkts.
umschlossenen Punkte. Ein Floh, der man das klassische Apfelmännchen an Die beiden unteren Computergraphiken
zunächst sorgfältig den Rand der Menge der reellen Achse spiegeln. Wie ist das sind von Michael Michelitsch.
abgrast, wäre sodann berechtigt, ohne zu erklären ? |

weitere Nachprüfung ihr Inneres mit ei- Zu jedem Absprungpunkt eines


nem Schlag einzufärben. Flohs ist zwar der Auftreffpunkt eindeu- und entsprechend symmetrische Bilder
Züchten wir in einem ersten Gedan- tig bestimmt, nicht jedoch umgekehrt. erzeugen, stößt man zunächst in Verall-
kenschritt eine Art Universalfloh, der Es können sehr wohl zwei ( oder mehr ) | | gemeinerung der klassischen Funktion
dem geplagten Forscher den größten Flöhe verschiedener Herkunft auf dem- auf solche, in denen die Variable z in
Teil seiner mühseligen Dokumentati- selben Punkt landen ; von da an sind | der k-ten Potenz vorkommt. Hier gera-
onsarbeit abnimmt. Dieser Floh kann ihre Hüpfwege identisch und dement- ten jeweils k Flöhe auf einen Punkt. Der
nicht nur hüpfen, sondern auch schlei- sprechend auch die Farben ihrer Aus- Floh, der im Punkt z abspringt, verei-
chen : Mit der Beharrlichkeit einer
| gangspunkte. Etwas formaler ausge- nigt sich mit allen Flöhen, die in den
Schildkröte betritt er einen Punkt des drückt : Wenn es zu jedem Absprung-
| Punkten uz abspringen. Dabei darf man
auf den Tisch gezeichneten Rechteck- punkt z einen Partnerpunkt z' gibt, so für u eine k-te Einheitswurzel einsetzen ; |

gitters ( ein Pixel ) nach dem anderen,


| | daß die zugehörigen Auftreffpunkte das heißt, die Multiplikation mit u ent-
setzt an jedes neu betretene Pixel eine identisch sind : f ( z ) = f ( z' ), dann bleibt| | | || || | | spricht einer Drehung um den k-ten
Duftmarke und beginnt seine Hüpfserie das Bild unverändert, wenn man jedes z Teil des Vollwinkels oder ein Vielfaches
unter Verwendung der Anfangswerte be- durch sein z' ersetzt. Im Jargon : Die Ab- | davon. Somit zeigen die entstehenden
ziehungsweise Parameter, die zu dem so- bildung z →z' ist eine Symmetrie des Bilder eine k-zählige Drehsymmetrie
eben bedufteten Punkt gehören. Bildes. Für die klassische Iterations- ( Bild Seite 43, mittlere Reihe sowie
|

Wenn er vom Tisch zu springen funktion kann man z' = –z setzen, denn || || links unten ). |

droht oder seine Geduld nach 50 Sprün- z2 + c = ( –z )2 + c ; und die Abbildung von
|| || || || | | || || | Es ist ganz reizvoll, die Hüpfwege
gen erschöpft ist, führt ihn seine Nase z auf –z ist gerade die Halbdrehung um der Flöhe rückwärts zu verfolgen. Man
untrüglich an seinen Ausgangspunkt zu- den Nullpunkt. setze sich in Gedanken auf einen Punkt
rück. Diesen versieht er vermittels einer Die oben angesprochene Spiegel- des Tisches. Diesen kann man von k
Farbdrüse mit einer Farbe, die der An- symmetrie um die reelle Achse ist etwas verschiedenen Punkten aus mit einem
zahl seiner Sprünge entspricht, schleicht anders zu erklären : Setzt man hier einen | Sprung erreichen, jeden dieser Punkte
einen Schritt nach rechts zum nächsten Floh auf irgendeinen Punkt der Ebene seinerseits von k Punkten aus und so
Pixel weiter und vollführt dort dasselbe und einen zweiten auf dessen Spiegel- weiter. Aus Gründen, die hier nicht ein
Spiel. Wenn er am rechten Ende des Ti- bild, so werden ihre Hüpfbahnen auf weiteres Mal erläutert werden sollen,
sches angekommen ist, springt er wie ewig symmetrisch verlaufen. Es kommt kann man schöne Bilder und möglicher-
die Mechanik einer Schreibmaschine ein nicht darauf an, ob man zuerst hüpft weise auch Julia-Mengen erreichen,
Feld nach unten und bis zum linken und dann spiegelt oder umgekehrt ; | wenn man dieses Verfahren weit genug
Rand. Auf diese Weise kann ein fleißiges oder, allgemeiner ausgedrückt, wenn es treibt ( siehe Seite 27 ).
| |

Tierchen im Alleingang die Arbeit erle- eine Abbildung h ( beispielsweise die |

digen, für die zuvor ein geduldiger For- Spiegelung an der reellen Achse ) gibt, so | Periodische Symmetrien
scher viel Zeit und ein Backblech voller daß h( f ( z ) ) = f ( h( z ) ) gilt, dann ist h
| | | | || || | | | | Die Funktionen Sinus und Cosinus sind
Flöhe benötigte. eine Symmetrie des Bildes. periodisch : Sie nehmen für alle Zahlen,
|

Gunnar Dietz und Wolfram Schenk die sich nur um ein ganzzahliges Vielfa-
Symmetrien aus Hamburg haben im Rahmen einer ches von 2π unterscheiden, denselben
Das Herumspielen mit den verschie- ,, Jugend forscht “-Arbeit solche Symme-
| | Wert an. Dasselbe gilt für die mit diesen
densten Iterationsfunktionen und den trieuntersuchungen in größerer Allge- eng verwandte komplexe Exponential-
zugehörigen Parametern macht zwar viel meinheit durchgeführt ( Bild Seite 43 | funktion mit 2πi statt 2π. Damit wer-
Spaß, und jedes neu entstehende Bild oben ). | den durch eine einzige Anwendung ei-
kann eine neue Überraschung bringen ; | Auf der Suche nach Funktionen, die ner solchen Funktion theoretisch un-
nur wird sich irgendwann der Wunsch mehrere Flöhe auf einen Punkt schicken endlich viele Flöhe gleichgeschaltet, die

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OBERE REIHE: CHRISTOPH PÖPPE, UNTERE REIHE: MICHAEL MICHELITSCH

im Abstand von 2π auf einer hori- der auf dieser Seite oben ). Das ist da-
| gleich gefärbt ; eine Symmetrie von g
|

zontalen Geraden sitzen – in der Praxis durch zu erklären, daß in der Nähe des wird zu einer Symmetrie des Gesamt-
immerhin so viele, wie nebeneinander Nullpunkts cos z annähernd dieselben bildes.
auf den Tisch passen. Entsprechend wie- Werte annimmt wie 1 – z 2 und sin z
|| || Es kann auch sehr reizvoll sein, das
derholt sich das Muster einer Julia-Men- durch z approximiert wird ; es handelt | ganze Bild einer ( nicht notwendigerwei-
|

ge tapetenartig : Translation um 2π ist


| sich um die ersten Glieder der Taylor- se symmetrieerzeugenden ) Transfor-
|

eine Symmetrie des Bildes ( Bild Seite


| Entwicklung. mation zu unterwerfen, als würde man
43 rechts unten ). | Bei den Mandelbrot-Mengen kann den Teig für das Mandelbrot noch ein-
Wenn man die beiden Arten der man durch einen einfachen Trick Sym- mal auf ganz spezielle Weise kneten,
Symmetrieerzeugung – durch Potenzen metrie erzwingen : Anstelle des Para-
| nachdem die Flöhe bereits ausgebrütet
und durch Winkelfunktionen – kombi- meters c selbst setzt man in die Iterati- und damit auf ihren c-Wert konditio-
niert, ist das Endergebnis im allge- onsfunktion ein g( c ) ein. Wenn die
| | niert sind ( Bilder auf dieser Seite un-
|

meinen weder translations- noch rotati- Funktion g dann mehrere c-Werte auf ten ). Insbesondere kann man so gleich-
|

onssymmetrisch. Es bleibt jedoch eine ein und dieselbe Zahl abbildet, werden sam die Unendlichkeit in die Nähe eines
angenäherte Rotationssymmetrie ( Bil- | die entsprechenden Punkte der Ebene Punktes zwingen. l

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