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lola ist die schiere Versuchung. heisses Fahrgestell, PFeFFer im hintern, ein wildes Biest, erFahren dazu. mein Vater ist ihr erlegen. er triFFt sich mit ihr meistens in meinem alten Jugendzimmer.

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text Christoph Stockburger fotos Anna-Lisa Lange

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»anGst darf Man nicht haBen«, saGt er. »wer anGst hat, Verliert drei sekunden.«

Lola ist ein Rennwagen. Eine Bolidin.

Wenn Männer einer Leidenschaft verfallen, hat das seinen Preis. Lola ist teuer. Lola ist der erfüllte Traum meines Vaters. »Sie ist seine Affäre«, sagt meine Mutter, »aber ich dulde sie«.

Baujahr 1978, 152 PS, vier Zylinder. Das sind ihre Maße. Ein Baby der Lola Cars Ltd. aus Großbritannien. Der Firmengründer taufte sein Unternehmen der Legende nach auf einen Schlagersong: »Whatever Lola wants, Lola gets« – was Lola will, das kriegt sie auch. Die Lola meines Vaters ist gelb, aber sie sieht nicht aus wie ein Postauto. Eher wie etwas Giftiges. Vier Räder, die Verkleidung, ein Überrollbügel, ein Spiegel – mehr ist nicht an ihr dran. Ist ihr Motor aus, steht sie nicht einfach nur so rum. Sie lauert. Wartet ungeduldig, bis ihr jemand das Gaspedal streichelt und sie kriegt, was sie will.

Lola parkt auf Teppich. Dort, wo sie lauert, habe ich einst geschlafen. Ja, mein Jugendzimmer ist jetzt eine Garage. Besser gesagt: wieder. Aus meiner Perspektive als Kind liegt der eigent- liche Skandal darin, dass meine Eltern mich in einen Raum gesteckt haben, wo man auf die Heizung klettern musste, um aus dem Fenster zu schauen. Aber ich will mich nicht beschweren.

Wo früher ein Poster der Beastie Boys hing, hängt heute eine Schwarzweiß-Aufnahme von einem Rennfahrer mit markantem Unterkiefer. Seiner Frisur nach zu beurteilen stammt das Foto aus den Siebzigern. »Das ist Jochen Rindt, mein Idol«, sagt mein Vater. Der Österreicher Jochen Rindt war Rivale und Kumpel von Jackie Stewart. 1970 wurde er Formel-1-Weltmeister. Den Pokal hat Jochen Rindt aber nie in den Händen gehalten: Im drittletzten Rennen der Saison verunglückte er tödlich. Beim

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h e r z aus gold

Abschlusstraining des Grand Prix von Monza war er in die Leitplanke gerast. Seinen Punktevorsprung in der Gesamtwertung konnten die Lebenden aber nicht mehr ein- holen. Ein Triumph im Sarg. Ich frage meinen Vater, warum gerade Jochen Rindt sein Idol sei. »War ein guter Fahrer«, sagt er.

Neben dem Jochen-Rindt-Foto steht ein Regal. Als die Garage noch mein Zimmer war, stellte ich dort meine Tennis-Pokale aus. Es ist ein schmales Regal. Jetzt stehen die Pokale meines Vaters dort. Er hat sie bei Rennen der Historic Racecar Association gesammelt. »Historische Rennwagen gehören auf die Piste, nicht ins Museum«, sagt er. Deshalb unternimmt er mit Lola Ausfahrten. Nach Zandvoort, Spa oder auf den Hockenheimring. Gibt mei- ner Mutter einen Kuss und macht sich auf die Reise. Setzt einen Helm auf, zwängt sich in einen feuerfesten Overall und dreht seine Runden. Dabei kann es vorkommen, dass er schneller ist als die anderen. Im Regal stehen jetzt fast genauso viele Rennpreise wie einst Tennistrophäen. Ich erinnere mich, in meinen Pokalen manchmal Haschkrümel versteckt zu haben. Vorsichtig hebe ich den Deckel einer Renntrophäe meines Vaters. Leer.

Mein Vater und ich sind verschieden. Er hat eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker, ich Abitur. Er sagt, dass er der Bundeswehr viel verdanke. Ich war Zivi. Er kann Lola auseinanderlegen und wieder zusammenschrauben. Kennen Sie das Minispielzeug aus Überraschungseiern? Zum Zusammenstecken? Das stellt mich heute noch vor Herausforderungen.

Um Lola herum hat mein Vater einen Ein-Mann-Rennstall mit Transportunternehmen aufgebaut. Dazu gehören:

Ein Anhänger, in den sich zwei Rennwagen übereinander stapeln lassen. Ein alter Linienbus, der nun eine fahrbare Einzimmerwohnung ist. Und ein ehemaliger Praxisbus, in dem hinten eine Lola und vorne zwei Motorsportverrückte Platz haben. Mit dem Anhänger und dem Linienbus tourt er zusammen mit einem Freund zu den Rennstrecken. Bleifuß- Camping. Die beiden haben sich Lola vor zwei Jahren gemeinsam angeschafft. Die Ménage-à-trois hielt nicht lange: Saß mein Vater mal in Lola drin, wollte er offenbar nicht mehr raus. Sein Freund hat sich einen eigenen Renner gekauft.

Christi Himmelfahrt. Vatertag. Feiertag: Gegen Abend trete ich in die Jugendzimmergarage. In einer Ecke sitzt mein Vater auf einem Werkzeugkasten. Benzin im Blut und ein Bier in der Hand. Blick auf Lola. Die Giftgelbe ist wie immer mit einem roten Tuch umhüllt. Die Lolastola ist etwas gerafft, Front und Heck liegen entblößt wie die Schultern einer Dame unter einem verrutschten Top.

Meine Mutter und Mein Vater sind ehe- und

Geschäftspartner.

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»Papa?« »Ich suche eine Idee. Für den Anhänger.« Schluck aus der Bierflasche. »Für Ideen brauchst Du Ruhe.« Das sagt er als Statement, nicht als Zaunpfahlwink. Schweigend betrachten wir die Lola-Kurven.

Mein Vater ist Lolapilot. Und Busfahrer. Er sitzt jeden Morgen bei Sonnenaufgang am Steuer eines Omnibusses und sam- melt zwei Stunden lang Menschen ein. Danach hockt er sich an seinen Schreibtisch und macht Chefsachen. Früher war er Fahrlehrer. Es gab da diese Schülerin, auf die er ein Auge geworfen hatte. Sie machte zuerst den Führerschein bei ihm und brachte kurz darauf mich zur Welt. Meine Mutter und mein Vater sind Ehe- und Geschäftspartner. Beides scheint ganz gut zu klappen. Sie sitzen sich im Büro gegenüber und keilen meinen Bruder ein. Ein Familienbetriebssandwich. Ich komme ab und zu vorbei und gebe meinen Senf dazu. »Willst Du Papa nicht mal zu einem Rennen begleiten?«, frage ich meine Mutter. »Muss nicht sein«, sagt sie. Ein bisschen stolz ist sie aber schon auf ihren Mann. Es gibt Boxenluder und es gibt Ehefrauen.

»Als junger Mann wollte ich Stadionsprecher an der Renn- strecke werden«, sagt mein Vater. Gut, dass Du es Dir noch mal überlegt hast, denke ich. Wir sitzen vor dem Fernseher, es läuft Formel 1. Der Große Preis von Monaco. Ganz Monte Carlo trägt Sonnenbrillen. Mein Vater hat Kopfhörer an. Das liegt vor allem daran, dass er nicht mehr so gut hört. Ich habe aber den Verdacht, er möchte während der Rennen so aussehen wie der Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Der hat auch immer ein Headset an. In der Statur ähneln sich die beiden jedenfalls. Bei der Monaco-Übertragung drücken wir Sebastian Vettel die Daumen. Als Vettel nach einem irrwitzigen Rennen als erster die Zielflagge passiert, ist mein Vater auf der Straße. Einer seiner Angestellten war ausgefallen und er musste eine Busfahrt übernehmen.

Alles hat seinen Preis und Lola ist nicht billig. »Bei unseren Rennen geht keiner ans Limit«, klärt mich mein Vater über die Psyche eines Historic-Racecar-Piloten auf. Einen Traum zerlegen: Das will niemand. An seinem Rechner zeigt er mir ein Video. Am Überrollbügel von Lola ist eine kleine Kamera installiert, damit hat er seine Fahrt über den Circuit de Spa- Francorchamps gefilmt. Man sieht, wie er in einer Kurve der sogenannten Ardennen-Achterbahn die Kontrolle über Lola verliert und in den Kies spritzt. »Da hat’s mich wohl gedreht«, sagt er.

Als der Österreicher Jochen Rindt in Monza sein Leben ließ, widmete ihm der Österreicher Udo Jürgens ein Lied. Klavier, Fanfaren, der ganze große Jürgenspathos. In »Der Champion« singt er:

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In »Der Champion« singt er: 1 6 0 h e r z a u s gold
ich erinnere Mich, in Meinen pokalen ManchMal haschkrüMel Versteckt zu haBen. VorsichtiG heBe ich den

ich erinnere Mich, in Meinen pokalen ManchMal haschkrüMel Versteckt zu haBen.

VorsichtiG heBe ich den deckel

einer renntrophäe Meines Vaters.

leer.

Es ist ein Rausch, eine Faszination. Nach einer Runde erfasst sie dich schon. Es ist die Angst und zugleich auch ihr Lohn und dennoch viel mehr. Es ist ein Rausch, den man selbst nicht versteht, wie ein Inferno, das rasend sich dreht.

Ob er manchmal Angst habe, wenn er mit der feschen Lola unterwegs sei, frage ich meinen Vater. »Angst darf man nicht haben«, sagt er. »Wer Angst hat, verliert drei Sekunden.«

Montag, nach Hause telefonieren. Das Wochenende verbrach- te mein Vater mit Lola in Hockenheim. »Wie lief’s?« »Den Umständen entsprechend.« Ein Unfall! Lola ist nur noch ein giftgelbes Wrack und Vater ein Beinahe-Rindt, denke ich im ersten Moment. »Wir wurden beklaut.« Heiliger Kotflügel. Lola in den Händen von Kidnappern! »Mein Geldbeutel, die Kreditkarte, Ausweise. Alles weg.« Es stellt sich heraus, dass eine Plünderbande im Fahrerlager war. Auch den Teambus meines Vaters haben sie geknackt. Ärgerlich, klar. Aber kein Leitplankencrash. Lola lauert unversehrt in der Jugendgarage. Irgendwie mag ich sie. Wer hat schon einen erfüllten Traum als Nachmieter?

lauert unversehrt in der Jugendgarage. Irgendwie mag ich sie. Wer hat schon einen erfüllten Traum als
lauert unversehrt in der Jugendgarage. Irgendwie mag ich sie. Wer hat schon einen erfüllten Traum als
lauert unversehrt in der Jugendgarage. Irgendwie mag ich sie. Wer hat schon einen erfüllten Traum als

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