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ESSAY: AUFBRUCH IN EINE NEUE ARBEITSKULTUR

WIR WISSENSARBEITER
Jetzt heißt es, aus den Fehlern zu lernen. Das Ziel bleibt dasselbe: Wissen im System halten, global erfolgreich im Wettbewerb stehen, Mitarbeiter zu eigenständiger Partizipation bewegen. Wissensmanagement meint keine isolierte Datenbank, sondern ein lebendiges alles überlagerndes Kommunikationssystem, das wie eine Microbloggingseite bei Facebook denjenigen abbildet, der Wissen beisteuert und als Experten erkennbar macht; weil die Inhalte sich nicht einer starren Struktur unterordnen müssen, sondern direkt mit den Diskussionsteilnehmern verbunden sind und per Suchbegriff immer wieder gefunden werden. Weil durch die transparente Diskussion eine viel dynamischere Wissensansammlung erfolgt und die Effizienz sich durch die direkte inhaltliche Vernetzung – ohne Berücksichtigung von Hierarchiestufen ergibt. Das ermöglicht jedem (freigeschalteten) Mitarbeiter, sich aktiv zu beteiligen und sich als Experte für bestimmte Sachgebiete zu profilieren. Somit können Talente entdeckt und auch außerhalb der regulären Tätigkeit gefördert werden.

Keine Ideenwirtschaft ohne Wissensarbeiter. Keine Wissensarbeit ohne vernetzte Systeme. Keine Vernetzung ohne soziale Motivation. Das sind die Kernthesen von Birgit Gebhardt, Geschäfsführerin des Hamburger Trendbüros, über die künftige Arbeitswelt für Dienstleister. //
Text // Birgit Gebhardt Foto // Stefanie Brinkkötter

Längst wissen wir um die Veränderung. Von der Industrie- in die Netzwerkökonomie, von einem Leben in der globalen Wissensgesellschaft an der sprudelnden Open Source. So dynamisch vernetzt wird sich Arbeit in Zukunft anfühlen. Unter ständigem Innovationsdruck. Und auf was warten wir dann noch? Wir kennen den Kurs in die global vernetzte Arbeitskultur und haben die wesentlichen Fehler bereits gemacht: - technologisch wertvolles Wissen unwiederbringlich in Datenbanken versenkt, - ökonomisch alle Strategie auf die nächsten Quartalszahlen ausgerichtet, - sozial die Mitarbeiter in disruptiven („mal hü, mal hott“) Change-Management-Prozessen abgestumpft und - kulturell entwurzelt, indem wir ihnen den festen Arbeitsplatz nahmen.

INHALTLICHE VERKNÜPFUNG DANK DIGITALER VERNETZUNG
Bisher kamen die Innovationen des Büroalltags immer von IT-Spezialisten und -Firmen aus dem Büroumfeld: Fax, Computer, E-Mail. Mit den sozialen Medien driften erstmals Kommunikationstechniken und -modi aus dem privaten Umfeld in den Businessalltag. Und weil Arbeiten überwiegend Kommunikation bedeuten wird, lässt sich das Prinzip der sozialen Vernetzung perfekt auf Themen oder Ideenplattformen im Businesskontext übertragen.

formationstransparenz, Mitarbeitermotivation.

Arbeitseffizienz

und

ES WIRD IHN WEITERHIN GEBEN: DEN GUTEN, ALTEN PHYSISCHEN ARBEITSPLATZ
Dennoch soll nicht der Eindruck entstehen, dass sich der physische Arbeitsplatz in eine SocialMedia-Plattform auflösen wird. Es wird wie im Privatleben wichtig bleiben, auch physisch einen Ort zu haben, an dem man willkommen ist, den man mit ausgestalten kann und zu dessen Umfeld man sich zugehörig fühlt. Ob sich der Arbeitsplatz im Unternehmen oder in einem Co-WorkingSpace befindet, wird eine Frage der Selbstorganisation, die immer stärker in Richtung Mitarbeiter abgegeben wird. Das Unternehmen stellt Raum, Kapazitäten und Ressourcen, die Arbeitsprozesse und Inhalte organisieren die Projektteams dann selbst. Weniger Kontrolle von oben bedeutet aber mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung. Das Team entscheidet anhand der Deadline und Budgetplanung dann selbst über Ressourcen, Fachkräfte, Honorare und Urlaubstage – ständig im Qualitäts- und Effizienz-Wettbewerb mit anderen Teams. Externe Fachkräfte werden auch für konkurrierende Unternehmen tätig sein und Unternehmen sich stärker um eine Bindung zu ihren Mitarbeitern bemühen. Hier werden Werte sowie die Haltung des Managements wichtig, um sich als Arbeitnehmer mit der Unternehmung zu identi-

fizieren. Viele Unternehmen führen unter ihren Werten Begriffe wie „Verantwortung“, „Nachhaltigkeit“, „Fortschritt“ oder „Innovation“, die teils Voraussetzung sein sollten, teils Wunschdenken beschwören. Identifikation stiften sie allesamt erst, wenn sie sich im Tagesgeschäft auch abbilden oder für alle Stakeholder erfahrbar werden. Um solche Erfolge auch erzielen zu können, müssen die großen Worte auf eine Nähe mit dem Arbeitsalltag heruntergebrochen oder durch kleinere, aber machbare Missionen ersetzt werden. Ob Unternehmen sich mit Werten nur schmücken oder sie auch wirklich praktizieren, werden Stakeholder über Netzwerke und Medien zusehnends leichter und breiter entlarven. Ein Grund mehr, warum Unternehmen künftig mehr an sich arbeiten müssen. So wie es Don Tapscott einmal treffend formulierte: „Das Unternehmen ist nackt – und wer nackt ist, sollte besser gut in Form sein.“ //

Die Vernetzung und Zugriffszuweisung erweist sich auch als vorteilhaft bei der Einbindung Externer: Zulieferer und Partner, freie Mitarbeiter, Zeitarbeiter, Saisonarbeiter oder sogar ehemalige Mitarbeiter könnten sich zu thematischen Schwerpunkten als Experten in das Unternehmen und dessen Projekte aktiv einklinken oder ihm im losen Dialog verbunden bleiben. Dies bindet externes Fachwissen an das Unternehmen und sichert die Flexibilität hinsichtlich möglicher Mitarbeiter-Ressourcen. Somit entsteht aus einer sozial angelegten Kommunikation die Komplettlösung für Wissensmanagement, In-

Birgit Gebhardt ist Autorin des Buchs „2037. Unser Alltag in der Zukunft“, edition Körber-Stiftung, 410 Seiten, 16,- Euro.