Sie sind auf Seite 1von 6

Maria Janna, Welt der Verwunderung: »War Jesus Caesar?

« in »Welt der
Wunder« (Episode 189) — Eine Kritik, Online-Veröffentlichung, Scribd,
2008

Kritik der Episode 189 (»Die Entschwörung der Verschwörung!«) der


Fernsehserie Welt der Wunder von Hendrik Hey (RTL II), zur
Verteidigung von Francesco Carotta, War Jesus Caesar? – Eine Suche
nach dem römischen Ursprung des Christentums (Kirchzarten, 1988-1999
/ München, 1999 / Soesterberg, 2005 / Kiel 2008)

Als Francesco Carottas bahnbrechendes Buch War Jesus Caesar? in


deutscher (1999), holländischer (2003) und englischer Sprache (2005)
veröffentlicht wurde, folgten erwartungsgemäß die Kritiken. Auffällig
war, dass sich Wissenschaftler, Journalisten und Geistliche mehrheitlich
positiv zu Carottas Buch äußerten und sich in Folge teils selbst in
unterschiedlichem Umfang an der Folgeforschung beteiligten, teils den
Autor sowohl zu akademischen als auch breitenbildenden Vorträgen,
Symposien und Seminaren einluden, und seine Forschung auch für
andere Medien bearbeiteten, zum Beispiel als Dokumentarfilm The
Gospel of Caesar. Andere zogen es vor zu schweigen, und angekündigte
Rezensionen blieben aus — ob vor oder nach der Lektüre seines Buches,
ist nicht festzustellen. Wenn jedoch aus diesen Kreisen negative Kritik zu
vernehmen war, ließ sie sich immer einer von fünf Kategorien zuordnen:
Erstens die pauschale Ablehnung, ohne Carottas Buch je gelesen zu
haben, zweitens die Ablehnung aufgrund von Fachfremde, drittens die
Ablehnung zur Verschleierung der eigenen (partiellen)
Pseudowissenschaftlichkeit, viertens die Ablehnung aus
wissenschaftlicher Ignoranz oder inkompatibler Indoktrinierung, und
fünftens die Ablehnung in Kombination der Kategorien 1, 2, 3 und 4.
Ein größerer (aber immer noch geringer) Teil der Kritiken kam jedoch
aus dem nicht-akademischen Bereich, einer illustren Schar aus
fundamentalistischen Gläubigen und radikalen Atheisten, die (je nach
Blickwinkel) die vermeintliche Widerlegung oder den Beweis der
historischen Existenz Christi als Julius Caesar beklagten, aus ›normalen‹
Lesern und feuilletonistischen Schreiberlingen, die aufgrund von
Voreingenommenheit, mangelnder Bildung oder lediglich Ignoranz
wahlweise einen Affront, eine pseudowissenschaftliche Theorie oder gar
eine Wissenschaftsparodie erkennen wollten, oder aus Grenz- und
Möchtegern-Wissenschaftlern, die plötzlich ihre nicht vorhandenen Felle
wegschwimmen sahen.
Was alle Kritiker gemeinsam haben, ist dass es bislang niemandem
gelungen ist, die Ergebnisse von Carottas Forschung zu falsifizieren,
obwohl sie zweifelsohne und prinzipiell falsifizierbar sind, und auch a
priori so angelegt waren. Also bleibt den bisherigen Kritikern von
Francesco Carotta nur übrig, weitere Strohfeuer auf Nebenschauplätzen
zu entfachen, wie gerade erst im Rahmen der Sendereihe Welt der
Wunder des privaten Fernsehsenders RTL II in der Episode 189 vom 21.
September 2008 (19 Uhr) geschehen.
Welt der Wunder verkauft sich dem Publikum lt. eigenem Netzauftritt
als »Wissensmagazin«, und Hendrik Heys Produktionsfirma, die Welt
der Wunder GmbH, ist lt. Angaben von RTL II »in Deutschland
Marktführer im Bereich Wissenschaftsfernsehen und Dokumentation.«
Man könnte natürlich einwenden, dass »Wunder« eigentlich gar nichts
mit Wissenschaft zu tun haben, aber unabhängig davon, ob solche
Spitzfindigkeiten hier angebracht sind, kann sich diese Sendung
Wissenschaftlichkeit und redaktionelle Genauigkeit im allgemeinen
nicht auf die Fahnen schreiben, wie man anhand nur weniger Auszüge
der Episode 189 beweisen kann.
Die Kritik muss bereits zuvor ansetzen, nämlich in der regelmäßig auf
RTL II ausgestrahlten Vorschau zur Sendung. Dort wird Carottas
Forschung in Bild und Kommentar für nur fünf Sekunden erwähnt, aber
es finden sich hier bereits drei Ungenauigkeiten. Als Einführung wird
eine in Fraktur gedruckte deutsche Bibelübersetzung in Nahaufnahme
gezeigt, wohingegen sich jedoch Carottas Analyse der Evangelien,
insbesondere des Markusevangeliums, nicht auf eine Übersetzung (wie
zum Beispiel die deutsche), sondern auf die ältesten erhaltenen
griechischen Codices und ihre wissenschaftlichen Ausgaben bezieht.
Kurz nach der Einführung ertönt die Stimme des Sprechers und
verkündet: »Jesus ist in Wahrheit Julius Caesar«. Auch dies ist unwahr,
denn Jesus Christus ist — wie vielleicht die meisten wissen — der Gott
des Christentums. Also muss hier berücksichtigt werden, dass der
zulässige Vergleich im Präsens nicht zwischen Christus und Caesar
gezogen werden darf, sondern zwischen Christus und Divus Iulius, dem
ewigen Gott, zu dem Caesar nach seinem Tod erhoben wurde. In
richtiger Form hätte es also lauten müssen: Jesus ist in Wahrheit Divus
Iulius. Bezogen auf die historische Person hingegen hätte es im
Präteritum heißen müssen: Der historische Jesus war in Wirklichkeit
Julius Caesar. Diesem grundlegenden Missverständnis erliegen viele
Rezipienten, insbesondere jene, die das Buch nicht lesen oder nur
flüchtig auf den Buchdeckel schauen und den Klappentext kurz
überfliegen. Die Buchtitel War Jesus Caesar? und Jesus was Caesar etc.
sind jedoch nicht vom Autor Francesco Carotta, sondern von den
Verlagshäusern entworfen worden, und Carotta hat sich bereits
mehrfach davon distanziert — nicht zuletzt im Buch selbst —, gerade weil
sie wissenschaftlich nicht korrekt sind.
Zu guter Letzt werden ein Schattenspiel der Ermordung Caesars an den
Iden des März 44 v. Chr. und das Anbringen der Nägel während Christi
Kreuzigung vor der erectio crucis gegeneinander montiert. Auch dies ist
eine Entstellung von Carottas Forschungsergebnissen. Zwar wurden
einige Requisiten der Ermordung Caesars, zum Beispiel die Dolche der
Verschwörer bzw. der Vorgang des Erdolchens, von den Evangelisten im
Bibeltext der Kreuzigung Christi zugeordnet (cp. Off 1:7), aber die
textkritisch erarbeitete, grundlegende Parallele nach Carotta ist die
zwischen dem tödlichen Anschlag auf Julius Caesar und dem
gewalttätigen, beinahe tödlichen Überfall auf Christus und seiner
Gefangennahme im hypothetischen ›Garten Gethsemane‹.
Für diese Kurzanalyse ist es weiterhin vollkommen irrelevant, ob
Carottas Schlussfolgerungen korrekt sind oder nicht, denn die drei
angeführten Argumente beweisen grundsätzlich, dass die Ersteller der
Vorschau — darunter auch Moderator Hendrik Hey in seiner Funktion
als Inhaber der produzierenden Welt der Wunder GmbH — das Buch von
Francesco Carotta nicht gelesen haben können. Wenn doch, dann haben
sie es entweder nur überflogen oder erst gar nicht verstanden. Als ein
»Wissensmagazin« wissen sie also gar nichts über Carottas Forschung,
und Wissenschaftlichkeit und Genauigkeit sehen normalerweise anders
aus als hier von der Welt-der-Wunder-Redaktion geheuchelt.
Dasselbe lässt sich annehmen, wenn man die eigentliche Sendung
untersucht. Während seiner einführenden Worte hält Moderator Hey
den Buchdeckel der deutschen Erstausgabe von War Jesus Caesar? in die
Kamera und begleitet es mit den Worten: »Es gibt sogar einen
Wissenschaftler, der behauptet, Jesus und Caesar seien dieselbe Person
gewesen«. Abschließend: »Das ist natürlich völlig abwegig«. Trotz der
großen Ankündigung dieses auf den ersten Blick sehr reißerisch
erscheinenden Themas in der Vorschau bleibt diese kurze und recht
abfällige Bemerkung die einzige Erwähnung von Carottas Forschung in
dieser Episode.
Man fragt sich warum, und es existieren nur zwei Möglichkeiten:
Hendrik Hey und seine Redakteure haben das Buch entweder gelesen,
oder sie haben es nicht. Haben sie es gelesen, dann mutet ihre Reaktion
äußerst seltsam an, denn es ist unverständlich, warum ein so
umfangreiches und überzeugend recherchiertes Buch wie War Jesus
Caesar? in solch abwertender und kurz angerissener Art und Weise
behandelt werden kann. Selbst wenn alle von Francesco Carotta
vorgetragenen wissenschaftlichen Argumente falsch sein sollten, ist es
unredlich, ihre Falsifizierung gar nicht durchzuführen, und seine
Forschung stattdessen en passant abzukanzeln. Im zweiten (und
wahrscheinlicheren) Szenario haben die Fernsehmacher — wie schon bei
der Herstellung des Vorschaufilms — das Buch nicht gelesen bzw. den
Inhalt des Buches ignoriert, also Carottas Forschung rein irrational als
»abwegig« kritisiert. Die Präsentation und Behandlung des Buches in der
Sendung kann demnach in beiden Szenarios nur als unwissenschaftlich
bezeichnet werden.
(Dass sowohl der Fernsehsender als auch Carottas ursprünglicher
Verleger der Bertelsmann-Gruppe angehören, entbehrt nicht einer
gewissen Ironie.)
Ob Hendrik Hey selbst ein Wissenschaftler bzw. ein Akademiker ist oder
seine zahlreichen Studiengänge allesamt zugunsten einer
Fernsehkarriere abgebrochen hat, ist hier nicht relevant, denn eine
Ablehnung von War Jesus Caesar? aus dem Bauch heraus und/oder ohne
das Buch gelesen zu haben, ist sowohl aus nicht-akademischen als auch
aus akademischen Kreisen wohlbekannt. Unwissenschaftlich, ungenau
und unredlich gehen jedoch beide Gruppen häufig vor, was insbesondere
zu einer wissenschaftlichen Fernsehsendung nicht so recht passen will.
Unabhängig davon bewegt sich Heys Verhalten jedoch weit jenseits
journalistischer Integrität.
Nachdem somit der Redaktion von Welt der Wunder im Falle der
Episode 189 und ihrer Vorschau fehlende Wissenschaftlichkeit und
Genauigkeit sowie mangelnde journalistische Integrität leicht
nachgewiesen werden konnten, steht noch der Vorwurf im Raum, dass
Francesco Carottas Forschung mit Verschwörungen oder
Verschwörungstheorien zu tun hat, denn immerhin trägt die Episode
den Titel »Die Entschwörung der Verschwörung!« und handelt von
Themen wie dem ›Lincoln-Kennedy-Mysterium‹ und anderem ähnlich
gelagerten Unsinn.
Der offizielle Text zur Episode 189 auf der Internetseite von Welt der
Wunder/RTL II beginnt mit den Worten:
»Die Welt, die uns umgibt, ist voll von wilden Verschwörungen.
Manche sprechen von einem Netz aus Verschwörungen, in dem
wir leben und denen wir ahnungslos Glauben schenken.«
Die Verwendung des Begriffs »Verschwörung« scheint ein redaktioneller
Fehler zu sein, es sei denn die Fernsehmacher wollen Francesco Carotta
und den anderen in ihrer Sendung behandelten Urhebern diverser
Theorien unterstellen, dass sie selbst die Verschwörer sind, und nicht
Verschwörungstheoretiker, was ein großer Unterschied ist. Aber auch im
letzteren Fall müsste konstatiert werden, dass weder Carotta noch
irgendeiner der Wissenschaftler aus seinem Forschungsumfeld
behauptet, dass es einst eine historische »Verschwörung« gab, die Vita
Caesars in die biblische Geschichte Jesu Christi umzuschreiben. Also
geht auch der implizierte Vorwurf, Carottas Forschung sei nichts weiter
als eine der vielen hanebüchenen Verschwörungstheorien, ins Leere, und
dies lässt sich bereits mit den hauseigenen Argumenten der Welt der
Wunder-Redaktion leicht beweisen. Nachfolgend im offiziellen Text zur
Sendung heißt es nämlich generalisierend zu Verschwörungstheorien:
»Solche und andere Theorien ziehen sich durch alle Bereiche
unseres Lebens — egal, ob Politik, Geschichte und Gesellschaft:
Wenn ein unerwartetes, plötzliches Ereignis eintritt, das von der
Öffentlichkeit nicht nachvollzogen und erklärt werden kann,
kursieren wenig später die ersten Gerüchte, aus denen dann
schnell wüste Verschwörungstheorien entstehen.«
Es ist ein Zeichen von historischer und religiöser Unkenntnis, zu
behaupten, dass Julius Caesar bzw. Jesus Christus »unerwartete« und
»plötzliche« Ereignisse waren, die »von der Öffentlichkeit nicht
nachvollzogen und erklärt werden« konnten. Sowohl die Historiker als
auch die Evangelisten konnten sehr wohl nachvollziehen, welch große,
allumfassende und revolutionäre Entwicklung in ihrer Ära geschehen
war. Ihre Werke sprechen eine deutliche und eindeutige Sprache.
»Unerwartet« und »plötzlich« eingetreten waren darüberhinaus nicht
Caesar bzw. Christus, sondern die moderne wissenschaftliche Erkenntnis
Carottas, dass beide weitaus mehr gemeinsam haben als nur ihre
Initialen. Diese Erkenntnis scheint das Ereignis zu sein, dem die
Verantwortlichen von Welt der Wunder nicht gerecht geworden sind, da
sie nicht begreifen konnten, dass es sich weder um eine Verschwörung
noch eine Verschwörungstheorie handelt bzw. handelte, sondern um ein
Ereignis ganz anderer Natur. Und so verwundert es nicht, dass sie
Carottas Forschung in das verschörungstheoretische Schema ihrer
Sendung gezwängt haben. Aber dieser Schuss ist nach hinten
losgegangen.
Neben der bereits festgestellten Unwissenschaftlichkeit, Ignoranz,
Ungenauigkeit und mangelhaften journalistischen Integrität zeigt sich
hier eine selbstreferentielle Form der Projektion sowie ein hohes Maß an
intellektuellem Unvermögen seitens der Welt der Wunder-Redaktion.
Und es ist wahrlich eine Welt der »Wunder«, in der nur Verwunderung
bleibt.